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Title: Psychologische Typen

Author: C. G. Jung

Release date: March 1, 2020 [eBook #61543]
Most recently updated: October 17, 2024

Language: German

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PSYCHOLOGISCHE TYPEN ***

Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich
originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht
beeinträchtigt wird.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.
Auf S. 297 wurde im Original eine Listennummer doppelt vergeben. In der vorliegenden Ausgabe
wurde im Unterpunkt 7. ‚Damit stimmt folgende Stelle trefflich überein: ...‘ die Nummerierung

Page 4

entfernt, wodurch die korrekte Abfolge der Listenpunkte wiederhergestellt wurde.
In Kapitel XI, Punkt 20, soll der Begriff ‚Empfinden‘ erklärt werden, welcher in diesem Abschnitt
mit ‚E.‘ abgekürzt werden soll. Im Zusammenhang wird aber klar, dass hier genau genommen das
Wort ‚Empfindung‘ stehen muss. Infolgedessen wurde dies sowohl in der Überschrift des
Unterpunktes als auch im Inhaltsverzeichnis abgeändert. Der Autor verwendet beide Begriffe als
Synonyme.
Gesperrt gedruckter Text in der Buchausgabe wird hier kursiv dargestellt.

Page 5

Page 6

Psychologische Typen
Von

C. G. Jung
Dr. med. et jur., vorm. Dozent der
Psychiatrie an der Universität Zürich

Rascher & Cie., Verlag, Zürich, 1921

Erstes und zweites Tausend.

Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1921 by Rascher & Cie., Verlag, Zürich.

Page 7

Buchdruckerei Hans Schatzmann, Horgen-Zürich.

Page 8

Inhalt.
Einleitung: Seite

Die zwei Mechanismen der Extra- und
der Introversion. Die vier
psychologischen Grundfunktionen:
Denken, Fühlen, Empfinden und
Intuieren 7

I. Das Typenproblem in der antiken
und mittelalterlichen 17
Geistesgeschichte:
1. Zur Psychologie in der Antike.
Tertullian und Origenes 17
2. Die theologischen Streitigkeiten der
alten Kirche. Homousie und
Homoiusie. Der pelagianische Streit 33
3. Das Problem der Transsubstantiation 36
4. Nominalismus und Realismus 40
a) Das Universalienproblem in der
Antike.
b) Das Universalienproblem in der
Scholastik.
c) Der Einigungsversuch des
Abaelard.
5. Der Abendmahlstreit zwischen
Luther und Zwingli 91

Page 9

II. Über Schillers Ideen zum 97
Typenproblem
1. Die Briefe über die ästhetische
Erziehung des Menschen 97
a) Über die wertvolle und die
minderwertige Funktion. b) Über die
Grundtriebe.
2. Die Abhandlung über naive und
sentimentalische Dichtung 182
a) Die naive Einstellung. b) Die
sentimentalische Einstellung. c) Der
Idealist und der Realist.

III. Das Appollinische und das 193
Dionysische
Nietzsche: Die Geburt der Tragödie.

IV. Das Typenproblem in der 211
Menschenkenntnis
Furneaux Jordan: Character as seen in
body and parentage.
1. Allgemeines über die Jordanschen
Typen 211
2. Spezielle Darstellung und Kritik der
Jordanschen Typen 219
a) Die introvertierte Frau. b) Die
extravertierte Frau. c) Der
extravertierte Mann. d) Der
introvertierte Mann.

V. Das Typenproblem in der 239
Dichtkunst
Carl Spitteler: Prometheus und
Epimetheus.

Page 10

1. Einleitendes über die Spittelerschen
Typen 239
2. Vergleichung von Spittelers und
Goethes Prometheus 248
3. Die Bedeutung des vereinigenden
Symbols 269
a) Die brahmanistische Auffassung
des Gegensatzproblems.
b) Über die brahmanistische
Auffassung des vereinigenden
Symbols.
c) Das vereinigende Symbol als
dynamische Gesetzmässigkeit.
d) Das vereinigende Symbol in der
chinesischen Philosophie.
4. Die Relativität des Symbols 311
a) Frauendienst und Seelendienst.
b) Die Relativität des Gottesbegriffes
bei Meister Eckehart.
5. Die Natur des vereinigenden
Symbols bei Spitteler 362

VI. Das Typenproblem in der 383
Psychiatrie
Gross: Die zerebrale Sekundärfunktion.

VII. Das Problem der Typischen 407
Einstellungen in der Ästhetik
Worringer: Abstraktion und Einfühlung.

VIII. Das Typenproblem in der 425
modernen Philosophie
1. Die James’schen Typen. 2. Die
charakteristischen Gegensatzpaare der

Page 11

James’schen Typen. 3. Zur Kritik der
James’schen Auffassung.

IX. Das Typenproblem in der 459
Biographik
Ostwald: Grosse Männer.

X. Allgemeine Beschreibung der 473
Typen
A. Einleitung.
B. Der extravertierte Typus. 477
I. Die allgemeine Einstellung des
Bewusstseins 478
II. Die Einstellung des Unbewussten 483
III. Die Besonderheiten der
psychologischen Grundfunktionen in
der extravertierten Einstellung 490
1. Das Denken. 2. Der extravertierte
Denktypus. 3. Das Fühlen. 4. Der
extravertierte Fühltypus. 5.
Zusammenfassung der rationalen
Typen. 6. Das Empfinden. 7. Der
extravertierte Empfindungstypus. 8.
Die Intuition. 9. Der extravertierte
intuitive Typus. 10.
Zusammenfassung der irrationalen
Typen.
C. Der introvertierte Typus. 535
I. Die allgemeine Einstellung des
Bewusstseins 535
II. Die unbewusste Einstellung 542
III. Die Besonderheiten der
psychologischen Grundfunktionen in
der introvertierten Einstellung 545

Page 12

1. Das Denken. 2. Der introvertierte
Denktypus. 3. Das Fühlen. 4. Der
introvertierte Fühltypus. 5.
Zusammenfassung der rationalen
Typen. 6. Das Empfinden. 7. Der
introvertierte Empfindungstypus. 8.
Die Intuition. 9. Der introvertierte
intuitive Typus. 10.
Zusammenfassung der irrationalen
Typen. 11. Hauptfunktion und
Hilfsfunktion.

XI. Definitionen 587
Begriffliche Umschreibung von 58
psychologischen Ausdrücken: 1.
Abstraktion. 2. Affektivität. 3. Affekt.
4. Apperception. 5. Archaïsmus. 6.
Assimilation. 7. Bewusstsein. 8. Bild.
9. Collektiv. 10. Compensation. 11.
Concretismus. 12. Construktiv. 13.
Denken. 14. Differenzierung. 15.
Dissimilation. 16. Einfühlung. 17.
Einstellung. 18. Enantiodromie. 19.
Emotion. 20. Empfindung. 21.
Extraversion. 22. Fühlen. 23.
Funktion. 24. Gedanke. 25. Gefühl.
26. Ich. 27. Idee. 28. Identifikation.
29. Identität. 30. Individualität. 31.
Individuation. 32. Individuum. 33.
Intellekt. 34. Introjektion. 35.
Introversion. 36. Intuition. 37.
Irrational. 38. Libido. 39.
Machtcomplex. 40. Minderwertige
Funktion. 41. Objektstufe. 42.
Orientierung. 43. „Participation
mystique“. 44. Phantasie. 45.
Projektion. 46. Rational. 47.

Page 13

Reduktiv. 48. Seele. 49. Seelenbild.
50. Selbst. 51. Subjektstufe. 52.
Symbol. 53. Synthetisch. 54.
Transscendente Funktion. 55. Trieb.
56. Typus. 57. Unbewusst. 58. Wille.

Schlusswort 693

Page 14

Vorrede.
Dies Buch ist die Frucht einer beinahe zwanzigjährigen Arbeit im
Gebiete der praktischen Psychologie. Es ist gedanklich allmählich
entstanden, einmal aus unzähligen Eindrücken und Erfahrungen der
psychiatrischen und nervenärztlichen Praxis sowohl, wie des Umganges mit
Menschen aller sozialen Schichten, sodann aus meiner persönlichen
Auseinandersetzung mit Freund und Feind, und schliesslich aus der Kritik
der psychologischen Eigenart meiner selbst. Ich habe mir vorgenommen,
den Leser nicht mit Kasuistik zu beschweren, dagegen lag es mir daran,
meine aus der Erfahrung abstrahierten Gedanken historisch sowohl wie
terminologisch der bereits vorhandenen Erkenntnis anzugliedern. Ich habe
dieses Unternehmen weniger aus einem Bedürfnis historischer
Gerechtigkeit durchgeführt, als vielmehr in der Absicht, die Erfahrungen
des ärztlichen Spezialisten aus dem engen Fachgebiete in allgemeinere
Zusammenhänge zu bringen; in Zusammenhänge, welche es auch dem
gebildeten Laien ermöglichen, sich die Erfahrungen eines Spezialgebietes
zu nutze zu machen. Ich hätte diese Angliederung, die man leicht als einen
Eingriff in andere Gebiete missverstehen könnte, niemals gewagt, wenn ich
nicht der Überzeugung wäre, dass die in diesem Buche dargestellten
psychologischen Gesichtspunkte von allgemeiner Bedeutung und
Anwendbarkeit sind, und darum auch besser in einem allgemeinen
Zusammenhang abgehandelt, als in der Form einer fachwissenschaftlichen
Hypothese belassen werden. Dieser meiner Absicht entsprechend habe ich
mich darauf beschränkt, mich mit den Ideen einzelner Bearbeiter des
vorliegenden Problems auseinanderzusetzen, und habe darauf verzichtet,
alles zu erwähnen, was überhaupt schon zu unserer Frage gesagt wurde.
Ganz abgesehen davon, dass es meine Kraft um ein Vielfaches überstiege,
eine auch nur annähernde Vollständigkeit eines solchen Verzeichnisses von
einschlägigen Materialien und Meinungen zu erreichen, trüge eine solche

Page 15

Sammlung auch gar nichts Gründliches bei zur Erörterung und Entwicklung
des Problems. Ich habe darum vieles, was ich mir im Laufe der Jahre
gesammelt habe, ohne Bedauern weggelassen und mich möglichst auf die
Hauptsachen beschränkt. Diesem Verzicht ist auch ein wertvolles
Dokument, das mir sehr viele Hilfe gewährte, zum Opfer gefallen. Dies ist
ein umfangreicher Briefwechsel mit meinem Freunde, Herrn Dr. med. H.
Schmid in Basel, den ich mit ihm über die Typenfrage gepflogen habe. Ich
verdanke diesem Meinungsaustausch sehr viel Klärung, und vieles daraus
ist auch in allerdings veränderter und mehrfach überarbeiteter Form in mein
Buch übergegangen. Im wesentlichen gehört dieser Briefwechsel zu den
Vorarbeiten, deren Mitteilung mehr Verwirrung als Klarheit erzeugen
würde. Ich bin es aber den Bemühungen meines Freundes schuldig, ihm an
dieser Stelle meinen Dank auszusprechen.
Küsnacht-Zürich.
Im Frühling 1920.

Dr. C. G. Jung.

Page 16

Einleitung.
Plato und Aristoteles! Das sind nicht bloss die zwei Systeme, sondern auch die Typen
zweier verschiedener Menschennaturen, die sich seit undenklicher Zeit, unter allen
Kostümen, mehr oder minder feindselig entgegenstehen. Vorzüglich das ganze Mittelalter
hindurch, bis auf den heutigen Tag, wurde solchermassen gekämpft, und dieser Kampf ist
der wesentlichste Inhalt der christlichen Kirchengeschichte. Von Plato und Aristoteles ist
immer die Rede, wenn auch unter anderm Namen. Schwärmerische, mystische, platonische
Naturen offenbaren aus den Abgründen ihres Gemütes die christlichen Ideen und die
entsprechenden Symbole. Praktische, ordnende, aristotelische Naturen bauen aus diesen
Ideen und Symbolen ein festes System, eine Dogmatik und einen Kultus. Die Kirche
umschliesst endlich beide Naturen, wovon die einen sich meistens im Klerus und die
andern im Mönchstum verschanzen, aber sich unablässig befehden.
(H. Heine: Deutschland, I.)

Bei meiner praktischen ärztlichen Arbeit mit nervösen Patienten ist mir
schon lange aufgefallen, dass es neben den vielen individuellen
Verschiedenheiten der menschlichen Psychologie auch typische
Unterschiede gibt, und zwar fielen mir zunächst zwei Typen auf, die ich als
Introversions- und Extraversionstypus bezeichnete.
Wenn wir einen menschlichen Lebensverlauf betrachten, so sehen wir,
wie die Schicksale des einen mehr bedingt sind durch die Objekte seiner
Interessen, während die Schicksale eines andern mehr durch sein eigenes
Inneres, durch sein Subjekt bedingt sind. Da wir nun alle etwas mehr nach
dieser oder jener Seite abweichen, so sind wir natürlicherweise geneigt,
alles jeweils im Sinne unseres eigenen Typus zu verstehen.
Ich erwähne diesen Umstand schon hier, um möglichen
Missverständnissen vorzubeugen. Begreiflicherweise erschwert dieser
Umstand den Versuch einer allgemeinen Beschreibung der Typen
beträchtlich. Ich muss beim Leser schon ein grosses Wohlwollen
voraussetzen, wenn ich hoffen will, richtig verstanden zu werden. Es wäre
relativ einfach, wenn jeder Leser von sich wüsste, zu welcher Kategorie er

Page 17

selber zählt. Es ist aber oft sehr schwierig, herauszufinden, ob jemand zu
diesem oder jenem Typus gehört; besonders, wenn man selber in Frage
kommt. Das Urteil in Bezug auf die eigene Persönlichkeit ist ja immer
ausserordentlich getrübt. Diese subjektiven Urteilstrübungen sind darum so
besonders häufig, weil jedem ausgesprochenem Typus eine besondere
Tendenz zur Compensation der Einseitigkeit seines Typus innewohnt, eine
Tendenz, die biologisch zweckmässig ist, da sie das seelische
Gleichgewicht zu erhalten strebt. Durch die Compensation entstehen
sekundäre Charaktere oder Typen, welche ein äusserst schwierig zu
enträtselndes Bild darbieten, so schwierig, dass man selbst geneigt ist, die
Existenz der Typen überhaupt zu leugnen und nur noch an individuelle
Verschiedenheiten zu glauben.
Ich muss diese Schwierigkeiten hervorheben, um eine gewisse
Eigentümlichkeit meiner spätern Darstellung zu rechtfertigen: Es möchte
nämlich scheinen, als ob der einfachste Weg der wäre, zwei concrete Fälle
zu beschreiben und zergliedert nebeneinander zu stellen. Jeder Mensch aber
besitzt beide Mechanismen, der Extraversion sowohl, wie der Introversion,
und nur das relative Überwiegen des einen oder andern macht den Typus
aus. Man müsste daher schon stark retouchieren, um das nötige Relief in
das Bild zu bringen, was auf einen mehr oder weniger frommen Betrug
hinausliefe. Dazu kommt, dass die psychologische Reaktion eines
Menschen ein dermassen kompliziertes Ding ist, dass meine
Darstellungsfähigkeit wohl kaum hinreichen würde, um ein absolut
richtiges Bild davon zu geben. Ich muss mich daher notgedrungenerweise
darauf beschränken, die Prinzipien darzustellen, die ich aus der Fülle der
beobachteten Einzeltatsachen abstrahiert habe. Es handelt sich dabei um
keine Deductio a priori, wie es etwa den Anschein haben könnte, sondern
um eine deduktive Darstellung empirisch gewonnener Einsichten. Diese
Einsichten sind, wie ich hoffe, ein klärender Beitrag zu einem Dilemma, das
nicht nur in der analytischen Psychologie, sondern auch in andern
Wissenschaftsgebieten und ganz besonders auch in den persönlichen
Beziehungen der Menschen untereinander zu Missverständnis und
Zwiespalt geführt hat und immer noch führt. Daraus erklärt sich, warum die
Existenz von zwei verschiedenen Typen eine eigentlich schon längst
bekannte Tatsache ist, die in dieser oder jener Form, sei es dem
Menschenkenner, sei es der grübelnden Reflexion des Denkers, aufgefallen
ist, oder der Intuition Goethes z. B. als das umfassende Prinzip der Systole

Page 18

und Diastole sich dargestellt hat. Die Namen und Begriffe, unter denen der
Mechanismus der Introversion und der Extraversion gefasst wurde, sind
recht verschieden und jeweils dem Standpunkt des individuellen
Beobachters angepasst. Trotz der Verschiedenheit der Formulierungen
leuchtet immer wieder das Gemeinsame in der Grundauffassung hervor,
nämlich eine Bewegung des Interesses auf das Objekt hin in dem einen
Falle, und eine Bewegung des Interesses vom Objekt weg zum Subjekt und
zu dessen eigenen psychologischen Vorgängen im andern Falle. Im erstern
Falle wirkt das Objekt wie ein Magnet auf die Tendenzen des Subjekts, es
zieht sie an und bedingt das Subjekt in hohem Masse, ja, es entfremdet
sogar das Subjekt sich selber und verändert dessen Qualitäten im Sinne
einer Angleichung an das Objekt so sehr, dass man meinen könnte, das
Objekt sei von höherm und in letzter Linie von ausschlaggebender
Bedeutung für das Subjekt, und als sei es gewissermassen eine absolute
Bestimmung und ein besonderer Sinn von Leben und Schicksal, dass das
Subjekt sich ganz ans Objekt aufgebe. Im letztern Falle dagegen ist und
bleibt das Subjekt das Zentrum aller Interessen. Man könnte sagen, es
scheine, als ob in letzter Linie alle Lebensenergie das Subjekt suche und
darum stets verhindere, dass das Objekt einen irgendwie übermächtigen
Einfluss erhalte. Es scheint, als ob die Energie vom Objekt wegfliesse, als
ob das Subjekt der Magnet sei, der das Objekt an sich ziehen wolle.
Es ist nicht leicht, dieses gegensätzliche Verhalten zum Objekt in einer
leicht fasslichen und klaren Weise zu charakterisieren, und die Gefahr ist
gross, zu ganz paradoxen Formulierungen zu gelangen, welche mehr
Verwirrung als Klarheit stiften. Ganz allgemein könnte man den
introvertierten Standpunkt als denjenigen bezeichnen, der unter allen
Umständen das Ich und den subjektiven psychologischen Vorgang dem
Objekt und dem objektiven Vorgang überzuordnen oder doch wenigstens
dem Objekt gegenüber zu behaupten sucht. Diese Einstellung gibt daher
dem Subjekt einen höhern Wert als dem Objekt. Dementsprechend steht das
Objekt immer auf einem tiefern Wertniveau, es hat sekundäre Bedeutung,
ja, es steht gelegentlich nur als das äussere, objektive Zeichen eines
subjektiven Inhaltes, etwa als Verkörperung einer Idee, wobei aber die Idee
das Wesentliche ist; oder es ist der Gegenstand eines Gefühls, wobei aber
das Gefühlserlebnis die Hauptsache ist und nicht das Objekt in seiner realen
Individualität. Der extravertierte Standpunkt dagegen ordnet das Subjekt
dem Objekt unter, wobei dem Objekt der überragende Wert zukommt. Das

Page 19

Subjekt hat stets sekundäre Bedeutung; der subjektive Vorgang erscheint
bisweilen bloss als störendes oder überflüssiges Anhängsel objektiver
Geschehnisse. Es ist klar, dass die Psychologie, die aus diesen
gegensätzlichen Standpunkten hervorgeht, in zwei total verschiedene
Orientierungen zerfallen muss. Der eine sieht alles unter dem
Gesichtswinkel seiner Auffassung, der andere unter dem des objektiven
Geschehens.
Diese gegensätzlichen Einstellungen sind zunächst nichts anderes als
gegensätzliche Mechanismen: ein diastolisches Herausgehen an und ein
Ergreifen des Objektes und ein systolisches Konzentrieren und Loslösen der
Energie von den ergriffenen Objekten. Jeder Mensch besitzt beide
Mechanismen als Ausdruck seines natürlichen Lebensrhythmus, den Goethe
wohl nicht zufällig mit den physiologischen Begriffen der Herztätigkeit
bezeichnet hat. Eine rhythmische Abwechslung beider psychischen
Tätigkeitsformen dürfte dem normalen Lebensverlauf entsprechen. Die
komplizierten äusseren Bedingungen, unter denen wir leben, sowohl, wie
die vielleicht noch komplizierteren Bedingungen unserer individuellen
psychischen Disposition erlauben aber selten einen gänzlich ungestörten
Ablauf der psychischen Lebenstätigkeit. Äussere Umstände und innere
Disposition begünstigen sehr oft den einen Mechanismus und beschränken
oder hindern den andern. Daraus entsteht natürlicherweise ein Überwiegen
des einen Mechanismus. Wird dieser Zustand in irgend einer Weise
chronisch, so entsteht daraus ein Typus, nämlich eine habituelle Einstellung,
in welcher der eine Mechanismus dauernd vorherrscht, allerdings ohne den
andern je völlig unterdrücken zu können, denn er gehört unbedingt zur
psychischen Lebenstätigkeit. Es kann daher niemals ein in dem Sinne reiner
Typus entstehen, dass er durchaus nur den einen Mechanismus besässe bei
völliger Atrophie des andern. Eine typische Einstellung bedeutet immer
bloss das relative Überwiegen des einen Mechanismus.
Mit der Konstatierung der Introversion und Extraversion war zunächst
eine Möglichkeit gegeben, zwei umfangreiche Gruppen von
psychologischen Individuen zu unterscheiden. Jedoch ist diese Gruppierung
von so oberflächlicher und allgemeiner Natur, dass sie eben nicht mehr als
eine so allgemeine Unterscheidung erlaubt. Eine genauere Untersuchung
jener Individualpsychologien, die in die eine oder andere Gruppe fallen,
ergibt sofort grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen, die

Page 20

doch derselben Gruppe angehören. Wir müssen daher einen weitern Schritt
tun, um bezeichnen zu können, worin die Unterschiede der zu einer
bestimmten Gruppe gehörenden Individuen bestehen. Es hat sich nun
meiner Erfahrung gezeigt, dass ganz allgemein die Individuen sich
unterscheiden lassen, nicht nur nach der universellen Verschiedenheit von
Extra- und Introversion, sondern auch nach den einzelnen psychologischen
Grundfunktionen. In dem gleichen Masse nämlich, wie äussere Umstände
sowohl, wie innere Disposition ein Vorherrschen von Extraversion oder
Introversion veranlassen, so begünstigen sie auch das Vorherrschen einer
bestimmten Grundfunktion im Individuum. Als Grundfunktionen, d. h. als
Funktionen, die sich sowohl genuin wie auch essentiell von andern
Funktionen unterscheiden, ergaben sich meiner Erfahrung das Denken, das
Fühlen, das Empfinden und das Intuieren. Herrscht eine dieser Funktionen
habituell vor, so entsteht ein entsprechender Typus. Ich unterscheide daher
einen Denk-, einen Fühl-, einen Empfindungs- und einen intuitiven Typus.
Jeder dieser Typen kann ausserdem introvertiert oder extravertiert sein, je
nach seinem Verhalten zum Objekt in der Weise, wie oben geschildert
wurde. Ich habe diese hier auseinandergesetzte Unterscheidung in zwei
vorläufigen Mitteilungen[1] über die psychologischen Typen nicht
durchgeführt, sondern den Denktypus mit dem Introvertierten und den
Fühltypus mit dem Extravertierten identifiziert. Diese Vermischung hat sich
einer vertieften Bearbeitung des Problems gegenüber als unhaltbar
erwiesen. Zur Vermeidung von Missverständnissen möchte ich daher den
Leser bitten, die hier durchgeführte Unterscheidung im Auge zu behalten.
Um die in solch komplizierten Dingen unbedingt erforderliche Klarheit zu
sichern, habe ich das letzte Kapitel dieses Buches der Definition meiner
psychologischen Begriffe gewidmet.

Page 21

I
Das Typenproblem in der antiken und
mittelalterlichen Geistesgeschichte.

Page 22

I.
Das Typenproblem in der antiken und
mittelalterlichen Geistesgeschichte.

1. Zur Psychologie in der Antike. Die Gnostiker.
Tertullian und Origenes.
Es gab zwar immer Psychologie, solange die geschichtliche Welt
besteht, aber eine objektive Psychologie gibt es erst seit kurzem. Für die
Wissenschaft früherer Zeit gilt der Satz: Der Gehalt an subjektiver nimmt
zu mit dem Mangel an objektiver Psychologie. Daher die Werke der Alten
zwar voll Psychologie sind, aber nur weniges davon ist als Objektiv-
Psychologisches zu bezeichnen. Dies dürfte in nicht geringem Masse
bedingt sein durch die Eigentümlichkeit der menschlichen Beziehung in
Antike und Mittelalter. Die Antike hatte, wenn man so sagen darf, eine
beinahe ausschliesslich biologische Bewertung des Mitmenschen, wie aus
den Lebensgewohnheiten und den Rechtsverhältnissen des Altertums
überall hervorleuchtet. Das Mittelalter hatte, insofern ein Werturteil
überhaupt Ausdruck gefunden hat, eine metaphysische Bewertung des
Mitmenschen, die ihren Anfang mit dem Gedanken des unverlierbaren
Wertes der Menschenseele nahm. Diese, den Standpunkt der Antike
compensierende Bewertung, ist der persönlichen Wertschätzung, welche
allein die Grundlage einer objektiven Psychologie sein kann, ebenso
ungünstig wie die biologische Bewertung. Es gibt zwar nicht wenige,
welche meinen, eine Psychologie sei auch ex cathedra zu schreiben.
Heutzutage sind allerdings die meisten überzeugt, dass eine objektive
Psychologie sich zu allererst auf Beobachtung und Erfahrung zu stützen
habe. Diese Grundlage wäre ideal, wenn sie möglich wäre. Das Ideal und

Page 23

der Zweck der Wissenschaft bestehen aber nicht darin, eine möglichst
genaue Beschreibung der Tatsachen zu geben — die Wissenschaft kann
doch nicht konkurrieren mit kinematographischen und phonographischen
Aufnahmen —, sondern sie erfüllt ihren Zweck und ihre Absicht nur in der
Aufstellung des Gesetzes, welches nichts ist als ein abgekürzter Ausdruck
für mannigfaltige und doch als irgendwie einheitlich erfasste Prozesse.
Dieser Zweck erhebt sich mittelst der Auffassung über das schlechthin
Erfahrbare und wird immer trotz allgemeiner und erwiesener Gültigkeit ein
Produkt der subjektiven psychologischen Konstellation des Forschers sein.
In wissenschaftlicher Theorie- und Begriffsbildung liegt viel von
persönlicher Zufälligkeit. Es gibt auch eine psychologische persönliche
Gleichung, nicht bloss eine psychophysische. Wir sehen Farben, aber keine
Wellenlängen. Diese wohlbekannte Tatsache muss nirgends mehr beherzigt
werden, als in der Psychologie. Die Wirksamkeit der persönlichen
Gleichung fängt schon an bei der Beobachtung. Man sieht, was man am
besten aus sich sehen kann. So sieht man zu allererst den Splitter in seines
Bruders Auge. Kein Zweifel, der Splitter ist dort, aber der Balken sitzt im
eigenen und — dürfte den Akt des Sehens einigermassen behindern. Ich
misstraue dem Prinzip der „reinen Beobachtung“ in der sogen. objektiven
Psychologie, es sei denn, man beschränke sich auf die Brille des
Chronoskopes, des Tachistoskopes und anderer „psychologischer“
Apparate. Man sichert sich damit auch gegen eine zu grosse Ausbeute an
psychologischen Erfahrungstatsachen. Noch viel mehr kommt aber die
persönliche psychologische Gleichung zur Geltung bei der Darstellung oder
Mitteilung des Beobachteten, gar nicht zu sprechen von der Auffassung und
Abstraktion des Erfahrungsmaterials! Nirgends, wie in der Psychologie, ist
es eine unerlässliche Grundanforderung, dass der Beobachter und Forscher
seinem Objekt adäquat sei, in dem Sinne, dass er imstande sei, nicht nur das
eine, sondern auch das andere zu sehen. Die Forderung, dass er nur objektiv
sehe, ist gar nicht zu erheben; denn das ist unmöglich. Wenn man nicht zu
subjektiv sieht, so dürfte man schon zufrieden sein. Dass die subjektive
Beobachtung und Auffassung mit den objektiven Tatsachen des
psychologischen Objektes übereinstimmt, ist nur insofern für die
Auffassung beweisend, als die Auffassung keine allgemeine zu sein
prätendiert, sondern nur gültig sein will für das in Betracht gezogene Gebiet
des Objektes. Insofern befähigt der Balken im eigenen Auge geradezu die
Auffindung des Splitters in des Bruders Augen. In diesem Fall beweist, wie

Page 24

gesagt, der Balken im eigenen Auge nicht, dass der Bruder keinen Splitter
im Auge habe. Aber die Behinderung des Sehens könnte leicht Anlass zu
einer allgemeinen Theorie werden, dass alle Splitter Balken seien. Die
Anerkennung und Beherzigung der subjektiven Bedingtheit der
Erkenntnisse überhaupt, und ganz besonders der psychologischen
Erkenntnisse, ist eine Grundbedingung für die wissenschaftliche und
gerechte Würdigung einer vom beobachtenden Subjekt verschiedenen
Psyche. Diese Bedingung ist nur dann erfüllt, wenn der Beobachter über
den Umfang und die Art seiner eigenen Persönlichkeit hinreichend
unterrichtet ist. Er kann aber nur dann hinreichend unterrichtet sein, wenn
er sich in hohem Masse von den ausgleichenden Einflüssen der
Collektivurteile und Collektivgefühle freigemacht hat und dadurch zu einer
klaren Auffassung seiner eigenen Individualität gelangt ist.
Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr sehen wir, dass
die Persönlichkeit unter der Decke der Collektivität verschwindet. Und
wenn wir gar zur primitiven Psychologie hinuntergehen, so finden wir, dass
dort vom Begriffe des Individuums überhaupt nicht zu reden ist. Statt der
Individualität finden wir nur collektive Bezogenheit oder „participation
mystique“ (Lévy-Bruhl). Die Collektiveinstellung verhindert aber die
Erkenntnis und die Würdigung einer vom Subjekt verschiedenen
Psychologie, indem der collektiv eingestellte Geist eben unfähig ist, anders
als projizierend zu denken und zu fühlen. Das, was wir unter dem Begriff
„Individuum“ verstehen, ist eine verhältnismässig junge Errungenschaft der
menschlichen Geistes- und Kulturgeschichte. Es ist darum kein Wunder,
dass die früher allmächtige Collektiveinstellung eine objektive
psychologische Würdigung der Individualdifferenzen sozusagen gänzlich
verhindert hat, wie überhaupt jede wissenschaftliche Objektivierung
individualpsychologischer Vorgänge. Gerade wegen dieses Mangels an
psychologischem Denken war die Erkenntnis „psychologisiert“, d. h.
angefüllt mit projizierter Psychologie. Dafür bieten die Anfänge
philosophischer Welterklärung treffende Beispiele. Hand in Hand mit der
Entwicklung der Individualität und der dadurch bedingten psychologischen
Differenzierung der Menschen geht die Entpsychologisierung der
objektiven Wissenschaft. Diese Erörterungen dürften erklären, warum die
Quellen objektiver Psychologie in den uns aus dem Altertum überlieferten
Stoffen äusserst spärlich fliessen. Die Unterscheidung der vier
Temperamente, die wir vom Altertum übernommen haben, ist eine kaum

Page 25

noch psychologische Typisierung, indem die Temperamente beinahe nichts
anderes als psycho-physiologische Komplexionen sind. Der Mangel an
Nachricht will nun aber nicht sagen, dass wir von der Wirksamkeit der in
Frage stehenden psychologischen Gegensätze keine Spuren in der antiken
Geistesgeschichte besässen.
So hat die gnostische Philosophie drei Typen aufgestellt, vielleicht
entsprechend den drei psychologischen Grundfunktionen, Denken, Fühlen
und Empfinden. Dem Denken entspräche der Pneumatiker, dem Fühlen der
Psychiker, dem Empfinden der Hyliker. Die mindere Schätzung des
Psychikers entspricht dem Geiste der Gnosis, welche gegenüber dem
Christentum auf dem Werte der Erkenntnis insistierte. Die christlichen
Prinzipien der Liebe und des Glaubens aber waren der Erkenntnis abhold.
Innerhalb der christlichen Sphäre wäre demnach der Pneumatiker der
Minderschätzung unterlegen, insofern er sich bloss durch den Besitz der
Gnosis, der Erkenntnis, auszeichnete.
Wir dürfen an die Typendifferenz auch denken, wenn wir den langen
und nicht gefahrlosen Kampf betrachten, den die Kirche seit den ersten
Anfängen gegen den Gnostizismus führte. Bei der unzweifelhaft
überwiegend praktischen Richtung des ersten Christentums kam der
Intellektuelle, insofern er nicht, seinem Kampftriebe folgend, sich in der
apologetischen Polemik verlor, kaum auf seine Rechnung. Die „regula
fidei“ war zu enge und erlaubte keine selbständige Bewegung. Zudem war
sie arm an positivem Erkenntnisinhalt. Sie enthielt wenige Gedanken, die
zwar praktisch ungeheuer wertvoll waren, aber dem Denken einen Riegel
vorschoben. Vom sacrificium intellectus war der Intellektuelle weit
schwerer betroffen als der Fühlmensch. Es ist daher sehr begreiflich, dass
die überwiegenden Erkenntnisinhalte der Gnosis, welche im Lichte unserer
heutigen Geistesentwicklung nicht nur nicht an Wert verloren, sondern
sogar bedeutend gewonnen haben, für den Intellektuellen innerhalb der
Kirche von grösster Anziehung sein mussten. Sie waren für ihn recht
eigentlich die Versuchung der Welt. Besonders machte der Doketismus der
Kirche zu schaffen mit seiner Behauptung, dass Christus nur einen
Scheinleib besessen habe, und dass sein ganzes Erdendasein und Leiden ein
Schein gewesen sei. In dieser Behauptung drängt sich das rein Denkmässige
gegenüber dem menschlich Erfühlbaren übermächtig in den Vordergrund.
Wohl am deutlichsten tritt uns der Kampf mit der Gnosis in zwei Gestalten

Page 26

entgegen, die nicht nur als Väter der Kirche, sondern auch als
Persönlichkeiten überaus bedeutend waren. Es sind dies Tertullian und
Origenes, ungefähre Zeitgenossen vom Ende des 2. Jahrhunderts. Von ihnen
sagt Schultz[2]: „Der eine Organismus vermag den Nährstoff fast restlos in
sich aufzunehmen und seiner eigenen Beschaffenheit zu assimilieren, der
andere scheidet ihn unter stürmischen Abwehrerscheinungen ebenfalls
wieder fast restlos aus. So gegensätzlich hat sich Origenes auf der einen
Seite verhalten, Tertullianus auf der andern. Ihre Reaktion auf die Gnosis
kennzeichnet nicht nur die beiden Charaktere und ihre Weltanschauungen,
sondern sie ist auch von grundsätzlicher Bedeutung für die Stellung der
Gnosis in dem Geistesleben und den religiösen Strömungen von damals.“
Tertullian wurde etwa um 160 in Karthago geboren. Er war ein Heide,
dem lüsternen Leben seiner Stadt ergeben bis etwa zu seinem 35.
Lebensjahre, wo er ein Christ wurde. Er wurde der Verfasser zahlreicher
Schriften, aus denen sein Charakter, der uns besonders interessiert,
unverkennbar hervortritt. Vor allem deutlich ist sein beispielloser edler
Eifer, sein Feuer, sein leidenschaftliches Temperament und die tiefe
Innerlichkeit seiner religiösen Auffassung. Er ist fanatisch und genial
einseitig um einer erkannten Wahrheit willen, unduldsam, eine Kampfnatur
ohnegleichen, ein erbarmungsloser Streiter, der seinen Sieg nur in der
totalen Vernichtung seines Gegners sieht, seine Sprache ist wie eine
funkelnde Klinge, von grausamer Meisterschaft geführt. Er ist der Schöpfer
des auf mehr als 1000 Jahre hinaus gültigen Kirchenlateins. Er prägt die
Terminologie der jungen Kirche. „Hatte er einen Gesichtspunkt
aufgegriffen, so musste er ihn, gleichwie gepeitscht von einem Heere der
Hölle, in alle seine Konsequenzen hinein auch durchführen, selbst wenn das
Recht schon lange nicht mehr auf seiner Seite stand und alle vernünftige
Ordnung zerfetzt vor ihm lag.“ Die Leidenschaftlichkeit seines Denkens
war so unerbittlich, dass er sich immer und immer wieder gerade davon
entfremdete, wofür er eigentlich sein Herzblut hergegeben hatte.
Dementsprechend ist auch seine Ethik von herber Strenge. Er gebot, das
Martyrium aufzusuchen, statt es zu fliehen, er erlaubte keine zweite Ehe
und verlangte die stete Verschleierung der Personen weiblichen
Geschlechts. Die Gnosis, die eben eine Leidenschaft des Denkens und
Erkennens ist, bekämpfte er mit fanatischer Unnachsichtigkeit, und mit ihr
die von ihr eigentlich wenig verschiedene Philosophie und Wissenschaft.
Ihm wird das grossartige Bekenntnis zugeschrieben: Credo quia absurdum

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est (Ich glaube um des Widersinns willen). Dies dürfte historisch allerdings
nicht ganz stimmen, er sagte bloss: (De carne Christi. 5.): „Et mortuus est
dei filius, prorsus credibile est, quia ineptum est. Et sepultus resurrexit;
certum est, quia impossibile est.“
Vermöge der Schärfe seines Geistes durchschaute er die Kläglichkeit
philosophischen und gnostischen Wissens und wies es verächtlich von sich.
Er berief sich dagegen auf das Zeugnis seiner eigenen innern Welt, auf seine
eigenen innern Tatsachen, welche eins waren mit seinem Glauben. Sie
gestaltete er aus und wurde so zum Schöpfer der begrifflichen
Zusammenhänge, welche noch heute dem katholischen System zu Grunde
liegen. Die irrationale innere Tatsache, die ihm wesentlich dynamischer
Natur ist, war das Prinzip und die Grundlegung gegenüber der Welt und der
collektiv gültigen oder rationalen Wissenschaft und Philosophie. Ich zitiere
seine Worte:
„Ich rufe ein neues Zeugnis an, oder vielmehr ein Zeugnis, welches
bekannter ist als irgend ein Schriftdenkmal, mehr verhandelt als irgend ein
Lebenssystem, weiter verbreitet als irgend eine Veröffentlichung, grösser
als der ganze Mensch, nämlich das, was den ganzen Menschen ausmacht.
So tritt denn herzu, o du Seele, magst du nun etwas Göttliches und Ewiges
sein, wie manche Philosophen glauben — du wirst dann umso weniger
lügen — oder durchaus nicht göttlich, weil nämlich sterblich, wie freilich
Epikuros allein meint — du wirst dann umso weniger lügen dürfen —
magst du vom Himmel gekommen oder aus der Erde geboren, magst du aus
Zahlen oder Atomen gefügt sein, magst du zugleich mit dem Leibe dein
Dasein beginnen oder nachträglich in ihn eingefügt werden, gleichviel
woher immer du auch stammst und wie immer du auch den Menschen zu
dem machst, was er ist, nämlich ein vernünftiges Wesen, der Wahrnehmung
fähig und auch der Erkenntnis. Aber nicht dich rufe ich, du Seele, die du in
Schulen abgerichtet, in Bibliotheken bewandert, in Akademien und
attischen Säulenhallen gespeist und gesättigt, Weisheit verkündest, nein,
dich will ich sprechen, du Seele, die du schlicht und ungebildet, unbeholfen
und unerfahren bist, sowie du bei denen bist, die nichts weiteres haben als
dich, ganz wie du da eben von der Gasse, von der Strassenecke, von der
Werkstatt kommst. Ich bedarf gerade deiner Unwissenheit.“
Die im sacrificium intellectus vollbrachte Selbstverstümmelung
Tertullians führte ihn zur rückhaltlosen Anerkennung der irrationalen innern

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Tatsache, der wirklichen Grundlage seines Glaubens. Die Notwendigkeit
des religiösen Prozesses, den er in sich empfand, fasste er in die
unübertreffbare Formel: anima naturaliter christiana. Mit dem sacrificium
intellectus fielen für ihn Philosophie und Wissenschaft, konsequenterweise
auch die Gnosis.
Im weitern Fortschritt seines Lebens verschärften sich die geschilderten
Züge. Als die Kirche mehr und mehr genötigt war, Kompromisse mit der
Masse zu schliessen, empörte er sich dagegen und wurde ein Anhänger
jenes phrygischen Propheten Montanus, eines Ekstatikers, der das Prinzip
der absoluten Verneinung der Welt und der vollständigen Vergeistigung
vertrat. In heftigen Pamphleten begann er die Politik des Papstes Calixtus I.
anzugreifen und geriet so mit dem Montanismus mehr oder weniger extra
ecclesiam. Nach einem Berichte des Augustin soll er später sogar noch mit
dem Montanismus sich überworfen und eine eigene Sekte gestiftet haben.
Tertullian ist sozusagen ein klassischer Vertreter des introvertierten
Denkmenschen. Sein beträchtlicher, überaus scharf entwickelter Intellekt ist
flankiert von unverkennbarer Sinnlichkeit. Der psychologische
Entwicklungsprozess, den wir als den christlichen bezeichnen, führte ihn
zum Opfer, zur Abschneidung des wertvollsten Organes, welcher mythische
Gedanke im grossen und vorbildlichen Symbol der Opferung des
Gottessohnes wiederum enthalten ist. Sein wertvollstes Organ war eben der
Intellekt und die durch ihn vermittelte klare Erkenntnis. Durch das
sacrificium intellectus wurde ihm der Weg über eine rein verstandesmässige
Entwicklung unmöglich, wodurch er sich gezwungen fand, die irrationale
Dynamis seines Seelengrundes als Fundament seines Wesens anzuerkennen.
Das Denkmässige der Gnosis, ihre spezifische intellektuelle Ausmünzung
dynamischer Phänomene des Seelengrundes, musste ihm notwendigerweise
verhasst sein, denn es war eben der Weg, den er zu verlassen hatte, um das
Prinzip des Fühlens anzuerkennen.
In Origenes lernen wir den absoluten Gegensatz zu Tertullian kennen.
Origenes wurde um 185 in Alexandria geboren. Sein Vater war ein
christlicher Märtyrer. Er selber wuchs auf in jener ganz eigentümlichen
geistigen Atmosphäre, in der sich die Gedanken von Orient und Okzident
mischten. Mit grosser Wissbegier eignete er sich alles Wissenswerte an, und
so nahm er alles auf, was die überreiche alexandrinische Gedankenwelt
jener Zeit bot, Christliches, Jüdisches, Hellenistisches, Ägyptisches. Er tat

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sich als Lehrer an einer Katechetenschule hervor. Der heidnische Philosoph
Porphyrius, ein Schüler Plotins, sagte von ihm: „Sein äusseres Leben war
das eines Christen und widergesetzlich; in Bezug auf seine Ansicht von den
Dingen und von der Gottheit aber hellenisierte er und schob die
Vorstellungen der Griechen den fremden Mythen unter.“ Schon vor 211 fällt
seine Selbstkastration, deren nähere Motive zwar zu erraten, aber historisch
unbekannt sind. Er war persönlich von grossem Einfluss, von gewinnender
Rede. Er war stets umgeben von Schülern und einer ganzen Schar von
Stenographen, welche die kostbaren Worte, die aus dem Munde des
verehrten Lehrers fielen, auffingen. Er war schriftstellerisch
ausserordentlich fruchtbar und entfaltete eine grossartige Lehrtätigkeit. In
Antiochia hielt er selbst der Kaiserin-Mutter Mammaea Vorlesungen über
Theologie. In Caesarea war er Haupt einer Schule. Seine Lehrtätigkeit war
vielfach unterbrochen von ausgedehnten Reisen. Er war von
ausserordentlicher Gelehrsamkeit und hatte eine erstaunliche Fähigkeit, den
Dingen sorgfältig nachzugehen. Er spürte alte Bibelhandschriften auf und
erwarb sich um die Textkritik besondere Verdienste. „Er war ein grosser
Gelehrter, ja, der einzige wahrhafte Gelehrte, den die alte Kirche besessen
hat“, sagt Harnack. Origenes, ganz im Gegensatz zu Tertullian, verschloss
sich dem Einfluss des Gnostizismus nicht, im Gegenteil, er führte ihn sogar
in gemilderter Form in den Schooss der Kirche über; wenigstens richtete
sich darauf sein Streben. Ja, er war sozusagen selber ein christlicher
Gnostiker, seinem Denken und seinen Grundanschauungen nach. Seine
Stellung zu Glauben und Wissen schildert Harnack mit folgenden
psychologisch bedeutsamen Worten: „Die Bibel ist in gleicher Weise beiden
nötig: die Gläubigen empfangen aus ihr die Tatsachen und Gebote, die sie
brauchen, und die Wissenden entziffern aus ihr die Ideen und ziehen aus ihr
die Kräfte, die sie bis zur Anschauung und Liebe Gottes führen — also dass
alles Stoffliche durch geistliche Deutung (allegorische Auslegung,
Hermeneutik) umgeschmolzen erscheint zu einem Kosmos von Ideen, ja,
zuletzt alles durch den „Aufstieg“ überwunden und als Stufe
zurückgelassen ist, und allein das selige ruhende Verhältnis des von Gott
ausgegangenen kreatürlichen Geistes zu Gott übrig bleibt (amor et visio).“
Seine Theologie war zum Unterschied von der des Tertullian eine
wesentlich philosophische, die sich sozusagen ganz in den Rahmen einer
neuplatonischen Philosophie schmiegt. In Origenes durchdringen sich die
Sphären griechischer Philosophie und Gnosis einerseits und der christlichen

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Ideenwelt andererseits in friedlicher und harmonischer Weise. Diese
weitgehende einsichtsvolle Duldsamkeit und Gerechtigkeit führten aber
auch Origenes zum Schicksal der Verdammung durch die Kirche.
Allerdings fand die endgültige Verdammung erst posthum statt, nachdem
Origenes als Greis in der Christenverfolgung des Decius gemartert worden
und an den Folgen der Tortur bald nachher gestorben war. 399 sprach Papst
Anastasius I. seine Verdammung aus, und 543 wurde seine Irrlehre von
einer von Justinian einberufenen Synode verflucht, woran sich auch die
Urteile späterer Konzilien hielten.
Origenes ist ein klassischer Vertreter des extravertierten Typus. Seine
Grundorientierung geht auf das Objekt; das zeigt sich in der gewissenhaften
Berücksichtigung der objektiven Tatsachen und ihrer Bedingungen, und es
zeigt sich in der Formulierung jenes höchsten Prinzips, des amor und der
visio Dei. Der christliche Entwicklungsprozess traf bei Origenes auf einen
Typus, dessen ursprüngliche Grundlage die Beziehung zu Objekten ist,
welche sich von jeher symbolisch in der Sexualität ausdrückt, weshalb
gewisse Theorien auch alle wesentlichen Seelenfunktionen eben auf die
Sexualität reduzieren. Die Kastration ist daher der adäquate Ausdruck des
Opfers der wertvollsten Funktion. Es ist durchaus charakteristisch, dass
Tertullian das sacrificium intellectus vollbringt, Origenes aber das
sacrificium phalli, denn der christliche Prozess will eine vollständige
Aufhebung der sinnlichen Bindung an das Objekt, genauer gesagt: er will
das Opfer der bislang am höchsten gewerteten Funktion, des teuersten
Gutes, des stärksten Triebes. Das Opfer ist, biologisch betrachtet, im
Dienste der Domestikation gebracht, psychologisch betrachtet aber, um
durch Auflösungen alter Bindungen neue Entwicklungsmöglichkeiten für
den Geist einzuführen. Tertullian opferte den Intellekt, weil es der Intellekt
war, der ihn am stärksten an die Weltlichkeit band. Er bekämpfte die
Gnosis, weil sie für ihn den Abweg in das Intellektuelle darstellte, das
zugleich auch die Sinnlichkeit bedingt. Dieser Tatsache entsprechend finden
wir, dass der Gnostizismus auch in Wirklichkeit in zwei Richtungen geteilt
ist: die eine Richtung der Gnostiker strebt nach einer über alles Mass
hinausgehenden Vergeistigung, die andere Richtung verliert sich im
ethischen Anomismus, in einem absoluten Libertinismus, der von keiner
Unzucht und keiner noch so abscheulichen Perversität und Schamlosigkeit
zurückschreckt. Man unterschied geradezu Enkratiten (Enthaltsame) und
Antitakten oder Antinomisten (Ordnungs- und Gesetzesgegner), welche

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prinzipiell sündigten und sich absichtlich, gewissen Lehrsätzen
entsprechend, zügelloser Ausschweifung ergaben. Zu den letztern gehören
die Nicolaiten, Archontiker etc. und die treffend benannten Borborianer.
Wie nahe die anscheinenden Gegensätze beisammen lagen, zeigt das
Beispiel der Archontiker, wo dieselbe Sekte in eine enkratitische und in eine
antinomistische Richtung zerfiel, welche beide logisch und konsequent
blieben. Wenn man wissen will, was ein kühn und grosszügig
durchgeführter Intellektualismus ethisch bedeutet, der studiere die
gnostische Sittengeschichte. Man wird das sacrificium intellectus durchaus
begreifen. Jene Leute waren eben auch praktisch konsequent und lebten ihr
Erdachtes bis zur Absurdität. Origenes aber opferte die sinnliche Bindung
an die Welt, indem er sich selbst verstümmelte. Ihm war offenbar der
Intellekt keine spezifische Gefahr, sondern eher ein an das Objekt
bindendes Fühlen und Empfinden. Durch die Kastration befreite er sich von
der mit dem Gnostizismus gepaarten Sinnlichkeit und konnte sich darum
ungescheut dem Reichtum gnostischen Denkens ergeben, während
Tertullian durch sein intellektuelles Opfer sich der Gnosis verschloss, damit
aber auch eine Tiefe des religiösen Gefühls erreichte, die wir bei Origenes
vermissen. „Vor Origenes zeichnet ihn aus, dass er jedes seiner Worte in
tiefstem Gemüte erlebt hat, dass ihn nicht, wie jenen, der Verstand fortriss,
sondern das Herz. Dagegen steht er hinter ihm dadurch zurück, dass er, der
leidenschaftlichste aller Denker, knapp daran war, das Wissen überhaupt zu
verwerfen und seinen Kampf gegen die Gnosis zu einem solchen gegen das
menschliche Denken überhaupt zu erweitern“, sagt Schultz.
Wir sehen hier, wie sich im christlichen Prozess der ursprüngliche
Typus recht eigentlich umgedreht hat: Tertullian, der scharfe Denker, wird
zum Gefühlsmenschen; Origenes wird zum Gelehrten und verliert sich an
das Denkmässige. Es ist natürlich ein Leichtes, die Sache auch logisch
umzudrehen und zu sagen, Tertullian sei von jeher der Gefühlsmensch
gewesen und Origenes der Intellektuelle. Abgesehen von der Tatsache, dass
damit der typische Unterschied nicht aus der Welt geschafft ist, sondern
nach wie vor besteht, erklärt aber die umgekehrte Anschauungsweise nicht,
wieso es kommt, dass Tertullian seinen gefährlichsten Feind im
Denkmässigen, Origenes aber in der Sexualität gesehen hat. Man könnte
sagen, sie hätten sich beide getäuscht, und man könnte dafür als Argument
das fatale Resultat des Lebens beider ins Feld führen. In diesem Falle
müsste man annehmen, dass beide das ihnen weniger Wichtige geopfert,

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also gewissermassen einen Kuhhandel mit dem Schicksal gemacht hätten.
Das ist auch eine Ansicht, deren Prinzip von anerkennenswerter Gültigkeit
ist. Gibt es doch sogar unter den Primitiven solche Schlaumeier, die vor
ihren Fetisch treten mit einem schwarzen Huhn unter dem Arm und sagen:
„Siehe, ich opfere dir ein schönes schwarzes Schwein.“ Ich bin aber der
Ansicht, dass die entwertende Erklärungsweise, trotz der unverkennbaren
Erleichterung, die der gewöhnliche Mensch beim Herunterreissen von
etwas Grossem verspürt, nicht unter allen Umständen die richtige sei, auch
wenn sie sich sehr „biologisch“ anlässt. Soweit wir diese beiden Grossen im
Reiche des Geistes persönlich kennen, müssen wir aber sagen, dass ihre
ganze Art dermassen ernsthaft ist, dass ihre christliche Umkehrung weder
Erschleichung noch Betrug war, sondern Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit.
Wir verlieren uns nicht auf einen Nebenweg, wenn wir uns bei dieser
Gelegenheit vergegenwärtigen, was die Brechung der natürlichen
Triebrichtung, als welche der christliche (Opfer-) Prozess erscheint,
psychologisch bedeutet: Aus dem Obengesagten ergibt sich nämlich, dass
die Umkehrung zugleich auch den Übergang in eine andere Einstellung
bedeutet. Damit wird auch klar, woher das treibende Motiv zur Umkehrung
stammt, und inwiefern Tertullian recht hat, die Seele als „naturaliter
christiana“ aufzufassen: Die natürliche Triebrichtung folgt, wie alles in der
Natur, dem Prinzip des kleinsten Kraftmasses. Nun hat der eine Mensch
etwas mehr Veranlagung hier, der andere dort. Oder die Anpassung an die
erste Umgebung der Kindheit erfordert etwas mehr Zurückhaltung und
Nachdenken oder etwas mehr Einfühlung, je nach der Art der Eltern und der
Umstände. Dadurch bildet sich automatisch eine gewisse
Vorzugseinstellung aus, welche verschiedene Typen ergibt. Insofern nun
jeder Mensch als relativ stabiles Wesen alle psychologischen
Grundfunktionen besitzt, so wäre es auch eine psychologische
Notwendigkeit hinsichtlich einer vollkommenen Anpassung, dass der
Mensch sie auch gleichmässig verwende. Denn es muss einen Grund haben,
warum es verschiedene psychologische Anpassungswege gibt: offenbar
genügt der eine allein nicht, indem das Objekt beispielsweise als bloss
Gedachtes oder als bloss Gefühltes nur teilweise erfasst zu sein scheint.
Durch einseitige („typische“) Einstellung bleibt ein Fehlbetrag in der
psychologischen Anpassungsleistung, der sich im Laufe des Lebens
aufhäuft, wodurch sich früher oder später eine Anpassungsstörung
entwickelt, welche das Subjekt zu einer Compensation drängt. Die

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Compensation kann aber nur erreicht werden durch eine Abschneidung
(Opfer) der bisherigen einseitigen Einstellung. Dadurch entsteht eine
temporäre Aufstauung der Energie und ein Überfluten in bisher bewusst
nicht benützte, aber unbewusst bereitliegende Kanäle. Das
Anpassungsdefizit, welches die causa efficiens zum Prozess der
Umkehrung ist, macht sich subjektiv bemerkbar als Gefühl einer
unbestimmten Unbefriedigung. Eine solche Atmosphäre herrschte um die
Wende unserer Zeitrechnung. Ein ausserordentliches und erstaunliches
Erlösungsbedürfnis überkam die Menschheit und bewirkte jenes unerhörte
Aufblühen von allen möglichen und unmöglichen Kulten im alten Rom. Es
mangelte auch nicht an Vertretern der Auslebetheorie, die anstatt mit
„Biologie“, mit Gründen damaliger Wissenschaft operierten. Auch konnte
man sich nicht genug tun mit Spekulationen darüber, woher es komme, dass
es den Menschen so schlecht gehe; nur war der Kausalismus jener Zeit
etwas weniger beschränkt, als der unserer Wissenschaft; man griff nicht
bloss in die Kindheit zurück, sondern gleich in die Kosmogonie und ersann
zahlreiche Systeme, welche nachwiesen, was alles in der Vorzeit passiert
war, wodurch dann unleidliche Folgezustände für die Menschheit
herauskamen.
Das Opfer, das Tertullian und Origenes brachten, ist drastisch, zu
drastisch für unsern Geschmack, aber es entsprach dem Geiste jener Zeit,
der durchaus concretistisch war. Aus diesem Geiste heraus nahm die Gnosis
ihre Visionen für schlechthin real oder doch wenigstens als direkt auf
Reales bezüglich, und Tertullian setzt die Tatsache seines Fühlens für
objektiv gültig. Der Gnostizismus projizierte die subjektive innere
Wahrnehmung des Prozesses der Einstellungsänderung als ein
kosmogonisches System und glaubte an die Realität seiner psychologischen
Figuren.
In meinem Buch über „Wandlungen und Symbole der Libido“ liess ich
die Frage offen, woher die eigentümliche Libidorichtung im christlichen
Prozesse stamme. Ich sprach damals von einer Zerspaltung der
Libidorichtung in zwei gegeneinander gerichtete Hälften. Die Erklärung
hiefür ergibt sich aus der Einseitigkeit der psychologischen Einstellung, die
so einseitig geworden war, dass die Compensation aus dem Unbewussten
herauf sich aufdrängte. Es ist gerade die gnostische Bewegung in den ersten
christlichen Jahrhunderten, welche das Hervorbrechen unbewusster Inhalte

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im Momente der Compensierung aufs klarste dartut. Das Christentum
selber bedeutete die Zertrümmerung und Opferung antiker Kulturwerte,
d. h. der antiken Einstellung. In gegenwärtiger Zeit ist beinahe überflüssig
zu bemerken, dass es gleichgültig ist, ob wir von heute oder von der Zeit
vor 2000 Jahren reden.

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2. Die theologischen Streitigkeiten der alten
Kirche.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir dem Typengegensatz auch sonst
in der Geschichte der Schismen und Häresieen der an Streitigkeiten so
reichen frühchristlichen Kirche begegnen. Die vielleicht mit den Urchristen
überhaupt identischen Ebioniten oder Judenchristen glaubten an die
ausschliessliche Menschlichkeit Christi und hielten ihn für den Sohn der
Maria und des Joseph, der erst nachträglich seine Weihe durch den heiligen
Geist empfangen habe. Die Ebioniten sind somit in diesem Punkte das den
Doketen gegenüber liegende Extrem. Dieser Gegensatz wirkte noch lange
nach. In veränderter Form trat der Gegensatz in kirchenpolitisch
verschärfter aber inhaltlich gemilderter Form um 320 in der Häresie des
Arius wieder zu tage. Arius leugnete die von der orthodoxen Kirche
proponierte Formel τῷ Πατρὶ ὁμοούσιος (dem Vater gleich). Wenn wir die
Geschichte des grossen arianischen Streites um Homousie und Homoiusie
(Wesengleichheit und Wesensähnlichkeit Christi mit Gott) genauer ansehen,
so scheint uns zwar die Homoiusie deutlich den Akzent auf das Sinnliche
und menschlich Erfühlbare zu legen, gegenüber dem rein Denkmässigen
und Abstrakten des Standpunktes der Homousie. Gleichermassen möchte es
uns scheinen, als ob die Empörung der Monophysiten (welche die absolute
Einheit der Natur Christi vertraten) gegen die dyophysitische Formel des
Konzils von Chalcedon (welches die unzertrennbare Doppelnatur Christi,
nämlich seine geeinte menschliche und göttliche Natur vertrat) wiederum
den Standpunkt des Abstrakten und Unvorstellbaren gegenüber dem
Sinnlich-Natürlichen der dyophysitischen Formel zur Geltung brächte.
Zugleich aber tritt uns die Tatsache überwältigend vor Augen, dass an der
arianischen Bewegung, sowohl wie am Monophysitenstreit, die subtile
dogmatische Frage zwar für diejenigen Köpfe, welche sie ursprünglich
herausbrachten, die Hauptsache war, nicht aber für die grosse Masse,
welche sich parteinehmend des Dogmenstreites bemächtigte. Für sie hatte
auch zu jenen Zeiten eine so subtile Frage keine Motivkraft, sondern sie
war bewegt durch Probleme und Ansprüche politischer Macht, die mit der

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theologischen Differenz nichts zu tun hatten. Wenn die Typendifferenz hier
überhaupt eine Bedeutung hatte, so war es die, dass sie die Schlagworte
lieferte, welche die groben Masseninstinkte in schmeichelhafter Weise
etikettierten. Damit soll aber keineswegs die Anerkennung der Tatsache
ausgelöscht sein, dass für die, die den Streit entfachten, Homousie und
Homoiusie, eine ernsthafte Sache war. Denn dahinter verbarg sich
historisch wie psychologisch das ebionitische Bekenntnis zum reinen
Menschen Christus mit relativer („scheinbarer“) Göttlichkeit, und das
doketische Bekenntnis zum reinen Gott Christus mit nur scheinbarer
Körperlichkeit. Und unter dieser Schicht wiederum liegt das grosse
psychologische Schisma. Einerseits die Behauptung, der Hauptwert und die
Hauptbedeutung liege bei dem sinnlich Erfassbaren, dessen Subjekt, wenn
auch nicht immer menschlich-persönlich, so doch immer ein projiziertes
menschliches Empfinden ist; andererseits die Behauptung, der Hauptwert
liege bei dem Abstrakten und Aussermenschlichen, dessen Subjekt die
Funktion ist, das heisst: der objektive Naturprozess, der in unpersönlicher
Gesetzmässigkeit abläuft, jenseits menschlicher Empfindung, ja sogar als
deren Grundlage. Ersterer Standpunkt übersieht die Funktion zu Gunsten
des Funktionskomplexes, als welcher der Mensch erscheint; letzterer
Standpunkt übersieht den Menschen als den unerlässlichen Träger zu
Gunsten der Funktion. Beide Standpunkte leugnen einander gegenseitig
ihren Hauptwert. Je entschiedener sich die Vertreter der beiden Standpunkte
mit ihrem Standpunkt identifizieren, desto mehr versuchen sie auch, in
bester Absicht vielleicht, sich gegenseitig den eigenen Standpunkt
aufzudrängen und vergewaltigen dadurch den Hauptwert des andern.
Eine andere Seite des Typengegensatzes scheint im pelagianischen
Streit im Beginn des 5. Jahrhunderts hervorzutreten. Die von Tertullian
tiefempfundene Erfahrung, dass der Mensch auch nach der Taufe die Sünde
nicht vermeiden kann, wurde bei Augustin, der in vielen Beziehungen
Tertullian nicht unähnlich ist, zu jener durchaus charakteristischen,
pessimistischen Lehre der Erbsünde, deren Wesen in der seit Adam
vererbten Concupiscentia besteht.[3] Der Tatsache der Erbsünde gegenüber
stand bei Augustin die erlösende Gnade Gottes mit der durch sie
geschaffenen Institution der Kirche, welche die Erlösungsmittel verwaltete.
In dieser Auffassung steht der Wert des Menschen sehr tief. Er ist eigentlich
nichts als ein armseliges, verworfenes Geschöpf, das dem Teufel unter allen
Umständen verfallen ist, wenn er nicht durch das Medium der

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alleinseligmachenden Kirche der göttlichen Gnade teilhaftig wird. Damit
fiel nicht nur der Wert, sondern auch die sittliche Freiheit und
Selbstbestimmung des Menschen mehr oder weniger weg, wodurch
allerdings der Wert und die Bedeutung der Idee der Kirche umsomehr stieg,
was dem in der augustinischen civitas Dei ausgesprochenen Programm
entsprach.
Einer solch erdrückenden Auffassung gegenüber erhebt sich immer
wieder das Gefühl der Freiheit und des sittlichen Wertes des Menschen, das
auf die Länge sich von keiner noch so tiefen Einsicht oder noch so scharfen
Logik unterdrücken lässt. Das Recht des menschlichen Wertgefühles fand
seinen Verteidiger in Pelagius, einem britannischen Mönch und seinem
Schüler Caelestius. Ihre Lehre gründete sich auf die sittliche Freiheit des
Menschen als einer gegebenen Tatsache. Für die psychologische
Verwandtschaft des pelagianischen Standpunktes mit der dyophysitischen
Auffassung ist bezeichnend, dass die angefeindeten Pelagianer bei
Nestorius, dem Metropoliten von Konstantinopel, Aufnahme fanden.
Nestorius betonte die Trennung der beiden Naturen Christi gegenüber der
Cyrillischen Lehre der φυσιχὴ ἕνωσις, der physischen Einheit Christi als
Gottmenschen. Nestorius wollte auch Maria durchaus nicht als θεοτόκος
(Gottesgebärerin), sondern bloss als Χριστοτόκος (Christusgebärerin)
aufgefasst wissen. Er nannte den Gedanken, dass Maria Gottesmutter sei,
mit gutem Recht sogar heidnisch. Von ihm aus ging der nestorianische
Streit, der schliesslich mit der Abspaltung der nestorianischen Kirche
endete.

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3. Das Problem der Transsubstantiation.
Mit den grossen politischen Umwälzungen, dem Zusammenbruch des
römischen Reiches und dem Untergang der antiken Zivilisation fanden auch
diese Streitigkeiten ein Ende. Als aber nach mehreren Jahrhunderten wieder
eine gewisse Stabilität erreicht war, traten auch die psychologischen
Differenzen wieder in ihrer charakteristischen Weise hervor, zuerst zaghaft,
aber mit steigender Kultur intensiver werdend. Zwar waren es nicht mehr
die Probleme, welche die alte Kirche in Aufruhr gebracht hatten, sondern
neue Formen waren gefunden worden, aber die darunter versteckte
Psychologie war dieselbe.
Um die Mitte des 9. Jahrhunderts trat der Abt Paschasius Radbertus mit
einer Schrift über das Abendmahl an die Öffentlichkeit, worin er die
Transsubstantiationslehre vertrat, d. h. die Behauptung, dass der Wein und
die Hostie in der Kommunion sich in das wirkliche Blut und das wirkliche
Fleisch Christi verwandeln. Diese Auffassung wurde, wie bekannt, zu
einem Dogma, wonach sich die Verwandlung „vere, realiter, substantialiter“
vollziehe, obschon zwar die „Akzidentien“, nämlich Brot und Wein, ihr
Aussehen behielten, so seien sie doch, der Substanz nach, Fleisch und Blut
Christi. Gegen diese extreme Concretisierung eines Symbols wagte
Ratramnus, ein Mönch desselben Klosters, wo Radbertus Abt war,
gewissen Widerspruch zu erheben. Einen entschiedenen Gegner aber fand
Radbertus in Scotus Eriugena, dem grossen Philosophen und kühnen
Denker des frühen Mittelalters, der so hoch und einsam über seiner Zeit
stand, dass der Fluch der Kirche ihn erst nach Jahrhunderten erreichte, wie
Hase in seiner Kirchengeschichte sagt. Als Abt von Malmesbury wurde er
um 889 von seinen Mönchen ermordet. Scotus Eriugena, dem wahre
Philosophie auch wahre Religion war, war kein blinder Anhänger der
Autorität und des einmal Gegebenen, denn er konnte, zum Unterschiede
von den meisten seiner Zeit, selber denken. Er stellte die Vernunft über die
Autorität, vielleicht in sehr unzeitgemässer Weise, aber der Anerkennung
späterer Jahrhunderte gewiss. Sogar die über jede Diskussion erhabenen
Väter der Kirche hielt er nur darum und insofern für Autoritäten, als in

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ihren Schriften Schätze menschlicher Vernunft enthalten waren. So hielt er
auch dafür, dass das Abendmahl nichts anderes sei, als ein Andenken an
jenes letzte Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte, was auch sonst der
vernünftige Mensch zu allen Zeiten denken wird. Aber Scotus Eriugena, so
klar und einfach menschlich er dachte, und so wenig er geneigt war, vom
Sinne und Wert der heiligen Zeremonie abzustreichen, war nicht eingefühlt
in den Geist seiner Zeit und in die Wünsche seiner Umgebung, was auch
aus dem Umstand seiner Ermordung durch seine eigenen Klostergenossen
hervorgehen dürfte. Darum konnte er vernünftig und folgerichtig denken,
hatte aber damit keinen Erfolg, welcher nämlich dem Radbertus zufiel, der
zwar nicht denken konnte, dafür aber das Symbolische und Sinnreiche
„transsubstantiierte“ und ins Sinnenfällige vergröberte, eingefühlt, wie er
offenbar war, in den Geist seiner Zeit, die nach der Concretisierung
religiöser Geschehnisse verlangte.
Man erkennt unschwer in diesem Streit wieder jene Grundelemente,
denen wir schon bei den früher besprochenen Streitigkeiten begegnet sind,
nämlich den abstrakten, der Vermischung mit dem concreten Objekt
abholden und den concretisierenden, dem Objekt zugewandten Standpunkt.
Es liegt uns fern, vom intellektuellen Standpunkte aus ein einseitiges
entwertendes Urteil über Radbertus und seine Leistung auszusprechen.
Obschon gerade dieses Dogma dem modernen Geiste als absurd
vorkommen muss, so darf man sich dadurch doch nicht verleiten lassen, es
historisch für wertlos zu erklären. Es ist zwar ein Prunkstück für jede
Sammlung menschlicher Irrtümer, aber sein Unwert geht daraus nicht eo
ipso hervor, denn vor aller Verurteilung müssten wir weitläufig untersuchen,
was dieses Dogma im religiösen Leben jener Jahrhunderte wirkte, und was
unsere Zeit noch dieser Wirkung indirekt verdankt. Es ist nämlich nicht zu
übersehen, dass gerade der Glaube an die Wirklichkeit dieses Wunders eine
Ablösung des psychischen Prozesses vom rein Sinnenfälligen verlangt,
welche nicht ohne Einfluss auf die Natur des psychischen Prozesses bleiben
kann. Der Prozess des gerichteten Denkens nämlich wird schlechterdings
zur Unmöglichkeit, wenn das Sinnenfällige einen zu hohen Schwellenwert
besitzt. Vermöge eines zu hohen Wertes dringt es beständig in die Psyche
ein, zerreisst und zerstört die gerade auf Ausschliessung des
Nichtpassenden basierte Funktion des gerichteten Denkens. Aus dieser
einfachen Überlegung ergibt sich ohne weiteres der praktische Sinn
derartiger Riten und Dogmen, die von eben diesem Standpunkt aus auch

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einer rein opportunistischen, biologischen Betrachtungsweise standhalten,
ganz zu schweigen von den direkten, spezifisch religiösen Wirkungen, die
vom Glauben an dieses Dogma auf den einzelnen ausgingen. So hoch uns
Scotus Eriugena steht, so wenig ist es erlaubt, die Leistung des Radbertus
gering zu schätzen. Wir dürfen aus diesem Fall aber lernen, dass der
Gedanke des Introvertierten inkommensurabel ist dem Gedanken des
Extravertierten, da die beiden Denkformen hinsichtlich ihrer Bestimmungen
gänzlich und gründlichst verschieden sind. Man dürfte vielleicht sagen: das
Denken des Introvertierten sei vernünftig, das des Extravertierten aber
programmatisch.
Mit diesen Ausführungen soll, wie ich ausdrücklich hervorheben will,
keineswegs etwas ausgemacht sein über die individuelle Psychologie der
beiden Autoren. Was wir von Scotus Eriugena persönlich wissen — es ist
wenig genug — genügt nicht, um eine sichere Diagnose seines Typus zu
machen. Das, was wir wissen, spricht zu Gunsten des Introversionstypus.
Von Radbertus wissen wir so gut wie nichts. Wir wissen nur, dass er etwas
dem allgemeinen menschlichen Denken Widerstreitendes sagte, aber mit
sicherer Gefühlslogik das erschloss, was jene Zeit als das Passende
anzunehmen bereit war. Diese Tatsache würde zu Gunsten des
Extraversionstypus sprechen. Aus ungenügender Kenntnis beider
Persönlichkeiten müssen wir aber unser Urteil suspendieren, denn
besonders bei Radbertus könnte die Sache auch ganz anders liegen. Er
könnte ebenso gut ein Introvertierter gewesen sein, der bei beschränktem
Verstande in keiner Weise über die Auffassungen seiner Umgebung
hinausragte, und dessen Logik bei gänzlicher Unoriginalität gerade soweit
reichte, einen nächstliegenden Schluss aus den in den Schriften der Väter
bereitgelegten Prämissen zu ziehen. Und umgekehrt könnte Scotus
Eriugena auch ein Extravertierter gewesen sein, wenn nachgewiesen wäre,
dass er von einem Milieu getragen war, das sich sowieso durch common
sense auszeichnete und auch eine dementsprechende Äusserung als das
Passende und Wünschenswerte empfand. Letzteres ist nun gerade für
Scotus Eriugena keineswegs nachgewiesen. Auf der andern Seite aber
wissen wir auch, wie gross die Sehnsucht jener Zeit nach der Realität des
religiösen Wunders war. Diesem Charakter des Zeitgeistes musste die
Ansicht des Scotus Eriugena als kalt und ertötend erscheinen, während des
Radbertus Behauptung als lebenfördernd musste empfunden werden, denn
sie concretisierte das, was jedermann wünschte.

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4. Nominalismus und Realismus.
Der Abendmahlstreit des IX. Jahrhunderts war nichts als der Auftakt zu
einem weit grössern Streite, der die Geister auf Jahrhunderte hinaus trennte
und unabsehbare Folgen in sich schloss. Es war der Gegensatz zwischen
Nominalismus und Realismus. Unter Nominalismus versteht man jene
Richtung, welche behauptete, dass die sogenannten Universalia, nämlich
die Gattungs- oder Allgemeinbegriffe, wie z. B. die Schönheit, das Gute,
das Tier, der Mensch etc. nichts seien als Nomina (Namen) oder Wörter,
spöttisch auch „flatus vocis“ genannt. Anatole France sagt: „Et qu’est-ce
que penser? Et comment pense-t-on? Nous pensons avec des mots—songez-
y, un métaphysicien n’a, pour constituer le système du monde, que le cri
perfectionné des singes et des chiens.“ Dies ist extremer Nominalismus,
ebenso wenn Nietzsche die Vernunft als „Sprachmetaphysik“ auffasst.
Umgekehrt behauptete der Realismus die Existenz der Universalia ante
rem, nämlich, dass die Allgemeinbegriffe ihre Existenz für sich nach Art der
platonischen Ideen hätten. Trotz seiner Kirchlichkeit ist der Nominalismus
eine skeptische Strömung, welche die dem Abstrakten eigentümliche
Sonderexistenz bestreiten will. Es ist eine Art von wissenschaftlichem
Skeptizismus innerhalb der starrsten Dogmatik. Sein Realitätsbegriff fällt
notwendigerweise zusammen mit der sinnenfälligen Realität der Dinge,
deren Individualität das Reale darstellt gegenüber der abstrakten Idee. Der
strikte Realismus dagegen verlegt den Wirklichkeitsakzent auf das
Abstrakte, die Idee, das Universale, das er ante rem (vor die Sache) setzt.
a) Das Universalienproblem in der Antike. Wie der Hinweis auf die
platonische Ideenlehre zeigt, handelt es sich um einen weit
zurückreichenden Konflikt. Einige giftige Bemerkungen bei Platon über
„spätlernende Greise“ und „Arme im Geiste“ weisen uns hin auf die
Vertreter von zwei verwandten Philosophenschulen, die sich mit
platonischem Geiste schlecht vertrugen, nämlich die Kyniker und die
Megariker. Der Vertreter der erstern Schule, Antisthenes, war, obschon der
sokratischen Geistesatmosphäre keineswegs fern und sogar ein Freund des

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Xenophon, doch der schönen Ideenwelt Platons ausgesprochenermassen
abhold. Er schrieb sogar eine Streitschrift gegen Platon, worin er dessen
Namen unanständigerweise in Σάθων verkehrte. Σάθων, heisst Knabe oder
Mann, aber unter dem geschlechtlichen Aspekt, denn σάθων kommt von
σάθη, penis, womit Antisthenes auf dem uns wohlbekannten
Projektionswege zart andeutete, wessen Sache er gegen Platon zu
verfechten gedenke. Für den Christen Origenes war dieser Auch-Urgrund,
wie wir sehen, eben gerade der Teufel, dem er durch Selbstkastration
beizukommen suchte, worauf er ungehindert in die reichgeschmückte Welt
der Ideen hinüberging. Antisthenes aber war ein vorchristlicher Heide, dem
die Sache, wofür der Phallus seit Alters als Symbol gesetzt ist, nämlich das
sinnliche Empfinden, noch am Herzen lag; nicht nur ihm, sondern, wie
bekannt, auch der ganzen kynischen Schule, deren Leitmotiv war: zurück
zur Natur! Die Gründe, die das concrete Fühlen und Empfinden des
Antisthenes in den Vordergrund schieben konnten, waren nicht wenige: vor
allem, er war ein Proletarier, der aus seinem Neid eine Tugend machte. Er
war kein ἰθαγενής, kein Vollblutgrieche. Er war von der Peripherie; er lehrte
auch draussen vor den Toren von Athen und befleissigte sich eines
proletarischen Benehmens, ein Vorbild der kynischen Philosophie. Auch die
ganze Schule setzte sich aus Proletariern oder doch wenigstens aus
„peripheren“ Leuten zusammen, denen allen eine zersetzende Kritik
hergebrachter Werte eigentümlich war. Nach Antisthenes war einer der
hervorragendsten Vertreter der Schule Diogenes, der sich selbst den Titel
Kyon — Hund beilegte, und dessen Grabmal auch ein Hund aus parischem
Marmor zierte. So warm seine Menschenliebe, und so menschlich
verständnisvoll sein ganzes Wesen war, so unerbittlich riss er auch alles
herunter, was den Menschen seiner Zeit heilig war. Er verlachte sie ob der
Schauer, die die Zuschauer beim Anblick der thyesteischen Mahlzeit oder
der Incesttragödie des Oedipus im Theater befielen, denn die
Anthropophagie sei doch nicht so schlimm, indem das Menschenfleisch
keine Ausnahmestellung gegenüber anderm Fleisch beanspruchen könne,
und auch das Missgeschick eines Incestverhältnisses kein besonderes
Unheil sei, wie uns das lehrreiche Beispiel unserer Haustiere zeige. In
mehrfacher Hinsicht verwandt mit den Kynikern war die megarische
Schule. War doch Megara die unglückliche Nebenbuhlerin Athens! Nach
einem vielversprechenden Anfang, wo Megara durch die Gründung von
Byzanz und des hybläischen Megara in Sizilien sich hervortat, brachen bald

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innere Wirren aus, an denen Megara bis zum Verfall hinsiechte und von
Athen in jeder Hinsicht überflügelt wurde. Tölpelhafte Bauernwitze hiessen
in Athen „megarische Spässe“. Aus diesem mit der Muttermilch
eingesogenen Neid des Unterlegenen dürfte sich nicht weniges, was für die
megarische Philosophie kennzeichnend ist, erklären. Auch diese
Philosophie, wie die kynische, war eine durchaus nominalistische, die zum
Ideenrealismus des Platon in striktem Gegensatz stand.
Ein hervorragender Vertreter dieser Richtung war Stilpon von Megara,
von dem folgende charakteristische Anekdote geht: Stilpon kam einmal
nach Athen und sah auf der Akropolis das von Phidias geschaffene
Wunderbild der Pallas. Echt Megarisch bemerkte er dazu, das sei nicht die
Tochter des Zeus, sondern die des Phidias. In diesem Scherz ist auch der
ganze Geist des megarischen Denkens ausgedrückt, denn Stilpon lehrte,
dass die Gattungsbegriffe ohne Realität und objektive Gültigkeit seien, wer
also von dem Menschen spreche, spreche von keinem, weil er οὔτε τόνδε
οὔτε τόνδε (weder diesen noch jenen) bezeichne. Plutarch schreibt ihm den
Satz zu: ἕτερον ἑτέρον μὴ κατηγορεῖσθαι dass eines über ein anderes nicht
aussagen könne. Antisthenes lehrte Ähnliches. Der älteste Vertreter dieser
Art von Urteilsbildung scheint Antiphon von Rhamnus gewesen zu sein, ein
Sophist und Zeitgenosse des Socrates. Ein von ihm überlieferter Satz lautet:
„Die Länge sieht weder mit Augen, noch kann sie mit dem Geist erkennen,
wer irgend welche langen Gegenstände erkennt.“ Aus diesem Satz geht die
Leugnung der Substantialität des Gattungsbegriffes ohne weiteres hervor.
Mit dieser eigentümlichen Art des Urteils wird den Platonischen Ideen
allerdings der Boden entzogen, denn bei Platon kommt gerade den Ideen
eine ewige und unveränderliche Gültigkeit und Dauer zu, während das
„Wirkliche“ und die „Vielheit“ bloss vergänglicher Abglanz ist. Der
kynisch-megarische Kritizismus dagegen löst vom Standpunkt des
Wirklichen aus jene Gattungsbegriffe in rein kasuistische und descriptive
Nomina auf ohne irgend welche Substantialität. Der Akzent liegt auf dem
individuellen Ding.
Diesen offenkundigen und fundamentalen Gegensatz hat Gomperz klar
erfasst als das Problem der Inhärenz und der Prädikation:
Wenn wir z. B. von „warm“ und „kalt“ reden, so reden wir von
„warmen“ und „kalten“ Dingen, zu denen „warm“ und „kalt“ als Attribute
resp. Prädikate oder Aussagen gehören. Die Aussage bezieht sich auf

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Wahrgenommenes und wirklich Existierendes, nämlich auf einen warmen
oder kalten Körper. Aus einer Mehrheit ähnlicher Fälle abstrahieren wir den
Begriff der „Wärme“ und „Kälte“, womit wir auch unmittelbar etwas
Dinghaftes verbinden, resp. mitdenken. So ist uns „Wärme“ und „Kälte“
etc., etwas Dingliches infolge des Nachklanges der Wahrnehmung in der
Abstraktion. Es ist uns geradezu schwierig, das Dinghafte von der
Abstraktion abzustreifen, indem es jeder Abstraktion ihrer Herkunft
entsprechend natürlicherweise anhaftet. In diesem Sinne ist die
Dinghaftigkeit des Prädikates eigentlich a priori. Wenn wir nunmehr auf
den nächsthöhern Gattungsbegriff „Temperatur“ übergehen, so fühlen wir
auch hier noch ohne Schwierigkeit das Dinghafte, welches zwar seine
sinnliche Bestimmtheit in etwas abgelegt, aber in nichts an seiner
Vorstellbarkeit eingebüsst hat. Aber auch die Vorstellbarkeit haftet enge an
der sinnlichen Wahrnehmung. Wenn wir zu einem noch viel höhern
Gattungsbegriff aufsteigen, nämlich zu dem der Energie, so schwindet zwar
der Charakter des Dinghaften und ebenso in gewissem Grade die Qualität
der Vorstellbarkeit, damit eröffnet sich aber auch der Konflikt über die
„Natur“ der Energie, nämlich ob sie rein denkmässig, abstrakt sei, oder ob
sie etwas „Wirkliches“ sei. Zwar ist der gelehrte Nominalist unserer Tage
davon überzeugt, dass „Energie“ ein blosses Nomen ist und
„Rechenpfennig“ unseres geistigen Calcüls, kann aber nicht verhindern,
dass der gewöhnliche Sprachgebrauch „Energie“ als etwas durchaus
Dinghaftes handhabt und in den Köpfen beständig die grösste
erkenntnistheoretische Verwirrung anrichtet.
Die Dinglichkeit des rein Denkmässigen, die so natürlich sich in unsern
Abstraktionsprozess einschleicht und die „Realität“ des Prädikates oder der
abstrakten Idee bewirkt, ist kein Kunstprodukt, keine willkürliche
Hypostasierung eines Begriffes, sondern etwas eigentümlich
Naturnotwendiges. Es ist nämlich nicht so, dass der abstrakte Gedanke
willkürlich hypostasiert und in eine Jenseitswelt ebenso künstlicher
Herkunft versetzt wird, sondern der wirkliche historische Prozess ist
umgekehrt. Beim Primitiven nämlich ist die Imago, der psychische
Widerhall der Sinnesempfindung so stark und so ausgesprochen sinnlich
gefärbt, dass er, wenn er reproduktiv auftritt, d. h. als spontanes
Erinnerungsbild, gelegentlich sogar die Qualität der Hallucination hat.
Wenn also einem Primitiven das Erinnerungsbild seiner verstorbenen
Mutter wieder einfällt, so sieht und hört er sozusagen ihren Geist. Wir

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„denken“ nur an die Toten, der Primitive nimmt sie wahr, eben wegen der
ausserordentlichen Sinnlichkeit seiner geistigen Bilder. Daher kommt der
primitive Geisterglaube. Die Geister sind das, was wir ganz einfach
Gedanken nennen. Wenn der Primitive „denkt“, so hat er eigentlich
Visionen, deren Realität so gross ist, dass er das Psychische und das Reale
beständig verwechselt. Powell sagt: „La confusion des confusions dans la
pensée des non-civilisés est la confusion de l’objectif et du subjectif.“
Spencer und Gillen sagen: „What a savage experiences during a dream is
just as real to him as what he sees when he is awake.“ Was ich selber von
der Psychologie des Negers gesehen habe, bestätigt das Angeführte
durchaus. Aus dieser Grundtatsache des psychischen Realismus der
Selbständigkeit des Bildes gegenüber der Selbständigkeit der
Sinnesempfindung stammt der Geisterglaube und nicht aus irgend einem
Erklärungsbedürfnis des Wilden, das ihm bloss von Europäern angedichtet
wird. Der Gedanke hat für den Primitiven visionären, auditiven und darum
auch Offenbarungscharakter. Daher der Zauberer, nämlich der Visionäre,
auch immer der Denker des Stammes ist, der die Offenbarung der Geister
oder Götter vermittelt. Eben daher kommt auch die magische Wirkung des
Gedankens, denn weil er real ist, ist er so gut wie Tat, ebenso das Wort, als
äussere Bekleidung des Gedankens, denn das Wort ruft „reale“
Erinnerungsbilder heraus, hat also „reale“ Wirkung. Wir wundern uns über
den primitiven Aberglauben nur darum, weil uns eine weitgehende
Entsinnlichung des psychischen Bildes gelungen ist, d. h. wir lernten
„abstrakt“ denken, natürlich mit den obenerwähnten Einschränkungen.
Immerhin weiss derjenige, der sich auch praktisch mit analytischer
Psychologie beschäftigt, dass er des öftern genötigt ist, auch seinen
„gebildeten“ europäischen Patienten in Erinnerung zu rufen, dass „Denken“
kein „Tun“ ist, dem einen, weil er glaubt, etwas zu denken, genüge, dem
andern, weil er meint, er dürfe etwas nicht denken, weil er es sonst tun
müsste. Wie leicht die ursprüngliche Realität des psychischen Bildes wieder
hervortritt, zeigt der Traum beim Normalen und die Hallucination bei
Verlust des geistigen Gleichgewichtes. Die mystische Praxis bestrebt sich
sogar, die primitive Realität der Imago durch künstliche Introversion wieder
herzustellen, um das Gegengewicht gegenüber der Extraversion zu erhöhen.
Ein treffendes Beispiel ist die Initiation des mohammedanischen Mystikers
Tewekkul-Beg durch Molla-Shâh.[4] Tewekkul-Beg erzählt: „Nach diesen
Worten hiess er (Molla-Shâh) mich ihm gegenübersetzen, während meine

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Sinne wie berauscht waren, und befahl mir, in meinem Innern sein eigenes
Bild zu erzeugen; und nachdem er mir die Augen verbunden hatte, forderte
er mich auf, alle meine Seelenkräfte auf mein Herz hinzusammeln. Ich
gehorchte, und im Augenblick, auf die göttliche Gunst und den geistigen
Beistand des Scheichs hin, öffnete sich mein Herz. Ich sah, dass in meinem
Innern etwas war, das einem umgestürzten Becher glich; als dieser
Gegenstand aufgerichtet worden war, erfüllte ein Gefühl uneingeschränkter
Glückseligkeit mein Wesen. Ich sagte zum Meister: „Von dieser Zelle, in
der ich vor dir sitze, sehe ich ein treues Bild in meinem Innern, und das
erscheint mir, als ob ein anderer Tewekkul-Beg vor einem andern Molla-
Shâh sässe.“ Der Meister erklärte ihm dies als die erste Erscheinung seiner
Initiation. Bald darauf folgten in der Tat noch andere Visionen, nachdem
einmal der Weg zum primitiven Realbilde eröffnet war.“
Die Realität des Prädikates ist a priori gegeben, denn sie war von jeher
im menschlichen Geiste vorhanden. Nur durch nachträgliche Kritik wird
der Abstraktion der Wirklichkeitscharakter entzogen. Noch in den Zeiten
Platons war der Glaube an die magische Realität des Wortbegriffes so
gross, dass es sich für den Philosophen lohnte, Fang- oder Trugschlüsse zu
ersinnen, wobei er mittelst der absoluten Wortbedeutung eine absurde
Antwort erzwang. Ein einfaches Beispiel ist der Enkekalymmenos (der
Verhüllte) genannte Trugschluss des Megarikers Eubulides. Er lautet:
„Kannst Du deinen Vater erkennen? Ja. Kannst du diesen Verhüllten
erkennen? Nein. Du widersprichst dir; denn dieser Verhüllte ist dein Vater.
Du kannst also deinen Vater erkennen und doch auch nicht erkennen.“ Der
Trug liegt bloss darin, dass der Befragte naiverweise voraussetzt, dass das
Wort „erkennen“ allemal auch einen und denselben objektiven Tatbestand
kennzeichne, während seine Gültigkeit in Wirklichkeit nur auf gewisse
Fälle beschränkt ist. Auf demselben Prinzip beruht der Keratines (der
Gehörnte), welcher folgendermassen lautet: „Was du nicht verloren hast,
hast du noch, Hörner hast du nicht verloren. Also hast du Hörner.“ Auch
hier liegt der Trug in der Naivität des Befragten, der in der Prämisse einen
bestimmten Tatbestand annimmt. Mit dieser Methode konnte überzeugend
dargetan werden, dass die absolute Wortbedeutung eine Illusion war. Damit
ging man auch der Realität des Gattungsbegriffes zu Leibe, der in der Form
der platonischen Idee sogar metaphysische Existenz und ausschliessliche
Gültigkeit hatte. Gomperz sagt: „Man war eben noch nicht von jenem
Misstrauen gegen die Sprache erfüllt, das uns beseelt und in den Worten

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einen häufig so wenig adäquaten Ausdruck der Tatsachen erkennen lässt. Es
herrschte vielmehr der naive Glaube vor, dass ein Begriffskreis und der
Gebrauchskreis des ihm im grossen und ganzen entsprechenden Wortes
einander jedesmal decken müssen.“ Gegenüber der magischen absoluten
Wortbedeutung, welche voraussetzt, dass durch sie auch jeweilen das
objektive Verhalten der Sachen gegeben sei, ist die sophistische Kritik
durchaus am Platze. Sie beweist schlagend die Ohnmacht der Sprache.
Insofern nun die Ideen blosse Nomina sind — eine Annahme, die zu
beweisen wäre — ist der Angriff auf Platon gerechtfertigt. Die
Gattungsbegriffe hören aber auf, blosse Nomina zu sein, wenn sie
Ähnlichkeiten oder Konformitäten der Dinge unter sich bezeichnen. Dann
handelt es sich um die Frage, ob diese Konformitäten objektiv sind oder
nicht. Tatsächlich existieren diese Konformitäten, daher auch die
Gattungsbegriffe einer Realität entsprechen. Sie enthalten Reales so gut,
wie die exakte Beschreibung eines Dinges. Der Gattungsbegriff ist davon
nur dadurch unterschieden, dass er die Beschreibung oder die Bezeichnung
der Konformitäten der Dinge ist. Die Hinfälligkeit liegt daher nicht im
Begriff oder in der Idee, sondern in ihrem sprachlichen Ausdruck, der
selbstverständlich unter keinen Umständen das Ding oder die Konformität
der Dinge adäquat wiedergibt. Der nominalistische Angriff auf die
Ideenlehre ist daher im Prinzip ein Übergriff ohne Rechtfertigung. Platons
irritierte Abwehr war daher vollständig berechtigt. Das Inhärenz-Prinzip bei
Antisthenes besteht darin, dass von einem Subjekt nicht nur nicht viele
Prädikate, sondern überhaupt keines, das von ihm verschieden ist, ausgesagt
werden kann. Antisthenes hat nur Aussagen als gültig zugelassen, die mit
dem Subjekt identisch waren. Abgesehen von dem Umstand, dass solche
identische Sätze (wie „das Süsse ist süss“) überhaupt nichts aussagen und
darum sinnlos sind, liegt die Schwäche des Inhärenzprinzips darin, dass
auch ein identisches Urteil mit dem Ding nichts zu tun hat; das Wort „Gras“
hat mit dem Ding „Gras“ an sich gar nichts zu tun. Das Inhärenzprinzip
leidet in ebenso hohem Masse an dem alten Wortfetischismus, der naiv
voraussetzt, dass das Wort auch die Sache decke. Wenn daher der
Nominalist dem Realisten zuruft: „Du träumst, du meinst es mit Dingen zu
tun zu haben, während du doch nur mit Wortchimären fichtst!“ So kann der
Realist dasselbe dem Nominalisten antworten, denn auch der Nominalist
handelt nicht mit den Dingen selbst, sondern mit Worten, die er für die

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Dinge setzt. Auch wenn er für jedes einzelne Ding ein besonderes Wort
setzt, so sind es doch immer nur Worte und nicht die Dinge selbst.
So ist nun die Idee der „Energie“ zwar zugestandenermassen ein blosser
Wortbegriff, aber doch so ausserordentlich real, dass die Aktiengesellschaft
eines Elektrizitätswerkes Dividende daraus bezahlt. Der Verwaltungsrat
liesse sich von der Irrealität und sonstiger Metaphysik der Energie
keineswegs überzeugen. „Energie“ bezeichnet eben die Konformität der
Krafterscheinungen, die nicht wegzuleugnen ist und die ihre Existenz
tagtäglich aufs Schlagendste beweist. Insofern das Ding real ist, und ein
Wort das Ding konventionell bezeichnet, so kommt auch dem Wort
„Realbedeutung“ zu. Insofern die Konformität der Dinge real ist, so kommt
auch dem die Konformität der Dinge bezeichnenden Gattungsbegriff
„Realbedeutung“ zu, und zwar eine Bedeutung, die nicht kleiner und nicht
grösser ist, als die des Wortes, das die Einzelsache bezeichnet. Die
Verschiebung des Wertakzentes von der einen auf die andere Seite, ist
Sache der individuellen Einstellung und der zeitgenössischen Psychologie.
Diese Grundlage hat Gomperz auch bei Antisthenes herausgefühlt und hebt
folgende Punkte hervor: „Handfester Menschenverstand, das Widerstreben
gegen alle Schwärmerei, vielleicht auch die Stärke des Individualgefühles,
dem die Einzelpersönlichkeit und darum wohl auch das Einzelwesen
überhaupt als der Typus der vollen Wirklichkeit gilt.“ Wir fügen dazu noch
den Neid des Nicht-Vollbürgers, des Proletariers, des Menschen, den das
Geschick spärlich mit Schönheit bedachte und der wenigstens dadurch in
die Höhe kommen will, dass er die Werte der andern herunterreisst. Dies ist
besonders charakteristisch für den Kyniker, der immer andere bekrittelte,
dem nichts heilig war, wenn es nämlich einem andern gehörte, und der sich
sogar vor Hausfriedensbruch nicht scheute, um eine Gelegenheit zu haben,
seine Ratschläge an den Mann zu bringen.
Dieser wesentlich kritischen Geistesrichtung gegenüber steht die
Ideenwelt Platons mit ihrer ewigen Wesenhaftigkeit. Es ist klar, dass die
Psychologie desjenigen, der jene Welt schuf, gegensätzlich orientiert war zu
der oben geschilderten kritisch-zersetzenden Urteilsbildung. Das Denken
Platons abstrahiert von der Vielheit der Dinge und schafft synthetisch-
construktiv Begriffe, welche die allgemeinen Konformitäten der Dinge als
das eigentlich Seiende bezeichnen und ausdrücken. Ihre Unsichtbarkeit und
Übermenschlichkeit ist ein gerades Gegenteil zum Concretismus des

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Inhärenzprinzipes, welches den Stoff des Denkens auf das Einmalige,
Individuelle, Sächliche reduzieren möchte. Dieses Unternehmen ist aber
ebenso unmöglich, wie die ausschliessliche Geltung des
Prädikationsprinzipes, welches das über viele Einzeldinge Ausgesagte zu
einer jenseits der Hinfälligkeit existierenden ewigen Substanz erheben
möchte. Beide Urteilsbildungen sind daseinsberechtigt, sowie auch beide in
jedem Menschen natürlicherweise vorhanden sind. Man sieht dies meines
Erachtens am besten an der Tatsache, dass gerade der Gründer der
megarischen Schule, Eukleides von Megara, eine All-Einheit aufstellte, die
unermesslich hoch und unerreichbar über dem Individuellen und
Kasuistischen stand. Er verband nämlich das eleatische Prinzip des
„Seienden“ mit dem „Guten“, sodass für ihn das „Seiende“ und das „Gute“
identisch waren. Dagegen stand nur das „Nicht-Seiende-Böse“. Diese
optimistische All-Einheit ist natürlich nichts anderes als ein Gattungsbegriff
höchster Ordnung, einer, der das Seiende schlechthin umfasst, zugleich
auch aller Evidenz zuwiderläuft, und dies in weit höherm Masse als die
Platonischen Ideen. Damit schaffte Eukleides eine Compensation für die
kritische Auflösung des construktiven Urteils in lauter Wortdinge. Diese
All-Einheit ist so fern und so vage, dass sie auch schlechterdings keine
Konformität der Dinge mehr ausdrückt, kein Typus ist, sondern das Gebilde
eines Wunsches nach einer Einheit, welche den ungeordneten Haufen der
Einzeldinge zusammenfasst. Der Wunsch nach einer solchen Einheit drängt
sich allen auf, die einem extremen Nominalismus huldigen, insofern sie
überhaupt aus ihrer negativ-kritischen Haltung herauszukommen versuchen.
Wir finden daher bei dieser Art Leute gar nicht selten einen einheitlichen
Grundbegriff von hervorragender Unwahrscheinlichkeit und
Willkürlichkeit. Es ist nämlich eine unmögliche Sache, sich auf das
Inhärenzprinzip ausschliesslich zu gründen. Gomperz sagt darüber treffend:
„Solch ein Versuch wird voraussichtlich zu allen Zeiten misslingen. Ganz
und gar ausgeschlossen war sein Gelingen in einem Zeitalter, dem es an
geschichtlichem Verständnis gebrach, und dem eine vertiefte Seelenlehre so
gut als vollständig abging. Hier war die Gefahr nicht nur drohend, sondern
unabwendbar, dass die offenkundigeren und durchsichtigeren, aber alles in
allem minder gewichtigen Nützlichkeiten die versteckteren, aber in
Wahrheit schwerer wiegenden in den Hintergrund drängen würden. Indem
man die Tierwelt und den Urmenschen zum Vorbild nahm, um nach diesem
Muster die Auswüchse der Kultur zu beschneiden, legte man Hand an gar

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vieles von dem, was die Frucht einer nach Jahrmyriaden zählenden, im
grossen und ganzen aufsteigenden Entwicklung gewesen ist.“
Das construktive Urteil, das im Gegensatz zur Inhärenz, auf die
Konformität der Dinge abstellt, hat allgemeine Ideen erzeugt, die zu den
höchsten Kulturgütern gehören. Auch wenn diese Ideen zu den Toten
gehören, so verbinden uns mit ihnen doch noch Fäden, die, wie Gomperz
sagt, eine kaum zerreissbare Stärke gewonnen haben. Er fährt weiter: „Wie
der entseelte Leichnam, so kann auf diesem Wege auch das an sich
Unbeseelte einen Anspruch auf Schonung, Ehrung und selbst aufopfernde
Hingebung erwerben; man denke an Bildnisse, an Gräber, an die Fahne des
Soldaten. Tue ich mir aber Gewalt an und bemühe ich mich mit Erfolg,
jenes Gespinnst zu zerreissen, so verfalle ich der Verrohung, so erleide ich
schwere Einbusse an all den Empfindungen, welche den harten Felsboden
der nackten Wirklichkeit wie mit einer reichen Decke blühenden Lebens
umkleiden. Auf der Hochhaltung dieses Überwuchses, auf der Schätzung
alles dessen, was man erworbene Werte nennen möchte, beruht jede
Verfeinerung, alle Zier und Anmut des Lebens, alle Veredelung tierischer
Triebe, so gut als aller Kunstgenuss und Kunstbetrieb — eben all dasjenige,
was die Kyniker skrupel- und mitleidslos auszurotten bemüht waren.
Gewisslich — das darf man ihnen und ihren nicht allzuseltenen modernen
Nachfolgern bereitwillig zugestehen — es gibt eine Grenze, über welche
hinaus wir dem Walten des Associationsprinzipes nicht Folge leisten dürfen,
ohne der Torheit, ja des Aberglaubens geziehen zu werden, der ganz und gar
aus dem schrankenlosen Walten jenes Prinzipes erwachsen ist.“
Wir sind so ausführlich auf das Problem der Inhärenz und der
Prädikation eingegangen, weil dieses Problem nicht nur im scholastischen
Nominalismus und Realismus wieder aufgetaucht ist, sondern auch, weil es
immer noch nicht zur Ruhe und Ausgleichung gelangt ist und wohl nie dazu
gelangen wird. Denn es handelt sich hier wiederum um den typischen
Gegensatz zwischen dem abstrakten Standpunkt, wo der ausschlaggebende
Wert im Denkprozess selber liegt, und dem Denken und Fühlen, das
(bewusst oder unbewusst) der Orientierung durch das sinnliche Objekt
unterliegt. In letzterm Fall ist der geistige Prozess Mittel zum Zweck der
Heraushebung der Persönlichkeit. Es ist kein Wunder, dass es gerade die
Proletarierphilosophie war, welche das Inhärenzprinzip adoptierte. Wo
immer genügend Gründe vorhanden sind, das Schwergewicht auf das

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Individualfühlen zu verlegen, wird das Denken und Fühlen
notwendigerweise durch Armut an positiv-schaffender Energie (die nämlich
alle dem persönlichen Zwecke zugeführt wird) negativ-kritisch, es
analysiert und reduziert auf concrete Einzelheit. Der daraus entstehenden
Anhäufung ungeordneter Einzeldinge wird bestenfalls eine vage All-Einheit
übergeordnet, deren Wunschcharakter mehr oder weniger durchsichtig ist.
Wo das Schwergewicht aber auf dem geistigen Prozesse liegt, da wird das
Resultat des geistigen Schaffens der Vielheit als Idee übergeordnet. Die
Idee ist möglichst depersonalisiert; das persönliche Empfinden aber geht
soweit als möglich in den geistigen Prozess über, den es hypostasiert.
Wie oben, so müssen wir uns auch hier im Vorübergehen die Frage
vorlegen, ob die Psychologie der platonischen Ideenlehre uns zu der
Annahme berechtige, dass Platon persönlich dem introvertierten Typus
angehöre, und ob die Psychologie der Kyniker und Megariker uns gestatte,
einen Antisthenes, Diogenes und Stilpon dem extravertierten Typus
zuzurechnen? Von dieser Fragestellung aus ist eine Entscheidung ganz
unmöglich. Aus einer höchst sorgfältigen Durchforschung der authentischen
Schriften Platons als seiner „documents humains“ liesse sich vielleicht
erschliessen, welchem Typus er persönlich angehörte. Ich selber wage es
nicht, irgend ein positives Urteil auszusprechen. Wenn jemand den Beweis
erbrächte, dass Platon dem extravertieren Typus angehörte, würde es mich
nicht erstaunen. Von den andern ist die Überlieferung dermassen
fragmentarisch, dass eine Entscheidung meines Erachtens zu den
Unmöglichkeiten gehört. Da die beiden besprochenen Arten des Denkens
von einer Verlagerung des Wertakzentes herrühren, so ist es natürlich
ebensogut möglich, dass durch gewisse Gründe bei einem Introvertierten
das persönliche Empfinden in den Vordergrund geschoben und dem Denken
superordiniert wird, sodass das Denken negativ-kritisch wird. Für den
Extravertierten liegt der Wertakzent auf der Beziehung zum Objekt
schlechthin, aber nicht notwendigerweise auf dem persönlichen Verhältnis
dazu. Wenn die Beziehung zum Objekt im Vordergrund steht, dann ist der
geistige Prozess zwar schon subordiniert, entbehrt aber des destruktiven
Charakters, wenn er sich ausschliesslich mit der Natur des Objektes befasst
und die Einmischung des persönlichen Empfindens fernhält. Wir haben
daher den besondern Konflikt zwischen Inhärenz- und Prädikationsprinzip
als einen Spezialfall anzumerken, der im weitern Verlauf der Untersuchung
eine tiefergehende Würdigung finden soll. Das Besondere dieses Falles liegt

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im positiven und negativen Mitspielen des persönlichen Empfindens. Wo
der Typus (Gattungsbegriff) das Einzelding bis zum Schatten
herunterdrückt, da hat der Typus, die Idee, Wirklichkeit gewonnen. Wo der
Wert des Einzeldinges den Typus (Gattungsbegriff) aufhebt, da ist
anarchistische Zersetzung am Werke. Beide Positionen sind extrem und
ungerecht, aber sie erzeugen ein Gegensatzbild, das an Deutlichkeit nichts
zu wünschen lässt und eben durch Übertreibung Züge hervorhebt, die,
allerdings in milderer und darum versteckterer Form, auch dem Wesen des
introvertierten und extravertierten Typus anhaften, auch wenn es sich um
Persönlichkeiten handelt, bei denen das persönliche Empfinden nicht in den
Vordergrund geschoben ist. Denn es macht einen beträchtlichen
Unterschied im Wesen aus, ob z. B. das Geistige Herr ist oder Diener. Der
Herr denkt und fühlt anders als der Diener. Auch eine weitgehende
Abstraktion vom Persönlichen zu Gunsten des Allgemeinwertes vermag die
persönlichen Beimischungen nicht gänzlich zu eliminieren. Und insofern
diese existieren, enthalten auch Denken und Fühlen jene destruktiven
Tendenzen, die aus der Selbstbehauptung der Person gegenüber der
Ungunst sozialer Bedingungen herrühren. Man würde aber einen grossen
Irrtum begehen, wenn man, um der Existenz der persönlichen Tendenzen
willen, auch die hervorgebrachten Allgemeinwerte auf persönliche
Unterströmungen reduzieren wollte. Das wäre Afterpsychologie. Aber
solche gibt es.
b) Das Universalienproblem in der Scholastik. Das Problem der beiden
Urteilsbildungen blieb ungelöst, denn — tertium non datur. So überlieferte
Porphyrius das Problem auch dem Mittelalter: „Mox de generibus et
speciebus illud quidem sive subsistant sive in nudis intellectibus posita sint,
sive subsistentia corporalia sint an incorporalia, et utrum separata a
sensibilibus an in sensibilibus posita et circa haec consistentia, dicere
recusabo.“ (Was die Allgemein-und Gattungsbegriffe betrifft, so ist die
Frage, ob sie substantiell oder bloss intellektuell sind, ob sie körperlich oder
unkörperlich sind, ob sie getrennt von den Wahrnehmungsdingen oder in
und um dieselben sind.) In dieser Form etwa nahm das Mittelalter das
Problem auf: Man unterscheidet die platonische Ansicht, die universalia
ante rem, das Allgemeine oder die Idee als Muster oder Beispiel vor allen
Einzeldingen und gänzlich losgelöst von ihnen ἐν οὐρανίῳ τόπῳ (an
himmlischen Orte) existierend, wie die weise Diotima im Gespräch über
das „Schöne“, zu Sokrates sagt:

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„Dieses Schöne wird sich ihm nicht darstellen als ein Gesicht oder
Hände oder was sonst zum Körper gehört, noch auch als ein begrifflicher
Ausdruck oder Erkenntnis, noch überhaupt als etwas, was an einem andern
ist, sei es an einem Einzelwesen oder auf der Erde oder im Himmel oder
sonstwo, sondern an sich und für sich selbst und sich selber ewig gleich,
alles andere Schöne aber seiner nur dergestalt teilhaft, dass es selber durch
Entstehen und Vergehen des andern Schönen weder vermehrt, noch
vermindert wird, noch irgend etwas erleidet.“ (Symposion 211 B.)
Der platonischen Form gegenüber stand, wie wir sahen, die kritische
Annahme, dass Gattungsbegriffe blosse Wörter seien. In diesem Falle ist
das Reale prius, das Ideale posterius. Man bezeichnete diese Ansicht mit
dem Schlagwort: universalia post rem.
Zwischen beiden Auffassungen steht die gemässigte realistische
Auffassung des Aristoteles, die als „universalia in re“ bezeichnet werden
kann, dass nämlich Form (εἶδος) und Stoff zusammen existieren. Der
aristotelische Standpunkt ist ein concretistischer Vermittlungsversuch,
welcher dem Wesen des Aristoteles völlig entspricht. Gegenüber dem
Transscendentalismus seines Lehrers Platon, dessen Schule dann einem
pythagoräischen Mystizismus verfiel, war Aristoteles ganz ein Mann der
Wirklichkeit, seiner antiken Wirklichkeit, muss man sagen, die vieles
concret enthielt, was spätere Zeiten herausnahmen und dem Inventar des
menschlichen Geistes zurechneten. Seine Lösung entspricht dem
Concretismus des antiken common sense.
Diese drei Formen geben auch die Gliederung der mittelalterlichen
Ansichten im grossen Universalienstreit, der eigentlich die Essenz der
Scholastik war. Es kann nicht meine Aufgabe sein — schon um meiner
mangelnden Kompetenz willen — bis in die Einzelheiten des grossen
Streites einzudringen. Ich begnüge mich mit orientierenden Andeutungen.
Der Streit hob an mit den Ansichten des Johannes Roscellinus gegen Ende
des 11. Jahrhunderts. Für ihn waren die Universalia bloss nomina rerum,
Namen der Dinge, oder, wie die Tradition sagt: „flatus vocis“. Es gab für
ihn nur Einzeldinge, Individuen. Er war, wie Taylor treffend bemerkt,
„strongly held by the reality of individuals.“ Der nächst liegende Schluss
war, auch Gott nur als Individuum zu denken, damit auch die Trinität in drei
Personen aufzulösen, womit Roscellinus eigentlich zu einem Tritheismus
gelangte. Das konnte sich der vorherrschende Realismus nicht bieten

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lassen; 1092, auf einer Synode zu Soissons, wurden Roscellins Ansichten
verdammt. Auf der andern Seite stand Wilhelm von Champeaux, der Lehrer
Abälards, ein extremer Realist, aber von aristotelischer Färbung. Nach
Abälard lehrte er, dass ein und dasselbe Ding in seiner Totalität und zu
gleicher Zeit in den verschiedenen Einzeldingen existiere. Zwischen den
Einzeldingen sei überhaupt keine wesentliche Verschiedenheit, sondern
bloss eine Mannigfaltigkeit der „Akzidentien“. Mit letzterm Begriff sind die
wirklichen Verschiedenheiten der Dinge als Zufälligkeiten charakterisiert,
sowie im Dogma der Transsubstantiation Brot und Wein als solche nur
„Akzidentien“ sind.
Auf Seiten des Realismus stand auch Anselm von Canterbury, der Vater
der Scholastik. Echt platonisch liegen bei ihm die universalia im göttlichen
Logos. Aus diesem Geiste heraus ist auch der psychologisch wichtige
Gottesbeweis zu verstehen, den Anselm aufgestellt hat und den man den
ontologischen nennt. Dieser Beweis tut die Existenz Gottes aus der Idee
Gottes dar. J. H. Fichte (Psychologie II, 120) hat diesen Beweis kurz
folgendermassen formuliert: „Das Vorhandensein der Idee eines
Unbedingten in unserm Bewusstsein beweist die reale Existenz dieses
Unbedingten.“ Anselms Gedanke ist, dass der im Intellekte vorhandene
Begriff eines höchsten Wesens auch die Qualität der Existenz einschliesst
(non potest esse in intellectu solo). Er folgert also: „Vero ergo est aliquid,
quo majus cogitari non potest, ut nec cogitari posset non esse, et hoc es tu,
Deus noster.“ Die logische Schwäche des ontologischen Argumentes ist so
offenkundig, dass es schon psychologischer Erklärungsgründe bedarf,
weshalb ein Geist wie Anselm diese Argumentation aufstellen konnte. Der
nächste Grund ist in der allgemeinen psychologischen Disposition des
Realismus überhaupt zu suchen, nämlich in der Tatsache, dass sowohl eine
gewisse Menschenklasse, als auch, entsprechend der Zeitströmung, gewisse
Menschengruppen ihren Wertakzent auf die Idee verlegen, sodass die Idee
ihnen einen höhern Real- resp. Lebenswert darstellt, als die Wirklichkeit der
Einzeldinge. Daher es ihm einfach als eine Unmöglichkeit erscheint,
anzunehmen, dass das, was ihnen das Wertvollste und Bedeutsamste ist,
nicht auch wirklich existieren sollte. Sie haben ja den schlagendsten Beweis
für dessen Wirksamkeit selber in Händen, indem ihr Leben, Denken und
Fühlen offenkundigerweise ganz nach diesem Gesichtspunkt orientiert ist.
Die Unsichtbarkeit der Idee tut nichts zur Sache neben ihrer

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ausserordentlichen Wirksamkeit, die eben eine Wirklichkeit ist. Sie haben
einen ideellen und keinen sensualistischen Wirklichkeitsbegriff.
Ein zeitgenössischer Gegner des Anselm, Gaunilo, wendete schon ein,
dass die häufig vorkommende Vorstellung einer glückseligen und
vollkommenen Insel (nach Art des Phäakenlandes) doch nicht
notwendigerweise auch deren wirkliche Existenz beweise. Dieser Einwand
ist tastbar vernünftig. Solcher und ähnlicher Einwände wurden im Laufe der
Jahrhunderte nicht wenige erhoben, was aber keineswegs hinderte, dass das
ontologische Argument bis auf neueste Zeit nicht ausgestorben ist, sondern
noch im 19. Jahrhundert von Hegel, Fichte und Lotze vertreten wurde.
Derartige Kontradiktionen sind nicht einem ganz besondern Mangel an
Logik oder einer noch viel grössern Verblendung auf der einen oder andern
Seite zuzuschreiben. Das wäre abgeschmackt. Vielmehr handelt es sich um
tiefgreifende psychologische Unterschiede, die einmal anzuerkennen und
fest zu halten sind. Die Annahme, es gebe nur eine Psychologie oder nur ein
psychologisches Grundprinzip, ist eine unerträgliche Tyrannei des
pseudowissenschaftlichen Vorurteils vom Normalmenschen. Man spricht
immer von dem Menschen und seiner „Psychologie“, die allemal auf
„nichts anderes, als“ zurückgeführt wird. Ebenso spricht man immer von
der Wirklichkeit, als ob es nur eine gäbe. Wirklichkeit ist das, was in einer
menschlichen Seele wirkt, und nicht das, was von gewissen Leuten als
wirkend angenommen und in voreingenommener Weise verallgemeinert
wird. Auch wenn dabei noch so wissenschaftlich vorgegangen wird, so ist
nicht zu vergessen, dass die Wissenschaft nicht die „summa“ des Lebens ist,
und dass sie sogar nur eine der psychologischen Einstellungen, sogar nur
eine Form des menschlichen Denkens ist.
Das ontologische Argument ist kein Argument und kein Beweis,
sondern die psychologische Konstatierung der Tatsache, dass es eine
Menschenklasse gibt, der eine bestimmte Idee das Wirksame und Wirkliche
ist, eine Wirklichkeit, welche sozusagen an die der Wahrnehmungswelt
heranreicht. Der Sensualist pocht auf die Gewissheit seiner „Realität“, und
der Mensch der Idee besteht auf seiner psychologischen Wirklichkeit. Die
Psychologie muss sich mit der Existenz dieser zwei (oder mehrerer) Typen
abfinden, und es jedenfalls unter allen Umständen vermeiden, den einen als
ein Missverständnis des andern aufzufassen, und sie darf niemals ernsthaft
den Versuch machen, den einen Typus auf den andern zu reduzieren, als ob

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alles Anderssein nur eine Funktion des einen sei. Damit soll das bewährte
Wissenschaftsprinzip — principia explicandi praeter necessitatem non sunt
multiplicanda — nicht aufgehoben sein. Denn die Notwendigkeit einer
Mehrheit psychologischer Erklärungsprinzipien besteht. Ganz abgesehen
von dem zu Gunsten dieser Annahme hier Vorgebrachten sollte einem die
bemerkenswerte Tatsache die Augen öffnen, dass nämlich, trotz der
anscheinend endgültigen Erledigung des ontologischen Argumentes durch
Kant, nicht wenige der nachkantischen Philosophen das Argument wieder
aufgenommen haben. Und heute sind wir wieder ebenso weit oder vielmehr
noch viel weiter entfernt von einer Verständigung über die Gegensatzpaare
Idealismus-Realismus, Spiritualismus-Materialismus einschliesslich aller
Nebenfragen, als das frühe Mittelalter, das wenigstens eine gemeinsame
Weltanschauung hatte.
Zu Gunsten des ontologischen Beweises gibt es wohl kein den
modernen Intellekt ansprechendes logisches Argument. Das ontologische
Argument hat eben in sich selber mit Logik gar nichts zu tun, sondern es ist
in der Form, in der Anselm es der Geschichte hinterlassen hat, eine
nachträglich intellektualisierte oder rationalisierte psychologische Tatsache,
was natürlich ohne petitio principii und sonstige Sophismen nicht
geschehen konnte. Darin aber eben zeigt sich die unerschütterliche
Gültigkeit des Argumentes, dass es existiert, und dass der consensus
gentium es als eine allgemein vorhandene Tatsache beweist. Mit der
Tatsache ist zu rechnen, nicht mit dem Sophismus ihrer Begründung, denn
der Fehler des ontologischen Argumentes besteht einzig und allein darin,
dass es logisch argumentieren will, wo es doch viel mehr ist als bloss ein
logischer Beweis; es handelt sich nämlich um eine psychologische
Tatsache, deren Vorkommen und Wirksamkeit so überwältigend klar ist,
dass sie gar keiner Argumentation bedarf. Der consensus gentium beweist,
dass Anselm mit der Konstatierung, dass Gott ist, weil er gedacht wird,
recht hat. Das ist eine offenkundige Wahrheit, sogar nichts anderes als ein
identischer Satz. Die „logische“ Begründung ist daneben ganz überflüssig
und ist erst noch falsch, insofern Anselm seiner Gottesidee eine dingliche
Wirklichkeit anbeweisen wollte. Er sagt: „Existit ergo procul dubio aliquid,
quo majus cogitari non volet, et in intellectu et in re.“ Es existiert also über
allen Zweifel hinaus etwas, grösser als welches nichts gedacht werden
kann, und zwar sowohl im Intellekt als auch im Ding (Dinglichkeit,
„Realität“). Der Begriff „res“ war aber der Scholastik etwas, das mit dem

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Gedanken auf gleicher Höhe stand. So unterschied Dionysius Areopagita,
dessen Schriften einen bedeutenden Einfluss auf die frühmittelalterliche
Philosophie ausübten, neben einander entia rationalia, intellectualia,
sensibilia, simpliciter existentia (rationale, intellektuelle, wahrnehmbare,
schlechthin existierende Dinge) Thomas von Aquino nennt „res“ das, quod
est in anima (was in der Seele ist) und auch das „quod est extra animam“
(was ausserhalb der Seele ist). Diese bemerkenswerte Gleichstellung lässt
noch die primitive Dinglichkeit („Realität“) des Gedankens in der
damaligen Auffassung erkennen. Aus diesem Geisteszustand heraus ist
daher auch die Psychologie des ontologischen Beweises leicht verständlich.
Die Hypostasierung der Idee war gar kein wesentlicher Schritt, sondern als
ein Nachklang der primitiven Sinnlichkeit des Gedankens ohne weiteres
gegeben. Das Gegenargument des Gaunilo ist psychologisch ungenügend,
indem auch die Idee einer glückseligen Insel, wie der consensus gentium
beweist, häufig vorkommt, jedoch unzweifelhaft weniger wirksam ist, als
die Gottesidee, der infolgedessen ein höherer „Realitätswert“ zukommt.
Alle Spätern, die das ontologische Argument wieder aufgenommen
haben, sind dem Irrtum des Anselm, wenigstens im Prinzip, verfallen. Kants
Argumentation dürfte endgültig sein. Wir wollen daher in Kürze darauf
eintreten: er sagt, „dass der Begriff eines absolut notwendigen Wesens ein
reiner Vernunftbegriff, d. h. eine blosse Idee sei, deren objektive Realität
dadurch, dass die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht bewiesen ist.“
„Die unbedingte Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute
Notwendigkeit der Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist
nur eine bedingte Notwendigkeit der Sache oder des Prädikates im Urteile.“
Unmittelbar vorher gibt Kant als Beispiel eines notwendigen Urteils,
dass ein Dreieck drei Winkel habe. Auf diesen Satz bezieht er sich, indem er
weiterfährt: „Der vorige Satz sagte nicht, dass drei Winkel schlechterdings
notwendig seien, sondern unter der Bedingung, dass ein Triangel da ist, sind
auch drei Winkel notwendigerweise da. Gleichwohl hat diese logische
Notwendigkeit eine so grosse Macht ihrer Illusion bewiesen; dass, indem
man sich einen Begriff a priori von einem Ding gemacht hatte, der so
gestellt war, dass man seiner Meinung nach das Dasein mit in seinem
Umfang begriff, man daraus glaubte, sicher schliessen zu können, dass, weil
dem Objekt dieses Begriffes das Dasein notwendig zukommt, d. i. unter der
Bedingung, dass ich dieses Ding als gegeben (existierend) setze, auch sein

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Dasein notwendig (nach der Regel der Identität) gesetzt werde, und dieses
Wesen daher schlechterdings selbst notwendig sei, weil sein Dasein in
einem nach Belieben angenommenen Begriffe und unter der Bedingung,
dass ich den Gegenstand desselben setze, mit gedacht wird.“ Die Macht der
Illusion, auf die Kant hier anspielt, ist nichts anderes, als die primitive,
magische Macht des Wortes, die auch dem Begriffe heimlicherweise
innewohnt. Es hat einer langen Entwicklung bedurft, bis die Menschen
einmal gründlichst einsahen, dass das Wort, der flatus vocis, nicht auch
jedesmal eine Realität bedeute oder bewirke. Aber die Tatsache, dass
gewisse Menschen dies einsahen, hat noch lange nicht vermocht, die
abergläubische Macht, die dem formulierten Begriff innewohnt, in allen
Köpfen auszurotten. Offenbar ist auch in diesem „instinktiven“
Aberglauben etwas, das nicht ausgerottet sein will, weil es irgend eine
Daseinsberechtigung aufweist, die allerdings bis jetzt nicht genügend
gewürdigt wurde. Der Paralogismus (Fehlschluss) kommt in einer ähnlichen
Weise in das ontologische Argument hinein, nämlich durch eine Illusion,
die Kant folgendermassen erläutert: Er spricht zunächst von der
Behauptung von „schlechterdings notwendigen Subjekten“, deren Begriff
der Begriff der Existenz schlechthin inhärent ist, die also ohne innern
Widerspruch nicht aufgehoben werden können. Dieser Begriff wäre der des
„allerrealsten Wesens“. „Er hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid
berechtigt, ein solches Wesen als möglich anzunehmen .... Nun ist unter
aller Realität auch das Dasein mitbegriffen: Also liegt das Dasein in dem
Begriff von einem Möglichen. Wird dieses Ding nun aufgehoben, so wird
die innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben, welches widersprechend ist.
Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in den
Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken
wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff seiner
Existenz hereinbrachtet. Räumet man auch dieses ein, so habt ihr dem
Scheine nach gewonnen Spiel, in der Tat aber nichts gesagt, denn ihr habt
eine blosse Tautologie begangen.“
„Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend
etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloss
die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im
logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urteiles. Der Satz:
Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihn zum Objekte haben: Gott
und Allmacht. Das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat oben ein,

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sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise aufs Subjekt setzt.
Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen Prädikaten (worunter
auch die Allmacht gehört) zusammen und sage: Gott ist, oder: es ist ein
Gott, so setze ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott, sondern nur
das Subjekt an sich selbst, mit allen seinen Prädikaten und zwar den
Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff. Beide müssen genau einerlei
enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe, der bloss die Möglichkeit
ausdrückt, darum, dass ich dessen Gegenstand als schlechthin gegeben
(durch den Ausdruck: er ist) denke, nichts weiter hinzukommen. Und so
enthält das Wirkliche nichts mehr als das bloss Mögliche. Hundert
wirkliche Taler enthalten nicht das mindeste mehr, als hundert mögliche.“
„Aber in meinem Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen
Talern, als bei dem blossen Begriffe derselben (d. i. ihrer Möglichkeit).“
„Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und
wieviel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die
Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch
den Zusammenhang mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach
empirischen Gesetzen; aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und
gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt
werden müsste, unser Bewusstsein aller Existenz aber, gehöret ganz und gar
zur Einheit der Erfahrung, und eine Existenz ausser diesem Felde kann
zwar nicht schlechterdings für unmöglich erklärt werden, sie ist aber eine
Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen können.“
Diese ausführliche Erinnerung an die grundlegende Auseinandersetzung
Kants erscheint mir nötig, da wir gerade hier die reinlichste Scheidung
finden zwischen dem esse in intellectu und esse in re. Hegel warf Kant vor,
dass man den Begriff Gott nicht mit hundert Talern in der Phantasie
vergleichen könne. Wie aber Kant mit Recht sagt, abstrahiert die Logik von
allem Inhalt, denn dann wäre sie keine Logik mehr, wenn ein Inhalt
prävalierte. Wie immer gibt es zwischen dem logischen Entweder-Oder kein
Drittes — nämlich vom Standpunkt der Logik gesehen. Aber zwischen
„intellectus und res“ gibt es noch „anima“, und dieses „esse in anima“
macht die ganze ontologische Argumentation überflüssig. Kant selber hat in
der Kritik der praktischen Vernunft einen grosszügigen Versuch gemacht,
das „esse in anima“ philosophisch zu würdigen. Er führt dort Gott ein als
Postulat der praktischen Vernunft, das sich aus der durch die a priori

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erkannte „Achtung fürs moralische Gesetz notwendigen Absicht aufs
höchste Gut und der darausfliessenden Voraussetzung der objektiven
Realität desselben“ ergibt.[5]
Das „esse in anima“ nun ist ein psychologischer Tatbestand, von dem
einzig nur auszumachen ist, ob er einmalig, vielmalig oder universell in der
menschlichen Psychologie vorkommt. Der Tatbestand, der Gott genannt
und als „höchstes Gut“ formuliert wird, bedeutet, wie schon der Terminus
zeigt, den höchsten seelischen Wert oder, mit andern Worten, die
Vorstellung, welcher die höchste und allgemeinste Bedeutung hinsichtlich
der Bestimmung unseres Handelns und unseres Denkens erteilt wird oder
faktisch zukommt. In der Sprache der analytischen Psychologie fällt der
Gottesbegriff zusammen mit demjenigen Vorstellungskomplex, welcher
entsprechend der vorigen Definition die höchste Summe von Libido
(psychische Energie) auf sich vereinigt. Demnach wäre der faktische
Gottesbegriff der Anima bei verschiedenen Menschen durchaus
verschieden, was auch der Erfahrung entspricht. Gott ist nicht einmal ein in
der Idee feststehendes Wesen, viel weniger noch in Wirklichkeit. Denn der
höchste wirkende Wert einer menschlichen Seele ist, wie bekannt, sehr
verschieden lokalisiert. Es gibt solche, ὧν ὁ θεὸς ἡ κοιλία (deren Gott der
Bauch, Phil. 3, 19), das Geld, die Wissenschaft, die Macht, die Sexualität
etc. ist. Je nach der Lokalisation des höchsten Gutes verschiebt sich die
ganze Psychologie des Individuums, wenigstens in den Hauptzügen, sodass
eine psychologische „Theorie“, die auf irgend einem Grundtrieb
ausschliesslich basiert ist, wie z. B. auf Machtgier oder Sexualität, auf einen
Menschen anderer Orientierung appliziert, immer nur die Züge
nebensächlicher Bedeutung adäquat erklären kann.
c) Der Einigungsversuch des Abälard. Es ist nun nicht ohne Interesse,
nachzuforschen, wie die Scholastik selber es versuchte, den
Universalienstreit zu schlichten und ein Gleichgewicht zwischen den
typischen Gegensätzen, die das tertium non datur trennte, zu schaffen.
Dieser Ausgleichsversuch ist das Werk Abälards, jenes unglücklichen
Mannes, der in Liebe zu Heloise entbrannte und seine Leidenschaft mit dem
Verluste seiner Mannheit bezahlen musste. Wer das Leben Abälards kennt,
weiss, in welchem Masse seine eigene Seele jene getrennten
Gegensatzpaare beherbergte, deren Vereinigung ihm philosophisch am
Herzen lag. Rémusat[6] charakterisiert Abälard als einen Eklektiker, der

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zwar alle ausgesprochenen Theorien über die Universalien kritisierte und
zurückwies, aber von allen doch das Wahre und Haltbare entlehnte.
Abälards Schriften sind, soweit sie den Universalienstreit betreffen,
schwerverständlich und verwirrend, denn der Autor ist in beständiger
Abwägung aller Argumente und Aspekte begriffen; und gerade die
Tatsache, dass er keinem ausgesprochenen Standpunkt recht gab, sondern
das Gegensätzliche zu begreifen und zu einigen suchte, hat es vermocht,
dass er nicht einmal von seinen Schülern richtig verstanden wurde. Einige
verstanden ihn als Nominalisten, andere als Realisten. Dieses
Missverständnis ist charakteristisch, denn es ist viel leichter, einem
bestimmten Typus entsprechend zu denken, weil man in ihm logisch und
konsequent bleiben kann, als beiden Typen entsprechend, denn ein mittlerer
Standpunkt fehlt. Der Realismus sowohl als der Nominalismus führen, in
ihnen selber verfolgt, zu Geschlossenheit, Klarheit und Einheitlichkeit. Die
Abwägung und Ausgleichung der Gegensätze aber führt zur Verwirrung und
zu einem im Sinne der Typen unbefriedigenden Abschluss, indem die
Lösung weder den einen noch den andern völlig zufrieden stellen kann.
Rémusat hat eine ganze Reihe von fast kontradiktorischen Behauptungen
aus den Schriften Abälards, unsern Gegenstand betreffend,
zusammengestellt. Er ruft aus: „Faut-il admettre, en effet, ce vaste et
incohérent ensemble de doctrines dans la tête d’un seul homme, et la
philosophie d’Abélard est-elle le chaos?“ Vom Nominalismus nimmt
Abälard die Wahrheit, dass die Universalia in dem Sinne „Worte“ sind, als
sie durch Sprache ausgedrückte geistige Konventionen sind; ferner nimmt
er daraus die Wahrheit, dass ein Ding in Wirklichkeit nichts allgemeines,
sondern immer ein gesondertes ist, und dass die Substanz in Wirklichkeit
niemals eine universelle, sondern eine individuelle Tatsache ist. Vom
Realismus nimmt Abälard die Wahrheit, dass die „genera“ und „species“
Vereinigungen von Individualfakten und -Dingen auf Grund ihrer
unzweifelhaften Ähnlichkeiten sind. Der vermittelnde Standpunkt ist für ihn
der Konzeptualismus, der als eine Funktion zu verstehen ist, welche die
wahrgenommenen Individualobjekte begreift, auf Grund ihrer Ähnlichkeit
in genera und species klassifiziert und so von ihrer absoluten Vielheit auf
eine relative Einheit bringt. So unzweifelhaft die Vielheit und
Verschiedenheit der Einzeldinge ist, so unzweifelhaft ist auch die Existenz
von Ähnlichkeiten, welche die Vereinigung unter dem Begriff ermöglicht.
Wer psychologisch so eingestellt ist, hauptsächlich die Ähnlichkeit der

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Dinge wahrzunehmen, für den ist der Sammelbegriff sozusagen gegeben,
d. h. er drängt sich förmlich auf, man könnte sagen, mit der unleugbaren
Tatsächlichkeit der Sinneswahrnehmung. Wer aber psychologisch so
eingestellt ist, dass er hauptsächlich die Verschiedenheit der Dinge
wahrnimmt, dem ist die Ähnlichkeit nicht ausschliesslich gegeben, sondern
die Diversität der Dinge, die sich ihm mit ebenso grosser Tatsächlichkeit
aufdrängt, wie dem andern die Ähnlichkeit. Es scheint, als ob die
Einfühlung ins Objekt derjenige psychologische Vorgang wäre, der eben die
Verschiedenheit dieses Objektes von einem andern in ein besonders helles
Licht rückt, und als ob die Abstraktion vom Objekt derjenige Vorgang wäre,
der besonders geeignet ist, über die tatsächliche Verschiedenheit der
Einzeldinge hinwegzusehen, zu Gunsten ihrer allgemeinen Ähnlichkeit,
welche eben die Grundlage der Idee ist. Einfühlung und Abstraktion
vereinigt ergeben jene Funktion, die dem Begriff des Konzeptualismus zu
Grunde liegt. Er gründet sich auf die psychologische Funktion, welche
wirklich die einzige Möglichkeit ist, die Divergenz des Nominalismus und
des Realismus auf eine gemeinsame Bahn zusammen zu bringen.
Obschon das Mittelalter grosse Worte von der Seele zu reden wusste, so
hatte es doch keine Psychologie, welche eine der jüngsten Wissenschaften
überhaupt ist. Hätte es damals eine Psychologie gegeben, so hätte Abälard
das esse in anima zur vermittelnden Formel erhoben. Das hat Rémusat klar
erkannt, indem er sagt: „Dans la logique pure, les universalia ne sont que
les termes d’un langage de convention. Dans la physique, qui est pour lui
plus transscendante qu’expérimentale, qui est sa véritable ontologie, les
genres et les espèces se fondent sur la manière dont les êtres sont réellement
produits et constitués. Enfin, entre la logique pure et la physique, il y a un
milieu et comme une science mitoyenne, qu’on peut appeler une
psychologie, où Abélard recherche comment s’engendrent nos concepts et
retrace toute cette généalogie intellectuelle des êtres, tableau ou symbole de
leur hiérarchie et de leur existence réelle.“ (Rémusat: T. II, p. 112.)
Die Universalia ante rem und post rem sind eine Streitfrage für alle
folgenden Jahrhunderte geblieben, wenn sie auch ihr scholastisches
Gewand abgeworfen haben und in neuen Verkleidungen aufgetreten sind.
Im Grunde genommen, war es die alte Frage. Bald neigte der
Lösungsversuch auf die realistische, bald auf die nominalistische Seite. Die
Wissenschaftlichkeit des XIX. Jahrhunderts hat dem Problem wieder einen

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Ruck nach der nominalistischen Seite hinüber gegeben, nachdem die
Philosophie des Anfanges des XIX. Jahrhunderts dem Realismus in höherm
Masse Genüge getan hatte. Aber die Gegensätze sind nicht mehr soweit von
einander getrennt, wie zu Abälards Zeiten. Wir haben eine Psychologie,
eine vermittelnde Wissenschaft, welche Idee und Ding einzig zu einigen
vermag, ohne dem einen oder andern Gewalt anzutun. Diese Möglichkeit
liegt im Wesen der Psychologie, aber niemand könnte behaupten, dass bis
jetzt die Psychologie diese Aufgabe auch erfüllt hätte. Man muss in diesem
Sinn den Worten Rémusats beipflichten: „Abélard a donc triomphé; car,
malgré les graves restrictions qu’une critique clairvoyante découvre dans le
nominalisme ou le conceptualisme qu’on lui impute, son esprit est bien
l’esprit moderne à son origine. Il l’annonce, il le dévance, il le promet. La
lumière qui blanchit au matin l’horizon est déjà celle de l’astre encore
invisible qui doit éclairer le monde.“
Wer über die Existenz der psychologischen Typen und damit auch über
die Tatsache hinwegsieht, dass die Wahrheit des einen der Irrtum des andern
ist, dem wird Abälards Bemühung nichts weiter bedeuten als eine
scholastische Spitzfindigkeit mehr. Insofern wir aber die Existenz der
beiden Typen anerkennen, muss uns der Versuch Abälards doch sehr
bedeutend vorkommen. Er sucht den mittleren Standpunkt im „sermo“,
worunter er weniger die „Rede“, als den geformten, zu einem bestimmten
Sinn gefügten Satz versteht, also eine Definition, die sich zur Befestigung
ihres Sinnes mehrerer Worte bedient. Er spricht nicht von „verbum“, denn
dies ist im Sinne des Nominalismus nichts weiter als eine „vox“, ein „flatus
vocis“. Denn das ist eben die grosse psychologische Leistung des antiken
wie des mittelalterlichen Nominalismus, dass er die primitive, magische
oder mystische Identität von Wort und objektivem Tatbestand gründlich
aufgelöst hat, zu gründlich für den Typus Mensch, der nicht im Anhalten an
die Dinge, sondern in der Abstraktion der Idee über die Dinge sein
Fundament hat. Abälard war zu weiten Geistes, als dass er diesen Wert des
Nominalismus übersehen hätte. Das Wort allerdings war ihm eine „vox“,
der Satz hingegen, eben der „sermo“ in seiner Sprache, war ihm mehr, denn
er brachte festen Sinn mit sich, er beschrieb das Gemeinsame, das Ideelle,
das Gedachte, denkend Wahrgenommene an den Dingen. Im sermo lebte
das Universale und nur dort. Weshalb es begreiflich ist, dass Abälard auch
unter die Nominalisten gezählt wurde, mit Unrecht allerdings, denn das
Universale war ihm von grösserer Tatsächlichkeit als eine vox.

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Der Ausdruck seines Konzeptualismus muss Abälard wohl schwer
gefallen sein, denn er hatte sich notwendigerweise aus Contradictionen
zusammenzusetzen. Ein in einem Oxforder Manuskript erhaltenes Epitaph
auf Abälard gibt uns einen, wie mir scheint, trefflichen Einblick in das
Paradoxale seiner Lehre:

Hic docuit voces cum rebus significare,
Et docuit voces res significando notare;
Errores generum correxit, ita specierum.
Hic genus et species in sola voce locavit,
Et genus et species sermones esse notavit.
— — — — — — — —
Sic animal nullumque animal genus esse probatur.
Sic et homo et nullus homo species vocitatur.

Das Gegensätzliche lässt sich wohl kaum anders als im Paradoxon
zusammenfassen, insofern nämlich ein Ausdruck erstrebt wird, der sich im
Prinzip auf den einen Standpunkt stützt, nämlich im vorliegenden Fall auf
den intellektuellen Standpunkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass der
grundliegende Unterschied zwischen Nominalismus und Realismus nämlich
nicht bloss ein logisch-intellektueller ist, sondern ein psychologischer, der
in letzter Linie auf eine typische Verschiedenheit der psychologischen
Einstellung zum Objekt sowohl wie zur Idee hinausläuft. Wer ideell
eingestellt ist, erfasst und reagiert unter dem Gesichtswinkel der Idee. Wer
aber auf das Objekt eingestellt ist, der erfasst und reagiert unter dem
Gesichtswinkel seines Empfindens. Das Abstrakte kommt für ihn in zweiter
Linie, daher ihm eben das, was an den Dingen gedacht werden muss, als
das minder Wesentliche vorkommt, dem ersteren aber umgekehrt. Der auf
das Objekt Eingestellte ist natürlicherweise Nominalist — „Name ist Schall
und Rauch“ — insofern er nämlich noch nicht gelernt hat, seine nach dem
Objekt orientierte Einstellung zu compensieren. Ist dieser letztere Fall
eingetreten, so wird aus ihm, falls er das Zeug dazu hat, ein haarscharfer
Logiker, der an Exaktheit, Methode und Trockenheit seinesgleichen sucht.
Der ideell Eingestellte ist natürlicherweise logisch, weshalb er das
Lehrbuch der Logik im Grunde genommen nicht verstehen und nicht
schätzen kann. Die Entwicklung zur Compensation seines Typus macht ihn,
wie wir bei Tertullian sahen, zum leidenschaftlichen Gefühlsmenschen,
dessen Gefühle aber im Bannkreis seiner Ideen bleiben. Der

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Compensationslogiker aber bleibt mit seiner Ideenwelt im Bannkreis seiner
Objekte.
Mit dieser Überlegung gelangen wir zur Schattenseite des Abälardschen
Gedankens. Sein Lösungsversuch ist einseitig. Wenn es sich beim
Gegensatz von Nominalismus und Realismus bloss um eine logisch-
intellektuelle Auseinandersetzung handelte, so wäre nicht einzusehen,
warum keine andere als eine paradoxale Endformulierung möglich wäre.
Da es sich aber um einen psychologischen Gegensatz handelt, so muss eine
einseitig logisch-intellektuelle Formulierung im Paradoxon enden. — Sic et
homo et nullus homo species vocitatur. — Der logisch-intellektuelle
Ausdruck ist schlechthin unfähig, auch in der Form des sermo, uns jene
mittlere Formel zu geben, welche dem Wesen der zwei entgegengesetzten
psychologischen Einstellungen gleichermassen gerecht wird, denn er ist
ganz von der abstrakten Seite genommen und ermangelt völlig der
Anerkennung der concreten Wirklichkeit.
Jede logisch-intellektuelle Formulierung — sei sie auch noch so
vollkommen — streift die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit des
Objekteindruckes ab. Sie muss sie abstreifen, um überhaupt zur
Formulierung gelangen zu können. Damit geht aber gerade das verloren,
was der extravertierten Einstellung das Allerwesentlichste zu sein dünkt,
nämlich die Bezogenheit auf das wirkliche Objekt. Es ist daher keine
Möglichkeit vorhanden, auf dem Wege der einen oder andern Einstellung
eine irgendwie befriedigende, vereinigende Formel zu finden. Und doch
kann der Mensch nicht — auch wenn sein Geist es könnte — in diesem
Zwiespalt verharren, denn dieser Zwiespalt ist nicht bloss eine
Angelegenheit einer fernabgelegenen Philosophie, sondern das tagtäglich
sich wiederholende Problem des Verhältnisses des Menschen zu sich selber
und zur Welt. Und weil es sich im Grunde genommen um dieses Problem
handelt, so kann der Zwiespalt auch nicht durch die Diskussion
nominalistischer und realistischer Argumente gelöst werden. Es bedarf zur
Lösung eines dritten, vermittelnden Standpunktes. Dem „esse in intellectu“
fehlt die tastbare Wirklichkeit, dem „esse in re“ fehlt der Geist. Idee und
Ding aber treffen sich in der Psyche des Menschen, welche zwischen Idee
und Ding die Wage hält. Was ist schliesslich die Idee, wenn ihr die Psyche
nicht lebendigen Wert ermöglicht? Was ist auch das objektive Ding, wenn
ihm die Psyche die bedingende Kraft des sinnlichen Eindruckes entzieht?

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Was ist Realität, wenn sie nicht eine Wirklichkeit in uns, ein „esse in
anima“ ist? Die lebendige Wirklichkeit ist weder durch das tatsächliche,
objektive Verhalten der Dinge, noch durch die ideelle Formel
ausschliesslich gegeben, sondern nur durch die Zusammenfassung beider
im lebendigen psychologischen Prozess, durch das „esse in anima“. Nur
durch die spezifische Lebenstätigkeit der Psyche erreicht die
Sinneswahrnehmung jene Eindruckstiefe, und die Idee jene wirkende Kraft,
welche beide unerlässliche Bestandteile einer lebendigen Wirklichkeit sind.
Diese Eigentätigkeit der Psyche, die sich weder als reflektorische Reaktion
auf den Sinnesreiz, noch als Exekutivorgan ewiger Ideen erklären lässt, ist
wie jeder Lebensprozess ein beständiger Schöpferakt. Die Psyche erschafft
täglich die Wirklichkeit. Ich kann diese Tätigkeit mit keinem andern
Ausdruck als mit Phantasie bezeichnen. Die Phantasie ist ebensosehr
Gefühl, wie Gedanke, sie ist ebenso intuitiv, wie empfindend. Es gibt keine
psychische Funktion, die in ihr nicht ununterscheidbar mit den andern
psychischen Funktionen zusammenhinge. Sie erscheint bald als
uranfänglich, bald als letztes und kühnstes Produkt der Zusammenfassung
alles Könnens. Die Phantasie erscheint mir daher als der deutlichste
Ausdruck der spezifischen psychischen Aktivität. Sie ist vor allem die
schöpferische Tätigkeit, aus der die Antworten auf alle beantwortbaren
Fragen hervorgehen, sie ist die Mutter aller Möglichkeiten, in der auch, wie
alle psychologischen Gegensätze, Innenwelt und Aussenwelt lebendig
verbunden sind. Die Phantasie war es und ist es immer, die die Brücke
schlägt zwischen den unvereinbaren Ansprüchen von Objekt und Subjekt,
von Extraversion und Introversion.
In der Phantasie allein sind die beiden Mechanismen verbunden.
Wenn Abälard bis zur Erkenntnis der psychologischen Verschiedenheit
der beiden Standpunkte durchgedrungen wäre, so hätte er
folgerichtigerweise die Phantasie zur Formulierung des vereinigenden
Ausdruckes heranziehen müssen. Aber die Phantasie ist tabu im Reiche der
Wissenschaft, gleichermassen wie das Gefühl. Wenn wir aber den
grundliegenden Gegensatz als einen psychologischen erkennen, so wird
sich die Psychologie genötigt sehen, nicht nur den Gefühlsstandpunkt,
sondern auch den vermittelnden Phantasiestandpunkt anzuerkennen. Hier
aber kommt die grosse Schwierigkeit: Die Phantasie ist grösstenteils ein
Produkt des Unbewussten. Sie enthält zwar zweifellos bewusste

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Bestandteile, aber es ist doch ein besonderes Charakteristikum der
Phantasie, dass sie im wesentlichen unwillkürlich ist und dem
Bewusstseinsinhalt eigentlich fremd gegenübersteht. Sie hat diese
Eigenschaften mit dem Traum gemeinsam, welch letzterer allerdings in
noch weit höherm Masse unwillkürlich und fremdartig ist. Das Verhältnis
des Menschen zu seiner Phantasie ist in hohem Masse bedingt von seinem
Verhältnis zum Unbewussten überhaupt. Und diese letztere Beziehung ist
wiederum besonders bedingt durch den Zeitgeist. Je nach dem Grade des
vorherrschenden Rationalismus wird der einzelne mehr oder weniger
geneigt sein, sich auf das Unbewusste und dessen Produkte einzulassen. Die
christliche Sphäre, wie überhaupt jede geschlossene Religionsform, hat die
unzweifelhafte Tendenz, das Unbewusste im Individuum möglichst zu
unterdrücken, und damit auch seine Phantasie lahmzulegen. An ihrer Statt
gibt die Religion festgeprägte symbolische Anschauungen, welche das
Unbewusste des Individuums vollgültig ersetzen sollen. Die symbolischen
Vorstellungen aller Religionen sind Gestaltungen unbewusster Vorgänge in
typischer, allgemeinverbindlicher Form. Die religiöse Lehre gibt sozusagen
endgültige Auskunft über die „letzten Dinge“, über das Jenseits des
menschlichen Bewusstseins. Wo immer wir eine Religion im Entstehen
beobachten können, da sehen wir, wie beim Stifter selbst die Figuren seiner
Lehre ihm als Offenbarungen, d. h. als Concretisierungen seiner
unbewussten Phantasie zufliessen. Die aus seinem Unbewussten heraus
entstandenen Formen werden für allgemeingültig erklärt und ersetzen
solchermassen die individuellen Phantasien anderer. Das Evangelium
Matthäi hat uns ein Fragment dieses Vorganges aus dem Leben Christi
aufbewahrt: in der Versuchungsgeschichte sehen wir, wie die Idee des
Königtums aus dem Unbewussten an den Stifter herantritt in Form der
Vision des Teufels, der ihm die Macht über die Reiche der Erde anbietet.
Hätte Christus die Phantasie/concretistisch missverstanden, und somit
wörtlich genommen, so wäre ein Verrückter mehr in der Welt gewesen. Er
wies aber den Concretismus seiner Phantasie ab und trat in die Welt als ein
König, dem die Reiche des Himmels untertan sind. Darum war er kein
Paranoiker, wie auch der Erfolg bewiesen hat. Die von psychiatrischer Seite
gelegentlich geäusserten Ansichten über das Krankhafte der Psychologie
Christi sind nichts als ein lächerliches rationalistisches Gerede, fern von
jeglichem Verständnis für derartige Vorgänge in der Geschichte der
Menschheit. Die Form, in der Christus den Inhalt seines Unbewussten der

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Welt vorstellte, wurde angenommen und für allgemein verbindlich erklärt.
Damit verfielen alle individuellen Phantasien der Ungültigkeit und
Wertlosigkeit, ja sogar der Ketzerverfolgung, wie das Schicksal der
gnostischen Bewegung und aller spätern Häretiker zeigt. Ganz in diesem
Sinne sagte schon der Prophet Jeremias (23, 16):
„So spricht der Herr Zebaoth: Gehorcht nicht den Worten der Propheten,
so euch weissagen. Sie betrügen euch; denn sie predigen ihres Herzens
Gesicht, und nicht aus des Herrn Munde.“
(25) „Ich höre es wohl, was die Propheten predigen, und falsch
weissagen in meinem Namen, und sprechen: Mir hat geträumet, mir hat
geträumet.
(26) Wann wollen doch die Propheten aufhören, die falsch weissagen,
und ihres Herzens Trügerei weissagen.
(27) und wollen, dass mein Volk meines Namens vergesse über ihren
Träumen, die einer dem andern erzählet? gleichwie ihre Väter meines
Namens vergassen über dem Baal.
(28) Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein
Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen
zusammen? spricht der Herr.“
Ebenso sehen wir im frühen Christentum, wie z. B. die Bischöfe eifrig
bemüht waren, die Wirksamkeit des individuellen Unbewussten unter den
Mönchen auszurotten. Besonders wertvolle Einblicke in dieser Hinsicht
gewährt uns der Erzbischof Athanasius von Alexandria in seiner Biographie
des heiligen Antonius.[7] Er beschreibt darin zum Zwecke der Belehrung
seiner Mönche die Erscheinungen und Gesichte, die Gefahren der Seele, die
den einsam Betenden und Fastenden befallen. Er belehrt sie, wie geschickt
der Teufel sich verkleide, um die Heiligen zu Falle zu bringen. Der Teufel
ist natürlich die Stimme des eigenen Unbewussten des Anachoreten, das
sich empört gegen die gewaltsame Unterdrückung der individuellen Natur.
Ich gebe eine Reihe von wörtlichen Anführungen aus diesem schwer
zugänglichen Buche. Sie zeigen sehr deutlich, wie das Unbewusste
systematisch unterdrückt und entwertet wurde:
„Es gibt Zeiten, wo wir niemand sehen, und doch das Geräusch vom
Arbeiten der Teufel hören, und es ist, wie wenn jemand ein Lied mit lauter

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Stimme sänge, und zu andern Zeiten ist es, wie wenn wir die Worte der
heiligen Schrift hörten, wie wenn ein Lebender ihre Worte wiederholte, und
sie sind genau gleich den Worten, die wir hören würden, wenn jemand aus
dem Buch (Bibel) vorliest. Und es kam auch vor, dass sie (die Teufel) uns
aufrissen zum Nachtgebet und uns antrieben, aufzustehen. Und sie
täuschten uns auch Ähnlichkeit mit Mönchen vor und die Erscheinung von
solchen, die trauern (d. h. Anachoreten). Und sie nähern sich uns, wie wenn
sie von weither kämen, und sie beginnen Worte zu äussern, die geeignet
sind, das Verständnis der Kleinmütigen zu schwächen: „Es ist jetzt ein
Gesetz über aller Schöpfung, dass wir die Verwüstung lieben, aber wir
waren unfähig durch Gotteswillen, in unsere Häuser einzutreten, als wir zu
ihnen kamen, und das Rechte zu tun.“ Und wenn es ihnen nicht gelingt,
ihren Willen auf diese Weise durchzusetzen, so geben sie diesen Betrug auf
für einen andern und sagen: „Wie ist es möglich für dich, zu leben? Denn
du hast gesündigt und Unrecht in mancherlei Dingen begangen. Denkst du,
dass der Geist mir nicht offenbart hat, was du getan hast, oder dass ich nicht
weiss, dass du dieses und jenes getan hast?“ Darum, wenn ein einfältiger
Bruder diese Dinge hört, und innerlich fühlt, dass er wirklich so gehandelt
hat, wie der Böse ihm sagte, und wenn er die Listigkeit des Bösen nicht
kennt, dann wird sein Geist sogleich verwirrt, er wird verzweifeln und einen
Rückfall erleiden. Es ist, o meine Geliebten, uns nicht nötig, über diese
Dinge erschrocken zu sein, aber wir müssen uns fürchten, wenn die Teufel
anfangen noch mehr von den Dingen zu reden, welche wahr sind, und dann
müssen wir sie unnachsichtlich schelten. — Darum lasst uns auf der Hut
sein, dass wir unser Ohr nicht ihren Worten leihen, auch wenn die Worte,
die sie sprechen, Worte der Wahrheit sind. Denn es wäre eine Schande für
uns, wenn die, die sich gegen Gott empörten, unsere Lehrer werden sollten.
Und lasst uns wappnen, o meine Brüder, mit dem Panzer der Gerechtigkeit
und lasst uns den Helm der Erlösung anziehen, und im Augenblick des
Kampfes lasst uns aus einem gläubigen Sinne geistige Pfeile abschiessen
wie von einem gespannten Bogen. Denn sie (die Teufel) sind gar nichts, und
auch, wenn sie etwas wären, ihre Stärke hätte nichts in sich, das der Macht
des Kreuzes widerstehen könnte.“
St. Antonius erzählt: „Einmal erschien mir ein Teufel von ganz
besonders hochmütigem und unverschämtem Benehmen, und er trat vor
mich mit dem tumultuarischen Lärm einer Volksmenge, und er wagte mir
zu sagen: „Ich und gerade ich bin die Kraft Gottes; ich und gerade ich bin

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der Herr der Welten.“ Und er sprach weiter zu mir: „Was wünschest du,
dass ich dir geben soll? Verlange und du wirst empfangen.“ Da blies ich ihn
an und wies ihn zurück im Namen Christi. — Bei einer andern Gelegenheit,
als ich fastete, erschien mir der Listige, in Gestalt eines Bruders, der Brot
brachte, und er fing an, mir Ratschläge zu erteilen, indem er sagte: „Stehe
auf und stille dein Herz mit Brot und Wasser und ruhe dich ein wenig aus
von deinem übermässigen Mühen, denn du bist ein Mensch und so hoch du
auch stehen magst, so bist du doch mit einem sterblichen Leibe bekleidet
und du solltest ängstlich sein wegen Krankheiten und Trübsal.“ Darauf
betrachtete ich seine Worte und bewahrte meine Ruhe und hielt mit der
Antwort zurück. Und ich beugte mich in Ruhe nieder und tat Busse im
Gebet und sagte: „O, Herr, mache du ein Ende mit ihm, wie du dies zu allen
Zeiten zu tun gewohnt warest.“ Und als ich diese Worte gesprochen hatte,
da kam er zum Ende und schwand dahin wie Staub und ging aus meiner
Türe wie Rauch.
Und einmal in einer Nacht näherte sich der Satan meinem Hause und
klopfte an die Türe, und ich ging hinaus, zu sehen, wer anklopfte, und ich
erhob meine Augen und ich sah die Gestalt eines ausserordentlich grossen
und starken Mannes und als ich ihn fragte: „Wer bist du?“ antwortete er und
sprach zu mir: „Ich bin Satan.“ Darauf sagte ich zu ihm: „Was suchest du?“
Und er antwortete und sprach zu mir: „Warum schmähen mich die Mönche
und die Anachoreten und die andern Christen, und warum häufen sie zu
allen Zeiten Verfluchung auf mich?“ Ich fasste meinen Kopf in Erstaunen
über seine unsinnige Torheit und ich sagte zu ihm: „Warum quälst du sie?“
Darauf antwortete er und sagte zu mir: „Nicht ich bin es, der sie quält,
sondern sie quälen sich selber, denn es geschah mir bei einer gewissen
Gelegenheit, was sich wirklich begeben hat, dass sie sich, hätte ich ihnen
nicht zugerufen, dass ich der Feind sei, für immer umgebracht hätten. Ich
habe darum keinen Platz, wo ich sein könnte, und kein schimmerndes
Schwert und nicht einmal Menschen, die mir wirklich untertan wären, denn
die, die mir dienen, verachten mich gänzlich, und überdies, ich muss sie in
Fesseln halten, denn sie hängen mir nicht an, weil sie es für recht halten, so
zu tun, und sie sind immer bereit, bei jeder Gelegenheit mir davon zu
laufen. Die Christen haben die ganze Welt erfüllt, und siehe, sogar die
Wüste ist voll von ihren Klöstern und Wohnstätten. Lass sie sich in acht
nehmen, wenn sie mich mit Missbrauch überhäufen.“ Darauf sagte ich zu
ihm in Bewunderung der Gnade unseres Herrn: „Wie kommt es, dass du,

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der du bei jeder andern Gelegenheit ein Lügner warest, jetzt die Wahrheit
sprichst? Und wie kommt es, dass du jetzt die Wahrheit sagst, wenn du doch
gewohnt bist, Lügen zu reden? Es ist in der Tat wahr, dass du, als Christus
in diese Welt kam, in die tiefsten Tiefen hinuntergeworfen wardst, und dass
die Wurzel deines Irrtums aus der Erde gerissen wird.“ Und als Satan den
Namen Christi hörte, da schwand seine Gestalt und seine Worte nahmen ein
Ende.“
Diese Anführungen zeigen, wie das Unbewusste des Individuums
verworfen wurde mit Hilfe des allgemeinen Glaubens, obschon es in
durchsichtiger Weise die Wahrheit sprach. Dass es verworfen wurde, hat
seine besondern Gründe in der Geistesgeschichte. Es liegt uns hier nicht ob,
diese Gründe näher zu erläutern. Wir müssen uns mit der Tatsache
begnügen, dass es unterdrückt wurde. Diese Unterdrückung besteht,
psychologisch gesprochen, in einer Entziehung der Libido, der psychischen
Energie. Die dadurch gewonnene Libido diente dem Aufbau und der
Entwicklung der bewussten Einstellung, wodurch sich allmählich eine neue
Weltanschauung herausbildete. Die dadurch erlangten unzweifelhaften
Vorteile befestigen natürlicherweise diese Einstellung. Es ist daher kein
Wunder, dass unsere Psychologie durch eine vorzugsweise ablehnende
Einstellung gegenüber dem Unbewussten gekennzeichnet ist.
Es ist nicht nur begreiflich, sondern auch durchaus notwendig, dass alle
Wissenschaften den Gefühlstandpunkt sowohl, wie den der Phantasie
auszuschliessen haben. Darum sind es eben Wissenschaften. Wie steht es
aber mit der Psychologie? Insofern sie sich als Wissenschaft betrachtet,
muss sie dasselbe tun. Wird sie aber dadurch ihrem Stoffe gerecht? Jede
Wissenschaft sucht schliesslich ihren Stoff in Abstraktionen zu formulieren
und auszudrücken, also könnte und kann auch die Psychologie den Prozess
des Fühlens, Empfindens und Phantasierens in intellektuellen Abstraktionen
fassen. Diese Behandlung sichert zwar das Recht des intellektuell-
abstrakten Standpunktes, nicht aber das Recht der andern möglichen
psychologischen Gesichtspunkte. Diese andern möglichen Gesichtspunkte
können in einer wissenschaftlichen Psychologie nur erwähnt, nicht aber als
selbständige Prinzipien einer Wissenschaft auftreten. Wissenschaft ist unter
allen Umständen eine Angelegenheit des Intellekts, und ihm sind die andern
psychologischen Funktionen als Objekte unterworfen. Der Intellekt ist der
Souverain des Wissenschaftsgebietes. Ein anderes ist es aber, wenn die

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Wissenschaft in ihre praktische Verwendung übertritt. Der Intellekt, der
vordem König war, wird hier blosses Hilfsmittel, zwar ein wissenschaftlich
verfeinertes Instrument, aber doch nur ein Handwerksgerät, das nicht mehr
Selbstzweck, sondern blosse Bedingung ist. Der Intellekt und mit ihm die
Wissenschaft wird hier in den Dienst der schöpferischen Kraft und Absicht
gestellt. Auch dies ist noch „Psychologie“, jedoch keine Wissenschaft mehr;
es ist eine Psychologie im weitern Sinne des Wortes, eine psychologische
Tätigkeit von schöpferischer Natur, in welcher der schaffenden Phantasie
das Primat zukommt. Man könnte ebenso gut, statt von schaffender
Phantasie zu sprechen, auch sagen, dass in einer solch praktischen
Psychologie dem Leben selbst die führende Rolle zugefallen sei; denn
einerseits ist es zwar schon die zeugende und schöpfende Phantasie, welche
sich der Wissenschaft als eines Hilfsmittels bedient, andererseits aber sind
es auch die mannigfaltigen Anforderungen der äussern Realität, welche die
Tätigkeit der schöpferischen Phantasie anregen. Die Wissenschaft als
Selbstzweck ist gewiss ein hohes Ideal, aber seine konsequente
Durchführung erzeugt so viele Selbstzwecke als es Wissenschaften und
Künste gibt. Dies führt zwar zu einer hohen Differenzierung und
Spezialisierung der jeweils in Betracht fallenden Funktionen, aber damit
auch zu ihrer Welt- und Lebensferne und überdies zu einer Anhäufung von
Spezialgebieten, die allmählich allen Zusammenhang unter sich verlieren.
Damit beginnt nicht nur eine Verarmung und Verödung im Spezialgebiete,
sondern auch in der Psyche des Menschen, der zum Spezialisten sich
hinaufdifferenziert hat, oder hinuntergesunken ist. Die Wissenschaft aber
muss ihren Lebenswert dadurch beweisen, dass sie nicht nur Herrin,
sondern auch Magd sein kann. Sie entehrt sich damit keineswegs. Wenn uns
zwar schon die Wissenschaft zur Erkenntnis der Ungleichmässigkeiten und
Störungen der Psyche geführt hat, und daher der ihr innewohnende Intellekt
unsere höchste Achtung verdient, so ist es doch ein schwerwiegender
Irrtum, ihr darum einen Selbstzweck anzudichten, der sie unfähig macht,
blosses Instrument zu sein. Wenn wir aber mit dem Intellekt und seiner
Wissenschaft in das wirkliche Leben treten, so erkennen wir gleich, dass
wir uns in einer Beschränkung befinden, welche uns andere, ebenso
wirkliche Lebensgebiete verschliesst. Wir sind darum genötigt, die
Universalität unseres Ideals als eine Beschränktheit aufzufassen und uns
nach einem spiritus rector umzusehen, welcher in Ansehung der
Forderungen eines völligen Lebens eine grössere Gewähr der

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psychologischen Universalität bietet als der Intellekt allein. Wenn Faust
ausruft: „Gefühl ist alles“, so spricht er das Gegenteil des Intellektes aus,
und damit gewinnt er bloss eine andere Seite, aber nicht jene Totalität des
Lebens und damit der eigenen Psyche, welche Fühlen und Denken in einem
höhern Dritten vereinigt. Dieses höhere Dritte kann, wie ich bereits
andeutete, als ein praktisches Ziel sowohl als die das Ziel erschaffende
Phantasie verstanden werden. Dieses Ziel der Totalität kann weder von der
Wissenschaft, die sich Selbstzweck ist, noch vom Fühlen, das der Sehkraft
des Denkens ermangelt, erkannt werden. Das eine muss sich den andern als
Hilfsmittel leihen, aber ihr Kontrast ist dermassen gross, dass wir einer
Brücke bedürfen. Diese Brücke ist uns in der schaffenden Phantasie
gegeben. Sie ist keines von beiden, denn sie ist die Mutter beider — ja noch
mehr, sie ist schwanger mit dem Kinde, dem Ziele, welches die Gegensätze
einigt.
Wenn uns Psychologie nur Wissenschaft bleibt, so erreichen wir das
Leben nicht, sondern dienen dem Selbstzweck der Wissenschaft. Sie führt
uns zwar zur Erkenntnis der Sachlage, widersetzt sich aber jedem andern
Zwecke als dem eigenen. Der Intellekt bleibt in sich selbst solange
gefangen, als er sein Primat nicht freiwillig opfert, um die Würde anderer
Zwecke anzuerkennen. Er schreckt davor zurück, den Schritt über sich
selbst hinaus zu tun und seine universelle Gültigkeit zu leugnen, denn alles
andere ist ihm nichts als Phantasie. Was aber hat es je Grosses gegeben, das
nicht zuvor Phantasie war? Solchermassen schneidet sich der im
Selbstzweck der Wissenschaft versteifte Intellekt die Lebensquelle ab. Ihm
ist Phantasie nichts als Wunschtraum, worin alle der Wissenschaft sowohl
willkommene als nötige Unterschätzung ausgedrückt ist. Die Wissenschaft
als Selbstzweck ist unumgänglich, solange es sich darum handelt, die
Wissenschaft zu entwickeln. Das Selbe aber wird ein Übel, wenn es sich um
das Leben selber handelt, das entwickelt werden sollte. So war es eine
historische Notwendigkeit im christlichen Kulturprozess, dass die
freischaffende Phantasie unterdrückt wurde, und so war es auch eine
Notwendigkeit unseres naturwissenschaftlichen Zeitalters, die Phantasie in
anderer Hinsicht zu unterdrücken. Es ist nicht zu vergessen, dass die
schöpferische Phantasie auch zu einer schädlichsten Wucherung entarten
kann, wenn ihr nicht gerechte Grenzen gesetzt werden. Diese Grenzen sind
aber niemals jene künstlichen Schranken, welche der Intellekt oder das
vernünftige Gefühl setzen, sondern sie sind gegeben durch die Not und die

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unumstössliche Wirklichkeit. Die Aufgaben der Zeitalter sind verschieden,
und immer kann man erst nachher mit Sicherheit erkennen, was hat sein
müssen, und was nicht hätte sein sollen. In der jeweiligen Gegenwart wird
immer der Streit der Überzeugungen herrschen, denn „der Krieg ist der
Vater von allem“. Nur die Geschichte entscheidet. Die Wahrheit ist nicht
ewig, sie ist ein Programm. Je „ewiger“ eine Wahrheit ist, desto
unlebendiger und wertloser ist sie, denn sie sagt uns nichts mehr, weil sie
selbstverständlich ist.
Wie die Psychologie die Phantasie bewertet, solange sie bloss
Wissenschaft ist, zeigen uns die bekannten Ansichten von Freud und Adler.
Die Freudsche Deutung reduziert die Phantasie auf die kausalen
elementaren Triebprozesse. Die Adlersche Auffassung dagegen reduziert sie
auf die elementaren finalen Absichten des Ich. Ersteres ist eine
Triebpsychologie, letzteres eine Ich-Psychologie. Der Trieb ist ein
unpersönliches biologisches Phänomen. Eine darauf basierte Psychologie
muss naturgemäss das Ich vernachlässigen, denn das Ich verdankt seine
Existenz dem principium individuationis, der individuellen Differenzierung,
die kein allgemeines biologisches Phänomen ist wegen ihrer Vereinzelung.
Obschon allgemeine biologische Triebkräfte auch die
Persönlichkeitsbildung ermöglichen, so ist doch eben gerade das
Individuelle essentiell verschieden vom allgemeinen Triebe, steht dazu
sogar im striktesten Gegensatz, wie das Individuum als Persönlichkeit sich
immer von der Collektivität unterscheidet. Sein Wesen besteht eben gerade
in dieser Unterscheidung. Jede Ich-Psychologie muss daher gerade das
Collektive der Triebpsychologie ausschliessen und übergehen, denn sie
beschreibt eben den Ich-Prozess, der sich vom Collektivtriebe differenziert.
Die charakteristische Animosität zwischen den Vertretern der beiden
Standpunkte rührt von der Tatsache her, dass der eine Standpunkt
konsequenterweise eine Entwertung und Heruntersetzung des andern
Standpunktes bedeutet. Denn solange die Unterscheidung zwischen Trieb-
und Ichpsychologie nicht anerkannt ist, so muss natürlich die eine wie die
andere Seite ihre Theorie für allgemeingültig halten. Damit ist nun
keineswegs gesagt, dass z. B. die Triebpsychologie nicht auch eine Theorie
des Ichprozesses aufstellen könnte. Sie kann das sehr wohl tun, aber in
einer Art und Weise, die dem Ichpsychologen wie ein Negativ zu seiner
Theorie erscheint. Daher kommt es, dass bei Freud die „Ichtriebe“ zwar
gelegentlich auftauchen, in der Hauptsache aber ein bescheidenes Dasein

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fristen. Umgekehrt erscheint bei Adler die Sexualität beinahe wie ein
blosses Vehikel, das den elementaren Machtabsichten in dieser oder jener
Weise dient. Das Adlersche Prinzip ist die Sicherung der persönlichen
Macht, die sich dem allgemeinen Triebe superponiert. Bei Freud ist es der
Trieb, der sich das Ich dienstbar macht, sodass das Ich nur als eine Funktion
des Triebes erscheint.
Innerhalb beider Typen geht die wissenschaftliche Tendenz dahin, alles
auf das eigene Prinzip zu reduzieren und daraus wieder zu deduzieren.
Diese Operation lässt sich besonders leicht an den Phantasien vollziehen,
indem diese nicht wie die Funktionen des Bewusstseins, sich an die Realität
adaptieren und darum objektiv orientierten Charakter haben, sondern rein
trieb- und ichgemäss sind. Wer vom Standpunkt des Triebes aus sieht,
findet unschwer die „Wunscherfüllung“, den „infantilen Wunsch“, die
„verdrängte Sexualität“. Wer vom Standpunkt des Ich aus sieht, findet
ebenso leicht die elementaren Absichten auf die Sicherung und
Differenzierung der Ichpersönlichkeit, denn die Phantasien sind
Vermittlungsprodukte zwischen Ich und allgemeinem Trieb. Demgemäss
enthalten sie die Elemente beider Seiten. Die Deutung nach der einen oder
andern Seite ist daher immer etwas gewalttätig und willkürlich, indem dabei
immer der eine Charakter unterdrückt wird. Aber im grossen und ganzen
kommt doch eine beweisbare Wahrheit dabei heraus, nur ist sie eine
Partialwahrheit, die keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben
kann. Ihre Gültigkeit erstreckt sich auf die Reichweite ihres Prinzipes. Im
Gebiete des andern Prinzipes aber ist sie ungültig. Die Freudsche
Psychologie ist charakterisiert durch den zentralen Begriff der Verdrängung
inkompatibler Wunschtendenzen. Der Mensch erscheint als ein Bündel von
Wünschen, die dem Objekt gegenüber nur teilweise anpassbar sind. Seine
neurotischen Schwierigkeiten bestehen darin, dass Milieueinfluss,
Erziehung und objektive Bedingungen ein Ausleben der Triebe teilweise
verhindern. Von Vater und Mutter stammen teils moralisch erschwerende
Einflüsse, teils infantile, das spätere Leben kompromittierende Bindungen.
Die ursprüngliche Triebveranlagung ist ein unabänderlich gegebenes Etwas,
das hauptsächlich durch Objekteinflüsse störende Modifikationen erleidet,
daher ein möglichst ungestörtes Ausleben der Triebe gegenüber passend
gewählten Objekten als das nötige Heilmittel erscheint. Umgekehrt ist
Adlers Psychologie charakterisiert durch den zentralen Begriff der Ich-
Superiorität. Der Mensch erscheint in erster Linie als ein Ichpunkt, der

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unter keinen Umständen dem Objekt unterlegen sein darf. Während bei
Freud das Begehren nach dem Objekt, die Bindung an das Objekt und die
dem Objekt gegenüber unmögliche Art gewisser Begehren eine bedeutende
Rolle spielen, richtet sich bei Adler alles nach der Superiorität des
Subjektes. Freuds Triebverdrängung gegenüber dem Objekt ist bei Adler
zur Sicherung des Subjektes geworden. Das Heilmittel ist bei ihm die
Aufhebung der isolierenden Sicherung, bei Freud die Aufhebung der
Verdrängung, welche das Objekt unerreichbar macht.
Das Grundschema ist daher bei Freud die Sexualität, welche die stärkste
Beziehung zwischen Subjekt und Objekt ausdrückt; bei Adler dagegen die
Macht des Subjektes, welche am wirksamsten gegen die Objekte sichert
und dem Subjekt eine jede Beziehung aufhebende und unangreifbare
Isolierung gibt. Freud möchte das ungestörte Herausfliessen der Triebe an
ihre Objekte gewährleisten, Adler aber möchte den feindseligen Bann der
Objekte durchbrechen, um das Ich von der Erstickung im eigenen Panzer zu
erlösen. Erstere Ansicht dürfte daher im wesentlichen extravertiert, letztere
dagegen introvertiert sein. Die extravertierte Theorie gilt für den
extravertierten Typus, die introvertierte Theorie gilt für den introvertierten
Typus. Insofern nun der reine Typus ein ganz einseitiges
Entwicklungsprodukt ist, ist er auch notwendigerweise unbalanciert. Die
Überbetonung der einen Funktion ist gleichbedeutend mit der Verdrängung
der andern Funktion. Diese Verdrängung wird auch durch die
Psychoanalyse insofern nicht aufgehoben, als die jeweils applizierte
Methode nach der Theorie des eigenen Typus orientiert ist. Der
Extravertierte wird nämlich seine aus dem Unbewussten auftauchenden
Phantasien auf ihren Triebgehalt reduzieren, seiner Theorie entsprechend.
Der Introvertierte aber auf seine Machtabsichten. Der Gewinn aus einer
solchen Analyse fällt jeweils dem schon bestehenden Übergewicht zu.
Diese Art der Analyse verstärkt also bloss den schon bestehenden Typus
und ermöglicht dadurch keine Verständigung oder Vermittlung zwischen
den Typen. Im Gegenteil, die Kluft wird erweitert und zwar äusserlich
sowohl wie innerlich. Es entsteht auch innerlich eine Dissociation, indem
jeweils die in den unbewussten Phantasien (Träumen etc.) auftauchenden
Partikel der andern Funktion entwertet und wieder verdrängt werden.
Darum hatte ein gewisser Kritiker einigermassen recht, als er behauptete,
Freuds Theorie sei eine neurotische Theorie, abgesehen von dem Umstand,
dass dieser Ausdruck übelwollend ist und nur dazu dienen soll, von der

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Pflicht ernsthafter Beschäftigung mit den angeregten Problemen zu
entbinden. Freuds sowohl wie Adlers Standpunkt ist einseitig und nur
charakteristisch für einen Typus.
Beide Theorien stehen dem Prinzip der Imagination insofern ablehnend
gegenüber, als sie die Phantasien reduzieren und nur als einen
semiotischen[8] Ausdruck behandeln. In Wirklichkeit aber bedeuten die
Phantasien mehr als das: sie sind nämlich zugleich auch die Repräsentanten
des andern Mechanismus, also beim Introvertierten der verdrängten
Extraversion, beim Extravertierten der verdrängten Introversion. Die
verdrängte Funktion aber ist unbewusst, daher unentwickelt, embryonal und
archaïsch. Sie ist in diesem Zustand unvereinbar mit dem höhern Niveau
der bewussten Funktion. Das Unannehmbare der Phantasie rührt
hauptsächlich her aus dieser Eigentümlichkeit der zugrunde liegenden, nicht
anerkannten Funktion.
Aus diesen Gründen ist die Imagination für jeden, dem die Anpassung
an äussere Realität Hauptprinzip ist, etwas Verwerfliches und Nutzloses.
Immerhin weiss man, dass noch jede gute Idee und jede Schöpfertat aus der
Imagination hervorgegangen ist und ihren Anfang in dem nahm, was man
als infantile Phantasie zu bezeichnen gewohnt ist. Es ist nicht nur der
Künstler, der alles Grösste in seinem Leben der Phantasie verdankt, sondern
überhaupt jeder schöpferische Mensch. Das dynamische Prinzip der
Phantasie ist das Spielerische, das ebenfalls dem Kinde eignet, und als
solches ebenfalls unvereinbar mit dem Prinzip ernster Arbeit erscheint.
Aber ohne dieses Spiel mit Phantasien ist noch nie ein schöpferisches Werk
geboren worden. Wir verdanken dem Imaginationsspiel unabsehbar viel. Es
ist daher kurzsichtig, wenn die Phantasien ihres abenteuerlichen oder
unannehmbaren Charakters wegen mit Geringschätzung behandelt werden.
Es ist nicht zu vergessen, dass eben gerade in der Imagination eines
Menschen sein Wertvollstes liegen kann. Ich sage ausdrücklich: kann, denn
auf der andern Seite sind die Phantasien auch wertlos, indem sie in der
Form des Rohstoffes keinerlei Verwertbarkeit besitzen. Um das Wertvolle,
das in ihnen liegt, zu heben, bedarf es einer Entwicklung derselben. Diese
Entwicklung wird aber nicht geleistet durch reine Analyse derselben,
sondern auch eine synthetische Behandlung, durch eine Art construktiven
Verfahrens.[9]

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Es bleibt eine offene Frage, ob der Gegensatz zwischen den beiden
Standpunkten intellektuell jemals befriedigend ausgeglichen werden kann.
Obschon der Versuch Abälards dem Sinne nach ausserordentlich geschätzt
werden muss, so hat er doch praktisch keine nennenswerten Folgen
gezeitigt, denn er konnte keine vermittelnde psychologische Funktion
herstellen ausser eben dem Konzeptualismus oder Sermonismus, der eine
einseitige intellektuelle Neuauflage des alten Logosgedankens zu sein
scheint. Der Logos als Mittler hatte allerdings den Vorteil vor dem Sermo,
dass er in seiner menschlichen Erscheinungsweise auch den nicht-
intellektuellen Erwartungen gerecht wurde.

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5. Der Abendmahlstreit zwischen Luther und
Zwingli.
Von den spätern Gegensätzen, welche die Geister bewegten, sollte
eigentlich der Protestantismus und die Reformationsbewegung überhaupt
zur Sprache kommen. Allein diese Erscheinung ist dermassen komplex,
dass sie in viele psychologische Einzelprozesse zuvor aufgelöst werden
müsste, um Gegenstand der analytischen Betrachtung werden zu können.
Das aber liegt ausserhalb des Bereiches meines Könnens. Ich muss mich
darum begnügen, nur einen Einzelfall aus jenem grossen Streit der Geister
hervorzuheben, nämlich den Abendmahlstreit zwischen Luther und Zwingli.
Die bereits erwähnte Transsubstantiationslehre wurde vom Laterankonzil
von 1215 sanktioniert und bildete von da an eine feste
Glaubensüberlieferung, in der auch Luther aufwuchs. Obschon nun der
Gedanke, dass eine Zeremonie und ihre concrete Ausübung eine objektive
Heilsbedeutung habe, eigentlich durchaus unevangelisch ist, indem die
evangelische Richtung sich gerade gegen die Bedeutung der katholischen
Institutionen wendete, so konnte Luther sich doch nicht befreien von dem
unmittelbar wirkenden sinnlichen Eindruck des Geniessens von Brot und
Wein. Er konnte darin nicht bloss ein Zeichen erblicken, sondern die
sinnenfällige Tatsächlichkeit und ihr unmittelbares Erleben waren für ihn
ein unerlässliches religiöses Erfordernis. Er forderte darum die wirkliche
Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl. Er empfing „in
und unter“ Brot und Wein den Leib und das Blut Christi. Die religiöse
Bedeutung des unmittelbaren Erlebens am Objekt war ihm so gross, dass
auch sein Vorstellen an den Concretismus einer stofflichen Gegenwart des
heiligen Leibes gebannt war. Seine Erklärungsversuche stehen daher alle
unterhalb dieser Tatsache: der Leib Christi ist allerdings bloss „unräumlich“
gegenwärtig. In Anlehnung an die sogen. Consubstantiationslehre ist neben
der Substanz von Brot und Wein auch die Substanz des heiligen Leibes real
gegenwärtig. Die durch diese Annahme verlangte Ubiquität des Leibes
Christi, die dem menschlichen Begreifen besondere Beschwerden
verursacht, wurde zwar ersetzt durch den Begriff der Volipräsenz, welche

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bedeutet, dass Gott überall da gegenwärtig ist, wo er gegenwärtig sein will.
Unbekümmert um all diese Schwierigkeiten hat Luther unentwegt am
unmittelbaren Erleben des sinnlichen Eindruckes festgehalten und lieber
alle Bedenken des menschlichen Verstehens mit teils absurden, teils
sonstwie ungenügenden Erklärungen abgefunden. Es ist kaum anzunehmen,
dass es bloss die Macht der Tradition war, welche Luther bestimmt hat,
dieses Dogma festzuhalten, denn gerade er hat es zur Genüge bewiesen,
dass er mit den traditionellen Glaubensformen aufräumen konnte. Man wird
wohl nicht fehlgehen in der Annahme, dass es gerade die Berührung mit
dem „Wirklichen“ und Stofflichen im Abendmahl war, deren
Gefühlsbedeutung für Luther selbst über dem evangelischen Prinzip stand,
dass nämlich das Wort der alleinige Träger der Gnade ist, und keine
Zeremonie. So hatte bei Luther zwar das Wort die Heilsbedeutung, daneben
aber war auch der Genuss des Abendmahls ein Übermittler der Gnade. Wie
gesagt, dies dürfte nur anscheinend eine Konzession an die Institutionen der
katholischen Kirche sein, in Wirklichkeit war es wohl eine durch die
Psychologie Luthers geforderte Anerkennung der auf unmittelbares
Sinnenerlebnis gegründeten Gefühlstatsache.
Dem Lutherischen Standpunkt gegenüber vertrat Zwingli die reine
Symbolauffassung. Es handelt sich für ihn um ein „geistliches“ Geniessen
des Leibes und Blutes Christi. Dieser Standpunkt ist charakterisiert durch
die Vernunft und durch eine ideelle Auffassung der Zeremonie. Er hat den
Vorteil, das evangelische Prinzip nicht zu verletzen und zugleich auch alle
vernunftwidrigen Hypothesen zu vermeiden. Aber diese Auffassung wird
dem nicht gerecht, was Luther erhalten wissen wollte, nämlich der Realität
des Sinneneindruckes und seines besondern Gefühlswertes. Zwar teilte auch
Zwingli das Abendmahl aus, und bei ihm wurden Brot und Wein ebenso
genossen, wie bei Luther, jedoch enthielt seine Auffassung keine Formel,
welche den Standpunkt des dem Objekt eigentümlichen Empfindungs- und
Gefühlswertes adäquat wiedergegeben hätte. Luther gab dafür eine Formel,
aber sie stiess sich an der Vernunft und am evangelischen Prinzip. Den
Empfindungs- und Gefühlsstandpunkt kümmert das nicht, und zwar mit
Recht, denn die Idee, das „Prinzip“, kümmert sich um die Empfindung des
Objektes ebenso wenig. Die beiden Gesichtspunkte schliessen sich in letzter
Linie aus.

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Für die extravertierte Auffassung ist die Lutherische Formulierung ein
Vorteil, für den ideellen Standpunkt die Zwinglische. Obschon Zwinglis
Formel dem Gefühl und der Empfindung keine Gewalt antut, sondern bloss
eine ideelle Auffassung gibt, so ist zwar anscheinend der Objektwirkung
Raum gelassen. Aber es scheint, als ob der extravertierte Standpunkt sich
nicht damit begnüge, offenen Raum zu haben, sondern er verlangt auch eine
Formulierung, wobei das Ideelle dem Empfindungswerte folgt, genau so,
wie die ideelle Formulierung ein Nachfolgen des Fühlens und Empfindens
erheischt.
Ich schliesse hier dieses Kapitel über das Typenprinzip in der antiken
und mittelalterlichen Geistesgeschichte mit dem Bewusstsein, eine blosse
Fragestellung gegeben zu haben. Meine Kompetenz reicht bei weitem nicht
aus, ein so schwieriges und umfangreiches Problem irgendwie erschöpfend
behandeln zu können. Wenn es mir gelungen sein sollte, dem Leser einen
Eindruck vom Vorhandensein typischer Standpunktverschiedenheiten zu
vermitteln, so ist meine Absicht erfüllt. Ich brauche wohl kaum beizufügen,
dass ich weiss, dass keiner der hier berührten Stoffe in abschliessender
Weise behandelt ist. Ich muss diese Arbeit denjenigen überlassen, die über
reichere Kenntnisse auf diesem Gebiete verfügen als ich.

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II
Über Schillers Ideen zum
Typenproblem.

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II.
Über Schillers Ideen zum Typenproblem.

1. Die Briefe über die ästhetische Erziehung des
Menschen.
a) Über die wertvolle und die minderwertige Funktion. Soweit ich mit
meinen beschränkten Mitteln in Erfahrung zu bringen vermochte, scheint
Friedrich Schiller der Erste zu sein, der eine bewusste Unterscheidung
typischer Einstellungen in grösserm Masstab und mit völligerer Darstellung
der Einzelheiten durchzuführen versucht hat. Wir begegnen diesem
bedeutenden Versuche, die beiden in Frage stehenden Mechanismen
darzustellen und zugleich eine Möglichkeit ihrer Vereinigung aufzufinden,
in dem im Jahre 1795 erstmals veröffentlichten Aufsatz: „Über die
ästhetische Erziehung des Menschen“. Der Aufsatz besteht aus einer Reihe
von Briefen, die Schiller an den Herzog von Holstein-Augustenburg[10]
richtete.
Durch die Tiefe der Gedanken, die psychologische Durchdringung des
Stoffes und durch den weiten Blick auf die Möglichkeit der
psychologischen Lösung des Konfliktes, veranlasst mich Schillers Aufsatz
zu einer umfänglichern Darstellung und Würdigung seiner Ideen, denen es
wohl bis jetzt noch nie begegnet ist, in solchem Zusammenhange
abgehandelt zu werden. Schillers Verdienst in unserer psychologischen
Hinsicht ist, wie aus dem Folgenden erhellen wird, auch wirklich kein
geringes; gibt er uns doch ausgearbeitete Gesichtspunkte, die wir in unserer
psychologischen Wissenschaft eben erst zu würdigen anfangen. Mein
Unternehmen wird allerdings nicht zu leicht sein, indem es mir passieren
könnte, den Ideen Schillers eine Auslegung zu geben, von der man

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behaupten könnte, ihr Sinn läge nicht in dem, was er sagt. Denn obschon
ich mich bemühen werde, an allen wesentlichen Stellen die Worte des
Autors selber anzuführen, so wird es doch nicht wohl möglich sein, seine
Ideen in den Zusammenhang, den ich hier aufzustellen unternehme,
hineinzubringen, ohne gewisse Deutungen oder Auslegungen zu geben.
Dazu wird mich einerseits der erwähnte Umstand nötigen, andererseits aber
auch die nicht zu übersehende Tatsache, dass Schiller selber einem
bestimmten Typus zugehört, und infolgedessen, auch gegen seinen Willen,
gezwungen ist, eine Beschreibung von der einen Seite aus zu geben. Die
Beschränktheit unserer Auffassung und Erkenntnis tritt wohl nirgends
deutlicher zutage, als in psychologischen Darstellungen, wo es uns fast
unmöglich ist, ein anderes Bild zu zeichnen als jenes, dessen Grundzüge in
unserer eigenen Seele vorgezeichnet liegen. Ich schliesse aus vielerlei
Zügen, dass Schillers Art dem introvertierten Typus zugehört, während
Goethes Art — wenn wir von seinem alles überragenden Intuitivismus
absehen wollen — mehr nach der extravertierten Seite neigt. Man wird
auch Schillers eigenes Bild unschwer in seiner Schilderung des
idealistischen Typus wiederfinden. Durch diese Zugehörigkeit ist seiner
Formulierung eine unvermeidliche Beschränkung auferlegt, deren
Vorhandensein wir um eines völligern Verständnisses willen nie ausser Acht
lassen dürfen. Dieser Beschränkung ist es zuzuschreiben, dass der eine
Mechanismus in grösserer Vollständigkeit von Schiller dargestellt ist, als
der andere, welcher beim Introvertierten nur unvollständig entwickelt ist
und darum noch gewisse minderwertige Charaktere an sich hat, die ihm
eben aus Gründen der Mangelhaftigkeit seiner Entwicklung anhaften
müssen. In solchen Fällen bedarf die Darstellung des Autors unserer Kritik
und Korrektur. Es ist selbstredend, dass diese Beschränkung Schiller auch
Anlass gegeben hat, zu einer Art der Terminologie, welche der Eignung zu
allgemeiner Verwendbarkeit ermangelt. Als Introvertierter hat Schiller ein
besseres Verhältnis zu den Ideen, als zu den Dingen der Welt. Das
Verhältnis zu den Ideen kann ein mehr gefühlsmässiges oder mehr
reflektierendes sein, je nachdem das Individuum mehr dem Fühl- oder mehr
dem Denktypus zugehört. Ich möchte hier den Leser, der vielleicht durch
frühere Publikationen angeleitet worden ist, das Fühlen mit Extraversion
und das Denken mit Introversion gleichzusetzen, bitten, sich der im letzten
Kapitel gegebenen Definitionen erinnern zu wollen. Ich habe dort mit
Introversions- und Extraversionstypus zwei allgemeine Klassen von

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Menschen unterschieden, zu denen sich die Einteilung in Funktionstypen
wie Denk-, Fühl-, Empfindungs- und Intuitionstypus als Unterabteilung
verhält. Ein Introvertierter kann daher ein Denk- oder ein Fühltypus sein,
denn sowohl der Denkende wie der Fühlende kann unter dem Primate der
Idee stehen, so wie auch beide gegebenenfalls unter dem Primate des
Objektes stehen können.
Wenn ich nun Schiller seiner Art und besonders seinem
charakteristischen Gegensatz zu Goethe entsprechend als Introvertierten
auffasse, so bleibt zunächst die Frage offen, zu welcher Unterabteilung er
gehört. Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ohne Zweifel spielt das
Moment der Intuition bei ihm eine grosse Rolle, weshalb man ihn, wenn
man ihn ausschliesslich als Dichter betrachtet, dem intuitiven Typus
Mensch zurechnen könnte. In den Briefen über die ästhetische Erziehung
tritt uns allerdings der Denker Schiller entgegen. Nicht nur hieraus, sondern
auch aus dem wiederholten Eingeständnis Schillers selber, wissen wir, wie
stark das reflektierende Element in ihm war. Dementsprechend müssen wir
seinen Intuitivismus sehr nach der Seite des Denkens verschieben, sodass
wir ihn auch vom Gesichtspunkte der Psychologie des introvertierten
Denktypus aus unserm Verständnis näher bringen können. Es wird sich im
Folgenden, hoffe ich, zur Genüge erweisen, dass diese Auffassung mit der
Wirklichkeit sich deckt, indem es in den Schillerschen Schriften nicht
wenige Stellen gibt, welche vernehmlich zu ihren Gunsten sprechen. Ich
möchte daher den Leser bitten, im Auge zu behalten, dass meinen
Ausführungen die Annahme, die ich eben skizziert habe, zu Grunde liegt.
Dies erscheint mir darum notwendig, weil Schiller das ihm vorliegende
Problem als solches behandelt, wie er es aus seiner eigenen innern
Erfahrung herausgehoben hat. Die höchst allgemeine Formulierung, die er
ihm gibt, könnte, in Anbetracht der Tatsache, dass eine andere Psychologie,
d. h. ein anderer Typus Mensch dasselbe Problem in ganz andere Formen
fassen würde, als ein Übergriff oder als eine vorschnelle Verallgemeinerung
angesehen werden. Das wäre aber insofern ungerecht, als es tatsächlich eine
ganze Klasse von Menschen gibt, für die das Problem der getrennten
Funktionen ebenso liegt, wie für Schiller. Wenn ich daher bisweilen in
meinen folgenden Ausführungen die Einseitigkeit und den Subjektivismus
Schillers hervorhebe, so will ich damit nichts an der Gültigkeit und
Wichtigkeit des von ihm hervorgehobenen Problems abstreichen, sondern
vielmehr Raum schaffen für andere Formulierungen. Meine bisweilen

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vorgebrachte Kritik hat daher mehr die Bedeutung einer Transscription in
eine Ausdrucksweise, welche die Schillersche Formulierung ihrer
subjektiven Bedingtheit entledigt. Immerhin schliessen sich meine
Ausführungen so enge an Schiller an, dass sie weit weniger die allgemeine
Frage von Introversion und Extraversion, die uns im I. Kapitel
ausschliesslich beschäftigt hat, behandeln, als vielmehr den typischen
Konflikt des introvertierten Denktypus.
Zuallererst beschäftigt Schiller die Frage nach der Ursache und
Herkunft der Trennung der beiden Mechanismen. Mit sicherm Griffe hebt
er als Grundmotiv die Differenzierung der Individuen heraus. „Die Kultur
selbst war es, welche der neuen Menschheit diese Wunde schlug.“[11] Schon
dieser eine Satz zeigt das umfassende Verständnis Schillers für unser
Problem. Die Auflösung des harmonischen Zusammenwirkens der
seelischen Kräfte im instinktiven Leben ist wie eine stets offene und nie
verheilende Wunde, eine wahre Amfortaswunde, weil die Differenzierung
einer Funktion aus mehreren ein Überwuchern dieser und eine
Vernachlässigung und Verkrüppelung jener unvermeidlich mit sich führt.
„Ich verkenne nicht die Vorzüge,“ sagt Schiller, „welche das
gegenwärtige Geschlecht, als Einheit betrachtet, und auf der Wage des
Verstandes, vor dem besten in der Vorwelt behaupten mag; aber in
geschlossenen Gliedern muss es den Wettkampf beginnen, und das Ganze
mit dem Ganzen messen. Welcher einzelne Neuere tritt heraus, Mann gegen
Mann, mit dem einzelnen Athenienser um den Preis der Menschheit zu
streiten? Woher wohl dieses nachteilige Verhältnis der Individuen bei allem
Vorteil der Gattung?“[12]
Schiller schiebt die Schuld an dieser Unterlegenheit der Neuern auf die
Kultur, d. h. auf die Differenzierung der Funktionen. Zunächst weist er
darauf hin, wie in Kunst und Gelehrsamkeit sich der intuitive und der
spekulative Verstand entzweit und ihre Anwendungsgebiete eifersüchtig
gegeneinander abgeschlossen hätten. „Und mit der Sphäre, auf die man
seine Wirksamkeit einschränkt, hat man sich auch in sich selbst einen Herrn
gegeben, der nicht selten mit Unterdrückung der übrigen Anlagen zu
endigen pflegt. Indem hier die luxurierende Einbildungskraft die mühsamen
Pflanzungen des Verstandes verwüstet, verzehrt dort der Abstraktionsgeist
das Feuer, an dem das Herz sich hätte wärmen, und die Phantasie sich
entzünden sollen.“ (l. c. p. 23.)

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Und weiter: „Wenn das gemeine Wesen das Amt des Mannes zum
Masstab macht, wenn es an dem einen seiner Bürger nur die Memorie, an
einem andern nur den tabellarischen Verstand, an einem Dritten nur die
mechanische Fähigkeit ehrt; wenn es hier, gleichgültig gegen den
Charakter, nur auf Kenntnisse dringt, dort hingegen einem Geiste der
Ordnung und einem gesetzlichen Verhalten die grösste Verfinsterung des
Verstandes zu gut hält — wenn es zugleich diese einzelnen Fertigkeiten zu
einer eben so grossen Intensität will getrieben wissen, als es dem Subjekt an
Extensität erlässt — darf es uns da nicht wundern, dass die übrigen Anlagen
des Gemütes vernachlässigt werden, um der einzigen, welche ehrt und
lohnt, alle Pflege zuzuwenden?“
In diesen Gedanken Schillers liegt viel Wichtiges. Es ist begreiflich,
dass Schillers Zeit bei der damaligen unvollkommenen Kenntnis des
Griechentums den griechischen Menschen nach der Grösse seiner
überlieferten Werke einschätzte und damit auch masslos überschätzte, denn
die besondere griechische Schönheit verdankte ihr Dasein nicht zuletzt dem
Kontraste mit dem Milieu, aus dem sie hervorging. Der Vorteil des
griechischen Menschen bestand darin, dass er weniger differenziert war als
der Neuere, wenn man darin einen Vorteil zu sehen geneigt ist; denn die
Nachteile eines solchen Zustandes dürften zum mindesten ebenso
einleuchtend sein. Die Differenzierung der Funktionen erfolgte sicherlich
nicht aus Tücke, sondern eben wie immer und überall in der Natur, aus Not.
Wenn einer von diesen späten Bewunderern des griechischen Himmels und
der arkadischen Seligkeiten zufälligerweise als attischer Helot zur Welt
gekommen wäre, so hätte er wohl die Schönheiten Griechenlands mit etwas
andern Blicken betrachtet. Wenn schon unter den primitiven Bedingungen
des 5. Jahrhunderts a. Chr. n. das einzelne Individuum eine grössere
Möglichkeit zu einer allseitigen Entfaltung seiner Eigenschaften und
Fähigkeiten hatte, so war dies doch nur dadurch möglich, dass Tausende
seiner Mitmenschen von desto elendern Umständen eingeschränkt und
verkrüppelt wurden. In einzelnen Exemplaren wurde gewiss eine hohe
Individualkultur erreicht, aber eine Collektivkultur war der Antike fremd.
Diese Errungenschaft war dem Christentum vorbehalten. Daher kommt es,
dass die Neuern als Masse sich mit dem griechischen Menschen nicht bloss
messen können, sondern ihn auch bei weitem überragen in jeder Hinsicht
einer collektiven Kultur. Dagegen hat Schiller durchaus recht, dass unsere
Individualkultur nicht gleichen Schritt gehalten hat mit der Collektivkultur;

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und das ist auch in den 120 Jahren, die seit der Abfassung der Schillerschen
Arbeit verflossen sind, nicht besser geworden, im Gegenteil: wenn wir nicht
zu Ungunsten der Individualentwicklung noch weiter in die
Collektivatmosphäre hineingeraten wären, so hätte es kaum der
gewaltsamen Reaktionen, die sich im Geiste eines Stirner und Nietzsche
personifizieren, bedurft. Schillers Worte dürften daher heute noch
ebensoviel Geltung haben.
Wie die Antike die Förderung einer obern Klasse hinsichtlich der
Individualentwicklung durch die Unterdrückung einer Mehrheit gemeinen
Volkes (Heloten, Sklaven) besorgte, so erreichte die nachfolgende
christliche Sphäre den Zustand einer Collektivkultur dadurch, dass sie
denselben Prozess soviel wie möglich ins Individuum selber verlegte (auf
die Subjektivstufe erhob, wie wir uns auszudrücken pflegen). Indem der
Wert des Einzelnen durch das christliche Dogma einer unverlierbaren Seele
proklamiert war, so konnte nun nicht mehr die minderwertige Mehrheit des
Volkes in Wirklichkeit der Freiheit einer mehrwertigen Minderheit
unterworfen werden, sondern es wurde im Einzelnen die mehrwertige
Funktion den minderwertigen Funktionen vorgezogen. Auf diese Weise
ergab sich eine Verlegung der Hauptbedeutung auf die eine wertvolle
Funktion zu Ungunsten aller andern Funktionen. Damit wurde
psychologisch die äussere soziale Form der antiken Kultur ins Subjekt
verlegt, wodurch im Einzelnen ein innerer Zustand erzeugt wurde, der in
der Antike ein äusserer Zustand gewesen war, nämlich eine herrschende
bevorzugte Funktion, die auf Kosten einer minderwertigen Mehrheit sich
entwickelte und differenzierte. Durch diesen psychologischen Prozess kam
allmählich eine collektive Kultur zustande, welche zwar dem Einzelnen die
„droits de l’homme“ in ungleich höherm Masse gewährleistet, als die
Antike, dafür aber den Nachteil hat, dass sie auf einer subjektiven
Sklavenkultur beruht, d. h. also auf einer Verlegung der antiken
Mehrheitsversklavung ins Psychologische, wodurch zwar die
Collektivkultur erhöht, die Individualkultur aber erniedrigt wird. Wie die
Versklavung der Masse die offene Wunde der Antike war, so ist die
Sklaverei der minderwertigen Funktionen eine stets blutende Wunde in der
Seele des heutigen Menschen.
„Einseitigkeit in Übung der Kräfte führt zwar das Individuum
unausbleiblich zum Irrtum, aber die Gattung zur Wahrheit,“ sagt Schiller.[13]

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Die Bevorzugung der mehrwertigen Funktion dient wesentlich zum Vorteil
der Societät, aber zum Nachteil der Individualität. Dieser Nachteil geht
soweit, dass die grossen Organisationen unserer heutigen Kultur nach der
völligen Auslöschung des Individuums streben, indem sie ganz auf eine
maschinelle Verwendung der einzelnen bevorzugten Funktionen des
Menschen beruhen. Nicht die Menschen zählen, sondern ihre eine
differenzierte Funktion. Der Mensch präsentiert sich in der Collektivkultur
nicht als solcher, sondern er ist bloss durch eine Funktion repräsentiert, ja er
identifiziert sich sogar ausschliesslich mit dieser Funktion und verleugnet
die Zugehörigkeit der andern, minderwertigen Funktionen. Damit sinkt das
moderne Individuum zu einer blossen Funktion hinab, weil eben bloss diese
Funktion einen Collektivwert repräsentiert und daher auch allein eine
Lebensmöglichkeit gewährt. Dass eine Differenzierung der Funktion aber
anders auch gar nicht hätte zustande kommen können, sieht Schiller
deutlich ein: „Die mannigfaltigen Anlagen im Menschen zu entwickeln, war
kein anderes Mittel, als sie einander entgegen zu setzen. Dieser
Antagonismus der Kräfte ist das grosse Instrument der Kultur, aber auch
nur das Instrument, denn solange derselbe dauert, ist man erst auf dem
Wege zu dieser.“[14]
Nach dieser Auffassung wäre der gegenwärtige Zustand des
Antagonismus der Kräfte noch kein Kulturzustand, sondern wir wären erst
auf dem Wege zur Kultur. Darüber wird man allerdings geteilter Meinung
sein: denn die einen werden als Kultur eben den Zustand der
Collektivkultur verstehen, während die andern diesen Zustand bloss als
Zivilisation verstehen und an die Kultur die strengere Anforderung der
Individualentwicklung stellen. Darin täuscht sich allerdings Schiller, wenn
er sich ausschliesslich auf den zweiten Standpunkt begibt und unserer
Collektivkultur die griechische Individualkultur entgegenhält, denn er
übersieht dabei die Mangelhaftigkeit der damaligen Zivilisation, welche die
unumschränkte Gültigkeit jener Kultur in Zweifel zieht. So ist eigentlich
keine Kultur je vollständig, insofern sie immer entweder mehr auf dieser
oder mehr auf jener Seite steht, d. h. das einemal ist das Ideal der Kultur ein
extravertiertes, d. h. der Hauptwert liegt beim Objekte und der Beziehung
zu ihm; das anderemal ist das Ideal ein introvertiertes und die
Hauptbedeutung liegt beim Individuum, oder Objekte und den Beziehungen
zur Idee. In der erstern Form nimmt die Kultur eine collektive Art an, in der
letztern aber eine individuale. Es ist daher begreiflich, dass gerade unter der

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Einwirkung der christlichen Sphäre, deren Prinzip die christliche Liebe ist
(und durch Kontrastassociation auch deren Gegenstück, nämlich die
Vergewaltigung der Individualität), eine Collektivkultur zustande kam, in
welcher der Einzelne unterzugehen droht, weil die individuellen Werte
schon aus Prinzip einer Minderbewertung verfallen. Daraus ergab sich auch
in der Zeit der deutschen Klassiker jene besondere Sehnsucht nach der
Antike, die ihnen ein Symbol individueller Kultur wurde und eben deshalb
meistens sehr überschätzt und öfters unmässig idealisiert wurde. Auch
fanden nicht wenige Versuche statt, den griechischen Geist sozusagen
nachzuahmen und anzuempfinden, Versuche, die uns heute etwas
abgeschmackt vorkommen, die aber doch als Vorläufer einer
Individualkultur gewürdigt sein wollen. In den 120 Jahren, die vergangen
sind seit der Abfassung der Schillerschen Schrift, sind die Umstände
hinsichtlich einer Individualkultur nicht besser, sondern schlimmer
geworden, indem das Interesse des einzelnen in noch weit höherm Masse
als damals für collektive Beschäftigungen in Anspruch genommen ist, und
darum weit weniger Musse dem einzelnen übrig bleibt zur Entwicklung
einer Individualkultur; daher wir heutzutage eine hoch entwickelte
Collektivkultur besitzen, die alles, was je zuvor war, an Organisation bei
weitem übertrifft, dafür aber auch die Individualkultur in zunehmendem
Masse geschädigt hat. Es besteht heute eine tiefe Kluft zwischen dem, was
einer ist und was einer vorstellt, d. h. zwischen dem, was er als Individuum,
und dem, als das er als Collektivwesen funktioniert. Seine Funktion ist
entwickelt, seine Individualität aber nicht. Ist er trefflich, so ist er mit seiner
Collektivfunktion identisch, ist er aber das Gegenteil davon, so ist er zwar
als Funktion in der Societät geschätzt, aber als Individualität ist er ganz auf
der Seite seiner minderwertigen, unentwickelten Funktionen, infolgedessen
er einfach barbarisch ist, während der erstere sich über seine tatsächlich
bestehende Barbarei glücklich hinweggetäuscht hat. Gewiss hat diese
Einseitigkeit hinsichtlich der Societät nicht zu unterschätzende Vorteile
gebracht, und es werden dadurch Errungenschaften erzielt, die anderswie
nicht zu erreichen gewesen wären, wie Schiller treffend sagt: „Dadurch
allein, dass wir die ganze Energie unseres Geistes in einem Brennpunkt
versammeln, und unser ganzes Wesen in eine einzige Kraft
zusammenziehen, setzen wir dieser einzelnen Kraft gleichsam Flügel an,
und führen sie künstlicherweise weit über die Schranken hinaus, welche die
Natur ihr gesetzt zu haben scheint.“[15]

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Aber diese einseitige Entwicklung muss und wird zu einer Reaktion
führen, weil die unterdrückten minderwertigen Funktionen nicht bis ins
Endlose vom Mitleben und von der Entwicklung ausgeschlossen werden
können. Einmal wird der Moment kommen, wo „die Trennung in dem
innern Menschen wieder aufgehoben“ werden muss, um dem
Unentwickelten eine Lebensmöglichkeit zu gewähren. Ich habe bereits
angedeutet, dass die Differenzierung in der Kulturentwicklung in letzter
Linie eine Dissociation der Grundfunktionen des psychischen Lebens
schafft, gewissermassen über die Differenzierung der Fähigkeiten
hinausgehend und übergreifend in das Gebiet der allgemeinen
psychologischen Einstellung überhaupt, welche die Art und Weise der
Verwendung der Fähigkeiten regiert. Dabei bewirkt die Kultur eine
Differenzierung jener Funktion, die wohl schon angeborenerweise sich
einer bessern Ausbildungsfähigkeit erfreut. So ist bei dem einen das
Denkvermögen, beim andern das Fühlen einer weitern Entwicklung in
besonderm Masse zugänglich und darum wird er sich unter dem Drängen
der Kulturforderung in besonderm Masse mit der Entwicklung jenes
Vermögens beschäftigen, dessen Anlage in ihm von Natur aus schon eine
besonders günstige resp. ausbildungsfähige ist. Die Ausbildungsfähigkeit
bedeutet allerdings nicht, dass die Funktion a priori eine Anwartschaft auf
besondere Tüchtigkeit hätte, sondern sie setzt — man möchte sagen: im
Gegenteil — eine gewisse Zartheit, Labilität und Formbarkeit der Funktion
voraus, weshalb auch durchaus nicht immer der höchste Individualwert in
dieser Funktion zu suchen und zu finden ist, sondern vielleicht nur der
höchste Collektivwert, insofern nämlich diese Funktion zu einem
collektiven Wert entwickelt ist. Es mag, aber, wie gesagt, sehr leicht so sein,
dass unter den vernachlässigten Funktionen viel höhere Individualwerte
versteckt liegen, die zwar für das collektive Leben von geringer Bedeutung,
für das individuelle Leben dagegen von grösstem Werte sind und daher
Lebenswerte darstellen, welche dem einzelnen eine Intensität und Schönheit
des Lebens zu verleihen vermögen, welche er von seiner Collektivfunktion
vergebens erwartet. Zwar verschafft ihm die differenzierte Funktion die
Möglichkeit des collektiven Daseins, nicht aber die Befriedigung und
Lebensfreude, welche bloss die Entwicklung der Individualwerte geben
kann. Ihre Abwesenheit ist daher ein oft tief empfundener Mangel, der
Abstand von ihnen aber eine innere Spaltung, die man mit Schiller einer
schmerzhaften Wunde vergleichen könnte.

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„Wieviel also auch für das Ganze der Welt durch die getrennte
Ausbildung der menschlichen Kräfte gewonnen werden mag, so ist nicht zu
leugnen, dass die Individuen, welche sie trifft, unter dem Fluche dieses
Weltzweckes leiden. Durch gymnastische Übungen bilden sich zwar
athletische Körper aus, aber nur durch das freie und gleichförmige Spiel der
Glieder die Schönheit. Ebenso kann die Anspannung einzelner Geisteskräfte
zwar ausserordentliche, aber nur durch die gleichförmige Temperatur
derselben, glückliche und vollkommene Menschen erzeugen. Und in
welchem Verhältnis stünden wir also zu dem vergangenen und kommenden
Weltalter, wenn die Ausbildung der menschlichen Natur ein solches Opfer
notwendig machte? Wir wären die Knechte der Menschheit gewesen, wir
hätten einige Jahrtausende lang die Sklavenarbeit für sie getrieben, und
unserer verstümmelten Natur die beschämenden Spuren dieser
Dienstbarkeit eingedrückt — damit das spätere Geschlecht, in einem
seligen Müssiggange, seiner moralischen Gesundheit warten, und den freien
Wuchs seiner Menschheit entwickeln könnte! Kann aber wohl der Mensch
dazu bestimmt sein, über irgend einem Zwecke sich selbst zu versäumen?
Sollte uns die Natur durch ihre Zwecke eine Vollkommenheit rauben
können, welche uns die Vernunft durch die ihrigen vorschreibt? Es muss
also falsch sein, dass die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer
Totalität notwendig macht; oder wenn auch das Gesetz der Natur noch so
sehr dahin strebte, so muss es bei uns stehen, diese Totalität in unserer
Natur, welche die Kunst zerstört hat, durch eine höhere Kunst wieder
herzustellen.“[16]
Es ist unverkennbar, dass Schiller in seinem persönlichen Leben diesen
Konflikt aufs tiefste empfunden hat, und dass aus eben diesem Widerstreit
in ihm die Sehnsucht entsprungen ist, jene Einheitlichkeit oder
Gleichförmigkeit zu finden, welche auch den unterdrückten und im
Sklavendienste schmachtenden Funktionen die Erlösung bringen sollte und
damit die Wiederherstellung eines harmonischen Lebens. Dieser Gedanke
bewegte auch Wagner in seinem Parsifal, und er verlieh ihm symbolischen
Ausdruck in der Wiederbringung des verlorenen Speeres und der Heilung
der Wunde. Was Wagner im künstlerischen symbolischen Ausdruck zu
sagen versuchte, das bemüht sich Schiller in philosophischer Überlegung
klar zu machen. Er sagt es nicht laut, aber implicite deutlich genug, dass
sein Problem um ein Wiederaufnehmen antiker Lebensart und
Lebensauffassung geht, woraus sich unmittelbar der Schluss ergibt, dass er

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die christliche Lösung seines Problems entweder übersieht oder absichtlich
übergeht. Auf alle Fälle ist sein geistiger Blick mehr auf die antike
Schönheit gerichtet, als auf die christliche Erlösungslehre, welche doch
nichts anderes bezweckte, als eben dasselbe, um das sich Schiller bemüht,
nämlich um eine Erlösung vom Übel. Wie Julian, der Apostat, in seiner
Rede über König Helios sagt, ist des Menschen Herz von „tobendem
Kampfe erfüllt“, womit er treffend nicht nur sich selber, sondern auch seine
ganze Zeit kennzeichnet, nämlich die innere Zerrissenheit der spätern
Antike, die ihren äussern Ausdruck in jener beispiellosen chaotischen
Verwirrung der Köpfe und Herzen fand, aus welcher die christliche Lehre
den Menschen zu erlösen versprach. Was das Christentum gab, war
allerdings keine Lösung, sondern eine Erlösung, eine Loslösung der einen
wertvollen Funktion von allen andern Funktionen, die damals ebenso
gebieterisch mitregieren wollten. Das Christentum gab eine bestimmte
Richtung unter Ausschliessung aller andern möglichen Richtungen. Dieser
Umstand dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass Schiller die durch
das Christentum dargebotene Heilsmöglichkeit mit Stillschweigen übergeht.
Die nahe Beziehung der Antike zur Natur schien jene Möglichkeit zu
versprechen, welche das Christentum nicht gewährte. „Die Natur zeichnet
uns in ihrer physischen Schöpfung den Weg vor, den man in der
moralischen zu wandeln hat. Nicht eher, als bis der Kampf elementarischer
Kräfte in den niedrigern Organisationen besänftigt ist, erhebt sie sich zu der
edeln Bildung des physischen Menschen. Ebenso muss der Elementenstreit
in dem ethischen Menschen, der Konflikt blinder Triebe, fürs erste beruhigt
sein, und die grobe Entgegensetzung muss in ihm aufgehört haben, ehe man
es wagen darf, die Mannigfaltigkeit zu begünstigen. Auf der andern Seite
muss die Selbständigkeit seines Charakters gesichert sein, und die
Unterwürfigkeit unter fremde despotische Formen einer anständigen
Freiheit Platz gemacht haben, ehe man die Mannigfaltigkeit in ihm der
Einheit des Ideals unterwerfen darf.“ (1. c. pag. 32.)
Also nicht eine Loslösung oder Erlösung von der minderwertigen
Funktion soll es sein, sondern eine Berücksichtigung von ihr, sozusagen
eine Auseinandersetzung mit ihr soll es sein, welche auf natürlichem Wege
die Gegensätze vereint. Schiller fühlt aber, dass das Annehmen
minderwertiger Funktionen zu einem „Konflikt blinder Triebe“ führen
könnte, wie ebenso, aber umgekehrt, die Einheit des Ideals wieder jenen

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Vorrang der wertvollen Funktion vor den minderwertigen Funktionen
herstellen und damit den alten Zustand wieder herbeiführen könnte. Die
minderwertigen Funktionen sind der wertvollen Funktion entgegengesetzt,
nicht etwa ihrem tiefsten Wesen, sondern ihrer derzeitigen Gestalt nach. Sie
wurden ursprünglich vernachlässigt und verdrängt, weil sie dem
Kulturmenschen hinderlich waren in der Erreichung seiner Ziele, welche
nämlich einseitige Interessen und nicht gleichbedeutend mit einer
Vollendung der menschlichen Individualität sind. Dazu aber wären diese
nicht anerkannten Funktionen unerlässlich und widerstreiten ihrem Wesen
nach auch gar nicht dem gedachten Ziele. Solange aber das Kulturziel nicht
zugleich mit dem Ideal der Vollendung des menschlichen Wesens
zusammenfällt, werden diese Funktionen auch einer Minderschätzung
unterliegen und darum einer relativen Verdrängung verfallen. Das
Annehmen der verdrängten Funktionen ist gleichbedeutend mit innerm
Bürgerkrieg, mit einer Entfesselung der vorher gebändigten Gegensätze,
wodurch die „Selbständigkeit des Charakters“ ohne weiteres aufgehoben
ist. Diese Selbständigkeit kann nur durch Schlichtung dieses Kampfes
erreicht werden, was ohne Despotie über die widerstreitenden Kräfte
unmöglich erscheint. Damit ist aber die Freiheit kompromittiert, ohne
welche der Aufbau einer sittlich freien Persönlichkeit unmöglich ist.
Gewährt man aber die Freiheit, so verfällt man dem Konflikt der Triebe.
„Von der Freyheit erschreckt, die in ihren ersten Versuchen sich immer
als Feindin ankündigt, wird man dort einer bequemen Knechtschaft sich in
die Arme werfen, und hier, von einer pedantischen Curatel zur
Verzweiflung gebracht, in die wilde Ungebundenheit des Naturstandes
entspringen. Die Usurpation wird sich auf die Schwachheit der
menschlichen Natur, die Insurrektion auf die Würde derselben berufen, bis
endlich die grosse Beherrscherin aller menschlichen Dinge, die blinde
Stärke, dazwischen tritt, und den vorgeblichen Streit der Prinzipien wie
einen gemeinen Faustkampf entscheidet.“[17]
Die zeitgenössische französische Revolution hat diesen Sätzen einen
ebenso lebendigen, als blutigen Hintergrund gegeben, begonnen im Zeichen
der Philosophie und der Vernunft mit hohem idealistischem Aufschwung
und endigend in einem blutrünstigen Chaos, aus dem das despotische Genie
Napoleons hervorging. Die Göttin der Vernunft erwies sich als ohnmächtig
gegenüber der Gewalt der entfesselten Bestie. Schiller fühlt die

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Unterlegenheit der Vernunft und Wahrheit und postuliert darum, dass die
Wahrheit selbst eine Kraft werde. „Hat sie bis jetzt ihre siegende Kraft noch
so wenig bewiesen, so liegt dies nicht an dem Verstande, der sie nicht zu
entschleyern wusste, sondern an dem Herzen, das sich ihr verschloss, und
an dem Triebe, der nicht für sie handelte. Denn woher diese noch so
allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bey
allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten? Das Zeitalter ist
aufgeklärt, das heisst, die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich
preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens unsere praktischen
Grundsätze zu berichtigen. Der Geist der freyen Untersuchung hat die
Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit
verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und
Betrug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat sich von den Täuschungen
der Sinne und von betrüglicher Sophistik gereinigt, und die Philosophie
selbst, welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und
dringend in den Schooss der Natur zurück — woran liegt es, dass wir noch
immer Barbaren sind?“[18]
Wir fühlen in diesen Worten Schillers die Nähe der französischen
Aufklärung und des phantastischen Intellektualismus der Revolution. „Das
Zeitalter ist aufgeklärt“ — welche Überschätzung des Intellekts! „Der Geist
der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut“ — welcher
Rationalismus! Man wird lebhaft an die Worte des Proktophantasmisten
erinnert: „Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!“ Wenn schon es
einerseits durchaus im Geiste jener Zeit lag, die Bedeutung und
Wirksamkeit der Vernunft zu überschätzen, wobei man gänzlich vergass,
dass, wenn die Vernunft wirklich eine solche Kraft besässe, sie schon längst
die reichlichste Gelegenheit gehabt hätte, sie zu beweisen, so ist auch
andererseits die Tatsache nicht zu übersehen, dass nicht alle massgebenden
Köpfe damals so dachten, und dass also mithin dieser Anflug eines
rationalistischen Intellektualismus sich wohl auch auf eine besonders starke
subjektive Entwicklung dieses selben Elementes bei Schiller begründet. Wir
haben bei ihm mit einem Vorwiegen des Intellektes, nicht vor seiner
poetischen Intuition, wohl aber vor seinem Fühlvermögen zu rechnen.
Schiller selbst erschien es, als ob ein Konflikt in ihm bestünde zwischen
Imagination und Abstraktion, d. h. zwischen Intuition und Intellekt. So
schreibt er an Goethe (31. August 1794): „Dies ist es, was mir, besonders in
frühern Jahren, sowohl auf dem Felde der Spekulation als der Dichtkunst

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ein ziemlich linkisches Ansehen gegeben; denn gewöhnlich übereilte mich
der Poet, wo ich philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo ich
dichten wollte. Noch jetzt begegnet es mir häufig genug, dass die
Einbildungskraft meine Abstraktion, und der kalte Verstand meine Dichtung
stört.“ Seine ausserordentliche Bewunderung des Goetheschen Geistes,
seine beinahe weibliche An- und Nachempfindung der Intuition seines
Freundes, der er in seinen Briefen so häufig Ausdruck verleiht, beruht eben
auf der eindringlichen Wahrnehmung dieses Konfliktes, den er der beinahe
vollkommen synthetischen Natur Goethes gegenüber doppelt empfinden
musste. Dieser Konflikt verdankt sein Dasein dem psychologischen
Umstande, dass die Energie des Fühlens sich in gleichem Masse dem
Intellekte sowohl als der schöpferischen Imagination lieh. Schiller scheint
diesen Umstand erkannt zu haben; im selben Briefe an Goethe macht er die
Bemerkung, dass, nachdem er seine moralischen Kräfte, die der
Imagination und dem Intellekt die rechten Grenzen anweisen sollten, zu
„kennen und zu gebrauchen“ angefangen habe, eine physische Krankheit
sie zu untergraben drohe. Es ist nämlich das schon öfter erwähnte
Kennzeichen einer mangelhaft entwickelten Funktion, dass sie sich der
bewussten Disposition entzieht und aus eigenem Antriebe, d. h. mit einer
gewissen Autonomie, sich unbewusst andern Funktionen beimischt, wobei
sie sich ohne differenzierte Auswahl, rein dynamisch benimmt, etwa als ein
Impetus oder als eine blosse Verstärkung, welche der bewussten,
differenzierten Funktion den Charakter des Hingerissenseins oder des
Zwanghaften verleiht, wodurch die bewusste Funktion im einen Falle über
ihre durch Absicht und Entschluss gesteckten Grenzen hinausgeführt, im
andern Falle dagegen noch vor der Erreichung ihres Zieles angehalten und
auf einen Nebenweg verführt, im dritten Falle endlich zu einem Widerstreit
mit der andern bewussten Funktion geführt wird, welcher Konflikt solange
ungelöst bleibt, als die unbewusst beigemengte störende Triebkraft nicht an
und für sich differenziert, und solchermassen einer gewissen bewussten
Disposition unterworfen wird. Man wird also wohl kaum fehlgehen mit der
Vermutung, dass der Ausruf: „Woran liegt es, dass wir noch immer
Barbaren sind?“ nicht bloss im Geiste jener Zeit begründet ist, sondern auch
in der subjektiven Psychologie Schillers. Mit der damaligen Zeit sucht auch
er die Wurzel des Übels an der falschen Stelle, denn das Barbarische
bestand und besteht nie darin, dass die Vernunft oder die Wahrheit
ungenügende Wirkung haben, sondern darin, dass man von ihnen eine

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solche Wirkung erwartet, oder sogar darin, dass man der Vernunft eine
solche Wirkung überhaupt verschafft aus einer abergläubischen
Überschätzung der „Wahrheit“. Das Barbarische liegt in der Einseitigkeit
und im Masslosen, in der schlechten Proportion überhaupt.
Gerade am eindrucksvollen Beispiel der französischen Revolution, die
damals eben den Höhepunkt des Schreckens erreicht hatte, konnte Schiller
sehen, wie weit die Macht der Göttin Vernunft reicht, und inwiefern die
vernunftlose Bestie im Menschen triumphiert. Es waren gewiss auch diese
Zeitereignisse, welche Schiller dieses Problem in besonderm Masse
aufdrängten, wie es ja oftmals geschieht, dass ein im Grunde persönliches
und darum anscheinend subjektives Problem mit einem Male zu einer
allgemeinen, die ganze Societät umfassenden Frage emporwächst, wenn es
auf äussere Ereignisse stösst, deren Psychologie dieselben Elemente enthält
wie der persönliche Konflikt. Dadurch fällt auch dem persönlichen Problem
eine Würde zu, die es vorher nicht besass, indem nämlich das Uneinssein
mit sich selber immer etwas Beschämendes und Heruntersetzendes an sich
hat, wodurch man in eine nach aussen und innen erniedrigte Lage gerät, wie
ein Staat, der durch einen Bürgerkrieg entehrt ist. Darum scheut man sich
auch, einen rein persönlichen Konflikt vor einem grössern Publikum
auszubreiten — vorausgesetzt, dass man nicht an einer allzu kühnen
Selbstüberschätzung leidet. Gelingt es aber, den Zusammenhang des
persönlichen Problems mit grössern zeitgenössischen Ereignissen
aufzufinden und einzusehen, so bedeutet ein solches Zusammentreffen
soviel als eine Erlösung aus der Einsamkeit des rein Persönlichen, und das
subjektive Problem erweitert sich zu einer allgemeinen Frage unserer
Societät. Dies ist kein geringer Gewinn in Ansehung der Möglichkeit einer
Lösung. Denn während dem persönlichen Problem nur jene spärlichen
Energieen des bewussten Interesses für die eigene Person zur Verfügung
stehen, fliessen jetzt die collektiven Triebkräfte ein und vereinigen sich mit
den Interessen des Ich, und dadurch entsteht nunmehr eine neue Lage,
welche neue Möglichkeiten einer Lösung gewährt. Was nämlich die
persönliche Kraft des Willens oder des Mutes nie vermocht hätte, vermag
die collektive Triebkraft; sie trägt den Menschen über Hindernisse hinweg,
die er mit seiner persönlichen Energie nie bewältigen könnte.
So dürfen wir auch vermuten, dass die Eindrücke der zeitgenössischen
Ereignisse Schiller den Wagemut gegeben haben, den Versuch zu

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unternehmen zu einer Lösung des Konfliktes zwischen Individuum und
sozialer Funktion. Diesen Widerspruch hat auch Rousseau tief empfunden;
er ist ihm sogar zum Ausgangspunkt geworden für sein Werk „Émile ou de
l’Éducation“ (1762). Wir finden dort einige Stellen, die für unser Problem
von Bedeutung sind: „L’homme civil n’est qu’une unité fractionnaire qui
tient au dénominateur, et dont la valeur est dans son rapport avec l’entier,
qui est le corps social. Les bonnes institutions sociales sont celles qui savent
le mieux dénaturer l’homme, lui ôter son existence absolue pour lui en
donner une relative, et transporter le moi dans l’unité commune.“
„Celui qui dans l’ordre civil veut conserver la primauté des sentiments
de la nature ne sait ce qu’il veut. Toujours en contradiction avec lui-même,
toujours flottant entre ses penchants et ses devoirs, il ne sera jamais ni
homme ni citoyen; il ne sera bon ni pour lui ni pour les autres.“[19]
Rousseau eröffnet sein Werk mit dem berühmten Satze: „Tout est bien,
sortant des mains de l’Auteur des choses; tout dégénère entre les mains de
l’homme.“ Dieser Satz ist für Rousseau und die ganze Epoche
charakteristisch. Auch Schiller blickt zurück, allerdings nicht nach dem
natürlichen Menschen Rousseau’s — hier liegt ein wesentlicher
Unterschied — sondern nach dem Menschen, der „unter griechischem
Himmel“ lebte. Gemeinsam aber ist beiden die retrospektive Orientierung
und, damit unzertrennlich verknüpft, die Idealisierung und Überschätzung
der Vergangenheit. Schiller vergisst über der Schönheit der Antike den
wirklichen Alltagsgriechen, Rousseau versteigt sich zu dem Satze:
„l’homme naturel est tout pour lui; il est l’unité numérique, l’entier absolu“,
und übersieht dabei, dass der natürliche Mensch durchaus collektiv ist, d. h.
ebensosehr in sich wie in andern und alles andere mehr ist als eine Einheit.
Rousseau sagt an einer Stelle: „nous tenons à tout, nous nous accrochons à
tout, les temps, les lieux, les hommes, les choses, tout ce qui est, tout ce qui
sera, importe à chacun de nous, notre individu n’est plus que la moindre
partie de nous-mêmes. Chacun s’étend, pour ainsi dire, sur la terre entière,
et devient sensible sur toute cette grande surface.“
„Est-ce la nature qui porte ainsi les hommes si loin d’eux-mêmes?“[20]
Rousseau lässt sich täuschen: er glaubt, dieser Zustand sei neuerdings so
geworden. Nein! Er ist uns bloss neuerdings bewusst geworden, nachdem er
immer so war und um so mehr so, je weiter wir in die Anfänge

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hinuntersteigen. Denn das, was Rousseau schildert, ist nichts als jene
Collektivmentalität des Primitiven, die Lévy-Bruhl trefflich als
„participation mystique“ gekennzeichnet hat. Dieser Zustand der
Unterdrückung der Individualität ist keine neuere Erwerbung, sondern ein
Überrest jener archaïschen Zeit, wo es überhaupt noch keine Individualität
gab. Es handelt sich also keineswegs um eine neuerliche Unterdrückung der
Individualität, sondern bloss um das Bewusstwerden und die Empfindung
der überwältigenden Macht des Collektiven. Man projiziert
natürlicherweise diese Macht in die staatlichen und kirchlichen
Institutionen, wie wenn nicht jedermann schon Mittel und Wege gefunden
hätte, sich gegebenenfalls auch um Moralgebote zu drücken! Diese
Institutionen besitzen keineswegs jene ihnen zugemutete Allmacht, um
derentwillen sie von Zeit zu Zeit von Neuerern aller Art bekämpft wurden,
sondern jene unterdrückende Macht liegt unbewusst in uns und zwar in der
weiterbestehenden Collektivmentalität des Barbaren. Der Collektivpsyche
ist gewissermassen jede Individualentwicklung verhasst, wenn sie nicht den
Zielen der Collektivität unmittelbar dient. So ist die Differenzierung der
einen Funktion, von der wir oben sprachen, zwar eine Entwicklung eines
individuellen Wertes, aber dermassen noch unter dem Gesichtswinkel der
Collektivität, dass, wie wir bereits sahen, das Individuum selber dabei zu
Schaden kommt. Ihrer Unkenntnis der ältern Zustände der menschlichen
Psychologie haben es die beiden Autoren zu danken, dass sie einer
Urteilstäuschung in Bezug auf die Werte der Vergangenheit verfielen. Die
Folge der Urteilstäuschung ist die Anlehnung an das Trugbild eines früher
vollkommenern Typus Mensch, der von seiner Höhe irgendwie
heruntergeriet. Die Rückwärtsorientierung ist an sich bereits ein
Überbleibsel antiken Denkens, denn es ist bekanntlich ein Charakteristikum
der ganzen antiken und barbarischen Mentalität, dass sie ein goldenes
paradiesisches Zeitalter vor dem Beginne der gegenwärtigen schlechten
Zeit vermutete. Es war erst die grosse soziale und geistesgeschichtliche Tat
des Christentums, dass es dem Menschen eine Zukunftshoffnung gab und
ihm damit eine Möglichkeit der Verwirklichung seiner Ideale in der Zukunft
versprach.[21] Die stärkere Betonung dieser Rückwärtsorientierung in der
neuern Geistesentwicklung dürfte mit der Erscheinung jener allgemeinen
Regression zum Heidnischen zusammenhängen, die sich mit der
Renaissance in zunehmendem Masse bemerkbar macht.

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Es scheint mir gewiss, dass diese Rückwärtsorientierung auch einen
bestimmten Einfluss haben muss auf die Auswahl der Mittel zur Erziehung
des Menschen. Dieser Geist sucht Anlehnung am Trugbild des
Vergangenen. Wir könnten darüber hinweggehen, wenn uns nicht die
Erkenntnis des Konfliktes zwischen den Typen und den typischen
Mechanismen dazu zwänge, zugleich nach dem zu suchen, was ihre
Einigkeit herstellen könnte. Das lag auch Schiller am Herzen, wie wir im
folgenden sehen werden. Was sein Grundgedanke dabei ist, spricht er in
folgenden Worten aus, die das Obengesagte resümieren: „Eine wohlthätige
Gottheit reisse den Säugling bey Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn
mit der Milch eines bessern Alters, und lasse ihn unter fernem griechischem
Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre
er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit
seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar, wie Agamemnons Sohn,
um es zu reinigen.“[22] Die Anlehnung an das griechische Vorbild könnte
kaum deutlicher ausgesprochen werden. In dieser engen Formulierung
eröffnet sich aber auch der Anblick einer Beschränkung, welche Schiller im
folgenden zu einer sehr wesentlichen Erweiterung nötigt; er fährt nämlich
weiter: „Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form
von einer edlern Zeit, ja jenseits aller Zeit, von der absoluten
unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen.“ Schiller fühlte wohl
deutlich, dass er noch weiter zurückgreifen müsste, in eine Urzeit göttlichen
Heroentums, wo die Menschen noch Halbgötter waren. Daher sagt er
weiter: „Hier aus dem reinen Aether seiner daemonischen Natur rinnt die
Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbnis der
Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich
wälzen.“ Hier kommt das schöne Trugbild eines goldenen Zeitalters herein,
wo die Menschen noch Götter waren, und sich am Anblick ewiger
Schönheit erlabten. Hier aber hat auch der Dichter den Denker Schiller
übereilt. Einige Seiten weiter gewinnt der Denker wieder die Oberhand. „In
der Tat“, sagt Schiller (p. 47), „muss es Nachdenken erregen, dass man
beynahe in jeder Epoche der Geschichte, wo die Künste blühen und der
Geschmack regiert, die Menschheit gesunken findet, und auch nicht ein
einziges Beispiel aufweisen kann, dass ein hoher Grad und eine grosse
Allgemeinheit aesthetischer Cultur bey einem Volke mit politischer Freyheit
und bürgerlicher Tugend, dass schöne Sitten mit guten Sitten, und Politur
des Betragens mit Wahrheit desselben Hand in Hand gegangen wäre.“

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Dieser weder im einzelnen noch allgemeinen zu leugnenden
wohlbekannten Erfahrung entsprechend müssten also wohl jene Heroen der
Vorzeit sich keines besonders sittlichen Lebenswandels erfreut haben, was
übrigens auch nicht ein einziger griechischer oder anderer Mythus
behauptet. Denn alle jene Schönheit konnte sich doch nur darum ihres
Daseins freuen, weil es damals noch kein Strafgesetz und keine
Sittenpolizei gab. Mit der Anerkennung dieser psychologischen Tatsache,
dass nämlich lebendige Schönheit nur da ihren goldenen Schimmer
ausbreitet, wo sie sich über einer Wirklichkeit voll Finsternis, Qual und
Hässlichkeit erhebt, entzieht Schiller seiner eigentlichen Absicht den
Boden; er hat sich vorgenommen, zu zeigen, dass das Getrennte sich
vereinigen lasse durch den Anblick, den Genuss und die Erschaffung des
Schönen. Die Schönheit sollte zum Mediator werden, der die ursprüngliche
Einheit des menschlichen Wesens wiederherstellte. Demgegenüber aber
weist alle Erfahrung darauf hin, dass die Schönheit zu ihrem Dasein ihres
Gegenstückes notwendig bedarf.
Wie vorher der Dichter, so geht hier nunmehr der Denker mit Schiller
durch: er misstraut der Schönheit, er hält es sogar für möglich, an Hand der
Erfahrung, dass sie einen ungünstigen Einfluss ausübt: „Wohin wir immer
in der vergangenen Welt unsere Augen richten, da finden wir, dass
Geschmack und Freyheit einander fliehen, und dass die Schönheit nur auf
den Untergang heroischer Tugenden ihre Herrschaft gründet.“
Auf diese Einsicht, welche die Erfahrung vermittelt hat, lässt sich wohl
kaum der Anspruch gründen, den Schiller an die Schönheit richtet. In der
weitern Verfolgung seines Gegenstandes gelangt er sogar dazu, den Revers
der Schönheit in aller nur wünschenswerten Klarheit zu konstruieren: „Hält
man sich also einzig nur an das, was die bisherigen Erfahrungen über den
Einfluss der Schönheit lehren, so kann man in der Tat nicht sehr
aufgemuntert seyn, Gefühle auszubilden, die der wahren Cultur des
Menschen so gefährlich sind; und lieber wird man, auf die Gefahr der
Rohigkeit und Härte, die schmelzende Kraft der Schönheit entbehren, als
sich bey allen Vorteilen der Verfeinerung ihren erschlaffenden Wirkungen
überliefert sehen.“
Der Streit zwischen Dichter und Denker liesse sich wohl beilegen, wenn
der Denker die Worte des Dichters nicht wörtlich nähme, sondern
symbolisch, wie eben die Sprache des Dichters verstanden sein will. Sollte

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Schiller sich selbst missverstanden haben? Es scheint fast, denn sonst
könnte er doch nicht dermassen gegen sich selber argumentieren. Der
Dichter spricht von einer Quelle lauterer Schönheit, die hinter allen Zeiten
und Geschlechtern liegt, darum wohl stets und in jedem Menschen quillt. Es
ist auch nicht der Mensch des griechischen Altertums, den der Dichter
meint, sondern den alten Heiden in uns selber, das Stück ewig
unverdorbener Natur und natürlicher Schönheit, das unbewusst aber
lebendig in uns liegt, und dessen Abglanz uns die Gestalten der Vorzeit
verklärt, um dessentwillen wir auch dem Irrtum verfallen, dass jene
Menschen das besessen hätten, wonach wir suchen. Es ist der von unserm
collektiv orientierten Bewusstsein verworfene, archaïsche Mensch in uns,
der uns so hässlich und unannehmbar erscheint, und der doch der Träger
jener Schönheit ist, die wir anderswo vergeblich suchen. Von diesem spricht
der Dichter Schiller, aber der Denker Schiller missversteht ihn als
griechisches Vorbild. Was der Denker aber nicht logisch aus seinen
Beweismaterialien erfolgern kann und worum er sich vergeblich bemüht,
das verheisst ihm der Dichter in symbolischer Sprache.
Aus allem bisher Gesagten geht zur Genüge hervor, dass jeder Versuch
zu einer Ausgleichung des einseitig differenzierten menschlichen Wesens
unserer Zeit mit dem ernsthaften Aufnehmen der minderwertigen, weil
nicht differenzierten Funktionen zu rechnen hat. Kein Vermittlungsversuch
wird gelingen, der nicht die Energieen der minderwertigen Funktionen
auszulösen und dann zur Differenzierung überzuleiten versteht. Dieser
Vorgang kann nur stattfinden den Gesetzen der Energetik entsprechend,
d. h. es muss ein Gefälle geschaffen werden, welches den latenten
Energieen eine Möglichkeit der Auswirkung anbietet. Es wäre eine gänzlich
aussichtslose Aufgabe, die schon vielmals unternommen und schon
vielmals gescheitert ist, eine minderwertige Funktion direkt in eine
hochwertige Funktion umzusetzen. Man könnte dann ebenso gut auch ein
Perpetuum mobile erzeugen. Keine minderwertige Energieform kann
einfach umgesetzt werden in eine höherwertige, es sei denn, dass zugleich
noch eine Quelle höhern Wertes ihren Beistand leiht, d. h. die Umsetzung
kann sich nur auf Kosten der hochwertigen Funktion vollziehen, wobei aber
unter keinen Umständen der Anfangswert der hochwertigen Energieform
auch für die minderwertigen Formen, ja nicht einmal für die hochwertige
Funktion wieder erreicht werden kann, sondern es wird und muss sich eine
Ausgleichung in einer mittlern Temperatur ergeben. Das bedeutet aber für

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jeden, der sich mit seiner einen, differenzierten Funktion identifiziert, ein
Heruntersteigen zu einem zwar ausgeglichenen, aber in Ansehung des
anscheinenden Anfangswertes niedriger zu bewertenden Zustand. Diese
Folgerung ist unumgänglich. Jede Erziehung des Menschen, welche die
Einheit und Harmonie seines Wesens erstrebt, hat sich mit dieser Tatsache
auseinanderzusetzen. Schiller zieht diesen Schluss in seiner Art, wobei er
sich aber sträubt, seine Folgen anzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, auf
die Schönheit verzichten zu müssen. Nachdem aber der Denker seine
unerbittliche Folgerung ausgesprochen hat, ergreift der Dichter wieder das
Wort: „Aber vielleicht ist die Erfahrung der Richterstuhl nicht, vor
welchem sich eine Frage, wie diese, ausmachen lässt, und ehe man ihrem
Zeugnis Gewicht einräumte, müsste erst ausser Zweifel gesetzt seyn, dass
es dieselbe Schönheit ist, von der wir reden, und gegen welche jene
Beispiele zeugen.“[23] Man sieht, hier versucht Schiller sich über die
Erfahrung zu stellen, d. h. mit andern Worten: der Schönheit eine Qualität
zu verleihen, die ihr erfahrungsgemäss nicht zukommt. Er glaubt: „die
Schönheit müsste sich als eine notwendige Bedingung der Menschheit
aufzeigen lassen,“ d. h. also, als eine notwendige, zwingende Kategorie;
darum spricht er auch von einem reinen Vernunftbegriff der Schönheit und
von einem „transscendentalen Weg“, der uns aus dem „Kreis der
Erscheinungen und aus der lebendigen Gegenwart der Dinge“ entfernt.
„Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit
erobern.“ Der subjektive Widerstand gegen den erfahrungsgemäss
unabwendbaren Weg abwärts veranlasst Schiller, den logischen Intellekt
stark in den Dienst des Gefühls zu pressen und ihn dadurch zu zwingen,
eine Formel herzugeben, welche die Erreichung der ursprünglichen Absicht
schliesslich doch noch möglich macht, obschon ihre Unmöglichkeit bereits
genügend dargelegt ist. Einen ähnlichen Gewaltstreich begeht auch
Rousseau mit seiner Annahme, dass die Abhängigkeit von der Natur keine
Laster bedinge, wohl aber die von Menschen, womit er zu folgendem
Schluss gelangt: „Si les lois des nations pouvaient avoir comme celles de la
nature, une inflexibilité que jamais aucune force humaine ne pût vaincre, la
dépendance des hommes redeviendrait alors celle des choses; on réunirait
dans la république tous les avantages de l’état naturel à ceux de l’état civil;
on joindrait à la liberté qui maintient l’homme exempt de vice la moralité
qui l’élève à la vertu.“

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Auf Grund dieser Überlegung gibt er den Rat: „Maintenez l’enfant dans
la seule dépendance des choses, vous aurez suivi l’ordre de la nature dans le
progrès de son éducation.“ — „Il ne faut point contraindre un enfant de
rester quand il veut aller, ni d’aller quand il veut rester en place. Quand la
volonté des enfants n’est point gâtée par notre faute, ils ne veulent rien
inutilement.“[24]
Das Unglück ist eben, dass die „lois des nations“ niemals und unter
keinen Bedingungen dermassen mit denen der Natur übereinkommen, dass
der zivilisierte Zustand auch zugleich der natürliche Zustand wäre. Wenn
eine solche Übereinkunft überhaupt als möglich gedacht werden soll, so
kann sie nur als ein Kompromiss gedacht werden, bei welchem aber keiner
der beiden Zustände sein eigenes Ideal erreichen könnte, sondern erheblich
darunter bliebe. Wer aber das Ideal des einen oder andern Zustandes
erreichen will, der wird bei dem von Rousseau selber formulierten Satz
bleiben müssen: „Il faut opter entre faire un homme ou un citoyen; car on
ne peut faire a la fois l’un et l’autre.“
In uns sind beide Notwendigkeiten: Natur und Kultur. Wir können nicht
nur uns selber sein, sondern wir müssen auch auf anderes bezogen sein. Es
muss daher auch einen Weg geben, der nicht bloss ein rationaler
Kompromiss ist, sondern auch einen dem lebenden Wesen durchaus
entsprechenden Zustand oder Prozess, etwa wie der Prophet sagt: eine
„semita et via sancta“, eine „via directa ita ut stulti non errent per eam“. Ich
bin also geneigt, dem Dichter in Schiller, der den Denker in ihm in diesem
Fall etwas gewalttätig in Anspruch genommen hat, auch seinen Teil an
Recht zu geben, denn schliesslich gibt es nicht bloss rationale, sondern auch
irrationale Wahrheiten. Und was auf dem Wege des Intellekts von
menschlichen Dingen unmöglich erscheint, ist schon öfters auf dem Wege
des Irrationalen wahr geworden. Wirklich sind auch alle grössten
Wandlungen, die der Menschheit zugestossen sind, ihr nicht auf dem Wege
des intellektuellen Calcul zugekommen, sondern auf Wegen, die der
Zeitgenosse übersah, oder als unsinnig ausschloss, und die erst lange Zeit
nachher in ihrer innern Notwendigkeit durchschaut wurden. Noch öfter aber
werden sie überhaupt nicht durchschaut, denn noch sind uns die
allerwichtigsten Gesetze der menschlichen Geistesentwicklung ein Buch
mit sieben Siegeln.

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Allerdings bin ich wenig geneigt, der philosophischen Gebärde des
Dichters einen besondern Wert zuzuerkennen, denn der Intellekt im Dienste
des Dichters ist ein trügerisches Instrument. Was der Intellekt leisten kann,
hat er ja in diesem Falle bereits geleistet, indem er den Widerspruch
zwischen Wunsch und Erfahrung aufdeckte. Es ist darum vergeblich,
nunmehr noch vom philosophischen Denken eine Lösung dieses
Widerspruches zu verlangen. Und wenn schliesslich eine Lösung noch
gedacht werden könnte, so stünde man damit doch noch vor dem Hindernis,
denn es liegt ja überhaupt nicht an der Denkbarkeit oder Auffindung einer
rationalen Wahrheit, sondern an der Entdeckung eines Weges, den das
wirkliche Leben annimmt. An Vorschlägen und weisen Lehren hats ja nie
gefehlt. Wenn es nur daran läge, so hätte die Menschheit schon zu Zeiten
des Pythagoras die schönste Gelegenheit gehabt, um in jeder Beziehung auf
die Höhe zu kommen. Darum darf man das, was Schiller vorschlägt,
sozusagen nicht wörtlich nehmen, sondern als ein Symbol, das,
entsprechend Schillers philosophischer Neigung, in das Gewand des
philosophischen Begriffes gehüllt auftritt. In diesem Sinne ist auch der
„transscendentale Weg“, den Schiller sich zu beschreiten anschickt, nicht
etwa als ein erkenntniskritisches Raisonnement, sondern vielmehr
symbolisch als jener Weg zu verstehen, den der Mensch immer dann geht,
wenn er auf ein mit seiner Vernunft zunächst nicht zu bewältigendes
Hindernis, eine unlösbare Aufgabe, gestossen ist. Um diesen Weg aber
auffinden und gehen zu können, muss er zuerst längere Zeit bei den
Gegensätzen verweilen, in die sich sein früherer Weg gegabelt hat. Durch
das Hindernis wird der Fluss seines Lebens aufgestaut. Wo immer eine
Aufstauung der Libido stattfindet, da zerfallen auch die vorher im
beständigen Fliessen des Lebens geeinten Gegensätze und treten nunmehr
als kampfbegierige Gegner voreinander. In einem längern und in Dauer und
Ausgang nicht abzusehenden Kampfe erschöpfen sich dann die Gegensätze
und aus der Energie, die ihnen verloren geht, bildet sich das Dritte, welches
dann eben der Beginn des neuen Weges ist.
Dieser Regel entsprechend begibt sich auch Schiller nunmehr in eine
vertiefte Untersuchung der wirkenden Gegensätze. Auf was für ein
Hindernis wir immer auch stossen mögen — wenn es nur ein sehr
schwieriges ist — so wird bald der Zwiespalt zwischen der eigenen Absicht
und dem widerstrebenden Objekte auch ein Widerstreit in uns selber. Denn,
indem ich mich anstrenge, das widerstrebende Objekt meinem Willen

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unterzuordnen, setzt sich allmählich mein ganzes Wesen mit ihm in
Beziehung, nämlich eben entsprechend der starken Libidobesetzung,
welche einen Teil meines Wesens sozusagen ins Objekt hinüberzieht.
Dadurch entsteht eine teilweise Identifikation gewisser ähnlicher Stücke
meiner Persönlichkeit mit dem Wesen des Objektes. Sobald diese
Identifikation eingetreten ist, so ist der Konflikt in meine eigene Seele
versetzt. Diese „Introjektion“ des Konfliktes mit dem Objekt macht mich
uneins mit mir selber, verursacht dadurch eine Ohnmacht gegenüber dem
Objekt und löst damit auch Affekte aus, welche immer das Symptom eines
innerlichen Uneinsseins sind. Die Affekte aber beweisen, dass ich mich
selber wahrnehme, und dadurch in den Stand gelange — wenn ich nämlich
nicht blind bin — meine Aufmerksamkeit mir selber zuzuwenden und das
Spiel der Gegensätze in mir selber zu verfolgen.
Diesen Weg geht Schiller: er findet den Zwiespalt nicht zwischen Staat
und Individuum, sondern er fasst ihn zu Beginn des 11. Briefes[25] als die
Zweiheit von „Person und Zustand“, nämlich als das Selbst oder Ich und
sein wechselndes Affiziertsein. Während das Ich von relativer Beharrung
ist, ist sein Bezogensein (das Affiziertsein) wechselnd. Schiller will damit
den Zwiespalt an der Wurzel fassen. Tatsächlich ist auch die eine Seite die
bewusste Ichfunktion, und die andere Seite das collektive Bezogensein.
Beide Bestimmungen gehören zur menschlichen Psychologie. Aber die
verschiedenen Typen werden diese Grundtatsachen in einem jeweils andern
Licht sehen. Für die Introvertierten ist zweifellos die Idee des Ich das
Kontinuierliche und die Dominante des Bewusstseins, und das im
Gegensatz dazu Befindliche ist das Bezogen- oder Affiziertsein. Für den
Extravertierten dagegen liegt der Akzent vielmehr auf der Kontinuität der
Beziehung zum Objekt und weniger auf der Idee des Ich. Für ihn läge das
Problem daher anders. Diesen Punkt muss man im Auge behalten und in
Betracht ziehen, wenn wir Schillers weitern Überlegungen folgen. Wenn er
z. B. sagt: die Person offenbare sich „in dem ewig beharrenden Ich und nur
in diesem“, so ist dies vom Standpunkt des Introvertierten aus gedacht. Man
müsste vom Standpunkt der Extravertierten dagegen sagen, dass sich die
Person offenbare einzig und allein in ihrer Bezogenheit, in der Funktion der
Beziehung zum Objekt. „Person“ nämlich ist nur beim Introvertierten
ausschliesslich Ich, beim Extravertierten liegt die Person in seinem
Affiziertsein und nicht im affizierten Ich. Sein Ich liegt gewissermassen
unter seiner Affektion, d. h. seiner Beziehung. Der Extravertierte findet sich

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selbst im Veränderlichen, im Wechsel, der Introvertierte im Beharren. Das
Ich ist nicht „ewig Beharrendes“, zuallerletzt beim Extravertierten, der
hiefür ein geringes Augenmerk hat. Der Introvertierte hingegen hat hievon
zu viel und erschrickt darum vor jedem Wechsel, insofern sein Ich berührt
wird. Das Affiziertsein kann für ihn etwas direkt Peinliches bedeuten,
während es der Extravertierte unter keinen Umständen missen möchte.
Folgende Formulierung lässt ebenfalls ohne weiteres den Introvertierten
erkennen: „In allem Wechsel beständig er selbst zu bleiben, alle
Wahrnehmungen zu Erfahrung, d. h. zur Einheit der Erkenntnis, und jede
seiner Erscheinungsarten in der Zeit zum Gesetz für alle Zeiten zu machen,
ist die Vorschrift, die durch seine vernünftige Natur ihm gegeben ist.“[26]
Die abstrahierende, sich selber behaltende Einstellung ist deutlich; sie wird
sogar zur obersten Richtschnur gemacht. Jedes Erlebnis muss sofort zur
Erfahrung erhoben werden, und aus der Summe der Erfahrungen muss auch
sofort ein Gesetz für alle Zukunft hervorgehen, während der andere
Zustand, wobei aus dem Erlebnis keine Erfahrung gemacht werden darf,
damit nicht etwa Gesetze entstehen, die die Zukunft behindern, ebenso
menschlich ist. Dem entspricht es völlig, wenn sich Schiller Gott nicht als
werdend, sondern nur als ewig seiend denken kann[27], daher er auch mit
sicherer Intuition die „Gottähnlichkeit“ des introvertierten Idealzustandes
erkennt: „Der Mensch, vorgestellt in seiner Vollendung, wäre demnach die
beharrliche Einheit, die in den Fluten der Veränderung ewig dieselbe
bleibt.“ „Die Anlage zu der Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in
seiner Persönlichkeit in sich.“[28] Diese Anschauung vom Wesen Gottes
verträgt sich schlecht mit seiner christlichen Menschwerdung und jenen
ähnlichen neuplatonischen Ansichten von der Göttermutter und ihrem
Sohne, der als Demiurg in das Werden hinuntersteigt.[29] Die Anschauung
Schillers aber zeigt, welcher Funktion er den höchsten Wert, die
Göttlichkeit, zuerkennt, nämlich der Beharrung der Idee des Ich. Das Ich,
das sich vom Affiziertsein abstrahiert, ist ihm das Wichtigste, und daher hat
er diese Idee auch am meisten differenziert, wie dies bei jedem
Introvertierten der Fall ist. Sein Gott, sein höchster Wert, ist ihm die
Abstraktion und Erhaltung des Ich. Dem Extravertierten dagegen ist der
Gott das Erleben am Objekt, das völlige Aufgehen in der Wirklichkeit,
daher ihm ein menschgewordener Gott sympathischer ist als ein ewig
unveränderlicher Gesetzgeber. Diese Gesichtspunkte dürften, wie ich
antizipierend hier bemerken möchte, nur für die bewusste Psychologie der

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Typen gelten. Im Unbewussten dreht sich das Verhältnis um. Davon scheint
Schiller eine Ahnung gehabt zu haben: wenn sein Bewusstsein zwar schon
an einen unveränderlich seienden Gott glaubt, so ist ihm doch der Weg zur
Gottheit aufgetan in den Sinnen, also im Affiziertsein, im Wechselnden, im
lebendigen Prozess. Dieses aber ist für ihn die sekundär wichtige Funktion,
und in dem Masse, als er sich mit seinem Ich identifiziert, und es vom
Wechselnden abstrahiert, wird seine bewusste Einstellung auch ganz
abstrahierend, während das Affiziertsein, die Bezogenheit auf das Objekt
dann notgedrungenerweise mehr dem Unbewussten verfällt. Aus dieser
Sachlage ergeben sich bemerkenswerte Folgen:
1. Durch die bewusste abstrahierende Einstellung, die ihrem Ideale
folgend aus jedem Erlebnis eine Erfahrung macht und aus den Erfahrungen
Gesetz, entsteht eine gewisse Beschränkung und Armut, die für den
Introvertierten charakteristisch ist. Schiller hat sie in seinem Verhältnis zu
Goethe deutlich gefühlt, denn er empfand Goethes mehr extravertierte
Natur als ihm objektiv entgegenstehend.[30] Goethe sagt
bezeichnenderweise von sich: „Ich bin nämlich als ein beschauender
Mensch ein Stockrealiste, sodass ich bei allen Dingen, die sich mir
darstellen, nichts davon und nichts dazu zu wünschen im Stande bin, und
ich unter den Objekten gar keinen Unterschied kenne als den, ob sie mich
interessieren oder nicht.“[31] Über Schillers Wirkung auf ihn, sagt Goethe
sehr charakteristisch: „Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher
Objekte diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der
äussern Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurück geführt, Sie
haben mich die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit
anzuschauen gelehrt,“ etc.[32] In Goethe dagegen fand Schiller eine oftmals
betonte Ergänzung oder Vollendung seines Wesens und zugleich empfand er
seine Verschiedenheit, die er folgendermassen charakterisiert: „Erwarten
Sie bei mir keinen grossen materialen Reichtum von Ideen; dies ist es, was
ich bei Ihnen finden werde. Mein Bedürfnis und Streben ist es, aus
wenigem viel zu machen, und wenn Sie meine Armut an allem, was man
erworbene Erkenntnis nennt, einmal näher kennen sollten, so finden Sie
vielleicht, dass es mir in manchen Stücken damit mag gelungen sein. Weil
mein Gedankenkreis kleiner ist, so durchlaufe ich ihn eben darum schneller
und öfter, und kann eben darum meine kleine Barschaft besser nutzen, und
eine Mannigfaltigkeit, die dem Inhalte fehlt, durch die Form erzeugen. Sie
bestreben sich, Ihre grosse Ideenwelt zu simplifizieren, ich suche Varietät

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für meine kleinen Besitzungen. Sie haben ein Königreich zu regieren, ich
nur eine etwas zahlreiche Familie von Begriffen, die ich herzlich gerne zu
einer kleinen Welt erweitern möchte.“[33]
Ziehen wir die Äusserung gewisser, für den Introvertierten
charakteristischer Minderwertigkeitsgefühle ab und rechnen wir dazu, dass
die „grosse Ideenwelt“ vom Extravertierten weniger regiert wird, als er
selber Untertan in jenem Reiche ist, so gibt Schillers Darstellung ein
treffendes Bild jener Dürftigkeit, die sich infolge einer wesentlich
abstrahierenden Einstellung zu entwickeln pflegt.
2. Eine weitere Folge aus der abstrahierenden Bewusstseinseinstellung,
die im weitern Verlauf unserer Untersuchung sich als bedeutsam erweisen
wird, ist der Umstand, dass das Unbewusste in diesem Fall eine
compensierende Einstellung entwickelt. Je mehr nämlich die bewusste
Abstraktion die Beziehung zum Objekt einschränkt (weil zu viele
„Erfahrungen“ und „Gesetze“ gemacht werden), desto mehr entsteht dafür
im Unbewussten ein Verlangen nach dem Objekt, welche sich im
Bewusstsein schliesslich als eine zwanghafte sinnliche Bindung ans Objekt
äussert. Dabei steht die sinnliche an Stelle einer fehlenden resp. durch
Abstraktion unterdrückten gefühlsmässigen Beziehung zum Objekt. Daher
Schiller bezeichnenderweise die Sinne als den Weg zur Gottheit auffasst
und nicht die Gefühle. Sein Ich liegt beim Denken, sein Affiziertsein, seine
Gefühle aber in der Sinnlichkeit. Der Zwiespalt liegt also für ihn zwischen
Geistigkeit als Denken und Sinnlichkeit als Affiziertsein oder Gefühl. Beim
Extravertierten aber liegt die Sache umgekehrt: seine Beziehung zum
Objekt ist entwickelt, seine Ideenwelt ist aber sinnlich, concret.
Das sinnliche Fühlen, oder besser gesagt, das im Zustande der
Sinnlichkeit befindliche Fühlen ist collektiv, d. h. es schafft ein Bezogen-
oder Affiziertsein, welches den Menschen immer zugleich auch in den
Zustand der „participation mystique“ versetzt, also in den Zustand einer
partiellen Identität mit dem empfundenen Objekt. Diese Identität äussert
sich in einer zwangsmässigen Abhängigkeit vom empfundenen Objekte,
und das ist es, was den Introvertierten auf dem Wege des circulus vitiosus
wieder zu einer Verstärkung der Abstraktion veranlasst, welche nämlich die
lästige Beziehung und den von ihr ausgehenden Zwang aufheben soll.
Schiller hat diese Eigentümlichkeit des sinnlichen Fühlens erkannt:
„Solange er bloss empfindet, bloss begehrt und aus blosser Begierde wirkt,

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so ist er noch weiter nichts als Welt“ (l. c. p. 55). Da nun aber der
Introvertierte nicht endlos abstrahieren kann, um dem Affiziertsein zu
entgehen, so sieht er sich schliesslich gezwungen, das Äussere zu formen.
„Um also nicht bloss Welt zu sein, muss er der Materie Form erteilen,“ sagt
Schiller[34], „er soll alles Innere veräussern und alles Äussere formen.
Beyde Aufgaben in ihrer höchsten Erfüllung gedacht, führen zu dem Begriff
der Gottheit zurück, von dem ich ausgegangen bin.“
Dieser Zusammenhang ist bedeutsam. Setzen wir, das Objekt des
sinnlich Gefühlten sei ein Mensch — wird er sich dieses Rezept gefallen
lassen? Nämlich, wird er sich formen lassen, wie wenn der, der auf ihn
bezogen ist, sein Schöpfer wäre? Gott im kleinen zu spielen, dazu ist ja der
Mensch berufen, aber schliesslich haben auch die leblosen Dinge ein
göttliches Recht auf ihr eigenes Sein, und die Welt war längstens kein
Chaos mehr, als die ersten Menschenaffen anfingen, Steine zu schärfen. Es
wäre wohl ein bedenkliches Unternehmen, wenn jeder Introvertierte seine
beschränkte Begriffswelt veräussern und das Äussere danach formen
wollte. Solches geschieht zwar alltäglich, aber der Mensch leidet auch, und
zwar mit bestem Recht, an dieser Gottähnlichkeit. Für den Extravertierten
würde diese Formel lauten: „Alles Äusserliche verinnerlichen und alles
Innere formen.“ Diese Reaktion hat, wie wir oben sahen, Schiller bei
Goethe auch hervorgerufen. Goethe gibt dazu noch eine treffliche Parallele;
er schreibt an Schiller: „Dagegen bin ich bei jeder Art von Tätigkeit, ich
darf beinah sagen, vollkommen idealistisch: ich frage nach den
Gegenständen gar nicht, sondern fordere, dass sich alles nach meinen
Vorstellungen bequemen soll.“ (April 1798.) Das heisst, wenn der
Extravertierte denkt, so geht es ebenso selbstherrlich zu, wie wenn der
Introvertierte nach aussen wirkt. Diese Formel kann also nur da Gültigkeit
beanspruchen, wo ein fast vollkommener Zustand schon erreicht ist, und
zwar beim Introvertierten eine so reiche, schmiegsame und ausdrucksfähige
Begriffswelt, dass sie das Objekt nicht mehr in ein Prokrustesbett zwingt,
und beim Extravertierten eine so völlige Kenntnis und Berücksichtigung
des Objektes, dass keine Karikatur mehr aus ihm entstehen kann, wenn mit
ihm gedacht wird. Wir sehen also, dass Schiller seine Formel auf das
Höchstmögliche gründet und damit eine fast unerschwinglich hohe
Anforderung an die psychologische Entwicklung des Individuums stellt —
vorausgesetzt, dass er sich auch in allen Stücken klar gemacht hat, was
seine Formel heisst. Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls ist etwas deutlich,

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nämlich dass diese Formel: „Alles Innere veräussern und alles Äussere
formen“ das Ideal der bewussten Einstellung des Introvertierten ist. Sie
gründet sich auf die Annahme einerseits eines idealen Umfanges der innern
Begriffswelt, des formalen Prinzipes, und andererseits einer idealen
Verwendungsmöglichkeit des sinnlichen Prinzipes, das in diesem Falle
nicht mehr als Affiziertsein, sondern als eine aktive Potenz auftritt. Solange
der Mensch „sinnlich“ ist, ist er „nichts als Welt“, um „nicht bloss Welt zu
sein, muss er der Materie Form erteilen“. Hierin liegt eine Umkehrung des
passiven, erleidenden sinnlichen Prinzipes. Doch wie kann eine solche
Umkehrung geschehen? Darum handelt es sich eben. Es ist kaum
anzunehmen, dass der Mensch zugleich seiner Begriffswelt jenen
ausserordentlichen Umfang gibt, der nötig wäre, um der materiellen Welt
zusagende Form zu erteilen, zugleich auch sein Affiziertsein, seine
Sinnlichkeit, aus einem passiven in einen aktiven Zustand umzukehren, und
dadurch auf die Höhe seiner Ideenwelt zu bringen. Irgendwo muss der
Mensch bezogen, sozusagen unterlegen sein, sonst wäre er ja wirklich
gottähnlich. Es müsste denn sein, dass Schiller es darauf ankommen liesse,
dem Objekt Gewalt anzutun. Damit würde er aber der archaïschen
minderwertigen Funktion ein uneingeschränktes Existenzrecht einräumen,
was bekanntlich Nietzsche dann — wenigstens theoretisch — getan hat.
Diese Annahme trifft nun allerdings für Schiller keineswegs zu, indem er
sich, soweit es mir bekannt ist, nirgends bewusst in dieser Hinsicht
ausgesprochen hat. Seine Formel hat vielmehr einen durchaus naiv-
idealistischen Charakter, der sich wohl mit dem Geiste seiner Zeit verträgt,
die noch nicht von jenem tiefen Misstrauen in menschliches Wesen und
menschliche Wahrheit angekränkelt ist, wie die von Nietzsche inaugurierte
Epoche des psychologischen Kritizismus. Die Schillersche Formel liesse
sich nur durchführen mit der Anwendung eines rücksichtslosen
Machtstandpunktes, welcher sich nicht mehr weiter um Gerechtigkeit und
Billigkeit dem Objekte gegenüber oder um eine gewissenhafte
Berücksichtigung der eigenen Kompetenz kümmert. Einzig in diesem Falle,
den Schiller gewiss nie im Auge hatte, könnte auch die minderwertige
Funktion zum Mitleben gelangen. Auf diese Weise hat sich auch das
Archaïsche naiv und unbewusst und erst noch gedeckt durch den Schimmer
grosser Worte und einer schönen Geste immer durchgedrückt und uns zur
gegenwärtigen „Kultur“ verholfen, über deren Wesen allerdings die
Menschheit jetzt einigermassen uneins geworden ist. Der archaïsche

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Machttrieb, der hinter der Kulturgeste sich bis dahin verborgen hatte, kam
nunmehr als solcher an die Oberfläche und bewies unwiderleglich, dass wir
„noch immer Barbaren sind“. Es ist nämlich nicht zu vergessen, dass im
gleichen Masse, wie die bewusste Einstellung sich einer gewissen
Gottähnlichkeit wegen ihres hohen und absoluten Standpunktes rühmen
darf, eine unbewusste Einstellung sich entwickelt, deren Gottähnlichkeit
aber nach unten orientiert ist, nämlich nach einem archaïschen Gotte
sinnlicher und gewalttätiger Natur. Heraklits Enantiodromie sorgt dafür,
dass die Zeit kommt, wo auch dieser deus absconditus an die Oberfläche
kommt und den Gott unserer Ideale an die Wand drückt. Es ist, wie wenn
die Menschen am Ende des XVIII. Jahrhunderts nicht recht hingesehen
hätten auf das, was damals in Paris geschah, sondern in einer gewissen
schöngeistigen, schwärmerischen oder spielerischen Einstellung verharrten,
wohl um sich über den Anblick der Abgründe menschlichen Wesens
hinwegzutäuschen.

„Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen.“

Als Schiller lebte, war eben die Zeit der Auseinandersetzung mit dem
Untern noch nicht gekommen. Nietzsche stand dieser Zeit auch innerlich
viel näher, daher es ihm gewiss war, dass wir uns einer Epoche grössten
Kampfes nähern. Darum zerriss er auch, als der einzige wahre Schüler
Schopenhauers, den Schleier der Naivetät und holte in seinem Zarathustra
einiges davon herauf, was zum lebendigsten Inhalt einer kommenden Zeit
bestimmt war.
b) Über die Grundtriebe. Im zwölften Briefe setzt sich Schiller mit den
beiden Grundtrieben auseinander, denen er hier auch eine völligere
Beschreibung widmet. Der „sinnliche“ Trieb ist damit beschäftigt, den
Menschen „in die Schranken der Zeit zu setzen, und zur Materie zu
machen“. Dieser Trieb fordert, dass „Veränderung sey, dass die Zeit einen
Inhalt habe. Dieser Zustand der bloss erfüllten Zeit heisst Empfindung“.[35]
„Der Mensch ist in diesem Zustande nichts als eine Grösseneinheit, ein
erfüllter Moment der Zeit — oder vielmehr, er ist es nicht, denn seine
Persönlichkeit ist solange aufgehoben, als ihn die Empfindung beherrscht,

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und die Zeit mit sich fortreisst“.[36] „Mit unzerreissbaren Banden fesselt
dieser Trieb den höher strebenden Geist an die Sinnenwelt, und von ihrer
freyesten Wanderung ins Unendliche ruft er die Abstraktion in die Grenzen
der Gegenwart zurück.“
Es ist durchaus für die Psychologie Schillers bezeichnend, dass er die
Äusserung dieses Triebes als „Empfindung“ auffasst, und nicht etwa als das
aktive sinnliche Begehren. Das zeigt, dass Sinnlichkeit für ihn den
Charakter des Reaktiven, des Affiziertseins, hat, was für den Introvertierten
bezeichnend ist. Ein Extravertierter würde gewiss den Charakter des
Begehrens zuerst hervorheben. Des Weitern ist kennzeichnend, dass es
dieser Trieb sei, der Veränderung fordere. Die Idee will Unveränderlichkeit
und Ewigkeit. Wer unter dem Primat der Idee steht, strebt nach Beharrung,
daher alles, was nach Veränderung strebt, auf ihrer Gegenseite liegen muss.
In Schillers Fall bei Gefühl und Empfindung, die, der Regel entsprechend,
wegen ihres unentwickelten Zustandes mit einander verschmolzen sind.
Schiller unterschied auch ungenügend zwischen Gefühl und Empfindung,
was folgender Passus beweist: „Das Gefühl kann bloss sagen, das ist wahr
für dieses Subjekt und in diesem Moment, und ein anderer Moment, ein
anderes Subjekt kann kommen, das die Aussage der gegenwärtigen
Empfindung zurücknimmt“. (l. c. p. 59.)
Diese Stelle zeigt deutlich, dass bei Schiller Empfindung und Gefühl
auch im Sprachgebrauch zusammenlaufen. Der Inhalt dieses Passus zeigt
eine ungenügende Bewertung und Differenzierung des Gefühls vor der
Empfindung. Das differenzierte Fühlen kann auch allgemeine Gültigkeiten
feststellen und nicht bloss kasuistische. Es ist aber wahr, dass die
Gefühlsempfindung des introvertierten Denktypus wegen ihres passiven und
reaktiven Charakters bloss kasuistisch ist, weil sie über den einzelnen Fall,
durch den allein sie angeregt wurde, sich nie zu einer abstrakten
Vergleichung aller Fälle erheben kann, denn dieses Geschäft besorgt beim
introvertierten Denktypus nicht die Fühlfunktion, sondern die
Denkfunktion. Umgekehrt aber liegt es beim introvertierten Fühltypus, wo
das Gefühl abstrakten und allgemeinen Charakter erreicht und daher auch
allgemeine und dauernde Werte feststellen kann.
Aus Schillers Beschreibung geht des Fernern hervor, dass die
Gefühlsempfindung (womit ich eben die charakteristische Mischung von
Gefühl und Empfindung beim introvertierten Denktypus bezeichne)

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diejenige Funktion ist, mit der sich das Ich nicht identisch erklärt. Sie hat
den Charakter des Widerstrebenden, des Fremden, das die Persönlichkeit
„aufhebt“, sie mit sich fortreisst, den Menschen ausser sich selber stellt,
sich selber entfremdet. Daher parallelisiert Schiller auch mit dem Affekt, der
den Menschen „ausser sich“ bringt.[37] Wenn man darauf wieder zur
Besonnenheit komme, so nenne man das „ebenso richtig in sich gehen[38],
d. h. in sein Ich zurückkehren, seine Person wiederherstellen“. Daraus geht
unmissverständlich hervor, dass für Schiller die Gefühlsempfindung
eigentlich als nicht zur Person gehörig erscheint, sondern ein mehr oder
weniger misslicher Begleitumstand ist, dem sich gelegentlich „ein fester
Wille sieghaft entgegensetzt“. Dem Extravertierten aber erscheint es, als ob
eben gerade diese Seite sein eigentliches Wesen ausmache, und als ob er
gerade dann wirklich bei sich selber sei, wenn er vom Objekt affiziert ist,
was wir wohl verstehen können, wenn wir berücksichtigen, dass für ihn die
Beziehung zum Objekt die differenzierte hochwertige Funktion ist, der das
abstrakte Denken und Fühlen ebenso entgegensteht, wie es dem
Introvertierten unerlässlich ist. Vom Vorurteil der Sinnlichkeit wird das
Denken des extravertierten Fühltypus ebenso sehr betroffen wie das Fühlen
des introvertierten Denktypus. Für beide bedeutet es äusserste
„Beschränkung“ auf das Materielle und Kasuistische. Auch das Erleben am
Objekt kennt „freyeste Wanderung ins Unendliche“, nicht nur die
Abstraktion wie bei Schiller.
Wegen dieser Ausschliessung der Sinnlichkeit vom Begriff und Umfang
der Person kann Schiller zu der Behauptung kommen, die Person sei
„absolute und unteilbare Einheit“, „die mit sich selbst nie im Widerspruch
seyn kann“. Diese Einheit ist ein Desiderat des Intellektes, der sein Subjekt
in idealster Integrität erhalten möchte, und daher als hochwertige Funktion
die ihm minderwertig erscheinende Funktion der Sinnlichkeit ausschliesst.
Das Resultat ist die Verstümmelung menschlichen Wesens, die eben gerade
Motiv und Ausgangspunkt der Schillerschen Untersuchung ist.
Da das Gefühl für Schiller die Qualität der Gefühlsempfindung hat und
darum nur kasuistisch ist, so fällt natürlich die höchste Schätzung, ein
richtiger Ewigkeitswert, dem formenden Gedanken zu, dem sog.
„Formtrieb“, wie ihn Schiller nennt[39]: „Aber wenn der Gedanke einmal
ausspricht: das ist, so entscheidet er für immer und ewig, und die Gültigkeit
seines Ausspruches ist durch die Persönlichkeit selbst verbürgt, die allem

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Wechsel Trotz bietet.“[40] Man muss sich aber fragen: ist wirklich bloss das
Beharrende der Sinn und Wert der Persönlichkeit? Ist es nicht auch die
Veränderung und das Werden, die Entwicklung, welche vielleicht sogar
noch höhere Werte repräsentiert, als der blosse „Trotz“ gegen den Wechsel?
[41]

„Wo also der Formtrieb die Herrschaft führt, und das reine Objekt in
uns handelt, da ist die höchste Erweiterung des Seyns, da verschwinden alle
Schranken, da hat sich der Mensch aus einer Grössen-Einheit, auf welche
der dürftige Sinn ihn beschränkte, zu einer Ideen-Einheit erhoben, die das
ganze Reich der Erscheinungen unter sich fasst.“ „Wir sind nicht mehr
Individuen, sondern Gattung; das Urteil aller Geister ist durch das unsrige
ausgesprochen, die Wahl aller Herzen ist repräsentiert durch unsere Tat.“
Es ist unzweifelhaft, dass der Gedanke des Introvertierten nach diesem
Hyperion strebt, nur schade, dass die Ideeneinheit das Ideal einer an Zahl
beschränkten Menschenklasse ist. Das Denken ist nur eine Funktion, die,
wenn völlig entwickelt und ihrem eigenen Gesetze ausschliesslich
gehorchend, natürlicherweise den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.
Es kann daher nur ein Teil der Welt durch das Denken erfasst werden, ein
anderer nur durch das Gefühl, ein dritter nur durch die Empfindung usw.
Darum gibt es wohl auch verschiedene psychische Funktionen, denn das
psychische System kann doch biologisch nur als ein Anpassungssystem
verstanden werden, daher es vermutlich darum Augen gibt, weil es Licht
gibt. Das Denken hat daher unter allen Umständen nur eine Drittels- oder
Viertelsbedeutung, obschon es in seiner eigenen Sphäre ausschliesslich
gültig ist, so wie das Sehen die ausschliesslich gültige Funktion für die
Aufnahme der Lichtschwingungen, das Hören für die Schallschwingungen
ist. Wer daher die „Ideeneinheit“ zuoberst setzt, und die Gefühlsempfindung
als einen Gegensatz zu seiner Persönlichkeit empfindet, ist einem
Menschen zu vergleichen, der zwar gute Augen hat, daneben aber völlig
taub und anästhetisch ist.
„Wir sind nicht mehr Individuen, sondern Gattung“, gewiss, wenn wir
uns mit dem Denken, überhaupt mit der einen Funktion ausschliesslich
identifizieren, dann sind wir collektive allgemeingültige Wesen, sind aber
uns selber gänzlich entfremdet. Ausser dieser einen Viertelspsyche sind die
andern drei Viertel im Dunkeln, in der Verdrängung und Minderbewertung.
„Est-ce la nature, qui porte ainsi les hommes si loin d’eux-mêmes?“ können

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wir hier mit Rousseau fragen — kaum in erster Linie die Natur, sondern
unsere eigene Psychologie, welche in barbarischer Weise die eine Funktion
überschätzt und sich davon wegreissen lässt. Dieser Impetus ist allerdings
ein Stück Natur, nämlich jene ungezähmte Triebenergie, vor der der
differenzierte Typus erschrickt, wenn sie sich „zufällig“ einmal nicht in der
idealen Funktion, wo sie als göttlicher Enthusiasmus gepriesen und verehrt
wird, sondern in einer minderwertigen Funktion manifestiert, wie Schiller
es deutlich sagt: „Aber dein Individuum und dein jetziges Bedürfnis wird
die Veränderung mit sich fortreissen, und was du jetzt feurig begehrst,
dereinst zum Gegenstand deines Abscheus machen.“
Ob sich nun aber das Ungezähmte, Masslose und Disproportionierte in
der Sinnlichkeit — in abjectissimo loco — oder in der höchst entwickelten
Funktion als Überschätzung und Deifikation derselben zeigt, es ist im
Grunde genommen dasselbe, nämlich Barbarei. Dies kann allerdings so
lange nicht eingesehen werden, als man noch vom Gegenstande des Tuns
hypnotisiert ist und dabei das Wie des Handelns übersieht.
Identisch sein mit der einen differenzierten Funktion heisst collektiv
sein, allerdings nicht mehr collektiv identisch, wie der Primitive, sondern
collektiv angepasst, insofern ist „das Urteil aller Geister durch das unsrige
ausgesprochen“, indem wir dann genau so denken und reden, wie eben die
allgemeine Erwartung ist bei denen, deren Denken im selben Masse
differenziert und angepasst ist. Auch „die Wahl aller Herzen ist repräsentiert
durch unsere Tat“, insofern wir eben so denken und handeln, wie alle
wünschen, dass gedacht und gehandelt werde. Alle glauben und wünschen
ja, dass es das Beste und am meisten Erstrebenswerte sei, wenn man soviel
wie möglich zu einer Identität mit der einen differenzierten Funktion
gelange, denn das bringt die deutlichsten sozialen Vorteile, den
Minderheiten der menschlichen Natur aber, welche bisweilen einen grossen
Teil der Individualität ausmachen, die grössten Nachteile. „Sobald man“,
sagt Schiller, „einen ursprünglichen, mithin notwendigen Antagonism
beider Triebe behauptet, so ist freylich kein anderes Mittel, die Einheit im
Menschen zu erhalten, als dass man den sinnlichen Trieb dem vernünftigen
unbedingt unterordnet. Daraus kann bloss Einförmigkeit, aber keine
Harmonie entstehen, und der Mensch bleibt noch ewig fort geteilt“.[42]
„Weil es Schwierigkeit kostet, bey aller Regsamkeit des Gefühls seinen
Grundsätzen treu zu bleiben, so ergreift man das bequemere Mittel, durch

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Abstumpfung der Gefühle den Charakter sicher zu stellen; denn freylich ist
es unendlich leichter, vor einem entwaffneten Gegner Ruhe zu haben, als
einen mutigen und rüstigen Feind zu beherrschen. In dieser Operation
besteht denn auch grösstenteils das, was man einen Menschen formieren
nennt, und zwar im besten Sinne des Wortes, wo es Bearbeitung des innern,
nicht bloss des äussern Menschen bedeutet. Ein so formierter Mensch wird
freylich davor gesichert seyn, rohe Natur zu seyn und als solche zu
erscheinen; er wird aber zugleich gegen alle Empfindungen der Natur durch
Grundsätze geharnischt seyn, und die Menschheit von aussen wird ihm
ebenso wenig als die Menschheit von innen beykommen können.“[43]
Es ist auch Schiller bekannt, dass die beiden Funktionen, das Denken
und das Affiziertsein (Gefühlsempfindung) sich einander unterschieben
können (was eben dann geschieht, wie wir sahen, wenn die eine Funktion
vorgezogen wird). „Er kann die Intensität, welche die tätige Kraft erheischt,
auf die leidende (Affiziertsein) legen, durch den Stofftrieb dem Formtrieb
vorgreifen, und das empfangende Vermögen zum bestimmenden machen.
Er kann die Extensität, welche der leidenden Kraft gebührt, der tätigen
Kraft (dem positiven Denken) zuteilen, durch den Formtrieb dem Stofftrieb
vorgreifen und dem empfangenden Vermögen das bestimmende
unterschieben. In dem ersten Fall wird er nie er selbst, in dem zweiten wird
er nie etwas Anderes seyn.“[44]
In diesem sehr bemerkenswerten Passus ist vieles von dem enthalten,
was wir oben bereits besprachen. Wenn die Kraft des positiven Denkens der
Gefühlsempfindung zufliesst, was einer Umkehrung des introvertierten
Typus gleichkäme, dann werden die Qualitäten der nicht differenzierten,
archaïschen Gefühlsempfindungen zur Herrschaft gebracht, d. h. das
Individuum verfällt damit einer äussersten Bezogenheit, einer Identität mit
dem empfundenen Objekt. Dieser Zustand entspricht einer sog.
minderwertigen Extraversion, d. h. einer Extraversion, welche den
Menschen sozusagen gänzlich von seinem Ich loslöst und in archaïsche
Collektivbindungen und -identitäten auflöst. Er ist dann nicht mehr „Er
selbst“, sondern blosse Bezogenheit, identisch mit seinem Objekt und
deshalb standpunktlos. Gegen diesen Zustand empfindet der Introvertierte
instinktiv den grössten Widerstand, was ihn aber nicht hindert, öfters
unbewusst hineinzugeraten. Dieser Zustand ist nun unter keinen Umständen
mit der Extraversion eines extravertierten Typus zu verwechseln, obschon

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der Introvertierte stets geneigt ist, diese Verwechslung zu begehen und
dieser Extraversion dieselbe Verachtung zu bezeugen, die er im Grunde
genommen stets für seine eigene extravertierte Beziehung hat.[45]
Umgekehrt bedeutet der zweite Fall die reine Darstellung des introvertierten
Denktypus, welcher sich durch die Abschneidung der minderwertigen
Gefühlsempfindungen zur Sterilität verurteilt, d. h. in jenen Zustand begibt,
in welchem „ihm die Menschheit von aussen ebenso wenig als die
Menschheit von innen beykommen kann.“
Es ist auch hier deutlich, dass Schiller stets nur vom Standpunkt des
Introvertierten aus schreibt. Der Extravertierte nämlich, der sein Ich nicht
beim Denken, sondern bei der Gefühlsbeziehung zum Objekte hat, findet
sich selber eben am Objekt, während der Introvertierte sich daran verliert.
Der Extravertierte aber, wenn er introvertiert, gelangt zu seiner
minderwertigen Bezogenheit auf collektive Gedanken, zu einer Identität mit
einem Collektivdenken archaïscher, concretistischer Art, das man als
Empfindungsvorstellen bezeichnen könnte. In dieser minderwertigen
Funktion verliert er sich selber ebenso, wie der Introvertierte in seiner
Extraversion. Der Extravertierte hat daher dieselbe Abneigung oder Furcht
oder stille Verachtung für die Introversion, wie der Introvertierte für die
Extraversion.
Schiller empfindet den Gegensatz zwischen den beiden Mechanismen,
in seinem Fall also zwischen Empfinden und Denken, oder, wie er auch
sagt, „Materie und Form“ oder „Leiden und Tätigkeit“ (Affiziertsein und
aktives Denken)[46] als unüberbrückbar. „Der Abstand zwischen Empfinden
und Denken“ ist „unendlich“ und kann „schlechterdings durch nichts
vermittelt werden“. Die beiden „Zustände sind einander entgegengesetzt
und können niemals eins werden.“[47] Beide Triebe aber wollen sein, und
als „Energieen“, wie sie sich Schiller in sehr moderner Weise denkt[48],
wollen und bedürfen sie der „Abspannung“. „Dem Stofftrieb, wie dem
Formtrieb, ist es mit ihren Forderungen ernst, weil der eine sich beym
Erkennen auf die Wirklichkeit, der andere auf die Notwendigkeit der Dinge
bezieht.“[49] Die „Abspannung des sinnlichen Triebes darf aber keineswegs
die Wirkung eines physischen Unvermögens und einer Stumpfheit der
Empfindung sein, welche überall nur Verachtung verdient; sie muss eine
Handlung der Freyheit, eine Tätigkeit der Person seyn, die durch ihre
moralische Intensität jene sinnliche mässigt.“[50] „Nur an den Geist darf der

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Sinn verlieren.“ Dementsprechend muss gefolgert werden, dass der Geist
nur an den Sinn verlieren dürfe. Schiller sagt es zwar nicht direkt, aber
meint es wohl so, dem Sinne nach, wenn er sagt: „Jene Abspannung des
Formtriebes darf ebenso wenig die Wirkung eines geistigen Unvermögens
und einer Schlaffheit der Denk- oder Willenskräfte seyn, welche die
Menschheit erniedrigen würde. Fülle der Empfindungen muss ihre
rühmliche Quelle seyn; die Sinnlichkeit selbst muss mit siegender Kraft ihr
Gebiet behaupten und der Gewalt widerstreben, die ihr der Geist durch
seine vorgreifende Tätigkeit gern zufügen möchte.“
In diesen Worten ist eine Anerkennung der Gleichberechtigung der
„Sinnlichkeit“ mit der Geistigkeit ausgesprochen. Schiller spricht also dem
Empfinden das Recht auf eigene Existenz zu. Zugleich aber sehen wir in
diesem Passus auch noch einen tiefern Gedanken angedeutet, nämlich die
Idee einer „Wechselwirkung“ der beiden Triebe, einer
Interessengemeinschaft oder Symbiose, wie wir etwas moderner sagen
würden, wobei das Abfallprodukt der einen Tätigkeit der Nährstoff der
andern wäre. Schiller sagt, dass „die Wechselwirkung der beiden Triebe
darin bestehe, dass die Wirksamkeit des einen die Wirksamkeit des andern
zugleich begründet und begrenzt,“ und dass „jeder einzelne für sich gerade
dadurch zu seiner höchsten Verkündigung gelangt, dass der andere tätig ist.“
Diesem Gedanken entsprechend dürfte daher ihr Gegensatz gar nicht als
etwas zu Lösendes aufgefasst werden, sondern im Gegenteil als etwas
Nützliches und Lebenförderndes, das man nur erhalten und unterstützen
sollte. Diese Forderung richtet sich geradeswegs gegen die Vorherrschaft
der einen differenzierten und sozial wertvollen Funktion, denn sie ist es, die
in erster Linie die minderwertigen Funktionen unterdrückt und aussaugt.
Das würde eine Sklavenrevolte gegen das heroische Ideal bedeuten,
welches uns zwingt für das Eine alles Andere aufzuopfern. Wenn mit
diesem Prinzip, welches bekanntlich durch das Christentum in besonders
hohem Masse zuerst für die Vergeistigung des Menschen ausgebildet
wurde, und dann für seine Vermaterialisierung ebenfalls die wirksamste
Hilfe lieh, einmal gebrochen wird, so befreien sich natürlich die
minderwertigen Funktionen und verlangen zu Recht oder Unrecht gleiche
Anerkennung wie die differenzierte Funktion. Dadurch wird sich der volle
Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit, oder zwischen
Gefühlsempfinden und Denken beim introvertierten Denktypus offen
darstellen. Der volle Gegensatz führt, wie es auch Schiller sagt, eine

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wechselseitige Beschränkung herbei, was psychologisch einer Abolition des
Machtprinzipes gleichkommt, d. h. einem Verzichte auf Allgemeingültigkeit
vermöge einer differenzierten und allgemeinangepassten, collektiven
Funktion. Daraus ergibt sich ohne weiteres der Individualismus, d. h. die
Notwendigkeit einer Anerkennung der Individualität, einer Anerkennung
des Menschen, wie er ist. Doch hören wir, wie Schiller dem Problem
beizukommen sucht! „Dieses Wechselverhältnis beyder Triebe ist zwar
bloss eine Aufgabe der Vernunft, die der Mensch nur in der Vollendung
seines Daseins ganz zu lösen im Stande ist. Es ist im eigentlichsten Sinne
des Wortes die Idee seiner Menschheit, mithin ein Unendliches, dem er sich
im Laufe der Zeit immer mehr nähern kann, aber ohne es jemals zu
erreichen.“[51] Es ist schade, dass Schiller als Typus bestimmt ist; wäre er es
nicht, so hätte ihm nie einfallen können, das Zusammenwirken der beiden
Triebe als eine „Aufgabe der Vernunft“ zu betrachten, denn rational sind
Gegensätze nicht zu vereinen — tertium non datur — darum heissen sie
eben Gegensätze. Es müsste denn sein, dass Schiller unter Vernunft etwas
anderes versteht als ratio, nämlich ein höheres, beinahe mystisches
Vermögen. Gegensätze lassen sich nur praktisch als Kompromiss vereinigen
oder irrational, indem zwischen ihnen ein Novum entsteht, das von beiden
verschieden ist und doch geeignet, ihre Energieen gleichermassen
aufzunehmen als ein Ausdruck beider und keines von beiden. Dergleichen
ist nicht zu ersinnen, sondern kann allein durchs Leben geschaffen werden.
Diese letztere Möglichkeit meint auch Schiller in der Tat, wie wir an den
folgenden Sätzen sehen: „Gäbe es aber Fälle, wo er (der Mensch) diese
doppelte Erfahrung zugleich machte, wo er sich zugleich seyner Freyheit
bewusst würde, und sein Dasein empfände, wo er sich zugleich als Materie
fühlte und als Geist kennen lernte, so hätte er in diesen Fällen, und
schlechterdings nur in diesen, eine vollständige Anschauung seiner
Menschheit, und der Gegenstand, der diese Anschauung ihm verschaffte,
würde ihm zu einem Symbol seiner ausgeführten Bestimmung dienen.“
(l. c. p. 70.)
Wenn der Mensch also im Stande wäre, beide Kräfte oder Triebe
zugleich zu leben, d. h. denkend zu empfinden und empfindend zu denken,
so entstünde in ihm aus dem, das er erlebt (was Schiller den Gegenstand
nennt), ein Symbol, das seine erreichte Bestimmung, d. h. seinen Weg, auf
dem sich Ja und Nein vereinigen, ausdrücken würde. Bevor wir auf die
Psychologie dieses Gedankens näher eintreten, wollen wir uns

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vergewissern, wie Schiller das Wesen und die Entstehung des Symbols
auffasst. „Der Gegenstand des sinnlichen Triebes — heisst Leben in
weitester Bedeutung; ein Begriff, der alles materiale Seyn, und alle
unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet. Der Gegenstand des
Formtriebes — heisst Gestalt — ein Begriff, der alle formalen
Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die
Denkkräfte unter sich fasst.“[52] Der Gegenstand der vermittelnden
Funktion heisst nun, nach Schiller, „lebende Gestalt“, als welche eben das
Symbol wäre, in welchem sich die Gegensätze einigen, „ein Begriff, der
allen aesthetischen Beschaffenheiten der Erscheinungen, und mit einem
Worte dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur
Bezeichnung dient.“[53] Das Symbol aber setzt auch eine Funktion voraus,
welche Symbole schafft und wiederum aufnimmt, indem sie sie schafft.
Diese Funktion nennt Schiller einen dritten Trieb, den Spieltrieb, der keiner
der beiden gegensätzlichen Funktionen ähnlich ist, aber doch zwischen
beiden steht und beider Wesen gerecht wird, vorausgesetzt nämlich (was
Schiller nicht anmerkt), dass Empfinden und Denken dann die ernsthaften
Funktionen wären. Es gibt aber nicht wenige, bei denen weder das
Empfinden noch das Denken ganz ernst ist, dort müsste dann wohl statt des
Spieles der Ernst mitten inne stehen. Obschon Schiller an anderer Stelle die
Existenz eines dritten vermittelnden Grundtriebes verneint (p. 61), so
wollen wir doch annehmen, dass zwar seine Konklusion etwas mangelhaft
ist, aber seine Intuition umso richtiger. Denn tatsächlich steht etwas
zwischen den Gegensätzen, aber es ist beim rein differenzierten Typus
unsichtbar geworden. Es liegt beim Introvertierten in dem, was ich
Gefühlsempfindung nenne. Wegen der relativen Verdrängung ist die
minderwertige Funktion nur zum Teil ans Bewusstsein angeschlossen, zum
andern Teil aber hängt sie am Unbewussten. Die differenzierte Funktion ist
möglichst an die äussere Realität angepasst, sie ist recht eigentlich
Wirklichkeitsfunktion, und darum ist in ihr das phantastische Element so
viel wie möglich ausgeschlossen. Es hat sich darum mit den
minderwertigen Funktionen, die in ähnlicher Weise unterdrückt werden,
associiert. Daher hat das Empfinden des Introvertierten, das gewöhnlich
sentimental ist, einen sehr starken Einschlag an unbewusster Phantasie. Das
dritte Element, in welchem die Gegensätze zusammenlaufen, ist die
einerseits schöpferische und andererseits rezeptive Phantasietätigkeit. Diese
Funktion ist es, die Schiller als Spieltrieb bezeichnet, womit er mehr meint,

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als er tatsächlich sagt. Er ruft aus: „Denn, um es endlich auf einmal
herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“[54]
Gegenstand des Spieltriebes ist ihm die Schönheit. „Der Mensch soll mit
der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen.“
Es war Schiller eigentlich bewusst, was es heissen könnte, den
„Spieltrieb“ gewissermassen an oberste Stelle zu setzen. Wie wir bereits
sahen, bewirkt die Aufhebung der Verdrängung ein Aufeinanderprallen der
Gegensätze und eine Ausgleichung, die notwendig mit einer
Heruntersetzung der bisher höchsten Werte endet. Es ist eine Katastrophe
der Kultur, so wie wir sie heute noch verstehen, wenn die barbarische Seite
des Europäers sich zum Worte meldet, denn wer bürgt dafür, dass der
Mensch dieser Art, wenn er zu spielen anfängt, sich gerade die ästhetische
Stimmung und den Genuss ächter Schönheit zum Ziel setzen wird? Das
wäre eine Antizipation gänzlich ungerechtfertigter Art. Vielmehr ist aus der
notwendigen Erniedrigung der Kulturleistung zunächst ganz anderes zu
erwarten. Schiller sagt darum mit Recht: „Der aesthetische Spieltrieb wird
also in seinen ersten Versuchen noch kaum zu erkennen sein, da der
sinnliche mit seiner eigensinnigen Laune, und seiner wilden Begierde
unaufhörlich dazwischen tritt. Daher sehen wir den rohen Geschmack das
Neue und Überraschende, das Bunte, Abenteuerliche und Bizarre, das
Heftige und Wilde zuerst ergreifen, und vor nichts so sehr als vor der
Einfalt und Ruhe fliehen.“[55] Daraus muss man schliessen, dass Schiller die
Gefahr dieser Verwandlung bewusst war. Aus diesem Umstand erklärt sich
nun auch, dass er selber sich mit der gefundenen Lösung nicht zufrieden
geben kann, sondern das dringende Bedürfnis fühlt, dem Menschen ein
sichereres Fundament für seine Menschheit zu geben, als es der unsichere
Grund einer ästhetisch-spielerischen Einstellung sein kann. Das muss auch
so sein. Denn der Gegensatz zwischen den beiden Funktionen oder
Funktionsgruppen ist dermassen gross und ernsthaft, dass das Spiel wohl
kaum genügen dürfte, um all das Schwere und Ernsthafte dieses Konfliktes
aufzuwiegen. Similia similibus curantur — es bedarf eines Dritten, das es
an Ernsthaftigkeit den beiden andern mindestens gleich tut. Bei der
spielerischen Einstellung muss alle Ernsthaftigkeit wegfallen, und damit ist
die Möglichkeit einer absoluten Bestimmbarkeit eröffnet. Bald gefällt es
dem Triebe vom Empfinden, bald vom Denken angelockt zu werden, und
das eine Mal mit Objekten, das andere Mal mit Gedanken zu spielen.

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Jedenfalls aber wird er nicht mit der Schönheit ausschliesslich spielen, denn
dazu müsste eben der Mensch kein Barbar mehr, sondern bereits ästhetisch
erzogen sein, während es sich doch eben darum handelt, wie er aus dem
barbarischen Zustand herauskommen kann. Darum muss vor allen Dingen
einmal festgestellt werden, wo der Mensch eigentlich in seinem innersten
Wesen steht. Er ist a priori ebenso wohl Empfinden, wie Denken, er ist mit
sich selber im Gegensatz, daher er auch irgendwie dazwischen stehen und
im Innersten eigentlich ein Wesen sein muss, das zwar an beiden Trieben
teilnimmt, jedoch von beiden Trieben auch unterschieden werden kann,
dergestalt, dass er zwar die Triebe erleiden und sich ihnen gegebenenfalls
beugen muss, oder sie auch anwenden kann, aber indem er sich selbst von
ihnen unterscheidet, als wie von Naturkräften, denen er zwar unterworfen
ist, mit denen er sich aber nicht identisch erklärt. Schiller spricht sich
darüber folgendermassen aus: „Diese Inwohnung zweier Grundtriebe
widerspricht übrigens auf keine Weise der absoluten Einheit des Geistes,
sobald man nur von beiden Trieben ihn selbst unterscheidet. Beide Triebe
existieren und wirken zwar in ihm, aber er selbst ist weder Materie noch
Form, weder Sinnlichkeit noch Vernunft.“ (l. c. p. 99.)
Mir scheint, dass Schiller hier etwas sehr Wichtiges andeutet, nämlich
die Ausscheidbarkeit eines individuellen Kerns, der zwar bald Subjekt, bald
Objekt der gegensätzlichen Funktionen sein kann, immer aber von ihnen
unterscheidbar bleibt. Die Unterscheidung selbst ist ein intellektuelles
sowohl wie moralisches Urteil. Beim einen geschieht es durchs Denken,
beim andern durchs Fühlen. Gelingt die Unterscheidung nicht oder wird sie
überhaupt nicht gemacht, so ist die unweigerliche Folge davon, dass eine
Auflösung des Individuums in die Gegensatzpaare eintritt, indem es eben
mit ihnen identisch wird. Die weitere Folge ist eine Entzweiung mit sich
selbst, oder eine willkürliche Entscheidung für diese oder jene Seite unter
gewaltsamer Verdrängung der entgegenstehenden. Dieser Gedankengang ist
eine sehr alte Überlegung, die meines Wissens durch Synesius, den
christlichen Bischof von Ptolemais und Schüler der Hypatia, psychologisch
am interessantesten formuliert worden ist. In seinem Buch de somniis[56]
weist er dem spiritus phantasticus praktisch dieselbe Stelle in der
Psychologie an, wie Schiller dem Spieltrieb und ich der schöpferischen
Phantasie, nur drückt er sich statt psychologisch metaphysisch aus, was für
unsere Zwecke aber wie ein alter Sprachgebrauch nicht in Betracht fällt.
Synesius sagt von ihm: „Spiritus phantasticus inter aeterna et temporalia

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medius est, quo et plurimum vivimus.“ Der Spiritus phantasticus einigt in
sich die Gegensätze, und daher begibt er sich auch in die Triebnatur
hinunter bis zum Tierischen, wo er zum Instinkt wird und zum Erreger
dämonischer Begierden: „Vendicat enim sibi spiritus hic aliquid velut
proprium, tanquam ex vicinis quibusdam ab extremis utrisque, et quae tam
longe disjuncta sunt, occurrunt in una natura. Atqui essentiae phantasticae
latitudinem natura per multas rerum sortes extendit, descendit utique usque
ad animalia, quibus non adest ulterius intellectus. — Atque est animalis
ipsius ratio, multaque per phantasticam hanc essentiam sapit animal etc. —
Tota genera daemonum ex ejusmodi vita suam sortiuntur essentiam. Illa
enim ex toto suo esse imaginaria sunt, et iis quae fiunt intus, imaginata.“
Die Dämonen sind ja psychologisch nichts anderes als Interferenzen des
Unbewussten, d. h. Einbrüche spontaner Natur in die Kontinuität des
bewussten Ablaufes von Seiten unbewusster Komplexe. Die Komplexe sind
Dämonen vergleichbar, die launisch unser Denken und Handeln stören,
daher das Altertum und Mittelalter schwere neurotische Störungen als
Besessenheit auffasste. Wenn also das Individuum sich konsequent auf die
eine Seite stellt, so stellt sich das Unbewusste auf die andere und rebelliert,
was natürlich gerade den neuplatonischen oder christlichen Philosophen am
meisten aufgefallen sein muss, insofern sie den Standpunkt einer
ausschliesslichen Vergeistigung vertraten. Besonders wertvoll ist der
Hinweis auf die imaginäre Natur der Dämonen. Wie ich oben erörtert habe,
ist es gerade das phantastische Element, welches im Unbewussten mit den
verdrängten Funktionen associiert ist. Dadurch, dass das Individuum (wie
wir statt individuellem Kern kürzer sagen können) sich von den
Gegensätzen nicht unterscheidet, wird es mit ihnen identisch und dadurch
innerlich zerrissen, d. h. es entsteht ein qualvolles Uneinssein. Dies drückt
Synesius folgendermassen aus: „Proinde spiritus hic animalis, quem beati
spiritualem quoque animam vocaverunt, fit deus et daemon omniformis et
idolum. In hoc etiam anima poenas exhibet.“
Durch die Teilnahme am Triebhaften wird der Geist „ein Gott und
vielgestaltiger Dämon“. Diese eigentümliche Idee wird sofort verständlich,
wenn wir uns daran erinnern, dass Empfinden und Denken an sich
collektive Funktionen sind, in die sich das Individuum (der Geist bei
Schiller) durch Nichtunterscheidung aufgelöst hat. Es wird also dadurch zu
einem Collektivwesen, d. h. gottähnlich, weil Gott eine

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Collektivvorstellung vom allverbreiteten Wesen ist. „In diesem Zustand“
sagt Synesius, „leidet die Seele die Qual.“ Die Erlösung aber erfolgt durch
Unterscheidung, indem nämlich der Geist, wenn er „humidus et crassus“
geworden ist, in die Tiefe heruntersinkt, d. h. ins Objekt verwickelt wird,
dagegen, wenn durch die Qual geläutert, er „trocken und heiss“ wieder nach
oben steigt, indem er sich eben durch die feurige Qualität von der feuchten
Beschaffenheit seines unterirdischen Aufenthaltsortes unterscheidet.
Naturgemäss erhebt sich hier die Frage, vermöge welcher Kraft sich das
Unteilbare, eben das Individuum, gegen die trennenden Triebe verteidigen
könne. Dass es auf dem Wege des Spieltriebes geschehen könne, daran
denkt auch Schiller an dieser Stelle nicht mehr, denn hier muss es sich wohl
um etwas Ernsthaftes handeln, um eine bedeutende Kraft, welche das
Individuum wirksam von den Gegensätzen abzutrennen vermag. Denn auf
der einen Seite ruft der höchste Wert, das höchste Ideal, auf der andern Seite
lockt die stärkste Lust. „Jeder dieser beiden Grundtriebe“, sagt Schiller,
„strebt, sobald er zur Entwicklung gekommen, seiner Natur nach und
notwendig nach Befriedigung, aber eben darum, weil beide notwendig und
beide doch nach entgegengesetzten Objekten streben, so hebt diese doppelte
Nötigung sich gegenseitig auf, und der Wille behauptet eine vollkommene
Freyheit zwischen beiden. Der Wille ist es also, der sich gegen beide Triebe
als eine Macht verhält, aber keiner von beiden kann sich für sich selbst, als
eine Macht gegen den andern verhalten.“ „Es gibt in dem Menschen keine
andere Macht als seinen Willen, und nur was den Menschen aufhebt, der
Tod und jeder Raub des Bewusstseins kann die innere Freyheit
aufheben.“[57]
Es ist richtig, dass logisch sich die Gegensätze aufheben, aber praktisch
ist dem nicht so, sondern praktisch stehen die Triebe aktiv gegeneinander
und verursachen den zunächst unauflösbaren Konflikt. Der Wille könnte
zwar entscheiden, aber nur dann, wenn wir jenen Zustand, der eben erst
noch zu erreichen ist, antizipieren. Aber noch ist das Problem, wie der
Mensch aus der Barbarei herauskommt, nicht gelöst, und noch ist jener
Zustand nicht hergestellt, der allein dem Willen diejenige Richtung
verleihen könnte, welche beiden Trieben gerecht wird und sie vereinigt. Es
ist eben das Zeichen des barbarischen Zustandes, dass der Wille einseitig
durch die eine Funktion bestimmt ist, denn der Wille muss doch einen
Inhalt, ein Ziel haben. Und wie ist dieses Ziel gegeben? Wie anders, als

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durch einen vorhergehenden psychischen Prozess, der durch ein
intellektuelles oder gefühlsmässiges Urteil oder durch ein sinnliches
Begehren dem Willen den Inhalt und das Ziel gibt? Geben wir dem
sinnlichen Begehren als einem Willensmotiv nach, so handeln wir dem
einen Trieb entsprechend gegen unser rationales Urteil. Überlassen wir es
dagegen dem rationalen Urteil, den Streit zu schlichten, so wird auch die
gerechteste Verteilung der Berücksichtigung sich doch immer auf das
rationale Urteil stützen und daher dem andern Trieb ein Vorrecht über die
Sinnlichkeit einräumen. Der Wille wird unter allen Umständen bald mehr
von dieser, bald mehr von jener Seite bestimmt sein, solange er nämlich
darauf angewiesen ist, seine Inhalte von der einen oder andern Seite zu
beziehen. Damit er aber wirklich den Streit entscheiden könnte, müsste er
sich auf einen mittlern Zustand oder Prozess gründen, der ihm einen Inhalt
gibt, welcher weder der einen noch der andern Seite zu nahe oder zu ferne
ist. Dieser Inhalt müsste, nach Schillers Definition, ein symbolischer sein,
denn nur dem Symbol kann die vermittelnde Stellung zwischen den
Gegensätzen zukommen. Die Wirklichkeit, welche der eine Trieb
voraussetzt, ist eine andere als die des andern Triebes. Sie wäre jener
andern unwirklich oder Schein und vice versa. Dem Symbol aber kommt
dieser Doppelcharakter des Realen und Irrealen zu. Es wäre kein Symbol,
wenn es nur real wäre, denn dann wäre es eine reale Erscheinung, die nicht
symbolisch sein könnte. Symbolisch kann aber nur sein, was im einen auch
noch das andere einschliesst. Wenn es irreal wäre, so wäre es nichts als eine
leere Imagination, die sich auf nichts Reales bezöge, und wäre auf diese
Weise auch kein Symbol.
Die rationalen Funktionen sind ihrer Natur nach unfähig, Symbole zu
erzeugen, denn sie produzieren nur Rationales, welches eindeutig bestimmt
ist und nicht zugleich auch das andere, Entgegengesetzte, einschliesst. Die
Funktionen der Sinnlichkeit sind ebenfalls unfähig, Symbole zu erzeugen,
denn sie sind auch eindeutig bestimmt durch das Objekt und enthalten nur
sich und nicht das andere. Man müsste also, um jene unparteiische Basis für
den Willen aufzusuchen, sich an eine andere Instanz wenden, bei welcher
die Gegensätze nicht klar geschieden, sondern noch ursprünglich geeint
sind. Dies ist offenkundig beim Bewusstsein nicht der Fall. Denn das
Bewusstsein ist seinem ganzen Wesen nach Diskrimination, Unterscheidung
von Ich und Nicht-Ich, Subjekt und Objekt, Ja und Nein, usw. Der
bewussten Unterscheidung ist überhaupt die Trennung der Gegensatzpaare

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zu verdanken, denn das Bewusstsein allein kann das Passende erkennen und
vom Nichtpassenden oder Wertlosen unterscheiden. Es allein kann diese
Funktion für wertvoll und jene für wertlos erklären, und darum dieser die
Kraft des Willens leihen und damit die Ansprüche jener niederhalten. Wo
aber kein Bewusstsein ist, wo noch unbewusst Instinktmässiges die
Herrschaft führt, da ist keine Überlegung, kein pro et contra, keine
Uneinigkeit, sondern einfaches Geschehen, geordnete Triebmässigkeit,
Proportion des Lebens. (Insofern nämlich der Instinkt nicht Situationen
begegnet, denen er unangepasst ist. In diesem Falle tritt Aufstauung, Affekt,
Konfusion und Panik ein.)
Es wäre also aussichtslos, wenn man sich zur Entscheidung des
Konfliktes zwischen den Trieben an das Bewusstsein wendete. Eine
bewusste Entscheidung wäre blosse Willkür und könnte daher dem Willen
nie jenen symbolischen Inhalt verleihen, der allein imstande ist, einen
logischen Gegensatz irrational zu vermitteln. Dazu müssen wir tiefer gehen,
wir müssen hinuntergreifen in jene Grundlagen des Bewusstseins, welche
ihre ursprüngliche Instinktmässigkeit noch erhalten haben, nämlich ins
Unbewusste, wo alle psychischen Funktionen ununterschieden
zusammenfliessen in die ursprüngliche und fundamentale Aktivität des
Psychischen. Die mangelnde Unterschiedenheit im Unbewussten rührt
zunächst von der fast unmittelbaren Verknüpfung aller Gehirnzentren unter
sich her und dann, in zweiter Linie, von dem relativ schwachen
energetischen Werte der unbewussten Elemente.[58] Dass sie relativ wenig
Energie besitzen, geht daraus hervor, dass ein unbewusstes Element, wenn
es je eine stärkere Betonung erhält, auch sofort aufhört, subliminal zu
bleiben, indem es dann nämlich über die Schwelle des Bewusstseins
emporsteigt, wozu es nur vermöge einer besondern ihm innewohnenden
Energie befähigt ist. Es wird dadurch zum „Einfall“, zur „freisteigenden
Vorstellung“ (Herbart). Die starken energetischen Werte der
Bewusstseinsinhalte wirken wie eine intensive Beleuchtung, wodurch deren
Unterschiede deutlich erkennbar und Verwechslungen ausgeschlossen
werden. Im Unbewussten dagegen unterschieben sich die heterogensten
Elemente gegenseitig, insofern sie auch nur eine vage Analogie besitzen,
eben vermöge ihrer geringen Helligkeit, ihres schwachen energetischen
Wertes. Sogar heterogene Sinneseindrücke verschmelzen, wie wir bei den
„Photismen“ (Bleuler), der „audition coloriée“ sehen. Auch enthält die
Sprache nicht weniges von diesen unbewussten Verschmelzungen, wie ich

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dies z. B. für Ton, Licht und Gemütszustände gezeigt habe.[59] Das
Unbewusste also dürfte jene psychische Instanz sein, wo all das, was im
Bewusstsein getrennt und gegensätzlich ist, in Gruppierungen und
Gestaltungen zusammenfliesst, welche, wenn als solche zum Lichte des
Bewusstseins emporgehoben, eine Natur zeigen, die Bestandteile der einen
Seite sowohl wie der andern aufweist, ohne jedoch zu dieser oder jener
Seite zu gehören, sondern eine selbständige Mittelstellung beansprucht.
Diese ihre Mittelstellung macht ihren Wert und Unwert fürs Bewusstsein
aus, einen Unwert insofern als unmittelbar nichts deutlich Unterscheidbares
an ihrer Gruppierung wahrzunehmen ist, weshalb das Bewusstsein in
Verlegenheit darüber gerät, was damit anzufangen sei: einen Wert aber
insofern, als gerade ihr Nichtunterscheidbares jenen symbolischen
Charakter ergibt, welcher dem Inhalte eines vermittelnden Willens
zukommen muss. Ausser dem Willen, der ganz von seinem Inhalt abhängt,
ist dem Menschen als Hilfsmittel noch jene Mutterstätte der schöpferischen
Phantasie, das Unbewusste, gegeben, welches jederzeit die Symbole auf
dem Wege des Naturprozesses der elementaren psychischen Tätigkeit zu
bilden vermag, die Symbole, welche zur Bestimmung des vermittelnden
Willens dienen können. Ich sage „können“, weil das Symbol nicht eo ipso
in die Lücke tritt, sondern im Unbewussten bleibt, und zwar so lange, als
die energetischen Werte der Bewusstseinsinhalte den Wert des unbewussten
Symbols übersteigen. Unter normalen Bedingungen ist dies aber immer der
Fall, und unter abnormen Bedingungen handelt es sich um eine Umkehrung
der Wertverteilung, wobei dem Unbewussten ein höherer Wert zukommt,
als dem Bewussten. In diesem Falle tritt zwar das Symbol an die Oberfläche
des Bewusstseins heraus, ohne aber eine Aufnahme beim bewussten Willen
und bei den exekutiven bewussten Funktionen zu finden, indem diese
nämlich, wegen der Umkehrung der Werte, subliminal geworden sind. Das
Unbewusste ist superliminal geworden, wodurch ein geistig abnormer
Zustand, eine Geistesstörung, eingetreten ist.
Unter normalen Bedingungen daher ist dem unbewussten Symbol
künstlich Energie zuzuführen, um es höherwertig zu machen und dadurch
dem Bewusstsein zuzuführen. Dies geschieht — und damit schliessen wir
uns wieder dem durch Schiller angeregten Gedanken der Unterscheidung an
— durch eine Unterscheidung des Selbst von den Gegensätzen. Die
Unterscheidung ist gleichbedeutend mit einem Zurückziehen der Libido
von beiden Seiten, insoweit die Libido disponibel ist. Die in den Trieben

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investierte Libido ist nämlich nur zu einem gewissen Teil frei disponibel,
genau soweit als die Willenskraft reicht, als welche diejenige Energiemenge
darstellt, die das Ich zu „freier“ Verfügung hat. Der Wille hat in diesem Fall
das Selbst zum möglichen Ziele. Dieses Ziel ist umso möglicher, je mehr
die weitere Entwicklung durch den Konflikt stillgestellt ist. Der Wille
entscheidet in diesem Falle nicht zwischen den Gegensätzen, sondern bloss
für das Selbst, d. h. die disponible Energie wird auf das Selbst
zurückgezogen, mit andern Worten introvertiert. Die Introversion bedeutet
bloss, dass die Libido beim Selbst gehalten und ihr verwehrt wird, an den
streitenden Gegensätzen teilzunehmen. Da ihr der Weg nach aussen
versperrt ist, so wendet sie sich natürlich dem Denken zu, wodurch sie
wiederum in Gefahr ist, in den Konflikt hineinzugeraten. Es gehört zum
Akte der Unterscheidung und Introversion, dass die disponible Libido nicht
nur vom äussern Objekt, sondern auch vom innern Objekt, nämlich vom
Gedanken, gelöst wird. Dadurch wird sie gänzlich objektlos, sie ist auf
nichts mehr bezogen, was Bewusstseinsinhalt sein könnte, und versinkt
daher ins Unbewusste, wo sie das bereitliegende Phantasiematerial
automatisch ergreift, und es dadurch zum Emporsteigen bewegt. Schillers
Ausdruck für das Symbol, nämlich „lebende Gestalt“, ist glücklich gewählt,
weil das emporgehobene Phantasiematerial Bilder der psychologischen
Entwicklung des Individuums in seinen nachfolgenden Zuständen enthält,
gewissermassen eine Vorzeichnung oder Schilderung des weitern Weges
zwischen den Gegensätzen. Wenn schon die diskriminierende Tätigkeit des
Bewusstseins öfters nicht viel an den Bildern unmittelbar zu verstehen
findet, so enthalten diese Intuitionen doch eine lebendige Kraft, welche auf
den Willen bestimmend wirken kann. Die Bestimmung des Willens übt sich
nach beiden Seiten aus, wodurch nach einiger Zeit die Gegensätze wieder
stärker werden. Der erneute Konflikt aber nötigt wieder zum selben eben
geschilderten Prozess, wodurch immer wieder ein weiterer Schritt
ermöglicht wird. Ich habe diese Funktion der Vermittlung der Gegensätze
als transscendente Funktion bezeichnet, worunter ich also nichts
Geheimnisvolles, sondern bloss eine Funktion bewusster und unbewusster
Elemente oder, etwa wie in der Mathematik, eine gemeinsame Funktion
realer und imaginärer Grössen verstehe.[60] Wir haben ausser dem Willen —
dessen Wichtigkeit damit nicht geleugnet werden soll — noch die
schöpferische Phantasie als eine irrationale instinktmässige Funktion,
welche allein dem Willen einen Inhalt von einer Beschaffenheit, welche die

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Gegensätze zusammenführt, zu geben vermag. Diese Funktion ist es, die
Schiller wohl intuitiv als Symbolquelle erfasste, aber als „Spieltrieb“
bezeichnete und darum für die Motivierung des Willens nicht weiter
nutzbar machen konnte. Um zum Willensinhalt zu gelangen, rekurrierte er
zur Vernunft, und damit gerät er auf die eine Seite. Er ist aber unserm
Problem überraschend nahe gekommen, wenn er sagt: „Jene Macht der
Empfindung muss also vernichtet werden, ehe das Gesetz (der vernünftige
Willen nämlich) dazu erhoben werden kann. Es ist also nicht damit getan,
dass etwas anfange, was noch nicht war. Der Mensch kann nicht
unmittelbar vom Empfinden zum Denken übergehen; er muss einen Schritt
zurücktun, weil nur, indem eine Determination wieder aufgehoben wird, die
entgegengesetzte eintreten kann. Er muss also — augenblicklich von aller
Bestimmung frey seyn und einen Zustand der blossen Bestimmbarkeit
durchlaufen. Mithin muss er auf gewisse Weise zu jenem negativen Zustand
der blossen Bestimmungslosigkeit zurückkehren, in welchem er sich
befand, ehe noch irgend etwas auf seinen Sinn einen Eindruck machte.
Jener Zustand aber war an Inhalt völlig leer, und jetzt kommt es darauf an,
eine gleiche Bestimmungslosigkeit, und eine gleich unbegrenzte
Bestimmbarkeit mit dem grösstmöglichen Gehalt zu vereinbaren, weil
unmittelbar aus diesem Zustand etwas Positives erfolgen soll. Die
Bestimmung, die er durch Sensation empfangen, muss also festgehalten
werden, weil er die Realität nicht verlieren darf; zugleich aber muss sie,
insofern sie Begrenzung ist, aufgehoben werden, weil eine unbegrenzte
Bestimmbarkeit stattfinden soll.“[61]
Diese schwer verständliche Stelle kann nunmehr an Hand des
Obengesagten leicht verstanden werden, wenn wir nur immer im Auge
behalten, dass Schiller beständig geneigt ist, die Lösung beim vernünftigen
Willen zu suchen. Dieses Moment muss weggedacht werden. Dann aber ist
das, was er sagt, völlig klar. Der Schritt zurück ist die Unterscheidung von
den gegensätzlichen Trieben, die Ablösung und Zurückziehung der Libido
von den innern und äussern Objekten. Schiller hat hier allerdings zunächst
das sinnliche Objekt im Auge, indem es ihm, wie schon gesagt, immer
darum zu tun ist, auf die Seite des vernünftigen Denkens
hinüberzugelangen, das ihm zur Willensbestimmung unerlässlich zu sein
scheint. Jedoch drängt sich ihm die Notwendigkeit, jede Bestimmung
aufzuheben, trotzdem auf. Damit ist implicite auch die Ablösung vom
innern Objekt, der Idee, gegeben, sonst wäre es unmöglich, zu einer

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völligen Inhalts- und Bestimmungslosigkeit zu gelangen, also zu jenem
ursprünglichen Zustand der Unbewusstheit, wo noch kein diskriminierendes
Bewusstsein Subjekt und Objekt setzte. Damit meint Schiller offenkundig
dasselbe, was ich als Introversion ins Unbewusste formuliert habe.
Die „unbegrenzte Bestimmbarkeit“ bedeutet offenbar etwas Ähnliches,
wie der Zustand des Unbewussten, in welchem alles auf alles
unterschiedslos wirken kann. Dieser leere Zustand des Bewusstseins soll
mit dem „grösstmöglichen Gehalt vereinbart“ werden. Dieser Gehalt, als
das Gegenstück zur Leere des Bewusstseins, kann nur der unbewusste
Inhalt sein, denn irgend ein anderer Inhalt ist nicht gegeben. Damit ist
offenbar die Vereinigung vom Unbewussten und Bewussten ausgedrückt,
und „aus diesem Zustand soll etwas Positives“ erfolgen. Dieses „Positive“
ist für uns die symbolische Bestimmung des Willens. Für Schiller ist es ein
„mittlerer Zustand“, durch den die Vereinigung von Empfinden und Denken
erfolgt. Er nennt ihn eine „mittlere Stimmung“, in welcher Sinnlichkeit und
Vernunft zugleich tätig sind, eben deswegen aber ihre bestimmende Gewalt
gegenseitig aufheben, und durch eine Entgegensetzung eine Negation
bewirken. Die Aufhebung der Gegensätze bewirkt eine Leere, die wir eben
das Unbewusste nennen. Dieser Zustand ist, weil nicht durch die
Gegensätze bestimmt, jeder Bestimmung zugänglich. Schiller nennt ihn
einen „aesthetischen“ Zustand. (l. c. p. 105.) Es ist merkwürdig, dass er
dabei übersieht, dass Sinnlichkeit und Vernunft in diesem Zustand nicht
zugleich „tätig“ sein können, denn wie Schiller selbst sagt, sind sie ja
aufgehoben durch gegenseitige Negation. Da aber doch etwas tätig sein
muss und Schiller keine andere Funktion zur Verfügung hat, so müssen
eben für ihn wieder die Gegensatzpaare tätig sein. Ihre Tätigkeit ist
allerdings vorhanden, aber da das Bewusstsein „leer“ ist, so muss sie
notwendigerweise im Unbewussten sein.[62] Dieser Begriff aber fehlt
Schiller, weshalb er hier widerspruchsvoll wird. Die mittlere ästhetische
Funktion würde daher unserer symbolbildenden Tätigkeit, der
schöpferischen Phantasie, gleichkommen. Schiller definiert die
„aesthetische Beschaffenheit“ als die Beziehung einer Sache „auf das
Ganze unserer verschiedenen Kräfte (Seelenvermögen), ohne für eine
einzelne derselben ein bestimmtes Objekt zu seyn.“ Er hätte vielleicht
besser getan, statt dieser vagen Definition hier auf seinen frühern Begriff
des Symbols zurückzukommen, denn das Symbol hat die Qualität, dass es
sich auf alle psychischen Funktionen bezieht, ohne ein bestimmtes Objekt

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einer einzelnen derselben zu sein. Als Erfolg der Erreichung dieser mittlern
Stimmung sieht Schiller die Tatsache an, dass es dem Menschen „nunmehr
von Natur wegen möglich gemacht ist, aus sich selbst zu machen, was er
will — dass ihm die Freyheit, zu seyn, was er seyn soll, vollkommen
zurückgegeben ist.“ Weil Schiller vorzugsweise intellektuell und rational
verfährt, so fällt er seinem Urteil zum Opfer. Dies zeigt schon die Wahl des
Ausdruckes „ästhetisch“. Wenn er bekannt gewesen wäre mit der indischen
Literatur, so hätte er gesehen, dass das urtümliche Bild, das ihm innerlich
vorschwebt, eine ganz andere Bedeutung hat, als eine „ästhetische“. Seine
Intuition fand das unbewusste Modell, das seit Alters in unserm Geiste
bereit liegt. Er deutet es aber als „ästhetisch“, obschon er selber zuerst das
Symbolische hervorgehoben hat. Das urtümliche Bild, das ich meine, ist
jene eigenartige Ideenbildung des Ostens, die sich in Indien zur Brahman-
Atmanlehre verdichtet hat, in China aber ihren philosophischen Vertreter in
Lao-tse fand. Die indische Auffassung lehrt die Befreiung von den
Gegensätzen, als welche alle affektiven Zustände und emotionalen
Bindungen ans Objekt verstanden sind. Die Befreiung erfolgt nach
Zurückziehung der Libido von allen Inhalten, wodurch eine völlige
Introversion eintritt. Dieser psychologische Vorgang wird in sehr
charakteristischer Weise als tapas bezeichnet, das man am besten als
Selbstbebrütung wiedergibt. Dieser Ausdruck schildert trefflich den Zustand
der inhaltlosen Meditation, in welchem die Libido gewissermassen als
Brutwärme dem eigenen Selbst zugeführt wird. Durch die völlige
Abziehung aller Funktionen vom Objekt entsteht notwendigerweise im
Innern (im Selbst) ein Äquivalent der objektiven Realität, resp. eine völlige
Identität des Innen und des Aussen, welche technisch als das tat twam asi
(das bist du) bezeichnet werden kann. Durch die Zusammenschmelzungen
des Selbst mit den Beziehungen zum Objekt entsteht die Identität des Selbst
(Atman) mit dem Wesen der Welt (d. h. mit den Beziehungen des Subjektes
zum Objekt), sodass die Identität des innern und äussern Atman erkannt
wird. Der Begriff des Brahman ist nur um weniges verschieden vom Begriff
des Atman, indem in Brahman der Begriff des Selbst nicht explicite
gegeben ist, sondern bloss ein sozusagen allgemeiner, nicht näher zu
definierender Zustand der Identität des Innern und Äussern. Ein zu tapas in
gewissem Sinne paralleler Begriff ist yoga, worunter weniger ein Zustand
der Meditation, als eine bewusste Technik der Erzielung des tapas-
Zustandes zu verstehen ist. Yoga ist eine Methode, nach der die Libido

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planmässig „eingezogen“ und dadurch aus den Gegensatzbindungen befreit
wird. Der Zweck von tapas und yoga ist die Herstellung eines mittlern
Zustandes, aus dem das Schöpferische und Erlösende hervorgeht. Der
psychologische Erfolg für den Einzelnen ist die Erreichung des Brahman,
des „höchsten Lichtes“, oder „ânanda“ (Wonne). Dies ist der Endzweck der
Erlösungsübung. Zugleich ist aber auch derselbe Vorgang als kosmogonisch
gedacht, indem aus Brahman-Atman als Weltgrund die ganze Schöpfung
hervorgeht. Der kosmogonische Mythus ist, wie jeder Mythus, eine
Projektion unbewusster Vorgänge. Die Existenz dieses Mythus beweist also,
dass im Unbewussten des tapas-Übenden schöpferische Vorgänge
stattfinden, welche zu verstehen sind als Neuadjustierungen gegenüber dem
Objekt. Schiller sagt: „Sobald es Licht wird in dem Menschen, ist auch
ausser ihm keine Nacht mehr. Sobald es stille wird in ihm, legt sich auch
der Sturm in dem Weltall, und die streitenden Kräfte der Natur finden Ruhe
zwischen bleibenden Grenzen. Daher kein Wunder, wenn die uralten
Dichtungen von dieser grossen Begebenheit im Innern des Menschen als
von einer Revolution in der Aussenwelt reden“ etc.[63] Durch Yoga werden
die Beziehungen zum Objekt introvertiert und durch Beraubung des Wertes
ins Unbewusste versenkt, worin sie, wie oben dargestellt, neue
Associationen mit andern unbewussten Inhalten eingehen können und
darum, nach Vollendung der tapas-Übung, verändert wieder ans Objekt
heraustreten. Durch die Veränderung der Beziehung zum Objekt hat das
Objekt ein neues Gesicht bekommen. Es ist wie neugeschaffen; daher der
kosmogonische Mythus ein treffendes Symbol für das Resultat der tapas-
Übung ist. In der sozusagen ausschliesslich introvertierenden Richtung der
indischen Religionsübung hat die Neuanpassung ans Objekt allerdings
keine Bedeutung, sondern verharrt als unbewusst projizierter
kosmogonischer Lehrmythus, ohne zu praktischer Neugestaltung zu
gelangen. Hierin steht die indische religiöse Einstellung der abendländisch-
christlichen sozusagen diametral gegenüber, indem das christliche Prinzip
der Liebe extravertierend ist und des äussern Objektes unbedingt bedarf.
Das erstere Prinzip gewinnt dafür den Reichtum der Erkenntnis, das letztere
die Fülle der Werke.
Im Begriff des Brahman ist auch der Begriff des ritam (rechter Gang),
die Weltordnung, enthalten. In Brahman, als dem schöpferischen Weltwesen
und Weltgrunde kommen die Dinge auf den rechten Weg, denn in ihm sind
sie ewig aufgelöst und neugeschaffen; aus Brahman erfolgt alle

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Entwicklung auf geordnetem Wege. Der Begriff des ritam führt uns hinüber
zum Begriff des Tao bei Lao-tse. Tao ist der „rechte Weg“, das
gesetzmässige Walten, eine mittlere Strasse zwischen den Gegensätzen,
befreit von ihnen und sie doch in sich einigend. Der Sinn des Lebens ist,
diese Bahn des Mittlern zu wandeln und nie in die Gegensätze
abzuschweifen. Das ekstatische Moment fehlt bei Lao-tse gänzlich; es ist
ersetzt durch eine überlegene philosophische Klarheit, durch eine, von
keinem mystischen Nebel getrübte intellektuelle und intuitive Weisheit,
welche wohl das schlechthin Höchsterreichbare an geistiger Überlegenheit
darstellt, und darum auch des Chaotischen in dem Grade ermangelt, dass sie
sich in Gestirnsweite vom Ungeordneten dieser wirklichen Welt entfernt.
Sie zähmt alles Wilde, ohne es läuternd zu ergreifen und in Höheres
umzugestalten.
Man könnte leicht den Einwand erheben, die Analogie der Schillerschen
Gedankengänge mit diesen anscheinend entlegenen Ideen sei weit
hergeholt. Es ist aber nicht zu übersehen, dass bald nach Schiller eben
dieselben Ideen sich mit Macht im Genius Schopenhauers durchgedrängt
und sich mit dem abendländischen germanischen Geist aufs Innigste
vermählt haben, um von da an bis jetzt nicht mehr daraus zu verschwinden.
Es will meines Erachtens wenig bedeuten, dass die lateinische
Upanishadübersetzung des Anquetil du Perron (1802) Schopenhauer
zugänglich war, während Schiller auf die zu seiner Zeit noch sehr
spärlichen Nachrichten jedenfalls keine bewusste Beziehung nimmt. Ich
habe in meiner praktischen Erfahrung zur Genüge gesehen, dass es direkter
Übermittlungen nicht bedarf, um solche Verwandtschaften zu erzeugen. Wir
sehen ja etwas ganz Ähnliches bei den Grundanschauungen Meister
Eckeharts und auch zum Teil Kants, die eine ganz erstaunliche Ähnlichkeit
mit den Ideen der Upanishads haben, ohne im mindesten unmittelbar oder
mittelbar deren Einwirkung erfahren zu haben. Es ist dasselbe, wie mit den
Mythen und Symbolen, die in allen Winkeln der Erde autochthon entstehen
können und trotzdem identisch sind, weil sie eben aus demselben und
überall verbreiteten menschlichen Unbewussten erzeugt werden, dessen
Inhalte unendlich weniger verschieden sind, als die Rassen und Individuen.
Ich halte es auch für nötig, die Parallele der Schillerschen zu den
Gedanken des Ostens zu ziehen, damit nämlich die Gedanken Schillers aus
dem zu engen Gewande des Ästhetismus[64] befreit werden. Der

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Ästhetismus ist ungeeignet, die überaus ernste und schwere Aufgabe der
Erziehung des Menschen zu lösen, indem er immer das schon voraussetzt,
was er eben erzeugen sollte, nämlich die Fähigkeit der Liebe zur Schönheit.
Er verhindert geradezu eine Vertiefung des Problems, indem er immer vom
Übeln, Hässlichen und Schweren wegblickt und nach dem Genuss zielt,
wenn auch nach einem edeln. Darum mangelt auch dem Ästhetismus jede
sittlich motivierende Kraft, da er im tiefsten Wesen doch nur verfeinerter
Hedonismus ist. Schiller gibt sich zwar Mühe, ein unbedingtes sittliches
Motiv hereinzubringen, ohne dass ihm dies aber überzeugend gelänge, denn
es ist ihm, eben wegen der ästhetischen Einstellung, unmöglich zu sehen, zu
was für Konsequenzen die Anerkennung der andern Seite der menschlichen
Natur führt. Der Konflikt, der nämlich dadurch entsteht, bedeutet eine
solche Verwirrung und ein solches Leiden für den Menschen, dass er durch
den Anblick des Schönen im besten Falle den Gegensatz wieder verdrängen
kann, ohne sich aber davon zu erlösen, womit der alte Zustand —
bestenfalls — wieder hergestellt ist. Um dem Menschen aus diesem
Konflikt herauszuhelfen, bedarf es einer andern Einstellung als der
ästhetischen. Dies zeigt eben die Parallele mit den Ideen des Ostens. Die
indische Religionsphilosophie hat dieses Problem in seiner ganzen Tiefe
erfasst und gezeigt, welcher Kategorie von Mitteln es bedarf, um die
Lösung des Konfliktes zu ermöglichen. Es bedarf für sie der höchsten
sittlichen Anstrengung, der grössten Selbstverleugnung und Aufopferung,
der höchsten religiösen Ernsthaftigkeit, der eigentlichen Heiligkeit. Wie
bekannt, hat Schopenhauer bei aller Anerkennung des Ästhetischen, gerade
diese Seite des Problems am deutlichsten hervorgehoben. Wir dürfen nun
allerdings keineswegs der Täuschung verfallen, dass die Worte „ästhetisch“
„Schönheit“ etc. für Schiller ebenso geklungen hätten, wie für uns. Ich sage
wohl nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass die „Schönheit“ für Schiller ein
religiöses Ideal war. Schönheit war seine Religion. Seine „ästhetische
Stimmung“ liesse sich wohl ebenso gut mit „religiöse Andacht“
wiedergeben. Ohne etwas Derartiges auszusprechen und ohne sein
Kernproblem explicite als ein religiöses zu bezeichnen, ist Schillers
Intuition aber zum religiösen Problem gekommen, allerdings zum religiösen
Problem des Primitiven, das er in seiner Untersuchung sogar ziemlich
ausführlich erörtert, ohne diese Linie bis zum Ende durchzuführen. Es ist
merkwürdig, dass im weitern Verlauf seiner Überlegungen die Frage des
„Spieltriebes“ ganz in den Hintergrund tritt zu Gunsten des Begriffes der

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ästhetischen Stimmung, welche eine beinahe mystische Bewertung zu
erlangen scheint. Ich glaube, das ist nicht zufällig, sondern beruht auf einem
bestimmten Grunde. Es sind oftmals gerade die besten und tiefsten
Gedanken eines Werkes, welche sich am hartnäckigsten einer klaren
Erfassung und Formulierung widersetzen, wenn schon sie an verschiedenen
Orten angedeutet und daher eigentlich genügend bereit wären, um ihre
Synthese zu einem klaren Ausdruck zu ermöglichen. Es scheint mir, als ob
auch hier eine solche Schwierigkeit vorläge. Zum Begriff der „ästhetischen
Stimmung“ als eines mittlern schöpferischen Zustandes bringt Schiller
selber Gedanken bei, welche unschwer die Tiefe und Ernsthaftigkeit dieses
Begriffes erkennen lassen. Andererseits sah er ebenso deutlich den
„Spieltrieb“ als jene gesuchte mittlere Tätigkeit. Man kann nun nicht
leugnen, dass diese beiden Fassungen in einem gewissen Gegensatz zu
einander stehen, indem sich Spiel und Ernst schwer vertragen wollen. Der
Ernst kommt durch tiefe innere Nötigung, das Spiel aber ist ihr äusserer
Ausdruck, ihr dem Bewusstsein zugewendeter Aspekt. Es handelt sich,
wohlverstanden, nicht um ein Spielenwollen, sondern um ein
Spielenmüssen, eine spielerische Betätigung der Phantasie durch innere
Nötigung, ohne Zwang der Umstände, ohne Zwang des Willens auch. Es ist
ein ernstes Spiel.[65] Und doch ist es Spiel, von Aussen, vom Bewusstsein,
d. h. also vom Standpunkt des Collektivurteils gesehen. Aber es ist ein Spiel
aus innerer Nötigung. Das ist die zweideutige Eigenschaft, die allem
Schöpferischen anhaftet. Verläuft das Spiel in sich selbst, ohne ein
Dauerndes und Lebendiges zu erzeugen, so war es eben nur Spiel, im
andern Fall aber nennt man es Schöpferarbeit. Aus einer spielerischen
Bewegung von Faktoren, deren Beziehungen zunächst nicht feststehen,
entstehen die Gruppierungen, welche ein beobachtender und kritischer
Intellekt erst nachträglich bewertet. Die Erzeugung des Neuen besorgt nicht
der Intellekt, sondern der Spieltrieb aus innerer Nötigung. Der schaffende
Geist spielt mit den Objekten, die er liebt. Daher man leicht jede
schöpferische Tätigkeit, deren Möglichkeiten der Menge verborgen bleiben,
als Spielerei ansehen kann. Es gibt wohl sehr wenige schöpferische
Menschen, denen Spielerei nicht vorgeworfen wurde. Für den genialen
Menschen, wie es Schiller war, ist man wohl geneigt, diese Gesichtspunkte
gelten zu lassen. Aber er selber möchte über den Ausnahmemenschen und
seine Art hinaus und zum allgemeinern Menschen gelangen, um auch ihm
das Fördernde und Erlösende zu Teil werden zu lassen, das der Schöpfer

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sowieso schon aus stärkster innerer Nötigung gar nicht vermeiden kann. Die
Möglichkeit der Ausdehnung eines solchen Gesichtspunktes auf die
Erziehung des Menschen überhaupt ist aber nicht von vornherein
gewährleistet, sie scheint es wenigstens nicht zu sein.
Zur Entscheidung dieser Frage müssen wir, wie immer in solchen
Fällen, die Zeugnisse der menschlichen Geistesgeschichte anrufen. Dazu ist
es nötig, dass wir uns noch einmal vergegenwärtigen, von welcher Basis
wir bei der Behandlung dieser Frage ausgehen: wir haben gesehen, dass
Schiller eine Loslösung von den Gegensätzen fordert bis zu einer völligen
Leere des Bewusstseins, in der also weder Empfindungen, noch Gefühle,
noch Gedanken, noch Absichten irgendwie eine Rolle spielen. Dieser
erstrebte Zustand ist also ein Zustand eines undifferenzierten Bewusstseins,
oder eines Bewusstseins, in dem durch Depotenzierung der energetischen
Werte alle Inhalte ihre Unterschiedenheit eingebüsst haben. Ein wirkliches
Bewusstsein aber ist nur da möglich, wo Werte eine Unterschiedlichkeit der
Inhalte bewirken. Wo die Unterschiedenheit fehlt, kann auch kein
wirkliches Bewusstsein stattfinden. Infolgedessen dürfen wir einen solchen
Zustand als „unbewusst“ bezeichnen, obschon die Bewusstseinsmöglichkeit
jederzeit vorhanden ist. Es handelt sich also um ein „abaissement du niveau
mental“ (Janet) artefizieller Natur, daher auch die Ähnlichkeit mit yoga und
den Zuständen des hypnotischen „engourdissement“. Meines Wissens hat
sich Schiller nirgends darüber ausgesprochen, wie er sich eigentlich die
Technik — um dieses Wort zu gebrauchen — zur Erzeugung der
ästhetischen Stimmung denkt. Das Beispiel mit der Juno Ludovisi, das er
beiläufig in seinen Briefen gibt[66], zeigt uns den Zustand einer
„ästhetischen Andacht“, deren Charakter in einer völligen Hingabe an und
Einfühlung in das Objekt der Betrachtung besteht. Der Zustand dieser
Andacht lässt aber das Charakteristikum der Inhalts- und
Bestimmungslosigkeit vermissen. Das Beispiel zeigt aber immerhin, im
Verein mit noch andern Stellen, dass Schiller die Idee der „Andacht“
vorschwebt.[67] Damit greifen wir wiederum ins Gebiet der religiösen
Phänomene; zugleich eröffnet sich uns aber auch ein Ausblick auf die
tatsächliche Möglichkeit einer Ausdehnung solcher Gesichtspunkte auf den
allgemeinen Menschen. Der Zustand der religiösen Andacht ist ein
Collektivphänomen, das nicht an individuelle Begabung geknüpft ist.

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Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten. Wir sahen oben, dass die
Bewusstseinsleere resp. der unbewusste Zustand durch eine Versenkung der
Libido ins Unbewusste hervorgerufen wird. Im Unbewussten liegen relativ
betonte Inhalte bereit, nämlich die Reminiszenzkomplexe der individuellen
Vergangenheit, vor allem der Elternkomplex, der identisch ist mit dem
Kindheitskomplex überhaupt. Durch die Andacht, d. h. also durch die
Versenkung der Libido ins Unbewusste wird der Kindheitskomplex
reaktiviert, wodurch die Kindheitsreminiszenzen, z. B. vor allem die
Beziehungen zu den Eltern wieder belebt werden. Die aus dieser
Reaktivierung hervorgehenden Phantasien geben Anlass zur Entstehung der
Vater- und Muttergottheiten, sowie zum Erwachen religiöser
Kindschaftsbeziehungen zum Gotte und der entsprechenden kindlichen
Gefühle. Bezeichnenderweise sind es Symbole der Eltern, welche bewusst
werden und durchaus nicht immer die Bilder der wirklichen Eltern, welche
Tatsache Freud durch die Verdrängung der Elternimago aus
Inzestwiderständen erklärt. Ich bin mit dieser Erklärung einverstanden, bin
aber der Ansicht, dass sie nicht erschöpfend sei, indem sie den
ausserordentlichen Sinn dieser symbolischen Ersetzung übersieht. Die
Symbolisierung im Gottesbilde bedeutet einen gewaltigen Fortschritt über
den Concretismus, die Sinnlichkeit der Reminiszenz, hinaus, indem die
Regression sich durch das Annehmen des „Symbols“ als eines wirklichen
Symbols alsbald in eine Progression verwandelt, während sie Regression
bliebe, wenn das sog. Symbol endgültig bloss als ein Zeichen für die
wirklichen Eltern erklärt und damit seines selbständigen Charakters
entkleidet würde.[68] Durch das Tatsächlichnehmen des Symbols kam die
Menschheit zu ihren Göttern, d. h. zur Tatsächlichkeit des Gedankens,
welcher den Menschen zum Herrn der Erde gemacht hat. Die Andacht ist,
wie sie auch Schiller richtig auffasst, eine regressive Bewegung der Libido
zum Ursprünglichen, ein Hinuntertauchen in die Quelle des Anfangs.
Daraus erhebt sich als ein Bild der beginnenden Progressivbewegung das
Symbol, welches eine zusammenfassende Resultante aller unbewussten
Faktoren darstellt, die „lebende Gestalt“, wie Schiller das Symbol nennt,
ein Gottesbild, wie die Geschichte es zeigt. Es ist daher wohl kein Zufall,
dass unser Autor gerade ein Götterbild, die Juno Ludovisi, als Paradigma
erkoren hat. Goethe lässt dem Dreifuss der Mütter die Götterbilder von
Paris und Helena entschweben, das verjüngte Elternpaar einerseits,
andererseits aber das Symbol eines innern Vereinigungsprozesses, den Faust

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leidenschaftlich für sich begehrt als höchste innere Versöhnung, wie die
nachfolgende Szene deutlich zeigt, und wie aus dem weitern Verlauf des
zweiten Teiles ebenso deutlich hervorgeht. Wie wir gerade an dem Beispiele
des Faust sehen können, bedeutet die Vision des Symbols einen Hinweis auf
den weitern Weg des Lebens, eine Anlockung der Libido zu einem annoch
fernen Ziel, das aber von da an unauslöschlich in ihm wirkt, sodass sein
Leben, entfacht wie eine Flamme, stetig weiter schreitet zu fernen Zielen.
Das ist auch die spezifisch lebenfördernde Bedeutung des Symbols. Das ist
auch der Wert und Sinn des religiösen Symbols. Ich meine damit natürlich
nicht dogmatisch erstarrte, tote Symbole, sondern Symbole, die dem
schaffenden Unbewussten des lebendigen Menschen entsteigen. Die
ungeheure Bedeutung solcher Symbole kann eigentlich nur der leugnen, der
die Weltgeschichte mit dem heutigen Tage beginnen lässt. Es sollte
überflüssig sein, von der Bedeutung der Symbole zu reden, aber leider ist
dem nicht so, denn der Geist unserer Zeit glaubt sogar über seine eigene
Psychologie erhaben zu sein. Der moralisch-hygienische Standpunkt
unserer Zeit will natürlich immer wissen, ob ein solches Ding schädlich
oder nützlich, richtig oder unrichtig sei. Eine wirkliche Psychologie kann
sich darum nicht kümmern; ihr genügt es, zu erkennen, wie die Dinge an
und für sich sind.
Die Symbolbildung, die sich aus dem Zustand der „Andacht“ ergibt, ist
wiederum eines jener religiösen Collektivphänomene, welche nicht an
individuelle Begabung gebunden sind. Also dürfen wir auch in diesem
Punkte eine Möglichkeit der Ausdehnung der besprochenen Gesichtspunkte
auf den allgemeinen Menschen annehmen. Damit glaube ich, wenigstens
die theoretische Möglichkeit der Schillerschen Gesichtspunkte für die
allgemeine menschliche Psychologie hinlänglich dargetan zu haben. Der
Vollständigkeit und Klarheit halber möchte ich hier noch anfügen, dass
mich die Frage der Beziehung des Bewusstseins und der bewussten
Lebensführung zum Symbol seit langem beschäftigt. Ich bin dabei zum
Schlusse gekommen, dass dem Symbol in Ansehung seiner grossen
Bedeutung als eines Repräsentanten des Unbewussten ein nicht zu kleiner
Wert beizumessen sei. Wir wissen ja aus der täglichen Erfahrung in der
Behandlung nervöser Kranken, welche eminent praktische Bedeutung die
unbewussten Interferenzen besitzen. Je grösser die Dissociation, d. h. die
Entfernung der bewussten Einstellung von den individuellen und
collektiven Inhalten des Unbewussten ist, desto grösser sind auch die

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schädlichen, ja gefährlichen Hemmungen oder Verstärkungen der
Bewusstseinsinhalte durch das Unbewusste. Aus praktischen Erwägungen
heraus muss also wohl dem Symbol ein nicht unbeträchtlicher Wert
zugesprochen werden. Wenn wir dem Symbol aber einen Wert zusprechen,
gleichviel ob einen grossen oder kleinen, so erhält dadurch das Symbol
bewussten Motivwert, d. h. es wird wahrgenommen und dadurch wird
seiner unbewussten Libidobesetzung Gelegenheit zur Entfaltung in der
bewussten Lebensführung gegeben. Damit ist — meines Erachtens — ein
nicht unwesentlicher praktischer Vorteil gewonnen: nämlich die Mitarbeit
des Unbewussten, sein Zusammenfliessen mit der bewussten psychischen
Leistung und damit die Ausschaltung der störenden Einflüsse des
Unbewussten. Diese gemeinsame Funktion, die Beziehung zum Symbol,
habe ich als transscendente Funktion bezeichnet. Ich kann es mir an dieser
Stelle nicht zur Aufgabe machen, dieses Problem bis zur völligen
Klarstellung durchzuführen. Dazu wäre es unbedingt erforderlich, alle jene
Materialien beizubringen, welche sich als Resultate der unbewussten
Tätigkeit ergeben. Die in der bisherigen Fachliteratur beschriebenen
Phantasien geben kein Bild von den symbolischen Schöpfungen, um die es
sich hier handelt. Wohl aber gibt es von diesen Phantasien in der
belletristischen Literatur nicht wenige Beispiele, die aber allerdings nicht
„rein“ beobachtet und dargestellt sind, sondern eine intensive „ästhetische“
Bearbeitung durchlaufen haben. Ich möchte unter diesen Beispielen vor
allem die beiden Werke von Meyrink: „Der Golem“ und „das grüne
Gesicht“ hervorheben. Ich muss die Behandlung dieser Seite des Problems
einer spätern Untersuchung vorbehalten.
Mit diesen Ausführungen über den mittlern Zustand sind wir nun,
trotzdem wir uns durch Schiller haben dazu anregen lassen, weit über seine
Auffassungen hinaus gegangen. Obschon er die Gegensätze in der
menschlichen Natur scharf und tief erfasst, so bleibt er beim
Lösungsversuch auf einer anfänglichen Stufe stehen. Es scheint mir, dass
der Terminus „ästhetische Stimmung“ daran nicht unschuldig ist. Schiller
setzt nämlich die „ästhetische Stimmung“ als sozusagen identisch mit dem
Schönen, welches das Gemüt in diese Stimmung versetzt.[69] Er nimmt
damit nicht bloss Ursache und Wirkung zusammen, sondern gibt auch dem
Zustand der „Bestimmungslosigkeit“, ganz entgegen seiner eigenen
Definition, eine eindeutige Bestimmtheit, indem er ihn mit dem Schönen
gleichsetzt. Damit ist auch der vermittelnden Funktion die Spitze von

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vornherein abgebrochen, indem sie als Schönheit ohne weiteres die
Hässlichkeit, um die es sich doch auch handelt, zu kurz kommen lässt.
Schiller definiert als „ästhetische Beschaffenheit“ einer Sache, dass sie sich
„auf das Ganze unserer verschiedenen Kräfte“ bezieht. Dementsprechend
kann also „schön“ und „ästhetisch“ nicht zusammenfallen, denn unsere
verschiedenen Kräfte sind auch ästhetisch verschieden, schön und hässlich,
und nur ein unverbesserlicher Idealist und Optimist könnte das „Ganze“
menschlicher Natur als schlechthin „schön“ erdichten. Es ist vielmehr,
wenn man gerecht sein will, einfach tatsächlich und hat seine hellen und
dunklen Seiten. Die Summe aller Farben ist grau, hell auf dunklem, dunkel
auf hellem Hintergrund.
Aus dieser begrifflichen Unfertigkeit und Unzulänglichkeit erklärt sich
auch der Umstand, dass es völlig im Dunkeln bleibt, wie denn dieser
vermittelnde Zustand hergestellt werden könnte. Es gibt zahlreiche Stellen,
aus denen unzweideutig hervorgeht, dass es der „Genuss ächter Schönheit“
sei, der den mittlern Zustand hervorrufe. So sagt Schiller: „Was unsern
Sinnen in der unmittelbaren Empfindung schmeichelt, das öffnet unser
weiches und bewegliches Gemüt jedem Eindruck, aber macht uns auch in
demselben Grad zur Anstrengung weniger tüchtig. Was unsere Denkkräfte
anspannt und zu abgezogenen Begriffen einladet, das stärkt unsern Geist zu
jeder Art des Widerstandes, aber verhärtet ihn auch in demselben Verhältnis,
und raubt uns ebenso viel an Empfänglichkeit, als es uns zu einer grössern
Selbsttätigkeit verhilft. Eben deswegen führt auch das eine, wie das andere,
zuletzt notwendig zur Erschöpfung“, etc. „Haben wir uns hingegen dem
Genuss ächter Schönheit hingegeben, so sind wir in einem solchen
Augenblick unserer leidenden und tätigen Kräfte im gleichen Grade Meister
und mit gleicher Leichtigkeit werden wir uns zum Ernst und zum Spiele,
zur Ruhe und zur Bewegung, zur Nachgiebigkeit und zum Widerstand, zum
abstrakten Denken und zur Anschauung wenden.“
Diese Darstellung steht in schroffem Gegensatz zu den früher
aufgestellten Bestimmungen des „ästhetischen Zustandes“, in dem der
Mensch „Null“ sein soll, bestimmungslos, während er doch hier gerade in
höchstem Mass durch die Schönheit bestimmt ist („dahingegeben“). Es
lohnt sich nicht, dieser Frage bei Schiller weiter nachzugehen. Er ist hier an
einer Grenze seiner selbst und seiner Zeit angelangt, die ihm zu
überschreiten unmöglich war, denn überall stiess er an den unsichtbaren

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„hässlichsten Menschen“, dessen Entdeckung unserm Zeitalter und
Nietzsche vorbehalten war.
Schiller möchte das sinnliche Wesen zu einem vernünftigen machen,
indem er es zuvor ästhetisch macht, wie er selber sagt.[70] Man muss die
Natur des sinnlichen Menschen verändern[71], sagt er, man muss das
physische Leben „der Form unterwerfen“, er muss „seine physische
Bestimmung nach den Gesetzen der Schönheit ausführen“[72], „auf dem
gleichgültigen Felde des physischen Lebens muss der Mensch sein
moralisches anfangen“[73], er muss „noch innerhalb seiner sinnlichen
Schranken seine Vernunftfreyheit beginnen“, „schon seinen Neigungen
muss er das Gesetz seines Willens auflegen“, „er muss lernen, edler
begehren“.[74]
Das „müssen“, von dem unser Autor spricht, ist das wohlbekannte
„sollen“, das immer dann angerufen wird, wenn man keinen andern Weg
sieht. Auch hier stossen wir an die unvermeidlichen Grenzen. Es wäre
ungerecht, von einem einzelnen Geiste, und wäre er noch so gross, die
Bewältigung dieses gigantischen Problems erwarten zu wollen, eines
Problems, das nur Zeiten und Völker, und auch diese nicht bewusst,
sondern nur aus Schicksal lösen können.
Die Grösse der Schillerschen Gedanken liegt in der psychologischen
Beobachtung, und intuitiven Erfassung des Beobachteten. Dazu möchte ich
noch einen seiner Gedankengänge anführen, welcher in hohem Masse
verdient hervorgehoben zu werden. Wir haben oben gesehen, dass der
mittlere Zustand charakterisiert ist durch die Hervorbringung eines
„Positiven“, nämlich des Symbols. Das Symbol vereinigt in seiner Natur das
Gegensätzliche, so vereinigt es auch den Gegensatz real-irreal, indem es
zwar einerseits eine psychologische Realität oder Wirklichkeit (seiner
Wirksamkeit wegen) ist, andererseits aber keiner physischen Realität
entspricht. Es ist eine Tatsache und doch ein Schein. Diesen Umstand hebt
Schiller deutlich hervor[75], um daran eine Apologie des Scheins
anzuschliessen, die in jeder Hinsicht von Bedeutung ist.
„Die höchste Stupidität und der höchste Verstand haben darin eine
gewisse Affinität miteinander, dass Beyde nur das Reelle suchen und für
den blossen Schein gänzlich unempfindlich sind. Nur durch die
unmittelbare Gegenwart eines Objektes in den Sinnen wird jene aus ihrer

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Ruhe gerissen, und nur durch Zurückführung seiner Begriffe auf Tatsachen
der Erfahrung wird der letztere zur Ruhe gebracht; mit einem Wort, die
Dummheit kann sich nicht über die Wirklichkeit erheben, und der Verstand
nicht unter der Wahrheit stehen bleiben. Insofern also das Bedürfnis der
Realität und die Anhänglichkeit an das Wirkliche blosse Folgen des
Mangels sind, ist die Gleichgültigkeit gegen Realität und das Interesse am
Schein eine wahre Erweiterung der Menschheit und ein entschiedener
Schritt zur Cultur.“[76]
Als ich oben von der Werterteilung an das Symbol sprach, wies ich auf
den praktischen Vorteil, den die Bewertung des Unbewussten hat: Wir
schliessen die unbewusste Störung bewusster Funktionen aus, indem wir
das Unbewusste von vornherein durch die Berücksichtigung des Symbols in
Rechnung stellen. Das Unbewusste, wenn nicht realisiert, ist bekanntlich
immer am Werk, über alles einen falschen Schein zu verbreiten: es
erscheint uns immer an den Objekten, denn alles Unbewusste ist projiziert.
Wenn wir daher das Unbewusste als solches erfassen können, so lösen wir
von den Objekten den falschen Schein ab, was der Wahrheit nur förderlich
sein kann. Schiller sagt: „Dieses menschliche Herrscherrecht übt er (der
Mensch) aus in der Kunst des Scheins, und je strenger er hier das Mein und
Dein von einander sondert, je sorgfältiger er die Gestalt von dem Wesen
trennt, und je mehr Selbständigkeit er derselben zu geben weiss, desto mehr
wird er nicht bloss das Reich der Schönheit erweitern, sondern selbst die
Grenzen der Wahrheit bewahren; denn er kann den Schein nicht von der
Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Schein frey
zu machen“.[77] „Dem selbständigen Schein nachzustreben erfordert mehr
Abstraktionsvermögen, mehr Freyheit des Herzens, mehr Energie des
Willens, als der Mensch nötig hat, um sich auf die Realität einzuschränken,
und er muss diese schon hinter sich haben, wenn er bei jenem anlangen
will.“[78]

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2. Die Abhandlung über naive und
sentimentalische Dichtung.
Eine Zeitlang kam es mir vor, als ob Schillers Einteilung der Dichter als
naive und sentimentalische[79] eine Einteilung wäre nach Gesichtspunkten,
die mit den hier exponierten übereinstimmten. Nach reiflichem Nachdenken
bin ich aber zum Schluss gekommen, dass dem nicht so ist. Die
Schillersche Definition ist einfach: Der naive Dichter ist Natur, der
sentimentalische sucht sie. Diese einfache Formel ist insofern verführerisch,
als sie zwei verschiedene Arten der Beziehung zum Objekt aufstellt. Es läge
daher nahe, etwa zu sagen: Der, der die Natur als Objekt sucht oder begehrt,
hat sie nicht, er wäre demnach der Introvertierte, und umgekehrt wäre der,
der schon Natur selber ist, also mit dem Objekt in innigster Beziehung
steht, ein Extravertierter. Eine solche, etwas gewaltsame Interpretation hätte
aber wenig zu tun mit dem Schillerschen Gesichtspunkt. Seine Einteilung in
naiv und sentimentalisch ist eine Einteilung, die sich im Gegensatz zu
unserer Typeneinteilung gerade nicht mit der individuellen Mentalität des
Dichters befasst, sondern mit dem Charakter seiner schöpferischen
Tätigkeit, resp. ihres Produktes. Derselbe Dichter kann in einem Gedichte
sentimentalisch sein, in einem andern aber naiv. Homer ist zwar
durchgehend naiv, aber wie viele von den Neuern sind nicht zum grössten
Teil sentimentalisch? Schiller fühlte offenbar diese Schwierigkeit und
sprach es darum aus, dass der Dichter durch seine Zeit bedingt sei, nicht als
Individuum, sondern als Dichter. So sagt er: „Alle Dichter, die es wirklich
sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie blühen, oder
zufällige Umstände auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre
vorübergehende Gemütsstimmung Einfluss haben, entweder zu den naiven
oder zu den sentimentalischen gehören.“ Es handelt sich demnach auch für
Schiller nicht um fundamentale Typen, sondern mehr um gewisse
Characteristica oder Eigenschaften einzelner Produkte. Es ist demnach ohne
weiteres einleuchtend, dass ein introvertierter Dichter gelegentlich sowohl
naiv als sentimentalisch dichten kann. Damit fällt auch eine Identität von
naiv und sentimentalisch einerseits mit extravertiert und introvertiert

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andererseits, gänzlich ausser Betracht, insofern die Typen in Frage kommen.
Anders aber, insofern es sich um die typischen Mechanismen handelt.

a) Die naive Einstellung.

Ich stelle zunächst die Definitionen dar, die Schiller von dieser
Einstellung gegeben hat. Es wurde bereits erwähnt, dass der Naive „Natur“
ist. Er „folgt der einfachen Natur und Empfindung und beschränkt sich
bloss auf Nachahmung der Wirklichkeit“.[80] Wir „erfreuen uns bei naiven
Darstellungen über die lebendige Gegenwart des Objektes in unserer
Einbildungskraft“.[81] „Die naive Dichtung ist eine Gunst der Natur. Ein
glücklicher Wurf ist sie; keiner Verbesserung bedürftig, wenn er gelingt,
aber auch keiner fähig, wenn er verfehlt wird.“ (l. c. p. 303.) „Durch seine
Natur muss das naive Genie alles tun, durch seine Freyheit vermag es
wenig; und es wird seinen Begriff erfüllen, sobald nur die Natur in ihm
nach einer innern Notwendigkeit wirkt“.[82] Die naive Dichtung „ist das
Kind des Lebens und in das Leben führt sie auch zurück“.[83] Das naive
Genie hängt gänzlich ab von der „Erfahrung“, von der Welt, von der es
„unmittelbar berührt“ wird. Es „bedarf eines Beystandes von aussen“.[84]
Dem naiven Dichter kann die „gemeine Natur“ seiner Umgebung
„gefährlich werden“, denn „die Empfänglichkeit ist immer mehr oder
weniger von dem äussern Eindruck abhängig und nur eine anhaltende
Regsamkeit des produktiven Vermögens, welche von der menschlichen
Natur nicht zu erwarten ist, würde verhindern können, dass der Stoff nicht
jeweilen eine blinde Empfänglichkeit ausübte. So oft aber dies der Fall ist,
wird aus einem dichterischen Gefühl ein gemeines“.[85] „Das naive Genie
lässt die Natur in sich unumschränkt walten“.[86] Aus dieser
Begriffsbestimmung leuchtet besonders die Abhängigkeit des Naiven vom
Objekt ein. Seine Beziehung zum Objekt hat einen zwingenden Charakter,
indem er das Objekt introjiziert, d. h. unbewusst sich damit identifiziert
oder sozusagen a priori damit identisch ist. Lévy-Bruhl bezeichnet diese
Beziehung zum Objekt als „participation mystique“.[87] Diese Identität stellt
sich immer her über eine Analogie zwischen dem Objekt und einem
unbewussten Inhalt. Man kann auch sagen: die Identität kommt zustande
durch eine Projektion einer unbewussten Analogieassociation auf das
Objekt. Eine solche Identität hat immer zwingenden Charakter, weil es sich

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um eine gewisse Libidosumme handelt, die, wie jede aus dem Unbewussten
wirkende Libidoquantität, in Bezug auf das Bewusste Zwangscharakter hat,
d. h. sie ist dem Bewusstsein nicht disponibel. Der naiv Eingestellte ist
daher in hohem Mass durch das Objekt bedingt, das Objekt wirkt sich
sozusagen selbständig in ihm aus, es erfüllt sich selbst in ihm, indem er
selber mit dem Objekte identisch wird. Dadurch leiht er gewissermassen
seine Expressivfunktion dem Objekt und stellt es auf diese Weise dar, nicht
indem er es aktiv oder absichtlich darstellt, sondern es stellt sich in ihm dar.
Er ist selbst Natur, Natur schafft in ihm das Produkt. Er lässt Natur
unumschränkt in sich walten. Dem Objekt kommt das Primat zu. Insofern
ist naive Einstellung extravertiert.

b) Die sentimentalische Einstellung.

Wir haben oben bereits erwähnt, dass der Sentimentalische die Natur
sucht. Er „reflektiert über den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn
machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rührung gegründet, in die er
selbst versetzt wird, und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine
Idee bezogen, und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische
Kraft“.[88] Er „hat es immer mit zwey streitenden Vorstellungen und
Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze, und mit seiner Idee als
dem Unendlichen zu tun, und das gemischte Gefühl, das er erregt, wird
immer von dieser doppelten Quelle zeugen.“[89] „Die sentimentalische
Stimmung ist das Resultat des Bestrebens, auch unter den Bedingungen der
Reflexion die naive Empfindung, dem Inhalt nach, wiederherzustellen“.[90]
„Die sentimentalische Dichtung ist das Produkt der Abgezogenheit“.[91]
„Das sentimentalische Genie ist der Gefahr ausgesetzt, über dem Bestreben,
alle Schranken von ihr (der menschlichen Natur) zu entfernen, die
menschliche Natur ganz und gar aufzuheben, und sich nicht bloss, was sie
darf und soll, über jede bestimmte und begrenzte Wirklichkeit hinweg zu
der absoluten Möglichkeit zu erheben — oder zu idealisieren, sondern über
die Möglichkeit selbst noch hinauszugehen — oder zu schwärmen.“ „Das
sentimentalische Genie verlässt die Wirklichkeit, um zu Ideen aufzusteigen
und mit freyer Selbsttätigkeit seinen Stoff zu beherrschen.“ (l. c. p. 314.)

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Es ist leicht zu sehen, dass der Sentimentalische im Gegensatz zum
Naiven durch eine reflektierende und abstrahierende Einstellung zum
Objekt gekennzeichnet ist. Er „reflektiert“ über das Objekt, indem er vom
Objekt „abgezogen“ ist. Er ist also sozusagen a priori vom Objekt getrennt,
wenn seine Produktion anhebt; nicht das Objekt wirkt in ihm, sondern er
selber wirkt. Er wirkt aber nicht in sich selber hinein, sondern über das
Objekt hinaus. Er ist unterschieden vom Objekt, nicht identisch mit ihm, er
sucht seine Beziehung zu ihm herzustellen, seinen „Stoff zu beherrschen.“
Aus dieser seiner Geschiedenheit vom Objekt entspringt der von Schiller
hervorgehobene Eindruck der Zweiheit, indem der Sentimentalische aus
zwei Quellen schöpft, aus dem Objekt, resp. aus dessen Wahrnehmung und
aus sich selbst. Der äussere Eindruck des Objektes ist ihm nicht etwas
Unbedingtes, sondern Material, das er nach Massgabe seiner eigenen
Inhalte behandelt. Er steht daher über dem Objekt, und doch hat er eine
Beziehung dazu, aber nicht die Beziehung der Empfänglichkeit, sondern er
verleiht nach Willkür dem Objekt den Wert oder die Eigenschaft. Seine
Einstellung ist also eine introvertierte.
Mit der Charakteristik dieser beiden Einstellungen als introvertiert und
extravertiert haben wir aber den Gedanken Schillers nicht erschöpft. Unsere
beiden Mechanismen bedeuten nur Grundphänomene ziemlich allgemeiner
Natur, die das Spezifische nur vage andeuten. Wir müssen zum Verständnis
des Naiven und Sentimentalischen zwei weitere Prinzipien zu Hilfe rufen,
nämlich die Elemente der Empfindung und der Intuition. Ich werde im
spätern Verlaufe unserer Untersuchung noch ausführlicher auf diese
Funktionen zu sprechen kommen. Hier möchte ich nur erwähnen, dass der
Naive durch das Vorwiegen des Empfindungselementes, der
Sentimentalische durch das Vorwiegen des intuitiven Elementes
gekennzeichnet ist. Die Empfindung bindet an das Objekt, ja sie zieht sogar
das Subjekt in das Objekt, daher die „Gefahr“ für den Naiven darin besteht,
dass er im Objekt untergeht. Die Intuition als eine Wahrnehmung der
eigenen unbewussten Vorgänge zieht vom Objekte ab, erhebt sich über das
Objekt, sucht daher immer den Stoff zu beherrschen und nach subjektiven
Gesichtspunkten zu formen, sogar zu vergewaltigen, ohne dessen bewusst
zu sein. Die „Gefahr“ des Sentimentalischen ist daher eine völlige
Loslösung von der Realität und der Untergang in der dem Unbewussten
entströmenden Phantasie („schwärmen“!).

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c) Der Idealist und der Realist.

In derselben Abhandlung führen Schillers Überlegungen zu einer
Aufstellung zweier psychologischer Menschentypen. Er sagt: „Dieses führt
mich auf einen sehr merkwürdigen psychologischen Antagonism unter den
Menschen in einem sich cultivierenden Jahrhundert: einen Antagonism, der,
weil er radical und in der innern Gemütsform gegründet ist, eine
schlimmere Trennung unter den Menschen anrichtet, als der zufällige Streit
der Interessen je hervorbringen könnte, der dem Dichter und Künstler alle
Hoffnung benimmt, allgemein zu gefallen und zu rühren, was doch seine
Aufgabe ist; der es dem Philosophen, auch wenn er alles getan hat,
unmöglich macht, allgemein zu überzeugen, was doch der Begriff einer
Philosophie mit sich bringt; der es endlich dem Menschen im praktischen
Leben niemals vergönnen wird, seine Handlungsweise allgemein gebilligt
zu sehen: kurz einen Gegensatz, welcher Schuld ist, dass kein Werk des
Geistes und keine Handlung des Herzens bey einer Klasse ein
entscheidendes Glück machen kann, ohne eben dadurch bey der andern sich
einen Verdammungsspruch zuzuziehen. Dieser Gegensatz ist ohne Zweifel
so alt als der Anfang der Cultur, und dürfte vor dem Ende derselben
schwerlich anders, als in einzelnen seltenen Subjekten, deren es hoffentlich
immer gab und immer geben wird, beygelegt werden; aber obgleich zu
seinen Wirkungen auch diese gehört, dass er jeden Versuch zu seiner
Beylegung vereitelt, weil kein Teil dahin zu bringen ist, einen Mangel auf
seiner Seite und eine Realität auf der andern einzugestehen, so ist es doch
immer Gewinn genug, eine so wichtige Trennung bis zu ihrer letzten Quelle
zu verfolgen und dadurch den eigentlichen Punkt des Streits wenigstens auf
eine einfachere Formel zu bringen.“[92]
Aus dieser Stelle geht unzweideutig hervor, dass Schiller durch die
Betrachtung der gegensätzlichen Mechanismen zu der Aufstellung von zwei
psychologischen Typen gelangt, welche in seiner Auffassung jene
Bedeutung beanspruchen, die ich dem Introvertierten und dem
Extravertierten beilege. Ich kann in Bezug auf die gegenseitige Beziehung
der beiden von mir aufgestellten Typen sozusagen Wort für Wort bestätigen,
was Schiller von seinen Typen sagt. In Übereinstimmung mit dem, was ich
oben sagte, gelangt Schiller vom Mechanismus zum Typus, indem er
„sowohl von dem naiven als von dem sentimentalischen Character

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absondert, was beyde Poetisches haben.“[93] Wenn wir diese Operation
vollziehen, so haben wir das Geniale, Schöpferische in Abzug zu bringen
und dann bleibt beim Naiven die Gebundenheit ans Objekt und dessen
Selbständigkeit im Subjekt übrig, beim Sentimentalischen aber die
Überlegenheit über das Objekt, die sich in mehr oder weniger arbiträrer
Beurteilung oder Behandlung des Objektes äussern wird. Schiller sagt: „Es
bleibt alsdann von dem erstern (naiven) nichts übrig, als, in Rücksicht auf
das Theoretische, ein nüchterner Beobachtungsgeist und eine feste
Anhänglichkeit an das gleichförmige Zeugnis der Sinne; in Rücksicht auf
das Praktische eine resignierte Unterwerfung unter die Notwendigkeit der
Natur.“ „Es bleibt von dem sentimentalischen Character nichts übrig, als ein
unruhiger Speculationsgeist, der auf das Unbedingte in allen Erkenntnissen
dringt, im Praktischen ein moralischer Rigorism, der auf dem Unbedingten
in allen Willenshandlungen besteht. Wer zu der ersten Klasse zählt, kann ein
Realist, und wer zu der andern, ein Idealist genannt werden.“[94]
Die weitern Ausführungen Schillers über seine beiden Typen beziehen
sich demgemäss ausschliesslich auf die bekannten Phänomene realistischer
und idealistischer Einstellung und interessieren daher unsere Untersuchung
nicht.

Page 150

III
Das Apollinische und das Dionysische.

Page 151

III.
Das Apollinische und das Dionysische.
Das von Schiller empfundene und teilweise bearbeitete Problem wurde
in neuer und eigenartiger Weise von Nietzsche wieder aufgenommen in
seiner von 1871 datierenden Schrift „Die Geburt der Tragödie“. Dieses
Jugendwerk bezieht sich zwar nicht auf Schiller, sondern weit mehr auf
Schopenhauer und Goethe. Es hat aber, wenigstens anscheinend, mit
Schiller den Ästhetismus und den Griechenglauben, mit Schopenhauer den
Pessimismus und das Erlösungsmotiv, und unendlich vieles mit Goethes
Faust gemeinsam. Von diesen Beziehungen ist natürlich die zu Schiller für
unsere Absicht am bedeutsamsten. Wir können jedoch an Schopenhauer
nicht vorübergehen, ohne zu bemerken, in welchem Masse er die bei
Schiller als blasse Schemen auftauchenden Ahnungen östlicher
Erkenntnisse in die Wirklichkeit übergeführt hat. Wenn wir von dem aus
dem Kontraste mit christlicher Glaubensfreude und Erlösungsgewissheit
stammenden Pessimismus absehen wollen, so ist Schopenhauers
Erlösungslehre wesentlich buddhistisch. Er trat hinüber auf die Seite des
Ostens. Dieser Schritt ist unzweifelhaft eine Kontrastreaktion gegen unsere
okzidentalische Atmosphäre. Wie bekannt setzt sich auch gegenwärtig diese
Reaktion noch in nicht unbeträchtlichem Masse fort in verschiedenen
Bewegungen, welche mehr oder weniger vollständig nach Indien orientiert
sind. Dieser Zug nach Osten macht für Nietzsche in Griechenland Halt. Er
empfindet Griechenland auch als das Mittelstück zwischen Osten und
Westen. Insofern berührt er sich mit Schiller — wie so ganz anders aber ist
seine Auffassung des griechischen Wesens! Er sieht die dunkle Folie, auf
der die golden heitere Welt des Olymps gemalt ist. „Um leben zu können,
mussten die Griechen diese Götter, aus tiefster Nötigung, schaffen.“ „Der
Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des
Daseins: um überhaupt leben zu können, musste er vor sie hin die
glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes ungeheure
Misstrauen gegen die titanischen Mächte der Natur, jene über allen

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Erkenntnissen erbarmungslos tronende Moira, jener Geier des grossen
Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckenslos des weisen Oedipus,
jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt“ —
„wurde von den Griechen durch jene künstlerische Mittelwelt der Olympier
fortwährend von neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem Anblick
entzogen“.[95] Die griechische „Heiterkeit“, der lachende Himmel von
Hellas als eine schimmernde Illusion vor düstern Hintergründen — diese
Erkenntnis war den Neuern vorbehalten; ein gewichtiges Argument gegen
den moralischen Ästhetismus! Damit betritt Nietzsche einen gegenüber
Schiller bedeutend veränderten Standpunkt. Was wir bei Schiller ahnen
durften, dass nämlich seine Briefe über ästhetische Erziehung auch ein
Versuch in eigener Sache waren, wird zur völligen Gewissheit bei
Nietzsches Schrift — es ist ein „tief persönliches“ Buch. Und in dem
Masse, als Schiller sozusagen zaghaft und mit blassen Farben anfängt, Licht
und Schatten zu malen, und den in der eigenen Seele empfundenen
Gegensatz als „naiv“ gegen „sentimentalisch“ zu begreifen, unter
Ausschliessung alles Hintergründlichen und Abgründlichen menschlicher
Natur, greift Nietzsches Auffassung tiefer und spannt einen Gegensatz, der
in seinem einen Teile der strahlenden Schönheit der Schillerschen Vision in
nichts nachgibt, aber in seinem andern Teile unendlich dunklere Töne
findet, welche zwar die Kraft des Lichtes erhöhen, aber eine noch tiefere
Nacht hinter sich ahnen lassen.
Nietzsche nennt sein fundamentales Gegensatzpaar: Apollinisch-
Dionysisch. Wir wollen nun zunächst versuchen, uns die Natur dieses
Gegensatzpaares zu vergegenwärtigen. Zu diesem Zwecke setze ich eine
Reihe wörtlicher Zitate her, mittelst welcher der Leser — auch ohne die
Schrift Nietzsches gelesen zu haben — in den Stand gesetzt ist, sich selber
ein Urteil zu bilden, und zugleich meine Auffassung daran zu messen.
1. „Wir werden viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen haben,
wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren
Sicherheit der Anschauung gekommen sind, dass die Fortentwicklung der
Kunst an die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden
ist: in ähnlicher Weise wie die Generation von der Zweiheit der
Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe, und nur periodisch eintretender
Versöhnung abhängt.“ (l. c. p. 19.)

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2. „An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich
unsere Erkenntnis, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz,
nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der
apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus,
besteht: beide so verschiedenen Triebe gehen nebeneinander her, zumeist in
offenem Zwiespalt miteinander, und sich gegenseitig zu immer neuen
kräftigern Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu
perpetuieren, den das gemeinsame Wort „Kunst“ nur scheinbar überbrückt;
bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen
„Willens“ mit einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt
das eben so dionysische wie apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie
erzeugen.“[96]
Um die beiden „Triebe“ näher zu charakterisieren, vergleicht Nietzsche
die durch sie hervorgebrachten eigentümlichen psychologischen Zustände
denen des Traumes und des Rausches. Der apollinische Trieb erzeugt den
mit dem Traum, der dionysische Trieb den mit dem Rausch verglichenen
Zustand. Unter „Traum“ versteht Nietzsche, wie er selber belegt, wesentlich
„innere Vision“ den „schönen Schein der Traumwelten“. Apollo „beherrscht
den schönen Schein der innern Phantasiewelt“, er ist „der Gott aller
bildnerischen Kräfte“. Er ist Mass, Zahl, Begrenzung und Beherrschung
alles Wilden und Ungebändigten. „Man möchte — Apollo als das herrliche
Götterbild des prinzipii individuationis bezeichnen.“[97] Das Dionysische
hingegen ist die Befreiung des schrankenlosen Triebes, das Losbrechen der
ungezügelten Dynamis tierischer und göttlicher Natur, daher der Mensch im
dionysischen Chore als Satyr, oben Gott und unten Bock, auftritt.[98] Es ist
das Grauen über die Zerbrechung des Individuationsprinzipes, und zugleich
die „wonnevolle Verzückung“ darüber, dass es zerbrochen ist. Das
Dionysische ist daher vergleichbar dem Rausch, der das Individuelle auflöst
in die collektiven Triebe und Inhalte, eine Zersprengung des
abgeschlossenen Ich durch die Welt. Daher findet sich im Dionysischen
Mensch zu Mensch, „auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte
Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem
Menschen.“[99] Jeder fühlt sich mit seinem Nächsten „Eins“, („nicht nur
vereinigt, versöhnt, verschmolzen“). Seine Individualität muss daher
gänzlich aufgehoben sein. „Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist
Kunstwerk geworden.“ „Die Kunstgewalt der ganzen Natur — offenbart
sich hier unter den Schauern des Rausches.“[100] D. h. die schöpferische

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Dynamis, die Libido in der Form des Triebes, bemächtigt sich des
Individuums als eines Objektes und gebraucht es als Werkzeug oder
Ausdruck. Wenn man das natürliche Wesen als „Kunstwerk“ auffassen darf,
dann wird der Mensch im dionysischen Zustand allerdings zum natürlich
gewordenen Kunstwerk; insofern das natürliche Wesen aber auch eben
gerade kein Kunstwerk ist im Sinne dessen, was wir „Kunstwerk“ zu
nennen pflegen, so ist es auch nichts als blosse Natur, ungezügelt, in jeder
Hinsicht ein Wildbach und nicht einmal ein auf sich und sein Wesen
beschränktes Tier. Ich muss der Klarheit und der spätern Diskussion wegen
diesen Punkt hervorheben, denn aus gewissen Gründen hat Nietzsche diese
Hervorhebung unterlassen und dadurch einen trügerischen ästhetischen
Schleier über das Problem ausgebreitet, den er allerdings an einigen Stellen
unwillkürlich lüften muss. So z. B. wie er von den dionysischen Orgien
spricht: „Fast überall lag das Zentrum dieser Feste in einer
überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen über
jedes Familientum und dessen ehrwürdige Satzungen hinwegfluteten;
gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener
abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit.“[101] Nietzsche
betrachtet die Versöhnung des delphischen Apollo mit Dionysos als ein
Symbol der Versöhnung dieser Gegensätze in der Brust des zivilisierten
Griechen. Er vergisst aber dabei seine eigene compensatorische Formel
nach der die Götter des Olymps ihr Licht der Dunkelheit der griechischen
Seele verdanken: danach wäre die Versöhnung Apollos mit Dionysos ein
schöner Schein, ein Desideratum, hervorgerufen durch die Not, die die
zivilisierte Hälfte des Griechen empfand im Kampfe mit seiner
barbarischen Seite, die sich eben gerade im dionysischen Zustand
hemmungslose Bahn brach. Zwischen der Religion eines Volkes und seinem
wirklichen Lebenswandel besteht immer eine compensatorische Beziehung,
sonst hätte ja die Religion gar keinen praktischen Sinn. Angefangen mit der
höchst moralischen Religion der Perser und der schon im Altertum
berühmten moralischen Zweifelhaftigkeit persischer Lebensgewohnheiten
hinunter bis in unsere „christliche“ Epoche, wo die Religion der Liebe dem
grössten Blutbad der Weltgeschichte assistiert, bewährt sich diese Regel.
Darum dürfen wir auch gerade aus dem Symbol der delphischen
Versöhnung auf einen besonders heftigen Zwiespalt im griechischen Wesen
schliessen. Daraus würde sich die Erlösungssehnsucht erklären, welche den
Mysterien jene gewaltige Bedeutung für das griechische Volksleben gab,

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und welche von den frühern Griechenschwärmern gänzlich übersehen
wurde. Man begnügte sich damit, den Griechen naiv alles anzusehen, was
einem selber fehlte. Im dionysischen Zustande wurde also der Grieche
keineswegs zunächst zum Kunstwerk, sondern er wurde von seinem
eigenen barbarischen Wesen ergriffen, seiner Individualität beraubt, in alle
seine collektiven Bestandteile aufgelöst, eins gemacht mit dem collektiven
Unbewussten (unter Dahingabe seiner individuellen Ziele), eins mit „dem
Genius der Gattung, ja der Natur“. Für die bereits erreichte apollinische
Bändigung musste dieser Rauschzustand, der den Menschen gänzlich seiner
selbst und seiner Menschheit vergessen liess und ihn zu einem blossen
Triebwesen machte, etwas Verächtliches gewesen sein, weshalb
unzweifelhaft zunächst ein heftiger Kampf zwischen den beiden Trieben
ausbrechen musste. Man befreie die Triebe des zivilisierten Menschen! Der
Kulturschwärmer bildet sich ein, dass eitel Schönheit herausströme. Dieser
Irrtum beruht auf einem tiefgehenden psychologischen Kenntnismangel.
Die im zivilisierten Menschen aufgestauten Triebkräfte sind ungeheuer
destruktiv und um vieles gefährlicher als die Triebe der Primitiven, der
seine negativen Triebe beständig in bescheidenem Masse lebt.
Dementsprechend kann kein Krieg der historischen Vergangenheit an
grandioser Scheusslichkeit mit dem Krieg zivilisierter Nationen rivalisieren.
Es wird bei den Griechen nicht anders gewesen sein. Eben gerade aus der
lebendigen Empfindung des Grauens heraus ist ihnen allmählich eine
Versöhnung des Dionysischen mit dem Apollinischen gelungen — „durch
einen metaphysischen Wunderakt“, wie Nietzsche gleich anfangs sagt. Wir
müssen diese Äusserung festhalten, ebenso die andere Bemerkung, dass der
in Frage stehende Gegensatz „durch das gemeinsame Wort ‚Kunst‘ nur
scheinbar überbrückt“ werde. Wir müssen uns dieser Sätze erinnern, weil
Nietzsche gleich wie Schiller die ausgesprochene Tendenz hat, der Kunst
die vermittelnde und erlösende Rolle zuzuschreiben. Und damit bleibt das
Problem im Ästhetischen stecken — das Hässliche ist auch „schön“; das
Abscheuliche, ja das Böse sogar erglänzt begehrenswert im trügerischen
Schimmer des Ästhetisch-Schönen. Die Künstlernatur in Schiller sowohl
wie in Nietzsche vindiziert sich und ihrer spezifischen Schaffens- und
Ausdrucksmöglichkeit die erlösende Bedeutung. Darob vergisst Nietzsche
völlig, dass es sich beim Kampfe Apollos gegen Dionysos und ihrer
schliesslichen Versöhnung für die Griechen niemals um ein ästhetisches
Problem handelte, sondern um eine religiöse Frage. Die dionysischen

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Satyrfeste waren nach aller Analogie eine Art Totemfeste mit
Rückidentifikation mit mythischen Ahnen oder direkt mit dem Totemtier.
Der Dionysoskult hatte vielerorts einen mystisch-spekulativen Einschlag,
und hat jedenfalls einen sehr starken, religiös erregenden Einfluss ausgeübt.
Dass aus der ursprünglich religiösen Zeremonie die Tragödie hervorging,
bedeutet genau soviel wie der Zusammenhang unseres modernen Theaters
mit den mittelalterlichen Passionsspielen und ihrer ausschliesslich
religiösen Grundlage, und erlaubt deshalb nicht, das Problem unter seinem
bloss ästhetischen Aspekt zu beurteilen. Der Ästhetismus ist eine moderne
Brille, durch welche die psychologischen Geheimnisse des Dionysoskultes
in einem Lichte gesehen werden, in dem sie die Alten sicherlich nie sahen
und erlebten. Wie bei Schiller, so auch bei Nietzsche wird der religiöse
Gesichtspunkt völlig übersehen und durch die ästhetische Betrachtung
ersetzt. Gewiss haben diese Dinge ihre ausgesprochen ästhetische Seite, die
man nicht vernachlässigen darf.[102] Wenn man jedoch das mittelalterliche
Christentum nur ästhetisch begreift, so wird sein wirklicher Charakter
verfälscht und veräusserlicht und zwar ebenso sehr, wie wenn man es von
ausschliesslich historischem Standpunkt aus begreift. Ein wirkliches
Verstehen kann nur auf gleichem Grunde erfolgen, denn niemand wird
behaupten wollen, das Wesen einer Eisenbahnbrücke sei hinlänglich
verstanden, wenn man sie ästhetisch anempfunden hat. So ist mit der
Auffassung, der Kampf zwischen Apollo und Dionysos sei eine Frage
gegensätzlicher Kunsttriebe, das Problem in einer historisch und materiell
ungerechtfertigten Weise auf das ästhetische Gebiet verschoben, womit es
einer Teilbetrachtung unterworfen wird, die niemals im Stande ist, seinem
wirklichen Inhalt gerecht zu werden.
Unzweifelhaft muss diese Verschiebung ihren psychologischen Grund
und Zweck haben. Der Gewinn der Prozedur ist unschwer zu entdecken: die
ästhetische Betrachtung macht aus dem Problem sofort ein Bild, welches
der Beschauer gemächlich betrachtet, seine Schönheit sowohl wie seine
Hässlichkeit bewundernd, in sicherer Entfernung von jeder Mitempfindung
und jedem Miterleben die Leidenschaft des Bildes bloss anempfindend. Die
ästhetische Einstellung schützt vor der Anteilnahme, vor der eigenen
Hineinverwicklung, welche das religiöse Begreifen des Problems bedeutet.
Den gleichen Vorteil sichert die historische Betrachtungsweise, zu deren
Kritik Nietzsche selbst eine Reihe der kostbarsten Beiträge geliefert hat.[103]
Die Möglichkeit, ein solch gewaltiges Problem — „ein Problem mit

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Hörnern“, wie er es nennt — bloss ästhetisch nehmen zu können, ist
allerdings verlockend, denn sein religiöses Begreifen, welches in diesem
Fall das einzig adäquate Begreifen ist, setzt ein Erleben oder ein
Erlebthaben voraus, dessen sich der moderne Mensch wohl selten rühmen
kann. Dionysos scheint sich aber an Nietzsche gerächt zu haben — man
vergleiche seinen „Versuch einer Selbstkritik“, der vom Jahre 1886
stammend, der „Geburt der Tragödie“ einleitend vorgesetzt ist: „Ja, was ist
dionysisch? — In diesem Buche steht eine Antwort darauf — ein
„Wissender“ redet da, der Eingeweihte und Jünger seines Gottes.“ Das war
aber Nietzsche nicht, als er die „Geburt der Tragödie“ schrieb; damals war
er ästhetisch affiziert, dionysisch aber erst, als er den „Zarathustra“ schrieb
und jene denkwürdige Stelle, mit der er seinen „Versuch einer Selbstkritik“
beschliesst: „Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst
mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und
besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!“
Die besondere Tiefe, mit der Nietzsche das Problem trotz ästhetischer
Selbstsicherung erfasst hat, war der Wirklichkeit schon so nahe, dass sein
späteres dionysisches Erleben beinahe als unvermeidliche Konsequenz
erscheint. Sein Angriff auf Sokrates in der „Geburt der Tragödie“ gilt dem
Rationalisten, der sich für den dionysischen Orgiasmus als unzugänglich
erweist. Dieser Affekt entspricht dem analogen Fehler, den die ästhetische
Betrachtung macht; sie hält sich das Problem vom Leibe. Trotz der
ästhetischen Auffassung aber hat Nietzsche doch damals schon die Ahnung
der wirklichen Lösung des Problems gehabt, als er schrieb, dass der
Gegensatz nicht durch Kunst, sondern durch einen „metaphysischen
Wunderakt des hellenischen Willens“ überbrückt wurde. Er setzt „Willen“
in Anführungszeichen, was wir bei seiner damaligen starken Beeinflussung
durch Schopenhauer wohl als Beziehung auf den metaphysischen
Willensbegriff deuten dürfen. „Metaphysisch“ hat für uns die
psychologische Bedeutung von „unbewusst“. Wenn wir also
„metaphysisch“ in Nietzsches Formel durch „unbewusst“ ersetzen, dann
wäre der gesuchte Schlüssel dieses Problems ein unbewusster „Wunderakt“.
Ein „Wunder“ ist irrational, also ist der Akt ein unbewusstes irrationales
Geschehen, eine Bildung aus sich ohne Dazutun der Vernunft und der
zielbewussten Absicht; es ergibt sich, es wird als ein Wachstumsphänomen
der schaffenden Natur und nicht aus Erklügelung menschlichen Witzes, eine
Geburt aus sehnsüchtiger Erwartung, aus Glauben und Hoffnung.

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Ich lasse dieses Problem hier zunächst fallen, da wir im weitern Verlauf
unserer Untersuchung Gelegenheit haben werden, noch ausführlicher auf
diese Frage zurückzukommen. Dafür wollen wir daran gehen, die Begriffe
Apollinisch-Dionysisch auf ihre psychologischen Qualitäten näher zu
prüfen. Betrachten wir zunächst das Dionysische. Die Darstellung
Nietzsches lässt ohne weiteres erkennen, dass damit eine Entfaltung
gemeint ist, ein Herauf- und Herausströmenlassen, eine Diastole, wie
Goethe sagte, eine die Welt umfassende Bewegung, wie sie auch Schiller in
seiner Ode „an die Freude“ schildert:

„Seid umschlungen, Millionen.
Diesen Kuss der ganzen Welt.“

und weiter:

„Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund geprüft im Tod;
Wollust war dem Wurm gegeben
Und der Cherub steht vor Gott.“

Das ist dionysische Expansion. Es ist ein Strom mächtigsten All-
Empfindens, der unwiderstehlich hervorbricht und wie stärkster Wein den
Sinn berauscht. Es ist eine Trunkenheit im höchsten Sinne.
An diesem Zustand ist das psychologische Element der Empfindung, sei
es der Sinnesempfindung, sei es der Affektempfindung, in höchstem Masse
beteiligt. Es handelt sich also um eine Extraversion von Gefühlen, die
ununterscheidbar an das Element der Empfindung geknüpft sind, weshalb
wir sie als Gefühlsempfindungen bezeichnen. Es sind daher mehr Affekte,
welche in diesem Zustande hervorbrechen, also Triebmässiges, blind
Zwingendes, das sich namentlich in einer Affektion der Körpersphäre
ausdrückt.
Dem gegenüber ist das Apollinische eine Wahrnehmung der innern
Bilder der Schönheit, des Masses und der in Proportionen gebändigten
Gefühle. Der Vergleich mit dem Traum weist deutlich auf den Charakter des

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Apollinischen Zustandes hin: es ist ein Zustand der Introspektion, der nach
innen, nach der Traumwelt ewiger Ideen gekehrten Kontemplation, also ein
Zustand der Introversion.
Insoweit ist die Analogie mit unsern Mechanismen wohl unzweifelhaft.
Wenn wir aber uns mit der Analogie begnügten, so würden wir mit dieser
Beschränkung den Begriffen Nietzsches Gewalt antun, indem wir sie
nämlich in ein Prokrustesbett legten.
Wir sehen im Verlaufe unserer Untersuchung, dass der Zustand der
Introversion, insofern er zum Habitus wird, immer auch eine
Differenzierung der Beziehung zur Ideenwelt, und die habituelle
Extraversion eine solche der Beziehung zum Objekt mit sich führt. Von
dieser Differenzierung sehen wir bei Nietzsches Begriffen nichts. Das
dionysische Gefühl hat den durchaus archaïschen Charakter der affektiven
Empfindung. Es ist also nicht rein, abgezogen und aus dem Triebmässigen
zu jenem beweglichen Element differenziert, das beim extravertierten Typus
den Anweisungen der Ratio gehorcht und sich ihr als williges Instrument
leiht. Ebenso betrifft Nietzsches Introversionsbegriff keine reine,
differenzierte Beziehung zu Ideen, die sich aus der Anschauung, sei es der
sinnlich bedingten, sei es der schöpferisch erzeugten, befreit hätte, zu
abgezogenen und reinen Formen. Das Apollinische ist eine innere
Wahrnehmung, eine Intuition der Ideenwelt. Der Vergleich mit dem Traum
zeigt deutlich, dass Nietzsche sich diesen Zustand als einerseits bloss
anschauend, und andererseits als bloss bildmässig denkt.
Diese Characteristica bedeuten etwas Eigenartiges, das wir unserm
Begriff der introvertierten oder extravertierten Einstellung nicht zurechnen
dürfen. Bei einem vorwiegend reflektierend eingestellten Menschen erfolgt
aus dem apollinischen Zustand der Anschauung innerer Bilder eine dem
Wesen des intellektuellen Denkens gemässe Bearbeitung des Geschauten.
Daraus gehen die Ideen hervor. Bei einem vorwiegend fühlend eingestellten
Menschen erfolgt ein ähnlicher Prozess, eine Durchfühlung der Bilder und
eine Herstellung einer Gefühlsidee, welche essentiell mit der denkend
hergestellten Idee zusammenfallen kann. Ideen sind darum ebenso sehr
Gedanke wie Gefühl, z. B. die Idee des Vaterlandes, der Freiheit, Gottes,
der Unsterblichkeit, etc. Das Prinzip beider Bearbeitungen ist ein rationales
und logisches. Es gibt nun aber auch einen ganz andern Standpunkt, von
dem aus die logisch-rationale Bearbeitung ungültig ist. Dieser andere

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Standpunkt ist der ästhetische. Er verweilt in der Introversion bei der
Anschauung der Ideen, er entwickelt die Intuition, die innere Anschauung;
in der Extraversion verweilt er bei der Empfindung und entwickelt die
Sinne, den Instinkt, die Affizierbarkeit. Für diesen Standpunkt ist das
Denken keinesfalls das Prinzip der innern Wahrnehmung der Ideen und
ebenso wenig das Gefühl, sondern für ihn ist vielmehr das Denken und
Fühlen blosses Derivat der innern Anschauung oder der Sinnesempfindung.
Nietzsches Begriffe führen uns somit zu den Prinzipien eines dritten und
vierten psychologischen Typus, die man als ästhetische Typen gegenüber
den rationalen Typen (Denk- und Fühltypen) bezeichnen könnte. Es ist der
intuitive und der Sinnes- oder Empfindungstypus. Diese beiden Typen haben
zwar das Moment der Introversion und Extraversion mit den rationalen
Typen gemein, ohne aber einerseits wie der Denktypus, die Wahrnehmung
und Anschauung der innern Bilder zum Denken, und andererseits, wie der
Fühltypus, das affektive Trieb- und Empfindungserleben zum Gefühl zu
differenzieren. Dagegen erhebt der Intuitive die unbewusste Wahrnehmung
zu einer differenzierten Funktion, über die auch seine Anpassung an die
Welt stattfindet. Er passt sich an mittels unbewusster Direktiven, die er
empfängt durch eine besonders feine und geschärfte Wahrnehmung und
Deutung dunkelbewusster Regungen. Wie eine solche Funktion aussieht, ist
natürlich ihres irrationalen und sozusagen unbewussten Charakters wegen
schwer zu beschreiben. Man kann sie etwa dem Daimonion des Sokrates
vergleichen; allerdings mit dem Unterschied, dass die ungewöhnlich
rationalistische Einstellung des Sokrates die intuitive Funktion möglichst
verdrängte, sodass sie sich concret-hallucinatorisch durchsetzen musste,
weil sie keinen direkten psychologischen Zugang zum Bewusstsein hatte.
Dieses letztere ist aber beim Intuitiven gerade der Fall.
Der Empfindungstypus ist in jeder Hinsicht eine Umkehrung des
Intuitiven. Er basiert sozusagen ausschliesslich auf dem Element der
Sinnesempfindung. Seine Psychologie orientiert sich nach Trieb und
Empfindung. Er ist daher ganz auf den realen Reiz angewiesen.
Die Tatsache, dass Nietzsche gerade die psychologische Funktion der
Intuition einerseits und die der Empfindung und des Triebes andererseits
hervorhebt, dürfte kennzeichnend sein für seine eigene, persönliche
Psychologie. Er ist wohl dem intuitiven Typus zuzurechnen mit Neigung
nach der introvertierten Seite. Für ersteres spricht seine vorwiegend

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intuitiv-künstlerische Art der Produktion, für welche gerade seine uns
vorliegende Schrift über die Geburt der Tragödie sehr charakteristisch ist, in
noch höherm Masse aber sein Hauptwerk: „Also sprach Zarathustra.“ Für
seine introvertiert-intellektuelle Seite kennzeichnend sind seine
aphoristischen Schriften, die trotz eines starken gefühlsmässigen
Einschlages den ausgesprochen kritischen Intellektualismus in der Art der
französischen Intellektuellen des XVIII. Jahrhunderts zeigen. Für seinen
intuitiven Typus im allgemeinen spricht die mangelnde rationale
Beschränkung und Geschlossenheit. Es ist bei dieser Sachlage nicht
erstaunlich, dass er in seinem Anfangswerk die Tatsachen seiner
persönlichen Psychologie unbewusst in den Vordergrund stellt. Dies
entspricht der intuitiven Einstellung, welche in erster Linie über das Innere
das Äussere wahrnimmt, bisweilen sogar auf Kosten der Realität. Mittels
dieser Einstellung gewann er auch die tiefe Einsicht in die dionysischen
Qualitäten seines Unbewussten, deren rohe Form allerdings, soweit wir
wissen, erst beim Ausbruch seiner Krankheit die Oberfläche des
Bewusstseins erreichte, nachdem sie sich in mannigfachen erotischen
Andeutungen in seinen Schriften schon vorher verraten hatte. Es ist in
psychologischer Hinsicht daher äusserst bedauerlich, dass die nach der
Erkrankung in Turin vorgefundenen, eben in dieser Hinsicht sehr
bezeichnenden Schriftstücke dem moralisch-ästhetischen Bedauern zu
Liebe der Vernichtung anheimgefallen sind.

Page 162

IV
Das Typenproblem in der
Menschenkenntnis.

Page 163

IV.
Das Typenproblem in der Menschenkenntnis.

1. Allgemeines über die Jordanschen Typen.
In der weitern chronologischen Verfolgung der Vorarbeiten zu der uns
interessierenden Frage psychologischer Typen gelange ich jetzt zu einem
kleinen, etwas seltsamen Werke, dessen Kenntnis ich meiner geschätzten
Mitarbeiterin Dr. Constance E. Long in London verdanke: Furneaux
Jordan. F. R. C. S. Character as seen in Body and Parentage. London 1896.
Third ed.
Jordan beschreibt in seinem kleinen Buch von 126 Seiten in der
Hauptsache zwei charakterologische Typen, deren Definition uns in mehr
als einer Hinsicht interessiert, obschon — um es vorweg zu nehmen — der
Autor im Grunde genommen nur zu einer Hälfte unsere Typen im Auge hat,
zur andern Hälfte aber den Gesichtspunkt des intuitiven und des
Empfindungstypus hereinbringt und ihn mit dem andern vermischt. Ich will
zunächst dem Autor das Wort lassen und seine einleitende Definition
wiedergeben. Er sagt p. 5: „Es gibt zwei fundamental verschiedene
Charaktere, zwei deutliche Charaktertypen (mit einem dritten, mittlern):
einen bei dem die Tendenz zur Aktivität stark, und die Tendenz zur
Reflexion schwach ist, und einen andern, bei dem die Neigung zur
Reflexion vorherrscht, während der Tätigkeitstrieb schwächer ist. Zwischen
diesen beiden Extremen gibt es unzählige Abstufungen: Es genügt aber,
noch einen dritten Typus aufzuzeigen, bei dem die Kräfte der Reflexion und
der Tat sich mehr oder weniger die Wage halten. In einer mittlern Klasse
können auch jene Charaktere untergebracht werden, bei denen eine Neigung
zur Exzentrizität besteht, oder wo andere, möglicherweise abnorme

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Tendenzen gegenüber den emotionalen und nicht-emotionalen Vorgängen
überwiegen.“
Aus dieser Definition ist klar ersichtlich, dass Jordan der Reflexion,
dem Denken, die Tätigkeit oder die Aktivität gegenüberstellt. Es ist
durchaus verständlich, dass dem nicht tiefer forschenden
Menschenbeobachter zunächst das reflektive Wesen im Gegensatz zum
tätigen Wesen auffällt, und er daher geneigt ist, den beobachteten Gegensatz
unter diesem Gesichtswinkel zu definieren. Aber schon die einfache
Überlegung, dass das tätige Wesen nicht notwendigerweise bloss aus
Impulsen hervorgeht, sondern auch dem Denken entspringen kann, lässt es
als nötig erscheinen, die Definition etwas zu vertiefen. Jordan selbst kommt
zu diesem Schluss, indem er pag. 6 ein weiteres Element in die Betrachtung
einführt, das für uns von ganz besonderm Wert ist, nämlich das
Gefühlselement. Er konstatiert nämlich, dass der aktive Typus weniger
leidenschaftlich sei, während das reflektive Temperament sich durch
Leidenschaftlichkeit auszeichne. Daher benennt Jordan seine Typen als „the
less impassioned“ und „the more impassioned“. Das Element, das er in der
einleitenden Definition überging, erhebt er also nachträglich zum ständigen
Terminus. Was ihn aber von unserer Auffassung unterscheidet, ist die
Tatsache, dass er den weniger „leidenschaftlichen“ Typus immer auch
zugleich „aktiv“ sein lässt, und den andern „inaktiv“. Ich halte diese
Vermischung für unglücklich, indem es höchst leidenschaftliche und tiefe
Naturen gibt, die auch zugleich sehr tatkräftig und tätig sind, und
umgekehrt wenig leidenschaftliche, oberflächliche Naturen, die sich
keineswegs durch Aktivität, nicht einmal durch die niedere Form der
Tätigkeit, die Geschäftigkeit, auszeichnen. Meines Erachtens hätte seine
sonst wertvolle Auffassung bedeutend an Klarheit gewonnen, wenn er die
an sich charakterologisch bedeutsame Bestimmung der Aktivität und
Inaktivität als einen ganz andern Gesichtspunkt hätte ausser Betracht fallen
lassen. Es wird aus den folgenden Ausführungen hervorgehen, dass Jordan
mit dem „less impassioned and more active“ Typus den Extravertierten und
mit dem „more impassioned and less active“ Typus den Introvertierten
beschreibt. Beide können tätig oder untätig sein, ohne dabei ihren Typus zu
verändern, weshalb meines Erachtens das Moment der Aktivität als ein
Hauptcharakteristikum in Wegfall kommen sollte; als Bestimmung
sekundärer Bedeutung spielt es aber immerhin insofern eine Rolle, als der
Extravertierte, seiner Art entsprechend, in der Regel viel beweglicher,

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lebendiger und tätiger erscheint, als der Introvertierte. Diese Eigenschaft
hängt aber ganz an der Phase, in der sich das Individuum momentan der
Aussenwelt gegenüber befindet. Ein Introvertierter in einer extravertierten
Phase erscheint aktiv, ein Extravertierter in einer introvertierten Phase
erscheint passiv. Die Aktivität selber, als ein Grundzug des Charakters kann
bisweilen introvertiert sein, d. h. sie richtet sich ganz nach innen und
entfaltet eine rege Gedanken- oder Gefühlstätigkeit, während aussen tiefe
Ruhe herrscht; bisweilen kann sie extravertiert sein, wo sie sich dann in
bewegtem, lebendigem Handeln zeigt, während ein fester unbewegter
Gedanke oder ein ebensolches Gefühl dahinter steht.
Bevor wir des Nähern auf die Jordanschen Ausführungen eintreten,
muss ich zur Klarstellung der Begriffe noch einen Umstand hervorheben,
der, wenn nicht berücksichtigt, Anlass zu Verwirrung geben könnte. Ich
habe eingangs bemerkt, dass ich in frühern Publikationen den
Introvertierten mit dem Denktypus und den Extravertierten mit dem
Fühltypus identifiziert hätte. Es ist mir erst später, wie ich schon bemerkte,
klar geworden, dass Introversion und Extraversion als allgemeine
Grundeinstellungen von den Funktionstypen zu unterscheiden sind. Diese
beiden Einstellungen sind auch am leichtesten zu erkennen, während es
schon einer umfangreichen Erfahrung bedarf, um auch die Funktionstypen,
zu unterscheiden. Es ist bisweilen ungemein schwierig, herauszufinden,
welcher Funktion das Primat zukommt. Verführerisch wirkt die Tatsache,
dass der Introvertierte naturgemäss einen reflektierenden und überlegenden
Eindruck macht, infolge seiner abstrahierenden Einstellung. Man ist daher
leicht geneigt, bei ihm deshalb das Primat des Denkens zu vermuten.
Umgekehrt zeigt der Extravertierte natürlicherweise sehr viele unmittelbare
Reaktionen, welche leicht ein Vorherrschen des Gefühlselementes vermuten
lassen. Diese Vermutungen sind aber täuschend, indem der Extravertierte
leicht auch ein Denktypus und der Introvertierte ein Fühltypus sein kann.
Jordan beschreibt im allgemeinen bloss den Introvertierten und den
Extravertierten. Wo er aber in die Einzelheiten geht, wird seine
Beschreibung missverständlich, indem sich dort Züge verschiedener
Funktionstypen mischen, die wegen ungenügender Durcharbeitung des
Stoffes nicht auseinander gehalten sind. In den allgemeinen Zügen aber ist
das Bild der introvertierten und der extravertierten Einstellung
unmissverständlich herausgekommen, sodass das Wesen der beiden
Grundeinstellungen völlig ersichtlich wird.

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Die Charakterisierung der Typen von der Affektivität her erscheint mir
als das eigentlich Bedeutungsvolle der Jordanschen Schrift. Wir sahen ja
bereits, dass das „reflektive“ überlegende Wesen des Introvertierten durch
ein unbewusstes archaïsches Trieb- und Empfindungsleben compensiert ist.
Man könnte auch sagen, dass er eben deshalb introvertiert eingestellt sei,
weil er über ein archaïsch-impulsives, leidenschaftliches Wesen sich zu der
sichern Höhe der Abstraktion emporheben muss, um von dort aus die
unbotmässigen, wildbewegten Affekte beherrschen zu können. Dieser
Gesichtspunkt passt für viele Fälle gar nicht schlecht. Umgekehrt liesse sich
auch sagen, dass das weniger tiefwurzelnde Affektleben des Extravertierten
sich leichter zur Differenzierung und Domestikation eignet, als das
archaïsche, unbewusste Denken und Fühlen, das Phantasieren, das einen
gefährlichen Einfluss auf seine Persönlichkeit haben kann. Daher er ja
immer der ist, der möglichst geschäftig und massenhaft zu leben und zu
erleben sucht, um ja nicht zu sich und seinen bösen Gedanken und Gefühlen
kommen zu müssen. Aus diesen leicht zu machenden Beobachtungen
erklärt sich eine sonst als paradox anmutende Stelle bei Jordan p. 6, wo er
sagt, dass beim „less impassioned“ (extravertierten) Temperament der
Intellekt vorherrsche und einen ungewöhnlich grossen Anteil an der
Formung des Lebens habe, während beim reflektiven Temperament es
gerade die Affekte seien, welche die grössere Bedeutung beanspruchen.
Diese Auffassung scheint auf den ersten Blick meiner Behauptung, der
„less impassioned“ Typus entspreche meinem extravertierten Typus, direkt
ins Gesicht zu schlagen. Dem ist aber bei näherm Zusehen keineswegs so,
indem das reflektive Wesen es wohl versucht, den unbotmässigen Affekten
beizukommen, um in Wirklichkeit aber in höherm Masse von der
Leidenschaft beeinflusst zu sein, als der, der seine am Objekt orientierten
Wünsche zur bewussten Richtschnur seines Lebens genommen hat. Dieser
letztere, der Extravertierte nämlich, versucht damit überall
durchzukommen, muss es aber erleben, dass es seine subjektiven Gedanken
und Gefühle sind, die ihm überall störend in den Weg treten. Er ist in
höherm Masse durch seine psychische Innenwelt beeinflusst, als er es ahnt.
Er selber kann es nicht sehen, aber eine aufmerksame Umgebung sieht die
persönliche Absichtlichkeit seines Strebens. Daher es immer seine
Grundregel sein muss, sich zu fragen: „Was will ich eigentlich? Was ist
meine geheime Absicht?“ Der andere, der Introvertierte, mit seinen
bewussten, ausgedachten Absichten übersieht immer das, was seine

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Umgebung nur allzu deutlich wahrnimmt, nämlich, dass seine Absichten
eigentlich starken, aber absicht- und objektlosen Trieben dienen und in
hohem Masse durch sie beeinflusst sind. Wer den Extravertierten
beobachtet und beurteilt, ist geneigt, das zur Schau getragene Fühlen und
Denken für einen dünnen Schleier zu halten, der die kalte und ausgeklügelte
persönliche Absicht nur unvollständig verhüllt. Wer den Introvertierten zu
verstehen sucht, wird leicht dem Gedanken verfallen, dass eine heftige
Leidenschaft durch anscheinende Vernünftelei nur mühsam im Zaume
gehalten werde.
Beide Urteile sind richtig und falsch. Das Urteil ist falsch, wenn der
bewusste Standpunkt, das Bewusstsein überhaupt dem Unbewussten
gegenüber stark und widerstandsfähig ist; richtig aber dann, wenn ein
schwacher bewusster Standpunkt einem starken Unbewussten gegenüber
steht und ihm gegebenenfalls weichen muss. In diesem letztern Falle bricht
dann das hervor, was im Hintergrunde stand, bei dem einen die egoistische
Absicht, beim andern aber die zügellose Leidenschaft, der elementare
Affekt, der sich jeder Konsideration enthebt. Diese Überlegungen mögen
zugleich erkennen lassen, wie Jordan beobachtet: er ist offenbar auf die
Affektivität des Beobachteten eingestellt, daher seine Nomenklatur: „less
emotional“ und „more impassioned“. Wenn er daher den Introvertierten von
der Affektseite aus als den Leidenschaftlichen auffasst, den Extravertierten
vom selben Standpunkt aus als den weniger Leidenschaftlichen, und sogar
als den Intellektuellen, so beweist er damit eine eigentümliche Art der
Erkenntnis, die man als intuitiv bezeichnen muss. Ich habe daher oben
bereits darauf hingewiesen, dass Jordan den rationalen mit dem ästhetischen
Gesichtspunkt vermische. Wenn er den Introvertierten als den
Leidenschaftlichen, den Extravertierten aber als den Intellektuellen
charakterisiert, so sieht er die beiden Typen offenbar von der unbewussten
Seite her an, d. h. er nimmt sie wahr über sein Unbewusstes. Er beobachtet
und erkennt intuitiv, was beim praktischen Menschenkenner mehr oder
weniger immer der Fall sein dürfte. So richtig und so tief eine solche
Auffassung gelegentlich sein mag, so unterliegt sie doch einer sehr
wesentlichen Beschränkung: sie übersieht die tatsächliche Wirklichkeit des
Beobachteten, indem sie immer nur aus seinem unbewussten Spiegelbild,
anstatt aus seiner wirklichen Erscheinung urteilt. Dieser Urteilsfehler haftet
der Intuition ganz allgemein an, weshalb die Vernunft seit jeher auf
gespanntem Fusse mit ihr steht und ihr nur widerwillig ein Existenzrecht

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einräumt, obschon sie sich in gewissen Fällen von der objektiven
Richtigkeit der Intuition überzeugen muss. So stimmen die Jordanschen
Formulierungen im grossen und ganzen mit der Wirklichkeit, jedoch nicht
mit der Wirklichkeit, als welche sie die rationalen Typen verstehen, sondern
mit der ihnen unbewussten Wirklichkeit. Diese Verhältnisse sind natürlich
wie nichts geeignet, die Beurteilung des Beobachteten zu verwirren und die
Verständigung über das Beobachtete zu erschweren. Man streite sich daher
in dieser Frage nie um die Nomenklatur, sondern halte sich ausschliesslich
an die Tatsache der beobachtbaren, gegensätzlichen Verschiedenheit.
Obschon ich mich, meiner Art entsprechend, gänzlich anders ausdrücke als
Jordan, so stimmen wir doch in der Klassifikation des Beobachteten überein
(mit gewissen Abweichungen).
Bevor ich dazu übergehe, die Jordansche Typisierung des
Beobachtungsmateriales zu besprechen, möchte ich noch kurz auf den
postulierten, dritten oder „intermediate“ Typus zurückkommen. Wie wir
sahen, rubriziert Jordan darunter einesteils die ganz Balancierten,
andernteils die Unbalancierten. Es wird nicht überflüssig sein, an dieser
Stelle die Klassifikation der valentinianischen Schule nochmals in
Erinnerung zu rufen: der hylische Mensch, der dem psychischen und dem
pneumatischen untergeordnet ist. Der hylische Mensch entspricht seiner
Definition nach dem Empfindungstypus, d. h. demjenigen Menschen,
dessen dominierende Bestimmungen durch und in den Sinnen, in der
sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind. Der Empfindungstypus hat weder
ein differenziertes Denken, noch ein differenziertes Fühlen, aber seine
Sinnlichkeit ist wohl entwickelt. Dies ist, wie bekannt auch beim Primitiven
der Fall. Die triebmässige Sinnlichkeit des Primitiven hat aber ein
Gegenstück, und das ist die Spontaneität des Psychischen. Das Geistige, die
Gedanken erscheinen ihm sozusagen. Nicht er ist es, der sie macht oder
erdenkt — dazu fehlen ihm die Fähigkeiten — sondern sie machen sich
selbst und befallen ihn, ja erscheinen ihm sogar hallucinatorisch. Diese
Mentalität ist als intuitiv zu bezeichnen, denn Intuition ist instinktmässige
Wahrnehmung eines erscheinenden psychischen Inhaltes. Während in der
Regel die psychologische Hauptfunktion des Primitiven die Sinnlichkeit ist,
so ist die weniger hervortretende compensierende Funktion die Intuition.
Auf höherer Stufe der Zivilisation, wo die einen das Denken und die andern
das Fühlen mehr oder weniger differenziert haben, gibt es auch nicht
wenige, welche die Intuition in höherm Masse entwickelt haben und als

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wesentlich bestimmende Funktion benützen. Daraus ergibt sich der intuitive
Typus. Ich glaube daher, dass die Jordansche Mittelgruppe in den
Empfindungs- und den Intuitionstypus aufzulösen ist.

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2. Spezielle Darstellung und Kritik der
Jordanschen Typen.
Was die allgemeine Erscheinung der beiden Typen betrifft, so hebt
Jordan (p. 17) hervor, dass der weniger emotionale Typus viel mehr
hervortretende oder markante Persönlichkeiten aufweise als der emotionale
Typus. Diese Behauptung rührt davon her, dass Jordan den aktiven Typus
Mensch mit dem weniger Emotionalen identifiziert, was meines Erachtens
unzulässig ist. Abgesehen von diesem Irrtum ist es natürlich richtig, dass
sich der weniger Emotionale oder Extravertierte, wie wir wohl sagen
dürfen, durch sein Benehmen viel bemerkbarer macht als der Emotionale
oder Introvertierte.
a) Die introvertierte Frau. (The more impassioned woman.) Jordan
bespricht zunächst den Charakter der introvertierten Frau. Ich erwähne die
Hauptpunkte seiner Beschreibung im Auszug (p. 17 ff.): „Ruhiges
Benehmen, nicht leicht zu lesender Charakter, gelegentlich kritisch bis
sarkastisch; wenn schon schlechte Launen bisweilen sehr merklich
vorhanden sind, so ist sie doch weder launenhaft noch rastlos, noch
tadelsüchtig, noch „censorious“ (das dem Sinne nach als „censorhaft“
wiedergegeben werden müsste), noch nörgelnd. Sie verbreitet Ruhe um
sich, und sie ist unbewusst tröstend und heilend. Unter dieser Oberfläche
schlummern aber Affekt und Leidenschaft. Ihre Gefühlsnatur gedeiht
langsam zur Reife. Mit dem Alter gewinnt ihr Charakter an Reiz. Sie ist
„sympathisch“, d. h. mitfühlend und miterlebend. Die schlechtesten
weiblichen Charaktere finden sich in diesem Typus. Sie sind die
grausamsten Stiefmütter. Sie sind zwar die liebevollsten Mütter und
Gattinnen, aber ihre Leidenschaften und Affekte sind so stark, dass ihre
Vernunft davon mitgerissen wird. Sie lieben zu viel, sie hassen aber auch zu
viel. Die Eifersucht kann sie zum wilden Tier machen. Die Stiefkinder,
wenn gehasst, können durch sie physisch zu Tode gemartert werden. Wo
das Böse nicht Herr ist, da ist die Moralität selbst ein tiefes Gefühl, das
seinen eigenen und unabhängigen Weg geht, der sich nicht immer

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konventionellen Ansichten anpasst. Dieser Weg wird nicht begangen aus
Nachahmung oder Unterwerfung und keinesfalls um einer Belohnung
willen, weder im Diesseits noch im Jenseits. In der intimen Beziehung
allein entfaltet sie ihre Vorzüge und Nachteile; hier zeigt sie den Reichtum
ihres Herzens, ihre Sorgen und Freuden, aber auch ihre Leidenschaften und
Fehler, wie Unversöhnlichkeit, Eigensinn, Zorn, Eifersucht oder gar
Zügellosigkeit. Sie ist dem Einfluss des Momentes unterworfen und wenig
fähig an die Wohlfahrt der Abwesenden zu denken. Sie kann leicht andere
vergessen und die Zeit dazu. Wenn sie affektiert ist, so beruht ihre Pose
nicht auf Nachahmung, sondern sie zeigt eine Veränderung des Benehmens
und der Sprache entsprechend veränderten Gedanken und Gefühlen. In
gesellschaftlicher Hinsicht bleibt sie sich in den verschiedensten
Umgebungen möglichst gleich. Im häuslichen wie im gesellschaftlichen
Leben macht sie keine grossen Ansprüche und ist leicht zufrieden zu
stellen. Sie gibt spontan ihre zustimmenden oder lobenden Urteile. Sie
versteht es zu beruhigen oder aufzumuntern. Sie besitzt das Mitgefühl für
alle Schwachen, seien es Zweifüssler oder Vierfüssler. „Sie erhebt sich zum
Hohen und beugt sich zum Niedrigen, sie ist Schwester und Spielgefährte
der ganzen Natur.“ Ihr Urteil ist milde und tolerant. Wenn sie liest, so sucht
sie den innersten Gedanken und das tiefste Gefühl des Buches zu erfassen;
sie misshandelt deshalb das Buch mit Bleistiftstrichen und
Randbemerkungen und liest es noch einmal.“
Aus dieser Beschreibung ist unschwer der introvertierte Charakter zu
erkennen. Die Beschreibung ist aber in einem gewissen Sinne einseitig,
indem, sie hauptsächlich die Gefühlsseite in Betracht zieht, ohne gerade
jenes Charakteristikum zu betonen, auf das ich einen besondern Wert lege,
nämlich das bewusste Innenleben. Jordan erwähnt zwar, dass die
introvertierte Frau „contemplative“ sei, ohne aber näher darauf einzugehen.
Seine Beschreibung bestätigt aber, wie mir scheint, meine Ausführungen
über die Art seines Beobachtens; er sieht hauptsächlich das durch Gefühle
konstellierte äussere Benehmen und die Äusserungen der Leidenschaft, er
geht aber nicht ein auf das Wesen des Bewusstseins dieses Typus. Er
erwähnt daher nicht, dass das Innenleben eine ganz ausschlaggebende Rolle
spielt für die bewusste Psychologie dieses Typus. Warum z. B. liest die
introvertierte Frau aufmerksam? Weil sie vor allem das Verstehen und das
Erfassen der Gedanken liebt. Warum ist sie ruhig und beruhigend? Weil sie
in der Regel ihre Gefühle bei sich behält und sie in ihren Gedanken betätigt,

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statt sie den andern aufzuladen. Ihre unkonventionelle Moralität stützt sich
auf tiefgehende Überlegung und innere überzeugende Gefühle. Der Reiz
ihres ruhigen und verständigen Charakters beruht nicht bloss auf einer
ruhigen Einstellung, sondern darauf, dass man vernünftig und
zusammenhängend mit ihr reden kann, und dass sie im Stande ist, das
Argument ihres Partners zu würdigen. Sie unterbricht ihn nicht mit
impulsiven Äusserungen, sondern begleitet seine Meinungen mit ihren
Gedanken und Gefühlen, die gleichwohl feststehen und nicht am
gegnerischen Argument umfallen.
Dieser festen und wohl ausgebildeten Ordnung der bewussten
seelischen Inhalte stemmt sich ein chaotisch-leidenschaftliches Affektleben
entgegen, das der Introvertierten sehr oft, wenigstens in seinem
persönlichen Aspekt bewusst ist, und das sie fürchtet, weil sie es kennt. Sie
denkt über sich selber nach und ist darum nach aussen gleichmässig und
kann anderes erkennen und anerkennen, ohne darüber mit Beifall oder
Tadel herzufallen. Weil ihr Affektleben ihr diese guten Eigenschaften aber
verdirbt, so lehnt sie ihre Triebe und Affekte möglichst ab, ohne aber ihrer
Herr zu werden. So wie ihr Bewusstsein logisch und festgefügt ist, so ist ihr
Affekt elementar, verworren und unbeherrschbar. Es fehlt ihm die eigentlich
menschliche Note, es ist disproportioniert, irrational, es ist ein
Naturphänomen, das menschliche Ordnung durchbricht. Es fehlt ihm
jeglicher tastbare Hintergedanke, jede Absicht, darum ist es unter
Umständen schlechthin destruktiv, ein Wildbach, der keine Zerstörung
beabsichtigt und keine vermeidet, rücksichtslos und notwendig, nur seinem
Gesetze gehorchend, ein Prozess, der sich selbst erfüllt. Ihre guten
Eigenschaften rühren davon her, dass es dem Denken, einer toleranten oder
wohlwollenden Auffassung, gelungen ist, einen Teil des Trieblebens zu
beeinflussen und nachzuziehen, ohne aber das Ganze des Triebes ergreifen
und umgestalten zu können. Die Affektivität der introvertierten Frau ist ihr
weit weniger klar bewusst in seinem ganzen Umfang als ihre rationalen
Gedanken und Gefühle. Sie ist unfähig, ihre ganze Affektivität zu umfassen,
während sie verwendbare Auffassungen hat. Ihre Affektivität ist weit
weniger beweglich als ihre geistigen Inhalte, sie ist gewissermassen
zähflüssig, von bedeutender Inertie, daher schwer zu ändern, sie ist
perseverierend, daher ihre unbewusste Stetigkeit und Gleichmässigkeit,
daher aber auch ihr Eigensinn und ihre bisweilen unvernünftige
Unbeeinflussbarkeit in Dingen, welche die Affektivität betreffen.

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Diese Überlegungen können erklären, warum ein Urteil über die
introvertierte Frau ausschliesslich von der Seite der Affektivität
unvollständig und ungerecht ist im schlechten wie im guten Sinne. Wenn
Jordan die schlechtesten weiblichen Charaktere unter den Introvertierten
findet, so rührt dies meines Erachtens daher, dass er ein zu grosses Gewicht
auf die Affektivität legt, wie wenn nur die Leidenschaft die Mutter des
Bösen wäre. Man kann Kinder auch anders zu Tode quälen als bloss
physisch. Und umgekehrt ist jener besondere Reichtum an Liebe bei
introvertierten Frauen keineswegs immer ihr eigener Besitz, sondern sie
sind öfters vielmehr davon besessen und können nicht wohl anders, bis
einmal eine günstige Gelegenheit kommt, wo sie zum Erstaunen ihres
Partners plötzlich eine unerwartete Kälte zeigen. Das Affektleben des
Introvertierten überhaupt ist seine schwache Seite, es ist nicht unbedingt
verlässlich. Er täuscht sich selber darüber, und andere täuschen und
enttäuschen sich an ihm, wenn sie zu ausschliesslich auf seine Affektivität
abstellen. Sein Geist ist verlässlicher, weil angepasster. Sein Affekt ist zu
sehr ungebändigte Natur.
b) Die extravertierte Frau. (The less impassioned woman.) Wir gehen
nunmehr über zu Jordans Schilderung der „less impassioned woman“. Ich
muss auch hier alles ausscheiden, was der Autor in punkto Aktivität
hineinmengt, denn diese Beimischung ist nur geeignet, den typischen
Charakter weniger gut erkennen zu lassen. Wenn daher von einer gewissen
Raschheit der Extravertierten die Rede ist, so ist damit nicht das Element
des Tatkräftigen, Aktiven gemeint, sondern nur die Beweglichkeit aktiver
Vorgänge. Jordan sagt von der extravertierten Frau[104]: „Eine gewisse
Raschheit und ein gewisser Opportunismus, eher als Ausdauer und
Konsequenz. Ihr Leben ist in der Regel von vielen kleinen Dingen
ausgefüllt. Sie überbietet selbst Lord Beaconsfield, wenn er sagt, dass die
unwichtigen Dinge nicht sehr unwichtig sind, und die wichtigen Dinge
nicht sehr wichtig. Sie verweilt gerne — wie ihre Grossmutter tat, und wie
ihre Enkel noch tun werden — bei der allgemeinen Verschlechterung der
Menschen und Dinge. Sie ist überzeugt, dass nichts geriete, wenn sie nicht
danach sähe. Öfters äusserst nützlich in sozialen Bewegungen.
Energieverschwendung in häuslichem Reinemachen, ein ausschliesslicher
Lebenszweck für viele. Öfters keine Ideen, keine Leidenschaften, keine
Ruhe und keine Fehler. Ihre affektive Entwicklung ist früh vollendet. Sie ist
mit 18 Jahren ebenso weise wie mit 48. Ihr geistiges Blickfeld ist weder tief

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noch weit, aber es ist von vornherein klar. Bei guter Begabung führende
Stellung. In Gesellschaft zeigt sie gütige Gefühle, ist freigebig,
gastfreundlich zu jedermann. Sie beurteilt jedermann, und vergisst, dass sie
selbst beurteilt wird. Sie ist hilfreich. Keine tiefe Leidenschaft. Lieben ist
für sie Vorziehen, Hass ist bloss Abneigung, Eifersucht bloss gekränkter
Stolz. Ihr Enthusiasmus hält nicht an. Sie geniesst die Schönheit der
Dichtkunst, weniger ihr Pathos. Ihr Glauben und ihr Unglauben ist mehr
vollständig als stark. Sie hat keine richtigen Überzeugungen, aber auch
keine bösen Ahnungen. Sie glaubt nicht, sondern nimmt an; sie ist nicht
ungläubig, sondern sie weiss nicht. Sie forscht nicht nach und zweifelt
nicht. In wichtigen Angelegenheiten überlässt sie sich der Autorität, in
kleinern Dingen macht sie voreilige Schlüsse. In ihrer eigenen kleinen Welt
ist alles so, wie es nicht sein sollte, in der grossen Welt ist alles recht. Sie
wehrt sich instinktiv, Vernunftschlüsse in die Praxis umzusetzen. Zu Hause
zeigt sie einen ganz andern Charakter als in der Gesellschaft. Die
Eheschliessung ist stark beeinflusst durch Ehrgeiz, Lust zur Veränderung,
oder Gehorsam gegenüber hergebrachter Gewohnheit, oder durch das
Verlangen, das Leben auf eine „solide Basis“ zu stellen, oder um eine
grössere Wirkungssphäre zu erreichen. Wenn ihr Mann zum „impassioned“
Typus gehört, so liebt er die Kinder mehr als sie. Im häuslichen Kreise
kommt bei ihr alles Unerfreuliche zu Tage. Hier lässt sie sich in
unzusammenhängenden Tadelsvoten gehen. Unmöglich, vorauszusehen,
wann für einen Augenblick die Sonne herauskommt. Sie beobachtet und
kritisiert sich nicht. Wenn man ihr das beständige Beurteilen und Tadeln
einmal vorwirft, so ist sie erstaunt und beleidigt und versichert, dass sie
doch nur das Beste wolle, „aber es gibt Leute, die nicht wissen, was für sie
gut ist“. Die Art, wie sie ihrer Familie Gutes tun möchte, ist ganz
verschieden von der, wie sie andern Leuten nützen möchte. Der Haushalt
muss immer bereit sein, von der Welt gesehen zu werden. Die Gesellschaft
muss unterstützt und gefördert werden. Auf die obern Klassen muss man
Eindruck machen, die niedern müssen in Ordnung gehalten werden. Das
eigene Haus ist ihr Winter, die Gesellschaft ihr Sommer. Die Verwandlung
beginnt, sobald ein Besuch kommt. Keine Neigung zur Askese, ihre
Respektabilität hat es nicht nötig. Liebe zum Wechsel, zur Bewegung und
Erholung. Sie kann den Tag mit einem Gottesdienst anfangen und mit der
komischen Oper beschliessen. Gesellschaftliche Beziehung ist ihr Genuss.
Dort findet sie alles, Arbeit und Glück. Sie glaubt an die Gesellschaft, und

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die Gesellschaft glaubt an sie. Ihre Gefühle sind wenig durch Vorurteil
beeinflusst und sie ist gewohnheitsmässig „anständig“. Sie imitiert gerne
und wählt dazu die besten Modelle aus, gibt sich darüber aber keine
Rechenschaft. Die Bücher, die sie liest, müssen Leben und handelnde
Personen enthalten.“
Dieser wohlbekannte Typus Frau, den Jordan als „less impassioned“
bezeichnet, ist ohne Zweifel extravertiert. Darauf deutet das ganze
Benehmen, das, um seiner Art willen, eben als extravertiert bezeichnet
wird. Das beständige Beurteilen, das nie auf wirklicher Überlegung beruht,
ist ein Extravertieren eines flüchtigen Eindruckes, das mit einem wirklichen
Gedanken nichts zu tun hat. Ich erinnere mich an einen witzigen
Aphorismus, den ich einmal irgendwo gelesen habe: „Denken ist so schwer
— darum urteilen die Meisten“. Überlegung fordert vor allem Zeit, daher
der, der überlegt, schon gar keine Gelegenheit zu beständiger
Urteilsäusserung hat. Die Inkohärenz und Inkonsequenz des Urteils, seine
Abhängigkeit von Tradition und Autorität zeigt die Abwesenheit eines
selbständigen Überlegens an; ebenso deutet der Mangel an Selbstkritik und
die Unselbständigkeit der Auffassung auf einen Defekt der Urteilsfunktion.
Die Abwesenheit des geistigen Innenlebens bei diesem Typus kommt viel
deutlicher zum Ausdruck als seine Anwesenheit beim introvertierten Typus
in der oben vorangegangenen Schilderung. Man wäre nun leicht geneigt,
nach dieser Schilderung auf einen ebenso grossen oder noch grössern
Defekt der Affektivität zu schliessen, die offenkundig oberflächlich, ja
seicht ist, fast unecht, denn die immer damit verbundene oder dahinter
erkennbare Absicht macht das affektive Streben fast wertlos. Ich bin aber
geneigt anzunehmen, dass der Autor hier ebenso unterschätzt, wie er im
frühern Fall überschätzt. Trotz den gelegentlichen Anerkennungen von
guten Eigenschaften kommt der Typus im ganzen doch recht schlecht weg.
Ich glaube in diesem Fall an eine gewisse Voreingenommenheit des Autors.
Es genügt ja meistens, dass man mit einigen oder einem Vertreter eines
Typus schlechte Erfahrungen gemacht hat, um einem für jeden ähnlichen
Fall den Geschmack zu nehmen. Man darf nicht vergessen, dass, wie die
Verständigkeit der introvertierten Frau auf einer genauen Einpassung ihrer
geistigen Inhalte in das allgemeine Denken beruht, so die Affektivität der
extravertierten Frau eine gewisse Beweglichkeit und geringe Tiefe besitzt
wegen ihrer Einpassung in das allgemeine Leben der menschlichen
Gesellschaft. Es handelt sich in diesem Fall um eine sozial differenzierte

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Affektivität von nicht zu bestreitender Allgemeingültigkeit, die von der
Schwere, Zähigkeit und Leidenschaftlichkeit des introvertierten Affektes
sogar vorteilhaft absticht. Die differenzierte Affektivität hat das Chaotische
des Pathos abgestreift und ist zu einer disponibeln Anpassungsfunktion
geworden, allerdings auf Kosten des geistigen Innenlebens, das sich durch
Abwesenheit bemerkbar macht. Nichtsdestoweniger aber ist es im
Unbewussten vorhanden und zwar in einer der introvertierten Leidenschaft
entsprechenden Form, nämlich in einem unentwickelten Zustand. Dieser
Zustand ist charakterisiert durch Infantilismus und Archaïsmus. Aus dem
Unbewussten gibt der unentwickelte Geist dem affektiven Streben Inhalte
und geheime Motive mit, die nicht verfehlen, auf den kritischen Beobachter
einen übeln Eindruck zu machen, während der Unkritische sie übersieht.
Über dem unerfreulichen Eindruck, den die beständige Wahrnehmung
schlecht verhüllter egoistischer Motive auf den Beschauer macht, vergisst
man allzuleicht die Tatsächlichkeit und die angepasste Nützlichkeit der zur
Schau getragenen Bestrebungen. Alles Leichte, Unverbindliche,
Gemässigte, Harmlose, Oberflächliche des Lebens verschwände, wenn es
keine differenzierten Affekte gäbe. Man würde entweder im
immerwährenden Pathos oder in der gähnenden Leere verdrängter
Leidenschaft ersticken. Wenn die soziale Funktion des Introvertierten
hauptsächlich den Einzelnen wahrnimmt, so fördert der Extravertierte das
Leben der Gesellschaft, die ebenfalls ein Anrecht auf Existenz hat. Dazu
bedarf er der Extraversion, weil sie in erster Linie die Brücke zum Nächsten
schlägt. Die Affektäusserung wirkt bekanntlich suggestiv, während das
Geistige erst mittelbar, nach mühsamer Übersetzung, seine Wirksamkeit
entfalten kann. Die zu der sozialen Funktion benötigten Affekte dürfen gar
nicht tief sein, sonst erzeugen sie Leidenschaft beim Andern. Leidenschaft
aber stört das Leben und Gedeihen der Societät. So ist auch der angepasste,
differenzierte Geist des Introvertierten nicht tief, sondern mehr extensiv,
und daher nicht störend und aufreizend, sondern vernünftig und beruhigend.
Wie aber der Introvertierte störend wird durch die Heftigkeit seiner
Leidenschaft, so wird der Extravertierte aufreizend durch sein halb
unbewusstes Denken und Fühlen, das inkohärent und abgerissen oft in
Form von takt- und schonungslosen Urteilen dem Mitmenschen appliziert
wird. Wenn man die Gesamtheit solcher Urteile zusammensetzt und
versucht, daraus synthetisch eine Psychologie zu konstruieren, so gelangt
man zunächst zu einer ganz animalischen Grundauffassung, die an

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trostloser Wildheit, Roheit und Dummheit dem mörderischen Affektwesen
des Introvertierten in keiner Weise nachsteht. Ich kann daher die
Behauptung Jordans, dass die schlechtesten Charaktere unter den
leidenschaftlichen introvertierten Naturen zu finden seien, nicht
unterschreiben. Unter den Extravertierten gibt es ebenso viele und ebenso
gründliche Schlechtigkeit. Wo die introvertierte Leidenschaftlichkeit in
rohen Taten sich äussert, da begeht die Gemeinheit des unbewussten
extravertierten Denkens und Fühlens Schandtaten an der Seele des Opfers.
Ich weiss nicht, was schlimmer ist. Der Nachteil des erstern Falles ist, dass
die Tat sichtbar ist, die Gesinnungsgemeinheit des letztern Falles aber
verbirgt sich hinter dem Schleier eines akzeptabeln Benehmens. Ich möchte
die soziale Fürsorglichkeit dieses Typus, seine aktive Anteilnahme am
Wohlergehen des Andern hervorheben, ebenso auch seine ausgesprochene
Tendenz, andern eine Freude zu bereiten. Diese Qualität hat der
Introvertierte meist nur in der Phantasie. Die differenzierten Affekte haben
den weitern Vorteil der Anmut, der schönen Form. Sie verbreiten eine
ästhetische, wohltuende Atmosphäre, Es gibt überraschend viele
Extravertierte, die eine Kunst (meistens Musik) üben, weniger, weil sie
dazu besonders befähigt sind, als weil sie damit der Gesellschaftlichkeit
dienen können. Auch die Tadelsucht hat nicht immer einen unangenehmen
oder gar wertlosen Charakter. Sehr oft beschränkt sie sich auf eine
angepasste erzieherische Tendenz, welche sehr viel Gutes stiftet. Ebenso ist
die Abhängigkeit des Urteils nicht unter allen Umständen von Übel,
sondern trägt vielmehr bei zur Unterdrückung von Extravaganzen und
schädlichen Auswüchsen, die dem Leben und der Wohlfahrt der Societät
keineswegs förderlich sind. Es wäre überhaupt ganz ungerechtfertigt,
behaupten zu wollen, der eine Typus sei in irgend einer Hinsicht wertvoller
als der andere. Die Typen ergänzen sich gegenseitig, und ihre
Verschiedenheit ergibt gerade jenes Mass an Spannung, dessen das
Individuum sowohl wie die Societät zur Erhaltung des Lebens bedarf.
c) Der extravertierte Mann. Vom extravertierten Manne sagt Jordan (p.
26 ff.): „Unberechenbar und unbestimmt in seiner Einstellung, Neigung zur
Launenhaftigkeit, aufgeregtem Getue, Unzufriedenheit und Urteilerei,
beurteilt alles und jedes in abfälliger Weise, ist aber immer mit sich selber
zufrieden. Obschon sein Urteil oft falsch ist und seine Projekte scheitern, so
hat er doch grenzenloses Vertrauen in sie. Wie Sydney Smith von einem
berühmten Staatsmann seiner Zeit sagte: er war jeden Moment bereit, das

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Kommando der Kanalflotte zu übernehmen, oder ein Bein zu amputieren.
Er hat eine bestimmte Formel für alles, was ihm vorkommt: entweder ist die
Sache nicht wahr — oder man kennt sie schon längst. An seinem Himmel
gibt es nicht Platz für zwei Sonnen. Gibt es aber ausser ihm noch eine, so ist
er ein Märtyrer. Er ist frühreif. Er liebt das Verwalten, oft ist er der
Gesellschaft äusserst nützlich. Wenn er in einer Wohltätigkeitskommission
sitzt, so interessiert er sich ebenso sehr für die Auswahl einer Waschfrau
wie für die Wahl des Vorsitzenden. In der Gesellschaft ist er ganz dabei mit
allen Kräften. Mit Selbstvertrauen und Ausdauer führt er sich der
Gesellschaft vor. Er ist immer darauf aus, Erfahrungen zu machen, weil
Erfahrung ihm hilft. Er zieht es vor, der öffentlich bekannte Vorsitzende
einer Kommission von drei Mitgliedern, statt der unbekannte Wohltäter
eines ganzen Volkes zu sein. Mindere Begabung verhindert keineswegs
seine Wichtigkeit. Ist er tätig? Er ist überzeugt, dass er energisch ist. Ist er
geschwätzig? Er glaubt an sein Rednertalent. Er erzeugt selten neue Ideen
oder eröffnet neue Pfade, aber er ist rasch bei der Hand, zu folgen, zu
erfassen, anzuwenden und auszuführen. Er ist geneigt, sich an bereits
bestehende und allgemein angenommene religiöse und politische
Überzeugungen zu halten. Bei gewissen Gelegenheiten ist er geneigt mit
Bewunderung die Kühnheit seiner ketzerischen Ideen zu betrachten. Nicht
selten ist aber sein Ideal so hoch und stark, dass nichts die Bildung einer
weiten und gerechten Lebensauffassung hindern kann. Sein Leben ist
meistens gekennzeichnet durch Moralität, Wahrhaftigkeit und ideale
Prinzipien, aber bisweilen führt ihn die Lust nach unmittelbarem Effekt in
Schwierigkeiten. Wenn er in öffentlicher Versammlung zufälligerweise
unbeschäftigt ist, d. h. nichts vorzuschlagen oder zu unterstützen oder zu
beantragen oder zu opponieren hat, dann wird er doch aufstehen und
wenigstens verlangen, dass man ein Fenster des Zuges wegen schliesse oder
vielmehr, dass man eines öffne, um mehr Luft hereinzulassen. Denn er
verlangt ebenso sehr Luft, wie Aufmerksamkeit. Immer geneigt, das zu tun,
worum ihn niemand gebeten hat. Überzeugt, dass die Leute ihn so sehen,
wie er wünscht, dass sie ihn sehen, nämlich als einen, der schlaflos auf
seines Nächsten Wohl bedacht ist. Er verpflichtet sich andere, und kann
infolgedessen doch nicht wohl ohne Belohnung von dannen gehen. Er
vermag durch die Rede zu bewegen, ohne selbst bewegt zu sein. Er findet
rasch die Wünsche und Meinungen der andern heraus. Er warnt vor
drohendem Unheil, organisiert und unterhandelt geschickt mit Gegnern. Er

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hat immer Projekte und zeigt sensationelle Geschäftigkeit. Wenn irgend
möglich, muss die Gesellschaft angenehm beeindruckt werden, und wenn
das nicht möglich, so doch wenigstens in Erstaunen versetzt, und wenn
auch das nicht verfängt, dann muss sie wenigstens beängstigt und
erschüttert werden. Er ist ein Heiland von Beruf; als anerkannter Heiland
gefällt er sich nicht übel. Wir können von uns aus ja nichts recht machen —
aber wir können an ihn glauben, von ihm träumen, Gott für ihn danken und
ihn bitten, uns anzureden. Er ist unglücklich in der Ruhe und kann nicht
richtig ausruhen. Nach einem Tag voll Arbeit muss er einen prickelnden
Abend haben in Theater, Konzert, Kirche, Bazar, Diner, Klub oder in allen
zusammen. Hat er eine Versammlung versäumt, so stört er sie wenigstens
mit einem ostentativen Entschuldigungstelegramm.“
Auch diese Beschreibung lässt den Typus wohl erkennen. Aber fast
noch mehr als bei der Beschreibung der extravertierten Frau tritt, trotz
einzelnen anerkennenden Feststellungen, das Moment einer karikierenden
Entwertung hervor. Dies liegt zum Teil daran, dass diese Methode der
Beschreibung dem extravertierten Wesen überhaupt nicht gerecht werden
kann, indem es sozusagen unmöglich ist, mit intellektuellen Mitteln den
spezifischen Wert des Extravertierten ins richtige Licht zu rücken, während
dies beim Introvertierten viel leichter möglich ist, indem seine bewusste
Vernünftigkeit und seine bewusste Motivation sich durch intellektuelle
Mittel ausdrücken lassen, ebenso die Tatsache seiner Leidenschaft und die
daraus erfliessenden Taten. Beim Extravertierten dagegen liegt der
Hauptwert bei den Beziehungen zum Objekt. Einzig das Leben selbst
scheint mir dem Extravertierten jenes Recht einzuräumen, das ihm die
intellektuelle Kritik nicht geben kann. Das Leben allein zeigt seine Werte
und anerkennt sie. Man kann zwar konstatieren, dass der Extravertierte
sozial nützlich sei, dass er sich grosse Verdienste um den Fortschritt der
menschlichen Gesellschaft erwerbe usw. Aber eine Analyse seiner Mittel
und seiner Motivationen wird immer ein negatives Resultat geben, denn der
Hauptwert des Extravertierten liegt nicht in ihm selbst, sondern in der
wechselseitigen Beziehung mit dem Objekt. Die Beziehung zum Objekt
gehört zu jenen Imponderabilien, welche die intellektuelle Formulierung nie
wird erfassen können.
Die intellektuelle Kritik kann es nicht unterlassen, analysierend
vorzugehen und mittelst Angabe von Motivationen und Zwecken das

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Beobachtete zur völligen Deutlichkeit zu bringen. Daraus entsteht aber ein
Bild, das für die Psychologie des Extravertierten so gut wie ein Zerrbild ist,
und wer etwa glauben sollte, er fände die richtige Einstellung zu einem
Extravertierten auf Grund einer solchen Beschreibung, der würde zu seinem
Erstaunen sehen, dass die wirkliche Persönlichkeit ihrer Beschreibung
spottet. Eine solch einseitige Auffassung verhindert die Anpassung an den
Extravertierten durchaus. Um ihm gerecht zu werden, muss das Denken
über ihn ganz ausgeschlossen werden, so wie auch der Extravertierte sich
dem Introvertierten nur richtig anpassen kann, wenn er im Stande ist, seine
geistigen Inhalte als solche zu nehmen, abgesehen von ihrer möglichen
praktischen Verwendbarkeit. Die intellektuelle Analyse kann gar nichts
anderes, als dem Extravertierten alle möglichen Hinter- und
Nebengedanken, Zweckabsichten, und dergleichen mehr zuzuschieben, die
in Wirklichkeit nicht eigentlich existieren, sondern höchstens als
schattenhafte Effekte unbewusster Hintergründe mit einfliessen. Es ist ja
gewiss so, dass der Extravertierte, wenn er sonst nichts zu sagen hat, doch
wenigstens ein Fenster schliessen oder öffnen lässt. Doch wer hat es
bemerkt? Wem ist es wesentlich aufgefallen? Doch nur einem, der sich
Rechenschaft zu geben versucht über die möglichen Gründe und Absichten
solchen Handelns, also einem, der reflektiert, zergliedert und rekonstruiert,
während für alle andern dieser kleine Lärm in das allgemeine
Lebensgeräusch überhaupt aufgeht, ohne dass sie irgend welchen Anlass
fänden, darin dies oder jenes zu sehen. Aber eben in dieser Weise
manifestiert sich die Psychologie des Extravertierten: sie gehört zu den
Ereignissen des täglichen menschlichen Lebens und bedeutet nichts darüber
und nichts darunter. Nur wer überlegt, sieht weiter und sieht schief — was
das Leben anbelangt — richtig aber, was den unbewussten gedanklichen
Hintergrund des Extravertierten anbetrifft. Er sieht nicht den positiven
Menschen, sondern bloss seinen Schatten. Und der Schatten gibt dem Urteil
recht zum Nachteil des bewussten positiven Menschen. Ich glaube, man tut,
aus Gründen der Verständigung, gut daran, den Menschen von seinem
Schatten, dem Unbewussten, zu trennen, sonst ist die Diskussion von einer
Begriffsverwirrung sondergleichen bedroht. Man nimmt vieles am andern
Menschen wahr, was nicht zu seiner bewussten Psychologie gehört, sondern
aus seinem Unbewussten herausleuchtet, und lässt sich dadurch verführen,
ihm als einem bewussten Ich die beobachtete Qualität auch zuzurechnen.
Das Leben und das Schicksal tun auch so, aber der Psycholog, dem die

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Erkenntnis der Struktur der Psyche einerseits und die Ermöglichung einer
bessern Verständigung der Menschen unter sich am Herzen liegt, sollte
nicht so tun, sondern den bewussten Menschen vom unbewussten reinlich
scheiden, denn nur über die Angleichung bewusster Standpunkte lässt sich
Klarheit und Verständigung erreichen, niemals aber durch Reduktion auf die
unbewussten Hintergründe, Nebenlichter und Viertelstöne.
d) Der introvertierte Mann. Vom Charakter des introvertierten Mannes
(the more impassioned and reflective man) sagt Jordan[105]: „Seine
Vergnügungen wechseln nicht von Stunde zu Stunde, seine Liebe zu einem
Vergnügen ist genuiner Natur, er sucht das Vergnügen nicht aus blosser
Rastlosigkeit. Wenn er in öffentlicher Stellung ist, so ist er dies auf Grund
einer bestimmten Befähigung, oder er hat etwas im Sinn, das er ausführen
möchte. Wenn seine Arbeit getan ist, so geht er gerne, er kann andere
anerkennen und zöge es vor, seine Sache in der Hand eines Andern
gedeihen zu sehen als in der eigenen zu Grunde zu gehen. Er überschätzt
leicht die Verdienste seiner Mitarbeiter. Er ist und kann nie ein habitueller
Schimpfer sein. Er entwickelt sich langsam, ist ein Zauderer, kein religiöser
Führer, hat nie die Selbstsicherheit, derart zu wissen, was ein Irrtum ist,
dass er dafür seinen Nächsten verbrennen könnte. Obschon es ihm nicht an
Mut fehlt, so bringt er doch nicht soviel Überzeugung für seine eigene
unfehlbare Wahrheit auf, dass er sich dafür verbrennen liesse. Bei
bedeutender Begabung wird er von seiner Umgebung in den Vordergrund
geschoben, während sich der andere Typus von selbst in Szene setzt.“
Es ist, wie mir scheint, bezeichnend, dass der Autor im Kapitel über den
introvertierten Mann, um den es sich hier handelt, tatsächlich nicht mehr
sagt, als ich hier auszugsweise angegeben habe. Am meisten wird eine
Schilderung der Passion vermisst, um derentwillen er doch als
„impassioned“ bezeichnet wird. Gewiss muss man in diagnostischen
Mutmassungen vorsichtig sein — aber dieser Fall scheint zu der Annahme
einzuladen, dass der Abschnitt über den introvertierten Mann wohl aus
subjektiven Gründen so mager ausgefallen ist. Man hätte nach der ebenso
eingehenden wie ungerechten Schilderung des extravertierten Typus eine
ähnliche Gründlichkeit der Beschreibung auch für den introvertierten Typus
erwartet. Warum ist sie ausgeblieben?
Setzen wir den Fall, Jordan sei selber auf der introvertierten Seite, so
wäre es begreiflich, dass ihm eine ähnliche Beschreibung, wie er sie für

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seinen Gegentypus mit unbarmherziger Schärfe gibt, wohl kaum gelegen
hätte. Ich möchte nicht sagen, wegen Mangels an Objektivität, sondern
wegen Mangels an Kenntnis seines eigenen Schattens. Wie der
Introvertierte seinem Gegentypus erscheint, das kann der Introvertierte
unmöglich wissen oder erdenken, es sei denn, dass er es sich vom
Extravertierten vorsagen liesse auf die Gefahr hin, dass er ihn zum Duell
fordern müsste. Denn ebensowenig, wie der Extravertierte ohne weiteres
gewillt ist, die oben gegebene Charakteristik als ein wohlwollendes und
zutreffendes Bild seines Charakters anzunehmen, ist der Introvertierte
geneigt, seine Charakteristik von einem extravertierten Beobachter und
Kritiker zu empfangen. Sie wäre nämlich ebenso entwertend. Denn in
derselben Weise, wie der Introvertierte den Extravertierten zu erfassen
versucht und dabei gänzlich daneben gerät, so versucht der Extravertierte
das geistige Innenleben des Andern vom Standpunkt der Äusserlichkeit zu
verstehen und gerät ebenso gründlich daneben. Der Introvertierte macht
immer den Fehler, das Handeln aus der subjektiven Psychologie des
Extravertierten ableiten zu wollen, der Extravertierte aber kann das geistige
Innenleben immer nur als eine Folge äusserer Umstände begreifen. Ein
abstrakter Gedankengang muss für den Extravertierten eine Phantasie, eine
Art Hirngespinnst sein, wenn eine objektive Beziehung nicht ersichtlich ist.
Und tatsächlich sind introvertierte Gedankengespinnste oft nichts weiteres
als solche. Jedenfalls wäre vom introvertierten Mann vieles zu sagen, und
ein ebenso vollständiges wie ungünstiges Schattenbild zu geben, wie Jordan
dies im frühern Abschnitt über den Extravertierten getan hat.
Von Wichtigkeit scheint mir die Bemerkung Jordans zu sein, dass das
Vergnügen des Introvertierten „genuiner Natur“ sei. Das scheint überhaupt
eine Eigentümlichkeit des introvertierten Gefühls zu sein: es ist genuin, es
ist, weil es aus sich selber da ist, es wurzelt in der tiefern Natur des
Menschen, es steigt gewissermassen als sein eigener Zweck aus sich selber
empor; es will keinem andern Zwecke dienen, leiht sich auch keinem und
begnügt sich damit, sich selbst zu erfüllen. Das hängt zusammen mit der
Spontaneität des archaïschen und natürlichen Phänomens, das sich bis dahin
noch nicht den Zweckabsichten der Zivilisation gebeugt hat. Zu Recht oder
Unrecht, jedenfalls ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht, auf
Zweckmässigkeit oder Unzweckmässigkeit, manifestiert sich der affektive
Zustand, dem Subjekt aufgedrängt, auch gegen seinen Willen und seine

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Erwartung. Er hat nichts an sich, was auf gedachte Motivation schliessen
liesse.
Auf die weitern Abschnitte des Buches von Jordan möchte ich hier nicht
eintreten. Er zitiert historische Persönlichkeiten als Beispiele, wobei
vielerlei schiefe Gesichtspunkte herauskommen, die auf dem bereits
erwähnten Übelstande beruhen, dass der Autor das Kriterium des Aktiven
und des Passiven hereinbringt und mit den andern Kriterien vermengt.
Daraus ergibt sich öfters der Schluss, dass eine aktive Persönlichkeit auch
zum leidenschaftslosen Typus gerechnet wird und umgekehrt eine
leidenschaftliche Natur auch immer passiv sein sollte. Meine Ansicht sucht
diesen Irrtum zu vermeiden, indem sie das Moment der Aktivität als
Gesichtspunkt überhaupt ausscheidet.
Jordan gebührt aber das Verdienst, zum ersten Mal (meines Wissens!)
eine relativ zutreffende Charakterschilderung der emotionalen Typen
gegeben zu haben.

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V
Das Typenproblem in der Dichtkunst.
Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.

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V.
Das Typenproblem in der Dichtkunst.
Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.
1. Einleitendes über die Spittelersche Typisierung. Wenn neben den
Vorwürfen, welche die Verwicklungen des Affektlebens dem Dichter geben,
nicht auch das Typenproblem eine bedeutende Rolle spielte, so wäre dies
beinahe ein Beweis, dass es gar nicht existiert. Wir sahen aber schon bei
Schiller, wie dieses Problem ebenso sehr den Dichter wie den Denker in
ihm passionierte. Wir wenden nun in diesem Kapitel unsere
Aufmerksamkeit einer dichterischen Schöpfung zu, welche sich fast
ausschliesslich auf dem Motiv des Typenproblems begründet. Ich meine
Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus, ein Werk, das 1881 zum ersten
Mal erschien.
Ich möchte keineswegs von vornherein erklären, dass Prometheus, der
Vorausdenkende, den Introvertierten bedeute, und Epimetheus, der
Handelnde und Nachdenkende, den Extravertierten. Es handelt sich ja in
erster Linie beim Konflikt dieser beiden Gestalten um den Kampf der
introvertierten mit der extravertierten Entwicklungslinie in einem und
demselben Individuum, welche aber die dichterische Darstellung in zwei
selbständigen Figuren und ihren typischen Schicksalen verkörpert hat.
Es ist unverkennbar, dass Prometheus introvertierte Charakterzüge
aufweist. Er bietet das Bild eines seiner Innenwelt, seiner Seele getreuen
Introvertierten. Er drückt sein Wesen treffend aus in den Worten[106], die er
dem Engel erwidert: „Jedoch nicht stehts bei mir zu richten über meiner
Seele Angesicht, denn siehe, meine Herrin ists, und ist mein Gott in Freud
und Leid, und was ich immer bin, von ihr hab ichs zu eigen.
Und drum so will mit ihr ich teilen meinen Ruhm, und wenn es muss
geschehen, wohlan, so mag ich ihn entbehren.“

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Prometheus ergibt sich damit auf Gnade und Ungnade seiner Seele, d. h.
also der Funktion der Beziehung zur Innenwelt. Darum hat auch die Seele
einen geheimnisvollen, metaphysischen Charakter, eben um der Beziehung
zum Unbewussten willen. Prometheus verleiht ihr die absolute Bedeutung
als Herrin und Führerin in derselben unbedingten Weise, wie sich
Epimetheus der Welt ergibt. Er opfert sein individuelles Ich der Seele, der
Beziehung zum Unbewussten als der Mutterstätte der ewigen Bilder und
Bedeutungen und wird dadurch entselbstet, indem ihm das Gegengewicht
der Persona[107], der Beziehung zum äussern Objekt entgeht. Mit der
Dahingebung an seine Seele gerät Prometheus ausser allen Zusammenhang
mit der Umwelt und verliert dadurch die unerlässliche Korrektur durch die
äussere Realität. Dieser Verlust verträgt sich aber schlecht mit dem Wesen
dieser Welt. Daher erscheint dem Prometheus ein Engel, offenbar ein
Repräsentant der Weltregierung; ins Psychologische übersetzt: das
projizierte Bild einer auf Realanpassung gerichteten Tendenz.
Dementsprechend sagt der Engel zu Prometheus:
„Es wird geschehen, wenn du es nicht vermagst und dich befreist von
deiner Seele ungerechter Art, so ist dahin für dich der vielen Jahre grosser
Lohn und deines Herzens Glück und all die Früchte deines vielgestalten
Geistes,“ und an anderer Stelle: „Verworfen wirst du sein am Tag des
Ruhms um deiner Seele willen, die da kennet keinen Gott und achtet kein
Gesetz und nichts ist ihrem Hochmut heilig, so im Himmel als auf Erden.“
Da Prometheus einseitig auf Seiten der Seele steht, so geraten alle
Tendenzen zur Anpassung an die äussere Welt in die Verdrängung und
verfallen so dem Unbewussten. Infolgedessen erscheinen sie, wenn sie
wahrgenommen werden, als nicht zur eigenen Persönlichkeit gehörend und
darum als projiziert. Damit steht in einem gewissen Widerspruch, dass auch
die Seele, auf deren Seite ja Prometheus getreten ist, und die er sozusagen
voll ins Bewusstsein aufnimmt, projiziert erscheint. Da die Seele eine
Beziehungsfunktion ist, wie die Persona, so besteht sie gewissermassen aus
zwei Teilen, einem Anteil, der dem Individuum zugehört und einem Anteil,
der dem Objekte der Beziehung, in diesem Fall dem Unbewussten zufällt.
Man ist zwar allgemein geneigt — wenn man nicht gerade ein Anhänger
der Hartmannschen Philosophie ist — dem Unbewussten nur die relative
Existenz eines psychologischen Faktors zuzubilligen. Aus
erkenntnistheoretischen Gründen sind wir nun keineswegs in der Lage
irgend etwas Gültiges auszusagen hinsichtlich einer objektiven Realität des

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psychologischen Erscheinungskomplexes, den wir als Unbewusstes
bezeichnen, so wenig wie wir in der Lage sind, irgend etwas Gültiges über
das Wesen der realen Dinge, das jenseits unseres psychologischen
Vermögens liegt, auszumachen. Ich muss aber aus Gründen der Erfahrung
darauf hinweisen, dass die Inhalte des Unbewussten in Bezug auf die
Tätigkeit unseres Bewusstseins denselben Wirklichkeitsanspruch erheben
vermöge ihrer Hartnäckigkeit und Persistenz, wie die realen Dinge der
Aussenwelt, wenn schon dieser Anspruch einer vorzugsweise nach Aussen
gerichteten Mentalität sehr unwahrscheinlich vorkommt. Es ist nicht zu
vergessen, dass es immer sehr viele Menschen gegeben hat, für welche die
Inhalte des Unbewussten einen grössern Wirklichkeitswert besassen, als die
Dinge der Aussenwelt. Das Zeugnis der menschlichen Geistesgeschichte
spricht zu Gunsten beider Wirklichkeiten. Eine tiefergehende Untersuchung
der menschlichen Psyche zeigt auch ohne weiteres eine im allgemeinen
gleich starke Beeinflussung der Bewusstseinstätigkeit von beiden Seiten,
sodass wir psychologisch aus rein empirischen Gründen ein Recht haben,
die Inhalte des Unbewussten als ebenso wirklich zu behandeln, wie die
Dinge der Aussenwelt, wenn schon diese beiden Realitäten sich
kontradizieren und ihrem Wesen nach gänzlich verschieden zu sein
scheinen. Es wäre aber eine durch nichts gerechtfertigte Unbescheidenheit,
wenn wir die eine Realität der andern überordnen wollten. Theosophie und
Spiritualismus sind dieselben gewalttätigen Übergriffe, wie der
Materialismus. Wir haben uns wohl in der Sphäre unseres psychologischen
Vermögens zu bescheiden. Wegen der eigenartigen Wirklichkeit der
unbewussten Inhalte darf man sie als Objekte bezeichnen mit demselben
Rechte, wie wir die äussern Dinge als Objekte bezeichnen. Wie nun die
Persona als Beziehung immer auch durch das äussere Objekt bedingt und
daher ebenso sehr im äussern Objekt verankert ist, wie im Subjekt, so ist
auch die Seele als Beziehung zum innern Objekt repräsentiert durch das
innere Objekt, daher stets auch vom Subjekt noch in gewissem Sinne
verschieden und darum als Verschiedenes wahrnehmbar. Sie erscheint
darum dem Prometheus als etwas von seinem individuellen Ich durchaus
Verschiedenes. Wenn schon ein Mensch sich der äussern Welt gänzlich
hingeben kann, so steht die Welt doch immer noch als ein von ihm
verschiedenes Objekt da, gleichermassen verhält sich auch die unbewusste
Welt der Bilder als ein vom Subjekt verschiedenes Objekt, auch wenn der
Mensch sich ihr ganz dahingibt.

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In derselben Weise, wie die unbewusste Welt der mythologischen Bilder
indirekt durch das Erleben am äussern Ding zu dem spricht, der sich der
Aussenwelt ganz ergibt, so spricht auch die reale Aussenwelt und ihre
Forderung indirekt zu dem, der sich ganz der Seele ergibt, denn niemand
kann den beiden Wirklichkeiten entgehen. Geht einer nur nach aussen, so
muss er seinen Mythus leben, geht er nach innen, so muss er sein äusseres,
das sogenannte reale Leben träumen. So spricht die Seele zu Prometheus:
„Ein Gott des Frevels bin ich, der dich abseits führet auf den
ungebahnten Pfaden. Du aber hattest nicht gehört und nun so ist nach
meinen Worten dir geschehen, und also haben sie dir weggestohlen deines
Namens Ruhm und deines Lebens Glück um meinetwillen.“[108]
Prometheus lehnt das Königtum, das ihm der Engel anbietet, ab, d. h. er
verwirft die Anpassung an das Gegebene, weil seine Seele dafür von ihm
gefordert wird. Während das Subjekt, nämlich Prometheus, durchaus
menschlicher Natur ist, ist die Seele von ganz anderer Art. Sie ist
dämonisch, weil das innere Objekt, mit dem sie als Beziehung verknüpft ist,
durch sie hindurch schimmert, nämlich das überpersönliche, collektive
Unbewusste. Das Unbewusste, betrachtet als der historische Untergrund der
Psyche, enthält in konzentrierter Form die ganze Abfolge der Engramme,
welche seit unmessbar langer Zeit die jetzige psychische Struktur bedingt
haben. Die Engramme sind nichts anderes als Funktionsspuren, welche
andeuten, in welcher Art durchschnittlich und am häufigsten und
intensivsten die menschliche Psyche funktioniert hat. Diese
Funktionsengramme stellen sich dar als mythologische Motive und Bilder,
wie sie teils identisch, teils sehr ähnlich bei allen Völkern vorkommen und
auch in den unbewussten Materialien des modernen Menschen unschwer
nachzuweisen sind. Es ist daher verständlich, wenn auch ausgesprochene
tierische Züge oder Elemente unter den unbewussten Inhalten auftreten
neben jenen erhabenen Figuren, welche den Menschen von jeher auf seinem
Lebenswege begleitet haben. Es handelt sich um eine ganze Welt von
Bildern, deren Grenzenlosigkeit in nichts derjenigen der Welt der „realen“
Dinge nachgibt. Wie dem Menschen, der sich persönlich ganz der äussern
Welt ergibt, diese ihm in Gestalt eines nächsten, geliebten Wesens
entgegentritt, an welchem er, falls ihm die äusserste Hingebung an das
persönliche Objekt Schicksal ist, die Zweideutigkeit der Welt und des
eigenen Wesens erfahren wird, so tritt dem Andern eine dämonische

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Personifikation des Unbewussten entgegen, welche die Gesamtheit, die
äusserste Gegensätzlichkeit und Zweideutigkeit der Welt der Bilder
verkörpert. Dies sind Grenzerscheinungen, die das normale Mittelmass
überschreiten, und darum weiss die normale Mitte nicht um diese
grausamen Rätsel. Sie existieren für sie nicht. Es sind immer nur die
Wenigen, welche den Rand der Welt erreichen, wo ihr Spiegelbild beginnt.
Wer immer in der Mitte steht, für den hat die Seele menschlichen, und nicht
dubiosen, dämonischen Charakter, so wie ihm auch die Nächsten nie
fragwürdig vorgekommen sind. Nur völlige Hingebung an das Eine oder
Andere bewirkt ihre Zweideutigkeit. Spittelers Intuition erfasste jenes
Seelenbild, das sich eine harmlosere Natur höchstens hätte träumen lassen.
So lesen wir p. 25: “Und während er sich so gebärdete in seines Eifers
Ungestüm, da spielt ein seltsam Zucken ihr um Mund und Angesicht und
immerwährend blinkten ihre Lider, schlugen hastig auf und zu, und hinter
ihren weichen feinbehaarten Wimpern lauert es und drohete und schlich
umher, dem Feuer gleich, das tückisch im Verborgenen durchzieht ein
Haus, und gleich dem Tiger, der sich windet unter dem Gebüsch und aus
den dunklen Blättern leuchtet ab und zu sein gelber buntgeflekter Körper.“
Die Lebenslinie, die sich Prometheus wählt, ist also unverkennbar eine
introvertierende. Er opfert die Gegenwart und seine Beziehung zu ihr, um
eine ferne Zukunft vorausdenkend zu schaffen.
Ganz anders Epimetheus: Er erkennt, dass sein Streben zur Welt geht
und nach dem, was der Welt gilt. Daher spricht er zum Engel: „Doch nun so
ist nach Wahrheit mein Begehr, und siehe, meine Seele liegt in deiner Hand,
und so es dir gefällt, so gib mir ein Gewissen, das mich lehre „Heit“ und
„Keit“ und jegliches gerechte Wesen.“ Epimetheus kann der Versuchung
nicht widerstehen, seine eigene Bestimmung zu erfüllen und sich dem
„seelenlosen“ Standpunkt zu unterwerfen. Dieser Anschluss an die Welt
belohnt sich auch sofort:
„Und es geschah, da Epimetheus sich erhob, da spürt er grösser seinen
Wuchs und fester seinen Mut und all sein Wesen war geeint und all sein
Fühlen war gesund von kräftigem Wohlbehagen. Und also kehrt er sichern
Schrittes durch das Tal, geraden Wegs, wie wer da niemand scheut, und
offenen Blicks, wie wen beseelt des eigenen Reichtums Angedenken.“

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Er hat, wie Prometheus sagt, „um Heit und Keit verhandelt seine freie
Seele“. Die Seele ist ihm (zu Gunsten seines Bruders) abhanden
gekommen. Er ist seiner Extraversion nachgegangen, und weil diese sich
nach dem äussern Objekt orientiert, so ist er in die Wünsche und
Erwartungen der Welt aufgegangen, äusserlich zunächst zu seinem grössten
Vorteil. Er ist ein Extravertierter geworden, nachdem er zuvor Jahre lang in
Nachahmung seines Bruders in der Einsamkeit gelebt hat, als ein durch
Nachahmung des Introvertierten verfälschter Extravertierter. Solche
unwillkürliche „simulation dans le caractère“ (Paulhan) kommt nicht selten
vor. Seine Entwicklung zum wirklichen Extravertierten ist darum ein
Fortschritt zur „Wahrheit“ und verdient die ihm zu Teil werdende
Belohnung.
Während Prometheus durch den tyrannischen Anspruch seiner Seele an
jeder Beziehung zum äussern Objekt verhindert ist, und im Seelendienste
die grausamsten Opfer bringen muss, empfängt Epimetheus einen zunächst
wirksamen Schutz gegen die dem Extravertierten drohende Gefahr des
völligen Verlorengehens an das äussere Objekt. Dieser Schutz besteht in
dem auf die traditionellen „richtigen Begriffe“ sich stützenden Gewissen,
also auf jenen nicht zu verachtenden Schatz an überlieferter
Lebensklugheit, von dem die öffentliche Meinung denselben Gebrauch
macht, wie der Richter vom Strafgesetzbuch. Damit ist dem Epimetheus
jene Beschränkung gegeben, welche ihn hindert, sich dem Objekt in dem
Masse hinzugeben, wie Prometheus seiner Seele. Das verbietet ihm das
Gewissen, das an Stelle seiner Seele steht. Da Prometheus der
Menschenwelt und ihrem kodifizierten Gewissen den Rücken kehrt, verfällt
er der grausamen Herrin Seele und ihrer anscheinenden Willkür, und die
Vernachlässigung der Welt büsst er mit grenzenlosem Leid. Die weise
Beschränkung durch ein untadeliges Gewissen verbindet dem Epimetheus
aber dermassen die Augen, dass er seinen Mythus blind leben muss, immer
im Gefühl des Rechttuns, da er stets in Übereinstimmung mit der
allgemeinen Erwartung bleibt, und stets mit Erfolg, da er Aller Wünsche
erfüllt. So will man den König sehen, und so stellt ihn Epimetheus dar bis
zum unrühmlichen Ende, bis dorthin nie verlassen von dem
rückenstärkenden allgemeinen Beifall. Seine Selbstsicherheit und
Selbstgerechtigkeit, sein unerschütterliches Vertrauen in seine allgemeine
Gültigkeit, sein unzweifelhaftes „Rechttun“ und sein gutes Gewissen,
lassen unschwer jenen Charakter erkennen, den Jordan geschildert hat. Man

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vergleiche pag. 102 ff. den Besuch des Epimetheus beim kranken
Prometheus, wo der König Epimetheus seinen leidenden Bruder heilen will:
„Und als sie alles dieses wohl vollbracht, da trat der König vor, und links
und rechts auf einen Freund sich stützend, hub er an und grüssete und
sprach die wohlgemeinten Worte:
„Von Herzen reuet mich’s um Dich, Prometheus, mein geliebter Bruder!
Doch nun so fasse Mut, denn sieh, hier hab ich eine Salbe, wohl bewährt für
alles Leid und heilet wunderbar in Hitze wie in Frost und also wohl zum
Trost als wie zur Strafe kannst Du sie gebrauchen.
Und also sprechend nahm er seinen Stock und band die Salbe fest und
reicht es alles ihm behutsam dar mit wichtigem Gebahren. Prometheus aber,
da er kaum vernahm der Salbe Duft und Angesicht, so wandte er sein Haupt
mit Ekel. Und über dem, da änderte der König seiner Stimme Ton, begann
und schrie und prophezeiete mit heissem Eifer:
„In Wahrheit grössre Strafe scheint Dir not, denn nicht genügt Dir
Deines Schicksals gegenwärtige Belehrung.“
Und also sprechend zog er einen Spiegel aus dem Rock und macht ihm
alles klar von Anbeginn, und wurde sehr beredt und wusste alle seine
Fehler.“
Diese Szene ist eine treffende Illustration zu den Worten Jordans:
„Society must be pleased if possible; if it will not be pleased, it must be
astonished, if it will neither be pleased nor astonished, it must be pestered
and shocked.“ Wir begegnen in dieser Szene etwa der gleichen Climax. Im
Orient bekundet ein reicher Mann seine Würde dadurch, dass er sich in der
Öffentlichkeit nicht anders zeigt, als auf zwei Sklaven gestützt. Epimetheus
benützt diese Pose, um Eindruck zu machen. Mit dem Wohltun muss auch
gleich die Ermahnung und die moralische Belehrung verknüpft sein. Und
als das nicht verfängt, so muss der andere doch wenigstens mit dem Bild
seiner eigenen Gemeinheit erschreckt werden. Denn alles geht auf das
Eindruckmachen. Es gibt eine amerikanische Redensart, welche sagt: In
Amerika haben zwei Arten von Menschen Erfolg: der, der etwas kann und
der, der es geschickt blufft. D. h. der Schein ist bisweilen ebenso erfolgreich
wie die wirkliche Leistung. Der Extravertierte dieser Art arbeitet vorzüglich
mit dem Schein. Der Introvertierte will es erzwingen und missbraucht dazu
seine Arbeit. Bringen wir Prometheus und Epimetheus in einer

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Persönlichkeit zusammen, so ergibt sich daraus ein Mensch, der aussen
Epimetheus und innen Prometheus ist, wobei beide Tendenzen einander
beständig ärgern, und jede von ihnen versucht, das Ich endgültig auf ihre
Seite zu bringen.
2. Vergleichung von Spittelers mit Goethes Prometheus. Es ist von nicht
geringem Interesse, mit dieser Prometheusauffassung die Goethesche
Prometheusdarstellung zu vergleichen. Ich glaube, genügenden Grund zu
haben zu der Vermutung, dass Goethe eher dem extravertierten Typus
zugehört, als dem introvertierten, während ich Spittelers Art dem letztem
Typus zurechne. Einen völligen Nachweis für die Richtigkeit dieser
Vermutung zu erbringen, könnte nur einer ausgedehnten und sorgfältigen
Untersuchung und Analyse der Goetheschen Biographie gelingen. Meine
Vermutung gründet sich auf vielerlei Eindrücke, die ich nicht erwähnen
will, um nicht allzu Unzulängliches vorzubringen.
Die introvertierte Einstellung braucht nicht notwendigerweise mit der
Prometheusfigur zusammenzufallen, womit ich meine, dass die überlieferte
Prometheusfigur auch anders gedeutet werden könne. Diese andere Version
findet sich z. B. im Platonischen Protagoras, wo der Verteiler der
lebendigen Kräfte an die von den Göttern aus Erde und Feuer eben
gebildeten Wesen nicht Prometheus, sondern Epimetheus ist. An dieser
Stelle sowohl, wie im Mythus überhaupt, ist Prometheus (eben dem antiken
Geschmack entsprechend) hauptsächlich der Listen- und Erfindungsreiche.
Bei Goethe nun liegen zwei Fassungen vor. Im Prometheusfragment von
1773 ist Prometheus, der Trotzige, auf sich selbst sich stellende,
gottähnliche, die Götter verachtende Schöpfer und Bildner. Seine Seele ist
Minerva, die Zeustochter. Prometheus Beziehung zu Minerva hat viel
Ähnlichkeit mit derjenigen von Spittelers Prometheus zur Seele. So sagt
Prometheus zu Minerva:

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„Sind von Anbeginn mir Deine Worte Himmelslicht gewesen!
Immer als wenn meine Seele zu sich selbst spräche,
Sie sich eröffnete
Und mitgeborne Harmonieen
In ihr erklängen aus sich selbst,
Und eine Gottheit sprach
Wenn ich zu reden wähnte,
Und wähnt ich, eine Gottheit spreche,
Sprach ich selbst.
Und so mit dir und mir
So ein, so innig
Ewig meine Liebe dir!“

Und weiter:

„Wie der süsse Dämmerschein
der weggeschiednen Sonne
Dort herauf schwimmt
Vom finstern Kaukasus
Und meine Seele umgibt mit Wonneruh’,
Abwesend auch mir immer gegenwärtig,
So haben meine Kräfte sich entwickelt
Mit jedem Atemzug aus deiner Himmelsluft.“

Auch Goethes Prometheus ist abhängig von seiner Seele. Die
Ähnlichkeit mit der Beziehung des Spittelerschen Prometheus zur Seele ist
gross. So sagt Spittelers Prometheus zu seiner Seele: „Und ob sie alles mir
geraubt, so bleib’ ich über alle Massen reich, so lange einzig Du mir bleibst
und nennest mich „mein Freund“ aus deinem süssen Mund und blickest auf
mich nieder aus dem stolzen gnadenreichen Antlitz.“ Trotz der Ähnlichkeit
der beiden Figuren und ihrer Beziehung zur Seele besteht aber doch ein
wesentlicher Unterschied: Goethes Prometheus ist ein Schöpfer und
Bildner, und Minerva belebt seine Tongestalten. Spittelers Prometheus ist
nicht schaffend, sondern erleidend, nur seine Seele ist schaffend, aber ihr
Schaffen ist verborgen und geheimnisvoll. Sie sagt beim Abschied zu
ihm[109]: „Und nun, so scheide ich von Dir, denn siehe, meiner harrt ein
grosses Werk, ein Werk gewaltger Arbeit voll, und viele Eile tuet not, damit
ich es vollende.“ Es scheint, dass bei Spitteler der Seele die prometheiische
Schöpferarbeit zufällt, während Prometheus selber bloss die Qual einer
schöpferischen Seele erleidet. Goethes Prometheus aber ist selbsttätig, und

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zwar schöpferisch-tätig in erster Linie und ausschliesslich, und auf Grund
seiner eigenen Schöpferkraft den Göttern trotzend:

„Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?“

Epimetheus ist in diesem Stück spärlich charakterisiert, durchaus dem
Prometheus inferior, ein Anwalt des collektiven Gefühls, das Seelendienst
nur als „Eigensinn“ verstehen kann. So sagt Epimetheus zu Prometheus:

„Du stehst allein!
Dein Eigensinn verkennt die Wonne
Wenn die Götter, du,
Die Deinigen und Welt und Himmel all’
Sich ein innig Ganzes fühlten.“

Die im Prometheusfragment vorhandenen Andeutungen sind zu
spärlich, als dass wir daraus das Wesen des Epimetheus erkennen könnten.
Die Charakteristik von Goethes Prometheus aber lässt einen typischen
Unterschied erkennen zu der von Spittelers Prometheus. Goethes
Prometheus bildet und wirkt nach aussen in die Welt, er setzt von ihm
geformte und von seiner Seele belebte Gestalten in den Raum, er füllt die
Erde mit den Geburten seines Schaffens, zugleich ist er Lehrer und Erzieher
der Menschen. Bei Spittelers Prometheus aber geht alles nach innen,
verschwindet im Dunklen des Seeleninnern, wie er selber aus der Welt
verschwindet, sogar aus seiner engern Heimat auswandert, gewissermassen
um noch unsichtbarer zu werden. Nach dem compensatorischen Prinzip
unserer analytischen Psychologie muss in einem solchen Falle die Seele,
d. h. die Personifikation des Unbewussten, besonders tätig sein und ein
Werk vorbereiten, das aber noch unsichtbar ist. Ausser der bereits zitierten
Stelle gibt es bei Spitteler noch eine völlige Beschreibung dieses zu
erwartenden Äquivalenzvorganges. Wir finden sie im
Pandorazwischenspiel:
Pandora, diese rätselvolle Figur im Prometheusmythus, ist bei Spitteler
die Gottestochter, der, ausser einer allertiefsten Beziehung, sonst jede

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Beziehung zu Prometheus mangelt. Diese Fassung lehnt sich an die
Geschichte des Mythus an, wo das Weib, das in Beziehung zu Prometheus
tritt, entweder Pandora oder Athene ist. Der mythologische Prometheus hat
seine Seelenbeziehung zu Pandora oder Athene wie bei Goethe. Bei
Spitteler aber ist eine bemerkenswerte Spaltung eingetreten, die allerdings
auch schon beim historischen Mythus angedeutet ist, wo nämlich
Prometheus-Pandora sich mit der Analogie Hephaestus-Athene
kontaminieren. Bei Goethe ist die Version Prometheus-Athene bevorzugt.
Bei Spitteler hingegen ist Prometheus der göttlichen Sphäre entrückt, und
eine eigene Seele ist ihm gegeben. Seine Göttlichkeit und seine mythische
Urbeziehung zu Pandora aber sind als ein kosmisches Widerspiel im
Himmelsjenseits aufbewahrt und für sich agierend. Die Dinge, die im
Jenseits geschehen, sind Dinge, die im Jenseits unseres Bewusstseins
geschehen, d. h. im Unbewussten. So ist das Pandorazwischenspiel eine
Darstellung dessen, was im Unbewussten während der Leiden des
Prometheus geschieht. Während Prometheus aus der Welt verschwindet und
auch die letzte Brücke zur Menschheit abbricht, versinkt er in die Tiefe
seines Selbst und seine einzige Umgebung, sein einziges Objekt ist er
selbst. Und damit ist er „gottähnlich“, denn Gott ist seiner Definition
gemäss das Wesen, das überall in sich selbst ruht und immer und überall
vermöge seiner Omnipräsenz sich selber zum Gegenstand hat.
Selbstverständlich fühlt sich Prometheus ganz und gar nicht gottähnlich,
sondern elend in höchstem Masse. Nachdem Epimetheus noch gekommen
war, um sein Elend zu bespucken, hebt das Zwischenspiel im Jenseits an,
natürlicherweise in dem Moment, wo alle Beziehung zur Welt in
Prometheus bis zur Aufhebung zurückgedrängt war. Das sind
erfahrungsgemäss die Momente, wo die Inhalte des Unbewussten die beste
Möglichkeit haben, Selbständigkeit und Lebendigkeit zu gewinnen, sodass
sie das Bewusstsein sogar zu überwältigen vermögen.[110] Im Unbewussten
nun spiegelt sich des Prometheus Zustand folgenderweise: „Und an
desselben Tages dunklem Morgen wandelte auf einsam stiller Wiese über
allen Welten Gott, der Schöpfer alles Lebens, übend den verfluchten
Zirkelgang, gemäss dem sonderbaren Wesen seiner rätselhaften, schlimmen
Krankheit.
Denn wegen dieser Krankheit konnt’ er niemals enden seines Umgangs
Arbeit, durfte nimmer Ruhe finden auf dem Pfade seiner Füsse, sondern
ewig gleichen Schrittes macht er Tag für Tag und Jahr um Jahr die Runde

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um die stille Wiese, schweren Ganges, gesenkten Haupts, die Stirn
durchfurcht, das Angesicht verzerrt und immerwährend nach des Kreises
Mittelpunkt gerichtet die umwölkten Blicke.
Und während er so heute tat wie alle Tage unvermeidlichen Geschehens
und tiefer senkte sich vor Gram sein Haupt und schleppender geriet vor
Müdigkeit sein Schritt, und von der schlimm durchwachten Nacht erschien
verbraucht der Urquell seines Lebens:
Kam durch Nacht und Dämmerung daher Pandora, seine jüngste
Tochter, nahte ungewissen Schrittes sittsam der geweihten Stätte, stellt in
Demut sich zur Seite, grüssend mit bescheidnem Blick, und fragend mit des
Mundes ehrfurchtsvollem Schweigen.“
Es ist ohne weiteres einleuchtend, dass Gott die Krankheit des
Prometheus hat. Denn wie Prometheus alle seine Leidenschaft, seine ganze
Libido seiner Seele, dem Innersten zufliessen lässt und einzig und allein
dem Dienste seiner Seele sich geweiht hat, so geht auch sein Gott den
„Zirkelgang“ um den Weltmittelpunkt herum und erschöpft sich daran,
genau wie Prometheus, der nahe daran ist, auszulöschen. Das heisst: seine
Libido ist ganz ins Unbewusste hinübergegangen, wo sich ein Äquivalent
vorbereiten muss, denn die Libido ist Energie, die nicht spurlos
verschwinden kann, sondern immer ein Äquivalent erzeugen muss. Das
Äquivalent ist Pandora, und was sie dem Vater bringt: sie bringt ihm
nämlich ein köstliches Kleinod, das sie den Menschen zur Linderung ihrer
Leiden geben möchte.
Wenn wir diesen Vorgang in die menschliche Sphäre des Prometheus
übersetzen, so heisst es: während Prometheus im Zustande der
„Gottähnlichkeit“ leidet, bereitet seine Seele ein Werk vor, bestimmt die
Leiden der Menschheit zu lindern. Seine Seele möchte damit zu den
Menschen. Jedoch ist das Werk, das seine Seele in Wirklichkeit plant und
schafft, nicht identisch mit dem Werk der Pandora. Das Kleinod der
Pandora ist ein unbewusstes Spiegelbild, das symbolisch das wirkliche
Werk der Seele des Prometheus darstellt. Es geht aus dem Text
unzweifelhaft hervor, was das Kleinod ist: es ist ein Gott-Erlöser, eine
Erneuerung der Sonne.[111] Diese Sehnsucht drückt sich in der Krankheit
Gottes aus, er sehnt sich nach Wiedergeburt und deshalb fliesst seine ganze
Lebenskraft in das Zentrum des Selbst zurück, d. h. in die Tiefe des

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Unbewussten, aus der das Leben sich wieder neu gebiert. Darum ist auch
das Erscheinen des Kleinodes in der Welt geschildert, wie wenn die Bilder
der Buddhageburt aus dem Lalitavistara dabei angeklungen hätten[112]:
Pandora legt das Kleinod unter einem Nussbaum nieder, wie Maya ihr Kind
unter dem Feigenbaum gebiert.
„Im mitternächt’gen Schatten unter dem Baume glüht und sprüht und
flammt es immerdar, und gleich dem Morgenstern am dunklen Himmel
strahlten in die Ferne die demantnen Blitze.“
„Und auch die Bienen und die Schmetterlinge, die da tanzten überm
Blumengarten, eileten herbei, umspieleten, umgaukelten das
Wunderkind....“ „.... und aus den Lüften liessen schweren Falles sich die
Lerchen nieder, gierig, dass sie huldigten dem neuen, schönern
Sonnenangesicht, und als sie nun aus nächster Nähe schauten den weissen
Strahlenglanz, da schwindelte ihr Herz....“ „Und über allem diesem tronte
väterlich und mild der auserwählte Baum mit seiner Riesenkrone, seinem
schweren grünen Mantel, hielt die königlichen Hände schützend über seiner
Kinder Antlitz.
Und all die vielen Zweige beugten liebend sich herab und neigten sich
zur Erde, dass sie gleich als wie mit einem Zaune wehreten den fremden
Blicken, neidisch, dass sie einzig und allein genössen des Geschenkes
unverdiente Huld; und all die abertausend zartbeseelten Blätter bebeten und
zitterten vor Wonne, flüsterten vor freudiger Erregung einen weichen,
reingestimmten Chor in säuselnden Akkorden: „Wer wüsste, was verborgen
unter dem bescheidnen Dach, wer ahnte, welches Kleinod ruht in unserer
Mitte!“
Als für Maya die Stunde der Geburt gekommen, da gebar sie ihr Kind
unter dem Plaksa-Feigenbaum, der seine Krone schützend bis zur Erde
neigt. Vom fleischgewordenen Bodhisattva verbreitet sich unermesslicher
Lichtglanz durch die Welt, Götter und Natur nehmen an der Geburt teil. Wie
der Bodhisattva auf die Erde tritt, wächst unter seinen Füssen ein grosser
Lotus, und im Lotus stehend schaut er die Welt. Daher die tibetanische
Gebetsformel: om mani padme hum = oh über das Kleinod im Lotus! Der
Augenblick der Wiedergeburt findet den Bodhisattva unter dem
auserwählten Bodhibaume, wo er zu Buddha (dem Erleuchteten) wird.
Diese Wiedergeburt oder Erneuerung ist begleitet von demselben

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Lichtglanz und denselben Naturwundern und Göttererscheinungen wie die
Geburt.
Im Reiche des Epimetheus aber, wo nur das Gewissen herrscht und
nicht die Seele, geht das unermessliche Kleinod verloren. Der Engel,
wütend über des Epimetheus Stumpfheit, fährt ihn an: „Und war dir keine
Seele, dass du also roh und unvernünftig gleich den Tieren[113], dich
verstecktest vor der wunderbaren Gottheit?“
Man sieht, das Kleinod der Pandora ist eine Erneuerung Gottes, ein
neuer Gott; dies geschieht aber in der göttlichen Sphäre, d. h. im
Unbewussten. Die Ahnungen des Vorganges, die ins Bewusstsein
hinüberfliessen, werden vom epimetheischen Elemente, welches die
Beziehung zur Welt beherrscht, nicht erfasst. Dies ist ausführlich von
Spitteler in den folgenden Abschnitten[114] dargestellt, wo wir sehen, wie
die Welt, d. h. das Bewusstsein und seine rationale, an den äussern Objekten
orientierte Einstellung, unfähig ist, den Wert und die Bedeutung des
Kleinodes richtig einzuschätzen. Darüber geht das Kleinod
unwiederbringlich verloren.
Der erneuerte Gott bedeutet eine erneuerte Einstellung, d. h. die
erneuerte Möglichkeit intensiven Lebens, eine Wiedererlangung des
Lebens, weil psychologisch Gott immer den grössten Wert, also die grösste
Libidosumme, die grösste Lebensintensität, das Optimum der
psychologischen Lebenstätigkeit bedeutet. Bei Spitteler erweist sich
demnach die prometheische Einstellung sowohl wie die epimetheische als
unzulänglich. Die beiden Tendenzen dissoziieren sich, die epimetheische
Einstellung harmoniert mit dem gegebenen Zustand der Welt, die
prometheische dagegen nicht, weshalb letztere auf eine Erneuerung des
Lebens hinarbeiten muss. Sie erzeugt auch eine neue Einstellung zur Welt
(das der Welt geschenkte Kleinod), allerdings ohne damit bei Epimetheus
Anklang zu finden. Trotzdem erkennen wir unschwer im Pandorageschenk
bei Spitteler einen symbolischen Lösungsversuch des Problems, das wir
schon bei der Besprechung der Schillerschen Briefe hervorgehoben haben,
nämlich das Problem der Vereinigung der differenzierten und der
undifferenzierten Funktion.
Bevor wir uns aber noch weiter mit diesem Problem beschäftigen,
müssen wir zurückkehren zu Goethes Prometheus. Wie wir bereits sahen,

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bestehen unverkennbare Unterschiede zwischen dem schöpferischen
Prometheus Goethes und der erleidenden Figur Spittelers. Ein weiterer
wichtiger Unterschied ist die Beziehung zu Pandora. Bei Spitteler ist
Pandora ein jenseitiges, der göttlichen Sphäre angehöriges Duplikat der
Seele des Prometheus; bei Goethe dagegen ist sie ganz Geschöpf und
Tochter des Titanen, also in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis zu
ihm. Schon die Beziehung des Goetheschen Prometheus zu Minerva rückt
ihn an Stelle des Vulkan, und die Tatsache; dass Pandora ganz sein
Geschöpf ist, und nicht als von den Göttern geschaffen erscheint, macht ihn
zum Schöpfergott und entrückt ihn damit der menschlichen Sphäre. Daher
sagt Prometheus:

„Und eine Gottheit sprach,
Wenn ich zu reden wähnte,
Und wähnt’ ich, eine Gottheit spreche,
Sprach ich selbst.“

Bei Spitteler dagegen ist alle Gottheit von Prometheus abgestreift, selbst
seine Seele ist nur ein inoffizieller Dämon; die Gottheit ist für sich gesetzt,
abgetrennt vom Menschlichen. Insofern ist die Goethesche Fassung antik,
als sie die Göttlichkeit des Titanen unterstreicht. Dementsprechend muss
auch Epimetheus stark daneben abfallen, während er bei Spitteler viel
positiver hervortritt. In der „Pandora“ Goethes besitzen wir nun
glücklicherweise ein Stück, das uns eine vollständigere Charakterisierung
des Epimetheus übermittelt als das bis jetzt besprochene Fragment.
Epimetheus führt sich dort folgendermassen ein:

„Nicht sondert mir entschieden Tag und Nacht sich ab,
Und meines Namens altes Unheil trag ich fort;
Denn Epimetheus nannten mich die Zeugenden.
Vergangnem nachzusinnen, Raschgeschehenes
Zurückzuführen, mühsamen Gedankenspiels,
Zum trüben Reich gestaltenmischender Möglichkeit.
So bittre Mühe war dem Jüngling auferlegt,
Dass ungeduldig in das Leben hingewandt
Ich unbedachtsam Gegenwärtiges ergriff,
Und neuer Sorge neubelastende Qual erwarb.“

Mit diesen Worten kennzeichnet Epimetheus sein Wesen: er grübelt dem
Vergangenen nach und kann sich von Pandora, die er (der klassischen Sage

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gemäss) zum Weibe nahm, nicht mehr befreien, d. h. er kann sich ihres
Erinnerungsbildes nicht mehr entledigen; sie selber jedoch ist ihm längst
entlaufen, indem sie ihm ihre Tochter, Epimeleia, die Sorge, hinterliess,
während sie Elpore, die Hoffnung, mit sich nahm. Hier ist nun Epimetheus
in so deutlicher Weise geschildert, dass wir zu erkennen vermögen, welche
psychologische Funktion er darstellt. Während Prometheus auch in der
„Pandora“ derselbe Schöpfer und Bildner ist, und mit demselben
unversieglichen Drang zu schaffen und auf die Welt zu wirken sich täglich
früh vom Lager erhebt, ist Epimetheus ganz den Phantasien, Träumen und
Erinnerungen hingegeben, voll ängstlicher Besorgnis und sorgenvoller
Überlegung. Pandora tritt auf als Geschöpf des Hephaestus,
zurückgewiesen von Prometheus, aber von Epimetheus zur Gattin erwählt.
Von ihr sagt er:
„Die Schmerzen selbst um solch ein Kleinod sind Genuss.“ Pandora ist
ihm ein köstliches Kleinod, das höchste Gut sogar —

„Und sie gehört auf ewig mir, die Herrliche!
Der Seligkeit Fülle, die hab ich empfunden!
Die Schönheit besass ich, sie hat mich gebunden,
Im Frühlingsgefolge trat herrlich sie an.
Sie erkannt’ ich, sie ergriff ich, da war es getan!
Wie Nebel zerstiebte trübsinniger Wahn,
Sie zog mich zur Erd’ ab, zum Himmel hinan.
Du suchest nach Worten, sie würdig zu loben,
Du willst sie erhöhen, sie wandelt schon oben.
Vergleich’ ihr das Beste; du hältst es für schlecht.
Sie spricht, du besinnst dich; doch hat sie schon recht.
Du stemmst dich entgegen; sie gewinnt das Gefecht.
Du schwankst ihr zu dienen, und bist schon ihr Knecht.

Das Gute, das Liebe, das mag sie erwidern.
Was hilft hohes Ansehen, sie wird es erniedern,
Sie stellt sich ans Ziel hin, beflügelt den Lauf.
Vertritt sie den Weg dir, gleich hält sie dich auf.
Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf,
Gibst Reichtum und Weisheit und alles in den Kauf.
Sie steiget hernieder in tausend Gebilden,
Sie schwebet auf Wassern, sie schreitet auf Gefilden,
Nach heiligen Massen erglänzt sie und schallt,
Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt,
Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt.“

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Wie diese Verse deutlich zeigen, hat Pandora für Epimetheus die
Bedeutung eines Seelenbildes, sie stellt ihm die Seele dar: daher ihre
göttliche Gewalt, ihre nicht zu erschütternde Überlegenheit. Wo immer
solche Attribute gewissen Persönlichkeiten erteilt werden, kann man mit
Sicherheit schliessen, dass diese Persönlichkeiten Symbolträger resp.
Imagines sind für projizierte Inhalte des Unbewussten. Denn die Inhalte des
Unbewussten sind es, die mit jener oben geschilderten Übergewalt wirken
und besonders in jener Weise, wie sie Goethe unübertrefflich kennzeichnet
in der Strophe:

„Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf.“

Mit diesen Worten ist die eigentümliche affektive Verstärkung gewisser
Bewusstseinsinhalte durch Association analoger Inhalte des Unbewussten
vorzüglich geschildert. Diese Verstärkung hat etwas Dämonisch-
Zwingendes an sich, also eine „göttliche“ oder „teuflische“ Wirkung.
Wir haben oben die Goethesche Prometheusfigur als extravertiert
bezeichnet. Sie ist in der „Pandora“ dieselbe geblieben, jedoch fehlt hier die
Beziehung des Prometheus zur Seele, zum unbewussten Weiblichen. Dafür
aber tritt Epimetheus hervor als der nach innen Gerichtete, als der
Introvertierte. Er grübelt nach, er ruft die Erinnerungen aus dem Grabe der
Vergangenheit herauf, er „denkt“. Von Spittelers Epimetheus ist er ganz und
gar verschieden. Wir dürfen daher sagen, dass hier (in Goethes „Pandora“)
der früher angedeutete Fall tatsächlich eingetreten ist, wo Prometheus die
extravertierte, handelnde, Epimetheus aber die introvertierte, grüblerische
Einstellung ist.
Dieser Prometheus ist also etwa dasselbe in extravertierter Form, was
der Spittelersche in introvertierter Form ist. In der „Pandora“ dagegen ist
Prometheus rein schaffend für collektive Zwecke, er hat einen förmlichen
Fabrikbetrieb in seinem Berg eingerichtet, wo Bedarfsartikel für alle Welt
hergestellt werden. Er ist daher abgetrennt von seiner Innenwelt, welche
Beziehung dieses Mal dem Epimetheus zufällt, nämlich jenem sekundären
und rein reaktiven Denken und Fühlen des Extravertierten, dem alle
Merkmale der minderdifferenzierten Funktion zukommen. Daher ist auch
Epimetheus der Pandora gänzlich auf Gnade und Ungnade verfallen, weil
sie ihm in jeder Hinsicht überlegen ist. Psychologisch heisst das, dass die

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bewusste epimetheische Funktion des Extravertierten, nämlich eben jenes
phantastische, grüblerische und ruminierende Vorstellen durch das
Dazutreten der Seele verstärkt wird. Wenn die Seele in Verbindung steht mit
der minderdifferenzierten Funktion, so muss man den Schluss ziehen, dass
die hochwertige, resp. differenzierte Funktion zu collektiv sei, d. h. im
Dienste des Collektivgewissens[115] stehe, und nicht im Dienste der
Freiheit. Wo immer dieser Fall vorkommt — und er kommt sehr häufig vor
—, da ist die minderdifferenzierte Funktion, d. h. die „andere Seite“ durch
eine pathologische Egozentrizität verstärkt, d. h. der Extravertierte füllt
dann seine freie Zeit durch melancholische oder hypochondrische
Grübeleien aus, wenn nicht durch hysterische Phantasien und sonstige
Symptome[116]; der Introvertierte dagegen schlägt sich mit
Minderwertigkeitsgefühlen herum, die ihn zwangsmässig befallen und ihn
nicht weniger trübselig stimmen.[117]
Der Prometheus der „Pandora“ entspricht nicht mehr dem Spittelers. Er
ist blosses collektives Tätigkeitsstreben, welches in seiner Einseitigkeit eine
Verdrängung der Erotik bedeutet. Sein Sohn Phileros[118] ist reine erotische
Leidenschaft; denn als ein Sohn seines Vaters muss er, wie dies bei den
Kindern öfter der Fall ist, das von den Eltern zu wenig Gelebte unter
unbewusstem Zwange nachholen. Des Unbedachten, immer erst nachher
Bedenkenden, des Epimetheus Tochter, ist bezeichnenderweise Epimeleia =
die Sorge. Phileros liebt Epimeleia, die Tochter der Pandora, und so wird
des Prometheus Schuld, der Pandora zurückgewiesen hat, gesühnt. Zugleich
werden Prometheus und Epimetheus geeint, dadurch, dass die
Geschäftigkeit des Prometheus als nicht anerkannte Erotik sich herausstellt
und des Epimetheus beständiges Zurückschauen als vernünftige Besorgnis,
welche das ebenso beständige Produzieren des Prometheus hemmen und
aufs richtige Mass beschränken möchte. Dieser Goethesche
Lösungsversuch, der aus einer extravertierten Psychologie heraus
erwachsen zu sein scheint, führt uns zurück zu dem Spittelerschen
Lösungsversuch, den wir oben verlassen hatten, um uns mit der
Goetheschen Prometheusfigur zu beschäftigen.
Spittelers Prometheus wendet sich, wie sein Gott, von der Welt, der
Peripherie, weg und blickt nach innen, nach dem Mittelpunkt, jenem „engen
Durchgang“ der Wiedergeburt. Diese Konzentration oder Introversion leitet
die Libido allmählich ins Unbewusste. Dadurch wird die Tätigkeit der

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unbewussten Inhalte verstärkt; die Seele beginnt zu „arbeiten“ und schafft
ein Werk, das aus dem Unbewussten ins Bewusstsein auftauchen möchte.
Das Bewusstsein hat aber zwei Einstellungen: die prometheische, welche
die Libido von der Welt abzieht und introvertiert, ohne zu geben, und die
epimetheische, welche beständig ausgibt, seelenlos, geführt von den
Ansprüchen des äussern Objektes. Wenn Pandora ihr Geschenk der Welt
gibt, so heisst das im Psychologischen, dass ein unbewusstes Produkt von
hohem Werte das extravertierte Bewusstsein, d. h. die Beziehung zur realen
Welt zu erreichen im Begriff steht. Obschon die prometheische Seite, d. h.
der Künstler den hohen Wert des Werkes intuitiv erfasst, so ist doch seine
persönliche Beziehung zur Welt dermassen unter der Herrschaft der
Tradition in jeder Hinsicht, dass das Werk eben bloss als Kunstwerk
aufgefasst wird, und nicht auch als das, was es eigentlich ist, nämlich ein
Symbol, das eine Erneuerung des Lebens bedeutet. Damit es aber aus der
bloss ästhetischen Bedeutung heraus und zur Wirklichkeit komme, sollte es
auch ins Leben hineingelangen, dadurch, dass es darin aufgenommen und
gelebt wird. Wenn aber die Einstellung hauptsächlich introvertierend ist und
nur auf Abstraktion geht, dann ist die Extraversionsfunktion minderwertig,
d. h. im Banne collektiver Beschränktheit. Diese Beschränktheit verhindert,
dass das von der Seele geschaffene Symbol lebendig wird. Dadurch geht
das Kleinod verloren; man kann aber nicht wirklich leben, wenn „Gott“,
d. h. der höchste Lebenswert, der sich im Symbol ausdrückt, nicht lebendig
werden kann. Darum bedeutet der Verlust des Kleinods zugleich den
Beginn von Epimetheus Untergang.
Und nun beginnt die Enantiodromie: Anstatt dass, wie jeder Rationalist
und Optimist geneigt ist anzunehmen, auf den guten Zustand ein besserer
folge, weil ja alles in „aufsteigender Entwicklung“ sich bewege, schliesst
nun der Mann des trefflichen Gewissens, und der allgemein als gültig
anerkannten sittlichen Grundsätze einen Pakt mit Behemoth und seiner
Übeln Schar und verhandelt sogar die ihm anvertrauten Gotteskinder an den
Teufel. Psychologisch heisst das, dass die collektive, undifferenzierte
Einstellung zur Welt die höchsten Werte der Menschen ersticke und dadurch
zu einer destruktiven Macht werde, deren Wirkung solange zunimmt, bis
die prometheische Seite, nämlich die ideelle und abstrakte Einstellung sich
in den Dienst des Seelenkleinodes stellt und als ein ächter Prometheus der
Welt ein neues Feuer entzündet. Spittelers Prometheus muss aus seiner
Einsamkeit heraus und mit Gefahr seines Lebens den Menschen sagen, dass

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sie irren, und wo sie irren. Er muss die Unerbittlichkeit der Wahrheit
anerkennen, so wie Goethes Prometheus die Unerbittlichkeit der Liebe in
Phileros erfahren muss.
Dass das destruktive Element in der epimetheiischen Einstellung
tatsächlich die traditionelle und collektive Beschränktheit ist, beweist sich
klar in der rasenden Wut des Epimetheus gegen das „Lämmchen“, das eine
durchsichtige Karikatur der traditionellen Christlichkeit ist. In diesem
Affekt bricht etwas durch, das uns aus dem ungefähr gleichzeitigen
Eselsfest des Zarathustra wohlbekannt ist. Darin drückt sich eine
zeitgenössische Strömung aus.
Der Mensch vergisst nämlich immer wieder, dass etwas, das einstmals
gut war, nicht für immer und ewig gut bleibt. Er geht aber die alten Wege,
die einstmals gut waren, noch lange, wenn sie schon schlecht geworden
sind, und er kann sich nur mit den grössten Opfern und unter unerhörten
Mühen vom Wahne befreien, dass das einstmals Gute heute vielleicht alt
geworden und nicht mehr gut ist. Es geht ihm so im Kleinen wie im
Grossen. Die Wege und Weisen seiner Kindheit, die einstmals gut waren,
kann er kaum ablegen, auch wenn ihre Schädlichkeit längst erwiesen ist.
Dasselbe, nur in gigantischer Vergrösserung, ist der Fall mit der
historischen Einstellungsveränderung. Eine allgemeine Einstellung
entspricht einer Religion, und Religionswechsel gehören zu den
peinlichsten Momenten der Weltgeschichte. Unsere Zeit ist allerdings in
dieser Hinsicht von einer Verblendung, die ihresgleichen sucht. Man meint,
man müsse nur eine Bekenntnisformel als unrichtig und ungültig erklären,
um von allen traditionellen Wirkungen christlicher oder jüdischer Religion
psychologisch befreit zu sein. Man glaubt an Aufklärung, wie wenn eine
intellektuelle Schwenkung irgendwie einen tiefern Einfluss auf die
Gemütsvorgänge oder gar auf das Unbewusste hätte! Man vergisst völlig,
dass die Religion der vergangenen 2000 Jahre eine psychologische
Einstellung ist, eine bestimmte Art und Weise der Anpassung nach innen
und aussen, die eine bestimmte Kulturform erzeugt und damit eine
Atmosphäre geschaffen hat, welche von einer intellektuellen Leugnung
ganz unbeeinflusst bleibt. Die intellektuelle Schwenkung ist zwar
symptomatisch wichtig als ein Hinweis auf kommende Möglichkeiten, aber
die tiefern Schichten der Psyche arbeiten noch lange in der frühern
Einstellung weiter, gemäss der psychischen Inertie. Daher kommt es, dass

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das Unbewusste das Heidentum lebendig bewahrt hat. Die Leichtigkeit, mit
der der antike Geist sich wieder erhebt, kann man an der Renaissance
beobachten. Die Leichtigkeit, mit der sich der noch viel ältere primitive
Geist wieder erhebt, kann man in unserer Zeit vielleicht noch besser
beobachten als in irgend einer andern historisch bekannten Epoche. Je tiefer
eine Einstellung wurzelt, desto gewaltsamer müssen die Versuche ausfallen,
die davon befreien sollen. Der Ruf der Aufklärungsepoche: „Ecrasez
l’infâme“, leitete die religiöse Umsturzbewegung innerhalb der
französischen Revolution ein, welche psychologisch auch nichts anderes als
eine wesentliche Einstellungskorrektur bedeutete, der aber die Universalität
mangelte. Das Problem einer allgemeinen Einstellungsänderung schlief seit
jener Zeit nicht mehr ein; es tauchte vielmehr in vielen hervorragenden
Köpfen des XIX. Jahrhunderts wieder auf. Wir sahen bereits, wie Schiller
das Problem zu bewältigen versuchte. In Goethes Ansätzen zum
Prometheus-Epimetheusproblem erkennen wir wiederum den Versuch, die
höher differenzierte Funktion, welche dem christlichen Ideal der
Bevorzugung des Guten entspricht, irgendwie mit der minderdifferenzierten
Funktion, deren Verdrängung und Nichtanerkennung wiederum dem
christlichen Ideal der Verwerfung des Bösen entspricht, zu vereinigen.[119]
Mit dem Symbol des Prometheus und des Epimetheus wird die
Schwierigkeit, die Schiller philosophisch-ästhetisch zu bewältigen
versuchte, in das Gewand des antiken Mythus gehüllt. Damit geschieht
etwas, das ich schon früher als typisch und gesetzmässig hervorgehoben
habe: wenn der Mensch nämlich vor einer schwierigen Aufgabe steht, die er
mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln nicht bewältigen kann, dann
entsteht automatisch eine rückläufige Libidobewegung, d. h. eine
Regression. Die Libido zieht sich vom gegenwärtigen Problem zurück,
introvertiert sich und belebt im Unbewussten ein mehr oder weniger
primitives Analogon der bewussten Situation samt einem frühern
Anpassungsweg. Dieses Gesetz bedingt Goethes Symbolwahl: Prometheus
war der Heiland, welcher der im Dunkeln schmachtenden Menschheit Licht
und Feuer brachte. Goethes Wissen hätte allerdings auch einen andern
Heiland auffinden können, weshalb die eben angegebene Determinante zur
Erklärung nicht hinreichend ist. Es muss vielmehr auch am antiken Geiste
liegen, den gerade jene Zeit um die Wende des XVIII. Jahrhunderts als
unbedingt compensatorisch empfand und schätzte, und dies in jeglicher
Hinsicht, ästhetisch, philosophisch, moralisch, ja sogar politisch

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(Philhellenismus) auch ausdrückte. Der Paganismus der Antike, der als
„Freiheit“, „Naivetät“, „Schönheit“ etc. gepriesen wurde, war es, der dem
Sehnen jener Zeit entgegenkam. Jenes Sehnen entsprang, wie dies Schiller
so deutlich zeigt, der Empfindung der Halbheit, der seelischen Barbarei, der
moralischen Unfreiheit, der Unschönheit. Diese Empfindungen rühren samt
und sonders von der einseitigen Schätzung und von der damit verbundenen
Tatsache her, dass die psychologische Dissociation zwischen der höher- und
minderdifferenzierten Funktion fühlbar wurde. Die christliche Zerreissung
des Menschen in ein wertvolles und ein verworfenes Stück wurde jenem im
Vergleich zu frühern höher sensibilisierten Zeitalter unerträglich. Die
Sündhaftigkeit stiess sich an der Empfindung der ewigen, natürlichen
Schönheit, deren Anschauung jener Zeit allbereits möglich war; daher griff
sie auf ein Zeitalter zurück, wo die Idee der Sündhaftigkeit die Ganzheit des
Menschen noch nicht zerspalten hatte, wo das Höhere und das Tiefere
menschlicher Natur in völliger Naivetät ohne Kränkung des moralischen
oder ästhetischen Empfindens noch zusammen wohnen konnten.
Der Versuch einer regressiven Renaissance blieb aber in den Anfängen
stecken, wie das Prometheusfragment und die „Pandora“. Die klassische
Lösung ging nicht mehr, denn die zwischenliegenden christlichen
Jahrhunderte mit ihrem Tiefstes aufwühlenden Erleben liessen sich nicht
leugnen. Daher die antikisierende Richtung sich allmählich eine
Abmilderung ins Mittelalterliche gefallen lassen musste. Dieser Prozess
setzt am deutlichsten in Goethes Faust ein, wo das Problem bei den Hörnern
genommen wird. Die Gotteswette zwischen Böse und Gut wird
aufgenommen. Faust, der mittelalterliche Prometheus, tritt Mephistopheles,
dem mittelalterlichen Epimetheus gegenüber und schliesst den Pakt mit
ihm. Und hier ist das Problem nun schon so erhöht, dass man sehen kann,
wie Faust und Mephisto ein und derselbe Mensch sind. Das epimetheische
Element, das alles zurückdenkt und in das anfängliche Chaos „gestalten-
mischender Möglichkeit“ zurückführt, verschärft sich im Teufel zu der
bösen Gewalt, die allem Lebenden „die kalte Teufelsfaust“ entgegenhält
und das Licht in die Mutter Nacht, aus der es geboren, zurückzwingen
möchte. Der Teufel hat überall ein richtig epimetheisches Denken, das
Denken des „Nichts-als“, welches alles Lebendige auf das anfängliche
Nichts herunterschraubt. Die naive Leidenschaft des Epimetheus für die
Pandora des Prometheus, wird zur Teufelsabsicht des Mephistopheles auf
die Seele des Faust. Und die kluge Vorsicht des Prometheus, die göttliche

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Pandora auszuschlagen, wird gesühnt durch die Tragik der Gretchenepisode
und die spät erfüllte Sehnsucht nach Helena und durch den endlosen
Aufstieg zu den obern Müttern. („Das ewig Weibliche zieht uns hinan“.)
In der Figur des mittelalterlichen Zauberers steckt der prometheische
Trotz gegen die geltenden Götter. Der Zauberer hat ein Stück uralten
Heidentums gerettet[120], er selbst besitzt ein Wesen in sich, das von der
christlichen Zerspaltung nicht erreicht wurde, d. h. er hat Zugang zum
Unbewussten, das noch heidnisch ist, und wo noch die Gegensätze in
ursprünglicher Naivetät zusammenliegen, jenseits von aller Sündhaftigkeit,
aber, wenn aufgenommen in das bewusste Leben, geeignet, Böses mit
derselben ursprünglichen und darum dämonisch wirkenden Kraft zu
erzeugen, wie Gutes. („Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und
stets das Gute schafft.“) Er ist darum ein Verderber, sowohl wie ein Erlöser
(Faust: Spaziergang). Diese Figur ist darum vor allen geeignet, der
Symbolträger für einen Vereinigungsversuch zu werden. Zudem hat der
mittelalterliche Zauberer die antike Naivetät, die unmöglich geworden ist,
abgestreift und die ganze christliche Atmosphäre durch stärkstes Erleben
aufgesogen. Jenes Stück Heidentum muss ihn zuerst ganz in christliche
Selbstverleugnung und Selbstzerfleischung hineinstossen, denn seine
Erlösungssehnsucht ist so stark, dass jedes Mittel ergriffen wird.
Schliesslich versagt auch der christliche Lösungsversuch, und dann zeigt es
sich, dass in der Erlösungssehnsucht und in der Eigensinnigkeit der
Selbstbehauptung des heidnischen Stückes eben gerade die
Erlösungsmöglichkeit liegt, indem das antichristliche Symbol eine
Möglichkeit für das Aufnehmen des Bösen zeigt. Goethes Intuition hat
daher das Problem mit aller nur wünschenswerten Schärfe erfasst. Es ist
gewiss charakteristisch, dass die andern seichtern Lösungsversuche, wie das
Prometheusfragment, die „Pandora“ und der rosenkreuzerische
Kompromiss eines Synkretismus von dionysischer Freude mit dem
christlichen Selbstopfer in den „Geheimnissen“ unvollendet geblieben sind.
Die Erlösung des Faust beginnt mit seinem Tode. Sein Leben behielt den
prometheischen Göttlichkeitscharakter, der erst mit dem Tode, d. h. mit
seiner Wiedergeburt von ihm abfiel. Psychologisch will das heissen, dass
die Fausteinstellung aufzuhören hat, damit die Einheit des Individuums
zustande komme. Was zuerst als Gretchen erschien und dann zu Helena auf
höherer Stufe wurde, erhöht sich am Ende zur Mater gloriosa. Dieses
vieldeutige Symbol zu erschöpfen, kann hier meine Aufgabe nicht sein. Ich

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will nur darauf hinweisen, dass es sich um jenes urtümliche Bild handelt,
das bereits die Gnosis in hohem Masse beschäftigte, nämlich um die Idee
der göttlichen Hure Eva, Helena, Maria und Sophia-Achamoth.
3. Die Bedeutung des vereinigenden Symbols. Werfen wir von dem
nunmehr gewonnenen Standpunkt einen Blick auf die unbewusste
Problembearbeitung bei Spitteler, so fällt uns sofort auf, dass der Pakt mit
dem Bösen nicht der Absicht des Prometheus entspringt, sondern der
Gedankenlosigkeit des Epimetheus, der nur ein Collektivgewissen, aber
keinerlei Unterscheidungsvermögen für die Dinge der Innenwelt besitzt. Er
lässt sich ausschliesslich durch Collektivwerte bestimmen und übersieht
dadurch das Neue und Einzigartige, wie es dem am Objekt orientierten
Collektivstandpunkt bekanntlich immer geht. Mit objektivem Masstab
können wohl kurrente Collektivwerte gemessen werden, nicht aber
Neugeschaffnes, dem nur freie Schätzung — eine Sache des lebendigen
Gefühls — die richtige Bewertung geben kann. Dazu gehört aber ein
Mensch, der eine „Seele“ hat und nicht bloss Beziehungen zu äussern
Objekten. Der Niedergang des Epimetheus beginnt mit dem Verlust des
neugebornen Gottesbildes. Sein moralisch unanfechtbares Denken, Fühlen
und Handeln schliesst keineswegs aus, dass mehr und mehr das Böse, das
Destruktive und Leere sich einschleichen. Diese Invasion des Bösen
bedeutet eine Verwandlung des vorher Guten in eine Schädlichkeit. Damit
drückt Spitteler aus, dass das bisherige moralische Prinzip zwar zuerst
durchaus trefflich ist, mit der Zeit aber den Zusammenhang mit dem Leben
verliert, indem es die Fülle der Lebenserscheinung nicht in sich fassen
kann. Das rational Richtige ist ein zu enger Begriff, als dass es das Leben
im ganzen und auf die Dauer genügend erfassen und ausdrücken könnte.
Das irrationale Geschehnis der Gottesgeburt aber steht ausserhalb der
rationalen Geschehnisschranken. Die Gottesgeburt will psychologisch
sagen, dass ein neues Symbol, ein neuer Ausdruck der höchsten
Lebensintensität geschaffen sei. Alles Epimetheische im Menschen und alle
epimetheischen Menschen erweisen sich als unfähig, dieses Ereignis zu
fassen. Doch von diesem Moment an ist die höchste Lebensintensität nur
auf der neuen Linie zu finden. Jede andere Richtung stirbt allmählich aus,
d. h. sie fällt der Zerstörung und Auflösung anheim. Das neue
lebenspendende Symbol entstammt der Liebe des Prometheus zu seiner
Seele, welche reichlich als dämonisch gekennzeichnet ist. Man kann darum
sicher sein, dass im neuen Symbol und seiner lebendigen Schönheit das

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Element des Bösen miteingeflossen ist, denn sonst würde ihm das
leuchtende Leben mangeln, wie auch die Schönheit, denn Leben und
Schönheit sind natürlicherweise moralisch indifferent. Darum findet die
epimetheische Collektivität auch nichts Schätzenswertes daran. Die
Einseitigkeit ihres moralischen Standpunktes verblendet sie völlig. Dieser
Standpunkt ist identisch mit dem „Lämmchen“, d. h. traditionell christlich.
Die Wut des Epimetheus gegen das „Lämmchen“ ist also nichts anderes, als
das „Ecrasez l’infâme“ in erneuter Form, eine Auflehnung gegen die
hergebrachte Christlichkeit, die unfähig war, das neue Symbol zu begreifen
und damit das Leben in eine neue Bahn zu lenken.
Diese Konstatierung könnte einen durchaus kalt lassen, wenn Dichter
nicht solche wären, welche das collektive Unbewusste zu lesen imstande
sind. Sie erraten, als die Ersten ihrer Zeit, die geheimnisvollen Strömungen,
die sich unter Tag begeben und drücken sie nach individueller Fähigkeit in
mehr oder weniger sprechenden Symbolen aus. Sie verkündigen so, als
wahre Propheten, was im Unbewussten vorgeht, „was der Wille Gottes sei“
in der Sprache des Alten Testamentes, und was dementsprechend in der
Folgezeit unvermeidlich zu Tage treten wird als allgemeine Erscheinung.
Die erlösende Bedeutung der Tat des Prometheus bei Spitteler, der
Untergang des Epimetheus, seine Wiedervereinigung mit dem der Seele
lebenden Bruder und die Rache des Epimetheus am Lämmchen, die in ihrer
Grausigkeit an die Szene zwischen Ugolino und dem Erzbischof Ruggieri
(Dante: Inferno, XXXII) erinnert, bereiten auf eine Lösung des Konfliktes
vor, die mit einer blutigen Empörung gegen die hergebrachte collektive
Moral verbunden ist.
Bei einem Dichter von kleinen Proportionen darf man annehmen, dass
der Gipfel seines Werkes die Höhe seiner persönlichen Freuden, Leiden und
Wünsche nicht überrage. Bei Spitteler hingegen überragt das Werk
persönliches Schicksal. Darum steht seine Problemlösung nicht allein. Von
hier zu Zarathustra, dem Zerbrecher der Tafeln, ist es bloss ein Schritt.
Auch Stirner gesellt sich dazu, nachdem Schopenhauer als erster die
Verneinungslehre aufgestellt hatte. Er sprach von Verneinung der Welt.
Psychologisch heisst „Welt“, wie ich die Welt sehe, meine Einstellung zur
Welt, denn die Welt kann betrachtet werden als „mein Wille“ und „meine
Vorstellung“. Die Welt ist an sich indifferent. Mein Ja und Nein erzeugt die
Differenzen. Die Verneinung betrifft also die Einstellung zur Welt, und zwar

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in erster Linie Schopenhauers Einstellung zur Welt, die einerseits rein
intellektualistisch-rational ist und andererseits die Welt vermöge mystischer
Identität im eigensten Gefühl erlebt. Diese Einstellung ist introvertiert, sie
leidet also am typologischen Gegensatz. Schopenhauers Werk aber überragt
seine Persönlichkeit um ein Vielfaches. Es spricht aus, was viele Tausende
unklar dachten und fühlten. Ähnlich Nietzsche: sein Zarathustra vor allem
hebt die Inhalte des collektiven Unbewussten unserer Zeit überhaupt ans
Licht, daher wir auch bei ihm die entscheidenden Grundzüge finden: die
ikonoklastische Empörung gegen die herkömmliche Moralatmosphäre und
das Aufnehmen des „hässlichsten“ Menschen, das bei Nietzsche zu jener in
Zarathustra sich darstellenden erschütternden unbewussten Tragödie führt.
Was aber schöpferische Geister aus dem collektiven Unbewussten
heraufholen, das ist wirklich auch darin und tritt darum auch als
massenpsychologische Erscheinung früher oder später zu Tage. Der
Anarchismus, der Fürstenmord, die in neuester Zeit sich immer deutlicher
vollziehende Abspaltung eines anarchistischen Elementes von der
äussersten sozialistischen Linken, mit seinem absolut kulturwidrigen
Programm — das sind die massenpsychologischen Erscheinungen, welche
von Dichtern und schöpferischen Denkern längst schon ausgesprochen
wurden. Darum können uns die Dichter nicht kalt lassen, denn in ihren
Hauptwerken und in ihren tiefsten Inspirationen schöpfen sie aus den Tiefen
des collektiven Unbewussten und sprechen laut aus, was andere nur
träumen. Obschon es aber die Dichter laut aussprechen, so sprechen sie
doch nur das Symbol, an dem sie ästhetische Freude empfinden, ohne
Bewusstsein seiner wahren Bedeutung. Ich möchte nicht bestreiten, dass
Dichter und Denker einen erzieherischen Einfluss auf ihre Mit- und
Nachwelt haben; mir scheint aber, dass ihr Einfluss im wesentlichen darauf
beruht, dass sie etwas, was alle wissen, lauter und deutlicher sagen, und nur
insofern sie dieses allgemeine unbewusste „Wissen“ ausdrücken, wirken sie
erzieherisch oder verführerisch. Die grösste und unmittelbarste suggestive
Wirkung erzielt der Dichter, der die oberflächlichste Schicht des
Unbewussten in passender Form auszudrücken weiss. Je tiefer das Schauen
des schöpferischen Geistes dringt, desto fremder ist er der Masse und desto
grösser ist der Widerstand aller derjenigen, die sich einigermassen vor der
Masse auszeichnen. Die Masse versteht ihn nicht, lebt aber unbewusst, was
er ausspricht; nicht weil er es ausspricht, sondern weil sie aus dem
collektiven Unbewussten lebt, in das er schaute. Die Bessern der Nation

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verstehen zwar etwas von dem, was er sagt, aber weil das Ausgesprochene
einerseits mit den in der Masse sich begebenden Ereignissen übereinstimmt,
andererseits aber ihre eigenen Bestrebungen antizipiert, so hassen sie den
Schöpfer solcher Gedanken, nicht aus Bosheit, sondern aus Instinkt der
Selbsterhaltung. Wenn das Erkennen des collektiven Unbewussten eine
solche Tiefe erreicht, dass der bewusste Ausdruck den Inhalt nicht mehr
fassen kann, dann kann im Augenblick nicht mehr entschieden werden, ob
es sich um ein krankhaftes oder um ein wegen seiner besondern Tiefe
unverständliches Produkt handelt. Meist ist ein mangelhaft gefasster, aber
tief bedeutsamer Inhalt auch etwas Krankhaftes. Und krankhafte Produkte
sind in der Regel bedeutsam. Aber in beiden Fällen ist der Zugang
schwierig. Der Ruhm dieser Schöpfer, falls er sich überhaupt je einstellt, ist
posthum, und verspätet sich gelegentlich um mehrere Jahrhunderte. Die
Behauptung Ostwalds, dass heute ein genialer Geist höchstens noch auf die
Dauer von ungefähr einem Jahrzehnt verkannt werde, beschränkt sich
hoffentlich auf das Gebiet der technischen Erfindungen, sonst wäre eine
solche Behauptung lächerlich in höchstem Masse.
Noch ist auf einen Punkt hinzuweisen, der mir von besonderm Belang
erscheint. Die Problemlösung im „Faust“, im „Parzival“ von Wagner, bei
Schopenhauer, selbst bei Nietzsches Zarathustra ist religiös. Es ist daher
nicht erstaunlich, dass auch Spitteler zu einer religiösen Fassung gedrängt
ist. Wenn ein Problem religiös gefasst wird, so heisst es psychologisch: sehr
bedeutsam, von besonderm Werte, das Ganze des Menschen betreffend,
daher auch das Unbewusste (Götterreich, Jenseits, usw.). Bei Spitteler ist
sogar die religiöse Form von geradezu überwuchernder Fruchtbarkeit,
wobei das speziell Religiöse allerdings an Tiefe verliert, dafür aber an
mythologischem Reichtum, an Archaïsmus und darum auch an prospektiver
Symbolik gewinnt. Das wuchernde mythologische Gespinnst erhöht die
Unklarheit der Problemerfassung und -lösung, und macht darum das Werk
schwer zugänglich. Das Abstruse, Groteske und Geschmacklose, das der
mythologischen Wucherung immer anhaftet, verhindert die Einfühlung,
isoliert dadurch den Sinn des Werkes und gibt dem Ganzen einen etwas
unangenehmen Beigeschmack von jener Originalität, die sich nur dank
einer ängstlich-sorgfältigen Anpassung an anderer Stelle von psychischer
Abnormalität mit Erfolg unterscheiden kann.

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Die mythologische Wucherung, so ermüdend und unschmackhaft sie
auch sein mag, hat aber den einen Vorteil, dass nämlich das Symbol sich in
ihr entfalten kann, aber allerdings in einer dermassen unbewussten Weise,
dass der bewusste Witz des Dichters dem Ausdruck des Sinnes nirgends
nachzuhelfen weiss, sondern einzig und allein im Dienste der
mythologischen Wucherung und ihrer plastischen Ausgestaltung sich
abmüht. Darin unterscheidet sich Spittelers Dichtung vom „Faust“ sowohl
wie vom „Zarathustra“, dass der bewusste Anteil des Dichters am Sinne des
Symbols in letztern Fällen ein grösserer war, und infolgedessen die
mythologische Wucherung im „Faust“ und die Gedankenwucherung im
„Zarathustra“ zu Gunsten der erstrebten Lösung zurückgedrängt wurde.
Daher ist „Faust“ sowohl wie „Zarathustra“ weit schöner als Spittelers
Prometheus. Letzterer aber wahrer als relativ treues Abbild der wirklichen
Vorgänge im collektiven Unbewussten. „Faust“ sowohl wie „Zarathustra“
erweisen sich als hilfreich in hohem Masse bei der individuellen
Bewältigung des in Frage stehenden Problems; Spittelers „Prometheus und
Epimetheus“ hingegen ermöglicht eine allgemeinere Erkenntnis des
Problems und seiner collektiven Erscheinungsweise dank der mit allen
Mitteln unterstützten mythologischen Wucherungen. Was die Spittelersche
Demonstration unbewusster religiöser Inhalte in erster Linie erkennen lässt,
ist das Symbol der Gotteserneuerung, das dann im „Olympischen Frühling“
ausgedehnt behandelt wird. Dieses Symbol erscheint innigst verbunden mit
dem Typen- und Funktionsgegensatz und hat offenkundig die Bedeutung
eines Lösungsversuches in Form einer Erneuerung der allgemeinen
Einstellung, was in der Sprache des Unbewussten als Erneuerung des
Gottes ausgedrückt wird. Die Gotteserneuerung ist ein geläufiges
urtümliches Bild, das man sozusagen überall findet; ich erwähne nur den
ganzen Komplex des sterbenden und wiedererstehenden Gottes und alle
seine Vorstufen bis zur Erneuerung der Ladung der Fetische und Churingas
mit magischer Kraft. Das Bild drückt aus, dass die Einstellung sich
verändert hat, und dadurch eine neue Energiespannung eingetreten ist, eine
neue Möglichkeit der Manifestation des Lebens, eine neue Fruchtbarkeit.
Letztere Analogie erklärt den reichlich erwiesenen Zusammenhang der
Gotteserneuerung mit den Phänomenen der Jahreszeiten und des
Wachstums. Man ist natürlich geneigt, aus diesen Analogien auf
Jahreszeiten-, Vegetations-, Astral- oder Lunarmythus zu schliessen. Man
vergisst dabei ganz, dass ein Mythus wie alles Psychische nicht bloss durch

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das äussere Ereignis bedingt sein kann. Das Psychische bringt auch seine
eigenen innern Bedingungen mit, sodass man mit ebenso viel Recht auch
behaupten kann, der Mythus sei rein psychologisch und benütze die Daten
der meteorologischen oder astronomischen Vorgänge bloss als
Ausdrucksmaterial. Die Willkürlichkeit und Absurdität vieler primitiver
mythischer Behauptungen lässt diese Erklärungsversion öfter als treffend
erscheinen als jede andere.
Die psychologische Ausgangssituation für die Gotteserneuerung ist eine
zunehmende Spaltung in der Anwendungsweise der psychischen Energie,
der Libido. Die eine Hälfte begibt sich in eine prometheische, die andere
Hälfte in eine epimetheische Anwendungsweise. Natürlich hindern sich
solche Gegensätze nicht nur in der Societät, sondern auch im Individuum.
Daher das Lebensoptimum sich mehr und mehr von den gegensätzlichen
Extremen zurückzieht und eine Mittelstellung aufsucht, die
notwendigerweise irrational und unbewusst sein muss, weil nur die
Gegensätze rational und bewusst sind. Da nun die mittlere Position einen
irrationalen Charakter hat als Vereinigung von Gegensätzen und noch
unbewusst ist, so erscheint sie projiziert als vermittelnder Gott, als Messias
oder Mediator. Für unsere, in punkto Erkenntnis, primitivern westlichen
Religionsformen erscheint die neue Lebensmöglichkeit als Gott oder
Heiland, der aus Liebe oder aus väterlicher Fürsorge, aber aus seinem
eigenen innern Entschluss heraus die Zerspaltung aufhebt, wann und wie es
ihm aus uns verborgenen Gründen passt. Die Kindlichkeit dieser
Anschauung ist in die Augen springend. Der Osten hat seit Jahrtausenden
diesen Vorgang erkannt und deshalb auch eine psychologische Heilslehre
aufgestellt, welche den Erlösungsweg in den Bereich menschlicher Absicht
rückt. So hat die indische Religion sowohl wie die chinesische und der
beide Sphären verbindende Buddhismus die Vorstellung eines mittlern
Pfades, der von magischer Wirksamkeit, erlösend, und durch bewusste
Einstellung erreichbar ist. Die vêdische Anschauung sucht bewusst die
Befreiung aus den Gegensatzpaaren, um auf den Pfad der Erlösung zu
gelangen.
a) Die brahmanistische Auffassung des Gegensatzproblems. Der
Sanskritausdruck für Gegensatzpaar im psychologischen Sinn ist Dvandva.
Er bedeutet sonst noch Paar (bes. Mann und Weib), Streit, Zank,

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Zweikampf, Zweifel, etc. Die Gegensatzpaare wurden schon vom
Weltschöpfer geschaffen:
„Moreover, in order to distinguish actions, he separated merit from
demerit, and he caused the creatures to be affected by the pairs of opposites,
such as pain and pleasure.“[121] Der Kommentator Kulluka nennt als weitere
Gegensatzpaare: Wunsch und Zorn, Liebe und Hass, Hunger und Durst,
Sorge und Wahn, Ehre und Schande. „Immerfort hat diese Welt unter den
Gegensatzpaaren zu leiden.“[122] Es ist nun eine wesentliche ethische
Aufgabe, sich von den Gegensätzen nicht beeinflussen zu lassen
(nirdvandva = frei, unberührt von den Gegensätzen), sondern sich darüber
zu erheben, weil die Befreiung von den Gegensätzen zur Erlösung führt. Ich
gebe im folgenden eine Reihe von Belegen:
1. Aus dem Buch des Manu[123]: „Wenn er durch die Einstellung seines
Gefühls gleichgültig wird gegenüber allen Objekten, so erlangt er ewige
Glückseligkeit, sowohl in dieser Welt, wie nach dem Tode. Wer in dieser
Weise alle Bindungen allmählich aufgegeben hat und sich befreit hat von
allen Gegensatzpaaren, ruht in Brahman.“
2. Die bekannte Ermahnung Krishnas[124]: „Die Vedas beziehen sich auf
die drei Gunas[125]; Du aber, o Arjuna, sei gleichgültig gegen die drei
Gunas, gleichgültig gegen die Gegensätze (nirdvandva) immerdar standhaft
im Mut.“
3. Im Yogasutra des Patanjali heisst es[126]: „Dann (in der tiefsten
Versenkung, samadhi) erfolgt Unbetroffensein von den Gegensätzen.“[127]
4. Vom Wissenden[128]: „Daselbst schüttelt er ab gute und böse Werke,
dann übernehmen seine Bekannten, die ihm freund sind, sein gutes Werk
und die ihm nicht freund sind, sein böses Werk; gleichwie einer, auf einem
Wagen schnell fahrend, auf die Wagenräder hinabblickt, so blickt er herab
auf Tag und Nacht, so auf gute und böse Werke und auf alle Gegensätze; er
aber, frei von guten und bösen Werken, als Brahmanwisser, geht zu dem
Brahman ein.“
5. (Zur Versenkung ist berufen) „wer Gier und Zorn überwindet, das
Hängen an der Welt und die Sinnenlust; wer sich von den Gegensätzen frei
macht, wer das Ichgefühl (bezw. die Selbstsucht) aufgibt, der Hoffnung
ledig ist.“[129]

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6. Pandu, der ein Eremit werden will, sagt: „Mit Staub ganz bedeckt, im
Freien hausend, will ich an der Wurzel eines Baumes meine Wohnung
nehmen, alles, Liebes und Unliebes aufgeben, weder Kummer noch Freude
empfinden, Tadel und Lob gleich aufnehmen, weder Hoffnung hegen, noch
Verehrung bezeugen, frei von den Gegensätzen (nirdvandva), ohne Hab und
Gut.“[130]
7. „Wer im Leben und im Sterben, im Glück wie im Unglück, bei
Gewinnen und Verlieren, in Liebe und Hass sich gleich bleibt, der wird
erlöst. Wer nichts erstrebt und nichts gering achtet, wer frei von den
Gegensätzen (nirdvandva) ist, wessen Seele die Leidenschaft nicht kennt,
der ist gänzlich erlöst.
Wer weder Recht noch Unrecht tut, und den in früherm Dasein
aufgehäuften Schatz von (guten und bösen) Werken fahren lässt; wessen
Seele sich beruhigt, wenn die körperlichen Elemente dahinschwinden, wer
von den Gegensätzen sich frei hält, der wird erlöst.“[131]
8. „Volle tausend Jahre habe ich die Sinnendinge genossen, und doch
regt sich immer von neuem die Begier nach ihnen. Deshalb will ich sie
aufgeben, und meinen Geist auf Brahma richten; gleichgültig gegen die
Gegensätze (nirdvandva) und frei von Ichgefühl will ich mit dem Wild
umherstreifen.“[132]
9. „Durch Schonung aller Wesen, durch den Wandel eines Asketen,
durch Selbstbezwingung und Wunschlosigkeit, durch Gelübde und
untadliges Leben, durch Gleichmut und das Ertragen der Gegensätze wird
dem Menschen in dem qualitätlosen Brahma die Wonne zuteil.“[133]
10. „Wer frei ist von Überhebung und Verblendung, und den Fehler an
etwas zu hängen, überwunden hat, wer dem höchsten Atman treu bleibt,
wessen Wünsche erloschen sind, wer unberührt bleibt von den Gegensätzen
von Lust und Schmerz, diese von Verblendung Freien gelangen nach jener
unvergänglichen Stätte.“[134]
Wie aus diesen Zitaten[135] hervorgeht, sind es zunächst die äussern
Gegensätze, wie Hitze und Kälte, denen die psychische Anteilnahme
versagt werden soll, sodann aber auch extreme affektive Schwankungen,
wie Liebe und Hass usw. Die affektiven Schwankungen sind natürlich die
steten Begleiter aller psychischen Gegensätze, so natürlich auch aller

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gegensätzlichen Auffassungen in moralischer und anderer Hinsicht. Solche
Affekte sind erfahrungsgemäss umso grösser, je mehr das erregende
Moment die Gesamtheit des Individuums berührt. Der Sinn der indischen
Absicht ist daher klar: sie will von den Gegensätzen der menschlichen
Natur überhaupt befreien, und zwar zu einem neuen Leben in Brahman,
dem Erlösungszustand und Gott zugleich. Brahman muss also die
irrationale Vereinigung der Gegensätze und somit ihre endgültige
Überwindung bedeuten. Obschon Brahman als Weltgrund und Weltschöpfer
die Gegensätze geschaffen hat, so müssen doch in ihm die Gegensätze auch
wieder aufgehoben sein, wenn anders er den Erlösungszustand bedeuten
soll. Ich gebe im folgenden eine Reihe von Belegen:
1. „Brahman ist sat und asat, das Seiende und Nichtseiende, satyam und
asatyam, die Realität und die Irrealität.“[136]
2. „Fürwahr, es gibt zwei Formen des Brahman, nämlich: das Gestaltete
und das Ungestaltete, das Sterbliche und das Unsterbliche, das Stehende
und das Gehende, das Seiende und das Jenseitige.“[137]
3. „Der Gott, der Schöpfer aller Dinge, das grosse Selbst, das immerdar
wohnt im Herzen des Menschen, wird wahrgenommen vom Herzen, der
Seele, dem Geiste, wer das weiss, erreicht Unsterblichkeit. Wenn das Licht
aufgegangen ist, dann gibt es nicht Tag noch Nacht, weder Sein noch
Nichtsein.“[138]
4. „Zwei sind im ewig, endlos höchsten Brahman latent enthalten,
Wissen und Nichtwissen. Vergänglich ist Nichtwissen, ewig Wissen, doch
der als Herr verhängt sie, ist der Andre.“[139]
5. „Das Selbst, kleiner als klein, grösser als gross, ist verborgen im
Herzen dieser Kreatur. Ein Mensch, befreit vom Begehren und befreit von
Bekümmernis, sieht die Majestät des Selbst durch die Gnade des Schöpfers.
Obschon er stille sitzt, so wandelt er ferne, obschon er stille liegt, so geht er
überall. Wer, ausser mir, ist fähig diesen Gott zu erkennen, der erfreut und
nicht erfreut?“[140]
6.

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„Eins — ohne Regung und doch schnell wie Denken, —
Hinfahrend, nicht von Göttern einzuholen —
Stillstehend, überholt es alle Läufer —
Ihm wob schon die Urwasser ein der Windgott.
Rastend ist es und doch rastlos,
Ferne ist es und doch so nah.
In allem ist es inwendig,
Und doch ausserhalb allem da.“[141]

7. „Aber gleichwie dort im Luftraume ein Falke oder ein Adler,
nachdem er umhergeflogen ist, ermüdet seine Fittiche zusammenfaltet, und
sich zur Niederkauerung begibt, also eilt auch der Geist zu jenem Zustande,
wo er, eingeschlafen, keine Begierde mehr empfindet und kein Traumbild
schaut.
Das ist seine wahre Form frei von Verlangen, frei von Übel, frei von
Furcht. Denn so, wie einer von einem geliebten Weibe umschlungen, kein
Bewusstsein hat von dem, was aussen oder innen ist, so auch hat der Geist,
von dem erkenntnisartigen Selbst (dem Brahman) umschlungen, kein
Bewusstsein von dem, was aussen oder innen ist.“ (Subjekt-
Objektgegensatz aufgehoben.)
„Ein Ozean ist diese eine Sekunde, frei von Zweiheit; dies ist die
Brahmanwelt, o König. So lehrte ihn Yajnavalkya. Dies ist sein höchstes
Ziel, dies sein höchster Erfolg, dies seine höchste Welt, dies seine höchste
Wonne.“[142]
8.

„Was regsam ist, was fliegt und dennoch still steht,
Was atmet und nicht atmet, was die Augen schliesst,
Das trägt die ganze Erde allgestaltig,
Und das zusammengehend wird zur Einheit.“[143]

Diese Anführungen zeigen, dass Brahman die Vereinigung und
Aufhebung der Gegensätze ist und daher zugleich auch als irrationale[144]
Grösse darüber steht. Es ist ein Gottwesen, zugleich das Selbst (allerdings

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in geringerm Masse als der verwandte Atmanbegriff) und ein bestimmter
psychologischer Zustand, der durch Isolierung gegenüber
Affektschwankungen ausgezeichnet ist. Da das Leiden ein Affekt ist, so
bedeutet die Befreiung von Affekten die Erlösung. Die Befreiung aus den
Schwankungen der Affekte, das heisst aus der Gegensatzspannung ist
gleichbedeutend mit dem Erlösungsweg, der allmählich zum
Brahmanzustand führt. Brahman ist daher auch in gewissem Sinne nicht nur
ein Zustand, sondern auch ein Prozess, eine „schöpferische Dauer“. Es ist
daher nicht erstaunlich, dass sein Begriff in den Upanishaden mit all den
Symbolen ausgedrückt wird, die ich früher als Libidosymbole[145]
bezeichnet habe. Ich gebe im folgenden die hiehergehörigen Belege:
b) Über die brahmanistische Auffassung des vereinigenden Symbols.
1. „Wenn es heisst: Brahman im Osten zuerst ward geboren, so wird als
jene Sonne das Brahman Tag für Tag im Osten geboren.“[146]
2. „Jener Mann in der Sonne ist Parameshtin, Brahman, Atman.“[147]
3. „Jener Mann, den sie in der Sonne zeigen, das ist Indra, ist Prajapati,
ist Brahman.“[148]
4. „Das Brahman ist ein sonnengleiches Licht.“[149]
5. „Was dieses Brahman ist, das ist eben das, was als jene
Sonnenscheibe glüht.“[150]
6.

„Brahman zuerst im Osten ward geboren;
Vom Horizont deckt auf den Glanz der Holde;
Die Formen dieser Welt, die tiefsten, höchsten,
Zeigt er, die Wiege des, was ist und nicht ist.
Vater der glänzenden, der Schätze Zeuger,
Ging ein er in den Luftraum allgestaltig;
Ihn preisen sie durch Lobgesang, das Junge,
Das Brahman ist, durch Brahman (Gebet) wachsen machend.
Das Brahman hat die Gottheiten, Brahman die Welt hervorgebracht.“[151]

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Ich habe gewisse, besonders charakteristische Stellen durch Sperrdruck
hervorgehoben, aus denen hervorgeht, dass Brahman nicht nur das
Hervorbringende ist, sondern auch das Hervorgebrachte, immer wieder
Werdende. Der Beiname „der Holde“ (vena), der hier der Sonne gilt, wird
an andern Stellen dem Seher, der mit dem göttlichen Licht begnadet ist,
gegeben, denn gleich wie die Brahman-Sonne, umwandelt auch des Sehers
Geist „Erd’ und Himmel, Brahman schauend“.[152] Diese intime Beziehung,
ja Identität des göttlichen Wesens mit dem Selbst (Atman) des Menschen,
dürfte allgemein bekannt sein. Ich erwähne folgendes Beispiel aus dem
Atharvaveda:

„Der Brahmanschüler belebend beide Welten geht.
In ihm sind einmütig die Götter alle.
Er hält und trägt die Erde und den Himmel,
Er sättigt durch sein Tapas[153] selbst den Lehrer.
Dem Brahmanschüler nah’n, ihn zu besuchen,
Väter und Götter, einzeln und in Scharen;
Und alle Götter sättigt er durch Tapas.“

Der Brahmanschüler ist selbst eine Inkarnation Brahmans, woraus die
Identität der Brahmanwesenheit mit einem bestimmten psychologischen
Zustand unzweifelhaft hervorgeht.
7.

„Von Göttern angetrieben, glänzt unüberragt die Sonne dort;
Aus ihr ward Brahmankraft, das höchste Brahman,
Die Götter all, und was sie macht unsterblich.
Der Brahmanschüler trägt das Brahman glanzvoll,
Ihm sind die Götter alle eingewoben.“[154]

8. Brahman ist auch Prana = Lebensodem und kosmisches
Lebensprinzip, ebenso ist Brahman Vayu = Wind, der im Brihadaranyaka-
Upanishad (3,7) als das kosmische und psychische Lebensprinzip
angegeben wird.[155]
9. „Er, der dieser (Brahman) ist im Menschen, und er, der jener
(Brahman) ist in der Sonne, beide sind eins.“[156]

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10. (Gebet eines Sterbenden): „Das Antlitz des Wahren (des Brahman)
ist von einer goldenen Scheibe bedeckt. Öffne diese, o Pushan (Savitri,
Sonne), dass wir sehen mögen das Wesen des Wahren. O Pushan, einziger
Seher, Yama, Surya (Sonne), Sohn des Prajapati, breite deine Strahlen aus
und sammle sie. Das Licht, das deine schönste Gestalt ist, ich sehe es. Ich
bin, was er ist (d. h. der Mann in der Sonne).“[157]
11. „Und dieses Licht, das über diesem Himmel leuchtet, höher als
Alles, höher als Jegliches, in der höchsten Welt, über welche hinaus es
keine andern Welten mehr gibt, das ist dasselbe Licht, das im Innern des
Menschen ist. Und dafür haben wir diesen sichtbaren Beweis: nämlich,
wenn wir so durch Berührung die Wärme hier und Körper
wahrnehmen.“[158]
12. „Wie ein Reiskorn, oder Gerstenkorn, oder Hirsekorn, oder eines
Hirsekorns Kern, so ist dieser Geist im innern Selbst, golden, wie eine
Flamme ohne Rauch; und er ist grösser als der Himmel, grösser als der
Raum, grösser als diese Erde, grösser als alle Wesen. Er ist des Lebens
Seele, er ist meine Seele; zu ihm, von hier, zu dieser Seele werde ich
hinscheidend eingehen.“[159]
13. Brahman wird Atharvaveda 10,2 als vitalistisches Prinzip, als
Lebenskraft, welche alle Organe und ihre zugehörigen Triebe schafft,
aufgefasst.
„Wer, dass er des Geschlechtes Faden fortspinne, pflanzt ihm Samen
ein, wer häufte auf ihn Geisteskräfte, gab Stimme ihm und Mienenspiel?“
Auch die Macht des Menschen stammt aus Brahman. Aus diesen
Belegen, deren Zahl sich um ein Vielfaches vermehren liesse, geht
unzweideutig hervor, dass der Brahmanbegriff übereinstimmt, vermöge
aller seiner Attribute und Symbole mit jener Idee einer dynamischen oder
schöpferischen Grösse, die ich als „Libido“ bezeichnet habe. Das Wort
„Brahman“ bedeutet: 1. Gebet, 2. Zauberspruch, 3. heilige Rede, 4. heiliges
Wissen (veda), 5. heiliger Wandel, 6. das Absolutum, 7. der heilige Stand
(der Brahmanen). Deussen hebt als besonders charakteristisch die
Gebetsbedeutung hervor.[160] Brahman leitet sich von barh, farcire, „die
Anschwellung“[161], d. h. das „Gebet“, aufgefasst als „der zum Heiligen,
Göttlichen emporstrebende Wille des Menschen.“

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Diese Ableitung weist auf einen gewissen psychologischen Zustand hin,
nämlich auf eine spezifische Konzentration der Libido, welche durch
überfliessende Innervationen einen allgemeinen Spannungszustand
hervorruft, der mit dem Gefühl der Anschwellung verknüpft ist. Daher man
auch in der Umgangssprache von einem solchen Zustand gerne Bilder von
Überfliessen, nicht mehr halten können, zerplatzen usw. gebraucht. („Wess’
das Herz voll ist, dess gehet der Mund über.“) Die indische Praxis sucht
diesen Zustand der Stauung oder Anhäufung der Libido planmässig durch
Abziehung der Aufmerksamkeit (der Libido) von den Objekten und von den
psychischen Zuständen, den „Gegensätzen“, herbeizuführen. Die
Abspaltung der Sinneswahrnehmung und die Auslöschung des
Bewusstseinsinhaltes führt gewaltsam zu einer Heruntersetzung des
Bewusstseins überhaupt (genau wie in der Hypnose) und belebt dadurch die
Inhalte des Unbewussten, d. h. die urtümlichen Bilder, die wegen ihrer
Universalität und ihres unbeschränkten Alters kosmischen und
übermenschlichen Charakter haben. Auf diese Weise kommen dann alle
jene Gleichnisse von Sonne, Feuer, Flamme, Wind, Atem, usw. herein,
welche von jeher als Symbole für die zeugende, schöpferische,
weltbewegende Kraft galten. Da ich mich mit diesen Libidogleichnissen in
einer speziellen Untersuchung[162] ausführlich beschäftigt habe, so kann ich
mir hier Wiederholungen ersparen. Die Idee eines schöpferischen
Weltprinzipes ist eine Projektion der Wahrnehmung des lebenden Wesens
im Menschen selbst. Man tut wohl am besten, dieses Wesen abstrakt als
Energie aufzufassen, um alle vitalistischen Missverständnisse von
vornherein auszuschliessen. Allerdings muss man aber auch auf der andern
Seite jene Hypostasierung des Energiebegriffes, welche sich die modernen
Energetiker leisten, strikte zurückweisen. Mit dem Begriffe der Energie ist
auch der Begriff der Gegensätzlichkeit gegeben, indem ein energetischer
Ablauf notwendig die Existenz eines Gegensatzes, d. h. zweier
verschiedener Zustände voraussetzt, ohne welche überhaupt kein Ablauf
stattfinden kann. Jedes energetische Phänomen (es gibt überhaupt kein
Phänomen, das nicht energetisch wäre) manifestiert Anfang und Ende, oben
und unten, heiss und kalt, früher und später, Ursprung und Ziel, usw., d. h.
die Gegensatzpaare. Die Untrennbarkeit des Energiebegriffes vom
Gegensatzbegriff haftet auch dem Libidobegriff an. Die Libidosymbole
mythologischer oder philosophisch-spekulativer Natur sind daher entweder
durch Gegensätze direkt dargestellt, oder lösen sich zu allernächst in

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Gegensätze auf. Ich habe auf diese innere Spaltung der Libido schon früher
hingewiesen und bin damit auf Widerstand gestossen, zu Unrecht, wie mir
scheint, denn die unmittelbare Association eines Libidosymbols mit dem
Gegensatzbegriff gibt mir recht. Wir finden diese Association auch beim
Brahmanbegriff oder -Symbol. In höchst merkwürdiger Weise findet sich
die Form Brahmans als Gebet und zugleich als vorweltliche Schöpferkraft,
letztere dabei in die Geschlechtsgegensätze aufgelöst, in einem Hymnus des
Rigveda[163]:

„Und dies Gebet des Sängers, aus sich breitend,
Ward eine Kuh, die vor der Welt schon da war;
In dieses Gottes Schoss zusammenwohnend,
Pfleglinge gleicher Hegung sind die Götter.
Was ist das Holz, was ist der Baum gewesen,
Aus dem sie Erd und Himmel ausgehauen,
Die beiden, alternd nicht und ewig hilfreich,
Wenn Tage schwänden und Vor-Morgenröten? —
So gross ist ausser ihm nichts mehr vorhanden,
Er ist der Stier, der Erde trägt und Himmel,
Das Wolkensieb umgürtet wie ein Fell er,
Der Herr, wenn er, wie Surya, fährt mit Falben.
Als Sonnenpfeil bestrahlt er weit die Erde,
Durchbraust die Wesen, wie der Wind die Nebel,
Wo er als Mitra, Varuna sich umtreibt,
Zerteilt er Glutschein wie im Walde Agni.
Als zugetrieben ihm, die Kuh gebar,
Schuf sie, bewegt, frei weidend, Unbewegtes.
Gebar den Sohn, der älter als die Eltern —“

In einer andern Form ist die mit dem Weltschöpfer unmittelbar
verbundene Gegensätzlichkeit dargestellt im Çatapatha-brahmanam 2, 2, 4:
„Prajapati[164] war diese Welt zu Anfang nur allein, der erwog: Wie kann
ich mich fortpflanzen?, er mühte sich ab, er übte Tapas[165]; da erzeugte er
aus seinem Munde Agni (das Feuer), weil er ihn aus seinem Munde
erzeugte[166]; darum ist Agni Speiseverzehrer. — Prajapati erwog: als
Speiseverzehrer habe ich diesen Agni aus mir erzeugt; aber es ist hier nichts
andres ausser mir vorhanden, was er essen könnte, denn die Erde war
damals ganz kahl beschaffen; es gab keine Kräuter und keine Bäume; das
war ihm in Gedanken. Da kehrte sich Agni mit aufgerissnem Rachen gegen
ihn. — Da sprach zu ihm die ihm eigne Grösse: Opfere! Und Prajapati
erkannte: die mir eigene Grösse hat zu mir gesprochen und er opferte —.
Darauf stieg Er empor, der dort glüht (die Sonne); darauf erhob sich Er, der

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hier läutert (der Wind). So hat also Prajapati dadurch, dass er opferte, sich
fortgepflanzt und zugleich vor dem Tode, der als Agni ihn fressen wollte,
sich selbst gerettet —.“
Das Opfer ist immer das Aufgeben eines wertvollen Stückes, dadurch
kommt der Opferer dem Gefressenwerden zuvor, d. h. es entsteht nicht eine
Verwandlung in den Gegensatz, sondern eine Vereinigung und
Ausgleichung, woraus sofort eine neue Libido- resp. Lebensform entsteht,
Sonne und Wind erheben sich. An einer andern Stelle im Çatapatha-
brahmanam wird angegeben, dass die eine Hälfte des Prajapati sterblich, die
andere unsterblich sei.[167]
In ähnlicher Weise, wie Prajapati sich schöpferisch in Stier und Kuh
teilt, so teilt er sich auch in die beiden Prinzipien Manas (Verstand) und Vac
(Rede). „Prajapati war diese Welt allein, die Vac war sein Selbst, die Vac
sein Zweites (sein alter ego); er erwog: ich will diese Vac hervorgehen
lassen, und sie soll hingehen, dieses All zu durchdringen. Da liess er die Vac
hervorgehen, und sie ging hin, indem sie dieses All erfüllte.“[168] Diese
Stelle ist insofern von besonderm Interesse, als die Rede hier als eine
schöpferische, extravertierende Libidobewegung aufgefasst wird, im
Goetheschen Sinne als eine Diastole. Eine weitere Parallele ist die folgende
Stelle: „Prajapati fürwahr war diese Welt, ihm war die Vac sein Zweites: mit
ihr pflog er Begattung; sie wurde schwanger; da ging sie von ihm aus, da
schuf sie diese Geschöpfe, und dann ging sie wieder in Prajapati
zurück.“[169] Çatapatha-Br. 8,1,2,9 wird der Vac sogar eine überragende
Bedeutung zu teil: „die Vac fürwahr ist der weise Viçvakarman, denn durch
die Vac ist diese ganze Welt gemacht.“ Çatap. Br. 1,4,5,8 wird die Frage des
Primates zwischen Manas und Vac aber anders entschieden: „Es geschah
einmal, dass der Verstand und die Rede sich um den Vorrang stritten. Der
Verstand sprach: Ich bin besser als du, denn du sprichst nichts, was ich nicht
vorher erkannt hätte —. Da sprach die Rede: Ich bin besser als du, denn
was du erkannt hast, das tue ich kund, das mache ich bekannt. Sie gingen
den Prajapati um Frageentscheidung an. Prajapati stimmte dem Verstande
bei und sprach: Allerdings ist der Verstand besser als du, denn was der
Verstand tut, das machst du nach und läufst in seinem Geleise; es pflegt
aber der Schlechtere nachzumachen, was der Bessere tut.“ (Deussen.)
Diese Stellen zeigen, dass sich der Weltschöpfer auch in Manas und
Vac, die zu einander in Gegensatz treten, spalten kann. Die beiden

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Prinzipien bleiben, wie Deussen hervorhebt, zunächst innerhalb des
Prajapati, des Weltschöpfers, wie aus folgender Stelle hervorgeht:
„Prajapati begehrte: ich will vieles sein, will mich fortpflanzen. Da
meditierte er schweigend in seinem Manas; was in seinem Manas war, das
bildete sich zum Brihat[170]; da bedachte er: dies liegt als eine Leibesfrucht
in mir, die will ich durch die Vac gebären. Da schuf er die Vac“ — etc.[171]
Diese Stelle zeigt die beiden Prinzipien in ihrer Natur als
psychologische Funktionen; nämlich Manas als Introversion der Libido mit
Erzeugung eines innern Produktes, Vac dagegen als die Funktion der
Entäusserung, der Extraversion. Mit dieser Vorbereitung können wir nun
auch eine weitere auf Brahman bezügliche Stelle[172] verstehen: Brahman
schuf zwei Welten. „Nachdem es in die jenseitige (Welt-) Hälfte
eingegangen, erwog es: Wie kann ich nun in diese Welten hineinreichen?
Und es reichte in diese Welten hinein durch zwei, durch die Gestalt und
durch den Namen. — Diese beiden sind die beiden grossen Ungetüme des
Brahman; wer diese beiden grossen Ungetüme des Brahman weiss, der
wird zum grossen Ungetüm; diese beiden sind die beiden grossen
Erscheinungen des Brahman.“
Wenig weiter wird „Gestalt“ als manas erklärt („Manas ist die Gestalt,
denn durch das manas weiss man, dass es diese Gestalt ist“) und „Namen“
als vac („denn durch die vac greift man den Namen“). Die beiden
„Ungetüme“ des Brahman erscheinen also als manas und vac, und damit als
zwei psychische Funktionen, mit denen Brahman in zwei Welten
„hineinreichen“ kann, womit offenbar „Beziehung“ gemeint ist. Mit manas
wird introvertierend die Gestalt der Dinge „aufgefasst“ oder
„aufgenommen“; mit vac wird extravertierend des Dinges Namen genannt.
Beides sind Beziehungen und Anpassungen oder Assimilationen der Dinge.
Die beiden Ungetüme sind offenbar auch personifiziert gedacht, worauf
auch der andere Name „Erscheinung“ = yaksha hindeutet, indem yaksha
soviel wie Dämon oder übermenschliches Wesen heisst. Die Personifikation
bedeutet psychologisch immer eine relative Selbständigkeit (Autonomie)
des personifizierten Inhaltes, d. h. eine relative Abspaltung von der
psychischen Hierarchie. Ein derartiger Inhalt gehorcht nicht der
willkürlichen Reproduktion, sondern reproduziert sich selbst spontan oder
entzieht sich auch dem Bewusstsein auf dieselbe Weise.[173] Eine solche
Abspaltung entwickelt sich z. B., wenn eine Inkompatibilität besteht

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zwischen dem Ich und einem gewissen Komplex. Wie bekannt, beobachtet
man diese Abspaltung sehr häufig zwischen dem Ich und dem
Sexualkomplex. Aber auch andere Komplexe können abgespalten sein, z. B.
der Machtkomplex, d. h. die Summe aller Strebungen und Vorstellungen,
die sich auf Erlangung persönlicher Macht richten. Es gibt nun aber noch
eine andere Art von Abspaltung, nämlich die Abspaltung des bewussten Ich
mit einer ausgewählten Funktion von den übrigen Komponenten der
Persönlichkeit. Man kann diese Abspaltung bezeichnen als eine
Identifikation des Ich mit einer gewissen Funktion oder Funktionsgruppe.
Diese Abspaltung ist sehr häufig bei Menschen, die sich besonders tief in
eine ihrer psychischen Funktionen versenken und sie zur alleinigen
bewussten Anpassungsfunktion differenzieren. Ein gutes literarisches
Beispiel eines solchen Menschen ist der Faust am Beginn der Tragödie. Die
übrigen Bestandteile der Persönlichkeit nähern sich in Gestalt des Pudels,
und dann des Mephistopheles. Trotzdem Mephistopheles, wie unzweifelhaft
durch viele Associationen nachzuweisen ist, auch den Sexualkomplex
repräsentiert, so wäre es doch meines Erachtens ungerechtfertigt,
Mephistopheles als einen abgespaltenen Komplex zu erklären, also z. B. als
verdrängte Sexualität. Diese Erklärung ist zu eng, denn Mephistopheles ist
noch mehr als bloss Sexualität, er ist auch Macht, er ist überhaupt das ganze
Leben Fausts, insofern es nicht Denken und Forschen ist. Dies zeigt der
Erfolg des Paktes mit dem Teufel auf’s Deutlichste. Welche ungeahnten
Möglichkeiten entwickeln sich nicht aus dem verjüngten Faust! Die richtige
Auffassung scheint mir daher die zu sein, wonach Faust mit der einen
Funktion sich identifiziert und mit ihr sich vom Ganzen seiner
Persönlichkeit abgespalten hat. Später spaltet sich dann der Denker in Form
Wagners von Faust ab.
Die bewusste Fähigkeit zur Einseitigkeit ist ein Zeichen höchster
Kultur. Die unwillkürliche Einseitigkeit aber, d. h. das Nichtanderskönnen
als Einseitigsein ist ein Zeichen von Barbarei. Daher wir auch die
einseitigsten Differenzierungen bei barbarischen Völkern finden, z. B. die
den guten Geschmack beleidigenden Erscheinungen der christlichen
Askese, parallele Erscheinungen bei den Yogin und im Tibetanischen
Buddhismus. Für den Barbaren besteht sogar immer die grosse Gefahr, dass
er irgend einer Einseitigkeit zum Opfer fällt und dadurch das Ganze seiner
Persönlichkeit aus den Augen verliert. Mit diesem Konflikt hebt z. B. auch
das Gilgamesh-Epos an. Die Einseitigkeit der Bewegung tritt beim

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Barbaren mit dämonischem Zwange auf; es ist etwas von Berserkerwut und
Amoklaufen darin. Die barbarische Einseitigkeit setzt immer einen
gewissen Grad von Instinktverkrüppelung voraus, welche beim Primitiven
fehlt, weshalb der Primitive im allgemeinen von der barbarischen
Einseitigkeit noch frei ist.
Die Identifikation mit einer bestimmten Funktion führt sofort in eine
Gegensatzspannung hinein. Je zwangsmässiger die Einseitigkeit ist, d. h. je
ungezähmter die Libido ist, welche zur einen Seite drängt, desto
dämonischer ist die Einseitigkeit. Denn der Mensch spricht dann von
dämonischer Besessenheit oder von magischem Bewirktsein, wenn er von
seiner eigenen ungezähmten, nicht domestizierten Libido hingerissen wird.
Manas und Vac sind auf diese Weise wirklich grosse Dämonen, indem sie
von gewaltiger Wirkung auf den Menschen sein können. Alle Dinge, die
grosse Wirkungen ausüben, wurden als Götter oder Dämonen aufgefasst. So
wurde manas in der Gnostik als der schlangenhafte Nous personifiziert, vac
als Logos. Vac verhält sich zu Prajapati wie der Logos zu Gott. Wir erleben
es sozusagen täglich, was für Dämonen Introversion und Extraversion sind.
Wir sehen es bei unsern Patienten und fühlen es an uns selbst, mit welcher
Kraft und Unwiderstehlichkeit die Libido nach innen oder nach aussen
strömt, oder mit welcher Unerschütterlichkeit sich eine introvertierte oder
extravertierte Einstellung festsetzen kann. Wenn daher manas und vac als
die Ungetüme Brahmans bezeichnet werden, so entspricht das vollständig
dem psychologischen Tatbestand, dass die Libido sich sofort bei ihrem
Erscheinen in zwei Strömungen spaltet, die sich in der Regel zeitlich
ablösen, zuweilen aber auch simultan in Form eines Konfliktes auftreten,
nämlich in eine Auswärtsströmung und in eine Einwärtsströmung. Das
Dämonische der beiden Bewegungen liegt an ihrer Unbeherrschbarkeit und
Übermacht. Diese Qualität macht sich allerdings nur dann bemerkbar, wenn
der Instinkt des Primitiven schon in höherm Masse beschränkt ist, wodurch
eine natürliche und zweckmässige Gegenbewegung gegen die Einseitigkeit
verhindert wird, und die Kultur noch nicht soweit fortgeschritten ist, dass
der Mensch seine Libido schon soweit gezähmt hätte, dass er die
introvertierende und extravertierende Libidobewegung freiwillig und
absichtlich mitmachen könnte.
c) Das vereinigende Symbol als dynamische Gesetzmässigkeit. Wir
haben die Entwicklung des erlösenden Prinzipes aus den Gegensatzpaaren

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und die Entstehung der Gegensatzpaare aus demselben schöpferischen
Prinzip an Zitaten aus den indischen Quellen verfolgt, und haben dabei
einen Einblick in ein offenbar gesetzmässiges psychologisches Geschehen
gewonnen, das wir auch mit den Begriffen unserer modernen Psychologie
unschwer vereinen können. Diesen Eindruck des gesetzmässigen
Geschehens übermitteln uns auch die indischen Quellen, indem sie
Brahman mit rita identifizieren. Was ist nun rita? Rita bedeutet: feste
Ordnung, Bestimmung, Richtung, Entscheidung, heiliger Brauch, Satzung,
göttliches Gesetz, das Rechte, Wahre. Seine Grundbedeutung nach Ausweis
der Etymologie ist: Fügung, (richtiger) Gang, Richtung, Direktive. Das
Geschehene, das von rita bedingt ist, erfüllt die ganze Welt, besonders aber
zeigt sich das rita in den Naturvorgängen, die sich gleich bleiben, und zuerst
die Vorstellung einer regelmässigen Wiederkehr erwecken: „Nach dem rita
hat die himmelgeborne Morgenröte aufgeleuchtet.“ Die weltordnenden
Väter haben „nach dem rita die Sonne am Himmel emporgeführt“, die selbst
„das helle sichtbare Antlitz des rita ist.“ Um den Himmel läuft das
zwölfspeichige Rad des rita, das nie alt wird, das Jahr. Agni wird Spross des
rita genannt. Im Tun des Menschen wirkt rita als das sittliche Gesetz, das
Wahrheit und das Gehen auf geradem Wege gebietet. „Wer dem rita folgt,
des Pfad ist schön zu gehen und dornlos.“ Das rita tritt auch im Kultus
hervor, sofern dieser als zauberische Wiederholung bezw. Hervorbringung
des kosmischen Geschehens gilt. Wie dem rita gehorchend die Ströme
fliessen, und die Morgenröte sich entflammt, so wird „unter des rita
Anschirrung“[174] das Opfer entzündet; auf dem Pfade des rita bringt Agni
das Opfer zu den Göttern. „Die Götter rufe ich, rein von Zauber; mit dem
rita tue ich mein Werk, schaffe ich mein Denken“, sagt der Opferer. Rita
erscheint im Veda nicht personifiziert, dagegen haftet ihm nach Bergaigne
der Anflug von concretem Wesen an. Da rita eine Richtung des Geschehens
ausdrückt, so gibt es „Pfade des rita“, es gibt „Wagenlenker“[175] und
Schiffe des rita, die Götter werden ihm gelegentlich parallel gesetzt. So
wird z. B. dasselbe von rita gesagt, was von Varuna gesagt wird. Auch
Mitra, der alte Sonnengott, wird mit rita in Verbindung gebracht (wie
oben!). Von Agni heisst es: „Du wirst Varuna, wenn du dem rita
zustrebst.“[176] Die Götter sind Hüter des rita.[177] Ich erwähne noch einige
wesentliche Zusammenhänge:
1. „Rita ist Mitra, da Mitra das Brahman ist, und rita das Brahman
ist.“[178]

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2. „Den Brahmanen die Kuh gebend, erwirbt man alle Welten sich, denn
in ihr ist ritam, Brahman beschlossen, und das Tapas auch.“[179]
3. „Prajapati wird der Erstgeborne des rita genannt.“[180]
4. „Die Götter folgten den Gesetzen des rita.“[181]
5. „Er, der ihn, den Verborgnen (Agni) sah, er, der sich dem Strome des
rita näherte.“[182]
6. „O Wissender des rita, wisse das rita! Erbohre viele Ströme des
rita.“[183]
Das Bohren bezieht sich auf den Dienst des Agni, dem dieser Hymnus
geweiht ist. (Agni wird hier auch der „rote Stier des rita“ genannt.) Im
Agnidienst wird Feuer gebohrt als ein magisches Symbol der
Wiedererzeugung des Lebens. Hier werden die Ströme des rita erbohrt,
offenbar mit derselben Bedeutung, nämlich Lebensströme wieder
heraufgebracht, aus Bindungen befreite Libido.[184] Die durch die rituelle
Feuerbohrung oder durch den Vortrag der Hymnen herbeigeführte Wirkung
ist natürlich vom Gläubigen als magische Wirkung des Objektes gedacht, in
Wirklichkeit aber eine „Bezauberung“ des Subjektes, nämlich eine
Erhöhung des Lebensgefühls, eine Befreiung und Vermehrung der
Lebenskraft, eine Wiederherstellung des psychischen Potentials.
7. So heisst es: „Obschon er (Agni) sich wegschleicht, so geht das
Gebet doch geradeswegs zu ihm. Sie (die Gebete) haben hervorgeführt die
fliessenden Ströme des rita.“[185]
Das Wiederauftreten des Lebensgefühls, des Gefühls der strömenden
Energie wird überhaupt gerne einer erschlossenen Quelle, oder dem
Schmelzen des bannenden Wintereises im Frühling oder dem Regen nach
langer Dürre verglichen.[186]
Damit stimmt folgende Stelle trefflich überein: „Die brüllenden
Milchkühe des rita waren überfliessend mit ihren vollen Eutern. Die Flüsse,
welche von ferne die Gunst (der Götter) erflehten, sind mitten durch den
Felsen gebrochen mit ihren Fluten.“[187]
Dieses Bild weist deutlich auf eine Energiespannung, auf eine
Libidostauung hin, die gelöst wird. Rita erscheint hier als Besitzer des

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Segens, der „brüllenden Milchkühe“, als eigentliche Quelle der befreiten
Energie.
8. In Übereinstimmung mit dem erwähnten Bilde des Regens für die
Befreiung der Libido befindet sich folgende Stelle: „Die Nebel fliegen, die
Wolken donnern. Wenn sie ihn, der anschwillt von der Milch des rita, auf
den geradesten Pfaden des rita geführt haben, dann füllen Aryaman, Mitra
und Varuna, er, der die Erde umwandelt, den Ledersack (die Wolke) in der
Gebärmutter der untern (Atmosphäre).“[188]
Agni ist der, der anschwillt von der Milch des rita, hier verglichen mit
der Blitzkraft, die aus angesammelten und regengefüllten Wolken
hervorbricht. Rita erscheint hier wieder als eigentliche Energiequelle, in der
Agni auch geboren ist, wie Vedic hymns l. c. p. 161, 7. ausdrücklich
erwähnt ist. Rita ist auch Pfad, d. h. gesetzmässiger Ablauf.
9. „Sie haben mit Zuruf begrüsst die Ströme des rita, welche verborgen
waren an der Geburtsstelle des Gottes, an seinem Sitze. Als er zerteilt
wohnte im Schosse der Wasser, da trank er, etc.“[189]
Diese Stelle ergänzt das eben Gesagte über rita als Libidoquelle, in der
der Gott wohnt und aus der er in der heiligen Prozedur hervorgeholt wird.
Agni ist die positive Erscheinung der vorher latenten Libido, er ist der
Vollbringer oder Erfüller des rita, sein „Wagenlenker“ (vergl. oben!), er
schirrt die zwei langmähnigen, roten Stuten des rita an.[190] Ja, er hält das
rita wie ein Pferd am Zügel. (Ved. Hymn. l. c. p. 382.) Er führt die Götter
den Menschen zu, d. h. also ihre Kraft und ihren Segen, welche nichts
anderes als bestimmte psychologische Zustände sind, wo das Lebensgefühl
und die Lebensenergie freier und glücklicher strömen, wo das Eis
gebrochen ist. Nietzsche erfasste diesen Zustand in jenem wundervollen
Vers:

„Der du mit dem Flammenspeere
Meiner Seele Eis zerteilt,
Dass sie brausend nun zum Meere
Ihrer höchsten Hoffnung eilt.“

10. Damit stimmen überein die folgenden Anrufungen: „Mögen die
göttlichen Tore sich öffnen, die Vermehrer des rita — die vielerwünschten
Tore, dass die Götter hervorkommen mögen. Mögen Nacht und

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Morgenröte, — die jungen Mütter des rita zusammen auf dem Opfergrase
sich niedersetzen, etc.“[191]
Die Analogie mit dem Sonnenaufgang ist unverkennbar. Rita erscheint
als die Sonne, denn aus Nacht und Dämmerung wird die junge Sonne
geboren.
11. „O göttliche, leicht durchschreitbare Tore, öffnet euch zu unserm
Schutze. Füllt das Opfer mit Seligkeit mehr und mehr: Wir nahen uns (mit
Gebeten) der Nacht und dem Morgen — den Vermehrern der Lebenskraft,
den zwei jungen Müttern des rita.“
Ich glaube, ich darf mir weitere Belege dafür ersparen, dass der Begriff
des rita ein Libidosymbol ist, wie die Sonne, der Wind, etc. Nur ist der
ritabegriff weniger concretistisch und enthält das abstrakte Element der
bestimmten Richtung und der Gesetzmässigkeit, d. h. des bestimmten,
ordnungsgemässen Pfades oder Ablaufes. Es ist also ein bereits
philosophisches Libidosymbol, das direkt dem stoischen Begriff der
εἱμαρμένη verglichen werden kann. Bei den Stoikern hat die εἱμαρμένη
bekanntlich die Bedeutung einer schöpferischen Urwärme und zugleich
eines bestimmten gesetzmässigen Ablaufes (daher auch ihre Bedeutung als
„Zwang der Gestirne“). Der Libido als psychologischem Energiebegriff
kommen diese Attribute als selbstverständlich zu: der Energiebegriff
schliesst die Idee eines bestimmt gerichteten Ablaufes eo ipso ein, denn der
Ablauf erfolgt immer von der höhern zur niedereren Spannung. So auch der
Libidobegriff, der nichts anderes bedeuten will, als die Energie des
Lebensablaufes. Seine Gesetze sind die Gesetze der Lebensenergie. Die
Libido als Energiebegriff ist eine quantitative Formel für die
Lebenserscheinungen, die bekanntlich von verschiedener Intensität sind.
Die Libido durchläuft, wie die physische Energie alle möglichen
Verwandlungen, von denen uns die Phantasien des Unbewussten und die
Mythen Kunde geben. Diese Phantasien sind wohl zunächst
Selbstabbildungen der energetischen Wandlungsprozesse, welche natürlich
ihre bestimmten Gesetze, einen bestimmten „Weg“ des Ablaufens haben.
Dieser Weg bedeutet die Linie oder Kurve des Optimums der energetischen
Auslösung sowohl wie der entsprechenden Arbeitsleistung. Dieser Weg ist
daher der Ausdruck für die strömende und sich manifestierende Energie
schlechthin. Der Weg ist rita, der „rechte Weg“, der Strom der
Lebensenergie, der Libido, die bestimmte Bahn, in der ein immer wieder

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sich erneuernder Ablauf möglich ist. Dieser Weg ist auch das Schicksal,
insofern das Schicksal von unserer Psychologie abhängt. Es ist der Weg
unserer Bestimmung und unseres Gesetzes. Es wäre grundfalsch zu
behaupten, dass eine solche Richtung nichts als Naturalismus sei, womit
man die Meinung ausdrückt, dass sich der Mensch seinen Trieben überlässt.
Dabei wird vorausgesetzt, dass die Triebe immer nach „Unten“ gehen, und
dass der Naturalismus ein unethisches Hinuntergleiten auf einer schiefen
Ebene sei. Ich habe nichts dagegen, wenn man den Naturalismus so
versteht, muss aber bemerken, dass der Mensch, der sich selber überlassen
ist, also alle Gelegenheit zum Hinuntergleiten hätte, wie z. B. der Primitive,
Moral und Gesetzgebung hat, die an Strenge der Forderung gelegentlich
unsere Kulturmoral beträchtlich überragen. Es tut dabei nichts zur Sache,
wenn dem Primitiven etwas anderes als gut oder böse gilt als uns. Die
Hauptsache ist, dass sein „Naturalismus“ zur Gesetzgebung führt. Die
Moralität ist kein Missverständnis, das ein ehrgeiziger Moses auf dem Sinai
erfand, sondern gehört mit zu den Lebensgesetzen und wird im normalen
Ablauf des Lebens erzeugt wie ein Haus oder ein Schiff oder ein anderes
Kulturinstrument. Die natürliche Strömung der Libido, eben dieser mittlere
Pfad, bedeutet einen völligen Gehorsam gegen die Grundgesetze
menschlicher Natur, und es lässt sich schlechterdings kein höheres
Moralprinzip aufstellen, als jene Übereinstimmung mit den natürlichen
Gesetzen, deren Einklang der Libido die Richtung gibt, in der das
Lebensoptimum liegt. Das Lebensoptimum ist nicht auf der Seite des rohen
Egoismus, denn der Mensch erreicht niemals sein Lebensoptimum auf der
Linie des Egoismus, denn im Grunde genommen ist er so beschaffen, dass
ihm die Freude des Nächsten, deren Verursacher er ist, etwas Unerlässliches
bedeutet. Ebenso wenig ist das Lebensoptimum zu erreichen auf dem Wege
eines ungezügelten individualistischen Überordnungsdranges, denn das
collektive Element im Menschen ist so stark, dass seine Sehnsucht nach
Gemeinschaft ihm die Freude am nackten Egoismus verdürbe. Das
Lebensoptimum lässt sich nur erreichen durch den Gehorsam gegen die
Strömungsgesetze der Libido, welche Systole und Diastole einander folgen
lassen, die die Freude geben und die notwendige Beschränkung, welche
auch die Lebensaufgaben individueller Natur stellen, ohne deren Erfüllung
das Lebensoptimum nie erreicht werden kann.
Wenn nun die Erreichung dieses Weges bloss in einem
Sichtreibenlassen bestünde, wie der meint, der über „Naturalismus“

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jammert, so hätte die tiefste philosophische Spekulation, welche die
Geistesgeschichte überhaupt kennt, keine raison d’être. Beim Anblick der
Upanishadphilosophie gewinnt man den Eindruck, als ob die Erreichung
des Pfades nicht gerade zu den einfachsten Aufgaben gehöre. Unser
occidentales Vornehmtun gegenüber den indischen Einsichten gehört zu
unserm barbarischen Wesen, das noch weit davon entfernt ist, die ganz
ausserordentliche Tiefe jener Gedanken und ihre erstaunliche
psychologische Richtigkeit überhaupt zu ahnen. Wir sind eben immer noch
so unerzogen, dass wir Gesetze von aussen brauchen und einen
Zuchtmeister, resp. Vater drüber, damit wir wissen, was gut ist, und das
Rechte tun können. Und weil wir noch so barbarisch sind, so kommt uns
das Vertrauen in die Gesetze der menschlichen Natur und des menschlichen
Pfades als ein gefährlicher und unethischer Naturalismus vor. Warum? Weil
bei dem Barbaren unter der dünnen Kulturhaut gleich die Bestie kommt,
und davor hat er mit Recht Angst. Aber das Tier wird nicht überwunden
dadurch, dass es in einen Käfig gesperrt wird. Es gibt keine Sittlichkeit ohne
Freiheit. Wenn ein Barbar seine Bestie loslässt, so ist das keine Freiheit,
sondern eine Unfreiheit. Um frei sein zu können, muss zuvor die Barbarei
überwunden werden. Dies geschieht im Prinzip dadurch, dass Grund und
Motivkraft der Sittlichkeit vom Individuum als Bestandteile seiner eigenen
Natur empfunden und wahrgenommen werden, und nicht als äussere
Beschränkungen. Wie aber kann der Mensch anders zu dieser Empfindung
und Einsicht gelangen als durch den Konflikt der Gegensätze?
d) Das vereinigende Symbol in der chinesischen Philosophie. Den
Begriff eines mittlern, zwischen den Gegensätzen liegenden Pfades finden
wir auch in China in der Form des Tao. Der Begriff des Tao tritt uns
meistens entgegen in Verbindung mit dem Namen eines Philosophen, Lao-
tsze, geb. 604 a. Chr. n. Dieser Begriff ist aber älter als die Philosophie des
Lao-tsze. Er hängt zusammen mit gewissen Vorstellungen der alten
Volksreligion vom Tao, dem „Wege“ des Himmels. Dieser Begriff
entspricht dem vedischen rita. Folgende sind die Bedeutungen von Tao: 1.
Weg, 2. Methode, 3. Prinzip, 4. Naturkraft oder Lebenskraft, 5.
gesetzmässige Naturvorgänge, 6. Idee der Welt, 7. Ursache aller
Erscheinungen, 8. das Rechte, 9. das Gute, 10. die sittliche Weltordnung.
Einige Übersetzer übersetzten Tao sogar mit Gott, nicht ohne eine gewisse
Berechtigung, denn Tao hat denselben Anflug concreter Substanzialität wie
rita.

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Ich will zunächst einige Belege aus dem Tao-te-king, dem klassischen
Buche des Lao-tsze geben:
1. „Ich weiss nicht, wessen Sohn es (Tao) ist; man kann es als vor der
Gottheit existierend ansehen.“[192]
2. „Es hat ein Unbestimmbares, Vollkommenes gegeben, das wirkte vor
Himmel und Erde. Wie still war es und wie formlos, für sich allein,
unveränderlich, alles umfassend und unerschöpflich! Es kann als die Mutter
aller Dinge betrachtet werden. Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich
bezeichne es als Tao.“[193]
3. Lao-tsze vergleicht das Tao dem Wasser, um sein Wesen zu
kennzeichnen: „Der Segen des Wassers zeigt sich darin, dass es allen gut tut
und dabei doch ohne Widerstreben immer den niedrigsten Ort aufsucht, den
alle Menschen meiden. So hat es etwas vom Tao an sich.“ — Der Gedanke
des „Gefälles“ könnte wohl nicht besser ausgedrückt sein.
4.

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„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,
Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

Die Verwandtschaft mit dem brahmanischen Grundgedanken ist
unverkennbar, ohne dass eine direkte Berührung braucht stattgefunden zu
haben. Lao-tsze ist ein durchaus origineller Denker, und das urtümliche
Bild, das dem rita-Brahman-Atman und Taobegriff zu Grunde liegt, ist
allgemein menschlich und findet sich als primitiver Energiebegriff, als
„Seelenkraft“ oder wie es sonst bezeichnet werden mag, überall wieder.
5. „Wer das Ewige kennt, ist umfassend; umfassend, daher gerecht;
gerecht, daher König; König, daher des Himmels; des Himmels, daher
Taos; Taos, daher fortdauernd: er büsst den Körper ein ohne Gefährde.“[195]
Die Kenntnis des Tao hat also dieselbe erlösende und erhöhende
Wirkung, wie das Wissen des Brahman: man wird eins mit Tao, mit der
unendlichen „schöpferischen Dauer“, um diesen neuesten philosophischen
Begriff seinen ältern Verwandten passend anzureihen, denn Tao ist auch der
Gang der Zeit.
5. Tao ist eine irrationale, daher durchaus unfassbare Grösse: „Tao ist
Wesen, aber unfasslich, aber unbegreiflich.“[196]
6. Tao ist auch nicht seiend: „Alle Dinge unter dem Himmel sind
entsprungen aus ihm als dem Seienden, aber das Sein dieses Seienden ist
wiederum aus ihm als dem Nichtseienden entsprungen.“[197] „Tao ist
verborgen, namenlos.“[198] Tao ist offenbar eine irrationale Vereinigung von
Gegensätzen, daher ein Symbol, das ist und nicht ist.
7. „Der Talgeist ist unsterblich, er heisst das tiefe Weibliche. Des tiefen
Weiblichen Pforte heisst Himmels und der Erden Wurzel.“
Tao ist das schöpferische Wesen, als Vater zeugend und als Mutter
gebärend. Es ist Anfang und Ende aller Wesen.
8. „Wess’ Tun mit Tao übereinstimmt, wird eins mit Tao.“ Daher der
Vollendete sich aus den Gegensätzen befreit, deren innigen Zusammenhang
und alternierendes Auftreten er durchschaut. So heisst es Kapitel 9: „Sich
selbst zurückziehen ist des Himmels Weg.“

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9. „Darum ist er (der Vollendete) unzugänglich für Anfreundung,
unzugänglich für Entfremdung, unzugänglich für Vorteil, unzugänglich für
Schaden, unzugänglich für Ehre, unzugänglich für Schmach.“[199]
10. Das Einssein mit dem Tao hat Ähnlichkeit mit dem geistigen
Zustand eines Kindes (Kap. 10, 28, 55).
Bekanntlich gehört diese psychologische Einstellung auch zu den
Bedingungen der Erwerbung des christlichen Gottesreiches, das im Grunde
genommen — trotz allen rationalen Deutungen — das zentrale, irrationale
Wesen, Bild und Symbol ist, von dem die erlösende Wirkung ausgeht. Das
christliche Symbol hat bloss einen mehr sozialen (Staats-) Charakter als die
verwandten östlichen Begriffe. Diese letztern schliessen sich unmittelbarer
an die jedenfalls seit Urzeit vorhandenen dynamistischen Vorstellungen,
nämlich an das Bild der magischen Kraft, die von Dingen und Menschen
ausgeht, auf höherer Stufe von Göttern oder von einem Prinzip.
11. Nach den Vorstellungen der taoistischen Religion zerfällt das Tao in
ein prinzipielles Gegensatzpaar, in Yang und Yin. Yang ist Wärme, Licht,
Männlichkeit. Yin ist Kälte, Dunkel, Weiblichkeit. Yang ist auch Himmel,
Yin Erde. Aus der Yangkraft stammt Schen, der Himmelsanteil der
Menschenseele, und aus der Yinkraft stammt Kwei, der irdische Seelenteil.
Der Mensch ist dermassen als ein Mikrokosmos auch ein Vereiniger der
Gegensatzpaare. Himmel, Mensch und Erde bilden die 3 Hauptelemente der
Welt, die San-tsai. Dieses Bild ist eine ganz ursprüngliche Vorstellung, die
wir ähnlich auch an andern Orten finden, z. B. in dem westafrikanischen
Mythus von Obatala und Odudua, dem Urelternpaar (Himmel und Erde),
die in einer Calebasse beisammenliegen, bis ein Sohn, der Mensch,
zwischen ihnen entsteht. Der Mensch als ein die Weltgegensätze in sich
vereinigender Mikrokosmos entspricht also dem irrationalen Symbol, das
psychologische Gegensätze vereinigt. Dieses Urbild des Menschen klang
offenbar auch bei Schiller an, als er das Symbol „lebende Gestalt“ nannte.
Die Zweiteilung der menschlichen Seele in eine Schen- oder Hwunseele
und eine Kwei- oder Pohseele, ist eine grosse psychologische Wahrheit.
Diese chinesische Vorstellung klingt wiederum an in der bekannten
Fauststelle:

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Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Die Existenz der zwei auseinanderstrebenden, gegensätzlichen
Tendenzen, die beide den Menschen in extreme Einstellungen
hineinzureissen und ihn in die Welt — sei es in deren geistige, sei es in
deren materielle Seite — zu verwickeln und dadurch mit sich selber zu
veruneinigen vermögen, fordert die Existenz eines Gegengewichtes,
welches eben die irrationale Grösse des Tao ist. Daher bemüht sich der
Gläubige ängstlich, in Übereinstimmung mit dem Tao zu leben, damit er
nicht der Gegensatzspannung verfalle. Da Tao eine irrationale Grösse ist, so
kann sie nicht absichtlich gemacht werden, was Lao-tsze immer wieder
betont. Diesem Umstand verdankt ein anderer spezifisch chinesischer
Begriff, das Wuwei, seine besondere Bedeutung. Es bedeutet „Nichtstun“,
aber wie Ular trefflich deutet: „Nicht tun, nicht Nichttun.“ Das rationale
„Es schaffen wollen“, das die Grösse und das Übel unserer eigenen Epoche
ist, führt nicht zum Tao.
Das Bestreben der taoistischen Ethik geht also darauf aus, jene aus dem
Weltgrund hervorgegangene Gegensatzspannung durch Rückkehr zum Tao
zu erlösen. In diesem Zusammenhang müssen wir auch des „Weisen aus
Omi“, Nakae Toju[200], jenes bedeutenden japanischen Philosophen des
XVII. Jahrhunderts gedenken. In Anlehnung an die Lehre der aus China
eingewanderten Chu-Hi-Schule stellte er zwei Prinzipien auf, Ri und Ki. Ri
ist die Weltseele, Ki der Weltstoff. Ri und Ki sind aber Eines und Dasselbe,
indem sie die Attribute Gottes sind und daher nur in ihm und durch ihn sind.
Gott ist ihre Vereinigung. Ebenso umfasst die Seele Ri und Ki. Von Gott
sagt Toju: „Gott als das Wesen der Welt umfasst die Welt, aber befindet sich
zugleich ganz in der Nähe von uns, und zwar in unserm eigenen Leib.“ Gott
ist für ihn ein allgemeines Ich, während das individuelle Ich „Himmel“ in
uns ist, etwas Übersinnliches, Göttliches, als Ryochi bezeichnet. Ryochi ist
„Gott in uns“ und wohnt in jedem Individuum. Es ist das wahre Ich. Toju
unterscheidet nämlich ein wahres und ein falsches Ich. Das falsche Ich ist
eine erworbene, aus verkehrten Meinungen entstandene Persönlichkeit.

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Man könnte dieses falsche Ich zwanglos als „persona“ bezeichnen, nämlich
als jene Gesamtvorstellung unseres Wesens, die wir aus der Erfahrung
unserer Wirkungen auf die Umwelt und ihrer Wirkungen auf uns
herausgebildet haben. Die Persona bezeichnet das, als was Einer sich selber
und der Umwelt erscheint, nicht aber das, was Einer ist, um mit den Worten
Schopenhauers zu reden. Was Einer ist, ist sein individuelles, nach Toju
„wahres“ Ich, das Ryochi. Ryochi wird auch das „Alleinsein“, das
„Alleinkennen“ genannt, offenbar weil es ein auf das Wesen des Selbst
bezogener Zustand ist, jenseits von allen durch äussere Erfahrung bedingten
persönlichen Urteilsbildungen. Toju fasst Ryochi als das „summum
bonum“, als „Wonne“ auf (Brahman ist ananda = Wonne). Ryochi ist das
Licht, das die Welt durchdringt, was Inouye ebenfalls mit Brahman
parallelisiert. Ryochi ist Menschenliebe, unsterblich, allwissend, gut. Das
Böse kommt vom Wollen (Schopenhauer!). Es ist die selbstregulierende
Funktion, der Vermittler und Vereiniger der Gegensatzpaare, Ri und Ki: Es
ist, ganz nach indischer Vorstellung, der „alte Weise, der dir im Herzen
wohnet“, oder wie Wang Yang-ming, der chinesische Vater der japanischen
Philosophie sagt: „In jedem Herzen wohnt ein Sejin (Weiser). Nur glaubt
man es nicht fest genug, deshalb ist das Ganze eingegraben geblieben.“
Es ist von hier aus nicht mehr schwierig zu verstehen, welches
urtümliche Bild zur Problemlösung in Wagners Parzival beigetragen hat:
Das Leiden besteht in der Gegensatzspannung zwischen dem Gral und
Klingsors Macht, die im Besitz des heiligen Speeres besteht. In Klingsors
Bann befindet sich Kundry, die instinktive noch naturhafte Lebenskraft, die
dem Amfortas mangelt. Parzival erlöst die Libido aus dem Zustande des
rastlosen Getriebenseins, indem er einerseits ihrer Macht nicht verfällt,
andererseits aber auch vom Gral getrennt ist. Amfortas ist beim Gral und
leidet daran, nämlich weil er das Andere nicht hat. Parzival hat keines von
beiden, er ist „nirdvandva“, frei von den Gegensätzen, und darum ist er
auch der Erlöser, der Spender der Heilung und der erneuten Lebenskraft,
der Vereiniger der Gegensätze, nämlich des Hellen, Himmlischen,
Weiblichen, des Grales, und des Dunkeln, Irdischen, Männlichen, des
Speeres. Der Tod der Kundry erklärt sich zwanglos als die Befreiung der
Libido aus der naturhaften, undomestizierten Form (aus der „Form des
Stieres“, vergl. oben!), die von ihr abfällt als tote Form, während die Kraft
als neues strömendes Leben im Aufleuchten des Grales hervorbricht. Durch
die zum Teil unwillkürliche Enthaltung von den Gegensätzen hat Parzival

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die Stauung erzeugt, die ein neues „Gefälle“ und damit eine erneute
Energiemanifestation ermöglichte. Die unverkennbare sexualistische
Sprache könnte leicht dazu verführen, die Vereinigung von Speer und
Gralsgefäss einseitig als eine Befreiung der Sexualität aufzufassen. Das
Schicksal des Amfortas zeigt aber, dass es nicht an der Sexualität liegt,
sondern im Gegenteil, dass es gerade sein Hinuntergleiten in eine
naturhafte, tierische Einstellung war, das die Ursache seines Leidens und
des Verlustes seiner Macht wurde. Die Verführung durch Kundry hat den
Wert eines symbolischen Aktes, der weniger bedeuten will, dass es die
Sexualität sei, welche solche Wunden schlägt, als vielmehr die Einstellung
des naturhaften Getriebenseins, des willenlosen Unterliegens unter die
biologische Lust. Diese Einstellung ist gleichbedeutend mit dem
Überwiegen des tierischen Anteils unserer Psyche. Wer vom Tier übermannt
wird, dem wird die Opferwunde, die dem Tier bestimmt ist (um der weitern
Entwicklung des Menschen willen) zugefügt. Wie ich schon früher in
meinem Buche über „Wandlungen und Symbole der Libido“ hervorhob,
handelt es sich im Grunde genommen nicht um das Sexualproblem, sondern
um die Domestikation der Libido, und um die Sexualität nur insofern, als
sie eine der wichtigsten und gefährlichsten Ausdrucksformen der Libido ist.
Wenn man im Falle des Amfortas und in der Vereinigung von Speer und
Gral nur das Sexualproblem sähe, so käme man in einen unlösbaren
Widerspruch hinein, denn das Schädigende wäre dann auch zugleich das
Heilende. Ein solches Paradoxon ist aber nur dann erlaubt und wahr, wenn
man zugleich die Vereinigung der Gegensätze auf einer höhern Ebene sieht,
nämlich wenn man versteht, dass es sich um Sexualität weder in dieser noch
in jener Form handelt, sondern einzig und allein um die Einstellung,
welcher alles Handeln, daher auch das sexuelle, unterworfen ist. Ich muss
immer wieder betonen, dass das praktische Problem der analytischen
Psychologie tiefer liegt, als Sexualität und ihre Verdrängung. Dieser
Gesichtspunkt ist zweifellos wertvoll für die Erklärung jenes infantilen und
darum krankhaften Stückes der Seele, aber er ist ungenügend als
Erklärungsprinzip für das Ganze der menschlichen Seele. Das, was jenseits
der Sexualität oder des Machttriebes steht, ist die Einstellung zur Sexualität
oder zur Macht. Insofern die Einstellung nicht bloss ein intuitives, d. h.
unbewusstes spontanes Phänomen ist, sondern auch eine bewusste
Funktion, ist sie hauptsächlich Auffassung. Unsere Auffassung in allen
problematischen Dingen wird von gewissen collektiven Ideen, welche

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unsere geistige Atmosphäre bilden, seltener bewusst, meist aber unbewusst
in höchstem Masse beeinflusst. Diese collektiven Ideen stehen in engster
Beziehung zu der Lebensauffassung oder Weltanschauung der vergangenen
Jahrhunderte oder Jahrtausende. Ob diese Abhängigkeit uns nun bewusst
oder unbewusst ist, tut nichts zur Sache, denn wir sind von diesen Ideen
beeinflusst schon durch die Atmosphäre, die wir atmen. Diese collektiven
Ideen haben immer religiösen Charakter, und eine philosophische Idee
erreicht nur dann collektiven Charakter, wenn sie ein urtümliches Bild, d. h.
ein collektives Urbild ausdrückt. Der religiöse Charakter dieser Ideen rührt
davon her, dass sie Tatbestände des collektiven Unbewussten ausdrücken
und dadurch auch latente Energien des Unbewussten auszulösen vermögen.
Die grossen Lebensprobleme zu denen u. a. auch die Sexualität gehört,
stehen immer in Beziehung zu den urtümlichen Bildern des collektiven
Unbewussten. Diese Bilder sind sogar die je nachdem balancierenden oder
compensierenden Faktoren gegenüber den Problemen, die das Leben an der
Wirklichkeit aufwirft. Das ist insofern nicht erstaunlich, als die Bilder die
Niederschläge der viel tausendjährigen Erfahrungen des Anpassungs- und
Daseinskampfes sind. Alle grossen Erlebnisse des Lebens, alle höchsten
Spannungen rühren deshalb an den Schatz dieser Bilder und bringen sie zur
innern Erscheinung, die als solche bewusst wird, wenn soviel
Selbstbesinnung und Fassungskraft vorhanden ist, dass das Individuum
auch denkt, was es erlebt, und es nicht bloss tut, d. h. ohne es zu wissen,
den Mythus und das Symbol concret lebt.

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4. Die Relativität des Symboles.
a) Frauendienst und Seelendienst. Das Prinzip der christlichen
Gegensatzvereinigung ist Gottesdienst, im Buddhismus Dienst am Selbst
(Selbstentwicklung), bei Goethe und bei Spitteler finden wir im Symbole
des Frauendienstes den Seelendienst als Lösungsprinzip angegeben. Darin
liegt einerseits das moderne individualistische, andererseits aber auch ein
primitives polydämonistisches Prinzip, das nicht nur jedem Stamm, sondern
auch jeder Sippe, jeder Familie, ja jedem Individuum sein eigenes religiöses
Prinzip zuweist.
Die mittelalterliche Vorlage zum Faust hat auch darum ihre ganz
besondere Bedeutung, weil es tatsächlich ein mittelalterliches Element ist,
das an der Wiege des modernen Individualismus steht. Begonnen hat es,
wie es mir scheint, mit dem Frauendienst, wodurch die Seele des Mannes
als psychologischer Faktor bedeutend verstärkt wurde; denn der
Frauendienst meinte Seelendienst. Dies ist nirgends schöner und völliger
ausgedrückt, als in Dantes „Göttlicher Komödie“. Dante ist der geistige
Ritter seiner Dame; für sie besteht er die Abenteuer der untern und obern
Welt. Und in dieser Heldenarbeit erhöht sich ihm ihr Bild bis zu jener
jenseitigen, mystischen Figur der Gottesmutter, einer Figur, die sich vom
Objekt gelöst hat und daher zur Personifikation eines rein psychologischen
Tatbestandes wird, nämlich derjenigen unbewussten Inhalte, deren
Personifikation ich als Seele bezeichne. Der XXXIII. Gesang des
Paradieses enthält diese Krönung der seelischen Entwicklung Dantes in
Bernhards Gebet:

„O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demüt’ger, höher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehen vom Herrn des ew’gen Throns,
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
Dass, der’s geschaffen hat, das höchste Gut,
In dir Geschöpf zu sein, dich auserlesen.“

Auf Dantes Entwicklung beziehen sich V. 22 ff.

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„Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,
Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleih’n,
Dass er die Augen höher heben könne,
Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weihn.“

V. 31 ff.

„Jedwede Wolke seiner Sterblichkeit
Sei weggebannt durch dein Gebet! Entfalten
Soll sich ihm höchste Wonn’ und Herrlichkeit!“

V. 37 ff.

„Lass ihn der ird’schen Regung widerstehn,
Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte
Mit mir zugleich, die Hände faltend, flehn!“

Der Umstand, dass hier Dante durch den Mund des heiligen Bernhard
spricht, weist auf jene Umgestaltung und Erhöhung seines eigenen Wesens
hin. Dieselbe Verwandlung erfolgt ja auch bei Faust, der von Margarethe zu
Helena, und von ihr zur Gottesmutter aufsteigt, und, indem er sein Wesen
durch figürlichen Tod mehrfach ändert, als Doktor Marianus das höchste
Ziel erreicht. Als solcher spricht Faust sein Gebet an die Jungfrau Mutter:

„Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.
Billige, was des Mannes Brust
Ernst und zart beweget
Und mit heiliger Liebeslust
Dir entgegenträget.
Unbezwinglich unser Mut,
Wenn du hehr gebietest;
Plötzlich mildert sich die Glut,
Wie du uns befriedest.
Jungfrau, rein im schönsten Sinn,
Mutter, Ehren würdig,
Uns erwählte Königin,
Göttern ebenbürtig.“

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und

„Blicket auf zum Retterblick,
Alle reuig Zarten,
Euch zu seligem Geschick
Dankend umzuarten.
Werde jeder bess’re Sinn
Dir zum Dienst erbötig;
Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin, bleibe gnädig!“

In diesem Zusammenhang müssen auch die bedeutsamen
Symbolattribute der Jungfrau in der Lauretanischen Litanei erwähnt
werden:

„Mater amabilis Du liebliche Mutter
Mater admirabilis Du wunderbare Mutter
Mater boni consilii. Du Mutter des guten Rates.
Speculum justitiae Du Spiegel der Gerechtigkeit
Sedes sapientiae Du Sitz der Weisheit,
Causa nostrae laetitiae Du Ursache unserer Freude,
Vas spirituale Du geistliches Gefäss,
Vas honorabile Du ehrwürdiges Gefäss,
Vas insigne devotionis Du vortreffliches Gefäss der Andacht,
Rosa mystica. Du geistliche Rose,
Turris Davidica, Du Turm Davids,
Turris eburnea, Du elfenbeinerner Turm,
Domus aurea, Du goldenes Haus,
Foederis arca Du Arche des Bundes,
Janua coeli Du Pforte des Himmels,
Stella matutina. Du Morgenstern.“
(Missale Romanum.)

Diese Attribute zeigen die funktionelle Bedeutung des
Jungfraumutterbildes; sie zeigen, wie das Seelenbild auf die bewusste
Einstellung wirkt, nämlich als Gefäss der Andacht, als feste Form, als
Quelle der Weisheit und der Erneuerung.
In gedrängtester und übersichtlichster Form finden wir diesen
charakteristischen Übergang vom Frauendienste zum Seelendienste in einer
frühchristlichen Bekenntnisschrift, im „Hirten“ des Hermas, der um 140 p.
Chr. n. schrieb. Das griechisch geschriebene Buch besteht aus einer Reihe
von Visionen und Offenbarungen, welche im wesentlichen die Befestigung
des neuen Glaubens darstellen. Das Buch galt eine Zeitlang als kanonisch,

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wurde aber vom Muratorischen Kanon verworfen. Es beginnt
folgendermassen:
„Der, der mich aufzog, verkaufte mich an eine gewisse Rhoda in Rom.
Nach vielen Jahren machte ich wiederum ihre Bekanntschaft und begann
sie wie eine Schwester zu lieben. Nach einiger Zeit sah ich sie einmal im
Tiberflusse baden, und ich gab ihr meine Hand und half ihr aus dem Flusse.
Als ich ihre Schönheit erblickte, dachte ich in meinem Herzen die Worte:
„Ich wäre glücklich, wenn ich ein Weib von solcher Schönheit und solcher
Art hätte.“ Das war mein einziger Wunsch, und nichts anderes mehr (ἕτερον
δὲ οὐδὲ ἕν).“ Dieses Erlebnis war der Ausgangspunkt für die visionäre
Episode, die nachher folgte. Anscheinend hat Hermas als Sklave der Rhoda
gedient, wurde dann, wie das oft vorkam, freigelassen und begegnete ihr
später wieder, wobei sich in ihm vermutlich ebensowohl aus Dankbarkeit
wie aus Wohlgefallen ein Liebesgefühl regte, das aber für sein Bewusstsein
bloss den Charakter der brüderlichen Liebe hatte. Hermas war ein Christ,
dazu, wie aus dem weitern Text hervorgeht, zu jener Zeit schon ein
Familienvater, welche Umstände die Verdrängung des erotischen Elementes
leicht erklärlich machen. Umso eher war nun die eigentümliche Situation,
welche viele Fragen offen lässt, geeignet, ihm den erotischen Wunsch zum
Bewusstsein zu bringen. Er ist eigentlich im Gedanken, dass er Rhoda zum
Weibe haben möchte, deutlich ausgedrückt, beschränkt sich aber, wie
Hermas ausdrücklich hervorhebt, auf diese einfache Konstatierung, wohl
weil Weitergehendes und Unmittelbareres sofort der moralischen
Verdrängung verfiel. Dieser, wie aus dem Nachfolgenden unzweifelhaft
hervorgeht, verdrängte Libidobetrag hat in seinem Unbewussten eine
gewaltige Veränderung hervorgerufen, indem er das Seelenbild belebte und
zur spontanen Wirksamkeit brachte. Folgen wir nun dem Texte weiter:
„Nach einer gewissen Zeit, als ich nach Cumae ging und die Schöpfung
Gottes um ihrer Grösse, Schönheit und Macht pries, da wurde ich im
Dahinschreiten schläfrig. Und ein Geist ergriff mich und führte mich weg
durch eine pfadlose Gegend, durch die ein Mensch nicht gehen konnte.
Dieser Ort war nämlich voll Schrunden und aufgerissen durch Wasserläufe.
Ich überschritt diesen Fluss und kam auf ebenen Grund, wo ich mich auf
die Knie warf, zu Gott betete und meine Sünden bekannte. Indem ich so
betete, öffnete sich der Himmel und ich schaute jene Frau, nach der ich
mich sehnte, und sie grüsste mich vom Himmel und sprach: „Heil dir,

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Hermas!“ Indem ich sie anschaute, sprach ich zu ihr: „Herrin, was tust du
hier?“ Und sie antwortete: „Ich ward hinaufgenommen, um dich um deiner
Sünden willen vor dem Herrn anzuklagen.“ Ich sagte zu ihr: „Klagst du
mich jetzt an?“ „Nein, sagte sie, aber höre jetzt die Worte, die ich zu dir
sprechen werde. Der Gott, der im Himmel wohnt, und der das Seiende aus
dem Nichtseienden geschaffen hat, und der es vergrössert und vermehrt hat
um seiner heiligen Kirche willen, zürnt dir, weil du gegen mich gesündigt
hast.“ Ich antwortete und sprach zu ihr: „Habe ich gegen dich gesündigt?
Wo und wann sprach ich ein übles Wort zu Dir? Habe ich dich nicht immer
und überall wie eine Göttin angesehen? Habe ich dich nicht immer wie eine
Schwester behandelt? Warum, o Frau, klagst du mich fälschlich an mit so
übeln und unreinen Dingen?“ Sie lachte und sprach zu mir: „Die Begierde
der Sünde erhob sich in deinem Herzen. Oder scheint es dir nicht eine
sündhafte Tat zu sein für einen gerechten Mann, wenn eine sündige
Begierde sich in seinem Herzen erhebt? Ja, es ist eine Sünde,“ sagte sie,
„und eine grosse. Denn der Gerechte strebt nach dem Gerechten.“
Einsame Spaziergänge sind, wie man weiss, dem Phantasieren
förderlich. So hat wohl Hermas auf seinem Gang nach Cumae, seiner
Herrin nachgedacht, wobei die verdrängte erotische Phantasie seine Libido
allmählich ins Unbewusste hinunterzog. Infolgedessen wurde er, nämlich
wegen der Heruntersetzung der Bewusstseinsintensität, schläfrig und geriet
in einen somnambulen, resp. ekstatischen Zustand, der nichts anderes ist,
als eine besonders intensive Phantasie, welche das Bewusstsein völlig
gefangen nimmt. Es ist nun bezeichnenderweise keine erotische Phantasie,
welche ihn befällt, sondern er wird gewissermassen in ein anderes Land
versetzt, was die Phantasie als ein Übersetzen über einen Fluss und als ein
Durchschreiten weglosen Geländes darstellt. Auf diese Weise erscheint ihm
das Unbewusste als eine Gegen- oder Überwelt, in welcher sich Ereignisse
begeben und Menschen sich bewegen, ähnlich wie in der Wirklichkeitswelt.
Seine Herrin-Frau tritt ihm nicht in einer erotischen Phantasie entgegen,
sondern in „göttlicher“ Form, wie eine Göttin am Himmel ihm erscheinend.
Dieser Umstand weist darauf hin, dass der ins Unbewusste verdrängte
erotische Eindruck das bereitliegende Urbild der Göttin belebt hat, also das
uranfängliche Seelenbild. Der erotische Eindruck hat sich also offenbar im
collektiven Unbewussten mit jenen archaïschen Residuen vereinigt, welche
die Spuren mächtiger Eindrücke vom Wesen des Weibes seit Urzeiten
aufbewahren, Eindrücke vom Weibe als Mutter und vom Weibe als

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begehrenswerte Jungfrau. Diese Eindrücke waren darum mächtig, weil sie
Gewalten sowohl im Kinde, wie im reifen Manne auslösten, welche das
Attribut der Göttlichkeit, nämlich des Unwiderstehlichen, des unbedingt
Zwingenden ohne weiteres verdienen. Die Erkenntnis dieser Gewalten als
dämonischer Mächte verdankt ihren Ursprung wohl kaum einer
moralischen Verdrängung, sondern eher einer Selbstregulierung des
psychischen Organismus, der sich durch diese Wendung vor
Gleichgewichtsverlust zu schützen sucht. Denn, wenn es der Psyche
gelingt, gegen die gänzlich hinreissende Gewalt der Leidenschaft, welche
den Menschen auf Gnade und Ungnade in die Bahn eines Andern wirft, eine
Gegenposition aufzurichten, indem sie auf der Höhe der Leidenschaft dem
grenzenlos begehrten Objekt das Idol entreisst und den Menschen vor dem
Götterbilde auf die Kniee zwingt, so hat sie ihn damit von der Verfluchung
an’s Objekt erlöst. Er ist sich selber wiedergegeben und findet sich, auf sich
selbst gezwungen, wieder zwischen Göttern und Menschen, in seiner
eigenen Bahn, seinem eigenen Gesetze unterworfen. Die ungeheure Scheu,
die dem Primitiven innewohnt, jene Scheu vor allem Eindrucksvollen, das
er sofort als Zauber, als mit magischer Kraft geladen, empfindet, bewahrt
ihn zweckmässiger Weise vor dem sozusagen von allen primitiven Völkern
gefürchteten Seelenverlust, dem Krankheit und Tod folgen. Der
Seelenverlust entspricht dem Losreissen eines Teiles des eigenen Wesens,
dem Verschwinden und der Emanzipation eines Komplexes, der dadurch
zum tyrannischen Usurpator des Bewusstseins wird, das Ganze des
Menschen unterdrückt, ihn aus seiner Bahn wirft und zu Handlungen
zwingt, deren blinde Einseitigkeit die Selbstzerstörung zur unvermeidlichen
Gefolgschaft hat. Bekanntlich sind die Primitiven dergleichen Phänomenen
unterworfen, wie dem Amoklaufen, der Berserkerwut, der Besessenheit
u. dgl. mehr. Das Erkennen des dämonischen Charakters der Gewalt ist ein
wirksamer Schutz, indem diese Vorstellung dem Objekte sofort den
stärksten Zauber entzieht und seine Quelle in die Dämonenwelt, d. h. ins
Unbewusste verlegt, woher auch die Gewalt der Leidenschaft in
Wirklichkeit entsprungen ist. Dieser Zurückverlegung der Libido ins
Unbewusste dienen nun auch die beschwörenden Riten, welche die Seele
zurückführen und die Bezauberung lösen sollen.
Dieser Mechanismus wirkt offenbar auch im Falle des Hermas. Die
Verwandlung der Rhoda in die göttliche Herrin entzog dem wirklichen
Objekt die leidenschaftserregende und verderbliche Kraft und unterwarf

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Hermas dem Gesetz der eigenen Seele und ihrer collektiven Bestimmungen.
Zweifellos hatte er vermöge seiner Fähigkeiten einen tiefern Anteil an den
geistigen Strömungen seiner Zeit. Sein Bruder Pius hatte eben zu jener Zeit
den bischöflichen Thron von Rom inne. Hermas war daher wohl in höherm
Masse zur Mitarbeit an der grossen Aufgabe seiner Zeit berufen, als er als
ein ehemaliger Sklave bewusst realisieren mochte. Kein fähiger Kopf jener
Zeit konnte sich auf die Dauer der zeitgeschichtlichen Aufgabe der
Christianisierung widersetzen, es sei denn, dass die Schranken und
Bestimmungen der Rasse ihm natürlicherweise eine andere Funktion in dem
grossen geistigen Umwandlungsprozess anwiesen. Gleichwie die äussern
Lebensbedingungen den Menschen zu sozialen Funktionen zwingen, so
enthält auch die Seele collektive Bestimmungen, welche zur Sozialisierung
der Meinungen und Überzeugungen zwingen. Durch die Verwandlung eines
möglichen sozialen Übergriffes und einer möglichen Selbstschädigung
durch Leidenschaft in Seelendienst wird Hermas an die Erfüllung einer
sozialen Aufgabe geistiger Natur herangeführt, welche für die damalige Zeit
gewiss von keiner geringen Bedeutung war.
Um ihn zu dieser Aufgabe geschickt zu machen, ist es offenbar
notwendig, dass die Seele ihm auch die letzte Möglichkeit einer erotischen
Bindung ans Objekt zerstört. Diese letzte Möglichkeit ist die Unehrlichkeit
gegen sich selbst. Damit, dass Hermas sich den erotischen Wunsch bewusst
ableugnet, beweist er nur, dass es ihm angenehmer wäre, wenn der erotische
Wunsch in ihm nicht existierte, beweist aber keineswegs, dass er nicht
wirklich erotische Absichten und Phantasien hat. Darum deckt ihm die
Herrin-Frau, die Seele, schonungslos die Existenz seiner Sünde auf und
befreit ihn damit auch von der heimlichen Bindung ans Objekt. Damit
übernimmt sie als „ein Gefäss der Andacht“ jene Leidenschaft, die vorher
im Begriffe war, sich nutzlos ans Objekt zu verschwenden. Davon musste
auch der letzte Rest ausgetilgt werden, um nämlich damit die
zeitgeschichtliche Aufgabe zu erfüllen, welche in einer Abschneidung des
Menschen von der sinnlichen Gebundenheit, der primitiven „participation
mystique“ bestand. Für den damaligen Menschen war diese Gebundenheit
unerträglich geworden. Es musste deshalb eine Differenzierung des
Geistigen eintreten, um das psychische Gleichgewicht wieder herzustellen.
Alle die philosophischen Versuche zur Herstellung des psychischen
Gleichgewichtes, der aequanimitas, die sich hauptsächlich in der stoischen
Lehre verdichteten, scheiterten an ihrem Rationalismus. Die Vernunft kann

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nur dem das Gleichgewicht verleihen, dem die Vernunft schon ein
Gleichgewichtsorgan ist. Aber für wie viele Menschen und in welchen
Zeiten der Geschichte war sie das? Der Mensch muss in der Regel zu
seinem einen Zustand auch den Gegensatz haben, um sich
gezwungenerweise in der Mitte zu finden. Aus blosser Vernunft kann er
doch wohl nie das Lebensvolle und Sinnenfällige des unmittelbaren
Zustandes aufgeben. So muss ihm gegen die Macht und Lust des Zeitlichen
die Freude des Ewigen stehen und gegen die Leidenschaft des Sinnlichen
die Entzückung des Übersinnlichen. So unleugbar wirklich ihm dieses ist,
so zwingend wirksam muss ihm jenes sein.
Durch die Einsicht in das wirkliche Bestehen seines erotischen
Wunsches wird es Hermas möglich, zur Anerkennung der metaphysischen
Realität zu gelangen, d. h. dadurch gewinnt das Seelenbild auch jene
sinnliche Libido, welche bislang am concreten Objekt haftend, nunmehr
dem Bilde, dem Idol jene Realität verleiht, die das Sinnesobjekt von jeher
ausschliesslich für sich beanspruchte. So kann die Seele mit Wirkung
sprechen und ihre Ansprüche mit Erfolg zur Geltung bringen. Nach dem
oben berichteten Gespräch mit Rhoda, verschwand ihr Bild, und der
Himmel schloss sich wieder. Dafür erschien nun eine „alte Frau in
leuchtendem Gewand“, welche den Hermas belehrt, dass sein erotischer
Wunsch ein sündhaftes und unsinniges Unternehmen gegen einen
verehrungswürdigen Geist sei, dass aber Gott nicht deshalb ihm zürne,
sondern vielmehr, weil er, Hermas, die Sünden seiner Familie dulde. Auf
diese geschickte Weise wird die Libido dem erotischen Wunsch vollends
entzogen und in der nächsten Wendung in die soziale Aufgabe übergeführt.
Eine besondere Feinheit liegt in dem Umstande, dass die Seele auch das
Bild der Rhoda abgeworfen und das Ansehen einer alten Frau angenommen
hat, um das erotische Element möglichst in den Hintergrund treten zu
lassen. Später erfährt Hermas durch Offenbarung, dass diese alte Frau die
Kirche selber ist, womit sich das Concret-Persönliche in die Abstraktion
auflöst, und die Idee eine Tatsächlichkeit und Wirklichkeit gewinnt, die sie
vordem nicht besass. Darauf liest ihm die Alte ein geheimnisvolles Buch
vor, das gegen die Heiden und Apostaten gerichtet ist, dessen Sinn er aber
nicht erfassen kann. Wiederum später hören wir, dass das Buch eine
Mission enthält. So überreicht ihm die Herrin-Frau seine Aufgabe, die er als
ihr Ritter zu erfüllen hat. Auch die Tugendprobe fehlt nicht. Denn bald
darauf hatte Hermas ein Gesicht, wo ihm die Alte erschien und ihm

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versprach, um die fünfte Stunde wieder zu kommen, um ihm die
Offenbarung zu erklären. Hermas begab sich hinaus aufs Land, an die
verabredete Stelle. Wie er dort anlangte, fand er ein Lager von Elfenbein,
bedeckt mit einem Polster und einem feinen Linnen. „Als ich diese Dinge
dort liegen sah,“ schreibt Hermas, „war ich höchst verwundert, und
sozusagen ein Zittern befiel mich und mein Haar sträubte sich und wie ein
panischer Schreck befiel es mich, da ich dort allein war. Als ich darauf
wieder zu mir selber kam, mich des Ruhmes Gottes erinnerte und neuen
Mut schöpfte, kniete ich nieder und bekannte wieder meine Sünden dem
Herrn, wie ich früher getan hatte. Und sie kam mit sechs jungen Männern,
die ich früher auch schon gesehen hatte, und sie stand neben mir und hörte,
wie ich betete und meine Sünden dem Herrn bekannte. Und sie berührte
mich und sprach: „Hermas, höre auf mit all deinen Bitten deiner Sünden
wegen. Bitte auch um die Gerechtigkeit, damit du einen Teil davon zu
deinem Hause mitnehmest.“ Und sie richtete mich bei der Hand auf und
führte mich zum Lager und sagte zu den jungen Männern: „Geht und
bauet!“ Und als die jungen Männer weggegangen waren und wir allein
waren, sprach sie zu mir: „Setze dich hieher!“ Ich sagte zu ihr: „Herrin, lass
die Alten zuerst sitzen.“ Sie sagte: „Tue, was ich dir sage, und setze dich.“
Aber als ich nach meinem Wunsche mich zur Rechten niedersetzen wollte,
bedeutete sie mir mit einer Handbewegung, mich an ihre linke Seite zu
setzen. Als ich deshalb nachdenklich und bekümmert wurde, weil sie mich
nicht zur rechten Seite sitzen liess, sagte sie zu mir: „Bist du traurig,
Hermas? Der Sitz zur Rechten ist für andere, die bereits Gott wohlgefällig
sind und die für den Namen gelitten haben. Aber dir fehlt noch Vieles, um
mit ihnen sitzen zu können. Aber bleibe wie bisher in deiner Einfachheit,
und du wirst mit ihnen sitzen, und so soll es allen geschehen, wann sie
erfüllt haben, was Jener Arbeit war und getragen, was Jene getragen
haben.“
Die erotische Verkennung der Situation lag Hermas wohl sehr nahe. Die
Zusammenkunft mutet zunächst an wie ein Stelldichein an „einem schönen
und abgeschlossenen Ort“ (wie er sagt). Das dort aufgeschlagene kostbare
Lager erinnert in fataler Weise an den Eros, sodass die den Hermas bei
diesem Anblick befallende Angst sehr begreiflich erscheint. Er muss
offenbar die erotische Association mächtig bekämpfen, um nicht einer
unheiligen Stimmung zu verfallen. Er erkennt zwar, wie es scheint, die
Versuchung nicht, wenn diese Erkenntnis nicht vielleicht eben in der

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Schilderung seiner Angst als selbstverständlich vorausgesetzt ist, welche
Ehrlichkeit bei einem Menschen der damaligen Zeit vielleicht eher möglich
war, als beim modernen Menschen. Denn der damalige Mensch stand doch
im allgemeinen seiner Natur noch näher als wir, und war daher eher in der
Lage, seine natürlichen Reaktionen unmittelbar wahrzunehmen und richtig
zu erkennen. In diesem Falle dürfte sein Sündenbekenntnis eben gerade die
Wahrnehmung eines unheiligen Gefühls betroffen haben. Jedenfalls deutet
die darauffolgende Frage, ob er rechts oder links sitzen solle, auf eine
moralische Zurechtweisung hin, die er von der Herrin empfängt. Obschon
nämlich in den römischen Augurien die von links kommenden Zeichen als
günstig galten, so war doch bei Griechen wie bei Römern die linke Seite
ganz allgemein die ungünstige, worauf die Doppelbedeutung von „sinister“
hinweist. Wie eine unmittelbar folgende Textstelle aber beweist, hat die hier
aufgeworfene Frage von rechts und links zunächst mit dem
Volksaberglauben nichts zu tun, sondern ist biblischer Provenienz, offenbar
bezüglich auf Matth. 25, 33: „Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen
und die Böcke zur Linken.“ Die Schafe sind um ihrer harmlosen und
frommen Natur willen eine Allegorie der Guten, die Böcke aber um ihrer
Unbändigkeit und Geilheit willen ein Bild der Bösen. Dadurch, dass ihm
die Herrin den Sitz zur Linken anweist, gibt sie ihm durch die Blume ihr
Verständnis für seine Psychologie zu erkennen. Als Hermas seinen Sitz zur
Linken eingenommen hat, mit etwelcher Betrübnis, wie er hervorhebt, weist
ihn die Herrin nunmehr auf ein visionäres Bild hin, das sich vor seinen
Augen entrollt: Er sieht, wie die Jünglinge, unterstützt von Zehntausenden
anderer Männer einen gewaltigen Turm aufbauen, dessen Steine sich
fugenlos einer an den andern passt. Dieser fugenlose, also wohl besonders
feste, weil unzerbrechbare Turm, bedeutet die Kirche, wie Hermas erfährt.
Die Herrin ist die Kirche, und der Turm auch. Wir sahen bereits in den
Attributen der Lauretanischen Litanei, dass Maria als Turris Davidica und
Turris eburnea, als Elfenbeinturm bezeichnet wird. Es scheint sich hier um
eine gleiche oder ähnliche Beziehung zu handeln. Zweifellos hat der Turm
die Bedeutung des Festen und der Sicherheit, etwa wie Psalm 61,4: „Du bist
meine Zuversicht, ein starker Turm vor meinen Feinden.“ Eine gewisse
Ähnlichkeit mit dem Turmbau von Babel wird hier wohl durch besonders
intensive innere Gegengründe ausgeschlossen worden sein,
nichtsdestoweniger aber angeklungen haben, denn Hermas wird ebensosehr
unter dem niederdrückenden Anblick der unaufhörlichen Schismen und

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häretischen Streitereien der ersten Kirche gelitten haben, wie alle andern
denkenden Köpfe jener Sphäre. Dieser Eindruck wird auch der
wesentlichste Grund zur Verfassung dieser Bekenntnisschrift gewesen sein,
wie wir aus jener Andeutung entnehmen dürfen, dass das geoffenbarte Buch
wider die Heiden und Apostaten gerichtet sei. Die Heteroglossie, die
Sprachverwirrung, welche den Turmbau von Babel verunmöglichte,
beherrschte gerade in den ersten Jahrhunderten die christliche Kirche fast
völlig und forderte verzweifelte Anstrengungen von den Gläubigen, um der
Konfusion Herr zu werden. Da die damalige Christenheit weit davon
entfernt war, eine Herde unter einem Hirten zu bilden, so war es nur
natürlich, dass Hermas danach verlangte, den mächtigen „Hirten“, den
Poimen, sowohl wie diejenige feste und gesicherte Form zu finden, welche
unverbrüchlich die von den vier Winden, von den Bergen und aus dem
Meere geholten Elemente zu einem Ganzen vereinigte.
Das chthonische Begehren, die Sinnlichkeit in allen ihren
mannigfaltigen Formen, mit ihrer Anklebung an die Reize der Umwelt und
ihrem Zwange zur Zerstreuung der psychischen Energie in das grenzenlos
Vielfältige der Welt ist ein Haupthindernis für die Vollendung einer
einheitlich gerichteten Einstellung. Die Beseitigung dieses Hindernisses
musste also eine der wichtigsten Aufgaben jener Zeit sein. Es ist darum nur
verständlich, dass uns im Poimen (Hirt) des Hermas eben gerade die
Bewältigung dieser Aufgabe vor Augen geführt wird. Wir sahen bereits, wie
die ursprünglich erotische Erregung und die dadurch ausgelöste Energie
übergeführt wurde in die Personifikation des unbewussten Komplexes, die
Figur der Ekklesia, der alten Frau, welche durch ihr visionäres Auftreten die
Spontaneität des ihr zu Grunde liegenden Komplexes bekundet. Hier
erfahren wir nun weiter, dass die alte Frau, die Kirche, nunmehr sozusagen
zum Turme wird, denn der Turm ist ebenfalls die Kirche. Dieser Übergang
erscheint überraschend, denn der Zusammenhang des Turmes mit der alten
Frau ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Die Attribute der Maria in der
lauretanischen Litanei werden uns aber auf die richtige Spur helfen, denn
wir finden dort, wie erwähnt, die Jungfrau-Mutter als „Turm“ bezeichnet.
Dieses Attribut stammt aus dem Hohen Lied IV, 4: Sicut turris David
collum tuum, quae aedificata est cum propugnaculis. (Dein Hals ist wie der
Turm Davids, mit Brustwehr gebauet.)

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VII, 4: Collum tuum sicut turris eburnea. (Dein Hals ist wie ein
elfenbeinerner Turm.) (Ähnlich VIII, 10: Ego murus, et ubera mea sicut
turris.)
Das Hohe Lied ist, wie bekannt, eigentlich ein profanes Liebesgedicht,
vielleicht ein Hochzeitslied, dem sogar jüdische Gelehrte noch sehr spät die
kanonische Anerkennung versagt haben. Die mystische Deutung liebte es
aber, die Braut als Israel und den Bräutigam als Jahve aufzufassen und zwar
aus einem richtigen Instinkte, nämlich um auch das erotische Gefühl in das
Gottesverhältnis des ganzen Volkes überzuführen. Aus demselben Grunde
hat sich auch das Christentum des Hohen Liedes bemächtigt, um den
Bräutigam als Christus und die Braut als Kirche aufzufassen. Der
Psychologie des Mittelalters lag diese Analogie ausserordentlich und
ermutigte die ganz unverblümte Christuserotik der damaligen Mystik,
wovon Mechtild von Magdeburg eines der glänzendsten Beispiele ist. Aus
diesem Geiste ist die lauretanische Litanei hervorgegangen. Sie lehnt sich in
gewissen Attributen der Jungfrau an das Hohe Lied an. Wir haben dies
bereits für das Turmsymbol gezeigt. Die Rose wird schon von den
griechischen Vätern als Attribut der Maria gebraucht, mit der Lilie,
ebenfalls in Anlehnung an Hohes Lied 2, 1 f.: Ego flos campi et lilium
convallium. Sicut lilium inter spinas, sic amica mea inter filias. („Ich bin
eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Wie eine Rose unter den
Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern.“ Luther.) Ein in den
mittelalterlichen Marienhymnen vielgebrauchtes Bild ist der „verschlossene
Garten“ aus dem Hohen Lied 4, 12 (Hortus conclusus, soror mea sponsa)
und der „versiegelte Bronnen“. (H. L. 4, 12: fons signatus.) Die im Hohen
Lied unverkennbar erotische Natur dieser Gleichnisse wird von den Vätern
ausdrücklich als solche angenommen. So deutet z. B. Ambrosius den hortus
conclusus als virginitas (de instit. virg. c. 10). Ebenso vergleicht Ambrosius
(com. in apoc. c. 6) Maria mit dem Schilfkörbchen des Moses: „per
fiscellam scirpeam, beata virgo designata est. Mater ergo fiscellam scirpeam
in qua Moses ponebatur, praeparavit, quia sapientia dei, quae est filius dei,
beatam Mariam virginem elegit, in cuius utero hominem, cui per unitatem
personae conjungeretur, formavit.“ Augustin gebraucht das später häufige
Gleichnis des thalamus (Brautgemach) für Maria, wiederum mit
ausdrücklichem Hinweis auf den anatomischen Sinn: „elegit sibi thalamum
castum, ubi conjungeretur sponsus sponsae“ (serm. 192) und „pocessit de
thalamo suo, id est, de utero virginali“ (serm. 124).

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Die Deutung von vas als uterus dürfte demnach für gesichert gelten,
wenn Ambrosius parallel zu der eben zitierten Augustinstelle sagt: „non de
terra, sed de coelo vas sibi hoc, per quod descenderet, elegit, et sacravit
templum pudoris“ (de instit. virg. c. 5). Auch bei den griechischen Vätern
ist die Bezeichnung als σκεῦος (Gefäss) nicht selten. Auch hier ist die
Anlehnung an die erotische Allegorik des Hohen Liedes nicht
unwahrscheinlich, obschon die Bezeichnung Vas im Vulgatatext nicht
vorkommt, wohl aber das Bild des Bechers und des Trinkens: 7, 2:
Umbilicus tuus crater tornatilis, nunquam indigens poculis. Venter tuus
sicut acervus tritici, vallatus liliis. („Dein Schooss ist wie ein runder Becher,
dem nimmer Getränke mangelt. Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen,
umsteckt mit Rosen.“ Luther.) Parallel dem Sinne des ersten Satzes geht der
Vergleich der Maria mit dem Ölkrüglein der Witwe von Sarepta in den
Meisterliedern der Kolmarer Handschrift. (K. Bartsch. Stuttgart, 1862.)
„Sarepta in Sydonien lant dar Helyas wart gesant zuo einer witwen diu in
solle neren, der glîcht mîn lîp wol wirdeclich, dô den propheten sant in
mich got und uns wolt diu tiurunge verkêren.“ Parallel dem zweiten Satz
sagt Ambrosius: „in quo virginis utero simul acervus tritici et lilii flores
gratia germinabat: quoniam et granum tritici generabat et lilium, etc.“ In
katholischen Quellen (Salzer: Sinnbilder und Beinamen Mariens) werden
für die Gefässymbolik sehr fern liegende Stellen herangezogen, wie z. B.
Hohes Lied 1,1: Osculetur me osculo oris sui: quia meliora sunt ubera tua
vino. „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes, denn deine Liebe
(eigentlich „Brüste“) ist lieblicher denn Wein.“ Luther.); ja, sogar 2. Mose
16, 33: „Und Mose sprach zu Aaron: Nimm ein Krüglein, tu ein Gomervoll
Man drein, und lass es vor dem Herrn, dass es behalten werde auf eure
Nachkommen.“ Diese gekünstelten Beziehungen sprechen eher gegen die
biblische Abstammung der Gefässymbolik als dafür. Für die Möglichkeit
einer ausserbiblischen Herkunft überhaupt spricht die Tatsache, dass der
mittelalterliche Marienhymnus ungescheut seine Gleichnisse von überall
hernimmt und sozusagen alles, was irgendwie kostbar ist, mit der Jungfrau
in Beziehung setzt. Dass das Gefässymbol schon sehr alt ist — es
entstammt dem III. bis IV. Jahrhundert, spricht nicht gegen seine weltliche
Herkunft, denn schon die Väter waren geneigt zu ausserbiblischen
„heidnischen“ Gleichnissen, wie z. B. Tertullian[201], Augustin[202] u. a. die
Jungfrau mit der noch unentweihten Erde, dem noch ungepflügten Acker
verglichen, gewiss nicht ohne merklichen Seitenblick auf die Kore der

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Mysterien. Solche Vergleiche formten sich über heidnischen Modellen in
derselben Weise wie dies Cumont für die frühmittelalterliche kirchliche
Buchillustration am Beispiel der Himmelfahrt des Elias, die sich gerne an
ein antikes mithrisches Vorbild hielt, gezeigt hat. In vielerlei Gebräuchen,
nicht zum mindesten in der Verlegung der Geburt Christi auf den natalis
solis invicti, folgte die Kirche der heidnischen Vorlage. Hieronymus
vergleicht die Jungfrau mit der Sonne als der Mutter des Lichtes. Diese
Bezeichnungen ausserbiblischer Natur können ihren Ursprung nur in den
damals noch geläufigen heidnischen Anschauungsformen haben. Es ist
darum nur gerechtfertigt, wenn man bei dem Gefässymbole auch der
damals wohlbekannten und weitverbreiteten gnostischen Gefässymbolik
gedenkt. Es sind aus jener Zeit eine grosse Anzahl von Gemmen erhalten
mit dem Symbole des Gefässes, eines Kruges mit merkwürdigen
Flügelbändern, der ohne weiteres an einen Uterus mit den Ligamenta lata
erinnert. Dieses Gefäss wird nach Matter als „Vase of Sin“ bezeichnet, etwa
im Gegensatz zu den Marienhymnen, welche die Jungfrau als vas virtutum
preisen. King (The Gnostics and their remains p. 111) bestreitet diese
Auffassung als willkürlich und schliesst sich Köhlers Auffassung an, dass
das (hauptsächlich ägyptische) Gemmenbild auf die Krüge des Schöpfrades,
welches das Nilwasser auf die Felder pumpt, sich beziehe, worauf auch die
eigentümlichen Bänder hindeuteten, welche offenbar zur Befestigung des
Kruges am Rad dienten. Die befruchtende Tätigkeit des Kruges lasse sich in
antiker Phraseologie als „Befruchtung der Isis durch den Samen des Osiris“
ausdrücken, wie King bemerkt. Öfters befindet sich auf dem Gefäss eine
Getreideschwinge, wahrscheinlich mit Beziehung auf die „mystica vannus
Jacchi“, das λῖκνον, die figürliche Geburtsstätte des Weizenkorns, des
Symbols des Fruchtbarkeitsgottes. (Vergl. dazu Jung: Wandl. und Symb. der
Libido. p. 319). Es war eine griechische Hochzeitszeremonie, dass man der
Braut eine Getreideschwinge, gefüllt mit Früchten, auf den Kopf legte, ein
offenkundiger Fruchtbarkeitszauber. Dieser Auffassung kommt die alte
ägyptische Vorstellung entgegen, dass alles aus dem Urwasser abstamme,
aus Nu oder Nut, welche auch mit dem Nil oder dem Ozean identifiziert
wurde. Nu wird mit drei Töpfen, drei Wasserzeichen und dem
Himmelszeichen geschrieben. In einem Hymnus an Ptah-Tenen heisst es:
„Erschaffer des Korns, das hervorkommt aus ihm in seinem Namen Nu der
Alte, der befruchtet die Wassermasse des Himmels und der macht, dass die
Wasser hervorkommen auf den Bergen, um Leben zu geben Mann und

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Weib.“ (W. Budge: The Gods of the Egyptians. 1904. I, 511.) Sir Wallis
Budge machte mich darauf aufmerksam, dass die Uterussymbolik auch
heute noch im südlichen Hinterland Ägyptens als Regen- und
Fruchtbarkeitszauber existiert. Es kommt noch gelegentlich vor, dass die
Eingeborenen im Busch eine Frau ermorden, und ihr den Uterus
herausnehmen, um dieses Organ zu magischen Riten zu benützen. (Vergl. P.
Amaury Talbot: In the shadow of the bush. pag. 67, 74 ff.) Wenn man sich
vergegenwärtigt, wie stark die Kirchenväter durch gnostische Vorstellungen
trotz stärksten Widerstandes gegen diese Häresieen beeinflusst waren, so ist
es nicht undenkbar, dass gerade in der Gefässymbolik sich ein Stück
christlich anwendbares Heidentum durchdrückte und zwar umso leichter,
als die Marienverehrung an sich schon ein heidnisches Überkommnis ist,
welches der christlichen Kirche die Hinterlassenschaft der Magna Mater,
der Isis u. a., sicherte. Auch das Bild des Vas sapientiae erinnert an ein
gnostisches Vorbild, nämlich an Sophia, diesem für die Gnosis so
bedeutsamen Symbol.
Ich verweilte etwas länger bei der Gefässymbolik, als meine Leser wohl
erwarteten. Ich tat dies aber aus einem bestimmten Grunde, nämlich, weil
mir daran liegt, jene für das frühe Mittelalter so eigentümlich
kennzeichnende Gralslegende in ihrer Beziehung zum Frauendienst
psychologisch zu beleuchten. Die religiöse Zentralvorstellung dieses
vielfach variierten Legendenstoffes ist das heilige Gefäss, ein, wie
jedermann einleuchtet, durchaus unchristliches Bild, dessen Ursprung
anderwärts zu suchen ist, als in den kanonischen Quellen. Mir scheint nach
dem Obigen, dass es ein echtes Stück Gnosis ist, das entweder durch
geheime Tradition die Ausrottung der Häresien überstand oder seine
Wiedererstehung einer unbewussten Reaktion gegen das herrschende
offizielle Christentum verdankt. Das Weiterleben oder das unbewusste
Wiedererstehen des Gefässymbols beweist eine Verstärkung des weiblichen
Prinzips in der damaligen männlichen Psychologie. Die Symbolisierung in
einem rätselhaften Bilde bedeutet eine Vergeistigung der durch den
Frauendienst belebten Erotik. Die Vergeistigung aber bedeutet immer die
Zurückbehaltung eines Libidobetrages, der sonst direkt in der Sexualität
sich ausleben würde. Wird ein solcher Libidobetrag zurückgehalten, so
fliesst zwar erfahrungsgemäss ein Teil davon in den vergeistigten Ausdruck,
der andere Teil aber verfällt dem Unbewussten und bewirkt dort eine
gewisse Belebung entsprechender Bilder, welche sich eben im Symbol des

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Gefässes ausdrücken. Das Symbol lebt durch Zurückhaltung gewisser
Libidoformen und bewirkt seinerseits wieder Zurückhaltung dieser
Libidoformen. Die Auflösung des Symbols ist gleichbedeutend mit einem
Abströmen der Libido auf direktem Wege oder mindestens mit einem fast
unüberwindlichen Zwange zur direkten Anwendung. Das lebendige Symbol
aber beschwört diese Gefahr. Ein Symbol verliert seine sozusagen magische
oder, wenn man will, erlösende Kraft, sobald seine Auflösbarkeit erkannt
ist. Daher muss ein wirkendes Symbol eine unangreifbare Beschaffenheit
haben. Es muss der bestmögliche Ausdruck der jeweiligen Weltanschauung
sein, der schlechterdings dem Sinne nach nicht überboten werden kann,
sodann muss es dem Begreifen so ferne stehen, dass dem kritischen
Intellekt alle Mittel fehlen, um es gültig auflösen zu können und
schliesslich muss seine ästhetische Form dem Gefühl überzeugend
entgegenkommen, sodass auch keine gefühlsmässigen Argumente sich
dagegen erheben. Das Gralssymbol hat offenbar für eine gewisse Zeit diese
Forderungen erfüllt und verdankte diesem Umstand seine lebendige
Wirkung, die, wie das Beispiel Wagners zeigt, auch heute noch nicht ganz
erloschen ist, obschon unsere Zeit und unsere Psychologie unaufhaltsam zu
seiner Auflösung drängen.
Das allgemeine offizielle Christentum hat nun wiederum die in der
Psychologie des Frauendienstes sich kundgebenden gnostischen Elemente
aufgesogen und in einer gesteigerten Marienverehrung untergebracht. Ich
habe die lauretanische Litanei als ein bekanntes Beispiel dieses
Assimilationsprozesses aus einer sehr grossen Anzahl von andern ebenso
interessanten Materialien ausgewählt. Mit dieser Assimilation an das
allgemeine christliche Symbol ging zunächst die im Frauendienst sich
entwickelnde Knospe einer seelischen Kultur des Mannes verloren. Seine
Seele, die sich im Bilde der selbstgewählten Herrin ausdrückte, verlor den
individuellen Ausdruck durch ihren Übergang in das allgemeine Symbol.
Dadurch verlor sie auch die Möglichkeit einer individuellen
Differenzierung, sie wurde verdrängt durch einen Collektivausdruck.
Derartige Verluste pflegen immer schlimme Folgen zu haben, die sich auch
in diesem Falle bald geltend machten. Indem nämlich die seelische
Beziehung zur Frau sich durch die collektive Marienverehrung ausdrückte,
ging dem Bilde der Frau ein Wert verloren, auf den aber das menschliche
Wesen einen gewissen natürlichen Anspruch hat. Dieser Wert, der nur in der
individuellen Wahl seinen natürlichen Ausdruck findet, verfällt, wenn der

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individuelle durch einen collektiven Ausdruck ersetzt wird, dem
Unbewussten. Im Unbewussten erhält nun das Bild der Frau eine
Besetzung, welche infantil-archaïsche Dominanten belebt. (Vergl. zu
diesem Begriff: Jung: Die Psychologie der unbewussten Prozesse. Zürich,
1917.) Die relative Entwertung der realen Frau compensiert sich damit
durch dämonische Züge, indem alle unbewussten Inhalte, insofern sie durch
abgespaltene Libidobeträge aktiviert sind, projiziert am Objekt auftreten.
Die relative Entwertung der Frau bedeutet: Der Mann liebt sie in einem
gewissen Sinne weniger, dafür aber tritt die Frau als Verfolgerin auf, d. h.
als Hexe. Auf diese Weise entwickelte sich mit und infolge der gesteigerten
Marienverehrung der Hexenwahn, dieser unauslöschliche Schandfleck des
spätern Mittelalters. Dies war aber nicht die einzige Folge. Durch die
Abspaltung und Verdrängung einer wichtigen progressiven Tendenz
entstand überhaupt eine gewisse Aktivierung des Unbewussten. Und diese
Aktivierung konnte im allgemeinen christlichen Symbol keinen genügenden
Ausdruck finden, denn der adäquate Ausdruck bestünde zunächst in
individuellen Ausdruckformen. Dieser Umstand aber bereitete den Boden
für Häresien und Schismen vor. Dagegen musste sich das christlich
orientierte Bewusstsein mit Fanatismus wehren. Der Wahn der
Inquisitionsgreuel war übercompensierter Zweifel, der sich vom
Unbewussten her aufdrängte und der schliesslich eines der grössten
Schismen der Kirche hervorrief, nämlich die Reformation.
Aus dieser längern Auseinandersetzung gewinnen wir folgende
Einsicht: Wir sind ausgegangen von jener Vision des Hermas, in der er sah,
wie ein Turm gebaut wurde. Die alte Frau, welche sich zuvor als die Kirche
erklärt hatte, erklärt nunmehr den Turm als Symbol der Kirche. Ihre
Bedeutung geht dadurch auf den Turm über, mit dem sich nun auch der
ganze weitere Text des Poimen befasst. Es handelt sich für Hermas jetzt um
den Turm und nicht mehr um die alte Frau, geschweige denn um die reale
Rhoda. Damit ist die Ablösung der Libido vom realen Objekt und ihre
Übersetzung auf das Symbol, ihre Überführung in eine Symbolfunktion
vollendet. Die Idee einer allgemeinen und einheitlichen Kirche, ausgedrückt
durch das Symbol eines fugenlosen und unerschütterlichen Turms, wird
damit im Geiste Hermas’ zur nicht mehr rückgängig zu machenden
Wirklichkeit. Die Ablösung der Libido vom Objekt versetzt sie ins Innere
des Subjektes, wodurch die Bilder des Unbewussten aktiviert werden. Diese
Bilder sind archaïsche Ausdrucksformen, welche zu Symbolen werden, die

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ihrerseits wieder als Äquivalente für relativ entwertete Objekte auftreten.
Dieser Vorgang ist jedenfalls so alt wie die Menschheit, denn Symbole
finden sich schon unter den Relikten des prähistorischen Menschen sowohl
wie beim niedrigsten heute noch lebenden Menschentypus. Es muss sich bei
der Symbolbildung also offenbar um eine auch biologisch höchst wichtige
Funktion handeln. Da das Symbol nur dank einer relativen Entwertung des
Objektes leben kann, so dient es offenbar auch dem Zwecke der
Objektentwertung. Hätte das Objekt einen unbedingten Wert, so wäre es
auch unbedingt bestimmend für das Subjekt, wodurch die Freiheit des
Handelns des Subjektes absolut aufgehoben wäre, indem auch eine relative
Freiheit neben der unbedingten Determinierung durch das Objekt nicht
mehr bestehen könnte. Der Zustand einer absoluten Bezogenheit auf das
Objekt ist gleichbedeutend mit einer völligen Exteriorisierung des
Bewusstseinsprozesses, d. h. mit einer Identität von Subjekt und Objekt,
wodurch jede Erkenntnismöglichkeit aufgehoben ist. Dieser Zustand findet
sich in gemilderter Form noch heute beim Primitiven. Die bei der
praktischen Analyse uns häufig begegnenden sogenannten Projektionen
sind ebenfalls nichts anderes als Residuen einer ursprünglichen Identität des
Subjektes mit dem Objekt. Die durch einen solchen Zustand bedingte
Ausschliessung der Erkenntnis und die Unmöglichkeit einer bewussten
Erfahrung bedeuten eine beträchtliche Einbusse an Anpassungsfähigkeit,
die für den von Natur aus Waffen- und schutzlosen Menschen mit seiner
mehrere Jahre lang gegenüber den Tieren minderwertigen
Nachkommenschaft erheblich ins Gewicht fällt. Der erkenntnislose Zustand
bedeutet aber auch vom Standpunkt der Affektivität aus eine gefährliche
Inferiorität, indem nämlich eine Identität des Gefühls mit dem gefühlten
Objekt bewirkt, dass erstens einmal irgend ein Objekt eine beliebig starke
Wirkung auf das Subjekt haben kann, und zweitens irgend ein Affekt des
Subjektes ohne weiteres auch das Objekt in sich begreift und vergewaltigt.
Was ich meine, illustriert eine Episode aus dem Leben des Buschmanns:
Ein Buschmann hatte einen kleinen Sohn, den er mit der charakteristischen
zärtlichen Affenliebe des Primitiven liebte. Diese Liebe ist selbstredend
psychologisch völlig autoerotisch, d. h. das Subjekt liebt sich selber im
Objekt. Das Objekt dient dabei gewissermassen als erotischer Spiegel.
Eines Tages kommt der Buschmann vom Fischfang ärgerlich nach Hause,
denn er hatte nichts gefangen. Wie immer kommt ihm der Kleine freudig
entgegengesprungen. Der Vater aber packt ihn und dreht ihm auf der Stelle

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den Hals um. Natürlich beklagte er nachher das tote Kind mit derselben
Fassungslosigkeit, mit der er es zuvor umgebracht hatte.
Dieser Fall zeigt klar die Identität des Objektes mit dem jeweiligen
Affekt. Es ist klar, dass eine derartige Mentalität jede in höherm Masse
schutzgewährende Organisation der Horde verhindert. Sie ist daher ein in
Hinsicht der Fortpflanzung und Vermehrung der Spezies ungünstiger Faktor
und muss daher bei einer Spezies mit starker Vitalität verdrängt und
umgeformt werden. Diesem Zwecke entstammt und dient das Symbol,
indem es dem Objekte einen gewissen Libidobetrag entzieht, es dadurch
relativ entwertet und damit dem Subjekt einen Überwert verleiht. Dieser
Überwert betrifft aber das Unbewusste des Subjektes. Dadurch wird das
Subjekt zwischen eine äussere und eine innere Determinante gestellt, und
daraus entsteht die Möglichkeit der Wahl und die relative Freiheit des
Subjektes.
Das Symbol stammt immer aus archaïschen Residuen, aus
stammesgeschichtlichen Engrammen, über deren Alter und Herkunft man
vieles spekulieren, aber nichts Bestimmtes ausmachen kann. Es wäre auch
ganz unrichtig, die Symbole aus persönlichen Quellen ableiten zu wollen,
z. B. aus individuell verdrängter Sexualität. Eine solche Verdrängung kann
höchstens den Libidobetrag liefern, der das archaïsche Engramm aktiviert.
Das Engramm aber entspricht einer vererbten Funktionsweise, welche ihr
Dasein nicht etwa einer sekularen Sexualverdrängung, sondern der Tatsache
der Triebdifferenzierung überhaupt verdankt. Die Triebdifferenzierung aber
war und ist eine biologisch notwendige Massnahme, die nicht etwa bloss
der Spezies Mensch eigentümlich ist, sondern sich ebensowohl auch in der
Geschlechtsverkümmerung der Arbeitsbiene manifestiert. Ich habe diese
Abstammung des Symbols, im vorliegenden Falle des Gefässymbols, aus
archaïschen Vorstellungen gezeigt. Wie diesem Symbole die Urvorstellung
des Uterus zu Grunde liegt, so dürfen wir auch im Turmsymbol eine
ähnliche Abstammung vermuten. Das Turmsymbol dürfte wohl in die Reihe
jener im Grunde genommen phallischen Symbole gehören, an denen die
Symbolgeschichte reich ist. Dass gerade in jenem Momente, wo Hermas
beim Anblick des verlockenden Ruhelagers die erotische Phantasie
verdrängen muss, sich ein phallisches Symbol aufdrängt, das vermutlich der
Erektion entspricht, ist nicht erstaunlich. Wir sahen, dass auch andere
Symbolattribute der Jungfrau-Kirche unzweifelhaft erotischer Herkunft

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sind, als solche schon durch ihre Abstammung vom Hohen Liede beglaubigt
und zudem noch von den Vätern ausdrücklich als solche gedeutet. Das
Turmsymbol der lauretanischen Litanei stammt aus der gleichen Quelle und
dürfte deshalb auch eine ähnliche Bedeutungsgrundlage haben. Das Attribut
des Turms „elfenbeinern“, ist zweifellos erotischer Natur, indem es sich auf
die Hautfarbe- und -glätte bezieht (H. L. 5, 14: „Sein Leib ist wie rein
Elfenbein.“) Aber auch der Turm selber begegnet uns in unmissverständlich
erotischer Beziehung im H. L. 8, 10: „Ich bin eine Mauer und meine Brüste
sind wie Türme.“ Damit ist wohl das Hervorragen der Brüste, also ihre
volle und pralle Konsistenz gemeint, etwa ähnlich wie H. L. 5, 15: „Seine
Beine sind wie Marmelsäulen.“ Dem entspricht auch Hohes Lied 7, 5:
„Dein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm“, und: „Deine Nase ist wie der
Turm auf dem Libanon“, womit wohl das Schlanke und Ragende gemeint
ist. Diese Attribute entspringen Tast- und Organempfindungen, die ins
Objekt verlegt werden. Wie eine düstere Laune grau sieht und eine frohe
hell und farbig, so empfindet das Tastvermögen auch unter dem Einfluss
subjektiver sexueller Empfindungen, in diesem Falle der
Erektionsempfindung, deren Qualitäten dem Objekt übertragen werden. Die
erotische Psychologie des Hohen Liedes verwendet die im Subjekt
erweckten Bilder auf das Objekt zur Erhöhung seines Wertes. Die kirchliche
Psychologie verwendet aber dieselben Bilder, um die Libido auf das
figürliche Objekt zu lenken, die Psychologie des Hermas aber erhebt das
unbewusst erweckte Bild zunächst zum Selbstzweck, um darin denjenigen
Gedanken zu verkörpern, der für die damalige Mentalität von ganz
besonderer Wichtigkeit war, nämlich die Stabilisierung und Organisierung
der neugewonnenen christlichen Weltanschauung und Einstellung.
b) Die Relativität des Gottesbegriffes bei Meister Eckehart. Der
Prozess, den Hermas durchlief, stellt im Kleinen dar, was in der
frühmittelalterlichen Psychologie im Grossen geschah: eine Neuentdeckung
der Frau und die Herausbildung des weiblichen Gralssymboles. Hermas sah
Rhoda in einem neuen Lichte, aber der dadurch ausgelöste Libidobetrag
verwandelte sich ihm unter den Händen in die Erfüllung seiner
zeitgenössischen Aufgabe.
Es ist nun meines Erachtens für unsere Psychologie bezeichnend, dass
an der Schwelle der neuesten Zeit zwei Geister stehen, denen ein gewaltiger
Einfluss auf die Herzen und die Köpfe der jungen Generation vorbehalten

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war: Wagner und Nietzsche, ersterer ein Anwalt der Liebe, der in seiner
Musik die ganze Skala der Gefühlstöne von Tristan hinunter bis zur
blutschänderischen Leidenschaft und von Tristan hinauf bis zur höchsten
Geistigkeit des Grals erklingen lässt; letzterer ein Anwalt der Macht und des
siegreichen Willens der Individualität. Wagner knüpft in seinem höchsten
und letzten Ausdruck an die Gralslegende an, wie Goethe an Dante,
Nietzsche aber an das Bild einer Herrenkaste und einer Herrenmoral, wie
das Mittelalter es mehr als einmal verwirklichte in vielen heroischen und
ritterlichen Gestalten mit blondem Haar. Wagner zersprengt die Bande,
welche die Liebe einschnürten, Nietzsche zertrümmert die „Tafeln der
Werte“, welche die Individualität beengen. Beide streben nach ähnlichem
Ziele, aber sie erzeugen den unheilbaren Zwiespalt, denn wo Liebe ist, da
herrscht nicht die Macht des Einzelnen, und wo die Macht des Einzelnen
ist, da herrscht keine Liebe.
Dass drei der grössten deutschen Geister in ihren grössten Werken an
die frühmittelalterliche Psychologie anknüpfen, scheint mir zu beweisen,
dass eben jene Zeit eine Frage übrig gelassen hat, die seither nicht
beantwortet worden ist.
Wir müssen es versuchen, dieser Frage hier etwas näher zu treten. Ich
habe nämlich den Eindruck, als ob jenes fremdartige Etwas, das in gewissen
Ritterorden damaliger Zeit (z. B. Templern) sein Wesen trieb, und das in der
Gralslegende seinen Ausdruck gefunden zu haben scheint, ein Keim oder
eine Knospe einer neuen Orientierungsmöglichkeit, m. a. W. eines neuen
Symbols, gewesen sei. Die Unchristlichkeit, resp. die gnostische Art des
Gralssymboles weist zurück auf jene frühchristlichen Häresieen, auf jene
zum Teil gewaltigen Ansätze, die eine Fülle kühner und glänzender Ideen in
sich bergen. Nun aber zeigt die Gnosis unbewusste Psychologie in reichster
Entfaltung, ja in perverser Wucherung, also gerade jenes Element, das der
regula fidei am meisten widerstrebt, jenes Prometheische und
Schöpferische, das sich nur der eigenen Seele, aber keiner collektiven
Richtschnur beugt. In der Gnosis finden wir, in roher Form allerdings, jenen
Glauben an die Macht der eigenen Offenbarung und der eigenen
Erkenntnis, welcher den spätern Jahrhunderten fehlte. Dieser Glaube hat
seinen Ursprung in dem stolzen Gefühl der eigenen Gottesverwandtschaft,
die sich keiner Menschensatzung unterwirft, die gegebenenfalls selbst die
Götter zwingt durch die Macht der Erkenntnis. In der Gnosis liegt der

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Anfang jenes Weges, der zu den psychologisch so bedeutsamen
Erkenntnissen der deutschen Mystik führt, welche eben um jene Zeit blühte,
von der wir sprechen. Es gehört zur Kennzeichnung der Frage, die uns
vorliegt, dass wir auch des grössten Denkers jener Zeit uns erinnern,
Meister Eckeharts. So wie im Rittertum sich Anzeichen einer neuen
Orientierung bemerkbar machten, so treten uns neue Gedanken in Eckehart
entgegen, Gedanken von derselben seelischen Orientierung, welche Dante
bewog, dem Bildnis Beatricens in die Unterwelt des Unbewussten zu
folgen, und die Sänger inspirierte, welche die Kunde vom Gral sangen. Wir
wissen leider nichts aus dem persönlichen Leben Eckeharts, das uns den
Weg erklärt, auf dem er zur Seele gelangt ist, aber seine überlegene Art, mit
der er in seiner Rede von der Reue sagt: „ouch noch erfrâget man selten,
daz die liute koment ze grôzen dingen, sie sîen zu dem êrsten etwaz
vertreten“ — lässt auf persönliche Erfahrung schliessen. Fremdartig
gegenüber dem christlichen Gefühl der Sündhaftigkeit mutet uns Eckeharts
Gefühl der innern Gottesverwandtschaft an. Man fühlt sich in die
Atmosphäre der Upanishaden entrückt. Es muss bei Eckehart eine ganz
ausserordentliche Erhöhung des Seelenwertes, d. h. des Wertes des eigenen
Innern stattgefunden haben, dass er sich erheben konnte zu einer sozusagen
rein psychologischen, also relativen Auffassung Gottes und seines
Verhältnisses zum Menschen. Die Entdeckung und ausführliche
Formulierung der Relativität Gottes zum Menschen und seiner Seele scheint
mir einer der wichtigsten Schritte auf dem Wege zu einer psychologischen
Erfassung des religiösen Phänomens zu sein, und damit zur Möglichkeit
einer Befreiung der religiösen Funktion aus den erdrückenden Schranken
der ebenfalls daseinsberechtigten intellektuellen Kritik.
Wir gelangen damit zur eigentlichen Aufgabe dieses Kapitels, nämlich
zur Erörterung der Relativität des Symboles. Unter Relativität Gottes
verstehe ich eine Ansicht, nach der Gott nicht „absolut“, d. h. losgelöst vom
menschlichen Subjekt und jenseits aller menschlichen Bedingungen
existiert, sondern nach der er vom menschlichen Subjekt in gewissem Sinne
abhängig, und eine wechselseitige und unerlässliche Beziehung zwischen
Mensch und Gott vorhanden ist, sodass man einerseits den Menschen als
eine Funktion Gottes und andererseits Gott als eine psychologische
Funktion des Menschen verstehen kann. Für unsere analytische Psychologie
als für eine Wissenschaft, die man als empirisch vom menschlichen
Standpunkt aus auffassen muss, ist das Gottesbild der symbolische

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Ausdruck eines gewissen psychologischen Zustandes oder einer Funktion,
die dadurch charakterisiert ist, dass sie dem bewussten Willen des Subjektes
unbedingt überlegen ist und deshalb Taten und Leistungen erzwingen oder
ermöglichen kann, deren Ausführung der bewussten Anstrengung
unerreichbar wäre. Dieser übermächtige Impuls — sofern sich die
Gottesfunktion im Handeln manifestiert — oder diese den bewussten
Verstand überragende Inspiration rührt von einer Energieaufstauung im
Unbewussten her. Durch diese Libidoanhäufung werden Bilder belebt, die
das collektive Unbewusste als latente Möglichkeiten besitzt, darunter
befindet sich die Gottesimago, jene Prägung, die seit Uralters der collektive
Ausdruck für die stärksten und unbedingtesten Einflüsse unbewusster
Libidokonzentrationen auf das Bewusstsein ist. Für unsere Psychologie, die
als Wissenschaft sich auf das Empirische innerhalb der unserer Erkenntnis
gezogenen Grenzen beschränken muss, ist daher Gott nicht einmal relativ,
sondern er ist eine Funktion des Unbewussten, nämlich die Manifestation
eines abgespaltenen Libidobetrages, der die Gottesimago aktiviert hat. Für
die orthodoxe Auffassung ist Gott natürlich absolut, d. h. für sich
existierend. Damit ist auch eine völlige Abspaltung vom Unbewussten
ausgedrückt, was psychologisch bedeutet, dass man sich der Tatsache, dass
die göttliche Wirkung dem eigenen Innern entspringt, nicht bewusst ist. Der
Standpunkt der Relativität Gottes aber bedeutet, dass ein nicht
unbeträchtlicher Teil der unbewussten Vorgänge als psychologische Inhalte
wenigstens andeutungsweise erkannt werden. Diese Einsicht kann natürlich
nur da eintreten, wo der Seele eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit
geschenkt wurde, wodurch die Inhalte des Unbewussten aus ihren
Projektionen in die Objekte zurückgezogen wurden und ihnen (den
Inhalten) so eine gewisse Bewusstheit gegeben wurde, die sie als dem
Subjekt zugehörig und daher auch als subjektiv bedingt erscheinen lässt.
Dieser Fall trat nun bei den Mystikern ein. Nicht, dass dieser Fall etwa ein
erstmaliges Auftreten der Idee der Relativität Gottes überhaupt bedeutete:
Bei den Primitiven ist natürlicherweise und im Prinzip eine Relativität
Gottes vorhanden, indem fast überall auf tieferer Stufe die
Gottesanschauung rein dynamischer Natur ist, d. h. Gott ist eine göttliche
Kraft, eine Gesundheits-, Seelen-, Medizin-, Reichtums-, Häuptlings-, etc.-
Kraft, die mit gewissen Prozeduren eingefangen und verwendet werden
kann zur Erzeugung der für das Leben und die Gesundheit der Menschen
notwendigen Dinge, gelegentlich auch zur Erzeugung magischer und

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feindseliger Wirkungen. Diese Kraft fühlt der Primitive ebensosehr aussen
wie innen, d. h. ebensosehr als seine eigene Lebenskraft, wie als „Medizin“
in seinem Amulett oder als Einfluss von seinem Häuptling ausgehend. Dies
ist die erste nachweisbare Vorstellung einer alles durchdringenden und
erfüllenden geistigen Kraft. Psychologisch ist die Kraft des Fetisch oder das
Prestige des Medizinmannes eine unbewusste subjektive Bewertung dieser
Objekte. Es handelt sich also im Grunde genommen um Libido, die sich im
Unbewussten des Subjektes befindet und die am Objekt wahrgenommen
wird, weil alles aktivierte Unbewusste projiziert erscheint. Die in der
mittelalterlichen Mystik auftretende Relativität Gottes ist demnach ein
Rückgriff auf den primitiven Tatbestand. Die verwandten östlichen
Vorstellungen vom individuellen und überindividuellen Atman dagegen
sind keine Regressionen auf Primitives, sondern eine dem Wesen des
Ostens entsprechende konstante Weiterentwicklung aus dem Primitiven
heraus unter Beibehaltung der schon im Primitiven deutlich hervortretenden
Prinzipien. Der Rückgriff auf Primitives ist insofern nicht erstaunlich, als
jede wirklich lebendige Religionsform die eine oder andere primitive
Tendenz kultisch oder ethisch organisiert, woraus ihr eben die
geheimnisvollen Triebkräfte zufliessen, welche jene Vollendung des
menschlichen Wesens im religiösen Prozess erzeugen.[203] Dieser Rückgriff
auf, oder wie im Indischen, der ununterbrochene Zusammenhang mit dem
Primitiven ist eine Berührung der mütterlichen Erde, des Ursprungs aller
Kraft. Im Sinne jeder zu rationaler oder ethischer Höhe differenzierten
Anschauung sind diese Triebkräfte „unreiner“ Natur. Das Leben selber aber
fliesst zugleich aus klaren und aus trüben Quellen. Daher es auch jeder zu
grossen „Reinlichkeit“ an Leben mangelt. Jede Erneuerung des Lebens geht
durch das Trübe und schreitet fort zur Klarheit. Je grösser aber die Klärung
und Differenzierung, desto geringer wird die Lebensintensität, eben wegen
des Ausschlusses der trübenden Substanzen. Der Entwicklungsprozess
bedarf sowohl der Klärung als der Trübung. Das hat der grosse Relativist,
der Meister Eckehart war, wohl eingesehen als er sagte: „Dar umbe lîdet got
gerne den schaden der sünden unde hât dicke gelitten und aller dickest
verhenget über die menschen, die er hat versehen, daz er sie ze grôzen
dingen ziehen welle. Nim war! Wer was unserm herren ie lieber unde
heimlicher denne die aposteln wâren? Der beleip nie keiner, er viele in
tôtsünden, alle wâren sie tôtsünder gewesen. Daz hât er in der alten unde
niuwen ê dicke bewîset von den, die ime verre die liebsten darnâch mâles

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wurden, und ouch noch erfraget man selten, daz die liute koment ze grôzen
dingen, sie sîen ze dem êrsten etwaz vertreten.“[204]
Einerseits um seines psychologischen Scharfblickes willen, andererseits
wegen der Höhe seines religiösen Fühlens und Denkens ist Meister
Eckehart der glänzendste Vertreter jener kritischen Strömung in der Kirche
des ausgehenden XIII. Jahrhunderts. Ich möchte daher von ihm eine Reihe
von Aussprüchen zitieren, welche seine relativistische Gottesauffassung
beleuchten:
1. „Denn der Mensch ist wahrlich Gott und Gott wahrlich Mensch.“[205]
2. „Wem dagegen Gott nicht solch innerer Besitz ist, sondern sich allen
Gott von draussen holen muss in diesem oder dem, wo er ihn dann auf
unzulängliche Weise sucht, mittels bestimmter Werke, Leute oder Örter: so
hat man ihn eben nicht, und da kommt dann leicht etwas, was einen stört.
Und zwar stört einen dann nicht bloss schlechte Gesellschaft, sondern auch
die gute, nicht bloss die Strasse, sondern auch die Kirche, nicht bloss böse
Worte und Werke, sondern gute genau so. Denn das Hindernis liegt in ihm:
Gott ist in ihm noch nicht zur Welt geworden. Wär’ er ihm das, so fühlte er
sich allerorten und bei allen Leuten gar wohl und geborgen: immer hätt’ er
Gott,“ etc.[206]
Diese Stelle ist von besonderm psychologischem Interesse; sie zeigt
nämlich ein Stück der primitiven Gottesauffassung, wie wir sie oben
skizziert haben. „Sich allen Gott von draussen holen“, ist gleichbedeutend
mit der primitiven Ansicht, dass man sich den „tondi“[207] von aussen
verschaffen könne. Es mag allerdings bei Eckehart sich schon eher um eine
Redefigur handeln, um eine Figur, die den Ursinn deutlich durchschimmern
lässt. Jedenfalls ist es deutlich, dass Eckehart hier Gott als einen
psychologischen Wert versteht. Das sieht man aus dem folgenden Satz: Wer
Gott von aussen sich holt, der wird gestört durch die Objekte. Wer nämlich
den Gott aussen hat, der hat ihn notwendigerweise projiziert im Objekt,
wodurch das Objekt einen Überwert erhält. Wo dies aber der Fall ist, da hat
das Objekt auch einen übermässigen Einfluss auf das Subjekt und hält es in
einer gewissen sklavischen Abhängigkeit. Eckehart meint offenbar diese
wohlbekannte Gebundenheit ans Objekt, welche die Welt in der Rolle
Gottes, d. h. als absolut bedingende Grösse erscheinen lässt. Daher sagt er
darauf, dass einem solchen „Gott noch nicht zur Welt geworden sei“, weil

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ihm die Welt die Stelle Gottes vertrat. Ein solcher hat also den Überwert
nicht vom Objekt abgelöst und introvertiert, sodass er diesen Wert in sich
selber besässe. Besässe er ihn aber in sich selber, so hätte er Gott (eben
diesen Wert) stets als Objekt, als Welt, und so wäre ihm Gott zur Welt
geworden. Im gleichen Stück sagt Eckehart: „Wem recht zu Mut ist, dem
passt es allerorten und bei allen Leuten; wem aber unrecht, dem ist’s
allerorten und bei allen Leuten nicht recht. Ein Rechtgemuter nämlich, der
hat Gott bei sich.“ Einer, der diesen Wert bei sich hat, der ist guten Mutes
überall, er ist nicht abhängig von den Objekten, d. h. er ist nicht bedürftig
und hofft das vom Objekt, was ihm fehlt. Aus diesen Überlegungen dürfte
zur Genüge hervorgehen, dass Gott bei Eckehart ein psychologischer,
genauer gesagt, psychodynamischer Zustand ist.
3. „Zum andern Male verstehen sie unter dem Gottesreich die Seele.
Denn die Seele ist gleich beschaffen mit der Gottheit. Alles somit, was hier
gesagt ist vom Gottesreich, wiefern Gott selber dieses Reich ist, dasselbe
lässt sich in Wahrheit auch sagen von der Seele. Alles ist durch ihn
geworden, fährt Sankt Johannes fort. Von der Seele ist das zu verstehen,
denn die Seele ist das All. Sie ist es, indem sie ein Bild Gottes ist. Als
solches ist sie aber auch das Reich Gottes. — Dermassen, sagt ein Meister,
ist Gott in der Seele, dass sein ganzes Gottsein auf ihr beruht. Es ist ein
höherer Stand, dass Gott in der Seele ist, denn dass die Seele in Gott ist:
dass sie in Gott ist, davon ist sie noch nicht selig, wohl aber davon, dass
Gott in ihr ist. Verlasst euch darauf: Gott ist selber selig in der Seele!“
Die Seele, dieser vieldeutige und vielgedeutete Begriff, entspricht
historisch genommen einem psychologischen Inhalt, dem eine gewisse
Selbständigkeit innerhalb der Bewusstseinsgrenzen zukommen muss. Denn,
wenn dies nicht der Fall wäre, so wäre man nie auf den Gedanken
gekommen, der Seele ein selbständiges Wesen zuzuschreiben, wie wenn sie
ein objektiv wahrnehmbares Ding wäre. Sie muss ein Inhalt sein, dem
Spontaneität zukommt und damit notwendigerweise auch partielle
Unbewusstheit, wie jedem autonomen Komplex. Der Primitive hat
bekanntlich in der Regel mehrere Seelen, d. h. mehrere autonome
Komplexe von hoher Selbständigkeit, sodass sie als gesonderte Wesen
imponieren (ähnlich bei gewissen Geisteskranken!). Auf höherer Stufe
vermindert sich die Seelenzahl, bis auf der höchsten bisher erreichten
Kulturstufe die Seele ganz in die Bewusstheit aller psychischen Vorgänge

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sich auflöst und damit nur noch als Terminus für die Gesamtheit der
psychischen Vorgänge ihr Dasein weiterfristet. Diese Aufzehrung der Seele
ist nicht nur ein Zeichen westlicher, sondern auch östlicher Kultur. Im
Buddhismus löst sich alles in Bewusstheit auf, sogar die Samskaras, die
unbewussten Bildekräfte, müssen durch die religiöse Selbstentwicklung
erreicht und umgewandelt werden. Mit dieser ganz allgemeinen
historischen Entwicklung des Seelenbegriffes steht die Auffassung der
analytischen Psychologie im Widerspruch, indem sie einen Seelenbegriff
hat, der sich mit der Gesamtheit der psychischen Funktionen nicht deckt.
Wir definieren nämlich die Seele einerseits als Beziehung zum
Unbewussten, andererseits aber auch als eine Personifikation der
unbewussten Inhalte. Vom Kulturstandpunkt aus ist es sozusagen
beklagenswert, dass es noch Personifikationen unbewusster Inhalte gibt,
wie es vom Standpunkt einer gebildeten und differenzierten Bewusstheit
bedauerlich ist, dass es noch unbewusste Inhalte gibt. Aber da sich die
analytische Psychologie mit dem wirklichen Menschen beschäftigt und
nicht mit dem Menschen, wie er nach gewissen Ansichten sein sollte, so
ergibt es sich eben, dass diejenigen Phänomene, welche schon die
Primitiven veranlassen von „Seelen“ zu reden, immer noch vorkommen, so
gut als bei einem europäischen Kulturvolk es noch Unzählige gibt, die an
Gespenster glauben. Wenn wir nun schon die Lehre von der „Einheit des
Ich“ aufstellen, wonach es keine selbständigen Komplexe geben kann, so
kümmert sich eben die Natur um dergleichen intelligente Theorien nicht im
Geringsten. Wie die „Seele“ eine Personifikation unbewusster Inhalte ist, so
ist, wie wir schon definiert haben, auch Gott ein unbewusster Inhalt, eine
Personifikation, insofern er als persönlich gedacht ist, ein Bild oder
Ausdruck, insofern er bloss oder hauptsächlich dynamisch gedacht ist, also
im wesentlichen dasselbe wie die Seele, insofern sie als Personifikation
eines unbewussten Inhaltes gedacht wird. Meister Eckeharts Auffassung ist
daher rein psychologisch. Solange die Seele, wie er sagt, nur in Gott ist, ist
sie nicht selig. Wenn man unter „Seligkeit“ einen besonders gesunden und
erhöhten Lebenszustand versteht, so kann also dieser Zustand nach
Eckehart nicht vorhanden sein, solange die als Gott bezeichnete Dynamis,
die Libido, in den Objekten verborgen ist. Denn solange der Hauptwert oder
Gott, nach Eckehart, nicht in der Seele ist, so ist die Kraft aussen, also in
den Objekten. Gott, d. h. der Hauptwert, muss aus den Objekten
zurückgezogen werden, dadurch kommt Gott in die Seele, was ein „höherer

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Stand“ ist und für Gott „Seligkeit“ bedeutet. Psychologisch heisst das:
Wenn die Gottes-Libido, d. h. der projizierte Überwert als Projektion
erkannt[208] wird, sodass durch die Erkenntnis die Objekte an Bedeutung
verlieren, dann wird dieser als zum Individuum gehörig gerechnet, und
damit entsteht ein erhöhtes Lebensgefühl, d. h. ein neues Gefälle. Der Gott,
d. h. die höchste Lebensintensität, befindet sich dann in der Seele, im
Unbewussten. Dies ist aber nicht so zu verstehen, als ob dann Gott gänzlich
unbewusst wäre, in dem Sinne, dass auch seine Idee dem Bewusstsein
entschwände. Es ist vielmehr so, dass der Hauptwert anders gelagert wird
und sich dann innen und nicht aussen befindet. Nicht die Objekte sind dann
die autonomen Faktoren, sondern Gott ist zu einem autonomen
psychologischen Komplex geworden. Ein autonomer Komplex aber ist
immer nur zum Teil bewusst, da er nur bedingt sich dem Ich associiert, d. h.
niemals so, dass das Ich ihn ganz umfassen könnte, denn dann wäre er nicht
mehr autonom.
Darum ist von diesem Augenblick an nicht mehr das überwertige Objekt
determinierend, sondern das Unbewusste. Aus dem Unbewussten kommen
dann die bedingenden Einflüsse, d. h. man fühlt und weiss sie dann als aus
dem Unbewussten kommend, wodurch „eine Einheit des Wesens“
(Eckehart) entsteht, eine Beziehung zwischen Bewusstem und
Unbewusstem, bei der allerdings das Unbewusste an Bedeutung überwiegt.
Wir müssen uns nun fragen, woher diese Seligkeit oder Liebeswonne
(ânanda, wie die Inder den Brahmanzustand nennen) rühre.[209] Der höhere
Wert liegt in diesem Zustand beim Unbewussten. Es ist also ein Gefälle
zum Bewusstsein vorhanden, was sagen will, dass das Unbewusste als
determinierende Grösse auftritt, woneben das Ich des
Wirklichkeitsbewusstseins fast verschwindet. Dieser Zustand hat einerseits
grösste Ähnlichkeit mit dem des Kindes, andererseits mit dem des
Primitiven, der ebenfalls in hohem Masse vom Unbewussten beeinflusst ist.
Man könnte überzeugend sagen, dass die Herstellung des frühern
paradiesischen Zustandes die Ursache dieser Seligkeit sei. Es bleibt aber
noch zu verstehen, warum denn dieser Anfangszustand so besonders
wonnevoll ist. Dieses selige Gefühl begleitet alle jene Momente, die durch
das Gefühl strömenden Lebens gekennzeichnet sind, also Augenblicke oder
Zustände, wo Aufgestautes widerstandslos abfliessen konnte, wo es nicht
nötig war, mit bewusster Anstrengung dieses oder jenes zu tun, um einen
Weg zu finden oder um eine Wirkung zu Stande zu bringen. Es sind

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Situationen oder Stimmungen, „wo es von selbst geht“, wo es nicht nötig
ist, irgendwelche Bedingungen mühsam herzustellen, welche Freude oder
Lust zu erregen versprechen. Für diese Freude, die unbekümmert um das
Aussen, allerwärmend aus dem Innern strömt, ist die Zeit der Kindheit das
unvergessliche Zeichen. Die „Kindschaft“ ist daher ein Symbol für die
eigentümliche innere Bedingung, unter der die „Seligkeit“ eintritt.
Gleichsam wie ein Kind sein heisst: einen Vorrat aufgestauter Libido
besitzen, der sich noch verströmen kann. Dem Kinde strömt die Libido in
die Dinge, so erwirbt es sich die Welt, und allmählich verliert es sich auch
so an die Welt, wie die religiöse Sprache sagt, indem die Dinge allmählich
überwertig werden. Dann kommt die Abhängigkeit von den Dingen. Daraus
ergibt sich die Notwendigkeit des Opfers, d. h. der Zurückziehung der
Libido, der Abschneidung der Bindungen. Auf diese Weise versucht es die
intuitive Doctrin des religiösen Systems, die Energie wieder zu sammeln,
sie selber stellt diesen Sammlungsprozess dar in ihren Symbolen. Der
Überwert des Objektes ergibt gegenüber dem Minderwert des Subjektes ein
rückläufiges Gefälle, weshalb die Libido ganz naturgemäss zurück zum
Subjekt strömen würde, wenn nicht die hindernden Mächte des
Bewusstseins wären. Beim Primitiven sehen wir überall naturgemäss
Religionsübung, weil er ohne Schwierigkeit dem Trieb bald in dieser, bald
in jener Richtung nachgehen kann. Durch die Religionsübung schafft er
sich wieder die nötige magische Kraft, oder er holt sich die über Nacht
verlorene Seele wieder zurück. Der Richtpunkt der grossen Religionen ist
„nicht von dieser Welt“; damit ist die auf das Innere des Subjektes, d. h. auf
sein Unbewusstes gerichtete Bewegung der Libido gegeben. Die allgemeine
Zurückziehung und Introversion der Libido erzeugt dort eine
Libidokonzentration, welche als „Kostbarkeit“ symbolisiert wird, in den
Gleichnisreden als „köstliche Perle“, als „Schatz im Acker“. Letzteres
Gleichnis benützt auch Eckehart und deutet es folgendermassen: „Das
Reich der Himmel ist gleich einem Schatz, der in einem Acker verborgen
ist, spricht Christus. Dieser Acker ist die Seele — in der verborgen liegt der
Schatz des Gottesreichs. Darum ist Gott und alle Kreatur selig in der
Seele.“[210] Diese Deutung kommt überein mit unserer psychologischen
Überlegung. Die Seele ist die Personifikation des Unbewussten. Im
Unbewussten liegt der Schatz, d. h. die in der Introversion versenkte oder
versunkene Libido. Dieser Libidobetrag wird als „Gottesreich“ bezeichnet.
Das Gottesreich bedeutet eine beständige Einigkeit oder Vereinigung mit

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Gott, ein Leben in seinem Reiche, d. h. also in dem Zustande, wo ein
überwiegender Libidobetrag im Unbewussten liegt und von dort aus das
bewusste Leben determiniert. Die im Unbewussten konzentrierte Libido
kommt vom Objekte, von der Welt, deren frühere Übermacht sie bedingte.
Damals war Gott „Aussen“ gewesen, jetzt wirkt er von „Innen“ als
verborgener Schatz, der als „Gottesreich“ aufgefasst wird. Offenbar ist
damit ausgedrückt, dass die in der Seele angesammelte Libido eine
Beziehung zu Gott (Gottesreich) darstelle. Wenn nun Meister Eckehart zum
Schlusse kommt, die Seele sei das Gottesreich selber, so ist sie als
Beziehung zu Gott gedacht, und Gott wäre die in ihr wirkende und von ihr
wahrgenommene Kraft. Eckehart nennt die Seele auch das Bild Gottes. Die
ethnologischen und historischen Auffassungen der Seele lassen deutlich
erkennen, dass sie einerseits ein Inhalt ist, der zum Subjekt gehört,
andererseits aber auch zur Geisterwelt, d. h. zum Unbewussten. Darum hat
auch die Seele immer etwas Irdisches und etwas Geisterhaftes an sich.
Dasselbe ist auch mit der magischen Kraft, der Gotteskraft, beim Primitiven
der Fall, während die Auffassung höherer Kulturstufen den Gott vom
Menschen klar trennt und ihn schliesslich zu den Höhen reinster Idealität
erhebt. Die Seele aber verliert nie ihre Mittelstellung. Sie muss daher als
eine Funktion angesprochen werden zwischen dem bewussten Subjekt und
den dem Subjekt unzugänglichen Tiefen des Unbewussten. Die aus diesen
Tiefen wirkende determinierende Kraft (Gott) wird durch die Seele
abgebildet, d. h. sie schafft Symbole, Bilder, und ist selbst nur Bild. In
diesen Bildern überträgt sie die Kräfte des Unbewussten ans Bewusstsein.
Sie ist auf diese Weise Gefäss und Überleiterin, ein Wahrnehmungsorgan
für unbewusste Inhalte. Was sie wahrnimmt, sind Symbole. Symbole aber
sind geformte Energien, Kräfte, d. h. determinierende Ideen, die einen
ebenso grossen geistigen, wie affektiven Wert haben. Wenn, wie Eckehart
sagt, die Seele in Gott ist, so ist sie noch nicht selig, d. h. wenn diese
Wahrnehmungsfunktion ganz von der Dynamis überflutet ist, so ist dies
kein glücklicher Zustand. Wenn dagegen Gott in der Seele ist, d. h. wenn
die Seele, die Wahrnehmung, das Unbewusste auffasst und sich zum Bilde
und Symbol davon gestaltet, so ist dies ein glücklicher Zustand. Wir
merken: der glückliche Zustand ist ein schöpferischer Zustand.
4. So spricht der Meister Eckehart das schöne Wort: „Wenn man mich
fragt: „Warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle guten
Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch geworden?“ — ich

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antworte: Darum, damit Gott in der Seele geboren werde und die Seele
wiederum in Gott. Darum ist die ganze Schrift geschrieben. Darum hat Gott
die ganze Welt geschaffen: damit Gott in der Seele geboren werde und die
Seele wiederum in Gott. Alles Kornes innerste Natur meinet Weizen, und
alles Metall Gold, und alle Geburt den Menschen!“
Hier spricht es Eckehart deutlich aus, dass Gott in einer unzweifelhaften
Abhängigkeit von der Seele steht, und zugleich, dass die Seele die
Geburtstätte Gottes ist. Dieser letztere Satz ist nach unsern obigen
Überlegungen leicht verständlich. Die Wahrnehmungsfunktion (Seele)
erfasst die Inhalte des Unbewussten und als schöpferische Funktion gebiert
sie die Dynamis in symbolischer Form.[211] Was die Seele gebiert, sind,
psychologisch genommen, Bilder, von denen die allgemeine rationale
Voraussetzung annimmt, dass sie wertlos seien. Solche Bilder sind auch in
dem Sinne wertlos, als sie sich nicht unmittelbar mit Erfolg in der
objektiven Welt verwerten lassen. Die nächste Verwendungsmöglichkeit ist
die künstlerische, insofern einer über künstlerische Ausdrucksfähigkeit
verfügt[212], eine zweite Verwendungsmöglichkeit ist die philosophische
Spekulation[213], eine dritte die quasi religiöse, welche zur Häresie und
Sektengründung führt; eine vierte Möglichkeit ist die Verwendung der in
den Bildern liegenden Kräfte zur Ausschweifung in jeglicher Form. (Die
beiden letztern Verwendungen haben sich besonders deutlich verkörpert in
der enkratitischen (enthaltsamen, asketischen) und der antitaktischen
(anarchistischen) Richtung der Gnostik. Die Bewusstmachung der Bilder
hat aber indirekt insofern auch einen Wert für die Anpassung an die
Wirklichkeit, als dadurch die Beziehung zur realen Umwelt von
phantastischer Beimischung befreit wird. Ihren Hauptwert aber haben die
Bilder für das subjektive Glück und Wohlbefinden, abgesehen von Gunst
und Ungunst äusserer Bedingungen. Angepasst sein ist gewiss ein Ideal.
Aber nicht immer ist Anpassung möglich, indem es Lagen gibt, in denen die
einzige Anpassung geduldiges Erleiden ist. Diese Form der passiven
Anpassung wird ermöglicht und erleichtert durch die Entwicklung der
Phantasiebilder. Ich sage: „Entwicklung“, weil die Phantasien zunächst
blosser Rohstoff von zweifelhaftem Werte sind. Sie müssen daher einer
Behandlung unterworfen werden, um diejenige Gestalt zu gewinnen,
welche geeignet ist, das Maximum an Förderung zu gewähren. Diese
Behandlung ist eine Frage der Technik, die ich in diesem Zusammenhang
nicht erörtern kann. Ich kann nur soviel erwähnen, der Klarheit halber, dass

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es zwei Behandlungsmöglichkeiten gibt: 1. die reduktive und 2. die
synthetische Methode. Erstere Methode führt alles auf die primitiven Triebe
zurück, letztere entwickelt aus dem gegebenen Material einen
Differenzierungsprozess der Persönlichkeit. Die reduktive und die
synthetische Methode ergänzen einander, denn die Reduktion auf den Trieb
führt zur Realität, zur Überbewertung der Realität und damit zur
Notwendigkeit des Opfers. Die synthetische Methode entwickelt die
symbolischen Phantasien, die sich aus der durch das Opfer introvertierten
Libido ergeben. Aus dieser Entwicklung entsteht eine neue Einstellung der
Welt gegenüber, die um ihrer Differenz willen ein neues Gefälle
gewährleistet. Diesen Übergang in die neue Einstellung habe ich als
transscendente Funktion bezeichnet.[214] In der erneuerten Einstellung tritt
die vorher ins Unbewusste versunkene Libido als positive Leistung wieder
zu Tage. Sie entspricht einem wiedergewonnenen sichtbaren Leben. Das
heisst das Symbol der Gottesgeburt. Umgekehrt, wenn die Libido sich vom
äussern Objekt zurückzieht und ins Unbewusste versinkt, dann wird die
„Seele in Gott geboren“. Dieser Zustand ist aber nicht glücklich (wie
Eckehart richtig bemerkt), weil es sich um einen in Hinsicht des Taglebens
negativen Akt, um einen Abstieg zum deus absconditus handelt, welch
letzterer Eigenschaften besitzt, die von denen des am Tage leuchtenden
Gottes sehr verschieden sind.[215]
Eckehart spricht von der Gottesgeburt als von einem öfters sich
wiederholenden Vorgang. Tatsächlich ist nun der Vorgang, von dem wir hier
handeln, ein psychologischer Prozess, der sich unbewusst fast beständig
wiederholt, der uns aber nur in seinen ganz grossen Schwankungen relativ
bewusst wird. Goethes Begriff der Systole und Diastole hat intuitiv wohl
das Richtige getroffen. Es dürfte sich um einen Rhythmus der
Lebenserscheinung, um Schwingungen der Lebenskräfte handeln, die in der
Regel unbewusst ablaufen. Dies dürfte auch der Grund sein, dass die dafür
bereits existierende Terminologie eine vorwiegend religiöse oder
mythologische ist, denn solche Ausdrücke oder Formeln beziehen sich
immer in erster Linie auf unbewusste psychologische Tatbestände und nicht
auf die Mondphasen oder andere planetare Vorgänge, wie die
wissenschaftliche Mythenerklärung öfters meint. Da es sich um vorwiegend
unbewusste Vorgänge handelt, so haben wir wissenschaftlich auch die
grösste Mühe aus der Bildersprache wenigstens soweit herauszukommen,
dass wir das Niveau der Bildersprache anderer Wissenschaften erreichen.

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Die Ehrfurcht vor den grossen natürlichen Geheimnissen, welche die
religiöse Sprache in durch Alter, Bedeutungsschwere und Schönheit
geheiligten Symbolen auszudrücken sich bemüht, wird nicht gekränkt durch
die Ausdehnung der Psychologie auf diese Gebiete, zu denen bisherige
Wissenschaft keinen Zugang fand. Wir schieben die Symbole nur etwas
weiter zurück und ziehen ein Stück ihrer Domäne ans Tageslicht, ohne aber
dem Irrtum zu verfallen, wir hätten damit mehr geschaffen als bloss ein
neues Symbol für dasselbe Rätsel, das allen Zeiten vor uns Rätsel war.
Unsere Wissenschaft ist auch Bildersprache, sie passt aber in praktischer
Hinsicht besser als die alte mythologische Hypothese, die sich mit
concreten Vorstellungen ausdrückte, statt wie wir, mit Begriffen.
5. Die Seele hat „erst mit ihrem Geschöpfsein Gott gemacht, so dass es
den nicht eher gab, als bis die Seele zu etwas Erschaffenem wurde. Ich habe
vor einiger Zeit geäussert: „Dass Gott Gott ist, dessen bin ich eine
Ursache!“ Gott hat sich von der Seele: dass er Gottheit ist, hat er von sich
selber.“[216]
6. „Aber auch Gott wird und vergeht.“[217]
7. „Da alle Kreaturen ihn aussprechen, da wird Gott. Als ich noch im
Grunde und Boden der Gottheit weilte, in ihrem Strome und Quell, da
fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand,
der mich hätte fragen können. Erst indem ich ausströmte, kündeten alle
Kreaturen Gott. — Und warum reden sie nicht von der Gottheit? — Alles,
was in der Gottheit ist, ist Eines, und von dem kann man nichts reden. Nur
Gott tut etwas; die Gottheit tut nichts, sie hat nichts zu tun, und umgeschaut
darnach hat sie sich auch nie. Gott und Gottheit sind unterschieden als Tun
und Nichtstun.“ — Wenn ich wieder heim komme in Gott, erbilde ich da
nichts mehr in mir, so ist dieser mein Durchbruch viel herrlicher als mein
erster Hervorgang. Denn ich — der Eine — bringe ja alle Kreaturen, aus
ihrem eigenen in mein Empfinden erhoben, auf dass in mir auch sie das
Eine werden! Wenn ich dann zurückkomme in den Grund und Boden der
Gottheit, in ihren Strom und Quell, so fragt mich niemand, woher ich
komme, oder wo ich gewesen sei: es hat mich niemand vermisst. — Das
heisst es: „Gott vergeht.“[218]
Wie aus diesen Zitaten hervorgeht, unterscheidet Eckehart zwischen
Gott und Gottheit, wobei Gottheit das sich selbst nicht wissende und nicht

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habende All ist, während Gott als eine Funktion der Seele erscheint, wie
letztere als eine Funktion der Gottheit. Die Gottheit ist offenbar die
allverbreitete Schöpfermacht, psychologisch: der zeugende, schaffende
Trieb, der sich selbst nicht weiss und nicht hat, vergleichbar der
Schopenhauerschen Konzeption des Willens. Gott aber erscheint als das aus
Gottheit und Seele Gewordene. Die Seele als Kreatur „spricht“ ihn aus. Er
ist, insofern die Seele vom Unbewussten unterschieden ist und insofern sie
die Kräfte und Inhalte des Unbewussten wahrnimmt, und er vergeht, sobald
die Seele in dem „Strom und Quell“ der unbewussten Kraft untertaucht. So
sagt Eckehart an anderer Stelle: „Als ich aus Gott heraustrat, da sprachen
alle Dinge: „Es gibt einen Gott!“ Nun kann mich das nicht selig machen,
denn hierbei fasse ich mich als Kreatur. Aber in dem Durchbruche, da ich
ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig auch von diesem Gotteswillen,
und aller seiner Werke, und Gottes selber — da bin ich mehr als alle
Kreaturen, da bin ich weder Gott noch Kreatur: ich bin, was ich war und
was ich bleiben werde, jetzt und immerdar! Da erhalte ich einen Ruck, dass
er mich emporbringt über alle Engel. In dem Ruck werd’ ich so reich, dass
Gott mir nicht genug sein kann, nach allem, was er als Gott ist, nach allen
seinen göttlichen Werken: denn ich empfahe in diesem Durchbruche, was
ich und Gott gemeinsam sind. Da bin ich, was ich war, da nehme ich weder
ab noch zu, denn ich bin da ein Unbewegliches, welches alle Dinge bewegt.
Hier findet Gott keine Stätte mehr im Menschen, denn hier hat der Mensch
durch seine Armut wieder errungen, was er ewiglich gewesen ist und immer
bleiben wird. Hier ist Gott in den Geist hineingenommen.“
Das „Hervorgehen“ bedeutet eine Bewusstmachung des unbewussten
Inhaltes und der unbewussten Kraft in der Form einer aus der Seele
geborenen Idee. Dieser Akt ist eine bewusste Unterscheidung von der
unbewussten Dynamis, eine Trennung von Ich als Subjekt von Gott (d. h.
der unbewussten Dynamis) als Objekt. Dadurch „wird“ Gott. Wenn diese
Trennung durch den „Durchbruch“, d. h. durch eine „Abscheidung“ des Ich
von der Welt und durch eine Identifikation des Ich mit der treibenden
Dynamis des Unbewussten wieder aufgehoben wird, dann verschwindet
Gott als Objekt und wird zu dem vom Ich nicht mehr unterschiedenen
Subjekt, d. h. das Ich als relativ spätes Differenzierungsprodukt wird wieder
vereinigt mit der mystischen, dynamischen Allbezogenheit („participation
mystique“ der Primitiven). Dies ist das Eintauchen in den „Strom und
Quell“. Die zahlreichen Analogien mit den Vorstellungen des Ostens sind

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ohne weiteres einleuchtend. Berufenere als ich haben sie in ausführlicher
Bearbeitung hervorgehoben. Dieser Parallelismus ohne direkte
Beeinflussung aber beweist, dass Eckehart aus einer Tiefe des collektiven
Geistes denkt, die dem Osten und dem Westen gemeinsam ist. Dieser
gemeinsame Grund, für den keine gemeinsame Geschichte verantwortlich
gemacht werden kann, ist der Urgrund der primitiven Geistesveranlagung
mit seinem primitiven energetischen Gottesbegriff, wo die treibende
Dynamis noch nicht im Kristall der abstrakten Gottesidee erstarrt ist. Dieser
Rückgriff auf ursprüngliche Natur, diese religiös organisierte Regression zu
psychischen Bedingungen der Vorzeit, ist allen im tiefsten Sinne lebendigen
Religionen gemeinsam, angefangen mit den Rückidentifikationen bei den
Totemzeremonien der Australneger[219] bis zu den Ekstasen christlicher
Mystiker unserer Zeit und unserer Kultur. Durch diesen Rückgriff wird
wieder ein Anfangszustand hergestellt, die Unwahrscheinlichkeit der
Identität mit Gott und vermöge dieser Unwahrscheinlichkeit, die doch zum
eindrucksvollsten Erlebnis geworden ist, ergibt sich ein neues Gefälle; die
Welt wird wieder geschaffen, indem die Einstellung des Menschen zum
Objekt sich erneuert hat.
Es ist eine Pflicht des historischen Gewissens, an dieser Stelle, wo wir
von der Relativität des Gottessymboles sprechen, auch jenes in seiner Zeit
einsamen Mannes zu gedenken, der, wie es ein tragisches Geschick wollte,
zu seiner eigenen Vision kein Verhältnis zu finden vermochte:
Angelus Silesius. Was Meister Eckehart mit grosser Anstrengung des
Denkens und vielfach in schwer verständlicher Sprache sich auszudrücken
bemühte, das spricht Silesius in kurzen, rührend innigen Versen aus, die
aber, gedanklich, dieselbe Relativität Gottes schildern, die schon Meister
Eckehart erfasst hat. Ich setze eine Reihe dieser Verse her. Sie mögen für
sich selbst sprechen:

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1. Ich weiss, dass ohne mich
Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd’ ich zunicht, er muss
Von Not den Geist aufgeben.

2. Gott mag nicht ohne mich
Ein einzigs Würmlein machen
Erhalt ich’s nicht mit ihm,
So muss es stracks zukrachen.

3. Ich bin so gross als Gott:
Er ist als ich so klein;
Er kann nicht über mich
Ich unter ihm nicht sein!

4. Gott ist in mir das Feuer,
Und ich in ihm der Schein:
Sind wir einander nicht
Ganz inniglich gemein?

5. Gott liebt mich über sich:
Lieb ich ihn über mich,
So geb ich ihm soviel,
Als er mir gibt aus sich!

6. Gott ist mir Gott und Mensch:
Ich bin ihm Mensch und Gott:
Ich lösche seinen Durst,
Und er hilft mir aus Not.

7. Gott, der bequemt sich uns,
Er ist uns, was wir wollen:
Weh uns, wenn wir ihm auch
Nicht werden, was wir sollen.

8. Gott ist das, was er ist:
Ich bin das, was ich bin:
Doch kennst du Einen wohl,
So kennst du mich und ihn.

9. Ich bin nicht ausser Gott,
Und Gott nicht ausser mir,
Ich bin sein Glanz und Licht,
Und er ist meine Zier.

10. Ich bin die Reb im Sohn,
Der Vater pflanzt und speist,
Die Frucht, die aus mir wächst,
Ist Gott, der heil’ge Geist.

11. Ich bin Gott’s Kind und Sohn,

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. c b Gott s d u d So ,
Er wieder ist mein Kind:
Wie gehet es doch zu,
Das beide beides sind.

12. Ich selbst muss Sonne sein,
Ich muss mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer
Der ganzen Gottheit malen.

Es wäre lächerlich, anzunehmen, dass derart kühne Gedanken, wie die
des Meister Eckehart nichts als leere Erfindungen bewusster Spekulation
wären. Solche Gedanken sind immer historisch bedeutsame Phänomene,
welche getragen sind von unbewussten Strömungen in der Collektivpsyche:
Tausende von Andern, Namenlosen, stehen dahinter mit ähnlichen
Gedanken und Gefühlen unter der Schwelle des Bewusstseins, bereit die
Tore einer neuen Zeit zu öffnen. In der Kühnheit dieser Gedanken spricht
sich die Unbekümmertheit und unerschütterliche Sicherheit des
unbewussten Geistes aus, der mit der Konsequenz eines Naturgesetzes eine
geistige Wandlung und Erneuerung herbeiführen wird. Mit der Reformation
erreichte die Strömung allgemein die Oberfläche des Taglebens. Die
Reformation beseitigte in hohem Masse die Kirche als Vermittlerin des
Heiles und stellte wieder die persönliche Beziehung zu Gott her. Damit war
der Gipfel der grössten Objektivation der Gottesidee überschritten und von
da an subjektiviert sich der Gottesbegriff wieder mehr und mehr. Die
Aufsplitterung in Sekten ist logische Konsequenz dieses
Subjektivierungsprozesses. Die äusserste Folge davon ist der
Individualismus, der eine neue Form der „Abgeschiedenheit“ darstellt und
dessen unmittelbare Gefahr das Untertauchen in die unbewusste Dynamis
ist. Der Kult der „blonden Bestie“ stammt aus dieser Entwicklung und noch
vieles andere, was unsere Zeit vor andern Zeiten auszeichnet. Sobald aber
dieses Untertauchen in den Trieb stattfindet, so erhebt sich auf der andern
Seite auch immer wieder der Widerstand gegen das rein Gestaltlose,
Chaotische der blossen Dynamis, das Bedürfnis nach Form und Gesetz.
Indem die Seele in den Strom taucht, muss sie auch das Symbol schaffen,
das die Kraft in sich fasst, festhält und ausdrückt. Diesen Prozess in der
Collektivpsyche fühlen oder ahnen diejenigen Dichter und Künstler, welche
hauptsächlich aus den Wahrnehmungen des Unbewussten, also aus
unbewussten Inhalten schaffen, und deren geistiger Horizont weit genug ist,

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um die Hauptprobleme der Zeit, in ihrer äussern Erscheinung wenigstens,
zu fassen.
Spittelers Prometheus setzt an einem psychologischen Wendepunkt ein:
er schildert das Auseinanderfallen der Gegensatzpaare, die früher noch
beisammen waren. Prometheus, der Bildner, der Diener der Seele,
verschwindet aus dem Kreis der Menschen; die menschliche Gesellschaft
selber, seelenloser Moralroutine gehorchend, verfällt dem Behemoth, den
gegensätzlichen, destruktiven Folgen eines überlebten Ideals. Zu rechter
Zeit schafft Pandora (die Seele) im Unbewussten das rettende Kleinod, das
die Menschheit nicht erreicht, weil letztere es nicht versteht. Die Wendung
zum Bessern erfolgt erst durch das Eingreifen der prometheischen Tendenz,
die vermöge der Einsicht und des Verstehens, erst wenige, dann viele
Menschen zur Besinnung bringt. Es kann natürlich nicht anders sein, als
dass dieses Werk seine Wurzeln im intimen Erleben des Schöpfers hat.
Wenn es aber nur in einer poetischen Elaboration dieser rein persönlichen
Erlebnisse bestünde, so würde ihm die Allgemeingültigkeit und
Dauerhaftigkeit in hohem Masse mangeln. Weil es aber nicht nur
Persönliches, sondern in der Hauptsache collektive Probleme unserer Zeit
auch als persönliche erlebt, darstellt und behandelt, so kommt ihm
Allgemeingültigkeit zu. Zugleich musste es aber auch bei seinem ersten
Erscheinen auf die Teilnahmlosigkeit der Zeitgenossen stossen, denn die
Zeitgenossen sind jeweils in der grossen Mehrzahl dazu berufen, die
unmittelbare Gegenwart aufrecht zu erhalten und zu preisen und auf diese
Weise jenen fatalen Ausgang herbeizuführen, dessen Verwicklung der
vorausahnende schöpferische Geist schon zu lösen versucht hat.

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5. Die Natur des vereinigenden Symbols bei
Spitteler.
Wir müssen uns nun noch Rechenschaft geben über die wichtige Frage,
von welcher Beschaffenheit das Kleinod und Symbol des erneuerten Lebens
ist, das der Dichter als freude- und erlösungbringend empfindet. Wir haben
bereits eine Reihe von Belegen zusammengestellt, welche die „göttliche“
Natur, die „Gottheit“ des Kleinodes dartun. Damit ist deutlich gesagt, dass
in diesem Symbole Möglichkeiten zu neuen energetischen Auslösungen
liegen, nämlich zu Befreiungen der unbewusst gebundenen Libido. Das
Symbol sagt immer: gleichsam in dieser Form ist eine neue Manifestation
des Lebens, eine Erlösung aus der Gebundenheit und dem Lebensüberdruss
möglich. Die durch das Symbol aus dem Unbewussten befreite Libido ist
symbolisiert als ein verjüngter, oder überhaupt als ein neuer Gott, so wie
z. B. im Christentum Jahve eine Wandlung zum liebenden Vater und
überhaupt zu einer höhern und geistigern Moralität vollzog. Das Motiv der
Gotteserneuerung[220] ist allgemein verbreitet und kann deshalb als bekannt
vorausgesetzt werden. Bezüglich der erlösenden Kraft des Kleinods sagt
Pandora:
„Sondern sieh, von einem Menschenvolke, hab’ ich einst vernommen,
reich an Schmerzen, wert, dass man sich dess erbarme, darum hab’ ich ein
Geschenk mir ausgedichtet, dass vielleicht, wofern du mir’s gewährst,
damit ich lindere oder tröste, ihre vielen Leiden.“[221] Die Blätter des
geburtbeschützenden Baumes singen: „Denn hier ist Gegenwart, und hier
ist Seligkeit und hier ist Gnade.“[222]
Die Botschaft des „Wunderkindes“, des neuen Symboles, ist Liebe und
Freude, also ein Zustand paradiesischer Art. Diese Botschaft ist eine
Parallele zur Christusgeburt, während die Begrüssung durch die
Sonnengöttin[223] und das Geburtswunder, dass Menschen in der
Entfernung in diesem Augenblick „gut“ und begnadet werden[224], Attribute
der Buddhageburt sind. Aus dem „Gottessegen“ möchte ich nur die eine
bedeutsame Stelle hervorheben: „dass jedem Manne diese Bilder

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widerführen, die dereinst als Kind er schaute in der Zukunft buntem
träumerischen Scheine.“[225] Damit ist offenbar gesagt, dass die
Kindheitsphantasien in Erfüllung gehen mögen, d. h. dass jene Bilder nicht
verloren gehen, sondern sich dem reifen Manne wieder nahen und sich
erfüllen sollen. Der alte Kule in Barlach: Der tote Tag[226], sagt: „Wenn ich
nachts liege, und die Finsterniskissen mich drücken, dann drängt sich
zuweilen um mich klingendes Licht, sichtbar meinen Augen und meinen
Ohren hörbar. Und da stehen dann die schönen Gestalten der bessern
Zukunft um mein Lager. Noch starr, aber von herrlicher Schönheit, noch
schlafend — — aber wer sie erweckte, der schüfe der Welt ein besseres
Gesicht. Das wäre ein Held, der das könnte.“ — „Was für Herzen würden
dadurch erst schlagen können! Ganz andere Herzen, die ganz anders
schlagen, als sie jetzt können.“ — (Von den Bildern.) „Sie stehen in keiner
Sonne und werden nirgends von der Sonne beschienen. Aber sie wollen und
müssen einmal aus der Nacht. Das wäre die Kunst, sie an die Sonne zu
schaffen, da würden sie leben.“ Auch Epimetheus sehnt sich nach dem
Bilde, dem Kleinod; er sagt im Gespräch über die Statue des Herakles (des
Heroën!): „Dies ist des Bildes Sinn und mit Verständnis setzt es darein
einzig unsern Ruhm, dass wir Gelegenheit erleben und sie fassen, dass ein
Kleinod reife über unserm Haupt und dass wir es gewinnen.“[227] Auch als
das Kleinod, von Epimetheus abgelehnt, den Priestern gebracht wird,
singen diese gerade so, wie Epimetheus vorher das Kleinod ersehnte: „O
komm, o Gott, mit deiner Gnade“, um unmittelbar darauf das ihnen
gebotene Himmelskleinod abzulehnen und zu lästern. Der Beginn des von
den Priestern gesungenen Hymnus ist unschwer zu erkennen als das
protestantische Kirchenlied:

„Komm, o komm, du Geist des Lebens,
Wahrer Gott von Ewigkeit!
Deine Kraft sei nicht vergebens,
Sie erfüll uns jederzeit:
So wird Geist und Licht und Schein
In dem dunklen Herzen sein.

O du Geist der Kraft und Stärke,
Du gewisser neuer Geist,
Fördre in uns deine Werke“, etc.

Dieser Hymnus geht durchaus parallel mit unsern vorangegangenen
Ausführungen. Dass dieselben Priester, die dieses Lied singen, den neuen

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Lebensgeist, das neue Symbol verwerfen, entspricht ganz dem
rationalistischen Wesen epimetheischer Kreaturen. Die Vernunft sucht die
Lösung immer auf dem vernünftigen, konsequenten, logischen Wege,
womit sie in allen mittlern Lagen und Problemen Recht hat, aber in den
grössten und entscheidenden Fragen reicht sie nicht aus. Sie ist unfähig, das
Bild, das Symbol zu erschaffen; das Symbol ist irrational. Wenn der
rationale Weg zur Sackgasse geworden ist, — was er nach einiger Zeit
immer zu werden pflegt — dann kommt die Lösung von der Seite, von der
man sie nicht erwartet. („Was kann von Nazareth Gutes kommen?“) Dieses
psychologische Gesetz ist z. B. die Grundlage der messianischen
Prophezeiungen. Die Prophezeiungen selbst sind Projektionen des das
künftige Geschehen vorahnenden Unbewussten. Weil die Lösung irrational
ist, so wird das Erscheinen des Erlösers an eine unmögliche, d. h. irrationale
Bedingung geknüpft, also an die Schwangerschaft der Jungfrau.[228] Diese
Prophezeiung ist, wie viele andere, die etwa lauten, wie: „Macbeth wird
keiner Feindesmacht erliegen, kommt feindlich nicht der Birnams Wald
gestiegen, zum Dunsinan.“
Die Geburt des Erlösers, d. h. die Entstehung des Symbols, findet dort
statt, wo man sie nicht erwartet, und zwar gerade dort, von woher eine
Lösung am allerunwahrscheinlichsten ist. So sagt Jesaia (53, 1): „Aber wer
glaubt unserer Predigt? Und wem wird der Arm des Herrn offenbaret?
Denn er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus
dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und
Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg;
darum haben wir ihn nichts geachtet.“
Das Erlösende entsteht nicht nur dort, von woher man nichts erwartet,
sondern es tritt, wie diese Stelle zeigt, auch in einer Gestalt hervor, an der
nichts Schätzenswertes ist für das epimetheische Urteil. Spitteler hat sich
bei der Schilderung der Verwerfung des Symbols wohl kaum an das
biblische Vorbild bewusst angelehnt, sonst würde man es seinen Worten
anmerken. Vielmehr hat er aus derselben Tiefe geschöpft, aus der Propheten
und Schöpfer die lösenden Symbole schaffen.

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Die Erscheinung des Erlösers bedeutet eine Vereinigung der
Gegensätze: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und die Pardel
bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen
und Mastvieh miteinander treiben.
Kühe und Bären werden an der Weide gehen, dass ihre Jungen
beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen.
Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein
Entwöhneter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken.“[229]
Die Natur des erlösenden Symboles ist die eines Kindes[230], d. h. die
Kindlichkeit oder Voraussetzungslosigkeit der Einstellung gehört zum
Symbol und dessen Funktion. Diese „kindliche“ Einstellung bringt es eo
ipso mit sich, dass an Stelle der Eigenwilligkeit und rationalen
Absichtlichkeit ein anderes Führungsprinzip tritt, dessen „Göttlichkeit“
gleichbedeutend ist mit „Übermacht“. Das Führungsprinzip ist irrationaler
Natur, weshalb es in der Hülle des Wunderbaren erscheint. Diesen
Zusammenhang gibt Jesaia sehr schön 9, 5: „Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er
heisst Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“
Diese Bestimmungen geben die wesentlichen Eigenschaften des
lösenden Symboles, die wir oben bereits festgestellt haben. Das Kriterium
der „göttlichen“ Wirkung ist die unwiderstehliche Kraft des unbewussten
Impulses. Der Held ist immer die mit magischer Kraft ausgerüstete Figur,
die das Unmögliche möglich macht. Das Symbol ist der mittlere Weg, auf
dem sich die Gegensätze einen zu neuer Bewegung, ein Wasserlauf, der
nach langer Dürre Fruchtbarkeit ergiesst: Die Spannung vor der Lösung
wird einer Schwangerschaft verglichen:
„Gleichwie eine Schwangere, wenn sie schier gebären soll, so ist ihr
Angst, schreiet in ihren Schmerzen: so gehet’s uns auch, Herr, vor deinem
Angesicht.
Da sind wir auch schwanger, und ist uns bange, dass wir kaum Odem
holen; doch können wir dem Lande nicht helfen —.
Aber deine Toten werden leben, meine Leichname werden auferstehen.“
Im Akte der Erlösung belebt sich das, was unbelebt, tot war, d. h.
psychologisch: diejenigen Funktionen, die brach lagen und steril,

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unbeschäftigt, verdrängt, verachtet, unterschätzt, etc., waren, brechen
plötzlich hervor und fangen an zu leben. Es ist eben gerade die
minderwertige Funktion, welche das Leben, das in der differenzierten
Funktion zu erlöschen drohte, fortsetzt.[231] Dieses Motiv kehrt im
neutestamentlichen Gedanken der ἀποκατάρτασις πάντων, der
Wiederbringung[232], wieder, welche eine hohe Entwicklungsform jenes
allgemein verbreiteten Gedankens des Heldenmythus ist, nach dem der
Held, wenn er aus dem Walfischbauch herauskommt, auch seine Eltern und
all die, die vom Ungeheuer früher verschluckt worden sind, herausführt,
was Frobenius das „Allausschlüpfen“ nennt.[233] Den Zusammenhang mit
dem Heldenmythus wahrt auch Jesaia zwei Verse weiter (27, 1): „Zu der
Zeit wird der Herr heimsuchen mit seinem harten, grossen und starken
Schwert beide, den Leviathan, der eine flüchtige Schlange, und den
Leviathan, der eine gewundene Schlange ist, und wird den Drachen im
Meer erwürgen.“
Mit der Geburt des Symbols hört die Regression der Libido ins
Unbewusste auf. Die Regression verwandelt sich in Progression, die
Stauung gerät in Fluss. Dadurch wird die anziehende Macht des Urgrundes
gebrochen. Darum heisst es auch in Barlachs Drama: Der tote Tag: Kule:
„Und da stehen dann die schönen Gestalten der bessern Zukunft um mein
Lager. Noch starr, aber von herrlicher Schönheit, noch schlafend — aber
wer sie erweckte, der schüfe der Welt ein besseres Gesicht. Das wäre ein
Held, der das könnte.
Mutter: Ein Heldentum in Jammer und Nöten!
Kule: Aber es könnte vielleicht doch einer!
Mutter: Der sollte vorher seine Mutter begraben.“ —
Das Motiv des „Mutterdrachens“ habe ich früher ausgiebig belegt,
sodass ich mir hier die Wiederholung ersparen kann.[234] Die Entstehung
neuen Lebens und neuer Fruchtbarkeit, da, wo man nichts erwarten konnte,
schildert auch Jesaia 35, 5 ff.: „Alsdann werden der Blinden Augen
aufgetan werden, und der Tauben Ohren werden geöffnet werden.
Alsdann werden die Lahmen löcken wie ein Hirsch, und der Stummen
Zunge wird lobsagen. Denn es werden Wasser in der Wüste hin und wieder
fliessen und Ströme im dürren Lande.

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Und wo es zuvor trocken ist gewesen, sollen Teiche stehen; und wo es
dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Da zuvor die Schakale gelegen
haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Und es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige
Weg heissen wird, dass kein Unreiner darauf gehen darf; und derselbige
wird für sie sein, dass man drauf gehe, dass auch die Thoren nicht irren
mögen.“
Das lösende Symbol ist eine Bahn, ein Weg, auf der sich das Leben
vorwärts bewegen kann, ohne Qual und Zwang.
Hölderlin sagt in „Patmos“:

„Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.“

Es klingt, wie wenn die Nähe Gottes eine Gefahr wäre, d. h. wie wenn
die Konzentration der Libido im Unbewussten eine Gefahr wäre für das
bewusste Leben. Dem ist nun tatsächlich so: je mehr die Libido im
Unbewussten investiert wird oder, besser gesagt, sich investiert, desto höher
steigt der Einfluss, die Wirkungsmöglichkeit des Unbewussten, d. h. alle
verworfenen, abgelegten, überlebten, ja seit Generationen gänzlich
verlorenen Funktionsmöglichkeiten beleben sich und beginnen einen
wachsenden Einfluss auf das Bewusstsein auszuüben, trotz oft verzweifelter
Gegenwehr der bewussten Einsicht. Das Rettende ist das Symbol, welches
Bewusstes und Unbewusstes in sich fassen und vereinigen kann. Während
die dem Bewusstsein disponible Libido in der differenzierten Funktion sich
allmählich erschöpft und sich immer langsamer und schwieriger ergänzen
lässt, und während die Symptome des Uneinssein mit sich selber sich
häufen, wächst die Gefahr einer Überschwemmung und Zerstörung durch
unbewusste Inhalte, zugleich aber wächst auch das Symbol, das berufen ist,
den Konflikt zu lösen. Das Symbol aber ist auf’s allerinnigste verbunden
mit dem Gefährlichen und Bedrohenden, sodass es mit ihm entweder
verwechselt werden kann, oder dass es bei seinem Erscheinen eben gerade
das Böse und Zerstörende hervorruft. Jedenfalls ist die Erscheinung des
Erlösenden aufs innigste mit Zerstörung und Verwüstung verknüpft. Wenn
das Alte nicht reif wäre zum Tode, so würde nichts Neues erscheinen, und

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das Alte könnte und brauchte nicht ausgerottet zu werden, wenn es dem
Neuen nicht schädlicherweise den Platz versperrte. Dieser natürliche
psychologische Zusammenhang der Gegensätze findet sich bei Jesaia 7, 16
ff. 7, 14 heisst es, dass eine Jungfrau einen Sohn gebären wird, den sie
Immanuel heissen wird. Immanuel heisst bezeichnenderweise „Gott mit
uns“, d. h. Vereinigung mit der latenten Dynamis des Unbewussten, die im
lösenden Symbol gewährleistet ist. Was aber diese Vereinigung zunächst
bedeuten will, zeigen die unmittelbar folgenden Verse:
„Denn ehe der Knabe lernet Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird
das Land verödet sein, vor dessen zween Königen dir grauet.“
8, 1: „Und der Herr sprach zu mir: Nimm vor dich eine grosse Tafel und
schreib darauf mit Menschengriffel: Raubebald, Eilebeute.“
8, 3: „Und ich ging zu der Prophetin, die ward schwanger und gebar
einen Sohn. Und der Herr sprach zu mir: nenne ihn Raubebald, Eilebeute.
Denn ehe der Knabe rufen kann: Lieber Vater, liebe Mutter! soll die
Macht von Damaskus und die Ausbeute Samarias weggenommen werden
durch den König zu Assyrien.“
8, 6: „Weil dies Volk verachtet das Wasser zu Siloah, das stille gehet —
Siehe, so wird der Herr über sie kommen lassen starke und viele Wasser
des Stromes, nämlich den König zu Assyrien und alle seine Herrlichkeit,
dass sie über alle ihre Bette fahren und über alle ihre Ufer gehen;
Und werden einreissen in Juda, und schwemmen und überherlaufen, bis
dass sie an den Hals reichen; und werden ihre Flügel ausbreiten, dass sie
dein Land, o Immanuel, füllen, so weit es ist.“
Ich habe schon in meinem Buch über „Wandlungen und Symbole der
Libido“ darauf hingewiesen, dass die Gottesgeburt vom Drachen, von der
Überschwemmungsgefahr, dem Kindsmord bedroht ist. Psychologisch
heisst das: dass die latente Dynamis ausbrechen und das Bewusstsein
überschwemmen kann. Diese Gefahr ist für Jesaia der fremde König, der
ein feindliches, mächtiges Reich regiert. Für Jesaia ist das Problem
natürlich nicht psychologisch, sondern wegen seiner völligen Projektion
concret. Bei Spitteler dagegen ist das Problem schon sehr psychologisch,
deshalb vom concreten Objekt abgelöst, und doch drückt es sich in ganz
ähnlichen Formen aus wie bei Jesaia, obschon wir kaum eine bewusste

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Anlehnung vermuten dürfen. Die Geburt des Erlösers ist gleichbedeutend
mit einer grossen Katastrophe, indem nämlich ein neues, mächtiges Leben
da hervorbricht, wo man gar kein Leben und keine Kraft und keine
Entwicklungsmöglichkeit vermutete. Es strömt hervor aus dem
Unbewussten, d. h. aus demjenigen Teil der Psyche, der gewollt und
ungewollt nicht gewusst und deshalb von allen Rationalisten als Nichts
behandelt wird. Aus diesem Nichtgeglaubten und Verworfenen kommt der
neue Kraftzuschuss, die Erneuerung des Lebens. Was heisst aber das
Nichtgeglaubte und Verworfene? Es sind alle diejenigen psychischen
Inhalte, die wegen ihrer Unverträglichkeit mit den bewussten Werten
verdrängt wurden, also das Hässliche, Unmoralische, Unrichtige,
Unzweckmässige, Untaugliche usw. D. h. alles, was dem betreffenden
Individuum einmal so erschienen ist. Die Gefahr besteht nun darin, dass der
Mensch, wegen der Gewalt, mit der diese Dinge wiedererscheinen, wegen
ihres neuen und wunderbaren Glanzes dermassen davon weggerissen wird,
dass er alle frühern Werte darüber verwirft oder vergisst. Was man früher
verachtete, wird jetzt oberstes Prinzip, und was früher Wahrheit war, heisst
jetzt Irrtum. Diese Umkehrung der Werte kommt einer Zerstörung der
bisherigen Lebenswerte gleich, ist also gleich wie eine Verwüstung des
Landes durch Überschwemmung.
So bringt bei Spitteler das Himmelsgeschenk der Pandora dem Lande
und den Menschen Unheil. Wie der Büchse der Pandora in der klassischen
Sage die Krankheiten entströmen, das Land überschwemmen und
verheeren, so entsteht ein ähnliches Unheil durch das Kleinod. Um dies zu
begreifen, müssen wir uns Rechenschaft geben über die Beschaffenheit
dieses Symboles. Die ersten, die das Kleinod finden, sind die Bauern, wie
die Hirten die ersten sind, die den Erlöser begrüssen. Sie drehen es hin und
her in ihren Händen, „bis sie schliesslich ganz und gar verdummeten,
gemäss der fremden, sittenlosen, ungesetzlichen Erscheinung.“ Als sie es
vor den König brachten und dieser es zur Prüfung dem Gewissen zeigte,
damit es ja oder nein dazu sage, da sprang es erschrocken vom Schrank auf
den Boden, und versteckte sich unter das Bett „unmöglichen Vermutens“.
Wie eine flüchtende Krabbe „giftig glotzend, feindlich sträubend die
gewundnen Scheeren“ — „so schaute das Gewissen unterm Bett hervor und
es geschah, je näher Epimetheus rückte das Gebild, je weiter zog das andere
sich zurück mit widerwärtigen Gebärden. Und also schweigend hockt es da

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und auch kein einz’ges Wort und keine Silbe gab es laut, wie sehr der König
immer bat und flehete und reizte mit verschiedenen Reden.“
Dem Gewissen war das neue Symbol offenbar höchst unsympathisch,
weshalb der König den Bauern riet, das Kleinod zu den Priestern zu tragen.
„Als kaum der Hiphil-Hophal (der Oberpriester) schauete des Bildes
Angesicht, da fing er an sich zu entsetzen und zu ekeln, schrie und rief,
indem er seine Arme schützend kreuzte über seiner Stirne:
„Hinweg mit diesem Hohn, denn etwas Widergöttliches beruht in ihm
und fleischlich ist sein Herz und Frechheit blickt aus seinen Augen.“
Darauf brachten die Bauern das Kleinod zur Akademie: Die Lehrer der
hohen Schule aber fanden, dass dem Bilde „Gefühl und Seele“ fehle,
„überdies der Ernst, und auch zu allermeist der leitende Gedanke.“
Der Goldschmied schliesslich fand das Kleinod unecht und von
gemeinem Stoff. Auf dem Markt, wo die Bauern das Bild los werden
wollten, kam die Markt-Polizei dazu. Die Hüter des Rechtes riefen beim
Anblick des Bildes: „Wohnt auch ein Herz in eurem Leib und ruhet auch in
eurer Seele ein Gewissen, dass ihr solches wagt und leget also öffentlich
vor Aller Augen diese blosse, unverschämte, geile Nacktheit? —
Und nun so hebt euch eilig weg! und wehe über euch, wofern durch
einen Zufall ihr beschmutzt mit diesem Anblick unsere reinen Kinder samt
den weissen Weibern. —“
Das Symbol ist vom Dichter gekennzeichnet als fremd, sittenlos,
ungesetzlich, der moralischen Empfindung zuwider, dem Gefühl und
unserer Vorstellung des Seelischen widerstreitend, ebenso unserm Begriffe
des Göttlichen, es spricht zur Sinnlichkeit, ist schamlos und geeignet, die
öffentliche Sittlichkeit in hohem Masse durch Erregung sexueller
Phantasien zu gefährden. Diese Attribute bestimmen also eine Wesenheit,
welche besonders mit unsern moralischen Werten sich im Widerspruch
befindet, in zweiter Linie auch mit dem ästhetischen Werturteil, indem die
höhern Gefühlswerte daran mangeln, und die Abwesenheit des „leitenden
Gedankens“ auch auf eine Irrationalität seines gedanklichen Inhaltes deutet.
Das Verdikt „widergöttlich“ liesse sich wohl auch mit „antichristlich“
wiedergeben, indem diese Geschichte weder im fernen Altertum noch in
China lokalisiert ist. Dieses Symbol ist also gemäss allen Attributen ein

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Vertreter der minderwertigen Funktion, also der nicht anerkannten
psychischen Inhalte. Das Bild stellt offenbar — obschon dies nirgends
gesagt ist — eine nackte menschliche Gestalt dar — „lebende Gestalt“.
Diese Gestalt drückt die völlige Freiheit aus, so zu sein, wie man ist,
zugleich auch die Pflicht, so zu sein, wie man ist; sie bedeutet demnach die
höchste Möglichkeit ästhetischer wie sittlicher Schönheit, aber von Natur
wegen und nicht in künstlich hergerichteter Idealform, den Menschen, wie
er sein könnte. Ein solches Bild, dem Menschen, wie er gegenwärtig ist, vor
Augen gestellt, kann gar nichts anderes als das in ihm auslösen, was
schlummernd gebunden lag, und nicht mitlebte. Sollte der Zufall es wollen,
dass er erst zur Hälfte zivilisiert, zur andern Hälfte aber noch ein Barbar ist,
so wird durch solchen Anblick alle Barbarei in ihm aufgeweckt. Der Hass
des Menschen konzentriert sich immer auf das Etwas, das ihm seine
schlechten Eigenschaften zum Bewusstsein bringt. Daher das Schicksal des
Kleinods mit dem Augenblick seines Erscheinens in der Welt auch besiegelt
war. Der stumme Hirtenknabe, der es zuerst fand, wird von den wütenden
Bauern halbtot geprügelt, dann „schmettern“ die Bauern das Kleinod auf
die Strasse. Damit hat das Erlösersymbol seine kurze aber typische
Laufbahn geendet. Die Anlehnung an den christlichen Passionsgedanken ist
unverkennbar. Die Erlösernatur des Kleinodes erhellt auch daraus, dass es
bloss alle Tausend Jahre einmal erscheint; es ist ein seltenes Ereignis, dieses
„Blühen des Schatzes“ und Erscheinen eines Heilandes, eines Saoshyant,
eines Buddha.
Das Ende der Laufbahn des Kleinodes ist geheimnisvoll: es fällt in die
Hand eines wandernden Juden. „Nicht wars ein Jude dieser Welt und über
alle Massen fremd erschien uns seine Kleidung.“[235] Dieser besondere Jude
kann nur Ahasver sein, der den wirklichen Erlöser nicht annahm und sich
hier ein Erlöserbild sozusagen stiehlt. Die Ahasversage ist eine späte
christliche Sage, die als solche nicht früher als Anfangs des XVII.
Jahrhunderts zurückzudatieren ist.[236] Sie geht psychologisch hervor aus
einem Libidobetrag oder Persönlichkeitsteil, der in der christlichen
Einstellung zu Leben und Welt keine Verwendung findet und deshalb
verdrängt wird. Für diesen Teil waren die Juden von jeher Symbol, daher
der mittelalterliche Verfolgungswahnsinn gegenüber den Juden. Die Idee
des Ritualmordes enthält den Gedanken der Verwerfung des Erlösers in
verschärfter Form, denn man sieht den Splitter im eigenen Auge als Balken

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im Auge des Bruders. Der Ritualmordgedanke spielt auch bei Spitteler an,
indem der Jude das vom Himmel geschenkte Wunderkind stiehlt. Dieser
Gedanke ist eine mythologische Projektion der unbewussten Wahrnehmung,
dass die Erlösungswirkung immer wieder vereitelt wird durch die
Gegenwart eines unerlösten Stückes im Unbewussten. Dieses unerlöste,
nicht domestizierte, unerzogene oder barbarische Stück, das man nur an der
Kette halten und noch nicht frei laufen lassen kann, wird projiziert auf die,
die das Christentum nicht angenommen haben, während es in Wirklichkeit
ein Stück in uns ist, das bis jetzt den christlichen Domestikationsprozess
nicht durchlaufen hat. Es besteht eine unbewusste Wahrnehmung dieses
widerstrebenden Stückes, dessen Existenz man verleugnen möchte — daher
die Projektion. Die Ruhelosigkeit ist ein concreter Ausdruck der
Unerlöstheit. Das unerlöste Stück reisst das neue Licht, die Energie des
neuen Symboles sofort an sich. Damit ist in anderer Weise dasselbe
ausgedrückt, was wir schon oben andeuteten, als wir von der Wirkung des
Symbols auf die allgemeine Psyche sprachen: das Symbol reizt alle
verdrängten und nicht anerkannten Inhalte, wie z. B. bei den „Hütern des
Marktes“; ebenso beim Hiphil-Hophal, der gemäss seinem unbewussten
Widerstand gegen seine eigene Religion die Widergöttlichkeit und
Fleischlichkeit des neuen Symbols sofort hervorhebt und verstärkt. Der
Affekt der Ablehnung entspricht dem Betrage der verdrängten Libido. Mit
der moralischen Umwandlung des reinen Himmelsgeschenkes in die
schwülen Phantasiegespinnste dieser Köpfe ist der Ritualmord vollzogen.
Das Erscheinen des Symbols aber hat trotzdem gewirkt. Zwar wurde es in
seiner reinen Gestalt nicht angenommen, sondern es wurde von den
archaïschen und undifferenzierten Mächten verschlungen, wobei die
bewusste Moralität und Ästhetik noch kräftig mithalfen. Damit beginnt die
Enantiodromie, die Wandlung von bisherigem Wert in Unwert, von bisher
Gutem in Böses.
Das Reich der Guten, dessen König Epimetheus ist, lag seit Alters in
Feindschaft mit dem Reich Behemoths. Der Behemoth und der
Leviathan[237] sind die zwei aus dem Buche Hiob bekannten Ungetüme
Gottes, die symbolischen Ausdrücke seiner Macht und Kraft. Als rohe
tierische Symbole bezeichnen sie psychologisch verwandte Kräfte der
menschlichen Natur.[238] Darum sagt Jahve: „Siehe da den Behemoth, den
ich neben dir gemacht habe. —

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Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden, und sein Vermögen in den
Sehnen seines Bauches. Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, und die
Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten[239]: Er ist der Anfang der
Wege Gottes.“
Man muss diese Worte aufmerksam lesen: mit dieser Kraft „beginnen
die Wege Gottes“, nämlich Jahves, des jüdischen Gottes, der im Neuen
Testament diese Form von sich abtut. Er ist dort nicht mehr Naturgott.
Psychologisch will das heissen, dass diese rohe Triebseite der im
Unbewussten aufgestauten Libido in der christlichen Einstellung dauernd
unten gehalten wird; damit wird die eine Gotteshälfte verdrängt, resp. auf
das Schuldkonto des Menschen geschrieben, und in letzter Linie der
Domäne des Teufels zugewiesen. Daher, wenn die unbewusste Kraft
anfängt, emporzuströmen, wenn „die Wege Gottes anfangen“, dann kommt
der Gott in der Gestalt von Behemoth.[240] Man könnte ebenso gut sagen,
dass der Gott sich dann in Teufelsgestalt präsentiere. Diese moralischen
Bewertungen aber sind optische Täuschungen: die Kraft des Lebens ist
jenseits des moralischen Urteils. Meister Eckehart sagt: „Sage ich also, Gott
ist gut: es ist nicht wahr, ich bin gut, Gott ist nicht gut! Ich gehe noch
weiter: ich bin besser als Gott! Denn nur was gut ist, kann besser, und nur
was besser werden kann, kann das Beste werden. Gott ist nicht gut, darum
kann er auch nicht besser, und weil nicht besser, auch nicht das Beste
werden. Fernab von Gott liegen diese drei Bestimmungen „gut“, „besser“,
„das Beste“. Er steht über allem dem.“[241]
Als nächste Wirkung des erlösenden Symbols ergibt sich die
Vereinigung der Gegensatzpaare: so vereinigt sich das ideale Reich des
Epimetheus mit dem Reiche Behemoths; d. h. das moralische Bewusstsein
geht einen gefährlichen Bund ein mit den unbewussten Inhalten und der
dazugehörigen, mit diesen Inhalten identischen Libido. Nun sind aber dem
Epimetheus die Gotteskinder anvertraut, nämlich jene höchsten Güter der
Menschlichkeit, ohne die ein Mensch nichts anderes ist als ein Tier. Durch
die Vereinigung mit dem eigenen unbewussten Gegensatz tritt die Gefahr
der Verödung, Verwüstung oder Überschwemmung ein, d. h. die Werte des
Bewussten könnten an die energetischen Werte des Unbewussten verloren
gehen. Wäre jenes Bild der natürlichen Schönheit und Sittlichkeit
angenommen und bewahrt worden, und hätte es nicht bloss vermöge seiner
schuldlosen Natürlichkeit als Anreiz für die schwüle Schmutzigkeit des

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Hintergrundes unserer „sittlichen“ Kultur gedient, dann wären die
Gotteskinder trotz dem Bund mit Behemoth nicht gefährdet gewesen, denn
Epimetheus hätte dann jederzeit unterscheiden können zwischen Wert und
Unwert. Aber weil das Symbol unserer Einseitigkeit, unserer
rationalistischen Differenziertheit und zugleich Verkrüppelung als
unannehmbar erscheint, so fehlt jeder Masstab für Wert und Unwert. Wenn
die Vereinigung der Gegensatzpaare dann als höheres Ereignis doch kommt,
tritt notwendigerweise die Gefahr der Überschwemmung und Zerstörung
ein, und zwar charakteristischer Weise dadurch, dass die gefährlichen
Gegentendenzen unter dem Deckmantel der „richtigen Begriffe“
eingeschmuggelt werden. Man kann auch das Böse und Verderbliche
rationalisieren und ästhetisieren. So werden die Gotteskinder dem
Behemoth eines nach dem andern ausgeliefert, d. h. die bewussten Werte
werden gegen reine Triebmässigkeit und Verblödung eingetauscht. Die
vorher unbewussten rohen und barbarischen Tendenzen verschlingen die
bewussten Werte, daher Behemoth und Leviathan einen unsichtbaren
Walfisch (unbewusst) als Symbol ihres Prinzipes aufstellen, während das
entsprechende Symbol des epimetheischen Reiches der Vogel ist. Der
Walfisch, als Bewohner des Meeres, ist allgemein das Symbol des
verschlingenden Unbewussten.[242] Der Vogel, als Bewohner des hellen
Luftreiches, ist ein Symbol des bewussten Gedankens, oder sogar des Ideals
(Flügel!) und des heiligen Geistes.
Der endgültige Untergang des Guten wird verhindert durch Prometheus’
Dazwischentreten. Er befreit das letzte Gotteskind, den Messias, aus der
Gewalt seiner Feinde. Messias wird der Erbe des Gottesreiches, während
Prometheus und Epimetheus, die Personifikationen der getrennten
Gegensätze, vereint sich in ihr „heimatliches Tal“ zurückziehen. Beide sind
der Herrschaft ledig, Epimetheus, weil er verzichten musste, Prometheus,
weil er gar nicht darnach strebte. Psychologisch ausgedrückt heisst es: die
Introversion und Extraversion hören auf, als einseitige Richtlinien zu
dominieren, dadurch hört auch die Dissociation der Psyche auf. An ihre
Stelle tritt eine neue Funktion, symbolisch dargestellt durch ein Kind,
genannt Messias, das lange schlafend lag. Der Messias ist der Mittler, das
Symbol einer neuen, die Gegensätze vereinigenden Einstellung. Er ist ein
Kind, ein Knabe, nach dem alten Vorbild des „puer aeternus“, durch seine
Jugend die Wiedergeburt und die Wiederbringung des Verlorenen
(Apokatastasis) andeutend. Was Pandora als Bild zur Erde brachte, was von

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den Menschen verworfen wurde und ihnen zum Unheil gereichte, erfüllt
sich im Messias. Dieser Symbolzusammenhang entspricht einer häufigen
Erfahrung in der Praxis der analytischen Psychologie: Wenn in den
Träumen ein Symbol auftritt, so wird es aus all den oben weitläufig
angegebenen Gründen verworfen, und es bewirkt sogar eine Gegenreaktion,
welche der Invasion Behemoths entspricht. Aus diesem Konflikt ergibt sich
eine Vereinfachung der Persönlichkeit auf die seit Anfang des Lebens
vorhandenen individuellen Grundzüge, welche den Zusammenhang der
gereiften Persönlichkeit mit den Energiequellen der Kindheit gewährleisten.
Wie Spitteler zeigt, besteht die grosse Gefahr bei diesem Übergang darin,
dass statt des Symboles die dadurch erregten archaïschen Triebe
rationalistisch aufgenommen und in den hergebrachten Anschauungsformen
untergebracht werden.
Der englische Mystiker, W. Blake[243] sagt: „Es gibt zwei Klassen von
Menschen: die Fruchtbaren[244] und die Verschlingenden.[245] Religion ist
ein Bestreben, die beiden zu vereinigen.“[246] Mit diesem Wort Blakes, das
in so einfacher Weise Spittelers grundliegende Ideen und meine
Ausführungen dazu zusammenfasst, möchte ich dieses Kapitel beschliessen.
Wenn ich ihm eine ungewöhnliche Ausdehnung gegeben habe, so geschah
es, wie bei der Erörterung der Schillerschen Briefe, um dem Reichtum an
Gedanken und Anregungen, den uns Spittelers „Prometheus und
Epimetheus“ bietet, gerecht zu werden. Ich habe mich soviel wie möglich
auf das Wesentliche beschränkt, indem ich vorsätzlich eine ganze Reihe von
Problemen, die eine vollständige Bearbeitung dieses Stückes behandeln
müsste, übergangen habe.

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VI
Das Typenproblem in der Psychiatrie.

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VI.
Das Typenproblem in der Psychiatrie.

Wir gelangen nunmehr zu dem Versuch eines Psychiaters, zwei Typen
herauszuheben aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der sog.
psychopathischen Minderwertigkeiten. Diese ungemein umfangreiche
Gruppe vereinigt alle psychopathischen Grenzzustände, die nicht mehr dem
Gebiete der eigentlichen Psychosen zuzurechnen sind, also alle Neurosen
und alle Degenerationszustände, wie intellektuelle, moralische, affektive,
und sonstige psychische Minderwertigkeiten. Dieser Versuch stammt von
Otto Gross, der unter dem Titel: „Die zerebrale Sekundärfunktion“, 1902
eine theoretische Studie veröffentlichte, deren Grundhypothese ihn zur
Aufstellung von zwei psychologischen Typen veranlasst hat.[247] Obschon
das ihn beschäftigende empirische Material dem Gebiete der psychischen
Minderwertigkeit entnommen ist, so hindert doch nichts, die dort
gewonnenen Gesichtspunkte auch auf das weitere Gebiet der normalen
Psychologie zu übertragen, indem nämlich der unbalancierte seelische
Zustand dem Forscher nur eine besonders günstige Gelegenheit gewährt,
gewisse psychische Phänomene in fast übertriebener Deutlichkeit zu sehen,
Phänomene, die innerhalb der normalen Grenzen oft nur undeutlich
wahrzunehmen sind. Der abnorme Zustand wirkt gelegentlich wie ein
Vergrösserungsglas. Gross selber dehnt in seinem Schlusskapitel seine
Folgerungen auch auf weitere Gebiete aus, wie wir unten sehen werden.
Gross versteht unter der „Sekundärfunktion“ einen zerebralen
Zellvorgang, der nach stattgehabter „Primärfunktion“ einsetzt. Die
Primärfunktion entspräche der eigentlichen Leistung der Zelle, nämlich der
Erzeugung eines positiven psychischen Vorganges, sagen wir, einer
Vorstellung. Die Leistung entspricht einem energetischen Vorgange,
nämlich vermutlich der Auslösung einer chemischen Spannung, d. h. einem
chemischen Zerfall. Nach dieser akuten Entladung, welche Gross als

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Primärfunktion bezeichnet, setzt die Sekundärfunktion ein, d. h. eine
Restitution, ein Wiederaufbau durch Ernährung. Diese Funktion wird je
nach der Intensität des vorausgegangenen Aufwandes an Energie kürzere
oder längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Zelle ist während dieser Zeit in
einem gegenüber vorher veränderten Zustand, in einer Art Reizzustand, der
den weitern psychischen Ablauf nicht unbeeinflusst lassen kann.
Namentlich hochbetonte, affektvolle Vorgänge dürften einen besondern
Energieaufwand, und daher eine besonders verlängerte Restitutionsperiode
oder Sekundärfunktion bedeuten. Die Wirkung der Sekundärfunktion auf
den psychischen Ablauf denkt sich Gross als eine nachweisbare spezifische
Beeinflussung des nachfolgenden Associationsverlaufes, und zwar im Sinne
einer Einschränkung der Associationsauswahl auf das in der Primärfunktion
dargestellte „Thema“, der sog. „Hauptvorstellung“. Tatsächlich habe ich
etwas später in meinen eigenen experimentellen Arbeiten — und ebenso
mehrere meiner Schüler in entsprechenden Untersuchungen — auf die
Perseverationsphänomene[248] nach hochbetonten Vorstellungen hinweisen
können, Phänomene, die zahlenmässig nachzuweisen sind. Mein Schüler
Eberschweiler hat in einer sprachlichen Untersuchung dieses selbe
Phänomen in den Assonanzen und Agglutinationen nachgewiesen.[249] Aus
der pathologischen Erfahrung weiss man überdies, wie häufig gerade bei
schweren Gehirnläsionen wie Apoplexien, Tumoren, atrophischen und
sonstigen Entartungszuständen die Perseverationen sind. Sie sind wohl eben
dieser erschwerten Restitution zuzuschreiben. Die Gross’sche Hypothese
hat daher viel Wahrscheinlichkeit für sich. Es ist nun ganz natürlich, die
Frage aufzuwerfen, ob es nicht Individuen oder sogar Typen gibt, bei denen
die Restitutionsperiode, die Sekundärfunktion, länger dauert als bei andern,
und ob nicht daraus eventuell gewisse eigenartige Psychologien abzuleiten
wären. Eine kurze Sekundärfunktion beeinflusst in einer gegebenen
Zeitspanne weit weniger konsekutive Associationen, als eine lange. Die
Primärfunktion kann daher im erstern Fall viel häufiger stattfinden. Das
psychologische Bild dieses Falles zeigt daher die Eigentümlichkeit einer
rasch immer wieder erneuten Bereitschaft der Aktion und der Reaktion, also
eine Art von Ablenkbarkeit, eine Neigung zur Oberflächlichkeit der
Verbindungen, ein Mangel an tiefern, geschlossenem Zusammenhängen,
eine gewisse Inkohärenz, soweit Bedeutsamkeit des Zusammenhanges
erwartet wird. Dagegen drängen sich in der Zeiteinheit viele neue Themata
auf, ohne sich aber irgendwie zu vertiefen, sodass auch Heterogenes und

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Verschiedenwertiges à niveau auftritt, wodurch der Eindruck der sog.
„Nivellierung der Vorstellungen“ (Wernicke) hervorgerufen wird. Dieses
rasche Aufeinanderfolgen der Primärfunktionen schliesst eo ipso ein
Erleben der Affektwerte der Vorstellungen aus, daher die Affektivität nicht
anders als oberflächlich sein kann. Zugleich sind dadurch aber auch rasche
Anpassungen und Einstellungsänderungen ermöglicht. Der eigentliche
Denkvorgang, oder besser gesagt, die Abstraktion, leidet natürlich unter der
Kürze der Sekundärfunktion, indem der Vorgang der Abstraktion ein länger
andauerndes Verweilen von mehreren Ausgangsvorstellungen und deren
Nachwirkungen verlangt, also eine längere Sekundärfunktion. Ohne sie
kann keine Vertiefung und Abstraktion einer Vorstellung — oder
Vorstellungsgruppe — erfolgen. Die schnellere Wiederherstellung der
Primärfunktion bedingt eine höhere Reagibilität, allerdings nicht in
intensivem, sondern in extensivem Sinne, daher eine prompte Auffassung
der unmittelbaren Gegenwart, aber nur ihrer Oberfläche und nicht ihrer
tiefern Bedeutung nach. Dieser Umstand erweckt den Eindruck der
Kritiklosigkeit oder je nachdem auch den der Vorurteilslosigkeit, des
Entgegenkommens und Verstehens oder gegebenenfalls auch den Eindruck
der unverständlichen Rücksichtslosigkeit, der Taktlosigkeit oder gar der
Gewalttätigkeit. Das zu rasche Hinweggleiten über tiefere Bedeutungen
veranlasst den Eindruck einer gewissen Blindheit für alle nicht an der
äussersten Oberfläche liegenden Dinge. Die rasche Reagibilität erscheint
auch als sog. Geistesgegenwart, Verwegenheit bis Tollkühnheit, die ihre
Voraussetzung in der Kritiklosigkeit, im Nichtrealisieren der Gefahr hat.
Die Raschheit der Aktion täuscht Entschlossenheit vor, ist aber mehr
blinder Impuls. Der Eingriff in fremdes Gebiet erscheint als
selbstverständlich und ist erleichtert durch die Unkenntnis des Affektwertes
der Vorstellung, der Handlung und ihrer Wirkung auf den Mitmenschen.
Durch die rasch wieder erneute Bereitschaft wird die Verarbeitung der
Wahrnehmungen und Erfahrungen gestört, sodass das Gedächtnis in der
Regel erheblich leidet, denn meistens können nur diejenigen Associationen
leicht reproduziert werden, die massenhafte Verbindungen eingegangen
sind. Relativ isolierte Inhalte versinken rasch, daher es unendlich viel
schwerer ist eine Reihe von sinnlosen (inkohärenten) Worten sich zu
merken, als ein Gedicht. Rasche Entflammbarkeit, Enthusiasmus, der bald
erlöscht, sind weitere Charakteristika, ebenso gewisse
Geschmacklosigkeiten, die durch die allzu rasche Aufeinanderfolge

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heterogener Inhalte und durch Nichtrealisierung ihrer zu differenten
Affektwerte entstehen. Das Denken hat repräsentativen Charakter, also
mehr die Art des Vorstellens und des Aneinanderreihens von Inhalten, als
den der Abstraktion und Synthese. Ich bin bei dieser Schilderung des Typus
mit kurzer Sekundärfunktion im wesentlichen Gross gefolgt unter
Beifügung einiger Transskriptionen ins Normale. Gross nennt nämlich
diesen Typus: Minderwertigkeit mit verflachtem Bewusstsein. Wenn wir
aber die allzu krassen Züge bis zum Normalen abmildern, so erhalten wir
ein Gesamtbild, in welchem der Leser unschwer den „less emotional type“
Jordans wieder erkennt, also den Extravertierten. Gross gebührt daher das
nicht unbeträchtliche Verdienst, der Erste zu sein, der eine einheitliche und
einfache Hypothese für das Zustandekommen dieses Typus aufgestellt hat.
Den entgegengesetzten Typus bezeichnet Gross als Minderwertigkeit
mit verengtem Bewusstsein. Die Sekundärfunktion dieses Typus ist
besonders intensiv und verlängert. Durch ihre Verlängerung wird die
konsekutive Association in höherm Masse beeinflusst als beim oben
erwähnten Typus. Es liegt nahe, in diesem Falle auch eine verstärkte
Primärfunktion anzunehmen, also eine umfangreichere und völligere
Leistung der Zelle als beim Extravertierten. Die verlängerte und verstärkte
Sekundärfunktion wäre die natürliche Folge davon. Die verlängerte
Sekundärfunktion bewirkt ein längeres Haftenbleiben der von der
Ausgangsvorstellung angeregten Wirkung. Dadurch entsteht ein Effekt, den
Gross als „Kontraktivwirkung“ bezeichnet, nämlich eine besonders (im
Sinne der Ausgangsvorstellung) gerichtete Auswahl der konsekutiven
Associationen. Dadurch wird eine umfangreiche Realisierung oder
Vertiefung des „Themas“ erzielt. Die Vorstellung wirkt nachhaltig, der
Eindruck geht tief. Eine ungünstige Folge ist die Einschränkung auf ein
engeres Gebiet, worunter die Mannigfaltigkeit und der Reichtum des
Denkens leiden. Jedoch wird die Synthese wesentlich unterstützt, da die
zusammenzusetzenden Elemente lange genug konstelliert bleiben, um ihre
Abstraktion zu ermöglichen. Des weitern bewirkt die Einengung auf ein
Thema zwar eine Anreicherung an zugehörigen Associationen und eine
feste innere Verknüpfung und Geschlossenheit eines
Vorstellungskomplexes, aber zugleich auch wird dieser Komplex gegen
alles Nichtzugehörige abgeschlossen und gerät dadurch in eine associative
Isolierung, welches Phänomen Gross (in Anlehnung an Wernickes Begriff)
als „Sejunktion“ bezeichnet. Eine Folge der Sejunktion der Komplexe ist

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die Anhäufung von Vorstellungsgruppen (oder Komplexen), die unter sich
in keinem oder einem nur lockern Zusammenhang stehen. Nach aussen
zeigt sich dieser Zustand als eine disharmonische, oder, wie Gross sie
nennt, eine sejunktive Persönlichkeit. Die isolierten Komplexe bestehen
zunächst ohne gegenseitige Einwirkung nebeneinander, infolgedessen sie
sich auch nicht gegenseitig ausgleichend und korrigierend durchdringen.
Sie sind zwar in sich selbst streng und logisch geschlossen, aber entbehren
des korrigierenden Einflusses andersgerichteter Komplexe. Es kann daher
leicht vorkommen, dass ein besonders starker und daher auch besonders
abgeschlossener und unbeeinflussbarer Komplex sich zur „überwertigen
Idee“ erhebt, d. h. zu einer Dominante wird, welche jeder Kritik trotzt und
völliger Autonomie geniesst, sodass sie sich zur allbeherrschenden Grösse,
zum „spleen“ aufschwingt.[250] In krankhaften Fällen wird sie zur
Zwangsidee oder zur paranoischen Idee, d. h. zu einer absolut
unerschütterlichen Grösse, welche das ganze Leben des Individuums in
ihren Dienst zwingt. Dadurch wird die ganze Mentalität anders orientiert,
der Standpunkt wird „verrückt“. Aus dieser Auffassung der Entstehung
einer paranoischen Idee könnte auch die Tatsache erklärt werden, dass in
gewissen Anfangszuständen durch geeignete psychotherapeutische
Prozeduren die paranoische Idee auch korrigiert werden kann, nämlich
dann, wenn es gelingt, sie mit andern erweiternden und daher
korrigierenden Vorstellungskomplexen zu verbinden.[251] Es besteht auch
eine unzweifelhafte Behutsamkeit, ja sogar Ängstlichkeit hinsichtlich der
Associierung getrennter Komplexe. Die Dinge müssen reinlich gesondert
bleiben, die Brücken zwischen den Komplexen werden sozusagen
möglichst abgebrochen durch rigorose und rigide Formulierung des
Komplexinhaltes. Gross nennt diese Tendenz „Associationsangst“.
(Psychopath. Minderw. p. 40.) Die strenge innere Geschlossenheit eines
solchen Komplexes erschwert jeden Beeinflussungsversuch von aussen. Ein
solcher Versuch hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es ihm gelingt,
entweder die Prämisse oder den Schluss des Komplexes ebenso streng und
logisch, wie sie unter sich verbunden sind, an einen andern Komplex
anzuschliessen. Die Anhäufung von ungenügend verbundenen Komplexen
bewirkt natürlich eine starke Abschliessung nach aussen und, wie wir sagen
würden, eine starke Aufstauung der Libido innen. Daher findet man
regelmässig eine ausserordentliche Konzentration auf innere Vorgänge, je
nach der Art des Menschen entweder auf physische Sensationen bei einem

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mehr empfindungsmässig Orientierten oder auf geistige Vorgänge bei einem
mehr Intellektuellen. Die Persönlichkeit erscheint gehemmt, absorbiert oder
zerstreut, „in Gedanken versunken“ oder intellektuell einseitig oder
hypochondrisch. Auf jeden Fall findet sich eine geringe Anteilnahme am
äussern Leben und eine deutliche Neigung zu Menschenscheu und
Einsamkeit, die sich oft durch eine besondere Liebe zu Tieren oder Pflanzen
compensiert. Dafür sind die innern Vorgänge umso reger, weil von Zeit zu
Zeit bisher wenig oder gar nicht verbundene Komplexe plötzlich
„zusammenstossen“ und dadurch wieder Anlass geben zu einer intensiven
Primärfunktion, die eine lange, zwei Komplexe amalgamierende
Sekundärfunktion auslöst. Man könnte meinen, dass auf diese Weise einmal
alle Komplexe zusammenstossen und dadurch eine allgemeine
Einheitlichkeit und Geschlossenheit der psychischen Inhalte erzeugen
könnten. Diese heilsame Folge würde natürlich nur dann eintreten, wenn
man unterdessen den Wechsel des äussern Lebens stillstellen könnte. Weil
dies aber nicht möglich ist, so treffen doch immer wieder neue Reize ein,
die Sekundärfunktionen erzeugen, welche die innern Linien durchkreuzen
und verwirren. Dementsprechend hat dieser Typus die ausgesprochene
Tendenz, äussere Reize fernzuhalten, dem Wechsel aus dem Wege zu gehen,
das Leben in seinem konstanten Flusse womöglich anzuhalten, bis er alle
innern Amalgamierungen vollzogen hat. Wenn es sich um einen Kranken
handelt, so wird er diese Tendenz auch deutlich zeigen, er wird sich
möglichst von allem zurückziehen und ein Einsiedlerleben zu führen
suchen. Er wird aber nur in leichten Fällen auf diese Weise seine Heilung
finden. In allen schwereren Fällen bleibt nichts anderes übrig, als die
Intensität der Primärfunktion herabzusetzen, welche Frage allerdings ein
Kapitel für sich ist, das wir aber doch schon in der Besprechung der
Schillerschen Briefe gestreift haben. Es ist ohne weiteres klar, dass dieser
Typus durch ganz besondere Affektphänomene ausgezeichnet ist. Wie wir
sahen, realisiert dieser Typus die der Ausgangsvorstellung zugehörigen
Associationen. Er associiert das dem Thema zugehörige Material in vollem
Masse, d. h. insofern es sich nicht um bereits an andere Komplexe
gebundene Materialien handelt. Trifft ein Reiz auf solches Material, d. h.
auf einen Komplex, so entsteht entweder eine gewaltige Reaktion, eine
affektvolle Explosion oder gar nichts, wenn die Abgeschlossenheit des
Komplexes nichts hereinlässt. Wenn die Realisierung aber stattfindet, so
werden alle Affektwerte ausgelöst; es findet eine starke affektive Reaktion

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statt, welche eine lange Nachwirkung hinterlässt, die sehr häufig aussen
unbemerkt bleibt, sich aber dafür innen umso tiefer einbohrt. Die
Nachschwingungen des Affektes erfüllen das Individuum und machen es
unfähig, neue Reize aufzunehmen, bis der Affekt verklungen ist. Eine
Häufung von Reizen wird unerträglich, weshalb dann heftige
Abwehrreaktionen eintreten. Bei starker Komplexanhäufung entsteht
überhaupt eine chronische Abwehreinstellung, die sich zu Misstrauen, ja
sogar bis zu Verfolgungswahn in pathologischen Fällen steigern kann. Die
plötzlichen Explosionen, abwechselnd mit Schweigsamkeit und Abwehr,
können der Persönlichkeit einen bizarren Anstrich geben, sodass solche
Menschen ihrer Umwelt zum Rätsel werden. Die wegen innerer
Inanspruchnahme verminderte Bereitschaft bewirkt Mangel an
Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit. Dadurch entstehen öfters verlegene
Situationen, in denen man sich nicht zu helfen weiss — wiederum ein
Grund mehr, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Durch gelegentliche
Explosionen wird zudem Verwirrung gestiftet in den Beziehungen zu
andern, und wegen der Verlegenheit und Ratlosigkeit fühlt man sich ausser
Stande, die Beziehungen wieder ins richtige Geleise zu bringen. Diese
Schwerfälligkeit der Anpassung führt zu einer Reihe schlechter
Erfahrungen, die unfehlbar ein Gefühl der Minderwertigkeit oder Bitterkeit
erzeugen, wenn nicht gar Erbitterung, die sich dann gerne gegen diejenigen
richtet, die die wirklichen oder vermeintlichen Urheber des Unglückes
waren. Das affektive Innenleben ist sehr intensiv, und wegen der vielen
nachklingenden Affekte ergibt sich auch eine äusserst feine Abstufung der
Töne und ihrer Wahrnehmung, also eine besondere emotionale Sensitivität,
die sich auch nach aussen verrät durch eine besondere Scheu und
Ängstlichkeit vor emotionalen Reizen oder allen Situationen, wo solche
Eindrücke möglich wären. Die Empfindlichkeit richtet sich namentlich
gegen emotionale Zustände der Umgebung. Brüske Meinungsäusserungen,
affektvolle Behauptungen, Gefühlsbeeinflussungen und dergl. werden daher
von vornherein abgewehrt — und zwar aus Angst vor der eigenen Emotion,
die wieder einen nachhallenden Eindruck auslösen könnte, dessen man
nicht Herr zu werden fürchtet. Aus dieser Sensitivität entsteht mit der Zeit
leicht eine gewisse Schwermut, die auf dem Gefühl beruht, vom Leben
ausgeschlossen zu sein. An anderer Stelle[252] hält Gross dafür, dass
„Tiefsinn“ ein besonderes Charakteristikum dieses Typus sei. An derselben
Stelle wird auch hervorgehoben, dass die Realisierung des Affektwertes

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leicht zur affektiven Überschätzung führe, zum „Zuwichtig-nehmen“. Das
starke Hervortreten der Innenvorgänge und des Emotionalen in diesem
Bilde lässt leicht den Introvertierten erkennen. Die Beschreibung, die Gross
gibt, ist weit vollständiger als die Jordansche des „impassioned type“, der
aber in seinen Hauptzügen mit dem von Gross geschilderten Typus
identisch sein dürfte.
Im V. Kapitel seiner Schrift bemerkt Gross, dass innerhalb der normalen
Breite die beiden von ihm beschriebenen Minderwertigkeitstypen
physiologische Individualitätsverschiedenheiten darstellen. Das verflacht-
verbreiterte und das verengt-vertiefte Bewusstsein ist also eine
Verschiedenheit des Charakters.[253] Der Typus des verbreiterten
Bewusstseins ist nach Gross vorzugsweise praktisch, wegen der raschen
Anpassung an die Umgebung. Das Innenleben überwiegt nicht, weil es
nicht zur Ausbildung grosser Vorstellungskomplexe kommt. „Sie wirken
energisch propagierend für die eigene Persönlichkeit — stehen sie höher,
auch für fertig überkommene grosse Ideen.“[254] Gross hält das
Gefühlsleben dieses Typus für primitiv, bei Höherstehenden organisiere es
sich „durch die Übernahme fertiger Ideale von aussen her“. Dadurch kann
die Tätigkeit, resp. das Gefühlsleben (wie Gross sagt) heroisch werden.
„Aber immer ist es banal.“ „Heroisch“ und „banal“ scheinen nicht
zueinander zu passen. Gross zeigt uns aber sofort, was er damit meint: bei
diesem Typus besteht keine genügend reich entwickelte Verbindung des
erotischen Vorstellungskomplexes mit dem übrigen Bewusstseinsinhalt,
d. h. mit den übrigen Komplexen ästhetischer, ethischer, philosophischer
und religiöser Natur. Freud würde hier von der Verdrängung des erotischen
Elementes sprechen. Für Gross ist das ausgeprägte Vorhandensein dieser
Verbindung das „eigentliche Zeichen der vornehmen Natur“ (p. 61). Für die
Ausbildung dieser Verbindung ist eine verlängerte Sekundärfunktion
unerlässlich, denn nur durch Vertiefung und verlängertes Bewussthalten der
Elemente kann diese Synthese zu Stande kommen. Durch übernommene
Ideale kann die Sexualität zwar in die Bahnen des sozial Nützlichen
gedrängt werden, aber sie „erhebt sich nie über die Grenzen der Trivialität“.
Dieses etwas harte Urteil betrifft einen durch das Wesen des extravertierten
Charakters leicht erklärlichen Tatbestand: der Extravertierte orientiert sich
ausschliesslich an äussern Daten, sodass das Hauptgewicht seiner
psychischen Tätigkeit immer in der Beschäftigung mit solchen liegt. Es
bleibt daher wenig oder nichts übrig für die Ordnung der innern

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Angelegenheiten. Sie haben sich von vornherein den von aussen
aufgenommenen Bestimmungen unterzuordnen. Unter diesen Umständen
kann daher auch die Verbindung der höher entwickelten mit den minder
entwickelten Funktionen nicht stattfinden, denn sie verlangt ein grosses
Mass von Zeit und Mühe, eine langwierige und schwierige
Selbsterziehungsarbeit, die ohne Introversion überhaupt nicht geleistet
werden kann. Dafür fehlt dem Extravertierten Zeit und Lust, und zudem
hindert ihn daran dasselbe unverhohlene Misstrauen, mit dem er seine
Innenwelt, und der Introvertierte die Aussenwelt betrachtet. Man darf nun
aber nicht glauben, dass der Introvertierte dank seiner grössern
synthetischen Fähigkeit und seines bessern Vermögens, Affektwerte zu
realisieren, sozusagen ohne weiteres in der Lage wäre, auch die Synthese
seiner Individualität durchzuführen, d. h. zunächst einmal eine harmonische
Verbindung der höhern und niedern Funktionen herzustellen. Ich ziehe
diese Formulierung der Gross’schen Auffassung, dass es sich bloss um die
Sexualität handle, vor, denn m. E. handelt es sich nicht bloss um die
Sexualität, sondern auch um andere Triebe. Die Sexualität ist allerdings
eine sehr häufige Ausdrucksform für ungebändigte, rohe Triebe, aber
ebenso ist auch das Machtstreben in allen seinen vielfachen Aspekten ein
solcher Trieb. Gross hat für den Introvertierten den Ausdruck „sejunktive
Persönlichkeit“ erfunden, womit er die eigentümliche Schwierigkeit dieses
Typus, Komplexe zu verbinden, hervorhob. Die synthetische Fähigkeit des
Introvertierten dient zunächst bloss dazu, von einander möglichst getrennte
Komplexe zu bilden. Solche Komplexe verhindern aber geradezu die
Entwicklung einer höhern Einheit. So bleibt auch beim Introvertierten der
Komplex der Sexualität oder des egoistischen Machtstrebens oder der
Genussucht isoliert und möglichst scharf geschieden von andern
Komplexen. Ich erinnere mich z. B. eines introvertierten, sehr
intellektuellen Neurotikers, der sich abwechselnd in den hohen Sphären des
transscendentalen Idealismus und in übelberüchtigten Vorstadtbordellen
aufhielt, ohne dass sein Bewusstsein die Existenz eines moralischen oder
ästhetischen Konfliktes zugelassen hätte. Die beiden Dinge wurden, als
gänzlich verschieden, reinlich auseinander gehalten. Das Resultat war
natürlich eine schwere Zwangsneurose.
Wir müssen diese Kritik im Auge behalten, wenn wir den Gross’schen
Ausführungen über den Typus mit vertieftem Bewusstsein folgen. Das
vertiefte Bewusstsein ist, wie Gross sagt, „die Grundlage der

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verinnerlichten Individualitäten“. Infolge des starken Kontraktiveffektes
werden äussere Reize immer vom Standpunkt einer Idee aus gesehen. An
Stelle des Triebes zum praktischen Leben in der sog. Wirklichkeit tritt „der
Drang zur Verinnerlichung“. „Die Dinge werden nicht als
Einzelerscheinung aufgefasst, sondern als Teilbegriffe der grossen
Vorstellungskomplexe.“ Diese Auffassung von Gross stimmt genau überein
mit unsern frühern Überlegungen anlässlich der Erörterung des
nominalistischen und realistischen Standpunktes und seiner Vorstadien in
der platonischen, megarensischen und zynischen Schule. Es ist aus den
Gross’schen Auffassungen leicht zu ersehen, worin der Unterschied
zwischen den Standpunkten besteht: der Mensch mit kurzer
Sekundärfunktion hat in der Zeiteinheit viele und nur locker verbundene
Primärfunktionen; er ist also besonders an die einzelne Erscheinung, an den
Individualfall gebunden. Für ihn sind daher die Universalia nur nomina und
entbehren der Wirklichkeit. Für die Menschen mit verlängerter
Sekundärfunktion dagegen stehen immer die innern Tatbestände, die
Abstrakta, Ideen oder Universalia im Vordergrund, sie sind ihm das
eigentlich Wirkliche, worauf er alle Einzelerscheinungen beziehen muss. Er
ist daher natürlicherweise Realist (im Sinne der Scholastik). Da dem
Introvertierten immer die Betrachtungsweise über der Wahrnehmung des
Äussern steht, so ist er geneigt, Realitivist zu sein.[255] Er empfindet als
besonders lustvoll die Harmonie der Umgebung[256]; sie entspricht seinem
innern Drange nach Harmonisierung seiner isolierten Komplexe. Er
vermeidet jedes „ungehemmte Auftreten“, weil es zu störenden Reizen
führen könnte. (Die Fälle von Affektexplosionen müssen ausgenommen
werden!) Die soziale Rücksichtnahme ist gering infolge der Absorption
durch innere Vorgänge. Das starke Vorherrschen der eigenen Ideen
verhindert das Übernehmen fremder Ideen und Ideale. Durch die starke
innere Durcharbeitung der Vorstellungskomplexe erhalten sie
ausgesprochenen Individualcharakter. „Das Gefühlsleben ist häufig sozial
unbrauchbar, immer aber individuell.“[257]
Diese Behauptung des Autors müssen wir einer eingehenden Kritik
unterziehen, denn sie enthält ein Problem, das nach meiner Erfahrung
immer zu den grössten Missverständnissen zwischen den Typen Anlass gibt.
Der introvertierte Intellektuelle, den Gross hier offenbar im Auge hat, zeigt
nach aussen möglichst kein Gefühl, sondern logisch korrekte Ansichten,
und korrektes Handeln, nicht zum mindesten deshalb, weil er erstens eine

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natürliche Abneigung gegen zur Schau getragene Gefühle hat, und weil er
zweitens sich scheut, durch Inkorrektheit störende Reize, d. h. Affekte der
Mitmenschen zu wecken. Er fürchtet unangenehme Affekte bei den andern,
weil er dem andern seine eigene Sensitivität zutraut und immer auch schon
durch die Raschheit und Sprunghaftigkeit des Extravertierten gestört
worden ist. Er verdrängt sein Gefühl, daher es innerlich gelegentlich bis zur
Leidenschaft anschwillt, daher nur zu deutlich von ihm wahrgenommen
wird. Die Emotionen, die ihn quälen, sind ihm wohlbekannt. Er vergleicht
sie mit den Gefühlen, die andere, natürlich in erster Linie extravertierte
Fühltypen ihm zeigen und findet, seine „Gefühle“ seien ganz anders als die
anderer Menschen. Er kommt daher auf die Idee, seine „Gefühle“ (genauer
gesagt: seine Emotionen) seien einzigartig, d. h. individuell. Es ist natürlich,
dass sie verschieden sind von den Gefühlen des extravertierten Fühltypus,
denn diese sind ein differenziertes Anpassungsinstrument und ermangeln
deshalb der „echten Leidenschaftlichkeit“, welche die innern Gefühle des
introvertierten Denktypus kennzeichnet. Die Leidenschaft als etwas
Triebmässiges hat aber wenig Individuelles an sich, sondern sie ist
gegebenenfalls allen Menschen gemeinsam. Nur das Differenzierte kann
individuell sein. Daher in grossen Affekten sich der Typenunterschied auch
sofort verwischt zu Gunsten des allgemeinen „Allzumenschlichen“. In
Wirklichkeit hat m. E. der extravertierte Fühltypus in erster Linie einen
Anspruch auf Individualität des Gefühls, denn seine Gefühle sind
differenziert; er verfällt aber derselben Täuschung bezüglich seines
Denkens. Er hat Gedanken, die ihn quälen. Er vergleicht sie mit den
Gedanken, die die Umgebung, d. h. in erster Linie die introvertierten
Denktypen aussprechen. Er findet, dass seine Gedanken wenig damit
übereinstimmen, er hält sie daher für individuell und sich selbst vielleicht
für einen originellen Denker oder er verdrängt die Gedanken deshalb
überhaupt, weil ja doch niemand sonst so etwas denke. In Wirklichkeit sind
es aber die Gedanken, die alle Welt hat, die aber selten laut gesagt werden.
Nach meiner Ansicht entspringt also die obige Behauptung von Gross einer
subjektiven Täuschung, die aber zugleich eine allgemeine Regel ist.
„Die erhöhte Kontraktivkraft ermöglicht das Sichvertiefen in Dinge,
denen kein unmittelbares Vitalinteresse mehr anhaftet.“[258] Damit trifft
Gross einen wesentlichen Zug der introvertierten Mentalität: der
Introvertierte hat eine Neigung, den Gedanken an sich zu entwickeln ganz
abgesehen von aller äussern Wirklichkeit. Hierin liegt ein Vorzug und eine

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Gefahr. Es ist ein grosser Vorteil, einen Gedanken jenseits der Sinnlichkeit
abstrakt entwickeln zu können. Die Gefahr ist aber, dass dadurch der
Gedankengang sich von jeder praktischen Anwendbarkeit entfernt, wodurch
sein Lebenswert proportional sinkt. Der Introvertierte ist daher immer etwas
bedroht, zuviel aus dem Leben hinauszugeraten und die Dinge zuviel unter
ihrem symbolischen Aspekt zu betrachten. Auch diesen Zug hebt Gross
hervor. Der Extravertierte ist aber nicht besser gestellt, nur liegt für ihn die
Sache anders. Er hat die Fähigkeit, seine Sekundärfunktion derart zu
verkürzen, dass er fast lauter positive Primärfunktionen erlebt, d. h. dass er
überhaupt nicht mehr haftet, sondern in einer Art Rausch über die
Wirklichkeit hinausfliegt, die Dinge nicht mehr sieht und realisiert, sondern
nur noch als Stimulantien benützt. Diese Fähigkeit ist ein grosser Vorteil,
denn damit kann man sich über manche schwierige Situation hinaushelfen
(„Verloren bist Du, glaubst Du an Gefahr.“ Nietzsche), ein grosser Nachteil
aber, weil sie schliesslich mit einer Katastrophe endigt, indem sie öfters in
ein fast unentwirrbares Chaos hineinführt.
Gross lässt aus dem extravertierten Typus die sog. zivilisatorischen und
aus dem introvertierten Typus die sog. kulturellen Genies hervorgehen.
Erstere Form entspricht dem „praktischen Durchsetzen“, letztere dem
„abstrahierenden Erdenken“. Gross gibt zum Schlusse seiner Überzeugung
Ausdruck, „dass unsere Zeit besonders des verengt-vertieften Bewusstseins
bedürfe im Gegensatz zu frühern Zeiten, die ein breiteres und flacheres
Bewusstsein hatten.“[259] „Wir freuen uns am Ideellen, am Tiefen, am
Symbolischen. Durch Einfachheit zur Harmonie — das ist die Kunst der
Hochkultur.“
Es war freilich das Jahr 1902, als Gross diese Worte schrieb. Und jetzt?
Wenn man dazu überhaupt eine Meinung äussern darf, so müssten wir
sagen: wir bedürfen offenbar beides, Zivilisation und Kultur, Verkürzung
der Sekundärfunktion bei den einen und Verlängerung bei den andern. Denn
wir schaffen nicht das Eine ohne das Andere, und — leider müssen wir es
uns gestehen — es fehlt der heutigen Menschheit an beiden. Was beim
einen zuviel ist, ist beim andern zu wenig, so wollen wir uns
vorsichtigerweise ausdrücken. Denn das beständige Gerede vom Fortschritt
ist unglaubwürdig und verdächtig geworden.
Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass die Gross’schen
Ansichten sich weitgehend mit den meinigen decken. Sogar meine

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Terminologie — Extraversion und Introversion — rechtfertigt sich
angesichts der Gross’schen Auffassung. Es bleibt uns nur noch eine
kritische Beleuchtung der Gross’schen Fundamentalhypothese, des
Begriffes der Sekundärfunktion, vorbehalten.
Es ist immer eine missliche Sache um physiologische oder „organische“
Hypothesen in Bezug auf psychologische Vorgänge. Es herrschte, wie
bekannt, in den Zeiten der grossen Erfolge der Hirnerforschung eine Art
Manie, physiologische Hypothesen für psychologische Vorgänge zu
fabrizieren, worunter die Hypothese, dass im Schlafe die Zellfortsätze sich
zurückzögen, nicht einmal die absurdeste ist, welche ernsthafte Würdigung
und „wissenschaftliche“ Diskussion erfuhren. Man hat mit Recht von einer
förmlichen „Hirnmythologie“ gesprochen. Ich möchte die Hypothese von
Gross aber keineswegs als „Gehirnmythus“ behandeln, dazu hat sie einen
zu grossen Arbeitswert. Sie ist eine vorzügliche Arbeitshypothese, was auch
von anderer Seite schon mehrfach gebührend anerkannt worden ist. Die
Idee der Sekundärfunktion ist ebenso einfach wie genial. Es lässt sich mit
diesem einfachen Begriff eine sehr grosse Zahl von komplexen
Seelenphänomenen auf eine befriedigende Formel bringen, und zwar
Phänomene, deren differente Natur einer einfachen Reduktion und
Klassifikation durch eine andere Hypothese erfolgreich widerstanden
hätten. Bei einer so glücklichen Hypothese ist man immer in Versuchung,
ihre Ausdehnung und Anwendbarkeit zu überschätzen. Dies dürfte auch hier
der Fall sein. Und doch hat diese Hypothese leider auch nur eine
beschränkte Reichweite. Wir wollen ganz absehen von der Tatsache, dass
die Hypothese an sich nur ein Postulat ist, denn niemand hat die
Sekundärfunktion der Gehirnzelle je gesehen und niemand könnte
beweisen, dass und warum die Sekundärfunktion im Prinzip den qualitativ
gleichen Kontraktiveffekt auf die nächsten Associationen haben sollte wie
die Primärfunktion, die doch ihrer Definition nach von der
Sekundärfunktion ganz wesentlich verschieden ist. Es gibt einen andern
Umstand, der m. E. weit schwerer ins Gewicht fällt: der Habitus der
psychologischen Einstellung kann sich bei einem und demselben
Individuum innerhalb kürzester Frist ändern. Wenn die Dauer der
Sekundärfunktion ein physiologischer oder organischer Charakter ist, dann
muss er als mehr oder weniger dauerhaft angesehen werden. Es ist dann
nicht zu erwarten, dass die Dauer der Sekundärfunktion plötzlich sich
ändert, denn solches sehen wir bei einem physiologischen oder organischen

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Charakter niemals, pathologische Veränderungen ausgenommen. Wie ich
schon mehrfach hervorhob, sind Introversion und Extraversion gar keine
Charaktere, sondern Mechanismen, die sozusagen beliebig ein- oder
ausgeschaltet werden können. Nur aus ihrem habituellen Vorherrschen
entwickeln sich dann die entsprechenden Charaktere. Gewiss beruht die
Prädilektion auf einer gewissen angebornen Disposition, die aber wohl
nicht immer absolut entscheidend ist. Ich habe oft gesehen, dass
Milieueinflüsse fast ebenso wichtig sind. Ich erlebte es sogar einmal, dass
jemand, der in der nächsten Umgebung eines Introvertierten lebte und ein
deutlich extravertiertes Benehmen aufwies, seine Einstellung änderte und
introvertiert wurde, als er später in eine nahe Beziehung zu einer
ausgesprochen extravertierten Persönlichkeit trat. Viele Male habe ich
gesehen, dass gewisse persönliche Einflüsse in kürzester Frist auch bei
einem ausgesprochenen Typus die Dauer der Sekundärfunktion wesentlich
veränderten, und dass ebenso der frühere Zustand sich wiederherstellt,
wenn der fremde Einfluss wegfiel. Mir scheint, man müsse, solchen
Erfahrungen entsprechend, das Interesse mehr der Beschaffenheit der
Primärfunktion zuwenden. Gross selber hebt die besonders verlängerte
Sekundärfunktion nach affektvollen Vorstellungen hervor[260] und bringt
damit die Sekundärfunktion in Abhängigkeit von der Primärfunktion. Es ist
in der Tat gar kein plausibler Grund vorhanden, warum die Typenlehre auf
die Dauer der Sekundärfunktion gegründet werden sollte, man könnte sie
vielleicht ebensowohl auf die Intensität der Primärfunktion gründen, denn
die Dauer der Sekundärfunktion ist doch offenbar abhängig von der
Intensität der Energieaufwendung, der Leistung der Zelle. Man könnte
natürlich dagegen einwenden, dass die Dauer der Sekundärfunktion
abhänge von der Schnelligkeit der Restitution, und dass es Individuen gäbe
mit einer besonders prompten Hirnernährung gegenüber andern
Minderbegünstigten. In diesem Falle müsste das Gehirn des Extravertierten
eine grössere Restitutionsfähigkeit besitzen, als das des Introvertierten. Zu
einer solchen, sehr unwahrscheinlichen Annahme fehlt jeder Beweisgrund.
Was uns von den wirklichen Gründen der verlängerten Sekundärfunktion
bekannt ist, beschränkt sich auf die Tatsache, dass, abgesehen von
pathologischen Zuständen, die besondere Intensität der Primärfunktion eine
Verlängerung der Sekundärfunktion logischerweise bewirkt. Dieser
Tatsache entsprechend liegt also das eigentliche Problem bei der
Primärfunktion und verdichtet sich zu der Frage, woher es komme, dass

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beim Einen die Primärfunktion in der Regel intensiv, beim Andern aber
schwach ist. Wenn wir somit das Problem auf die Primärfunktion abstellen,
dann ergibt sich die Notwendigkeit, zu erklären, woher die verschiedene
Intensität und der tatsächlich vorkommende rasche Wechsel der Intensität
der Primärfunktion stamme. Ich halte dies für ein energetisches Phänomen,
das von einer allgemeinen Einstellung abhängt. Die Intensität der
Primärfunktion scheint in erster Linie davon abzuhängen, wie gross die
Spannung der Bereitschaft ist. Ist ein grosser Betrag an psychischer
Spannung vorhanden, so wird auch die Primärfunktion besonders intensiv
sein mit entsprechenden Folgen. Wenn mit zunehmender Ermüdung die
Spannung abnimmt, dann tritt Ablenkbarkeit, Oberflächlichkeit der
Association, schliesslich Ideenflucht ein, also der Zustand, der durch
schwache Primärfunktion und kurze Sekundärfunktion gekennzeichnet ist.
Die allgemeine psychische Spannung hängt ihrerseits (abgesehen von
physiologischen Gründen, wie Ausgeruhtsein etc.) von höchst komplexen
Faktoren ab, wie Stimmung, Aufmerksamkeit, Erwartung, etc., d. h. also
von Werturteilen, die ihrerseits wieder Resultanten aus allen
vorangegangenen psychischen Prozessen sind. Ich verstehe darunter
natürlich nicht nur logische Urteile, sondern auch Gefühlsurteile. In unserer
technischen Sprache bezeichnen wir die allgemeine Spannung energetisch
als Libido, bewusstseinspsychologisch als Wert. Der intensive Vorgang ist
„libidobesetzt“ oder eine Manifestation der Libido, m. a. W. ein
hochgespannter energetischer Ablauf. Der intensive Vorgang ist ein
psychologischer Wert, daher die aus ihm hervorgehenden associativen
Verknüpfungen als wertvolle bezeichnet werden, im Gegensatz zu jenen, die
bei geringem Kontraktiveffekt zustande kommen, als welche wir wertlos
oder oberflächlich bezeichnen. Die gespannte Einstellung ist nun für den
Introvertierten durchaus bezeichnend, während die entspannte, leichte
Einstellung den Extravertierten verrät[261], von Ausnahmezuständen
abgesehen. Die Ausnahmen aber sind häufig und zwar bei einem und
demselben Individuum. Man gebe dem Introvertierten das durchaus
zusagende harmonische Milieu, so entspannt er sich bis zur totalen
Extraversion, und man glaubt einen Extravertierten vor sich zu haben. Man
versetze aber den Extravertierten in eine stille Dunkelkammer, wo ihn alle
verdrängten Komplexe annagen können, und er wird in eine Spannung
versetzt werden, in der er den leisesten Reiz bis zum äussersten realisieren
wird. So können die wechselnden Situationen des Lebens ebenfalls wirken

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und den Typus momentan umgestalten, wodurch aber die
Vorzugseinstellung in der Regel nicht dauernd verändert wird, d. h. trotz
gelegentlicher Extraversion bleibt der Introvertierte, was er vorher war, und
ebenso der Extravertierte.
Ich fasse zusammen: Die Primärfunktion scheint mir wichtiger zu sein,
als die Sekundärfunktion. Die Intensität der Primärfunktion ist das
ausschlaggebende Moment. Sie hängt ab von der allgemeinen psychischen
Spannung, d. h. von dem Betrag angehäufter, disponibler Libido. Das
Moment, das diese Anhäufung bedingt, ist ein komplexer Tatbestand, der
die Resultante aller vorausgegangenen psychischen Zustände ist. Er lässt
sich als Stimmung, Aufmerksamkeit, Affektlage, Erwartung etc.
charakterisieren. Die Introversion ist charakterisiert durch allgemeine
Spannung, intensive Primärfunktion und entsprechend lange
Sekundärfunktion. Die Extraversion ist charakterisiert durch allgemeine
Entspannung, schwache Primärfunktion und entsprechend kurze
Sekundärfunktion.

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VII
Das Problem der typischen
Einstellungen in der Ästhetik.

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VII.
Das Problem der typischen Einstellungen in der
Ästhetik.

Es ist gewissermassen selbstverständlich, dass alle Gebiete des
menschlichen Geistes, die sich direkt oder indirekt mit Psychologie
befassen, ihre Beiträge zu der uns hier beschäftigenden Frage liefern.
Nachdem wir die Stimme des Philosophen, des Dichters, des Arztes und des
Menschenkenners vernommen, meldet sich der Ästhetiker zum Worte. Die
Ästhetik ist ihrem ganzen Wesen nach angewandte Psychologie und
beschäftigt sich nicht nur mit dem ästhetischen Wesen der Dinge, sondern
auch — in vielleicht noch höherm Masse — mit der psychologischen Frage
der ästhetischen Einstellung. Ein so fundamentales Phänomen wie der
Gegensatz von Introversion und Extraversion konnte auch dem Ästhetiker
auf die Dauer nicht entgehen, denn die Art und Weise, wie Kunst oder
Schönes empfunden oder angeschaut wird, ist bei verschiedenen Menschen
dermassen verschieden, dass einem dieser Gegensatz auffallen musste.
Abgesehen von vielen, mehr oder weniger einmaligen oder einzigartigen
individuellen Eigentümlichkeiten der Einstellung gibt es zwei
gegensätzliche Grundformen, welche Worringer als Einfühlung und
Abstraktion bezeichnet hat.[262] Seine Definition der Einfühlung lehnt sich
hauptsächlich an Lipps an. Bei Lipps ist Einfühlung die „Objektivierung
meiner in einem von mir unterschiedenen Gegenstande, gleichgültig ob das
Objektivierte den Namen eines Gefühles verdient oder nicht.“ „Indem ich
einen Gegenstand appercipiere, erlebe ich, als von ihm herkommend, oder
in ihm, als apperzipiertem, liegend, einen Antrieb zu einer bestimmten
Weise des innern Verhaltens. Diese erscheint als durch ihn gegeben, mir von
ihm mitgeteilt.“[263] Jodl[264] erklärt folgendermassen: „Der sinnliche
Schein, welchen der Künstler gibt, ist nicht nur Veranlassung, dass wir uns
nach Associationsgesetzen an verwandte Erlebnisse erinnern, sondern

Page 311

indem er dem allgemeinen Gesetze der Externalisation[265] unterliegt, und
als ein Ausseruns erscheint, projizieren wir in ihn zugleich die innern
Vorgänge hinein, welche er in uns reproduziert, und geben ihm dadurch
ästhetische Beseelung — ein Ausdruck, welcher dem Ausdruck
„Einfühlung“ vorzuziehen sein dürfte, weil es sich bei dieser Introjektion
der eigenen Innenzustände in das Bild nicht nur um Gefühle, sondern um
innere Vorgänge jeder Art handelt.“ Von Wundt wird die Einfühlung zu den
elementaren Assimilationsprozessen gerechnet.[266] Die Einfühlung ist also
eine Art Wahrnehmungsprozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass
gefühlsmässig ein wesentlicher psychischer Inhalt ins Objekt verlegt, und
das Objekt dadurch introjiziert wird, ein Inhalt, welcher vermöge seiner
Zugehörigkeit zum Subjekt, das Objekt dem Subjekt assimiliert und
dermassen mit dem Subjekt verknüpft, dass sich das Subjekt sozusagen im
Objekt empfindet. Jedoch empfindet sich dabei das Subjekt nicht als in das
Objekt projiziert, sondern das eingefühlte Objekt erscheint ihm als beseelt
und aus sich selbst aussagend. Diese Eigentümlichkeit rührt daher, dass die
Projektion unbewusste Inhalte in das Objekt überträgt, weshalb die
Einfühlung in der analytischen Psychologie auch als Übertragung (Freud)
bezeichnet wird. Die Einfühlung ist daher eine Extraversion. Worringer
definiert das ästhetische Erleben in der Einfühlung folgendermassen:
„Ästhetischer Genuss ist objektivierter Selbstgenuss.“[267]
Dementsprechend ist nur diejenige Form schön, in die man sich einfühlen
kann. Lipps[268] sagt: „Nur soweit diese Einfühlung besteht, sind Formen
schön. Ihre Schönheit ist dies mein ideelles freies Sichausleben in ihnen.“
Die Form, in die man sich nicht einzufühlen vermag, ist demgemäss
hässlich. Damit ist auch die Beschränkung der Einfühlungstheorie gegeben,
denn es gibt Kunstformen, wie Worringer hervorhebt, welche dem
Kunstschaffen der einfühlenden Einstellung nicht entsprechen. Es sind dies
namentlich die orientalischen und exotischen Kunstformen. Aus langer
Tradition hat sich bei uns Okzidentalen das „Naturschöne und das
Naturwahre“ als Kriterium des Kunstschönen festgesetzt, denn es ist auch
das zum Wesen des griechisch-römischen und der okzidentalischen Kunst
überhaupt gehörige Kriterium. (Gewisse Stylformen des Mittelalters
machen hievon allerdings eine Ausnahme!) Unsere allgemeine Einstellung
zur Kunst ist eben einfühlend seit Alters und als schön können wir darum
nur bezeichnen, worein wir uns einfühlen können. Ist nun die Kunstform
des Objektes eine lebenswidrige, sozusagen anorganische oder abstrakte, so

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können wir nicht unser Leben darein einfühlen, was wir aber immer tun,
wenn wir einfühlen. („Was ich einfühle, ist ganz allgemein Leben.“ Lipps.)
Wir können uns nur in organische, naturwahre, lebenwollende Form
einfühlen. Und doch gibt es eine prinzipiell andere Kunstform, einen
lebenswidrigen Styl, der das Lebenwollen verneint, sich vom Leben
unterscheidet und doch einen Anspruch auf Schönheit erhebt. Wo das
Kunstschaffen lebenswidrige, anorganische, abstrakte Formen erzeugt, kann
es sich nicht mehr um ein Kunstwollen aus Einfühlungsbedürfnis handeln,
sondern vielmehr um ein Bedürfnis, das der Einfühlung direkt
entgegengesetzt ist, also um eine Tendenz, das Leben zu unterdrücken. „Als
dieser Gegenpol des Einfühlungsbedürfnisses erscheint uns der
Abstraktionsdrang.“[269] Zur Psychologie des Abstraktionsdranges sagt
Worringer: „Welches sind nun die psychischen Voraussetzungen des
Abstraktionsdranges? Wir haben sie im Weltgefühl jener Völker, in ihrem
psychischen Verhalten dem Kosmos gegenüber zu suchen. Während der
Einfühlungsdrang ein glückliches pantheistisches Vertrauensverhältnis
zwischen den Menschen und den Aussenwelterscheinungen zur Bedingung
hat, ist der Abstraktionsdrang die Folge einer grossen innern Beunruhigung
des Menschen durch die Erscheinungen der Aussenwelt und korrespondiert
in religiöser Beziehung mit einer stark transscendentalen Färbung aller
Vorstellungen. Diesen Zustand möchten wir eine ungeheure geistige
Raumscheu nennen. Wenn Tibull sagt: „primum in mundo fecit deus
timorem“, so lässt sich dieses selbe Angstgefühl auch als Wurzel des
künstlerischen Schaffens annehmen.“
Es ist tatsächlich so, dass die Einfühlung eine Bereitwilligkeit, ein
Vertrauen des Subjektes gegenüber dem Objekt voraussetzt. Die Einfühlung
ist eine bereitwillig entgegenkommende Bewegung, welche den subjektiven
Inhalt in das Objekt überträgt und dadurch eine subjektive Assimilation
herstellt, welche ein gutes Einvernehmen zwischen Subjekt und Objekt
hervorbringt oder auch gegebenenfalls vortäuscht. Ein passives Objekt lässt
sich zwar subjektiv assimilieren, ändert aber dadurch seine wirklichen
Qualitäten keineswegs. Sie werden durch die Übertragung nur verschleiert
und vielleicht sogar vergewaltigt. Durch die Einfühlung können
Ähnlichkeiten und anscheinende Gemeinsamkeiten erzeugt werden, die an
sich eigentlich nicht bestehen. Es ist darum leicht verständlich, dass auch
die Möglichkeit einer andern Art ästhetischer Beziehung zum Objekt
bestehen muss, nämlich eine Einstellung, die dem Objekte nicht

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entgegenkommt, sondern vielmehr von ihm wegstrebt und sich gegen den
Einfluss des Objektes zu sichern sucht, indem sie im Subjekt eine
psychische Tätigkeit erzeugt, welche den Objekteinfluss zu paralysieren
bestimmt ist. Die Einfühlung setzt das Objekt gewissermassen als leer
voraus und kann es deshalb mit eigenem Leben erfüllen. Die Abstraktion
dagegen setzt das Objekt gewissermassen als lebend und wirkend voraus
und sucht sich deshalb seinem Einfluss zu entziehen. Die abstrahierende
Einstellung ist also zentripetal, d. h. introvertierend. Der Worringersche
Begriff der Abstraktion entspricht somit der introvertierten Einstellung. Es
ist bedeutsam, dass Worringer den Objekteinfluss als Furcht oder Scheu
bezeichnet. Der Abstrahierende würde sich also dem Objekt gegenüber
einstellen, wie wenn das Objekt eine furchterregende Qualität, d. h. also
eine schädigende oder gefährliche Wirkung hätte, gegen die er sich
schützen muss. Diese anscheinend aprioristische Qualität des Objektes ist
zweifellos auch eine Projektion resp. Übertragung, aber eine Übertragung
negativer Art. Wir müssten also annehmen, dass dem Akte der Abstraktion
ein unbewusster Projektionsakt vorangeht, in welchem negativ betonte
Inhalte dem Objekt übertragen werden. Da die Einfühlung gleich wie die
Abstraktion ein Bewusstseinsakt ist, und dem letztern eine unbewusste
Projektion vorangeht, so dürfen wir die Frage aufwerfen, ob wohl der
Einfühlung auch ein unbewusster Akt vorangehe. Da das Wesen der
Einfühlung Projektion subjektiver Inhalte ist, so muss der vorausgehende
unbewusste Akt das Gegenteil sein, nämlich ein Unwirksammachen des
Objektes. Dadurch wird nämlich das Objekt gewissermassen entleert, der
Selbsttätigkeit beraubt, und damit geeignet gemacht, die subjektiven Inhalte
des Einfühlenden aufzunehmen. Der Einfühlende sucht sein Leben dem
Objekt einzufühlen und im Objekte zu erfahren; es ist daher nötig, dass die
Selbständigkeit und die Differenz des Objektes vom Subjekt nicht zu gross
sind. Durch den unbewussten Akt, der der Einfühlung vorangeht, wird
daher die Eigenmacht des Objektes depotenziert oder übercompensiert,
indem nämlich das Subjekt sich unbewusst sofort dem Objekt überordnet.
Die Überordnung kann aber nur unbewusst geschehen durch eine
Verstärkung der Bedeutung des Subjektes. Dies kann geschehen durch eine
unbewusste Phantasie, welche entweder das Objekt sofort entwertet und
entkräftet, oder welche das Subjekt erhöht und dem Objekt überordnet.
Dadurch erst entsteht jenes Gefälle, dessen die Einfühlung bedarf, um
subjektive Inhalte in das Objekt überführen zu können. Der Abstrahierende

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findet sich in einer schreckhaft belebten Welt, die ihn übermächtig zu
erdrücken sucht, darum zieht er sich in sich selbst zurück, um bei sich die
rettende Formel zu ersinnen, welche geeignet ist, seinen subjektiven Wert
soweit zu erhöhen, dass er dem Objekteinfluss wenigstens gewachsen ist.
Der Einfühlende dagegen findet sich in einer Welt, die seines subjektiven
Gefühles bedarf, um Leben und Seele zu haben. Er leiht ihr vertrauensvoll
Beseelung, während der Abstrahierende sich misstrauisch vor den Dämonen
der Objekte zurückzieht und mit abstrakten Schöpfungen sich eine
schutzbietende Gegenwelt aufbaut. Wenn wir uns an die Ausführungen der
vorangegangenen Kapitel erinnern, so werden wir in der Einfühlung
unschwer den Mechanismus der Extraversion, und in der Abstraktion den
der Introversion erkennen. „Die grosse innere Beunruhigung des Menschen
durch die Erscheinungen der Aussenwelt“ ist nichts anderes als die
Reizscheu des Introvertierten, der wegen seiner tiefern Empfindung und
Realisierung eine eigentliche Furcht vor zu raschem oder zu starkem
Wechsel der Reize hat. Seine Abstraktionen dienen auch
ausgesprochenermassen dem Zwecke, durch einen allgemeinen Begriff das
Unregelmässige und Wechselnde in die Schranken der Gesetzmässigkeit
einzufangen. Es ist selbstverständlich, dass diese im Grunde genommen
magische Prozedur sich in vollster Entfaltung beim Primitiven findet,
dessen geometrische Zeichen weniger Schönheits- als vielmehr magischen
Wert haben.
Worringer[270] sagt mit Recht: „Von dem verworrenen Zusammenhang
und dem Wechselspiel der Aussenwelterscheinungen gequält, beherrschte
solche Völker ein ungeheures Ruhebedürfnis. Die Beglückungsmöglichkeit,
die sie in der Kunst suchten, bestand nicht darin, sich in die Dinge der
Aussenwelt zu versenken, sich in ihnen zu geniessen, sondern darin, das
einzelne Ding der Aussenwelt aus seiner Willkürlichkeit und scheinbaren
Zufälligkeit herauszunehmen, es durch Annäherung an abstrakte Formen zu
verewigen und auf diese Weise einen Ruhepunkt in der Erscheinungen
Flucht zu finden.“
„Diese abstrakten gesetzmässigen Formen sind also die einzigen und die
höchsten, in denen der Mensch angesichts der ungeheuren Verworrenheit
des Weltbildes ausruhen kann.“[271]
Wie Worringer sagt, sind es gerade orientalische Kunstformen und
Religionen, welche die abstrahierende Einstellung zur Welt zeigen. Dem

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Orientalen muss also im allgemeinen die Welt anders erscheinen, als dem
Okzidentalen, der mit Einfühlung sein Objekt beseelt. Dem Orientalen ist
das Objekt a priori belebt, es hat die Übermacht über ihn, weshalb er sich
davor zurückzieht und seine Eindrücke abstrahiert. Einen trefflichen
Einblick in die orientalische Einstellung gewährt Buddha in der
„Feuerpredigt“, wo er sagt: „Alles steht in Flammen. Das Auge und alle
Sinne stehen in Flammen, durch das Feuer der Liebe, durch das Feuer des
Hasses, durch das Feuer der Betörung entzündet; durch Geburt, Alter und
Tod, Schmerz und Klagen, Kummer, Leid und Verzweiflung ist es
entzündet. — Die ganze Welt steht in Flammen; die ganze Welt ist in Rauch
gehüllt, die ganze Welt wird vom Feuer verzehrt; die ganze Welt erbebt.“
Dieser schreckhafte und leidvolle Anblick der Welt ist es, der den
Buddhisten zu seiner abstrahierenden Einstellung veranlasst, wie ja auch
Buddha der Legende nach durch einen ähnlichen Eindruck zu seiner
Laufbahn gekommen ist. Die dynamische Belebung des Objektes als Grund
zur Abstraktion ist in der symbolischen Sprache Buddhas treffend zum
Ausdruck gebracht. Diese Belebung beruht nicht auf Einfühlung, sondern
entspricht einer aprioristischen unbewussten Projektion, einer Projektion,
die eigentlich von vornherein existiert. Der Ausdruck „Projektion“ erscheint
sogar als ungeeignet, das Phänomen richtig zu bezeichnen. Projektion ist
eigentlich ein Akt, der geschieht, und nicht ein von vornherein vorhandener
Zustand, um den es sich aber hier offenbar handelt. M. E. ist für diesen
Zustand Lévy-Bruhls Begriff der „participation mystique“ eher
kennzeichnend, indem dieser Begriff die ursprüngliche Bezogenheit des
Primitiven auf sein Objekt formuliert. Seine Objekte sind nämlich
dynamisch belebt, mit Seelenstoff oder -kraft geladen (durchaus nicht
immer beseelt, wie die animistische Hypothese annimmt!), und haben
darum eine unmittelbare psychische Wirkung auf den Menschen, welche
daher kommt, dass der Mensch gleichsam dynamisch identisch ist mit
seinem Objekt. In gewissen primitiven Sprachen haben daher die
Gebrauchsgegenstände belebtes Geschlecht (das Suffix des Belebtseins). In
ähnlicher Weise ist für die abstrahierende Einstellung das Objekt a priori
belebt und selbsttätig und bedarf der Einfühlung nicht, im Gegenteil, es
wirkt so stark beeinflussend, dass es zur Introversion zwingt. Die starke
unbewusste Libidobesetzung des Objektes rührt her von seiner
„participation mystique“ mit dem Unbewussten des introvertiert
Eingestellten. Das geht aus den Worten Buddhas klar hervor: das Weltfeuer

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ist identisch mit dem Feuer der Libido des Subjektes, mit seiner brennenden
Leidenschaft, die ihm aber als Objekt erscheint, weil er sie nicht zur
subjektiv disponibeln Funktion differenziert hat. Die Abstraktion erscheint
daher als eine Funktion, welche die ursprüngliche „participation mystique“
bekämpft. Sie trennt vom Objekte, um die Verkettung mit ihm aufzuheben.
Sie führt einerseits zur Schaffung von Kunstformen, andererseits zu der
Erkenntnis des Objektes. Gleichermassen ist auch die Funktion der
Einfühlung ein Organ des Kunstschaffens sowohl als auch der Erkenntnis.
Aber sie findet auf einer ganz andern Basis statt als die Abstraktion. Wie
diese gegründet ist auf die magische Bedeutung und Gewalt des Objektes,
so ist die Einfühlung gegründet auf die magische Bedeutung des Subjektes,
das sich mittelst mystischer Identifikation des Objektes bemächtigt. Wie der
Primitive einerseits magisch beeinflusst ist durch die Kraft des Fetisch, so
ist er andererseits auch der Zauberer und der Akkumulator der magischen
Kraft, der dem Fetisch „Ladung“ erteilt. (Vergl. dazu den Churingaritus der
Australier.[272]) Die unbewusste Depotenzierung des Objektes, die dem
Einfühlungsakt vorausgeht, ist ebenfalls ein dauernder Zustand einer
geringern Betonung des Objektes. Dafür sind aber beim Einfühlenden die
unbewussten Inhalte mit dem Objekt identisch und lassen es unbelebt und
unbeseelt erscheinen[273], weshalb die Einfühlung zur Erkenntnis des
Wesens des Objektes nötig wird. Man könnte also in diesem Fall von einer
beständig vorhandenen unbewussten Abstraktion reden, welche das Objekt
als unbeseelt darstellt. Denn die Abstraktion hat immer diese Wirkung: sie
tötet die Eigentätigkeit des Objektes, soweit diese magisch auf die Seele des
Subjektes bezogen ist. Daher wendet sie der Abstrahierende bewusst an, um
sich vor der magischen Beeinflussung durch das Objekt zu schützen. Aus
dem aprioristischen Unbelebtsein der Objekte geht auch das
Vertrauensverhältnis des Einfühlenden zur Welt hervor: es ist nichts da, was
ihn feindlich zu beeinflussen und zu unterdrücken vermöchte, denn er allein
erteilt dem Objekt Leben und Seele, obschon seinem Bewusstsein die Sache
gerade umgekehrt zu liegen scheint. Im Gegensatz dazu ist dem
Abstrahierenden die Welt erfüllt mit mächtig wirkenden und deshalb
gefährlichen Objekten, weshalb er Furcht empfindet und sich, seiner
Ohnmacht bewusst, von der zu nahen Berührung mit der Welt zurückzieht,
um jene Gedanken und Formeln zu erzeugen, mit denen er die Oberhand zu
erlangen hofft. Seine Psychologie ist darum die des Unterdrückten, während
der Einfühlende mit aprioristischer Sicherheit dem Objekt gegenüber tritt,

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denn das Objekt ist wegen seiner Unbelebtheit ungefährlich. Natürlich ist
diese Charakterisierung schematisch und will durchaus nicht das ganze
Wesen der extravertierten oder introvertierten Einstellung charakterisieren,
sondern bloss gewisse Nuancen hervorheben, die aber immerhin eine nicht
unerhebliche Bedeutung haben.
Wie der Einfühlende im Objekt sich selbst geniesst, ohne dessen
bewusst zu sein, so schaut der Abstrahierende, indem er über den ihm vom
Objekt zukommenden Eindruck nachdenkt, sich selbst, ohne es zu wissen.
Denn was der Einfühlende ins Objekt überträgt, ist er selbst, d. h. sein
eigener unbewusster Inhalt, und was der Abstrahierende über seinen
Eindruck vom Objekt denkt, das denkt er über seine eigenen Gefühle, die
ihm am Objekt erschienen sind. Es ist daher klar, dass zu einer wirklichen
Erfassung des Objektes beide Funktionen gehören, wohl auch zu einem
wirklichen Kunstschaffen. Beide Funktionen sind auch immer im
Individuum vorhanden, nur sind sie meistens ungleichmässig differenziert.
Worringer sieht als gemeinsame Wurzel dieser beiden Grundformen des
ästhetischen Erlebens den Drang nach Selbstentäusserung.[274] Bei der
Abstraktion strebt der Mensch darnach „in der Betrachtung eines
Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen des
Menschseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allgemeinen
organischen Existenz.“ Gegenüber der verwirrenden und eindrucksvollen
Fülle der belebten Objekte schafft sich der Mensch eine Abstraktion, d. h.
ein abstraktes allgemeines Bild, welches die Eindrücke in gesetzmässige
Form bannt. Dieses Bild hat die magische Bedeutung eines Schutzes gegen
den chaotischen Wechsel des Erlebens. Der Mensch versenkt sich in dieses
Bild und verliert sich so daran, dass er seine abstrakte Wahrheit schliesslich
über die Realität des Lebens stellt und damit das Leben, das den Genuss der
abstrakten Schönheit stören könnte, überhaupt unterdrückt. Er erhebt sich
damit selber zu einer Abstraktion, er identifiziert sich mit der ewigen
Gültigkeit seines Bildes und erstarrt darin, indem es ihm gewissermassen zu
einer erlösenden Formel wird. Auf diese Weise entäussert er sich seiner
selbst und überträgt sein Leben seiner Abstraktion, in der es
gewissermassen kristallisiert. Indem der Einfühlende aber seine Tätigkeit,
sein Leben in das Objekt einfühlt, so begibt er sich damit ebenfalls ins
Objekt, insofern der eingefühlte Inhalt einen wesentlichen Teil des
Subjektes darstellt. Er wird zum Objekt, er identifiziert sich damit und
kommt auf diese Weise von sich selbst los. Indem er sich objektiviert,

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entsubjektiviert er sich. Worringer[275] sagt: „Indem wir aber diesen
Tätigkeitswillen in ein anderes Objekt einfühlen, sind wir in dem andern
Objekt. Wir sind von unserm individuellen Sein erlöst, solange wir mit
unserm Erlebensdrang in ein äusseres Objekt, in einer äussern Form
aufgehen. Wir fühlen gleichsam unsere Individualität in feste Grenzen
einfliessen gegenüber der grenzenlosen Differenziertheit des individuellen
Bewusstseins. In dieser Selbstobjektivierung liegt eine Selbstentäusserung.
Diese Bejahung unseres individuellen Tätigkeitsbedürfnisses stellt
gleichzeitig eine Beschränkung seiner unbegrenzbaren Möglichkeiten, eine
Verneinung seiner unvereinbaren Differenziertheiten dar. Wir ruhen mit
unserm innern Tätigkeitsdrange in den Grenzen dieser Objektivierung aus.“
Wie für den Abstrahierenden das abstrakte Bild eine Fassung, eine
Schutzmauer gegenüber den auflösenden Wirkungen der unbewusst
belebten Objekte[276] darstellt, so ist für den Einfühlenden die Übertragung
auf das Objekt ein Schutz gegenüber der Auflösung durch innere subjektive
Faktoren, welche in grenzenlosen Phantasiemöglichkeiten und
entsprechenden Tätigkeitsantrieben bestehen. Wie nach Adler der
introvertierte Neurotische sich an eine „fiktive Leitlinie“ klammert, so
klammert sich der extravertierte Neurotische an sein Übertragungsobjekt.
Der Introvertierte hat seine „Leitlinie“ abstrahiert aus seinen guten und
schlechten Erfahrungen am Objekt, und vertraut sich der Formel an als
einem Schutzmittel gegenüber den grenzenlosen Möglichkeiten des Lebens.
Einfühlung und Abstraktion, Extraversion und Introversion sind
Anpassungs- und Schutzmechanismen. Insofern sie Anpassung
ermöglichen, schützen sie den Menschen vor äussern Gefahren. Insofern es
gerichtete Funktionen[277] sind, befreien sie den Menschen vom zufällig
Triebhaften, ja, sie schützen ihn sogar davor, indem sie ihm eine
Selbstentäusserung ermöglichen. Wie die alltägliche psychologische
Erfahrung zeigt, gibt es sehr viele Menschen, die sich ganz mit ihrer
gerichteten Funktion (der „wertvollen“ Funktion) identifizieren, das sind
eben u. a. die hier besprochenen Typen. Die Identifikation mit der
gerichteten Funktion hat den (unbestreitbaren Vorteil, dass man sich damit
den collektiven Erwartungen und Forderungen am besten anpasst und dabei
erst noch seinen minderwertigen, nicht differenzierten und nicht gerichteten
Funktionen aus dem Wege gehen kann durch Selbstentäusserung. Die
„Selbstlosigkeit“ ist zudem vom Standpunkt der sozialen Moralität eine
besondere Tugend. Auf der andern Seite jedoch liegt der grosse Nachteil der

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Identifikation mit der gerichteten Funktion, nämlich die Degeneration des
Individuums. Der Mensch ist zweifellos einer weitgehenden
Mechanisierung fähig, aber doch nicht in dem Masse, dass er sich selbst
gänzlich, ohne Schaden zu leiden, aufgeben könnte. Je mehr er sich nämlich
mit der einen Funktion identifiziert, desto mehr besetzt er sie mit Libido
und desto mehr entzieht er die Libido den andern Funktionen. Sie ertragen
zwar während längerer Zeit auch einen weitgehenden Libidoentzug; einmal
aber reagieren sie doch. Indem ihnen nämlich die Libido entzogen wird,
geraten sie allmählich unter die Bewusstseinsschwelle, ihr associativer
Zusammenhang mit dem Bewusstsein lockert sich und dadurch versinken
sie allmählich ins Unbewusste. Dies ist gleichbedeutend mit einer
Regressiventwicklung, nämlich einem Zurückgehen der relativ entwickelten
Funktion auf infantile und zuletzt auf archaïsche Stufe. Da der Mensch aber
nur relativ wenige Jahrtausende in kultiviertem Zustand zugebracht hat,
dagegen viele Hunderttausende von Jahren in unkultiviertem Zustand, so
sind demgemäss in ihm die archaïschen Funktionsweisen noch
ausserordentlich lebensfähig und leicht wiederzubeleben. Wenn nun
gewisse Funktionen durch Libidoentzug desintegriert werden, so treten ihre
archaïschen Grundlagen im Unbewussten in Funktion. Dieser Zustand
bedeutet eine Dissociation der Persönlichkeit, indem die archaïschen
Funktionen keine direkten Beziehungen zum Bewusstsein haben, also keine
gangbaren Brücken existieren zwischen Bewusst und Unbewusst. Je weiter
daher die Selbstentäusserung geht, desto weiter schreitet auch die
Archaïsierung der unterbetonten Funktionen. Damit wächst auch die
Bedeutung des Unbewussten. Dann fängt das Unbewusste an, die gerichtete
Funktion symptomatisch zu stören, und damit beginnt jener
charakteristische Circulus vitiosus, dem wir bei so manchen Neurosen
begegnen: der Mensch versucht die unbewusst störenden Einflüsse durch
besondere Leistungen der gerichteten Funktion zu compensieren, welcher
Wettlauf gegebenenfalls bis zum nervösen Zusammenbruch fortgesetzt
wird. Die Möglichkeit der Selbstentäusserung durch Identifikation mit der
gerichteten Funktion beruht nicht etwa nur auf der einseitigen
Beschränkung auf die eine Funktion, sondern auch darauf, dass das Wesen
der gerichteten Funktion ein Prinzip ist, das die Selbstentäusserung
verlangt. So verlangt jede gerichtete Funktion die strenge Ausschliessung
alles dessen, was nicht dazu passt, das Denken schliesst alles störende
Gefühl aus, ebenso schliesst das Gefühl alle störenden Gedanken aus. Ohne

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Verdrängung alles andern kann die gerichtete Funktion gar nicht zu Stande
kommen. Dem gegenüber verlangt aber die Selbstregulierung des
lebendigen Organismus natürlicherweise die Harmonisierung menschlichen
Wesens; daher drängt sich die Berücksichtigung minderbegünstigter
Funktionen als eine Lebensnotwendigkeit und als eine unumgängliche
Aufgabe der Erziehung des Menschengeschlechtes auf.

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VIII
Das Typenproblem in der modernen
Philosophie.

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VIII.
Das Typenproblem in der modernen Philosophie.

1. Die James’schen Typen.
Auch in der neuern pragmatischen Philosophie ist die Existenz zweier
Typen entdeckt worden, und zwar von William James.[278] Er sagt: „Die
Geschichte der Philosophie ist in hohem Masse ein Zusammenstoss von
gewissen menschlichen Temperamenten (charakterologischen
Dispositionen)“.[279] „Von was für einem Temperament ein berufsmässiger
Philosoph auch immer sein mag, er versucht jedenfalls, wenn er
philosophiert, die Tatsache seines Temperamentes zu denken. Jedoch bildet
sein Temperament ein stärkeres Vorurteil, als irgend eine seiner mehr
objektiven Prämissen. Es gibt seiner Beweisführung in dieser oder jener
Richtung Gewicht, indem es je nachdem zu einer sentimentalern oder
kühlern Weltanschauung führt, ebenso gut wie eine Tatsache oder ein
Prinzip. Er vertraut seinem Temperament. Er wünscht sich eine Welt, die zu
seinem Temperament passt, und er glaubt an jede Darstellung der Welt, die
zu ihm passt. Menschen eines andern Temperamentes empfindet er als nicht
richtig abgestimmt auf den wirklichen Charakter der Welt, und im Grunde
genommen betrachtet er sie als inkompetent und als keine eigentlichen
Philosophen, wenn sie ihn an dialektischer Geschicklichkeit auch weit
übertreffen mögen. Aber in der öffentlichen Diskussion kann er, bloss aus
Gründen seines Temperamentes, keinen Anspruch erheben auf besondere
Auszeichnung oder Autorität. Daher stammt ein gewisser Mangel an
Ernsthaftigkeit in der philosophischen Diskussion: die bedeutendste aller
unserer Prämissen wird nie erwähnt.“[280]
James geht darauf über zur Charakterisierung der zwei Temperamente:
So wie es im Gebiete der Sitten und Lebensgewohnheiten konventionelle

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und ungezwungen sich gebende Menschen, in politischer Hinsicht
Autoritätgläubige und Anarchisten, in der schönen Literatur Akademiker
und Realisten, in der Kunst Klassiker und Romantiker sich unterscheiden
lassen, so fänden sich auch, wie James meint, in der Philosophie zwei
Typen, nämlich der „Rationalist“ und der „Empiriker“. Der Rationalist ist
der „Anbeter abstrakter und ewiger Prinzipien“. Der Empiriker ist der
„Liebhaber der Tatsachen in ihrer ganzen ungehobelten Mannigfaltigkeit“.
[281] Obschon niemand weder der Tatsachen noch der Prinzipien entraten
kann, so kommen doch ganz verschiedene Gesichtspunkte heraus, je nach
dem das Gewicht auf die eine oder andere Seite verschoben wird.
„Rationalismus“ stellt James als Synonym zu „Intellektualismus“ und
„Empirismus“ zu „Sensualismus“. Obwohl diese Angleichung m. E. nicht
stichhaltig ist, so wollen wir doch zunächst, eine Kritik vorbehaltend, dem
James’schen Gedankengang weiter folgen. Nach seiner Ansicht verbindet
sich mit dem Intellektualismus eine idealistische und optimistische
Tendenz, während der Empirismus zum Materialismus und zu einem bloss
bedingten und unsichern Optimismus neigt. Der Rationalismus
(Intellektualismus) ist immer monistisch. Er beginnt mit dem Ganzen und
Universellen und vereinigt die Dinge. Der Empirismus dagegen beginnt mit
dem Teil und macht das Ganze zu einer Sammlung. Er liesse sich als
pluralistisch bezeichnen. Der Rationalist ist ein Gefühlsmensch, der
Empiriker ein hartköpfiges Wesen. Ersterer neigt natürlicherweise zur
Überzeugung der Willensfreiheit, letzterer zum Fatalismus. Der Rationalist
ist leicht dogmatisch in seinen Konstatierungen, der Empiriker dagegen
skeptischer.[282] James bezeichnet den Rationalisten als tender-minded (mit
zartem oder delikatem Geiste) und den Empiriker als tough-minded (mit
zähem Geiste). Damit versucht er offenbar die eigentümliche
Beschaffenheit der beiden Mentalitäten zu bezeichnen. Wir werden im
weitern Verlauf Gelegenheit nehmen, diese Charakterisierung noch näher zu
untersuchen. Interessant ist, was James sagt über die Vorurteile, welche die
beiden Typen gegeneinander hegen. „Sie haben eine geringe Meinung von
einander.[283] Ihr typischer Gegensatz hat zu allen Zeiten in der Philosophie
eine Rolle gespielt, so auch heute. Der Tough-minded beurteilt den Tender-
minded als sentimental, der Tender-minded dagegen nennt den andern
unfein, stumpf oder brutal. Der eine hält den andern für inferior.“
James stellt die Qualitäten der beiden Typen in folgende zwei Kolonnen
nebeneinander:

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Tender-minded: Tough-minded:
Rationalistisch (folgt Prinzipien) Empiristisch (folgt Tatsachen)
intellektualistisch sensualistisch
idealistisch materialistisch
optimistisch pessimistisch
religiös irreligiös
indeterministisch deterministisch, fatalistisch
monistisch pluralistisch
dogmatisch skeptisch.

Diese Zusammenstellung berührt verschiedene Probleme, denen wir
schon im Kapitel über Nominalismus und Realismus begegnet sind. Der
Tender-minded hat gewisse Züge mit dem Realisten, und der Tough-minded
mit dem Nominalisten gemeinsam. Wie ich oben erörtert habe, entspricht
der Realismus dem Introversionsprinzip und der Nominalismus dem
Extraversionsprinzip. Unzweifelhaft gehört auch der Universalienstreit an
erster Stelle unter jene historischen Temperamentgegensätze in der
Philosophie, auf welche James anspielt. Diese Beziehungen legen es nahe,
beim Tender-minded an den Introvertierten und beim Tough-minded an den
Extravertierten zu denken. Es bleibt aber noch näher zu untersuchen, ob
diese Beziehung zu Recht besteht oder nicht.
Es ist meiner — allerdings beschränkten — Kenntnis der James’sehen
Schriften nicht gelungen, nähere Definitionen oder Beschreibungen der
beiden Typen aufzufinden, obschon er mehrfach von diesen beiden Arten
des Denkens spricht, und sie etwa auch als „thin“ und „thick“ bezeichnet.
Flournoy[284] erläutert „thin“ als „mince, ténu, maigre, chétif“ und „thick“
als „épais, solide, massif, cossu“. James gebraucht für den Tender-minded
auch einmal den Ausdruck „soft-headed“, also wörtlich „mit weichem
Kopfe“. „Soft“ ist wie „tender“ weich, zart, mild, sanft, leise, also etwas
schwach, gedämpft, von geringer Kraft im Gegensatz zu „thick“ und
„tough“, welche widerstandsfähige, solide, schwer zu verändernde
Qualitäten sind, die an die Natur des Stoffes erinnern. Flournoy erläutert
dementsprechend die beiden Arten des Denkens folgendermassen: „C’est
l’opposition entre la façon de penser abstractionniste — c’est-à-dire
purement logique et dialectique, si chère aux philosophes, mais qui
n’inspire à James aucune confiance. et qui lui paraît fragile, creuse,
„chétive“, parceque trop sevrée du contact des choses particulières — et la

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façon de penser concrète, laquelle se nourrit de faits d’expérience et ne
quitte jamais la région terre à terre, mais solide, des écailles de tortues ou
autres données positives“.[285] Man darf aus diesem Kommentar allerdings
nicht den Schluss ziehen, dass James nun einseitig dem concreten Denken
beifalle. Er würdigt beide Standpunkte: „Facts are good, of course — give
us lots of facts. Principles are good — give us plenty of principles.“ Eine
Tatsache ist bekanntlich nie nur so, wie sie an sich ist, sondern auch so, wie
wir sie anschauen. Wenn nun James das concrete Denken als „thick“ oder
„tough“ bezeichnet, so beweist er damit, dass diese Art Denken für ihn
etwas Substantielles, Widerstandsfähiges hat, während das abstrakte
Denken ihm als etwas Schwaches, Dünnes und Blasses vorkommt,
vielleicht sogar, wenn wir mit Flournoy interpretieren, als etwas
Kränkliches und Hinfälliges. Eine solche Auffassung ist natürlich nur
möglich, wenn man die Substantialität a priori mit der concreten Tatsache
verknüpft hat, was eben, wie gesagt, eine Angelegenheit des
Temperamentes ist. Wenn der „empirische“ Denker seinem concreten
Denken eine widerstandsfähige Substantialität zuschreibt, so ist das vom
abstrakten Standpunkt aus gesehen, eine Selbsttäuschung, denn die
Substantialität, die „Härte“ kommt der äussern Tatsache zu, nicht aber dem
„empirischen“ Denken. Letzteres erweist sich sogar als besonders schwach
und hinfällig, indem es sich gegenüber der äussern Tatsache so wenig zu
behaupten weiss, dass es immer von den sinnlich gegebenen Tatsachen
abhängt, ihnen nachläuft und sich infolgedessen kaum über eine bloss
klassifizierende oder darstellende Tätigkeit erheben kann. Vom Standpunkt
des Denkens aus ist also das concrete Denken etwas sehr Schwächliches
und Unselbständiges, weil es nicht in sich selber seine Festigkeit hat,
sondern in den äussern Tatsachen, welche dem Denken an bedingendem
Werte übergeordnet sind. Dieses Denken ist also charakterisiert durch eine
Abfolge sinnlich gebundener Vorstellungen, die weniger durch eine innere
Denktätigkeit, als vielmehr durch den Wechsel der Sinneswahrnehmungen
in Bewegung gesetzt werden. Eine durch sinnliche Wahrnehmungen
bedingte Abfolge concreter Vorstellungen ist also nicht gerade das, was der
Abstrakte als Denken bezeichnen würde, sondern bestenfalls eine passive
Apperception. Das Temperament, welches das concrete Denken vorzieht
und ihm Substantialität zubilligt, ist daher gekennzeichnet durch ein
Vorwiegen der sinnlich bedingten Vorstellung gegenüber der aktiven
Apperceptionstätigkeit, die einer subjektiven Willenshandlung entspringt

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und sinnlich vermittelte Vorstellungen gemäss den Absichten einer Idee
anordnen will, d. h. kürzer gesagt: diesem Temperament liegt es mehr am
Objekt; das Objekt wird eingefühlt, es benimmt sich quasi selbständig in
der Vorstellungswelt des Subjektes und zieht die Auffassung nach sich.
Dieses Temperament ist also extravertierend. Das Denken des
Extravertierten ist concretistisch. Seine Festigkeit liegt nicht in ihm,
sondern gewissermassen ausser ihm in den eingefühlten Tatsachen, von
woher auch die James’sche Qualifizierung als „tough“ stammt. Wer immer
sich auf die Seite des concreten Denkens stellt, d. h. auf die Seite von
Tatsachenvorstellungen, dem kommt die Abstraktion als etwas Schwaches
und Hinfälliges vor, denn er misst sie an der Festigkeit der concreten,
sinnlich gegebenen Tatsache. Wer aber auf der Seite der Abstraktion steht,
dem ist nicht die sinnlich gebundene Vorstellung das Ausschlaggebende,
sondern die abstrakte Idee. Die Idee ist, nach der landläufigen Auffassung
nichts anderes als eine Abstraktion einer Summe von Erfahrungen. Man
stellt sich dabei gerne den menschlichen Geist als eine anfängliche tabula
rasa vor, die sich erst deckt durch die Wahrnehmung und Erfahrung von
Welt und Leben. Von diesem Standpunkt aus, der der Standpunkt unserer
empirischen Wissenschaftlichkeit im weitesten Sinne ist, kann die Idee auch
gar nichts anderes sein, als eine epiphänomenale, aposteriorische
Abstraktion aus Erfahrungen, daher schwächer und blässer als diese. Wir
wissen aber, dass der Geist nicht tabula rasa sein kann, denn die Kritik
unserer Denkprinzipien zeigt uns, dass gewisse Kategorien unseres
Denkens a priori, d. h. vor aller Erfahrung gegeben sind und zugleich mit
dem ersten Denkakt auftreten, ja sogar dessen präformierte Bedingungen
sind. Was aber Kant für das logische Denken nachgewiesen hat, gilt für die
Psyche in noch viel weiterm Umfang. Die Psyche ist so wenig wie der Geist
(das Gebiet des Denkens) tabula rasa zu Beginn. Gewiss fehlen die
concreten Inhalte, aber die Inhaltsmöglichkeiten sind durch die vererbte und
präformierte funktionelle Disposition a priori gegeben. Sie ist nichts
anderes als das Ergebnis der Funktionsweisen der Gehirne der Ahnenreihe,
ein Niederschlag der Anpassungsversuche und Erfahrungen der
phylogenetischen Reihe. Das neu entstandene Gehirn oder Funktionssystem
ist also ein altes, für ganz bestimmte Zwecke hergerichtetes Instrument, das
nicht nur passiv appercipiert, sondern auch aus sich heraus aktiv die
Erfahrungen ordnet und zu gewissen Schlüssen oder Urteilen zwingt. Diese
Anordnungen geschehen nun nicht etwa zufällig oder willkürlich, sondern

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sie folgen streng präformierten Bedingungen, die nicht als
Anschauungsinhalte durch Erfahrung vermittelt werden, sondern
Bedingungen der Anschauung a priori sind. Es sind Ideen ante rem,
Formbedingungen, a priori gezogene Grundlinien, die dem Stoffe der
Erfahrung eine bestimmte Gestaltung anweisen, sodass man sie, wie sie
auch Platon aufgefasst hat, als Bilder denken kann, gewissermassen als
Schemata oder anererbte Funktionsmöglichkeiten, welche aber andere
Möglichkeiten ausschliessen oder zum mindesten in hohem Masse
beschränken. Daher kommt es, dass selbst die freieste Geistesbetätigung,
die Phantasie, nie ins Grenzenlose schweifen kann (obschon es der Dichter
so empfinden mag), sondern gebunden bleibt an präformierte
Möglichkeiten, an Urbilder oder urtümliche Bilder. Die
Märchenerzählungen der entlegensten Völker zeigen in der Ähnlichkeit
ihrer Motive diese Gebundenheit an gewisse Urbilder. Selbst die Bilder, die
wissenschaftlichen Theorien zu Grunde liegen, zeigen diese Beschränkung,
z. B. der Äther, die Energie, ihre Verwandlungen und ihre Konstanz, die
Atomtheorie, die Affinität, usw.
Wie nun im Geiste des concret Denkenden die sinnlich gegebene
Vorstellung vorwiegt und Richtung gibt, so überwiegt im Geiste des
abstrakt Denkenden das inhaltlose und daher nicht vorstellbare Urbild. Es
bleibt relativ untätig, solange das Objekt eingefühlt und dadurch zum
bedingenden Faktor des Denkens erhoben wird. Wird aber das Objekt nicht
eingefühlt und damit seiner Präponderanz im geistigen Prozess beraubt, so
wendet sich die ihm versagte Energie ins Subjekt zurück. Das Subjekt wird
unbewusst eingefühlt und dadurch werden die in ihm schlummernden
präformierten Bilder geweckt, infolgedessen treten sie als wirkende
Faktoren im Geistesprozesse auf, allerdings in unvorstellbarer Form,
gewissermassen als unsichtbare Regisseure, hinter den Kulissen. Da sie
bloss aktivierte Funktionsmöglichkeiten sind, sind sie ohne Inhalt, darum
unvorstellbar, und deshalb streben sie nach Erfüllung. Sie ziehen den
Erfahrungsstoff in ihre Form und stellen nicht die Tatsachen dar, sondern
sich selber in den Tatsachen. Sie bekleiden sich gewissermassen mit
Tatsachen. Sie sind daher nicht ein bekannter Ausgangspunkt, wie die
empirische Tatsache im concreten Denken, sondern sie werden erst
erfahrbar durch die unbewusste Gestaltung des Erfahrungsstoffes. Auch der
Empiriker kann seinen Erfahrungsstoff gliedern und formen, jedoch formt

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er ihn möglichst nach einem concreten Begriffe, den er auf Grund
vorhergegangener Erfahrungen gebildet hat.
Der Abstrahierende dagegen formt nach einer unbewussten Vorlage und
erfährt erst a posteriori aus der von ihm gestalteten Erscheinung die Idee,
nach der er geformt hat. Der Empiriker, gemäss seiner Psychologie, ist
immer geneigt, anzunehmen, der Abstrahierende gestalte den
Erfahrungsstoff willkürlich nach gewissen blassen, schwachen und
unzulänglichen Voraussetzungen, denn er bemisst den geistigen Prozess des
Abstrahierenden nach seinem eigenen modus procedendi. Die eigentliche
Prämisse, die Idee oder das Urbild, ist aber dem Abstrahierenden genau so
unbekannt, wie dem Empiriker die Theorie, die er dann nachträglich nach
so und so viel Experimenten aus der Erfahrung heraus bilden wird. Wie ich
in einem frühern Kapitel erläutert habe, sieht der eine das individuelle
Objekt und interessiert sich für sein individuelles Verhalten, der andere aber
sieht in erster Linie die Ähnlichkeitsbeziehungen der Objekte unter sich und
setzt sich über die Individualität der Tatsache hinweg, weil ihm das
Verbindende, das Einheitliche in der Zersplitterung der Mannigfaltigkeit
angenehmer und beruhigender ist. Für den Erstern aber ist die
Ähnlichkeitsbeziehung geradezu etwas Lästiges und Störendes, das ihn
unter Umständen sogar hindert, sich der Erkenntnis der Eigenartigkeit des
Objektes zu bemächtigen. Je weiter er sich in das einzelne Objekt einfühlt,
desto mehr erkennt er seine Eigenart und desto mehr verschwindet ihm die
Wirklichkeit einer Ähnlichkeitsbeziehung mit einem andern Objekt. Wenn
er sich aber auch in das andere Objekt einzufühlen weiss, so ist er im
Stande, die Ähnlichkeit der beiden Objekte in viel höherm Masse zu
empfinden und zu erfassen, als der, der sie bloss von aussen zu allererst
ersah. Der concret Denkende kann wegen der Tatsache, dass er zuerst das
eine Objekt, dann ein anderes einfühlt, nur sehr langsam zur Erkenntnis der
verbindenden Ähnlichkeiten kommen, weshalb sein Denken als zähflüssig
erscheint. Leichtflüssig ist aber seine Einfühlung. Der Abstrahierende aber
erfasst rasch die Ähnlichkeit, ersetzt die individuellen Objekte durch
generelle Merkmale und formt diesen Erfahrungsstoff durch seine eigene
innere Denktätigkeit, die aber genau so stark beeinflusst ist durch das
„schattenhafte“ Urbild, wie das concrete Denken durch das Objekt. Je
grösser der Einfluss des Objektes auf das Denken ist, desto mehr prägt es
seine Züge dem Denkbild auf. Je weniger aber das Objekt im Geiste wirkt,
desto stärker drückt die apriorische Idee der Erfahrung ihr Siegel auf. Durch

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die übermässige Bedeutung des empirischen Objektes entsteht dann in der
Wissenschaft eine gewisse Art von Spezialistentheorie, welche z. B. in der
Psychiatrie als jene bekannte „Hirnmythologie“ auftritt, wo ein grösseres
Erfahrungsgebiet aus Prinzipien zu erklären versucht wird, die trefflich sind
für die Erklärung von gewissen engbegrenzten Tatsachenkomplexen, aber
gänzlich unzulänglich für jede andere Verwendung. Umgekehrt aber erzeugt
das abstrakte Denken, das sich der Einzeltatsache nur wegen ihrer
Ähnlichkeit mit einer andern annimmt, eine universale Hypothese, die zwar
die Idee mehr oder weniger rein zur Darstellung bringt, aber mit dem Wesen
der concreten Tatsachen ebenso wenig oder ebensoviel zu tun hat, wie ein
Mythus. In ihrer extremen Form erzeugen also beide Denkformen
Mythologie, die eine drückt sich concret aus mit Zellen, Atomen,
Schwingungen und dergleichen mehr, die andere aber mit „ewigen“ Ideen.
Der extreme Empirismus hat wenigstens den Vorteil, Tatsachen möglichst
rein zur Darstellung zu bringen. Der extreme Ideologismus aber hat den
Vorteil, die apriorischen Formen, die Ideen oder Urbilder in möglichster
Reinheit widerzuspiegeln. Die theoretischen Resultate des Erstern
erschöpfen sich mit ihrem Erfahrungsstoff, die praktischen Resultate des
Letztern beschränken sich auf die Darstellung der psychologischen Idee. Da
unser gegenwärtiger wissenschaftlicher Geist einseitig concret-empirisch
eingestellt ist, so weiss er die Tat dessen, der die Idee darstellt, nicht zu
schätzen, denn Tatsachen stehen ihm höher als die Kenntnis der Urformen,
in denen der menschliche Verstand sie begreift. Die Schwenkung nach der
Seite des Concretismus ist, wie bekannt, eine relativ junge Erwerbung, die
aus der Aufklärungsepoche stammt. Die Erfolge dieser Entwicklung sind
staunenswert, aber sie haben zu einer Häufung des empirischen Stoffes
geführt, deren Unabsehbarkeit allmählich mehr Verwirrung als Klarheit
stiftet. Sie führt notgedrungen zu einem wissenschaftlichen Separatismus
und damit zur Spezialistenmythologie, welche den Tod der Universalität
bedeutet. Das Überwiegen des Empirismus aber ist nicht nur eine
Erdrückung des aktiven Denkens, sondern auch eine Gefahr für die
Theoriebildung innerhalb einer Disziplin. Die Abwesenheit allgemeiner
Gesichtspunkte aber begünstigt die mythische Theoriebildung, ebenso sehr
wie es die Abwesenheit empirischer Gesichtspunkte tut.
Ich bin darum der Ansicht, dass die James’sche Terminologie von
Tender-minded und Tough-minded nur einseitig anschaulich ist und, im
Grunde genommen, ein gewisses Präjudicium enthält. Es dürfte aber aus

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dieser Erörterung klar geworden sein, dass die James’sche Typisierung
dieselben Typen behandelt, die ich als Introvertiert und Extravertiert
bezeichnet habe.

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2. Die charakteristischen Gegensatzpaare der
James’schen Typen.
a) Das erste Gegensatzpaar, welches James als unterscheidendes
Merkmal der Typen anführt, ist der Rationalismus versus Empirismus.
Ich habe, wie der Leser bemerkt haben wird, mich bereits im Vorigen zu
diesem Gegensatz ausgesprochen und dabei den Gegensatz als
Ideologismus versus Empirismus gefasst. Ich habe den Ausdruck
„Rationalismus“ vermieden, weil das concrete, empirische Denken ebenso
„rational“ ist, wie das aktive, ideologische Denken. Die ratio regiert beide
Formen. Und zudem gibt es nicht nur einen logischen Rationalismus,
sondern auch einen Gefühlsrationalismus, indem nämlich der Rationalismus
überhaupt eine allgemeine psychologische Einstellung auf Vernünftigkeit
des Denkens und Fühlens ist. Ich befinde mich mit dieser Auffassung des
Begriffes „Rationalismus“ in einem bewussten Gegensatz zu der historisch-
philosophischen Auffassung, welche „rationalistisch“ im Sinne von
„ideologisch“ gebraucht, resp. Rationalismus als Primat der Idee auffasst.
Bei den neuern Philosophen hat die ratio allerdings den rein ideellen
Charakter abgestreift und wird gerne als ein Vermögen, Trieb, Wollen sogar
als ein Gefühl, oder als eine Methode bezeichnet. Jedenfalls ist sie —
psychologisch betrachtet — eine gewisse Einstellung, die, wie Lipps sagt,
vom „Objektivitätsgefühl“ geleitet ist. Bei Baldwin[286] ist sie das
„constitutive, regulative Prinzip des Geistes“. Herbart erklärt die Vernunft
als „Vermögen der Überlegung“.[287] Schopenhauer sagt von der Vernunft,
dass sie nur eine Funktion habe, nämlich „die Bildung des Begriffes; und
aus dieser einzigen erklären sich sehr leicht und ganz und gar von selbst alle
jene oben angeführten Erscheinungen, die das Leben des Menschen von
dem des Tieres unterscheiden, und auf die Anwendung oder
Nichtanwendung jener Funktion deutet schlechthin alles, was man überall
und jederzeit vernünftig oder unvernünftig genannt hat“.[288] Die „oben
angeführten Erscheinungen“ beziehen sich auf gewisse Äusserungen der
Vernunft, die Schopenhauer beispielsweise zusammengestellt hat, nämlich

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„die Beherrschung der Affekte und Leidenschaften, die Fähigkeit, Schlüsse
zu machen und allgemeine Prinzipien“, „das übereinstimmende Handeln
mehrerer Individuen“, „die Zivilisation, der Staat; ferner die Wissenschaft,
das Aufbewahren früherer Erfahrung“, etc. Wenn für Schopenhauer die
Vernunft die Funktion der Begriffsbildung hat, so hat sie demnach den
Charakter derjenigen Einstellung des psychischen Apparates, welche
geeignet ist, durch Denktätigkeit Begriffe zu bilden. Ganz in diesem Sinne
einer Einstellung fasst auch Jerusalem[289] die Vernunft auf, nämlich als
eine Willensdisposition, die uns befähigt, bei unsern Entscheidungen vom
Verstande Gebrauch zu machen und die Leidenschaften zu beherrschen.
Vernunft ist also die Fähigkeit, vernünftig zu sein, eine bestimmte
Einstellung, welche ein Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven
Werten ermöglicht. Diese „objektiven“ Werte ergeben sich vom Standpunkt
des Empirismus aus durch die Erfahrung, von dem des Ideologismus aus
aber durch einen aktiven Bewertungsakt der Vernunft, welche dann in
Kant’schem Sinne ein „Vermögen“ wäre, „nach Grundsätzen zu urteilen
und zu handeln“. Denn die Vernunft ist bei Kant die Quelle der Idee, welche
ein „Vernunftbegriff“ ist, „dessen Gegenstand gar nicht in der Erfahrung
kann angetroffen werden“, und welche das „Urbild des Gebrauchs des
Verstandes — als regulatives Prinzip zum Behuf des durchgängigen
Zusammenhanges unseres empirischen Verstandesgebrauches“ enthält.[290]
Diese Anschauung ist echt introvertiert. Ihr gegenüber steht die
empiristische Anschauung Wundts, wonach die Vernunft zu den komplexen
intellektuellen Funktionen gehört, welche mit ihren „Vorstufen, die ihnen
die unerlässlichen sinnlichen Substrate liefern, in einen allgemeinen
Ausdruck“ zusammengefasst werden. „Dass nun dieser Begriff des
„Intellektuellen“ ein Überlebnis der Vermögenspsychologie ist, das
womöglich noch mehr als die alten Begriffe Gedächtnis, Verstand,
Phantasie usw. unter der Vermengung mit logischen Gesichtspunkten leidet,
die ausserhalb der Psychologie liegen, und dass er umso unbestimmter und
zugleich willkürlicher wird, je mannigfaltigere psychische Inhalte er
umfasst, ist einleuchtend.“ „Gibt es für den Standpunkt der
wissenschaftlichen Psychologie kein Gedächtnis, keinen Verstand und keine
Phantasie, sondern eben nur gewisse elementare psychische Vorgänge und
ihre Zusammenhänge, die man in ziemlich willkürlicher Unterscheidung
unter jenen Namen zusammenfasst, so gibt es natürlich noch weniger eine
„Intelligenz“ oder „intellektuelle Funktionen“ als einen einheitlichen,

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irgend einem fest abzugrenzenden Tatbestand entsprechenden Begriff.
Dennoch bleiben gewisse Fälle, wo es nützlich ist, sich, wenn auch in
einem durch die psychologische Betrachtungsweise veränderten Sinne,
jener Begriffe aus dem alten Inventar der Vermögenspsychologie zu
bedienen. Diese Fälle ergeben sich da, wo uns komplexe, aus sehr
verschiedenen Bestandteilen gemischte Phänomene entgegentreten, die
wegen der Regelmässigkeit ihrer Verbindung vor allem auch aus
praktischen Gründen eine Berücksichtigung erheischen, oder wo uns das
individuelle Bewusstsein bestimmte Richtungen der Anlage und Bildung
darbietet, und wo nun die Regelmässigkeit der Verbindung wiederum zur
Analyse solcher komplexer geistiger Anlagen herausfordert. In allen diesen
Fällen ist es aber natürlich die Aufgabe der psychologischen Untersuchung,
nicht bei den so gebildeten Generalbegriffen stehen zu bleiben, sondern sie
womöglich auf ihre einfachen Faktoren zurückzuführen.“[291] Diese
Anschauung ist echt extravertiert. Ich habe die besonders charakteristischen
Stellen durch Sperrdruck hervorgehoben. Während für den introvertierten
Standpunkt die „Generalbegriffe“ wie Vernunft, Intellekt, etc. „Vermögen“,
d. h. einfache Grundfunktionen sind, welche die Mannigfaltigkeit der von
ihnen geleiteten psychischen Prozesse in einheitlichem Sinne
zusammenfassen, so sind sie für den extravertierten, empiristischen
Standpunkt nichts als sekundäre, abgeleitete Begriffe, Komplikationen der
Elementarvorgänge, auf welch letztere von dieser Ansicht der Wertakzent
verlegt wird. Wohl lassen sich, nach diesem Standpunkt, solche Begriffe
nicht umgehen, aber man sollte sie im Prinzip immer auf „ihre einfachen
Faktoren zurückführen.“ Es ist selbstverständlich, dass der empiristische
Standpunkt gar nicht anders denken kann als reduktiv in Bezug auf
allgemeine Begriffe, denn für ihn sind Begriffe immer nur aus Erfahrung
Abgeleitetes. Er kennt überhaupt keine „Vernunftbegriffe“, Ideen a priori,
weil sein Denken passiv apperceptiv auf die sinnlich bedingte Erfahrung
eingestellt ist. Infolge dieser Einstellung ist immer das Objekt betont, es ist
gewissermassen handelnd, und nötigt zu Erkenntnissen und komplizierten
Vernunftschlüssen, und diese erfordern die Existenz allgemeiner Begriffe,
die aber nur dazu dienen, gewisse Gruppen von Phänomenen unter einem
Collektivum zu begreifen. So ist der Allgemeinbegriff natürlicherweise
nichts als eine sekundäre Grösse, die eigentlich, ausser in der Sprache, nicht
existiert. Die Wissenschaft kann daher der Vernunft, der Phantasie etc. kein
Recht auf Sonderexistenz einräumen, insoferne sie der Ansicht ist, dass nur

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das wirklich existiere, was als sinnlich gegebene Tatsache, als „elementarer
Faktor“ vorhanden ist. Wenn aber das Denken, wie es beim Introvertierten
der Fall ist, aktiv apperceptiv eingestellt ist, so hat die Vernunft, der
Intellekt, die Phantasie etc. den Wert einer Grundfunktion, eines
Vermögens, d. h. eines Könnens oder Tuns von innen heraus, weil für
diesen Standpunkt der Wertakzent auf dem Begriffe ruht und nicht auf den
vom Begriffe gedeckten und zusammengefassten Elementarvorgängen.
Dieses Denken ist von Hause aus synthetisch. Es ordnet nach dem Schema
des Begriffes an und benützt den Erfahrungsstoff, um seine Ideen zu
erfüllen. Der Begriff tritt als Aktivum auf und zwar aus eigener innerer
Kraft, welche den Erfahrungsstoff gestaltend ergreift. Der Extravertierte
vermutet als Quelle dieser Kraft einerseits blosse Willkür, andererseits
vorschnelle Generalisierung beschränkter Erfahrungen. Der Introvertierte,
der seiner eigenen Denkpsychologie unbewusst ist und vielleicht sogar den
modegemässen Empirismus selber als Richtschnur adoptiert hat, verteidigt
sich erfolglos gegen diesen Vorwurf. Der Vorwurf ist aber nichts anderes als
eine Projektion der extravertierten Psychologie. Der aktive Denktypus
bezieht nämlich die Energie seiner Denktätigkeit weder aus der Willkür
noch aus der Erfahrung, sondern aus der Idee, d. h. aus der angebornen
funktionellen Form, welche durch seine introvertierte Einstellung aktiviert
ist. Diese Quelle ist ihm unbewusst, weil er die Idee wegen ihrer
apriorischen Inhaltlosigkeit erst in der Gestaltung a posteriori erkennen
kann, nämlich in der Form, welche der durch das Denken bearbeitete
Erfahrungsstoff annimmt. Dem Extravertierten aber ist das Objekt und der
Elementarvorgang darum wichtig und unerlässlich, weil er unbewusst die
Idee in das Objekt projiziert hat und er nur durch die empirische Sammlung
und Vergleichung zum Begriffe und damit zur Idee aufsteigen kann. Die
beiden Denkrichtungen sind einander merkwürdig entgegengesetzt: Der
Eine gestaltet aus seiner unbewussten Idee heraus den Stoff und gelangt so
zur Erfahrung; der Andere lässt sich vom Stoffe, der seine unbewusste
Ideenprojektion enthält, leiten und gelangt so zur Idee. Dieser
Einstellungsgegensatz hat etwas Irritierendes an sich, und deshalb ist er es
auch, der im Grunde genommen die hitzigsten und erfolglosesten
wissenschaftlichen Diskussionen verursacht.
Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung meine Ansicht genügend
belegt, dass die ratio und ihre einseitige Erhebung zum Prinzip, eben der
Rationalismus, dem Empirismus ebenso sehr eignen, wie dem

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Ideologismus. Statt von Ideologismus zu sprechen, könnte ich auch das
Wort „Idealismus“ anwenden. Dieser Verwendung steht aber sein Gegensatz
zu „Materialismus“ entgegen, und ich könnte als Gegensatz zu
„materialistisch“ nicht „ideologisch“ sagen, da der Materialist, wie die
Geschichte der Philosophie zeigt, oft ebenso gut ein Ideolog sein kann,
nämlich dann, wenn er kein Empiriker ist, sondern von der allgemeinen
Idee der Materie aus aktiv denkt.
b) Das zweite Gegensatzpaar, das James aufstellt, ist Intellektualismus
versus Sensualismus (Sensationalism).
Sensualismus ist der Ausdruck, der das Wesen des extremen
Empirismus kennzeichnet. Er behauptet die Sinneserfahrung als einzige und
ausschließliche Quelle der Erkenntnis. Die sensualistische Einstellung ist
ganz nach dem durch die Sinne gegebenen Objekt orientiert, also nach
aussen. Offenbar meint James einen intellektuellen und nicht einen
ästhetischen Sensualismus, aber eben darum scheint „Intellektualismus“
nicht gerade der dazu passende Gegensatz zu sein. Psychologisch ist der
Intellektualismus eine Einstellung, welche sich dadurch kennzeichnet, dass
sie dem Intellekt den bedingenden Hauptwert gibt, also dem Erkennen auf
der begrifflichen Stufe. Ich kann mit dieser Einstellung auch ein Sensualist
sein, nämlich dann, wenn ich mein Denken mit concreten Begriffen
beschäftige, die allesamt aus der sinnlichen Erfahrung stammen. Daher
kann auch der Empiriker intellektuell sein. Philosophisch wird
Intellektualismus etwa promiscuë mit Rationalismus gebraucht, daher man
wiederum Ideologismus als den Gegensatz zu Sensualismus nennen müsste,
insofern ja auch Sensualismus in seinem Wesen nur ein extremer
Empirismus ist.
c) Das dritte James’sche Gegensatzpaar ist Idealismus versus
Materialismus.
Man hätte schon beim Sensualismus die Vermutung hegen können, dass
James damit nicht bloss einen gesteigerten Empirismus, d. h. also einen
intellektuellen Sensualismus meint, sondern mit dem Ausdruck
„sensationalistic“ vielleicht auch das eigentlich Empfindungsmässige
abgesehen von allem Intellekt hervorheben wollte. Mit
Empfindungsmässigem meine ich die eigentliche Sinnlichkeit, allerdings
nicht in vulgärem Sinne als voluptas, sondern als eine psychologische

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Einstellung, bei welcher weniger das eingefühlte Objekt, als vielmehr die
blosse Tatsache der Sinneserregung und -empfindung die orientierende und
determinierende Grösse ist. Diese Einstellung kann auch als eine
reflektorische bezeichnet werden, indem die ganze Mentalität von der
Sinnesempfindung abhängt und auch in ihr gipfelt. Das Objekt wird weder
abstrakt erkannt noch eingefühlt, sondern wirkt durch seine natürliche
Existenzform, und das Subjekt orientiert sich ausschließlich an den durch
den Kontakt mit dem Objekt erregten Sinnesempfindungen. Diese
Einstellung entspräche einer primitiven Mentalität. Ihr zugehöriger
Gegensatz ist die intuitive Einstellung, welche charakterisiert ist durch ein
empfindungsmässiges Erfassen, welches weder intellektuell noch
gefühlsmässig ist, sondern beides zugleich in ungesonderter Mischung. Wie
das sinnliche Objekt in der Wahrnehmung erscheint, so erscheint auch der
psychische Inhalt in der Intuition, also quasi illusionär oder
halluzinatorisch.
Dass James den Tough-minded sowohl als „sensationalistic“ wie auch
als „materialistic“ bezeichnet (und weiter unten noch als „irreligious“) lässt
den Zweifel aufkommen, ob er wohl mit seiner Typisierung denselben
Typengegensatz im Auge habe, wie ich. Materialismus wird vulgär ja stets
verstanden als eine Einstellung, die sich nach „materiellen“ Werten
orientiert, also als eine Art von moralischem Sensualismus. Die James’sche
Charakterisierung ergäbe also ein sehr ungünstiges Gemälde, wenn wir
diesen Ausdrücken ihre vulgäre Bedeutung unterschieben wollten. Dies läge
gewiss nicht im Sinne von James, dessen oben zitierte Worte über die Typen
ein Missverständnis nach dieser Richtung verhindern wollen. Man dürfte
also nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass James hauptsächlich die
philosophische Bedeutung der in Frage stehenden Ausdrücke im Auge
hatte. Dann heisst Materialismus eine Einstellung, welche sich allerdings
nach materiellen Werten orientiert, aber nicht nach „sinnlichen“, sondern
nach Tatsachenwerten; wobei mit „Tatsache“ etwas Äusseres und sozusagen
Stoffliches gemeint ist. Der Gegensatz dazu ist „Idealismus“, im
philosophischen Sinne einer Hauptbewertung der Idee. Ein moralischer
Idealismus kann damit nicht gemeint sein, sonst müssten wir auch,
entgegen der Absicht von James, annehmen, dass mit Materialismus ein
moralischer Sensualismus gemeint sei. Wenn wir also annehmen, dass er
mit Materialismus eine Einstellung meint, die den orientierenden Hauptwert
auf die reale Tatsächlichkeit legt, so gelangen wir wieder dazu, auch in

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diesem Attribut eine extravertierte Eigentümlichkeit aufzufinden, womit
unsere anfänglichen Zweifel sich zerstreuen. Dass der philosophische
Idealismus dem introvertierten Ideologismus entspricht, haben wir bereits
gesehen. Ein moralischer Idealismus wäre aber keineswegs charakteristisch
für den Introvertierten, denn auch der Materialist kann moralisch
idealistisch sein.
d) Das vierte Gegensatzpaar ist Optimismus versus Pessimismus.
Ich hege grosse Zweifel, ob dieser bekannte Gegensatz, nach dem sich
menschliche Temperamente unterscheiden lassen, ohne weiteres auf die
James’schen Typen verwendet werden darf. Ist z. B. der Empirismus
Darwins auch pessimistisch? Gewiss ist er es für einen, der eine
ideologistische Weltanschauung hat und den andern Typus Mensch durch
die Brille einer unbewussten Gefühlsprojektion sieht. Der Empiriker selber
braucht aber deshalb keineswegs seine Ansicht als pessimistisch
aufzufassen. Oder ist z. B. der Denker Schopenhauer, dessen
Weltanschauung rein ideologistisch ist (genau wie der reine Ideologismus
der Upanishads), der James’schen Typisierung entsprechend, etwa
optimistisch? Kant selber, ein sehr reiner introvertierter Typus, steht jenseits
von Optimismus und Pessimismus, so gut wie die grossen Empiriker. Es
scheint mir daher, dass dieser Gegensatz auch mit den James’schen Typen
nichts zu tun hat. So gut wie es optimistische Introvertierte gibt, gibt es
auch optimistische Extravertierte und vice-versa. Es wäre aber sehr leicht
möglich, dass James dieser Irrtum unterlaufen ist auf Grund der vorhin
angedeuteten subjektiven Projektion. Eine materialistische oder rein
empiristische oder positivistische Weltanschauung erscheint dem
Standpunkt des Ideologismus als schlechthin trostlos. Er muss sie also als
pessimistisch empfinden. Wer aber an den Gott „Materie“ glaubt, dem
erscheint die materialistische Anschauung als optimistisch. Durch die
materialistische Auffassung wird nämlich dem Ideologismus der
Lebensnerv durchschnitten, denn seine Hauptkraft, das aktive
Appercipieren und das Verwirklichen der Urbilder, wird dadurch
lahmgelegt. Darum muss ihm eine solche Ansicht als durchaus
pessimistisch erscheinen, denn sie beraubt ihn jeglicher Hoffnung, die
ewige Idee je wieder in der Erscheinung verwirklicht zu erblicken. Eine
Welt realer Tatsachen bedeutet für ihn Exil und dauernde Heimatlosigkeit.
Wenn also James die materialistische Ansicht parallel setzt mit

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Pessimismus, so dürfte dieser Umstand darauf hinweisen, dass er persönlich
zur ideologistischen Seite gehört — eine Annahme, die unschwer durch
viele andere Züge aus dem Leben dieses Philosophen erhärtet werden
könnte. Dieser Umstand dürfte auch erklären, warum der Tough-minded die
drei etwas verdächtigen Epitheta: sensualistisch, materialistisch, irreligiös
abbekommen hat. Auf denselben Umstand weist auch jene Stelle in
„Pragmatism“ hin, wo James die gegenseitige Abneigung der Typen einem
Zusammentreffen von Bostoner Touristen mit der Bevölkerung von Cripple
Creek[292] vergleicht. Dieser Vergleich ist für den andern Typus wenig
schmeichelhaft und lässt auf eine gefühlsmässige Abneigung schliessen,
gegen die auch ein starker Wille zur Gerechtigkeit nicht ganz aufkommt.
Dieses kleine „document humain“ scheint mir aber gerade ein kostbarer
Beweis zu sein für die Tatsache der irritierenden Verschiedenheit der beiden
Typen. Es mag vielleicht kleinlich erscheinen, wenn ich gerade auf solche
Gefühlsinkompatibilitäten einen gewissen Nachdruck lege. Aber ich habe
mich durch vielfache Erfahrungen davon überzeugt, dass gerade solche im
Bewusstseinshintergrund gehaltene Gefühle gelegentlich auch das schönste
Raisonnement in ungünstiger Weise beeinflussen und die Verständigung
hintertreiben. Man kann sich ja leicht denken, dass auch die Bevölkerung
von Cripple Creek den Bostoner Touristen mit besondern Augen ansieht.
e) Das fünfte Gegensatzpaar ist Religiosität versus Irreligiosität.
Die Gültigkeit dieses Gegensatzes für die James’sche Typenpsychologie
hängt natürlich wesentlich ab von der Definition, die er der Religiosität
gibt. Wenn er das Wesen der Religiosität ganz vom ideologistischen
Standpunkt auffasst als eine Einstellung, bei welcher die religiöse Idee eine
dominierende Rolle spielt (im Gegensatz zum Gefühl), dann hat er gewiss
recht, den Tough-minded auch als irreligiös zu bezeichnen. Aber James
denkt zu weit und zu menschlich, als dass er nicht sähe, dass die religiöse
Einstellung auch durch das religiöse Gefühl determiniert sein kann. Sagt er
doch selber: „Unsere Ehrerbietung vor Tatsachen hat nicht alle Religiosität
in uns neutralisiert. Aber diese Ehrerbietung ist in sich selber sozusagen
religiös. Unsere wissenschaftliche Einstellung ist fromm (our scientific
temper is devout)“.[293] Den Mangel an Ehrfurcht vor „ewigen“ Ideen
ersetzt der Empiriker durch einen sozusagen religiösen Glauben an die reale
Tatsache. Wenn jemand seine Einstellung orientiert an der Idee Gottes, so
ist es psychologisch dasselbe, wie wenn er es an der Idee des Stoffes täte

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oder wie wenn er die realen Tatsachen zum determinierenden Faktor seiner
Einstellung erhöbe. Insofern diese Orientierung nur unbedingt geschieht,
verdient sie das Epitheton „religiös“. Von einem hohen Standpunkt aus ist
aber die reale Tatsache ebenso sehr wert, ein unbedingter Faktor zu sein,
wie die Idee, das Urbild, das der Zusammenprall des Menschen und seiner
innern Bedingungen mit den harten Tatsachen der äussern Wirklichkeit seit
Myriaden Jahren geschaffen hat. Die unbedingte Hingebung an die realen
Tatsachen kann jedenfalls vom psychologischen Standpunkt aus nie als
irreligiös bezeichnet werden. Der tough-minded hat eben seine
empiristische Religion, wie der tender-minded seine ideologistische
Religion hat. Es ist nun allerdings auch eine Tatsache unserer
gegenwärtigen Kulturepoche, dass die Wissenschaft vom Objekt und die
Religion vom Subjekt, d. h. vom Ideologismus beherrscht wird, denn irgend
wohin musste sich die aus sich selber wirkende Idee doch flüchten,
nachdem sie in der Wissenschaft ihren Platz dem Objekt hatte räumen
müssen. Wenn die Religion in dieser Weise als gegenwärtige
Kulturerscheinung verstanden wird, dann hat James recht, den Empiriker
als irreligiös zu bezeichnen, aber auch nur so weit. Da die Philosophen
nicht unbedingt eine ganz abgesonderte Menschenklasse sind, so werden
sich ihre Typen auch weit über den Bezirk des philosophierenden Menschen
in die allgemeine Menschheit hinaus erstrecken, vielleicht soweit als die
kultivierte Menschheit überhaupt reicht. Aus diesem allgemeinen Grunde
schon verböte es sich, die eine Hälfte der Kulturmenschheit als irreligiös zu
bezeichnen. Wir wissen ja aus der Psychologie des Primitiven, dass die
religiöse Funktion schlechthin zum Bestande der Psyche gehört und stets
und überall vorhanden ist, so undifferenziert sie auch sein mag.
Wenn wir die vorhin angedeutete Beschränktheit des Begriffes
„Religion“ bei James nicht annehmen, dann muss es sich wieder um eine
gefühlsmässige Entgleisung handeln, die, wie wir sahen, sich nur allzu
leicht ereignet.
f) Das sechste Gegensatzpaar ist Indeterminismus versus
Determinismus.
Dieser Gegensatz ist psychologisch interessant. Es ist
selbstverständlich, dass der Empirismus causal denkt, womit der
notwendige Zusammenhang von Ursache und Wirkung axiomatisch
angenommen ist. Die empiristische Einstellung wird orientiert durch das

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eingefühlte Objekt, sie wird gewissermassen von der äussern Tatsache
„bewirkt“ mit dem Gefühl der Notwendigkeit einer aus einer Ursache
erfolgenden Wirkung. Es ist ganz natürlich, dass sich dieser Einstellung der
Eindruck der Unabänderlichkeit der Kausalzusammenhänge psychologisch
aufdrängt. Die Identifikation der innern psychischen Vorgänge mit dem
Ablauf äusserer Tatsachen ist schon aus dem Grunde gegeben, dass
unbewusst im Einfühlungsakt eine beträchtliche Summe der eigenen
Aktivität, des eigenen Lebens dem Objekt verliehen wird. Dadurch wird das
Subjekt dem Objekt assimiliert, obschon der Einfühlende das Objekt zu
assimilieren glaubt. Wenn aber auf dem Objekt ein starker Wertakzent liegt,
so besitzt damit das Objekt eine Bedeutung, welche auch ihrerseits das
Subjekt beeinflusst und es zu einer Dissimilation von sich selber zwingt.
Die menschliche Psychologie ist bekanntlich chamäleonartig, das erfährt
der praktische Psycholog alltäglich. Wo immer das Objekt überwiegt,
finden im Subjekt Angleichungen an die Natur des Objektes statt. So spielt
z. B. die Identifikation mit dem geliebten Objekt in der analytischen
Therapie keine geringe Rolle. Die Psychologie der Primitiven vollends gibt
uns eine Menge von Beispielen der Dissimilation zu Gunsten des Objektes,
z B. die häufige Angleichung an das Totemtier oder an die Ahnengeister.
Die Stigmatisierung der mittelalterlichen bis neuzeitlichen Heiligen gehört
ebenfalls hieher. In der „imitatio Christi“ ist die Dissimilation sogar zum
Prinzip erhoben. Bei dieser unzweifelhaften Anlage der menschlichen
Psyche zur Dissimilation ist das Herübernehmen der objektiven
Kausalzusammenhänge ins Subjekt psychologisch leicht verständlich. Die
Psyche kommt dadurch, wie gesagt, unter den Eindruck der alleinigen
Gültigkeit des Kausalprinzips, und es bedarf schon des ganzen
erkenntnistheoretischen Rüstzeuges, um sich der Übermacht dieses
Eindruckes zu erwehren. Erschwerend kommt dabei in Betracht, dass die
empiristische Einstellung mit ihrem ganzen Wesen uns hindert, an die
innere Freiheit zu glauben. Denn jeder Beweis, ja jede Beweismöglichkeit
fehlt uns. Was will jenes blasse, undeutliche Gefühl der Freiheit besagen
gegenüber der erdrückenden Masse objektiver Beweise des Gegenteils? Der
Determinismus des Empirikers ist daher sozusagen unvermeidlich,
vorausgesetzt, dass der Empiriker soweit denkt und es nicht vorzieht — wie
das nicht selten geschieht — zwei Schubfächer zu besitzen, das eine für die
Wissenschaft und das andere für die von den Eltern und der Societät
überkommene Religion. Wie wir sahen, besteht das Wesen des

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Ideologismus auf einer unbewussten Aktivierung der Idee. Diese
Aktivierung kann auf einer nachträglichen, im Leben erworbenen
Abneigung gegen die Einfühlung beruhen, kann aber auch von Geburt an
existieren als eine a priori von Natur geschaffene und begünstigte
Einstellung. (Ich habe in meiner praktischen Erfahrung mehrfach solche
Fälle gesehen.) In diesem letztern Falle ist die Idee a priori aktiv, ohne aber,
ihrer Leere und Unvorstellbarkeit wegen, dem Bewusstsein gegeben zu
sein. Sie ist als überwiegende innere, aber unvorstellbare Tatsache den
„objektiven“ äussern Tatsachen übergeordnet, und gibt wenigstens das
Gefühl ihrer Unabhängigkeit und Freiheit an das Subjekt ab, das sich
infolge seiner innern Angleichung an die Idee dem Objekt gegenüber als
unabhängig und frei empfindet. Wenn die Idee der orientierende
Hauptfaktor ist, so assimiliert sie sich das Subjekt ebensowohl, wie das
Subjekt versucht, durch die Gestaltung des Erfahrungsstoffes sich die Idee
zu assimilieren. Es findet also genau wie bei der obenbesprochenen
Objekteinstellung eine Dissimilation des Subjektes von sich selber statt,
aber in umgekehrtem Sinne, d. h. in diesem Fall zu Gunsten der Idee. Das
anererbte Urbild ist eine alle Zeiten überdauernde, allen
Erscheinungswechseln übergeordnete Grösse, die vor aller und über aller
individueller Erfahrung steht. Der Idee kommt daher eine besondere Macht
zu. Wenn sie aktiviert ist, so überträgt sie ein ausgesprochenes Machtgefühl
ins Subjekt, indem sie sich mittelst der innern unbewussten Einfühlung das
Subjekt assimiliert. Daraus entspringt im Subjekt das Gefühl der Macht, der
Unabhängigkeit, der Freiheit und der Ewigkeit. (Vergl. dazu Kants Postulate
von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.) Wenn das Subjekt die freie
Tätigkeit seiner über die reale Tatsache erhabenen Idee empfindet, so drängt
sich ihm natürlicherweise der Gedanke der Freiheit auf. Wenn sein
Ideologismus rein ist, so muss es sogar zu einer indeterministischen
Überzeugung gelangen.
Der hier besprochene Gegensatz ist in hohem Masse charakteristisch für
unsere Typen. Der Extravertierte ist gekennzeichnet durch sein Streben
nach dem Objekt, durch die Einfühlung in und die Identifikation mit dem
Objekt, und seine gewollte Abhängigkeit vom Objekt. Er ist durch das
Objekt ebenso sehr beeinflusst, wie er es zu assimilieren strebt. Der
Introvertierte dagegen ist gekennzeichnet durch seine anscheinende
Selbstbehauptung gegenüber dem Objekt. Er sträubt sich gegen jede
Abhängigkeit vom Objekt, er weist die Beeinflussung durch das Objekt ab,

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ja er empfindet gelegentlich sogar Furcht davor. Umsomehr aber hängt er
ab von der Idee, welche ihn vor äusserer Abhängigkeit beschützt und ihm
das Gefühl der innern Freiheit gibt, dafür aber auch eine ausgesprochene
Machtpsychologie.
g) Der siebente Gegensatz ist Monismus versus Pluralismus.
Es ist nach dem Obengesagten ohne weiteres verständlich, dass die
Einstellung, die durch die Idee orientiert ist, nach dem Monismus tendiert.
Die Idee hat immer hierarchischen Charakter, sei sie nun gewonnen durch
Abstraktion aus Vorstellungen und concreten Begriffen, oder sei sie a priori
als unbewusste Form existierend. Im erstem Fall ist sie der höchste Punkt
des Gebäudes, der gewissermassen alles, was unter ihm liegt, abschliesst
und damit umfasst, im letztern Fall ist sie der unbewusste Gesetzgeber, der
die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Denkens reguliert. Beide Male
hat die Idee beherrschende Eigenschaft. Obschon eine Mehrzahl von Ideen
vorhanden ist, so hat doch jeweils eine Idee für kürzere oder längere Zeit
die Oberhand und konstelliert monarchisch die Grosszahl der psychischen
Elemente. Umgekehrt ist es ebenso klar, dass die Einstellung, die sich nach
dem Objekte orientiert, immer zu einer Mehrzahl von Prinzipien
(Pluralismus) neigt, denn die Mannigfaltigkeit der Objekteigenschaften
zwingt auch zu einer Mehrzahl von Begriffen und Prinzipien, ohne welche
eine Erklärung sich dem Wesen des Objektes nicht anpassen kann.
Die monistische Tendenz gehört zur Introversionseinstellung, die
pluralistische Tendenz zur Extraversionseinstellung.
h) Der achte Gegensatz ist Dogmatismus versus Skeptizismus.
Es ist auch in diesem Falle leicht einzusehen, dass der Dogmatismus in
erster Linie der Einstellung, die der Idee folgt, anhaftet, obschon die
unbewusste Verwirklichung der Idee nicht eo ipso Dogmatismus ist.
Gleichwohl macht die Art und Weise, wie sich eine unbewusste Idee
sozusagen gewaltsam verwirklicht, auf Aussenstehende den Eindruck, als
ob der nach Ideen Denkende von einem Dogma ausginge, in dessen starre
Schranken der Erfahrungsstoff gepresst wird. Die Einstellung, die sich nach
dem Objekt richtet, erscheint selbstverständlich in Bezug auf alle Ideen a
priori als skeptisch, denn sie will in erster Linie das Objekt und die
Erfahrung zum Worte kommen lassen, unbekümmert um allgemeine Ideen.

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Der Skeptizismus ist in diesem Sinne sogar eine unerlässliche
Vorbedingung aller Empirie.
Auch dieses Gegensatzpaar bestätigt die wesentliche Ähnlichkeit der
James’schen Typen mit den meinigen.

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3. Zur Kritik der James’schen Auffassung.
Wenn ich die James’sche Auffassung kritisiere, so muss ich vor allem
hervorheben, dass sie sich fast ausschliesslich mit den Denkqualitäten der
Typen beschäftigt. In einem philosophischen Werke ist dies wohl kaum
anders zu erwarten. Diese durch den Rahmen bedingte Einseitigkeit gibt
aber leicht Anlass zu Verwirrung. Es ist nämlich nicht schwer, diese oder
jene Eigenschaften oder sogar einige davon am entgegengesetzten Typus
nachzuweisen. Z. B. gibt es Empiriker, die dogmatisch, religiös,
idealistisch, intellektualistisch und rationalistisch sind, und umgekehrt gibt
es Ideologen, die materialistisch, pessimistisch, deterministisch, und
irreligiös sind. Wenn man schon darauf hinweisen kann, dass diese
Ausdrücke sehr komplexe Tatbestände bezeichnen, wobei noch sehr
verschiedene Nuancen in Frage kommen, so ist damit der Möglichkeit der
Verwirrung doch nicht abgeholfen. Die James’schen Ausdrücke sind einzeln
genommen zu weit und geben nur in ihrer Gesamtheit ein ungefähres Bild
des typischen Gegensatzes, ohne ihn damit aber auf eine einfache Formel
zu bringen. Im ganzen sind die James’schen Typen eine wertvolle
Ergänzung des Typen-Bildes, das wir aus den übrigen Quellen gewonnen
haben. James gebührt das grosse Verdienst, zum ersten Male mit einer
gewissen Ausführlichkeit auf die ausserordentliche Bedeutung der
Temperamente für die Gestaltung des philosophischen Denkens
hingewiesen zu haben. Seine pragmatische Auffassung will die Gegensätze
der durch Temperamentunterschied bedingten philosophischen
Anschauungen vereinigen. Bekanntlich ist der Pragmatismus eine aus der
englischen Philosophie (F. C. S. Schiller) stammende, weit verbreitete
philosophische Strömung, welche der „Wahrheit“ einen auf ihre praktische
Wirksamkeit und Nützlichkeit beschränkten Wert zuerkennt, unter
Umständen unbekümmert um ihre Anfechtbarkeit von diesem oder jenem
Standpunkt aus. Es ist nun bezeichnend, dass James seine Darstellung
dieser philosophischen Ansicht gerade mit dem Typengegensatz einleitet
und damit die Notwendigkeit einer pragmatischen Anschauung sozusagen
begründet. Damit wiederholt sich jenes Schauspiel, das uns das frühe

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Mittelalter schon dargeboten hat. Der damalige Gegensatz lautete:
Nominalismus versus Realismus, und es war Abälard, welcher im
Sermonismus oder Conceptualismus eine Vereinigung suchte. Da aber der
damaligen Auffassung der psychologische Gesichtspunkt völlig abging, so
fiel auch sein Lösungsversuch dementsprechend einseitig logisch-
intellektualistisch aus. James greift tiefer, er fasst den Gegensatz
psychologisch auf und versucht dementsprechend eine pragmatische
Lösung. Man darf sich hinsichtlich des Wertes dieser Lösung allerdings
keinen Illusionen hingeben: der Pragmatismus ist nur ein Notbehelf, der
solange Anspruch auf Gültigkeit erheben darf, als ausser den durch
Temperament gefärbten Erkenntnismöglichkeiten des Intellektes keine
andern Quellen aufgeschlossen sind, welche der philosophischen
Anschauungsbildung neue Elemente hinzufügen könnten. Bergson hat uns
allerdings auf die Intuition und auf die Möglichkeit einer „intuitiven
Methode“ hingewiesen. Aber es ist, wie bekannt, beim blossen Hinweis
geblieben. Ein Nachweis der Methode fehlt und wird auch so leicht nicht zu
erbringen sein, obschon Bergson auf seine Begriffe des „élan vital“ und der
„durée créatrice“ als Resultate der Intuition hinweisen darf. Abgesehen von
dieser intuitiv erfassten Grundanschauung, die ihre psychologische
Berechtigung von der Tatsache herleitet, dass sie schon dem Altertum,
speziell dem Neuplatonismus, eine durchaus geläufige
Anschauungskombination war, ist die Bergsonsche Methode
intellektualistisch und nicht intuitiv. In unvergleichlich höherm Masse hat
Nietzsche die intuitive Quelle genützt und sich damit vom blossen Intellekt
in seiner philosophischen Anschauungsbildung befreit, allerdings in einer
Art und Weise und in einem solchen Grade, dass sein Intuitionismus die
Grenzen einer philosophischen Weltanschauung bei weitem überschritt, und
zu einer künstlerischen Tat führte, die eine der philosophischen Kritik
gutenteils unzugängliche Grösse darstellt. Ich meine damit natürlich den
„Zarathustra“ und nicht die philosophischen Aphorismensammlungen,
welche einer in erster Linie psychologischen Kritik zugänglich sind, und
zwar um ihrer vorwiegend intellektualistischen Methode willen. Wenn man
also von einer „intuitiven Methode“ überhaupt sprechen darf, so hat meines
Erachtens Nietzsches „Zarathustra“ dafür das beste Exempel gegeben und
zugleich die Möglichkeit nichtintellektualistischer und doch
philosophischer Problemerfassung schlagend dargetan. Als Vorläufer des
Nietzscheschen Intuitionismus erscheinen mir Schopenhauer und Hegel,

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ersterer wegen der seine Anschauung ausschlaggebend beeinflussenden
Gefühlsintuition, letzterer wegen der seinem System zu Grunde liegenden
ideellen Intuition. Bei diesen beiden Vorläufern stand — wenn dieser
Ausdruck mir gestattet ist — die Intuition unterhalb des Intellektes, bei
Nietzsche jedoch oberhalb.
Der Gegensatz der beiden „Wahrheiten“ erfordert zunächst eine
pragmatische Einstellung, wenn man überhaupt dem andern Standpunkt
gerecht werden will. So unerlässlich die pragmatische Methode ist, so setzt
sie doch zuviel Resignation voraus und so verbindet sie sich fast
unausweichlich mit einem Mangel an schöpferischer Gestaltung. Die
Lösung des Konfliktes der Gegensätze aber erfolgt weder durch logisch-
intellektualistische Kompromissbildung wie im Conceptualismus, noch
durch pragmatische Bemessung des praktischen Wertes logisch
unvereinbarer Anschauungen, sondern einzig und allein in der positiven
Schöpfung oder Tat, welche die Gegensätze als nötige Elemente der
Koordination in sich aufnimmt, so wie eine koordinierte Muskelbewegung
immer auch die Innervation der Antagonisten in sich begreift. Der
Pragmatismus kann darum nichts anderes sein, als eine
Übergangseinstellung, welche der schöpferischen Tat den Weg bereiten soll
durch die Beseitigung von Vorurteilen. Den neuen Weg, den der
Pragmatismus vorbereitet, und auf den Bergson hinweist, hat, wie es mir
scheint, die deutsche — allerdings nicht akademische — Philosophie
bereits beschritten: es ist Nietzsche, der mit der ihm eigenen Gewaltsamkeit
diese verschlossene Türe aufgebrochen hat. Seine Tat führt über das
Unbefriedigende der pragmatischen Lösung hinaus und zwar ebenso
gründlich, wie die pragmatische Anerkennung des Lebenswertes einer
Wahrheit die trockene Einseitigkeit des unbewussten Conceptualismus der
nachabälardschen Philosophie überwunden — und noch zu überwinden hat.

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IX
Das Typenproblem in der Biographik.

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IX.
Das Typenproblem in der Biographik.

Wie man fast erwarten darf, liefert auch das Gebiet der Biographik
seinen Beitrag zum Problem der psychologischen Typen. Es ist der
naturwissenschaftlichen Methodik eines Wilhelm Ostwald[294] zu
verdanken, dass durch die Vergleichung einer Anzahl von Biographien
hervorragender Naturforscher sich eine typische psychologische
Gegensätzlichkeit herausgestellt hat, welche Ostwald als den klassischen
und den romantischen Typus bezeichnet.[295] „Während der erste“, sagt
Ostwald, „durch die allseitige Vollendung jeder einzelnen Leistung, aber
gleichzeitig durch ein zurückgezogenes Wesen und eine geringe persönliche
Wirksamkeit auf seine Umgebung gekennzeichnet ist, fällt der Romantiker
durch die entgegengesetzten Eigenschaften auf. Nicht sowohl Vollendung
der einzelnen Arbeit, als Mannigfaltigkeit und auffallende Originalität
zahlreicher, schnell aufeinanderfolgender Leistungen ist ihm eigen, und auf
seine Zeitgenossen pflegt er unmittelbar und stark einzuwirken.“ „Und es
soll betont werden, dass die mentale Reaktionsgeschwindigkeit massgebend
dafür ist, ob der Entdecker dem einen Typus oder dem andern zugehört.
Forscher mit sehr grosser Reaktionsgeschwindigkeit sind Romantiker,
solche mit geringer sind Klassiker.“[296] Der Klassiker hat eine langsame
Produktionsweise und bringt zuweilen erst relativ spät die reifsten Früchte
seines Geistes hervor.[297] Ein nach Ostwald nie fehlendes Kennzeichen des
klassischen Typus ist das „unbedingte Bedürfnis, der Öffentlichkeit
gegenüber frei von Irrtum dazustehen“.[298] Dem klassischen Typus ist als
Ersatz für die „mangelnde persönliche Wirkung eine umso ausgiebigere
durch die Schrift gewährt“.[299] Allerdings scheinen dieser Wirkung auch
Grenzen gesteckt zu sein, wie der folgende, von Ostwald erwähnte Fall aus
der Biographie von Helmholtz erkennen lässt: Anlässlich der
mathematischen Untersuchungen von Helmholtz über die Wirkungen von

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Induktionsschlägen schreibt Du Bois-Reymond an den Forscher: „Du musst
— nimm es mir nicht übel — durchaus mehr Sorgfalt darauf wenden, von
Deinem eigenen Standpunkt des Wissens zu abstrahieren, und Dich auf den
Standpunkt derer zu stellen, die noch nicht wissen, um was es sich handelt,
und was Du ihnen auseinandersetzen willst.“ Helmholtz antwortete
dagegen: „Was die Darstellung in dem Aufsatze anlangt, so hat sie mir
gerade diesmal viel Mühe gemacht, und ich glaubte zuletzt, mit ihr
zufrieden sein zu dürfen.“ Ostwald bemerkt dazu: „Auf die Frage nach dem
Leser geht er gar nicht ein, da er nach Art des Klassikers für sich selbst
schreibt, d. h. so, dass die Darstellung ihm einwandfrei erscheint, und nicht
für andere.“ Es ist charakteristisch, was Du Bois in demselben Brief an
Helmholtz schreibt: „Ich habe Deine Abhandlung und den Auszug ein paar
Mal durchgelesen, ohne zu begreifen, was Du eigentlich gemacht hattest,
und wie Du es gemacht hattest. Endlich erfand ich selbst Deine Methode,
und nun verstand ich erst allmählich Deine Darstellung.“
Dieser Fall ist im Leben des klassischen Typus, dem es selten oder nie
glückt, „gleichgeartete Seelen an der seinen zu entzünden“[300], ein
durchaus typisches Vorkommnis und zeigt, dass die ihm zuerkannte
Wirkung durch die Schrift wohl hauptsächlich davon herrührt, dass er in der
Regel erst posthum wirkt, d. h. wenn er aus seinen Schriften nachentdeckt
wird, wie es etwa Robert Mayer gegangen ist. Auch seinen Schriften scheint
sehr oft die überzeugende, zündende, unmittelbar persönliche Wirkung
abzugehen, denn die Schrift ist schliesslich ein ebenso persönlicher
Ausdruck, wie die Konversation oder der Vortrag. Die durch die Schrift
vermittelte Wirkung des Klassikers beruht also weniger auf den äussern
anregenden Qualitäten seiner Schrift, als vielmehr auf den Umstand, dass
die Schrift schliesslich das einzige ist, was von ihm übrig bleibt und woraus
sich nachträglich rekonstruieren lässt, was die Leistung des Mannes war.
Denn es scheint eine auch aus der Beschreibung Ostwalds hervorgehende
Tatsache zu sein, dass der Klassiker selten mitteilt, was er tut, und wie er es
tut, sondern was er erreicht hat, ohne Rücksicht darauf, dass sein Publikum
keine Ahnung von seinem Wege besitzt. Es scheint, dass für den Klassiker
der Weg, die Art und Weise seines Schaffens von geringerer Bedeutung
sind, weil sie mit seiner Persönlichkeit, die er im Hintergrund hält, auf’s
innigste verknüpft sind.

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Ostwald vergleicht seine beiden Typen den 4 alten Temperamenten[301]
und zwar hinsichtlich der ihm fundamental erscheinenden Eigentümlichkeit
der langsamen und der geschwinden Reaktion. Die langsame Reaktion
entspricht dem phlegmatischen und melancholischen Temperament, die
geschwinde Reaktion dem sanguinischen und cholerischen. Er betrachtet
den sanguinischen und den phlegmatischen Typus als die normalen
Mitteltypen, während ihm der cholerische und der melancholische Typus als
krankhafte Übertreibung der Grundcharaktere erscheinen. Es ist, wenn man
die Biographien von Humphry Davy und Liebig einerseits und von Robert
Mayer und Faraday andererseits überblickt, tatsächlich leicht, zu erkennen,
dass erstere zugleich ausgesprochene „Romantiker“ und sanguinisch-
cholerisch, letztere dagegen ebenso deutliche „Klassiker“ und
phlegmatisch-melancholisch sind. Diese Überlegung Ostwalds erscheint
mir als durchaus überzeugend, denn die 4 alten Temperamente sind sehr
wahrscheinlich nach dem gleichen Erfahrungsprinzip konstruiert worden,
nachdem Ostwald auch den klassischen und romantischen Typus aufgestellt
hat. Die 4 Temperamente sind offenbare Unterscheidungen nach dem
Gesichtspunkt der Affektivität, d. h. der in Erscheinung tretenden affektiven
Reaktionen. Diese Klassifikation ist aber, vom psychologischen Standpunkt
aus, oberflächlich; sie urteilt ausschliesslich nach der äussern Erscheinung.
Nach dieser alten Einteilung gehört ein Mensch, der sich äusserlich ruhig
und unauffällig benimmt, zum phlegmatischen Temperament. Er gilt als
„phlegmatisch“ und wird damit eingereiht bei den Phlegmatikern. In
Wirklichkeit aber kann es so sein, dass er alles ist, nur kein Phlegmatiker,
sondern sogar eine empfindsame, ja leidenschaftliche Natur, bei der die
Emotion ganz nach innen verläuft, und die stärkste innere Erregung sich
durch die grösste äussere Ruhe ausdrückt. Dieser Tatsache trägt die
Jordansche Typenauffassung Rechnung. Sie urteilt nicht nach dem
oberflächlichen Eindruck, sondern nach einer tiefern Erfassung der
menschlichen Natur. Ostwalds fundamentales Unterscheidungsmerkmal
beruht, wie die alte Temperamenteinteilung, auf dem äussern Eindruck.
Sein „romantischer“ Typus ist charakterisiert durch die Tatsache rascher
Reaktion nach aussen. Der „klassische“ Typus reagiert vielleicht ebenso
rasch, aber eben nach innen. Wenn man die Ostwaldschen Biographien,
durchgeht, so sieht man ohne weiteres, dass der „romantische“ Typus dem
extravertierten, und der „klassische“ Typus dem introvertierten entspricht.
Humphry Davy und Liebig sind Schulbeispiele für den extravertierten

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Typus, wie Rob. Mayer und Faraday für den introvertierten Typus. Das
Reagieren nach aussen ist für den Extravertierten charakteristisch, wie das
Reagieren nach innen für den Introvertierten. Der Extravertierte hat keine
besondern Schwierigkeiten in seiner persönlichen Äusserung, er bringt
seine Gegenwart fast unwillkürlich zur Geltung, weil er seiner ganzen Natur
nach dahin strebt, sich dem Objekt zu übertragen. Er gibt sich leicht an die
Umwelt aus und zwar notwendigerweise in einer der Umgebung fasslichen
und darum akzeptabeln Form. Die Form ist in der Regel gefällig, jedenfalls
aber verständlich, auch wenn sie unangenehm ist. Denn es gehört zum
raschen Reagieren und Entäussern, dass nicht nur Wertvolles, sondern auch
Wertloses dem Objekt übertragen wird, neben Gewinnendem auch
abstossende Gedanken und Affekte. Wegen der raschen Entäusserung und
Übertragung sind die Inhalte wenig überarbeitet und darum leicht
verständlich und schon aus der bloss zeitlichen Aneinanderreihung der
unmittelbaren Äusserungen entsteht eine Stufenfolge von Bildern, welche
dem Publikum deutlich den begangenen Weg und die Art und Weise, wie
der Forscher zu seinem Resultat gelangt, dartun. Der Introvertierte dagegen,
der zunächst bloss nach innen reagiert, entäussert sich in der Regel seiner
Reaktionen nicht (Affektexplosionen ausgenommen!). Er verschweigt seine
Reaktionen, die aber ebenso rasch sein können wie die des Extravertierten.
Sie treten darum nicht in die Erscheinung, und daher macht der
Introvertierte leicht den Eindruck der Langsamkeit. Weil unmittelbare
Reaktionen immer stark persönlich sind, so kann der Extravertierte gar
nicht anders als seine Persönlichkeit erscheinen zu lassen. Der Introvertierte
dagegen versteckt seine Persönlichkeit, indem er seine unmittelbaren
Reaktionen verschweigt. Er strebt nicht nach Einfühlung, nach Übertragung
seiner Inhalte auf das Objekt, sondern nach Abstraktion vom Objekt. Er
zieht es darum vor, statt seine Reaktionen unmittelbar zu entäussern, sie
innerlich lange zu bearbeiten, um dann mit einem fertigen Resultat
herauszutreten. Er strebt darnach sein Resultat vom Persönlichen möglichst
zu befreien und als von jeder persönlichen Beziehung klar unterschieden
darzustellen. Seine Inhalte treten daher an die Aussenwelt in möglichst
abstrahierter und depersonalisierter Form als Resultate langer innerer
Arbeit. Damit sind sie aber auch schwerverständlich geworden, weil dem
Publikum jegliche Kenntnis der Vorstufen und der Art und Weise, wie der
Forscher zu seinem Resultat gelangte, fehlt. Dem Publikum fehlt auch die
persönliche Beziehung, weil der Introvertierte sich verschweigt und

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dadurch seine Persönlichkeit ihm verhüllt. Es sind aber gerade die
persönlichen Beziehungen, welche sehr oft da ein Verständnis ermöglichen,
wo das intellektuelle Begreifen versagt. Dieser Umstand muss immer
sorgfältig berücksichtigt werden, wo es sich um die Beurteilung der
Entwicklung eines Introvertierten handelt. Man ist über den Introvertierten
in der Regel schlecht informiert, denn man kann ihn nicht sehen. Weil er
nicht unmittelbar nach aussen reagieren kann, so tritt auch seine
Persönlichkeit nicht hervor. Sein Leben lässt daher dem Publikum immer
Spielraum zu phantastischen Deutungen und Projektionen, wenn er — z. B.
vermöge seiner Leistungen — überhaupt je zum Gegenstand des
allgemeinen Interesses wird.
Wenn daher Ostwald sagt, dass die geistige Frühreife für den
Romantiker charakteristisch sei, so müssen wir hinzufügen, dass der
Romantiker seine Frühreife eben zeigt, während der Klassiker vielleicht
ebenso frühreif sein kann, seine Produkte aber in sich verschliesst, nicht aus
Absicht, sondern aus Unvermögen, sich ihrer unmittelbar zu entäussern.
Wegen der mangelhaften Gefühlsdifferenzierung haftet dem Introvertierten
noch sehr lange eine gewisse Linkischkeit an, ein eigentlicher Infantilismus
der persönlichen Beziehung, d. h. desjenigen Elementes, das der Engländer
als „personality“ bezeichnet. Seine persönliche Äusserung ist dermassen
unsicher und unbestimmt, und er selber in dieser Hinsicht dermassen
empfindlich, dass er es nur mit einem ihm vollendet erscheinenden Produkt
wagen kann, sich der Umgebung zu zeigen. Auch zieht er es vor, sein
Produkt für ihn sprechen zu lassen, anstatt dass er persönlich für sein
Produkt eintritt. Aus dieser Einstellung ergibt sich natürlich eine so grosse
Verzögerung seines Erscheinens auf der Szene der Welt, dass man ihn leicht
als spätreif bezeichnen kann. Ein solch oberflächliches Urteil aber übersieht
völlig den Umstand, dass der Infantilismus des scheinbar Frühreifen und
nach aussen Differenzierten einfach innen ist, in seiner Beziehung zu
seinem Innern. Diese Tatsache offenbart sich erst später im Leben des
Frühreifen, z. B. in Form einer moralischen Unreife, oder, was sehr häufig
der Fall ist, in einem auffälligen Infantilismus des Denkens.
Der Romantiker hat in der Regel günstigere Möglichkeiten für seine
Entwicklung und Entfaltung als der Klassiker, wie Ostwald richtig bemerkt.
Er tritt eben sichtbar und überzeugend vor das Publikum, und lässt seine
persönliche Bedeutung durch äussere Reaktionen unmittelbar erkennen. Es

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stellen sich dadurch für ihn rasch viele wertvolle Beziehungen her, welche
seine Arbeit befruchten und deren Entwicklung nach der Breite[302] hin
begünstigen. Umgekehrt bleibt der Klassiker verborgen; der Mangel an
persönlichen Beziehungen beschränkt die Ausdehnung seines
Arbeitsgebietes, dadurch aber gewinnt seine Tätigkeit an Tiefe und die
Frucht seiner Arbeit an Dauerhaftigkeit. Die Begeisterung besitzen beide
Typen, jedoch fliesst dem Extravertierten der Mund über, wessen ihm das
Herz voll ist, während die Begeisterung dem Introvertierten den Mund
schliesst. So entzündet er auch keine Begeisterung in seiner Umgebung,
und daher fehlt ihm der Kreis ähnlich gearteter Mitarbeiter. Wenn er auch
die Lust und den Drang zur Mitteilung hätte, so schreckt ihn doch der
Lakonismus seines Ausdruckes und der dadurch bedingten verständnislosen
Verwunderung seines Publikums von weitern Mitteilungen ab, denn sehr oft
traut ihm auch niemand zu, dass er etwas irgendwie Außerordentliches
mitzuteilen hätte. Sein Ausdruck, seine „personality“ erscheinen dem
oberflächlichen Urteil als gewöhnlich, während der Romantiker nicht selten
schon von Hause aus „interessant“ aussieht und die Kunst versteht, diesen
Eindruck mit erlaubten oder auch unerlaubten Mitteln noch zu
unterstreichen. Diese differenzierte Ausdrucksfähigkeit ist ein passender
Hintergrund zu bedeutenden Gedanken und hilft dem mangelhaften
Verständnis des Publikums entgegenkommend über die Lücken seines
Denkens hinweg. Es ist darum durchaus für den Typus zutreffend, wenn
Ostwald die erfolgreiche und glänzende Lehrtätigkeit des Romantikers
hervorhebt. Der Romantiker fühlt sich in den Schüler ein und weiss darum
im richtigen Augenblick das richtige Wort. Der Klassiker dagegen ist bei
seinen Gedanken und Problemen und übersieht darum völlig die
Schwierigkeiten des Verstehens bei seinem Schüler. Vom Klassiker
Helmholtz bemerkt Ostwald[303]: Er ist „trotz seines riesigen Wissens,
seiner umfassenden Erfahrung und seines schöpferischen Geistes nie ein
guter Lehrer gewesen: er reagierte nicht augenblicklich, sondern erst nach
einiger Zeit. Wenn ihm im Laboratorium ein Schüler eine Frage vorgelegt
hatte, so versprach er, darüber nachzudenken und brachte auch nach einigen
Tagen die Antwort. Diese befand sich aber um eine so weite Strecke von der
Stellung des Schülers entfernt, dass dieser nur in den seltensten Fällen den
Zusammenhang zwischen der Schwierigkeit, welche er empfunden hatte,
und der abgerundeten Theorie eines allgemeinen Problems, die ihm der
Lehrer vortrug, herauszubringen vermochte. So fehlte nicht nur die

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augenblickliche Hilfe, auf die es dem Anfänger am meisten ankommt,
sondern auch die unmittelbar auf die Persönlichkeit des Schülers bemessene
Führung, durch welche dieser von der anfänglichen natürlichen
Unselbständigkeit in kleinen Stufen zu der vollkommenen Beherrschung
des gewählten wissenschaftlichen Gebietes entwickelt wird. Alle diese
Mängel rühren ganz unmittelbar daher, dass der Lehrer nicht sofort auf das
eben aufgetretene Lernbedürfnis zu reagieren vermag, sondern für die
erwartete und erwünschte Einwirkung solange Zeit braucht, dass die
Wirkung selbst darüber verloren geht.“
Ostwald’s Erklärung durch die Langsamkeit der Reaktion des
Introvertierten erscheint mir ungenügend. Es ist nicht nachzuweisen, dass
Helmholtz eine geringe Reaktionsgeschwindigkeit besass. Er reagiert bloss
nicht nach aussen, sondern nach innen. Er ist in den Schüler nicht
eingefühlt, darum versteht er nicht, was der Schüler wünscht. Weil er ganz
auf seine Gedanken eingestellt ist, so reagiert er nicht auf den persönlichen
Wunsch des Schülers, sondern auf die Gedanken, welche die Frage des
Schülers in ihm angeregt hat, und zwar so rasch und gründlich, dass er
sofort einen weitern Zusammenhang ahnt, den er im Moment zu
überblicken und in abstrakter und ausgearbeiteter Form wiederzugeben
unfähig ist, aber nicht, weil er zu langsam denkt, sondern weil es objektiv
unmöglich ist, die ganze Ausdehnung des geahnten Problems in einem
Augenblick in eine fertige Formel zu fassen. Er merkt natürlich nicht, dass
der Schüler keine Ahnung von diesem Problem hat, sondern ist der
Meinung, dass es sich um ein Problem handle und nicht um einen für ihn
höchst einfachen und billigen Rat, den er ohne weiteres zu erteilen im
Stande wäre, wenn er sich nur klar machen könnte, was der Schüler in
diesem Moment braucht, um weiter zu kommen. Als Introvertierter ist er
aber nicht in die Psychologie des Andern eingefühlt, sondern er ist nach
innen, in seine eigenen theoretischen Probleme eingefühlt und spinnt den
vom Schüler aufgenommenen Faden dem theoretischen Problem entlang
weiter, wohl dem Problem angepasst, nicht aber dem augenblicklichen
Bedürfnis des Schülers. Diese eigentümliche Einstellung des introvertierten
Lehrers ist in Hinsicht der Lehrtätigkeit natürlich sehr unzweckmässig und
auch ungünstig hinsichtlich des persönlichen Eindruckes, den der
Introvertierte macht. Er erweckt den Eindruck der Langsamkeit,
Sonderbarkeit, ja sogar der Beschränktheit, daher er nicht nur von einem
weitern Publikum, sondern auch von seinen engern Fachgenossen sehr oft

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unterschätzt wird, solange bis seine Gedankenarbeit von spätern Forschern
nachgedacht, überarbeitet und übersetzt ist. Der Mathematiker Gauss hatte
eine solche Lehrunlust, dass er jedem einzelnen Studenten, der sich bei ihm
meldete, die Mitteilung machte, sein Kolleg würde wahrscheinlich nicht zu
Stande kommen, um auf diese Weise, der Notwendigkeit, lesen zu müssen,
sich zu entledigen. Das Peinliche an der Lehrtätigkeit lag für ihn, wie
Ostwald treffend bemerkt, in der „Notwendigkeit, in der Vorlesung
wissenschaftliche Resultate aussprechen zu müssen, ohne vorher auf das
Eingehendste den Wortlaut festgestellt und ausgefeilt zu haben. Ohne diese
Bearbeitung seine Ergebnisse andern mitzuteilen, mag ihm ein Gefühl
erregt haben, als sollte er sich Fremden im Nachtgewande zeigen.“[304] Mit
dieser Bemerkung berührt Ostwald einen sehr wesentlichen Punkt, nämlich
die oben schon erwähnte Abneigung des Introvertierten, andere als ganz
unpersönliche Mitteilungen an die Umgebung gelangen zu lassen.
Ostwald hebt hervor, dass der Romantiker in der Regel seine Laufbahn
schon relativ frühe abschliessen muss wegen überhandnehmender
Erschöpfung. Ostwald ist geneigt, diese Tatsache ebenfalls durch die
grössere Reaktionsgeschwindigkeit zu erklären. Da ich der Ansicht bin,
dass der Begriff der mentalen Reaktionsgeschwindigkeit wissenschaftlich
bei weitem noch nicht geklärt ist, und es bis jetzt keineswegs nachgewiesen
ist, auch kaum nachzuweisen sein wird, dass die Reaktion nach aussen
rascher erfolgt, als die nach innen, so scheint mir die frühere Erschöpfung
des extravertierten Entdeckers wesentlich auf der ihm eigentümlichen
Reaktion nach aussen zu beruhen. Er fängt schon sehr frühe an zu
publizieren, wird rasch bekannt, entfaltet bald eine intensive publizistische
und akademische Tätigkeit, pflegt persönliche Beziehungen zu einem
ausgedehnten Freundes- und Bekanntenkreis und nimmt überdies
ungewöhnlichen Anteil an der Entwicklung seiner Schüler. Der
introvertierte Forscher fängt später an zu publizieren, seine Arbeiten folgen
einander in grössern Zwischenräumen, sind meistens spärlicher im
Ausdruck, Wiederholungen eines Themas sind vermieden, insofern nicht
etwas grundlegend Neues dazu vorgebracht werden kann; infolge des
prägnanten Lakonismus der wissenschaftlichen Mitteilung, die häufig alle
Angaben über den zurückgelegten Weg oder über die bearbeiteten
Materialien vermissen lässt, werden seine Arbeiten nicht verstanden und
nicht beachtet und so bleibt der Forscher unbekannt. Seine Lehrunlust sucht
keine Schüler, seine mangelnde Bekanntheit schliesst Beziehungen zu

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einem grössern Bekanntenkreis aus, und daher lebt er in der Regel nicht nur
aus Not, sondern auch aus Wahl zurückgezogen, der Gefahr entrückt, sich
zu viel auszugeben. Seine Reaktion nach innen führt ihn immer wieder zu
den engbegrenzten Wegen seiner Forschertätigkeit, die an sich zwar sehr
anstrengend und auf die Dauer ebenfalls erschöpfend wirkt, aber keine
Nebenausgaben auf Bekannte und Schüler zulässt. Allerdings fällt
erschwerend in Betracht, dass der offenkundige Erfolg des Romantikers
auch eine lebenfördernde Erfrischung ist, die dem Klassiker sehr oft versagt
bleibt, sodass er seine einzige Befriedigung in der Vollendung seiner
Forscherarbeit zu suchen gezwungen ist. Es scheint mir daher, dass die
relativ frühzeitige Erschöpfung des romantischen Genies auf der Reaktion
nach aussen beruht, und nicht auf der grössern Reaktionsgeschwindigkeit.
Ostwald denkt sich seine Typeneinteilung nicht als absolut in dem
Sinne, dass nun jeder Forscher ohne weiteres als dem einen oder andern
Typus zugehörig dargestellt werden könnte. Er ist aber der Ansicht, „dass
gerade die ganz Grossen“ sich sehr oft auf das bestimmteste in die eine oder
andere Endgruppe einreihen lassen, während die „mittlern Leute“ viel
häufiger auch die Mittelglieder bezüglich der Reaktionsgeschwindigkeit
darstellen.[305]
Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass die Ostwaldschen
Biographien ein für die Psychologie der Typen zum Teil sehr wertvolles
Material enthalten und die Übereinstimmung des romantischen mit dem
extravertierten einerseits, und die des klassischen mit dem introvertierten
Typus schlagend dartun.

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X
Allgemeine Beschreibung der Typen.

Page 358

X.
Allgemeine Beschreibung der Typen.

A. Einleitung.
Im folgenden will ich versuchen, eine allgemeine Beschreibung der
Psychologie der Typen zu geben. Zunächst soll dies geschehen für die
beiden allgemeinen Typen, die ich als introvertiert und als extravertiert
bezeichnet habe. Im Anschluss werde ich dann noch versuchen eine gewisse
Charakteristik jener speziellern Typen zu geben, deren Eigenart dadurch
zustande kommt, dass das Individuum sich hauptsächlich mittelst der bei
ihm am meisten differenzierten Funktion anpasst oder orientiert. Ich möchte
erstere als allgemeine Einstellungstypen, die sich durch die Richtung ihres
Interesses, ihrer Libidobewegung, unterscheiden, letztere dagegen als
Funktionstypen bezeichnen.
Die allgemeinen Einstellungstypen unterscheiden sich, wie in den
frühern Kapiteln vielfach hervorgehoben wurde, durch ihre eigentümliche
Einstellung zum Objekt. Der Introvertierte verhält sich dazu abstrahierend;
er ist im Grunde genommen immer darauf bedacht, dem Objekt die Libido
zu entziehen, wie wenn er einer Übermacht des Objektes vorzubeugen
hätte. Der Extravertierte dagegen verhält sich positiv zum Objekt. Er bejaht
dessen Bedeutung in dem Masse, dass er seine subjektive Einstellung
beständig nach dem Objekt orientiert und darauf bezieht. Im Grunde
genommen hat das Objekt für ihn nie genügend Wert und darum muss
dessen Bedeutung erhöht werden. Die beiden Typen sind dermassen
verschieden und ihr Gegensatz ist so auffällig, dass ihre Existenz auch dem
Laien in psychologischen Dingen ohne weiteres einleuchtend ist, wenn man
ihn einmal darauf aufmerksam gemacht hat. Jedermann kennt jene
verschlossenen, schwer zu durchschauenden, oft scheuen Naturen, die den

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denkbar stärksten Gegensatz bilden zu jenen andern offenen, umgänglichen,
öfters heitern oder wenigstens freundlichen und zugänglichen Charakteren,
die mit aller Welt auskommen oder auch sich streiten, aber doch in
Beziehung dazu stehen, auf sie wirken und auf sich wirken lassen. Man ist
natürlich geneigt, solche Unterschiede zunächst nur als individuelle Fälle
eigenartiger Charakterbildung aufzufassen. Wer aber Gelegenheit hat, viele
Menschen gründlich kennen zu lernen, wird unschwer die Entdeckung
machen, dass es sich bei diesem Gegensatz keineswegs um isolierte
Individualfälle handelt, sondern vielmehr um typische Einstellungen, die
weit allgemeiner sind, als eine beschränkte psychologische Erfahrung
zunächst annehmen musste. In der Tat handelt es sich, wie die
vorausgegangenen Kapitel gezeigt haben dürften, um einen fundamentalen
Gegensatz, der bald deutlich, bald undeutlicher ist, immer aber sichtbar
wird, wo es sich um Individuen von einigermassen ausgesprochener
Persönlichkeit handelt. Solche Menschen treffen wir nicht nur etwa unter
den Gebildeten, sondern überhaupt in allen Bevölkerungsschichten an,
weshalb sich unsere Typen ebensowohl beim gewöhnlichen Arbeiter und
Bauern, wie bei den Höchstdifferenzierten einer Nation nachweisen lassen.
Auch der Unterschied des Geschlechtes ändert an dieser Tatsache nichts.
Man findet die gleichen Gegensätze auch bei den Frauen aller
Bevölkerungsschichten. Eine derart allgemeine Verbreitung könnte wohl
kaum vorkommen, wenn es sich um eine Angelegenheit des Bewusstseins,
d. h. um eine bewusst und absichtlich gewählte Einstellung handelte. In
diesem Falle wäre gewiss eine bestimmte, durch gleichartige Erziehung und
Bildung zusammenhängende und dementsprechend lokal begrenzte
Bevölkerungsschicht der hauptsächlichste Träger einer solchen Einstellung.
Dem ist nun keineswegs so, sondern in geradem Gegenteil dazu verteilen
sich die Typen anscheinend wahllos. In derselben Familie ist das eine Kind
introvertiert, das andere extravertiert. Da der Einstellungstypus, diesen
Tatsachen entsprechend, als allgemeines und anscheinend zufällig verteiltes
Phänomen, keine Angelegenheit bewussten Urteils oder bewusster Absicht
sein kann, so muss er wohl einem unbewussten, instinktiven Grunde sein
Dasein verdanken. Der Typengegensatz muss daher, als ein allgemeines
psychologisches Phänomen irgendwie seine biologischen Vorläufer haben.
Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt ist, biologisch betrachtet,
immer ein Anpassungsverhältnis, indem jede Beziehung zwischen Subjekt
und Objekt modifizierende Wirkungen des einen auf das andere voraussetzt.

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Diese Modifikationen machen die Anpassung aus. Die typischen
Einstellungen zum Objekt sind daher Anpassungsprozesse. Die Natur kennt
zwei fundamental verschiedene Wege der Anpassung und der dadurch
ermöglichten Fortexistenz der lebenden Organismen: der eine Weg ist die
gesteigerte Fruchtbarkeit bei relativ geringer Verteidigungsstärke und
Lebensdauer des einzelnen Individuums; der andere Weg ist: Ausrüstung
des Individuums mit vielerlei Mitteln der Selbsterhaltung bei relativ
geringer Fruchtbarkeit. Dieser biologische Gegensatz scheint mir nicht
bloss das Analogon, sondern auch die allgemeine Grundlage unserer beiden
psychologischen Anpassungsmodi zu sein. Hier möchte ich mich auf einen
allgemeinen Hinweis beschränken, auf die Eigenart des Extravertierten
einerseits, sich beständig auszugeben und sich in alles hineinzuverbreiten,
und auf die Tendenz des Introvertierten andererseits, sich gegen äussere
Ansprüche zu verteidigen, sich möglichst aller Energieausgaben, die sich
direkt auf das Objekt beziehen, zu enthalten, dafür aber sich selbst eine
möglichst gesicherte und mächtige Position zu schaffen. Blakes Intuition
hat die beiden darum nicht übel als den „prolific“ und den „devouring type“
bezeichnet. Wie die allgemeine Biologie zeigt, sind beide Wege gangbar
und in ihrer Weise erfolgreich, so auch die typischen Einstellungen. Was der
eine durch massenhafte Beziehungen zuwege bringt, erreicht der andere
durch ein Monopol.
Die Tatsache, dass gelegentlich schon Kinder in den ersten
Lebensjahren die typische Einstellung mit Sicherheit erkennen lassen,
nötigt zu der Annahme, dass es keineswegs der Kampf ums Dasein, so wie
man ihn allgemein versteht, sein kann, der zu einer bestimmten Einstellung
zwingt. Man könnte allerdings, und zwar mit triftigen Gründen, einwenden,
dass auch das unmündige Kind, ja sogar der Säugling schon eine
psychologische Anpassungsleistung unbewusster Natur zu machen habe,
indem besonders die Eigenart der mütterlichen Einflüsse zu spezifischen
Reaktionen beim Kinde führe. Dieses Argument kann sich auf
unzweifelhafte Tatsachen berufen, wird aber hinfällig durch die Erwähnung
der ebenso zweifellosen Tatsache, dass zwei Kinder derselben Mutter schon
frühe den entgegengesetzten Typus aufweisen können, ohne dass auch nur
im geringsten eine Änderung der Einstellung der Mutter nachzuweisen
wäre. Obschon ich unter keinen Umständen die fast unabsehbare
Wichtigkeit der elterlichen Einflüsse unterschätzen möchte, so nötigt diese
Erfahrung trotzdem zum Schlusse, dass der ausschlaggebende Faktor in der

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Disposition des Kindes zu suchen ist. Es ist wohl in letzter Linie der
individuellen Disposition zuzuschreiben, dass bei möglichster
Gleichartigkeit der äussern Bedingungen, das eine Kind diesen, und das
andere jenen Typus annimmt. Ich habe hiebei natürlich nur jene Fälle im
Auge, welche unter normalen Bedingungen stehen. Unter abnormen
Bedingungen, d. h. wo es sich um extreme und daher abnorme
Einstellungen bei Müttern handelt, kann den Kindern auch eine relativ
gleichartige Einstellung aufgenötigt werden unter Vergewaltigung ihrer
individuellen Disposition, die vielleicht einen andern Typus gewählt hätte,
wenn keine abnormen äussern Einflüsse störend eingegriffen hätten. Wo
eine solche, durch äussern Einfluss bedingte Verfälschung des Typus
stattfindet, wird das Individuum später meistens neurotisch, und seine
Heilung ist nur möglich durch Herausbildung der dem Individuum
natürlicherweise entsprechenden Einstellung.
Was nun die eigenartige Disposition betrifft, so weiss ich darüber nichts
zu sagen, als dass es offenbar Individuen gibt, die entweder eine grössere
Leichtigkeit oder Fähigkeit haben, oder denen es zuträglicher ist, auf die
eine und nicht auf die andere Weise sich anzupassen. Dafür dürften unserer
Kenntnis unzugängliche, in letzter Linie physiologische Gründe in Frage
kommen. Dass es solche sein könnten, wurde mir wahrscheinlich infolge
der Erfahrung, dass eine Umkehrung des Typus das physiologische
Wohlbefinden des Organismus unter Umständen schwer beeinträchtigen
kann, indem sie meistens eine starke Erschöpfung verursacht.

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B. Der extravertierte Typus.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung ist es
nötig, bei der Beschreibung dieses und der folgenden Typen die
Psychologie des Bewussten und des Unbewussten auseinanderzuhalten. Wir
wenden uns daher zuerst der Beschreibung der Bewusstseinsphänomene zu.

I. Die allgemeine Einstellung des Bewusstseins.

Wie bekannt, orientiert sich jedermann an den Daten, die ihm die
Aussenwelt vermittelt; jedoch sehen wir, dass dies in einer mehr oder
weniger ausschlaggebenden Weise der Fall sein kann. Der eine lässt sich
durch die Tatsache, dass es draussen kalt ist, sofort veranlassen, seinen
Überzieher anzuziehen, der andere aber findet dies aus Gründen seiner
Abhärtungsabsicht überflüssig; der eine bewundert den neuen Tenor, weil
alle Welt ihn bewundert, der andere bewundert ihn nicht, nicht etwa darum,
weil er ihm missfiele, sondern weil er der Ansicht ist, was alle bewunderten,
brauche noch lange nicht bewundernswert zu sein; der eine ordnet sich den
gegebenen Verhältnissen unter, weil, wie die Erfahrung zeige, etwas
anderes doch nicht möglich sei, der andere aber ist der Überzeugung, dass,
wenn es schon tausendmal so gegangen sei, das tausend und erstemal ein
neuer Fall vorliege, usw. Der erstere orientiert sich an den gegebenen
äussern Tatsachen, der letztere reserviert sich eine Ansicht, welche sich
zwischen ihn und das objektiv Gegebene hineinschiebt. Wenn nun die
Orientierung am Objekt und am objektiv Gegebenen vorwiegt in der Weise,
dass die häufigsten und hauptsächlichsten Entschlüsse und Handlungen
nicht durch subjektive Ansichten, sondern durch objektive Verhältnisse
bedingt sind, so spricht man von einer extravertierten Einstellung. Ist diese
habituell, so spricht man von einem extravertierten Typus. Wenn einer so
denkt, fühlt und handelt, mit einem Wort, so lebt, wie es den objektiven
Verhältnissen und ihren Anforderungen unmittelbar entspricht, im guten
wie im schlechten Sinne, so ist er extravertiert. Er lebt so, dass

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ersichtlicherweise das Objekt als determinierende Grösse in seinem
Bewusstsein eine grössere Rolle spielt als seine subjektive Ansicht. Gewiss
hat er subjektive Ansichten, aber ihre determinierende Kraft ist geringer, als
die der äussern objektiven Bedingungen. Er erwartet daher auch nie, in
seinem eigenen Innern auf irgend welche unbedingten Faktoren zu stossen,
indem er solche nur aussen kennt. In epimetheischer Weise erliegt sein
Inneres dem äussern Erfordernis, gewiss nicht ohne Kampf; aber das Ende
fällt immer zu Gunsten der objektiven Bedingung aus. Sein ganzes
Bewusstsein blickt nach aussen, weil ihm die wichtige und
ausschlaggebende Determination immer von aussen zukommt. Sie kommt
ihm aber so zu, weil er sie von dort erwartet. Aus dieser Grundeinstellung
ergeben sich sozusagen alle Eigentümlichkeiten seiner Psychologie,
insofern diese nicht entweder auf dem Primat einer bestimmten
psychologischen Funktion oder auf individuellen Besonderheiten beruhen.
Interesse und Aufmerksamkeit folgen den objektiven Vorkommnissen, in
erster Linie denen der nächsten Umgebung. Es sind nicht nur die Personen,
sondern auch die Dinge, welche das Interesse fesseln. Dementsprechend
richtet sich auch das Handeln nach den Einflüssen von Personen und
Dingen. Es ist direkt auf objektive Daten und Determinationen bezogen und
aus ihnen sozusagen erschöpfend erklärbar. Das Handeln ist in erkennbarer
Weise auf objektive Verhältnisse bezogen. Insofern das Handeln nicht bloss
reaktiv ist in bezug auf Reize der Umgebung, so hat es doch stets einen auf
reale Verhältnisse anwendbaren Charakter und findet innerhalb der
Schranken des objektiv Gegebenen genügenden und angemessenen
Spielraum. Es hat keinerlei irgendwie ernsthafte Tendenzen, darüber
hinauszugehen. Dasselbe gilt vom Interesse: die objektiven Vorkommnisse
sind von fast unerschöpflichem Reiz, sodass das Interesse normalerweise
nie nach anderm verlangt. Die moralischen Gesetze des Handelns decken
sich mit den entsprechenden Anforderungen der Societät, resp. mit der
allgemein geltenden moralischen Auffassung. Wäre die allgemein geltende
Anschauung eine andere, so wären auch die subjektiven moralischen
Leitlinien andere, ohne dass damit am psychologischen Gesamthabitus
irgend etwas geändert wäre. Diese strenge Bedingtheit durch objektive
Faktoren bedeutet nun keineswegs, wie es etwa den Anschein erwecken
könnte, eine völlige oder gar ideale Anpassung an die Lebensbedingungen
überhaupt. Einer extravertierten Ansicht muss allerdings eine solche
Einpassung in das objektiv Gegebene als eine völlige Anpassung

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erscheinen, denn dieser Ansicht ist ein anderes Kriterium überhaupt nicht
gegeben. Es ist aber, von einem höhern Standpunkt aus, gar nicht gesagt,
dass das objektiv Gegebene auch unter allen Umständen das Normale sei.
Die objektiven Bedingungen können zeitgeschichtlich oder lokal abnorme
sein. Ein Individuum, das in diese Verhältnisse eingepasst ist, macht zwar
den abnormen Stil der Umgebung mit, ist aber, zugleich mit seiner ganzen
Umgebung in einer abnormen Lage hinsichtlich der allgemein-gültigen
Lebensgesetze. Der Einzelne kann dabei allerdings florieren, aber nur
solange, bis er mit seiner ganzen Umgebung an der Versündigung gegen die
allgemeinen Lebensgesetze zugrunde geht. Diesen Untergang muss er mit
derselben Sicherheit mitmachen, mit der er vorher dem objektiv Gegebenen
eingepasst war. Er hat Einpassung, aber nicht Anpassung, denn die
Anpassung verlangt mehr als ein bloss reibungsloses Mitgehen mit den
jeweiligen Bedingungen der unmittelbaren Umgebung. (Ich verweise auf
Spittelers Epimetheus.) Sie verlangt eine Beobachtung jener Gesetze,
welche allgemeiner sind als lokale und zeitgeschichtliche Bedingungen. Die
blosse Einpassung ist die Beschränktheit des normalen extravertierten
Typus. Seine Normalität verdankt der extravertierte Typus einerseits dem
Umstande, dass er den gegebenen Verhältnissen relativ reibungslos
eingepasst ist und natürlicherweise keine andern Ansprüche hat, als die
objektiv gegebenen Möglichkeiten auszufüllen, also z. B. den Beruf zu
ergreifen, der an dieser Stelle und zu dieser Zeit aussichtsreiche
Möglichkeiten bietet, oder gerade das zu tun oder zu verfertigen, wessen die
Umgebung momentan bedarf, und was sie von ihm erwartet, oder sich aller
Neuerungen zu enthalten, welche nicht durchaus auf der Hand liegen, oder
sonstwie über die Erwartung der Umgebung hinausgehen. Andererseits aber
beruht seine Normalität auch auf dem wichtigen Umstand, dass der
Extravertierte die Tatsächlichkeit seiner subjektiven Bedürfnisse und
Notwendigkeiten in Rechnung zieht. Das ist nämlich sein schwacher Punkt,
denn die Tendenz seines Typus geht dermassen nach aussen, dass leicht
auch die sinnenfälligste aller subjektiven Tatsachen, nämlich das Befinden
des Körpers, als zu wenig objektiv, als zu wenig „aussen“ nicht genügend in
Betracht fällt, sodass die zum physischen Wohlbefinden unerlässliche
Befriedigung elementarer Bedürfnisse nicht mehr zustande kommt.
Infolgedessen leidet der Körper, geschweige die Seele. Doch von diesem
letztern Umstand merkt der Extravertierte in der Regel wenig, desto mehr
aber seine intime häusliche Umgebung. Fühlbar wird ihm der

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Gleichgewichtsverlust erst dann, wenn sich abnorme Körperempfindungen
melden.
Diese tastbare Tatsache kann er nicht übersehen. Es ist natürlich, dass er
sie als concret und „objektiv“ ansieht, denn für seine Mentalität gibt es nun
einmal nichts anderes — bei ihm. Bei andern sieht er die „Einbildung“
sofort. Eine zu extravertierte Einstellung kann auch dermassen rücksichtslos
gegen das Subjekt werden, dass letzteres den sog. objektiven
Anforderungen ganz aufgeopfert wird, z. B. durch ein beständiges
Vergrössern des Geschäftes, weil doch Bestellungen vorliegen und weil
doch die Möglichkeiten, die sich aufgetan haben, ausgefüllt werden
müssen.
Die Gefahr des Extravertierten ist, dass er in die Objekte hineingezogen
wird und sich selbst darin ganz verliert. Die daraus entstehenden
funktionellen (nervösen) oder wirklichen körperlichen Störungen haben
eine compensatorische Bedeutung, denn sie zwingen das Subjekt zu einer
unfreiwilligen Selbstbeschränkung. Sind die Symptome funktionell, so
können sie durch ihre eigentümliche Artung symbolisch die psychologische
Situation ausdrücken, z. B. bei einem Sänger, dessen Ruhm rasch eine
gefährliche Höhe erreicht, die ihn zu unverhältnismässigen
Energieausgaben verführt, versagen aus nervöser Hemmung plötzlich die
hohen Töne. Bei einem Manne, der sehr rasch aus bescheidensten Anfängen
zu einer sehr einflussreichen und aussichtsvollen sozialen Stellung gelangt
ist, stellen sich psychogen alle Symptome der Bergkrankheit ein. Ein Mann,
der im Begriffe steht, eine von ihm vergötterte und masslos überschätzte
Frau von sehr zweifelhaftem Charakter zu heiraten, wird von einem
nervösen Schlundkrampf befallen, der ihn zwingt, sich auf zwei Tassen
Milch pro Tag zu beschränken, deren Aufnahme je drei Stunden erfordert.
Damit ist er wirksam verhindert, seine Braut zu besuchen und kann sich nur
noch mit der Ernährung seines Körpers beschäftigen. Ein Mann, der der
Arbeitslast seines durch eigenen Verdienst enorm ausgedehnten Geschäftes
nicht mehr gewachsen ist, wird von nervösen Durstanfällen heimgesucht,
infolge deren er rasch einem hysterischen Alkoholismus verfällt. Wie mir
scheint, ist die weitaus häufigste Neurose des extravertierten Typus die
Hysterie. Der hysterische Schulfall ist immer durch einen übertriebenen
Rapport mit den Personen der Umgebung charakterisiert, ebenso ist die
geradezu imitatorische Einpassung in die Verhältnisse eine bezeichnende

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Eigentümlichkeit. Ein Grundzug des hysterischen Wesens ist die beständige
Tendenz sich interessant zu machen und bei der Umgebung Eindrücke
hervorzurufen. Ein Correlat dazu ist die sprichwörtliche Suggestibilität, die
Beeinflussbarkeit durch andere Personen. Eine unverkennbare Extraversion
zeigt sich auch in der Mitteilsamkeit der Hysterischen, welche gelegentlich
bis zur Mitteilung rein phantastischer Inhalte geht, woher der Vorwurf der
hysterischen Lüge stammt. Der hysterische „Charakter“ ist zunächst eine
Übertreibung der normalen Einstellung, dann aber kompliziert durch
compensatorische Reaktionen von Seiten des Unbewussten, welche der
übertriebenen Extraversion entgegen die psychische Energie durch
körperliche Störungen zur Introversion zwingen. Durch die Reaktion des
Unbewussten entsteht eine andere Kategorie von Symptomen, die mehr
introvertierten Charakter haben. Hieher gehört vor allen Dingen die
krankhaft gesteigerte Phantasietätigkeit. Nach dieser allgemeinen
Charakterisierung der extravertierten Einstellung wenden wir uns nun der
Beschreibung der Veränderungen, welche die psychologischen
Grundfunktionen durch die extravertierte Einstellung erleiden, zu.

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II. Die Einstellung des Unbewussten.

Es erscheint vielleicht befremdlich, wenn ich von einer „Einstellung des
Unbewussten“ spreche. Wie ich hinlänglich auseinandergesetzt habe, denke
ich mir die Beziehung des Unbewussten zum Bewusstsein als
compensatorisch. Nach dieser Ansicht käme dem Unbewussten ebensowohl
eine Einstellung zu wie dem Bewusstsein.
Ich habe im vorangehenden Abschnitt die Tendenz der extravertierten
Einstellung zu einer gewissen Einseitigkeit hervorgehoben, nämlich die
Vormachtstellung des objektiven Faktors im Ablauf des psychischen
Geschehens. Der extravertierte Typus ist stets versucht, sich (anscheinend)
zu Gunsten des Objektes wegzugeben und sein Subjekt dem Objekt zu
assimilieren. Ich habe ausführlich auf die Konsequenzen, die sich aus der
Übertreibung der extravertierten Einstellung ergeben können, hingewiesen,
nämlich auf die schädliche Unterdrückung des subjektiven Faktors. Es steht
demnach zu erwarten, dass eine psychische Compensation der bewussten
extravertierten Einstellung das subjektive Moment besonders betonen wird,
d. h. wir werden im Unbewussten eine stark egozentrische Tendenz
nachzuweisen haben. Dieser Nachweis glückt der praktischen Erfahrung
tatsächlich. Ich gehe hier auf das Casuistische nicht ein, sondern verweise
auf die folgenden Abschnitte, wo ich bei jedem Funktionstypus die
charakteristische Einstellung des Unbewussten darzustellen versuche.
Insofern es in diesem Abschnitt bloss um die Compensation einer
allgemeinen extravertierten Einstellung sich handelt, beschränke ich mich
auf eine ebenso allgemeine Charakteristik der compensierenden Einstellung
des Unbewussten. Die Einstellung des Unbewussten hat zu einer wirksamen
Ergänzung der bewussten extravertierten Einstellung eine Art von
introvertierendem Charakter. Es konzentriert die Energie auf das subjektive
Moment, d. h. auf alle Bedürfnisse und Ansprüche, welche durch eine zu
extravertierte bewusste Einstellung unterdrückt oder verdrängt sind. Es ist,
wie schon aus dem vorangehenden Abschnitt einleuchten dürfte, leicht
verständlich, dass eine Orientierung nach dem Objekt und dem objektiv
Gegebenen eine Menge subjektiver Regungen, Meinungen, Wünsche und
Notwendigkeiten vergewaltigt und jener Energie beraubt, die ihnen

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natürlicherweise zukommen sollte. Der Mensch ist ja keine Maschine, die
man gegebenenfalls für ganz andere Zwecke umbauen kann und die dann in
ganz anderer Weise ebenso regelmässig funktioniert wie vorher. Der
Mensch trägt immer seine ganze Geschichte und die Geschichte der
Menschheit mit sich. Der historische Faktor aber stellt ein vitales Bedürfnis
dar, dem eine weise Ökonomie entgegenkommen muss. Das Bisherige muss
im Neuen irgendwie zu Worte kommen und mitleben. Die gänzliche
Assimilation an das Objekt stösst daher auf den Protest der unterdrückten
Minorität des Bisherigen und des von Anfang an Gewesenen. Aus dieser
ganz allgemeinen Überlegung ist es leicht verständlich, weshalb die
unbewussten Ansprüche des extravertierten Typus einen eigentlich
primitiven und infantilen, selbstischen Charakter haben. Wenn Freud vom
Unbewussten sagt, dass es „nur wünschen“ könne, so gilt dies in hohem
Masse für das Unbewusste des extravertierten Typus. Die Einpassung in
und die Assimilation an das objektiv Gegebene verhindert die
Bewusstmachung unzulänglicher subjektiver Regungen. Diese Tendenzen
(Gedanken, Wünsche, Affekte, Bedürfnisse, Gefühle, usw.) nehmen
entsprechend dem Grade ihrer Verdrängung regressiven Charakter an, d. h.
sie werden, je weniger sie anerkannt sind, desto infantiler und archaïscher.
Die bewusste Einstellung beraubt sie ihrer relativ disponiblen
Energiebesetzungen und belässt ihnen nur das an Energie, was sie ihnen
nicht nehmen kann. Dieser Rest, der immerhin noch von nicht zu
unterschätzender Stärke ist, ist das, was man als ursprünglichen Instinkt
bezeichnen muss. Der Instinkt kann durch willkürliche Massnahmen eines
einzelnen Individuums nicht ausgerottet werden, dazu bedürfte es vielmehr
der langsamen organischen Umwandlung vieler Generationen, denn der
Instinkt ist der energetische Ausdruck einer bestimmten organischen
Anlage. So bleibt schliesslich bei jeder unterdrückten Tendenz ein
erheblicher Energiebeitrag, der der Instinktstärke entspricht, stehen und
bewahrt seine Wirksamkeit, obgleich er durch Energieberaubung unbewusst
wurde. Je vollkommener die bewusste extravertierte Einstellung ist, desto
infantiler und archaïscher ist die unbewusste Einstellung. Es ist bisweilen
ein das Kindische weit überschreitender und an das Ruchlose streifender
brutaler Egoismus, welcher die unbewusste Einstellung charakterisiert. Hier
finden wir jene Inzestwünsche, die Freud beschreibt, in vollster Blüte. Es ist
selbstverständlich, dass diese Dinge gänzlich unbewusst sind und auch dem
Auge des laienhaften Beobachters verborgen bleiben, solange die

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extravertierte bewusste Einstellung keinen höhern Grad erreicht. Kommt es
aber zu einer Übertreibung des bewussten Standpunktes, so tritt auch das
Unbewusste symptomatisch zu Tage, d. h. der unbewusste Egoismus,
Infantilismus und Archaïsmus verliert seinen ursprünglichen
compensatorischen Charakter, indem er in mehr oder weniger offene
Opposition gegen die bewusste Einstellung tritt. Dies geschieht zunächst in
einer absurden Übertreibung des bewussten Standpunktes, welche zu einer
Unterdrückung des Unbewussten dienen soll, die aber in der Regel mit
einer reductio ad absurdum der bewussten Einstellung endet, d. h. mit
einem Zusammenbruch. Die Katastrophe kann eine objektive sein, indem
die objektiven Zwecke allmählich in subjektive verfälscht werden. So hatte
sich z. B. ein Buchdrucker in zwei Jahrzehnte langer harter Arbeit vom
blossen Angestellten zum selbständigen Besitzer eines sehr ansehnlichen
Geschäftes emporgearbeitet. Das Geschäft dehnte sich mehr und mehr aus
und er geriet mehr und mehr hinein, indem er allmählich alle seine
Nebeninteressen darin aufgehen liess. Dadurch wurde er aufgeschluckt, und
dies gereichte ihm in folgender Weise zum Verderben: Unbewusst wurden
zur Compensation seiner ausschliesslichen Geschäftsinteressen gewisse
Erinnerungen aus seiner Kindheit lebendig. Damals hatte er nämlich eine
grosse Freude am Malen und Zeichnen. Anstatt dass er nun diese Fähigkeit
als balancierende Nebenbeschäftigung an und für sich aufgenommen hätte,
kanalisierte er sie in sein Geschäft und begann von einer „künstlerischen“
Ausgestaltung seiner Produkte zu phantasieren. Unglücklicherweise wurden
die Phantasien Wirklichkeit: er begann tatsächlich nach seinem eigenen
primitiven und infantilen Geschmack zu produzieren, mit dem Erfolg, dass
nach wenigen Jahren sein Geschäft zugrunde gerichtet war. Er hat nach
einem unserer „Kulturideale“ gehandelt, wonach der tatkräftige Mann alles
auf den einen Endzweck konzentrieren muss. Er ging aber zu weit und
verfiel der Macht subjektiver, infantiler Ansprüche.
Die katastrophale Lösung kann aber auch subjektiver Art sein, nämlich
in Gestalt eines nervösen Zusammenbruches. Ein solcher kommt immer
dadurch zu Stande, dass die unbewusste Gegenwirkung die bewusste
Aktion schliesslich zu lähmen vermag. In diesem Fall drängen sich die
Ansprüche des Unbewussten kategorisch dem Bewusstsein auf und erregen
dadurch einen unheilvollen Zwiespalt, der sich meistens darin äussert, dass
die Leute entweder nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen, zu nichts
mehr Lust haben, oder zu viel auf einmal wollen und zu viel Lust haben,

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aber zu unmöglichen Dingen. Die aus Kulturgründen öfters notwendige
Niederhaltung der infantilen und primitiven Ansprüche führt leicht zur
Neurose oder zum Missbrauch von narkotischen Stoffen, wie Alkohol,
Morphium, Cocain usw. In noch schwereren Fällen endet der Zwiespalt mit
Selbstmord. Es ist eine hervorstechende Eigentümlichkeit der unbewussten
Tendenzen, dass sie nämlich in dem Masse, als sie durch bewusste
Nichtanerkennung ihrer Energien beraubt werden, einen destruktiven
Charakter annehmen, und das, sobald sie aufhören, compensatorisch zu
sein. Sie hören aber dann auf, compensatorisch zu wirken, wenn sie jenen
Tiefstand erreicht haben, der einem Kulturniveau entspricht, welches mit
dem unsrigen absolut unverträglich ist. Von diesem Augenblick an bilden
die unbewussten Tendenzen einen der bewussten Einstellung in jeder
Hinsicht entgegengesetzten Block, dessen Existenz zum offenen Konflikt
führt. Die Tatsache, dass die Einstellung des Unbewussten die des
Bewusstseins compensiert, kommt im allgemeinen im psychischen
Gleichgewicht zum Ausdruck. Eine normale extravertierte Einstellung
bedeutet natürlich niemals, dass das Individuum nun immer und überall sich
nach dem extravertierten Schema benimmt. Unter allen Umständen werden
bei demselben Individuum, viele psychologische Geschehnisse, wo der
Mechanismus der Introversion in Frage kommt, zu beobachten sein.
Extravertiert nennen wir einen Habitus ja nur, wenn der Mechanismus der
Extraversion vorwiegt. In diesem Fall ist dann stets die am meisten
differenzierte psychische Funktion in extravertierter Anwendung, während
die minderdifferenzierten Funktionen sich in introvertierter Anwendung
befinden, d. h. die höherwertige Funktion ist am meisten bewusst und
unterliegt der Bewusstseinskontrolle und der bewussten Absicht am
völligsten, während die minderdifferenzierten Funktionen auch weniger
bewusst, resp. zum Teil unbewusst sind und in weit geringerm Masse
bewusster Willkür unterworfen sind. Die höherwertige Funktion ist immer
der Ausdruck der bewussten Persönlichkeit, ihre Absicht, ihr Wille und ihre
Leistung, während die minder differenzierten Funktionen zu den Dingen
gehören, die einem passieren. Es brauchen nicht gerade lapsus linguae oder
calami oder sonstige Versehen zu sein, sondern sie können auch halben oder
dreiviertels Absichten entspringen, indem die minderdifferenzierten
Funktionen auch geringere Bewusstheit besitzen. Ein klassisches Beispiel
hiefür ist der extravertierte Gefühlstypus, der sich eines ausgezeichneten
Gefühlsrapportes mit seiner Umgebung erfreut, dem es aber passiert,

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gelegentlich Urteile von unübertrefflicher Taktlosigkeit zu äussern. Diese
Urteile entspringen seinem minderdifferenzierten und minderbewussten
Denken, das nur zum Teil unter seiner Kontrolle steht und zudem
ungenügend auf das Objekt bezogen ist, daher es als in hohem Masse
rücksichtslos wirken kann.
Die minderdifferenzierten Funktionen in der extravertierten Einstellung
verraten stets eine ausserordentlich subjektive Bedingtheit von
ausgesprochener Egozentrizität und persönlicher Voreingenommenheit,
womit sie ihren nahen Zusammenhang mit dem Unbewussten erweisen. In
ihnen tritt das Unbewusste beständig zu Tage. Man muss sich überhaupt
nicht vorstellen, dass das Unbewusste dauernd unter so und so vielen
Überlagerungen begraben liege und gewissermassen nur durch eine
mühsame Tiefbohrung entdeckt werden könne. Das Unbewusste fliesst im
Gegenteil beständig in das bewusste psychologische Geschehen ein, und
zwar in so hohem Masse, dass es dem Beobachter bisweilen schwer fällt, zu
entscheiden, welche Charaktereigenschaften der bewussten und welche der
unbewussten Persönlichkeit zuzurechnen sind. Diese Schwierigkeit tritt
hauptsächlich ein bei Personen, die sich in etwas reichlicherm Masse als
andere ausdrücken. Es hängt natürlich auch sehr ab von der Einstellung des
Beobachters, ob er mehr den bewussten oder den unbewussten Charakter
einer Persönlichkeit erfasst. Im allgemeinen wird ein urteilend eingestellter
Beobachter eher den bewussten Charakter erfassen, während ein
wahrnehmend eingestellter Beobachter mehr durch den unbewussten
Charakter beeinflusst sein wird, denn das Urteil interessiert sich mehr für
die bewusste Motivierung des psychischen Geschehens, während die
Wahrnehmung mehr das blosse Geschehen registriert. Insofern wir aber
Wahrnehmung und Urteil in gleichem Masse verwenden, kann es uns leicht
geschehen, dass uns eine Persönlichkeit zugleich als introvertiert und
extravertiert vorkommt, ohne dass wir zunächst anzugeben wüssten,
welcher Einstellung die höherwertige Funktion zugehört. In solchen Fällen
kann nur eine gründliche Analyse der Funktionseigenschaften zu einer
gültigen Auffassung verhelfen. Dabei ist zu beachten, welche Funktion der
Bewusstseinskontrolle und -motivation gänzlich unterstellt ist, und welche
Funktionen den Charakter des Zufälligen und Spontanen haben. Die erstere
Funktion ist immer höher differenziert als die letztern, die zudem etwas
infantile und primitive Eigenschaften besitzen. Gelegentlich macht die

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erstere Funktion den Eindruck der Normalität, während letztere etwas
Abnormes oder Pathologisches an sich haben.

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III. Die Besonderheiten der psychologischen Grundfunktionen
in der extravertierten Einstellung.

1. Das Denken.

Infolge der extravertierten Gesamteinstellung orientiert sich das Denken
nach dem Objekt und den objektiven Daten. Diese Orientierung des
Denkens ergibt eine ausgesprochene Eigentümlichkeit.
Das Denken überhaupt wird einerseits aus subjektiven, in letzter Linie
unbewussten Quellen gespeist, andererseits aus den durch die
Sinnesperceptionen vermittelten objektiven Daten. Das extravertierte
Denken ist in höherm Masse von diesen letztern Faktoren bestimmt, als von
den erstern. Das Urteil setzt immer einen Masstab voraus; für das
extravertierte Urteil ist hauptsächlich der von objektiven Verhältnissen
entlehnte Masstab der gültige und bestimmende, gleichgültig, ob er direkt
durch eine objektive, sinnlich wahrnehmbare Tatsache, oder durch eine
objektive Idee dargestellt wird, denn eine objektive Idee ist ebenfalls etwas
äusserlich Gegebenes und von aussen Entlehntes, auch wenn sie subjektiv
gebilligt wird. Das extravertierte Denken braucht daher keineswegs ein rein
concretes Tatsachendenken zu sein, sondern kann ebensowohl auch ein rein
ideelles Denken sein, insofern nur nachgewiesen ist, dass die Ideen, mit
denen gedacht wird, in höherm Masse von aussen entlehnt, d. h. durch
Tradition, Erziehung und Bildungsgang vermittelt sind. Das Kriterium der
Beurteilung, ob ein Denken extravertiert sei, besteht also zunächst in der
Frage, nach welchem Masstab sich das Urteilen richtet, ob er von aussen
vermittelt oder ob er subjektiven Ursprungs ist. Ein weiteres Kriterium ist
die Richtung des Schliessens, nämlich die Frage, ob das Denken vorzüglich
eine Richtung nach aussen habe oder nicht. Die Beschäftigung des Denkens
mit concreten Gegenständen ist kein Beweis für seine extravertierte Natur,
denn ich kann mich denkend mit einem concreten Gegenstande
beschäftigen, indem ich mein Denken von ihm abstrahiere oder indem ich
mein Denken durch ihn concretisiere. Wenn auch mein Denken mit
concreten Dingen beschäftigt ist und insofern als extravertiert bezeichnet
werden könnte, so bleibt es doch fraglich und charakteristisch, welche

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Richtung das Denken einschlagen wird, nämlich, ob es in seinem weitern
Verlauf wiederum zu objektiven Gegebenheiten, zu äussern Tatsachen oder
allgemeinen, bereits gegebenen Begriffen führe, oder nicht. Für das
praktische Denken des Kaufmanns, des Technikers, des
naturwissenschaftlichen Forschers ist die Richtung auf das Objekt ohne
weiteres ersichtlich. Beim Denken des Philosophen kann ein Zweifel
bestehen, wenn die Richtung seines Denkens auf Ideen abzielt. In diesem
Falle muss einerseits untersucht werden, ob diese Ideen lediglich
Abstraktionen aus Erfahrungen am Objekte sind und somit nichts anderes
darstellen, als höhere Collektivbegriffe, welche eine Summe objektiver
Tatsachen in sich begreifen; andererseits muss untersucht werden, ob diese
Ideen (wenn sie nämlich nicht als Abstraktionen aus unmittelbaren
Erfahrungen ersichtlich sind), etwa durch Tradition überkommen oder der
geistigen Umwelt entlehnt sind. Ist diese Frage zu bejahen, so gehören
solche Ideen ebenfalls in die Kategorie objektiver Gegebenheiten, und
somit ist auch dieses Denken als extravertiert zu bezeichnen.
Trotzdem ich mir vorgenommen habe, das Wesen des introvertierten
Denkens nicht hier, sondern in einem spätern Abschnitt darzustellen, so
erscheint es mir doch unerlässlich, schon hier einige Angaben darüber zu
machen. Denn, wenn man sich genau überlegt, was ich eben über das
extravertierte Denken sagte, so kann man unschwer zum Schluss gelangen,
dass ich damit wohl überhaupt alles meine, was man unter Denken versteht.
Ein Denken, das weder auf objektive Tatsachen, noch auf allgemeine Ideen
ziele, verdiene, könnte man sagen, nicht den Namen „Denken“. Ich bin mir
dessen bewusst, dass unsere Zeit und ihre vorzüglichen Repräsentanten nur
den extravertierten Typus des Denkens kennen und anerkennen. Dieses
rührt einesteils daher, dass in der Regel alles Denken, das an der Oberfläche
der Welt sichtbar wird in Form von Wissenschaft und Philosophie oder auch
von Kunst entweder direkt vom Objekte stammt oder in die allgemeinen
Ideen mündet. Aus beiderlei Gründen erscheint es, wenn auch nicht immer
als evident, so doch im wesentlichen als verstehbar und mithin als relativ
gültig. In diesem Sinn lässt sich sagen, dass eigentlich nur der extravertierte
Intellekt, nämlich eben der, der sich am objektiv Gegebenen orientiert,
bekannt sei. Nun aber gibt es — und damit komme ich auf den
introvertierten Intellekt zu sprechen — auch eine ganz andere Art des
Denkens, dem man sogar schwerlich den Namen „Denken“ versagen kann,
nämlich eine Art, die sich weder an der unmittelbaren objektiven Erfahrung

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noch an allgemeinen und objektiv vermittelten Ideen orientiert. Ich gelange
zu dieser andern Art des Denkens auf folgende Weise: Wenn ich mich mit
einem concreten Objekte oder mit einer allgemeinen Idee gedanklich
befasse, und zwar in der Weise, dass die Richtung meines Denkens in
letzter Linie wieder zu meinen Gegenständen zurückführt, so ist dieser
intellektuelle Vorgang nicht der einzige psychische Prozess, der momentan
in mir stattfindet. Ich sehe ab von allen möglichen Empfindungen und
Gefühlen, die sich neben meinem Gedankengang mehr oder weniger
störend bemerkbar machen, und hebe hervor, dass mein vom objektiv
Gegebenen ausgehender und zum Objektiven hinstrebender Gedankengang
auch beständig in Beziehung zum Subjekt steht. Diese Beziehung ist eine
conditio sine qua non, denn ohne sie fände überhaupt kein Gedankengang
statt. Wenn schon mein Gedankengang so viel wie nur möglich sich nach
dem objektiv Gegebenen richtet, so ist es doch mein subjektiver
Gedankengang, der die Einmischung des Subjektiven weder vermeiden
noch ihrer entraten kann. Wenn ich schon darnach trachte, meinem
Gedankengang in jeder Hinsicht objektive Richtung zu geben, so kann ich
doch den subjektiven Parallelvorgang und dessen durchgehende
Anteilnahme nicht hindern, ohne meinem Gedankengang das Lebenslicht
auszublasen. Dieser subjektive Parallelvorgang hat die natürliche und nur
mehr oder weniger vermeidbare Tendenz, das objektiv Gegebene zu
subjektivieren, d. h. ans Subjekt zu assimilieren. Fällt nun der Hauptakzent
auf den subjektiven Vorgang, so entsteht jene andere Art des Denkens, die
dem extravertierten Typus gegenüber steht, nämlich die am Subjekt und am
subjektiv Gegebenen orientierte Richtung, die ich als introvertiert
bezeichne. Aus dieser andern Orientierung entsteht ein Denken, das weder
von objektiven Tatsachen determiniert, noch auf objektiv Gegebenes
gerichtet ist, ein Denken also, das von subjektiv Gegebenem ausgeht und
auf subjektive Ideen oder Tatsachen subjektiver Natur sich richtet. Ich will
hier nicht weiter auf dieses Denken eingehen, sondern nur sein
Vorhandensein feststellen, um damit das den extravertierten Gedankengang
notwendig ergänzende Stück zu geben und damit sein Wesen zu klären. Das
extravertierte Denken kommt somit nur dadurch zustande, dass der
objektiven Orientierung ein gewisses Übergewicht zufällt. Dieser Umstand
ändert nichts an der Logik des Denkens, sondern er macht bloss jenen von
James als Temperamentfrage aufgefassten Unterschied zwischen den
Denkern aus. Mit der Orientierung nach dem Objekt ist, wie gesagt, am

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Wesen der Denkfunktion nichts geändert, wohl aber an seiner Erscheinung.
Da es sich am objektiv Gegebenen orientiert, so erscheint es als an das
Objekt gebannt, als ob es ohne die äussere Orientierung gar nicht bestehen
könnte. Es erscheint quasi im Gefolge äusserer Tatsachen, oder es scheint
seine Höhe erreicht zu haben, wenn es in eine allgemein gültige Idee
einmünden kann. Es scheint stets durch objektiv Gegebenes bewirkt zu sein
und seine Schlüsse nur mit dessen Zustimmung ziehen zu können. Es
erweckt daher den Eindruck der Unfreiheit und bisweilen der
Kurzsichtigkeit trotz aller Behendigkeit in dem von objektiven Grenzen
beschränkten Räume.
Was ich hier beschreibe, ist der blosse Eindruck der Erscheinung des
extravertierten Denkens auf den Beobachter, der bereits schon deshalb auf
einem andern Standpunkt stehen muss, weil er sonst die Erscheinung des
extravertierten Denkens gar nicht beobachten könnte. Infolge seines andern
Standpunktes sieht er auch bloss die Erscheinung und nicht deren Wesen.
Wer aber im Wesen dieses Denkens selber drin steht, vermag wohl sein
Wesen, nicht aber seine Erscheinung zu erfassen. Die Beurteilung nach der
blossen Erscheinung kann dem Wesen nicht gerecht werden, daher sie meist
entwertend ausfällt. Dem Wesen nach aber ist dieses Denken nicht minder
fruchtbar und schöpferisch als das introvertierte Denken, nur dient sein
Können andern Zielen als dieses. Dieser Unterschied wird dann besonders
fühlbar, wenn das extravertierte Denken sich eines Stoffes, der ein
spezifischer Gegenstand des subjektiv orientierten Denkens ist, bemächtigt.
Dieser Fall tritt ein, wenn z. B. eine subjektive Überzeugung analytisch aus
objektiven Tatsachen oder als Folge und Ableitung aus objektiven Ideen
erklärt wird. Noch offenkundiger für unser naturwissenschaftlich
orientiertes Bewusstsein aber wird der Unterschied der beiden Denkarten,
wenn das subjektiv orientierte Denken den Versuch macht, objektiv
Gegebenes in objektiv nicht gegebene Zusammenhänge zu bringen, d. h.
einer subjektiven Idee zu unterstellen. Beides wird als Übergriff empfunden
und dabei tritt dann jene Schattenwirkung hervor, welche die beiden
Denkarten aufeinander haben. Das subjektiv orientierte Denken erscheint
dann als reine Willkür, das extravertierte Denken dagegen als platte und
banale Incommensurabilität. Deshalb befehden sich die beiden Standpunkte
unaufhörlich. Man könnte meinen, dieser Streit wäre dadurch leicht zu
beendigen, dass man die Gegenstände subjektiver von denjenigen
objektiver Natur reinlich schiede. Diese Scheidung ist leider ein Ding der

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Unmöglichkeit, obschon nicht wenige sie durchzuführen versucht haben.
Und wenn diese Scheidung auch möglich wäre, so wäre sie ein grosses
Unheil, indem beide Orientierungen an sich einseitig und nur von
beschränkter Gültigkeit sind, und darum eben ihrer gegenseitigen
Beeinflussung bedürfen. Wenn das objektiv Gegebene das Denken in
irgendwie höherm Masse unter seinen Einfluss bringt, so sterilisiert es das
Denken, indem letzteres zu einem blossen Anhängsel des objektiv
Gegebenen erniedrigt wird, sodass es in keinerlei Hinsicht mehr imstande
ist, sich vom objektiv Gegebenen bis zur Herstellung eines abgezogenen
Begriffes zu befreien. Der Prozess des Denkens beschränkt sich dann auf
ein blosses „Nachdenken“, nicht etwa im Sinne von „Überlegung“, sondern
im Sinne von blosser Imitation, die im wesentlichen durchaus nichts
anderes besagt, als was im objektiv Gegebenen allbereits ersichtlich und
unmittelbar vorlag. Ein solcher Denkprozess führt natürlich zum objektiv
Gegebenen unmittelbar zurück, aber niemals darüber hinaus, also nicht
einmal zum Anschluss der Erfahrung an eine objektive Idee; und
umgekehrt, wenn dieses Denken eine objektive Idee zum Gegenstand hat,
so wird es nicht imstande sein, die praktische Einzelerfahrung zu erreichen,
sondern es wird in einem mehr oder weniger tautologischen Zustand
verharren. Hiefür liefert die materialistische Mentalität einleuchtende
Beispiele.
Wenn das extravertierte Denken infolge einer verstärkten Determination
durch das Objekt dem objektiv Gegebenen unterliegt, so verliert es sich
einerseits gänzlich in der Einzelerfahrung und erzeugt eine Anhäufung
unverdauter empirischer Materialien. Die bedrückende Masse mehr oder
weniger zusammenhangsloser Einzelerfahrungen schafft einen Zustand
gedanklicher Dissociation, der in der Regel auf der andern Seite eine
psychologische Compensation erfordert. Diese besteht in einer ebenso
einfachen wie allgemeinen Idee, welche dem aufgehäuften, aber innerlich
unverbundenen Ganzen einen Zusammenhang geben, oder wenigstens die
Ahnung eines solchen vermitteln soll. Passende Ideen zu diesem Zweck
sind etwa „Materie“ oder „Energie“. Hängt aber das Denken nicht in erster
Linie zu viel an äussern Tatsachen, sondern an einer überkommenen Idee,
so entsteht aus Compensation der Armut dieses Gedankens eine umso
eindrucksvollere Anhäufung von Tatsachen, die eben einseitig nach einem
relativ beschränkten und sterilen Gesichtspunkt gruppiert sind, wobei
regelmässig viel wertvollere und sinnreichere Aspekte der Dinge gänzlich

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verloren gehen. Die schwindelerregende Fülle der sogenannten
wissenschaftlichen Literatur unserer Tage verdankt, zu einem leider hohen
Prozentsatz, ihre Existenz dieser Misorientierung.

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2. Der extravertierte Denktypus.

Wie die Erfahrung zeigt, haben die psychologischen Grundfunktionen in
einem und demselben Individuum selten oder so gut wie nie alle dieselbe
Stärke oder denselben Entwicklungsgrad. In der Regel überwiegt die eine
oder andere Funktion sowohl an Stärke wie an Entwicklung. Wenn nun dem
Denken das Primat unter den psychologischen Funktionen zufällt, d. h.
wenn das Individuum seine Lebensleistung hauptsächlich unter der Führung
denkender Überlegung vollbringt, sodass alle irgendwie wichtigen
Handlungen aus intellektuell gedachten Motiven hervorgehen oder doch
wenigstens der Tendenz gemäss hervorgehen sollten, so handelt es sich um
einen Denktypus. Ein solcher Typus kann introvertiert oder extravertiert
sein: Wir beschäftigen uns hier zunächst mit dem extravertierten
Denktypus. Dieser wird also, der Definition gemäss, ein Mensch sein, der
das Bestreben hat — natürlich nur, insofern er ein reiner Typus ist — seine
gesammte Lebensäusserung in die Abhängigkeit von intellektuellen
Schlüssen zu bringen, die sich in letzter Linie stets am objektiv Gegebenen,
entweder an objektiven Tatsachen oder allgemein gültigen Ideen
orientieren. Dieser Typus Mensch verleiht nicht nur sich selber, sondern
auch seiner Umgebung gegenüber der objektiven Tatsächlichkeit, resp. ihrer
objektiv orientierten intellektuellen Formel die ausschlaggebende Macht.
An dieser Formel wird Gut und Böse gemessen, wird schön und hässlich
bestimmt. Richtig ist alles, was dieser Formel entspricht, unrichtig, was ihr
widerspricht, und zufällig, was indifferent neben ihr herläuft. Weil diese
Formel dem Weltsinn entsprechend erscheint, so wird sie auch zum
Weltgesetz, das immer und überall zur Verwirklichung gelangen muss im
einzelnen sowohl wie im allgemeinen. Wie der extravertierte Denktypus
sich seiner Formel unterordnet, so muss es auch seine Umgebung tun zu
ihrem eigenen Heile, denn wer es nicht tut, ist unrichtig, er widerstrebt dem
Weltgesetz, ist daher unvernünftig, unmoralisch und gewissenlos. Seine
Moral verbietet dem extravertierten Denktypus Ausnahmen zu dulden, denn
sein Ideal muss unter allen Umständen Wirklichkeit werden, denn es ist,
wie es ihm erscheint, reinste Formulierung objektiver Tatsächlichkeit und
muss daher auch allgemein gültige Wahrheit sein, unerlässlich zum Heile
der Menschheit. Dies nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern vom höhern
Gesichtspunkt der Gerechtigkeit und Wahrheit aus. Alles, was in seiner

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eigenen Natur dieser Formel als widersprechend empfunden wird, ist bloss
Unvollkommenheit, ein zufälliges Versagen, das bei nächster Gelegenheit
ausgemerzt sein wird, oder wenn dies nicht gelingt, so ist es krankhaft.
Wenn die Toleranz mit dem Kranken, Leidenden und Abnormen einen
Bestandteil der Formel bilden sollte, so wird dafür eine spezielle
Einrichtung getroffen, z. B. Rettungsanstalten, Spitäler, Gefängnisse,
Kolonien etc. resp. Pläne und Entwürfe dazu. Zur wirklichen Ausführung
reicht das Motiv der Gerechtigkeit und Wahrheit in der Regel nicht aus, es
bedarf dazu noch der wirklichen Nächstenliebe, die mehr mit dem Gefühl
zu tun hat, als mit einer intellektuellen Formel. Das „man sollte eigentlich“
oder „man müsste“ spielt eine grosse Rolle. Ist die Formel aber weit genug,
so kann dieser Typus als Reformator, als öffentlicher Ankläger und
Gewissensreiniger oder als Propagator wichtiger Neuerungen eine dem
sozialen Leben äusserst nützliche Rolle spielen. Je enger aber die Formel
ist, desto mehr wird dieser Typus zum Nörgler, Vernünftler und
selbstgerechten Kritiker, der sich und andere in ein Schema pressen möchte.
Damit sind zwei Endpunkte angegeben, zwischen denen sich die Mehrzahl
dieser Typen bewegt.
Entsprechend dem Wesen der extravertierten Einstellung sind die
Wirkungen und Äusserungen dieser Persönlichkeiten umso günstiger oder
besser, je weiter aussen sie liegen. Ihr bester Aspekt findet sich an der
Peripherie ihrer Wirkungssphäre. Je tiefer man in ihren Machtbereich
eindringt, desto mehr machen sich ungünstige Folgen ihrer Tyrannei
bemerkbar. An der Peripherie pulsiert noch anderes Leben, das die Wahrheit
der Formel als schätzenswerte Zugabe zum übrigen empfindet. Je tiefer
man aber in den Machtbereich der Formel eintritt, desto mehr stirbt alles
Leben ab, das der Formel nicht entspricht. Am meisten bekommen die
eigenen Angehörigen die übeln Folgen einer extravertierten Formel zu
kosten, denn sie sind die ersten, die unerbittlich damit beglückt werden. Am
allermeisten aber leidet darunter das Subjekt selber, und damit kommen wir
nun zur andern Seite der Psychologie dieses Typus.
Der Umstand, dass es keine intellektuelle Formel je gegeben hat, noch
je geben wird, welche die Fülle des Lebens und seiner Möglichkeiten in
sich fassen und passend ausdrücken könnte, bewirkt eine Hemmung, resp.
Ausschliessung anderer wichtiger Lebensformen und Lebensbetätigungen.
In erster Linie werden es bei diesem Typus Mensch alle vom Gefühl

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abhängigen Lebensformen sein, welche der Unterdrückung verfallen, also
z. B. ästhetische Betätigungen, der Geschmack, der Kunstsinn, die Pflege
der Freundschaft usw. Irrationale Formen, wie religiöse Erfahrungen,
Leidenschaften und dergleichen sind oft bis zur völligen Unbewusstheit
ausgetilgt. Diese unter Umständen ausserordentlich wichtigen
Lebensformen fristen ein zum grössten Teil unbewusstes Dasein. Obschon
es Ausnahmemenschen gibt, die ihr ganzes Leben einer bestimmten Formel
zum Opfer bringen können, so sind doch die meisten nicht imstande, eine
solche Ausschliesslichkeit auf die Dauer zu leben. Früher oder später — je
nach äussern Umständen und innerer Veranlagung — werden sich die durch
die intellektuelle Einstellung verdrängten Lebensformen indirekt bemerkbar
machen, indem sie die bewusste Lebensführung stören. Erreicht diese
Störung einen erheblichen Grad, so spricht man von einer Neurose. In den
meisten Fällen kommt es allerdings nicht so weit, indem das Individuum
instinktiv einige präventive Milderungen der Formel sich gestattet,
allerdings mittels einer passenden vernünftigen Einkleidung. Damit ist ein
Sicherheitsventil geschaffen.
Infolge der relativen oder gänzlichen Unbewusstheit der von der
bewussten Einstellung ausgeschlossenen Tendenzen und Funktionen
bleiben diese in einem relativ unentwickelten Zustand stecken. Sie sind
gegenüber der bewussten Funktion minderwertig. Insoweit sie unbewusst
sind, sind sie mit den übrigen Inhalten des Unbewussten verschmolzen,
wodurch sie einen bizarren Charakter annehmen. Insoweit sie bewusst sind,
spielen sie eine sekundäre Rolle, wenn schon sie für das psychologische
Gesamtbild von beträchtlicher Bedeutung sind. Von der vom Bewusstsein
ausgehenden Hemmung sind in erster Linie die Gefühle betroffen, denn sie
widersprechen am ehesten einer starren intellektuellen Formel, daher sie
auch am intensivsten verdrängt werden. Ganz ausgeschaltet kann keine
Funktion werden, sondern bloss erheblich entstellt. Soweit sich die Gefühle
willkürlich formen und unterordnen lassen, müssen sie die intellektuelle
Bewusstseinseinstellung unterstützen und ihren Absichten sich anpassen.
Dies ist aber nur bis zu einem gewissen Grade möglich; ein Teil des
Gefühles bleibt unbotmässig und muss deshalb verdrängt werden. Gelingt
die Verdrängung, so entschwindet es dem Bewusstsein und entfaltet dann
unter der Schwelle des Bewusstseins eine den bewussten Absichten
zuwiderlaufende Tätigkeit, welche unter Umständen Effekte erzielt, deren
Zustandekommen dem Individuum ein völliges Rätsel ist. So wird z. B. der

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bewusste oft außerordentliche Altruismus durchkreuzt von einer
heimlichen, dem Individuum selber verborgenen Selbstsucht, welche im
Grunde genommen uneigennützigen Handlungen den Stempel der
Eigennützigkeit aufdrückt. Reine ethische Absichten können das
Individuum in kritische Situationen führen, wo es bisweilen mehr als bloss
den Anschein hat, als ob ganz andere als ethische Motive ausschlaggebend
wären. Es sind freiwillige Retter oder Sittenwächter, welche plötzlich selber
als rettungsbedürftig oder als compromittiert erscheinen. Ihre
Rettungsabsicht führt sie gerne zum Gebrauche von Mitteln, die geeignet
sind, eben das herbeizuführen, was man vermeiden wollte. Es gibt
extravertierte Idealisten, welche ihrem Ideal dermassen zur Verwirklichung
zum Heile der Menschen verhelfen wollen, dass sie selbst vor Lügen und
sonstigen unredlichen Mitteln nicht zurückschrecken. Es gibt in der
Wissenschaft mehrere peinliche Beispiele, wo hochverdiente Forscher aus
tiefster Überzeugung von der Wahrheit und Allgemeingültigkeit ihrer
Formel Fälschungen von Belegen zu Gunsten ihres Ideales begangen haben.
Dies nach der Formel: Der Zweck heiligt die Mittel. Nur eine
minderwertige Gefühlsfunktion, die unbewusst verführend am Werke ist,
kann solche Verirrungen bei sonst hochstehenden Menschen bewirken.
Die Minderwertigkeit des Gefühls bei diesem Typus äussert sich auch
noch in anderer Weise. Die bewusste Einstellung ist, wie es der
vorherrschenden sachlichen Formel entspricht, mehr oder weniger
unpersönlich, oft in dem Masse, dass die persönlichen Interessen erheblich
darunter leiden. Ist die bewusste Einstellung extrem, so fallen alle
persönlichen Rücksichten fort, auch solche gegen die eigene Person. Die
eigene Gesundheit wird vernachlässigt, die soziale Position gerät in Verfall,
die eigene Familie wird oft in ihren vitalsten Interessen vergewaltigt,
gesundheitlich, finanziell und moralisch geschädigt, alles im Dienste des
Ideals. Auf alle Fälle leidet die persönliche Anteilnahme am andern,
insofern dieser nicht zufällig ein Förderer derselben Formel ist. Es kommt
daher nicht selten vor, dass die engere Familie, z. B. gerade die eigenen
Kinder einen solchen Vater nur als grausamen Tyrannen kennen, während
die weitere Umgebung vom Ruhme seiner Menschlichkeit widerhallt. Nicht
etwa trotz, sondern gerade wegen der hohen Unpersönlichkeit der
bewussten Einstellung sind die Gefühle unbewusst ausserordentlich
persönlich empfindlich und verursachen gewisse heimliche Vorurteile,
namentlich eine gewisse Bereitschaft, z. B. eine objektive Opposition gegen

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die Formel als ein persönliches Übelwollen zu missverstehen, oder stets
eine negative Voraussetzung von den Qualitäten anderer zu machen, um
deren Argumente im voraus zu entkräften, natürlich zum Schutz der eigenen
Empfindlichkeit. Durch die unbewusste Empfindlichkeit wird sehr oft der
Ton der Sprache verschärft, zugespitzt, aggressiv. Insinuationen kommen
häufig vor. Die Gefühle haben den Charakter des Nachträglichen und
Nachhinkenden, wie es einer minderwertigen Funktion entspricht. Daher
besteht eine ausgesprochene Anlage zum Ressentiment. So grosszügig die
individuelle Aufopferung für das intellektuelle Ziel auch sein mag, so
kleinlich misstrauisch, launisch und konservativ sind die Gefühle. Alles
Neue, das nicht in der Formel schon enthalten ist, wird durch einen Schleier
von unbewusstem Hass angesehen und dementsprechend beurteilt. Es ist
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorgekommen, dass ein wegen
seiner Menschenfreundlichkeit berühmter Mediziner einen Assistenten
fortzuschicken drohte, weil dieser ein Thermometer gebrauchte; denn die
Formel lautet: das Fieber erkennt man am Pulse. Ähnliche Fälle gibt es
bekanntlich eine Menge. Je stärker die Gefühle verdrängt sind, desto
schlimmer und heimlicher beeinflussen sie das Denken, das sonst in
tadelloser Verfassung sein kann. Der intellektuelle Standpunkt, der
vielleicht um seines ihm tatsächlich zukommenden Wertes willen auf eine
allgemeine Anerkennung Anspruch erheben dürfte, erfährt durch den
Einfluss der unbewussten persönlichen Empfindlichkeit eine
charakteristische Veränderung: er wird dogmatisch-starr. Die
Selbstbehauptung der Persönlichkeit wird auf ihn übertragen. Die Wahrheit
wird ihrer natürlichen Wirkung nicht mehr überlassen, sondern durch die
Identifikation des Subjektes mit ihr wird sie behandelt wie ein
empfindsames Püppchen, dem ein böser Kritiker ein Leid angetan hat. Der
Kritiker wird heruntergerissen, womöglich noch mit persönlichen
Invektiven, und kein Argument ist unter Umständen schlecht genug, um
nicht verwendet zu werden. Die Wahrheit muss vorgeführt werden, bis es
dem Publikum anfängt klar zu werden, dass es sich offenbar weniger um
die Wahrheit, als um ihren persönlichen Erzeuger handelt.
Der Dogmatismus des intellektuellen Standpunktes erfährt aber
bisweilen durch die unbewusste Einmischung der unbewussten
persönlichen Gefühle noch weitere eigentümliche Veränderungen, welche
weniger auf dem Gefühl sensu strictiori beruhen, als vielmehr auf der
Beimischung von andern unbewussten Faktoren, die mit dem verdrängten

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Gefühl im Unbewussten verschmolzen sind. Trotzdem die Vernunft selber
beweist, dass jede intellektuelle Formel nur eine beschränkt gültige
Wahrheit sein und deshalb niemals einen Anspruch auf Alleinherrschaft
erheben kann, so nimmt die Formel praktisch doch ein solches Übergewicht
an, dass alle andern Standpunkte und Möglichkeiten neben ihr in den
Hintergrund treten. Sie ersetzt jede allgemeinere, unbestimmtere und daher
bescheidenere und wahrere Weltanschauung. Sie tritt daher auch an die
Stelle jener allgemeinen Anschauung, die man als Religion bezeichnet.
Dadurch wird die Formel zur Religion, auch wenn sie es dem Wesen nach
nicht im Geringsten mit etwas Religiösem zu tun hat. Damit gewinnt sie
auch den der Religion wesentlichen Charakter der Unbedingtheit. Sie wird
sozusagen zum intellektuellen Aberglauben. Alle jene psychologischen
Tendenzen jedoch, die durch sie verdrängt werden, sammeln sich als
Gegenposition im Unbewussten an und bewirken Anwandlungen von
Zweifel. Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch,
denn Fanatismus ist nichts anderes als übercompensierter Zweifel. Diese
Entwicklung führt schliesslich zu einer übertrieben verteidigten bewussten
Position und zur Ausbildung einer absolut gegensätzlichen unbewussten
Position, welche z. B. im Gegensatz zum bewussten Rationalismus äusserst
irrational, im Gegensatz zur modernen Wissenschaftlichkeit des bewussten
Standpunktes äusserst archaïsch und abergläubisch ist. Infolgedessen
passieren dann jene aus der Geschichte der Wissenschaften bekannten
bornierten und lächerlichen Ansichten, über die viele hochverdiente
Forscher schliesslich gestolpert sind. Manchmal verkörpert sich die
unbewusste Seite bei einem solchen Mann in einer Frau.
Dieser dem Leser gewiss wohlbekannte Typus findet sich nach meiner
Erfahrung hauptsächlich bei Männern, wie überhaupt das Denken eine
Funktion ist, die beim Manne weit eher zur Vorherrschaft geeignet ist, als
bei der Frau. Wenn bei Frauen das Denken zur Herrschaft gelangt, so
handelt es sich, soweit ich sehen kann, wohl meistens um ein Denken, das
im Gefolge einer überwiegend intuitiven Geistestätigkeit steht.
Das Denken des extravertierten Denktypus ist positiv, d. h. es erschafft.
Es führt entweder zu neuen Tatsachen oder zu allgemeinen Auffassungen
disparater Erfahrungsmaterialien. Sein Urteil ist im allgemeinen
synthetisch. Auch wenn es zerlegt, so baut es auf, indem es immer über die
Auflösung hinausgeht zu einer neuen Zusammensetzung, zu einer andern

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Auffassung, die das Zerlegte in anderer Weise wieder vereinigt, oder indem
es dem gegebenen Stoff etwas weiteres hinzufügt. Man könnte diese Art des
Urteils daher auch im allgemeinen als prädikativ bezeichnen. Jedenfalls ist
es charakteristisch, dass es niemals absolut entwertend oder destruktiv ist,
sondern immer einen zerstörten Wert durch einen andern ersetzt. Diese
Eigenschaft kommt daher, dass das Denken eines Denktypus sozusagen der
Kanal ist, in dem seine Lebensenergie hauptsächlich fliesst. Das stetig
fortschreitende Leben manifestiert sich in seinem Denken, wodurch sein
Gedanke progressiven, zeugenden Charakter erhält. Sein Denken ist nicht
stagnierend oder gar regressiv. Diese letztern Eigenschaften nimmt aber das
Denken an, wenn ihm das Primat im Bewusstsein nicht zukommt. Da es in
diesem Fall relativ bedeutungslos ist, so mangelt ihm auch der Charakter
einer positiven Lebenstätigkeit. Es folgt andern Funktionen nach; es wird
epimetheisch, indem es quasi zum Treppenwitz wird, der sich stets damit
begnügt, das Vorangegangene und bereits Geschehene ruminierend
nachzudenken, es zu zergliedern und zu verdauen. Da in diesem Fall das
Schöpferische in einer andern Funktion liegt, so ist das Denken nicht mehr
progressiv, sondern stagnierend. Sein Urteil nimmt einen ausgesprochenen
Inhärenzcharakter an, d. h. es beschränkt sich ganz auf den Umfang seines
vorliegenden Stoffes, ihn nirgends überschreitend. Es genügt sich mit mehr
oder weniger abstrakter Konstatierung, ohne dem Erfahrungsstoffe einen
Wert zu erteilen, der nicht bereits von vornherein in ihm läge. Das
Inhärenzurteil des extravertierten Denkens ist am Objekte orientiert, d. h.
seine Konstatierung erfolgt immer im Sinne einer objektiven Bedeutung der
Erfahrung. Es bleibt daher nicht nur unter dem orientierenden Einfluss des
objektiv Gegebenen, sondern es bleibt sogar im Banne der einzelnen
Erfahrung und sagt über diese nichts aus, was nicht schon bereits durch sie
gegeben ist. Man kann dieses Denken leicht beobachten bei Leuten, die es
nicht unterlassen können, hinter einen Eindruck oder eine Erfahrung eine
vernünftige und zweifellos sehr gültige Bemerkung zu setzen, die aber in
nichts über den gegebenen Umfang der Erfahrung hinausgeht. Eine solche
Bemerkung besagt im Grunde nur: „Ich habe es verstanden, ich kann es
nachdenken.“ Aber dabei hat es auch sein Bewenden. Ein solches Urteil
bedeutet höchstens die Einreihung einer Erfahrung in einen objektiven
Zusammenhang, wobei aber die Erfahrung schon ohne weiteres, als in
diesen Rahmen gehörig, ersichtlich ist.

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Besitzt aber eine andere Funktion als das Denken das
Bewusstseinsprimat in einem irgendwie höhern Grade, so nimmt das
Denken, soweit es dann überhaupt bewusst ist, und soweit es sich nicht in
direkter Abhängigkeit von der vorherrschenden Funktion befindet,
negativen Charakter an. So weit das Denken der vorherrschenden Funktion
untergeordnet ist, kann es allerdings als positiv erscheinen, aber eine nähere
Untersuchung kann unschwer nachweisen, dass es einfach die
vorherrschende Funktion nachspricht, sie mit Argumenten stützt, oft in
unverkennbarem Widerspruch mit den dem Denken eigenen Gesetzen der
Logik. Dieses Denken fällt also für unsere vorliegende Betrachtung fort.
Wir beschäftigen uns vielmehr mit der Beschaffenheit jenes Denkens, das
sich dem Primat einer andern Funktion nicht unterordnen kann, sondern
seinem eigenen Prinzip treu bleibt. Die Beobachtung und Untersuchung
dieses Denkens ist schwierig, weil es im concreten Fall stets mehr oder
weniger verdrängt ist durch die Einstellung des Bewusstseins. Es muss
daher meistens erst aus den Hintergründen des Bewusstseins hervorgeholt
werden, wenn es nicht zufälligerweise in einem unbewachten Moment
einmal an die Oberfläche kommt. Meist muss man es mit der Frage
hervorlocken: „Aber was denken Sie denn eigentlich, im Grunde
genommen und so ganz bei Ihnen von der Sache?“ Oder man muss sogar zu
einer List greifen und die Frage etwa so formulieren: „Was denken Sie
denn, dass ich von dieser Sache denke?“ Diese letztere Form muss nämlich
dann gewählt werden, wenn das eigentliche Denken unbewusst und darum
projiziert ist. Das Denken, das auf diese Weise an die Oberfläche des
Bewusstseins gelockt wird, hat charakteristische Eigenschaften, um
derentwillen ich es eben als negativ bezeichne. Sein Habitus ist am besten
gekennzeichnet durch die beiden Worte „nichts als“. Goethe hat dieses
Denken in der Figur des Mephistopheles personifiziert. Vor allem zeigt es
die Tendenz, den Gegenstand seines Urteilens auf irgend eine Banalität
zurückzuführen und ihn einer eigenen selbständigen Bedeutung zu
entkleiden. Dies geschieht dadurch, dass er als in Abhängigkeit von einer
andern banalen Sache befindlich dargestellt wird. Ergibt sich zwischen zwei
Männern ein Konflikt von anscheinend sachlicher Natur, so sagt das
negative Denken: „Cherchez la femme.“ Verficht oder propagiert jemand
eine Sache, so fragt das negative Denken nicht nach der Bedeutung der
Sache, sondern: „Wieviel verdient er dabei?“ Das Moleschott
zugeschriebene Wort: „Der Mensch ist, was er isst“, gehört ebenfalls in

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dieses Kapitel, wie noch viele andere Aussprüche und Anschauungen, die
ich nicht wörtlich anzuführen brauche. Das Destruktive dieses Denkens
sowohl, wie eine gegebenenfalls beschränkte Nützlichkeit bedarf wohl
keiner weitern Erklärung. Es gibt nun aber noch eine andere Form des
negativen Denkens, die man auf den ersten Blick wohl kaum als solche
erkennen würde, und das ist das theosophische Denken, das sich heute
rapide in allen Weltteilen ausbreitet, vielleicht als eine
Reaktionserscheinung auf den Materialismus der unmittelbar
vorausgegangenen Epoche. Das theosophische Denken ist anscheinend
keineswegs reduktiv, sondern erhöht alles zu transscendenten und
weltumfassenden Ideen. Ein Traum, z. B., ist nicht mehr ein bescheidener
Traum, sondern ein Erlebnis auf einer „andern Ebene“. Die vorderhand
noch unerklärbare Tatsache der Telepathie erklärt sich sehr einfach durch
„Vibrationen“, die von einem zum andern gehen. Eine gewöhnliche nervöse
Störung ist sehr einfach dadurch erklärt, dass dem Astralkörper etwas
zugestossen ist. Gewisse anthropologische Eigentümlichkeiten der
atlantischen Küstenbewohner erklären sich leicht durch den Untergang der
Atlantis, usw. Man braucht nur ein theosophisches Buch zu öffnen, um von
der Erkenntnis erdrückt zu werden, dass alles schon erklärt ist, und dass die
„Geisteswissenschaft“ überhaupt keine Rätsel mehr übrig gelassen hat.
Diese Art des Denkens ist im Grunde genommen ebenso negativ wie das
materialistische Denken. Wenn letzteres die Psychologie als chemische
Veränderungen der Ganglienzellen oder als ein Ausstrecken und
Zurückziehen der Zellfortsätze oder als innere Sekretion auffasst, so ist dies
genau so abergläubisch wie die Theosophie. Der einzige Unterschied liegt
darin, dass der Materialismus auf die uns geläufige Physiologie reduziert,
während die Theosophie alles auf Begriffe der indischen Metaphysik bringt.
Wenn man den Traum auf einen überladenen Magen zurückführt, so ist
damit doch der Traum nicht erklärt, und wenn man die Telepathie als
„Vibration“ erklärt, so ist damit ebenso wenig gesagt. Denn was ist
„Vibration“? Beide Erklärungsmodi sind nicht nur impotent, sondern sie
sind auch destruktiv, indem sie eine ernsthafte Erforschung des Problems
dadurch verhindern, dass sie durch eine Scheinerklärung das Interesse von
der Sache abziehen und in ersterm Fall dem Magen und in letzterm Fall den
imaginären Vibrationen zuwenden. Beide Denkarten sind steril und
sterilisierend. Die negative Qualität rührt davon her, dass dieses Denken so

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unbeschreiblich billig ist, d. h. arm an zeugender und schöpferischer
Energie. Es ist ein Denken im Schlepptau anderer Funktionen.

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3. Das Fühlen.

Das Fühlen in der extravertierten Einstellung orientiert sich nach dem
objektiv Gegebenen, d. h. das Objekt ist die unerlässliche Determinante der
Art des Fühlens. Es befindet sich in Übereinstimmung mit objektiven
Werten. Wer immer das Gefühl nur als einen subjektiven Tatbestand kennt,
wird das Wesen des extravertierten Fühlens nicht ohne weiteres verstehen,
denn das extravertierte Fühlen hat sich vom subjektiven Faktor möglichst
befreit und sich dafür ganz dem Einfluss des Objektes unterworfen. Auch
wo es sich anscheinend von der Qualität des concreten Objektes als
unabhängig erweist, steht es dennoch im Banne traditioneller oder sonstwie
allgemeingültiger Werte. Ich kann mich zum Prädikat „schön“ oder „gut“
gedrängt fühlen, nicht weil ich aus subjektivem Gefühl das Objekt „schön“
oder „gut“ fände, sondern weil es passend ist, es „schön“ oder „gut“ zu
nennen; und zwar passend insofern, als ein gegenteiliges Urteil die
allgemeine Gefühlssituation irgendwie stören würde. Bei einem solchen
passenden Gefühlsurteil handelt es sich keineswegs um eine Simulation
oder gar um eine Lüge, sondern um einen Akt der Einpassung. So kann
z. B. ein Gemälde als „schön“ bezeichnet werden, weil ein in einem Salon
aufgehängtes, mit einem bekannten Namen signiertes Gemälde allgemein
als „schön“ vorausgesetzt wird, oder weil das Prädikat „hässlich“ die
Familie des glücklichen Besitzers kränken könnte, oder weil auf Seiten des
Besuchers die Intention vorhanden ist, eine angenehme Gefühlsatmosphäre
zu erzeugen, wozu es notwendig ist, dass alles als angenehm gefühlt wird.
Solche Gefühle sind nach Massgabe objektiver Determinanten gerichtet. Sie
sind als solche genuin und stellen die gesamte sichtbare Fühlfunktion dar.
Genau wie das extravertierte Denken sich subjektiver Einflüsse soviel wie
möglich entledigt, so muss auch das extravertierte Fühlen einen gewissen
Differenzierungsprozess durchlaufen, bis es von jeder subjektiven Zutat
entkleidet ist. Die durch den Gefühlsakt erfolgenden Bewertungen
entsprechen entweder direkt den objektiven Werten oder wenigstens
gewissen traditionellen und allgemein verbreiteten Wertmasstäben. Dieser
Art des Fühlens ist es zum grossen Teil zuzuschreiben, warum so viele
Leute ins Theater oder ins Konzert oder in die Kirche gehen und zwar mit
richtig abgemessenen positiven Gefühlen. Ihm sind auch die Moden zu
verdanken, und was weit wertvoller ist, die positive und verbreitete

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Unterstützung sozialer, philanthropischer und sonstiger
Kulturunternehmungen. In diesen Dingen erweist sich das extravertierte
Fühlen als schöpferischer Faktor. Ohne dieses Fühlen ist z. B. eine schöne
und harmonische Geselligkeit undenkbar. Insoweit ist das extravertierte
Fühlen eine ebenso wohltätige, vernünftig wirkende Macht, wie das
extravertierte Denken. Diese heilsame Wirkung geht aber verloren, sobald
das Objekt einen übertriebenen Einfluss gewinnt. In diesem Fall nämlich
zieht das zu extravertierte Fühlen die Persönlichkeit zu viel ins Objekt, d. h.
das Objekt assimiliert die Person, wodurch der persönliche Charakter des
Fühlens, der seinen Hauptreiz ausmacht, verloren geht. Dadurch wird
nämlich das Gefühl kalt, sachlich und unglaubwürdig. Es verrät geheime
Absicht, jedenfalls erweckt es solchen Verdacht beim unbefangenen
Beobachter. Es macht nicht mehr jenen angenehmen und erfrischenden
Eindruck, der ein genuines Fühlen stets begleitet, sondern man wittert Pose
oder Schauspielerei, wenn schon vielleicht die egozentrische Absicht noch
ganz unbewusst ist. Ein solch übertrieben extravertiertes Fühlen erfüllt zwar
ästhetische Erwartungen, aber es spricht nicht mehr zum Herzen, sondern
bloss noch zu den Sinnen, oder — noch schlimmer — bloss noch zum
Verstande. Es kann zwar eine Situation ästhetisch ausfüllen, es beschränkt
sich aber darauf und wirkt nicht darüber hinaus. Es ist steril geworden.
Schreitet dieser Prozess weiter, so entwickelt sich eine merkwürdig
widerspruchsvolle Dissociation des Fühlens: es bemächtigt sich jeglichen
Objektes mit gefühlsmässigen Bewertungen, und es werden zahlreiche
Beziehungen angeknüpft, die einander innerlich widersprechen. Da
dergleichen gar nicht möglich wäre, wenn ein einigermassen betontes
Subjekt vorhanden wäre, so werden auch die letzten Reste eines wirklich
persönlichen Standpunktes unterdrückt. Das Subjekt wird dermassen
aufgesogen in die einzelnen Fühlprozesse, dass der Beobachter den
Eindruck erhält, als ob nur noch ein Prozess des Fühlens und kein Subjekt
des Fühlens mehr vorhanden sei. Das Fühlen in diesem Zustande hat seine
ursprüngliche menschliche Wärme ganz eingebüsst, es macht den Eindruck
der Pose, des Flatterhaften, des Unzuverlässigen und in schlimmem Fällen
den Eindruck des Hysterischen.

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4. Der extravertierte Fühltypus.

Insofern das Gefühl unbestreitbar eine sichtbarere Eigentümlichkeit der
weiblichen Psychologie ist, als das Denken, so finden sich auch die
ausgesprochensten Fühltypen beim weiblichen Geschlecht. Wenn das
extravertierte Fühlen das Primat besitzt, so sprechen wir von einem
extravertierten Fühltypus. Die Beispiele, die mir bei diesem Typus
vorschweben, betreffen fast ohne Ausnahme Frauen. Diese Art Frau lebt
nach der Richtschnur ihres Gefühls. Ihr Gefühl hat sich infolge der
Erziehung zu einer eingepassten und der Bewusstseinskontrolle
unterworfenen Funktion entwickelt. In Fällen, die nicht extrem liegen, hat
das Gefühl persönlichen Charakter, obschon das Subjektive bereits in
höherm Masse unterdrückt wurde. Die Persönlichkeit erscheint daher als in
die objektiven Verhältnisse eingepasst. Die Gefühle entsprechen den
objektiven Situationen, und den allgemein gültigen Werten. Dies zeigt sich
nirgends deutlicher als in der sog. Liebeswahl: Der „passende“ Mann wird
geliebt, nicht irgend ein anderer; er ist passend, nicht etwa, weil er dem
subjektiven verborgenen Wesen der Frau durchaus zusagte — das weiss sie
meistens gar nicht —, sondern weil er in punkto Stand, Alter, Vermögen,
Grösse und Respektabilität seiner Familie allen vernünftigen
Anforderungen entspricht. Man könnte natürlich eine solche Formulierung
leicht als ironisch und entwertend ablehnen, wenn ich nicht der vollen
Überzeugung wäre, dass das Liebesgefühl dieser Frau ihrer Wahl auch
vollkommen entspricht. Es ist ächt und nicht etwa vernünftige Mache.
Solcher „vernünftigen“ Ehen gibt es unzählige, und es sind keineswegs die
schlechtesten. Solche Frauen sind gute Gefährtinnen ihrer Männer und gute
Mütter, solange ihre Männer oder Kinder die landesübliche psychische
Konstitution besitzen. „Richtig“ fühlen kann man nur dann, wenn nichts
anderes das Gefühl stört. Nichts stört aber das Fühlen so sehr wie das
Denken. Es ist daher ohne weiteres begreiflich, dass das Denken bei diesem
Typus möglichst unterdrückt wird. Damit soll nun keineswegs gesagt sein,
dass eine solche Frau überhaupt nicht denke; im Gegenteil, sie denkt
vielleicht sehr viel und sehr klug, aber ihr Denken ist niemals sui generis,
sondern ein epimetheisches Anhängsel ihres Fühlens. Was sie nicht fühlen
kann, kann sie auch bewusst nicht denken. „Ich kann doch nicht denken,
was ich nicht fühle“, sagte mir einmal ein solcher Fall in entrüstetem Tone.

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Soweit es das Gefühl erlaubt, kann sie sehr gut denken, aber jeder noch so
logische Schluss, der zu einem das Gefühl störenden Ergebnis führen
könnte, wird a limine abgelehnt. Er wird einfach nicht gedacht. Und so wird
alles, was objektiver Bewertung entsprechend gut ist, geschätzt oder
geliebt; übriges scheint bloss ausserhalb ihrer selbst zu existieren. Dieses
Bild ändert sich aber, wenn die Bedeutung des Objektes einen noch höhern
Grad erreicht. Wie ich bereits oben erläuterte, erfolgt dann eine solche
Assimilation des Subjektes an das Objekt, dass das Subjekt des Fühlens
mehr oder weniger untergeht. Das Fühlen verliert den persönlichen
Charakter, es wird Fühlen an sich, und man gewinnt den Eindruck, als ob
sich die Persönlichkeit gänzlich in das jeweilige Gefühl auflöse. Da nun im
Leben beständig Situationen miteinander abwechseln, welche verschiedene
oder sogar miteinander kontrastierende Gefühlstöne auslösen, so löst sich
die Persönlichkeit in ebenso viele verschiedene Gefühle auf. Man ist das
eine Mal dies, das andere Mal etwas ganz anderes — anscheinend; denn in
Wirklichkeit ist eine derartige Mannigfaltigkeit der Persönlichkeit etwas
Unmögliches. Die Basis des Ich bleibt doch immerhin sich selber identisch
und tritt deshalb in eine deutliche Opposition zu den wechselnden
Gefühlszuständen. Infolgedessen fühlt der Beobachter das zur Schau
getragene Gefühl nicht mehr als einen persönlichen Ausdruck des
Fühlenden, sondern vielmehr als eine Alteration seines Ich, also eine Laune.
Je nach dem Grade der Dissociation zwischen dem Ich und dem jeweiligen
Gefühlszustand treten mehr oder weniger Zeichen des Uneinsseins mit sich
selber auf, d. h. die ursprünglich compensierende Einstellung des
Unbewussten wird zur manifesten Opposition. Dies zeigt sich zunächst in
einer übertriebenen Gefühlsäusserung, z. B. in lauten und aufdringlichen
Gefühlsprädikaten, die aber eine gewisse Glaubwürdigkeit vermissen
lassen. Sie klingen hohl und überzeugen nicht. Sie lassen im Gegenteil
bereits die Möglichkeit erkennen, dass damit ein Widerstand
übercompensiert wird, und dass darum ein solches Gefühlsurteil auch ganz
anders lauten könnte. Und wenig später lautet es auch anders. Die Situation
braucht sich nur um ein weniges zu ändern, um sofort eine ganz
entgegengesetzte Bewertung desselben Objektes auf den Plan zu rufen. Das
Ergebnis einer solchen Erfahrung ist, dass der Beobachter weder das eine
noch das andere Urteil ernst nehmen kann. Er fängt an, sich sein eigenes
Urteil zu reservieren. Da es nun aber diesem Typus vor allem darauf
ankommt, einen intensiven Gefühlsrapport mit der Umgebung herzustellen,

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so werden verdoppelte Anstrengungen nötig sein, um die Reserve der
Umgebung zu überwinden. Dies verschlimmert die Situation auf dem Wege
des Circulus vitiosus. Je stärker die Gefühlsbeziehung zum Objekt betont
wird, desto mehr nähert sich die unbewusste Opposition der Oberfläche.
Wir haben bereits gesehen, dass der extravertierte Fühltypus am meisten
sein Denken unterdrückt, weil eben das Denken am ehesten geeignet ist, das
Fühlen zu stören. Aus diesem Grunde schliesst ja auch das Denken, wenn es
zu irgendwie reinen Resultaten gelangen will, am allermeisten das Fühlen
aus, denn nichts ist so geeignet, das Denken zu stören und zu verfälschen,
wie die Gefühlswerte. Das Denken des extravertierten Fühltypus ist daher,
insofern es eine selbständige Funktion ist, verdrängt. Wie ich bereits
erwähnte, ist es nicht ganz verdrängt, sondern nur insofern seine
unerbittliche Logik zu Schlüssen zwingt, die dem Gefühl nicht passen. Es
ist aber zugelassen als Diener des Gefühls, oder besser gesagt, als sein
Sklave. Sein Rückgrat ist gebrochen, es kann sich nicht selber, seinem
eigenen Gesetze gemäss, durchführen. Da es nun doch aber eine Logik und
unerbittlich richtige Schlüsse gibt, so geschehen sie auch irgendwo, aber
ausserhalb des Bewusstseins, nämlich im Unbewussten. Darum ist der
unbewusste Inhalt dieses Typus in allererster Linie ein eigenartiges Denken.
Dieses Denken ist infantil, archaïsch und negativ. Solange das bewusste
Fühlen den persönlichen Charakter bewahrt, oder mit andern Worten:
solange die Persönlichkeit nicht von den einzelnen Gefühlszuständen
aufgeschluckt wird, verhält sich das unbewusste Denken compensierend.
Wenn aber die Persönlichkeit sich dissociiert und sich in einzelne einander
widersprechende Gefühlszustände auflöst, so geht die Identität des Ich
verloren, das Subjekt wird unbewusst. Indem das Subjekt aber ins
Unbewusste gerät, associiert es sich mit dem unbewussten Denken und
verhilft dadurch dem unbewussten Denken zu gelegentlicher Bewusstheit.
Je stärker die bewusste Gefühlsbeziehung ist und je mehr sie darum das
Gefühl „ent-icht“, desto stärker wird auch die unbewusste Opposition. Dies
äussert sich darin, dass gerade um die am höchsten bewerteten Objekte sich
unbewusste Gedanken ansammeln, welche den Wert dieser Objekte
erbarmungslos herunterreissen. Das Denken im Stile des „Nichts als“ ist
hier durchaus am Platze, denn es zerstört die Übermacht des an Objekte
geketteten Gefühls. Das unbewusste Denken erreicht die Oberfläche in
Form von Einfällen, oft obsedierender Natur, deren allgemeiner Charakter
immer negativ und entwertend ist. Es gibt darum bei Frauen von diesem

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Typus Momente, wo die schlimmsten Gedanken sich gerade an diejenigen
Objekte heften, welche das Gefühl am höchsten wertet. Das negative
Denken bedient sich aller infantilen Vorurteile oder Vergleiche, die geeignet
sind, den Gefühlswert in Zweifel zu setzen, und es zieht alle primitiven
Instinkte heran, um die Gefühle für „nichts als“ erklären zu können. Es ist
mehr eine Seitenbemerkung, wenn ich hier erwähne, dass auf diese Weise
auch das collektive Unbewusste, die Gesamtheit der primordialen Bilder,
herangezogen wird, aus deren Bearbeitung sich dann wieder die
Möglichkeit einer Regeneration der Einstellung auf einer andern Basis
ergibt.
Die hauptsächlichste Neurosenform dieses Typus ist die Hysterie mit
ihrer charakteristischen infantil-sexuellen unbewussten Vorstellungswelt.

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5. Zusammenfassung der rationalen Typen.

Ich bezeichne die beiden vorausgegangenen Typen als rationale oder
urteilende Typen, weil sie charakterisiert sind durch das Primat vernünftig
urteilender Funktionen. Es ist ein allgemeines Merkmal beider Typen, dass
ihr Leben in hohem Masse dem vernünftigen Urteil unterstellt ist. Wir
haben allerdings zu berücksichtigen, ob wir dabei vom Standpunkte der
subjektiven Psychologie des Individuums sprechen oder vom Standpunkt
des Beobachters, der von aussen wahrnimmt und urteilt. Dieser Beobachter
könnte nämlich leicht zu einem entgegengesetzten Urteil gelangen, und
zwar dann, wenn er intuitiv bloss das Vorkommende erfasst und darnach
urteilt. Das Leben dieses Typus in seiner Gesamtheit ist ja niemals allein
vom vernünftigen Urteil abhängig, sondern auch in beinahe ebenso hohem
Masse von der unbewussten Unvernünftigkeit. Wer nun allein das
Vorkommende beobachtet, ohne sich um den innern Haushalt des
Bewusstseins des Individuums zu kümmern, kann leicht in höherm Masse
von der Unvernünftigkeit und Zufälligkeit gewisser unbewusster
Äusserungen des Individuums betroffen sein, als von der
Vernunftmässigkeit seiner bewussten Absichten und Motivationen. Ich
gründe daher mein Urteil darauf, was das Individuum als seine bewusste
Psychologie empfindet. Ich gebe aber zu, dass man ebenso gut eine solche
Psychologie gerade umgekehrt auffassen und darstellen könnte. Ich bin
auch überzeugt, dass ich, falls ich selber eine andere individuelle
Psychologie besässe, die rationalen Typen in umgekehrter Weise vom
Unbewussten her als irrational beschreiben würde. Dieser Umstand
erschwert die Darstellung und Verständlichkeit psychologischer Tatbestände
in nicht zu unterschätzender Weise und erhöht die Möglichkeit von
Missverständnissen ins Ungemessene. Die Diskussionen, die sich aus
diesen Missverständnissen ergeben, sind in der Regel hoffnungslos, denn
man spricht aneinander vorbei. Diese Erfahrung war für mich ein Grund
mehr, mich in meiner Darstellung auf die subjektiv bewusste Psychologie
des Individuums zu gründen, weil man dadurch wenigstens einen
bestimmten objektiven Anhalt hat, der gänzlich wegfällt, wenn man eine
psychologische Gesetzmässigkeit auf das Unbewusste gründen wollte. In
diesem Fall nämlich könnte das Objekt gar nicht mehr mitsprechen, denn es
weiss von allem andern mehr als vom eigenen Unbewussten. Das Urteil

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wäre damit dem Beobachter einzig und allein anheimgegeben — eine
sichere Gewähr dafür, dass er sich auf seine eigene individuelle Psychologie
gründen und diese dem Beobachteten aufdrängen wird. Dieser Fall liegt
meines Erachtens sowohl in der Freudschen, wie in der Adlerschen
Psychologie vor. Das Individuum ist damit ganz dem Gutfinden des
urteilenden Beobachters ausgeliefert. Dies kann aber nicht der Fall sein,
wenn die bewusste Psychologie des Beobachteten zur Basis genommen
wird. In diesem Fall ist er der Kompetente, weil er allein seine bewussten
Motive kennt.
Die Vernünftigkeit der bewussten Lebensführung dieser beiden Typen
bedeutet eine bewusste Ausschliessung des Zufälligen und
Nichtvernunftgemässen. Das vernünftige Urteil repräsentiert in dieser
Psychologie eine Macht, welche das Ungeordnete und Zufällige des realen
Geschehens in bestimmte Formen zwingt oder wenigstens zu zwingen
versucht. Damit wird einerseits unter den Lebensmöglichkeiten eine
bestimmte Auswahl geschaffen, indem bewusst nur das Vernunftgemässe
angenommen wird, und andererseits wird die Selbständigkeit und der
Einfluss derjenigen psychischen Funktionen, welche der Wahrnehmung des
Vorkommenden dienen, wesentlich beschränkt. Diese Beschränkung der
Empfindung und der Intuition ist natürlich keine absolute. Diese
Funktionen existieren wie überall, nur unterliegen ihre Produkte der Wahl
des vernünftigen Urteils. Die absolute Stärke der Empfindung z. B. ist nicht
ausschlaggebend für die Motivation des Handelns, sondern das Urteil. Die
wahrnehmenden Funktionen teilen also in gewissem Sinne das Schicksal
des Fühlens im Falle des ersten Typus und das des Denkens im zweiten
Falle. Sie sind relativ verdrängt und daher im minderdifferenzierten
Zustand. Dieser Umstand gibt dem Unbewussten unserer beiden Typen ein
eigenartiges Gepräge: was diese Menschen bewusst und absichtlich tun, ist
vernunftgemäss (ihrer Vernunft gemäss!), was ihnen aber passiert,
entspricht dem Wesen infantil-primitiver Empfindungen einerseits und
andererseits ebensolcher Intuitionen. Was unter diesen Begriffen zu
verstehen ist, versuche ich in den folgenden Abschnitten darzustellen.
Jedenfalls ist das, was diesen Typen passiert, irrational (natürlich von ihrem
Standpunkt aus gesehen!). Da es nun sehr viele Menschen gibt, die mehr
aus dem leben, was ihnen passiert, als aus dem, was sie aus vernünftiger
Absicht tun, so kann leicht der Fall eintreten, dass ein solcher unsere beiden
Typen nach sorgfältiger Analyse als irrational bezeichnen würde. Man muss

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ihm zugeben, dass nicht allzu selten das Unbewusste eines Menschen einen
weit stärkeren Eindruck macht als sein Bewusstes, und dass seine Taten oft
bedeutend schwerer wiegen, als seine vernünftigen Motivationen.
Die Vernünftigkeit der beiden Typen ist objektiv orientiert, vom
objektiv Gegebenen abhängig. Ihre Vernünftigkeit entspricht dem, was
collektiv als vernünftig gilt. Subjektiv gilt ihnen nichts anderes vernünftig,
als was allgemein als vernünftig angesehen wird. Aber auch die Vernunft ist
zum guten Teil subjektiv und individuell. In unserm Fall ist dieser Teil
verdrängt, und zwar umso mehr, je grösser die Bedeutung des Objektes ist.
Das Subjekt und die subjektive Vernunft sind daher immer von der
Verdrängung bedroht, und wenn sie ihr verfallen, so geraten sie unter die
Herrschaft des Unbewussten, das in diesem Falle sehr unangenehme
Eigentümlichkeiten besitzt. Von seinem Denken sprachen wir bereits. Dazu
kommen primitive Empfindungen, die sich als Empfindungszwang äussern,
z. B. in Form einer abnormen, zwangsmässigen Genussucht, die alle
möglichen Formen annehmen kann, und primitive Intuitionen, welche den
Betroffenen und ihrer Umgebung direkt zur Qual werden können. Alles
Unangenehme und Peinliche, alles Widerwärtige, Hässliche oder Schlechte,
wird herausgewittert oder hineinvermutet, und meistens handelt es sich
dabei um halbe Wahrheiten, welche, wie nichts anderes, geeignet sind,
Missverständnisse giftigster Art zu erzeugen. Aus der starken Beeinflussung
durch die opponierenden unbewussten Inhalte ergibt sich notwendigerweise
auch eine häufige Durchbrechung der bewussten Vernunftregel, nämlich
eine auffallende Bindung an Zufälligkeiten, die entweder vermöge ihrer
Empfindungsstärke oder vermöge ihrer unbewussten Bedeutung einen
zwingenden Einfluss erlangen.

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6. Das Empfinden.

In der extravertierten Einstellung ist das Empfinden vorwiegend durch
das Objekt bedingt. Als Sinnesperception ist das Empfinden
natürlicherweise vom Objekt abhängig. Es ist aber ebenso natürlicherweise
auch vom Subjekt abhängig, daher es auch ein subjektives Empfinden gibt,
welches seiner Art nach vom objektiven Empfinden durchaus verschieden
ist. In der extravertierten Einstellung ist der subjektive Anteil des
Empfindens, insoweit dessen bewusste Verwendung in Frage kommt,
gehemmt oder verdrängt. Ebenso ist das Empfinden, als irrationale
Funktion relativ verdrängt, wenn Denken oder Fühlen das Primat besitzen,
d. h. es funktioniert bewusst bloss in dem Masse als die bewusste,
urteilende Einstellung die zufälligen Wahrnehmungen zu
Bewusstseinsinhalten werden lässt, mit andern Worten sie realisiert. Die
Sinnesfunktion sensu strictiori ist natürlich absolut, es wird z. B. alles
gesehen und gehört, soweit dies physiologisch möglich ist, aber nicht alles
erreicht jenen Schwellenwert, welchen eine Perception besitzen muss, um
auch appercipiert zu werden. Dies ändert sich, wenn keine andere Funktion
das Primat besitzt, als das Empfinden selber. In diesem Falle wird aus der
Objektempfindung nichts ausgeschlossen und nichts verdrängt (mit
Ausnahme des subjektiven Anteils, wie schon erwähnt). Das Empfinden
wird vorzugsweise durch das Objekt determiniert, und diejenigen Objekte,
welche die stärkste Empfindung auslösen, sind für die Psychologie des
Individuums ausschlaggebend. Dadurch entsteht eine ausgesprochen
sinnliche Bindung an die Objekte. Das Empfinden ist daher eine vitale
Funktion, die mit dem stärksten Lebenstrieb ausgerüstet wird. Insofern
Objekte Empfindungen auslösen, gelten sie und werden auch, insoweit dies
durch Empfinden überhaupt möglich ist, völlig in das Bewusstsein
aufgenommen, ob sie nun dem vernünftigen Urteil passen oder nicht. Ihr
Wertkriterium ist einzig die durch ihre objektiven Eigenschaften bedingte
Empfindungsstärke. Infolgedessen treten alle objektiven Vorgänge ins
Bewusstsein, insofern sie überhaupt Empfindungen auslösen. Es sind aber
nur concrete, sinnlich wahrnehmbare Objekte oder Vorgänge, welche in der
extravertierten Einstellung Empfindungen erregen, und zwar ausschliesslich
solche, die jedermann überall und zu allen Zeiten als concret empfinden
würde. Das Individuum wird daher nach rein sinnenfälliger Tatsächlichkeit

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orientiert. Die urteilenden Funktionen stehen unterhalb der concreten
Tatsache der Empfindung und haben daher die Eigenschaften der
minderdifferenzierten Funktionen, d. h. also eine gewisse Negativität mit
infantil-archaïschen Zügen. Am stärksten von der Verdrängung betroffen ist
natürlich die der Empfindung entgegengesetzte Funktion, nämlich die der
unbewussten Wahrnehmung, der Intuition.

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7. Der extravertierte Empfindungstypus.

Es gibt keinen andern menschlichen Typus, der an Realismus dem
extravertierten Empfindungstypus gleichkäme. Sein objektiver
Tatsachensinn ist ausserordentlich entwickelt. Er häuft in seinem Leben
reale Erfahrungen am concreten Objekt, und je ausgesprochener er ist, desto
weniger macht er Gebrauch von seiner Erfahrung. Sein Erlebnis wird in
gewissen Fällen überhaupt nicht zu dem, was den Namen „Erfahrung“
verdiente. Was er empfindet, dient ihm höchstens als Wegleitung zu neuen
Empfindungen und alles, was etwa Neues in den Kreis seiner Interessen
eintritt, ist auf dem Wege der Empfindung erworben und soll zu diesem
Zwecke dienen. Insofern man einen ausgesprochenen Sinn für reine
Tatsächlichkeit als sehr vernünftig aufzufassen geneigt ist, wird man solche
Menschen als vernünftig preisen. Sie sind es aber in Wirklichkeit
keineswegs, indem sie der Empfindung des irrationalen Zufalls genau so
unterworfen sind, wie der des rationalen Vorkommens. Ein solcher Typus
— vielfach handelt es sich anscheinend um Männer — meint natürlich
nicht, der Empfindung „unterworfen“ zu sein. Er wird diesen Ausdruck
vielmehr als ganz unzutreffend belächeln, denn für ihn ist Empfindung
concrete Lebensäusserung; sie bedeutet ihm eine Fülle wirklichen Lebens.
Seine Absicht geht auf den concreten Genuss, ebenso seine Moralität. Denn
das wahre Geniessen hat seine besondere Moral, seine besondere
Mässigkeit und Gesetzmässigkeit, seine Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit.
Er braucht keineswegs ein sinnlicher Rohling zu sein, sondern kann sein
Empfinden zu grösster ästhetischer Reinheit differenzieren, ohne dass er
auch in der abstraktesten Empfindung jemals seinem Prinzip der objektiven
Empfindung untreu würde. Wulfens Cicerone des rücksichtslosen
Lebensgenusses ist das ungeschminkte Selbstbekenntnis eines derartigen
Typus. Das Buch erscheint mir unter diesem Gesichtswinkel als lesenswert.
Auf niederer Stufe ist dieser Typus der Mensch der tastbaren
Wirklichkeit, ohne Neigung zu Reflexionen und ohne Herrscherabsichten.
Sein stetiges Motiv ist, das Objekt zu empfinden, Sensationen zu haben und
womöglich zu geniessen. Er ist kein unliebenswürdiger Mensch, im
Gegenteil, er ist häufig von erfreulicher und lebendiger Genussfähigkeit,
bisweilen ein lustiger Kumpan, bisweilen ein geschmackvoller Ästhet. Im
erstern Fall hängen die grossen Probleme des Lebens ab von einem mehr

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oder weniger guten Mittagstisch, im letztern gehören sie zum guten
Geschmack. Wenn er empfindet, so ist für ihn alles wesentliche gesagt und
erfüllt. Nichts kann mehr als concret und wirklich sein, Vermutungen
daneben oder darüber hinaus sind nur zugelassen, insofern sie die
Empfindung verstärken. Sie brauchen diese keineswegs im angenehmen
Sinn zu verstärken, denn dieser Typus ist nicht ein gewöhnlicher Lüstling,
sondern er will nur die stärkste Empfindung, die er seiner Natur nach immer
von aussen empfangen muss. Was von innen kommt, erscheint ihm als
krankhaft und verwerflich. Insofern er denkt und fühlt, reduziert er immer
auf objektive Grundlagen, d. h. auf Einflüsse, die vom Objekt kommen,
unbekümmert auch um die stärkste Beugung der Logik. Tastbare
Wirklichkeit lässt ihn unter allen Umständen aufatmen. In dieser Beziehung
ist er von unerwarteter Leichtgläubigkeit. Ein psychogenes Symptom wird
er unbedenklich auf den tiefen Barometerstand beziehen, die Existenz eines
psychischen Konfliktes dagegen erscheint ihm als abnorme Träumerei.
Seine Liebe gründet sich unzweifelhaft auf die sinnenfälligen Reize des
Objektes. Insofern er normal ist, ist er der gegebenen Wirklichkeit
auffallend eingepasst, auffallend darum, weil es immer sichtbar ist. Sein
Ideal ist die Tatsächlichkeit, er ist rücksichtsvoll in dieser Beziehung. Er hat
keine Ideen-Ideale, darum auch keinen Grund, sich irgendwie gegen die
tatsächliche Wirklichkeit fremd zu verhalten. Das drückt sich in allen
Äusserlichkeiten aus. Er kleidet sich gut, seinen Umständen entsprechend,
man isst und trinkt gut bei ihm, man sitzt bequem oder man begreift
wenigstens, dass sein verfeinerter Geschmack einige Ansprüche an seine
Umgebung stellen darf. Er überzeugt sogar, dass gewisse Opfer dem Stil
zuliebe sich entschieden lohnen.
Je mehr aber die Empfindung überwiegt, sodass das empfindende
Subjekt hinter der Sensation verschwindet, desto unerfreulicher wird dieser
Typus. Er entwickelt sich entweder zum rohen Genussmenschen oder zum
skrupellosen, raffinierten Ästheten. So unerlässlich ihm dann das Objekt
wird, so sehr wird es auch als etwas, das in und durch sich selbst besteht,
entwertet. Es wird ruchlos vergewaltigt und ausgepresst, indem es
überhaupt nur noch als Anlass zur Empfindung gebraucht wird. Die
Bindung an das Objekt wird aufs Äusserste getrieben. Dadurch aber wird
auch das Unbewusste aus der compensatorischen Rolle in die offene
Opposition gedrängt. Vor allem machen sich die verdrängten Intuitionen
geltend in Form von Projektionen auf das Objekt. Die abenteuerlichsten

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Vermutungen entstehen; handelt es sich um ein Sexualobjekt, so spielen
Eifersuchtsphantasien eine grosse Rolle, ebenso Angstzustände. In
schwereren Fällen entwickeln sich Phobien aller Art, und besonders
Zwangssymptome. Die pathologischen Inhalte sind von einem
bemerkenswerten Irrealitätscharakter, häufig moralisch und religiös gefärbt.
Es entwickelt sich oft eine spitzfindige Rabulistik, eine lächerlich-
skrupulöse Moralität und eine primitive, abergläubische und „magische“
Religiosität, die auf abstruse Riten zurückgreift. Alle diese Dinge stammen
aus den verdrängten, minderdifferenzierten Funktionen, welche in solchen
Fällen dem Bewusstsein schroff gegenüberstehen und umso auffallender in
die Erscheinung treten, als sie auf den absurdesten Voraussetzungen zu
beruhen scheinen, ganz im Gegensatz zum bewussten Tatsachensinn. Die
ganze Kultur des Fühlens und Denkens erscheint in dieser zweiten
Persönlichkeit in eine krankhafte Primitivität verdreht; Vernunft ist
Vernünftelei und Haarspalterei, Moral ist öde Moralisiererei und
handgreiflicher Pharisäismus, Religion ist absurder Aberglauben, das
Ahnungsvermögen, diese vornehme Gabe des Menschen, ist persönliche
Tüftelei, Beschnupperung jeder Ecke, und geht, statt ins Weite, ins Engste
allzumenschlicher Kleinlichkeit.
Der spezielle Zwangscharakter der neurotischen Symptome stellt das
unbewusste Gegenstück dar zur bewussten moralischen Zwangslosigkeit
einer bloss empfindenden Einstellung, welche, vom Standpunkt des
rationalen Urteils aus, wahllos das Vorkommende aufnimmt. Wenn schon
die Voraussetzungslosigkeit des Empfindungstypus keineswegs absolute
Gesetz- und Schrankenlosigkeit bedeutet, so fällt bei ihm doch die ganz
wesentliche Beschränkung durch das Urteil weg. Das rationale Urteil aber
stellt einen bewussten Zwang dar, den sich der rationale Typus anscheinend
freiwillig auferlegt. Dieser Zwang befällt den Empfindungstypus vom
Unbewussten her. Zudem bedeutet die Objektbindung des rationalen Typus
eben wegen der Existenz eines Urteils niemals soviel wie jene unbedingte
Beziehung, die der Empfindungstypus zum Objekt hat. Wenn seine
Einstellung eine abnorme Einseitigkeit erreicht, so ist er daher in Gefahr,
ebenso sehr dem Griffe des Unbewussten zu verfallen, wie er bewusst am
Objekte hängt. Ist er einmal neurotisch geworden, so ist er auch viel
schwerer in vernünftiger Weise zu behandeln, weil die Funktionen, an die
der Arzt sich wendet, in einem relativ undifferenzierten Zustand sich

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befinden und daher wenig oder gar nicht verlässlich sind. Es bedarf öfters
affektiver Pressionsmittel, um ihm etwas bewusst zu machen.

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8. Die Intuition.

Die Intuition als die Funktion unbewusster Wahrnehmung richtet sich in
der extravertierten Einstellung ganz auf äussere Objekte. Da die Intuition
ein in der Hauptsache unbewusster Prozess ist, so ist auch ihr Wesen
bewusst sehr schwer zu erfassen. Im Bewusstsein ist die intuitive Funktion
vertreten durch eine gewisse Erwartungseinstellung, ein Anschauen und
Hineinschauen, wobei immer erst das nachträgliche Resultat erweisen kann,
wieviel hineingeschaut und wieviel wirklich am Objekt lag. Wie auch die
Empfindung, falls sie das Primat besitzt, nicht bloss ein reaktiver, für das
Objekt weiter nicht bedeutsamer Vorgang ist, sondern vielmehr eine actio,
welche das Objekt ergreift und gestaltet, so ist auch die Intuition nicht bloss
eine Wahrnehmung, ein blosses Anschauen, sondern ein aktiver,
schöpferischer Vorgang, der ebensoviel in das Objekt hineinbildet, als er
davon herausnimmt. Wie er unbewusst die Anschauung herausnimmt, so
schafft er auch eine unbewusste Wirkung im Objekt. Die Intuition vermittelt
allerdings zunächst bloss Bilder oder Anschauungen von Beziehungen und
Verhältnissen, die mittelst anderer Funktionen entweder gar nicht, oder nur
auf grossen Umwegen erreicht werden können. Diese Bilder haben den
Wert bestimmter Erkenntnisse, welche das Handeln ausschlaggebend
beeinflussen, insofern der Intuition das Hauptgewicht zufällt. In diesem Fall
gründet sich die psychische Anpassung beinahe ausschliesslich auf
Intuitionen. Denken, Fühlen und Empfinden sind relativ verdrängt, wobei
die Empfindung am meisten betroffen ist, weil sie als bewusste
Sinnesfunktion der Intuition am meisten hinderlich ist. Die Empfindung
stört die reine, unvoreingenommene, naive Anschauung durch aufdringliche
Sinnesreizungen, welche den Blick auf physische Oberflächen lenken, also
gerade auf die Dinge, hinter welche die Intuition zu gelangen sucht. Da sich
die Intuition in der extravertierten Einstellung vorwiegend auf das Objekt
richtet, so kommt sie eigentlich der Empfindung sehr nahe, denn die
Erwartungseinstellung auf äussere Objekte kann sich mit fast ebenso
grosser Wahrscheinlichkeit der Empfindung bedienen. Damit aber die
Intuition durchgeführt werden kann, muss die Empfindung in hohem Masse
unterdrückt werden. Unter Empfindung verstehe ich in diesem Fall die
einfache und direkte Sinnesempfindung als ein fest umrissenes
physiologisches und psychisches Datum. Das muss nämlich zuvor

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ausdrücklich festgestellt werden, denn, wenn ich den Intuitiven frage,
wonach er sich orientiere, so wird er mir von Dingen sprechen, die auf’s
Haar den Sinnesempfindungen gleichen. Er wird sich auch des Ausdruckes
„Empfindung“ vielfach bedienen. Er hat tatsächlich Empfindungen, aber er
richtet sich nicht nach den Empfindungen selber, sondern sie sind ihm
blosse Anhaltspunkte für die Anschauung. Sie sind ausgewählt durch
unbewusste Voraussetzung. Nicht die physiologisch stärkste Empfindung
erlangt den Hauptwert, sondern irgend eine andere, welche durch die
unbewusste Einstellung des Intuitiven in ihrem Wert beträchtlich erhöht
wird. Dadurch erlangt sie eventuell den Hauptwert und es erscheint dem
Bewusstsein des Intuitiven, als ob sie eine reine Empfindung wäre. Sie ist
es aber tatsächlich nicht. Wie die Empfindung in der extravertierten
Einstellung stärkste Tatsächlichkeit zu erreichen sucht, weil dadurch allein
der Anschein eines vollen Lebens erweckt wird, so erstrebt die Intuition die
Erfassung grösster Möglichkeiten, weil durch die Anschauung von
Möglichkeiten die Ahnung am allermeisten befriedigt wird. Die Intuition
strebt nach der Entdeckung von Möglichkeiten im objektiv Gegebenen,
darum ist sie auch als blosse beigeordnete Funktion (nämlich wenn ihr das
Primat nicht zukommt) das Hilfsmittel, das automatisch wirkt, wenn keine
andere Funktion den Ausweg aus einer überall versperrten Situation zu
entdecken vermag. Hat die Intuition das Primat, so erscheinen alle
gewöhnlichen Lebenssituationen so, als ob sie verschlossene Räume wären,
welche die Intuition zu öffnen hat. Sie sucht beständig Auswege und neue
Möglichkeiten äussern Lebens. Der intuitiven Einstellung wird jede
Lebenssituation in kürzester Frist zum Gefängnis, zur erdrückenden Fessel,
welche zu Lösungen drängt. Die Objekte scheinen zeitweise von beinahe
übertriebenem Wert, nämlich dann, wenn sie gerade einer Lösung, einer
Befreiung, der Auffindung einer neuen Möglichkeit zu dienen haben. Kaum
haben sie ihren Dienst als Stufe oder Brücke erfüllt, so haben sie
anscheinend überhaupt keinen Wert mehr und werden als lästiges
Anhängsel abgestreift. Eine Tatsache gilt nur, insofern sie neue
Möglichkeiten erschliesst, die über sie hinausgehen, das Individuum von ihr
befreien. Auftauchende Möglichkeiten sind zwingende Motive, denen sich
die Intuition nicht entziehen kann und der sie alles andere aufopfert.

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9. Der extravertierte intuitive Typus.

Wo die Intuition vorherrscht, ergibt sich eine eigenartige, nicht zu
verkennende Psychologie. Da sich die Intuition nach dem Objekt orientiert,
ist eine starke Abhängigkeit von äussern Situationen erkennbar, jedoch ist
die Art der Abhängigkeit von der des Empfindungstypus durchaus
verschieden. Der Intuitive findet sich nie dort, wo allgemein anerkannte
Wirklichkeitswerte zu finden sind, sondern immer da, wo Möglichkeiten
vorhanden sind. Er hat eine feine Witterung für Keimendes und
Zukunftversprechendes. Nie findet er sich in stabilen, seit langem
bestehenden und wohlgegründeten Verhältnissen von allgemein
anerkanntem, aber beschränktem Wert. Da er immer auf der Suche nach
neuen Möglichkeiten ist, so droht er in stabilen Verhältnissen zu ersticken.
Er erfasst zwar neue Objekte und Wege mit grosser Intensität und mit
bisweilen ausserordentlichem Enthusiasmus, um sie ohne Pietät und
anscheinend ohne Erinnerung kaltblütig aufzugeben, sobald ihr Umfang
festgestellt ist und sie weiter keine beträchtliche Entwicklung mehr
vorausahnen lassen. Solange eine Möglichkeit besteht, ist der Intuitive
daran gebunden mit Schicksalsmacht. Es ist, als ob sein ganzes Leben in
der neuen Situation aufginge. Man hat den Eindruck, und er selber teilt ihn,
als ob er soeben die definitive Wendung in seinem Leben erreicht hätte, und
als ob er von nun an nichts anderes mehr denken und fühlen könnte. Auch
wenn es noch so vernünftig und zweckmässig wäre, auch wenn alle
erdenklichen Argumente zu Gunsten der Stabilität sprächen, nichts wird ihn
davon abhalten, eines Tages dieselbe Situation, die ihm eine Befreiung und
Erlösung schien, als ein Gefängnis zu betrachten und auch demgemäss zu
behandeln. Weder Vernunft noch Gefühl können ihn zurückhalten oder von
einer neuen Möglichkeit abschrecken, auch wenn sie unter Umständen
seinen bisherigen Überzeugungen zuwiderläuft. Denken und Fühlen, die
unerlässlichen Komponenten der Überzeugung, sind bei ihm
minderdifferenzierte Funktionen, die kein ausschlaggebendes Gewicht
besitzen und darum der Kraft der Intuition keinen nachhaltigen Widerstand
entgegen zu setzen vermögen. Und doch sind diese Funktionen allein
imstande, das Primat der Intuition wirksam zu compensieren, indem sie
dem Intuitiven das Urteil geben, das ihm als Typus gänzlich mangelt. Die
Moralität des Intuitiven ist weder intellektuell noch gefühlsmässig, sondern

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er hat seine eigene Moral, nämlich die Treue zu seiner Anschauung und die
willige Unterwerfung an ihre Macht. Die Rücksicht auf das Wohlergehen
der Umgebung ist gering. Ihr physisches Wohlempfinden ist so wenig wie
sein eigenes, ein stichhaltiges Argument. Ebenso wenig ist ein Respekt für
die Überzeugungen und Lebensgewohnheiten seiner Umgebung vorhanden,
sodass er nicht selten als unmoralischer und rücksichtsloser Abenteurer gilt.
Da seine Intuition sich mit äussern Objekten befasst und äussere
Möglichkeiten herauswittert, so wendet er sich gerne Berufen zu, wo er
seine Fähigkeiten möglichst vielseitig entfalten kann. Viele Kaufleute,
Unternehmer, Spekulanten, Agenten, Politiker usw. gehören zu diesem
Typus.
Noch häufiger als bei Männern, scheint dieser Typus bei Frauen
vorzukommen. In diesem letztern Fall offenbart sich die intuitive Tätigkeit
weit weniger beruflich, als vielmehr gesellschaftlich. Solche Frauen
verstehen es, alle sozialen Möglichkeiten auszunützen, gesellschaftliche
Verbindungen anzuknüpfen, Männer mit Möglichkeiten ausfindig zu
machen, um für eine neue Möglichkeit wieder alles aufzugeben.
Es ist ohne weiteres verständlich, dass ein solcher Typus
volkswirtschaftlich sowohl wie als Kulturförderer ungemein bedeutsam ist.
Wenn er gutgeartet, d. h. nicht zu selbstisch eingestellt ist, so kann er sich
als Initiator oder doch wenigstens als Förderer aller Anfänge ungemeine
Verdienste erwerben. Er ist ein natürlicher Anwalt aller
zukunftversprechenden Minoritäten. Da er, wenn er weniger auf Sachen, als
auf Menschen eingestellt ist, gewisse Fähigkeiten und Nützlichkeiten in
ihnen ahnungsweise erfasst, so kann er auch Leute „machen“. Niemand wie
er hat die Fähigkeit, seinen Mitmenschen Mut zu machen oder Begeisterung
einzuflössen für eine neue Sache, auch wenn er sie schon übermorgen
wieder verlässt. Je stärker seine Intuition, desto mehr verschmilzt auch sein
Subjekt mit der geschauten Möglichkeit. Er belebt sie, er führt sie
anschaulich und mit überzeugender Wärme vor, er verkörpert sie
sozusagen. Es ist keine Schauspielerei, sondern ein Schicksal.
Diese Einstellung hat ihre grossen Gefahren, denn allzu leicht verzettelt
der Intuitive sein Leben, indem er Menschen und Dinge belebt, und eine
Fülle des Lebens um sich verbreitet, das aber nicht er, sondern die andern
leben. Könnte er bei der Sache bleiben, so kämen ihm die Früchte seiner
Arbeit zu, aber nur allzu bald muss er der neuen Möglichkeit nachrennen

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und seine eben bepflanzten Felder verlassen, die andere ernten werden. Am
Ende geht er leer aus. Wenn der Intuitive es aber soweit kommen lässt, so
hat er auch sein Unbewusstes gegen sich. Das Unbewusste des Intuitiven
hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des Empfindungstypus. Denken und
Fühlen sind relativ verdrängt und bilden im Unbewussten infantil-
archaïsche Gedanken und Gefühle, die sich mit denen des Gegentypus
vergleichen lassen. Sie treten ebenfalls in Form von intensiven Projektionen
zu Tage und sind ebenso absurd wie die des Empfindungstypus, nur fehlt
ihnen, wie es mir scheint, der mystische Charakter, sie betreffen meistens
concrete, quasi reale Dinge, wie sexuelle, finanzielle und andere
Vermutungen, z. B. Krankheitswitterungen. Diese Verschiedenheit scheint
von den verdrängten Realempfindungen herzurühren. Diese letztern
machen sich in der Regel auch dadurch bemerkbar, dass der Intuitive
plötzlich an eine höchst unpassende Frau, oder im entgegengesetzten Fall,
an einen unpassenden Mann verhaftet wird, und zwar infolge des
Umstandes, dass diese Personen die archaïsche Empfindungssphäre berührt
haben. Daraus ergibt sich eine unbewusste Zwangsbindung an ein Objekt
von meist unzweifelhafter Aussichtslosigkeit. Ein solcher Fall ist bereits ein
Zwangssymptom, das auch für diesen Typus durchaus charakteristisch ist.
Er beansprucht eine ähnliche Freiheit und Ungebundenheit wie der
Empfindungstypus, indem er seine Entschliessungen keinen rationalen
Urteilen unterwirft, sondern einzig und allein der Wahrnehmung der
zufälligen Möglichkeiten. Er enthebt sich der Beschränkung durch die
Vernunft und verfällt darum in der Neurose dem unbewussten Zwang, der
Vernünftelei, Tüftelei und der Zwangsbindung an die Empfindung des
Objektes. Im Bewusstsein behandelt er die Empfindung und das
empfundene Objekt mit souveräner Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit.
Nicht dass er etwa meint, rücksichtslos oder überlegen zu sein, er sieht das
Objekt, das jedermann sehen kann, einfach nicht und geht darüber hinweg,
ähnlich wie der Empfindungstypus; nur sieht letzterer die Seele des
Objektes nicht. Dafür rächt sich später das Objekt und zwar in Form von
hypochondrischen Zwangsideen, Phobien und allen möglichen absurden
Körperempfindungen.

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10. Zusammenfassung der irrationalen Typen.

Ich bezeichne die beiden vorangegangenen Typen als irrational aus dem
schon erörterten Grunde, dass sie ihr Tun und Lassen nicht auf
Vernunfturteile gründen, sondern auf die absolute Stärke der Wahrnehmung.
Ihre Wahrnehmung richtet sich auf das schlechthin Vorkommende, das
keiner Auswahl durch Urteil unterliegt. In dieser Hinsicht haben die beiden
letztern Typen eine bedeutende Überlegenheit über die beiden erstern,
urteilenden Typen. Das objektiv Vorkommende ist gesetzmässig und
zufällig. Insofern es gesetzmässig ist, ist es der Vernunft zugänglich,
insofern es zufällig ist, ist es der Vernunft unzugänglich. Man könnte auch
umgekehrt sagen, dass wir das am Vorkommenden als gesetzmässig
bezeichnen, was unserer Vernunft so erscheint, und das als zufällig, worin
wir keine Gesetzmässigkeit entdecken können. Das Postulat einer
universalen Gesetzmässigkeit bleibt Postulat unserer Vernunft allein, ist
aber keineswegs ein Postulat unserer Wahrnehmungsfunktionen. Da sie sich
in keinerlei Weise auf das Prinzip der Vernunft und ihres Postulates
gründen, so sind sie irrational ihrem Wesen nach. Daher ich auch die
Wahrnehmungstypen als ihrem Wesen nach als irrational bezeichne. Es
wäre aber ganz unrichtig, darum nun etwa diese Typen als „unvernünftig“
aufzufassen, weil sie das Urteil unter die Wahrnehmung stellen. Sie sind
bloss in hohem Masse empirisch; sie gründen sich ausschliesslich auf
Erfahrung, sogar dermassen ausschliesslich, dass ihr Urteil mit ihrer
Erfahrung meistens nicht Schritt halten kann. Aber die Urteilsfunktionen
sind trotzdem vorhanden, nur fristen sie ein zum grossen Teil unbewusstes
Dasein. Insofern das Unbewusste trotz seiner Abtrennung vom bewussten
Subjekt doch immer wieder in die Erscheinung tritt, so machen sich auch
im Leben der irrationalen Typen auffallende Urteile und auffallende
Wahlakte bemerkbar in Form von anscheinender Vernünftelei, kaltherziger
Urteilerei und anscheinend absichtsvoller Auswahl von Personen und
Situationen. Diese Züge tragen ein infantiles oder auch primitives Gepräge;
bisweilen sind sie auffallend naiv, bisweilen auch rücksichtslos, schroff und
gewalttätig. Dem rational Eingestellten könnte es leicht erscheinen, als ob
diese Leute ihrem wirklichen Charakter nach rationalistisch und
absichtsvoll im schlimmen Sinne wären. Dieses Urteil würde aber bloss für
ihr Unbewusstes gelten und keineswegs für ihre bewusste Psychologie, die

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ganz auf Wahrnehmung eingestellt ist und infolge ihres irrationalen Wesens
dem vernünftigen Urteil ganz unfassbar ist. Einem rational Eingestellten
kann es schliesslich vorkommen, als ob eine solche Zusammenhäufung von
Zufälligkeiten überhaupt den Namen „Psychologie“ nicht verdiene. Der
Irrationale macht dies abschätzige Urteil wett durch den Eindruck, den ihm
der Rationale macht: er sieht ihn als etwas nur Halblebendiges an, dessen
einziger Lebenszweck darin besteht, allem Lebendigen Vernunftfesseln
anzulegen und ihm mit Urteilen den Hals zuzuschnüren. Das sind natürlich
krasse Extreme, aber sie kommen vor. Vom Urteil des Rationalen könnte
der Irrationale leicht als ein Rationaler minderer Güte dargestellt werden,
wenn er nämlich aus dem erfasst wird, was ihm passiert. Ihm passiert
nämlich nicht das Zufällige — darin ist er der Meister —, sondern das
vernünftige Urteil und die vernünftige Absicht sind die Dinge, die ihm
zustossen. Dies ist eine dem Rationalen kaum fassbare Tatsache, deren
Unausdenkbarkeit bloss noch dem Erstaunen des Irrationalen gleichkommt,
welcher jemanden entdeckt hat, der Vernunftideen höher stellt als das
lebendige und wirkliche Vorkommen. Etwas dergleichen erscheint ihm
kaum glaubhaft. In der Regel ist es schon hoffnungslos, ihm überhaupt
etwas Prinzipielles in dieser Richtung vorsetzen zu wollen, denn eine
rationale Verständigung ist ihm genau so unbekannt und sogar widerwärtig,
wie dem Rationalen es unausdenkbar erschiene, einen Kontrakt ohne
gegenseitige Aussprache und Verpflichtung herzustellen.
Dieser Punkt führt mich auf das Problem der psychischen Beziehung
unter den Repräsentanten verschiedener Typen. Die psychische Beziehung
wird in der neuern Psychiatrie in Anlehnung an die Sprache der
französischen Hypnotistenschule als „Rapport“ bezeichnet. Der Rapport
besteht in erster Linie in einem Gefühl von bestehender Übereinstimmung,
trotz anerkannter Verschiedenheit. Sogar die Anerkennung von bestehenden
Verschiedenheiten, ist, insofern sie nur gemeinsam ist, allbereits ein
Rapport, ein Übereinstimmungsgefühl. Wenn wir dieses Gefühl
vorkommenden Falles in höherm Masse bewusst machen, so entdecken wir,
dass es nicht bloss schlechthin ein Gefühl von nicht weiter zu
analysierender Beschaffenheit ist, sondern zugleich eine Einsicht oder ein
Erkenntnisinhalt, welcher den Punkt der Übereinstimmung in gedanklicher
Form darstellt. Diese rationale Darstellung gilt nun ausschliesslich für den
Rationalen, keineswegs aber für den Irrationalen, denn sein Rapport basiert
nicht im Geringsten auf dem Urteil, sondern auf der Parallelität des

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Geschehenden, des lebendigen Vorkommens überhaupt. Sein
Übereinstimmungsgefühl ist die gemeinsame Wahrnehmung einer
Empfindung oder Intuition. Der Rationale würde sagen, der Rapport mit
dem Irrationalen beruhe auf reiner Zufälligkeit. Wenn die objektiven
Situationen zufälligerweise gerade stimmen, dann komme etwas wie eine
menschliche Beziehung zustande, aber niemand wisse, von welcher
Gültigkeit oder welcher Dauer diese Beziehung sei. Es ist dem Rationalen
ein oft geradezu peinlicher Gedanke, dass die Beziehung genau solange
dauert, als die äussern Umstände zufälligerweise eine Gemeinsamkeit
aufweisen. Dies kommt ihm als nicht besonders menschlich vor, während
der Irrationale gerade darin eine besonders schöne Menschlichkeit sieht.
Das Resultat ist, dass der eine den andern als beziehungslos ansieht, als
einen Menschen, auf den kein Verlass sei, und mit dem man nie richtig
auskommen könne. Zu einem solchen Resultat gelangt man allerdings nur
dann, wenn man sich bewusst Rechenschaft abzulegen versucht über die Art
der Beziehung zum Mitmenschen. Da eine solche psychologische
Gewissenhaftigkeit nicht allzu gewöhnlich ist, so ergibt es sich häufig, dass
trotz einer absoluten Standpunktverschiedenheit eine Art Rapport zustande
kommt und zwar in folgender Weise: Der eine setzt mit stillschweigender
Projektion voraus, dass der andere in wesentlichen Punkten dieselbe
Meinung habe, der andere aber ahnt oder empfindet eine objektive
Gemeinsamkeit, von welcher aber der erstere keine bewusste Ahnung hat
und deren Vorhandensein er auch sofort bestreiten würde, genau so, wie
letzterer nie auf den Gedanken verfallen würde, dass seine Beziehung auf
einer gemeinsamen Meinung beruhen sollte. Ein solcher Rapport ist das
Allerhäufigste; er beruht auf Projektion, welche später zur Quelle von
Missverständnissen wird. Die psychische Beziehung in der extravertierten
Einstellung reguliert sich immer nach objektiven Faktoren, nach äussern
Bedingungen. Das, was einer ist nach innen, ist niemals von
ausschlaggebender Bedeutung. Für unsere gegenwärtige Kultur ist die
extravertierte Einstellung zum Problem der menschlichen Beziehung im
Prinzip massgebend; das introvertierte Prinzip kommt natürlich vor, gilt
aber als Ausnahme und appelliert an die Toleranz der Mitwelt.

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C. Der introvertierte Typus.

I. Die allgemeine Einstellung des Bewusstseins.

Wie ich bereits unter Abschnitt A I. dieses Kapitels ausführte,
unterscheidet sich der introvertierte Typus vom extravertierten dadurch,
dass er sich nicht, wie letzterer, vorwiegend am Objekt und am objektiv
Gegebenen orientiert, sondern an subjektiven Faktoren. Ich habe im
erwähnten Abschnitt u. A. angegeben, dass sich dem Introvertierten
zwischen die Wahrnehmung des Objektes und sein eigenes Handeln eine
subjektive Ansicht einschiebt, welche verhindert, dass das Handeln einen
dem objektiv Gegebenen entsprechenden Charakter annimmt. Dies ist
natürlich ein spezieller Fall, der nur beispielsweise angeführt wurde und nur
einer einfachen Veranschaulichung dienen sollte. Hier müssen wir
selbstverständlich allgemeinere Formulierungen aufsuchen.
Das introvertierte Bewusstsein sieht zwar die äussern Bedingungen,
erwählt aber die subjektive Determinante als die ausschlaggebende. Dieser
Typus richtet sich daher nach jenem Faktor des Wahrnehmens und
Erkennens, welcher die den Sinnesreiz aufnehmende subjektive Disposition
darstellt. Zwei Personen sehen z. B. dasselbe Objekt, aber sie sehen es nie
so, dass die beiden davon gewonnenen Bilder absolut identisch wären.
Ganz abgesehen von der verschiedenen Schärfe der Sinnesorgane und der
persönlichen Gleichung bestehen oft tiefgreifende Unterschiede in Art und
Mass der psychischen Assimilation des Perceptionsbildes. Während nun der
extravertierte Typus sich stets vorwiegend auf das, was ihm vom Objekt
zukommt, beruft, stützt sich der Introvertierte vorwiegend auf das, was der
äussere Eindruck im Subjekt zur Konstellation bringt. Im einzelnen Fall
einer Apperception kann der Unterschied natürlich sehr delikat sein, im
ganzen des psychologischen Haushaltes aber macht er sich in höchstem
Masse bemerkbar, und zwar in Form eines Reservates des Ich. Um es gleich
vorweg zu nehmen: Ich betrachte diejenige Ansicht, welche mit Weininger
diese Einstellung als philautisch oder m. A. als autoerotisch oder

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egozentrisch oder subjektivistisch oder egoistisch bezeichnen möchte, als
prinzipiell irreführend und entwertend. Sie entspricht dem Vorurteil der
extravertierten Einstellung gegenüber dem Wesen des Introvertierten. Man
darf nie vergessen — die extravertierte Ansicht aber vergisst es allzuleicht
— dass alles Wahrnehmen und Erkennen nicht nur objektiv, sondern auch
subjektiv bedingt ist. Die Welt ist nicht nur an und für sich, sondern auch
so, wie sie mir erscheint. Ja, wir haben sogar im Grunde genommen gar
kein Kriterium, das uns zur Beurteilung einer Welt verhülfe, welche dem
Subjekt unassimilierbar wäre. Es hiesse den grossen Zweifel in eine
absolute Erkenntnismöglichkeit leugnen, wenn wir den subjektiven Faktor
übersähen. Damit geriete man auf den Weg jenes hohlen und schalen
Positivismus, welcher die Wende unseres Jahrhunderts verunziert hat, und
damit auch in jene intellektuelle Unbescheidenheit, welche der Vorläufer
der Gefühlsroheit und einer ebenso stumpfsinnigen als anmassenden
Gewalttätigkeit ist. Durch die Überschätzung des objektiven
Erkenntnisvermögens verdrängen wir die Bedeutung des subjektiven
Faktors, die Bedeutung des Subjektes schlechthin. Was aber ist das Subjekt?
Das Subjekt ist der Mensch, wir sind das Subjekt. Es ist krankhaft, zu
vergessen, dass das Erkennen ein Subjekt hat, und dass es überhaupt kein
Erkennen und darum auch für uns keine Welt gibt, wo nicht einer sagt: „Ich
erkenne“, womit er aber allbereits die subjektive Beschränkung alles
Erkennens ausspricht. Das Gleiche gilt für alle psychischen Funktionen: sie
haben ein Subjekt, das so unerlässlich ist, wie das Objekt. Es ist
charakteristisch für unsere derzeitige extravertierte Schätzung, dass das
Wort „subjektiv“ gelegentlich fast wie ein Tadel klingt, auf alle Fälle aber
als „bloss subjektiv“ eine gefährliche Waffe bedeutet, bestimmt, denjenigen
zu treffen, der von der unbedingten Überlegenheit des Objektes nicht restlos
überzeugt ist. Wir müssen darum klar darüber sein, was mit dem Ausdruck
„subjektiv“ in dieser Untersuchung gemeint ist. Als subjektiven Faktor
bezeichne ich jene psychologische Aktion oder Reaktion, welche sich mit
der Einwirkung des Objektes zu einem neuen psychischen Tatbestand
verschmilzt. Insofern nun der subjektive Faktor seit ältesten Zeiten und bei
allen Völkern der Erde in einem sehr hohen Masse sich selber identisch
bleibt —, indem elementare Wahrnehmungen und Erkenntnisse sozusagen
überall und zu allen Zeiten dieselben sind —, so ist er eine ebenso
festgegründete Realität, wie das äussere Objekt. Wenn dem nicht so wäre,
so könnte von irgend einer dauerhaften und im wesentlichen sich

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gleichbleibenden Wirklichkeit gar nicht gesprochen werden, und eine
Verständigung mit Überlieferungen wäre ein Ding der Unmöglichkeit.
Insofern ist daher der subjektive Faktor etwas ebenso unerbittlich
Gegebenes wie die Ausdehnung des Meeres und der Radius der Erde.
Insofern beansprucht auch der subjektive Faktor die ganze Würde einer
weltbestimmenden Grösse, die nie und nirgends aus der Rechnung
ausgeschlossen werden kann. Er ist das andere Weltgesetz, und wer sich auf
ihn gründet, gründet sich auf ebensoviel Sicherheit, auf ebensoviel Dauer
und Gültigkeit, als der, der sich auf das Objekt beruft. Wie aber das Objekt
und das objektiv Gegebene keineswegs immer dasselbe bleibt, indem es der
Hinfälligkeit sowohl wie der Zufälligkeit unterworfen ist, so unterliegt auch
der subjektive Faktor der Veränderlichkeit und der individuellen
Zufälligkeit. Und damit ist auch sein Wert bloss relativ. Die übermässige
Entwicklung des introvertierten Standpunktes im Bewusstsein führt nämlich
nicht zu einer bessern und gültigern Verwendung des subjektiven Faktors,
sondern zu einer künstlichen Subjektivierung des Bewusstseins, welcher
man den Vorwurf des „bloss Subjektiven“ nicht ersparen kann. Es entsteht
dadurch ein Gegenstück zu der Entsubjektivierung des Bewusstseins in
einer übertriebenen, extravertierten Einstellung, welche Weiningers
Bezeichnung „misautisch“ verdient. Weil sich die introvertierte Einstellung
auf eine allgemein vorhandene, höchst reale und absolut unerlässliche
Bedingung der psychologischen Anpassung stützt, so sind Ausdrücke wie
„philautisch“, „egozentrisch“ und dergleichen mehr unangebracht und
verwerflich, weil sie das Vorurteil erwecken, dass es sich allemal bloss um
das liebe Ich handle. Nichts wäre verkehrter als eine solche Annahme. Man
begegnet ihr aber häufig, wenn man die Urteile des Extravertierten über den
Introvertierten untersucht. Ich möchte diesen Irrtum allerdings keineswegs
dem einzelnen Extravertierten zuschreiben, sondern eher auf Rechnung der
gegenwärtig allgemein geltenden extravertierten Ansicht setzen, welche
sich nicht auf den extravertierten Typus beschränkt, sondern vom andern,
sehr gegen ihn selbst, in gleichem Masse vertreten wird. Letztern trifft
sogar mit Recht der Vorwurf, dass er seiner eigenen Art untreu ist, während
dies dem erstern wenigstens nicht vorgeworfen werden kann.
Die introvertierte Einstellung richtet sich im Normalfall nach der im
Prinzip durch Vererbung gegebenen psychologischen Struktur, welche eine
dem Subjekt innewohnende Grösse ist. Sie ist aber keineswegs als
schlechthin identisch mit dem Ich des Subjektes zu setzen, was durch die

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oben erwähnten Bezeichnungen geschehen würde, sondern sie ist die
psychologische Struktur des Subjektes vor aller Entwicklung eines Ich. Das
eigentlich zugrunde liegende Subjekt, eben das Selbst, ist bei weitem
umfangreicher als das Ich, indem ersteres auch das Unbewusste umfasst,
während letzteres im wesentlichen der Mittelpunkt des Bewusstseins ist.
Wäre das Ich identisch mit dem Selbst, so wäre es undenkbar, wieso wir in
den Träumen gelegentlich in gänzlich andern Formen und Bedeutungen
auftreten können. Es ist nun allerdings eine für den Introvertierten
bezeichnende Eigentümlichkeit, dass er, ebenso sehr eigener Neigung wie
allgemeinem Vorurteil folgend, sein Ich mit seinem Selbst verwechselt, und
sein Ich zum Subjekt des psychologischen Prozesses erhöht, womit er eben
jene vorhin erwähnte, krankhafte Subjektivierung seines Bewusstseins
vollzieht, die ihn dem Objekt entfremdet. Die psychologische Struktur ist
dasselbe, was Semon als Mneme und ich als das collektive Unbewusste
bezeichnet habe. Das individuelle Selbst ist ein Teil oder Ausschnitt oder
Repräsentant einer überall, in allen lebendigen Wesen vorhandenen und
entsprechend abgestuften Art des psychologischen Ablaufes, die auch jedem
Wesen wieder aufs Neue angeboren ist. Seit Alters wird die angeborne Art
des Handelns als Instinkt bezeichnet, die Art der psychischen Erfassung des
Objektes habe ich als Archetypus zu bezeichnen vorgeschlagen. Was unter
Instinkt zu verstehen ist, kann ich wohl als bekannt voraussetzen. Ein
anderes ist es mit den Archetypen. Ich verstehe darunter dasselbe, was ich
früher in Anlehnung an Jakob Burckhardt als „urtümliches Bild“ bezeichnet
und in Kapitel XI dieser Arbeit beschrieben habe. Ich muss den Leser auf
jenes Kapitel und im besondern auf den Artikel „Bild“ verweisen. Der
Archetypus ist eine symbolische Formel, welche überall da in Funktion tritt,
wo entweder noch keine bewussten Begriffe vorhanden, oder solche aus
innern oder äussern Gründen überhaupt nicht möglich sind. Die Inhalte des
collektiven Unbewussten sind im Bewusstsein als ausgesprochene
Neigungen und Auffassungen vertreten. Sie werden vom Individuum in der
Regel als vom Objekt bedingt aufgefasst — fälschlicherweise, im Grunde
genommen —, denn sie entstammen der unbewussten Struktur der Psyche
und werden durch die Objekteinwirkung nur ausgelöst. Diese subjektiven
Neigungen und Auffassungen sind stärker als der Objekteinfluss, ihr
psychischer Wert ist höher, sodass sie sich allen Eindrücken superponieren.
So, wie es dem Introvertierten unbegreiflich erscheint, dass immer das
Objekt ausschlaggebend sein soll, so bleibt es dem Extravertierten ein

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Rätsel, wieso ein subjektiver Standpunkt der objektiven Situation überlegen
sein soll. Er gelangt unvermeidlich zu der Vermutung, dass der
Introvertierte entweder ein eingebildeter Egoist oder ein doktrinärer
Schwärmer ist. Neuerdings würde er auf die Hypothese kommen, der
Introvertierte stehe unter dem Einfluss eines unbewussten Machtkomplexes.
Diesem Vorurteil kommt der Introvertierte unzweifelhaft dadurch entgegen,
dass seine bestimmte und stark verallgemeinernde Ausdrucksweise, welche
anscheinend jede andere Meinung im Vornherein ausschliesst, dem
extravertierten Vorurteil Vorschub leistet. Überdies könnte allein schon die
Entschiedenheit und Starrheit des subjektiven Urteils, welches allem
objektiv Gegebenen a priori übergeordnet ist, genügen, den Eindruck einer
starken Egozentrizität zu erwecken. Diesem Vorurteil gegenüber fehlt dem
Introvertierten meistens das richtige Argument: er weiss nämlich nicht um
die unbewussten, aber durchaus allgemeingültigen Voraussetzungen seines
subjektiven Urteils oder seiner subjektiven Wahrnehmungen. Dem Stile der
Zeit entsprechend sucht er aussen und nicht hinter seinem Bewusstsein. Ist
er gar etwas neurotisch, so heisst das eine mehr oder weniger völlige
unbewusste Identität des Ich mit dem Selbst, wodurch das Selbst in seiner
Bedeutung auf Null heruntergesetzt, das Ich dagegen masslos angeschwellt
wird. Die unzweifelhafte, weltbestimmende Macht des subjektiven Faktors
wird dann in das Ich hineingepresst, wodurch ein ungemessener
Machtanspruch und eine geradezu läppische Egozentrizität erzeugt wird.
Jede Psychologie, welche das Wesen des Menschen auf den unbewussten
Machttrieb reduziert, ist aus dieser Anlage geboren. Viele
Geschmacklosigkeiten bei Nietzsche z. B. verdanken ihre Existenz der
Subjektivierung des Bewusstseins.

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II. Die unbewusste Einstellung.

Die überlegene Stellung des subjektiven Faktors im Bewusstsein
bedeutet eine Minderwertung des objektiven Faktors. Das Objekt hat nicht
jene Bedeutung, die ihm eigentlich zukommen sollte. Wie es in der
extravertierten Einstellung eine zu grosse Rolle spielt, so hat es in der
introvertierten Einstellung zu wenig zu sagen. In dem Masse, als das
Bewusstsein des Introvertierten sich subjektiviert und dem Ich eine
ungehörige Bedeutung zuerteilt, wird dem Objekt eine Position gegenüber
gestellt, die auf die Dauer ganz unhaltbar ist. Das Objekt ist eine Grösse
von unzweifelhafter Macht, während das Ich etwas sehr Beschränktes und
Hinfälliges ist. Ein anderes wäre es, wenn das Selbst dem Objekt gegenüber
träte. Selbst und Welt sind commensurable Grössen, daher eine normale
introvertierte Einstellung ebenso viel Daseinsberechtigung und Gültigkeit
hat, wie eine normale extravertierte Einstellung. Hat aber das Ich den
Anspruch des Subjektes auf sich übernommen, so entsteht naturgemäss, zur
Compensierung, eine unbewusste Verstärkung des Objekteinflusses. Diese
Veränderung macht sich dadurch bemerkbar, dass trotz einer manchmal
geradezu krampfhaften Anstrengung, dem Ich die Überlegenheit zu sichern,
das Objekt und das objektiv Gegebene übermächtige Einflüsse entfalten,
die umso unüberwindlicher sind, als sie das Individuum unbewusst erfassen
und sich dadurch dem Bewusstsein unwiderstehlich aufdrängen. Infolge der
mangelhaften Beziehung des Ich zum Objekt — Beherrschenwollen ist
nämlich keine Anpassung — entsteht im Unbewussten eine
compensatorische Beziehung zum Objekt, die sich im Bewusstsein als eine
unbedingte und nicht zu unterdrückende Bindung an das Objekt geltend
macht. Je mehr sich das Ich alle möglichen Freiheiten, Unabhängigkeiten,
Verpflichtungslosigkeiten und Überlegenheiten zu sichern sucht, desto mehr
gerät es in die Sklaverei des objektiv Gegebenen. Die Freiheit des Geistes
wird an die Kette einer schmählichen, finanziellen Abhängigkeit gelegt, die
Unbekümmertheit des Handelns erleidet eins ums andere Mal ein
ängstliches Zusammenknicken vor der öffentlichen Meinung, die
moralische Überlegenheit gerät in den Sumpf minderwertiger Beziehungen,
die Herrscherlust endet mit einer kläglichen Sehnsucht nach dem
Geliebtwerden. Das Unbewusste besorgt in erster Linie die Beziehung zum

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Objekt und zwar in einer Art und Weise, welche geeignet ist, die
Machtillusion und die Überlegenheitsphantasie des Bewusstseins aufs
Gründlichste zu zerstören. Das Objekt nimmt angsterregende Dimensionen
an, trotz bewusster Heruntersetzung. Infolgedessen wird die Abtrennung
und die Beherrschung des Objektes vom Ich noch heftiger betrieben.
Schliesslich umgibt sich das Ich mit einem förmlichen System von
Sicherungen (wie dies Adler zutreffend geschildert hat), welche wenigstens
den Wahn der Überlegenheit zu wahren suchen. Damit aber trennt sich der
Introvertierte vom Objekte gänzlich ab und reibt sich völlig auf in
Verteidigungsmassnahmen einerseits und in fruchtlosen Versuchen
andererseits, dem Objekt zu imponieren und sich durchzusetzen. Diese
Bemühungen werden aber beständig durchkreuzt durch die überwältigenden
Eindrücke, die er vom Objekt erhält. Wider seinen Willen imponiert ihm
das Objekt anhaltend, es verursacht ihm die unangenehmsten und
nachhaltigsten Affekte und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Er bedarf
beständig einer ungeheuren, innern Arbeit, um „sich halten“ zu können.
Daher ist seine typische Neurosenform die Psychasthenie, eine Krankheit,
die einerseits durch eine grosse Sensitivität, andererseits durch grosse
Erschöpfbarkeit und chronische Ermüdung gekennzeichnet ist.
Eine Analyse des persönlichen Unbewussten ergibt eine Menge von
Machtphantasien gepaart mit Angst vor gewaltig belebten Objekten, denen
der Introvertierte in der Tat auch leicht zum Opfer fällt. Es entwickelt sich
nämlich aus der Objektangst eine eigentümliche Feigheit, sich oder seine
Meinung geltend zu machen, denn er fürchtet einen verstärkten
Objekteinfluss. Er fürchtet eindrucksvolle Affekte der andern und kann sich
kaum der Angst erwehren, unter einen fremden Einfluss zu geraten. Die
Objekte nämlich haben für ihn furchterregende, machtvolle Qualitäten, die
er ihnen zwar bewusst nicht ansehen kann, die er aber durch sein
Unbewusstes wahrzunehmen glaubt. Da seine bewusste Beziehung zum
Objekt relativ verdrängt ist, so geht sie durch das Unbewusste, wo sie mit
den Qualitäten des Unbewussten beladen wird. Diese Qualitäten sind in
erster Linie infantil-archaïsche. Infolgedessen wird seine Objektbeziehung
primitiv und nimmt alle jene Eigentümlichkeiten an, welche die primitive
Objektbeziehung kennzeichnen. Es ist dann, wie wenn das Objekt magische
Gewalt besässe. Fremde, neue Objekte erregen Furcht und Misstrauen, wie
wenn sie unbekannte Gefahren bärgen, althergebrachte Objekte sind wie
mit unsichtbaren Fäden an seine Seele gehängt, jede Veränderung erscheint

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störend, wenn nicht geradezu gefährlich, denn sie scheint eine magische
Belebtheit des Objektes zu bedeuten. Eine einsame Insel, wo sich nur das
bewegt, dem man sich zu bewegen erlaubt, wird zum Ideal. Der Roman von
F. Th. Vischer: „Auch Einer“, gibt einen trefflichen Einblick in diese Seite
des introvertierten Seelenzustandes, zugleich auch in die dahinterliegende
Symbolik des collektiven Unbewussten, die ich in dieser
Typenbeschreibung bei Seite lasse, weil sie nicht bloss dem Typus angehört,
sondern allgemein ist.

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III. Die Besonderheiten der psychologischen Grundfunktionen
in der introvertierten Einstellung.

1. Das Denken.

Ich habe bei der Beschreibung des extravertierten Denkens bereits eine
kurze Charakteristik des introvertierten Denkens gegeben, auf die ich hier
nochmals verweisen möchte. Das introvertierte Denken orientiert sich in
erster Linie am subjektiven Faktor. Der subjektive Faktor ist dargestellt
mindestens durch ein subjektives Richtungsgefühl, welches die Urteile
letzten Endes bestimmt. Bisweilen ist es auch ein mehr oder weniger
fertiges Bild, welches gewissermassen als Massstab dient. Das Denken
kann sich mit concreten oder abstrakten Grössen befassen, immer aber
orientiert es sich an entscheidendem Orte am subjektiv Gegebenen. Es führt
also nicht aus der concreten Erfahrung wieder in die objektiven Dinge
zurück, sondern zum subjektiven Inhalt. Die äussern Tatsachen sind nicht
Ursache und Ziel dieses Denkens, obschon der Introvertierte sehr oft
seinem Denken diesen Anschein geben möchte, sondern dieses Denken
beginnt im Subjekt und führt zum Subjekt zurück, auch wenn es die
weitesten Ausflüge in das Gebiet realer Tatsächlichkeit unternimmt. Es ist
daher in Ansehung der Aufstellung neuer Tatsachen hauptsächlich indirekt
von Wert, insofern es in erster Linie neue Ansichten vermittelt und weit
weniger Kenntnis neuer Tatsachen. Es erschafft Fragestellungen und
Theorien, es eröffnet Ausblicke und Einblicke, aber es zeigt Tatsachen
gegenüber ein reserviertes Verhalten. Sie sind ihm recht als illustrierende
Beispiele, sie dürfen aber nicht überwiegen. Tatsachen werden nur
gesammelt als Beweistümer, niemals aber um ihrer selbst willen. Letzteres
wird überhaupt, wenn es geschieht, nur als Kompliment an den
extravertierten Stil getan. Die Tatsachen sind diesem Denken von
sekundärer Bedeutung, von überwiegendem Wert aber erscheint ihm die
Entwicklung und Darstellung der subjektiven Idee, des anfänglichen
symbolischen Bildes, das mehr oder weniger dunkel vor seinem innern
Blicke steht. Es strebt daher nie nach einer gedanklichen Rekonstruktion
der concreten Tatsächlichkeit, sondern nach einer Ausgestaltung des
dunkeln Bildes zur lichtvollen Idee. Es will die Tatsächlichkeit erreichen, es

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will die äussern Tatsachen sehen, wie sie den Rahmen seiner Idee ausfüllen,
und seine schöpferische Kraft bewährt sich darin, dass dieses Denken auch
jene Idee erzeugen kann, die nicht in den äussern Tatsachen lag, und doch
deren passendster, abstrakter Ausdruck ist, und seine Aufgabe ist vollendet,
wenn die von ihm geschaffene Idee als aus den äussern Tatsachen
hervorgehend erscheint und auch durch sie als gültig erwiesen werden kann.
Ebenso wenig aber, wie es dem extravertierten Denken immer gelingt,
einen tüchtigen Erfahrungsbegriff den concreten Tatsachen zu entwinden,
oder neue Tatsachen zu erschaffen, ebenso wenig glückt es dem
introvertierten Denken, sein anfängliches Bild immer auch in eine den
Tatsachen angepasste Idee zu übersetzen. Wie in ersterm Falle die rein
empirische Tatsachenzusammenhäufung den Gedanken verkrüppelt und den
Sinn erstickt, so zeigt das introvertierte Denken eine gefährliche Neigung,
die Tatsachen in die Form seines Bildes hineinzuzwängen oder sie gar zu
ignorieren, um sein Phantasiebild entrollen zu können. In diesem Fall wird
die dargestellte Idee ihre Herkunft aus dem dunkeln archaïschen Bilde nicht
verleugnen können. Es wird ihr ein mythologischer Zug anhaften, den man
etwa als „Originalität“, und in schlimmem Fällen als Schrullenhaftigkeit
deutet, indem ihr archaïscher Charakter den mit mythologischen Motiven
unbekannten Fachgelehrten nicht als solcher durchsichtig ist. Die subjektive
Überzeugungskraft einer solchen Idee pflegt eine grosse zu sein, wohl umso
grösser, je weniger sie mit äussern Tatsachen in Berührung kommt.
Obschon es dem, der die Idee vertritt, erscheinen mag, als ob sein spärliches
Tatsachenmaterial Grund und Ursache der Glaubwürdigkeit und Gültigkeit
seiner Idee wäre, so ist dem doch nicht so, denn die Idee bezieht ihre
Überzeugungskraft aus ihrem unbewussten Archetypus, der als solcher
allgemeingültig und wahr ist und ewig wahr sein wird. Aber diese Wahrheit
ist dergestalt allgemein und dermassen symbolisch, dass sie immer zuerst in
die momentan anerkannten und anerkennbaren Erkenntnisse eingehen
muss, um eine praktische Wahrheit von einigem Lebenswert zu werden.
Was wäre z. B. eine Kausalität, die nirgends in praktischen Ursachen und
praktischen Wirkungen erkennbar wäre?
Dieses Denken verliert sich leicht in die immense Wahrheit des
subjektiven Faktors. Es schafft Theorien um der Theorie willen,
anscheinend in Hinblick auf wirkliche oder wenigstens mögliche Tatsachen,
aber mit deutlicher Neigung vom Ideellen zum bloss Bildhaften

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überzugehen. Dadurch kommen zwar Anschauungen von vielen
Möglichkeiten zustande, von denen aber keine zur Wirklichkeit wird, und
schliesslich werden Bilder geschaffen, die überhaupt nichts äusserlich
Wirkliches mehr ausdrücken, sondern „bloss“ noch Symbole des
schlechthin Unerkennbaren sind. Damit wird dieses Denken mystisch und
genau so unfruchtbar wie ein Denken, das sich bloss im Rahmen objektiver
Tatsachen abspielt. Wie letzteres auf das Niveau des Tatsachenvorstellens
hinuntersinkt, so verflüchtigt sich ersteres zum Vorstellen des
Unvorstellbaren, das sogar jenseits aller Bildhaftigkeit ist. Das
Tatsachenvorstellen ist von unbestreitbarer Wahrheit, denn der subjektive
Faktor ist ausgeschlossen, und die Tatsachen beweisen sich aus sich selber.
So ist auch das Vorstellen des Unvorstellbaren von subjektiv unmittelbarer,
überzeugender Kraft und beweist sich aus seinem eigenen Vorhandensein.
Ersteres sagt: Est, ergo est; dagegen letzteres: Cogito, ergo cogito. Das auf
die Spitze getriebene introvertierte Denken gelangt zur Evidenz seines
eigenen subjektiven Seins, das extravertierte Denken dagegen zur Evidenz
seiner völligen Identität mit der objektiven Tatsache. Wie nun dieses durch
sein völliges Aufgehen im Objekt sich selber leugnet, so entledigt sich jenes
allen und jeglichen Inhaltes und begnügt sich mit seinem blossen
Vorhandensein. Damit wird in beiden Fällen das Weiterschreiten des Lebens
aus der Denkfunktion herausgedrängt in das Gebiet anderer psychischen
Funktionen, welche bis anhin in relativer Unbewusstheit existierten. Die
ausserordentliche Verarmung des introvertierten Denkens an objektiven
Tatsachen wird compensiert durch eine Fülle unbewusster Tatsachen. Je
mehr sich das Bewusstsein mit der Denkfunktion auf einen kleinsten und
möglichst leeren Kreis einschränkt, der aber die ganze Fülle der Gottheit zu
enthalten scheint, desto mehr bereichert sich die unbewusste Phantasie mit
einer Vielheit von archaïsch geformten Tatsachen, einem Pandaemonium
magischer und irrationaler Grössen, welche je nach der Art der Funktion,
welche die Denkfunktion als Lebensträgerin zunächst ablöst, ein besonderes
Gesicht erhalten. Ist es die intuitive Funktion, so wird die „andere Seite“
mit den Augen eines Kubin oder eines Meyrink gesehen. Ist es die
Fühlfunktion, so entstehen bisher unerhörte, phantastische
Gefühlsbeziehungen und Gefühlsurteile widerspruchsvollen und
unverständlichen Charakters. Ist es die Empfindungsfunktion, so entdecken
die Sinne Neues, Niezuvorerfahrenes in und ausserhalb des eigenen
Körpers. Eine nähere Untersuchung dieser Veränderungen kann unschwer

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das Hervortreten primitiver Psychologie mit allen ihren Kennzeichen
nachweisen. Natürlich ist das Erfahrene nicht bloss primitiv, sondern auch
symbolisch und je älter und ursprünglicher es aussieht, desto
zukunftswahrer ist es. Denn alles Alte unseres Unbewussten meint
Kommendes. Unter gewöhnlichen Umständen glückt nicht einmal der
Übergang nach der „andern Seite“, geschweige denn der erlösende
Durchgang durch das Unbewusste. Der Übergang wird meistens verhindert
durch den bewussten Widerstand gegen die Unterwerfung des Ich unter die
unbewusste Tatsächlichkeit, unter die bedingende Realität des unbewussten
Objektes. Der Zustand ist eine Dissociation, mit andern Worten eine
Neurose mit dem Charakter der innern Aufreibung und der zunehmenden
Gehirnerschöpfung, der Psychasthenie.

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2. Der introvertierte Denktypus.

Wie ein Darwin etwa den normalen extravertierten Denktypus
darstellen könnte, so könnte man beispielsweise Kant als den
gegenüberstehenden normalen introvertierten Denktypus bezeichnen. Wie
ersterer in Tatsachen spricht, so beruft sich letzterer auf den subjektiven
Faktor. Darwin drängt nach dem weiten Felde objektiver Tatsächlichkeit,
Kant dagegen reserviert sich eine Kritik des Erkennens überhaupt. Nehmen
wir einen Cuvier und stellen ihn einem Nietzsche gegenüber, so spannen wir
die Gegensätze noch schärfer.
Der introvertierte Denktypus ist charakterisiert durch das Primat des
oben beschriebenen Denkens. Er ist, wie sein extravertierter Parallelfall,
ausschlaggebend beeinflusst durch Ideen, die aber nicht dem objektiv
Gegebenen, sondern der subjektiven Grundlage entspringen. Er wird, wie
der Extravertierte, seinen Ideen folgen, aber in umgekehrter Richtung, nicht
nach aussen, sondern nach innen. Er strebt nach Vertiefung und nicht nach
Verbreiterung. Durch diese Grundlage unterscheidet er sich von seinem
extravertierten Parallelfall in ganz erheblichem Masse und in
unverkennbarer Weise. Was den andern auszeichnet, nämlich seine
intensive Bezogenheit auf das Objekt, fehlt ihm gelegentlich fast völlig, wie
übrigens jedem introvertierten Typus. Ist das Objekt ein Mensch, so fühlt
dieser Mensch deutlich, dass er eigentlich nur negativ in Frage kommt, d. h.
in mildern Fällen wird er sich seiner Überflüssigkeit bewusst, in
schlimmern fühlt er sich als störend direkt abgelehnt. Diese negative
Beziehung zum Objekt, Indifferenz bis Ablehnung, charakterisiert jeden
Introvertierten und macht auch die Beschreibung des introvertierten Typus
überhaupt äusserst schwierig. Es tendiert in ihm alles zum Verschwinden
und zur Verborgenheit. Sein Urteil erscheint als kalt, unbeugsam,
willkürlich und rücksichtslos, weil es weniger auf das Objekt als auf das
Subjekt bezogen ist. Es ist nichts daran zu fühlen, was dem Objekt etwa
höhern Wert verliehe, sondern es geht immer etwas über das Objekt hinweg
und lässt eine Überlegenheit des Subjektes durchfühlen. Höflichkeit,
Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit mögen vorhanden sein, aber öfters
mit dem sonderbaren Beigeschmack einer gewissen Ängstlichkeit, welche
eine Absicht dahinter verrät, nämlich die Absicht der Entwaffnung des
Gegners. Er soll beruhigt oder stillgelegt werden, denn er könnte störend

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werden. Er ist zwar kein Gegner, aber, wenn er empfindsam ist, so wird er
eine gewisse Zurückdrängung, vielleicht sogar Entwertung fühlen. Das
Objekt unterliegt immer einer gewissen Vernachlässigung oder wird, in
schlimmern Fällen, mit unnötigen Vorsichtsmassregeln umgeben. So
verschwindet dieser Typus gerne hinter einer Wolke von Missverständnis,
die umso dichter wird, je mehr er compensatorisch versucht, mit Hilfe
seiner minderwertigen Funktionen die Maske einer gewissen Urbanität
anzunehmen, welche aber mit seinem wirklichen Wesen oft in grellstem
Kontrast steht. Wenn er schon beim Ausbau seiner Ideenwelt vor keinem
noch so kühnen Wagnis zurückschreckt und keinen Gedanken darum nicht
denkt, weil er gefährlich, umstürzlerisch, ketzerisch und gefühlsverletzend
sein könnte, so wird er doch von der grössten Ängstlichkeit befallen, wenn
das Wagnis äussere Wirklichkeit werden sollte. Das geht ihm gegen den
Strich. Wenn er auch seine Gedanken in die Welt setzt, so führt er sie nicht
ein wie eine besorgte Mutter ihre Kinder, sondern er setzt sie aus und ärgert
sich höchstens, wenn sie ihr Fortkommen nicht von selber finden. Sein
meist enormer Mangel an praktischer Fähigkeit oder seine Abneigung
gegen Reklame in jeder Hinsicht kommen ihm dabei helfend entgegen.
Wenn ihm sein Produkt subjektiv richtig und wahr erscheint, so muss es
auch richtig sein, und andere haben sich dieser Wahrheit einfach zu beugen.
Er wird wohl kaum hingehen, um jemand, hauptsächlich jemand von
Einfluss, dafür zu gewinnen. Und wenn er es tut, so tut er es meistens
dermassen ungeschickt, dass er das Gegenteil seines Vorhabens erreicht.
Mit Konkurrenten im eigenen Fach macht er meistens schlechte
Erfahrungen, indem er niemals ihre Gunst zu erringen versteht; er gibt
ihnen in der Regel sogar zu verstehen, wie überflüssig sie ihm sind. In der
Verfolgung seiner Ideen ist er meist hartnäckig, eigensinnig und
unbeeinflussbar. Seltsam kontrastiert damit seine Suggestibilität
persönlichen Einflüssen gegenüber. Ist die anscheinende Ungefährlichkeit
eines Objektes erkannt, so ist dieser Typus gerade minderwertigen
Elementen äusserst zugänglich. Sie fassen ihn vom Unbewussten her. Er
lässt sich brutalisieren und aufs schmählichste ausbeuten, wenn er nur in
der Verfolgung seiner Ideen nicht gestört wird. Er sieht es nicht, wenn er
hinterrücks ausgeplündert und praktisch geschädigt wird, denn seine
Beziehung zum Objekt ist ihm sekundär, und die objektive Bewertung
seines Produktes ist ihm unbewusst. Weil er seine Probleme nach
Möglichkeit ausdenkt, kompliziert er sie und ist daher stets in allen

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möglichen Bedenklichkeiten befangen. So klar ihm die innere Struktur
seiner Gedanken ist, so unklar ist ihm, wo und wie sie in die wirkliche Welt
hineingehören. Er kann sich nur schwer darein finden, anzunehmen, dass
etwas, was ihm klar ist, nicht auch jedermann klar erscheint. Sein Stil ist
meistens erschwert durch allerhand Zutaten, Einschränkungen, Vorsichten,
Zweifel, die von seiner Bedenklichkeit herstammen. Die Arbeit geht ihm
schwer von der Hand. Entweder ist er schweigsam, oder er verfällt auf
Leute, die ihn nicht verstehen; damit sammelt er sich Beweisstücke für die
unergründliche Dummheit der Menschen. Wird er zufällig einmal
verstanden, so verfällt er leichtgläubiger Überschätzung. Gerne wird er das
Opfer ehrgeiziger Frauen, die seine Kritiklosigkeit dem Objekt gegenüber
auszunützen verstehen, oder er entwickelt sich zum misanthropischen
Junggesellen mit einem kindlichen Herzen. Öfters ist auch sein äusseres
Auftreten ungeschickt, etwa peinlich sorgfältig, um Aufsehen zu vermeiden
oder auch bemerkenswert unbekümmert, von kindlicher Naivetät. In seinem
speziellen Arbeitsgebiet erregt er heftigsten Widerspruch, mit dem er nichts
anzufangen weiss, wenn er sich durch seinen primitiven Affekt nicht etwa
in eine ebenso bissige wie fruchtlose Polemik hineinreissen lässt. Er gilt als
rücksichtslos und autoritär im weitern Umkreis. Je näher man ihn kennt,
desto günstiger wird das Urteil über ihn, und die Nächsten wissen seine
Intimität aufs Höchste zu schätzen. Für den Fernerstehenden scheint er
borstig, unnahbar und hochmütig, öfters auch verbittert infolge seiner der
Gesellschaft ungünstigen Vorurteile. Er hat als persönlicher Lehrer geringen
Einfluss, da ihm die Mentalität seiner Schüler unbekannt ist. Auch
interessiert ihn das Lehren im Grunde genommen gar nicht, wenn es ihm
nicht gerade zufälligerweise ein theoretisches Problem ist. Er ist ein
schlechter Lehrer, da er während des Lehrens über den Lehrstoff denkt und
sich nicht mit dem Vorstellen desselben begnügt.
Mit der Verstärkung seines Typus werden seine Überzeugungen starrer
und unbeugsamer. Fremde Einflüsse werden ausgeschaltet, auch persönlich
wird er für die Fernerstehenden unsympathischer, und dafür von den
Nächsten abhängiger. Seine Sprache wird persönlicher und rücksichtsloser
und seine Ideen werden tief, vermögen sich aber im noch vorhandenen Stoff
nicht mehr genügend auszudrücken. Der Mangel wird durch Emotivität und
Empfindlichkeit ersetzt. Die fremde Beeinflussung, die er aussen schroff
ablehnt, befällt ihn von innen, von Seiten des Unbewussten, und er muss
Beweise dagegen häufen, und zwar gegen Dinge, die Aussenstehenden als

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gänzlich überflüssig erscheinen. Da durch den Mangel an Beziehung zum
Objekt sein Bewusstsein sich subjektiviert, so erscheint ihm das als das
Wichtigste, was im Geheimen seine Person am meisten angeht. Und er
beginnt, seine subjektive Wahrheit mit seiner Person zu verwechseln. Er
wird zwar niemand persönlich für seine Überzeugungen zu pressen
versuchen, er wird aber giftig und persönlich gegen jede auch noch so
gerechte Kritik losfahren. Damit isoliert er sich allmählich in jeder
Hinsicht. Seine anfänglich befruchtenden Ideen werden destruktiv, weil sie
durch den Niederschlag der Verbitterung vergiftet werden. Mit der
Isolierung nach aussen wächst der Kampf mit der unbewussten
Beeinflussung, welche ihn allmählich zu lähmen beginnt. Ein verstärkter
Hang zur Einsamkeit soll ihn vor den unbewussten Beeinflussungen
schützen, sie führt ihn in der Regel aber tiefer in den Konflikt, der ihn
innerlich aufreibt.
Das Denken des introvertierten Typus ist positiv und synthetisch in
Hinsicht der Entwicklung von Ideen, die sich in steigendem Masse der
ewigen Gültigkeit der Urbilder annähern. Lockert sich aber ihr
Zusammenhang mit der objektiven Erfahrung, so werden sie mythologisch
und für die momentane Zeitlage unwahr. Daher ist dieses Denken nur so
lange auch für den Zeitgenossen wertvoll, als es in ersichtlichem und
verstehbarem Zusammenhang mit den derzeit bekannten Tatsachen steht.
Wird das Denken aber mythologisch, so wird es irrelevant und verläuft in
sich selbst. Die diesem Denken gegenüberstehenden relativ unbewussten
Funktionen des Fühlens, Intuierens und Empfindens sind minderwertig und
haben einen primitiv extravertierten Charakter, welchem alle die lästigen
Objekteinflüsse, denen der introvertierte Denktypus unterworfen ist,
zuzuschreiben sind. Die Selbstschutzmassnahmen und die Hindernisfelder,
die solche Leute um sich herum anzulegen pflegen, sind genügsam bekannt,
sodass ich mir ihre Schilderung ersparen kann. Dies alles dient zur Abwehr
„magischer“ Einwirkungen, dazu gehört auch die Angst vor dem weiblichen
Geschlecht.

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3. Das Fühlen.

Das introvertierte Fühlen ist in der Hauptsache determiniert durch den
subjektiven Faktor. Dies bedeutet für das Gefühlsurteil einen ebenso
wesentlichen Unterschied vom extravertierten Fühlen, wie die Introversion
des Denkens von der Extraversion. Es gehört zweifellos zu den
schwierigern Dingen, den introvertierten Gefühlsprozess intellektuell
darzustellen oder auch nur annähernd zu beschreiben, obschon das
eigentümliche Wesen dieses Fühlens unbedingt auffällt, wenn man seiner
überhaupt gewahr wird. Da sich dieses Fühlen hauptsächlich subjektiven
Vorbedingungen unterwirft und sich nur sekundär mit dem Objekt
beschäftigt, so tritt es viel weniger und in der Regel missverständlich in die
Erscheinung. Es ist ein Fühlen, das anscheinend die Objekte entwertet und
sich darum meistens negativ bemerkbar macht. Die Existenz eines positiven
Gefühles ist sozusagen nur indirekt zu erschliessen. Es sucht sich nicht dem
Objektiven einzupassen, sondern ihm überzuordnen, indem es unbewusst
versucht, die ihm zu Grunde liegenden Bilder zu verwirklichen. Es sucht
daher stets nach einem in der Wirklichkeit nicht anzutreffenden Bild, das es
gewissermassen zuvor gesehen hat. Es gleitet anscheinend über die Objekte,
die seinem Ziele niemals passen, achtlos hinweg. Es strebt nach einer
innern Intensität, zu der die Objekte höchstens einen Anreiz beitragen. Die
Tiefe dieses Gefühles lässt sich nur ahnen, aber nicht klar erfassen. Es
macht die Menschen still und schwer zugänglich, da es sich vor der
Brutalität des Objektes mimosenhaft zurückzieht, um den tiefen
Hintergrund des Subjektes zu erfühlen. Zum Schutze schiebt es negative
Gefühlsurteile vor oder eine auffallende Indifferenz.
Die urtümlichen Bilder sind bekanntlich ebenso sehr Idee wie Gefühl.
Daher sind auch grundlegende Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit
ebenso sehr Gefühlswerte, wie sie als Ideen bedeutend sind. Es liesse sich
demnach alles, was vom introvertierten Denken gesagt wurde, auch auf das
introvertierte Fühlen übertragen, nur wird hier alles erfühlt, was dort
erdacht wird. Die Tatsache aber, dass Gedanken in der Regel verständlicher
ausgedrückt werden können, als Gefühle, bedingt, dass es bei diesem
Fühlen schon einer nicht gewöhnlichen sprachlichen oder künstlerischen
Ausdrucksfähigkeit bedarf, um seinen Reichtum auch nur annähernd
äusserlich darzustellen oder mitzuteilen. Wie das subjektive Denken wegen

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seiner Unbezogenheit nur schwierig ein adäquates Verständnis zu erwecken
vermag, so gilt dies vielleicht in noch höherm Masse für das subjektive
Fühlen. Um sich andern mitzuteilen, muss es eine äussere Form finden,
welche geeignet ist, einerseits das subjektive Fühlen entsprechend
aufzunehmen und andererseits dem Mitmenschen es so zu übermitteln, dass
in ihm ein Parallelvorgang entsteht. Wegen der relativ grossen innern (wie
äussern) Gleichheit der Menschen kann diese Wirkung auch erreicht
werden, obschon es ausserordentlich schwierig ist, eine dem Gefühl
zusagende Form zu finden, solange nämlich das Fühlen sich wirklich noch
hauptsächlich am Schatze der urtümlichen Bilder orientiert. Wird es aber
durch Egozentrizität verfälscht, so wird es unsympathisch, weil es sich dann
überwiegend nur noch mit dem Ich beschäftigt. Es erweckt dann unfehlbar
den Eindruck sentimentaler Eigenliebe, des Sichinteressantmachens und
selbst einer krankhaften Selbstbespiegelung. Wie das subjektivierte
Bewusstsein des introvertierten Denkers nach einer Abstraktion der
Abstraktionen strebt und damit nur eine höchste Intensität eines an sich
leeren Denkprozesses erreicht, so vertieft sich auch das egozentrische
Fühlen zu einer inhaltlosen Leidenschaftlichkeit, die bloss sich selber fühlt.
Diese Stufe ist mystisch-ekstatisch und bereitet den Übergang in die vom
Fühlen verdrängten, extravertierten Funktionen vor. Wie dem introvertierten
Denken ein primitives Fühlen, dem sich Objekte mit magischer Gewalt
anhängen, gegenübersteht, so tritt dem introvertierten Fühlen ein primitives
Denken gegenüber, das an Concretismus und Tatsachensklaverei
seinesgleichen sucht. Das Fühlen emanzipiert sich fortschreitend von der
Beziehung aufs Objekt und schafft sich eine nur subjektiv gebundene
Handlungs- und Gewissensfreiheit, die sich gegebenenfalls von allem
Hergebrachtem lossagt. Umso mehr aber verfällt das unbewusste Denken
der Macht des Objektiven.

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4. Der introvertierte Fühltypus.

Das Primat des introvertierten Fühlens habe ich hauptsächlich bei
Frauen angetroffen. Das Sprichwort „Stille Wasser gründen tief“, gilt von
diesen Frauen. Sie sind meist still, schwer zugänglich, unverständlich,
öfters hinter einer kindlichen oder banalen Maske verborgen, öfters auch
von melancholischem Temperament. Sie scheinen nicht und treten nicht
auf. Da sie sich überwiegend von ihrem subjektiv orientierten Gefühl leiten
lassen, so bleiben ihre wahren Motive meistens verborgen. Nach aussen
zeigen sie eine harmonische Unauffälligkeit, eine angenehme Ruhe, einen
sympathischen Parallelismus, der den andern nicht veranlassen,
beeindrucken oder gar bearbeiten und verändern will. Ist diese Aussenseite
etwas ausgeprägter, so drängt sich ein leiser Verdacht von Indifferenz und
Kühle auf, der sich bis zu dem der Gleichgültigkeit für das Wohl und Wehe
der andern verstärken kann. Man fühlt dann deutlich die vom Objekt sich
abwendende Gefühlsbewegung. Beim normalen Typus tritt dieser Fall
allerdings nur dann ein, wenn das Objekt in irgend einer Weise zu stark
einwirkt. Die harmonische Gefühlsbegleitung findet darum nur solange
statt, als das Objekt in mittlerer Gefühlslage sich auf seinem eigenen Wege
bewegt und den Weg des andern nicht zu durchkreuzen sucht. Eigentliche
Emotionen des Objektes werden nicht begleitet, sondern gedämpft und
abgewehrt oder besser gesagt „abgekühlt“ mit einem negativen
Gefühlsurteil. Obschon stets eine Bereitschaft zu einem ruhigen und
harmonischen Nebeneinandergehen vorhanden ist, so zeigt sich dem
fremden Objekt gegenüber keine Liebenswürdigkeit, kein warmes
Entgegenkommen, sondern eine indifferent erscheinende, kühle bis
abweisende Art. Man bekommt gelegentlich die Überflüssigkeit der eigenen
Existenz zu fühlen. Gegen etwas Mitreissendes, Enthusiastisches
beobachtet dieser Typus zunächst eine wohlwollende Neutralität, bisweilen
mit einem leisen Zug von Überlegenheit und Kritik, der einem
empfindsamen Objekt leicht den Wind aus den Segeln nimmt. Eine
anstürmende Emotion aber kann mit mörderischer Kälte schroff
abgeschlagen werden, wenn sie nicht zufälligerweise das Individuum vom
Unbewussten her erfasst, d. h. mit andern Worten irgend ein urtümliches
Gefühlsbild belebt und damit das Fühlen dieses Typus gefangen nimmt.
Wenn dieser Fall eintritt, so empfindet eine solche Frau einfach eine

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momentane Lähmung, gegen die sich später unfehlbar ein umso heftigerer
Widerstand erhebt, welcher das Objekt an der verwundbarsten Stelle
erreichen wird. Die Beziehung zum Objekt wird möglichst in einer ruhigen
und sichern Mittellage des Gefühls gehalten unter hartnäckiger Verpönung
der Leidenschaft und ihrer Ungemessenheit. Der Gefühlsausdruck bleibt
daher spärlich und das Objekt fühlt dauernd seine Minderbewertung, wenn
es deren bewusst wird. Dies ist allerdings nicht immer der Fall, indem der
Fehlbetrag sehr oft unbewusst bleibt, dafür aber mit der Zeit infolge
unbewussten Gefühlsanspruches Symptome entwickelt, welche eine
vermehrte Aufmerksamkeit erzwingen sollen. Da dieser Typus meist kühl
und reserviert erscheint, so spricht ihm ein oberflächliches Urteil leicht
jedes Gefühl ab. Das ist aber grundfalsch, indem die Gefühle zwar nicht
extensiv, sondern intensiv sind. Sie entwickeln sich in die Tiefe. Während
z. B. ein extensives Mitleidsgefühl sich an passender Stelle mit Worten und
Taten äussert und sich bald von diesem Eindruck wieder befreien kann,
verschliesst sich ein intensives Mitleid vor jedem Ausdruck und gewinnt
eine leidenschaftliche Tiefe, welche das Elend einer Welt in sich begreift
und daran erstarrt. Es mag vielleicht im Übermass herausbrechen und zu
einer verblüffenden Tat sozusagen heroischen Charakters führen, zu der
aber weder das Objekt noch das Subjekt ein richtiges Verhältnis finden
können. Nach aussen und dem blinden Auge des Extravertierten erscheint
dieses Mitleid als Kälte, denn es tut nichts Sichtbares, und an unsichtbare
Kräfte vermag ein extravertiertes Bewusstsein nicht zu glauben. Dieses
Missverständnis ist ein charakteristisches Vorkommnis im Leben dieses
Typus und wird in der Regel registriert als ein wichtigstes Argument gegen
jede tiefere Gefühlsbeziehung zum Objekte. Was aber der wirkliche
Gegenstand dieses Fühlens ist, ist dem Normaltypus selbst nur
ahnungsweise gegeben. Er drückt sein Ziel und seinen Inhalt vielleicht in
einer verborgenen und vor profanen Augen ängstlich gehüteten Religiosität,
oder in ebenso vor Überraschung gesicherten poetischen Formen vor sich
selber aus, nicht ohne den geheimen Ehrgeiz, damit eine Überlegenheit über
das Objekt zustande zu bringen. Frauen, die Kinder haben, legen vieles
davon in diese, indem sie ihnen heimlich ihre Leidenschaftlichkeit
einflössen.
Obschon im Normaltypus die angedeutete Tendenz, das heimlich
Gefühlte dem Objekt einmal offen und sichtbar überzuordnen oder
überwältigend aufzuzwingen, keine störende Rolle spielt, und niemals zu

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einem ernstlichen Versuch in dieser Richtung führt, so sickert davon doch
etwas in die persönliche Wirkung auf das Objekt durch, in Form eines oft
schwer zu definierenden, dominierenden Einflusses. Es wird etwa als ein
erdrückendes oder erstickendes Gefühl empfunden, das die Umgebung in
einen Bann schlägt. Dadurch gewinnt dieser Typus eine gewisse
geheimnisvolle Macht, welche namentlich den extravertierten Mann in
höchstem Masse faszinieren kann, weil sie sein Unbewusstes berührt. Diese
Macht stammt von den erfühlten, unbewussten Bildern, wird aber vom
Bewusstsein leicht auf das Ich bezogen, wodurch der Einfluss verfälscht
wird im Sinne der persönlichen Tyrannei. Wenn aber das unbewusste
Subjekt mit dem Ich identifiziert wird, so wandelt sich auch die
geheimnisvolle Macht des intensiven Gefühls in banale und anmassende
Herrschsucht, Eitelkeit und tyrannische Zwängerei. Daraus entsteht ein
Typus Frau, der wegen seines skrupellosen Ehrgeizes und wegen seiner
heimtückischen Grausamkeit unvorteilhaft bekannt ist. Diese Wendung
führt aber in die Neurose.
Solange das Ich sich unterhalb der Höhe des unbewussten Subjektes
fühlt und das Gefühl Höheres und Mächtigeres erschliesst als das Ich, ist
der Typus normal. Das unbewusste Denken ist zwar archaïsch, compensiert
aber hilfreich durch Reduktionen die gelegentlichen Anwandlungen, das Ich
zum Subjekt zu erheben. Tritt dieser Fall aber doch ein durch völlige
Unterdrückung der reduzierenden unbewussten Denkeinflüsse, dann begibt
sich das unbewusste Denken in die Opposition und projiziert sich in die
Objekte. Damit bekommt das egozentrisch gewordene Subjekt die Macht
und Bedeutung der entwerteten Objekte zu fühlen. Das Bewusstsein beginnt
zu fühlen, „was die Andern denken“. Natürlich denken die Andern alle
möglichen Gemeinheiten, planen Übles, hetzen und intriguieren im
Geheimen, usw. Dem muss das Subjekt zuvorkommen, indem es selber
anfängt, präventiv zu intriguieren und zu verdächtigen, auszuhorchen und
zu kombinieren. Es wird von Gerüchten befallen und krampfhafte
Anstrengungen müssen gemacht werden, um eine drohende Unterlegenheit
womöglich in eine Überlegenheit zu verwandeln. Es entstehen endlose
Rivalitäten geheimer Natur und in diesen erbitterten Kämpfen wird nicht
nur kein schlechtes oder gemeines Mittel gescheut, sondern auch die
Tugenden werden missbraucht, nur um einen Trumpf ausspielen zu können.
Eine solche Entwicklung führt zur Erschöpfung. Die Neurosenform ist
weniger hysterisch als neurasthenisch, bei Frauen oft mit starker

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Mitbeteiligung des körperlichen Zustandes, z. B. Anämie mit
Folgezuständen.

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5. Zusammenfassung der rationalen Typen.

Die beiden vorausgegangenen Typen sind rationale, indem sie sich auf
vernünftig urteilende Funktionen gründen. Das vernünftige Urteil gründet
sich nicht bloss auf das objektiv Gegebene, sondern auch auf das
Subjektive. Das Überwiegen des einen oder andern Faktors, bedingt durch
eine oft von früher Jugend her existierende psychische Disposition, beugt
allerdings die Vernunft. Ein wirklich vernünftiges Urteil sollte sich nämlich
ebenso wohl auf den objektiven, wie auf den subjektiven Faktor berufen
und beiden gerecht werden können. Das wäre aber ein Idealfall und würde
eine gleichmässige Entwicklung der Extraversion und Introversion
voraussetzen. Die beiden Bewegungen aber schliessen sich aus und können,
solange ihr Dilemma besteht, nebeneinander überhaupt gar nicht sein,
sondern höchstens nacheinander. Darum ist auch unter den gewöhnlichen
Umständen eine ideale Vernunft unmöglich. Ein rationaler Typus hat immer
eine typisch variierte Vernunft. So haben die introvertierten rationalen
Typen zweifellos ein vernünftiges Urteil, nur richtet sich dieses Urteil mehr
nach dem subjektiven Faktor. Die Logik braucht nirgends gebeugt zu sein,
denn die Einseitigkeit liegt in der Prämisse. Die Prämisse ist das vor allen
Schlüssen und Urteilen bestehende Überwiegen des subjektiven Faktors. Er
tritt von vornherein mit selbstverständlich höherm Wert auf als der
objektive. Es handelt sich dabei, wie gesagt, keineswegs um einen erteilten
Wert, sondern um eine vor aller Werterteilung vorhandene natürliche
Disposition. Daher erscheint dem Introvertierten notwendigerweise das
Vernunfturteil um einige Nuancen anders als dem Extravertierten. So
erscheint dem Introvertierten, um den allgemeinsten Fall zu erwähnen,
diejenige Schlusskette, die auf den subjektiven Faktor führt, etwas
vernünftiger, als die, die zum Objekte führt. Diese, im einzelnen Fall
zunächst geringfügige, fast unmerkliche Differenz bewirkt im Grossen
unüberbrückbare Gegensätze, die umso irritierender sind, je weniger einem
die im Einzelfall minimale Standpunktverschiebung durch die
psychologische Prämisse bewusst ist. Ein Hauptirrtum, der dabei
regelmässig passiert, ist, dass man sich bemüht, einen Irrtum im Schluss
nachzuweisen, anstatt die Verschiedenheit der psychologischen Prämisse
anzuerkennen. Eine solche Anerkennung fällt jedem rationalen Typus
schwer, denn sie untergräbt die anscheinend absolute Gültigkeit seines

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Prinzips und liefert ihn seinem Gegensatze aus, was einer Katastrophe
gleichkommt.
Fast mehr noch als der extravertierte Typus, unterliegt der introvertierte
dem Missverständnis; nicht etwa, weil ihm der Extravertierte ein
schonungsloserer oder kritischerer Gegner ist, als er selbst es sein könnte,
sondern weil der Stil der Epoche, den er selber mitmacht, gegen ihn ist.
Nicht dem Extravertierten gegenüber, sondern unserer allgemeinen
okzidentalen Weltanschauung gegenüber, befindet er sich in der Minorität,
wohl nicht zahlenmässig, sondern seinem Gefühl nach. Da er den
allgemeinen Stil überzeugt mitmacht, untergräbt er sich selbst, denn der
gegenwärtige Stil mit seiner fast ausschliesslichen Anerkennung des Sicht-
und Tastbaren ist gegen sein Prinzip. Er muss den subjektiven Faktor wegen
seiner Unsichtbarkeit entwerten und sich zwingen, die extravertierte
Objektüberwertung mitzumachen. Er selber schätzt den subjektiven Faktor
zu niedrig ein und wird dafür von Minderwertigkeitsgefühlen heimgesucht.
Es ist daher kein Wunder, dass gerade in unserer Zeit und besonders in
jenen Bewegungen, die der Gegenwart um einiges voraneilen, der
subjektive Faktor sich in übertriebener und darum in geschmackloser und
karikierter Weise äussert. Ich meine die heutige Kunst. Die Unterschätzung
des eigenen Prinzips macht den Introvertierten egoistisch und nötigt ihm die
Psychologie des Unterdrückten auf. Je egoistischer er wird, desto mehr
erscheint es ihm auch, als ob die andern, die den gegenwärtigen Stil
anscheinend restlos mitmachen können, die Unterdrücker wären, gegen die
er sich schützen und zur Wehr setzen muss. Er sieht meistens nicht, dass er
darin seinen Hauptfehler begeht, dass er am subjektiven Faktor nicht mit
jener Treue und Ergebenheit hängt, mit welcher sich der Extravertierte nach
dem Objekte richtet. Durch die Unterschätzung des eigenen Prinzips wird
sein Hang zum Egoismus unvermeidlich und damit verdient er sich auch
das Vorurteil des Extravertierten. Bliebe er aber seinem Prinzipe treu, so
wäre er als Egoist grundfalsch beurteilt, und die Berechtigung seiner
Einstellung würde sich durch ihre allgemeinen Wirkungen bestätigen und
die Missverständnisse zerstreuen.

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6. Das Empfinden.

Auch das Empfinden, das seinem ganzen Wesen nach auf das Objekt
und den objektiven Reiz angewiesen ist, unterliegt in der introvertierten
Einstellung einer beträchtlichen Veränderung. Auch es hat einen subjektiven
Faktor, denn neben dem Objekt, das empfunden wird, steht ein Subjekt,
welches empfindet, und welches dem objektiven Reiz seine subjektive
Disposition beiträgt. Das Empfinden in der introvertierten Einstellung
gründet sich überwiegend auf den subjektiven Anteil der Perception. Was
damit gemeint ist, erhellt am ehesten aus Kunstwerken, welche äussere
Objekte reproduzieren. Wenn z. B. mehrere Maler eine und dieselbe
Landschaft malen mit der Bemühung, dieselbe getreu wiederzugeben, so
wird doch jedes Gemälde vom andern verschieden sein, nicht etwa bloss
vermöge eines mehr oder minderentwickelten Könnens, sondern
hauptsächlich infolge eines verschiedenen Sehens, ja, es wird an einigen
Gemälden sogar eine ausgesprochen psychische Verschiedenheit in der
Stimmungslage und Bewegung von Farbe und Figur zu Tage treten. Diese
Eigenschaften verraten ein mehr oder weniger starkes Mitwirken des
subjektiven Faktors. Der subjektive Faktor des Empfindens ist im
wesentlichen derselbe wie für die andern bereits besprochenen Funktionen.
Es ist eine unbewusste Disposition, welche die Sinnesperception schon in
ihrem Entstehen verändert und ihr dadurch den Charakter einer reinen
Objekteinwirkung wegnimmt. In diesem Fall bezieht sich die Empfindung
überwiegend auf das Subjekt und erst in zweiter Linie auf das Objekt. Wie
ausserordentlich stark der subjektive Faktor sein kann, zeigt uns am
deutlichsten die Kunst. Das Überwiegen des subjektiven Faktors geht
gelegentlich bis zur völligen Unterdrückung der blossen Objektwirkung und
doch bleibt die Empfindung dabei Empfindung, allerdings ist sie dann zu
einer Wahrnehmung des subjektiven Faktors geworden, und die
Objektwirkung ist auf die Stufe eines blossen Anregers gesunken. Das
introvertierte Empfinden entwickelt sich nach dieser Richtung. Es besteht
zwar eine richtige Sinneswahrnehmung, aber es hat den Anschein, als ob
die Objekte gar nicht eigentlich ins Subjekt eindrängen, sondern als ob das
Subjekt die Dinge ganz anders oder ganz andere Dinge sähe, als andere
Menschen. Tatsächlich nimmt das Subjekt dieselben Dinge wahr, wie
jedermann, verweilt aber dann keineswegs bei der reinen

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Objekteinwirkung, sondern beschäftigt sich mit der durch den objektiven
Reiz ausgelösten subjektiven Wahrnehmung. Die subjektive Wahrnehmung
ist merklich verschieden von der objektiven. Sie ist im Objekt entweder gar
nicht oder höchstens andeutungsweise anzutreffen, d. h. sie kann zwar in
andern Menschen ähnlich sein, aber sie ist im objektiven Verhalten der
Dinge nicht unmittelbar zu begründen. Sie macht nicht den Eindruck eines
Bewusstseinsproduktes, dazu ist sie zu genuin. Sie macht aber einen
psychischen Eindruck, da in ihr Elemente von einer hohem psychischen
Ordnung erkennbar sind. Jedoch stimmt diese Ordnung nicht überein mit
den Inhalten des Bewusstseins. Es handelt sich um collektiv-unbewusste
Voraussetzungen oder Dispositionen, um mythologische Bilder,
Urmöglichkeiten von Vorstellungen. Der subjektiven Wahrnehmung haftet
der Charakter des Bedeutenden an. Sie sagt mehr, als das reine Bild des
Objektes, natürlich nur zu dem, dem der subjektive Faktor überhaupt etwas
sagt. Einem andern erscheint ein reproduzierter subjektiver Eindruck an der
Eigenschaft zu leiden, dass er keine genügende Ähnlichkeit mit dem Objekt
besitzt und darum seinen Zweck verfehlt habe. Das subjektive Empfinden
erfasst daher mehr die Hintergründe der physischen Welt als ihre
Oberfläche. Es empfindet nicht die Realität des Objektes als das
Ausschlaggebende, sondern die Realität des subjektiven Faktors, nämlich
der urtümlichen Bilder, welche in ihrer Gesamtheit eine psychische
Spiegelwelt darstellen. Dieser Spiegel hat aber die eigentümliche Fähigkeit,
die gegenwärtigen Inhalte des Bewusstseins nicht in ihrer uns bekannten
und geläufigen Form darzustellen, sondern in gewissem Sinne sub specie
aeternitatis, nämlich etwa so, wie ein eine Million Jahre altes Bewusstsein
sie sehen würde. Ein solches Bewusstsein würde das Werden und Vergehen
der Dinge zugleich mit ihrem gegenwärtigen und momentanen Sein sehen
und nicht nur das, sondern zugleich auch das Andere, das vor ihrem Werden
war und nach ihrem Vergehen sein wird. Der gegenwärtige Moment ist
diesem Bewusstsein unwahrscheinlich. Selbstverständlich ist dies nur ein
Gleichnis, dessen ich aber bedarf, um das eigentümliche Wesen der
introvertierten Empfindung einigermassen zu veranschaulichen. Die
introvertierte Empfindung vermittelt ein Bild, welches weniger das Objekt
reproduziert, als dass es das Objekt überkleidet mit dem Niederschlag
uralter und zukünftiger subjektiver Erfahrung. Dadurch wird der blosse
Sinneseindruck entwickelt nach der Tiefe des Ahnungsreichen, während die

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extravertierte Empfindung das momentane und offen zu Tage liegende Sein
der Dinge erfasst.

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7. Der introvertierte Empfindungstypus.

Das Primat des introvertierten Empfindens schafft einen bestimmten
Typus, der sich durch gewisse Eigentümlichkeiten auszeichnet. Er ist ein
irrationaler Typus, insofern er unter dem Vorkommenden nicht vorwiegend
nach Vernunfturteilen auswählt, sondern sich nach dem richtet, was eben
vorkommt. Während der extravertierte Empfindungstypus durch die
Intensität der Objekteinwirkung determiniert ist, orientiert sich der
introvertierte nach der Intensität des durch den objektiven Reiz ausgelösten
subjektiven Empfindungsanteiles. Dabei besteht, wie ersichtlich, gar kein
proportionaler Zusammenhang zwischen Objekt und Empfindung, sondern
ein anscheinend durchaus unabgemessener und willkürlicher. Es ist von
aussen darum sozusagen nie vorauszusehen, was Eindruck machen wird
und was nicht. Wäre eine der Empfindungsstärke proportionale
Ausdrucksfähigkeit und -willigkeit vorhanden, so würde die Irrationalität
dieses Typus ausserordentlich auffallen. Dies ist z. B. der Fall, wenn das
Individuum ein produzierender Künstler ist. Da dies aber ein Ausnahmefall
ist, so verbirgt die für den Introvertierten charakteristische
Ausdruckserschwerung auch seine Irrationalität. Er kann im Gegenteil
durch seine Ruhe oder Passivität oder durch eine vernünftige
Selbstbeherrschung auffallen. Diese Eigentümlichkeit, welche das
oberflächliche Urteil irreleitet, verdankt ihre Existenz der Nichtbezogenheit
auf Objekte. Das Objekt wird im Normalfall zwar keineswegs bewusst
entwertet, aber sein Anreiz wird ihm dadurch entzogen, dass er sofort durch
eine subjektive Reaktion, die sich auf die Wirklichkeit des Objektes weiter
nicht mehr bezieht, ersetzt wird. Das wirkt natürlich wie eine
Objektentwertung. Ein solcher Typus kann einem leicht die Frage
beibringen, wozu man überhaupt existiere, wozu überhaupt Objekte noch
daseinsberechtigt seien, da ja doch alles wesentliche ohne das Objekt
passiere. Dieser Zweifel mag in extremen Fällen berechtigt sein, im
Normalfall aber nicht, denn der Empfindung ist der objektive Reiz
unerlässlich, nur bringt er anderes hervor, als nach der äussern Sachlage
vermutet werden könnte. Von aussen betrachtet sieht es aus, als ob die
Objekteinwirkung überhaupt nicht zum Subjekt vordränge. Dieser Eindruck
ist insofern richtig, als ein subjektiver dem Unbewussten entstammender
Inhalt sich dazwischen drängt und die Objekteinwirkung abfängt. Dieses

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Dazwischentreten kann mit solcher Schroffheit erfolgen, dass man den
Eindruck gewinnt, als schütze sich das Individuum direkt vor
Objekteinwirkungen. In einem irgendwie gesteigerten Fall ist auch
tatsächlich eine solche schützende Abwehr vorhanden. Wenn das
Unbewusste nur um etwas verstärkt ist, so wird der subjektive
Empfindungsanteil dermassen lebendig, dass er die Objekteinwirkung fast
gänzlich überdeckt. Daraus entsteht einerseits für das Objekt das Gefühl
einer völligen Entwertung, andererseits für das Subjekt eine illusionäre
Auffassung der Wirklichkeit, die allerdings nur in krankhaften Fällen soweit
geht, dass das Individuum nicht mehr imstande wäre, zwischen dem
wirklichen Objekt und der subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden.
Obschon eine so wichtige Unterscheidung erst in einem nahezu
psychotischen Zustand gänzlich verschwindet, so kann doch längst zuvor
die subjektive Wahrnehmung das Denken, Fühlen und Handeln in höchstem
Masse beeinflussen, trotzdem das Objekt in seiner ganzen Wirklichkeit klar
gesehen wird. In Fällen, wo die Objekteinwirkung infolge besonderer
Umstände, z. B. infolge besonderer Intensität oder völliger Analogie mit
dem unbewussten Bilde, bis zum Subjekt vordringt, ist auch der Normalfall
dieses Typus veranlasst, nach seiner unbewussten Vorlage zu handeln.
Dieses Handeln ist in bezug auf die objektive Wirklichkeit von illusionärem
Charakter und darum äusserst befremdlich. Es enthüllt mit einem Schlage
die wirklichkeitsfremde Subjektivität des Typus. Wo aber die
Objekteinwirkung nicht völlig durchdringt, da begegnet sie einer wenig
Anteilnahme verratenden wohlwollenden Neutralität, welche stets zu
beruhigen und auszugleichen bestrebt ist. Das allzu Niedere wird etwas
gehoben, das allzu Hohe etwas niedriger gemacht, das Enthusiastische
gedämpft, das Extravagante gezügelt und das Ungewöhnliche auf die
„richtige“ Formel gebracht, all dies, um die Objekteinwirkung in den
nötigen Schranken zu halten. Dadurch wirkt auch dieser Typus auf die
Umgebung drückend, sofern seine gänzliche Harmlosigkeit nicht ausser
allem Zweifel steht. Ist letzteres aber der Fall, so wird das Individuum
leicht das Opfer der Aggressivität und der Herrschsucht anderer. Solche
Menschen lassen sich in der Regel missbrauchen und rächen sich dafür an
ungeeigneter Stelle durch vermehrte Resistenz und Störrigkeit. Ist keine
künstlerische Ausdrucksfähigkeit vorhanden, so gehen alle Eindrücke nach
innen in die Tiefe und halten das Bewusstsein im Banne, ohne dass es ihm
möglich wäre, des faszinierenden Eindruckes durch bewussten Ausdruck

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Herr zu werden. Für seine Eindrücke stehen diesem Typus nur archaïsche
Ausdrucksmöglichkeiten zu relativer Verfügung, weil Denken und Fühlen
relativ unbewusst sind, und insofern sie bewusst sind, nur über die
notwendigen, banalen und alltäglichen Ausdrücke verfügen. Sie sind als
bewusste Funktionen darum ganz ungeeignet, die subjektiven
Wahrnehmungen adäquat wiederzugeben. Dieser Typus ist daher dem
objektiven Verständnis äusserst schwer erschliessbar, wie er auch sich
selber meist verständnislos gegenübersteht.
Seine Entwicklung entfernt ihn hauptsächlich von der Wirklichkeit des
Objektes und liefert ihn an seine subjektiven Wahrnehmungen aus, die sein
Bewusstsein im Sinne einer archaïschen Wirklichkeit orientieren, obschon
ihm dieses Faktum aus Mangel an vergleichendem Urteil gänzlich
unbewusst bleibt. Tatsächlich bewegt er sich aber in einer mythologischen
Welt, in der ihm Menschen, Tiere, Eisenbahnen, Häuser, Flüsse und Berge
zum Teil als huldvolle Götter und zum Teil als übelwollende Dämonen
erscheinen. Dass sie ihm so erscheinen, ist ihm unbewusst. Aber sie wirken
als solche auf sein Urteilen und Handeln. Er urteilt und handelt so, als ob er
es mit solchen Mächten zu tun hätte. Dies fängt erst dann an, ihm
aufzufallen, wenn er seine Empfindungen als von der Wirklichkeit total
verschieden entdeckt. Ist er mehr zur objektiven Vernunft geneigt, so wird
er diesen Unterschied als krankhaft empfinden, ist er dagegen, getreu seiner
Irrationalität, bereit, seiner Empfindung Realitätswert zuzusprechen, so
wird ihm die objektive Welt zum Schein und zur Komödie. Es sind aber nur
zum Extrem geneigte Fälle, welche dieses Dilemma erreichen. In der Regel
begnügt sich das Individuum mit seiner Eingeschlossenheit und mit der
Banalität der Wirklichkeit, die es aber unbewusst archaïsch behandelt.
Sein Unbewusstes ist hauptsächlich gekennzeichnet durch die
Verdrängung der Intuition, welch letztere einen extravertierten und
archaïschen Charakter hat. Während die extravertierte Intuition jene
charakteristische Findigkeit, die „gute Nase“ für alle Möglichkeiten der
objektiven Wirklichkeit hat, hat die archaïsche extravertierte Intuition ein
Witterungsvermögen für alle zweideutigen, düstern, schmutzigen und
gefährlichen Hintergründe der Wirklichkeit. Dieser Intuition gegenüber will
die wirkliche und bewusste Absicht des Objektes nichts bedeuten, sondern
sie wittert dahinter alle Möglichkeiten der archaïschen Vorstufen einer
solchen Absicht. Sie hat daher etwas geradezu gefährlich Untergrabendes,

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das oft in grellstem Kontrast steht mit der wohlwollenden Harmlosigkeit
des Bewusstseins. Solange das Individuum sich nicht zu weit vom Objekt
entfernt, wirkt die unbewusste Intuition als heilsame Compensation für die
etwas phantastische und zur Leichtgläubigkeit neigende Einstellung des
Bewusstseins. Tritt das Unbewusste aber in Opposition zum Bewusstsein,
dann erreichen solche Intuitionen die Oberfläche und entfalten ihre
verderblichen Wirkungen, indem sie sich zwangsweise dem Individuum
aufnötigen und Zwangsvorstellungen widerwärtigster Art über Objekte
auslösen. Die daraus entstehende Neurose ist in der Regel eine
Zwangsneurose, in der die hysterischen Züge hinter
Erschöpfungssymptomen zurücktreten.

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8. Die Intuition.

Die Intuition in der introvertierten Einstellung richtet sich auf die innern
Objekte, wie man mit Recht die Elemente des Unbewussten bezeichnen
könnte. Die innern Objekte verhalten sich nämlich zum Bewusstsein ganz
analog wie äussere Objekte, obschon sie nicht von einer physischen,
sondern von einer psychologischen Realität sind. Die innern Objekte
erscheinen der intuitiven Wahrnehmung als subjektive Bilder von Dingen,
die in der äussern Erfahrung nicht anzutreffen sind, sondern die Inhalte des
Unbewussten, in letzter Linie des collektiven Unbewussten, ausmachen.
Diese Inhalte sind in ihrem An- und Fürsichsein natürlich keiner Erfahrung
zugänglich, eine Eigenschaft, die sie mit dem äussern Objekt gemeinsam
haben. Wie die äussern Objekte nur ganz relativ so sind, wie wir sie
perzipieren, so sind auch die Erscheinungsformen der innern Objekte
relativ, Produkte ihrer uns unzugänglichen Essenz und der Eigenart der
intuitiven Funktion. Wie die Empfindung, so hat auch die Intuition ihren
subjektiven Faktor, welcher in der extravertierten Intuition möglichst
unterdrückt, in der introvertierten aber zur massgebenden Grösse wird.
Wenn schon die introvertierte Intuition ihren Anstoss von äussern Objekten
empfangen mag, so hält sie sich doch nicht bei den äussern Möglichkeiten
auf, sondern verweilt bei dem, was durch das Äussere innerlich ausgelöst
wurde. Während sich die introvertierte Empfindung in der Hauptsache auf
die Wahrnehmung der eigenartigen Innervationserscheinungen durch das
Unbewusste beschränkt und bei ihnen verweilt, unterdrückt die Intuition
diese Seite des subjektiven Faktors und nimmt das Bild wahr, welches diese
Innervation veranlasst hat. Z. B. wird jemand von einem psychogenen
Schwindelanfall betroffen. Die Empfindung verweilt bei der eigenartigen
Beschaffenheit dieser Innervationsstörung und nimmt alle ihre Qualitäten,
ihre Intensität, ihren zeitlichen Ablauf, die Art ihres Entstehens und
Vergehens mit allen Einzelheiten wahr, ohne sich im geringsten darüber zu
erheben und zu ihrem Inhalt, von dem die Störung ausging, fortzuschreiten.
Die Intuition dagegen empfängt aus der Empfindung nur den Anstoss zu
sofortiger Tätigkeit, sie versucht dahinter zu sehen und nimmt auch bald das
innere Bild wahr, welches die Ausdruckserscheinung, eben den
Schwindelanfall, veranlasst hat. Sie sieht das Bild eines schwankenden
Mannes, der von einem Pfeil ins Herz getroffen wurde. Dieses Bild

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fasziniert die intuitive Tätigkeit, sie verweilt bei ihm und sucht alle seine
Einzelheiten auszukundschaften. Sie hält das Bild fest und konstatiert mit
lebhaftester Anteilnahme, wie sich dieses Bild verändert und weiter
entwickelt und schliesslich verschwindet. Auf diese Weise nimmt die
introvertierte Intuition alle Hintergrundvorgänge des Bewusstseins etwa mit
derselben Deutlichkeit wahr, wie die extravertierte Empfindung die äussern
Objekte. Für die Intuition erlangen daher die unbewussten Bilder die
Dignität von Dingen oder Objekten. Weil aber die Intuition die Mitwirkung
der Empfindung ausschliesst, so erlangt sie entweder gar keine oder eine
nur ungenügende Kenntnis der Innervationsstörungen, der Beeinflussungen
des Körpers durch die unbewussten Bilder. Dadurch erscheinen die Bilder
als vom Subjekt losgelöst und als für sich selber ohne Beziehung zur Person
existierend. Infolgedessen würde im vorhin erwähnten Beispiel der vom
Schwindelanfall betroffene introvertierte Intuitive nicht auf den Gedanken
kommen, dass sich das wahrgenommene Bild auch irgendwie auf ihn selber
beziehen könnte. Das erscheint natürlich einem urteilend Eingestellten als
beinahe undenkbar, ist aber trotzdem eine Tatsache, die ich bei diesem
Typus oftmals erfahren habe.
Die merkwürdige Indifferenz des extravertierten Intuitiven inbezug auf
äussere Objekte, hat auch der introvertierte inbezug auf innere Objekte. Wie
der extravertierte Intuitive immerfort neue Möglichkeiten wittert und diesen
unbekümmert sowohl um das eigene wie um das Wohl und Wehe der
andern nachgeht, achtlos über menschliche Rücksichten hinweg tritt und in
ewiger Veränderungssucht kaum Erbautes wieder niederreisst, so bewegt
sich der introvertierte von Bild zu Bild, allen Möglichkeiten des gebärenden
Schosses des Unbewussten nachjagend, ohne den Zusammenhang der
Erscheinung mit sich herzustellen. Wie dem, der die Welt bloss empfindet,
sie nie zum moralischen Problem wird, so wird auch dem Intuitiven die
Welt der Bilder nie zum moralischen Problem. Sie ist dem einen, wie dem
andern ein ästhetisches Problem, eine Frage der Wahrnehmung, eine
„Sensation“. Auf diese Weise entschwindet dem introvertierten Intuitiven
das Bewusstsein seiner körperlichen Existenz sowohl wie ihrer Wirkung auf
andere. Der extravertierte Standpunkt würde von ihm sagen: „die
Wirklichkeit existiert nicht für ihn, er hängt unfruchtbaren Träumereien
nach“. Die Anschauung der Bilder des Unbewussten, welche die schaffende
Kraft in unerschöpflicher Fülle erzeugt, ist allerdings in bezug auf
unmittelbare Nützlichkeit unfruchtbar. Insofern jedoch diese Bilder

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Möglichkeiten sind von Auffassungen, welche der Energie gegebenenfalls
ein neues Gefälle zu verleihen vermögen, so ist auch diese Funktion,
welche der äusseren Welt die allerfremdeste ist, im psychischen
Gesamthaushalt unerlässlich, wie auch der entsprechende Typus dem
psychischen Leben eines Volkes keineswegs fehlen darf. Israel hätte seine
Propheten nicht gehabt, wenn dieser Typus nicht existierte. Die
introvertierte Intuition erfasst die Bilder, welche aus den a priori, d. h.
infolge Vererbung, vorhandenen Grundlagen des unbewussten Geistes
stammen. Diese Archetypen, deren innerstes Wesen der Erfahrung
unzugänglich ist, stellen den Niederschlag des psychischen Funktionierens
der Ahnenreihe dar, d. h. die durch millionenfache Wiederholung
aufgehäuften und zu Typen verdichteten Erfahrungen des organischen
Daseins überhaupt. In diesen Archetypen sind daher alle Erfahrungen
vertreten, welche seit Urzeit auf diesem Planeten vorgekommen sind. Sie
sind im Archetypus umso deutlicher, je häufiger und je intensiver sie waren.
Die Archetypus wäre, um mit Kant zu reden, etwa das Noumenon des
Bildes, welches die Intuition wahrnimmt und im Wahrnehmen erzeugt. Da
das Unbewusste nun keineswegs etwas ist, das bloss daliegt wie ein
psychisches caput mortuum, sondern vielmehr etwas, das mitlebt und innere
Verwandlungen erfährt, Verwandlungen, die in innerer Beziehung zum
allgemeinen Geschehen überhaupt stehen, so gibt die introvertierte Intuition
durch die Wahrnehmung der innern Vorgänge gewisse Daten, die von
hervorragender Wichtigkeit für die Auffassung des allgemeinen Geschehens
sein können; sie kann sogar die neuen Möglichkeiten sowohl wie das später
tatsächlich Eintreffende in mehr oder weniger klarer Weise voraussehen.
Ihre prophetische Voraussicht ist erklärbar aus ihrer Beziehung zu den
Archetypen, welche den gesetzmässigen Ablauf aller erfahrbaren Dinge
darstellen.

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9. Der introvertierte intuitive Typus.

Die Eigenart der introvertierten Intuition schafft auch, wenn sie das
Primat erlangt, einen eigenartigen Typus Mensch, nämlich den mystischen
Träumer und Seher einerseits, den Phantasten und Künstler andererseits.
Der letztere Fall dürfte der Normalfall sein, denn im allgemeinen besteht
bei diesem Typus die Neigung, sich auf den Wahrnehmungscharakter der
Intuition zu beschränken. Der Intuitive bleibt in der Regel beim
Wahrnehmen, sein höchstes Problem ist das Wahrnehmen, und — insofern
er ein produktiver Künstler ist — die Gestaltung der Wahrnehmung. Der
Phantast aber begnügt sich mit der Anschauung, durch die er sich gestalten,
d. h. determinieren lässt. Die Vertiefung der Intuition bewirkt natürlich eine
oft ausserordentliche Entfernung des Individuums von der handgreiflichen
Wirklichkeit, sodass er selbst seiner nähern Umgebung zum völligen Rätsel
wird. Ist er ein Künstler, so verkündet seine Kunst ausserordentliche,
weltentrückte Dinge, die in allen Farben schillern, bedeutend und banal,
schön und grotesk, erhaben und schrullenhaft zugleich sind. Ist er kein
Künstler, so ist er häufig ein verkanntes Genie, eine verbummelte Grösse,
eine Art weiser Halbnarr, eine Figur für „psychologische“ Romane.
Obschon es nicht ganz auf der Linie des introvertierten Intuitionstypus
liegt, die Wahrnehmung zu einem moralischen Problem zu machen, indem
dazu eine gewisse Verstärkung der urteilenden Funktionen nötig ist, so
genügt doch schon eine relativ geringe Differenzierung des Urteils, um die
Anschauung aus dem rein Ästhetischen ins Moralische überzuführen.
Dadurch entsteht eine Spielart dieses Typus, welche von seiner ästhetischen
Form wesentlich verschieden, für den introvertierten Intuitiven aber
trotzdem charakteristisch ist. Das moralische Problem entsteht dann, wenn
der Intuitive sich zu seiner Vision in Beziehung setzt, wenn er sich nicht
mehr mit der blossen Anschauung und ihrer ästhetischen Bewertung und
Gestaltung begnügt, sondern zu der Frage gelangt: Was heisst das für mich
oder für die Welt? Was geht daraus hervor für mich oder für die Welt in
Hinsicht einer Pflicht oder Aufgabe? Der reine Intuitive, der das Urteil
verdrängt oder ein solches nur im Banne der Wahrnehmung besitzt, gelangt
im Grunde genommen nie zu dieser Frage, denn seine Frage ist nur das Wie
der Wahrnehmung. Er findet darum das moralische Problem unverständlich
oder gar absurd und verbannt darum das Denken über das Geschaute soviel

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wie möglich. Anders der moralisch eingestellte Intuitive. Er beschäftigt sich
mit der Bedeutung seiner Vision, er kümmert sich weniger um ihre weitern
ästhetischen Möglichkeiten als vielmehr um ihre möglichen moralischen
Wirkungen, die aus ihrer inhaltlichen Bedeutung für ihn hervorgehen. Sein
Urteil lässt ihn, allerdings öfters nur dämmerhaft, erkennen, dass er als
Mensch, als Ganzes irgendwie in seine Vision einbezogen ist, dass sie etwas
ist, das nicht bloss angeschaut werden kann, sondern auch zum Leben des
Subjektes werden möchte. Durch diese Erkenntnis fühlt er sich verpflichtet,
seine Vision in sein eigenes Leben umzugestalten. Da er sich aber in der
überwiegenden Hauptsache auf die Vision allein stützt, so gerät sein
moralischer Versuch einseitig; er macht sich und sein Leben symbolisch,
angepasst zwar an den innern und ewigen Sinn des Geschehens,
unangepasst aber an die gegenwärtige tatsächliche Wirklichkeit. Damit
beraubt er sich auch der Wirksamkeit auf diese, denn er bleibt
unverständlich. Seine Sprache ist nicht die, die allgemein gesprochen wird,
sondern eine zu subjektive. Seinen Argumenten fehlt die überzeugende
Ratio. Er kann nur bekennen oder verkündigen. Er ist die Stimme des
Predigers in der Wüste.
Der introvertierte Intuitive verdrängt die Empfindung des Objekts am
allermeisten. Dadurch ist sein Unbewusstes gekennzeichnet. Im
Unbewussten besteht eine compensierende extravertierte
Empfindungsfunktion von archaïschem Charakter. Die unbewusste
Persönlichkeit liesse sich daher am ehesten beschreiben als einen
extravertierten Empfindungstypus niedriger, primitiver Gattung.
Triebhaftigkeit und Masslosigkeit sind die Eigenschaften dieser
Empfindung, samt einer ausserordentlichen Gebundenheit an den sinnlichen
Eindruck. Diese Qualität compensiert die dünne Höhenluft der bewussten
Einstellung und gibt ihr eine gewisse Schwere, sodass eine völlige
„Sublimierung“ verhindert wird. Tritt aber durch eine forcierte
Übertreibung der bewussten Einstellung eine völlige Unterordnung unter
die innere Wahrnehmung ein, so begibt sich das Unbewusste in die
Opposition, und es entstehen dann Zwangsempfindungen mit übermässiger
Gebundenheit ans Objekt, welche der bewussten Einstellung widerstreben.
Die Neurosenform ist eine Zwangsneurose, die als Symptome teils
hypochondrische Erscheinungen, teils Überempfindlichkeit der
Sinnesorgane, teils Zwangsbindungen an bestimmte Personen oder andere
Objekte aufweist.

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10. Zusammenfassung der irrationalen Typen.

Die beiden eben geschilderten Typen sind einer äusserlichen
Beurteilung fast unzugänglich. Da sie introvertiert sind und infolgedessen
eine geringere Fähigkeit oder Willigkeit zur Äusserung haben, so geben sie
nur wenig Handhaben zu einer treffenden Beurteilung. Da ihre
Haupttätigkeit sich nach innen richtet, so ist aussen nichts als
Zurückhaltung, Verstecktheit, Teilnahmlosigkeit oder Unsicherheit und
anscheinend unbegründete Verlegenheit sichtbar. Wenn sich etwas äussert,
so sind es meistenteils indirekte Manifestationen der minderwertigen und
relativ unbewussten Funktionen. Äusserungen solcher Art bedingen
natürlich ein Vorurteil der Umgebung gegen diese Typen. Infolgedessen
werden sie meistenteils unterschätzt oder zum mindesten nicht begriffen. In
dem Masse, als diese Typen sich selber nicht begreifen, da ihnen eben das
Urteil in hohem Masse fehlt, so können sie auch nicht verstehen, warum sie
beständig von der öffentlichen Meinung unterschätzt werden. Sie sehen
nämlich nicht ein, dass ihre nach aussen gehende Leistung auch tatsächlich
von minderwertiger Beschaffenheit ist. Ihr Blick ist gebannt vom Reichtum
der subjektiven Ereignisse. Was immer geschieht, ist dermassen fesselnd
und von solch unerschöpflichem Reiz, dass sie gar nicht bemerken, dass
das, was sie davon der Umgebung mitteilen, in der Regel nur höchst wenig
von dem enthält, was sie in ihnen selbst als damit verbunden, erleben. Der
fragmentarische und meist bloss episodische Charakter ihrer Mitteilungen
stellt zu hohe Anforderungen an das Verständnis und an die Bereitwilligkeit
der Umgebung, zudem fehlt ihrer Mitteilung eine dem Objekt zufliessende
Wärme, welche einzig überzeugende Kraft haben könnte. Im Gegenteil
zeigen diese Typen sehr oft ein barsch abweisendes Verhalten gegen aussen,
obschon ihnen dies gar nicht bewusst ist, und sie es auch nicht zu zeigen
beabsichtigen. Man wird solche Menschen gerechter beurteilen und mit
mehr Nachsicht umgeben, wenn man weiss, wie schwer sich das, was
innerlich erschaut wird, in eine verständliche Sprache übertragen lässt.
Immerhin darf diese Nachsicht keineswegs so weit gehen, dass man ihnen
die Anforderung der Mitteilung überhaupt erliesse. Dies würde solchen
Typen zum grössten Schaden gereichen. Das Schicksal selber bereitet
ihnen, vielleicht noch öfters als andern Menschen, überwältigende äussere
Schwierigkeiten, die sie vom Rausche der innern Anschauung zu ernüchtern

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vermögen. Es muss aber oft eine grosse Not sein, die ihnen die menschliche
Mitteilung endlich abpresst.
Von einem extravertierten und rationalistischen Standpunkt aus sind
diese Typen wohl die allerunnützlichsten aller Menschen. Von einem hohem
Standpunkt aus gesehen, sind solche Menschen lebendige Zeugen für die
Tatsache, dass die reiche und vielbewegte Welt und ihr überquellendes und
berauschendes Leben nicht nur aussen, sondern auch innen ist. Gewiss sind
diese Typen einseitige Demonstrationen der Natur, aber sie sind lehrreich
für den, der sich nicht von der jeweiligen geistigen Mode verblenden lässt.
Menschen von solcher Einstellung sind Kulturförderer und Erzieher in ihrer
Art. Ihr Leben lehrt mehr, als was sie sagen. Wir verstehen aus ihrem Leben
und nicht zum mindesten gerade aus ihrem grössten Fehler, ihrem
Nichtmitteilenkönnen, einen der grossen Irrtümer unserer Kultur, nämlich
den Aberglauben an das Sagen und Darstellen, die masslose Überschätzung
des Belehrens durch Worte und durch Methoden. Ein Kind lässt sich gewiss
imponieren durch die grossen Worte der Eltern. Aber man scheint sogar zu
glauben, dass das Kind damit erzogen werde. In Wirklichkeit erzieht das,
was die Eltern leben, das Kind, und was die Eltern noch an Wortgesten
dazufügen, verwirrt das Kind höchstens. Das Gleiche gilt vom Lehrer. Aber
man glaubt so sehr an die Methoden, dass, wenn nur die Methode gut ist,
auch der Lehrer, der sie ausübt, dadurch geheiligt erscheint. Ein
minderwertiger Mensch ist niemals ein guter Lehrer. Er verbirgt aber seine
schädliche Minderwertigkeit, welche den Schüler heimlich vergiftet, hinter
einer ausgezeichneten Methodik und einer ebenso glänzenden
intellektuellen Ausdrucksfähigkeit. Natürlich verlangt der Schüler von
reiferem Alter nichts Besseres als die Kenntnis der nützlichen Methoden,
weil er der allgemeinen Einstellung, welche an die siegreiche Methode
glaubt, schon erlegen ist. Er hat bereits erfahren, dass der leerste Kopf, der
eine Methode gut nachbeten kann, der beste Schüler ist. Seine ganze
Umgebung redet und lebt es ihm vor, dass aller Erfolg und alles Glück
aussen ist, und dass man nur der richtigen Methoden bedürfe, um das
Gewünschte zu erreichen. Oder demonstriert ihm etwa das Leben seines
Religionslehrers jenes Glück, das vom Reichtum, der innern Anschauung
ausstrahlt? Gewiss sind die irrationalen introvertierten Typen keine Lehrer
vollendeter Menschlichkeit. Ihnen fehlt die Vernunft und die Ethik der
Vernunft; aber ihr Leben lehrt die andere Möglichkeit, die unsere Kultur
schmerzlicherweise vermissen lässt.

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11. Durch die vorangegangenen Beschreibungen möchte ich keineswegs
den Eindruck erwecken, als ob diese Typen in solcher Reinheit irgendwie
häufiger in praxi vorkämen. Es sind gewissermassen nur Galtonsche
Familienphotographien, welche den gemeinsamen, und deshalb typischen
Zug kumulieren und dadurch unverhältnismässig herausheben, während die
individuellen Züge ebenso unverhältnismässig verwischt werden. Die
genaue Untersuchung des individuellen Falles ergibt die offenbar
gesetzmässige Tatsache, dass neben der am meisten differenzierten
Funktion stets eine zweite Funktion von sekundärer Bedeutung und darum
von minderer Differenzierung im Bewusstsein vorhanden und relativ
determinierend ist. Um es aus Gründen der Klarheit nochmals zu
wiederholen: bewusst können die Produkte aller Funktionen sein; wir
sprechen aber nur dann von Bewusstheit einer Funktion, wenn nicht nur
ihre Ausübung dem Willen zur Verfügung steht, sondern auch ihr Prinzip
für die Orientierung des Bewusstseins massgebend ist. Letzteres aber ist
dann der Fall, wenn z. B. das Denken nicht nur ein nachhinkendes
Überlegen und Ruminieren ist, sondern wenn sein Schliessen eine absolute
Gültigkeit besitzt, sodass der logische Schluss gegebenenfalls ohne
irgendwelche andere Evidenz als Motiv sowohl wie als Garantie des
praktischen Handelns gilt. Diese absolute Vormachtstellung kommt
empirisch immer nur einer Funktion zu und kann nur einer Funktion
zukommen, denn die ebenso selbständige Intervention einer andern
Funktion würde notwendigerweise eine andere Orientierung ergeben,
welche der erstern, teilweise wenigstens, widersprechen würde. Da es aber
eine vitale Bedingung für den bewussten Anpassungsprozess ist, stets klare
und eindeutige Ziele zu haben, so verbietet sich naturgemäss eine
Gleichordnung einer zweiten Funktion. Die zweite Funktion kann daher nur
von sekundärer Bedeutung sein, was sich auch empirisch stets bestätigt.
Ihre sekundäre Bedeutung besteht darin, dass sie nicht wie die primäre
Funktion gegebenenfalls einzig und allein als absolut verlässlich sowohl,
wie als ausschlaggebend gilt, sondern mehr als Hilfs- oder
Ergänzungsfunktion in Betracht kommt. Als sekundäre Funktion kann
natürlich nur eine solche auftreten, deren Wesen nicht im Gegensatz zur
Hauptfunktion steht. Z. B. kann neben dem Denken niemals das Fühlen als
zweite Funktion auftreten, denn sein Wesen steht zu sehr im Gegensatz zu
dem des Denkens. Das Denken muss das Fühlen sorgfältig ausschliessen,
wenn anders es ein wirkliches, seinem Prinzip getreues Denken sein will.

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Dies schliesst natürlich nicht aus, dass es Individuen gibt, denen das
Denken auf gleicher Höhe wie das Fühlen steht, wobei beide von gleicher
bewusster Motivkraft sind. In einem solchen Falle handelt es sich aber auch
nicht um einen differenzierten Typus, sondern um ein relativ unentwickeltes
Denken und Fühlen. Die gleichmässige Bewusstheit und Unbewusstheit der
Funktionen ist daher ein Kennzeichen des primitiven Geisteszustandes.
Die sekundäre Funktion ist erfahrungsgemäss immer eine solche, deren
Wesen anders, aber nicht gegensätzlich zur Hauptfunktion ist, also z. B.
kann sich ein Denken als Hauptfunktion leicht mit Intuition als sekundärer
Funktion paaren, oder auch ebenso gut mit Empfindung, aber, wie gesagt,
niemals mit Fühlen. Die Intuition sowohl, wie die Empfindung sind nicht
gegensätzlich zum Denken, d. h. sie müssen nicht unbedingt ausgeschlossen
werden, denn sie sind dem Denken nicht wesensähnlich in umgekehrtem
Sinne wie das Fühlen, welches als Urteilsfunktion mit dem Denken
erfolgreich konkurriert, sondern sie sind Wahrnehmungsfunktionen, welche
dem Denken willkommene Hilfe gewähren. Sobald sie daher auf eine dem
Denken gleiche Höhe der Differenzierung gelangten, würden sie eine
Veränderung der Einstellung bedingen, die der Tendenz des Denkens
widerspräche. Sie würden nämlich aus der urteilenden Einstellung eine
wahrnehmende machen. Dadurch würde das dem Denken unerlässliche
Prinzip der Rationalität unterdrückt zu Gunsten der Irrationalität des
blossen Wahrnehmens. Die Hilfsfunktion ist daher nur insofern möglich
und nützlich, als sie der Hauptfunktion dient, ohne dabei einen Anspruch
auf die Autonomie ihres Prinzipes zu erheben.
Für alle praktisch vorkommenden Typen nun gilt der Grundsatz, dass
sie neben der bewussten Hauptfunktion noch eine relativ bewusste,
auxiliäre Funktion besitzen, welche in jeder Hinsicht vom Wesen der
Hauptfunktion verschieden ist. Aus diesen Mischungen entstehen
wohlbekannte Bilder, z. B. der praktische Intellekt, der mit Empfindung
gepaart ist, der spekulative Intellekt, der mit Intuition durchsetzt ist, die
künstlerische Intuition, welche mittelst des Gefühlsurteils ihre Bilder
auswählt und darstellt, die philosophische Intuition, die vermöge eines
kräftigen Intellektes ihre Vision in die Sphäre des Verstehbaren übersetzt
usw.
Entsprechend dem bewussten Funktionsverhältnis gestaltet sich auch
die unbewusste Funktionsgruppierung. So entspricht z. B. einem bewussten

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praktischen Intellekt eine unbewusste intuitiv-fühlende Einstellung, wobei
die Funktion des Fühlens von einer relativ stärkern Hemmung betroffen ist,
als die Intuition. Diese Eigentümlichkeit hat allerdings nur Interesse für
den, der sich mit der praktischen psychologischen Behandlung solcher Fälle
beschäftigt. Für diesen aber ist es wichtig, darum zu wissen. Ich habe es
nämlich öfters gesehen, dass der Arzt sich bemühte, z. B. bei einem exquisit
Intellektuellen die Fühlfunktion direkt aus dem Unbewussten zu
entwickeln. Dieser Versuch dürfte wohl immer scheitern, denn er bedeutet
eine zu grosse Vergewaltigung des bewussten Standpunktes. Gelingt die
Vergewaltigung, so entsteht dadurch eine förmliche Zwangsabhängigkeit
des Patienten vom Arzt, eine nur noch mit Brutalität abzuschneidende
„Übertragung“, denn durch die Vergewaltigung wird der Patient
standpunktlos, d. h. sein Arzt wird sein Standpunkt. Der Zugang zum
Unbewussten und zu der am meisten verdrängten Funktion aber erschliesst
sich sozusagen von selbst und mit genügender Wahrung des bewussten
Standpunktes, wenn der Entwicklungsweg über die sekundäre Funktion
geht, also im Falle eines rationalen Typus über die irrationale Funktion.
Diese nämlich verleiht dem bewussten Standpunkt eine solche Um- und
Übersicht über das Mögliche und Vorkommende, dass dadurch das
Bewusstsein einen genügenden Schutz gegen die destruktive Wirkung des
Unbewussten bekommt. Umgekehrt verlangt ein irrationaler Typus eine
stärkere Entwicklung der im Bewussten vertretenen rationalen
Hilfsfunktion, um genügend vorbereitet zu sein, den Stoss des Unbewussten
aufzufangen.
Die unbewussten Funktionen befinden sich in einem archaïsch-
animalischen Zustand. Ihre in Träumen und Phantasien auftretenden
symbolischen Ausdrücke stellen meistens den Kampf oder das
Gegenübertreten zweier Tiere oder zweier Monstren dar.

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XI
Definitionen.

Page 455

XI.
Definitionen.

Es mag dem Leser vielleicht überflüssig erscheinen, wenn ich ein
besonderes Kapitel über Begriffsdefinitionen dem Texte meiner
Untersuchung anfüge. Ich habe aber reichlich die Erfahrung gemacht, dass
gerade in psychologischen Arbeiten man gar nicht sorgfältig genug mit
Begriffen und Ausdrücken verfahren kann, indem gerade im Gebiete der
Psychologie, wie sonst nirgends, die allergrössten Variationen der Begriffe
vorkommen, welche häufig zu den hartnäckigsten Missverständnissen
Anlass geben. Dieser Übelstand scheint nicht allein daher zu rühren, dass
die Psychologie eine junge Wissenschaft ist, sondern auch daher, dass der
Erfahrungsstoff, das Material der wissenschaftlichen Betrachtung,
sozusagen nicht concret unter die Augen des Lesers gelegt werden kann.
Der psychologische Forscher sieht sich immer wieder gezwungen, die von
ihm beobachtete Wirklichkeit durch weitläufige und sozusagen indirekte
Beschreibung darzustellen. Nur soweit mit Zahl und Mass zugängliche
Elementartatsachen mitgeteilt werden, kann auch von einer direkten
Darstellung die Rede sein. Aber wieviel von der wirklichen Psychologie des
Menschen wird als durch Mass und Zahl erfassbare Tatsache erlebt und
beobachtet? Es giebt solche Tatbestände, und ich glaube gerade durch
meine Associationsstudien[306] nachgewiesen zu haben, dass noch recht
komplizierte Tatbestände einer messenden Methode zugänglich sind. Aber
wer tiefer in das Wesen der Psychologie eingedrungen ist und die höhere
Anforderung an die Psychologie als Wissenschaft stellt, nämlich, dass sie
nicht bloss eine durch die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methodik
beschränkte kümmerliche Existenz fristen darf, der wird auch erkannt
haben, dass es nie und nimmer einer experimentellen Methodik gelingen
wird, dem Wesen der menschlichen Seele gerecht zu werden, ja auch nur

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ein annähernd getreues Bild der komplizierten seelischen Erscheinungen zu
entwerfen.
Wenn wir aber das Gebiet der durch Mass und Zahl erfassbaren
Tatbestände verlassen, so sind wir auf Begriffe angewiesen, welche uns
Mass und Zahl ersetzen müssen. Die Bestimmtheit, die Mass und Zahl der
beobachteten Tatsache verleihen, kann nur ersetzt werden durch die
Bestimmtheit des Begriffes. Nun leiden aber, wie es jedem Forscher und
Arbeiter auf diesem Gebiet nur zu gut bekannt ist, die derzeit geläufigen
psychologischen Begriffe an so grosser Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit,
dass man sich gegenseitig kaum verständigen kann. Man nehme nur einmal
den Begriff „Gefühl“ und suche sich zu vergegenwärtigen, was alles unter
diesem Begriff geht, um eine Vorstellung von der Variabilität und
Vieldeutigkeit psychologischer Begriffe zu bekommen. Und doch ist irgend
etwas Charakteristisches damit ausgedrückt, das zwar für Mass und Zahl
unzugänglich und doch fassbar existierend ist. Man kann nicht einfach
darauf verzichten, wie es Wundts physiologische Psychologie tut, diese
Tatbestände als wesentliche Grundphänomene zu leugnen und sie durch
Elementarfacta zu ersetzen oder sie in solche aufzulösen. Damit geht ein
hauptsächliches Stück Psychologie geradezu verloren.
Um diesem durch die Überschätzung der naturwissenschaftlichen
Methodik erzeugten Übelstand zu entgehen, ist man genötigt, zu festen
Begriffen seine Zuflucht zu nehmen. Um solche Begriffe zu erlangen,
bedarf es allerdings der Arbeit Vieler, gewissermassen des consensus
gentium. Da dies aber nicht ohne weiteres und namentlich nicht sofort
möglich ist, so muss der einzelne Forscher wenigstens sich bemühen,
seinen Begriffen einige Festigkeit und Bestimmtheit zu verleihen, was wohl
am besten dadurch geschieht, dass er die Bedeutung der von ihm jeweilig
verwendeten Begriffe erörtert, sodass jedermann in den Stand gesetzt ist, zu
sehen, was mit ihnen gemeint ist.
Diesem Bedürfnis entsprechend, möchte ich im folgenden meine
hauptsächlichsten psychologischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge
erörtern. Zugleich möchte ich den Leser bitten, im Zweifelsfalle sich dieser
Erklärungen erinnern zu wollen. Es ist selbstverständlich, dass ich mit
diesen Erklärungen und Definitionen mich nur darüber ausweisen will, in
welchem Sinne ich mich der Begriffe bediene, womit ich aber keineswegs

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sagen möchte, dass dieser Gebrauch unter allen Umständen der einzig
mögliche, oder unbedingt richtige wäre.
1. Abstraktion. Abstraktion ist, wie das Wort schon andeutet, ein
Heraus- oder Wegziehen eines Inhaltes (einer Bedeutung, eines allgemeinen
Merkmals etc.) aus einem Zusammenhang, der noch andere Elemente
enthält, deren Kombination als Ganzes etwas Einmaliges oder Individuelles
und darum etwas Unvergleichbares ist. Die Einmaligkeit, Einzigartigkeit
und Unvergleichbarkeit hindern die Erkenntnis, weshalb dem
Erkennenwollen die mit dem als wesentlich empfundenen Inhalt
verbundenen übrigen Elemente als unzugehörig erscheinen müssen.
Die Abstraktion ist daher diejenige Geistestätigkeit, welche den als
wesentlich empfundenen Inhalt oder Tatbestand aus seiner Verknüpfung mit
den als unzugehörig empfundenen Elementen befreit, indem sie ihn davon
unterscheidet, mit andern Worten differenziert (s. d.). Abstrakt im weitern
Sinne ist alles, was aus seiner Verknüpfung mit in Hinsicht auf seine
Bedeutung als unzugehörig Empfundenem herausgezogen ist.
Die Abstraktion ist eine Tätigkeit, welche den psychologischen
Funktionen überhaupt eignet. Es gibt ein abstrahierendes Denken, ein
ebensolches Fühlen, Empfinden und Intuieren (s. diese Begriffe). Das
abstrahierende Denken hebt einen durch denkgemässe, logische
Eigenschaften gekennzeichneten Inhalt aus dem Nichtzugehörigen heraus.
Das abstrahierende Fühlen tut dasselbe mit einem gefühlsmässig
charakterisierten Inhalt, ebenso Empfindung und Intuition. Es gibt daher
ebensowohl abstrakte Gedanken, wie abstrakte Gefühle, welch letztere von
Sully als intellektuelle, ästhetische und moralische bezeichnet werden.[307]
Nahlowsky fügt das religiöse Gefühl noch dazu. Die abstrakten Gefühle
würden den „höhern“ oder „ideellen“ Gefühlen Nahlowskys[308] in meiner
Auffassung entsprechen. Die abstrakten Gefühle setze ich auf gleiche Linie
mit den abstrakten Gedanken. Die abstrakte Empfindung wäre als
ästhetische Empfindung zu bezeichnen, im Gegensatz zur sinnlichen
Empfindung (s. Empf.). Die abstrakte Intuition als symbolische Intuition im
Gegensatz zur phantastischen Intuition (s. Phantasie und Intuition).
In dieser Arbeit verknüpfe ich mit dem Begriff der Abstraktion auch
zugleich die Anschauung eines damit verbundenen psychoenergetischen
Vorganges: Wenn ich mich zum Objekt abstrahierend einstelle, so lasse ich

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das Objekt nicht als Ganzes auf mich wirken, sondern ich hebe einen Teil
desselben aus seinen Verknüpfungen heraus, indem ich die
nichtzugehörigen Teile ausschliesse. Meine Absicht ist, mich des Objektes
als eines einmaligen und einzigartigen Ganzen zu entledigen und nur einen
Teil desselben herauszuziehen. Die Anschauung des Ganzen ist mir zwar
gegeben, aber ich vertiefe mich in diese Anschauung nicht, mein Interesse
fliesst nicht in das Ganze ein, sondern zieht sich vom Objekt als Ganzem
mit dem herausgehobenen Teil auf mich zurück, d. h. in meine Begriffswelt,
welche zum Behufe der Abstraktion eines Teiles des Objektes bereit gestellt
oder konstelliert ist. (Anders als vermöge einer subjektiven
Begriffskonstellation kann ich vom Objekt nicht abstrahieren.) Das
„Interesse“ fasse ich als Energie = Libido (s. d.), welche ich dem Objekt als
Wert erteile, oder welche das Objekt auch eventuell gegen meinen Willen
oder mir unbewusst auf sich zieht. Ich veranschauliche mir daher den
Abstraktionsvorgang als eine Zurückziehung der Libido vom Objekt, als ein
Rückströmen des Wertes vom Objekt zum subjektiven abstrakten Inhalt.
Die Abstraktion bedeutet mir also eine energetische Objektentwertung. Die
Abstraktion ist, m. a. W. ausgedrückt, eine introvertierende
Libidobewegung.
Abstrahierend nenne ich eine Einstellung (s. d.), wenn sie einerseits
introvertierend ist und andererseits zugleich einen als wesentlich
empfundenen Teil des Objektes den im Subjekt bereit gestellten abstrakten
Inhalten assimiliert. Je abstrakter ein Inhalt ist, desto unvorstellbarer ist er.
Ich schliesse mich Kants Auffassung an, nach welcher ein Begriff umso
abstrakter ist, „je mehr Unterschiede der Dinge aus ihm weggelassen
sind“[309], in dem Sinne, dass die Abstraktion in ihrem höchsten Grade sich
vom Objekt absolut entfernt und damit zur äussersten Unvorstellbarkeit
gelangt, welches Abstraktum ich als Idee bezeichne (s. Idee). Umgekehrt ist
ein Abstraktum, das noch Vorstellbarkeit oder Anschaulichkeit besitzt, ein
concreter Begriff (s. Concretismus).
2. Affektivität. Affektivität ist ein Begriff, den Bleuler geprägt hat.
Affektivität bezeichnet und fasst zusammen „nicht nur die Affekte im
eigentlichen Sinne, sondern auch die leichten Gefühle oder Gefühlstöne der
Lust und Unlust“.[310] Bleuler unterscheidet von der Affektivität einerseits
die Sinnesempfindungen und die sonstigen Körperempfindungen,
andererseits die „Gefühle“, insofern sie innere Wahrnehmungsvorgänge

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(z. B. Gefühl der Gewissheit, der Wahrscheinlichkeit) und insofern sie
unklare Gedanken oder Erkenntnisse sind.[311]
3. Affekt. Unter Affekt ist ein Gefühlszustand zu verstehen, der
einerseits durch merkbare Körperinnervation, andererseits durch eine
eigentümliche Störung des Vorstellungsablaufes gekennzeichnet ist.[312] Mit
Affekt als synonym gebrauche ich Emotion. Ich unterscheide — im
Gegensatz zu Bleuler (s. Affektivität) — das Gefühl vom Affekt, obschon
sein Übergang zum Affekt fliessend ist, indem jedes Gefühl, wenn es eine
gewisse Stärke erlangt, Körperinnervationen auslöst und damit zum Affekt
wird. Aus praktischen Gründen aber wird man gut daran tun, Affekt von
Gefühl zu unterscheiden, indem das Gefühl eine willkürlich disponible
Funktion sein kann, während der Affekt dies in der Regel nicht zu sein
pflegt. Ebenso zeichnet sich der Affekt vor dem Gefühl deutlich durch die
merkbare Körperinnervation aus, während dem Gefühl diese Innervationen
grösstenteils fehlen oder von solch geringer Intensität sind, dass sie bloss
mit sehr feinen Instrumenten nachzuweisen sind, z. B. durch das
psychogalvanische Phänomen.[313] Der Affekt kumuliert sich durch die
Empfindung der von ihm ausgelösten Körperinnervationen. Diese
Wahrnehmung gab Anlass zur James-Langeschen Affekttheorie, welche den
Affekt überhaupt aus den Körperinnervationen ursächlich ableitet. Dieser
extremen Auffassung gegenüber fasse ich den Affekt einerseits als einen
psychischen Gefühlszustand, andererseits als einen physiologischen
Innervationszustand auf, welche beide wechselseitig kumulierend
aufeinanderwirken, d. h. dem verstärkten Gefühl gesellt sich eine
Empfindungskomponente, durch welche der Affekt mehr den
Empfindungen (s. d.) angenähert und vom Gefühlszustand wesentlich
unterschieden wird. Ich rechne ausgesprochene, d. h. durch heftige
Körperinnervationen begleitete Affekte nicht dem Gebiete der Fühlfunktion,
sondern dem Gebiete der Empfindungsfunktion zu (s. Funktion).
4. Apperception. Apperception ist ein psychischer Vorgang, durch den
ein neuer Inhalt ähnlichen, schon vorhandenen Inhalten dermassen
angegliedert wird, dass man ihn als verstanden, aufgefasst oder als klar
bezeichnet.[314] Man unterscheidet eine aktive und eine passive
Apperception; erstere ist ein Vorgang, bei welchem das Subjekt von sich
aus, aus eigenen Motiven bewusst einen neuen Inhalt mit Aufmerksamkeit
erfasst und an andere Inhalte, die in Bereitschaft stehen, assimiliert; letztere

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ist ein Vorgang, bei dem ein neuer Inhalt von aussen (durch die Sinne) oder
von innen (aus dem Unbewussten) sich dem Bewusstsein aufdrängt und die
Aufmerksamkeit und Auffassung sich gewissermassen erzwingt. In ersterm
Fall liegt der Akzent der Tätigkeit beim Ich, in letzterm bei dem sich
andrängenden neuen Inhalt.
5. Archaïsmus. Mit A. bezeichne ich den altertümlichen Charakter
psychischer Inhalte und Funktionen. Es handelt sich dabei nicht um
archaïstische, d. h. nachgeahmte Altertümlichkeit, wie sie z. B.
spätrömische Bildwerke oder die „Gothik“ des XIX. Jahrhunderts
aufweisen, sondern um Eigenschaften, die den Charakter des Reliktes
haben. Als solche Eigenschaften sind alle diejenigen psychologischen Züge
zu bezeichnen, welche im wesentlichen mit den Eigenschaften der
primitiven Mentalität übereinstimmen. Es ist klar, dass der A. in erster Linie
den Phantasien des Unbewussten anhaftet, d. h. den das Bewusstsein
erreichenden Produkten der unbewussten Phantasietätigkeit. Die Qualität
des Bildes ist dann archaïsch, wenn es unverkennbare mythologische
Parallelen hat.[315] Archaïsch sind die Analogieassociationen der
unbewussten Phantasie, ebenso ihr Symbolismus (s. Symbol.). A. ist die
Identitätsbeziehung zum Objekt, (s. Identität) die „participation mystique“
(s. d.). A. ist der Concretismus des Denkens und des Fühlens. A. ist ferner
der Zwang und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung (das
Hingerissensein). A. ist das Verschmolzensein der psychologischen
Funktionen (s. Differenzierung) miteinander, z. B. Denken und Fühlen,
Fühlen und Empfinden, Fühlen und Intuition, auch das Verschmolzensein
der Teile einer Funktion (Audition coloriée), Ambitendenz und Ambivalenz
(Bleuler), d. h. Verschmolzensein mit dem Gegenteil, z. B. Gefühl und
Gegengefühl.
6. Assimilation. A. ist die Angleichung eines neuen
Bewusstseininhaltes an das in Bereitschaft stehende subjektive
Material[316], wobei besonders die Ähnlichkeit des neuen Inhaltes mit dem
bereitstehenden subjektiven Material hervorgehoben wird, event. zu
Ungunsten der selbständigen Qualität des neuen Inhaltes[317]. Die A. ist, im
Grunde genommen, ein Apperceptionsvorgang (s. Apperception), der sich
aber von der reinen Apperception durch das Element der Angleichung an
das subjektive Material, unterscheidet. In diesem Sinne sagt Wundt[318]:
„Am augenfälligsten tritt diese Bildungsweise (nämlich die A.) bei den

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Vorstellungen dann hervor, wenn die assimilierenden Elemente durch
Reproduktion, die assimilierten durch einen unmittelbaren Sinneseindruck
entstehen. Es werden dann die Elemente von Erinnerungsbildern
gewissermassen in das äussere Objekt hineinverlegt, sodass, namentlich
wenn das Objekt und die reproduzierten Elemente erheblich voneinander
abweichen, die vollzogene Sinneswahrnehmung als eine Illusion erscheint,
die uns über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge täuscht.“
Ich gebrauche A. in einem etwas erweiterten Sinne, nämlich als
Angleichung des Objektes an das Subjekt überhaupt und setze ihr
gegenüber die Dissimilation als Angleichung des Subjektes an das Objekt,
und als Entfremdung des Subjektes von sich selber zu Gunsten des
Objektes, sei es ein äusseres Objekt oder ein „psychologisches“ Objekt,
z. B. eine Idee.
7. Bewusstsein. Unter B. verstehe ich die Bezogenheit psychischer
Inhalte auf das Ich (s. Ich), soweit sie als solche vom Ich empfunden
wird[319]. Beziehungen zum Ich, soweit sie von diesem nicht als solche
empfunden werden, sind unbewusst (s. d.). Das Bewusstsein ist die
Funktion oder Tätigkeit[320], welche die Beziehung psychischer Inhalte zum
Ich unterhält. B. ist für mich nicht identisch mit Psyche, indem Psyche mir
die Gesamtheit aller psychischen Inhalte darstellt, welche nicht
notwendigerweise alle mit dem Ich direkt verbunden, d. h. dermassen auf
das Ich bezogen sind, dass ihnen die Qualität der Bewusstheit zukäme. Es
gibt eine Vielheit von psychischen Komplexen, die nicht alle
notwendigerweise mit dem Ich verbunden sind.[321]
8. Bild. Wenn ich in dieser Arbeit von Bild spreche, so meine ich damit
nicht das psychische Abbild des äussern Objektes, sondern vielmehr eine
Anschauung, die dem poetischen Sprachgebrauch entstammt, nämlich das
Phantasiebild, welches sich nur indirekt auf Wahrnehmung des äussern
Objektes bezieht. Dieses Bild beruht vielmehr auf unbewusster
Phantasietätigkeit, als deren Produkt es dem Bewusstsein mehr oder
weniger abrupt erscheint, etwa in der Art einer Vision oder Hallucination,
ohne aber den pathologischen Charakter einer solchen, d. h. die
Zugehörigkeit zu einem klinischen Krankheitsbilde zu besitzen. Das Bild
hat den psychologischen Charakter einer Phantasievorstellung und niemals
den quasi Realcharakter der Hallucination, d. h. es steht nie an Stelle der
Wirklichkeit und wird von sinnlicher Wirklichkeit als „inneres“ Bild stets

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unterschieden. In der Regel ermangelt es auch jeder Projektion in den
Raum, obschon in Ausnahmefällen es auch gewissermassen von aussen
erscheinen kann. Diese Erscheinungsweise ist als archaïsch (s. d.) zu
bezeichnen, wenn sie nicht in erster Linie pathologisch ist, was aber den
archaischen Charakter keineswegs aufhebt. Auf primitiver Stufe, d. h. in der
Mentalität des Primitiven verlegt sich das innere Bild leicht als Vision oder
Gehörshallucination in den Raum, ohne pathologisch zu sein.
Wenn schon in der Regel dem Bild kein Wirklichkeitswert zukommt, so
kann ihm doch unter Umständen eine umso grössere Bedeutung für das
seelische Erleben anhaften, d. h. ein grosser psychologischer Wert, welcher
eine innere „Wirklichkeit“ darstellt, die gegebenenfalls die psychologische
Bedeutung der „äussern“ Wirklichkeit überwiegt. In diesem Fall ist das
Individuum nicht nach Anpassung an die Wirklichkeit, sondern nach
Anpassung an die innere Forderung orientiert.
Das innere Bild ist eine komplexe Grösse, die sich aus den
verschiedensten Materialien von verschiedenster Herkunft zusammensetzt.
Es ist aber kein Konglomerat, sondern ein in sich einheitliches Produkt, das
seinen eigenen selbständigen Sinn hat. Das Bild ist ein konzentrierter
Ausdruck der psychischen Gesamtsituation, nicht etwa bloss oder
vorwiegend der unbewussten Inhalte schlechthin. Es ist zwar ein Ausdruck
unbewusster Inhalte, aber nicht aller Inhalte überhaupt, sondern bloss der
momentan konstellierten. Diese Konstellation erfolgt einerseits durch die
Eigentätigkeit des Unbewussten, andererseits durch die momentane
Bewusstseinslage, welche immer zugleich auch die Aktivität zugehöriger
subliminaler Materialien anregt und die nicht zugehörigen hemmt.
Dementsprechend ist das Bild ein Ausdruck sowohl der unbewussten wie
der bewussten momentanen Situation. Die Deutung seines Sinnes kann also
weder vom Bewusstsein allein noch vom Unbewussten allein ausgehen,
sondern nur von ihrer wechselseitigen Beziehung.
Ich bezeichne das Bild als urtümlich[322], wenn es einen archaischen
Charakter hat. Von archaischem Charakter spreche ich dann, wenn das Bild
eine auffallende Übereinstimmung mit bekannten mythologischen Motiven
hat. In diesem Fall drückt es einerseits überwiegend collektiv-unbewusste
(s. d.) Materialien aus und andererseits weist es darauf hin, dass die
momentane Bewusstseinslage weniger persönlich, als vielmehr collektiv
beeinflusst ist.

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Ein persönliches B. hat weder archaïschen Charakter noch collektive
Bedeutung, sondern drückt persönlich-unbewusste Inhalte und eine
persönlich-bedingte Bewusstseinslage aus.
Das urtümliche B., das ich andernorts auch als „Archetypus“[323]
bezeichnet habe, ist immer collektiv, d. h. es ist mindestens ganzen Völkern,
oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten
mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich
eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und
Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen.[324]
Das urtümliche Bild ist ein mnemischer Niederschlag, ein Engramm
(Semon), das durch Verdichtung unzähliger, einander ähnlicher Vorgänge
entstanden ist. Es ist in erster Linie und zunächst ein Niederschlag und
damit eine typische Grundform eines gewissen immer wiederkehrenden
seelischen Erlebens. Darum ist es als mythologisches Motiv auch ein stets
wirksamer und immer wieder auftretender Ausdruck, welcher das gewisse
seelische Erleben entweder wachruft oder in passender Weise formuliert.
Das urtümliche Bild ist wohl ein psychischer Ausdruck einer physiologisch-
anatomisch bestimmten Anlage. Stellt man sich auf den Standpunkt, dass
eine bestimmte anatomische Struktur entstanden sei aus der Einwirkung der
Umweltsbedingungen auf den lebenden Stoff, so entspricht das urtümliche
Bild in seinem stetigen und allverbreiteten Vorkommen einer ebenso
allgemeinen und beständigen äussern Einwirkung, welche daher den
Charakter eines Naturgesetzes haben muss. Man könnte auf diese Weise den
Mythus auf die Natur beziehen (z. B. die Sonnenmythen auf das tägliche
Auf- und Untergehen der Sonne oder den ebenso sinnenfälligen Wechsel
der Jahreszeiten). Dabei bliebe aber die Frage übrig, warum dann nicht
einfach z. B. die Sonne und ihre scheinbaren Veränderungen direkt und
unverhüllt als Inhalt des Mythus aufträten. Die Tatsache, dass die Sonne
oder der Mond oder die meteorologischen Vorgänge zum mindesten
allegorisiert auftreten, weist uns aber auf eine selbständige Mitarbeit der
Psyche hin, welche also in diesem Falle keineswegs bloss ein Produkt oder
Abklatsch der Umweltsbedingungen sein kann. Denn woher bezöge sie
dann überhaupt die Fähigkeit zu einem Standpunkt ausserhalb der
Sinneswahrnehmung? Woher käme ihr dann überhaupt die Fähigkeit zu, ein
Mehreres oder Anderes zu leisten, als die Bestätigung des Zeugnisses der
Sinne? Wir müssen daher notgedrungen annehmen, dass die gegebene

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Hirnstruktur ihr Sosein nicht bloss der Einwirkung der
Umweltsbedingungen verdankt, sondern ebensowohl auch der
eigentümlichen und selbständigen Beschaffenheit des lebenden Stoffes,
d. h. also einem mit dem Leben gegebenen Gesetze. Die gegebene
Beschaffenheit des Organismus ist daher ein Produkt einerseits der äussern
Bedingungen und andererseits der dem Lebendigen inhärenten
Bestimmungen. Demgemäss ist auch das urtümliche Bild einerseits
unzweifelhaft auf gewisse sinnenfällige und stets sich erneuernde und daher
immer wirksame Naturvorgänge zu beziehen, andererseits aber ebenso
unzweifelhaft auf gewisse innere Bestimmungen des geistigen Lebens und
des Lebens überhaupt. Dem Licht setzt der Organismus ein neues Gebilde,
das Auge, entgegen, und dem Naturvorgang setzt der Geist ein
symbolisches Bild entgegen, das den Naturvorgang ebenso erfasst, wie das
Auge das Licht. Und ebenso wie das Auge ein Zeugnis ist für die
eigentümliche und selbständige schöpferische Tätigkeit des lebenden
Stoffes, so ist auch das urtümliche Bild ein Ausdruck der eigenen und
unbedingten, erschaffenden Kraft des Geistes.
Das urtümliche Bild ist somit ein zusammenfassender Ausdruck des
lebendigen Prozesses. Es gibt den sinnlichen und innern geistigen
Wahrnehmungen, die zunächst ungeordnet und unzusammenhängend
erscheinen, einen ordnenden und verbindenden Sinn und befreit dadurch die
psychische Energie von der Bindung an die blosse und unverstandene
Wahrnehmung. Es bindet aber auch die durch Wahrnehmung der Reize
entfesselten Energien an einen bestimmten Sinn, der das Handeln in die
dem Sinn entsprechenden Bahnen leitet. Es löst unverwendbare, aufgestaute
Energie, indem es den Geist auf die Natur verweist, und blossen Naturtrieb
in geistige Formen überführt.
Das urtümliche Bild ist Vorstufe der Idee (s. d.), es ist ihr Mutterboden.
Aus ihm entwickelt die Vernunft durch Ausscheidung des dem urtümlichen
Bild eigentümlichen und notwendigen Concretismus (s. d.), einen Begriff
— eben die Idee — der aber von allen andern Begriffen sich dadurch
unterscheidet, dass er der Erfahrung nicht gegeben ist, und dass er sogar als
aller Erfahrung zu Grunde liegend erschlossen wird. Diese Eigenschaft hat
die Idee vom urtümlichen Bild, das als Ausdruck der spezifischen
Hirnstruktur auch aller Erfahrung die bestimmte Form erteilt.

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Der Grad der psychologischen Wirksamkeit des urtümlichen Bildes
wird bestimmt durch die Einstellung des Individuums. Ist die Einstellung
überhaupt introvertiert, so ergibt sich natürlicherweise infolge der
Abziehung der Libido vom äussern Objekt eine erhöhte Betonung des
innern Objektes, des Gedankens. Daraus erfolgt eine besonders intensive
Entwicklung der Gedanken auf der durch das urtümliche Bild unbewusst
vorgezeichneten Linie. Auf diese Weise tritt das urtümliche Bild zunächst
indirekt in die Erscheinung. Die Weiterführung der gedanklichen
Entwicklung führt zur Idee, welche nichts anderes ist, als das zur
gedanklichen Formulierung gelangte urtümliche Bild. Über die Idee hinaus
führt nur die Entwicklung der Gegenfunktion, d. h. ist die Idee intellektuell
erfasst, so will sie auf das Leben wirken. Sie zieht darum das Fühlen an,
welches aber in diesem Falle weit weniger differenziert und daher
concretistischer ist als das Denken. Das Fühlen ist daher unrein, und, weil
undifferenziert, noch mit dem Unbewussten verschmolzen. Das Individuum
ist dann unfähig, dieses so beschaffene Fühlen mit der Idee zu vereinigen.
In diesem Falle tritt nun das urtümliche Bild als Symbol in das innere
Blickfeld, erfasst vermöge seiner concreten Natur einerseits das in
undifferenziertem concreten Zustand befindliche Fühlen, ergreift aber auch
vermöge seiner Bedeutung die Idee, deren Mutter es ja ist, und vereinigt so
die Idee mit dem Fühlen. Das urtümliche Bild tritt solchergestalt als Mittler
ein und beweist damit wiederum seine erlösende Wirksamkeit, die es in den
Religionen stets gehabt hat. Ich möchte daher das, was Schopenhauer von
der Idee sagt, eher auf das urtümliche Bild beziehen, indem, wie ich unter
„Idee“ erläutert habe, die Idee nicht ganz und durchaus als etwas
Apriorisches, sondern eben auch als etwas Abgeleitetes und
Herausentwickeltes aufgefasst werden muss. Wenn ich daher im, folgenden
die Worte Schopenhauers anführe, so bitte ich den Leser, das Wort „Idee“
im Text jeweils durch „urtümliches Bild“ ersetzen zu wollen, um zum
Verständnis dessen zu gelangen, was ich hier meine:
„Vom Individuo als solchem wird — die Idee — nie erkannt, sondern
nur von dem, der sich über alles Wollen und über alle Individualität zum
reinen Subjekt des Erkennens erhoben hat: also ist sie nur dem Genius und
sodann dem, welcher durch, meistens von den Werken des Genius
veranlasste, Erhöhung seiner reinen Erkenntniskraft, in einer genialen
Stimmung ist, erreichbar: daher ist sie nicht schlechthin, sondern nur
bedingt mitteilbar, indem die aufgefasste und (z. B.) im Kunstwerk

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wiederholte Idee jedem nur nach Massgabe seines eigenen intellektualen
Wertes anspricht“, etc.
„Die Idee ist die, vermöge der Zeit- und Raumform unserer intuitiven
Apprehension in die Vielheit zerfallene Einheit.“
„Der Begriff gleicht einem toten Behältnis, in welchem, was man
hineingelegt hat, wirklich nebeneinander liegt, aus welchem sich aber auch
nicht mehr herausnehmen lässt, als man hineingelegt hat: die Idee hingegen
entwickelt in dem, welcher sie gefasst hat, Vorstellungen, die in Hinsicht
auf den ihr gleichnamigen Begriff neu sind: sie gleicht einem lebendigen,
sich entwickelnden, mit Zeugungskraft begabten Organismus, welcher
hervorbringt, was nicht in ihm eingeschachtelt lag.“[325]
Schopenhauer hat es klar erkannt, dass die „Idee“, d. h. das urtümliche
Bild nach meiner Definition, nicht erreicht werden kann auf dem Wege, auf
dem ein Begriff oder eine „Idee“ hergestellt wird („Idee“ nach Kant ein
„Begriff aus Notionen“[326]), sondern dass dazu ein Element jenseits des
formulierenden Verstandes gehört, etwa, wie Schopenhauer sagt, die
„geniale Stimmung“, womit nichts anderes als ein Gefühlszustand gemeint
ist. Denn von der Idee gelangt man zum urtümlichen Bild nur dadurch, dass
der Weg, der zur Idee führte, über den Höhepunkt der Idee hinaus in die
Gegenfunktion fortgesetzt wird.
Das urtümliche Bild hat vor der Klarheit der Idee die Lebendigkeit
voraus. Es ist ein eigener lebender Organismus, „mit Zeugungskraft
begabt“, denn das urtümliche Bild ist eine vererbte Organisation der
psychischen Energie, ein festes System, welches nicht nur Ausdruck,
sondern auch Möglichkeit des Ablaufes des energetischen Prozesses ist. Es
charakterisiert einerseits die Art, wie der energetische Prozess seit Urzeit
immer wieder in derselben Weise abgelaufen ist und ermöglicht zugleich
auch immer wieder den gesetzmässigen Ablauf, indem es eine
Apprehension oder psychische Erfassung von Situationen in solcher Art
ermöglicht, dass dem Leben immer wieder eine weitere Fortsetzung
gegeben werden kann. Es ist somit das notwendige Gegenstück zum
Instinkt, der ein zweckmässiges Handeln ist, aber auch ein ebenso
sinnentsprechendes wie zweckmässiges Erfassen der jeweiligen Situation
voraussetzt. Diese Apprehension der gegebenen Situation wird durch das a

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priori vorhandene Bild gewährleistet. Es stellt die anwendbare Formel dar,
ohne welche die Apprehension eines neuen Tatbestandes unmöglich wäre.
9. Collektiv. Als collektiv bezeichne ich alle diejenigen psychischen
Inhalte, die nicht einem, sondern vielen Individuen zugleich, d. h. also einer
Gesellschaft, einem Volke oder der Menschheit eigentümlich sind. Solche
Inhalte sind die von Lévy-Bruhl[327] beschriebenen „mystischen
Collektivvorstellungen“ (représentations collectives) der Primitiven, ebenso
die dem Kulturmenschen geläufigen allgemeinen Begriffe von Recht, Staat,
Religion, Wissenschaft usw. Aber es sind nicht nur Begriffe und
Anschauungen, die als collektiv zu bezeichnen sind, sondern auch Gefühle.
Lévy-Bruhl zeigt für die Primitiven, wie ihre Collektivvorstellungen auch
zugleich Collektivgefühle darstellen. Um dieses collektiven Gefühlswertes
willen bezeichnet er die „représentations collectives“ auch als „mystiques“,
weil diese Vorstellungen nicht bloss intellektuell, sondern auch emotional
sind.[328] Beim Kulturmenschen verknüpfen sich mit gewissen collektiven
Begriffen auch collektive Gefühle, z. B. mit der collektiven Idee Gottes
oder des Rechtes oder des Vaterlandes etc. Der collektive Charakter kommt
nun nicht nur einzelnen psychischen Elementen oder Inhalten zu, sondern
auch ganzen Funktionen (s. d.). So kann z. B. das Denken überhaupt als
ganze Funktion collektiven Charakter haben, insofern es nämlich ein
allgemeingültiges, z. B. den Gesetzen der Logik entsprechendes Denken ist.
Ebenso kann das Fühlen als ganze Funktion collektiv sein, insofern es z. B.
mit dem allgemeinen Fühlen identisch ist, m. a. W. den allgemeinen
Erwartungen, z. B. dem allgemeinen moralischen Bewusstsein usw.
entspricht. Ebenso ist diejenige Empfindung oder Empfindungsart und
diejenige Intuition collektiv, welche zugleich einer grössern Gruppe von
Menschen eigentümlich ist. Der Gegensatz zu collektiv ist individuell
(s. d.).
10. Compensation bedeutet Ausgleichung oder Ersetzung. Der Begriff
der Compensation wurde eigentlich von Adler[329] in die
Neurosenpsychologie eingeführt.[330] Er versteht unter Compensation die
funktionelle Ausgleichung des Minderwertigkeitsgefühles durch ein
compensierendes psychologisches System, vergleichbar den
compensierenden Organentwicklungen bei Organminderwertigkeit [331] . So
sagt Adler: „Mit der Loslösung vom mütterlichen Organismus beginnt für
diese minderwertigen Organe und Organsysteme der Kampf mit der

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Aussenwelt, der notwendigerweise entbrennen muss und mit grösserer
Heftigkeit einsetzt als bei normal entwickeltem Apparat. — Doch verleiht
der fötale Charakter zugleich die erhöhte Möglichkeit der Compensation
und Übercompensation, steigert die Anpassungsfähigkeit an gewöhnliche
und ungewöhnliche Widerstände und sichert die Bildung von neuen und
höhern Formen, von neuen und höhern Leistungen.“ Das
Minderwertigkeitsgefühl des Neurotikers, das nach Adler ätiologisch einer
Organminderwertigkeit entspricht, gibt Anlass zu einer
„Hilfskonstruktion“ [332] , eben einer Compensation, welche in der
Herstellung einer die Minderwertigkeit ausgleichenden Fiktion besteht. Die
Fiktion oder „fiktive Leitlinie“ ist ein psychologisches System, welches die
Minderwertigkeit in eine Mehrwertigkeit umzuwandeln sucht. Bedeutsam
an dieser Auffassung ist die erfahrungsgemäss nicht zu leugnende Existenz
einer compensierenden Funktion im Gebiete der psychologischen Vorgänge.
Sie entspricht einer ähnlichen Funktion auf physiologischem Gebiet, der
Selbststeuerung oder Selbstregulierung des Organismus. Während Adler
seinen Begriff der Compensation auf die Ausgleichung des
Minderwertigkeitsgefühles einschränkt, fasse ich den Begriff der
Compensation allgemein als funktionelle Ausgleichung, als
Selbstregulierung des psychischen Apparates[333]. In diesem Sinne fasse ich
die Tätigkeit des Unbewussten (s. d.) als Ausgleichung der durch die
Bewusstseinsfunktion erzeugten Einseitigkeit der allgemeinen Einstellung.
Das Bewusstsein wird von den Psychologen gerne dem Auge verglichen,
man spricht von einem Blickfeld und Blickpunkt des Bewusstseins. Mit
diesem Vergleich ist das Wesen der Bewusstseinsfunktion treffend
charakterisiert: nur wenige Inhalte können zugleich den höchsten
Bewusstseinsgrad erreichen, und nur eine beschränkte Anzahl von Inhalten
kann sich zugleich im Bewusstseinsfelde aufhalten. Die Tätigkeit des
Bewusstseins ist auswählend. Die Auswahl erfordert Richtung. Richtung
aber erfordert Ausschliessung alles Nichtzugehörigen. Daraus muss jeweils
eine gewisse Einseitigkeit der Bewusstseinsorientierung entstehen. Die von
der gewählten Richtung ausgeschlossenen und gehemmten Inhalte verfallen
zunächst dem Unbewussten, bilden aber wegen ihrer effektiven Existenz
doch ein Gegengewicht gegen die bewusste Orientierung, das sich durch
Vermehrung der bewussten Einseitigkeit ebenfalls vermehrt und schliesslich
zu einer merklichen Spannung führt. Diese Spannung bedeutet eine gewisse
Hemmung der bewussten Tätigkeit, welche zwar zunächst durch vermehrte

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bewusste Anstrengung durchbrochen werden kann. Aber auf die Dauer
erhöht sich die Spannung derart, dass die gehemmten unbewussten Inhalte
sich dem Bewusstsein doch mitteilen und zwar vermittelst der Träume und
freisteigender Bilder. Je grösser die Einseitigkeit der bewussten Einstellung
ist, desto gegensätzlicher sind die dem Unbewussten entstammenden
Inhalte, sodass man von einem eigentlichen Kontraste zwischen
Bewusstsein und Unbewusstem sprechen kann. In diesem Falle tritt die
Compensation in Form einer kontrastierenden Funktion auf. Dieser Fall ist
extrem. In der Regel ist die Compensation durch das Unbewusste kein
Kontrast, sondern eine Ausgleichung oder Ergänzung der bewussten
Orientierung. Das Unbewusste gibt z. B. im Traume alle diejenigen zur
bewussten Situation konstellierten, aber durch die bewusste Wahl
gehemmten Inhalte, deren Kenntnis dem Bewusstsein zu einer völligen
Anpassung unerlässlich wäre.
Im Normalzustande ist die Compensation unbewusst, d. h. sie wirkt
unbewusst regulierend auf die bewusste Tätigkeit. In der Neurose tritt das
Unbewusste in so starken Kontrast zum Bewusstsein, dass die
Compensation gestört wird. Die analytische Therapie zielt daher auf eine
Bewusstmachung der unbewussten Inhalte, um auf diese Weise die
Compensation wieder herzustellen.
11. Concretismus. Unter dem Begriff des Concretismus verstehe ich
eine bestimmte Eigentümlichkeit des Denkens und Fühlens, welche den
Gegensatz zur Abstraktion darstellt. Concret heisst eigentlich
„zusammengewachsen“. Ein concret gedachter Begriff ist ein Begriff, der
mit andern Begriffen verwachsen oder verschmolzen vorgestellt wird. Ein
solcher Begriff ist nicht abstrakt, nicht abgesondert und an sich gedacht,
sondern bezogen und vermischt. Er ist kein differenzierter Begriff, sondern
er steckt noch im sinnlich vermittelten Anschauungsmaterial drin. Das
concretistische Denken bewegt sich in ausschliesslich concreten Begriffen
und Anschauungen, es ist stets auf die Sinnlichkeit bezogen. Ebenso ist das
concretistische Fühlen niemals von sinnlicher Bezogenheit abgesondert.
Das primitive Denken und Fühlen ist ausschliesslich concretistisch, es
ist immer auf die Sinnlichkeit bezogen. Der Gedanke des Primitiven hat
keine abgesonderte Selbständigkeit, sondern klebt an der materiellen
Erscheinung. Er erhebt sich höchstens zur Stufe der Analogie. Ebenso ist
das primitive Fühlen immer auf die materielle Erscheinung bezogen.

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Denken und Fühlen beruhen auf der Empfindung und unterscheiden sich
nur wenig von ihr. Der Concretismus ist daher ein Archaïsmus (s. d.). Der
magische Einfluss des Fetisch wird nicht als subjektiver Gefühlszustand
erlebt, sondern als magische Wirkung empfunden. Das ist Concretismus des
Gefühls. Der Primitive erfährt nicht den Gedanken der Gottheit als
subjektiven Inhalt, sondern der heilige Baum ist der Wohnsitz, ja der Gott
selber. Das ist Concretismus des Denkens. Beim Kulturmenschen besteht
der Concretismus des Denkens z. B. in der Unfähigkeit, etwas anderes zu
denken, als sinnlich vermittelte Tatsachen von unmittelbarer
Anschaulichkeit, oder in der Unfähigkeit, das subjektive Fühlen vom
sinnlich gegebenen Objekt des Fühlens zu unterscheiden.
Der Concretismus ist ein Begriff, der unter den allgemeinern Begriff der
„participation mystique“ (s. d.) fällt. Wie die „participation mystique“ eine
Vermischung des Individuums mit äussern Objekten darstellt, so stellt der
Concretismus eine Vermischung des Denkens und Fühlens mit der
Empfindung dar. Der Concretismus bedingt, dass der Gegenstand des
Denkens und Fühlens allemal zugleich auch ein Gegenstand des
Empfindens ist. Diese Vermischung verhindert eine Differenzierung des
Denkens und Fühlens und hält beide Funktionen in der Sphäre der
Empfindung, d. h. der sinnlichen Bezogenheit fest, wodurch sie sich nie zu
reinen Funktionen entwickeln können, sondern stets im Gefolge der
Empfindung bleiben. Dadurch entsteht ein Vorwiegen des
Empfindungsfaktors in der psychologischen Orientierung. (Über die
Bedeutung des Empfindungsfaktors siehe „Empfindung“ und „Typen“.)
Der Nachteil des Concretismus ist die Gebundenheit der Funktion an
die Empfindung. Da die Empfindung Wahrnehmung physiologischer Reize
ist, so hält der Concretismus die Funktion entweder in der sinnlichen
Sphäre fest oder führt sie immer wieder dahin zurück. Damit ist eine
sinnliche Gebundenheit der psychologischen Funktionen bewirkt, welche
die psychische Selbständigkeit des Individuums verhindert zu Gunsten der
sinnlich gegebenen Tatsachen. In Ansehung der Anerkennung von
Tatsachen ist diese Orientierung natürlich wertvoll, nicht aber in Ansehung
der Deutung der Tatsachen und ihres Verhältnisses zum Individuum. Der
Concretismus schafft ein Überwiegen der Tatsachenbedeutung und damit
eine Unterdrückung der Individualität und ihrer Freiheit zu Gunsten des
objektiven Vorganges. Da das Individuum aber nicht nur durch

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physiologische Reize bestimmt ist, sondern auch durch Faktoren, welche
gegebenenfalls der äussern Tatsache entgegengesetzt sind, so bewirkt der
Concretismus eine Projektion dieser innern Faktoren in die äussere Tatsache
und damit eine sozusagen abergläubische Überbewertung der blossen
Tatsachen, genau wie beim Primitiven. Ein gutes Beispiel hiefür ist der
Concretismus des Fühlens bei Nietzsche und die dadurch bewirkte
Überbewertung der Diät, ebenso der Materialismus Moleschotts („Der
Mensch ist, was er isst“). Ein Beispiel für die abergläubische
Überbewertung der Tatsachen ist die Hypostasierung des Energiebegriffes
im Ostwaldschen Monismus.
12. Construktiv. Dieser Begriff wird von mir in ähnlicher Weise
gebraucht, wie synthetisch, gewissermassen zur Erläuterung des letztern
Begriffes. Construktiv bedeutet „aufbauend“. Ich gebrauche „construktiv“
und „synthetisch“ zur Bezeichnung einer Methode, die der reduktiven
Methode entgegengesetzt ist.[334] Die construktive Methode betrifft die
Bearbeitung unbewusster Produkte (Träume, Phantasien). Sie geht vom
unbewussten Produkt aus als von einem symbolischen (s. d.) Ausdruck,
welcher vorausgreifend ein Stück psychologischer Entwicklung darstellt.
[335] Maeder spricht in dieser Hinsicht von einer eigentlichen prospektiven
Funktion des Unbewussten, welches quasi spielend die zukünftige
psychologische Entwicklung antecipiert.[336] Auch Adler anerkennt eine
vorausgreifende Funktion des Unbewussten.[337] Sicher ist, dass das
Produkt des Unbewussten nicht einseitig als Gewordenes, gewissermassen
als Endprodukt betrachtet werden darf, sonst müsste ihm jeder
zweckmässige Sinn abgesprochen werden. Selbst Freud weist dem Traum
die teleologische Rolle wenigstens als „Hüter des Schlafes“ zu[338],
während sich die prospektive Funktion für ihn wesentlich auf „Wünsche“
beschränkt. Der Zweckmässigkeitscharakter der unbewussten Tendenzen
kann aber nach Analogie mit andern psychologischen oder physiologischen
Funktionen nicht a priori bestritten werden. Wir fassen darum das Produkt
des Unbewussten als einen nach einem Ziel oder einem Zweck orientierten
Ausdruck auf, der aber den Richtpunkt in symbolischer Sprache
charakterisiert.[339] Dieser Auffassung entsprechend beschäftigt sich die c.
Methode der Deutung nicht mit den dem unbewussten Produkt zu Grunde
liegenden Quellen oder Ausgangsmaterialien, sondern sie sucht das
symbolische Produkt auf einen allgemeinen und verständlichen Ausdruck
zu bringen.[340] Die freien Einfälle zum unbewussten Produkt werden also

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in Hinsicht einer Zielrichtung und nicht in Hinsicht der Herkunft betrachtet.
Sie werden unter dem Gesichtswinkel zukünftigen Tuns oder Lassens
betrachtet; ihr Verhältnis zur Bewusstseinslage wird dabei sorgfältig
berücksichtigt, denn nach der compensatorischen Auffassung des
Unbewussten hat die Tätigkeit des Unbewussten eine hauptsächlich
ausgleichende oder ergänzende Bedeutung für die Bewusstseinslage. Da es
sich um eine Vorausorientierung handelt, so kommt die wirkliche
Beziehung zum Objekt viel weniger in Frage als beim reduktiven
Verfahren, welches sich mit wirklich stattgehabten Beziehungen zum
Objekt beschäftigt. Es handelt sich vielmehr um die subjektive Einstellung,
in der das Objekt zunächst nur ein Zeichen für Tendenzen des Subjektes
bedeutet. Die Absicht der c. Methode ist daher die Herstellung eines auf die
zukünftige Einstellung des Subjektes bezüglichen Sinnes des unbewussten
Produktes. Da das Unbewusste in der Regel nur symbolische Ausdrücke zu
schaffen vermag, so dient die c. Methode dazu, den symbolisch
ausgedrückten Sinn dermassen zu verdeutlichen, dass ein die bewusste
Orientierung richtig stellender Hinweis dabei herauskommt, womit dem
Subjekt das für sein Handeln notwendige Einssein mit dem Unbewussten
vermittelt wird.
So, wie sich keine psychologische Deutungsmethode auf das
Associationsmaterial des Analysanden allein gründet, so bedient sich auch
der c. Standpunkt gewisser Vergleichsmaterialien. So, wie sich die
reduktive Deutung gewisser biologischer, physiologischer, folkloristischer,
literarischer und anderer Vergleichsvorstellungen bedient, so ist die c.
Behandlung des Denkproblems auf philosophische, und die des
Intuitionsproblems auf mythologische und religionsgeschichtliche
Parallelen angewiesen.
Die c. Methode ist notgedrungenerweise individualistisch, denn eine
zukünftige Collektiveinstellung entwickelt sich nur über das Individuum.
Im Gegensatz dazu ist die reduktive Methode collektiv, denn sie führt aus
dem individuellen Fall zurück auf allgemeine Grundeinstellungen oder -
tatsachen. Die c. Methode kann auch vom Subjekt direkt auf seine
subjektiven Materialien angewendet werden. In diesem letztern Fall ist sie
eine intuitive Methode, verwendet zur Ausarbeitung des allgemeinen Sinnes
eines Produktes des Unbewussten. Diese Ausarbeitung erfolgt durch die
associative (also nicht aktiv apperceptive, s. d.) Angliederung weitern

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Materials, welches den symbolischen Ausdruck des Unbewussten (z. B. den
Traum) dermassen bereichert und vertieft, dass er jene Deutlichkeit erreicht,
welche das bewusste Begreifen ermöglicht. Durch die Bereicherung des
symbolischen Ausdruckes wird er in allgemeinere Zusammenhänge
verwoben und dadurch assimiliert.
13. Denken. Ich fasse das Denken als eine der vier psychologischen
Grundfunktionen auf (s. Funktion). Das Denken ist diejenige
psychologische Funktion, welche, ihren eigenen Gesetzen gemäss,
gegebene Vorstellungsinhalte in (begrifflichen) Zusammenhang bringt. Es
ist apperceptive Tätigkeit und als solche in aktive und passive Denktätigkeit
zu unterscheiden. Das aktive Denken ist eine Willenshandlung, das passive
Denken ein Geschehnis. Im erstem Fall unterwerfe ich die
Vorstellungsinhalte einem gewollten Urteilsakt, im letztern Fall ordnen sich
begriffliche Zusammenhänge an, es formen sich Urteile, welche
gegebenenfalls zu meiner Absicht in Widerspruch stehen, meiner
Zielrichtung nicht entsprechen und daher für mich des Gefühles der
Richtung entbehren, obschon ich nachträglich zur Anerkennung ihres
Gerichtetseins durch einen aktiven Apperceptionsakt gelangen kann. Das
aktive Denken würde demnach meinem Begriffe des gerichteten
Denkens[341] entsprechen. Das passive D. ist in meiner unten zitierten
Arbeit ungenügend als „Phantasieren“ gekennzeichnet worden.[342] Ich
würde es heute als intuitives Denken bezeichnen.
Ein einfaches Aneinanderreihen von Vorstellungen, was von gewissen
Psychologen als associatives D.[343] bezeichnet wird, ist für mich kein
Denken, sondern blosses Vorstellen. Von D. sollte man m. E. nur da
sprechen, wo es sich um die Verbindung von Vorstellungen durch einen
Begriff handelt, wo also m. a. W. ein Urteilsakt vorliegt, gleichviel ob
dieser Urteilsakt unserer Absicht entspringt oder nicht.
Das Vermögen des gerichteten D. bezeichne ich als Intellekt, das
Vermögen des passiven oder nicht gerichteten D. bezeichne ich als
intellektuelle Intuition. Ich bezeichne ferner das gerichtete Denken, den
Intellekt, als rationale (s. d.) Funktion, indem es nach der Voraussetzung
der mir bewussten vernünftigen Norm die Vorstellungsinhalte unter
Begriffen anordnet. Dagegen ist mir das nichtgerichtete Denken, die
intellektuelle Intuition, eine irrationale (s. d.) Funktion, indem es nach mir
unbewussten und darum nicht als vernunftgemäss erkannten Normen die

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Vorstellungsinhalte beurteilt und anordnet. Ich kann aber gegebenenfalls
nachträglich erkennen, dass auch der intuitive Urteilsakt der Vernunft
entspricht, obschon er auf einem mir irrational erscheinenden Wege
zustande gekommen ist.
Unter gefühlsmässigem D. verstehe ich nicht das intuitive D., sondern
ein Denken, das vom Fühlen abhängig ist, also ein Denken, das nicht
seinem eigenen, logischen Prinzip folgt, sondern dem Prinzip des Fühlens
untergeordnet ist. Im gefühlsmässigen D. sind die Gesetze der Logik nur
scheinbar vorhanden, in Wirklichkeit aber aufgehoben zu Gunsten der
Gefühlsabsicht.
14. Differenzierung bedeutet Entwicklung von Unterschieden,
Aussonderung von Teilen aus einem Ganzen. Ich gebrauche den Begriff der
D. in dieser Arbeit hauptsächlich in Hinsicht von psychologischen
Funktionen. Solange eine Funktion noch dermassen mit einer oder
mehreren andern Funktionen verschmolzen ist, z. B. Denken und Fühlen,
oder Fühlen und Empfindung etc., dass sie für sich allein gar nicht auftreten
kann, so ist sie in archaïschem (s. d.) Zustand, sie ist nicht differenziert,
d. h. nicht als ein besonderer Teil vom Ganzen ausgeschieden und als
solcher für sich bestehend. Ein nicht differenziertes Denken ist unfähig, von
andern Funktionen abgesondert zu denken, d. h. es mischen sich ihm
beständig Empfindungen oder Gefühle oder Intuitionen bei; ein nicht
differenziertes Fühlen vermischt sich z. B. mit Empfindungen und
Phantasien, z. B. Sexualisierung (Freud) des Fühlens und Denkens in der
Neurose. In der Regel ist die nicht differenzierte Funktion auch dadurch
charakterisiert, dass sie die Eigenschaft der Ambivalenz und der
Ambitendenz[344] hat, d. h. jede Position führt ihre Negation merklich mit
sich, woraus kennzeichnende Hemmungen im Gebrauch der nicht
differenzierten Funktion entstehen. Die nicht differenzierte Funktion ist
auch in ihren einzelnen Teilen verschmolzen, so ist z. B. ein nicht
differenziertes Empfindungsvermögen dadurch beeinträchtigt, dass sich die
einzelnen Sinnessphären vermischen (Audition colorée), ein nicht
differenziertes Fühlen z. B. durch Vermengung von Hass und Liebe.
Insofern eine Funktion ganz oder grösstenteils unbewusst ist, ist sie auch
nicht differenziert, sondern in ihren Teilen und mit andern Funktionen
verschmolzen. Die D. besteht in der Absonderung der Funktion von andern
Funktionen und in der Absonderung ihrer einzelnen Teile von einander.

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Ohne D. ist Richtung unmöglich, denn die Richtung einer Funktion resp. ihr
Gerichtetsein beruht auf Besonderung und Ausschliessung des
Nichtzugehörigen. Durch Verschmelzung mit Nichtzugehörigem ist das
Gerichtetsein unmöglich gemacht; nur eine differenzierte Funktion erweist
sich als richtungsfähig.
15. Dissimilation, s. Assimilation.
16. Einfühlung. E. ist eine Introjektion (s. d.) des Objektes. Für die
nähere Beschreibung des Begriffes der E. siehe Text Kapitel VII. (Siehe
auch Projektion.)
17. Einstellung. Dieser Begriff ist eine relativ neue Erwerbung der
Psychologie. Er stammt von Müller und Schumann[345]. Während Külpe[346]
die E. als eine Prädisposition sensorischer oder motorischer Zentren für eine
bestimmte Erregung oder einen beständigen Impuls definiert, fasst sie
Ebbinghaus[347] in weiterm Sinne als eine Übungserscheinung, welche das
Gewohnte in die vom Gewohnten abweichende Einzelleistung hineinträgt.
Von dem Ebbinghaus’schen Begriffe der E. geht auch unser Gebrauch des
Begriffes aus. E. ist für uns eine Bereitschaft der Psyche in einer gewissen
Richtung zu agieren oder zu reagieren. Der Begriff ist gerade für die
Psychologie der komplexen seelischen Phänomene sehr wichtig, indem er
jene eigenartige psychologische Erscheinung, dass gewisse Reize zu
gewissen Zeiten stark, zu andern schwach oder gar nicht wirken, auf einen
Ausdruck bringt. Eingestellt sein heisst: für etwas Bestimmtes bereit sein,
auch wenn dieses Bestimmte unbewusst ist, denn Eingestelltsein ist
gleichbedeutend mit apriorischer Richtung auf Bestimmtes, gleichviel ob
dieses Bestimmte vorgestellt ist oder nicht. Die Bereitschaft, als welche ich
die E. auffasse, besteht immer darin, dass eine gewisse subjektive
Konstellation, eine bestimmte Kombination von psychischen Faktoren oder
Inhalten vorhanden ist, welche entweder das Handeln in dieser oder jener
bestimmten Richtung determinieren oder einen äussern Reiz in dieser oder
jener bestimmten Weise auffassen wird. Ohne E. ist aktive Apperception
(s. d.) unmöglich. E. hat immer einen Richtpunkt, der bewusst oder
unbewusst sein kann, denn eine bereitgestellte Kombination von Inhalten
wird unfehlbar im Akte der Apperception eines neuen Inhaltes jene
Qualitäten oder Momente hervorheben, welche dem subjektiven Inhalt als
zugehörig erscheinen. Es findet daher eine Auswahl oder ein Urteil statt,
welches Nichtzugehöriges ausschliesst. Was zugehörig oder nichtzugehörig

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ist, wird durch die bereitgestellte Inhaltskombination oder -konstellation
entschieden. Ob der Richtpunkt der E. bewusst oder unbewusst ist, hat
keine Bedeutung für die auswählende Wirkung der E., indem die Auswahl
durch die E. schon a priori gegeben ist und im Übrigen automatisch erfolgt.
Es ist aber praktisch zwischen bewusst und unbewusst zu unterscheiden, da
ungemein häufig auch zwei E. vorhanden sind, nämlich eine bewusste und
eine unbewusste E. Damit soll ausgedrückt sein, dass das Bewusstsein eine
Bereitstellung von andern Inhalten hat als das Unbewusste. Besonders
deutlich ist die Zweiheit der E. in der Neurose.
Der Begriff der E. hat mit dem Wundtschen Apperceptionsbegriff eine
gewisse Verwandtschaft, jedoch mit dem Unterschied, dass der Begriff der
Apperception den Vorgang der Beziehung des bereitgestellten Inhaltes zum
neuen, zu appercipierenden Inhalt in sich fasst, während der Begriff der E.
sich ausschliesslich auf den subjektiv bereitgestellten Inhalt bezieht. Die
Apperception ist gewissermassen die Brücke, die den bereits vorhandenen
und bereitgestellten Inhalt mit dem neuen Inhalt verbindet, während die E.
gewissermassen das Widerlager der Brücke auf dem einen Ufer, der neue
Inhalt aber das Widerlager auf dem andern Ufer darstellt. E. bedeutet eine
Erwartung, und Erwartung wirkt immer auswählend und Richtung gebend.
Ein starkbetonter, im Blickfeld des Bewusstseins befindlicher Inhalt bildet
(event. mit andern Inhalten zusammen) eine gewisse Konstellation, welche
gleichbedeutend mit einer bestimmten E. ist, denn ein solcher
Bewusstseinsinhalt fördert die Wahrnehmung und Apperception alles
Gleichartigen und hemmt die alles Ungleichartigen. Er erzeugt die ihm
entsprechende E. Dieses automatische Phänomen ist ein wesentlicher Grund
zur Einseitigkeit der bewussten Orientierung. Es würde zu einem völligen
Gleichgewichtsverlust führen, wenn nicht eine selbstregulierende,
compensatorische (s. d.) Funktion in der Psyche bestünde, welche die
bewusste E. korrigiert. In diesem Sinn ist die Zweiheit der E. also ein
normales Phänomen, das nur dann störend in Erscheinung tritt, wenn die
bewusste Einseitigkeit excessiv ist. Die E. kann, als gewöhnliche
Aufmerksamkeit eine relativ unbedeutende Teilerscheinung sein, oder auch
ein die ganze Psyche bestimmendes allgemeines Prinzip. Aus Gründen der
Disposition oder der Milieubeeinflussung oder der Erziehung oder der
allgemeinen Lebenserfahrung oder der Überzeugung kann habituell eine
Inhaltskonstellation vorhanden sein, welche beständig und oft bis ins
allerkleinste eine gewisse E. erzeugt. Jemand, der das Unlustvolle des

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Lebens besonders tief empfindet, wird naturgemäss eine E. haben, welche
stets das Unlustvolle erwartet. Diese excessive bewusste E. ist durch
unbewusste Einstellung auf Lust compensiert. Der Unterdrückte hat eine
bewusste E. auf Unterdrückendes, er wählt in der Erfahrung dieses Moment
aus, er wittert es überall, seine unbewusste E. geht daher auf Macht und
Überlegenheit.
Je nach der Art der habituellen E. ist die gesamte Psychologie des
Individuums auch in den Grundzügen verschieden orientiert. Obschon die
allgemeinen psychologischen Gesetze in jedem Individuum Geltung haben,
so sind sie für das einzelne Individuum doch nicht charakteristisch, denn
die Art ihres Wirkens ist ganz verschieden je nach der Art der allgemeinen
E. Die allgemeine E. ist immer ein Resultat aller Faktoren, welche die
Psyche wesentlich zu beeinflussen vermögen, also der angebornen
Disposition, der Erziehung, der Milieueinflüsse, der Lebenserfahrungen, der
durch Differenzierung (s. d.) gewonnenen Einsichten und Überzeugungen,
der Collektivvorstellungen etc. Ohne die durchaus fundamentale Bedeutung
der E. wäre die Existenz einer individuellen Psychologie ausgeschlossen.
Die allgemeine E. aber bewirkt dermassen grosse Kräfteverschiebungen
und Beziehungsveränderungen der einzelnen Funktionen unter sich, dass
daraus Gesamtwirkungen resultieren, welche die Gültigkeit allgemeiner
psychologischer Gesetze öfters in Frage stellen. Obschon z. B. ein gewisses
Mass an Betätigung der Sexualfunktion aus physiologischen und
psychologischen Gründen als unerlässlich gilt, so gibt es dennoch
Individuen, welche ohne Einbusse, d. h. ohne pathologische Erscheinungen
und ohne irgendwie nachweisbare Einschränkung der Leistungsfähigkeit
ihrer in hohem Masse entraten, während in andern Fällen schon
geringfügige Störungen auf diesem Gebiet ganz beträchtliche allgemeine
Folgen nach sich ziehen können. Wie gewaltig die individuellen
Verschiedenheiten sind, sieht man vielleicht am besten in der Lust-
Unlustfrage. Hier versagen sozusagen alle Regeln. Was gibt es schliesslich,
das dem Menschen nicht gelegentlich Lust, und was, das ihm nicht
gelegentlich Unlust verursachte? Jeder Trieb, jede Funktion kann der
andern sich unterordnen und ihr Gefolgschaft leisten. Der Ich- oder
Machttrieb kann sich die Sexualität dienstbar machen, oder die Sexualität
benützt das Ich. Das Denken überwuchert alles andere, oder das Fühlen
verschluckt das Denken und das Empfinden, alles je nach der E.

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Im Grunde genommen ist die E. ein individuelles Phänomen und
entzieht sich der wissenschaftlichen Betrachtungsweise. In der Erfahrung
jedoch lassen sich gewisse E.-typen unterscheiden, insofern sich auch
gewisse psychische Funktionen unterscheiden lassen. Wenn eine Funktion
habituell überwiegt, so entsteht dadurch eine typische E. Je nach der Art der
differenzierten Funktion ergeben sich Inhaltskonstellationen, welche eine
entsprechende E. erzeugen. So gibt es eine typische E. des Denkenden, des
Fühlenden, des Empfindenden und des Intuierenden. Ausser diesen rein
psychologischen E.-typen, deren Zahl sich vielleicht noch vermehren lässt,
gibt es auch soziale Typen, nämlich solche, denen eine Collektivvorstellung
den Stempel aufdrückt. Sie sind charakterisiert durch die verschiedenen -
ismen. Diese collektiv bedingten E. sind jedenfalls sehr wichtig, in
gewissen Fällen den rein individuellen E. an Bedeutung sogar überlegen.
18. Enantiodromie. E. heisst „Entgegenlaufen“. Mit diesem Begriff
wird in der Philosophie des Heraklit[348] das Gegensatzspiel des
Geschehens bezeichnet, nämlich die Anschauung, nach der Alles, was ist, in
sein Gegenteil übergeht. „Aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten
Lebendiges, aus dem Jungen Altes, und aus dem Alten Junges, aus dem
Wachen Schlafendes und aus dem Schlafenden Waches, der Strom des
Erzeugens und des Untergangs steht nie stille.“[349] „Denn Aufbau und
Zerstörung, Zerstörung und Aufbau, dies ist die Norm, welche alle Kreise
des Naturlebens, die kleinsten, wie die grössten, einspannt. Soll doch auch
der Kosmos selbst, gleichwie er aus dem Urfeuer hervorgegangen ist,
wieder in dasselbe zurückkehren — ein Doppelprozess, der sich in
bemessenen Fristen, wenn dies gleich ungeheure Zeiträume sind, abspielt
und immer von neuem abspielen wird.“[350] Dies ist die E. des Heraklit
nach den Worten berufener Interpreten. Reichlich sind die Aussprüche aus
dem Munde Heraklits, welche dieser Ansicht Ausdruck verleihen. So sagt
er: „Auch die Natur strebt wohl nach dem Entgegengesetzten und bringt
hieraus und nicht aus dem Gleichen den Einklang hervor.“
„Wann sie geboren sind, schicken sie sich an zu leben und dadurch den
Tod zu erleiden.“
„Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod,
zur Erde zu werden. Aus der Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“

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„Umsatz findet wechselweise statt, des Alls gegen das Feuer, und des
Feuers gegen das All, wie des Goldes gegen Waren und der Waren gegen
Gold.“
In psychologischer Anwendung seines Prinzips sagt Heraklit: „Möge es
euch nie an Reichtum fehlen, Ephesier, damit eure Verlotterung an den Tag
kommen kann.“[351]
Mit E. bezeichne ich das Hervortreten des unbewussten Gegensatzes,
namentlich in der zeitlichen Folge. Dieses charakteristische Phänomen
findet beinahe überall da statt, wo eine extrem einseitige Richtung das
bewusste Leben, beherrscht, sodass sich in der Zeit eine ebenso starke,
unbewusste Gegenposition ausbildet, welche sich zunächst durch
Hemmung der bewussten Leistung, später durch Unterbrechung der
bewussten Richtung äussert. Ein gutes Beispiel für E. ist die Psychologie
des Paulus und seiner Bekehrung zum Christentum, ebenso die
Bekehrungsgeschichte des Raimundus Lullus, die Christusidentifikation des
erkrankten Nietzsche, seine Verhimmelung Wagners und die spätere
Gegnerschaft zu Wagner, die Verwandlung Swedenborgs aus dem Gelehrten
in den Seher usw.
19. Emotion: s. Affekt.
20. Empfindung. E. ist nach meiner Auffassung eine der
psychologischen Grundfunktionen (s. Funktion). Wundt rechnet die E.
ebenfalls zu den psychischen Elementarphänomenen.[352]
Die E. oder das Empfinden ist diejenige psychologische Funktion,
welche einen physischen Reiz der Wahrnehmung vermittelt. E. ist daher
identisch mit Perception. E. ist streng zu unterscheiden von Gefühl, indem
das Gefühl ein ganz anderer Vorgang ist, der sich z. B. als „Gefühlston“ der
E. hinzugesellen kann. Die E. bezieht sich nicht nur auf den äussern
physischen Reiz, sondern auch auf den innern, d. h. auf die Veränderungen
der innern Organe. Die E. ist daher in erster Linie Sinnesempfindung, d. h.
Perception vermittelst der Sinnesorgane und des „Körpersinnes“
(kinästhetische, vasomotorische etc. E.). Sie ist einerseits ein Element des
Vorstellens, indem sie dem Vorstellen das Perceptionsbild des äussern
Objektes vermittelt, andererseits ein Element des Gefühls, indem sie durch
die Perception der Körperveränderung dem Gefühl den Affektcharakter
verleiht (s. Affekt). Indem die E. dem Bewusstsein die

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Körperveränderungen vermittelt, so repräsentiert sie auch die
physiologischen Triebe. Sie ist nicht damit identisch, indem sie eine bloss
perceptive Funktion ist.
Es ist zu unterscheiden zwischen sinnlicher oder concreter und
abstrakter E. Erstere begreift die oben besprochenen Formen unter sich.
Letztere aber bezeichnet eine abgezogene, d. h. von andern
psychologischen Elementen gesonderte Art der E. Die concrete E. tritt
nämlich nie „rein“ auf, sondern ist immer mit Vorstellungen, Gefühlen und
Gedanken vermengt. Die abstrakte E. dagegen stellt eine differenzierte Art
der Perception dar, welche als „ästhetisch“ bezeichnet werden dürfte,
insofern sie ihrem eigenen Prinzipe folgend von allen Beimengungen der
Unterschiede des percipierten Objektes sowohl, wie von subjektiven
Beimengungen von Gefühl und Gedanken sich sondert und sich dadurch zu
einem Reinheitsgrade erhebt, welcher der concreten E. niemals zukommt.
Die concrete E. einer Blume z. B. vermittelt nicht nur die Wahrnehmung der
Blume selbst, sondern auch des Stengels, der Blätter, des Standortes, usw.
Sie vermengt sich auch sofort mit den durch den Anblick erregten Lust oder
Unlustgefühlen oder mit den gleichzeitig erregten Geruchsperceptionen
oder mit Gedanken, z. B. über ihre botanische Klassifikation. Die abstrakte
E. dagegen erhebt sofort das hervorstechende sinnliche Merkmal der
Blume, z. B. ihre leuchtend rote Farbe zum alleinigen oder hauptsächlichen
Inhalt des Bewusstseins, abgesondert von allen angedeuteten
Beimengungen. Die abstrakte E. eignet hauptsächlich dem Künstler. Sie ist,
wie jede Abstraktion, ein Produkt der Funktionsdifferenzierung, daher
nichts Ursprüngliches. Die ursprüngliche Funktionsform ist immer concret,
d. h. vermischt (s. Archaïsmus und Concretismus). Die concrete E. ist als
solche ein reaktives Phänomen. Die abstrakte E. dagegen entbehrt, wie jede
Abstraktion, niemals des Willens, d. h. des Richtungselementes. Der auf
Abstraktion der E. gerichtete Wille ist der Ausdruck und die Betätigung der
ästhetischen Empfindungseinstellung.
Die E. charakterisiert sehr stark das Wesen des Kindes und des
Primitiven, insofern sie jedenfalls gegenüber dem Denken und Fühlen
überwiegt, nicht aber notwendigerweise gegenüber der Intuition. Ich fasse
die E. nämlich als die bewusste Perception auf, die Intuition aber als die
unbewusste Perception. E. und Intuition stellen für mich ein Gegensatzpaar
dar oder zwei einander compensierende Funktionen, wie Denken und

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Fühlen. Die Denk- und Fühlfunktion als selbständige Funktionen
entwickeln sich ontogenetisch wie phylogenetisch aus der E. (Natürlich
ebenso aus der Intuition, als dem notwendigen Gegenstück der E.)
Die E. ist, insofern sie ein Elementarphänomen ist, etwas schlechthin
Gegebenes, das den Vernunftgesetzen nicht unterworfen ist, im Gegensatz
zu Denken und Fühlen. Ich bezeichne daher das E. als irrationale (s. d.)
Funktion, obschon es dem Verstande gelingt, eine grosse Zahl von E. in
rationale Zusammenhänge aufzunehmen.
Ein Mensch, der seine Gesamteinstellung nach dem Prinzip des E.
orientiert, gehört zum Empfindungstypus (s. Typen).
Normale E. sind verhältnismässig, d. h. sie entsprechen
schätzungsweise der Intensität des physischen Reizes. Pathologische E. sind
unverhältnismässig, d. h. abnorm schwach oder abnorm stark; in ersterm
Fall sind sie gehemmt, in letzterm Fall übertrieben. Die Hemmung entsteht
durch das Vorwiegen einer andern Funktion, die Übertreibung durch ein
abnormes Verschmolzensein mit einer andern Funktion, z. B. durch ein
Verschmolzensein mit einer noch undifferenzierten Fühl- oder
Denkfunktion. Die Übertreibung der E. hört in diesem Fall auf, sobald die
mit der E. verschmolzene Funktion für sich heraus differenziert ist.
Besonders einleuchtende Beispiele liefert die Neurosenpsychologie, wo
sehr oft eine starke Sexualisierung (Freud) anderer Funktionen vorliegt,
d. h. also ein Verschmolzensein der Sexualempfindung mit andern
Funktionen.
21. Extraversion. E. heisst Auswärtswendung der Libido (s. d.). Mit
diesem Begriff bezeichne ich eine offenkundige Beziehung des Subjektes
auf das Objekt im Sinne einer positiven Bewegung des subjektiven
Interesses zum Objekt. Jemand, der sich in einem extravertierten Zustande
befindet, denkt, fühlt und handelt in Bezug auf das Objekt und zwar in einer
direkten und äusserlich deutlich wahrnehmbaren Weise, sodass kein Zweifel
über seine positive Einstellung auf das Objekt bestehen kann. Die E. ist
daher gewissermassen eine Hinausverlegung des Interesses aus dem
Subjekt auf das Objekt. Ist die E. intellektuell, so denkt sich das Subjekt in
das Objekt ein; ist die E. gefühlsmässig, so fühlt sich das Subjekt in das
Objekt ein. Es ist im Zustande der E. eine starke, wenn auch nicht
ausschliessliche Bedingtheit durch das Objekt vorhanden. Es ist von einer

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aktiven E. zu sprechen, wenn die E. absichtlich gewollt ist, und von einer
passiven E., wenn das Objekt die E. erzwingt, d. h. von sich aus das
Interesse des Subjektes anzieht, eventuell entgegen der Absicht des
Subjektes.
Ist der Zustand der E. habituell, so entsteht daraus der extravertierte
Typus (s. Typus).
22. Fühlen. Ich rechne das F. zu den vier psychologischen
Grundfunktionen. Ich kann mich jener psychologischen Richtung, welche
das F. als eine sekundäre, von „Vorstellungen“ oder Empfindungen
abhängige Erscheinung auffassen, nicht anschliessen, sondern sehe das F.
mit Höffding, Wundt, Lehmann, Külpe, Baldwin und andern als eine
selbständige Funktion sui generis an.[353] Das Gefühl ist zunächst ein
Vorgang, der zwischen dem Ich und einem gegebenen Inhalt stattfindet, und
zwar ein Vorgang, welcher dem Inhalt einen bestimmten Wert im Sinne des
Annehmens oder Zurückweisens („Lust“ oder „Unlust“) erteilt, sodann aber
auch ein Vorgang, der, abgesehen vom momentanen Bewusstseinsinhalt
oder von momentanen Empfindungen sozusagen isoliert als „Stimmung“
auftreten kann. Dieser letztere Vorgang kann sich auf frühere
Bewusstseinsinhalte causal beziehen, braucht es aber nicht
notwendigerweise, indem er ebenso gut auch aus unbewussten Inhalten
hervorgehen kann, wie die Psychopathologie reichlich beweist. Aber auch
die Stimmung, sei sie nun allgemein, oder bloss als partielles F. gegeben,
bedeutet eine Bewertung, aber nicht die eines bestimmten, einzelnen
Bewusstseinsinhaltes, sondern der ganzen momentanen Bewusstseinslage
und zwar wiederum im Sinne des Annehmens oder Zurückweisens. Das F.
ist daher zunächst ein gänzlich subjektiver Vorgang, der in jeder Hinsicht
vom äussern Reiz unabhängig sein kann, obschon er sich jeder Empfindung
hinzugesellt.[354] Sogar eine „gleichgültige“ Empfindung hat einen
„Gefühlston“, nämlich den der Gleichgültigkeit, womit wiederum eine
Bewertung ausgedrückt ist. Das F. ist daher auch eine Art des Urteilens, das
aber insofern vom intellektuellen Urteil verschieden ist, als es nicht in
Absicht der Herstellung eines begrifflichen Zusammenhanges, sondern in
Absicht eines zunächst subjektiven Annehmens oder Zurückweisens erfolgt.
Die Bewertung durch das F. erstreckt sich auf jeden Bewusstseinsinhalt,
von was für einer Art er immer sein mag. Steigert sich die Intensität des F.,
so entsteht ein Affekt (s. Affekt), welcher ein Gefühlszustand ist mit

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merklichen Körperinnervationen. Das Gefühl unterscheidet sich dadurch
vom Affekt, dass es keine merklichen Körperinnervationen veranlasst, d. h.
so wenig oder so viel wie ein gewöhnlicher Denkvorgang. Das
gewöhnliche, „einfache“ F. ist concret (s. d.), d. h. vermischt mit andern
Funktionselementen, z. B. sehr häufig mit Empfindungen. Man kann es in
diesem besondern Fall als affektiv bezeichnen, oder (wie es z. B. in dieser
Arbeit geschieht) als Gefühlsempfindung, worunter eine zunächst
untrennbare Verschmelzung des F. mit Empfindungselementen verstanden
ist. Diese charakteristische Vermischung findet sich überall da, wo das F.
sich als nicht differenzierte Funktion erweist, am deutlichsten in der Psyche
eines Neurotikers mit differenziertem Denken. Obschon das F. eine an sich
selbständige Funktion ist, so kann sie doch in die Abhängigkeit von einer
andern Funktion geraten, z. B. vom Denken, wodurch ein F. entsteht, das
sich zum Denken begleitend verhält und nur insofern nicht aus dem
Bewusstsein verdrängt wird, als es in die intellektuellen Zusammenhänge
passt. Vom gewöhnlichen concreten F. ist das abstrakte F. zu unterscheiden.
Wie der abstrakte Begriff (s. Denken) die Unterschiede der von ihm
begriffenen Dinge wegfallen lässt, so erhebt sich das abstrakte F. über die
Unterschiede der einzelnen von ihm bewerteten Inhalte und stellt eine
„Stimmung“ oder Gefühlslage her, welche die verschiedenen
Einzelbewertungen in sich begreift und damit aufhebt. So wie das Denken
die Bewusstseinsinhalte unter Begriffen anordnet, so ordnet das F. die
Bewusstseinsinhalte nach ihrem Werte an. Je concreter das F. ist, desto
subjektiver und persönlicher ist der von ihm erteilte Wert, je abstrakter
dagegen das F., desto allgemeiner und objektiver ist der von ihm erteilte
Wert. So wie ein vollkommen abstrakter Begriff nicht mehr die Einzelheit
und Besonderheit der Dinge deckt, sondern nur ihre Allgemeinheit und
Ununterschiedenheit, so deckt sich auch das vollkommen abstrakte F. mit
dem Einzelmoment und seiner Gefühlsqualität nicht mehr, sondern nur mit
der Gesamtheit aller Momente und ihrer Ununterschiedenheit. Das F. ist
demnach wie das Denken eine rationale Funktion, indem, wie die
Erfahrung zeigt, die Werte im allgemeinen nach Gesetzen der Vernunft
zuerteilt werden, so wie auch Begriffe im allgemeinen nach Gesetzen der
Vernunft gebildet werden.
Mit den obigen Definitionen ist natürlich das Wesen des F. gar nicht
charakterisiert, sondern das F. ist damit nur äusserlich umschrieben. Das
intellektuelle Begriffsvermögen erweist sich als unfähig, das Wesen des F.

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in einer begrifflichen Sprache zu formulieren, da das Denken einer dem F.
inkommensurabeln Kategorie angehört, wie überhaupt keine
psychologische Grundfunktion sich durch eine andere völlig ausdrücken
lässt. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass keine intellektuelle
Definition jemals in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in
einem irgend genügenden Masse wiederzugeben. Damit, dass die Gefühle
klassifiziert werden, ist für die Erfassung ihres Wesens nichts gewonnen,
denn auch die genaueste Klassifikation wird immer nur jenen intellektuell
fassbaren Inhalt angeben können, an welchem oder mit welchem
verbunden, Gefühle auftreten, ohne aber das Spezifische des Gefühls damit
erfasst zu haben. So viele verschiedene und intellektuell erfassbare
Inhaltsklassen es gibt, so viele Gefühle lassen sich unterscheiden, ohne dass
damit aber die Gefühle selber erschöpfend klassifiziert wären, denn es gibt
über alle möglichen intellektuell erfassbaren Klassen von Inhalten hinaus
noch Gefühle, welche sich einer intellektuellen Rubrizierung entziehen.
Schon der Gedanke einer Klassifizierung ist intellektuell und darum dem
Wesen des Gefühls incommensurabel. Wir müssen uns daher damit
begnügen, die Grenzen des Begriffes anzugeben.
Die Art der Bewertung durch das F. ist der intellektuellen Apperception
zu vergleichen, als eine Apperception des Wertes. Es lässt sich eine aktive
und eine passive Gefühlsapperception unterscheiden. Der passive Fühlakt
ist dadurch charakterisiert, dass ein Inhalt das Gefühl erregt oder anzieht, er
erzwingt die Gefühlsbeteiligung des Subjektes. Der aktive Fühlakt dagegen
erteilt vom Subjekt aus Werte, er bewertet die Inhalte nach Intention, und
zwar nach gefühlsmässiger und nicht intellektueller Intention. Das aktive F.
ist daher eine gerichtete Funktion, eine Willenshandlung, z. B. Lieben im
Gegensatz zu Verliebtsein, welch letzterer Zustand ein nichtgerichtetes,
passives F. wäre, wie auch schon der Sprachgebrauch zeigt, indem er
ersteres als Tätigkeit, letzteres als Zustand bezeichnet. Das nichtgerichtete
F. ist Gefühlsintuition. In strengerem Sinne darf also nur das aktive,
gerichtete F. als rational bezeichnet werden, dagegen ist das passive F.
irrational, insofern es Werte herstellt ohne Zutun, eventuell sogar gegen die
Absicht des Subjektes.
Orientiert sich die Gesamteinstellung des Individuums nach der
Funktion des F., so sprechen wir von einem Fühltypus (s. Typen).

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23. Funktion. Unter psychologischer F. verstehe ich eine gewisse, unter
verschiedenen Umständen sich prinzipiell gleichbleibende psychische
Tätigkeitsform. Energetisch betrachtet ist die F. eine Erscheinungsform der
Libido (s. d.), die unter verschiedenen Umständen sich prinzipiell
gleichbleibt, etwa in ähnlicher Weise, wie die physikalische Kraft als die
jeweilige Erscheinungsform der physikalischen Energie betrachtet werden
kann. Ich unterscheide im ganzen vier Grundfunktionen, zwei rationale und
zwei irrationale F., nämlich Denken und Fühlen, Empfinden und Intuieren.
Warum ich gerade die vier F. als Grundfunktionen anspreche, dafür kann
ich keinen Grund a priori angeben, sondern nur hervorheben, dass sich mir
diese Auffassung im Laufe jahrelanger Erfahrung herausgebildet hat. Ich
unterscheide diese F. von einander, weil sie sich nicht auf einander
beziehen, resp. reduzieren lassen. Das Prinzip des Denkens z. B. ist vom
Prinzip des Fühlens absolut verschieden usw. Ich unterscheide diese F.
prinzipiell vom Phantasieren, weil mir das Phantasieren als eine
eigentümliche Tätigkeitsform erscheint, die sich in allen vier Grund-F.
zeigen kann. Der Wille erscheint mir als eine durchaus sekundäre
psychische Erscheinung, ebenso die Aufmerksamkeit.
24. Gedanke. G. ist der durch die Analyse des Denkens bestimmte
Inhalt oder Stoff der Denkfunktion (s. d.).
25. Gefühl. G. ist der durch die Analyse des Fühlens bestimmte Inhalt
oder Stoff der Fühlfunktion (s. d.).
26. Ich. Unter „Ich“ verstehe ich einen Komplex von Vorstellungen, der
mir das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ausmacht und mir von hoher
Kontinuität und Identität mit sich selber zu sein scheint. Ich spreche daher
auch von Ich-Komplex[355]. Der I.-Komplex ist ein Inhalt des Bewusstseins
sowohl, wie eine Bedingung des Bewusstseins (s. d.), denn bewusst ist mir
ein psychisches Element, insofern es auf den I.-Komplex bezogen ist.
Insofern aber das I. nur das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ist, ist es
nicht identisch mit dem Ganzen meiner Psyche, sondern bloss ein Komplex
unter andern Komplexen. Ich unterscheide daher zwischen Ich und Selbst,
insofern das I. nur das Subjekt meines Bewusstseins, das Selbst aber das
Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist. In diesem
Sinne wäre das Selbst eine (ideelle) Grösse, die das I. in sich begreift. Das
Selbst erscheint in der unbewussten Phantasie gerne als übergeordnete oder
ideale Persönlichkeit, etwa wie Faust bei Goethe und Zarathustra bei

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Nietzsche. Um der Idealität willen wurden die archaïschen Züge des Selbst
auch etwa als vom „höhern“ Selbst getrennt dargestellt, bei Goethe in
Gestalt des Mephisto, bei Spitteler in Gestalt des Epimetheus, in der
christlichen Psychologie als Christus und der Teufel oder Antichrist, bei
Nietzsche entdeckt Zarathustra seinen Schatten im „hässlichsten
Menschen“.
27. Idee. Ich gebrauche in dieser Arbeit bisweilen den Begriff der I., um
damit ein gewisses psychologisches Element zu bezeichnen, welches eine
nahe Beziehung hat zu dem, was ich Bild (s. d.) nenne. Das Bild kann
persönlicher oder unpersönlicher Provenienz sein. In letzterm Fall ist es
collektiv und durch mythologische Qualitäten ausgezeichnet. Ich bezeichne
es dann als urtümliches Bild. Hat es dagegen keinen mythologischen
Charakter, d. h. fehlen ihm die anschaulichen Qualitäten und ist es bloss
collektiv, dann spreche ich von einer I. Ich gebrauche demnach I. als einen
Ausdruck für den Sinn eines urtümlichen Bildes, welcher von dem
Concretismus des Bildes abgezogen, abstrahiert, wurde. Insofern die I. eine
Abstraktion ist, erscheint sie als etwas aus Elementarerem Abgeleitetes oder
Entwickeltes, als ein Produkt des Denkens. In diesem Sinne eines
Sekundären und Abgeleiteten wird die I. von Wundt[356] und andern
aufgefasst. Insofern aber die I. nichts anderes ist, als der formulierte Sinn
eines urtümlichen Bildes, in welchem er schon symbolisch dargestellt war,
ist das Wesen der I. nichts Abgeleitetes oder Hervorgebrachtes, sondern,
psychologisch betrachtet, a priori vorhanden, als eine gegebene Möglichkeit
von Gedankenverbindungen überhaupt. Daher ist die I. dem Wesen (nicht
der Formulierung) nach eine a priori existierende und bedingende
psychologische Grösse. In diesem Sinn ist die Idee bei Platon ein Urbild
der Dinge, bei Kant das „Urbild des Gebrauchs des Verstandes“, ein
transscendenter Begriff, der als solcher die Grenze der Erfahrbarkeit
überschreitet[357], ein Vernunftbegriff, „dessen Gegenstand gar nicht in der
Erfahrung kann angetroffen werden“.[358] Kant sagt: „Ob wir nun gleich
von den transscendentalen Vernunftbegriffen sagen müssen: sie sind nur
Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für überflüssig und nichtig
anzusehen haben. Denn wenn schon dadurch kein Objekt bestimmt werden
kann, so können sie doch im Grunde und unbemerkt dem Verstande zum
Kanon seines ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er
zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er nach seinen Begriffen
erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet

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wird. Zu geschweigen: dass sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den
praktischen einen Übergang möglich machen und den moralischen Ideen
selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang mit den spekulativen
Erkenntnissen der Vernunft verschaffen können.“[359]
Schopenhauer sagt: „Ich verstehe also unter Idee jede bestimmte und
feste Stufe der Objektivation des Willens, sofern er Ding an sich und daher
der Vielheit fremd ist, welche Stufen sich zu den einzelnen Dingen
allerdings verhalten, wie ihre ewigen Formen oder ihre Musterbilder.“[360]
Bei Schopenhauer ist die Idee allerdings anschaulich, weil er sie ganz im
Sinne dessen auffasst, was ich als urtümliches Bild bezeichne, immerhin ist
sie für das Individuum unerkennbar, sie offenbart sich nur dem „reinen
Subjekt des Erkennens“, das sich über Wollen und Individualität erhoben
hat.[361]
Hegel hypostasiert die I. völlig und verleiht ihr das Attribut des allein
realen Seins. Sie ist „der Begriff, die Realität des Begriffes und die Einheit
beider“.[362] Sie ist „ewiges Erzeugen“.[363]
Bei Lasswitz ist die I. ein „Gesetz, welches die Richtung anweist, in der
unsere Erfahrung sich entwickeln soll“. Sie ist die „sicherste und höchste
Realität“.[364]
Bei Cohen ist die I. das „Selbstbewusstsein des Begriffes“, die
„Grundlegung“ des Seins.[365]
Ich will die Zeugnisse für die primäre Natur der I. nicht vermehren. Die
Anführungen mögen genügen, um darzutun, dass die I. auch als eine
grundlegende, a priori vorhandene Grösse aufgefasst wird. Diese letztere
Qualität hat sie von ihrer Vorstufe, dem urtümlichen, symbolischen Bild
(s. d.). Ihre sekundäre Natur des Abstrakten und Abgeleiteten hat sie von
der rationalen Bearbeitung, welcher das urtümliche Bild unterworfen wird,
um es für den rationalen Gebrauch geschickt zu machen. Indem das
urtümliche Bild eine stets und überall autochthon wiedererstehende
psychologische Grösse ist, so kann in einem gewissen Sinne dasselbe auch
von der I. gesagt werden, jedoch unterliegt sie, ihrer rationalen Natur
wegen, weit mehr der Veränderung durch die durch Zeit und Umstände
stark beeinflusste rationale Bearbeitung, die ihr Formulierungen gibt,
welche dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. Wegen ihrer Abstammung
vom urtümlichen Bild sprechen ihr einige Philosophen transscendente

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Qualität zu, was eigentlich der I. wie ich sie fasse, nicht zukommt, sondern
vielmehr dem urtümlichen Bilde, dem die Qualität der Zeitlosigkeit
anhaftet, indem es von jeher und überall als integrierender Bestandteil dem
menschlichen Geiste mitgegeben ist. Ihre Qualität der Selbständigkeit
bezieht sie ebenfalls vom urtümlichen Bild, das nie gemacht, sondern stets
vorhanden ist und aus sich in die Wahrnehmung tritt, sodass man auch
sagen könnte, dass es von sich aus nach seiner Verwirklichung strebe,
indem es vom Geiste als aktiv bestimmende Potenz empfunden wird. Diese
Anschauung ist allerdings nicht allgemein, sondern ist vermutlich
Angelegenheit der Einstellung. (S. Kap. VII.)
Die I. ist eine psychologische Grösse, die nicht nur das Denken, sondern
auch als praktische Idee das Fühlen bestimmt. Ich gebrauche den Terminus
I. allerdings meist nur dann, wenn ich von der Bestimmung des Denkens
beim Denkenden rede; ebenso würde ich von I. sprechen bei der
Bestimmung des Fühlens beim Fühlenden. Hingegen ist es terminologisch
am Platze, von der Bestimmung durch das urtümliche Bild zu reden, wenn
es sich um die a priorische Bestimmung einer nicht-differenzierten
Funktion handelt. Die Doppelnatur der I. als etwas Primärem und zugleich
Sekundärem bringt es mit sich, dass der Ausdruck gelegentlich promiscuë
mit „urtümlichem Bild“ gebraucht wird. Die I. ist für die introvertierte
Einstellung das primum movens, für die extravertierte Einstellung ein
Produkt.
28. Identifikation. Unter I. ist ein psychologischer Vorgang verstanden,
bei dem die Persönlichkeit teilweise oder total von sich selbst dissimiliert
(s. Assimilation) wird. I. ist eine Entfremdung des Subjektes von sich selber
zu Gunsten eines Objektes, in das sich das Subjekt gewissermassen
verkleidet. I. mit dem Vater z. B. bedeutet praktisch eine Adoption der Art
und Weise des Vaters, wie wenn der Sohn dem Vater gleich wäre und nicht
eine vom Vater verschiedene Individualität. I. unterscheidet sich von
Imitation dadurch, dass die I. eine unbewusste Imitation ist, während
Imitation ein bewusstes Nachahmen ist. Die Imitation ist ein unerlässliches
Hilfsmittel für die sich noch entwickelnde jugendliche Persönlichkeit. Sie
wirkt fördernd, solange sie nicht als Mittel blosser Bequemlichkeit dient
und damit die Entwicklung einer passenden individuellen Methode
verhindert. Ebenso kann die I. fördernd sein, solange der individuelle Weg
noch nicht gangbar ist. Eröffnet sich aber eine bessere individuelle

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Möglichkeit, so beweist die I. ihren pathologischen Charakter dadurch, dass
sie nunmehr ebenso hinderlich ist, wie sie vorher unbewusst tragend und
fördernd war. Sie wirkt dann dissociierend, indem das Subjekt durch sie in
zwei einander fremde Persönlichkeitsteile zerspalten wird. Die I. bezieht
sich nicht immer auf Personen, sondern auch auf Sachen (z. B. auf eine
geistige Bewegung, ein Geschäft etc.) und auf psychologische Funktionen.
Letzterer Fall ist sogar besonders wichtig. (Vergl. Kap. II.) In diesem Fall
führt die I. zur Ausbildung eines sekundären Charakters und zwar dadurch,
dass sich das Individuum mit seiner am besten entwickelten Funktion
dermassen identifiziert, dass es sich von seiner ursprünglichen
Charakteranlage zum grossen Teil oder gänzlich entfernt, wodurch seine
eigentliche Individualität dem Unbewussten verfällt. Dieser Fall bildet fast
die Regel bei allen Menschen mit einer differenzierten Funktion. Er ist
sogar ein notwendiger Durchgangspunkt auf dem Wege der Individuation
überhaupt. Die I. mit den Eltern oder den nächsten Familienangehörigen ist
zum Teil eine normale Erscheinung, insofern sie zusammenfällt mit der a
priori bestehenden familiären Identität. In diesem Fall empfiehlt es sich,
nicht von I. zu reden, sondern, wie es der Sachlage entspricht, von Identität.
Die I. mit den Familienangehörigen unterscheidet sich nämlich dadurch von
der Identität, dass sie keine a priori gegebene Tatsache ist, sondern erst
sekundär entsteht durch folgenden Prozess: das aus der ursprünglichen
familiären Identität sich herausentwickelnde Individuum stösst in seinem
Anpassungs- und Entwicklungsprozess auf ein nicht ohne weiteres zu
bewältigendes Hindernis, infolgedessen entsteht eine Libidostauung,
welche allmählich einen regressiven Ausweg sucht. Durch die Regression
werden frühere Zustände wiederbelebt, u. a. die familiäre Identität. Diese
regressiv wiederbelebte, eigentlich schon fast überwundene Identität ist die
I. mit den Familienangehörigen. Alle I. mit Personen erfolgen auf diesem
Wege. Die I. verfolgt immer den Zweck, auf die Art und Weise des andern
einen Vorteil zu erreichen oder ein Hindernis zu beseitigen oder eine
Aufgabe zu lösen.
29. Identität. Von I. spreche ich im Falle eines psychologischen
Gleichseins. Die I. ist immer ein unbewusstes Phänomen, denn ein
bewusstes Gleichsein würde immer schon das Bewusstsein zweier Dinge,
die einander gleich sind, mithin also eine Trennung von Subjekt und Objekt
voraussetzen, wodurch das Phänomen der I. bereits aufgehoben wäre. Die
psychologische I. setzt ihr Unbewusstsein voraus. Sie ist ein

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Charakteristicum der primitiven Mentalität und die eigentliche Grundlage
der „participation mystique“, welche nämlich nichts anderes ist, als ein
Überbleibsel der uranfänglichen psychologischen Ununterschiedenheit von
Subjekt und Objekt, also des primordialen unbewussten Zustandes; sodann
ist sie ein Charakteristikum des früh-infantilen Geisteszustandes, und
schliesslich ist sie auch ein Charakteristikum des Unbewussten beim
erwachsenen Kulturmenschen, das, insofern es nicht zum
Bewusstseinsinhalt geworden ist, dauernd im Zustand der I. mit den
Objekten verharrt. Auf der I. mit den Eltern beruht die Identifikation (s. d.)
mit den Eltern; ebenso beruht auf ihr die Möglichkeit der Projektion und
der Introjektion (s. d.). Die I. ist in erster Linie ein unbewusstes Gleichsein
mit den Objekten. Sie ist keine Gleichsetzung, keine Identifikation, sondern
ein a priorisches Gleichsein, das überhaupt nie Gegenstand des
Bewusstseins war. Auf der I. beruht das naive Vorurteil, dass die
Psychologie des einen gleich sei der des andern, dass überall dieselben
Motive gälten, dass, was mir angenehm ist, selbstverständlich für den
andern auch ein Vergnügen sei, dass, was für mich unmoralisch ist, für den
andern auch unmoralisch sein müsse, etc. Auf I. beruht auch das allgemein
verbreitete Streben, am andern das verbessern zu wollen, was man bei sich
selber ändern sollte. Auf I. beruht ferner die Möglichkeit der Suggestion
und der psychischen Ansteckung. Besonders klar tritt die I. hervor in
pathologischen Fällen, z. B. im paranoischen Beziehungswahn, wo beim
andern selbstverständlich der eigene subjektive Inhalt vorausgesetzt wird.
Die I. ist aber auch die Möglichkeit eines bewussten Collektivismus, einer
bewussten sozialen Einstellung, die im Ideal der christlichen Nächstenliebe
ihren höchsten Ausdruck gefunden hat.
30. Individualität. Unter I. verstehe ich die Eigenart und Besonderheit
des Individuums in jeder psychologischen Hinsicht. Individuell ist alles,
was nicht collektiv ist, was also nur Einem zukommt und nicht einer
grössern Gruppe von Individuen. Von den psychologischen Elementen wird
sich kaum I. aussagen lassen, sondern wohl nur von ihrer eigenartigen und
einzigartigen Gruppierung und Kombination. (S. Individuum.)
31. Individuation. Der Begriff der I. spielt in unserer Psychologie keine
geringe Rolle. Die I. ist allgemein der Vorgang der Bildung und
Besonderung von Einzelwesen, speziell die Entwicklung des
psychologischen Individuums als eines vom allgemeinen, von der

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Collektivpsychologie unterschiedenen Wesens. Die I. ist daher ein
Differenzierungsprozess, der die Entwicklung der individuellen
Persönlichkeit zum Ziele hat. Die Notwendigkeit der I. ist insofern eine
natürliche, als eine Verhinderung der I. durch überwiegende oder gar
ausschliessliche Normierung an Collektivmasstäben eine Beeinträchtigung
der individuellen Lebenstätigkeit bedeutet. Die Individualität ist aber schon
physisch und physiologisch gegeben und drückt sich dementsprechend auch
psychologisch aus. Eine wesentliche Behinderung der Individualität
bedeutet daher eine künstliche Verkrüppelung. Es ist ohne weiteres klar,
dass eine soziale Gruppe, die aus verkrüppelten Individuen besteht, keine
gesunde und auf die Dauer lebensfähige Institution sein kann, denn nur
diejenige Societät, welche ihren innern Zusammenhang und ihre
Collektivwerte bei grösstmöglicher Freiheit des Einzelnen bewahren kann,
hat eine Anwartschaft auf dauerhafte Lebendigkeit. Da das Individuum
nicht nur Einzelwesen ist, sondern auch collektive Beziehung zu seiner
Existenz voraussetzt, so führt auch der Prozess der I. nicht in die
Vereinzelung, sondern in einen intensivern und allgemeinern
Collektivzusammenhang.
Der psychologische Vorgang der I. ist eng verknüpft mit der sogen.
transscendenten Funktion, indem durch diese Funktion die individuellen
Entwicklungslinien gegeben werden, welche auf dem durch
Collektivnormen vorgezeichneten Wege niemals erreicht werden können.
(s. Symbol.)
Die I. kann unter keinen Umständen das einzige Ziel der
psychologischen Erziehung sein. Bevor die I. zum Ziele genommen werden
kann, muss das Erziehungsziel der Anpassung an das zur Existenz
notwendige Minimum von Collektivnormen erreicht sein: eine Pflanze, die
zur grösstmöglichen Entfaltung ihrer Eigentümlichkeit gebracht werden
soll, muss zu allererst in dem Boden, in den sie gepflanzt ist, auch wachsen
können. Die I. befindet sich immer mehr oder weniger im Gegensatz zur
Collektivnorm, denn sie ist Abscheidung und Differenzierung vom
Allgemeinen und Herausbildung des Besondern, jedoch nicht einer
gesuchten Besonderheit, sondern einer Besonderheit, die a priori schon in
der Anlage begründet ist. Der Gegensatz zur Collektivnorm ist aber nur ein
scheinbarer, indem bei genauerer Betrachtung der individuelle Standpunkt
nicht gegensätzlich zur Collektivnorm, sondern nur anders orientiert ist.

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Der individuelle Weg kann auch gar nicht eigentlich ein Gegensatz zur
Collektivnorm sein, weil der Gegensatz zu letzterer nur eine
entgegengesetzte Norm sein könnte. Der individuelle Weg ist aber eben
niemals eine Norm. Eine Norm entsteht aus der Gesamtheit individueller
Wege und hat nur dann eine Existenzberechtigung und eine lebenfördernde
Wirkung, wenn individuelle Wege, die sich von Zeit zu Zeit an einer Norm
orientieren wollen, überhaupt vorhanden sind. Eine Norm dient zu nichts,
wenn sie absolute Geltung hat. Ein wirklicher Konflikt mit der
Collektivnorm entsteht nur dann, wenn ein individueller Weg zur Norm
erhoben wird, was die eigentliche Absicht des extremen Individualismus ist.
Diese Absicht ist natürlich pathologisch und durchaus lebenswidrig. Sie hat
demgemäss nichts mit I. zu tun, welch letztere zwar den individuellen
Nebenweg einschlägt, eben deshalb auch die Norm braucht zur
Orientierung der Gesellschaft gegenüber und zur Herstellung des
lebensnotwendigen Zusammenhanges der Individuen in der Societät. Die I.
führt daher zu einer natürlichen Wertschätzung der Collektivnormen,
während einer ausschliesslich collektiven Lebensorientierung die Norm in
zunehmendem Masse überflüssig wird, wodurch die eigentliche Moralität
zu Grunde geht. Je stärker die collektive Normierung des Menschen, desto
grösser ist seine individuelle Immoralität. Die I. fällt zusammen mit der
Entwicklung des Bewusstseins aus dem ursprünglichen Identitätszustand (s.
Identität). Die I. bedeutet daher eine Erweiterung der Sphäre des
Bewusstseins und des bewussten psychologischen Lebens.
32. Individuum. I. ist Einzelwesen; das psychologische I. ist
charakterisiert durch seine eigenartige und in gewisser Hinsicht einmalige
Psychologie. Die Eigenart der individuellen Psyche erscheint weniger an
ihren Elementen als vielmehr an ihren komplexen Gebilden. Das
(psychologische) I. oder die psychologische Individualität existiert
unbewusst a priori, bewusst aber nur in soweit, als ein Bewusstsein der
Eigenart vorhanden ist, d. h. insoweit eine bewusste Verschiedenheit von
andern I. vorhanden ist. Mit der physischen ist auch die psychische
Individualität als Korrelat gegeben, jedoch, wie gesagt, zunächst
unbewusst. Es bedarf eines bewussten Differenzierungsprozesses, der
Individuation (s. d.), um die Individualität bewusst zu machen, d. h. sie aus
der Identität mit dem Objekt herauszuheben. Die Identität der Individualität
mit dem Objekt ist gleichbedeutend mit ihrem Unbewusstsein. Ist die
Individualität unbewusst, so ist kein psychologisches I. vorhanden, sondern

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bloss eine Collektivpsychologie des Bewusstseins. In diesem Fall erscheint
die unbewusste Individualität als identisch mit dem Objekt, projiziert auf
das Objekt. Das Objekt hat infolgedessen einen zu grossen Wert und wirkt
zu stark determinierend.
33. Intellekt. I. nenne ich das gerichtete Denken (s. d.).
34. Introjektion. I. wurde von Avenarius[366] als ein der Projektion
entsprechender Terminus eingeführt. Die damit gemeinte Hineinverlegung
eines subjektiven Inhaltes in ein Objekt wird aber ebenso gut auch durch
den Begriff der Projektion ausgedrückt, weshalb für diesen Vorgang der
Terminus „Projektion“ beizubehalten wäre. Ferenczi hat nun den Begriff
der I. als im Gegensatz zu „Projektion“ definiert, nämlich als eine
Einbeziehung des Objektes in den subjektiven Interessenkreis, während
„Projektion“ eine Hinausverlegung subjektiver Inhalte in das Objekt
bedeutet.[367] „Während der Paranoische die unlustvoll gewordenen
Regungen aus dem Ich hinaus verdrängt, hilft sich der Neurotiker auf die
Art, dass er einen möglichst grossen Teil der Aussenwelt in das Ich
aufnimmt und zum Gegenstand unbewusster Phantasien macht.“ Ersterer
Mechanismus ist Projektion, letzterer I. Die I. ist eine Art
„Verdünnungsprozess“, eine „Ausweitung des Interessenkreises“. Nach
Ferenczi ist die I. auch ein normaler Vorgang. Psychologisch ist die I. also
ein Assimilationsvorgang (s. d.); während die Projektion ein
Dissimilationsvorgang ist. Die I. bedeutet eine Angleichung des Objektes an
das Subjekt, die Projektion dagegen eine Unterscheidung des Objektes vom
Subjekt vermittelst eines aufs Objekt verlegten subjektiven Inhaltes. Die I.
ist ein Extraversionsvorgang, indem zur Angleichung des Objektes eine
Einfühlung, überhaupt eine Besetzung des Objektes nötig ist. Man kann
eine passive und eine aktive I. unterscheiden; zu ersteren Formen gehören
die Übertragungsvorgänge bei der Behandlung von Neurosen, überhaupt
alle Fälle, wo das Objekt eine unbedingte Anziehung auf das Subjekt
ausübt; zur letzteren Form gehört die Einfühlung als Anpassungsvorgang.
35. Introversion. I. heisst Einwärtswendung der Libido (s. d.). Damit
ist eine negative Beziehung des Subjektes zum Objekt ausgedrückt. Das
Interesse bewegt sich nicht zum Objekt, sondern zieht sich davor zurück
aufs Subjekt. Jemand, der introvertiert eingestellt ist, denkt, fühlt und
handelt in einer Art und Weise, die deutlich erkennen lässt, dass das Subjekt
in erster Linie motivierend ist, während dem Objekt höchstens ein

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sekundärer Wert zukommt. Die I. kann einen mehr intellektuellen oder
mehr gefühlsmässigen Charakter haben, ebenso kann sie durch Intuition
oder durch Empfindung gekennzeichnet sein. Die I. ist aktiv, wenn das
Subjekt eine gewisse Abschliessung gegenüber dem Objekt will, passiv,
wenn das Subjekt nicht imstande ist, die vom Objekt zurückströmende
Libido wieder auf das Objekt zurückzubringen. Ist die I. habituell, so
spricht man von einem introvertierten Typus (s. Typen).
36. Intuition (von intueri-anschauen) ist nach meiner Auffassung eine
psychologische Grundfunktion (s. Funktion). Die I. ist diejenige
psychologische Funktion, welche Wahrnehmungen auf unbewusstem Wege
vermittelt. Gegenstand dieser Wahrnehmung kann Alles sein, äussere und
innere Objekte oder deren Zusammenhänge. Das Eigentümliche der I. ist,
dass sie weder Sinnesempfindung, noch Gefühl, noch intellektueller
Schluss ist, obschon sie auch in diesen Formen auftreten kann. Bei der I.
präsentiert sich irgend ein Inhalt als fertiges Ganzes, ohne dass wir zunächst
fähig wären, anzugeben oder herauszufinden, auf welche Weise dieser
Inhalt zustande gekommen ist. Die I. ist eine Art instinktiven Erfassens,
gleichviel welcher Inhalte. Sie ist, wie die Empfindung (s. d.), eine
irrationale (s. d.) Wahrnehmungsfunktion. Ihre Inhalte haben, wie die der
Empfindung, den Charakter der Gegebenheit, im Gegensatz zu dem
Charakter des „Abgeleiteten“, „Hervorgebrachten“ der Gefühls- und
Denkinhalte. Die intuitive Erkenntnis hat daher ihren Charakter von
Sicherheit und Gewissheit, der Spinoza vermochte, die „scientia intuitiva“
für die höchste Form der Erkenntnis zu halten.[368] Die I. hat diese
Eigenschaft mit der Empfindung gemein, deren physische Grundlage Grund
und Ursache ihrer Gewissheit ist. Ebenso beruht die Gewissheit der I. auf
einem bestimmten psychischen Tatbestand, dessen Zustandekommen und
Bereitsein aber unbewusst war. Die I. tritt auf in subjektiver oder objektiver
Form, erstere ist eine Wahrnehmung unbewusster psychischer Tatbestände,
die wesentlich subjektiver Provenienz sind, letztere eine Wahrnehmung von
Tatbeständen, die auf subliminalen Wahrnehmungen am Objekte und auf
durch sie veranlassten subliminalen Gefühlen und Gedanken beruhen. Es
sind auch concrete und abstrakte Formen der I. zu unterscheiden, je nach
dem Grade der Mitbeteiligung der Empfindung. Die concrete I. vermittelt
Wahrnehmungen, welche die Tatsächlichkeit der Dinge betreffen, die
abstrakte I. dagegen vermittelt die Wahrnehmung ideeller Zusammenhänge.
Die concrete I. ist ein reaktiver Vorgang, indem sie aus gegebenen

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Tatbeständen ohne weiteres erfolgt. Die abstrakte I. dagegen benötigt, wie
die abstrakte Empfindung, eines gewissen Richtungselementes, eines
Willens oder einer Absicht.
Die I. ist neben der Empfindung ein Charakteristikum der infantilen und
primitiven Psychologie. Sie vermittelt dem Kinde und dem Primitiven
gegenüber dem stark hervortretenden Empfindungseindruck die
Wahrnehmung der mythologischen Bilder, der Vorstufen der Ideen (s. d.).
Die I. verhält sich compensierend zur Empfindung, und ist, wie die
Empfindung, die Mutterstätte, von wo sich Denken und Fühlen als rationale
Funktionen entwickeln. Die I. ist eine irrationale Funktion, obschon viele I.
nachträglich in ihre Komponenten zerlegt werden können, und somit auch
ihr Zustandekommen mit den Vernunftgesetzen in Einklang gebracht
werden kann. Jemand, der seine allgemeine Einstellung nach dem Prinzip
der I. also nach Wahrnehmungen über das Unbewusste orientiert, gehört
zum intuitiven Typus[369] (s. Typen). Je nach der Verwertung der I. nach
innen, ins Erkennen oder innere Anschauen oder nach aussen ins Handeln
und Ausführen kann man introvertierte und extravertierte Intuitive
unterscheiden. In abnormen Fällen tritt eine starke Verschmelzung mit und
eine ebenso grosse Bedingtheit durch Inhalte des collektiven Unbewussten
zu Tage, wodurch der intuitive Typus äusserst irrational und unbegreiflich
erscheinen kann.
37. Irrational. Ich verwende diesen Begriff nicht im Sinne des
Widervernünftigen, sondern im Sinne des Ausservernünftigen, nämlich
dessen, was mit der Vernunft nicht zu begründen ist. Dazu gehören die
elementaren Tatsachen, z. B. dass die Erde einen Mond hat, dass Chlor ein
Element ist, dass Wasser bei 4° C. seine grösste Dichtigkeit erreicht usw. I.
ist ferner der Zufall, obschon nachträglich seine vernünftige Kausalität
nachgewiesen werden kann. Das I. ist ein Faktor des Seins, der zwar durch
Komplikation der vernünftigen Erklärung immer weiter hinausgeschoben
werden kann, der aber dadurch die Erklärung schliesslich dermassen
kompliziert, dass sie die Fassungskraft des vernünftigen Denkens übersteigt
und somit dessen Grenzen erreicht, noch bevor sie das Ganze der Welt mit
dem Gesetze der Vernunft umspannt hätte. Eine völlige rationale Erklärung
eines wirklich seienden Objektes (also nicht eines bloss gesetzten) ist eine
Utopie oder ein Ideal. Nur ein Objekt, das gesetzt wurde, kann rational auch
völlig erklärt werden, denn es ist von vornherein nicht mehr darin, als eben

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durch die Vernunft des Denkens gesetzt wurde. Auch die empirische
Wissenschaft setzt rational beschränkte Objekte, indem sie durch
beabsichtigten Ausschluss des Zufälligen das wirkliche Objekt als Ganzes
nicht in Betracht kommen lässt, sondern immer nur einen für die rationale
Betrachtung desselben hervorgehobenen Teil. So ist das Denken als
gerichtete Funktion rational, ebenso das Fühlen. Stellen diese Funktionen
aber nicht auf eine rational bestimmte Auswahl von Objekten oder
Eigenschaften und Beziehungen von Objekten ab, sondern auf zufällig
Wahrgenommenes, das am wirklichen Objekt niemals zu fehlen pflegt, so
entbehren sie der Richtung und verlieren dadurch etwas von ihrem
rationalen Charakter, weil sie Zufälliges aufnehmen. Sie werden dadurch
zum Teil i. Das Denken und Fühlen, das sich nach zufälligen
Wahrnehmungen richtet und deshalb eben i. ist, ist intuitives oder
empfindendes Denken und Fühlen. Intuition sowohl wie Empfindung sind
psychologische Funktionen, die ihre Vollkommenheit in der absoluten
Wahrnehmung des überhaupt Geschehenden erreichen. Ihrem Wesen
entsprechend müssen sie daher auf absolute Zufälligkeit und auf jede
Möglichkeit eingestellt sein; sie müssen daher der rationalen Richtung
gänzlich entbehren. Ich bezeichne sie darum als i. Funktionen, im
Gegensatz zu Denken und Fühlen, als welche Funktionen sind, die ihre
Vollkommenheit in einer völligen Übereinstimmung mit den
Vernunftgesetzen erreichen. Obschon das I. als solches niemals der
Gegenstand einer Wissenschaft sein kann, so ist es doch für eine praktische
Psychologie von grossem Belang, das Moment des I. richtig eingeschätzt zu
haben. Die praktische Psychologie wirft nämlich viele Probleme auf, die
rational überhaupt nicht gelöst werden können, sondern eine i. Erledigung
verlangen, d. h. auf einem Wege, welcher den Vernunftgesetzen nicht
entspricht. Durch eine zu ausschliessliche Erwartung oder gar
Überzeugung, dass für jeden Konflikt auch eine vernünftige Möglichkeit
der Beilegung existieren müsse, kann eine wirkliche Lösung von i. Natur
verhindert werden. (Siehe Rational.)
38. Libido. Unter L. verstehe ich die psychische Energie.[370]
Psychische Energie ist die Intensität des psychischen Vorganges, sein
psychologischer Wert. Darunter ist kein erteilter Wert moralischer,
ästhetischer oder intellektueller Art zu verstehen, sondern der
psychologische Wert wird einfach bestimmt nach seiner determinierenden
Kraft, die sich in bestimmten psychischen Wirkungen („Leistungen“)

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äussert. Ich verstehe unter L. auch nicht eine psychische Kraft, welches
Missverständnis oftmals von Kritikern gemacht wurde. Ich hypostasiere den
Energiebegriff nicht, sondern gebrauche ihn als einen Begriff für
Intensitäten oder Werte. Die Frage, ob es eine spezifische, psychische Kraft
gibt oder nicht, hat mit dem Begriff der L. nichts zu tun. Ich gebrauche den
Ausdruck L. öfters promiscuë mit „Energie“. Die Berechtigung, die
psychische Energie L. zu nennen, habe ich in den in der Fussnote
angeführten Arbeiten ausführlich dargetan.
39. Machtkomplex. Mit M. bezeichne ich gelegentlich den gesamten
Komplex aller jener Vorstellungen und Strebungen, welche die Tendenz
haben, das Ich über andere Einflüsse zu stellen und diese dem Ich
unterzuordnen, mögen diese Einflüsse von Menschen und Verhältnissen
stammen, oder mögen sie von eigenen, subjektiven Trieben, Gefühlen und
Gedanken herkommen.
40. Minderwertige Funktion. Unter M. F. verstehe ich jene F., welche
beim Differenzierungsprozess im Rückstand bleibt. Es ist nämlich
erfahrungsgemäss kaum möglich, — aus Ungunst der allgemeinen
Bedingungen — dass jemand zugleich alle seine psychologischen F. zur
Entwicklung bringe. Schon die sozialen Anforderungen bringen es mit sich,
dass der Mensch zu allernächst und allermeist jene F. am stärksten
differenziert, zu welcher er entweder von Natur aus am besten befähigt ist,
oder welche ihm zu seinem sozialen Erfolge die wirksamsten Mittel leiht.
Sehr häufig, fast in der Regel, identifiziert man sich auch mehr oder
weniger vollständig mit der meist begünstigten und daher am weitesten
entwickelten F. Daraus entstehen die psychologischen Typen. Bei der
Einseitigkeit dieses Entwicklungsprozesses, bleiben eine oder mehrere
Funktionen notwendigerweise in der Entwicklung zurück. Man kann sie
daher passenderweise als „minderwertig“ bezeichnen und zwar in
psychologischem, aber nicht in psychopathologischem Sinne, denn diese
zurückgebliebenen F. sind keineswegs krankhaft, sondern nur rückständig
im Vergleich zur begünstigten F. Meist, d. h. in normalen Fällen, bleibt die
M. F. bewusst; in der Neurose dagegen verfällt die M. F. teilweise oder
grösstenteils dem Unbewussten. In dem Masse nämlich als alle Libido der
begünstigten F. zugeführt wird, entwickelt sich die M. F. regressiv, d. h. sie
kehrt in ihre archaïschen Vorstadien zurück, wodurch sie inkompatibel mit
der bewussten und begünstigten F. wird. Wenn eine F., die normalerweise

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bewusst sein sollte, dem Unbewussten verfällt, so verfällt auch die dieser F.
spezifische Energie dem Unbewussten. Eine natürliche F., wie z. B. das
Fühlen, besitzt eine ihr von Natur aus zukommende Energie, sie ist ein
festorganisiertes lebendiges System, das unter keinen Umständen seiner
Energie gänzlich zu berauben ist. Durch das Unbewusstwerden der M. F.
wird ihr Energierest ins Unbewusste überführt, wodurch das Unbewusste in
unnatürlicher Weise belebt wird. Daraus entstehen der archaïsch
gewordenen F. entsprechende Phantasien. Eine analytische Befreiung der
M. F. aus dem Unbewussten kann daher nur stattfinden durch die
Heraufbringung der unbewussten Phantasiegebilde, die eben durch die
unbewusst gewordene F. angeregt worden waren. Durch die
Bewusstmachung dieser Phantasien wird auch die M. F. wieder zum
Bewusstsein gebracht und damit der Entwicklungsmöglichkeit zugeführt.
41. Objektstufe. Unter Deutung auf der O. verstehe ich diejenige
Auffassung eines Traumes oder einer Phantasie, bei der die darin
auftretenden Personen oder Verhältnisse als auf Objektiv-reale Personen
oder Verhältnisse bezogen werden. Dies im Gegensatz zur Subjektstufe
(s. d.), bei der die im Traume vorkommenden Personen und Verhältnisse
ausschliesslich auf subjektive Grössen bezogen werden. Die Freudsche
Traumauffassung bewegt sich fast ausschliesslich auf der Objektstufe,
insofern die Traumwünsche als auf reale Objekte bezüglich gedeutet oder
auf Sexualvorgänge bezogen werden, die in die physiologische, also
ausserpsychologische Sphäre fallen.
42. Orientierung. Als O. bezeichne ich das allgemeine Prinzip einer
Einstellung (s. d.). Jede Einstellung orientiert sich nach einem gewissen
Gesichtspunkt, ob nun dieser Gesichtspunkt bewusst sei oder nicht. Eine
sogen. Machteinstellung orientiert sich nach dem Gesichtspunkt der Macht
des Ich über unterdrückende Einflüsse und Bedingungen. Eine
Denkeinstellung orientiert sich z. B. am logischen Prinzip als ihrem
höchsten Gesetz. Eine Empfindungseinstellung orientiert sich an der
sinnlichen Wahrnehmung gegebener Tatsachen.
43. „Participation mystique“. Dieser Terminus stammt von Lévy-
Bruhl.[371] Es wird darunter eine eigentümliche Art einer psychologischen
Verbundenheit mit dem Objekt verstanden. Sie besteht darin, dass das
Subjekt sich nicht klar vom Objekt unterscheiden kann, sondern mit diesem
durch eine unmittelbare Beziehung, die man als partielle Identität

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bezeichnen kann, verbunden ist. Diese Identität beruht auf einem a
priorischen Einssein von Objekt und Subjekt. Die P. m. ist daher ein
Überbleibsel dieses Urzustandes. Sie betrifft nicht das Ganze der Beziehung
von Subjekt und Objekt, sondern nur gewisse Fälle, in denen das Phänomen
dieser eigenartigen Bezogenheit auftritt. Die P. m. ist natürlich eine
Erscheinung, die am besten bei den Primitiven zu beobachten ist; sie ist
jedoch auch beim Kulturmenschen sehr häufig, wenn auch nicht in
derselben Ausdehnung und Intensität vorhanden. In der Regel findet sie
beim Kulturmenschen statt zwischen Personen, seltener zwischen einer
Person und einer Sache. Im erstern Fall ist sie ein sogen.
Übertragungsverhältnis, bei welchem dem Objekt (in der Regel) eine
gewissermassen magische, d. h. unbedingte Wirkung auf das Subjekt
zukommt. In letzterm Fall handelt es sich entweder um ähnliche Wirkungen
einer Sache oder um eine Art von Identifikation mit einer Sache oder der
Idee derselben.
44. Phantasie. Unter P. verstehe ich zwei verschiedene Dinge, nämlich
1. das Phantasma und 2. die imaginative Tätigkeit. Es geht aus dem Text
meiner Arbeit hervor, was jeweils mit dem Ausdruck P. gemeint ist. Unter P.
als Phantasma verstehe ich einen Vorstellungskomplex, welcher sich vor
andern Vorstellungskomplexen dadurch auszeichnet, dass ihm kein
äusserlich realer Sachverhalt entspricht. Obschon eine P. ursprünglich auf
Erinnerungsbildern wirklich stattgehabter Erlebnisse beruhen kann, so
entspricht doch ihr Inhalt keiner äussern Realität, sondern ist wesentlich nur
der Ausfluss der schöpferischen Geistestätigkeit, eine Betätigung oder ein
Produkt der Kombination energiebesetzter psychischer Elemente. Insofern
die psychische Energie einer willkürlichen Richtung unterworfen werden
kann, kann auch die P. bewusst und willkürlich hervorgebracht werden,
entweder als Ganzes oder wenigstens als Teil. Im erstern Fall ist sie dann
nichts anderes als eine Kombination bewusster Elemente. Jedoch ist dieser
Fall nur ein künstliches und theoretisch bedeutsames Experiment. In der
Wirklichkeit der alltäglichen psychologischen Erfahrung ist die P. meistens
entweder durch eine erwartende, intuitive Einstellung ausgelöst oder sie ist
eine Irruption unbewusster Inhalte ins Bewusstsein. Man kann aktive und
passive P. unterscheiden; erstere sind veranlasst durch Intuition, d. h. durch
eine auf Wahrnehmung unbewusster Inhalte gerichtete Einstellung, wobei
die Libido alle aus dem Unbewussten auftauchenden Elemente sofort
besetzt und durch Association paralleler Materialien zur Höhe der Klarheit

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und Anschaulichkeit bringt; letztere treten ohne vorgehende und begleitende
intuitive Einstellung von vornherein in anschaulicher Form auf bei völlig
passiver Einstellung des erkennenden Subjektes. Diese P. gehören zu den
psychischen „Automatismes“ (Janet). Diese letzteren P. können natürlich
nur bei einer relativen Dissociation der Psyche vorkommen, denn ihr
Zustandekommen setzt voraus, dass ein wesentlicher Energiebetrag sich der
bewussten Kontrolle entzogen und unbewusste Materialien besetzt hat. So
setzt die Vision des Saulus voraus, dass er unbewusst bereits ein Christ ist,
was seiner bewussten Einsicht entgangen war. Die passive P. entstammt
wohl immer einem im Verhältnis zum Bewusstsein gegensätzlichen
Vorgang im Unbewussten, der annähernd so viel Energie auf sich vereinigt,
wie die bewusste Einstellung und deshalb auch befähigt ist, den Widerstand
letzterer zu durchbrechen.
Die aktive P. dagegen verdankt ihre Existenz nicht bloss einseitig einem
intensiven und gegensätzlichen unbewussten Vorgang, sondern ebensowohl
der Geneigtheit der bewussten Einstellung, die Andeutungen oder
Fragmente relativ schwach betonter, unbewusster Zusammenhänge
aufzunehmen und durch Associierung paralleler Elemente bis zur völligen
Anschaulichkeit auszugestalten. Bei der aktiven P. handelt es sich also nicht
notwendigerweise um einen dissociierten Seelenzustand, sondern vielmehr
um eine positive Anteilnahme des Bewusstseins. Wenn die passive Form
der P. nicht selten den Stempel des Krankhaften oder wenigstens Abnormen
trägt, so gehört die aktive Form oft zu den höchsten menschlichen
Geistestätigkeiten. Denn in ihr fliesst die bewusste und die unbewusste
Persönlichkeit des Subjektes in ein gemeinsames und vereinigendes
Produkt zusammen. Eine derart gestaltete P. kann der höchste Ausdruck der
Einheit einer Individualität sein und diese letztere eben gerade durch den
vollkommenen Ausdruck ihrer Einheit auch erzeugen. (Vergl. dazu Schillers
Begriff der „ästhetischen Stimmung“.) Die passive P. ist in der Regel wohl
nie der Ausdruck einer zur Einheit gelangten Individualität, denn sie setzt,
wie gesagt, eine starke Dissociation voraus, die ihrerseits nur auf einem
ebenso starken Gegensatz des Unbewussten zum Bewusstsein beruhen
kann. Die aus einem solchen Zustande durch Irruption ins Bewusstsein
hervorgegangene P. wird daher wohl nie der vollkommene Ausdruck einer
in sich geeinten Individualität sein können, sondern vorwiegend des
Standpunktes der unbewussten Persönlichkeit. Das Leben des Paulus ist ein
gutes Beispiel hiefür: seine Wendung zum christlichen Glauben entsprach

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einem Annehmen des vorher unbewussten Standpunktes und einer
Verdrängung des bisherigen antichristlichen Standpunktes, welch letzterer
sich dann in seinen hysterischen Anfällen bemerkbar machte. Die passive P.
bedarf daher immer einer bewussten Kritik, wenn sie nicht einseitig den
Standpunkt des unbewussten Gegensatzes zur Geltung bringen soll. Die
aktive P. dagegen als das Produkt einerseits einer zum Unbewussten nicht
gegensätzlichen bewussten Einstellung und andererseits unbewusster
Vorgänge, die sich nicht gegensätzlich, sondern bloss compensatorisch zum
Bewusstsein verhalten, bedarf dieser Kritik nicht, sondern bloss des
Verständnisses.
Wie beim Traume (der nichts anderes als eine passive P. ist), so ist auch
bei der P. ein manifester und ein latenter Sinn zu unterscheiden. Ersterer
ergibt sich aus der unmittelbaren Anschauung des P.-bildes, der
unmittelbaren Aussage des phantastischen Vorstellungskomplexes. Der
manifeste Sinn verdient allerdings oft kaum diesen Namen, obschon er bei
der P. immer sehr viel mehr entwickelt ist, als beim Traum, was
wahrscheinlich daher rühren dürfte, dass die Traum-P. in der Regel keiner
besondern Energie bedarf, um sich dem schwachen Widerstand des
schlafenden Bewusstseins wirksam entgegensetzen zu können, weshalb
auch wenig gegensätzliche und bloss leicht compensatorische Tendenzen
schon zur Wahrnehmung gelangen können. Die Wach-P. dagegen muss
schon über eine beträchtliche Energie verfügen, um die von der bewussten
Einstellung ausgehende Hemmung überwinden zu können. Dazu muss der
unbewusste Gegensatz also schon sehr wichtig sein, um ins Bewusstsein
hineingelangen zu können. Wenn er nur in vagen und schwer fassbaren
Andeutungen bestände, so wäre er niemals imstande, die Aufmerksamkeit
(die bewusste Libido) dermassen auf sich zu lenken, dass er den
Zusammenhang der Bewusstseinsinhalte unterbrechen könnte. Der
unbewusste Inhalt ist daher auf einen sehr starken innern Zusammenhang,
der sich eben in einem ausgesprochenen manifesten Sinn äussert,
angewiesen. Der manifeste Sinn hat immer den Charakter eines
anschaulichen und concreten Vorganges, der wegen seiner objektiven
Irrealität den Anspruch des Bewusstseins auf Verständnis nicht befriedigen
kann. Es wird daher nach einer andern Bedeutung der P., nach einer
Deutung derselben, suchen, also nach einem latenten Sinne. Obschon nun
die Existenz eines latenten Sinnes der P. zunächst keineswegs sicher ist, und
einer eventuellen Bestreitung der Möglichkeit eines latenten Sinnes nichts

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im Wege steht, so ist doch der Anspruch auf ein befriedigendes Verständnis
Motiv genug für eine eingehende Nachforschung. Diese Erforschung des
latenten Sinnes kann zunächst rein kausaler Natur sein, unter der
Fragestellung nach den psychologischen Ursachen des Zustandekommens
der P. Diese Fragestellung führt einerseits zu weiter rückwärts gelegenen
Anlässen zur P. und andererseits zur Feststellung der Triebkräfte, welche
energetisch für das Zustandekommen der P. verantwortlich zu machen sind.
Wie bekannt, hat Freud diese Richtung besonders intensiv ausgebaut. Ich
habe diese Art der Deutung als reduktive bezeichnet. Die Berechtigung
einer reduktiven Auffassung ist ohne weiteres ersichtlich und ebenso ist es
durchaus verständlich, wenn für ein gewisses Temperament diese Art der
Deutung psychologischer Tatbestände etwas Befriedigendes hat, sodass
kein Anspruch auf weiteres Verständnis mehr erhoben wird. Wenn jemand
einen Hilferuf ausstösst, so ist dieses Faktum hinreichend und befriedigend
erklärt, wenn nachgewiesen ist, dass der Betreffende sich momentan in
Lebensgefahr befindet. Wenn jemand von vollbesetzten Tafeln träumt, und
es ist nachgewiesen, dass er beim Zubettegehen an Hunger litt, so ist diese
Erklärung seines Traumes befriedigend. Wenn jemand, der seine Sexualität
unterdrückt, etwa ein mittelalterlicher Heiliger, sexuelle P. hat, so ist diese
Tatsache durch Reduktion auf die unterdrückte Sexualität hinreichend
erklärt.
Wenn wir hingegen die Vision des Petrus dadurch erklären wollten, dass
wir sie etwa auf die Tatsache, dass er an Hunger gelitten und darum vom
Unbewussten die Aufforderung zum Essen der unreinen Tiere erhalten
hätte, oder dass das Essen der unreinen Tiere überhaupt bloss die Erfüllung
eines verbotenen Wunsches bedeutet hätte, so hat eine solche Erklärung
wenig Befriedigendes an sich. Ebenso kann es unsern Anspruch nicht
befriedigen, wenn wir die Vision des Saulus beispielsweise auf seinen
verdrängten Neid auf die Rolle, die der Christus bei seinen Volksgenossen
spielte, vermöge dessen er sich mit Christus identifizierte, zurückführen
wollten. Beide Erklärungen mögen etwas Wahres an sich haben, sie stehen
jedoch in keinem Verhältnis zu der zeitgeschichtlich bedingten Psychologie
des Petrus sowohl wie des Paulus. Diese Erklärung ist zu einfach und zu
billig. Man kann die Weltgeschichte nicht als ein Problem der Physiologie
oder der persönlichen chronique scandaleuse abhandeln. Dieser Standpunkt
wäre zu beschränkt. Wir sind daher genötigt, unsere Auffassung vom
latenten Sinn der P. bedeutend zu erweitern; zunächst in kausaler Hinsicht:

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die Psychologie des einzelnen ist niemals erschöpfend aus ihm selber zu
erklären, sondern es muss auch klar erkannt sein, dass und wie seine
individuelle Psychologie durch die zeitgeschichtlichen Umstände bedingt
ist. Sie ist nicht bloss ein physiologisches, biologisches oder persönliches,
sondern auch ein zeitgeschichtliches Problem. Und sodann lässt sich irgend
ein psychologischer Tatbestand niemals erschöpfend aus seiner Kausalität
allein erklären, indem er als lebendiges Phänomen immer in die Kontinuität
des Lebensprozesses unauflöslich verknüpft ist, sodass er zwar einerseits
stets ein Gewordenes, andererseits aber auch stets ein Werdendes,
Schöpferisches ist. Der psychologische Moment hat ein Janusgesicht: er
blickt rückwärts und vorwärts. Indem er wird, bereitet er auch das
Zukünftige vor. Wenn dem nicht so wäre, so wären die Absicht, der Zweck,
das Setzen von Zielen, die Vorausberechnung oder Vorausahnung
psychologische Unmöglichkeiten. Wenn jemand eine Meinung äussert, und
wir beziehen diesen Tatbestand lediglich darauf, dass zuvor ein anderer eine
Meinung äusserte, so ist diese Erklärung praktisch ganz unzulänglich, denn
wir wollen nicht bloss die Ursache dieses Tuns wissen, um es zu begreifen,
sondern auch, was er damit meint, was er bezweckt und beabsichtigt, was er
damit erreichen will. Wenn wir auch darum noch wissen, so geben wir uns
in der Regel zufrieden. Im alltäglichen Leben fügen wir ohne weiteres und
ganz instinktiv einen finalen Standpunkt der Erklärung ein; ja, wir halten
sehr oft gerade den finalen Gesichtspunkt für den ausschlaggebenden unter
gänzlicher Übergehung des stricte ursächlichen Momentes, offenbar in der
instinktiven Anerkennung des schöpferischen Momentes des psychischen
Wesens. Wenn wir in der alltäglichen Erfahrung dermassen handeln, so
muss auch eine wissenschaftliche Psychologie diesem Umstand Rechnung
tragen und zwar dadurch, dass sie sich nicht ausschliesslich auf den stricte
kausalen Standpunkt, den sie ursprünglich von der Naturwissenschaft
übernommen hat, begibt, sondern auch die finale Natur des Psychischen
berücksichtigt.
Wenn nun durch die alltägliche Erfahrung die finale Orientierung der
Bewusstseinsinhalte über allen Zweifel hinaus feststeht, so ist zunächst gar
kein Anlass vorhanden, anzunehmen, dass dies nicht auch bei den Inhalten
des Unbewussten der Fall wäre, gegenteilige Erfahrung vorbehalten. Nach
meiner Erfahrung besteht nun keineswegs ein Anlass, die finale
Orientierung unbewusster Inhalte zu bestreiten, im Gegenteil; die Fälle, in
denen eine befriedigende Erklärung nur durch die Einführung des finalen

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Gesichtspunktes erreicht wird, sind recht zahlreich. Wenn wir also z. B. die
Vision des Saulus in Ansehung der paulinischen Weltmission betrachten,
und darum zum Schlusse kommen, dass Saulus zwar bewusst ein
Christenverfolger war, unbewusst aber den christlichen Standpunkt
adoptiert hatte und durch Überwiegen und Irruption des Unbewussten zum
Christen gemacht wurde, weil seine unbewusste Persönlichkeit nach diesem
Ziele strebte in instinktiver Erfassung der Notwendigkeit und
Bedeutsamkeit dieser Tat, so erscheint mir diese Erklärung der Bedeutung
dieses Tatbestandes adäquater zu sein, als eine reduktive Erklärung durch
persönliche Momente, obschon letztere zweifellos in dieser oder jener Form
mitbeteiligt waren, denn das „Allzumenschliche“ fehlt nirgends. Ebenso ist
die in der Apostelgeschichte gegebene Andeutung einer finalen Erklärung
der Petrusvision weit befriedigender als eine physiologisch-persönliche
Mutmassung.
Zusammenfassend können wir also sagen, dass die P. sowohl kausal wie
final zu verstehen ist. Der kausalen Erklärung erscheint sie als ein Symptom
eines physiologischen oder persönlichen Zustandes, welcher das Resultat
vorausgegangener Geschehnisse ist. Der finalen Erklärung dagegen
erscheint die P. als ein Symbol, welches mit Hilfe der vorhandenen
Materialien ein bestimmtes Ziel oder vielmehr eine gewisse zukünftige
psychologische Entwicklungslinie zu kennzeichnen oder zu erfassen sucht.
Weil die aktive P. das hauptsächliche Merkmal der künstlerischen
Geistestätigkeit ist, so ist der Künstler nicht bloss ein Darsteller, sondern
ein Schöpfer und darum ein Erzieher, denn seine Werke haben den Wert
von Symbolen, welche künftige Entwicklungslinien vorzeichnen. Die
beschränktere oder allgemeinere soziale Gültigkeit der Symbole hängt ab
von der beschränkteren oder allgemeineren Lebensfähigkeit der
schöpferischen Individualität. Je abnormer, d. h. je lebensunfähiger die
Individualität ist, desto beschränktere soziale Gültigkeit haben die durch sie
hervorgebrachten Symbole, wenn schon die Symbole für die betreffende
Individualität von absoluter Bedeutung sind. Man kann die Existenz des
latenten Sinnes der P. nur dann bestreiten, wenn man auch der Ansicht ist,
dass ein Naturvorgang überhaupt eines befriedigenden Sinnes entbehre. Die
Naturwissenschaft hat indes den Sinn des Naturvorganges in Form der
Naturgesetze herausgehoben. Die Naturgesetze sind zugestandenermassen
menschliche Hypothesen, aufgestellt zur Erklärung des Naturvorganges. In
dem Masse aber, als es sicher gestellt ist, dass das aufgestellte Gesetz mit

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dem objektiven Vorgang übereinstimmt, sind wir berechtigt von einem Sinn
des Naturgeschehens zu reden. In dem Masse nun, indem es uns gelingt,
eine Gesetzmässigkeit der P. aufzuweisen, sind wir auch berechtigt, von
einem Sinn derselben zu reden. Der aufgefundene Sinn ist aber nur dann
befriedigend, oder mit andern Worten: die nachgewiesene Gesetzmässigkeit
verdient nur dann diesen Namen, wenn sie das Wesen der P. adäquat
wiedergibt. Es gibt eine Gesetzmässigkeit am Naturvorgang und eine
Gesetzmässigkeit des Naturvorganges. Es ist zwar gesetzmässig, dass man
träumt, wenn man schläft; das ist aber keine Gesetzmässigkeit, welche
etwas über das Wesen des Traumes aussagt. Es ist eine blosse Bedingung
des Traumes. Der Nachweis einer physiologischen Quelle der P. ist eine
blosse Bedingung ihres Vorhandenseins, aber kein Gesetz ihres Wesens.
Das Gesetz der P. als eines psychologischen Phänomens kann nur ein
psychologisches sein.
Wir gelangen nun zum zweiten Punkte unserer Erklärung des Begriffes
der P., nämlich zum Begriff der imaginativen Tätigkeit. Die Imagination ist
die reproduktive oder schöpferische Tätigkeit des Geistes überhaupt, ohne
ein besonderes Vermögen zu sein, denn sie kann sich in allen Grundformen
des psychischen Geschehens abspielen, im Denken, Fühlen, Empfinden und
Intuieren. Die P. als imaginative Tätigkeit ist für mich einfach der
unmittelbare Ausdruck der psychischen Lebenstätigkeit, der psychischen
Energie, die dem Bewusstsein nicht anders als in Form von Bildern oder
Inhalten gegeben ist, wie auch die physische Energie nicht anders in
Erscheinung tritt, denn als physischer Zustand, der die Sinnesorgane auf
physischem Wege reizt. Wie jeder physische Zustand — energetisch
betrachtet — nichts anderes ist als ein Kräftesystem, so ist auch ein
psychischer Inhalt nichts anderes — wenn energetisch betrachtet — als ein
dem Bewusstsein erscheinendes Kräftesystem. Man kann daher von diesem
Standpunkt aus sagen, dass die P. als Phantasma nichts anderes sei als ein
bestimmter Libidobetrag, der dem Bewusstsein niemals anders erscheinen
kann, als eben in der Form eines Bildes. Das Phantasma ist eine „idée-
force“. Das Phantasieren als imaginative Tätigkeit ist identisch mit dem
Ablauf des psychischen Energieprozesses.
45. Projektion. P. bedeutet die Hinauslegung eines subjektiven
Vorganges in ein Objekt. (Dies im Gegensatz zur Introjektion (s. d.).) Die P.
ist demnach ein Dissimilationsvorgang, indem ein subjektiver Inhalt dem

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Subjekt entfremdet und gewissermassen dem Objekt einverleibt wird. Es
sind ebenso wohl peinliche, inkompatible Inhalte, deren sich das Subjekt
durch P. entledigt, wie auch positive Werte, die dem Subjekt aus irgend
welchen Gründen, z. B. infolge Selbstunterschätzung, unzugänglich sind.
Die P. beruht auf der archaïschen Identität (s. d.) von Subjekt und Objekt,
ist aber erst dann als P. zu bezeichnen, wenn die Notwendigkeit der
Auflösung der Identität mit dem Objekt eingetreten ist. Diese
Notwendigkeit tritt ein, wenn die Identität störend wird, d. h. wenn durch
die Abwesenheit des projizierten Inhaltes die Anpassung wesentlich
beeinträchtigt und deshalb die Zurückbringung des projizierten Inhaltes ins
Subjekt wünschenswert wird. Von diesem Moment an erhält die bisherige
partielle Identität den Charakter der P. Der Ausdruck P. bezeichnet daher
einen Identitätszustand, der merkbar und dadurch Gegenstand der Kritik
geworden ist, sei es der eigenen Kritik des Subjektes, sei es der Kritik eines
andern.
Man kann eine passive und eine aktive P. unterscheiden. Erstere Form
ist die gewöhnliche Form aller pathologischen und vieler normalen P.,
welche keiner Absicht entspringen, sondern lediglich automatisches
Geschehen sind. Letztere Form findet sich als wesentlicher Bestandteil des
Einfühlungsaktes. Die Einfühlung (s. d.) ist zwar als Ganzes ein
Introjektionsprozess, indem sie dazu dient, das Objekt in eine intime
Beziehung zum Subjekt zu bringen. Um diese Beziehung herzustellen,
trennt das Subjekt einen Inhalt, z. B. ein Gefühl, von sich ab, versetzt es ins
Objekt, es damit belebend, und bezieht auf diese Weise das Objekt in die
subjektive Sphäre ein. Die aktive Form der P. findet sich aber auch als
Urteilsakt, der eine Trennung von Subjekt und Objekt bezweckt. In diesem
Fall wird ein subjektives Urteil als gültiger Sachverhalt vom Subjekt
abgetrennt und ins Objekt versetzt, wodurch das Subjekt sich vom Objekt
absetzt. Die P. ist demnach ein Introversionsvorgang, indem sie im
Gegensatz zur Introjektion keine Einbeziehung und Angleichung, sondern
eine Unterscheidung und Abtrennung des Subjektes vom Objekt
herbeiführt. Sie spielt daher eine Hauptrolle bei der Paranoia, welche in der
Regel zu einer totalen Isolierung des Subjektes führt.
46. Rational. Das R. ist das Vernünftige, der Vernunft entsprechende.
Ich fasse die Vernunft als eine Einstellung auf, deren Prinzip es ist, das
Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven Werten zu gestalten. Die

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objektiven Werte stellen sich her durch die durchschnittliche Erfahrung
einerseits äusserer, andererseits innerer psychologischer Tatsachen. Diese
Erfahrungen könnten allerdings keine objektiven „Werte“ darstellen, wenn
sie vom Subjekt als solche „bewertet“ würden, was allbereits ein Akt der
Vernunft ist. Die vernünftige Einstellung, welche uns erlaubt, objektive
Werte überhaupt als gültig zu erklären, ist nun aber nicht das Werk des
einzelnen Subjektes, sondern der Menschheitsgeschichte. Die meisten
objektiven Werte — und eben damit die Vernunft — sind seit Alters
überkommene, festgefügte Vorstellungskomplexe, an deren Organisation
ungezählte Jahrtausende gearbeitet haben mit derselben Notwendigkeit, mit
der die Natur des lebenden Organismus überhaupt auf die
durchschnittlichen und stets sich wiederholenden Bedingungen der Umwelt
reagiert und ihnen entsprechende Funktionskomplexe gegenüberstellt, wie
z. B. das der Natur des Lichtes vollkommen entsprechende Auge. Man
könnte daher von einer präexistierenden, metaphysischen Weltvernunft
sprechen, wenn nicht das der durchschnittlichen äussern Einwirkung
entsprechende Reagieren des lebendigen Organismus die unerlässliche
Bedingung seiner Existenz überhaupt wäre, welchen Gedanken schon
Schopenhauer geäussert hat. Die menschliche Vernunft ist daher nichts
anderes als der Ausdruck der Angepasstheit an das durchschnittlich
Vorkommende, das sich in allmählich festorganisierten
Vorstellungskomplexen, welche die objektiven Werte ausmachen,
niedergeschlagen hat. Die Gesetze der Vernunft sind also diejenigen
Gesetze, welche die durchschnittliche „richtige“, die angepasste Einstellung
bezeichnen und regulieren. R. ist alles, was mit diesen Gesetzen
übereinstimmt, irrational (s. d.) dagegen alles, was sich mit diesen Gesetzen
nicht deckt.
R.-Funktionen sind Denken und Fühlen, insofern sie durch das Moment
der Überlegung ausschlaggebend beeinflusst sind. Sie erreichen ihre
Bestimmung am völligsten in einer möglichst vollkommenen
Übereinstimmung mit den Vernunftgesetzen. Irrationale Funktionen
dagegen sind solche, die eine reine Wahrnehmung bezwecken, wie Intuieren
und Empfinden, denn sie müssen des R., welches die Ausschliessung alles
Ausservernünftigen voraussetzt, so viel wie möglich entbehren, um zu einer
vollständigen Wahrnehmung alles Vorkommenden gelangen zu können.

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47. Reduktiv. R. bedeutet „zurückführend“. Ich gebrauche diesen
Ausdruck zur Bezeichnung jener psychologischen Deutungsmethode,
welche das unbewusste Produkt nicht unter dem Gesichtswinkel des
symbolischen Ausdrucks, sondern als semiotisch, als Zeichen oder als
Symptom eines grundliegenden Vorganges auffasst. Dementsprechend
behandelt die r. Methode das unbewusste Produkt im Sinne einer
Zurückführung auf die Elemente, auf die Grundvorgänge, seien sie nun
Reminiszenzen an wirklich stattgehabte Ereignisse oder seien sie
elementare, die Psyche affizierende Vorgänge. Die r. Methode ist daher
rückwärts orientiert (im Gegensatz zur construktiven Methode (s. d.)),
entweder im historischen Sinne oder im übertragenen Sinne einer
Rückführung einer komplexen und differenzierten Grösse auf
Allgemeineres und Elementareres. Die Freudsche, sowie die Adlersche
Deutungsmethode ist r., indem beide auf elementare Wunsch- oder
Strebungsvorgänge, in letzter Linie infantiler oder physiologischer Natur
reduzieren. Dem unbewussten Produkt kommt dabei notwendigerweise nur
der Wert eines uneigentlichen Ausdrucks zu, wofür der Terminus „Symbol“
(s. d.) eigentlich nicht verwendet werden sollte. Die Wirkung der Reduktion
ist in Bezug auf die Bedeutung des unbewussten Produktes eine auflösende,
indem es entweder auf seine historischen Vorstufen zurückgeführt und
dadurch vernichtet wird, oder indem es wieder demjenigen
Elementarvorgang integriert wird, aus dem es hervorgegangen ist.
48. Seele. Ich habe mich im Verlaufe meiner Untersuchungen der
Struktur des Unbewussten veranlasst gesehen, eine begriffliche
Unterscheidung durchzuführen zwischen S. und Psyche. Unter Psyche
verstehe ich die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, der bewussten
sowohl wie der unbewussten. Unter S. dagegen verstehe ich einen
bestimmten, abgegrenzten Funktionskomplex, den man am besten als eine
„Persönlichkeit“ charakterisieren könnte. Um zu beschreiben, was ich des
Nähern damit meine, muss ich noch einige fernerliegende Gesichtspunkte
herbeiziehen. Es sind besonders die Erscheinungen des Somnambulismus,
der Charakterverdoppelung, der Persönlichkeitsspaltung, um deren
Erforschung sich in erster Linie französische Forscher verdient gemacht
haben, welche uns den Gesichtspunkt einer möglichen Mehrheit von
Persönlichkeiten in einem und demselben Individuum nahegelegt haben.
[372] Es ist ohne weiteres klar, dass bei einem normalen Individuum eine
solche Mehrheit von Persönlichkeiten niemals in Erscheinung treten kann;

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aber die durch diese Fälle dargetane Möglichkeit einer
Persönlichkeitsdissociation dürfte wenigstens als Andeutung auch in der
normalen Breite existieren. Tatsächlich gelingt es auch einer etwas
geschärften psychologischen Beobachtung unter nicht allzu grossen
Schwierigkeiten bei normalen Individuen wenigstens andeutungsweise
Spuren einer Charakterspaltung nachzuweisen. Man muss z. B. nur jemand
unter verschiedenen Umständen genau beobachten, dann wird man
entdecken, wie auffallend seine Persönlichkeit beim Übergang von einem
Milieu ins andere sich verändert, wobei jedesmal ein scharfumrissener und
von dem frühern deutlich verschiedener Charakter herauskommt. Der
sprichwörtliche Ausdruck „Gassenengel-Hausteufel“ ist eine der
alltäglichen Erfahrung entsprungene Formulierung des Phänomens der
Persönlichkeitsspaltung. Ein bestimmtes Milieu erfordert eine bestimmte
Einstellung. Je länger oder je öfter diese dem Milieu entsprechende
Einstellung erfordert ist, desto eher wird sie habituell. Sehr viele Menschen
von der gebildeten Klasse müssen sich meistens in zwei total verschiedenen
Milieus bewegen, im häuslichen Kreise, in der Familie und im
Geschäftsleben. Die beiden total verschiedenen Umgebungen erfordern
zwei total verschiedene Einstellungen, die je nach dem Grade der
Identifikation (s. d.) des Ich mit der jeweiligen Einstellung eine
Verdoppelung des Charakters bedingen. Den sozialen Bedingungen und
Notwendigkeiten entsprechend orientiert sich der soziale Charakter
einerseits nach den Erwartungen oder den Anforderungen des
geschäftlichen Milieus, andererseits nach den sozialen Absichten und
Bestrebungen des Subjekts. Der häusliche Charakter dürfte sich in der
Regel mehr nach den gemütlichen und den Bequemlichkeitsansprüchen des
Subjekts gestalten, woher es kommt, dass Leute, die im öffentlichen Leben
äusserst energisch, mutig, hartnäckig, eigensinnig und rücksichtslos sind, zu
Hause und in der Familie als gutmütig, weich, nachgiebig und schwach
erscheinen. Welches ist nun der wahre Charakter, die wirkliche
Persönlichkeit? Diese Frage ist oft unmöglich zu beantworten. Diese kurze
Überlegung zeigt, dass auch beim normalen Individuum die
Charakterspaltung keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehört. Man ist
darum wohl berechtigt, die Frage der Persönlichkeitsdissociation auch als
ein Problem der normalen Psychologie zu behandeln. Nach meiner Ansicht
wäre — um die Erörterung fortzusetzen — die obige Frage dahin zu
beantworten, dass ein solcher Mensch überhaupt keinen wirklichen

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Charakter hat, d. h. überhaupt nicht individuell (s. d.) ist, sondern collektiv
(s. d.), d. h. den allgemeinen Umständen, den allgemeinen Erwartungen
entsprechend. Wäre er individuell, so hätte er nur einen und denselben
Charakter bei aller Verschiedenheit der Einstellung. Er wäre nicht identisch
mit der jeweiligen Einstellung und könnte und wollte es nicht hindern, dass
seine Individualität im einen wie im andern Zustand irgendwie zum
Ausdruck käme. Tatsächlich ist er individuell, wie jedes Wesen, aber
unbewusst. Durch seine mehr oder weniger vollständige Identifikation mit
der jeweiligen Einstellung täuscht er mindestens die andern, oft auch sich
selbst, über seinen wirklichen Charakter; er nimmt eine Maske vor, von der
er weiss, dass sie einerseits seinen Absichten, andererseits den Ansprüchen
und Meinungen seiner Umgebung entspricht, wobei bald das eine, bald das
andere Moment überwiegt. Diese Maske, nämlich die ad hoc
vorgenommene Einstellung, nannte ich Persona[373], was die Bezeichnung
der Maske des antiken Schauspielers war. Wer sich mit der Maske
identifiziert, den nenne ich „persönlich“ (im Gegensatz zu „individuell“).
Die beiden Einstellungen des obgedachten Falles sind zwei collektive
Persönlichkeiten, die wir schlechthin unter dem Namen Persona oder
Personae zusammenfassen wollen. Ich habe oben bereits angedeutet, dass
die wirkliche Individualität von beiden verschieden ist. Die Persona ist also
ein Funktionskomplex, der aus Gründen der Anpassung oder der
notwendigen Bequemlichkeit zustande gekommen, aber nicht identisch ist
mit der Individualität. Der Funktionskomplex der Persona bezieht sich
ausschliesslich auf das Verhältnis zu den Objekten.
Von der Beziehung des Individuums zum äussern Objekt ist nun die
Beziehung zum Subjekt scharf zu unterscheiden. Mit dem Subjekt meine
ich zunächst jene vagen oder dunklen Regungen, Gefühle, Gedanken und
Empfindungen, die nicht nachweisbar aus der Kontinuität des bewussten
Erlebens am Objekt zufliessen, sondern eher störend und hemmend,
bisweilen auch fördernd aus dem dunklen Innern, aus den Unter- und
Hintergründen des Bewusstseins auftauchen und in ihrer Gesamtheit die
Wahrnehmung vom Leben des Unbewussten ausmachen. Das Subjekt, als
„inneres“ Objekt aufgefasst, ist das Unbewusste. Wie es ein Verhältnis zum
äussern Objekt, eine äussere Einstellung gibt, so gibt es auch ein Verhältnis
zum innern Objekt, eine innere Einstellung. Es ist verständlich, dass diese
innere Einstellung wegen ihres äusserst intimen und schwer zugänglichen

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Wesens eine bei weitem unbekanntere Sache ist, als die äussere Einstellung,
die jedermann ohne weiteres sehen kann. Jedoch scheint es mir nicht zu
schwierig, sich von dieser innern Einstellung einen Begriff zu machen. Alle
jene sogenannten zufälligen Hemmungen, Launen, Stimmungen, vagen
Gefühle und Phantasiefragmente, welche bisweilen die konzentrierte
Arbeitsleistung, bisweilen auch die Ruhe des normalsten Menschen stören
und bald auf körperliche Ursachen, bald auf sonstige Anlässe
zurückrationalisiert werden, haben fast in der Regel ihren Grund nicht in
den ihnen vom Bewusstsein zugedachten Ursachen, sondern sind
Wahrnehmungen von unbewussten Vorgängen. Zu diesen Erscheinungen
gehören natürlich auch die Träume, die man ja, wie bekannt, gerne auf
solche äussere und oberflächliche Ursachen, wie Indigestionen, Rückenlage
und dergl. m. zurückführt, obschon eine solche Erklärung einer strengern
Kritik niemals standhält. Die Einstellung der einzelnen Menschen ist diesen
Dingen gegenüber eine ganz verschiedene. Der eine lässt sich von seinen
innern Vorgängen nicht im geringsten anfechten, er kann darüber sozusagen
gänzlich hinwegsehen, der andere aber ist ihnen im höchsten Mass
unterworfen; schon beim Aufstehen verdirbt ihm irgend eine Phantasie oder
ein widerwärtiges Gefühl die Laune für den ganzen Tag, eine vage,
unangenehme Empfindung suggeriert ihm den Gedanken an eine heimliche
Krankheit, ein Traum hinterlässt ihm eine düstere Ahnung, obschon er sonst
nicht abergläubisch ist. Andere wiederum sind nur episodisch diesen
unbewussten Regungen zugänglich oder nur einer gewissen Kategorie
derselben. Dem einen sind sie vielleicht überhaupt noch nie zum
Bewusstsein gekommen als etwas, worüber man denken könnte, dem
andern aber sind sie ein Problem täglichen Grübelns. Der eine bewertet sie
physiologisch, oder schreibt sie dem Verhalten des Nächsten zu, der andere
findet in ihnen eine religiöse Offenbarung.
Diese gänzlich verschiedenen Arten, mit den Regungen des
Unbewussten umzugehen, sind ebenso habituell wie die Einstellungen zum
äussern Objekt. Die innere Einstellung entspricht daher einem ebenso
bestimmten Funktionskomplex, wie die äussere Einstellung. Jene Fälle, in
denen die innern psychischen Vorgänge anscheinend gänzlich übersehen
werden, ermangeln ebenso wenig einer typischen innern Einstellung, wie
jene, welche konstant das äussere Objekt, die Realität der Tatsachen
übersehen, einer typischen äussern Einstellung ermangeln. Die Persona
dieser letzteren, nicht allzu seltenen Fälle hat den Charakter der

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Beziehungslosigkeit, bisweilen sogar einer blinden Rücksichtslosigkeit, die
sich oft erst harten Schicksalsschlägen beugt. Es ist nicht selten, dass oft
gerade solche Individuen, deren Persona durch eine starre
Rücksichtslosigkeit und Beziehungslosigkeit gekennzeichnet ist, den
Vorgängen des Unbewussten gegenüber eine Einstellung besitzen, deren
Charakter eine äusserste Beeinflussbarkeit ist. So unbeeinflussbar und
unzugänglich sie aussen sind, so weich, schlaff und bestimmbar sind sie
gegenüber ihren innern Vorgängen. In diesen Fällen entspricht daher die
innere Einstellung einer von der äussern diametral verschiedenen innern
Persönlichkeit. Ich kenne z. B. einen Menschen, der schonungslos und blind
das Lebensglück seiner Nächsten zerstört hat, der aber wichtige
Geschäftsreisen unterbricht, um die Schönheit eines Waldrandes, den er von
der Eisenbahn aus erspäht hat, geniessen zu können. Solche oder ähnliche
Fälle sind gewiss jedem bekannt, sodass ich die Beispiele nicht zu häufen
brauche. Ebenso gut, wie uns die alltägliche Erfahrung berechtigt, von einer
äussern Persönlichkeit zu sprechen, berechtigt sie uns auch, die Existenz
einer innern Persönlichkeit anzunehmen. Die innere Persönlichkeit ist die
Art und Weise, wie sich einer zu den innern psychischen Vorgängen verhält,
sie ist die innere Einstellung, der Charakter, den er dem Unbewussten
zukehrt. Ich bezeichne die äussere Einstellung, den äussern Charakter als
Persona, die innere Einstellung bezeichne ich als Anima, als Seele. In
demselben Masse als eine Einstellung habituell ist, ist sie ein mehr oder
weniger festgefügter Funktionskomplex, mit dem sich das Ich mehr oder
weniger identifizieren kann. Die Sprache drückt es plastisch aus: wenn
jemand eine habituelle Einstellung gewissen Situationen gegenüber hat, so
pflegt man zu sagen: Er ist ein ganz anderer, wenn er dieses oder jenes tut.
Damit ist die Selbständigkeit des Funktionskomplexes einer habituellen
Einstellung dargetan: es ist, wie wenn eine andere Persönlichkeit vom
Individuum Besitz ergriffe, wie wenn „ein anderer Geist in ihn gefahren
wäre“. Dieselbe Selbständigkeit, wie sie der äussern Einstellung sehr oft
zukommt, beansprucht auch die innere Einstellung, die Seele. Es gehört zu
den allerschwierigsten Kunststücken der Erziehung, die Persona, die
äussere Einstellung zu ändern. Ebenso schwierig ist es, die Seele zu ändern,
denn ihre Struktur pflegt genau so fest gefügt zu sein, wie die der Persona.
Wie die Persona ein Wesen ist, das oft den ganzen anscheinenden Charakter
eines Menschen ausmacht und ihn gegebenen Falls durch sein ganzes
Leben unveränderlich begleitet, so ist auch seine Seele ein bestimmt

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umrissenes Wesen von einem bisweilen unveränderlich festen und
selbständigen Charakter. Sie lässt sich darum öfters sehr wohl
charakterisieren und beschreiben.
Was den Charakter der Seele anbetrifft, so gilt nach meiner Erfahrung
der allgemeine Grundsatz, dass sie sich im grossen und ganzen zum äussern
Charakter complementär verhält. Die Seele pflegt erfahrungsgemäss alle
diejenigen allgemein menschlichen Eigenschaften zu enthalten, welche der
bewussten Einstellung fehlen. Der von bösen Träumen, düstern Ahnungen
und innerlichen Ängsten geplagte Tyrann ist eine typische Figur. Äusserlich
rücksichtslos, hart und unzugänglich, ist er innerlich jedem Schatten
zugänglich, jeder Laune unterworfen, wie wenn er das unselbständigste,
bestimmbarste Wesen wäre. Seine Seele enthält also jene allgemein
menschlichen Eigenschaften der Bestimmbarkeit und der Schwäche, die
seiner äussern Einstellung, seiner Persona gänzlich fehlen. Ist die Persona
intellektuell, so ist die Seele ganz sicher sentimental. Der
Complementärcharakter der Seele betrifft aber auch den
Geschlechtscharakter, wie ich vielfach unzweifelhaft gesehen habe. Eine
sehr weibliche Frau hat eine männliche Seele, ein sehr männlicher Mann
eine weibliche Seele. Dieser Gegensatz rührt daher, dass z. B. der Mann
nicht durchaus und in allen Dingen männlich ist, sondern er hat
normalerweise auch gewisse weibliche Züge. Je männlicher seine äussere
Einstellung ist, desto mehr sind darin die weiblichen Züge ausgemerzt; sie
treten daher an der Seele auf. Dieser Umstand erklärt, warum gerade sehr
männliche Männer charakteristischen Schwächen unterworfen sind: sie
verhalten sich zu den Regungen des Unbewussten weiblich-bestimmbar und
beeinflussbar. Umgekehrt sind oft gerade die weiblichsten Frauen gewissen
innern Dingen gegenüber von einer Unbelehrbarkeit, Hartnäckigkeit und
Eigensinnigkeit, welche Eigenschaften in solcher Intensität nur beim Manne
als äussere Einstellung zu finden sind. Es sind Züge männlicher Art, die,
von der weiblichen äussern Einstellung ausgeschlossen, zu Eigenschaften
der Seele geworden sind. Wenn wir daher beim Manne von einer Anima
sprechen, so müssten wir folgerichtigerweise bei der Frau von einem
Animus reden, um der Seele der Frau den richtigen Namen zu geben. Wie
beim Manne im allgemeinen in der äussern Einstellung Logik und
Sachlichkeit überwiegen oder wenigstens als Ideale betrachtet werden, so
bei der Frau das Gefühl. In der Seele aber kehrt sich das Verhältnis um, der
Mann fühlt nach Innen, die Frau aber überlegt. Deshalb ist der Mann

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leichter total verzweifelt, wo die Frau immer noch trösten und hoffen kann,
darum bringt er sich eher um als die Frau. So sehr die Frau den sozialen
Umständen z. B. als Prostituierte zum Opfer fallen kann, so sehr verfällt der
Mann den Impulsen des Unbewussten, dem Alkoholismus und andern
Lastern.
Was die allgemein menschlichen Eigenschaften betrifft, so lässt sich der
Charakter der Seele aus dem Charakter der Persona deduzieren. Alles, was
normalerweise in der äussern Einstellung sein sollte, dort aber
auffallenderweise fehlt, findet sich unzweifelhaft in der innern Einstellung.
Dies ist eine Grundregel, die sich mir immer wieder bestätigte. Was aber die
individuellen Eigenschaften anbetrifft, so lässt sich in dieser Hinsicht nichts
deduzieren. Man kann nur gewiss sein, dass, wenn jemand mit seiner
Persona identisch ist, die individuellen Eigenschaften mit der Seele
associiert sind. Aus dieser Association geht das in Träumen häufige Symbol
der Seelenschwangerschaft hervor, das sich an das urtümliche Bild der
Heldengeburt anlehnt. Das zu gebärende Kind bedeutet dann die noch nicht
bewusst vorhandene Individualität. So wie die Persona als Ausdruck der
Anpassung an das Milieu in der Regel stark vom Milieu beeinflusst und
geformt ist, so ist auch die Seele stark vom Unbewussten und dessen
Qualitäten geformt. Wie die Persona in einem primitiven Milieu fast
notwendigerweise primitive Züge annimmt, so übernimmt die Seele
einerseits die archaïschen Züge des Unbewussten, andererseits den
symbolisch-prospektiven Charakter des Unbewussten. Daher stammt das
„Ahnungsreiche“ und „Schöpferische“ der innern Einstellung. Die Identität
mit der Persona bedingt automatisch eine unbewusste Identität mit der
Seele, denn, wenn das Subjekt, das Ich, ununterschieden ist von der
Persona, so hat es keine bewusste Beziehung zu den Vorgängen des
Unbewussten. Es ist daher diese Vorgänge selber, es ist identisch damit. Wer
seine äussere Rolle unbedingt selber ist, der ist auch unweigerlich den
innern Vorgängen verfallen, d. h. er wird gegebenenfalls seine äussere Rolle
mit unbedingter Notwendigkeit durchkreuzen oder sie ad absurdum führen
(Enantiodromia, s. d.). Eine Behauptung der individuellen Linie ist dadurch
ausgeschlossen, und das Leben verläuft in den unausweichlichen
Gegensätzen. In diesem Falle ist die Seele auch immer projiziert in ein
entsprechendes, reales Objekt, zu welchem dann ein fast unbedingtes
Abhängigkeitsverhältnis existiert. Alle Reaktionen, die von diesem Objekt

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ausgehen, haben eine unmittelbare, von Innen angreifende Wirkung auf das
Subjekt. Es handelt sich oft um tragische Bindungen. (Siehe Seelenbild.)
49. Seelenbild. Das S. ist ein bestimmter Fall unter den psychischen
Bildern (s. d.), die das Unbewusste produziert. Wie die Persona, die äussere
Einstellung, in den Träumen durch die Bilder gewisser Personen, welche
die betreffenden Eigenschaften in besonders ausgeprägter Form besitzen,
dargestellt wird, so wird auch die Seele, die innere Einstellung vom
Unbewussten durch bestimmte Personen, welche die der Seele
entsprechenden Eigenschaften besitzen, dargestellt. Ein solches Bild heisst
S. Gelegentlich sind es auch ganz unbekannte oder mythologische
Personen. Bei Männern wird die Seele vom Unbewussten in der Regel als
weibliche Person dargestellt, bei Frauen als männliche Person. In jenen
Fällen, wo die Individualität unbewusst und darum mit der Seele associiert
ist, hat das S. gleichgeschlechtlichen Charakter. In allen jenen Fällen, wo
eine Identität mit der Persona (siehe Seele) vorliegt, und daher die Seele
unbewusst ist, ist das Seelenbild in eine reale Person verlegt. Diese Person
ist der Gegenstand einer intensiven Liebe oder eines ebenso intensiven
Hasses (oder auch der Furcht). Die Einflüsse dieser Person haben den
Charakter der Unmittelbarkeit und des unbedingt Zwingenden, indem sie
stets affektiv beantwortet werden. Der Affekt rührt daher, dass eine
wirkliche bewusste Anpassung an das das S. vorstellende Objekt unmöglich
ist. Wegen der Unmöglichkeit und Nichtexistenz einer objektiven
Beziehung staut sich die Libido auf und explodiert in einer Affektentladung.
Affekte finden sich stets an Stelle missglückter Anpassungen. Eine
bewusste Anpassung an das das S. darstellende Objekt ist eben darum
unmöglich, weil dem Subjekt die Seele unbewusst ist. Wäre sie ihm
bewusst, so könnte es sie vom Objekt unterscheiden und damit auch die
unmittelbaren Wirkungen des Objektes aufheben, denn diese Wirkungen
rühren von der Projektion des S. auf das Objekt her.
Als realer Träger des S. eignet sich für den Mann am besten eine Frau,
wegen der weiblichen Qualität seiner Seele, für die Frau am ehesten ein
Mann. Wo immer eine unbedingte, sozusagen magisch wirkende Beziehung
zwischen den Geschlechtern besteht, handelt es sich um eine Projektion des
S. Da nun diese Beziehungen häufig sind, so muss auch die Seele häufig
unbewusst sein, d. h. es muss vielen Menschen unbewusst sein, wie sie sich
zu den innern psychischen Vorgängen verhalten. Weil diese Unbewusstheit

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immer zusammengeht mit einer entsprechend vollständigen Identifikation
mit der Persona (s. Seele), so muss diese letztere offenbar häufig sein. Dies
trifft nun insofern mit der Wirklichkeit zusammen, als tatsächlich sehr viele
Menschen sich mit ihrer äussern Einstellung völlig identifizieren und daher
kein bewusstes Verhältnis zu den innern Vorgängen haben. Immerhin
kommt auch der umgekehrte Fall vor, dass das S. nicht projiziert wird,
sondern beim Subjekt bleibt, woraus insofern eine Identifikation mit der
Seele hervorgeht, als das betreffende Subjekt dann überzeugt ist, dass die
Art und Weise, wie es sich zu den innern Vorgängen verhält, auch sein
einziger und wirklicher Charakter sei. In diesem Fall wird die Persona
infolge ihres Unbewusstseins projiziert und zwar auf ein
gleichgeschlechtliches Objekt, eine Grundlage für viele Fälle von offener
oder mehr latenter Homosexualität oder von Vaterübertragungen bei
Männern und Mutterübertragungen bei Frauen. Solche Fälle betreffen
immer Menschen mit defekter äusserer Anpassung und relativer
Beziehungslosigkeit, denn die Identifikation mit der Seele schafft eine
Einstellung, die sich vorwiegend an der Wahrnehmung innerer Vorgänge
orientiert, wodurch dem Objekt der bedingende Einfluss weggenommen
wird.
Wird das S. projiziert, so tritt eine unbedingte affektive Bindung an das
Objekt ein. Wird es nicht projiziert, so entsteht ein relativ unangepasster
Zustand, den Freud als Narzissmus zum Teil beschrieben hat. Die
Projektion des S. entbindet von der Beschäftigung mit den innern
Vorgängen, so lange das Verhalten des Objektes mit dem S. übereinstimmt.
Dadurch ist das Subjekt in den Stand gesetzt, seine Persona zu leben und
weiter zu entwickeln. Auf die Dauer wird allerdings das Objekt kaum
imstande sein, den Anforderungen des S. stets zu entsprechen, obschon es
Frauen gibt, die unter Hintansetzung des eigenen Lebens es fertig bringen,
ihren Ehemännern die längste Zeit hindurch das S. darzustellen. Dazu hilft
ihnen der biologische weibliche Instinkt. Dasselbe kann ein Mann
unbewusst für seine Frau tun, nur wird er dadurch zu Taten veranlasst, die
im Guten und im Schlechten schliesslich seine Fähigkeiten übersteigen.
Auch dazu hilft ihm der biologische männliche Instinkt. Wird das S. nicht
projiziert, so entsteht mit der Zeit eine geradezu krankhafte Differenzierung
der Beziehung zum Unbewussten. Das Subjekt wird in zunehmendem
Masse von unbewussten Inhalten überschwemmt, die es wegen der
mangelnden Beziehung zum Objekt weder verwerten noch irgendwie sonst

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verarbeiten kann. Es ist selbstverständlich, dass solche Inhalte das
Verhältnis zum Objekt in hohem Masse beeinträchtigen. Diese beiden
Einstellungen sind natürlich äusserste Grenzfälle, zwischen denen die
normalen Einstellungen liegen. Wie bekannt, zeichnet sich der Normale
keineswegs durch eine besondere Klarheit, Reinheit oder Tiefe seiner
psychologischen Phänomene aus, sondern vielmehr durch deren allgemeine
Dämpfung und Verwischtheit. Bei Menschen mit einer gutmütigen und
nicht aggressiven äussern Einstellung hat das S. in der Regel einen
bösartigen Charakter. Ein literarisches Beispiel hiefür ist das dämonische
Weib, das den Zeus begleitet in Spittelers Olympischem Frühling. Der
verkommene Mann ist für idealistische Frauen öfters ein Träger des S.,
daher die in solchen Fällen häufige „Rettungsphantasie“, dasselbe bei
Männern, wo die Prostituierte mit dem Glorienschein der zu rettenden Seele
umgeben ist.
50. Selbst. (Siehe Ich.)
51. Subjektstufe. Unter Deutung auf der S. verstehe ich diejenige
Auffassung eines Traumes oder einer Phantasie, bei der die darin
auftretenden Personen oder Verhältnisse als auf subjektive, gänzlich der
eigenen Psyche angehörende Faktoren bezogen werden. Bekanntlich ist das
in unserer Psyche befindliche Bild eines Objektes niemals dem Objekt
absolut gleich, sondern höchstens ähnlich. Es kommt zwar durch die
sinnliche Perception und durch die Apperception dieser Reize zustande,
aber eben durch Vorgänge, welche schon unserer Psyche angehören und
vom Objekt bloss veranlasst sind. Das Zeugnis unserer Sinne deckt sich
zwar erfahrungsgemäss weitgehend mit den Qualitäten des Objektes, unsere
Apperception aber steht unter fast unabsehbaren subjektiven Einflüssen,
welche die richtige Erkenntnis eines menschlichen Charakters
ausserordentlich erschweren. Eine so komplexe psychische Grösse, wie sie
ein menschlicher Charakter darstellt, bietet zudem der reinen
Sinnesperception nur sehr geringe Anhaltspunkte. Seine Erkenntnis
erfordert auch Einfühlung, Überlegung und Intuition. Infolge dieser
Komplikationen ist natürlich das endliche Urteil immer nur von sehr
zweifelhaftem Werte, sodass das Bild, das wir uns von einem menschlichen
Objekte formen, unter allen Umständen äusserst subjektiv bedingt ist. Man
tut darum in der praktischen Psychologie gut daran, wenn man das Bild, die
Imago eines Menschen streng unterscheidet von seiner wirklichen Existenz.

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Infolge des äusserst subjektiven Zustandekommens einer Imago ist sie nicht
selten eher ein Bild eines subjektiven Funktionskomplexes als des Objektes
selbst. Darum ist es bei der analytischen Behandlung unbewusster Produkte
wesentlich, dass die Imago nicht ohne weiteres als mit dem Objekt
identisch gesetzt, sondern vielmehr als ein Bild der subjektiven Beziehung
zum Objekt aufgefasst wird. Dies ist die Auffassung auf der S.
Die Behandlung eines unbewussten Produktes auf der S. ergiebt das
Vorhandensein subjektiver Urteile und Tendenzen, zu deren Träger das
Objekt gemacht wird. Wenn nun in einem unbewussten Produkt eine
Objektimago auftritt, so handelt es sich also nicht eo ipso um das reale
Objekt, sondern ebensowohl, vielleicht sogar vorwiegend, um einen
subjektiven Funktionskomplex (s. Seelenbild). Die Anwendung der
Deutung auf der S. erlaubt uns eine umfassende psychologische Deutung
nicht nur des Traumes, sondern auch literarischer Werke, in denen die
einzelnen Figuren Vertreter für relativ selbständige Funktionskomplexe in
der Psyche des Dichters sind.
51. Symbol. Der Begriff eines S. ist in meiner Auffassung streng
unterschieden von dem Begriff eines blossen Zeichens. Symbolische und
semiotische Bedeutung sind ganz verschiedene Dinge. Ferrero[374] spricht
in seinem Buche streng genommen nicht von S., sondern von Zeichen. Z. B.
der alte Gebrauch, beim Verkaufe eines Grundstückes ein Stück Rasen zu
überreichen, lässt sich vulgär als „symbolisch“ bezeichnen, ist aber seiner
Natur nach durchaus semiotisch. Das Stück Rasen ist ein Zeichen, gesetzt
für das ganze Grundstück. Das Flügelrad des Eisenbahnbeamten ist kein S.
der Eisenbahn, sondern ein Zeichen, das die Zugehörigkeit zum
Eisenbahnbetrieb kennzeichnet. Das S. dagegen setzt immer voraus, dass
der gewählte Ausdruck die bestmögliche Bezeichnung oder Formel für
einen relativ unbekannten, jedoch als vorhanden erkannten oder geforderten
Tatbestand sei. Wenn also das Flügelrad des Eisenbahnbeamten als S.
erklärt wird, so wäre damit gesagt, dass dieser Mann mit einem
unbekannten Wesen zu tun habe, das sich nicht anders und besser
ausdrücken liesse, als durch ein beflügeltes Rad. Jede Auffassung, welche
den symbolischen Ausdruck als Analogie oder abgekürzte Bezeichnung
einer bekannten Sache erklärt, ist semiotisch. Eine Auffassung, welche den
symbolischen Ausdruck als bestmögliche und daher zunächst gar nicht
klarer oder charakteristischer darzustellende Formulierung einer relativ

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unbekannten Sache erklärt, ist symbolisch. Eine Auffassung, welche den
symbolischen Ausdruck als absichtliche Umschreibung oder Umgestaltung
einer bekannten Sache erklärt, ist allegorisch. Die Erklärung des Kreuzes
als eines S. der göttlichen Liebe ist semiotisch, denn „göttliche Liebe“
bezeichnet den auszudrückenden Tatbestand treffender und besser als ein
Kreuz, das noch viele andere Bedeutungen haben kann. Symbolisch
hingegen ist diejenige Erklärung des Kreuzes, welche es über alle
erdenkbaren Erklärungen hinaus, als einen Ausdruck eines annoch
unbekannten und unverstehbaren mystischen oder transscendenten, d. h.
also zunächst psychologischen Tatbestandes, der sich schlechthin am
treffendsten durch das Kreuz darstellen lässt, ansieht.
Solange ein S. lebendig ist, ist es der Ausdruck einer sonstwie nicht
besser zu kennzeichnenden Sache. Das S. ist nur lebendig, solange es
bedeutungsschwanger ist. Ist aber sein Sinn aus ihm geboren, d. h. ist
derjenige Ausdruck gefunden, welcher die gesuchte, erwartete oder geahnte
Sache noch besser als das bisherige S. formuliert, so ist das S. tot, d. h. es
hat nur noch historische Bedeutung. Man kann deshalb von ihm immer
noch als von einem S. reden, unter der stillschweigenden Voraussetzung,
dass man von ihm spricht, als das, was es war, als es seinen bessern
Ausdruck noch nicht aus sich geboren hatte. Die Art und Weise, wie Paulus
und die ältere mystische Spekulation das Kreuzsymbol behandeln, zeigt,
dass es für sie ein lebendiges S. war, welches Unaussprechliches in
unübertrefflicher Weise darstellte. Für jede esoterische Erklärung ist das S.
tot, denn es ist durch die Esoterik auf einen (sehr oft vermeintlich) bessern
Ausdruck gebracht, wodurch es zum blossen konventionellen Zeichen für
anderwärts völliger und besser bekannte Zusammenhänge dient. Lebendig
ist das S. immer nur für den exoterischen Standpunkt. Ein Ausdruck, der für
eine bekannte Sache gesetzt wird, bleibt immer ein blosses Zeichen und ist
niemals S. Es ist darum ganz unmöglich, ein lebendiges, d. h.
bedeutungsschwangeres S. aus bekannten Zusammenhängen zu schaffen.
Denn das so Geschaffene enthält nie mehr, als was darein gelegt wurde.
Jedes psychische Produkt, insofern es der augenblicklich bestmögliche
Ausdruck für einen annoch unbekannten oder bloss relativ bekannten
Tatbestand ist, kann als Symbol aufgefasst werden, insofern man geneigt
ist, anzunehmen, dass der Ausdruck auch das, was erst geahnt, aber noch
nicht klar gewusst ist, bezeichnen wolle. Insofern jede wissenschaftliche
Theorie eine Hypothese einschliesst, also eine antizipierende Bezeichnung

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eines im wesentlichen noch unbekannten Tatbestandes ist, ist sie ein S. Des
Weitern ist jede psychologische Erscheinung ein S. unter der Annahme,
dass sie noch ein Mehreres und Anderes besage oder bedeute, was sich der
gegenwärtigen Erkenntnis entziehe. Diese Annahme ist schlechterdings
überall möglich, wo ein Bewusstsein ist, das auf weitere
Bedeutungsmöglichkeiten der Dinge eingestellt ist. Sie ist nur da nicht
möglich, und zwar bloss für dieses selbe Bewusstsein, wo es selber einen
Ausdruck hergestellt hat, der genau soviel besagen soll, als die Absicht
seiner Herstellung wollte, also z. B. ein mathematischer Ausdruck. Für ein
anderes Bewusstsein aber besteht diese Einschränkung keineswegs. Es kann
auch den mathematischen Ausdruck als ein S. auffassen für einen in der
Absicht seiner Herstellung verborgenen, unbekannten psychischen
Tatbestand, insofern dieser Tatbestand demjenigen, der den semiotischen
Ausdruck geschaffen hat, nachweisbar nicht bekannt ist und darum nicht
Gegenstand einer bewussten Benützung sein konnte. Ob etwas ein S. sei
oder nicht, hängt zunächst von der Einstellung des betrachtenden
Bewusstseins ab, eines Verstandes z. B., der den gegebenen Tatbestand
nicht bloss als solchen, sondern auch als Ausdruck von Unbekanntem
ansieht. Es ist daher wohl möglich, dass jemand einen Tatbestand herstellt,
der seiner Betrachtung keineswegs symbolisch erscheint, wohl aber einem
andern Bewusstsein. Ebenso ist der umgekehrte Fall möglich. Es gibt nun
allerdings Produkte, deren symbolischer Charakter nicht bloss von der
Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt, sondern sich von sich
aus in einer symbolischen Wirkung auf den Betrachtenden offenbart. Es
sind dies Produkte, die so gestaltet sind, dass sie jeglichen Sinnes entbehren
müssten, wenn ihnen nicht ein symbolischer Sinn zukäme. Ein Dreieck mit
einem darin eingeschlossenen Auge ist als reine Tatsächlichkeit dermassen
sinnlos, dass der Betrachtende es unmöglich als eine bloss zufällige
Spielerei auffassen kann. Eine solche Gestaltung drängt eine symbolische
Auffassung unmittelbar auf. Unterstützt wird diese Wirkung entweder durch
ein öfteres und identisches Vorkommen derselben Gestaltung oder durch
eine besonders sorgfältige Art der Herstellung, welche nämlich der
Ausdruck eines darauf verlegten besondern Wertes ist. S., die nicht in dieser
eben beschriebenen Weise aus sich wirken, sind entweder tot, d. h. durch
bessere Formulierung überholt, oder Produkte, deren symbolische Natur
ausschliesslich von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins
abhängt. Wir können diese Einstellung, welche die gegebene Erscheinung

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als symbolisch auffasst, abgekürzt als symbolische Einstellung bezeichnen.
Sie ist durch das Verhalten der Dinge nur zum Teil berechtigt, zum andern
Teil ist sie Ausfluss einer bestimmten Weltanschauung, welche nämlich
dem Geschehen, sei es im Grossen oder Kleinen, einen Sinn beimisst und
auf diesen Sinn einen gewissen grössern Wert legt, als auf die reine
Tatsächlichkeit. Dieser Anschauung steht eine andere Anschauung
gegenüber, die den Akzent stets auf die reine Tatsächlichkeit legt und den
Sinn den Tatsachen unterordnet. Für diese letztere Einstellung gibt es
überall dort keine S., wo die Symbolik ausschliesslich auf der Art der
Betrachtung beruht. Dagegen gibt es auch für sie S., nämlich eben solche,
die den Betrachter zur Vermutung eines verborgenen Sinnes auffordern. Ein
stierköpfiges Götterbild kann zwar als ein Menschenleib mit einem
Stierkopf drauf erklärt werden. Diese Erklärung dürfte aber der
symbolischen Erklärung kaum die Wage halten, denn das S. ist zu
aufdringlich, als dass es übergangen werden könnte. Ein S., das seine
symbolische Natur aufdringlich dartut, braucht noch kein lebendiges S. zu
sein. Es kann z. B. bloss auf den historischen oder philosophischen Verstand
wirken. Es erweckt intellektuelles oder ästhetisches Interesse. Lebendig
heisst ein S. aber nur dann, wenn es ein best- und höchstmöglicher
Ausdruck des Geahnten und noch nicht Gewussten auch für den
Betrachtenden ist. Unter diesen Umständen bewirkt es unbewusste
Anteilnahme. Es hat lebenerzeugende und -fördernde Wirkung. Wie Faust
sagt:
„Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein —“ Das lebendige S.
formuliert ein wesentliches unbewusstes Stück, und je allgemeiner
verbreitet dieses Stück ist, desto allgemeiner ist auch die Wirkung des S.,
denn es rührt in jedem die verwandte Saite an. Da das S. einerseits der
bestmögliche und für die gegebene Epoche nicht zu übertreffende Ausdruck
für das noch Unbekannte ist, so muss es aus dem Differenziertesten und
Kompliziertesten der zeitgenössischen geistigen Atmosphäre hervorgehen.
Da das lebendige S. andererseits aber das Verwandte einer grössern
Menschengruppe in sich schliessen muss, um überhaupt auf eine solche
wirken zu können, so muss es gerade das erfassen, was einer grössern
Menschengruppe gemeinsam sein kann. Dies kann nun niemals das
Höchstdifferenzierte, das Höchsterreichbare sein, denn das erreichen und
verstehen nur die wenigsten, sondern es muss etwas noch so Primitives
sein, dass dessen Omnipräsenz ausser allem Zweifel steht. Nur wenn das S.

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dieses erfasst und auf den höchstmöglichen Ausdruck bringt, hat es
allgemeine Wirkung. Darin besteht die gewaltige und zugleich erlösende
Wirkung eines lebendigen sozialen S.
Das Gleiche nun, was ich hier vom sozialen S. sage, gilt für das
individuelle S. Es gibt individuelle psychische Produkte, die offenkundig
symbolischen Charakter haben, die ohne weiteres zu einer symbolischen
Auffassung drängen. Für das Individuum haben sie eine ähnliche
funktionelle Bedeutung, wie das soziale S. für eine grössere
Menschengruppe. Diese Produkte sind aber nie von einer ausschliesslich
bewussten oder ausschliesslich unbewussten Abstammung, sondern gehen
aus einer gleichmässigen Mitwirkung beider hervor. Die reinen
Bewusstseinsprodukte sowohl wie die ausschliesslich unbewussten
Produkte sind nicht eo ipso überzeugend symbolisch, sondern es bleibt der
symbolischen Einstellung des betrachtenden Bewusstseins überlassen,
ihnen den Charakter des S. zuzuerkennen. Sie können aber ebensowohl
auch als rein kausal bedingte Tatsachen aufgefasst werden, etwa in dem
Sinne, wie man das rote Exanthem des Scharlachs als ein „Symbol“ des
Scharlachs auffassen kann. Man spricht in diesem Fall allerdings mit Recht
von „Symptom“ und nicht von Symbol. Freud hat m. E. darum von seinem
Standpunkt aus mit Recht nicht von symbolischen, sondern von
Symptomhandlungen[375] gesprochen, denn für ihn sind diese
Erscheinungen nicht symbolisch in dem hier definierten Sinne, sondern
symptomatische Zeichen eines bestimmten und allgemein bekannten
grundliegenden Prozesses. Es gibt natürlich Neurotiker, die ihre
unbewussten Produkte, welche in erster Linie und hauptsächlich
Krankheitssymptome sind, als höchst bedeutungsvolle S. auffassen. Aber
im allgemeinen ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, der Neurotiker von
heute ist nur zu sehr geneigt, auch das Bedeutungsvolle nur als „Symptom“
aufzufassen. Die Tatsache, dass es zwei distinkte, einander widersprechende
und von hüben und drüben eifrig verfochtene Auffassungen gibt über Sinn
und Nichtsinn der Dinge, belehrt uns, dass es offenbar Vorgänge gibt, die
keinen besondern Sinn ausdrücken, die blosse Konsequenzen, nichts wie
Symptome sind, und andere Vorgänge, welche einen verborgenen Sinn in
sich tragen; die nicht bloss von etwas abstammen, sondern vielmehr zu
etwas werden wollen und die darum S. sind. Es ist unserm Takt und unserer
Kritik überlassen, zu entscheiden, wo wir es mit Symptomen, und wo mit S.
zu tun haben.

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Das S. ist immer ein Gebilde höchst komplexer Natur, denn es setzt sich
zusammen aus den Daten aller psychischen Funktionen. Es ist
infolgedessen weder rationaler, noch irrationaler Natur. Es hat zwar eine
Seite, die der Vernunft entgegenkommt, aber auch eine Seite, die der
Vernunft unzugänglich ist, indem es nicht nur aus Daten rationaler Natur,
sondern auch aus den irrationalen Daten der reinen innern und äussern
Wahrnehmung zusammengesetzt ist. Das Ahnungsreiche und
Bedeutungsschwangere des Symbols spricht ebenso wohl das Denken, wie
das Fühlen an, und seine eigenartige Bildhaftigkeit, wenn zu sinnlicher
Form gestaltet, erregt die Empfindung sowohl wie die Intuition. Das
lebendige S. kann nicht zustande kommen in einem stumpfen und wenig
entwickelten Geiste, denn ein solcher wird sich am schon vorhandenen S.,
wie es ihm das traditionell Bestehende darbietet, genügen lassen. Nur die
Sehnsucht eines hoch entwickelten Geistes, dem das gebotene S. die
höchste Vereinigung in einem Ausdruck nicht mehr vermittelt, kann ein
neues S. erzeugen. Indem das S. aber eben aus seiner höchsten und letzten
geistigen Errungenschaft hervorgeht, und zugleich auch die tiefsten Gründe
seines Wesens einschliessen muss, so kann es nicht einseitig aus den höchst
differenzierten geistigen Funktionen hervorgehen, sondern es muss auch im
gleichen Masse den niedersten und primitivsten Regungen entstammen.
Damit diese Zusammenwirkung gegensätzlichster Zustände überhaupt
möglich wird, müssen sie beide in vollstem Gegensatz bewusst neben
einander stehen. Dieser Zustand muss eine heftigste Entzweiung mit sich
selbst sein und zwar in dem Masse, dass sich Thesis und Antithesis
negieren, und das Ich doch seine unbedingte Anteilnahme an Thesis und
Antithesis anerkennen muss. Besteht aber eine Unterlegenheit des einen
Teiles, so wird das S. vorwiegend das Produkt des andern Teiles sein und
eben in selbem Masse auch weniger S. als Symptom sein, nämlich
Symptom einer unterdrückten Antithesis. In dem Masse aber, in welchem
ein S. blosses Symptom ist, ermangelt es auch der befreienden Wirkung,
denn es drückt nicht die völlige Existenzberechtigung aller Teile der Psyche
aus, sondern erinnert an die Unterdrückung der Antithesis, auch wenn sich
das Bewusstsein hievon nicht Rechenschaft ablegen sollte. Besteht aber
eine völlige Gleichheit und Gleichberechtigung der Gegensätze, bezeugt
durch die unbedingte Anteilnahme des Ich an Thesis und Antithesis, so ist
damit ein Stillstand des Wollens geschaffen, denn es kann nicht mehr
gewollt werden, weil jedes Motiv sein gleich starkes Gegenmotiv neben

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sich hat. Da das Leben niemals einen Stillstand erträgt, so entsteht eine
Stauung der Lebensenergie, die zu einem unerträglichen Zustand führen
würde, wenn nicht aus der Gegensatzspannung eine neue vereinigende
Funktion entstünde, welche über die Gegensätze hinausführt. Sie entsteht
aber natürlicherweise aus der durch die Aufstauung bewirkten Regression
der Libido. Da durch die gänzliche Entzweiung des Willens ein Fortschritt
unmöglich gemacht ist, so strömt die Libido nach rückwärts ab, der Strom
fliesst gleichsam zur Quelle zurück, d. h. bei Stillstellung und Inaktivität
des Bewusstseins entsteht eine Aktivität des Unbewussten, wo alle
differenzierten Funktionen ihre gemeinsame, archaïsche Wurzel haben, wo
jene Vermischtheit der Inhalte besteht, von der die primitive Mentalität
noch zahlreiche Überreste aufweist. Durch die Aktivität des Unbewussten
wird nun ein Inhalt zu Tage gefördert, der gleichermassen durch Thesis und
Antithesis konstelliert ist und sich zu beiden kompensatorisch (s. d.)
verhält. Da dieser Inhalt sowohl eine Beziehung zur Thesis wie zur
Antithesis aufweist, so bildet er einen mittleren Grund, auf dem sich die
Gegensätze vereinigen können. Fassen wir z. B. den Gegensatz als den von
Sinnlichkeit und Geistigkeit auf, so bietet der mittlere aus dem
Unbewussten geborene Inhalt vermöge seines geistigen
Beziehungsreichtums der geistigen Thesis einen willkommenen Ausdruck,
und vermöge seiner sinnlichen Anschaulichkeit erfasst er die sinnliche
Antithesis. Das zwischen Thesis und Antithesis zerspaltene Ich aber findet
in dem einen mittleren Grund sein Gegenstück, seinen einen und eigenen
Ausdruck, und es wird ihn begierig ergreifen, um sich aus seiner
Zerspaltung zu erlösen. Daher strömt die Spannung der Gegensätze in den
mittleren Ausdruck ein und verteidigt ihn gegen den alsbald an ihm und in
ihm beginnenden Kampf der Gegensätze, welche beide versuchen, den
neuen Ausdruck in ihrem Sinne aufzulösen. Die Geistigkeit will aus dem
Ausdruck des Unbewussten etwas Geistiges machen, die Sinnlichkeit aber
etwas Sinnliches, die eine will Wissenschaft oder Kunst, die andere
sinnliches Erleben daraus schaffen. Die Auflösung des unbewussten
Produktes in das eine oder andere gelingt, wenn das Ich nicht völlig
zerspalten war, sondern mehr auf dieser als auf jener Seite stand. Gelingt
nun der einen Seite die Auflösung des unbewussten Produktes, so fällt nicht
nur das unbewusste Produkt an diese Seite, sondern auch das Ich, wodurch
eine Identifikation des Ich mit der meistbegünstigten Funktion (s.
minderwertige Funktion) entsteht. Infolgedessen wird sich der

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Zerspaltungsprozess später auf einer höheren Stufe wiederholen. Gelingt es
infolge der Festigkeit des Ich weder der Thesis noch der Antithesis, das
unbewusste Produkt aufzulösen, so ist damit dargetan, dass der unbewusste
Ausdruck sowohl der einen wie der andern Seite überlegen ist. Die
Festigkeit des Ich und die Überlegenheit des mittlern Ausdruckes über
Thesis und Antithesis scheinen mir Korrelate zu sein, die einander
gegenseitig bedingen. Bisweilen will es scheinen, als ob die Festigkeit der
angebornen Individualität das Ausschlaggebende wäre, bisweilen auch, als
ob der unbewusste Ausdruck eine überlegene Kraft besässe, welche das Ich
zur unbedingten Festigkeit veranlasst. In Wirklichkeit dürfte es aber
vielleicht so sein, dass die Festigkeit und Bestimmtheit der Individualität
einerseits und die überlegene Kraft des unbewussten Ausdruckes nichts als
Zeichen eines und desselben Tatbestandes sind. Bleibt der unbewusste
Ausdruck dermassen erhalten, so bildet er einen nicht aufzulösenden,
sondern zu formenden Rohstoff, der zum gemeinsamen Gegenstand für
Thesis und Antithesis wird. Er wird dadurch zu einem neuen, die ganze
Einstellung beherrschenden Inhalt, der die Zerspaltung aufhebt und die
Kraft der Gegensätze in ein gemeinsames Strombett zwingt. Damit ist der
Stillstand des Lebens aufgehoben und das Leben kann weiter fliessen mit
neuer Kraft und neuen Zielen.
Ich habe diesen eben beschriebenen Vorgang in seiner Totalität als
transscendente Funktion benannt, wobei ich unter „Funktion“ nicht eine
Grundfunktion, sondern eine komplexe, aus andern Funktionen
zusammengesetzte Funktion verstehe, und mit „transscendent“ keine
metaphysische Qualität bezeichnen will, sondern die Tatsache, dass durch
diese Funktion ein Übergang von der einen Einstellung in eine andere
geschaffen wird. Der von Thesis und Antithesis bearbeitete Rohstoff, der in
seinem Formungsprozess die Gegensätze vereinigt, ist das lebendige S. In
seinem für eine lange Epoche nicht aufzulösenden Rohstoff liegt sein
Ahnungsreiches und in der Gestalt, die sein Rohstoff durch die Einwirkung
der Gegensätze empfängt, liegt seine Wirkung auf alle psychischen
Funktionen. Andeutungen der Grundlagen des symbolbildenden Prozesses
finden sich in den spärlichen Berichten über die Initiationsperioden der
Religionsstifter, z. B. Jesus und Satan, Buddha und Mara, Luther und der
Teufel, Zwingli und seine weltliche Vorgeschichte, die Erneuerung des
Faust durch den Kontrakt mit dem Teufel bei Goethe. In Zarathustra finden

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wir gegen den Schluss ein treffliches Beispiel für die Unterdrückung der
Antithese in der Gestalt des „hässlichsten Menschen“.

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53. Synthetisch. (Siehe konstruktiv.)
54. Transscendente Funktion. (Siehe Symbol.)
55. Trieb. Wenn ich von T. in dieser oder andern Arbeiten spreche, so
meine ich damit dasselbe, was gemeinhin unter diesem Worte verstanden
ist: nämlich Nötigung zu gewissen Tätigkeiten. Die Nötigung kann
hervorgehen aus einem äussern oder innern Reiz, der den Mechanismus des
T. psychisch auslöst oder aus organischen Gründen, die ausserhalb der
Sphäre psychischer Kausalbeziehungen liegen. Triebmässig ist jede
psychische Erscheinung, die aus keiner durch Willensabsicht gesetzten
Verursachung hervorgeht, sondern aus dynamischer Nötigung, ob nun diese
Nötigung aus organischen, also ausserpsychischen Quellen direkt
abstammt, oder wesentlich bedingt ist von durch Willensabsicht bloss
ausgelösten Energien; in letzterm Fall mit der Einschränkung, dass das
hervorgebrachte Resultat die durch die Willensabsicht bezweckte Wirkung
übersteigt. Unter den Begriff des T. fallen m. E. alle diejenigen psychischen
Vorgänge, über deren Energie das Bewusstsein nicht disponiert.[376] Nach
dieser Auffassung gehören also die Affekte (s. d.) ebensowohl zu den T.-
Vorgängen, wie auch zu den Gefühlsvorgängen (s. Fühlen). Psychische
Vorgänge, die unter gewöhnlichen Umständen Willensfunktionen sind (d. h.
also gänzlich der Bewusstseinskontrolle unterstellt), können abnormerweise
zu T.-Vorgängen werden, dadurch, dass sich ihnen eine unbewusste Energie
zugesellt. Diese Erscheinung tritt überall da ein, wo die Sphäre des
Bewusstseins entweder durch Verdrängungen inkompatibler Inhalte
eingeschränkt wird, oder wo infolge von Ermüdung, Intoxikationen oder
überhaupt pathologischen Gehirnvorgängen ein „abaissement du niveau
mental“ (Janet) stattfindet, wo also mit einem Wort das Bewusstsein die
stärkstbetonten Vorgänge nicht mehr oder noch nicht kontrolliert.
Ich möchte solche Vorgänge, die einstmals bei einem Individuum
bewusst waren, sich aber mit der Zeit automatisiert haben, nicht als T.-
Vorgänge bezeichnen, sondern als automatische Vorgänge. Sie verhalten
sich auch normalerweise nicht als T., indem sie niemals unter normalen
Umständen als Nötigungen auftreten. Sie tun das nur, wenn ihnen eine
Energie zufliesst, die ihnen fremd ist.
56. Typus. T. ist ein den Charakter einer Gattung oder Allgemeinheit in
charakteristischer Weise wiedergebendes Beispiel oder Musterbild. In dem

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engern Sinne der vorliegenden Arbeit ist der T. ein charakteristisches
Musterbild einer in vielen individuellen Formen vorkommenden
allgemeinen Einstellung (s. d.). Von den zahlreichen vorkommenden und
möglichen Einstellungen hebe ich in der vorliegenden Untersuchung im
ganzen vier heraus, nämlich diejenigen, die sich hauptsächlich nach den
vier psychologischen Grundfunktionen orientieren (s. Funktion), also nach
Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden. Insofern eine solche Einstellung
habituell ist und dadurch dem Charakter des Individuums ein bestimmtes
Gepräge verleiht, spreche ich von einem psychologischen T. Diese auf die
Grundfunktionen basierten T., die man als Denk-, Fühl-, Intuitions- und
Empfindungs-T. bezeichnen kann, lassen sich gemäss der Qualität der
Grundfunktion in zwei Klassen scheiden: in die rationalen und in die
irrationalen T. Zu den ersteren gehören der Denk- und der Fühl-T., zu den
letzteren der intuitive und der Empfindungs-T. (s. rational, irrational). Eine
weitere Unterscheidung in zwei Klassen erlaubt die vorzugsweise
Libidobewegung, nämlich die Introversion und Extraversion (s. d.). Alle
Grundtypen können sowohl der einen wie der andern Klasse angehören, je
nach ihrer vorherrschenden mehr introvertierten oder mehr extravertierten
Einstellung. Ein Denk-T. kann zur introvertierten oder zur extravertierten
Klasse gehören, ebenso irgend ein anderer T. Die Unterscheidung in
rationale und irrationale T. ist ein anderer Gesichtspunkt und hat mit
Introversion und Extraversion nichts zu tun.
Ich habe in zwei vorläufigen Mitteilungen der Typenlehre[377] den
Denk- und den Fühl-T. nicht vom introvertierten und extravertierten T.
unterschieden, sondern den Denk-T. mit dem introvertierten und den Fühl-
T. mit dem extravertierten T. identifiziert. Bei der völligen Durcharbeitung
des Materials habe ich aber eingesehen, dass man den Introversions-T.
sowohl wie den Extraversions-T. als den Funktions-T. übergeordnete
Kategorien behandeln muss. Diese Trennung entspricht auch durchaus der
Erfahrung, indem es unzweifelhaft z. B. zweierlei Fühl-T. gibt, von denen
der eine mehr auf sein Gefühlserlebnis, der andere mehr auf das Objekt
eingestellt ist.
57. Unbewusst. Der Begriff des U. ist für mich ein ausschliesslich
psychologischer Begriff, und kein philosophischer im Sinne eines
metaphysischen. Das U. ist m. E. ein psychologischer Grenzbegriff, welcher
alle diejenigen psychischen Inhalte oder Vorgänge deckt, welche nicht

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bewusst sind, d. h. nicht auf das Ich in wahrnehmbarer Weise bezogen sind.
Die Berechtigung, überhaupt von der Existenz unbewusster Vorgänge zu
reden, ergibt sich mir einzig und allein aus der Erfahrung und zwar
zunächst aus der psychopathologischen Erfahrung, welche unzweifelhaft
dartut, dass z. B. in einem Falle von hysterischer Amnesie das Ich von der
Existenz ausgedehnter psychischer Komplexe nicht weiss, dass aber eine
einfache hypnotische Prozedur imstande ist, im nächsten Moment den
verlorenen Inhalt vollkommen zur Reproduktion zu bringen. Aus den
Tausenden von Erfahrungen dieser Art leitete man die Berechtigung ab, von
der Existenz unbewusster psychischer Inhalte zu reden. Die Frage, in
welchem Zustande sich ein unbewusster Inhalt befindet, solange er nicht
ans Bewusstsein angeschlossen ist, entzieht sich jeder
Erkenntnismöglichkeit. Es ist daher ganz überflüssig, darüber Vermutungen
anstellen zu wollen. Zu solchen Phantasien gehört die Vermutung der
Cerebration, des physiologischen Prozesses usw. Es ist auch ganz
unmöglich anzugeben, welches der Umfang des U. sei, d. h. welche Inhalte
es in sich fasse. Darüber entscheidet bloss die Erfahrung. Vermöge der
Erfahrung wissen wir zunächst, dass bewusste Inhalte durch Verlust ihres
energetischen Wertes unbewusst werden können. Dies ist der normale
Vorgang des Vergessens. Dass diese Inhalte unter der Bewusstseinsschwelle
nicht einfach verloren gehen, wissen wir durch die Erfahrung, dass sie
gelegentlich noch nach Jahrzehnten aus der Versenkung auftauchen können
unter geeigneten Umständen, z. B. im Traum, in der Hypnose, als
Kryptomnesie[378] oder durch Auffrischung von Associationen mit dem
vergessenen Inhalt.
Des fernern belehrt uns die Erfahrung, dass bewusste Inhalte ohne allzu
erhebliche Werteinbusse durch intentionelles Vergessen, was Freud als
Verdrängung eines peinlichen Inhaltes bezeichnet, unter die
Bewusstseinsschwelle geraten können. Eine ähnliche Wirkung entsteht
durch Dissociation der Persönlichkeit, eine Auflösung der Geschlossenheit
des Bewusstseins infolge heftigen Affektes oder infolge eines nervous
shock oder durch Persönlichkeitszerfall in der Schizophrenie (Bleuler).
Ebenso wissen wir aus Erfahrung, dass Sinnesperceptionen infolge ihrer
geringen Intensität oder infolge Ablenkung der Aufmerksamkeit keine
bewusste Apperception erreichen und doch zu psychischen Inhalten werden
durch unbewusste Apperception, was wiederum z. B. durch Hypnose

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nachgewiesen werden kann. Das Gleiche kann der Fall sein für gewisse
Schlüsse und sonstige Kombinationen, die wegen zu geringer Wertigkeit
oder wegen Ablenkung der Aufmerksamkeit unbewusst bleiben.
Schliesslich belehrt uns die Erfahrung auch, dass es unbewusste psychische
Zusammenhänge gibt, z. B. mythologische Bilder, welche niemals
Gegenstand des Bewusstseins waren, die also ganz aus unbewusster
Tätigkeit hervorgehen.
Soweit gibt uns die Erfahrung Anhaltspunkte zur Annahme der Existenz
unbewusster Inhalte. Sie kann aber nichts aussagen darüber, was
möglicherweise unbewusster Inhalt sein kann. Es ist müssig, darüber
Vermutungen anzustellen, weil es ganz unabsehbar ist, was alles
unbewusster Inhalt sein könnte. Wo ist die unterste Grenze einer
subliminalen Sinnesperception? Gibt es irgend eine Massbestimmung für
die Feinheit oder Reichweite unbewusster Kombinationen? Wann ist ein
vergessener Inhalt total ausgelöscht? Auf diese Fragen gibt es keine
Antwort.
Unsere bisherige Erfahrung von der Natur unbewusster Inhalte erlaubt
uns aber eine gewisse allgemeine Einteilung derselben. Wir können ein
persönliches U. unterscheiden, welches alle Acquisitionen der persönlichen
Existenz umfasst, also Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig
Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes. Neben diesen persönlichen
unbewussten Inhalten gibt es aber andere Inhalte, die nicht aus persönlichen
Acquisitionen, sondern aus der ererbten Möglichkeit des psychischen
Funktionierens überhaupt, nämlich aus der ererbten Hirnstruktur stammen.
Das sind die mythologischen Zusammenhänge, die Motive und Bilder, die
jederzeit und überall ohne historische Tradition oder Migration neu
entstehen können. Diese Inhalte bezeichne ich als collektiv unbewusst. So
gut wie die bewussten Inhalte in einer bestimmten Tätigkeit begriffen sind,
so sind es auch die unbewussten Inhalte, wie uns die Erfahrung lehrt. Wie
aus der bewussten psychischen Tätigkeit gewisse Resultate oder Produkte
hervorgehen, so gehen auch aus der unbewussten Tätigkeit Produkte hervor,
z. B. Träume und Phantasien. Es ist müssig, darüber zu spekulieren, wie
gross der Anteil des Bewusstseins z. B. an den Träumen sei. Ein Traum
stellt sich uns dar, wir erschaffen ihn nicht bewusst. Gewiss verändert die
bewusste Reproduktion, oder gar schon die Wahrnehmung vieles daran,

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ohne aber die Grundtatsache der produktiven Regung von unbewusster
Provenienz aus der Welt zu schaffen.
Das funktionelle Verhältnis der unbewussten Vorgänge zum
Bewusstsein dürfen wir als ein compensatorisches (s. d.) bezeichnen, indem
der unbewusste Vorgang erfahrungsgemäss das subliminale Material, das
durch die Bewusstseinslage konstelliert ist, zu Tage fördert, also alle
diejenigen Inhalte, welche, wenn alles bewusst wäre, am bewussten
Situationsbilde nicht fehlen könnten. Die compensatorische Funktion des
Unbewussten tritt umso deutlicher zu Tage, je einseitiger die bewusste
Einstellung ist, wofür die Pathologie reichliche Beispiele liefert.
58. Wille. Als W. fasse ich die dem Bewusstsein disponible psychische
Energiesumme auf. Der Willensvorgang wäre demnach ein energetischer
Prozess, der durch bewusste Motivation ausgelöst wird. Ich würde also
einen psychischen Vorgang, der durch unbewusste Motivation bedingt wird,
nicht als Willensvorgang bezeichnen. Der W. ist ein psychologisches
Phänomen, das seine Existenz der Kultur und der sittlichen Erziehung
verdankt, der primitiven Mentalität aber in hohem Masse fehlt.

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Schlusswort.
In unserer Zeit, in der aus den Errungenschaften der französischen
Revolution, der Liberté, Egalité, Fraternité, sich eine weit verbreitete
soziale Geistesströmung entwickelt hat, welche nicht etwa nur die
politischen Rechte auf ein allgemeines und gleiches Niveau herunterdrückt
oder heraufhebt, sondern auch das Unglück durch äussere Regulierungen
und Gleichmachungen beheben zu können meint, in einer solchen Zeit, ist
es wohl eine undankbare Aufgabe, von der völligen Ungleichartigkeit der
Elemente, welche die Nation zusammensetzen, zu reden. Trotzdem es
gewiss eine schöne Sache ist, dass jeder vor dem Gesetze gleich sei, dass
jeder seine politische Stimme habe, und dass keiner durch ererbte
Standesvorrechte ungerechterweise seinen Bruder überrage, so wird
dieselbe Sache weniger schön, wenn man diesen Gleichheitsgedanken noch
auf andere Gebiete des Lebens ausdehnt. Es muss jemand schon einen sehr
getrübten Blick haben oder aus einer sehr nebelhaften Distanz die
menschliche Gesellschaft anschauen, wenn er meinen sollte, dass durch
gleichmässige Regulierungen des Lebens eine gleichmässigere Verteilung
des Glückes erzielt werden könne. Er müsste schon etwa im Wahne
befangen sein, dass z. B. der gleiche Betrag an Einkommen, resp. an
äusserer Lebensmöglichkeit für alle ungefähr dieselbe Bedeutung besitzen
müsse. Was tut ein solcher Gesetzgeber aber mit allen jenen, deren grössere
Lebensmöglichkeit innen liegt, anstatt aussen? Er müsste, wenn er gerecht
wäre, dem einen etwa doppelt soviel geben wie dem andern, denn dem
einen bedeutet es viel und dem andern wenig. Über die psychologische
Verschiedenheit der Menschen, diesen notwendigsten Faktor der
Lebensenergie einer menschlichen Gesellschaft, wird keine soziale
Gesetzgebung hinwegkommen. Darum ist es wohl nützlich, von der
Verschiedenartigkeit der Menschen zu reden. Diese Unterschiede bedingen
derartig verschiedene Glücksansprüche, dass keine auch noch so

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vollkommene Gesetzgebung ihnen jemals auch nur annähernd genügen
könnte. Es wäre auch keine noch so billig und gerecht erscheinende
allgemeine äussere Lebensform zu erdenken, welche nicht für den einen
oder andern Typus Mensch eine Ungerechtigkeit bedeuten würde. Dass
trotzdem allerhand Schwärmer politischer, sozialer, philosophischer und
religiöser Natur am Werke sind, jene allgemeinen und gleichartigen äussern
Bedingungen, welche eine allgemeine grössere Glücksmöglichkeit bedeuten
sollen, ausfindig zu machen, scheint mir auf der zu sehr am Äussern
orientierten allgemeinen Einstellung zu liegen. Wir können diese ins Weite
gehenden Fragen hier nur streifen, da wir uns ja nicht zur Aufgabe gesetzt
haben, sie zu behandeln. Wir haben uns hier nur mit dem psychologischen
Problem zu beschäftigen. Und die Tatsache der verschiedenen typischen
Einstellungen ist ein Problem erster Ordnung, nicht nur für die Psychologie,
sondern auch für alle jene Gebiete der Wissenschaft und des Lebens, wo die
menschliche Psychologie eine ausschlaggebende Rolle spielt. Es ist z. B.
eine dem gewöhnlichen Menschenverstande ohne weiteres einleuchtende
Tatsache, dass jede Philosophie, die nicht gerade nur Geschichte der
Philosophie ist, auf einer persönlichen psychologischen Vorbedingung
beruht. Diese Vorbedingung kann rein individueller Natur sein, und
gewöhnlich wurde sie auch als solche aufgefasst, wenn überhaupt eine
psychologische Kritik stattfand. Man hielt damit den Fall für erledigt. Man
übersah aber dabei, dass das, was man als individuelles Präjudicium
betrachtete, keineswegs unter allen Umständen ein solches war, indem
nämlich der Standpunkt jenes Philosophen eine oft ansehnliche
Gefolgschaft aufwies. Ihr sagte dieser Standpunkt zu und zwar nicht bloss,
weil sie ihn gedankenlos nachgebetet hätte, sondern weil sie ihn völlig
verstehen und anerkennen konnte. Ein solches Verständnis wäre unmöglich,
wenn der Standpunkt des Philosophen bloss individuell bedingt wäre, denn
dann könnte er gar nicht völlig verstanden oder auch nur gebilligt werden.
Die von der Gefolgschaft verstandene und anerkannte Eigenart des
Standpunktes muss also vielmehr einer typischen, persönlichen Einstellung,
welche noch mehrere Vertreter in der Gesellschaft in gleicher oder ähnlicher
Form besitzt, entsprechen. In der Regel bekämpfen sich die Parteien rein
äusserlich, indem sie auf Lücken in der individuellen Rüstung des Gegners
zielen. Ein solcher Streit ist in der Regel von geringer Fruchtbarkeit. Von
erheblich höherm Werte wäre es, wenn der Gegensatz auf das
psychologische Gebiet verschoben würde, woher er auch ursprünglich

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stammt. Die Verschiebung liesse bald erkennen, dass es verschiedenartige
psychologische Einstellungen gibt, die jede ein Anrecht auf Existenz
besitzt, obschon ihre Existenz zur Aufstellung inkompatibler Theorien führt.
Solange man versucht den Streit zu schlichten durch äusserliche
Kompromissbildungen, genügt man nur den bescheidenen Ansprüchen
seichter Köpfe, die sich noch nie an Prinzipien zu erhitzen vermochten.
Eine wirkliche Verständigung aber kann meines Erachtens nur dann erreicht
werden, wenn die Verschiedenheit der psychologischen Vorbedingung
anerkannt wird.
Es ist eine Tatsache, die mir in meiner praktischen Arbeit immer wieder
überwältigend entgegentritt, dass der Mensch nahezu unfähig ist, einen
andern Standpunkt als seinen eigenen zu begreifen und gelten zu lassen. In
kleinern Dingen hilft die allgemeine Oberflächlichkeit, eine nicht gerade
häufige Nachsicht und Toleranz und ein seltenes Wohlwollen eine Brücke
über den Abgrund der Verständnislosigkeit zu schlagen. In wichtigern
Dingen aber und besonders in solchen, wo die Ideale des Typus in Frage
kommen, scheint eine Verständigung meist zu den Unmöglichkeiten zu
gehören. Gewiss wird Streit und Unfrieden immer zu den Requisiten der
menschlichen Tragikomödie gehören, aber es ist doch nicht zu leugnen,
dass der Fortschritt der Gesittung vom Faustrecht zur Gesetzesbildung
geführt hat und somit zur Bildung einer Instanz und eines Masstabes, die
den streitenden Parteien übergeordnet sind. Eine Basis zur Schlichtung des
Streites der Auffassung könnte nach meiner Überzeugung die Anerkennung
von Typen der Einstellung sein, aber nicht nur der Existenz solcher Typen,
sondern auch der Tatsache, dass jeder in seinem Typus bis zu dem Grade
befangen ist, dass er des völligen Verständnisses eines andern Standpunktes
unfähig ist. Ohne Anerkennung dieser weitgehenden Forderung ist eine
Vergewaltigung des andern Standpunktes so gut wie sicher. Ebenso, wie die
streitenden Parteien, die sich vor Gericht zusammenfinden, auf direkte
Gewalttat am andern verzichten und ihre Ansprüche der Gerechtigkeit des
Gesetzes und des Richters anvertrauen, so muss sich der Typus der
Beschimpfung, Verdächtigung und Herunterreissung des Gegners enthalten
im Bewusstsein seiner eigenen Befangenheit. Durch die Auffassung des
Problems typischer Einstellungen und durch ihre Darstellung im Umriss
bestrebe ich mich, den Blick meines Lesers auf dieses Gemälde vielfacher
Möglichkeiten der Auffassungsbildung zu lenken, in der Hoffnung, dadurch
wenigstens ein Kleines beizutragen zur Kenntnis der fast unendlichen

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Variationen und Abstufungen der Individualpsychologie. Ich hoffe, dass aus
meinen Typenbeschreibungen niemand den Schluss ziehen wird, dass ich
meine, die 4 oder 8 Typen, die ich beschreibe, seien alle, die überhaupt
vorkämen. Das wäre ein Missverständnis. Ich zweifle nämlich keineswegs
an der Möglichkeit, die vorkommenden Einstellungen auch unter andern
Gesichtspunkten zu betrachten und zu klassifizieren. Es gibt in dieser
Untersuchung einige Andeutungen von andern Möglichkeiten, wie z. B.
eine Einteilung sub specie der Aktivität. Was aber immer auch als Criterium
einer Aufstellung von Typen dienen möge, so wird eine Vergleichung der
verschiedenen Formen habitueller Einstellungen zur Aufstellung von
ebenso vielen psychologischen Typen führen.
So leicht es wohl sein wird, die vorkommenden Einstellungen unter
andern Gesichtswinkeln zu betrachten, als es hier geschehen ist, so schwer
dürfte es sein, Beweise gegen die Existenz von psychologischen Typen
beizubringen. Ich zweifle zwar nicht daran, dass meine Gegner sich
bemühen werden, die Typenfrage aus der wissenschaftlichen
Traktandenliste zu streichen, denn für jede, Allgemeingültigkeit
prätendierende Theorie komplexer psychischer Vorgänge muss das
Typenproblem ein zum mindesten sehr unwillkommenes Hindernis sein.
Jede Theorie komplexer psychischer Vorgänge setzt eine gleichartige
menschliche Psychologie voraus, nach Analogie jeder
naturwissenschaftlichen Theorie, welche als Grundlage auch ein und
dieselbe Natur voraussetzt. Mit der Psychologie aber hat es die eigenartige
Bewandtnis, dass bei ihrer Begriffsbildung der psychische Vorgang nicht
bloss Objekt, sondern zugleich auch Subjekt ist. Wenn nun angenommen
wird, dass das Subjekt in allen individuellen Fällen eins und dasselbe sei, so
kann man auch annehmen, dass der subjektive Prozess der Begriffsbildung
auch überall einer und derselbe sei. Dass dem aber nicht so ist, erweist sich
am eindrücklichsten aus der Existenz der verschiedenartigsten
Auffassungen vom Wesen komplexer psychischer Vorgänge. Natürlich setzt
eine neue Theorie gewöhnlich voraus, dass alle andern Ansichten unrichtig
gewesen seien, und zwar meistens nur aus dem Grunde, weil der Autor
subjektiv anders sieht, als seine Vorgänger. Er berücksichtigt nicht, dass die
Psychologie, die er sieht, seine Psychologie und höchstens noch die
Psychologie seines Typus ist. Er erwartet daher, dass es für den psychischen
Vorgang, der ihm Objekt des Erkennens und Erklärens ist, nur eine wahre
Erklärung geben könne, nämlich eben die, die seinem Typus zusagt. Alle

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andern Auffassungen — ich möchte fast sagen, alle sieben andern
Auffassungen, die in ihrer Art ebenso wahr sind, wie die seine, gelten ihm
als Irrtum. Im Interesse der Gültigkeit seiner eigenen Theorie wird er also
einen lebhaften und menschlich verstehbaren Widerwillen gegen eine
Aufstellung von Typen menschlicher Psychologie empfinden, denn damit
verlöre seine Auffassung beispielsweise ⅞ ihres Wahrheitswertes; es müsste
denn sein, dass er neben seiner eigenen Theorie noch 7 andere Theorien
desselben Vorganges als gleich wahr denken könnte — oder sagen wir:
wenigstens noch eine zweite Theorie als vollwertig neben der seinigen.
Ich bin ganz überzeugt, dass ein Naturvorgang, der in hohem Masse von
der menschlichen Psychologie unabhängig ist und ihr daher nur Objekt sein
kann, nur einerlei wahre Erklärung haben kann. Ebenso bin ich auch
überzeugt, dass ein komplexer psychischer Vorgang, der in keine objektiv
registrierenden Apparate eingespannt werden kann, notwendigerweise nur
diejenige Erklärung erhalten kann, die er als Subjekt selber erzeugt, d. h.
der Autor des Begriffes kann nur einen solchen Begriff erzeugen, welcher
zu dem psychischen Vorgang, den er zu erklären trachtet, stimmt. Der
Begriff wird aber nur dann stimmen, wenn er mit dem zu erklärenden
Vorgang im denkenden Subjekt selbst übereinstimmt. Wenn der zu
erklärende Vorgang beim Autor selber gar nicht vorkäme und auch keine
Analogie davon, so stünde der Autor vor einem, völligen Rätsel, welches zu
erklären er dem überlassen müsste, der den Vorgang selber erlebt. Wie eine
Vision zustande kommt, kann ich durch objektive Apparate niemals in
Erfahrung bringen; ich kann ihr Zustandekommen also nur erklären, wie ich
es mir denke. In diesem „wie ich es mir denke“ steckt aber die
Befangenheit, denn bestenfalls geht meine Erklärung daraus hervor, wie der
Vorgang einer Vision sich in mir darstellt. Wer aber gibt mir das Recht,
anzunehmen, dass in jedem andern der Vorgang der Vision sich gleich oder
auch nur ähnlich darstelle?
Man wird mit einem Anschein von Recht die universelle Gleichartigkeit
der menschlichen Psychologie in allen Zeiten und Zonen als Argument zu
Gunsten dieser Verallgemeinerung des subjektiv bedingten Urteils anführen.
Ich bin von dieser Gleichartigkeit der menschlichen Psyche so tief
überzeugt, dass ich sie sogar in den Begriff des collektiven Unbewussten
gefasst habe, als eines universellen und gleichartigen Substratums, dessen
Gleichartigkeit so weit geht, dass man dieselben Mythen- und

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Märchenmotive in allen Winkeln der weiten Erde findet, dass ein Neger der
amerikanischen Südstaaten in Motiven der griechischen Mythologie träumt
und ein schweizerischer Handelslehrling in seiner Psychose die Vision eines
ägyptischen Gnostikers wiederholt. Von dieser fundamentalen
Gleichartigkeit hebt sich aber eine ebenso grosse Ungleichartigkeit der
bewussten Psyche ab. Welche ungemessenen Distanzen liegen zwischen
dem Bewusstsein eines Primitiven, eines Themistocleïschen Atheners und
eines heutigen Europäers! Welcher Unterschied besteht zwischen dem
Bewusstsein des Herrn Professors und dem seiner Gattin! Wie sähe
überhaupt unsere heutige Welt aus, wenn eine Gleichartigkeit der
Bewusstseine bestünde? Nein, der Gedanke einer Gleichartigkeit der
bewussten Psychen ist eine akademische Chimäre, welche die Aufgabe
eines Dozenten vor seinen Schülern vereinfacht, die aber vor der
Wirklichkeit in nichts zusammenfällt. Ganz abgesehen von der
Verschiedenheit der Individuen, deren innerstes Wesen durch Gestirnsweite
geschieden ist vom Nachbarn, sind schon die Typen als Klassen von
Individuen in sehr hohem Masse von einander verschieden, und ihrer
Existenz sind die Verschiedenheiten allgemeiner Auffassungen
zuzuschreiben. Um die Gleichartigkeit der menschlichen Psychen
aufzufinden, muss ich schon in die Fundamente des Bewusstseins
hinuntersteigen. Dort finde ich das, worin alle einander gleichen. Gründe
ich eine Theorie auf das, was alle verbindet, so erkläre ich die Psyche aus
dem, was an ihr Fundament und Ursprung ist. Damit aber erkläre ich nichts
von dem, was an ihr historische oder individuelle Differenzierung ist. Mit
einer solchen Theorie übergehe ich die Psychologie der bewussten Psyche.
Ich leugne damit eigentlich die ganze andere Seite der Psyche, nämlich ihre
Differenzierung von der ursprünglichen Keimanlage. Ich reduziere
gewissermassen den Menschen auf seine phylogenetische Vorlage, oder ich
zerlege ihn in seine Elementarvorgänge, und wenn ich ihn aus dieser
Reduktion rekonstruieren wollte, so käme im erstem Fall ein Affe heraus
und in letzterm eine Anhäufung von Elementarvorgängen, deren
Zusammenspiel eine sinn- und zwecklose Wechselwirkung ergäbe.
Zweifellos ist die Erklärung des Psychischen auf der Grundlage der
Gleichartigkeit nicht nur möglich, sondern auch völlig berechtigt. Will ich
aber das Bild der Psyche zu seiner Vollständigkeit ergänzen, so muss ich
mir die Tatsache der Verschiedenartigkeit der Psychen vor Augen halten,
denn die bewusste individuelle Psyche gehört ebensowohl in ein

Page 538

allgemeines Gemälde der Psychologie wie ihre unbewussten Fundamente.
Ich kann daher mit demselben Recht in meiner Begriffsbildung von der
Tatsache differenzierter Psychen ausgehen und denselben Vorgang, den ich
vorhin unter dem Gesichtswinkel seiner Gleichartigkeit betrachtete,
nunmehr vom Standpunkt der Differenzierung aus betrachten. Dies führt
mich natürlicherweise zu einer der frühern gerade entgegengesetzten
Auffassung. Alles was für jene Auffassung als individuelle Variante ausser
Betracht fiel, wird hier bedeutsam als Ansatz zu weitern Differenzierungen
und alles, was dort als gleichartig einen besondern Wert erhielt, erscheint
mir jetzt als wertlos, weil bloss collektiv. Ich werde in dieser Ansicht immer
darauf sehen, worauf etwas zielt und niemals darauf, woher es kommt,
während ich in der vorherigen Ansicht mich nie um ein Ziel, sondern bloss
um den Ursprung kümmerte. Ich kann daher einen und denselben
psychischen Vorgang durch zwei gegensätzliche Theorien, die sich
gegenseitig ausschliessen, erklären, wobei ich weder von der einen noch
von der andern Theorie behaupten kann, sie sei unrichtig, denn die
Richtigkeit der einen ist bewiesen durch die Gleichartigkeit und die der
anderen durch die Ungleichartigkeit der Psychen.
Hier aber beginnt nun die grosse Schwierigkeit, welche dem Laien,
sowie dem wissenschaftlichen Publikum die Lektüre meines frühern
Buches über „die Wandlungen und Symbole der Libido“ so sehr erschwert
hat, dass viele sonst fähige Köpfe darob in Verwirrung geraten sind (wie
mir ihre bedenklichen Kritiken beweisen). Ich habe nämlich dort am
concreten Material die eine wie die andere Ansicht darzustellen versucht.
Da nun die Wirklichkeit bekanntlich weder aus Theorien besteht, noch nach
solchen geht, so ist in ihr beides, was wir getrennt denken müssen, in einem
beisammen und jedes lebendige Etwas in der Seele schillert in mehreren
Farben. Jedes ist Hergekommenes und meint Zukünftiges und von keinem
ist mit Sicherheit auszumachen, ob es bloss Ende und nicht auch schon ein
Anfang wäre. Jemandem, der meint, für einen psychischen Vorgang könne
es nur eine wahre Erklärung geben, ist diese Lebendigkeit des psychischen
Inhaltes, die zu zwei gegensätzlichen Theorien nötigt, eine Sache zum
verzweifeln, besonders noch, wenn er ein Liebhaber einfacher und
unkomplizierter Wahrheiten und etwa unfähig sein sollte, sie zugleich zu
denken.

Page 539

Ich bin wiederum nicht der Überzeugung, dass mit den zwei
Betrachtungsweisen, der reduzierenden und der construktiven — wie ich sie
einmal genannt habe[379] —, die Möglichkeiten der Betrachtung erschöpft
wären. Ich glaube im Gegenteil, dass für den psychischen Vorgang noch
einige andere ebenso „wahre“ Erklärungen beigebracht werden können, und
zwar ebenso viel als es Typen gibt. Und diese Erklärungen werden sich
miteinander ebenso gut oder schlecht vertragen, wie die Typen selber in
ihren persönlichen Beziehungen. Falls also die Existenz von typischen
Verschiedenheiten der menschlichen Psychen zugegeben werden sollte —
ich gestehe, dass ich keinen Grund sehe, warum dies nicht geschehen
könnte — so sieht sich der wissenschaftliche Theoretiker vor das
unangenehme Dilemma gestellt, entweder mehrere einander
widersprechende Theorien desselben Vorganges nebeneinander bestehen zu
lassen, oder dann den von vornherein hoffnungslosen Versuch einer
Sektengründung zu machen, welche die allein richtige Methode und die
allein wahre Theorie für sich beansprucht. Erstere Möglichkeit verstösst
nicht nur gegen die schon erwähnte ausserordentliche Schwierigkeit einer
doppelten und innerlich gegensätzlichen Denkoperation, sondern auch
gegen einen der ersten Grundsätze intellektueller Moral: principia
explicandi non sunt multiplicanda — praeter necessitatem. Die necessitas
einer Mehrheit von Erklärungen ist aber im Falle einer psychologischen
Theorie entschieden gegeben, denn zum Unterschied mit irgend einer
naturwissenschaftlichen Theorie, ist das Objekt der Erklärung in der
Psychologie von gleicher Natur wie das Subjekt: ein psychologischer
Vorgang soll den andern erklären. Diese bedenkliche Schwierigkeit hat
schon lange denkende Köpfe zu merkwürdigen Ausflüchten genötigt, wie
z. B. zur Annahme eines „objektiven Geistes“, der jenseits der Psychologie
stünde und darum objektiv seine ihm unterstellte Psyche denken könne oder
zur ähnlichen Annahme, dass der Intellekt ein Vermögen sei, das auch noch
ausserhalb sich selber sich stellen und sich denken könne. Mit diesen und
ähnlichen Ausflüchten soll jener archimedische Punkt ausserhalb der Erde
geschaffen werden, mittelst dessen der Intellekt sich selber aus den Angeln
heben soll. Ich begreife das tiefgehende menschliche Bedürfnis nach
Bequemlichkeit, aber ich begreife nicht, dass die Wahrheit sich diesem
Bedürfnis beugen sollte. Ich begreife auch, dass es ästhetisch viel
befriedigender wäre, wenn man, statt der Paradoxie einander
widersprechender Erklärungen, den psychischen Vorgang auf irgend eine

Page 540

möglichst einfache Instinktgrundlage reduzieren und sich dabei beruhigen,
oder wenn man ihm ein metaphysisches Erlösungsziel unterlegen und sich
in dieser Hoffnung zur Ruhe begeben könnte.
Was aber immer wir mit unserm Intellekt zu ergründen streben, wird mit
Paradoxie und Relativität endigen, wenn es ehrliche Arbeit und nicht eine
der Bequemlichkeit dienende petitio principii ist. Dass die intellektuelle
Erfassung des psychischen Vorganges zur Paradoxie und Relativität führen
muss, ist sicher, schon aus dem Grunde, dass der Intellekt nur eine unter
verschiedenen psychischen Funktionen ist, welche von Natur aus dem
Menschen zur Konstruktion seiner Objektbilder dient. Man gebe sich nicht
den Anschein, als ob man die Welt nur aus dem Intellekt begriffe; man
begreift sie ebenso sehr auch aus dem Gefühl. Darum ist das Urteil des
Intellektes höchstens die Hälfte der Wahrheit, und muss, wenn es ehrlich ist,
auch zum Eingeständnis seines Ungenügens gelangen.
Die Existenz von Typen zu leugnen, hilft nichts gegen die Tatsache
ihres Daseins. In Ansehung ihrer Existenz muss daher jede Theorie über
psychische Vorgänge es sich gefallen lassen, selber wieder als psychischer
Vorgang zu gelten, und zwar als Ausdruck eines bestehenden und
daseinsberechtigten Typus menschlicher Psychologie. Aus diesen typischen
Darstellungen erst ergeben sich die Materialien, deren Cooperation eine
höhere Synthese ermöglicht.

Page 541

Vom gleichen Verfasser erschienen in unserm Verlag

DR C. G. JUNG
Psychologische
Abhandlungen
Erster Band

211 S. gr. 8o Geb. Fr. 10.—
In Deutschland und Österreich M. 20.—

DR C. G. JUNG
Die Psychologie der
unbewussten Prozesse
Ein Überblick über die moderne Theorie
und Methode der analytischen Psychologie
2. Aufl. (3. u. 4. Tausend)

Page 542

149 S. gr. 8o Geb. Fr. 3.50
In Deutschland und Österreich M. 18.—

„Jung behandelt die Probleme der Psychoanalyse mit den
weitesten Perspektiven; er zeigt, wie die individuellen
Konflikte der Kranken sich zuletzt als allgemeine Konflikte der
Umgebung mit der Zeit enthüllen; wie wir der grossen
Schlussabrechnung der christlichen Epoche nahe sind; der Wert
und die Gefahr der unbewussten Mächte im Einzelnen und in
Völkerkollektivitäten werden geistvoll demonstriert; die
zurückgebliebene Sexualmoral unserer Zeit wird angegriffen
usw. Wir dürfen dankbar sein, dem Verfasser auf seiner
Entdeckungsfahrt im psychologischen Gebiet zu folgen, er hat
eine Pflicht der Gesellschaft gegenüber erfüllt, indem er den
Weg zu einer neuen Quelle beschrieb, die für die Gesellschaft
nützlich ist.“
Wissen u. Leben.

Rascher & Cie, Verlag,
Zürich

Page 543

Fußnoten:
[1] Jung: Contribution à l’étude des Types psychologiques. Arch. de
Psychologie. I. XIII p. 289.
id.: Psychological Types. Collected Papers on Analytical Psychology. London,
1917, p. 287.
id.: Psychologie der unbewussten Prozesse. Zürich. II. Auflage. 1918. p. 65.
[2] Dokumente der Gnosis. Jena, 1910.
[3] Begierde; wir würden etwa sagen: ungezähmte Libido, die als εἱμαρμένη,
Gestirns- und Schicksalszwang, den Menschen in Schuld und Verderben führt.
[4] Buber: Ekstatische Konfessionen. 1909. p. 31 ff.
[5] Kr. der pr. Vernunft. p. 90 und 157 ff.
[6] Charles de Rémusat: Abélard. Paris, 1845.
[7] Lady Meux Manuskript Nr. 6. The book of Paradise by Palladius,
Hieronymus etc. Edited by E. A. Wallis Budge. London 1904.
[8] Ich sage: „semiotisch“ im Gegensatz zu „symbolisch“. Was Freud als
Symbole bezeichnet, sind nichts anderes als Zeichen für elementare
Triebvorgänge. Ein Symbol aber ist der bestmögliche Ausdruck für einen
Tatbestand, der noch nicht anders als durch eine mehr oder weniger nahe
Analogie ausgedrückt werden kann.
[9] Vergl. dazu: Jung: Inhalt der Psychose. II. Auflage. idem: Psychologie der
unbewussten Prozesse.
[10] Cotta’sche Ausgabe. 1826. Bd. XVIII.
[11] l. c. p. 22.
[12] l. c. p. 22.
[13] l. c. pag. 29.
[14] l. c. pag. 28.
[15] l. c. pag. 29.
[16] l. c. pag. 30 f.
Die Hervorhebungen im Text sind von mir.
[17] l. c. p. 33 f.
[18] 1. c. pag. 35 f.
[19] Émile: Livre I.
[20] Émile: Livre II.

Page 544

[21] Andeutungen davon finden sich schon in den griechischen Mysterien.
[22] Erz. d. Menschen, pag. 39.
[23] l. c. pag. 50.
[24] Émile: Livre II.
[25] l. c. p. 51.
[26] l. c. p. 54.
[27] l. c. p. 54.
[28] l. c. p. 54.
[29] Vergl. dazu die Rede des Julian über die Göttermutter.
[30] Brief an Goethe, 5. Januar 1798.
[31] Brief an Schiller, April 1798.
[32] Brief an Schiller, 6. Januar 1798.
[33] Brief an Goethe, 31. August 1794.
[34] l. c. p. 55.
[35] l. c. p. 56.
[36] l. c. p. 57.
[37] d. h. „extravertiert“.
[38] d. h. „introvertiert“.
[39] „Formtrieb“ kommt bei Schiller mit „Denkkraft“ überein. cf. l. c. p. 68.
[40] l. c. p. 59.
[41] Im weitern Verlauf kritisiert Schiller selber diesen Punkt.
[42] l. c. p. 61 f.
[43] l. c. p. 67.
[44] l. c. p. 64 f.
[45] Ich möchte hier zur Vermeidung von Missverständnissen bemerken, dass
diese Verachtung nicht dem Objekte gilt, wenigstens in der Regel nicht, sondern
bloss der Beziehung dazu.
[46] Im Gegensatz zu dem oben angeführten reaktiven Denken.
[47] l. c. p. 90 f.
[48] l. c. p. 68.
[49] l. c. p. 76 f.
[50] l. c. p. 68 f.
[51] l. c. p. 69.
[52] l. c. p. 73.
[53] l. c. p. 74.

Page 545

[54] l. c. p. 79.
[55] l. c. p. 156.
[56] Ich zitiere nach der lateinischen Übersetzung des Marsilius Ficinus von
1497.
[57] l. c. p. 99 und 100.
[58] Vergl. dazu die Arbeit von Nunberg: Über körperliche Begleiterscheinungen
assoziativer Vorgänge. In Jung: Diagnost. Assoz. stud. Bd. II. p. 196 ff.
[59] Wandl. und Symb. der Libido. p. 155 ff.
[60] Ich muss betonen, dass ich hier diese Funktion nur im Prinzip darstelle.
Weitere Beiträge zu diesem sehr komplexen Problem, bei dem namentlich die
Art der Aufnahme der unbewussten Materialien ins Bewusstsein von
grundlegender Bedeutung ist, finden sich in meiner Arbeit: „La structure de
l’Inconscient“ (Archives de Psychologie. Déc. 1916), sowie in meiner
Broschüre: die Psychologie der unbewussten Prozesse. (Rascher, Zürich, 1917.)
[61] l. c. p. 104.
[62] Wie Schiller richtig sagt, ist im ästhetischen Zustand der Mensch Null.
l. c. p. 108.
[63] l. c. p. 135.
[64] Ich verwende das Wort „Ästhetismus“ als einen abgekürzten Ausdruck für
„ästhetische Weltanschauung“. Ich meine daher nicht jenen Ästhetismus mit dem
übeln Beiklang des Ästhetisch-Tuns und der Anempfindelei, was man vielleicht
als Ästhetizismus bezeichnen könnte.
[65] Vergl. dazu Schiller: Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch
schöner Formen, p. 195. „Dafür nämlich, dass bei dem ästhetisch verfeinerten
Menschen die Einbildungskraft auch in ihrem freien Spiele sich nach Gesetzen
richtet, und dass der Sinn sich gefallen lässt, nicht ohne Beistimmung der
Vernunft zu geniessen, wird von der Vernunft gar leicht der Gegendienst
verlangt, in dem Ernst ihrer Gesetzgebung sich nach dem Interesse der
Einbildungskraft zu richten, und nicht ohne Beistimmung der sinnlichen Triebe
dem Willen zu gebieten.“
[66] l. c. p. 81.
[67] l. c. p. 81: „indem der weibliche Gott unsere Anbetung heischt“ etc.
[68] Ich habe diesen Punkt in meinem Buche „Wandl. und Symb. der Libido“
weitläufig erörtert.
[69] l. c. p. 108.
[70] l. c. p. 118.
[71] l. c. p. 120.
[72] l. c. p. 121.
[73] l. c. p. 123.
[74] l. c. p. 124.
[75] l. c. p. 111.

Page 546

[76] l. c. p. 142.
[77] l. c. p. 146.
[78] l. c. p. 151.
[79] Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung.
[80] l. c. p. 248.
[81] l. c. p. 250.
[82] l. c. p. 304.
[83] l. c. p. 303.
[84] l. c. p. 305.
[85] l. c. p. 307 f.
[86] l. c. p. 314.
[87] Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures.
[88] l. c. p. 249.
[89] l. c. p. 250.
[90] l. c. p. 301.
[91] l. c. p. 303.
[92] l. c. p. 329 f.
[93] l. c. p. 331.
[94] l. c. p. 331.
[95] Nietzsche: l. c. p. 31.
[96] l. c. p. 19.
[97] l. c. p. 23.
[98] l. c. p. 57 ff.
[99] l. c. p. 24.
[100] l. c. p. 25.
[101] l. c. p. 27.
[102] Der Ästhetismus kann natürlich die religiösen Funktionen ersetzen. Aber
wie viele Dinge gibt es, die nicht dasselbe tun können? Was haben wir nicht
Alles kennen gelernt als Surrogat für eine mangelnde Religion? Wenn der
Ästhetismus auch ein sehr edles Surrogat ist, so ist er eben doch nur
Ersatzbildung an Stelle des mangelnden Ächten. Die spätere „Bekehrung“
Nietzsches zu Dionysos zeigt übrigens am besten, dass das ästhetische Surrogat
auf die Dauer nicht Stand gehalten hat.
[103] Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. II. Stück
der unzeitgemässen Betrachtungen.
[104] p. 9 ff.
[105] pag. 35.

Page 547

[106] p. 9, Diederichs, Jena, 1911.
[107] Vergl. Jung: La structure de l’inconscient. Arch. de Psych. T. XVI.
[108] p. 24 f.
[109] l. c. p. 28.
[110] Vergl. dazu Jung: Inhalt der Psychose.
Idem: Wandl. und Symb. der Libido.
[111] Bezüglich des Motives des Kleinodes und der Wiedergeburt muss ich auf
mein Buch: Wandlungen u. Symbole der Libido, verweisen.
[112] Spitteler: l. c. p. 126.
[113] Spitteler stellt das famose Gewissen des Epimetheus als ein kleines Tier
dar. Es entspricht auch dem thierischen Opportunitätsinstinkt.
[114] l. c. p. 132 ff.
[115] Spittelers „Heit“ und „Keit“.
[116] An ihre Stelle kann auch compensatorisch eine erhöhte Geselligkeit, ein
intensiver gesellschaftlicher Betrieb treten, in dessen hastigem Wechsel
Vergessen gesucht wird.
[117] Compensatorisch kann dafür eine krankhaft gesteigerte Arbeitstätigkeit
eintreten, welche ebenfalls der Verdrängung dient.
[118] Phileros = der den Eros liebt.
[119] Vergl. Goethes „Geheimnisse“. Dort wird die rosenkreuzerische Lösung
versucht, nämlich die Vereinigung von Dionysos und Christus, Rose und Kreuz.
Das Gedicht lässt kalt. Man kann nicht neuen Wein in alte Schläuche füllen.
[120] Es sind sehr oft die Vertreter ältern Volkstums, welche magische Kräfte
haben. In Indien sind es die Nepalesen, in Europa Zigeuner, in protestantischen
Gegenden Kapuziner.
[121] Manava-Dharmaçastra I, 26. Sacred Books. 25.
[122] Ramayana II, 84. 20.
[123] Manava-Dharmaçastra VI, 80 f. l. c.
[124] Bhagavadgita II.
[125] Qualitäten oder Faktoren oder Konstituenten der Welt.
[126] Deussen: Allg. Gesch. d. Phil. 1. 3. p. 511 ff.
[127] Yoga ist bekanntlich ein Übungssystem zur Erlangung höherer erlöster
Zustände.
[128] Kaushitaki-Upanishad. I. 4.
[129] Tejobindu-Upanishad 3.
[130] Mahabharata I, 119, 8 f.
[131] Mahabharata. XIV. 19, 4 ff.

Page 548

[132] Bhagavata-Purana IX. 19, 18 f. „Nachdem er abgetan das Nichtschweigen
und das Schweigen, so wird er ein Brahmana.“ Brihadaranyaka-Up. 3, 5.
[133] Bhagavata-Purana IV. 22. 24.
[134] Garuda-Purana 16, 110.
[135] Ich verdanke diese für mich zum Teil unerreichbaren Zitate (Nr. 193, 201–
205) der liebenswürdigen Mithilfe des Sanskritspezialisten Dr. Abegg in Zürich.
[136] Deussen: Allg. Gesch. d. Phil. I, 2, pag. 117.
[137] Brihadaranyaka-Upanishad, 2, 3 (Engl. Übersetzung: the material and the
immaterial, the mortal and the immortal, the solid and the fluid, „sat“ (being,
definite) and „tya“ (that, indefinite). Sacred Books. 15).
[138] Svetasvatara-Upanishad, 4, 17 f.
[139] Svetasvatara-Upanishad 5, 1. (Deussen.) Englische Übersetzung (Sacred
Books 15): „In the imperishable and infinite highest Brahman, wherein the two,
knowledge and ignorance are hidden, the one, ignorance perishes, the other,
knowledge, is immortal; but he, who controls both, knowledge and ignorance, is
another.“
[140] Deussen übersetzt hier: „Er sitzt und wandert doch fernhin. Er liegt und
schweift doch allerwärts. Des Gottes Hin- und Herwogen, wer verstände es
ausser mir?“ Kâtha-Upanishad 1, 2, 20 f.
[141] Iça-Upanishad, 4–5. (Deussen.)
[142] Brihadaranyaka-Upanishad. 4, 3.
[143] Atharvaveda 10, 8, II (Deussen).
[144] Daher ist Brahman gänzlich unerkennbar und unverstehbar.
[145] Jung: Wandl. und Symbole der Libido. Leipzig u. Wien, 1912.
[146] Çatap. Brahm. 14, l, 3, 3 (Deussen).
[147] Taitt. Ar. 10, 63, 15 (Deussen).
[148] Çankh. Br. 8, 3 (Deussen).
[149] Vaj. Samh. 23, 48 (Deussen).
[150] Çatap. Br. 8, 5, 3, 7 (Deussen).
[151] Taitt. Br. 2, 8, 8, 8 ff. (Deussen).
[152] Atharvaveda. 2, l. 4, l. II, 5.
[153] Übung, Selbstbebrütung. Vergl. dazu: Jung: Wandl. und Symb. d. Libido.
[154] Atharvaveda 11, 5, 23 f. (Deussen).
[155] Deussen: Allg. Gesch. d. Phil. I, 2. p. 93 ff.
[156] Taitt. Up. 2, 8, 5 (F. Max Müller).
[157] Brihadar. Up. 5, 15, 1 ff. (F. Max Müller).
[158] Khandogya-Up. 3, 13, 7 f. (F. Max Müller).
[159] Çatap. brahm. 10, 6, 3 (Deussen).

Page 549

[160] Allg. Gesch. d. Phil. I, 1, p. 240 ff.
[161] Dafür spricht auch die Beziehung Brahman-prana-Matariçvan (der in der
Mutter Schwellende) Atharvaveda 11, 4, 15.
[162] Jung: Wandlungen und Symbole der Libido.
[163] Rigveda 10, 31, 6 (Deussen).
[164] Kosmisches Schöpferprinzip = Libido. Taitt. Samh. 5, 5, 2, 1: „Er hat die
Kreaturen, nachdem er sie erschaffen, mit Liebe durchdrungen.“
[165] Selbstbebrütung, Askese, Introversion.
[166] Die Feuererzeugung im Munde hat eine merkwürdige Beziehung zur
Sprache.
Vergl. dazu Jung: Wandl. u. Symb. d. Libido.
[167] Vergl. Dioskurenmotiv in Jung: Wandl. und Symb. d. Libido.
[168] Deussen: Gesch. d. Phil. I, 1, p. 206. Pancav. Br. 20, 14, 12.
[169] Weber: Ind. Stud. 9, 477.
Cit. Deussen: Gesch. d. Phil. I, 1. p. 206.
[170] Name eines Saman = Lied.
[171] Deussen: l. c. I, 1, 205. Pancav. Br. 7, 6.
[172] Çatap. Br. 11, 2, 3 (Deussen).
[173] Vergl. dazu Jung: Über die Psychologie der Dem. praecox. Halle, 1907.
[174] Andeutung von Pferd, was auf die dynamische Natur des Ritabegriffes
hinweist.
[175] Agni wird Wagenlenker des rita genannt. Vedic Hymns. Sacred Books 46,
p. 158, 7, p. 160, 3, p. 229, 8.
[176] Vergl. dazu Oldenberg: Nachr. d. Gött. Ges. d. Wiss. 1915, p. 167 ff.
Religion des Veda. p. 194 ff. Ich verdanke diese Angabe der Liebenswürdigkeit
von Herrn Dr. Abegg in Zürich.
[177] Deussen: Allg. Gesch. d. Phil. I, 1, p. 92.
[178] Çatapatha-Brahmanam. 4, 1, 4, 10 (Eggeling).
[179] Atharvaveda 10, 10, 33 (Deussen).
[180] Atharvaveda 10, 12, 1, 61 (Bloomfield).
[181] Vedic Hymns. Sacred Books, 46, p. 54.
[182] Vedic Hymns. l. c. p. 61.
[183] Ved. Hymns. l. c. p. 393.
[184] Die Befreiung der Libido erfolgt durch rituelle Arbeit. Die Befreiung
bringt die Libido zur bewussten Verwendbarkeit. Sie wird domestiziert. Sie wird
aus einem instinktiven, undomestizierten Zustand in einen Zustand der
Disponibilität übergeführt. Dies schildert ein Vers, wo es heisst: „Wenn die
Herrscher, die freigebigen Herren ihn (Agni) durch ihre Kraft aus der Tiefe, aus
der Form des Stieres, hervorgebracht haben —“ (Ved. Hym. l. c. p. 147).

Page 550

[185] Vedic Hymns. l. c. p. 147.
[186] Vergl. dazu das Tishtrya-Lied. Jung: Wandl. u. Symb. d. Libido.
[187] Vedic Hymns. l. c. p. 88.
[188] l. c. p. 103.
[189] l. c. p. 160, 2.
[190] Ved. Hymns. l. c. p. 244, 6 und p. 316, 3.
[191] Ved. Hymns. l. c. p. 153 und p. 8.
[192] Tao-te-king Cap. 4.
[193] Tao-te-king Cap. 25.
[194] l. c. Cap. 1.
[195] l. c. Cap. 16.
[196] l. c. Cap. 21.
[197] l. c. Cap. 40.
[198] l. c. Cap. 41.
[199] l. c. Cap. 56.
[200] Vergl. Tetsujiro Inouye: Die japanische Philosophie. (In „Kultur der
Gegenwart“. Leipzig u. Berlin, 1913.)
[201] „Illa terra virgo nondum pluviis rigata nec imbribus foecundata“, etc.
[202] „Veritas de terra orta est, quia Christus de virgine natus est.“
[203] Die Beispiele hiefür sind zahlreich. Ich habe einiges erwähnt in „Wandl.
und Symbole der Libido“.
[204] Pfeiffer: Deutsche Mystiker. Bd. II.
[205] Von den Hindernissen an wahrer Geistlichkeit. H. Büttner. Meister
Eckeharts Schriften und Predigten. Diederichs, Jena, 1909, Bd. II, 185.
[206] Geistl. Unterweisung. 4. H. Büttner, l. c. Bd. II. p. 8.
[207] Der Libidobegriff der Batak. Warnecke: Die Religion der Batak. Leipzig,
1909, Tondi ist der Name für die magische Kraft, um die sich sozusagen alles
dreht.
[208] Etwas als Projektion erkennen, ist niemals als ein bloss intellektueller
Vorgang misszuverstehen. Die intellektuelle Erkenntnis löst eine Projektion nur
dann auf, wenn sie sowieso schon reif ist zur Auflösung. Durch intellektuelles
Urteil und durch Willen die Libido aus einer Projektion, die nicht sowieso schon
fällig ist, herauszuziehen, ist unmöglich.
[209] William Blake, der englische Mystiker, sagt: „Energy is eternal delight.“
Poetical Works. Vol. I. London, 1906. p. 240.
[210] Büttner, l. c. Bd. II, p. 195.
[211] Nach Eckehart ist die Seele ebensosehr das Begreifende, wie das
Begriffene. Büttner: l. c. Bd. I., p. 186.

Page 551

[212] Literarische Beispiele hiefür sind: E. T. A. Hoffmann, Meyrink, Barlach
(„Der tote Tag“) auf höherer Stufe: Spitteler, Goethe (Faust), Wagner.
[213] Nietzsche im „Zarathustra“.
[214] Vergl. eine vorläufige Mitteilung in Jung: Psychol. der unbew. Prozesse.
[215] Eckehart sagt: „Darum kehre ich wieder auf mich selber zurück, da finde
ich die tiefste Stätte, tiefer als die Hölle selber; denn auch aus der treibt mein
Elend mich fort: Ich kann mir doch nicht entrinnen! Hierin will ich mich setzen
und hierin will ich bleiben.“ Büttner l. c. I, 180.
[216] Büttner, l. c. Bd. I. p. 198.
[217] Büttner, l. c. Bd. I. p. 147.
[218] Büttner: l. c. Bd. I. p. 148.
[219] Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia.
[220] Vergl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido.
[221] Spitteler: l. c. p. 108.
[222] l. c. p. 127.
[223] l. c. p. 132.
[224] l. c. p. 129.
[225] l. c. p. 128.
[226] Paul Cassirer. Berlin. 1912. p. 16 f.
[227] Spitteler: l. c. p. 138.
[228] Jes. 7, 14.
[229] Jes. 11, 6 ff.
[230] „Wunderkind“ bei Spitteler.
[231] Vergl. oben meine Erörterungen zu den Schillerschen Briefen.
[232] Römer 8, 19.
[233] Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes.
[234] Siehe Wandl. und Symb. der Libido. Mit der Erwürgung des Leviathan
geht bei Spitteler parallel die Überwältigung Behemoths.
[235] Spitteler l. c. p. 163.
[236] E. König: Ahasver. 1907.
[237] Spitteler: l. c. p. 179.
[238] Vergl. dazu: Wandl. und Symb. der Libido. p. 58.
[239] Die Vulgata hat sogar: nervi testiculorum ejus perplexi sunt. Bei Spitteler
ist Astarte die Tochter Behemoths — bezeichnenderweise.
[240] Man vergleiche damit Flournoy: Une mystique moderne. Arch. de Psych.
T. XV. 1915.
[241] Büttner: l. c. I. p. 165.

Page 552

[242] Dazu reichliche Belege: Wandl. und Symb. der Libido.
[243] Poetical works. 1. p. 249.
[244] The prolific = der Fruchtbare, der aus sich herausgebärt.
[245] The devouring = der verschlingt, in sich hinein nimmt.
[246] „Religion is an endeavour to reconcile the two!“
[247] Eine umgearbeitete, aber im Wesen unveränderte Darstellung der Typen
gibt Gross auch in seinem Buche: Ueber psychopathologische
Minderwertigkeiten. Braumüller, Wien und Leipzig, 1909. p. 27 ff.
[248] Jung: Diagnostische Associationsstudien.
[249] Eberschweiler: Untersuchungen über die sprachliche Komponente der
Association. Inaug. Diss. Zürich. 1908. Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie, 1908.
[250] An anderer Stelle (Psychopath. Minderw. p. 41) macht Gross, wie mir
scheint, mit Recht, einen Unterschied zwischen der „überwertigen Idee“ und
dem sogen. „wertüberhöhten Komplexe“. Letzteres Phänomen ist nämlich nicht
bloss für diesen Typus charakteristisch, wie Gross meint, sondern auch für den
andern. Der „Konfliktkomplex“ hat vermöge seiner Gefühlsbetonung überhaupt
beträchtlichen Wert, gleichviel, bei welchem Typus er auch vorkommt.
[251] Vergl. dazu P. Bjerre: Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia.
Jahrb. für psychoanalytische Forschungen. Bd. III. p. 795 ff.
[252] Gross: Über psychopathologische Minderwertigkeiten. p. 37.
[253] l. c. p. 59.
[254] Vergl. dazu die ähnliche Feststellung bei Jordan.
[255] Gross: p. 63.
[256] p. 64.
[257] p. 65.
[258] p. 65.
[259] p. 68 f.
[260] p. 12. Ebenso Gross in seinem Buch: Über pathologische
Minderwertigkeiten. Wien, 1909. p. 30 und p. 37.
[261] Diese Spannung oder Entspannung lässt sich gelegentlich sogar im Tonus
der Muskulatur nachweisen. In der Regel sieht man sie im Gesicht ausgedrückt.
[262] Worringer: Abstraktion und Einfühlung. III. Auflage. München, 1911. (1.
Aufl. 1908)
[263] Lipps: Leitfaden der Psychologie. II. Auflage 1906. p. 193 f.
[264] Jodl: Lehrbuch der Psychologie. 1908. Bd. II. p. 436.
[265] Unter Externalisation versteht Jodl die Lokalisierung der
Sinneswahrnehmung im Raume. Wir hören die Töne nicht im Ohre und sehen
die Farben nicht im Auge, sondern am räumlich lokalisierten Objekt. l. c. Bd. II.
p. 247.

Page 553

[266] Wundt: Grundzüge der physiologischen Psychologie. V. Aufl. Bd. III. p.
191.
[267] l. c. p. 4.
[268] Lipps: Ästhetik. p. 247.
[269] Worringer: l. c. p. 16.
[270] l. c. p. 18.
[271] l. c. p. 21.
[272] Spencer and Gillen: The Northern Tribes of Central Australia. London.
1904.
[273] Weil die unbewussten Inhalte des Einfühlenden selber relativ unbelebt
sind.
[274] l. c. p. 26.
[275] l. c. p. 27.
[276] Fr. Th. Vischer gibt in seinem Roman: „Auch Einer“ eine treffliche
Schilderung der belebten Objekte.
[277] Vergl. zum gerichteten Denken: Jung: Wandl. und Symbole der Libido. p.
7 ff.
[278] W. James: Pragmatism. A new name for some old ways of thinking.
Longmans, London, 1911.
[279] p. 6.
[280] l. c. p. 7 f.
[281] l. c. p. 9.
[282] l. c. p. 10 ff.
[283] l. c. pag. 12 f.
[284] Th. Flournoy: La philosophie de W. James. Saint-Blaise, 1911, pag. 32.
[285] Flournoy: l. c. p. 32.
[286] Baldwin: Handbook of Psychology. I, p. 312.
[287] Herbart: Psychologie als Wissenschaft. § 117.
[288] Schopenhauer: Welt als Wille und Vorstellung. I, § 8.
[289] Jerusalem: Lehrb. der Psychologie, pag. 195.
[290] Kant: Log. pag. 140 f.
[291] Wundt: Grundzüge der phys. Psychol. V. Auflage, Bd. III, pag. 582 f.
[292] James: Pragmatism. p. 13. Die Bostoner sind wegen ihres „vergeistigten“
Ästhetismus bekannt. Cripple Creek ist ein bekannter Bergwerksdistrikt in
Virginia. Man kann sich also den Gegensatz leicht vorstellen!
[293] James: l. c. p. 15.
[294] Ostwald: Grosse Männer. III. und IV. Aufl. Leipzig, 1910.

Page 554

[295] Ostwald: l. c. p. 44.
[296] Ostwald: l. c. p. 44 f.
[297] l. c. p. 89.
[298] l. c. p. 94.
[299] l. c. p. 100.
[300] l. c. p. 100.
[301] l. c. p. 372.
[302] l. c. p. 374.
[303] l. c. p. 377.
[304] Ostwald: l. c. p. 380.
[305] Ostwald: l. c. p. 372 f.
[306] Jung: Diagnostische Associationsstudien. J. A. Barth. Leipzig. 1911. II.
Auflage.
[307] Sully: Hum. mind. II c. 16.
[308] Nahlowsky: Das Gefühlsleben, p. 48.
[309] Kant: Log. § 6.
[310] Bleuler: Affektivität, Suggestibilität, Paranoia. 1906. p. 6.
[311] l. c. p. 13 f.
[312] Vergl. dazu Wundt: Grundz. der phys. Psych. V. Auflage. III, p. 209. ff.
[313] Féré: Note sur des modifications de la résistance électrique etc. Comptes-
Rendus de la Société de Biologie 1888. p. 217 ff.
Veraguth: Das psychogalvanische Reflexphänomen. Mon. schr. f. Psych. u.
Neurol. XXI p. 387.
Jung: On psychophysical relations etc. Journ. of Abnorm. Psych. I, 247.
Binswanger: Über das Verhalten des psychogalvanischen Phänomens etc.
Diagnost. Assoc. stud. II, 113.
[314] Vergl. Wundt: Grundz. der phys. Psych. I, 322.
[315] Vergl. dazu Jung: Wandl. u. Symb. der Libido.
[316] Wundt: Log. I, 20.
[317] Vergl. Lipps: Leitf. d. Psych. II. Auflage, p. 104.
[318] Wundt: Grundz. d. phys. Psych. III, 529.
[319] Natorp: Einl. in d. Psych. p. 11. Ebenso: Lipps: Leitfaden der Psych. p. 3.
[320] Vergl. Riehl: (Z. Einf. in die Phil. 161.), welcher das B. ebenfalls als
„Aktivität“, als „Prozess“ auffasst.
[321] Jung: Zur Psych. der Dem. praec.
[322] In Anlehnung an einen Ausspruch J. Burckhardts. Vergl. Jung: Wandl. u.
Symb. der Lib. p. 35.

Page 555

[323] Jung: Instinct and the Unconscious. The Journal of Psychology. Vol. X, 1.
[324] Ein bemerkenswertes Beispiel eines archaïschen Bildes findet sich Jung:
Wandl. u. Symb. d. Lib. p. 94 f.
[325] Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I. § 49.
[326] Kritik der reinen Vernunft. Kehrb. p. 279.
[327] Lévy-Bruhl: Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures, p. 27. ff.
[328] Lévy-Bruhl: l. c. p. 28 f.
[329] Adler: Über den nervösen Charakter. 1912.
[330] Andeutungen der Compensationslehre auch bei Gross, angeregt von
Anton.
[331] Adler: Studie über Minderwertigkeit von Organen, 1907.
[332] Id. Über den nervösen Charakter, p. 14.
[333] Jung: Collected Papers on Analytical Psychology, II Ed. p. 278 ff.
[334] Jung: Inhalt der Psychose. II. Auflage, p. 29 ff.
[335] Ein ausführliches Beispiel hiefür in Jung: Psych. u. Path. sog. occult.
Phaen. 1902.
[336] Maeder: Über das Traumproblem. Jahrb. f. psychoanalyt. u. psychopathol.
Forsch. Bd. V, 647.
[337] Adler: Über den nervösen Charakter.
[338] Freud: Traumdeutung.
[339] Silberer: (Probleme der Myst. und ihrer Symbole, p. 149 ff.) drückt sich in
der Formulierung der anagogischen Bedeutung ähnlich aus.
[340] Jung: Die Psych. der unbew. Prozesse. p. 95 ff.
[341] Jung: Wandl. u. Symb. d. Libido. p. 7 ff.
[342] l. c. p. 19.
[343] James: Grundriss der Psych. p. 464.
[344] Bleuler: Die negative Suggestibilität. Psych. Neur. Wochenschr. 1904,
27/28.
Idem: Zur Theorie des schizophrenen Negativismus. Psych. Neur. Wochenschr.
1910, 18/21.
Idem: Lehrb. der Psychiatrie, p. 92, 285.
[345] Pflügers Arch. Bd. 45, 37.
[346] Gr. der Psychol. p. 44.
[347] Gr. der Psychol. I, 681 f.
[348] Stobaeus: Ekl. I, 58: εἱμαρμένην δὲ λόγον ἐκ τῆς ἐναντιοδρομίας
δημιουργὸν τῶν ὄντων.
[349] Zeller: Die Phil. der Griech. II. Auflage, I, 456.

Page 556

[350] Gomperz: Griech. Denker. I, 53.
[351] Diels: Fragm. d. Vorsokr. I, 79.
[352] Zur Geschichte des Begriffes der Empfindung vergleiche: Wundt: Grundz.
d. phys. Psych. I, 350 ff.
Dessoir: Geschichte der neuern deutschen Psychologie.
Villa: Einl. in d. Psych. der Gegenwart.
v. Hartmann: Die moderne Psychologie.
[353] Zur Geschichte des Begriffes des Fühlens und zur Theorie des Gefühls
vergl.: Wundt: Grundz. d. phys. Psych. Idem: Grundr. d. Psych. p. 35 ff.
Nahlowsky: Das Gefühlsleben in seinen wesentlichen Erscheinungen, etc.
Ribot: Psych. d. Gefühle.
Lehmann: Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens.
Villa: Einleitung in d. Psych. d. Gegenwart, p. 208 ff.
[354] Zur Unterscheidung von Gefühl und Empfindung vergl. Wundt: Grundz. d.
phys. Psych. I, 350 ff.
[355] Jung: Zur Psychologie der Dem. praec. Halle. 1907. p. 45.
[356] Phil. Stud. VII, 13.
[357] Kr. d. reinen Vernunft. Ed. Kehrbach. p. 279 ff.
[358] Logik. p. 140.
[359] Kr. d. reinen Vernunft. Kehrbach.
[360] Welt als Wille und Vorstellung. Bd. I, § 25.
[361] l. c. § 49.
[362] Ästhet. I, 138.
[363] Log. III, p. 242 f.
[364] Wirklichkeit. p. 152, 154.
[365] Log. p. 14, 18.
[366] Menschl. Weltbegr. p. 25 ff.
[367] Ferenczi: Introjektion und Übertragung, p. 10 ff.
[368] Ähnlich Bergson.
[369] Das Verdienst, die Existenz dieses Typus entdeckt zu haben, gebührt M.
Moltzer.
[370] Vergl. dazu Jung: Wandl. und Symbole der Libido, p. 119.
Idem: Darstellung der psychoanalytischen Theorie, p. 30 ff.
[371] Lévy-Bruhl: Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures. Paris
1912.
[372] Azam: Hypnotisme — Double Conscience. Paris 1887.

Page 557

Morton Prince: The dissociation of a personality. 1906.
Landmann: Die Mehrheit geistiger Persönlichkeiten in einem Individuum. 1894.
Ribot: Die Persönlichkeit. 1894.
Flournoy: Des Indes à la Planète Mars. 1900.
Jung: Zur Psychol. u. Pathol. sog. occulter Phaenomene. 1902.
[373] Jung: La structure de l’inconscient. Arch. de Psychologie. I. XVI. p. 152.
[374] Ferrero: Les lois psychologiques du symbolisme. 1895.
[375] Freud: Zur Psychopathologie des Alltaglebens.
[376] Vergl. Jung: Instinct and the Unconscious. The Journal of Psychology. Vol.
X. 1.
[377] Jung: Contribution a l’étude des types psychologiques, Arch. de
Psychologie. T. XVI. p. 152.
Idem: Die Psychologie der unbewussten Prozesse. 1918.
[378] Vergl. Flournoy: Des Indes à la Planète Mars, 1900.
Idem: Nouvelles observations sur un cas de comnambulisme avec glossolalie.
Arch. de Psychologie. T. I. p. 101.
Jung: Zur Psych. und Path. sog. occulter Phaen. 1902.
[379] Jung: Inhalt der Psychose. II. Auflage. Zweiter Teil.

Page 558

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK
PSYCHOLOGISCHE TYPEN ***

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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
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computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
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state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
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