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The Project Gutenberg eBook of Jenseits von Gut und Böse
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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this eBook.
Title: Jenseits von Gut und Böse
Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
Release date: January 1, 2005 [eBook #7204]
Most recently updated: December 30, 2020
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/7204
Credits: This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg
DE"
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS VON
GUT UND BÖSE ***
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Title: Jenseits von Gut und Böse
Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
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DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/jenseits/0htmldir.htm),
prepared by juergen@redestb.es.
Friedrich Nietzsche
Jenseits von Gut und Böse
Inhalt
Vorrede
1. Hauptstück: Von den Vorurtheilen der Philosophen.
2. Hauptstück: Der freie Geist.
3. Hauptstück: Das religiöse Wesen.
4. Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele.
5. Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral.
6. Hauptstück: Wir Gelehrten.
7. Hauptstück: Unsere Tugenden.
8. Hauptstück: Völker und Vaterländer.
9. Hauptstück: Was ist vornehm?
Aus hohen Bergen. Nachgesang.
Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
prepared by juergen@redestb.es.
Friedrich Nietzsche
Jenseits von Gut und Böse
Inhalt
Vorrede
1. Hauptstück: Von den Vorurtheilen der Philosophen.
2. Hauptstück: Der freie Geist.
3. Hauptstück: Das religiöse Wesen.
4. Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele.
5. Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral.
6. Hauptstück: Wir Gelehrten.
7. Hauptstück: Unsere Tugenden.
8. Hauptstück: Völker und Vaterländer.
9. Hauptstück: Was ist vornehm?
Aus hohen Bergen. Nachgesang.
Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
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Vorrede.
Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich
schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische
Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten,
ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer
für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen:
- und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung
da. Wenn sie überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche
behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle
Dogmatik liege in den letzten Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute
Gründe zu der Hoffnung, dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so
feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine
edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht
sehr nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich schon
ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und unbedingten
Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker bisher
aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher Zeit (wie der
Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube auch heute noch
nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein Wortspiel vielleicht, eine
Verführung von Seiten der Grammatik her oder eine verwegene
Verallgemeinerung von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschlich-
allzumenschlichen Thatsachen. Die Philosophie der Dogmatiker war
hoffentlich nur ein Versprechen über Jahrtausende hinweg: wie es in noch
früherer Zeit die Astrologie war, für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit,
Geld, Scharfsinn, Geduld aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine
wirkliche Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen"
Ansprüchen in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es
scheint, dass alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen
Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und
Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich
schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische
Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten,
ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer
für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen:
- und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung
da. Wenn sie überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche
behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle
Dogmatik liege in den letzten Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute
Gründe zu der Hoffnung, dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so
feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine
edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht
sehr nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich schon
ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und unbedingten
Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker bisher
aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher Zeit (wie der
Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube auch heute noch
nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein Wortspiel vielleicht, eine
Verführung von Seiten der Grammatik her oder eine verwegene
Verallgemeinerung von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschlich-
allzumenschlichen Thatsachen. Die Philosophie der Dogmatiker war
hoffentlich nur ein Versprechen über Jahrtausende hinweg: wie es in noch
früherer Zeit die Astrologie war, für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit,
Geld, Scharfsinn, Geduld aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine
wirkliche Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen"
Ansprüchen in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es
scheint, dass alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen
Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und
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furchteinflössende Fratzen über die Erde hinwandeln müssen: eine solche
Fratze war die dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in
Asien, der Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so
gewiss es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste,
langwierigste und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-
Irrthum gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom
Guten an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von
diesem Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen -
Schlafs geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist, die
Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum
grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf stellen
und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens, selber
verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato gethan hat;
ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche Krankheit am schönsten
Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch der böse Sokrates
verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der Jugend gewesen? und
hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der Kampf gegen Plato, oder, um
es verständlicher und für's "Volk" zu sagen, der Kampf gegen den
christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden - denn Christenthum ist
Platonismus für's "Volk" - hat in Europa eine prachtvolle Spannung des
Geistes geschaffen, wie sie auf Erden noch nicht da war: mit einem so
gespannten Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen.
Freilich, der europäische Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand;
und es ist schon zwei Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen
abzuspannen, einmal durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die
demokratische Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des
Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich selbst
nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben das
Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt gemacht - sie
erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten, noch Demokraten,
Fratze war die dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in
Asien, der Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so
gewiss es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste,
langwierigste und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-
Irrthum gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom
Guten an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von
diesem Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen -
Schlafs geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist, die
Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum
grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf stellen
und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens, selber
verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato gethan hat;
ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche Krankheit am schönsten
Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch der böse Sokrates
verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der Jugend gewesen? und
hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der Kampf gegen Plato, oder, um
es verständlicher und für's "Volk" zu sagen, der Kampf gegen den
christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden - denn Christenthum ist
Platonismus für's "Volk" - hat in Europa eine prachtvolle Spannung des
Geistes geschaffen, wie sie auf Erden noch nicht da war: mit einem so
gespannten Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen.
Freilich, der europäische Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand;
und es ist schon zwei Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen
abzuspannen, einmal durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die
demokratische Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des
Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich selbst
nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben das
Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt gemacht - sie
erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten, noch Demokraten,
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noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer und freien, sehr freien
Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth des Geistes und die ganze
Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer
weiss? das Ziel…..
Sils-Maria,
Oberengadin im Juni 1885.
Erstes Hauptstück:
Von den Vorurtheilen der Philosophen.
1.
Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen
wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit
Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit
uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen
Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und doch scheint es, dass
sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal
misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Dass
wir von dieser Sphinx auch unserseits das Fragen lernen? Wer ist das
eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich "zur
Wahrheit"? - In der that, wir machten langen Halt vor der Frage nach der
Ursache dieses Willens, - bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren
Frage ganz und gar stehen blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses
Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?
Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der
Wahrheit trat vor uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin
Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth des Geistes und die ganze
Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer
weiss? das Ziel…..
Sils-Maria,
Oberengadin im Juni 1885.
Erstes Hauptstück:
Von den Vorurtheilen der Philosophen.
1.
Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen
wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit
Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit
uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen
Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und doch scheint es, dass
sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal
misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Dass
wir von dieser Sphinx auch unserseits das Fragen lernen? Wer ist das
eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich "zur
Wahrheit"? - In der that, wir machten langen Halt vor der Frage nach der
Ursache dieses Willens, - bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren
Frage ganz und gar stehen blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses
Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?
Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der
Wahrheit trat vor uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin
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traten? Wer von uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein,
wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben,
dass es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher
gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge gefasst,
gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es kein
grösseres.
2.
"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die
Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen
zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?
Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer davon träumt, ein Narr, ja
Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen
Ursprung haben, - aus dieser vergänglichen verführerischen täuschenden
geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie
unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergänglichen, im
verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen, und sonst
nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische Vorurtheil aus, an
dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder erkennen lassen; diese Art
von Werthschätzungen steht im Hintergrunde aller ihrer logischen
Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus bemühn sie sich um ihr
"Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als "die Wahrheit" getauft wird.
Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der
Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten unter ihnen nicht eingefallen, hier an
der Schwelle bereits zu zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst
wenn sie sich gelobt hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nämlich
zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene
volksthümlichen Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die
wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben,
dass es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher
gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge gefasst,
gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es kein
grösseres.
2.
"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die
Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen
zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?
Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer davon träumt, ein Narr, ja
Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen
Ursprung haben, - aus dieser vergänglichen verführerischen täuschenden
geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie
unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergänglichen, im
verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen, und sonst
nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische Vorurtheil aus, an
dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder erkennen lassen; diese Art
von Werthschätzungen steht im Hintergrunde aller ihrer logischen
Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus bemühn sie sich um ihr
"Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als "die Wahrheit" getauft wird.
Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der
Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten unter ihnen nicht eingefallen, hier an
der Schwelle bereits zu zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst
wenn sie sich gelobt hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nämlich
zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene
volksthümlichen Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die
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Metaphysiker ihr Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-
Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus
einem Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven
gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist? Bei
allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen
zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur
Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer
und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar
noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,
verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer ist
Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man muss
dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten,
solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack und Hang
haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen Vielleicht in jedem
Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue
Philosophen heraufkommen.
3.
Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und sogar
im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen, wie man
in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat. So wenig
der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der Vererbung in
Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend einem
entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das meiste
bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich
Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus
einem Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven
gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist? Bei
allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen
zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur
Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer
und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar
noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,
verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer ist
Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man muss
dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten,
solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack und Hang
haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen Vielleicht in jedem
Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue
Philosophen heraufkommen.
3.
Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und sogar
im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen, wie man
in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat. So wenig
der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der Vererbung in
Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend einem
entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das meiste
bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich
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geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller Logik und
ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen zur
Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen sein,
eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung von Wesen,
wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht gerade der Mensch
das "Maass der Dinge" ist…..
4.
Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend, vielleicht
gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, dass
die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen Urtheile a priori
gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass ohne ein Geltenlassen der
logischen Fiktionen, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der rein
erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine
beständige Fälschung der Welt durch die Zahl der Mensch nicht leben
könnte, - dass Verzichtleisten auf falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf
Leben, eine Verneinung des Lebens wäre. Die Unwahrheit als
Lebensbedingung zugestehn: das heisst freilich auf eine gefährliche Weise
den gewohnten Werthgefühlen Widerstand leisten; und eine Philosophie, die
das wagt, stellt sich damit allein schon jenseits von Gut und Böse.
5.
ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen zur
Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen sein,
eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung von Wesen,
wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht gerade der Mensch
das "Maass der Dinge" ist…..
4.
Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend, vielleicht
gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, dass
die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen Urtheile a priori
gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass ohne ein Geltenlassen der
logischen Fiktionen, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der rein
erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine
beständige Fälschung der Welt durch die Zahl der Mensch nicht leben
könnte, - dass Verzichtleisten auf falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf
Leben, eine Verneinung des Lebens wäre. Die Unwahrheit als
Lebensbedingung zugestehn: das heisst freilich auf eine gefährliche Weise
den gewohnten Werthgefühlen Widerstand leisten; und eine Philosophie, die
das wagt, stellt sich damit allein schon jenseits von Gut und Böse.
5.
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Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch zu
blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und verirren,
kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei ihnen nicht
redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen und
tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit auch
nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als ob sie ihre
eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer kalten, reinen,
göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht hätten (zum
Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher als sie und
tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -): während im Grunde ein
vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine "Eingebung", zumeist ein
abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzenswunsch von ihnen mit
hinterher gesuchten Gründen vertheidigt wird: - sie sind allesammt
Advokaten, welche es nicht heissen wollen, und zwar zumeist sogar
verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie "Wahrheiten" taufen -
und sehr ferne von der Tapferkeit des Gewissens, das sich dies, eben dies
eingesteht, sehr ferne von dem guten Geschmack der Tapferkeit, welche
dies auch zu verstehen giebt, sei es um einen Feind oder Freund zu warnen,
sei es aus Übermuth und um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als
sittsame Tartüfferie des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen
Schleichwege lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen,
richtiger verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir
keine kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus von
mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die Liebe zu
seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig ausgelegt - wie in Erz
panzerte und maskirte, um damit von vornherein den Muth des
Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese unüberwindliche Jungfrau und
Pallas Athene den Blick zu werfen wagen würde: - wie viel eigne
blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und verirren,
kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei ihnen nicht
redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen und
tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit auch
nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als ob sie ihre
eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer kalten, reinen,
göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht hätten (zum
Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher als sie und
tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -): während im Grunde ein
vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine "Eingebung", zumeist ein
abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzenswunsch von ihnen mit
hinterher gesuchten Gründen vertheidigt wird: - sie sind allesammt
Advokaten, welche es nicht heissen wollen, und zwar zumeist sogar
verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie "Wahrheiten" taufen -
und sehr ferne von der Tapferkeit des Gewissens, das sich dies, eben dies
eingesteht, sehr ferne von dem guten Geschmack der Tapferkeit, welche
dies auch zu verstehen giebt, sei es um einen Feind oder Freund zu warnen,
sei es aus Übermuth und um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als
sittsame Tartüfferie des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen
Schleichwege lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen,
richtiger verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir
keine kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus von
mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die Liebe zu
seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig ausgelegt - wie in Erz
panzerte und maskirte, um damit von vornherein den Muth des
Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese unüberwindliche Jungfrau und
Pallas Athene den Blick zu werfen wagen würde: - wie viel eigne
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Schüchternheit und Angreifbarkeit verräth diese Maskerade eines
einsiedlerischen Kranken!
6.
Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art
ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die moralischen
(oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den eigentlichen
Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze gewachsen
ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung davon, wie
eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen eines
Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen: auf
welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss nicht, dass
ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist, sondern dass sich
ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss (und der Verkenntniss!) nur
wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber die Grundtriebe des Menschen
darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspirirende Genien (oder
Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden,
dass sie Alle schon einmal Philosophie getrieben haben, - und dass jeder
Einzelne von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins
und als berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn
jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu philosophiren.
- Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich wissenschaftlichen Menschen,
mag es anders stehn - "besser", wenn man will -, da mag es wirklich so
Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben, irgend ein kleines unabhängiges
Uhrwerk, welches, gut aufgezogen, tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die
gesammten übrigen Triebe des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind.
Die eigentlichen "Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz
wo anders, etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es
einsiedlerischen Kranken!
6.
Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art
ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die moralischen
(oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den eigentlichen
Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze gewachsen
ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung davon, wie
eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen eines
Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen: auf
welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss nicht, dass
ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist, sondern dass sich
ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss (und der Verkenntniss!) nur
wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber die Grundtriebe des Menschen
darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspirirende Genien (oder
Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden,
dass sie Alle schon einmal Philosophie getrieben haben, - und dass jeder
Einzelne von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins
und als berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn
jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu philosophiren.
- Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich wissenschaftlichen Menschen,
mag es anders stehn - "besser", wenn man will -, da mag es wirklich so
Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben, irgend ein kleines unabhängiges
Uhrwerk, welches, gut aufgezogen, tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die
gesammten übrigen Triebe des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind.
Die eigentlichen "Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz
wo anders, etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es
Page 13
ist beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene Stelle
der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle" junge Arbeiter
aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner oder Chemiker macht: - es
bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder jenes wird. Umgekehrt ist an dem
Philosophen ganz und gar nichts Unpersönliches; und insbesondere giebt
seine Moral ein entschiedenes und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er
ist - das heisst, in welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur
zu einander gestellt sind.
7.
Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als den
Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte: er nannte
sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine
populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist eigentlich
die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn verdross die
grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf sich Plato sammt
seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht verstand! er, der alte
Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen zu Athen versteckt sass
und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss? vielleicht aus Wuth und
Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert Jahre, bis Griechenland dahinter
kam, wer dieser Gartengott Epicur gewesen war. - Kam es dahinter? -
8.
In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des
Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines alten
der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle" junge Arbeiter
aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner oder Chemiker macht: - es
bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder jenes wird. Umgekehrt ist an dem
Philosophen ganz und gar nichts Unpersönliches; und insbesondere giebt
seine Moral ein entschiedenes und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er
ist - das heisst, in welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur
zu einander gestellt sind.
7.
Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als den
Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte: er nannte
sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine
populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist eigentlich
die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn verdross die
grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf sich Plato sammt
seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht verstand! er, der alte
Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen zu Athen versteckt sass
und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss? vielleicht aus Wuth und
Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert Jahre, bis Griechenland dahinter
kam, wer dieser Gartengott Epicur gewesen war. - Kam es dahinter? -
8.
In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des
Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines alten
Page 14
Mysteriums zu sagen:
adventavit asinus pulcher et fortissimus.
9.
"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten
und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und
ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht - wie
könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist das nicht gerade ein
Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen,
Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein, Different-sein-wollen? Und
gesetzt, euer Imperativ "gemäss der Natur leben" bedeute im Grunde soviel
als "gemäss dem Leben leben" - wie könntet ihr's denn nicht? Wozu ein
Princip aus dem machen, was ihr selbst seid und sein müsst? - In Wahrheit
steht es ganz anders: indem ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der
Natur zu lesen vorgebt, wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen
Schauspieler und Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der
Natur, eure Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,
dass sie "der Stoa gemäss" Natur sei und möchtet alles Dasein nur nach
eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige
Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer
Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so hypnotisch-
starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr sie nicht mehr anders
zu sehen vermögt, - und irgend ein abgründlicher Hochmuth giebt euch
zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, dass, weil ihr euch selbst zu
tyrannisiren versteht - Stoicismus ist Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich
tyrannisiren lässt: ist denn der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist
eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab,
adventavit asinus pulcher et fortissimus.
9.
"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten
und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und
ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht - wie
könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist das nicht gerade ein
Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen,
Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein, Different-sein-wollen? Und
gesetzt, euer Imperativ "gemäss der Natur leben" bedeute im Grunde soviel
als "gemäss dem Leben leben" - wie könntet ihr's denn nicht? Wozu ein
Princip aus dem machen, was ihr selbst seid und sein müsst? - In Wahrheit
steht es ganz anders: indem ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der
Natur zu lesen vorgebt, wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen
Schauspieler und Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der
Natur, eure Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,
dass sie "der Stoa gemäss" Natur sei und möchtet alles Dasein nur nach
eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige
Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer
Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so hypnotisch-
starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr sie nicht mehr anders
zu sehen vermögt, - und irgend ein abgründlicher Hochmuth giebt euch
zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, dass, weil ihr euch selbst zu
tyrannisiren versteht - Stoicismus ist Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich
tyrannisiren lässt: ist denn der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist
eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab,
Page 15
begiebt sich heute noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst
zu glauben. Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht
anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille
zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.
10.
Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit
denen man heute überall in Europa dem Probleme "von der wirklichen und
der scheinbaren Welt" auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu horchen;
und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit" und nichts
weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten Ohren. In einzelnen und
seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille zur Wahrheit, irgend ein
ausschweifender und abenteuernder Muth, ein Metaphysiker-Ehrgeiz des
verlornen Postens dabei betheiligt sein, der zuletzt eine Handvoll
"Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll schöner Möglichkeiten
vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker des Gewissens geben, welche
lieber noch sich auf ein sicheres Nichts als auf ein ungewisses Etwas
sterben legen. Aber dies ist Nihilismus und Anzeichen einer verzweifelnden
sterbensmüden Seele: wie tapfer auch die Gebärden einer solchen Tugend
sich ausnehmen mögen. Bei den stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch
durstigen Denkern scheint es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen
den Schein nehmen und das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth
aussprechen, indem sie die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Leibes ungefähr
so gering anschlagen wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher
sagt "die Erde steht still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den
sichersten Besitz aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer
als seinen Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern
wollen, das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom
alten Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche
zu glauben. Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht
anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille
zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.
10.
Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit
denen man heute überall in Europa dem Probleme "von der wirklichen und
der scheinbaren Welt" auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu horchen;
und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit" und nichts
weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten Ohren. In einzelnen und
seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille zur Wahrheit, irgend ein
ausschweifender und abenteuernder Muth, ein Metaphysiker-Ehrgeiz des
verlornen Postens dabei betheiligt sein, der zuletzt eine Handvoll
"Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll schöner Möglichkeiten
vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker des Gewissens geben, welche
lieber noch sich auf ein sicheres Nichts als auf ein ungewisses Etwas
sterben legen. Aber dies ist Nihilismus und Anzeichen einer verzweifelnden
sterbensmüden Seele: wie tapfer auch die Gebärden einer solchen Tugend
sich ausnehmen mögen. Bei den stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch
durstigen Denkern scheint es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen
den Schein nehmen und das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth
aussprechen, indem sie die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Leibes ungefähr
so gering anschlagen wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher
sagt "die Erde steht still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den
sichersten Besitz aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer
als seinen Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern
wollen, das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom
alten Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche
Page 16
Seele", vielleicht "den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich besser,
nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den "modernen Ideen"? Es
ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin, es ist Unglauben an alles
Das, was gestern und heute gebaut worden ist; es ist vielleicht ein leichter
Überdruss und Hohn eingemischt, der das bric-à-brac von Begriffen
verschiedenster Abkunft nicht mehr aushält, als welches sich heute der
sogenannte Positivismus auf den Markt bringt, ein Ekel des verwöhnteren
Geschmacks vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser
Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und ächt ist als diese
Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen Anti-
Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben: ihr
Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt, ist
unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an! Das
Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern, dass sie -
weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr und sie würden
hinaus wollen, - und nicht zurück! -
11.
Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem eigentlichen
Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt hat, den Blick
abzulenken und namentlich über den Werth, den er sich selbst zugestand,
klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und zuerst stolz auf seine
Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel in den Händen: "das ist das
Schwerste, was jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden
konnte". - Man verstehe doch dies "werden konnte"! er war stolz darauf, im
Menschen ein neues Vermögen, das Vermögen zu synthetischen Urteilen a
priori, entdeckt zu haben. Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die
Entwicklung und rasche Blüthe der deutschen Philosophie hängt an diesem
Stolze und an dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu
nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den "modernen Ideen"? Es
ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin, es ist Unglauben an alles
Das, was gestern und heute gebaut worden ist; es ist vielleicht ein leichter
Überdruss und Hohn eingemischt, der das bric-à-brac von Begriffen
verschiedenster Abkunft nicht mehr aushält, als welches sich heute der
sogenannte Positivismus auf den Markt bringt, ein Ekel des verwöhnteren
Geschmacks vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser
Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und ächt ist als diese
Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen Anti-
Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben: ihr
Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt, ist
unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an! Das
Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern, dass sie -
weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr und sie würden
hinaus wollen, - und nicht zurück! -
11.
Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem eigentlichen
Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt hat, den Blick
abzulenken und namentlich über den Werth, den er sich selbst zugestand,
klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und zuerst stolz auf seine
Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel in den Händen: "das ist das
Schwerste, was jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden
konnte". - Man verstehe doch dies "werden konnte"! er war stolz darauf, im
Menschen ein neues Vermögen, das Vermögen zu synthetischen Urteilen a
priori, entdeckt zu haben. Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die
Entwicklung und rasche Blüthe der deutschen Philosophie hängt an diesem
Stolze und an dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu
Page 17
entdecken - und jedenfalls "neue Vermögen"! - Aber besinnen wir uns: es ist
an der Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich
Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens: leider
aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig und mit
einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne, dass
man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer solchen
Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue Vermögen, und
der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein moralisches
Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals waren die
Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht "real-politisch". -
Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie; alle jungen Theologen
des Tübinger Stifts giengen alsbald in die Büsche, - alle suchten nach
"Vermögen". Und was fand man nicht Alles - in jener unschuldigen,
reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen Geistes, in welche die
Romantik, die boshafte Fee, hineinblies, hineinsang, damals, als man
"finden" und "erfinden" noch nicht auseinander zu halten wusste! Vor Allem
ein Vermögen für's "übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale
Anschauung und kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im Grunde
frommgelüsteten Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen
übermüthigen und schwärmerischen Bewegung, welche Jugend war, so
kühn sie sich auch in graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht
mehr Unrecht thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit
moralischer Entrüstung behandelt; genug, man wurde älter, - der Traum
verflog. Es kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich
heute noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermöge
eines Vermögens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn das -
eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine Wiederholung
der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermöge eines
Vermögens", nämlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt bei
Molière,
an der Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich
Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens: leider
aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig und mit
einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne, dass
man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer solchen
Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue Vermögen, und
der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein moralisches
Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals waren die
Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht "real-politisch". -
Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie; alle jungen Theologen
des Tübinger Stifts giengen alsbald in die Büsche, - alle suchten nach
"Vermögen". Und was fand man nicht Alles - in jener unschuldigen,
reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen Geistes, in welche die
Romantik, die boshafte Fee, hineinblies, hineinsang, damals, als man
"finden" und "erfinden" noch nicht auseinander zu halten wusste! Vor Allem
ein Vermögen für's "übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale
Anschauung und kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im Grunde
frommgelüsteten Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen
übermüthigen und schwärmerischen Bewegung, welche Jugend war, so
kühn sie sich auch in graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht
mehr Unrecht thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit
moralischer Entrüstung behandelt; genug, man wurde älter, - der Traum
verflog. Es kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich
heute noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermöge
eines Vermögens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn das -
eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine Wiederholung
der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermöge eines
Vermögens", nämlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt bei
Molière,
Page 18
quia est in eo virtus dormitiva, cujus est natura sensus assoupire.
Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich
an der Zeit, die Kantische Frage "Wie sind synthetische Urtheile a priori
möglich?" durch eine andre Frage zu ersetzen "warum ist der Glaube an
solche Urtheile nöthig?" - nämlich zu begreifen, dass zum Zweck der
Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr geglaubt werden
müssen; weshalb sie natürlich noch falsche Urtheile sein könnten! Oder,
deutlicher geredet und grob und gründlich: synthetische Urtheile a priori
sollten gar nicht "möglich sein": wir haben kein Recht auf sie, in unserm
Munde sind es lauter falsche Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre
Wahrheit nöthig, als ein Vordergrunds-Glaube und Augenschein, der in die
Perspektiven-Optik des Lebens gehört. - Um zuletzt noch der ungeheuren
Wirkung zu gedenken, welche "die deutsche Philosophie" - man versteht,
wie ich hoffe, ihr Anrecht auf Gänsefüsschen? - in ganz Europa ausgeübt
hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva dabei
betheiligt war: man war entzückt, unter edlen Müssiggängern,
Tugendhaften, Mystikern, Künstlern, Dreiviertels-Christen und politischen
Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deutschen Philosophie, ein
Gegengift gegen den noch übermächtigen Sensualismus zu haben, der vom
vorigen Jahrhundert in dieses hinüberströmte, kurz -"sensus
assoupire"…….
12.
Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu den
bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in Europa
Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum bequemen
Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung der
Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zuzumessen - Dank
vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsammt dem Polen Kopernicus,
Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich
an der Zeit, die Kantische Frage "Wie sind synthetische Urtheile a priori
möglich?" durch eine andre Frage zu ersetzen "warum ist der Glaube an
solche Urtheile nöthig?" - nämlich zu begreifen, dass zum Zweck der
Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr geglaubt werden
müssen; weshalb sie natürlich noch falsche Urtheile sein könnten! Oder,
deutlicher geredet und grob und gründlich: synthetische Urtheile a priori
sollten gar nicht "möglich sein": wir haben kein Recht auf sie, in unserm
Munde sind es lauter falsche Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre
Wahrheit nöthig, als ein Vordergrunds-Glaube und Augenschein, der in die
Perspektiven-Optik des Lebens gehört. - Um zuletzt noch der ungeheuren
Wirkung zu gedenken, welche "die deutsche Philosophie" - man versteht,
wie ich hoffe, ihr Anrecht auf Gänsefüsschen? - in ganz Europa ausgeübt
hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva dabei
betheiligt war: man war entzückt, unter edlen Müssiggängern,
Tugendhaften, Mystikern, Künstlern, Dreiviertels-Christen und politischen
Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deutschen Philosophie, ein
Gegengift gegen den noch übermächtigen Sensualismus zu haben, der vom
vorigen Jahrhundert in dieses hinüberströmte, kurz -"sensus
assoupire"…….
12.
Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu den
bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in Europa
Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum bequemen
Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung der
Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zuzumessen - Dank
vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsammt dem Polen Kopernicus,
Page 19
bisher der grösste und siegreichste Gegner des Augenscheins war. Während
nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider alle Sinne, dass die
Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an das Letzte, was von
der Erde "feststand", abschwören, dem Glauben an den "Stoff", an die
"Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom: es war der grösste
Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden errungen worden ist. - Man
muss aber noch weiter gehn und auch dem "atomistischen Bedürfnisse", das
immer noch ein gefährliches Nachleben führt, auf Gebieten, wo es Niemand
ahnt, gleich jenem berühmteren "metaphysischen Bedürfnisse" - den Krieg
erklären, einen schonungslosen Krieg auf's Messer: - man muss zunächst
auch jener anderen und verhängnissvolleren Atomistik den Garaus machen,
welche das Christenthum am besten und längsten gelehrt hat, der Seelen-
Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Glauben zu bezeichnen,
der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges, Untheilbares, als eine
Monade, als ein Atomon nimmt: diesen Glauben soll man aus der
Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns gesagt, ganz und gar nicht
nöthig, "die Seele" selbst dabei los zu werden und auf eine der ältesten und
ehrwürdigsten Hypothesen Verzicht zu leisten: wie es dem Ungeschick der
Naturalisten zu begegnen pflegt, welche, kaum dass sie an "die Seele"
rühren, sie auch verlieren. Aber der Weg zu neuen Fassungen und
Verfeinerungen der Seelen-Hypothese steht offen: und Begriffe wie
"sterbliche Seele" und "Seele als Subjekts-Vielheit" und "Seele als
Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte" wollen fürderhin in der
Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem der neue Psycholog dem
Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um die Seelen-Vorstellung mit
einer fast tropischen Üppigkeit wucherte, hat er sich freilich selbst
gleichsam in eine neue Öde und ein neues Misstrauen hinaus gestossen - es
mag sein, dass die älteren Psychologen es bequemer und lustiger hatten -:
zuletzt aber weiss er sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt - und,
wer weiss? vielleicht zum Finden. -
nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider alle Sinne, dass die
Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an das Letzte, was von
der Erde "feststand", abschwören, dem Glauben an den "Stoff", an die
"Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom: es war der grösste
Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden errungen worden ist. - Man
muss aber noch weiter gehn und auch dem "atomistischen Bedürfnisse", das
immer noch ein gefährliches Nachleben führt, auf Gebieten, wo es Niemand
ahnt, gleich jenem berühmteren "metaphysischen Bedürfnisse" - den Krieg
erklären, einen schonungslosen Krieg auf's Messer: - man muss zunächst
auch jener anderen und verhängnissvolleren Atomistik den Garaus machen,
welche das Christenthum am besten und längsten gelehrt hat, der Seelen-
Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Glauben zu bezeichnen,
der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges, Untheilbares, als eine
Monade, als ein Atomon nimmt: diesen Glauben soll man aus der
Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns gesagt, ganz und gar nicht
nöthig, "die Seele" selbst dabei los zu werden und auf eine der ältesten und
ehrwürdigsten Hypothesen Verzicht zu leisten: wie es dem Ungeschick der
Naturalisten zu begegnen pflegt, welche, kaum dass sie an "die Seele"
rühren, sie auch verlieren. Aber der Weg zu neuen Fassungen und
Verfeinerungen der Seelen-Hypothese steht offen: und Begriffe wie
"sterbliche Seele" und "Seele als Subjekts-Vielheit" und "Seele als
Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte" wollen fürderhin in der
Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem der neue Psycholog dem
Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um die Seelen-Vorstellung mit
einer fast tropischen Üppigkeit wucherte, hat er sich freilich selbst
gleichsam in eine neue Öde und ein neues Misstrauen hinaus gestossen - es
mag sein, dass die älteren Psychologen es bequemer und lustiger hatten -:
zuletzt aber weiss er sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt - und,
wer weiss? vielleicht zum Finden. -
Page 20
13.
Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als
kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will
etwas Lebendiges seine Kraft auslassen - Leben selbst ist Wille zur Macht -:
die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten und häufigsten Folgen davon.
- Kurz, hier wie überall, Vorsicht vor überflüssigen teleologischen
Principien! - wie ein solches der Selbsterhaltungstrieb ist (man dankt ihn
der Inconsequenz Spinoza's -). So nämlich gebietet es die Methode, die
wesentlich Principien-Sparsamkeit sein muss.
14.
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur
eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub gesagt)
und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben
an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange hinaus noch als
mehr, nämlich als Erklärung gelten. Sie hat Augen und Finger für sich, sie
hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit für sich: das wirkt auf ein
Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack bezaubernd, überredend,
überzeugend, - es folgt ja instinktiv dem Wahrheits-Kanon des ewig
volksthümlichen Sensualismus. Was ist klar, was "erklärt"? Erst Das, was
sich sehen und tasten lässt, - bis so weit muss man jedes Problem treiben.
Umgekehrt: genau im Widerstreben gegen die Sinnenfälligkeit bestand der
Zauber der platonischen Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war,
- vielleicht unter Menschen, die sich sogar stärkerer und anspruchsvollerer
Sinne erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen
höheren Triumph darin zu finden wussten, über diese Sinne Herr zu
bleiben: und dies mittels blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie über
den bunten Sinnen-Wirbel - den Sinnen-Pöbel, wie Plato sagte - warfen. Es
war eine andre Art Genuss in dieser Welt-Überwältigung und Welt-
Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als
kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will
etwas Lebendiges seine Kraft auslassen - Leben selbst ist Wille zur Macht -:
die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten und häufigsten Folgen davon.
- Kurz, hier wie überall, Vorsicht vor überflüssigen teleologischen
Principien! - wie ein solches der Selbsterhaltungstrieb ist (man dankt ihn
der Inconsequenz Spinoza's -). So nämlich gebietet es die Methode, die
wesentlich Principien-Sparsamkeit sein muss.
14.
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur
eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub gesagt)
und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben
an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange hinaus noch als
mehr, nämlich als Erklärung gelten. Sie hat Augen und Finger für sich, sie
hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit für sich: das wirkt auf ein
Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack bezaubernd, überredend,
überzeugend, - es folgt ja instinktiv dem Wahrheits-Kanon des ewig
volksthümlichen Sensualismus. Was ist klar, was "erklärt"? Erst Das, was
sich sehen und tasten lässt, - bis so weit muss man jedes Problem treiben.
Umgekehrt: genau im Widerstreben gegen die Sinnenfälligkeit bestand der
Zauber der platonischen Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war,
- vielleicht unter Menschen, die sich sogar stärkerer und anspruchsvollerer
Sinne erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen
höheren Triumph darin zu finden wussten, über diese Sinne Herr zu
bleiben: und dies mittels blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie über
den bunten Sinnen-Wirbel - den Sinnen-Pöbel, wie Plato sagte - warfen. Es
war eine andre Art Genuss in dieser Welt-Überwältigung und Welt-
Page 21
Auslegung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen uns die
Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und
Antitheologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip der
"kleinstmöglichen Kraft" und der grösstmöglichen Dummheit. "Wo der
Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts mehr
zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der Platonische,
welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht von Maschinisten
und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe Arbeit abzuthun haben,
gerade der rechte Imperativ sein mag.
15.
Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf halten,
dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der idealistischen
Philosophie: als solche könnten sie ja keine Ursachen sein! Sensualismus
mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht zu sagen als
heuristisches Princip. - Wie? und Andere sagen gar, die Aussenwelt wäre
das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib, als ein Stück dieser
Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann wären ja unsre Organe
selbst - das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie mir scheint, eine gründliche
reductio ad absurdum: gesetzt, dass der Begriff causa sui etwas gründlich
Absurdes ist. Folglich ist die Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe -?
16.
Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass
es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder, wie
es der Aberglaube Schopenhauer's war, "ich will": gleichsam als ob hier das
Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als "Ding an
sich", und weder von Seiten des Subjekts, noch von Seiten des Objekts eine
Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und
Antitheologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip der
"kleinstmöglichen Kraft" und der grösstmöglichen Dummheit. "Wo der
Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts mehr
zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der Platonische,
welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht von Maschinisten
und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe Arbeit abzuthun haben,
gerade der rechte Imperativ sein mag.
15.
Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf halten,
dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der idealistischen
Philosophie: als solche könnten sie ja keine Ursachen sein! Sensualismus
mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht zu sagen als
heuristisches Princip. - Wie? und Andere sagen gar, die Aussenwelt wäre
das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib, als ein Stück dieser
Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann wären ja unsre Organe
selbst - das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie mir scheint, eine gründliche
reductio ad absurdum: gesetzt, dass der Begriff causa sui etwas gründlich
Absurdes ist. Folglich ist die Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe -?
16.
Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass
es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder, wie
es der Aberglaube Schopenhauer's war, "ich will": gleichsam als ob hier das
Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als "Ding an
sich", und weder von Seiten des Subjekts, noch von Seiten des Objekts eine
Page 22
Fälschung stattfände. Dass aber "unmittelbare Gewissheit", ebenso wie
"absolute Erkenntniss" und "Ding an sich", eine contradictio in adjecto in
sich schliesst, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch
endlich von der Verführung der Worte losmachen! Mag das Volk glauben,
dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei, der Philosoph muss sich sagen:
"wenn ich den Vorgang zerlege, der in dem Satz `ich denke` ausgedrückt ist,
so bekomme ich eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren
Begründung schwer, vielleicht unmöglich ist, - zum Beispiel, dass ich es
bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass
Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als
Ursache gedacht wird, dass es ein `Ich` giebt, endlich, dass es bereits fest
steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, - dass ich weiss, was Denken ist.
Denn wenn ich nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach
sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht `Wollen` oder
`Fühlen` sei? Genug, jenes `ich denke` setzt voraus, dass ich meinen
augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne,
vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung auf
anderweitiges `Wissen` hat er für mich jedenfalls keine unmittelbare
`Gewissheit`." - An Stelle jener "unmittelbaren Gewissheit", an welche das
Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt dergestalt der Philosoph
eine Reihe von Fragen der Metaphysik in die Hand, recht eigentliche
Gewissensfragen des Intellekts, welche heissen: "Woher nehme ich den
Begriff Denken? Warum glaube ich an Ursache und Wirkung? Was giebt
mir das Recht, von einem Ich, und gar von einem Ich als Ursache, und
endlich noch von einem Ich als Gedanken-Ursache zu reden?" Wer sich mit
der Berufung auf eine Art Intuition der Erkenntniss getraut, jene
metaphysischen Fragen sofort zu beantworten, wie es Der thut, welcher
sagt: "ich, denke, und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss
ist" - der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln und zwei
Fragezeichen bereit finden. "Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm
"absolute Erkenntniss" und "Ding an sich", eine contradictio in adjecto in
sich schliesst, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch
endlich von der Verführung der Worte losmachen! Mag das Volk glauben,
dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei, der Philosoph muss sich sagen:
"wenn ich den Vorgang zerlege, der in dem Satz `ich denke` ausgedrückt ist,
so bekomme ich eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren
Begründung schwer, vielleicht unmöglich ist, - zum Beispiel, dass ich es
bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass
Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als
Ursache gedacht wird, dass es ein `Ich` giebt, endlich, dass es bereits fest
steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, - dass ich weiss, was Denken ist.
Denn wenn ich nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach
sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht `Wollen` oder
`Fühlen` sei? Genug, jenes `ich denke` setzt voraus, dass ich meinen
augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne,
vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung auf
anderweitiges `Wissen` hat er für mich jedenfalls keine unmittelbare
`Gewissheit`." - An Stelle jener "unmittelbaren Gewissheit", an welche das
Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt dergestalt der Philosoph
eine Reihe von Fragen der Metaphysik in die Hand, recht eigentliche
Gewissensfragen des Intellekts, welche heissen: "Woher nehme ich den
Begriff Denken? Warum glaube ich an Ursache und Wirkung? Was giebt
mir das Recht, von einem Ich, und gar von einem Ich als Ursache, und
endlich noch von einem Ich als Gedanken-Ursache zu reden?" Wer sich mit
der Berufung auf eine Art Intuition der Erkenntniss getraut, jene
metaphysischen Fragen sofort zu beantworten, wie es Der thut, welcher
sagt: "ich, denke, und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss
ist" - der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln und zwei
Fragezeichen bereit finden. "Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm
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zu verstehen geben, es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber
warum auch durchaus Wahrheit?" -
17.
Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde
werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen,
welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird, - nämlich,
dass ein Gedanke kommt, wenn "er" will, und nicht wenn "ich" will; so
dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt "ich" ist
die Bedingung des Prädikats "denke". Es denkt: aber dass dies "es" gerade
jenes alte berühmte "Ich" sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine
Behauptung, vor Allem keine "unmittelbare Gewissheit". Zuletzt ist schon
mit diesem "es denkt" zu viel gethan: schon dies "es" enthält eine
Auslegung des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst. Man
schliesst hier nach der grammatischen Gewohnheit "Denken ist eine
Thätigkeit, zu jeder Thätigkeit gehört Einer, der thätig ist, folglich -".
Ungefähr nach dem gleichen Schema suchte die ältere Atomistik zu der
"Kraft", die wirkt, noch jenes Klümpchen Materie, worin sie sitzt, aus der
heraus sie wirkt, das Atom; strengere Köpfe lernten endlich ohne diesen
"Erdenrest" auskommen, und vielleicht gewöhnt man sich eines Tages noch
daran, auch seitens der Logiker ohne jenes kleine "es" (zu dem sich das
ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen.
18.
An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie
widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint, dass die
hundertfach widerlegte Theorie vom "freien Willen" ihre Fortdauer nur
warum auch durchaus Wahrheit?" -
17.
Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde
werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen,
welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird, - nämlich,
dass ein Gedanke kommt, wenn "er" will, und nicht wenn "ich" will; so
dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt "ich" ist
die Bedingung des Prädikats "denke". Es denkt: aber dass dies "es" gerade
jenes alte berühmte "Ich" sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine
Behauptung, vor Allem keine "unmittelbare Gewissheit". Zuletzt ist schon
mit diesem "es denkt" zu viel gethan: schon dies "es" enthält eine
Auslegung des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst. Man
schliesst hier nach der grammatischen Gewohnheit "Denken ist eine
Thätigkeit, zu jeder Thätigkeit gehört Einer, der thätig ist, folglich -".
Ungefähr nach dem gleichen Schema suchte die ältere Atomistik zu der
"Kraft", die wirkt, noch jenes Klümpchen Materie, worin sie sitzt, aus der
heraus sie wirkt, das Atom; strengere Köpfe lernten endlich ohne diesen
"Erdenrest" auskommen, und vielleicht gewöhnt man sich eines Tages noch
daran, auch seitens der Logiker ohne jenes kleine "es" (zu dem sich das
ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen.
18.
An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie
widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint, dass die
hundertfach widerlegte Theorie vom "freien Willen" ihre Fortdauer nur
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noch diesem Reize verdankt -: immer wieder kommt jemand und fühlt sich
stark genug, sie zu widerlegen.
19.
Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die
bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen, der
Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt, ohne Abzug
und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, dass Schopenhauer
auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen eben zu thun pflegen:
dass er ein Volks-Vorurtheil übernommen und übertrieben hat. Wollen
scheint mir vor Allem etwas Complicirtes, Etwas, das nur als Wort eine
Einheit ist, - und eben im Einen Worte steckt das Volks-Vorurtheil, das über
die allzeit nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist. Seien
wir also einmal vorsichtiger, seien wir "unphilosophisch" -, sagen wir: in
jedem Wollen ist erstens eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl
des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das
Gefühl von diesem "weg" und "hin" selbst, dann noch ein begleitendes
Muskelgefühl, welches, auch ohne dass wir "Arme und Beine" in
Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit, sobald wir "wollen", sein
Spiel beginnt. Wie also Fühlen und zwar vielerlei Fühlen als Ingredienz des
Willens anzuerkennen ist, so zweitens auch noch Denken: in jedem
Willensakte giebt es einen commandirenden Gedanken; - und man soll ja
nicht glauben, diesen Gedanken von dem "Wollen" abscheiden zu können,
wie als ob dann noch Wille übrig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein
Complex von Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und
zwar jener Affekt des Commando's. Das, was "Freiheit des Willens"
genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den,
der gehorchen muss: "ich bin frei, "er" muss gehorchen" - dies Bewusstsein
steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit,
stark genug, sie zu widerlegen.
19.
Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die
bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen, der
Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt, ohne Abzug
und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, dass Schopenhauer
auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen eben zu thun pflegen:
dass er ein Volks-Vorurtheil übernommen und übertrieben hat. Wollen
scheint mir vor Allem etwas Complicirtes, Etwas, das nur als Wort eine
Einheit ist, - und eben im Einen Worte steckt das Volks-Vorurtheil, das über
die allzeit nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist. Seien
wir also einmal vorsichtiger, seien wir "unphilosophisch" -, sagen wir: in
jedem Wollen ist erstens eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl
des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das
Gefühl von diesem "weg" und "hin" selbst, dann noch ein begleitendes
Muskelgefühl, welches, auch ohne dass wir "Arme und Beine" in
Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit, sobald wir "wollen", sein
Spiel beginnt. Wie also Fühlen und zwar vielerlei Fühlen als Ingredienz des
Willens anzuerkennen ist, so zweitens auch noch Denken: in jedem
Willensakte giebt es einen commandirenden Gedanken; - und man soll ja
nicht glauben, diesen Gedanken von dem "Wollen" abscheiden zu können,
wie als ob dann noch Wille übrig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein
Complex von Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und
zwar jener Affekt des Commando's. Das, was "Freiheit des Willens"
genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den,
der gehorchen muss: "ich bin frei, "er" muss gehorchen" - dies Bewusstsein
steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit,
Page 25
jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins fixirt, jene unbedingte
Werthschätzung "jetzt thut dies und nichts Anderes Noth", jene innere
Gewissheit darüber, dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zum
Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will -, befiehlt einem
Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. Nun
aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist, - an diesem so
vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort hat: insofern wir im
gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Gehorchenden sind, und als
Gehorchende die Gefühle des Zwingens, Drängens, Drückens,
Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach dem Akte des Willens
zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits die Gewohnheit haben, uns
über diese Zweiheit vermöge des synthetischen Begriffs "ich"
hinwegzusetzen, hinwegzutäuschen, hat sich an das Wollen noch eine ganze
Kette von irrthümlichen Schlüssen und folglich von falschen
Werthschätzungen des Willens selbst angehängt, - dergestalt, dass der
Wollende mit gutem Glauben glaubt, Wollen genüge zur Aktion. Weil in
den allermeisten Fällen nur gewollt worden ist, wo auch die Wirkung des
Befehls, also der Gehorsam, also die Aktion erwartet werden durfte, so hat
sich der Anschein in das Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit
von Wirkung gäbe; genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad
von Sicherheit, dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das
Gelingen, die Ausführung des Wollens noch dem Willen selbst zu und
geniesst dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Gelingen
mit sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort für jenen
vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich mit
dem Ausführenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph über
Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille selbst sei es, der
eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende nimmt dergestalt die
Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werkzeuge, der dienstbaren
"Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau
Werthschätzung "jetzt thut dies und nichts Anderes Noth", jene innere
Gewissheit darüber, dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zum
Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will -, befiehlt einem
Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. Nun
aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist, - an diesem so
vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort hat: insofern wir im
gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Gehorchenden sind, und als
Gehorchende die Gefühle des Zwingens, Drängens, Drückens,
Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach dem Akte des Willens
zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits die Gewohnheit haben, uns
über diese Zweiheit vermöge des synthetischen Begriffs "ich"
hinwegzusetzen, hinwegzutäuschen, hat sich an das Wollen noch eine ganze
Kette von irrthümlichen Schlüssen und folglich von falschen
Werthschätzungen des Willens selbst angehängt, - dergestalt, dass der
Wollende mit gutem Glauben glaubt, Wollen genüge zur Aktion. Weil in
den allermeisten Fällen nur gewollt worden ist, wo auch die Wirkung des
Befehls, also der Gehorsam, also die Aktion erwartet werden durfte, so hat
sich der Anschein in das Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit
von Wirkung gäbe; genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad
von Sicherheit, dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das
Gelingen, die Ausführung des Wollens noch dem Willen selbst zu und
geniesst dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Gelingen
mit sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort für jenen
vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich mit
dem Ausführenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph über
Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille selbst sei es, der
eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende nimmt dergestalt die
Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werkzeuge, der dienstbaren
"Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau
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vieler Seelen - zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet c'est
moi: es begiebt sich hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen
Gemeinwesen begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des
Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie
gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph sich
das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den Gesichtskreis der
Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den Herrschafts-
Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen "Leben" entsteht. -
20.
Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts
Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu
einander emporwachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch in
der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so gut
einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna eines
Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch darin, wie sicher die verschiedensten
Philosophen ein gewisses Grundschema von möglichen Philosophien
immer wieder ausfüllen. Unter einem unsichtbaren Banne laufen sie immer
von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie mögen sich noch so
unabhängig von einander mit ihrem kritischen oder systematischen Willen
fühlen: irgend Etwas in ihnen führt sie, irgend Etwas treibt sie in
bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene eingeborne Systematik
und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken ist in der That viel weniger
ein Entdecken, als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und
Heimkehr in einen fernen uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem
jene Begriffe einstmals herausgewachsen sind: - Philosophiren ist insofern
eine Art von Atavismus höchsten Ranges. Die wunderliche Familien-
Ahnlichkeit alles indischen, griechischen, deutschen Philosophirens erklärt
moi: es begiebt sich hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen
Gemeinwesen begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des
Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie
gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph sich
das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den Gesichtskreis der
Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den Herrschafts-
Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen "Leben" entsteht. -
20.
Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts
Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu
einander emporwachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch in
der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so gut
einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna eines
Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch darin, wie sicher die verschiedensten
Philosophen ein gewisses Grundschema von möglichen Philosophien
immer wieder ausfüllen. Unter einem unsichtbaren Banne laufen sie immer
von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie mögen sich noch so
unabhängig von einander mit ihrem kritischen oder systematischen Willen
fühlen: irgend Etwas in ihnen führt sie, irgend Etwas treibt sie in
bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene eingeborne Systematik
und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken ist in der That viel weniger
ein Entdecken, als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und
Heimkehr in einen fernen uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem
jene Begriffe einstmals herausgewachsen sind: - Philosophiren ist insofern
eine Art von Atavismus höchsten Ranges. Die wunderliche Familien-
Ahnlichkeit alles indischen, griechischen, deutschen Philosophirens erklärt
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sich einfach genug. Gerade, wo Sprach-Verwandtschaft vorliegt, ist es gar
nicht zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der
Grammatik - ich meine Dank der unbewussten Herrschaft und Führung
durch gleiche grammatische Funktionen - von vornherein Alles für eine
gleichartige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme
vorbereitet liegt: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-
Ausdeutung der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-
altaischen Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten
entwickelt ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders "in die Welt"
blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen oder
Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen ist im
letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile und Rasse-
Bedingungen. - So viel zur Zurückweisung von Locke's Oberflächlichkeit
in Bezug auf die Herkunft der Ideen.
21.
Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht
worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur: aber der
ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht, sich tief und
schrecklich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das Verlangen nach
"Freiheit des Willens", in jenem metaphysischen Superlativ-Verstande, wie
er leider noch immer in den Köpfen der Halb-Unterrichteten herrscht, das
Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit für seine Handlungen
selbst zu tragen und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu
entlasten, ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und,
mit einer mehr als Münchhausen'schen Verwegenheit, sich selbst aus dem
Sumpf des Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand
kommt dergestalt hinter die bäurische Einfalt dieses berühmten Begriffs
"freier Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn nunmehr,
nicht zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der
Grammatik - ich meine Dank der unbewussten Herrschaft und Führung
durch gleiche grammatische Funktionen - von vornherein Alles für eine
gleichartige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme
vorbereitet liegt: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-
Ausdeutung der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-
altaischen Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten
entwickelt ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders "in die Welt"
blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen oder
Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen ist im
letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile und Rasse-
Bedingungen. - So viel zur Zurückweisung von Locke's Oberflächlichkeit
in Bezug auf die Herkunft der Ideen.
21.
Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht
worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur: aber der
ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht, sich tief und
schrecklich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das Verlangen nach
"Freiheit des Willens", in jenem metaphysischen Superlativ-Verstande, wie
er leider noch immer in den Köpfen der Halb-Unterrichteten herrscht, das
Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit für seine Handlungen
selbst zu tragen und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu
entlasten, ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und,
mit einer mehr als Münchhausen'schen Verwegenheit, sich selbst aus dem
Sumpf des Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand
kommt dergestalt hinter die bäurische Einfalt dieses berühmten Begriffs
"freier Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn nunmehr,
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seine "Aufklärung" noch um einen Schritt weiter zu treiben und auch die
Umkehrung jenes Unbegriffs "freier Wille" aus seinem Kopfe zu streichen:
ich meine den "unfreien Willen", der auf einen Missbrauch von Ursache
und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht "Ursache" und "Wirkung"
fehlerhaft verdinglichen, wie es die Naturforscher thun (und wer gleich
ihnen heute im Denken naturalisirt -) gemäss der herrschenden
mechanistischen Tölpelei, welche die Ursache drücken und stossen lässt,
bis sie "Wirkt"; man soll sich der "Ursache", der "Wirkung" eben nur als
reiner Begriffe bedienen, das heisst als conventioneller Fiktionen zum
Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung. Im "An-
sich" giebt es nichts von "Causal-Verbänden", von "Nothwendigkeit", von
"psychologischer Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache",
das regiert kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das
Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das
Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir
diese Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen,
so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben, nämlich
mythologisch. Der "unfreie Wille" ist Mythologie: im wirklichen Leben
handelt es sich nur um starken und schwachen Willen. - Es ist fast immer
schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber mangelt, wenn ein Denker
bereits in aller "Causal-Verknüpfung" und "psychologischer
Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Müssen, Druck,
Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade so zu fühlen, - die Person
verräth sich. Und überhaupt wird, wenn ich recht beobachtet habe, von zwei
ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber immer auf eine tief persönliche
Weise die "Unfreiheit des Willens" als Problem gefasst: die Einen wollen
um keinen Preis ihre "Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das
persönliche Anrecht auf ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen
gehören dahin -); die Anderen wollen umgekehrt nichts verantworten, an
nichts schuld sein und verlangen, aus einer innerlichen Selbst-Verachtung
Umkehrung jenes Unbegriffs "freier Wille" aus seinem Kopfe zu streichen:
ich meine den "unfreien Willen", der auf einen Missbrauch von Ursache
und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht "Ursache" und "Wirkung"
fehlerhaft verdinglichen, wie es die Naturforscher thun (und wer gleich
ihnen heute im Denken naturalisirt -) gemäss der herrschenden
mechanistischen Tölpelei, welche die Ursache drücken und stossen lässt,
bis sie "Wirkt"; man soll sich der "Ursache", der "Wirkung" eben nur als
reiner Begriffe bedienen, das heisst als conventioneller Fiktionen zum
Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung. Im "An-
sich" giebt es nichts von "Causal-Verbänden", von "Nothwendigkeit", von
"psychologischer Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache",
das regiert kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das
Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das
Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir
diese Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen,
so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben, nämlich
mythologisch. Der "unfreie Wille" ist Mythologie: im wirklichen Leben
handelt es sich nur um starken und schwachen Willen. - Es ist fast immer
schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber mangelt, wenn ein Denker
bereits in aller "Causal-Verknüpfung" und "psychologischer
Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Müssen, Druck,
Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade so zu fühlen, - die Person
verräth sich. Und überhaupt wird, wenn ich recht beobachtet habe, von zwei
ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber immer auf eine tief persönliche
Weise die "Unfreiheit des Willens" als Problem gefasst: die Einen wollen
um keinen Preis ihre "Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das
persönliche Anrecht auf ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen
gehören dahin -); die Anderen wollen umgekehrt nichts verantworten, an
nichts schuld sein und verlangen, aus einer innerlichen Selbst-Verachtung
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heraus, sich selbst irgend wohin abwälzen zu können. Diese Letzteren
pflegen sich, wenn sie Bücher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen;
eine Art von socialistischem Mitleiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und
in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich
erstaunlich, wenn er sich als "la religion de la souffrance humaine"
einzuführen versteht: es ist sein "guter Geschmack".
22.
Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht
lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen - aber
jene "Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Physiker so stolz redet, wie
als ob - - besteht nur Dank eurer Ausdeutung und schlechten "Philologie", -
sie ist kein Thatbestand, kein "Text", vielmehr nur eine naiv-humanitäre
Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen
Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt! "Überall
Gleichheit vor dem Gesetz, - die Natur hat es darin nicht anders und nicht
besser als wir": ein artiger Hintergedanke, in dem noch einmal die
pöbelmännische Feindschaft gegen alles Bevorrechtete und Selbstherrliche,
insgleichen ein zweiter und feinerer Atheismus verkleidet liegt. "Ni dieu, ni
maître" - so wollt auch ihr's.- und darum "hoch das Naturgesetz"! - nicht
wahr? Aber, wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte
Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und
Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die
gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose und
unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen verstünde,
- ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem
"Willen zur Macht" dermaassen euch vor Augen stellte, dass fast jedes Wort
und selbst das Wort "Tyrannei" schliesslich unbrauchbar oder schon als
schwächende und mildernde Metapher - als zu menschlich - erschiene; und
pflegen sich, wenn sie Bücher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen;
eine Art von socialistischem Mitleiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und
in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich
erstaunlich, wenn er sich als "la religion de la souffrance humaine"
einzuführen versteht: es ist sein "guter Geschmack".
22.
Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht
lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen - aber
jene "Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Physiker so stolz redet, wie
als ob - - besteht nur Dank eurer Ausdeutung und schlechten "Philologie", -
sie ist kein Thatbestand, kein "Text", vielmehr nur eine naiv-humanitäre
Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen
Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt! "Überall
Gleichheit vor dem Gesetz, - die Natur hat es darin nicht anders und nicht
besser als wir": ein artiger Hintergedanke, in dem noch einmal die
pöbelmännische Feindschaft gegen alles Bevorrechtete und Selbstherrliche,
insgleichen ein zweiter und feinerer Atheismus verkleidet liegt. "Ni dieu, ni
maître" - so wollt auch ihr's.- und darum "hoch das Naturgesetz"! - nicht
wahr? Aber, wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte
Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und
Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die
gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose und
unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen verstünde,
- ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem
"Willen zur Macht" dermaassen euch vor Augen stellte, dass fast jedes Wort
und selbst das Wort "Tyrannei" schliesslich unbrauchbar oder schon als
schwächende und mildernde Metapher - als zu menschlich - erschiene; und
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der dennoch damit endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was
ihr behauptet, nämlich dass sie einen "nothwendigen" und "berechenbaren"
Verlauf habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut
die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte
Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist - und ihr
werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, um so besser. -
23.
Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und
Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe gewagt.
Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht
zufassen, wie ich sie fasse - daran hat noch Niemand in seinen Gedanken
selbst gestreift: sofern es nämlich erlaubt ist, in dem, was bisher
geschrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher verschwiegen
wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile ist tief in die
geistigste, in die anscheinend kälteste und voraussetzungsloseste Welt
gedrungen - und, wie es sich von selbst versteht, schädigend, hemmend,
blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio-Psychologie hat mit
unbewussten Widerständen im Herzen des Forschers zu kämpfen, sie hat
"das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen Bedingtheit
der "guten" und der "schlimmen" Triebe, macht, als feinere Immoralität,
einem noch kräftigen und herzhaften Gewissen Noth und Überdruss, - noch
mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten Triebe aus den
schlimmen. Gesetzt aber, Jemand nimmt gar die Affekte Hass, Neid,
Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte, als Etwas, das im
Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und grundwesentlich
vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden muss, falls das Leben
noch gesteigert werden soll, - der leidet an einer solchen Richtung seines
Urtheils wie an einer Seekrankheit. Und doch ist auch diese Hypothese bei
ihr behauptet, nämlich dass sie einen "nothwendigen" und "berechenbaren"
Verlauf habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut
die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte
Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist - und ihr
werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, um so besser. -
23.
Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und
Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe gewagt.
Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht
zufassen, wie ich sie fasse - daran hat noch Niemand in seinen Gedanken
selbst gestreift: sofern es nämlich erlaubt ist, in dem, was bisher
geschrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher verschwiegen
wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile ist tief in die
geistigste, in die anscheinend kälteste und voraussetzungsloseste Welt
gedrungen - und, wie es sich von selbst versteht, schädigend, hemmend,
blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio-Psychologie hat mit
unbewussten Widerständen im Herzen des Forschers zu kämpfen, sie hat
"das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen Bedingtheit
der "guten" und der "schlimmen" Triebe, macht, als feinere Immoralität,
einem noch kräftigen und herzhaften Gewissen Noth und Überdruss, - noch
mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten Triebe aus den
schlimmen. Gesetzt aber, Jemand nimmt gar die Affekte Hass, Neid,
Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte, als Etwas, das im
Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und grundwesentlich
vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden muss, falls das Leben
noch gesteigert werden soll, - der leidet an einer solchen Richtung seines
Urtheils wie an einer Seekrankheit. Und doch ist auch diese Hypothese bei
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weitem nicht die peinlichste und fremdeste in diesem ungeheuren fast noch
neuen Reiche gefährlicher Erkenntnisse: - und es giebt in der That hundert
gute Gründe dafür, dass Jeder von ihm fernbleibt, der es - kann!
Andrerseits: ist man einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun!
wohlan! jetzt tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen aufgemacht!
die Hand fest am Steuer! - wir fahren geradewegs über die Moral weg, wir
erdrücken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest Moralität,
indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, - aber was liegt an uns!
Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden und Abenteurern eine tiefere
Welt der Einsicht eröffnet: und der Psychologe, welcher dergestalt "Opfer
bringt" - es ist nicht das sacrifizio dell'intelletto, im Gegentheil! - wird zum
Mindesten dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin
der Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die
übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder der
Weg zu den Grundproblemen.
Zweites Hauptstück:
Der freie Geist.
24.
O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung
lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich
erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir Alles
um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten wir
unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm Denken eine
göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu
geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre
neuen Reiche gefährlicher Erkenntnisse: - und es giebt in der That hundert
gute Gründe dafür, dass Jeder von ihm fernbleibt, der es - kann!
Andrerseits: ist man einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun!
wohlan! jetzt tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen aufgemacht!
die Hand fest am Steuer! - wir fahren geradewegs über die Moral weg, wir
erdrücken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest Moralität,
indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, - aber was liegt an uns!
Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden und Abenteurern eine tiefere
Welt der Einsicht eröffnet: und der Psychologe, welcher dergestalt "Opfer
bringt" - es ist nicht das sacrifizio dell'intelletto, im Gegentheil! - wird zum
Mindesten dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin
der Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die
übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder der
Weg zu den Grundproblemen.
Zweites Hauptstück:
Der freie Geist.
24.
O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung
lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich
erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir Alles
um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten wir
unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm Denken eine
göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu
geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre
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Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit,
Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens,
um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem nunmehr festen und
granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft
erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren
Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren!
Nicht als sein Gegensatz, sondern - als seine Verfeinerung! Mag nämlich
auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit
hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur Grade
und mancherlei Feinheit der Stufen giebt; mag ebenfalls die eingefleischte
Tartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen "Fleisch
und Blut" gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen: hier
und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste
Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch
künstlichen, zurecht gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will,
wie sie unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige, - das
Leben liebt!
25.
Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht
überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor, ihr
Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem
Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der
eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und
feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe
Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit
Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen
Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit auf
Erden ausspielen müsst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose und
Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens,
um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem nunmehr festen und
granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft
erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren
Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren!
Nicht als sein Gegensatz, sondern - als seine Verfeinerung! Mag nämlich
auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit
hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur Grade
und mancherlei Feinheit der Stufen giebt; mag ebenfalls die eingefleischte
Tartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen "Fleisch
und Blut" gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen: hier
und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste
Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch
künstlichen, zurecht gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will,
wie sie unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige, - das
Leben liebt!
25.
Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht
überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor, ihr
Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem
Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der
eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und
feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe
Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit
Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen
Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit auf
Erden ausspielen müsst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose und
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täppische Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und gerade euch,
ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren Eckensteher und
Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran
liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein
Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahrhaftigkeit
in jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, welches ihr hinter eure
Leibworte und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt,
als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und
Gerichtshöfen! Geht lieber bei Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure
Maske und Feinheit, dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte!
Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk!
Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik
über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird:
- wählt die gute Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit,
welche euch auch ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu
bleiben! Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der
sich nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine lange
Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese
Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten, Schlimm-
Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's oder Giordano
Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der geistigsten Maskerade,
und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüchtigen
und Giftmischern (man grabe doch einmal den Grund der Ethik und
Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht zu reden von der Tölpelei der
moralischen Entrüstung, welche an einem Philosophen das unfehlbare
Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor davon lief. Das
Martyrium des Philosophen, seine "Aufopferung für die Wahrheit" zwingt
an's Licht heraus, was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte;
und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher
zugeschaut hat, so kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche
ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren Eckensteher und
Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran
liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein
Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahrhaftigkeit
in jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, welches ihr hinter eure
Leibworte und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt,
als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und
Gerichtshöfen! Geht lieber bei Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure
Maske und Feinheit, dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte!
Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk!
Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik
über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird:
- wählt die gute Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit,
welche euch auch ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu
bleiben! Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der
sich nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine lange
Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese
Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten, Schlimm-
Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's oder Giordano
Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der geistigsten Maskerade,
und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüchtigen
und Giftmischern (man grabe doch einmal den Grund der Ethik und
Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht zu reden von der Tölpelei der
moralischen Entrüstung, welche an einem Philosophen das unfehlbare
Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor davon lief. Das
Martyrium des Philosophen, seine "Aufopferung für die Wahrheit" zwingt
an's Licht heraus, was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte;
und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher
zugeschaut hat, so kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche
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Wunsch freilich begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu
sehn (entartet zum "Märtyrer", zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals). Nur
dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was
man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: - nur ein Satyrspiel, nur
eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis dafür, dass die lange
eigentliche Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede Philosophie im
Entstehen eine lange Tragödie war. -
26.
Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und
Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst ist,
wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: - den Einen
Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte geradewegs
auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im grossen und
ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen gelegentlich in
allen Farben der Noth, grün und grau vor Ekel, Überdruss, Mitgefühl,
Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist gewiss kein Mensch höheren
Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle diese Last und Unlust nicht
freiwillig auf sich, er weicht ihr immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still
und stolz auf seiner Burg versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur
Erkenntniss nicht gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde
er eines Tages sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten
Geschmack! aber die Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die
Ausnahme!" - und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das
Studium des durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem
Zwecke viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter
Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit Seines-
Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stück der Lebensgeschichte jedes
Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste, übelriechendste, an
sehn (entartet zum "Märtyrer", zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals). Nur
dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was
man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: - nur ein Satyrspiel, nur
eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis dafür, dass die lange
eigentliche Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede Philosophie im
Entstehen eine lange Tragödie war. -
26.
Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und
Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst ist,
wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: - den Einen
Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte geradewegs
auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im grossen und
ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen gelegentlich in
allen Farben der Noth, grün und grau vor Ekel, Überdruss, Mitgefühl,
Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist gewiss kein Mensch höheren
Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle diese Last und Unlust nicht
freiwillig auf sich, er weicht ihr immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still
und stolz auf seiner Burg versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur
Erkenntniss nicht gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde
er eines Tages sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten
Geschmack! aber die Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die
Ausnahme!" - und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das
Studium des durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem
Zwecke viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter
Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit Seines-
Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stück der Lebensgeschichte jedes
Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste, übelriechendste, an
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Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück, wie es einem
Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er eigentlichen
Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine sogenannten
Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit, die "Regel" an
sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von Geistigkeit und
Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor Zeugen reden zu
müssen: - mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern wie auf ihrem eignen
Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher gemeine Seelen an Das
streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere Mensch hat bei jedem gröberen
und feineren Cynismus die Ohren aufzumachen und sich jedes Mal Glück
zu wünschen, wenn gerade vor ihm der Possenreisser ohne Scham oder der
wissenschaftliche Satyr laut werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich
die Bezauberung mischt: da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock
und Affen, durch eine Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei
dem Abbé Galiani, dem tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch
schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire
und folglich auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es,
dass, wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein
feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter Ärzten
und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und wo
nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als von
einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem;
überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit
sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen
Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom
Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber der
Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren überhaupt dort
haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der entrüstete Mensch, und
wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst (oder, zum Ersatz dafür,
die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft) zerreisst und zerfleischt, mag
Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er eigentlichen
Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine sogenannten
Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit, die "Regel" an
sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von Geistigkeit und
Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor Zeugen reden zu
müssen: - mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern wie auf ihrem eignen
Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher gemeine Seelen an Das
streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere Mensch hat bei jedem gröberen
und feineren Cynismus die Ohren aufzumachen und sich jedes Mal Glück
zu wünschen, wenn gerade vor ihm der Possenreisser ohne Scham oder der
wissenschaftliche Satyr laut werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich
die Bezauberung mischt: da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock
und Affen, durch eine Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei
dem Abbé Galiani, dem tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch
schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire
und folglich auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es,
dass, wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein
feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter Ärzten
und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und wo
nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als von
einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem;
überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit
sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen
Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom
Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber der
Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren überhaupt dort
haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der entrüstete Mensch, und
wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst (oder, zum Ersatz dafür,
die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft) zerreisst und zerfleischt, mag
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zwar moralisch gerechnet, höher stehn als der lachende und
selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne aber ist er der
gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall. Und Niemand lügt
soviel als der Entrüstete. -
27.
Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati
denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben,
nämlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches"
mandeikagati - ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu
werden? - und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit der
Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten Freunde"
anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als Freunde ein Recht
auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut man gut, ihnen von
vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des Missverständnisses
zuzugestehn: - so hat man noch, zu lachen; - oder sie ganz abzuschaffen,
diese guten Freunde, - und auch zu lachen!
28.
Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen
lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse seinen
Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo ihres
"Stoffwechsels". Es giebt ehrlich gemeinte Übersetzungen, die beinahe
Fälschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des Originals, bloss
weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit übersetzt werden konnte,
welches über alles Gefährliche in Dingen und Worten wegspringt, weghilft.
Der Deutsche ist beinahe des Presto in seiner Sprache unfähig: also, wie
man billig schliessen darf, auch vieler der ergötzlichsten und verwegensten
selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne aber ist er der
gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall. Und Niemand lügt
soviel als der Entrüstete. -
27.
Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati
denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben,
nämlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches"
mandeikagati - ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu
werden? - und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit der
Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten Freunde"
anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als Freunde ein Recht
auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut man gut, ihnen von
vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des Missverständnisses
zuzugestehn: - so hat man noch, zu lachen; - oder sie ganz abzuschaffen,
diese guten Freunde, - und auch zu lachen!
28.
Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen
lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse seinen
Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo ihres
"Stoffwechsels". Es giebt ehrlich gemeinte Übersetzungen, die beinahe
Fälschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des Originals, bloss
weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit übersetzt werden konnte,
welches über alles Gefährliche in Dingen und Worten wegspringt, weghilft.
Der Deutsche ist beinahe des Presto in seiner Sprache unfähig: also, wie
man billig schliessen darf, auch vieler der ergötzlichsten und verwegensten
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Nuances des freien, freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und
der Satyr fremd ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und
Petronius unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-
Plumpe, alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei
den Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, - man vergebe
mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von
Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild der
"alten guten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck des deutschen
Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack" gab: der
ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing macht eine
Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles verstand und sich
auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der Übersetzer Bayle's war und
sich gerne in die Nähe Diderot's und Voltaire's, noch lieber unter die
römischen Lustspieldichter flüchtete: - Lessing liebte auch im tempo die
Freigeisterei, die Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche
Sprache, und sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo
Macchiavell's nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft
von Florenz athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit
in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne ein
boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt, - Gedanken,
lang, schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps und der
allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine deutsche
Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein grosser Musiker
bisher, der Meister des presto gewesen ist, in Erfindungen, Einfällen,
Worten: - was liegt zuletzt an allen Sümpfen der kranken, schlimmen Welt,
auch der "alten Welt", wenn man, wie er, die Füsse eines Windes hat, den
Zug und Athem, den befreienden Hohn eines Windes, der Alles gesund
macht, indem er Alles laufen macht! Und was Aristophanes angeht, jenen
verklärenden, complementären Geist, um dessentwillen man dem ganzen
Griechenthum verzeiht, dass es da war, gesetzt, dass man in aller Tiefe
der Satyr fremd ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und
Petronius unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-
Plumpe, alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei
den Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, - man vergebe
mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von
Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild der
"alten guten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck des deutschen
Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack" gab: der
ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing macht eine
Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles verstand und sich
auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der Übersetzer Bayle's war und
sich gerne in die Nähe Diderot's und Voltaire's, noch lieber unter die
römischen Lustspieldichter flüchtete: - Lessing liebte auch im tempo die
Freigeisterei, die Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche
Sprache, und sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo
Macchiavell's nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft
von Florenz athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit
in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne ein
boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt, - Gedanken,
lang, schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps und der
allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine deutsche
Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein grosser Musiker
bisher, der Meister des presto gewesen ist, in Erfindungen, Einfällen,
Worten: - was liegt zuletzt an allen Sümpfen der kranken, schlimmen Welt,
auch der "alten Welt", wenn man, wie er, die Füsse eines Windes hat, den
Zug und Athem, den befreienden Hohn eines Windes, der Alles gesund
macht, indem er Alles laufen macht! Und was Aristophanes angeht, jenen
verklärenden, complementären Geist, um dessentwillen man dem ganzen
Griechenthum verzeiht, dass es da war, gesetzt, dass man in aller Tiefe
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begriffen hat, was da Alles der Verzeihung, der Verklärung bedarf: - so
wüsste ich nichts, was mich über Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur
mehr hat träumen lassen als jenes glücklich erhaltene petit falt: dass man
unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts
Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, - sondern den Aristophanes.
Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten - ein griechisches Leben, zu
dem er Nein sagte, - ohne einen Aristophanes! -
29.
Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: - es ist ein Vorrecht
der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber
ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich nicht nur stark,
sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er begiebt sich in ein
Labyrinth, er vertausendfältigt die Gefahren, welche das Leben an sich
schon mit sich bringt; von denen es nicht die kleinste ist, dass Keiner mit
Augen sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stückweise von
irgend einem Höhlen-Minotaurus des Gewissens zerrissen wird. Gesetzt,
ein Solcher geht zu Grunde, so geschieht es so ferne vom Verständniss der
Menschen, dass sie es nicht fühlen und mitfühlen: - und er kann nicht mehr
zurück! er kann auch zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück! - -
30.
Unsre höchsten Einsichten müssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter
Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu
Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das
Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen
unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern, kurz
überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche
wüsste ich nichts, was mich über Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur
mehr hat träumen lassen als jenes glücklich erhaltene petit falt: dass man
unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts
Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, - sondern den Aristophanes.
Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten - ein griechisches Leben, zu
dem er Nein sagte, - ohne einen Aristophanes! -
29.
Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: - es ist ein Vorrecht
der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber
ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich nicht nur stark,
sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er begiebt sich in ein
Labyrinth, er vertausendfältigt die Gefahren, welche das Leben an sich
schon mit sich bringt; von denen es nicht die kleinste ist, dass Keiner mit
Augen sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stückweise von
irgend einem Höhlen-Minotaurus des Gewissens zerrissen wird. Gesetzt,
ein Solcher geht zu Grunde, so geschieht es so ferne vom Verständniss der
Menschen, dass sie es nicht fühlen und mitfühlen: - und er kann nicht mehr
zurück! er kann auch zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück! - -
30.
Unsre höchsten Einsichten müssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter
Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu
Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das
Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen
unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern, kurz
überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche
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Rechte glaubte, - das hebt sich nicht sowohl dadurch von einander ab, dass
der Exoteriker draussen steht und von aussen her, nicht von innen her, sieht,
schätzt, misst, urtheilt: das Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die
Dinge sieht, - der Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der
Seele, von wo aus gesehen selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken;
und, alles Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden
wagen, ob sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt
zur Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde?… Was der
höheren Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer
sehr unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden
des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und
Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch,
gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den Besitz
von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in der niederen
Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen zu verehren. Es
giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth
haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere Lebenskraft oder aber
die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen: im ersten Falle sind es
gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher, im anderen Heroldsrufe,
welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit herausfordern. Allerwelts-Bücher
sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran.
Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken.
Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -
31.
Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der
Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es
billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und
Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass der
der Exoteriker draussen steht und von aussen her, nicht von innen her, sieht,
schätzt, misst, urtheilt: das Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die
Dinge sieht, - der Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der
Seele, von wo aus gesehen selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken;
und, alles Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden
wagen, ob sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt
zur Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde?… Was der
höheren Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer
sehr unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden
des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und
Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch,
gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den Besitz
von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in der niederen
Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen zu verehren. Es
giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth
haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere Lebenskraft oder aber
die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen: im ersten Falle sind es
gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher, im anderen Heroldsrufe,
welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit herausfordern. Allerwelts-Bücher
sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran.
Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken.
Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -
31.
Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der
Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es
billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und
Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass der
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schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte
grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas
Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen den
Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das
Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine Ruhe zu
geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es
sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes
und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele, durch lauter
Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst
zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne und
Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreisst sie sich
ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst-Verblendung, wie als
ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange
bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man foltert
seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute
Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst-Verschleierung und
Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei,
grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". - Ein Jahrzehend später: und man
begreift, dass auch dies Alles noch - Jugend war!
32.
Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt sie
die prähistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer Handlung
aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei ebensowenig
als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie heute noch in China
eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die Eltern zurückgreift, so
war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder Misserfolgs, welche den
Menschen anleitete, gut oder schlecht von einer Handlung zu denken.
Nennen wir diese Periode die vormoralische Periode der Menschheit: der
grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas
Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen den
Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das
Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine Ruhe zu
geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es
sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes
und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele, durch lauter
Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst
zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne und
Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreisst sie sich
ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst-Verblendung, wie als
ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange
bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man foltert
seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute
Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst-Verschleierung und
Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei,
grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". - Ein Jahrzehend später: und man
begreift, dass auch dies Alles noch - Jugend war!
32.
Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt sie
die prähistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer Handlung
aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei ebensowenig
als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie heute noch in China
eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die Eltern zurückgreift, so
war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder Misserfolgs, welche den
Menschen anleitete, gut oder schlecht von einer Handlung zu denken.
Nennen wir diese Periode die vormoralische Periode der Menschheit: der
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Imperativ "erkenne dich selbst!" war damals noch unbekannt. In den letzten
zehn Jahrtausenden ist man hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde
Schritt für Schritt so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die
Herkunft der Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses
Ereigniss als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und
Maassstabs, die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft
aristokratischer Werthe und des Glaubens an "Herkunft", das Abzeichen
einer Periode, welche man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen
darf: der erste Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der
Folgen die Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich
eine erst nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung!
Freilich: ein verhängnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche
Engigkeit der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man
interpretirte die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als
Herkunft aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der
Werth einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als
die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem
Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch gelobt,
getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden. - Sollten wir aber heute nicht
bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals über eine Umkehrung
und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu machen, Dank einer
nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des Menschen, - sollten wir
nicht an der Schwelle einer Periode stehen, welche, negativ, zunächst als die
aussermoralische zu, bezeichnen wäre: heute, wo wenigstens unter uns
Immoralisten der Verdacht sich regt, dass gerade in dem, was nicht-
absichtlich an einer Handlung ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und
dass alle ihre Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst"
werden kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, - welche, wie jede
Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass die
Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung bedarf,
zehn Jahrtausenden ist man hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde
Schritt für Schritt so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die
Herkunft der Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses
Ereigniss als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und
Maassstabs, die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft
aristokratischer Werthe und des Glaubens an "Herkunft", das Abzeichen
einer Periode, welche man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen
darf: der erste Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der
Folgen die Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich
eine erst nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung!
Freilich: ein verhängnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche
Engigkeit der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man
interpretirte die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als
Herkunft aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der
Werth einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als
die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem
Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch gelobt,
getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden. - Sollten wir aber heute nicht
bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals über eine Umkehrung
und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu machen, Dank einer
nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des Menschen, - sollten wir
nicht an der Schwelle einer Periode stehen, welche, negativ, zunächst als die
aussermoralische zu, bezeichnen wäre: heute, wo wenigstens unter uns
Immoralisten der Verdacht sich regt, dass gerade in dem, was nicht-
absichtlich an einer Handlung ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und
dass alle ihre Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst"
werden kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, - welche, wie jede
Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass die
Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung bedarf,
Page 42
dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich für sich allein fast nichts
bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also Absichten-Moral ein
Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vorläufigkeit vielleicht, ein
Ding etwa vom Range der Astrologie und Alchymie, aber jedenfalls Etwas,
das überwunden werden muss. Die Überwindung der Moral, in einem
gewissen Verstande sogar die Selbstüberwindung der Moral: mag das der
Name für jene lange geheime Arbeit sein, welche den feinsten und
redlichsten, auch den boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen
Probirsteinen der Seele, vorbehalten blieb. -
33.
Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung
für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos zur
Rede stellen und vor Gericht führen: ebenso wie die Ästhetik der
"interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Entmännlichung der
Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht. Es
ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefühlen des "für Andere", des
"nicht für mich", als dass man nicht nöthig hätte, hier doppelt misstrauisch
zu werden und zu fragen: "sind es nicht vielleicht - Verführungen?" - Dass
sie gefallen - Dem, der sie hat, und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch
dem blossen Zuschauer, - dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern
fordert gerade zur Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!
34.
Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen
mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in der wir
zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser Auge noch
habhaft werden kann: - wir finden Gründe über Gründe dafür, die uns zu
bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also Absichten-Moral ein
Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vorläufigkeit vielleicht, ein
Ding etwa vom Range der Astrologie und Alchymie, aber jedenfalls Etwas,
das überwunden werden muss. Die Überwindung der Moral, in einem
gewissen Verstande sogar die Selbstüberwindung der Moral: mag das der
Name für jene lange geheime Arbeit sein, welche den feinsten und
redlichsten, auch den boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen
Probirsteinen der Seele, vorbehalten blieb. -
33.
Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung
für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos zur
Rede stellen und vor Gericht führen: ebenso wie die Ästhetik der
"interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Entmännlichung der
Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht. Es
ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefühlen des "für Andere", des
"nicht für mich", als dass man nicht nöthig hätte, hier doppelt misstrauisch
zu werden und zu fragen: "sind es nicht vielleicht - Verführungen?" - Dass
sie gefallen - Dem, der sie hat, und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch
dem blossen Zuschauer, - dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern
fordert gerade zur Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!
34.
Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen
mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in der wir
zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser Auge noch
habhaft werden kann: - wir finden Gründe über Gründe dafür, die uns zu
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Muthmaassungen über ein betrügerisches Princip im "Wesen der Dinge"
verlocken möchten. Wer aber unser Denken selbst, also "den Geist" für die
Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein ehrenhafter Ausweg, den
jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei geht -: wer diese Welt,
sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch erschlossen nimmt: ein
Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles Denken selbst endlich
Misstrauen zu lernen: hätte es uns nicht bisher den allergrössten
Schabernack gespielt? und welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht
fortführe, zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld
der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen
erlaubt, sich auch heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der
Bitte, dass es ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei,
und warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom Halse
halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an "unmittelbare
Gewissheiten" ist eine moralische Naivetät, welche uns Philosophen Ehre
macht: aber - wir sollen nun einmal nicht "nur moralische" Menschen sein!
Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube eine Dummheit, die uns wenig
Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das allzeit bereite Misstrauen als
Zeichen des "schlechten Charakters" gelten und folglich unter die
Unklugheiten gehören: hier unter uns, jenseits der bürgerlichen Welt und
ihres Ja's und Nein's, - was sollte uns hindern, unklug zu sein und zu sagen:
der Philosoph hat nachgerade ein Recht auf "schlechten Charakter", als das
Wesen, welches bisher auf Erden immer am besten genarrt worden ist, - er
hat heute die Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem
Abgrunde des Verdachts heraus. - Man vergebe mir den Scherz dieser
düsteren Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über
Betrügen und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und
halte mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der
die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht?
Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit mehr werth
verlocken möchten. Wer aber unser Denken selbst, also "den Geist" für die
Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein ehrenhafter Ausweg, den
jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei geht -: wer diese Welt,
sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch erschlossen nimmt: ein
Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles Denken selbst endlich
Misstrauen zu lernen: hätte es uns nicht bisher den allergrössten
Schabernack gespielt? und welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht
fortführe, zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld
der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen
erlaubt, sich auch heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der
Bitte, dass es ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei,
und warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom Halse
halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an "unmittelbare
Gewissheiten" ist eine moralische Naivetät, welche uns Philosophen Ehre
macht: aber - wir sollen nun einmal nicht "nur moralische" Menschen sein!
Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube eine Dummheit, die uns wenig
Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das allzeit bereite Misstrauen als
Zeichen des "schlechten Charakters" gelten und folglich unter die
Unklugheiten gehören: hier unter uns, jenseits der bürgerlichen Welt und
ihres Ja's und Nein's, - was sollte uns hindern, unklug zu sein und zu sagen:
der Philosoph hat nachgerade ein Recht auf "schlechten Charakter", als das
Wesen, welches bisher auf Erden immer am besten genarrt worden ist, - er
hat heute die Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem
Abgrunde des Verdachts heraus. - Man vergebe mir den Scherz dieser
düsteren Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über
Betrügen und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und
halte mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der
die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht?
Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit mehr werth
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ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der
Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein Leben,
wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer Schätzungen und
Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften Begeisterung und
Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare Welt" ganz abschlaffen,
nun, gesetzt, ihr könntet das, - so bliebe mindestens dabei auch von eurer
"Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
dass es einen wesenhaften Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt?
Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam
hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des Scheins, -
verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte
die Welt, die uns etwas angeht -, nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt:
"aber zur Fiktion gehört ein Urheber?" - dürfte dem nicht rund geantwortet
werden: Warum? Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion?
Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt,
nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht
über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den
Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem
Gouvernanten-Glauben absagte? -
35.
Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem
Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei
gar zu menschlich treibt - "il ne cherche le vrai que pour faire le bien" - ich
wette, er findet nichts!
36.
Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein Leben,
wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer Schätzungen und
Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften Begeisterung und
Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare Welt" ganz abschlaffen,
nun, gesetzt, ihr könntet das, - so bliebe mindestens dabei auch von eurer
"Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
dass es einen wesenhaften Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt?
Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam
hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des Scheins, -
verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte
die Welt, die uns etwas angeht -, nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt:
"aber zur Fiktion gehört ein Urheber?" - dürfte dem nicht rund geantwortet
werden: Warum? Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion?
Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt,
nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht
über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den
Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem
Gouvernanten-Glauben absagte? -
35.
Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem
Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es dabei
gar zu menschlich treibt - "il ne cherche le vrai que pour faire le bien" - ich
wette, er findet nichts!
36.
Page 45
Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der
Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realität" hinab
oder hinauf können als gerade zur Realität unsrer Triebe - denn Denken ist
nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander -: ist es nicht erlaubt, den
Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies Gegeben nicht
ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte mechanistische
(oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine nicht als eine Täuschung,
einen "Schein", eine "Vorstellung" (im Berkeley'schen und
Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts-Range,
welchen unser Affekt selbst hat, - als eine primitivere Form der Welt der
Affekte, in der noch Alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich
dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig,
verzärtelt und abschwächt -), als eine Art von Triebleben, in dem noch
sämmtliche organische Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation,
Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander
sind, - als eine Vorform des Lebens? - Zuletzt ist es nicht nur erlaubt, diesen
Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht
mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht der Versuch, mit
einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste Grenze getrieben ist (-
bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der
man sich heute nicht entziehen darf; - es folgt "aus ihrer Definition", wie
ein Mathematiker sagen würde. Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen
wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Causalität des Willens
glauben: thun wir das - und im Grunde ist der Glaube daran eben unser
Glaube an Causalität selbst -, so müssen wir den Versuch machen, die
Willens-Causalität hypothetisch als die einzige zu setzen. "Wille" kann
natürlich nur auf "Wille" wirken - und nicht auf "Stoffe" (nicht auf
"Nerven" zum Beispiel -): genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht
überall, wo "Wirkungen" anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt - und ob
nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird,
Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realität" hinab
oder hinauf können als gerade zur Realität unsrer Triebe - denn Denken ist
nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander -: ist es nicht erlaubt, den
Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies Gegeben nicht
ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte mechanistische
(oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine nicht als eine Täuschung,
einen "Schein", eine "Vorstellung" (im Berkeley'schen und
Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts-Range,
welchen unser Affekt selbst hat, - als eine primitivere Form der Welt der
Affekte, in der noch Alles in mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich
dann im organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig,
verzärtelt und abschwächt -), als eine Art von Triebleben, in dem noch
sämmtliche organische Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation,
Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander
sind, - als eine Vorform des Lebens? - Zuletzt ist es nicht nur erlaubt, diesen
Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht
mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht der Versuch, mit
einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste Grenze getrieben ist (-
bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der
man sich heute nicht entziehen darf; - es folgt "aus ihrer Definition", wie
ein Mathematiker sagen würde. Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen
wirklich als wirkend anerkennen, ob wir an die Causalität des Willens
glauben: thun wir das - und im Grunde ist der Glaube daran eben unser
Glaube an Causalität selbst -, so müssen wir den Versuch machen, die
Willens-Causalität hypothetisch als die einzige zu setzen. "Wille" kann
natürlich nur auf "Wille" wirken - und nicht auf "Stoffe" (nicht auf
"Nerven" zum Beispiel -): genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht
überall, wo "Wirkungen" anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt - und ob
nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird,
Page 46
eben Willenskraft, Willens-Wirkung ist. - Gesetzt endlich, dass es gelänge,
unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer
Grundform des Willens zu erklären - nämlich des Willens zur Macht, wie es
in ein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen auf diesen
Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die Lösung des
Problems der Zeugung und Ernährung - es ist Ein Problem - fände, so hätte
man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu
bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf
ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und bezeichnet - sie wäre eben
"Wille zur Macht" und nichts ausserdem. -
37.
"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der
Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde!
Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! -
38.
Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der
französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus der
Nähe beurtheilt, überflüssigen Posse, in welche aber die edlen und
schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange
und so leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen hinein
interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation verschwand: so
könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze Vergangenheit
missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick erträglich machen.
- Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir nicht selbst -
diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht gerade jetzt, insofern wir dies
begreifen, - damit vorbei?
unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer
Grundform des Willens zu erklären - nämlich des Willens zur Macht, wie es
in ein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen auf diesen
Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die Lösung des
Problems der Zeugung und Ernährung - es ist Ein Problem - fände, so hätte
man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu
bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf
ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und bezeichnet - sie wäre eben
"Wille zur Macht" und nichts ausserdem. -
37.
"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der
Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde!
Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! -
38.
Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der
französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus der
Nähe beurtheilt, überflüssigen Posse, in welche aber die edlen und
schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange
und so leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen hinein
interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation verschwand: so
könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze Vergangenheit
missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick erträglich machen.
- Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir nicht selbst -
diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht gerade jetzt, insofern wir dies
begreifen, - damit vorbei?
Page 47
39.
Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder
tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen "Idealisten" etwa
ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in
ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen
Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück und Tugend
sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener
Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig
Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich im höchsten
Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst zur
Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen
Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Stärke eines Geistes
darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch aushielte,
deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt, versüsst,
verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass
für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit die Bösen und
Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des
Gelingens haben; nicht zu reden von den Bösen, die glücklich sind, - eine
Species, welche von den Moralisten verschwiegen wird. Vielleicht, dass
Härte und List günstigere Bedingungen zur Entstehung des starken,
unabhängigen Geistes und Philosophen abgeben, als jene sanfte feine
nachgebende Gutartigkeit und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an
einem Gelehrten schätzt und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran
steht, dass man den Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt,
der Bücher schreibt - oder gar seine Philosophie in Bücher bringt! - Einen
letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt Stendhal
bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht unterlassen will zu
unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen Geschmack. "Pour être
bon philosophe", sagt dieser letzte grosse Psycholog, "il faut être sec, clair,
sans illusion. Un banquier, qui a fait fortune, a une partie du caractère
Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder
tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen "Idealisten" etwa
ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in
ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen
Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück und Tugend
sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener
Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig
Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich im höchsten
Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst zur
Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen
Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Stärke eines Geistes
darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch aushielte,
deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt, versüsst,
verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass
für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit die Bösen und
Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des
Gelingens haben; nicht zu reden von den Bösen, die glücklich sind, - eine
Species, welche von den Moralisten verschwiegen wird. Vielleicht, dass
Härte und List günstigere Bedingungen zur Entstehung des starken,
unabhängigen Geistes und Philosophen abgeben, als jene sanfte feine
nachgebende Gutartigkeit und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an
einem Gelehrten schätzt und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran
steht, dass man den Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt,
der Bücher schreibt - oder gar seine Philosophie in Bücher bringt! - Einen
letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt Stendhal
bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht unterlassen will zu
unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen Geschmack. "Pour être
bon philosophe", sagt dieser letzte grosse Psycholog, "il faut être sec, clair,
sans illusion. Un banquier, qui a fait fortune, a une partie du caractère
Page 48
requis pour faire des découvertes en philosophie, c'est-'á-dire pour voir clair
dans ce qui est."
40.
Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar
einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der Gegensatz die
rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge? Eine
fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht irgend ein Mystiker
schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt Vorgänge so zarter Art,
dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich
zu machen; es giebt Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden
Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher ist, als einen Stock zu nehmen
und den Augenzeugen durchzuprügeln: damit trübt man dessen
Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf, das eigne Gedächtniss zu trüben
und zu misshandeln, um wenigstens an diesem einzigen Mitwisser seine
Rache zu haben: - die Scham ist erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten
Dinge, deren man sich am schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist
hinter einer Maske, - es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir
denken, dass ein Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen
hätte, grob und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass
durch's Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem
Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und
zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um
deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen:
seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder
eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt das
Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich ist in
der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass eine Maske von
ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde herum
dans ce qui est."
40.
Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar
einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der Gegensatz die
rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge? Eine
fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht irgend ein Mystiker
schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt Vorgänge so zarter Art,
dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich
zu machen; es giebt Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden
Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher ist, als einen Stock zu nehmen
und den Augenzeugen durchzuprügeln: damit trübt man dessen
Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf, das eigne Gedächtniss zu trüben
und zu misshandeln, um wenigstens an diesem einzigen Mitwisser seine
Rache zu haben: - die Scham ist erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten
Dinge, deren man sich am schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist
hinter einer Maske, - es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir
denken, dass ein Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen
hätte, grob und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass
durch's Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem
Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und
zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um
deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen:
seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder
eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt das
Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich ist in
der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass eine Maske von
ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde herum
Page 49
wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm eines Tages die Augen
darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine Maske von ihm giebt, - und
dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um
jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske, Dank der beständig
falschen, nämlich flachen Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes
Lebens-Zeichens, das er giebt. -
41.
Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur
Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten Zeit.
Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie vielleicht
das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und zuletzt nur Proben,
die vor uns selber als Zeugen und vor keinem anderen Richter abgelegt
werden. Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die geliebteste, -
jede Person ist ein Gefängniss, auch ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande
hängen bleiben: und sei es das leidendste und hülfbedürftigste, - es ist schon
weniger schwer, sein Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden.
Nicht an einem Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen,
in deren seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.
Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit den
kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an seiner
eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und Fremde
des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr unter sich
zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern eignen Tugenden
hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit an uns
werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie es die Gefahr der
Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist, welche
verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und die Tugend
darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine Maske von ihm giebt, - und
dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um
jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske, Dank der beständig
falschen, nämlich flachen Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes
Lebens-Zeichens, das er giebt. -
41.
Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur
Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten Zeit.
Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie vielleicht
das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und zuletzt nur Proben,
die vor uns selber als Zeugen und vor keinem anderen Richter abgelegt
werden. Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die geliebteste, -
jede Person ist ein Gefängniss, auch ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande
hängen bleiben: und sei es das leidendste und hülfbedürftigste, - es ist schon
weniger schwer, sein Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden.
Nicht an einem Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen,
in deren seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.
Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit den
kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an seiner
eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und Fremde
des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr unter sich
zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern eignen Tugenden
hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit an uns
werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie es die Gefahr der
Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist, welche
verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und die Tugend
Page 50
der Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen, sich zu bewahren:
stärkste Probe der Unabhängigkeit.
42.
Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf
einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe, so wie
sie sich errathen lassen - denn es gehört zu ihrer Art, irgend worin Räthsel
bleiben zu wollen -, möchten diese Philosophen der Zukunft ein Recht,
vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu
werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein Versuch, und, wenn man will,
eine Versuchung.
43.
Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen?
Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre
Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss
ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre
Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher der
geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war.
"Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das
Recht" - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss den
schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen zu
wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund nimmt.
Und wie könnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort widerspricht sich
selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es
so stehn, wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben für die
Grossen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für
die Feinen, und, im Ganzen und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. -
stärkste Probe der Unabhängigkeit.
42.
Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf
einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe, so wie
sie sich errathen lassen - denn es gehört zu ihrer Art, irgend worin Räthsel
bleiben zu wollen -, möchten diese Philosophen der Zukunft ein Recht,
vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu
werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein Versuch, und, wenn man will,
eine Versuchung.
43.
Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen?
Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre
Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss
ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre
Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher der
geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war.
"Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das
Recht" - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss den
schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen zu
wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund nimmt.
Und wie könnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort widerspricht sich
selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es
so stehn, wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben für die
Grossen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für
die Feinen, und, im Ganzen und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. -
Page 51
44.
Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie, sehr
freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft, - so gewiss sie
auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres,
Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt und
verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast ebenso
sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer
sind, wir freien Geister! - die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurtheil und
Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie
ein Nebel den Begriff "freier Geist" undurchsichtig gemacht hat. In allen
Ländern Europa's und ebenso in Amerika giebt es jetzt Etwas, das
Missbrauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, eingefangne, an
Ketten gelegte Art von Geistern, welche ungefähr das Gegentheil von dem
wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt, - nicht zu reden
davon, dass sie in Hinsicht auf jene heraufkommenden neuen Philosophen
erst recht zugemachte Fenster und verriegelte Thüren sein müssen. Sie
gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellirer, diese fälschlich genannten
"freien Geister" - als beredte und schreibfingrige Sklaven des
demokratischen Geschmacks und seiner "modernen Ideen": allesammt
Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave
Burschen, welchen weder Muth noch achtbare Sitte abgesprochen werden
soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem
mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft
ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn:
wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit
allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der
Heerde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des
Lebens für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder
und Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefühl für alles
Leidende", - und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen,
Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie, sehr
freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft, - so gewiss sie
auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres,
Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt und
verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast ebenso
sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer
sind, wir freien Geister! - die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurtheil und
Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie
ein Nebel den Begriff "freier Geist" undurchsichtig gemacht hat. In allen
Ländern Europa's und ebenso in Amerika giebt es jetzt Etwas, das
Missbrauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, eingefangne, an
Ketten gelegte Art von Geistern, welche ungefähr das Gegentheil von dem
wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt, - nicht zu reden
davon, dass sie in Hinsicht auf jene heraufkommenden neuen Philosophen
erst recht zugemachte Fenster und verriegelte Thüren sein müssen. Sie
gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellirer, diese fälschlich genannten
"freien Geister" - als beredte und schreibfingrige Sklaven des
demokratischen Geschmacks und seiner "modernen Ideen": allesammt
Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave
Burschen, welchen weder Muth noch achtbare Sitte abgesprochen werden
soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem
mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft
ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn:
wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit
allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der
Heerde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des
Lebens für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder
und Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefühl für alles
Leidende", - und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen,
Page 52
das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein
Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze
"Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass dies
jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass dazu die
Gefährlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine Erfindungs-
und Verstellungskraft (sein "Geist" -) unter langem Druck und Zwang sich
in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille bis zum
unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste: - wir vermeinen, dass
Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen,
Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles
Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am
Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch" dient, als sein
Gegensatz: - wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn wir nur so viel
sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm Reden und Schweigen an
dieser Stelle, am andern Ende aller modernen Ideologie und Heerden-
Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht? Was Wunder, dass wir
"freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten Geister sind? dass wir
nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen, wovon ein Geist sich frei
machen kann und wohin er dann vielleicht getrieben wird? Und was es mit
der gefährlichen Formel "jenseits von Gut und Böse" auf sich hat, mit der
wir uns zum Mindesten vor Verwechslung behüten: wir sind etwas Anderes
als "libres-penseurs", "liberi pensatori", "Freidenker" und wie alle diese
braven Fürsprecher der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In
vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den
dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns
Vorliebe und Vorhass, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und
Büchern, oder selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen
schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in
Ehren, oder Geld, oder Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt
liegen; dankbar sogar gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie
Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze
"Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass dies
jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass dazu die
Gefährlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine Erfindungs-
und Verstellungskraft (sein "Geist" -) unter langem Druck und Zwang sich
in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille bis zum
unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste: - wir vermeinen, dass
Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen,
Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles
Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am
Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch" dient, als sein
Gegensatz: - wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn wir nur so viel
sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm Reden und Schweigen an
dieser Stelle, am andern Ende aller modernen Ideologie und Heerden-
Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht? Was Wunder, dass wir
"freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten Geister sind? dass wir
nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen, wovon ein Geist sich frei
machen kann und wohin er dann vielleicht getrieben wird? Und was es mit
der gefährlichen Formel "jenseits von Gut und Böse" auf sich hat, mit der
wir uns zum Mindesten vor Verwechslung behüten: wir sind etwas Anderes
als "libres-penseurs", "liberi pensatori", "Freidenker" und wie alle diese
braven Fürsprecher der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In
vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den
dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns
Vorliebe und Vorhass, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und
Büchern, oder selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen
schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in
Ehren, oder Geld, oder Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt
liegen; dankbar sogar gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie
Page 53
uns immer von irgend einer Regel und ihrem "Vorurtheil" losmachte,
dankbar gegen Gott, Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum
Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für
Unfassbares, mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu
jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu
jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von "freiem Willen", mit Vorder-
und Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit
Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte,
Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben
und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend,
Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfächer,
haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schematen,
mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter
Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst
Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern wir die
geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit sind,
unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten Einsamkeit: - eine
solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch
ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen? -
Drittes Hauptstück:
Das religiöse Wesen.
45.
Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte
Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Höhen, Tiefen und Fernen
dieser Erfahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre noch
dankbar gegen Gott, Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum
Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für
Unfassbares, mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu
jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu
jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von "freiem Willen", mit Vorder-
und Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit
Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte,
Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben
und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend,
Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfächer,
haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schematen,
mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter
Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst
Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern wir die
geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit sind,
unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten Einsamkeit: - eine
solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch
ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen? -
Drittes Hauptstück:
Das religiöse Wesen.
45.
Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte
Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Höhen, Tiefen und Fernen
dieser Erfahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre noch
Page 54
unausgetrunkenen Möglichkeiten: das ist für einen geborenen Psychologen
und Freund der "grossen Jagd" das vorbestimmte Jagdbereich. Aber wie oft
muss er sich verzweifelt sagen: "ein Einzelner! ach, nur ein Einzelner! und
dieser grosse Wald und Urwald!" Und so wünscht er sich einige hundert
Jagdgehülfen und feine gelehrte Spürhunde, welche er in die Geschichte der
menschlichen Seele treiben könnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben.
Umsonst: er erprobt es immer wieder, gründlich und bitterlich, wie schlecht
zu allen Dingen, die gerade seine Neugierde reizen, Gehülfen und Hunde zu
finden sind. Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf neue und gefährliche
Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Feinheit in jedem Sinne
noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar sind, wo
die "grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: - gerade dort
verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. Um zum Beispiel zu errathen
und festzustellen, was für eine Geschichte bisher das Problem von Wissen
und Gewissen in der Seele der homines religiosi gehabt hat, dazu müsste
Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet, so ungeheuer sein, wie es das
intellektuelle Gewissen Pascal's war: und dann bedürfte es immer noch
jenes ausgespannten Himmels von heller, boshafter Geistigkeit, welcher
von Oben herab dies Gewimmel von gefährlichen und schmerzlichen
Erlebnissen zu übersehn, zu ordnen, in Formeln zu zwingen vermöchte. -
Aber wer thäte mir diesen Dienst! Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener zu
warten! - sie wachsen ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so
unwahrscheinlich! Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges
zu wissen: das heisst, man hat viel zu thun! - Aber eine Neugierde meiner
Art bleibt nun einmal das angenehmste aller Laster, - Verzeihung! ich
wollte sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon
auf Erden. -
46.
und Freund der "grossen Jagd" das vorbestimmte Jagdbereich. Aber wie oft
muss er sich verzweifelt sagen: "ein Einzelner! ach, nur ein Einzelner! und
dieser grosse Wald und Urwald!" Und so wünscht er sich einige hundert
Jagdgehülfen und feine gelehrte Spürhunde, welche er in die Geschichte der
menschlichen Seele treiben könnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben.
Umsonst: er erprobt es immer wieder, gründlich und bitterlich, wie schlecht
zu allen Dingen, die gerade seine Neugierde reizen, Gehülfen und Hunde zu
finden sind. Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf neue und gefährliche
Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Feinheit in jedem Sinne
noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar sind, wo
die "grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: - gerade dort
verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. Um zum Beispiel zu errathen
und festzustellen, was für eine Geschichte bisher das Problem von Wissen
und Gewissen in der Seele der homines religiosi gehabt hat, dazu müsste
Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet, so ungeheuer sein, wie es das
intellektuelle Gewissen Pascal's war: und dann bedürfte es immer noch
jenes ausgespannten Himmels von heller, boshafter Geistigkeit, welcher
von Oben herab dies Gewimmel von gefährlichen und schmerzlichen
Erlebnissen zu übersehn, zu ordnen, in Formeln zu zwingen vermöchte. -
Aber wer thäte mir diesen Dienst! Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener zu
warten! - sie wachsen ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so
unwahrscheinlich! Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges
zu wissen: das heisst, man hat viel zu thun! - Aber eine Neugierde meiner
Art bleibt nun einmal das angenehmste aller Laster, - Verzeihung! ich
wollte sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon
auf Erden. -
46.
Page 55
Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt und nicht selten
erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen Welt,
die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen hinter sich
und in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur Toleranz, welche das
imperium Romanum gab, - dieser Glaube ist nicht jener treuherzige und
bärbeissige Unterthanen-Glaube, mit dem etwa ein Luther oder ein
Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes an ihrem Gotte und
Christenthum gehangen haben; viel eher scholl jener Glaube Pascal's, der
auf schreckliche Weise einem dauernden Selbstmorde der Vernunft ähnlich
sieht, - einer zähen langlebigen wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem
Male und Einem Streiche todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von
Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller
Selbstgewissheit des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-
Verhöhnung, Selbst-Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und religiöser
Phönicismus in diesem Glauben, der einem mürben, vielfachen und viel
verwöhnten, Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die
Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass die ganze
Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das
Absurdissimum wehrt, als welches ihm der "Glaube" entgegentritt. Die
modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche
Nomenklatur, fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach, das
für einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel "Gott am
Kreuze" lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche
Kühnheit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und
Fragwürdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung
aller antiken Werthe. - Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist der
orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner vornehmen
und frivolen Toleranz, am römischen "Katholicismus" des Glaubens Rache
nahm: - und immer war es nicht der Glaube, sondern die Freiheit vom
Glauben, jene halb stoische und lächelnde Unbekümmertheit um den Ernst
erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen Welt,
die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen hinter sich
und in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur Toleranz, welche das
imperium Romanum gab, - dieser Glaube ist nicht jener treuherzige und
bärbeissige Unterthanen-Glaube, mit dem etwa ein Luther oder ein
Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes an ihrem Gotte und
Christenthum gehangen haben; viel eher scholl jener Glaube Pascal's, der
auf schreckliche Weise einem dauernden Selbstmorde der Vernunft ähnlich
sieht, - einer zähen langlebigen wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem
Male und Einem Streiche todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von
Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller
Selbstgewissheit des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-
Verhöhnung, Selbst-Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und religiöser
Phönicismus in diesem Glauben, der einem mürben, vielfachen und viel
verwöhnten, Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die
Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass die ganze
Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das
Absurdissimum wehrt, als welches ihm der "Glaube" entgegentritt. Die
modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche
Nomenklatur, fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach, das
für einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel "Gott am
Kreuze" lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche
Kühnheit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und
Fragwürdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung
aller antiken Werthe. - Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist der
orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner vornehmen
und frivolen Toleranz, am römischen "Katholicismus" des Glaubens Rache
nahm: - und immer war es nicht der Glaube, sondern die Freiheit vom
Glauben, jene halb stoische und lächelnde Unbekümmertheit um den Ernst
Page 56
des Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre Herrn empört hat.
Die "Aufklärung" empört: der Sklave nämlich will Unbedingtes, er versteht
nur das Tyrannische, auch in der Moral, er liebt wie er hasst, ohne Nuance,
bis in die Tiefe, bis zum Schmerz, bis zur Krankheit, - sein vieles
verborgenes Leiden empört sich gegen den vornehmen Geschmack, der das
Leiden zu leugnen scheint. Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur
eine Attitude der aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der
Entstehung des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit
der französischen Revolution begonnen hat.
47.
Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden wir
sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen: Einsamkeit, Fasten
und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit Sicherheit
zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und ob hier
überhaupt ein Verhältniss von Ursache und Wirkung vorliege. Zum letzten
Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten Symptomen, bei
wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste ausschweifendste
Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich, in Busskrampf und
Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides vielleicht als maskirte
Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man sich der Deutungen mehr
entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher eine solche Fülle von
Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner scheint bisher die
Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt zu haben, - es wäre an
der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden, Vorsicht zu lernen, besser
noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im Hintergrunde der
letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen, steht, beinahe als
das Problem an sich, dieses schauerliche Fragezeichen der religiösen Krisis
und Erweckung. Wie ist Willensverneinung möglich? wie ist der Heilige
Die "Aufklärung" empört: der Sklave nämlich will Unbedingtes, er versteht
nur das Tyrannische, auch in der Moral, er liebt wie er hasst, ohne Nuance,
bis in die Tiefe, bis zum Schmerz, bis zur Krankheit, - sein vieles
verborgenes Leiden empört sich gegen den vornehmen Geschmack, der das
Leiden zu leugnen scheint. Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur
eine Attitude der aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der
Entstehung des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit
der französischen Revolution begonnen hat.
47.
Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden wir
sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen: Einsamkeit, Fasten
und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit Sicherheit
zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und ob hier
überhaupt ein Verhältniss von Ursache und Wirkung vorliege. Zum letzten
Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten Symptomen, bei
wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste ausschweifendste
Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich, in Busskrampf und
Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides vielleicht als maskirte
Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man sich der Deutungen mehr
entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher eine solche Fülle von
Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner scheint bisher die
Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt zu haben, - es wäre an
der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden, Vorsicht zu lernen, besser
noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im Hintergrunde der
letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen, steht, beinahe als
das Problem an sich, dieses schauerliche Fragezeichen der religiösen Krisis
und Erweckung. Wie ist Willensverneinung möglich? wie ist der Heilige
Page 57
möglich? - das scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der
Schopenhauer zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine
ächt Schopenhauerische Consequenz, dass sein überzeugtester Anhänger
(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nämlich Richard
Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und zuletzt
noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der Bühne
vorführte, type vécu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher Zeit, wo die
Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass hatten, ihn aus der Nähe
zu studiren, überall, wo die religiöse Neurose - oder, wie ich es nenne, "das
religiöse Wesen" - als "Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch
und Aufzug gemacht hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen
Phänomen des Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den
Philosophen, so unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen
Zweifel der ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nämlich der
unmittelbaren Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch
entgegengesetzt gewertheten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit
Händen zu greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male
ein "Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an
dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen sein,
weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte, weil sie an die
moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese Gegensätze in den
Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein deutete? - Wie? Das
"Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein Mangel an Philologie? -
48.
Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel
innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christentum überhaupt:
und dass folglich der Unglaube in katholischen Ländern etwas ganz
Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen - nämlich eine Art
Schopenhauer zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine
ächt Schopenhauerische Consequenz, dass sein überzeugtester Anhänger
(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nämlich Richard
Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und zuletzt
noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der Bühne
vorführte, type vécu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher Zeit, wo die
Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass hatten, ihn aus der Nähe
zu studiren, überall, wo die religiöse Neurose - oder, wie ich es nenne, "das
religiöse Wesen" - als "Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch
und Aufzug gemacht hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen
Phänomen des Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den
Philosophen, so unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen
Zweifel der ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nämlich der
unmittelbaren Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch
entgegengesetzt gewertheten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit
Händen zu greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male
ein "Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an
dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen sein,
weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte, weil sie an die
moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese Gegensätze in den
Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein deutete? - Wie? Das
"Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein Mangel an Philologie? -
48.
Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel
innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christentum überhaupt:
und dass folglich der Unglaube in katholischen Ländern etwas ganz
Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen - nämlich eine Art
Page 58
Empörung gegen den Geist der Rasse, während er bei uns eher eine
Rückkehr zum Geist (oder Ungeist -) der Rasse ist. Wir Nordländer
stammen unzweifelhaft aus Barbaren-Rassen, auch in Hinsicht auf unsere
Begabung zur Religion: wir sind schlecht für sie begabt. Man darf die
Kelten ausnehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die
Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abgegeben haben: - in
Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Sonne des
Nordens erlaubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind unserm
Geschmack selbst diese letzten französischen Skeptiker noch, sofern etwas
keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie undeutsch riecht
uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen Logik der Instinkte!
Wie jesuitisch jener liebenswürdige und kluge Cicerone von Port-Royal,
Sainte-Beuve, trotz all seiner Jesuiten-Feindschaft! Und gar Ernest Renan:
wie unzugänglich klingt uns Nordländern die Sprache solch eines Renan, in
dem alle Augenblicke irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in
feinerem Sinne wollüstige und bequem sich bettende Seele um ihr
Gleichgewicht bringt! Man spreche ihm einmal diese schönen Sätze nach, -
und was für Bosheit und Übermuth regt sich sofort in unserer
wahrscheinlich weniger schönen und härteren, nämlich deutscheren Seele
als Antwort! -"disons donc hardiment que la religion est un produit de
l'homme normal, que l'homme est le plus dans le vrai quand il est le plus
religieux et le plus assuré d'une destinée infinie…. C'est quand il est bon
qu'il veut que la vertu corresponde à un ordre éternel, c'est quand il
contemple les choses d'une manière désintéressée qu'il trouve la mort
révoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces
moments-là, que l'homme voit le mieux?…." Diese Sätze sind meinen
Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand, mein
erster Ingrimm daneben schrieb "la niaiserie religieuse par excellence!" -
bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann, diese Sätze mit ihrer auf
Rückkehr zum Geist (oder Ungeist -) der Rasse ist. Wir Nordländer
stammen unzweifelhaft aus Barbaren-Rassen, auch in Hinsicht auf unsere
Begabung zur Religion: wir sind schlecht für sie begabt. Man darf die
Kelten ausnehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die
Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abgegeben haben: - in
Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Sonne des
Nordens erlaubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind unserm
Geschmack selbst diese letzten französischen Skeptiker noch, sofern etwas
keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie undeutsch riecht
uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen Logik der Instinkte!
Wie jesuitisch jener liebenswürdige und kluge Cicerone von Port-Royal,
Sainte-Beuve, trotz all seiner Jesuiten-Feindschaft! Und gar Ernest Renan:
wie unzugänglich klingt uns Nordländern die Sprache solch eines Renan, in
dem alle Augenblicke irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in
feinerem Sinne wollüstige und bequem sich bettende Seele um ihr
Gleichgewicht bringt! Man spreche ihm einmal diese schönen Sätze nach, -
und was für Bosheit und Übermuth regt sich sofort in unserer
wahrscheinlich weniger schönen und härteren, nämlich deutscheren Seele
als Antwort! -"disons donc hardiment que la religion est un produit de
l'homme normal, que l'homme est le plus dans le vrai quand il est le plus
religieux et le plus assuré d'une destinée infinie…. C'est quand il est bon
qu'il veut que la vertu corresponde à un ordre éternel, c'est quand il
contemple les choses d'une manière désintéressée qu'il trouve la mort
révoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces
moments-là, que l'homme voit le mieux?…." Diese Sätze sind meinen
Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand, mein
erster Ingrimm daneben schrieb "la niaiserie religieuse par excellence!" -
bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann, diese Sätze mit ihrer auf
Page 59
den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so artig, so auszeichnend, seine eignen
Antipoden zu haben!
49.
Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die
unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie ausströmt: - es ist eine sehr
vornehme Art Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben steht! -
Später, als der Pöbel in Griechenland zum Übergewicht kommt,
überwuchert die Furcht auch in der Religion; und das Christenthum
bereitete sich vor.-
50.
Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treuherzige und
zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus entbehrt
der südlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches Aussersichsein darin,
wie bei einem unverdient begnadeten oder erhobenen Sklaven, zum
Beispiel bei Augustin, der auf eine beleidigende Weise aller Vornehmheit
der Gebärden und Begierden ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit
und Begehrlichkeit darin, welche schamhaft und unwissend nach einer unio
mystica et physica drängt: wie bei Madame de Guyon. In vielen Fällen
erscheint sie wunderlich genug als Verkleidung der Pubertät eines
Mädchens oder Jünglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten
Jungfer, auch als deren letzter Ehrgeiz: - die Kirche hat das Weib schon
mehrfach in einem solchen Falle heilig gesprochen.
51.
Antipoden zu haben!
49.
Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die
unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie ausströmt: - es ist eine sehr
vornehme Art Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben steht! -
Später, als der Pöbel in Griechenland zum Übergewicht kommt,
überwuchert die Furcht auch in der Religion; und das Christenthum
bereitete sich vor.-
50.
Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treuherzige und
zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus entbehrt
der südlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches Aussersichsein darin,
wie bei einem unverdient begnadeten oder erhobenen Sklaven, zum
Beispiel bei Augustin, der auf eine beleidigende Weise aller Vornehmheit
der Gebärden und Begierden ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit
und Begehrlichkeit darin, welche schamhaft und unwissend nach einer unio
mystica et physica drängt: wie bei Madame de Guyon. In vielen Fällen
erscheint sie wunderlich genug als Verkleidung der Pubertät eines
Mädchens oder Jünglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten
Jungfer, auch als deren letzter Ehrgeiz: - die Kirche hat das Weib schon
mehrfach in einem solchen Falle heilig gesprochen.
51.
Page 60
Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend vor
dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung und
absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten in
ihm - und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen und
kläglichen Anscheins - die überlegene Kraft, welche sich an einer solchen
Bezwingung erproben wollte, die Stärke des Willens, in der sie die eigne
Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu ehren wussten: sie
ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten. Es kam hinzu, dass der
Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn eingab: ein solches Ungeheures
von Verneinung, von Wider-Natur wird nicht umsonst begehrt worden sein,
so sagten und fragten sie sich. Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine
ganz grosse Gefahr, über welche der Asket, Dank seinen geheimen
Zusprechern und Besuchern, näher unterrichtet sein möchte? Genug, die
Mächtigen der Welt lernten vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue
Macht, einen fremden, noch unbezwungenen Feind: - der "Wille zur Macht"
war es, der sie nöthigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten
ihn fragen - -
52.
Im jüdischen "alten Testament", dem Buche von der göttlichen
Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen
Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur Seite
zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen
ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird
dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa,
das durchaus gegen Asien den "Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte,
seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst nur ein dünnes zahmes
Hausthier ist und nur Hausthier-Bedürfnisse kennt (gleich unsren
Gebildeten von heute, die Christen des "gebildeten" Christenthums
dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung und
absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten in
ihm - und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen und
kläglichen Anscheins - die überlegene Kraft, welche sich an einer solchen
Bezwingung erproben wollte, die Stärke des Willens, in der sie die eigne
Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu ehren wussten: sie
ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten. Es kam hinzu, dass der
Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn eingab: ein solches Ungeheures
von Verneinung, von Wider-Natur wird nicht umsonst begehrt worden sein,
so sagten und fragten sie sich. Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine
ganz grosse Gefahr, über welche der Asket, Dank seinen geheimen
Zusprechern und Besuchern, näher unterrichtet sein möchte? Genug, die
Mächtigen der Welt lernten vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue
Macht, einen fremden, noch unbezwungenen Feind: - der "Wille zur Macht"
war es, der sie nöthigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten
ihn fragen - -
52.
Im jüdischen "alten Testament", dem Buche von der göttlichen
Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen
Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur Seite
zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen
ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird
dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa,
das durchaus gegen Asien den "Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte,
seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst nur ein dünnes zahmes
Hausthier ist und nur Hausthier-Bedürfnisse kennt (gleich unsren
Gebildeten von heute, die Christen des "gebildeten" Christenthums
Page 61
hinzugenommen -), der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern,
noch gar sich zu betrüben - der Geschmack am alten Testament ist ein
Prüfstein in Hinsicht auf "Gross" und "Klein" -: vielleicht, dass er das neue
Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen
findet (in ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Betbrüder- und
Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des
Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche
zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das ist
vielleicht die grösste Verwegenheit und "Sünde wider den Geist", welche
das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.
53.
Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt;
ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille": er
hört nicht, - und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu helfen. Das
Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich mitzutheilen: ist er unklar?
- Dies ist es, was ich, als Ursachen für den Niedergang des europäischen
Theismus, aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, ausfindig
gemacht habe; es scheint mir, dass zwar der religiöse Instinkt mächtig im
Wachsen ist, - dass er aber gerade die theistische Befriedigung mit tiefem
Misstrauen ablehnt.
54.
Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes -
und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs - macht
man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten Seelen-Begriff,
unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt- und Prädikat-Begriffs - das
heisst: ein Attentat auf die Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die
noch gar sich zu betrüben - der Geschmack am alten Testament ist ein
Prüfstein in Hinsicht auf "Gross" und "Klein" -: vielleicht, dass er das neue
Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen
findet (in ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Betbrüder- und
Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des
Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche
zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das ist
vielleicht die grösste Verwegenheit und "Sünde wider den Geist", welche
das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.
53.
Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt;
ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille": er
hört nicht, - und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu helfen. Das
Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich mitzutheilen: ist er unklar?
- Dies ist es, was ich, als Ursachen für den Niedergang des europäischen
Theismus, aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, ausfindig
gemacht habe; es scheint mir, dass zwar der religiöse Instinkt mächtig im
Wachsen ist, - dass er aber gerade die theistische Befriedigung mit tiefem
Misstrauen ablehnt.
54.
Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes -
und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs - macht
man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten Seelen-Begriff,
unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt- und Prädikat-Begriffs - das
heisst: ein Attentat auf die Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die
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neuere Philosophie, als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt
oder offen, antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs
antireligiös. Ehemals nämlich glaubte man an "die Seele", wie man an die
Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich" ist
Bedingung, "denke" ist Prädikat und bedingt - Denken ist eine Thätigkeit,
zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun versuchte man,
mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob man nicht aus
diesem Netze heraus könne, - ob nicht vielleicht das Umgekehrte wahr sei:
"denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also erst eine Synthese, welche
durch das Denken selbst gemacht wird. Kant wollte im Grunde beweisen,
dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, - das
Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer Scheinexistenz des Subjekts, also
"der Seele", mag ihm nicht immer fremd gewesen sein, jener Gedanke,
welcher als Vedanta-Philosophie schon einmal und in ungeheurer Macht auf
Erden dagewesen ist.
55.
Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen
Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man seinem
Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten liebte, -
dahin gehören die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen, dahin auch das
Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der Insel Capri, jener
schauerlichste aller römischen Anachronismen. Dann, in der moralischen
Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte die stärksten Instinkte,
die man besass, seine "Natur"; diese Festfreude glänzt im grausamen Blicke
des Asketen, des begeisterten "Wider-Natürlichen". Endlich: was blieb noch
übrig zu opfern? Musste man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige,
Heilende, alle Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an
zukünftige Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott
oder offen, antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs
antireligiös. Ehemals nämlich glaubte man an "die Seele", wie man an die
Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich" ist
Bedingung, "denke" ist Prädikat und bedingt - Denken ist eine Thätigkeit,
zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun versuchte man,
mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob man nicht aus
diesem Netze heraus könne, - ob nicht vielleicht das Umgekehrte wahr sei:
"denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also erst eine Synthese, welche
durch das Denken selbst gemacht wird. Kant wollte im Grunde beweisen,
dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, - das
Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer Scheinexistenz des Subjekts, also
"der Seele", mag ihm nicht immer fremd gewesen sein, jener Gedanke,
welcher als Vedanta-Philosophie schon einmal und in ungeheurer Macht auf
Erden dagewesen ist.
55.
Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen
Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man seinem
Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten liebte, -
dahin gehören die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen, dahin auch das
Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der Insel Capri, jener
schauerlichste aller römischen Anachronismen. Dann, in der moralischen
Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte die stärksten Instinkte,
die man besass, seine "Natur"; diese Festfreude glänzt im grausamen Blicke
des Asketen, des begeisterten "Wider-Natürlichen". Endlich: was blieb noch
übrig zu opfern? Musste man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige,
Heilende, alle Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an
zukünftige Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott
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selber opfern und, aus Grausamkeit gegen sich, den Stein, die Dummheit,
die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott opfern
- dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem
Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, aufgespart: wir Alle kennen
schon etwas davon. -
56.
Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange darum
bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb
christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich
diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt der
Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem
asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller
möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat - jenseits von Gut
und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und
Wahne der Moral -, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich
wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal
des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich
nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat,
sondern es, so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewigkeit
hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat - und nöthig macht:
weil er immer wieder sich nöthig hat - und nöthig macht - - Wie? Und dies
wäre nicht - circulus vitiosus deus?
57.
die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott opfern
- dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem
Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, aufgespart: wir Alle kennen
schon etwas davon. -
56.
Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange darum
bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb
christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich
diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt der
Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem
asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller
möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat - jenseits von Gut
und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und
Wahne der Moral -, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich
wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal
des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich
nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat,
sondern es, so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewigkeit
hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat - und nöthig macht:
weil er immer wieder sich nöthig hat - und nöthig macht - - Wie? Und dies
wäre nicht - circulus vitiosus deus?
57.
Page 64
Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne und
gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer neue
Sterne, immer neue Räthsel und Bilder kommen ihm in Sicht. Vielleicht
war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und Tiefsinn
geübt hat, eben nur ein Anlass zu seiner Übung, eine Sache des Spiels,
Etwas für Kinder und Kindsköpfe. Vielleicht erscheinen uns einst die
feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft und gelitten worden ist,
die Begriffe "Gott" und "Sünde", nicht wichtiger, als dem alten Manne ein
Kinder-Spielzeug und Kinder-Schmerz erscheint, - und vielleicht hat dann
"der alte Mensch" wieder ein andres Spielzeug und einen andren Schmerz
nöthig, - immer noch Kinds genug, ein ewiges Kind!
58.
Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religiösen Leben
(und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der Selbstprüfung,
als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich "Gebet" nennt und eine
beständige Bereitschaft für das "Kommen Gottes" ist) der äussere
Müssiggang oder Halb-Müssiggang noth thut, ich meine der Müssiggang
mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblüt, dem das Aristokraten-
Gefühl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schändet, - nämlich Seele und Leib
gemein macht? Und dass folglich die moderne, lärmende, Zeit-auskaufende,
auf sich stolze, dumm-stolze Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade
zum "Unglauben" erzieht und vorbereitet? Unter Denen, welche zum
Beispiel jetzt in Deutschland abseits von der Religion leben, finde ich
Menschen von vielerlei Art und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber
eine Mehrzahl solcher, denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht,
die religiösen Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen,
wozu Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr
Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon
gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer neue
Sterne, immer neue Räthsel und Bilder kommen ihm in Sicht. Vielleicht
war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und Tiefsinn
geübt hat, eben nur ein Anlass zu seiner Übung, eine Sache des Spiels,
Etwas für Kinder und Kindsköpfe. Vielleicht erscheinen uns einst die
feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft und gelitten worden ist,
die Begriffe "Gott" und "Sünde", nicht wichtiger, als dem alten Manne ein
Kinder-Spielzeug und Kinder-Schmerz erscheint, - und vielleicht hat dann
"der alte Mensch" wieder ein andres Spielzeug und einen andren Schmerz
nöthig, - immer noch Kinds genug, ein ewiges Kind!
58.
Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religiösen Leben
(und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der Selbstprüfung,
als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich "Gebet" nennt und eine
beständige Bereitschaft für das "Kommen Gottes" ist) der äussere
Müssiggang oder Halb-Müssiggang noth thut, ich meine der Müssiggang
mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblüt, dem das Aristokraten-
Gefühl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schändet, - nämlich Seele und Leib
gemein macht? Und dass folglich die moderne, lärmende, Zeit-auskaufende,
auf sich stolze, dumm-stolze Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade
zum "Unglauben" erzieht und vorbereitet? Unter Denen, welche zum
Beispiel jetzt in Deutschland abseits von der Religion leben, finde ich
Menschen von vielerlei Art und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber
eine Mehrzahl solcher, denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht,
die religiösen Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen,
wozu Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr
Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon
Page 65
reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren
Geschäften, sei es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom
"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es scheint,
dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal es ihnen unklar
bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder ein neues Vergnügen
handelt, - denn unmöglich, sagen sie sich, geht man in die Kirche, rein um
sich die gute Laune zu verderben. Sie sind keine Feinde der religiösen
Gebräuche; verlangt man in gewissen Fällen, etwa von Seiten des Staates,
die Betheiligung an solchen Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie
man so Vieles thut -, mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und
ohne viel Neugierde und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und
ausserhalb, um selbst nur ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich
nöthig zu finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die Überzahl der
deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den
arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die Überzahl
der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör (die
Theologen ausgenommen, deren Dasein und Möglichkeit daselbst dem
Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt). Man
macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher Menschen
eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man könnte sagen,
willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher Gelehrter das
Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen Handwerk her (und,
wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit her, zu welcher ihn
sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu einer überlegenen,
beinahe gütigen Heiterkeit gegen die Religion, zu der sich bisweilen eine
leichte Geringschätzung mischt, gerichtet gegen die "Unsauberkeit" des
Geistes, welche er überall dort voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche
bekennt. Es gelingt dem Gelehrten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht
von seiner persönlichen Erfahrung aus), es gegenüber den Religionen zu
einem ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu
Geschäften, sei es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom
"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es scheint,
dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal es ihnen unklar
bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder ein neues Vergnügen
handelt, - denn unmöglich, sagen sie sich, geht man in die Kirche, rein um
sich die gute Laune zu verderben. Sie sind keine Feinde der religiösen
Gebräuche; verlangt man in gewissen Fällen, etwa von Seiten des Staates,
die Betheiligung an solchen Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie
man so Vieles thut -, mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und
ohne viel Neugierde und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und
ausserhalb, um selbst nur ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich
nöthig zu finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die Überzahl der
deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den
arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die Überzahl
der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör (die
Theologen ausgenommen, deren Dasein und Möglichkeit daselbst dem
Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt). Man
macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher Menschen
eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man könnte sagen,
willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher Gelehrter das
Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen Handwerk her (und,
wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit her, zu welcher ihn
sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu einer überlegenen,
beinahe gütigen Heiterkeit gegen die Religion, zu der sich bisweilen eine
leichte Geringschätzung mischt, gerichtet gegen die "Unsauberkeit" des
Geistes, welche er überall dort voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche
bekennt. Es gelingt dem Gelehrten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht
von seiner persönlichen Erfahrung aus), es gegenüber den Religionen zu
einem ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu
Page 66
bringen; aber wenn er sein Gefühl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie
gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit dem,
was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher gekommen: vielleicht
umgekehrt. Die praktische Gleichgültigkeit gegen religiöse Dinge, in
welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei ihm zur
Behutsamkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die Berührung mit
religiösen Menschen und Dingen scheut; und es kann gerade die Tiefe
seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor dem feinen Nothstande
ausweichen heisst, welchen das Toleriren selbst mit sich bringt. - Jede Zeit
hat ihre eigene göttliche Art von Naivetät, um deren Erfindung sie andre
Zeitalter beneiden dürfen: - und wie viel Naivetät, verehrungswürdige,
kindliche und unbegrenzt tölpelhafte Naivetät liegt in diesem
Überlegenheits-Glauben des Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz,
in der ahnungslosen schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den
religiösen Menschen als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus
behandelt, über den er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, - er, der
kleine anmaassliche Zwerg und Pöbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und
Handarbeiter der "Ideen", der "modernen Ideen"!
59.
Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin liegt,
dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie
lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man findet hier und da eine
leidenschaftliche und übertreibende Anbetung der "reinen Formen", bei
Philosophen wie bei Künstlern: möge Niemand zweifeln, dass wer
dergestalt den Cultus der Oberfläche nöthig hat, irgend wann einmal einen
unglückseligen Griff unter sie gethan hat. Vielleicht giebt es sogar
hinsichtlich dieser verbrannten Kinder, der geborenen Künstler, welche den
Genuss des Lebens nur noch in der Absicht finden, sein Bild zu fälschen
gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit dem,
was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher gekommen: vielleicht
umgekehrt. Die praktische Gleichgültigkeit gegen religiöse Dinge, in
welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei ihm zur
Behutsamkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die Berührung mit
religiösen Menschen und Dingen scheut; und es kann gerade die Tiefe
seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor dem feinen Nothstande
ausweichen heisst, welchen das Toleriren selbst mit sich bringt. - Jede Zeit
hat ihre eigene göttliche Art von Naivetät, um deren Erfindung sie andre
Zeitalter beneiden dürfen: - und wie viel Naivetät, verehrungswürdige,
kindliche und unbegrenzt tölpelhafte Naivetät liegt in diesem
Überlegenheits-Glauben des Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz,
in der ahnungslosen schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den
religiösen Menschen als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus
behandelt, über den er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, - er, der
kleine anmaassliche Zwerg und Pöbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und
Handarbeiter der "Ideen", der "modernen Ideen"!
59.
Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin liegt,
dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie
lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man findet hier und da eine
leidenschaftliche und übertreibende Anbetung der "reinen Formen", bei
Philosophen wie bei Künstlern: möge Niemand zweifeln, dass wer
dergestalt den Cultus der Oberfläche nöthig hat, irgend wann einmal einen
unglückseligen Griff unter sie gethan hat. Vielleicht giebt es sogar
hinsichtlich dieser verbrannten Kinder, der geborenen Künstler, welche den
Genuss des Lebens nur noch in der Absicht finden, sein Bild zu fälschen
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(gleichsam in einer langwierigen Rache am Leben -), auch noch eine
Ordnung des Ranges: man könnte den Grad, in dem ihnen das Leben
verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie weit sie sein Bild verfälscht,
verdünnt, verjenseitigt, vergöttlicht zu sehn wünschen, - man könnte die
homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, als ihren höchsten Rang.
Es ist die tiefe argwöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus,
der ganze Jahrtausende zwingt, sich mit den Zähnen in eine religiöse
Interpretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes,
welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe
der Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug geworden ist…. Die
Frömmigkeit, das "Leben in Gott", mit diesem Blicke betrachtet, erschiene
dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahrheit, als
Künstler-Anbetung und -Trunkenheit vor der consequentesten aller
Fälschungen, als der Wille zur Umkehrung der Wahrheit, zur Unwahrheit
um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt kein stärkeres Mittel gab, den
Menschen selbst zu verschönern, als eben Frömmigkeit: durch sie kann der
Mensch so sehr Kunst, Oberfläche, Farbenspiel, Güte werden, dass man an
seinem Anblicke nicht mehr leidet. -
60.
Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das
vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht worden
ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgendeine heiligende Hinterabsicht
eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu dieser
Menschenliebe erst von einem höheren Hange sein Maass, seine Feinheit,
sein Körnchen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat: - welcher
Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und "erlebt" hat, wie sehr
auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie versuchte, solch eine
Zartheit auszudrücken, er bleibe uns in alle Zeiten heilig und
Ordnung des Ranges: man könnte den Grad, in dem ihnen das Leben
verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie weit sie sein Bild verfälscht,
verdünnt, verjenseitigt, vergöttlicht zu sehn wünschen, - man könnte die
homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, als ihren höchsten Rang.
Es ist die tiefe argwöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus,
der ganze Jahrtausende zwingt, sich mit den Zähnen in eine religiöse
Interpretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes,
welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe
der Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug geworden ist…. Die
Frömmigkeit, das "Leben in Gott", mit diesem Blicke betrachtet, erschiene
dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahrheit, als
Künstler-Anbetung und -Trunkenheit vor der consequentesten aller
Fälschungen, als der Wille zur Umkehrung der Wahrheit, zur Unwahrheit
um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt kein stärkeres Mittel gab, den
Menschen selbst zu verschönern, als eben Frömmigkeit: durch sie kann der
Mensch so sehr Kunst, Oberfläche, Farbenspiel, Güte werden, dass man an
seinem Anblicke nicht mehr leidet. -
60.
Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das
vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht worden
ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgendeine heiligende Hinterabsicht
eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu dieser
Menschenliebe erst von einem höheren Hange sein Maass, seine Feinheit,
sein Körnchen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat: - welcher
Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und "erlebt" hat, wie sehr
auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie versuchte, solch eine
Zartheit auszudrücken, er bleibe uns in alle Zeiten heilig und
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verehrenswerth, als der Mensch, der am höchsten bisher geflogen und am
schönsten sich verirrt hat!
61.
Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der Mensch
der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen für die Gesammt-
Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der Religionen
zu seinem Züchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie er sich der
jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustände bedienen wird. Der
auslesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl der zerstörende als der
schöpferische und gestaltende Einfluss, welcher mit Hülfe der Religionen
ausgeübt werden kann, ist je nach der Art Menschen, die unter ihren Bann
und Schutz gestellt werden, ein vielfacher und verschiedener. Für die
Starken, Unabhängigen, zum Befehlen, Vorbereiteten und Vorbestimmten,
in denen die Vernunft und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist,
Religion ein Mittelmehr, um Widerstände zu überwinden, um herrschen zu
können: als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemeinsam bindet
und die Gewissen der Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das sich
gerne dem Gehorsam entziehen möchte, den Ersteren verräth und
überantwortet; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen
Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem abgezogeneren und
beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung des
Herrschens (über ausgesuchte Jünger oder Ordensbrüder) sich vorbehalten,
so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich Ruhe vor dem Lärm
und der Mühsal des gröberen Regierens und Reinheit vor dem
nothwendigen Schmutz alles Politik-Machens zu schaffen. So verstanden es
zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe einer religiösen Organisation gaben
sie sich die Macht, dem Volke seine Könige zu ernennen, während sie sich
selber abseits und ausserhalb hielten und fühlten, als die Menschen höherer
schönsten sich verirrt hat!
61.
Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der Mensch
der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen für die Gesammt-
Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der Religionen
zu seinem Züchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie er sich der
jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustände bedienen wird. Der
auslesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl der zerstörende als der
schöpferische und gestaltende Einfluss, welcher mit Hülfe der Religionen
ausgeübt werden kann, ist je nach der Art Menschen, die unter ihren Bann
und Schutz gestellt werden, ein vielfacher und verschiedener. Für die
Starken, Unabhängigen, zum Befehlen, Vorbereiteten und Vorbestimmten,
in denen die Vernunft und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist,
Religion ein Mittelmehr, um Widerstände zu überwinden, um herrschen zu
können: als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemeinsam bindet
und die Gewissen der Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das sich
gerne dem Gehorsam entziehen möchte, den Ersteren verräth und
überantwortet; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen
Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem abgezogeneren und
beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung des
Herrschens (über ausgesuchte Jünger oder Ordensbrüder) sich vorbehalten,
so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich Ruhe vor dem Lärm
und der Mühsal des gröberen Regierens und Reinheit vor dem
nothwendigen Schmutz alles Politik-Machens zu schaffen. So verstanden es
zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe einer religiösen Organisation gaben
sie sich die Macht, dem Volke seine Könige zu ernennen, während sie sich
selber abseits und ausserhalb hielten und fühlten, als die Menschen höherer
Page 69
und überköniglicher Aufgaben. Inzwischen giebt die Religion auch einem
Theile der Beherrschten Anleitung und Gelegenheit, sich auf einstmaliges
Herrschen und Befehlen vorzubereiten, jenen langsam heraufkommenden
Klassen und Ständen nämlich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die
Kraft und Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im
Steigen ist: - ihnen bietet die Religion Anstösse und Versuchungen genug,
die Wege zur höheren Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen
Selbstüberwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu erproben: -
Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und
Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel Herr
werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet. Den
gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen
und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein dürfen, giebt
die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art,
vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück
und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung und
Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen
Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion und
religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer
geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich,
sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu
wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend,
zuletzt gar heiligend und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und
Buddhismus nichts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den Niedrigsten
anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine höhere Schein-Ordnung der
Dinge zu stellen und damit das Genügen an der wirklichen Ordnung,
innerhalb deren sie hart genug leben, - und gerade diese Härte thut Noth! -
bei sich festzuhalten.
62.
Theile der Beherrschten Anleitung und Gelegenheit, sich auf einstmaliges
Herrschen und Befehlen vorzubereiten, jenen langsam heraufkommenden
Klassen und Ständen nämlich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die
Kraft und Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im
Steigen ist: - ihnen bietet die Religion Anstösse und Versuchungen genug,
die Wege zur höheren Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen
Selbstüberwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu erproben: -
Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und
Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel Herr
werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet. Den
gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen
und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein dürfen, giebt
die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art,
vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück
und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung und
Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen
Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion und
religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer
geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich,
sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu
wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend,
zuletzt gar heiligend und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und
Buddhismus nichts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den Niedrigsten
anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine höhere Schein-Ordnung der
Dinge zu stellen und damit das Genügen an der wirklichen Ordnung,
innerhalb deren sie hart genug leben, - und gerade diese Härte thut Noth! -
bei sich festzuhalten.
62.
Page 70
Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme
Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefährlichkeit an's Licht
zu stellen: - es bezahlt sich immer theuer und fürchterlich, wenn Religionen
nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des Philosophen,
sondern von sich aus und souverän walten, wenn sie selber letzte Zwecke
und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es giebt bei dem
Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen Überschuss von
Missrathenen, Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig
Leidenden; die gelungenen Fälle sind auch beim Menschen immer die
Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch nicht
festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. Aber noch schlimmer: je
höher geartet der Typus eines Menschen ist, der durch ihn dargestellt wird,
um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit, dass er geräth: das
Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten Haushalte der Menschheit
zeigt sich am erschrecklichsten in seiner zerstörerischen Wirkung auf die
höheren Menschen, deren Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer
auszurechnen sind. Wie verhalten sich nun die genannten beiden grössten
Religionen zu diesem Überschuss der misslungenen Fälle? Sie suchen zu
erhalten, im Leben festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie
nehmen grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für Leidende, sie geben
allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krankheit leiden, und
möchten es durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als falsch
gelte und unmöglich werde. Möchte man diese schonende und erhaltende
Fürsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem höchsten, bisher fast
immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt und galt, noch so hoch
anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören die bisherigen, nämlich
souveränen Religionen zu den Hauptursachen, welche den Typus "Mensch"
auf einer niedrigeren Stufe festhielten, - sie erhielten zu viel von dem, was
zu Grunde gehn sollte. Man hat ihnen Unschätzbares zu danken; und wer ist
reich genug an Dankbarkeit, um nicht vor alle dem arm zu werden, was
Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefährlichkeit an's Licht
zu stellen: - es bezahlt sich immer theuer und fürchterlich, wenn Religionen
nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des Philosophen,
sondern von sich aus und souverän walten, wenn sie selber letzte Zwecke
und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es giebt bei dem
Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen Überschuss von
Missrathenen, Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig
Leidenden; die gelungenen Fälle sind auch beim Menschen immer die
Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch nicht
festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. Aber noch schlimmer: je
höher geartet der Typus eines Menschen ist, der durch ihn dargestellt wird,
um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit, dass er geräth: das
Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten Haushalte der Menschheit
zeigt sich am erschrecklichsten in seiner zerstörerischen Wirkung auf die
höheren Menschen, deren Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer
auszurechnen sind. Wie verhalten sich nun die genannten beiden grössten
Religionen zu diesem Überschuss der misslungenen Fälle? Sie suchen zu
erhalten, im Leben festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie
nehmen grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für Leidende, sie geben
allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krankheit leiden, und
möchten es durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als falsch
gelte und unmöglich werde. Möchte man diese schonende und erhaltende
Fürsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem höchsten, bisher fast
immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt und galt, noch so hoch
anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören die bisherigen, nämlich
souveränen Religionen zu den Hauptursachen, welche den Typus "Mensch"
auf einer niedrigeren Stufe festhielten, - sie erhielten zu viel von dem, was
zu Grunde gehn sollte. Man hat ihnen Unschätzbares zu danken; und wer ist
reich genug an Dankbarkeit, um nicht vor alle dem arm zu werden, was
Page 71
zum Beispiel die "geistlichen Menschen" des Christenthums bisher für
Europa gethan haben! Und doch, wenn sie den Leidenden Trost, den
Unterdrückten und Verzweifelnden Muth, den Unselbständigen einen Stab
und Halt gaben und die Innerlich-Zerstörten und Wild-Gewordenen von der
Gesellschaft weg in Klöster und seelische Zuchthäuser lockten: was
mussten sie ausserdem thun, um mit gutem Gewissen dergestalt
grundsätzlich an der Erhaltung alles Kranken und Leidenden, das heisst in
That und Wahrheit an der Verschlechterung der europäischen Rasse zu
arbeiten? Alle Werthschätzungen auf den Kopf stellen - das mussten sie!
Und die Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das Glück
in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde,
Herrschsüchtige, alle Instinkte, welche dem höchsten und wohlgerathensten
Typus "Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit, Gewissens-Noth,
Selbstzerstörung umknicken, ja die ganze Liebe zum Irdischen und zur
Herrschaft über die Erde in Hass gegen die Erde und das Irdische verkehren
- das stellte sich die Kirche zur Aufgabe und musste es sich stellen, bis für
ihre Schätzung endlich "Entweltlichung", "Entsinnlichung" und "höherer
Mensch" in Ein Gefühl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem
spöttischen und unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die
wunderlich schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie des
europäischen Christenthums zu überschauen vermöchte, ich glaube, man
fände kein Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass
Ein Wille über Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem
Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten
Bedürfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem göttlichen
Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung und
Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche Europäer ist
(Pascal zum Beispiel), müsste er da nicht mit Grimm, mit Mitleid, mit
Entsetzen schreien: "Oh ihr Tölpel, ihr anmaassenden mitleidigen Tölpel,
was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit für eure Hände! Wie habt ihr
Europa gethan haben! Und doch, wenn sie den Leidenden Trost, den
Unterdrückten und Verzweifelnden Muth, den Unselbständigen einen Stab
und Halt gaben und die Innerlich-Zerstörten und Wild-Gewordenen von der
Gesellschaft weg in Klöster und seelische Zuchthäuser lockten: was
mussten sie ausserdem thun, um mit gutem Gewissen dergestalt
grundsätzlich an der Erhaltung alles Kranken und Leidenden, das heisst in
That und Wahrheit an der Verschlechterung der europäischen Rasse zu
arbeiten? Alle Werthschätzungen auf den Kopf stellen - das mussten sie!
Und die Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das Glück
in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde,
Herrschsüchtige, alle Instinkte, welche dem höchsten und wohlgerathensten
Typus "Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit, Gewissens-Noth,
Selbstzerstörung umknicken, ja die ganze Liebe zum Irdischen und zur
Herrschaft über die Erde in Hass gegen die Erde und das Irdische verkehren
- das stellte sich die Kirche zur Aufgabe und musste es sich stellen, bis für
ihre Schätzung endlich "Entweltlichung", "Entsinnlichung" und "höherer
Mensch" in Ein Gefühl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem
spöttischen und unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die
wunderlich schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie des
europäischen Christenthums zu überschauen vermöchte, ich glaube, man
fände kein Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass
Ein Wille über Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem
Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten
Bedürfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem göttlichen
Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung und
Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche Europäer ist
(Pascal zum Beispiel), müsste er da nicht mit Grimm, mit Mitleid, mit
Entsetzen schreien: "Oh ihr Tölpel, ihr anmaassenden mitleidigen Tölpel,
was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit für eure Hände! Wie habt ihr
Page 72
mir meinen schönsten Stein verhauen und verhunzt! Was nahmt ihr euch
heraus!" - Ich wollte sagen: das Christenthum war bisher die
verhängnissvollste Art von Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und
hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen,
nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-
Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und
Zugrundegehns walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die
abgründlich verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch
und Mensch zu sehen: - solche Menschen haben, mit ihrem "Gleich vor
Gott", bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine
verkleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges,
Kränkliches und Mittelmässiges, herangezüchtet ist, der heutige
Europäer….
Viertes Hauptstück:
Sprüche und Zwischenspiele.
63.
Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine
Schüler ernst, - sogar sich selbst.
64.
"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte Fallstrick, den
die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal völlig in sie.
65.
heraus!" - Ich wollte sagen: das Christenthum war bisher die
verhängnissvollste Art von Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und
hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen,
nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-
Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und
Zugrundegehns walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die
abgründlich verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch
und Mensch zu sehen: - solche Menschen haben, mit ihrem "Gleich vor
Gott", bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine
verkleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges,
Kränkliches und Mittelmässiges, herangezüchtet ist, der heutige
Europäer….
Viertes Hauptstück:
Sprüche und Zwischenspiele.
63.
Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine
Schüler ernst, - sogar sich selbst.
64.
"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte Fallstrick, den
die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal völlig in sie.
65.
Page 73
Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr
so viel Scham zu überwinden wäre.
65 a.
Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen!
66.
Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten
zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein.
67.
Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller
Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.
68.
"Das habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan
haben - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - giebt das
Gedächtniss nach.
69.
Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand
gesehn hat, die auf eine schonende Weise - tödtet.
70.
so viel Scham zu überwinden wäre.
65 a.
Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen!
66.
Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten
zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein.
67.
Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller
Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.
68.
"Das habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan
haben - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - giebt das
Gedächtniss nach.
69.
Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand
gesehn hat, die auf eine schonende Weise - tödtet.
70.
Page 74
Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer
wiederkommt.
71.
Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fühlst als ein
"Über-dir", fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.
72.
Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die
hohen Menschen.
73.
Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus.
73 a.
Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.
74.
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.
75.
wiederkommt.
71.
Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fühlst als ein
"Über-dir", fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.
72.
Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die
hohen Menschen.
73.
Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus.
73 a.
Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.
74.
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.
75.
Page 75
Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.
76.
Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selber her.
77.
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.
78.
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verächter.
79.
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth ihren
Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.
80.
Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was meinte
jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es vielleicht: "höre
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.
76.
Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selber her.
77.
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.
78.
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verächter.
79.
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth ihren
Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.
80.
Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was meinte
jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es vielleicht: "höre
Page 76
auf, dich etwas anzugehn! werde objektiv!" - Und Sokrates? - Und der
"wissenschaftliche Mensch"? -
81.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst löscht?
82.
"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -
83.
Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach.
84.
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern - verlernt.
85.
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo
verschieden: deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.
86.
"wissenschaftliche Mensch"? -
81.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst löscht?
82.
"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -
83.
Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach.
84.
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern - verlernt.
85.
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo
verschieden: deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.
86.
Page 77
Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit
immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".
87.
Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte das
schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's nicht schon
weiss…..
88.
Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.
89.
Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Fürchterliches ist.
90.
Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was
Andre schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen
zeitweilig an ihre Oberfläche.
91.
So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede Hand
erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn für
immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".
87.
Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte das
schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's nicht schon
weiss…..
88.
Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.
89.
Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Fürchterliches ist.
90.
Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was
Andre schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen
zeitweilig an ihre Oberfläche.
91.
So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede Hand
erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn für
Page 78
glühend.
92.
Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst geopfert? -
93.
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.
94.
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.
95.
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt.
96.
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.
97.
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.
92.
Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst geopfert? -
93.
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.
94.
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.
95.
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt.
96.
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.
97.
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.
Page 79
98.
Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es
beisst.
99.
Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte nur
Lob -"
100.
Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir ruhen uns
so von unsern Mitmenschen aus.
101. Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fühlen.
102.
Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte
Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"
103.
Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"
Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es
beisst.
99.
Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte nur
Lob -"
100.
Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir ruhen uns
so von unsern Mitmenschen aus.
101. Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fühlen.
102.
Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte
Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"
103.
Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"
Page 80
104.
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.
105.
Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frömmigkeit") als die impia
fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum Typus
"freier Geist" gehört, - als seine Unfreiheit.
106.
Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.
107.
Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein
gelegentlicher Wille zur Dummheit.
108.
Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische
Ausdeutung von Phänomenen…..
109.
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.
105.
Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frömmigkeit") als die impia
fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum Typus
"freier Geist" gehört, - als seine Unfreiheit.
106.
Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.
107.
Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein
gelegentlicher Wille zur Dummheit.
108.
Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische
Ausdeutung von Phänomenen…..
109.
Page 81
Der Verbrecher ist häufig genug seiner That nicht gewachsen: er
verkleinert und verleumdet sie.
110.
Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das
schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters zu wenden.
111.
Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben
unser Stolz verletzt wurde.
112.
Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt,
dem sind alle Gläubigen zu lärmend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer.
113.
"Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"
114.
Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die
Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle
Perspektiven.
115.
verkleinert und verleumdet sie.
110.
Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das
schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters zu wenden.
111.
Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben
unser Stolz verletzt wurde.
112.
Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt,
dem sind alle Gläubigen zu lärmend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer.
113.
"Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"
114.
Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die
Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle
Perspektiven.
115.
Page 82
Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig.
116.
Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth
gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen.
117.
Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille
eines anderen oder mehrer anderer Affekte.
118.
Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht
in den Sinn gekommen ist, auch er könne einmal bewundert werden.
119.
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns
zu reinigen, - uns zu "rechtfertigen".
120.
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die
Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.
121.
116.
Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth
gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen.
117.
Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille
eines anderen oder mehrer anderer Affekte.
118.
Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht
in den Sinn gekommen ist, auch er könne einmal bewundert werden.
119.
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns
zu reinigen, - uns zu "rechtfertigen".
120.
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die
Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.
121.
Page 83
Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er
Schriftsteller werden wollte - und dass er es nicht besser lernte.
122.
Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des
Herzens - und gerade das Gegenstück einer Eitelkeit des Geistes.
123.
Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.
124.
Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht über den
Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo er ihn erwartete.
Ein Gleichniss.
125.
Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die
Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.
126.
Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen
Männern zu kommen. - Ja: und um dann um sie herum zu kommen.
127.
Schriftsteller werden wollte - und dass er es nicht besser lernte.
122.
Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des
Herzens - und gerade das Gegenstück einer Eitelkeit des Geistes.
123.
Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.
124.
Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht über den
Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo er ihn erwartete.
Ein Gleichniss.
125.
Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die
Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.
126.
Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen
Männern zu kommen. - Ja: und um dann um sie herum zu kommen.
127.
Page 84
Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen
dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, - schlimmer noch!
unter Kleid und Putz gucken wolle.
128.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst du
noch die Sinne zu ihr verführen.
129.
Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er sich
von ihm so fern: - der Teufel nämlich als der älteste Freund der Erkenntniss.
130.
Was jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent nachlässt, -
wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist auch ein Putz; ein
Putz ist auch ein Versteck.
131.
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das macht, sie ehren und
lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes ideal, um es gefälliger
auszudrücken -). So will der Mann das Weib friedlich, - aber gerade das
Weib ist wesentlich unfriedlich, gleich der Katze, so gut es sich auch auf
den Anschein des Friedens eingeübt hat.
132.
dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, - schlimmer noch!
unter Kleid und Putz gucken wolle.
128.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst du
noch die Sinne zu ihr verführen.
129.
Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er sich
von ihm so fern: - der Teufel nämlich als der älteste Freund der Erkenntniss.
130.
Was jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent nachlässt, -
wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist auch ein Putz; ein
Putz ist auch ein Versteck.
131.
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das macht, sie ehren und
lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes ideal, um es gefälliger
auszudrücken -). So will der Mann das Weib friedlich, - aber gerade das
Weib ist wesentlich unfriedlich, gleich der Katze, so gut es sich auch auf
den Anschein des Friedens eingeübt hat.
132.
Page 85
Man wird am besten für seine Tugenden bestraft.
133.
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt leichtsinniger
und frecher, als der Mensch ohne Ideal.
134.
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute
Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.
135.
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes
Stück davon ist vielmehr die Bedingung von allem Gut-sein.
136.
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre
Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
137.
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet man sich leicht in
umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwürdigen Gelehrten
nicht selten einen mittelmässigen Menschen, und hinter einem
mittelmässigen Künstler sogar oft - einen sehr merkwürdigen Menschen.
133.
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt leichtsinniger
und frecher, als der Mensch ohne Ideal.
134.
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute
Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.
135.
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes
Stück davon ist vielmehr die Bedingung von allem Gut-sein.
136.
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre
Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
137.
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet man sich leicht in
umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwürdigen Gelehrten
nicht selten einen mittelmässigen Menschen, und hinter einem
mittelmässigen Künstler sogar oft - einen sehr merkwürdigen Menschen.
Page 86
138.
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und
erdichten erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es
sofort.
139.
In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.
140.
Rath als Räthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst drauf
beissen."
141.
Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht
für einen Gott hält.
142.
Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: "Dans le véritable amour c'est
l'âme, qui enveloppe le corps."
143.
Was wir am besten thun, von dem möchte unsre Eitelkeit, dass es grade
als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher
Moral.
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und
erdichten erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es
sofort.
139.
In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.
140.
Rath als Räthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst drauf
beissen."
141.
Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht
für einen Gott hält.
142.
Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: "Dans le véritable amour c'est
l'âme, qui enveloppe le corps."
143.
Was wir am besten thun, von dem möchte unsre Eitelkeit, dass es grade
als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher
Moral.
Page 87
144.
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu
einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nämlich, mit
Verlaub, "das unfruchtbare Thier".
145.
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte
nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle
hätte.
146.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum
Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der
Abgrund auch in dich hinein.
147.
Aus alten florentinischen Novellen, überdies - aus dem Leben: buona
femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86.
148.
Den Nächsten zu einer guten Meinung verführen und hinterdrein an diese
Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut es in diesem Kunststück
den Weibern gleich? -
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu
einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nämlich, mit
Verlaub, "das unfruchtbare Thier".
145.
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte
nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle
hätte.
146.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum
Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der
Abgrund auch in dich hinein.
147.
Aus alten florentinischen Novellen, überdies - aus dem Leben: buona
femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86.
148.
Den Nächsten zu einer guten Meinung verführen und hinterdrein an diese
Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut es in diesem Kunststück
den Weibern gleich? -
Page 88
149.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemässer
Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, - der
Atavismus eines älteren Ideals.
150.
Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum
Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles - wie? vielleicht zur
"Welt"? -
151.
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu
haben, - wie? meine Freunde?
152.
"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden
die ältesten und die jüngsten Schlangen.
153.
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
154.
Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust
sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemässer
Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, - der
Atavismus eines älteren Ideals.
150.
Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum
Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles - wie? vielleicht zur
"Welt"? -
151.
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu
haben, - wie? meine Freunde?
152.
"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden
die ältesten und die jüngsten Schlangen.
153.
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
154.
Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust
sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie.
Page 89
155.
Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.
156.
Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen,
Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
157.
Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm
kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.
158.
Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur
unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.
159.
Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der
Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?
160.
Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie mittheilt.
161.
Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.
156.
Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen,
Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
157.
Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm
kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.
158.
Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur
unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.
159.
Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der
Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?
160.
Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie mittheilt.
161.
Page 90
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.
162.
"Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so
denkt jedes Volk.
163.
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines
Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern täuscht sie
leicht über Das, was Regel an ihm ist.
164.
Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war für Knechte, - liebt
Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Söhne Gottes die
Moral an!" -
165.
Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen
Leithammel nöthig, - oder er muss selbst gelegentlich Hammel sein.
166.
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei
macht, sagt man doch noch die Wahrheit.
162.
"Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so
denkt jedes Volk.
163.
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines
Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern täuscht sie
leicht über Das, was Regel an ihm ist.
164.
Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war für Knechte, - liebt
Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Söhne Gottes die
Moral an!" -
165.
Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen
Leithammel nöthig, - oder er muss selbst gelegentlich Hammel sein.
166.
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei
macht, sagt man doch noch die Wahrheit.
Page 91
167.
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas
Kostbares.
168.
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht
daran, aber entartete, zum Laster.
169.
Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
170.
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.
171.
Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum
Lachen, wie zarte Hände an einem Cyklopen.
172.
Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man
nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen nicht
verrathen…..
173.
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas
Kostbares.
168.
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht
daran, aber entartete, zum Laster.
169.
Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
170.
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.
171.
Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum
Lachen, wie zarte Hände an einem Cyklopen.
172.
Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man
nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen nicht
verrathen…..
173.
Page 92
Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn
man gleich oder höher schätzt.
174.
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk eurer
Neigungen, - auch ihr findet eigentlich den Lärm seiner Räder
unausstehlich?
175.
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.
176.
Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie
wider unsre Eitelkeit geht.
177.
Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand
wahrhaftig genug.
178.
Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an
Menschenrechten!
179.
man gleich oder höher schätzt.
174.
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk eurer
Neigungen, - auch ihr findet eigentlich den Lärm seiner Räder
unausstehlich?
175.
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.
176.
Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie
wider unsre Eitelkeit geht.
177.
Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand
wahrhaftig genug.
178.
Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an
Menschenrechten!
179.
Page 93
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig
dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.
180.
Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten
Glaubens an eine Sache ist.
181.
Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.
182.
Die Vertraulichkeit des überlegenen erbittert, weil sie nicht
zurückgegeben werden darf. -
183.
"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat
mich erschüttert." -
184.
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.
185.
"Er missfällt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je
ein Mensch so geantwortet?
dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.
180.
Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten
Glaubens an eine Sache ist.
181.
Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.
182.
Die Vertraulichkeit des überlegenen erbittert, weil sie nicht
zurückgegeben werden darf. -
183.
"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat
mich erschüttert." -
184.
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.
185.
"Er missfällt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je
ein Mensch so geantwortet?
Page 94
Fünftes Hauptstück:
Zur Naturgeschichte der Moral.
186.
Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spät,
vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige "Wissenschaft der Moral"
noch jung, anfängerhaft, plump und grobfingrig ist: - ein anziehender
Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten selbst sichtbar und
leibhaft wird. Schon das Wort "Wissenschaft der Moral" ist in Hinsicht auf
Das, was damit bezeichnet wird, viel zu hochmüthig und wider den guten
Geschmack: welcher immer ein Vorgeschmack für die bescheideneren
Worte zu sein pflegt. Man sollte, in aller Strenge, sich eingestehn, was hier
auf lange hinaus noch noth thut, was vorläufig allein Recht hat: nämlich
Sammlung des Materials, begriffliche Fassung und Zusammenordnung
eines ungeheuren Reichs zarter Werthgefühle und Werthunterschiede,
welche leben, wachsen, zeugen und zu Grunde gehn, - und, vielleicht,
Versuche, die wiederkehrenden und häufigeren Gestaltungen dieser
lebenden Krystallisation anschaulich zu machen, - als Vorbereitung zu einer
Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden. Die
Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der lachen
macht, von sich etwas sehr viel Höheres, Anspruchsvolleres, Feierlicheres,
sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft befassten: sie wollten die
Begründung der Moral, - und jeder Philosoph hat bisher geglaubt, die Moral
begründet zu haben; die Moral selbst aber galt als "gegeben". Wie ferne lag
ihrem plumpen Stolze jene unscheinbar dünkende und in Staub und Moder
belassene Aufgabe einer Beschreibung, obwohl für sie kaum die feinsten
Hände und Sinne fein genug sein könnten! Gerade dadurch, dass die Moral-
Philosophen die moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen
Auszuge oder als zufällige Abkürzung kannten, etwa als Moralität ihrer
Zur Naturgeschichte der Moral.
186.
Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spät,
vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige "Wissenschaft der Moral"
noch jung, anfängerhaft, plump und grobfingrig ist: - ein anziehender
Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten selbst sichtbar und
leibhaft wird. Schon das Wort "Wissenschaft der Moral" ist in Hinsicht auf
Das, was damit bezeichnet wird, viel zu hochmüthig und wider den guten
Geschmack: welcher immer ein Vorgeschmack für die bescheideneren
Worte zu sein pflegt. Man sollte, in aller Strenge, sich eingestehn, was hier
auf lange hinaus noch noth thut, was vorläufig allein Recht hat: nämlich
Sammlung des Materials, begriffliche Fassung und Zusammenordnung
eines ungeheuren Reichs zarter Werthgefühle und Werthunterschiede,
welche leben, wachsen, zeugen und zu Grunde gehn, - und, vielleicht,
Versuche, die wiederkehrenden und häufigeren Gestaltungen dieser
lebenden Krystallisation anschaulich zu machen, - als Vorbereitung zu einer
Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden. Die
Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der lachen
macht, von sich etwas sehr viel Höheres, Anspruchsvolleres, Feierlicheres,
sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft befassten: sie wollten die
Begründung der Moral, - und jeder Philosoph hat bisher geglaubt, die Moral
begründet zu haben; die Moral selbst aber galt als "gegeben". Wie ferne lag
ihrem plumpen Stolze jene unscheinbar dünkende und in Staub und Moder
belassene Aufgabe einer Beschreibung, obwohl für sie kaum die feinsten
Hände und Sinne fein genug sein könnten! Gerade dadurch, dass die Moral-
Philosophen die moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen
Auszuge oder als zufällige Abkürzung kannten, etwa als Moralität ihrer
Page 95
Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und
Erdstriches, - gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker, Zeiten,
Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig wissbegierig waren,
bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral gar nicht zu Gesichte: -
als welche alle erst bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen. In
aller bisherigen "Wissenschaft der Moral" fehlte, so wunderlich es klingen
mag, noch das Problem der Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass
es hier etwas Problematisches gebe. Was die Philosophen "Begründung der
Moral" nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn, nur
eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues
Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb einer
bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art Leugnung, dass
diese Moral als Problem gefasst werden dürfe: - und jedenfalls das
Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion eben
dieses Glaubens. Man höre zum Beispiel, mit welcher beinahe
verehrenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer seine eigene Aufgabe
hinstellt, und man mache seine Schlüsse über die Wissenschaftlichkeit einer
"Wissenschaft", deren letzte Meister noch wie die Kinder und die alten
Weibchen reden: - "das Princip, sagt er (p. 136 der Grundprobleme der
Moral), der Grundsatz, über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind;
neminem laede, immo omnes, quantum potes, juva - das ist eigentlich der
Satz, welchen zu begründen alle Sittenlehrer sich abmühen…. das
eigentliche Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen
seit Jahrtausenden sucht." - Die Schwierigkeit, den angeführten Satz zu
begründen, mag freilich gross sein - bekanntlich ist es auch Schopenhauern
damit nicht geglückt -; und wer einmal gründlich nachgefühlt hat, wie
abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt, deren
Essenz Wille zur Macht ist -, der mag sich daran erinnern lassen, dass
Schopenhauer, obschon Pessimist, eigentlich - die Flöte blies…. Täglich,
nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen. Und beiläufig gefragt: ein
Erdstriches, - gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker, Zeiten,
Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig wissbegierig waren,
bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral gar nicht zu Gesichte: -
als welche alle erst bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen. In
aller bisherigen "Wissenschaft der Moral" fehlte, so wunderlich es klingen
mag, noch das Problem der Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass
es hier etwas Problematisches gebe. Was die Philosophen "Begründung der
Moral" nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn, nur
eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues
Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb einer
bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art Leugnung, dass
diese Moral als Problem gefasst werden dürfe: - und jedenfalls das
Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion eben
dieses Glaubens. Man höre zum Beispiel, mit welcher beinahe
verehrenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer seine eigene Aufgabe
hinstellt, und man mache seine Schlüsse über die Wissenschaftlichkeit einer
"Wissenschaft", deren letzte Meister noch wie die Kinder und die alten
Weibchen reden: - "das Princip, sagt er (p. 136 der Grundprobleme der
Moral), der Grundsatz, über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind;
neminem laede, immo omnes, quantum potes, juva - das ist eigentlich der
Satz, welchen zu begründen alle Sittenlehrer sich abmühen…. das
eigentliche Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen
seit Jahrtausenden sucht." - Die Schwierigkeit, den angeführten Satz zu
begründen, mag freilich gross sein - bekanntlich ist es auch Schopenhauern
damit nicht geglückt -; und wer einmal gründlich nachgefühlt hat, wie
abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt, deren
Essenz Wille zur Macht ist -, der mag sich daran erinnern lassen, dass
Schopenhauer, obschon Pessimist, eigentlich - die Flöte blies…. Täglich,
nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen. Und beiläufig gefragt: ein
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Pessimist, ein Gott- und Welt-Verneiner, der vor der Moral Haltmacht, - der
zur Moral Ja sagt und Flöte bläst, zur laede-neminem-Moral: wie? ist das
eigentlich - ein Pessimist?
187.
Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns
einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt
eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moralen,
welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen
sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will er
sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er Rache
üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus, in
die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem Urheber, um zu
vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen zu machen;
mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und schöpferische
Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch Kant, giebt mit
seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist, das ist, dass ich
gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht anders stehn, als bei mir!" -
kurz, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.
188.
Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen
die "Natur", auch gegen die "Vernunft": das ist aber noch kein Einwand
gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend einer Moral aus
dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft unerlaubt sei. Das
Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang
ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder das Puritanerthum zu
verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern, unter dem bisher jede
zur Moral Ja sagt und Flöte bläst, zur laede-neminem-Moral: wie? ist das
eigentlich - ein Pessimist?
187.
Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns
einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt
eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moralen,
welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen
sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will er
sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er Rache
üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus, in
die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem Urheber, um zu
vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen zu machen;
mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und schöpferische
Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch Kant, giebt mit
seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist, das ist, dass ich
gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht anders stehn, als bei mir!" -
kurz, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.
188.
Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen
die "Natur", auch gegen die "Vernunft": das ist aber noch kein Einwand
gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend einer Moral aus
dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft unerlaubt sei. Das
Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang
ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder das Puritanerthum zu
verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern, unter dem bisher jede
Page 97
Sprache es zur Stärke und Freiheit gebracht, - des metrischen Zwangs, der
Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel Noth haben sich in jedem
Volke die Dichter und die Redner gemacht! - einige Prosaschreiber von
heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt
- "um einer Thorheit willen", wie utilitarische Tölpel sagen, welche sich
damit klug dünken, - "aus Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze", wie die
Anarchisten sagen, die sich damit "frei", selbst freigeistisch wähnen. Der
wunderliche Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit,
Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder gegeben
hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden und
überreden, in den Künsten ebenso wie in den Sittlichkeiten, sich erst
vermöge der "Tyrannei solcher Willkür-Gesetze" entwickelt hat; und allen
Ernstes, die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies
"Natur" und "natürlich" sei - und nicht jenes laisser aller! jeder Künstler
weiss, wie fern vom Gefühl des Sichgehen-lassens sein "natürlichster"
Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den
Augenblicken der "Inspiration", - und wie streng und fein er gerade da
tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch Begriffe
gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste
Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Vielfaches,
Vieldeutiges -). Das Wesentliche, "im Himmel und auf Erden", wie es
scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer Richtung gehorcht
werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas heraus,
dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel Tugend,
Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, - irgend etwas Verklärendes,
Raffinirtes, Tolles und Göttliches. Die lange Unfreiheit des Geistes, der
misstrauische Zwang in der Mittheilbarkeit der Gedanken, die Zucht,
welche sich der Denker auferlegte, innerhalb einer kirchlichen und
höfischen Richtschnur oder unter aristotelischen Voraussetzungen zu
denken, der lange geistige Wille, Alles, was geschieht, nach einem
Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel Noth haben sich in jedem
Volke die Dichter und die Redner gemacht! - einige Prosaschreiber von
heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt
- "um einer Thorheit willen", wie utilitarische Tölpel sagen, welche sich
damit klug dünken, - "aus Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze", wie die
Anarchisten sagen, die sich damit "frei", selbst freigeistisch wähnen. Der
wunderliche Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit,
Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder gegeben
hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden und
überreden, in den Künsten ebenso wie in den Sittlichkeiten, sich erst
vermöge der "Tyrannei solcher Willkür-Gesetze" entwickelt hat; und allen
Ernstes, die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies
"Natur" und "natürlich" sei - und nicht jenes laisser aller! jeder Künstler
weiss, wie fern vom Gefühl des Sichgehen-lassens sein "natürlichster"
Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den
Augenblicken der "Inspiration", - und wie streng und fein er gerade da
tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch Begriffe
gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste
Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Vielfaches,
Vieldeutiges -). Das Wesentliche, "im Himmel und auf Erden", wie es
scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer Richtung gehorcht
werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas heraus,
dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel Tugend,
Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, - irgend etwas Verklärendes,
Raffinirtes, Tolles und Göttliches. Die lange Unfreiheit des Geistes, der
misstrauische Zwang in der Mittheilbarkeit der Gedanken, die Zucht,
welche sich der Denker auferlegte, innerhalb einer kirchlichen und
höfischen Richtschnur oder unter aristotelischen Voraussetzungen zu
denken, der lange geistige Wille, Alles, was geschieht, nach einem
Page 98
christlichen Schema auszulegen und den christlichen Gott noch in jedem
Zufalle wieder zu entdecken und zu rechtfertigen, - all dies Gewaltsame,
Willkürliche, Harte, Schauerliche, Widervernünftige hat sich als das Mittel
herausgestellt, durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine
rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezüchtet wurde:
zugegeben, dass dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist
erdrückt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie überall zeigt
sich "die Natur", wie sie ist, in ihrer ganzen verschwenderischen und
gleichgültigen Grossartigkeit, welche empört, aber vornehm ist). Dass
Jahrtausende lang die europäischen Denker nur dachten, um Etwas zu
beweisen -heute ist uns umgekehrt jeder Denker verdächtig, der "Etwas
beweisen will" -, dass ihnen bereits immer feststand, was als Resultat ihres
strengsten Nachdenkens herauskommen sollte, etwa wie ehemals bei der
asiatischen Astrologie oder wie heute noch bei der harmlosen christlich-
moralischen Auslegung der nächsten persönlichen Ereignisse "zu Ehren
Gottes" und "zum Heil der Seele": - diese Tyrannei, diese Willkür, diese
strenge und grandiose Dummheit hat den Geist erzogen; die Sklaverei ist,
wie es scheint, im gröberen und feineren Verstande das unentbehrliche
Mittel auch der geistigen Zucht und Züchtung. Man mag jede Moral darauf
hin ansehn: die "Natur" in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugrosse
Freiheit hassen lehrt und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten,
nach nächsten Aufgaben pflanzt, - welche die Verengerung der Perspektive,
und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und
Wachsthums-Bedingung lehrt. "Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf
lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor dir
selbst" - dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu sein,
welcher freilich weder "kategorisch" ist, wie es der alte Kant von ihm
verlangte (daher das "sonst" -), noch an den Einzelnen sich wendet (was
liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Völker, Rassen, Zeitalter, Stände, vor
Allem aber an das ganze Thier "Mensch", an den Menschen.
Zufalle wieder zu entdecken und zu rechtfertigen, - all dies Gewaltsame,
Willkürliche, Harte, Schauerliche, Widervernünftige hat sich als das Mittel
herausgestellt, durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine
rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezüchtet wurde:
zugegeben, dass dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist
erdrückt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie überall zeigt
sich "die Natur", wie sie ist, in ihrer ganzen verschwenderischen und
gleichgültigen Grossartigkeit, welche empört, aber vornehm ist). Dass
Jahrtausende lang die europäischen Denker nur dachten, um Etwas zu
beweisen -heute ist uns umgekehrt jeder Denker verdächtig, der "Etwas
beweisen will" -, dass ihnen bereits immer feststand, was als Resultat ihres
strengsten Nachdenkens herauskommen sollte, etwa wie ehemals bei der
asiatischen Astrologie oder wie heute noch bei der harmlosen christlich-
moralischen Auslegung der nächsten persönlichen Ereignisse "zu Ehren
Gottes" und "zum Heil der Seele": - diese Tyrannei, diese Willkür, diese
strenge und grandiose Dummheit hat den Geist erzogen; die Sklaverei ist,
wie es scheint, im gröberen und feineren Verstande das unentbehrliche
Mittel auch der geistigen Zucht und Züchtung. Man mag jede Moral darauf
hin ansehn: die "Natur" in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugrosse
Freiheit hassen lehrt und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten,
nach nächsten Aufgaben pflanzt, - welche die Verengerung der Perspektive,
und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und
Wachsthums-Bedingung lehrt. "Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf
lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor dir
selbst" - dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu sein,
welcher freilich weder "kategorisch" ist, wie es der alte Kant von ihm
verlangte (daher das "sonst" -), noch an den Einzelnen sich wendet (was
liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Völker, Rassen, Zeitalter, Stände, vor
Allem aber an das ganze Thier "Mensch", an den Menschen.
Page 99
189.
Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den
Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen Instinktes,
den Sonntag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen, dass der
Engländer dabei wieder unvermerkt nach seinem Wochen- und Werktage
lüstern wird: - als eine Art klug erfundenen, klug eingeschalteten Fastens,
wie dergleichen auch in der antiken Welt reichlich wahrzunehmen ist (wenn
auch, wie billig bei südländischen Völkern, nicht gerade in Hinsicht auf
Arbeit -). Es muss Fasten von vielerlei Art geben; und überall, wo mächtige
Triebe und Gewohnheiten herrschen, haben die Gesetzgeber dafür zu
sorgen, Schalttage einzuschieben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt
wird und wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte aus gesehn,
erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem
moralischen Fanatismus behaftet auftreten, als solche eingelegte Zwangs-
und Fastenzeiten, während welchen ein Trieb sich ducken und
niederwerfen, aber auch sich reinigen und schärfen lernt; auch einzelne
philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der hellenistischen
Cultur und ihrer mit aphrodisischen Düften überladenen und geil
gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. - Hiermit ist auch ein
Wink zur Erklärung jenes Paradoxons gegeben, warum gerade in der
christlichsten Periode Europa's und überhaupt erst unter dem Druck
christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur Liebe (amour-
passion) sublimirt hat.
190.
Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato gehört,
sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man könnte sagen, trotz
Plato: nämlich der Sokratismus, für den er eigentlich zu vornehm war.
"Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht alles Schlechte
Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den
Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen Instinktes,
den Sonntag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen, dass der
Engländer dabei wieder unvermerkt nach seinem Wochen- und Werktage
lüstern wird: - als eine Art klug erfundenen, klug eingeschalteten Fastens,
wie dergleichen auch in der antiken Welt reichlich wahrzunehmen ist (wenn
auch, wie billig bei südländischen Völkern, nicht gerade in Hinsicht auf
Arbeit -). Es muss Fasten von vielerlei Art geben; und überall, wo mächtige
Triebe und Gewohnheiten herrschen, haben die Gesetzgeber dafür zu
sorgen, Schalttage einzuschieben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt
wird und wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte aus gesehn,
erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem
moralischen Fanatismus behaftet auftreten, als solche eingelegte Zwangs-
und Fastenzeiten, während welchen ein Trieb sich ducken und
niederwerfen, aber auch sich reinigen und schärfen lernt; auch einzelne
philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der hellenistischen
Cultur und ihrer mit aphrodisischen Düften überladenen und geil
gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. - Hiermit ist auch ein
Wink zur Erklärung jenes Paradoxons gegeben, warum gerade in der
christlichsten Periode Europa's und überhaupt erst unter dem Druck
christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur Liebe (amour-
passion) sublimirt hat.
190.
Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato gehört,
sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man könnte sagen, trotz
Plato: nämlich der Sokratismus, für den er eigentlich zu vornehm war.
"Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht alles Schlechte
Page 100
unfreiwillig. Denn der Schlechte fügt sich selbst Schaden zu: das würde er
nicht thun, falls er wüsste, dass das Schlechte schlecht ist. Demgemäss ist
der Schlechte nur aus einem Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen
Irrthum, so macht man ihn notwendig - gut." - Diese Art zu schliessen
riecht nach dem Pöbel, der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in's
Auge fasst und eigentlich urtheilt "es ist dumm, schlecht zu handeln";
während er "gut" mit "nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch
nimmt. Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf
diesen gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten
irre gehn. - Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den
Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem sich selbst -, er, der
verwegenste aller Interpreten, der den ganzen Sokrates nur wie ein
populäres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's Unendliche
und Unmögliche zu variiren: nämlich in alle seine eignen Masken und
Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu homerisch: was ist
denn der platonische Sokrates, wenn nicht prósthe Pláton opithén te Pláton
mésse te Chímaira.
191.
Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder,
deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die Frage, ob in Hinsicht auf
Werthschätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität verdiene, als die
Vernünftigkeit, welche nach Gründen, nach einem "Warum?", als nach
Zweckmässigkeit und Nützlichkeit geschätzt und gehandelt wissen will, - es
ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in der Person
des Sokrates auftrat und lange vor dem Christenthum schon die Geister
gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem Geschmack seines
Talentes - dem eines überlegenen Dialektikers - zunächst auf Seiten der
Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat er sein Leben lang gethan, als
nicht thun, falls er wüsste, dass das Schlechte schlecht ist. Demgemäss ist
der Schlechte nur aus einem Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen
Irrthum, so macht man ihn notwendig - gut." - Diese Art zu schliessen
riecht nach dem Pöbel, der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in's
Auge fasst und eigentlich urtheilt "es ist dumm, schlecht zu handeln";
während er "gut" mit "nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch
nimmt. Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf
diesen gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten
irre gehn. - Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den
Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem sich selbst -, er, der
verwegenste aller Interpreten, der den ganzen Sokrates nur wie ein
populäres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's Unendliche
und Unmögliche zu variiren: nämlich in alle seine eignen Masken und
Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu homerisch: was ist
denn der platonische Sokrates, wenn nicht prósthe Pláton opithén te Pláton
mésse te Chímaira.
191.
Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder,
deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die Frage, ob in Hinsicht auf
Werthschätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität verdiene, als die
Vernünftigkeit, welche nach Gründen, nach einem "Warum?", als nach
Zweckmässigkeit und Nützlichkeit geschätzt und gehandelt wissen will, - es
ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in der Person
des Sokrates auftrat und lange vor dem Christenthum schon die Geister
gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem Geschmack seines
Talentes - dem eines überlegenen Dialektikers - zunächst auf Seiten der
Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat er sein Leben lang gethan, als
Page 101
über die linkische Unfähigkeit seiner vornehmen Athener zu lachen, welche
Menschen des Instinktes waren gleich allen vornehmen Menschen und
niemals genügend über die Gründe ihres Handelns Auskunft geben
konnten? Zuletzt aber, im Stillen und Geheimen, lachte er auch über sich
selbst: er fand bei sich, vor seinem feineren Gewissen und Selbstverhör, die
gleiche Schwierigkeit und Unfähigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich
deshalb von den Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft
zum Recht verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er brachte
sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung zufrieden zu
geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen Urtheile
durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne die
Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft - der grössten
Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich beweisen, dass
Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen, auf das Gute, auf
"Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und Philosophen auf der gleichen
Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral hat bisher der Instinkt, oder wie die
Christen es nennen, "der Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde"
gesiegt. Man müsse denn Descartes ausnehmen, den Vater des
Rationalismus (und folglich Grossvater der Revolution), welcher der
Vernunft allein Autorität zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein
Werkzeug, und Descartes war oberflächlich.
192.
Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist, der
findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der ältesten
und gemeinsten Vorgänge alles "Wissens und Erkennens": dort wie hier
sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute dumme Wille
Menschen des Instinktes waren gleich allen vornehmen Menschen und
niemals genügend über die Gründe ihres Handelns Auskunft geben
konnten? Zuletzt aber, im Stillen und Geheimen, lachte er auch über sich
selbst: er fand bei sich, vor seinem feineren Gewissen und Selbstverhör, die
gleiche Schwierigkeit und Unfähigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich
deshalb von den Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft
zum Recht verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er brachte
sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung zufrieden zu
geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen Urtheile
durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne die
Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft - der grössten
Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich beweisen, dass
Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen, auf das Gute, auf
"Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und Philosophen auf der gleichen
Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral hat bisher der Instinkt, oder wie die
Christen es nennen, "der Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde"
gesiegt. Man müsse denn Descartes ausnehmen, den Vater des
Rationalismus (und folglich Grossvater der Revolution), welcher der
Vernunft allein Autorität zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein
Werkzeug, und Descartes war oberflächlich.
192.
Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist, der
findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der ältesten
und gemeinsten Vorgänge alles "Wissens und Erkennens": dort wie hier
sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute dumme Wille
Page 102
zum "Glauben", der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst entwickelt, -
unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz, feine treue vorsichtige
Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge fällt es bequemer, auf einen
gegebenen Anlass hin ein schon öfter erzeugtes Bild wieder zu erzeugen,
als das Abweichende und Neue eines Eindrucks bei sich festzuhalten:
letzteres braucht mehr Kraft, mehr "Moralität". Etwas Neues hören ist dem
Ohre peinlich und schwierig; fremde Musik hören wir schlecht.
Unwillkürlich versuchen wir, beim Hören einer andren Sprache, die
gehörten Laute in Worte einzuformen, welche uns vertrauter und heimischer
klingen: so machte sich zum Beispiel der Deutsche ehemals aus dem
gehörten arcubalista das Wort Armbrust zurecht. Das Neue findet auch
unsre Sinne feindlich und widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei
den "einfachsten" Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht,
Liebe, Hass, eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig
ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall
heraus und "erräth" den zu diesen fünf Worten muthmaasslich zugehörigen
Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in
Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel
leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. Selbst inmitten der
seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den
grössten Theil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als
"Erfinder" irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir
sind von Grund aus, von Alters her - an's Lügen gewöhnt. Oder, um es
tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist
viel mehr Künstler als man weiss. - In einem lebhaften Gespräch sehe ich
oftmals das Gesicht der Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken,
den sie äussert, oder den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und
feinbestimmt vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft
meines Sehvermögens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz, feine treue vorsichtige
Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge fällt es bequemer, auf einen
gegebenen Anlass hin ein schon öfter erzeugtes Bild wieder zu erzeugen,
als das Abweichende und Neue eines Eindrucks bei sich festzuhalten:
letzteres braucht mehr Kraft, mehr "Moralität". Etwas Neues hören ist dem
Ohre peinlich und schwierig; fremde Musik hören wir schlecht.
Unwillkürlich versuchen wir, beim Hören einer andren Sprache, die
gehörten Laute in Worte einzuformen, welche uns vertrauter und heimischer
klingen: so machte sich zum Beispiel der Deutsche ehemals aus dem
gehörten arcubalista das Wort Armbrust zurecht. Das Neue findet auch
unsre Sinne feindlich und widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei
den "einfachsten" Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht,
Liebe, Hass, eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig
ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall
heraus und "erräth" den zu diesen fünf Worten muthmaasslich zugehörigen
Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in
Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel
leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. Selbst inmitten der
seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den
grössten Theil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als
"Erfinder" irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir
sind von Grund aus, von Alters her - an's Lügen gewöhnt. Oder, um es
tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist
viel mehr Künstler als man weiss. - In einem lebhaften Gespräch sehe ich
oftmals das Gesicht der Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken,
den sie äussert, oder den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und
feinbestimmt vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft
meines Sehvermögens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
Page 103
Augen-Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahrscheinlich
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.
193.
Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört zuletzt
so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas "wirklich"
Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer, haben ein
Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am hellen lichten
Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres wachen Geistes, ein
Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume gegängelt. Gesetzt, dass Einer
in seinen Träumen oftmals geflogen ist und endlich, sobald er träumt, sich
einer Kraft und Kunst des Fliegens wie seines Vorrechtes bewusst wird,
auch wie seines eigensten beneidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede
Art von Bogen und Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu
können glaubt, der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leichtfertigkeit
kennt, ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
für seinen wachen Tag das Wort "Glück" anders gefärbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glück - verlangen "Aufschwung", so
wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm, gegen jenes "Fliegen"
gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft, gewaltsam, schon zu "schwer"
sein.
194.
Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene Güter
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.
193.
Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört zuletzt
so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas "wirklich"
Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer, haben ein
Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am hellen lichten
Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres wachen Geistes, ein
Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume gegängelt. Gesetzt, dass Einer
in seinen Träumen oftmals geflogen ist und endlich, sobald er träumt, sich
einer Kraft und Kunst des Fliegens wie seines Vorrechtes bewusst wird,
auch wie seines eigensten beneidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede
Art von Bogen und Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu
können glaubt, der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leichtfertigkeit
kennt, ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
für seinen wachen Tag das Wort "Glück" anders gefärbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glück - verlangen "Aufschwung", so
wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm, gegen jenes "Fliegen"
gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft, gewaltsam, schon zu "schwer"
sein.
194.
Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene Güter
Page 104
für erstrebenswerth halten und auch über das Mehr und Weniger des
Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen als
wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines Weibes
zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über den Leib
und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes Anzeichen
des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem argwöhnischeren und
anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das "Fragezeichen", das nur
Scheinbare eines solchen Habens, und will feinere Proben, vor Allem, um
zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm sich giebt, sondern auch für ihn lässt,
was sie hat oder gerne hätte -: so erst gilt es ihm als "besessen". Ein Dritter
aber ist auch hier noch nicht am Ende seines Misstrauens und
Habenwollens, er fragt sich, ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies
nicht etwa für ein Phantom von ihm thut: er will erst gründlich, ja
abgründlich gut gekannt sein, um überhaupt geliebt werden zu können, er
wagt es, sich errathen zu lassen -. Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in
seinem Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn betrügt, wenn sie ihn um
seiner Teufelei und versteckten Unersättlichkeit willen eben so sehr liebt,
als um seiner Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte ein Volk
besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina-Künste sind ihm zu
diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren Besitzdurste, sagt
sich "man darf nicht betrügen, wo man besitzen will" -, er ist gereizt und
ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine Maske von ihm über das Herz des
Volks gebietet: "also muss ich mich kennen lassen und, vorerst, mich selbst
kennen!" Unter hülfreichen und wohlthätigen Menschen findet man jene
plumpe Arglist fast regelmässig vor, welche sich Den, dem geholfen werden
soll, erst zurecht macht: als ob er zum Beispiel Hülfe "verdiene", gerade
nach ihrer Hülfe verlange, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar,
anhänglich, unterwürfig beweisen werde, - mit diesen Einbildungen
verfügen sie über den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus
Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen als
wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines Weibes
zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über den Leib
und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes Anzeichen
des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem argwöhnischeren und
anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das "Fragezeichen", das nur
Scheinbare eines solchen Habens, und will feinere Proben, vor Allem, um
zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm sich giebt, sondern auch für ihn lässt,
was sie hat oder gerne hätte -: so erst gilt es ihm als "besessen". Ein Dritter
aber ist auch hier noch nicht am Ende seines Misstrauens und
Habenwollens, er fragt sich, ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies
nicht etwa für ein Phantom von ihm thut: er will erst gründlich, ja
abgründlich gut gekannt sein, um überhaupt geliebt werden zu können, er
wagt es, sich errathen zu lassen -. Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in
seinem Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn betrügt, wenn sie ihn um
seiner Teufelei und versteckten Unersättlichkeit willen eben so sehr liebt,
als um seiner Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte ein Volk
besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina-Künste sind ihm zu
diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren Besitzdurste, sagt
sich "man darf nicht betrügen, wo man besitzen will" -, er ist gereizt und
ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine Maske von ihm über das Herz des
Volks gebietet: "also muss ich mich kennen lassen und, vorerst, mich selbst
kennen!" Unter hülfreichen und wohlthätigen Menschen findet man jene
plumpe Arglist fast regelmässig vor, welche sich Den, dem geholfen werden
soll, erst zurecht macht: als ob er zum Beispiel Hülfe "verdiene", gerade
nach ihrer Hülfe verlange, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar,
anhänglich, unterwürfig beweisen werde, - mit diesen Einbildungen
verfügen sie über den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus
Page 105
einem Verlangen nach Eigenthum überhaupt wohlthätige und hülfreiche
Menschen sind. Man findet sie eifersüchtig, wenn man sie beim Helfen
kreuzt oder ihnen zuvorkommt. Die Eltern machen unwillkürlich aus dem
Kinde etwas ihnen Ähnliches - sie nennen das "Erziehung" -, keine Mutter
zweifelt im Grunde ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum
geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es seinen Begriffen
und Werthschätzungen unterwerfen zu dürfen. Ja, ehemals schien es den
Vätern billig, über Leben und Tod des Neugebornen (wie unter den alten
Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der Vater, so sehen auch
jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester, der Fürst in jedem neuen
Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu neuem Besitze. Woraus
folgt…..
195.
Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die ganze
antike Welt sagt, "das auserwählte Volk unter den Völkern", wie sie selbst
sagen und glauben - die Juden haben jenes Wunderstück von Umkehrung
der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf der Erde für
ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: - ihre
Propheten haben "reich" "gottlos" "böse" "gewaltthätig" "sinnlich" in Eins
geschmolzen und zum ersten Male das Wort "Welt", zum Schandwort
gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe (zu der es gehört, das Wort für
"Arm" als synonym mit "Heilig" und "Freund" zu brauchen) liegt die
Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm beginnt der Sklaven-Aufstand in
der Moral.
196.
Menschen sind. Man findet sie eifersüchtig, wenn man sie beim Helfen
kreuzt oder ihnen zuvorkommt. Die Eltern machen unwillkürlich aus dem
Kinde etwas ihnen Ähnliches - sie nennen das "Erziehung" -, keine Mutter
zweifelt im Grunde ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum
geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es seinen Begriffen
und Werthschätzungen unterwerfen zu dürfen. Ja, ehemals schien es den
Vätern billig, über Leben und Tod des Neugebornen (wie unter den alten
Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der Vater, so sehen auch
jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester, der Fürst in jedem neuen
Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu neuem Besitze. Woraus
folgt…..
195.
Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die ganze
antike Welt sagt, "das auserwählte Volk unter den Völkern", wie sie selbst
sagen und glauben - die Juden haben jenes Wunderstück von Umkehrung
der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf der Erde für
ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: - ihre
Propheten haben "reich" "gottlos" "böse" "gewaltthätig" "sinnlich" in Eins
geschmolzen und zum ersten Male das Wort "Welt", zum Schandwort
gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe (zu der es gehört, das Wort für
"Arm" als synonym mit "Heilig" und "Freund" zu brauchen) liegt die
Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm beginnt der Sklaven-Aufstand in
der Moral.
196.
Page 106
Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschliessen, -
solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichniss;
und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift nur als eine
Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles verschweigen lässt.
197.
Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele
Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die "Natur", so lange man noch
nach einer "Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesündesten aller tropischen
Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen eingeborenen
"Hölle" -: wie es bisher fast alle Moralisten gethan haben. Es scheint, dass
es bei den Moralisten einen Hass gegen den Urwald und gegen die Tropen
giebt? Und dass der "tropische Mensch" um jeden Preis diskreditirt werden
muss, sei es als Krankheit und Entartung des Menschen, sei es als eigne
Hölle und Selbst-Marterung? Warum doch? Zu Gunsten der "gemässigten
Zonen"? Zu Gunsten der gemässigten Menschen? Der "Moralischen"? Der
Mittelmässigen? - Dies zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit". -
198.
Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum Zwecke
ihres "Glückes", wie es heisst, - was sind sie Anderes, als Verhaltungs-
Vorschläge im Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in welcher die
einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre Leidenschaften,
ihre guten und schlimmen Hänge, so fern sie den Willen zur Macht haben
und den Herrn spielen möchten; kleine und grosse Klugheiten und
Künsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter Hausmittel und
Altweiber-Weisheit; allesammt in der Form barock und unvernünftig - weil
sie sich an "Alle" wenden, weil sie generalisiren, wo nicht generalisirt
solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichniss;
und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift nur als eine
Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles verschweigen lässt.
197.
Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele
Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die "Natur", so lange man noch
nach einer "Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesündesten aller tropischen
Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen eingeborenen
"Hölle" -: wie es bisher fast alle Moralisten gethan haben. Es scheint, dass
es bei den Moralisten einen Hass gegen den Urwald und gegen die Tropen
giebt? Und dass der "tropische Mensch" um jeden Preis diskreditirt werden
muss, sei es als Krankheit und Entartung des Menschen, sei es als eigne
Hölle und Selbst-Marterung? Warum doch? Zu Gunsten der "gemässigten
Zonen"? Zu Gunsten der gemässigten Menschen? Der "Moralischen"? Der
Mittelmässigen? - Dies zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit". -
198.
Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum Zwecke
ihres "Glückes", wie es heisst, - was sind sie Anderes, als Verhaltungs-
Vorschläge im Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in welcher die
einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre Leidenschaften,
ihre guten und schlimmen Hänge, so fern sie den Willen zur Macht haben
und den Herrn spielen möchten; kleine und grosse Klugheiten und
Künsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter Hausmittel und
Altweiber-Weisheit; allesammt in der Form barock und unvernünftig - weil
sie sich an "Alle" wenden, weil sie generalisiren, wo nicht generalisirt
Page 107
werden darf -, allesammt unbedingt redend, sich unbedingt nehmend,
allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt, vielmehr erst
erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, wenn sie überwürzt und
gefährlich zu riechen lernen, vor Allem "nach der anderen Welt": Das ist
Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und noch lange nicht
"Wissenschaft", geschweige denn "Weisheit", sondern, nochmals gesagt
und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit, gemischt mit Dummheit,
Dummheit, Dummheit, - sei es nun jene Gleichgültigkeit und
Bildsäulenkälte gegen die hitzige Narrheit der Affekte, welche die Stoiker
anriethen und ankurirten; oder auch jenes Nicht-mehr-Lachen und Nicht-
mehr-Weinen des Spinoza, seine so naiv befürwortete Zerstörung der
Affekte durch Analysis und Vivisektion derselben; oder jene
Herabstimmung der Affekte auf ein unschädliches Mittelmaass, bei
welchem sie befriedigt werden dürfen, der Aristotelismus der Moral; selbst
Moral als Genuss der Affekte in einer absichtlichen Verdünnung und
Vergeistigung durch die Symbolik der Kunst, etwa als Musik, oder als
Liebe zu Gott und zum Menschen um Gotteswillen - denn in der Religion
haben die Leidenschaften wieder Bürgerrecht, vorausgesetzt dass; zuletzt
selbst jene entgegenkommende und muthwillige Hingebung an die Affekte,
wie sie Hafis und Goethe gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der
Zügel, jene geistig- leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter
weiser Käuze und Trunkenbolde, bei denen es "wenig Gefahr mehr hat".
Auch Dies zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit".
199.
Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch
Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbände, Gemeinden,
Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im
Verhältniss zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also, dass
allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt, vielmehr erst
erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, wenn sie überwürzt und
gefährlich zu riechen lernen, vor Allem "nach der anderen Welt": Das ist
Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und noch lange nicht
"Wissenschaft", geschweige denn "Weisheit", sondern, nochmals gesagt
und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit, gemischt mit Dummheit,
Dummheit, Dummheit, - sei es nun jene Gleichgültigkeit und
Bildsäulenkälte gegen die hitzige Narrheit der Affekte, welche die Stoiker
anriethen und ankurirten; oder auch jenes Nicht-mehr-Lachen und Nicht-
mehr-Weinen des Spinoza, seine so naiv befürwortete Zerstörung der
Affekte durch Analysis und Vivisektion derselben; oder jene
Herabstimmung der Affekte auf ein unschädliches Mittelmaass, bei
welchem sie befriedigt werden dürfen, der Aristotelismus der Moral; selbst
Moral als Genuss der Affekte in einer absichtlichen Verdünnung und
Vergeistigung durch die Symbolik der Kunst, etwa als Musik, oder als
Liebe zu Gott und zum Menschen um Gotteswillen - denn in der Religion
haben die Leidenschaften wieder Bürgerrecht, vorausgesetzt dass; zuletzt
selbst jene entgegenkommende und muthwillige Hingebung an die Affekte,
wie sie Hafis und Goethe gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der
Zügel, jene geistig- leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter
weiser Käuze und Trunkenbolde, bei denen es "wenig Gefahr mehr hat".
Auch Dies zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit".
199.
Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch
Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbände, Gemeinden,
Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im
Verhältniss zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also, dass
Page 108
Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt und
gezüchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, dass durchschnittlich
jetzt einem jeden das Bedürfniss darnach angeboren ist, als eine Art
formalen Gewissens, welches gebietet: "du sollst irgend Etwas unbedingt
thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz "du sollst". Dies Bedürfniss
sucht sich zu sättigen und seine Form mit einem Inhalte zu füllen; es greift
dabei, gemäss seiner Stärke, Ungeduld und Spannung, wenig wählerisch,
als ein grober Appetit, zu und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen
Befehlenden - Eltern, Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheilen, öffentlichen
Meinungen - in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschränktheit der
menschlichen Entwicklung, das Zögernde, Langwierige, oft Zurücklaufende
und Sich-Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des
Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt
wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten
Ausschweifungen schreitend, so fehlen endlich geradezu die Befehlshaber
und Unabhängigen; oder sie leiden innerlich am schlechten Gewissen und
haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung vorzumachen, um befehlen zu
können: nämlich als ob auch sie nur gehorchten. Dieser Zustand besteht
heute thatsächlich in Europa: ich nenne ihn die moralische Heuchelei der
Befehlenden. Sie wissen sich nicht anders vor ihrem schlechten Gewissen
zu schützen als dadurch, dass sie sich als Ausführer älterer oder höherer
Befehle gebärden (der Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze
oder gar Gottes) oder selbst von der Heerden-Denkweise her sich Heerden-
Maximen borgen, zum Beispiel als "erste Diener ihres Volks" oder als
"Werkzeuge des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich heute
der Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaubte Art
Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge deren er zahm,
verträglich und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich menschlichen
Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiss, Mässigkeit,
Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Für die Fälle aber, wo man der
gezüchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, dass durchschnittlich
jetzt einem jeden das Bedürfniss darnach angeboren ist, als eine Art
formalen Gewissens, welches gebietet: "du sollst irgend Etwas unbedingt
thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz "du sollst". Dies Bedürfniss
sucht sich zu sättigen und seine Form mit einem Inhalte zu füllen; es greift
dabei, gemäss seiner Stärke, Ungeduld und Spannung, wenig wählerisch,
als ein grober Appetit, zu und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen
Befehlenden - Eltern, Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheilen, öffentlichen
Meinungen - in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschränktheit der
menschlichen Entwicklung, das Zögernde, Langwierige, oft Zurücklaufende
und Sich-Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des
Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt
wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten
Ausschweifungen schreitend, so fehlen endlich geradezu die Befehlshaber
und Unabhängigen; oder sie leiden innerlich am schlechten Gewissen und
haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung vorzumachen, um befehlen zu
können: nämlich als ob auch sie nur gehorchten. Dieser Zustand besteht
heute thatsächlich in Europa: ich nenne ihn die moralische Heuchelei der
Befehlenden. Sie wissen sich nicht anders vor ihrem schlechten Gewissen
zu schützen als dadurch, dass sie sich als Ausführer älterer oder höherer
Befehle gebärden (der Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze
oder gar Gottes) oder selbst von der Heerden-Denkweise her sich Heerden-
Maximen borgen, zum Beispiel als "erste Diener ihres Volks" oder als
"Werkzeuge des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich heute
der Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaubte Art
Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge deren er zahm,
verträglich und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich menschlichen
Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiss, Mässigkeit,
Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Für die Fälle aber, wo man der
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Führer und Leithammel nicht entrathen zu können glaubt, macht man heute
Versuche über Versuche, durch Zusammen-Addiren kluger
Heerdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen: dieses Ursprungs sind zum
Beispiel alle repräsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat, welche
Erlösung von einem unerträglich werdenden Druck trotz Alledem das
Erscheinen eines unbedingt Befehlenden für diese Heerdenthier-Europäer
ist, dafür gab die Wirkung, welche das Erscheinen Napoleon's machte, das
letzte grosse Zeugniss: - die Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beinahe
die Geschichte des höheren Glücks, zu dem es dieses ganze Jahrhundert in
seinen werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat.
200.
Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durch
einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im
Leibe hat, das heisst gegensätzliche und oft nicht einmal nur gegensätzliche
Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kämpfen und sich selten
Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Culturen und der gebrochenen
Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein: sein
gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der Krieg, der er ist, einmal ein
Ende habe; das Glück erscheint ihm, in Übereinstimmung mit einer
beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder christlichen) Medizin und
Denkweise, vornehmlich als das Glück des Ausruhens, der Ungestörtheit,
der Sattheit, der endlichen Einheit, als "Sabbat der Sabbate", um mit dem
heiligen Rhetor Augustin zu reden, der selbst ein solcher Mensch war. -
Wirkt aber der Gegensatz und Krieg in einer solchen Natur wie ein
Lebensreiz und -Kitzel mehr -, und ist andererseits zu ihren mächtigen und
unversöhnlichen Trieben auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit im
Kriegführen mit sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst-Überlistung
hinzuvererbt und angezüchtet: so entstehen jene zauberhaften Unfassbaren
Versuche über Versuche, durch Zusammen-Addiren kluger
Heerdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen: dieses Ursprungs sind zum
Beispiel alle repräsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat, welche
Erlösung von einem unerträglich werdenden Druck trotz Alledem das
Erscheinen eines unbedingt Befehlenden für diese Heerdenthier-Europäer
ist, dafür gab die Wirkung, welche das Erscheinen Napoleon's machte, das
letzte grosse Zeugniss: - die Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beinahe
die Geschichte des höheren Glücks, zu dem es dieses ganze Jahrhundert in
seinen werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat.
200.
Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durch
einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im
Leibe hat, das heisst gegensätzliche und oft nicht einmal nur gegensätzliche
Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kämpfen und sich selten
Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Culturen und der gebrochenen
Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein: sein
gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der Krieg, der er ist, einmal ein
Ende habe; das Glück erscheint ihm, in Übereinstimmung mit einer
beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder christlichen) Medizin und
Denkweise, vornehmlich als das Glück des Ausruhens, der Ungestörtheit,
der Sattheit, der endlichen Einheit, als "Sabbat der Sabbate", um mit dem
heiligen Rhetor Augustin zu reden, der selbst ein solcher Mensch war. -
Wirkt aber der Gegensatz und Krieg in einer solchen Natur wie ein
Lebensreiz und -Kitzel mehr -, und ist andererseits zu ihren mächtigen und
unversöhnlichen Trieben auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit im
Kriegführen mit sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst-Überlistung
hinzuvererbt und angezüchtet: so entstehen jene zauberhaften Unfassbaren
Page 110
und Unausdenklichen, jene zum Siege und zur Verführung
vorherbestimmten Räthselmenschen, deren schönster Ausdruck Alciblades
und Caesar (- denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem
Geschmack, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten zugesellen möchte),
unter Künstlern vielleicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in
den selben Zeiten, wo jener schwächere Typus, mit seinem Verlangen nach
Ruhe, in den Vordergrund tritt.- beide Typen gehören zu einander und
entspringen den gleichen Ursachen.
201.
So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen
herrscht, allein die Heerden-Nützlichkeit ist, so lange der Blick einzig der
Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das Unmoralische genau und
ausschliesslich in dem gesucht wird, was dem Gemeinde-Bestand
gefährlich scheint: so lange kann es noch keine "Moral der Nächstenliebe"
geben. Gesetzt, es findet sich auch da bereits eine beständige kleine Übung
von Rücksicht, Mitleiden, Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der
Hülfeleistung, gesetzt, es sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft
schon alle jene Triebe thätig, welche später mit Ehrennamen, als
"Tugenden" bezeichnet werden und schliesslich fast mit dem Begriff
"Moralität" in Eins zusammenfallen: in jener Zeit gehören sie noch gar
nicht in das Reich der moralischen Werthschätzungen - sie sind noch
aussermoralisch. Eine mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der
besten Römerzeit weder gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch;
und wird sie selbst gelobt, so verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das
Beste eine Art unwilliger Geringschätzung, sobald sie nämlich mit irgend
einer Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des
Ganzen, der res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nächsten" immer
etwas Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-
vorherbestimmten Räthselmenschen, deren schönster Ausdruck Alciblades
und Caesar (- denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem
Geschmack, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten zugesellen möchte),
unter Künstlern vielleicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in
den selben Zeiten, wo jener schwächere Typus, mit seinem Verlangen nach
Ruhe, in den Vordergrund tritt.- beide Typen gehören zu einander und
entspringen den gleichen Ursachen.
201.
So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen
herrscht, allein die Heerden-Nützlichkeit ist, so lange der Blick einzig der
Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das Unmoralische genau und
ausschliesslich in dem gesucht wird, was dem Gemeinde-Bestand
gefährlich scheint: so lange kann es noch keine "Moral der Nächstenliebe"
geben. Gesetzt, es findet sich auch da bereits eine beständige kleine Übung
von Rücksicht, Mitleiden, Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der
Hülfeleistung, gesetzt, es sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft
schon alle jene Triebe thätig, welche später mit Ehrennamen, als
"Tugenden" bezeichnet werden und schliesslich fast mit dem Begriff
"Moralität" in Eins zusammenfallen: in jener Zeit gehören sie noch gar
nicht in das Reich der moralischen Werthschätzungen - sie sind noch
aussermoralisch. Eine mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der
besten Römerzeit weder gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch;
und wird sie selbst gelobt, so verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das
Beste eine Art unwilliger Geringschätzung, sobald sie nämlich mit irgend
einer Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des
Ganzen, der res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nächsten" immer
etwas Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-
Page 111
Scheinbares im Verhältniss zur Furcht vor dem Nächsten. Nachdem das
Gefüge der Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche wieder
neue Perspektiven der moralischen Werthschätzung schafft. Gewisse starke
und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust, Tollkühnheit, Rachsucht,
Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die bisher in einem
gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen Namen, wie billig, als
den eben gewählten sondern gross-gezogen und -gezüchtet werden mussten
(weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen gegen die Feinde des Ganzen
beständig bedurfte), werden nunmehr in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark
empfunden - jetzt, wo die Abzugskanäle für sie fehlen - und schrittweise,
als unmoralisch, gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt
kommen die gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren;
der Heerden-Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefährliches, der Gleichheit Gefährliches in einer
Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht ist auch
hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und stärksten Trieben,
wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den Einzelnen weit über den
Durchschnitt und die Niederung des Heerdengewissens hinaus und hinauf
treiben, geht das Selbstgefühl der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich,
ihr Rückgrat gleichsam, zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe
am besten brandmarken und verleumden. Die hohe unabhängige
Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden
als Gefahr empfunden; Alles, was den Einzelnen über die Heerde
hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heisst von nun an böse; die
billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das
Mittelmaass der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.
Endlich, unter sehr friedfertigen Zuständen, fehlt die Gelegenheit und
Nöthigung immer mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und
Gefüge der Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche wieder
neue Perspektiven der moralischen Werthschätzung schafft. Gewisse starke
und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust, Tollkühnheit, Rachsucht,
Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die bisher in einem
gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen Namen, wie billig, als
den eben gewählten sondern gross-gezogen und -gezüchtet werden mussten
(weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen gegen die Feinde des Ganzen
beständig bedurfte), werden nunmehr in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark
empfunden - jetzt, wo die Abzugskanäle für sie fehlen - und schrittweise,
als unmoralisch, gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt
kommen die gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren;
der Heerden-Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefährliches, der Gleichheit Gefährliches in einer
Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht ist auch
hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und stärksten Trieben,
wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den Einzelnen weit über den
Durchschnitt und die Niederung des Heerdengewissens hinaus und hinauf
treiben, geht das Selbstgefühl der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich,
ihr Rückgrat gleichsam, zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe
am besten brandmarken und verleumden. Die hohe unabhängige
Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden
als Gefahr empfunden; Alles, was den Einzelnen über die Heerde
hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heisst von nun an böse; die
billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das
Mittelmaass der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.
Endlich, unter sehr friedfertigen Zuständen, fehlt die Gelegenheit und
Nöthigung immer mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und
Page 112
jetzt beginnt jede Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu
stören; eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo sie
selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar ernsthaft
und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig, - gewiss ist, dass
die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen" ihr wehe thut, ihr Furcht
macht. "Genügt es nicht, ihn ungefährlich machen? Wozu noch strafen?
Strafen selbst ist fürchterlich!" - mit dieser Frage zieht die Heerden-Moral,
die Moral der Furchtsamkeit ihre letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte
überhaupt die Gefahr, den Grund zum Fürchten abschaffen, so hätte man
diese Moral mit abgeschafft: sie wäre nicht mehr nöthig, sie hielte sich
selbst nicht mehr für nöthig! - Wer das Gewissen des heutigen Europäers
prüft, wird aus tausend moralischen Falten und Verstecken immer den
gleichen Imperativ herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-
Furchtsamkeit: "wir wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu
fürchten giebt!" Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst
heute in Europa überall der "Fortschritt".
202.
Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt
haben: denn die Ohren sind für solche Wahrheiten - für unsere Wahrheiten -
heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug, wie beleidigend es klingt,
wenn Einer überhaupt den Menschen ungeschminkt und ohne Gleichniss zu
den Thieren rechnet; aber es wird beinahe als Schuld uns angerechnet
werden, dass wir gerade in Bezug auf die Menschen der "modernen Ideen"
beständig die Ausdrücke "Heerde", "Heerden-Instinkte" und dergleichen
gebrauchen. Was hilft es! Wir können nicht anders: denn gerade hier liegt
stören; eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo sie
selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar ernsthaft
und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig, - gewiss ist, dass
die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen" ihr wehe thut, ihr Furcht
macht. "Genügt es nicht, ihn ungefährlich machen? Wozu noch strafen?
Strafen selbst ist fürchterlich!" - mit dieser Frage zieht die Heerden-Moral,
die Moral der Furchtsamkeit ihre letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte
überhaupt die Gefahr, den Grund zum Fürchten abschaffen, so hätte man
diese Moral mit abgeschafft: sie wäre nicht mehr nöthig, sie hielte sich
selbst nicht mehr für nöthig! - Wer das Gewissen des heutigen Europäers
prüft, wird aus tausend moralischen Falten und Verstecken immer den
gleichen Imperativ herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-
Furchtsamkeit: "wir wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu
fürchten giebt!" Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst
heute in Europa überall der "Fortschritt".
202.
Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt
haben: denn die Ohren sind für solche Wahrheiten - für unsere Wahrheiten -
heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug, wie beleidigend es klingt,
wenn Einer überhaupt den Menschen ungeschminkt und ohne Gleichniss zu
den Thieren rechnet; aber es wird beinahe als Schuld uns angerechnet
werden, dass wir gerade in Bezug auf die Menschen der "modernen Ideen"
beständig die Ausdrücke "Heerde", "Heerden-Instinkte" und dergleichen
gebrauchen. Was hilft es! Wir können nicht anders: denn gerade hier liegt
Page 113
unsre neue Einsicht. Wir fanden, dass in allen moralischen Haupturtheilen
Europa einmüthig geworden ist, die Länder noch hinzugerechnet, wo
Europa's Einfluss herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrates
nicht zu wissen meinte, und was jene alte berühmte Schlange einst zu
lehren verhiess, - man "weiss" heute, was Gut und Böse ist. Nun muss es
hart klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir immer von Neuem
darauf bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und
Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der Instinkt des
Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum Übergewicht, zur
Vorherrschaft über andere Instinkte gekommen ist und immer mehr kommt,
gemäss der wachsenden physiologischen Annäherung und Anähnlichung,
deren Symptom er ist. Moral ist heute in Europa Heerdenthier-Moral: - also
nur, wie wir die Dinge verstehn, Eine Art von menschlicher Moral, neben
der, vor der, nach der viele andere, vor Allem höhere Moralen möglich sind
oder sein sollten. Gegen eine solche "Möglichkeit", gegen ein solches
"Sollte" wehrt sich aber diese Moral mit allen Kräften: sie sagt hartnäckig
und unerbittlich "ich bin die Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!"
- ja mit Hülfe einer Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-
Begierden zu Willen war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, dass
wir selbst in den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen
immer sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische
Bewegung macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo für
die Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten
Instinktes noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen der
Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der europäischen Cultur
schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den friedlich-arbeitsamen
Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften
Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmern, welche sich Socialisten
nennen und die "freie Gesellschaft" wollen, in Wahrheit aber Eins mit ihnen
Europa einmüthig geworden ist, die Länder noch hinzugerechnet, wo
Europa's Einfluss herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrates
nicht zu wissen meinte, und was jene alte berühmte Schlange einst zu
lehren verhiess, - man "weiss" heute, was Gut und Böse ist. Nun muss es
hart klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir immer von Neuem
darauf bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und
Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der Instinkt des
Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum Übergewicht, zur
Vorherrschaft über andere Instinkte gekommen ist und immer mehr kommt,
gemäss der wachsenden physiologischen Annäherung und Anähnlichung,
deren Symptom er ist. Moral ist heute in Europa Heerdenthier-Moral: - also
nur, wie wir die Dinge verstehn, Eine Art von menschlicher Moral, neben
der, vor der, nach der viele andere, vor Allem höhere Moralen möglich sind
oder sein sollten. Gegen eine solche "Möglichkeit", gegen ein solches
"Sollte" wehrt sich aber diese Moral mit allen Kräften: sie sagt hartnäckig
und unerbittlich "ich bin die Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!"
- ja mit Hülfe einer Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-
Begierden zu Willen war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, dass
wir selbst in den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen
immer sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische
Bewegung macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo für
die Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten
Instinktes noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen der
Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der europäischen Cultur
schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den friedlich-arbeitsamen
Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften
Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmern, welche sich Socialisten
nennen und die "freie Gesellschaft" wollen, in Wahrheit aber Eins mit ihnen
Page 114
Allen in der gründlichen und instinktiven Feindseligkeit gegen jede andre
Gesellschafts-Form als die der autonomen Heerde (bis hinaus zur
Ablehnung selbst der Begriffe "Herr" und "Knecht" - ni dieu ni maître
heisst eine socialistische Formel -); Eins im zähen Widerstande gegen jeden
Sonder-Anspruch, jedes Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten
Grunde gegen jedes Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht
Niemand mehr "Rechte" -); Eins im Misstrauen gegen die strafende
Gerechtigkeit (wie als ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, ein
Unrecht an der nothwendigen Folge aller früheren Gesellschaft wäre -);
aber ebenso Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefühl, soweit nur
gefühlt, gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu "Gott": -
die Ausschweifung eines Mitleidens mit "Gott" gehört in ein
demokratisches Zeitalter -); Eins allesammt im Schrei und der Ungeduld
des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden überhaupt, in der fast
weiblichen Unfähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden lassen
zu können; Eins in der unfreiwilligen Verdüsterung und Verzärtlichung,
unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus bedroht scheint;
Eins im Glauben an die Moral des gemeinsamen Mitleidens, wie als ob sie
die Moral an sich sei, als die Höhe, die erreichte Höhe des Menschen, die
alleinige Hoffnung der Zukunft, das Trostmittel der Gegenwärtigen, die
grosse Ablösung aller Schuld von Ehedem: - Eins allesammt im Glauben an
die Gemeinschaft als die Erlöserin, an die Heerde also, an sich……
203.
Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die demokratische
Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form der politischen Organisation,
sondern als Verfalls-, nämlich Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als
seine Vermittelmässigung und Werth-Erniedrigung: wohin müssen wir mit
unsren Hoffnungen greifen? - Nach neuen Philosophen, es bleibt keine
Gesellschafts-Form als die der autonomen Heerde (bis hinaus zur
Ablehnung selbst der Begriffe "Herr" und "Knecht" - ni dieu ni maître
heisst eine socialistische Formel -); Eins im zähen Widerstande gegen jeden
Sonder-Anspruch, jedes Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten
Grunde gegen jedes Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht
Niemand mehr "Rechte" -); Eins im Misstrauen gegen die strafende
Gerechtigkeit (wie als ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, ein
Unrecht an der nothwendigen Folge aller früheren Gesellschaft wäre -);
aber ebenso Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefühl, soweit nur
gefühlt, gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu "Gott": -
die Ausschweifung eines Mitleidens mit "Gott" gehört in ein
demokratisches Zeitalter -); Eins allesammt im Schrei und der Ungeduld
des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden überhaupt, in der fast
weiblichen Unfähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden lassen
zu können; Eins in der unfreiwilligen Verdüsterung und Verzärtlichung,
unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus bedroht scheint;
Eins im Glauben an die Moral des gemeinsamen Mitleidens, wie als ob sie
die Moral an sich sei, als die Höhe, die erreichte Höhe des Menschen, die
alleinige Hoffnung der Zukunft, das Trostmittel der Gegenwärtigen, die
grosse Ablösung aller Schuld von Ehedem: - Eins allesammt im Glauben an
die Gemeinschaft als die Erlöserin, an die Heerde also, an sich……
203.
Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die demokratische
Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form der politischen Organisation,
sondern als Verfalls-, nämlich Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als
seine Vermittelmässigung und Werth-Erniedrigung: wohin müssen wir mit
unsren Hoffnungen greifen? - Nach neuen Philosophen, es bleibt keine
Page 115
Wahl; nach Geistern, stark und ursprünglich genug, um die Anstösse zu
entgegengesetzten Werthschätzungen zu geben und "ewige Werthe"
umzuwerthen, umzukehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der
Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknüpfen, der
den Willen von Jahrtausenden auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen die
Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhängig von einem
Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt-Versuche
von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen
Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher "Geschichte" hiess, ein Ende
zu machen - der Unsinn der "grössten Zahl" ist nur seine letzte Form -: dazu
wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und Befehlshabern
nöthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden an verborgenen,
furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist, blass und
verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher Führer ist es, das vor
unsern Augen schwebt: - darf ich es laut sagen, ihr freien Geister? Die
Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen, theils ausnützen
müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge deren eine Seele
zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den Zwang zu diesen
Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe, unter deren neuem
Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein Herz in Erz verwandelt
würde, dass es das Gewicht einer solchen Verantwortlichkeit ertrüge;
andererseits die Nothwendigkeit solcher Führer, die erschreckliche Gefahr,
dass sie ausbleiben oder missrathen und entarten könnten - das sind unsre
eigentlichen Sorgen und Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister?
das sind die schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den
Himmel unseres Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche
Schmerzen, als einmal gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein
ausserordentlicher Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber
das seltene Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst
entartet, wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat,
entgegengesetzten Werthschätzungen zu geben und "ewige Werthe"
umzuwerthen, umzukehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der
Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknüpfen, der
den Willen von Jahrtausenden auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen die
Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhängig von einem
Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt-Versuche
von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen
Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher "Geschichte" hiess, ein Ende
zu machen - der Unsinn der "grössten Zahl" ist nur seine letzte Form -: dazu
wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und Befehlshabern
nöthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden an verborgenen,
furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist, blass und
verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher Führer ist es, das vor
unsern Augen schwebt: - darf ich es laut sagen, ihr freien Geister? Die
Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen, theils ausnützen
müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge deren eine Seele
zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den Zwang zu diesen
Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe, unter deren neuem
Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein Herz in Erz verwandelt
würde, dass es das Gewicht einer solchen Verantwortlichkeit ertrüge;
andererseits die Nothwendigkeit solcher Führer, die erschreckliche Gefahr,
dass sie ausbleiben oder missrathen und entarten könnten - das sind unsre
eigentlichen Sorgen und Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister?
das sind die schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den
Himmel unseres Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche
Schmerzen, als einmal gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein
ausserordentlicher Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber
das seltene Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst
entartet, wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat,
Page 116
welche bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte -
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhängniss, erräth, das in der blödsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr in
der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der leidet an
einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen lässt, - er fasst es
ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer günstigen Ansammlung und
Steigerung von Kräften und Aufgaben, aus dem Menschen zu züchten wäre,
er weiss es mit allem Wissen seines Gewissens, wie der Mensch noch
unausgeschöpft für die grössten Möglichkeiten ist, und wie oft schon der
Typus Mensch an geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen
gestanden hat: - er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten
Erinnerung, an was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten
Ranges bisher gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des Menschen
zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum Menschen der
"freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen zum Zwergthiere
der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist kein Zweifel! Wer
diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat, kennt einen Ekel mehr,
als die übrigen Menschen, - und vielleicht auch eine neue Aufgabe!….
Sechstes Hauptstück:
Wir Gelehrten.
204.
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhängniss, erräth, das in der blödsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr in
der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der leidet an
einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen lässt, - er fasst es
ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer günstigen Ansammlung und
Steigerung von Kräften und Aufgaben, aus dem Menschen zu züchten wäre,
er weiss es mit allem Wissen seines Gewissens, wie der Mensch noch
unausgeschöpft für die grössten Möglichkeiten ist, und wie oft schon der
Typus Mensch an geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen
gestanden hat: - er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten
Erinnerung, an was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten
Ranges bisher gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des Menschen
zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum Menschen der
"freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen zum Zwergthiere
der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist kein Zweifel! Wer
diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat, kennt einen Ekel mehr,
als die übrigen Menschen, - und vielleicht auch eine neue Aufgabe!….
Sechstes Hauptstück:
Wir Gelehrten.
204.
Page 117
Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das herausstellt,
was es immer war - nämlich als ein unverzagtes montrer ses plaies, nach
Balzac -, möchte ich wagen, einer ungebührlichen und schädlichen
Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz unvermerkt
und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft und Philosophie
herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner Erfahrung aus -
Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme Erfahrung? - ein
Recht haben, über eine solche höhere Frage des Rangs mitzureden: um
nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen und Künstler gegen
die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme Wissenschaft! seufzt deren
Instinkt und Scham, sie kommt immer dahinter!" -). Die Unabhängigkeits-
Erklärung des wissenschaftlichen Menschen, seine Emancipation von der
Philosophie, ist eine der feineren Nachwirkungen des demokratischen
Wesens und Unwesens: die Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des
Gelehrten steht heute überall in voller Blüthe und in ihrem besten
Frühlinge, - womit noch nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle
Eigenlob lieblich röche. "Los von allen Herren!" - so will es auch hier der
pöbelmännische Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit
glücklichstem Erfolge der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu
lange war, ist sie nun in vollem Übermuthe und Unverstande darauf hin aus,
der Philosophie Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was
sage ich! den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss - das Gedächtniss
eines wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetäten
des Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über
Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der fleissige
Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen Üppigkeit im
was es immer war - nämlich als ein unverzagtes montrer ses plaies, nach
Balzac -, möchte ich wagen, einer ungebührlichen und schädlichen
Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz unvermerkt
und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft und Philosophie
herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner Erfahrung aus -
Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme Erfahrung? - ein
Recht haben, über eine solche höhere Frage des Rangs mitzureden: um
nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen und Künstler gegen
die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme Wissenschaft! seufzt deren
Instinkt und Scham, sie kommt immer dahinter!" -). Die Unabhängigkeits-
Erklärung des wissenschaftlichen Menschen, seine Emancipation von der
Philosophie, ist eine der feineren Nachwirkungen des demokratischen
Wesens und Unwesens: die Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des
Gelehrten steht heute überall in voller Blüthe und in ihrem besten
Frühlinge, - womit noch nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle
Eigenlob lieblich röche. "Los von allen Herren!" - so will es auch hier der
pöbelmännische Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit
glücklichstem Erfolge der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu
lange war, ist sie nun in vollem Übermuthe und Unverstande darauf hin aus,
der Philosophie Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was
sage ich! den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss - das Gedächtniss
eines wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetäten
des Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über
Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der fleissige
Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen Üppigkeit im
Page 118
Seelen-Haushalte des Philosophen bekommen hatte und sich dabei
beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene Farben-Blindheit des
Nützlichkeits-Menschen, der in der Philosophie Nichts sieht, als eine Reihe
widerlegter Systeme und einen verschwenderischen Aufwand, der
Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang die Furcht vor verkappter
Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens hervor; bald die Missachtung
einzelner Philosophen, welche sich unwillkürlich zur Missachtung der
Philosophie verallgemeinert hatte. Am häufigsten endlich fand ich bei
jungen Gelehrten hinter der hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie
die schlimme Nachwirkung eines Philosophen selbst, dem man zwar im
Ganzen den Gehorsam gekündigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner
wegwerfenden Werthschätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu
sein: - mit dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle
Philosophie. (Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung
Schopenhauer's auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte Generation
von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität arm,
unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet, mag es vor
Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit der
neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pöbelmännischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis zu
welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite, Plato's,
Empedokles', und wie alle diese königlichen und prachtvollen Einsiedler
des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem Rechte Angesichts
solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank der Mode ebenso oben-
auf als unten-durch sind - in Deutschland zum Beispiel die beiden Löwen
beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene Farben-Blindheit des
Nützlichkeits-Menschen, der in der Philosophie Nichts sieht, als eine Reihe
widerlegter Systeme und einen verschwenderischen Aufwand, der
Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang die Furcht vor verkappter
Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens hervor; bald die Missachtung
einzelner Philosophen, welche sich unwillkürlich zur Missachtung der
Philosophie verallgemeinert hatte. Am häufigsten endlich fand ich bei
jungen Gelehrten hinter der hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie
die schlimme Nachwirkung eines Philosophen selbst, dem man zwar im
Ganzen den Gehorsam gekündigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner
wegwerfenden Werthschätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu
sein: - mit dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle
Philosophie. (Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung
Schopenhauer's auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte Generation
von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität arm,
unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet, mag es vor
Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit der
neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pöbelmännischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis zu
welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite, Plato's,
Empedokles', und wie alle diese königlichen und prachtvollen Einsiedler
des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem Rechte Angesichts
solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank der Mode ebenso oben-
auf als unten-durch sind - in Deutschland zum Beispiel die beiden Löwen
Page 119
von Berlin, der Anarchist Eugen Dühring und der Amalgamist Eduard von
Hartmann - ein braver Mensch der Wissenschaft sich besserer Art und
Abkunft fühlen darf. Es ist in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-
Philosophen, die sich "Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten"
nennen, welcher ein gefährliches Misstrauen in die Seele eines jungen,
ehrgeizigen Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls
selbst Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! - das sind ja
allesammt überwundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben -
und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und That
repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die Wissenschaft
blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im Gesichte, während Das,
wozu die ganze neuere Philosophie allmählich gesunken ist, dieser Rest
Philosophie von heute, Misstrauen und Missmuth, wenn nicht Spott und
Mitleiden gegen sich rege macht. Philosophie auf "Erkenntnisstheorie"
reduzirt, thatsächlich nicht mehr als eine schüchterne Epochistik und
Enthaltsamkeitslehre: eine Philosophie, die gar nicht über die Schwelle
hinweg kommt und sich peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist
Philosophie in den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das
Mitleiden macht. Wie könnte eine solche Philosophie - herrschen!
205.
Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob diese Frucht überhaupt
noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der Wissenschaften
ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass
der Philosoph schon als Lernender müde wird oder sich irgendwo festhalten
Hartmann - ein braver Mensch der Wissenschaft sich besserer Art und
Abkunft fühlen darf. Es ist in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-
Philosophen, die sich "Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten"
nennen, welcher ein gefährliches Misstrauen in die Seele eines jungen,
ehrgeizigen Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls
selbst Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! - das sind ja
allesammt überwundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben -
und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und That
repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die Wissenschaft
blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im Gesichte, während Das,
wozu die ganze neuere Philosophie allmählich gesunken ist, dieser Rest
Philosophie von heute, Misstrauen und Missmuth, wenn nicht Spott und
Mitleiden gegen sich rege macht. Philosophie auf "Erkenntnisstheorie"
reduzirt, thatsächlich nicht mehr als eine schüchterne Epochistik und
Enthaltsamkeitslehre: eine Philosophie, die gar nicht über die Schwelle
hinweg kommt und sich peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist
Philosophie in den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das
Mitleiden macht. Wie könnte eine solche Philosophie - herrschen!
205.
Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob diese Frucht überhaupt
noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der Wissenschaften
ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass
der Philosoph schon als Lernender müde wird oder sich irgendwo festhalten
Page 120
und "spezialisiren" lässt: so dass er gar nicht mehr auf seine Höhe, nämlich
zum Überblick, Umblick, Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spät
hinauf, dann, wenn seine beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder
beschädigt, vergröbert, entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-
Werthurtheil wenig mehr bedeutet. Gerade die Feinheit seines
intellektuellen Gewissens lässt ihn vielleicht unterwegs zögern und sich
verzögern; er fürchtet die Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss
und Tausend-Fühlhorn, er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die
Ehrfurcht verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht
mehr führt: er müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen,
zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger der Geister, kurz zum
Verführer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es selbst nicht
eine Frage des Gewissens wäre. Es kommt hinzu, um die Schwierigkeit des
Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von sich ein Urtheil, ein ja
oder Nein, nicht über die Wissenschaften, sondern über das Leben und den
Werth des Lebens verlangt, - dass er ungern daran glauben lernt, ein Recht
oder gar eine Pflicht zu diesem Urtheile zu haben, und sich nur aus den
umfänglichsten - vielleicht störendsten, zerstörendsten - Erlebnissen heraus
und oft zögernd, zweifelnd, verstummend seinen Weg zu jenem Rechte und
jenem Glauben suchen muss. In der That, die Menge hat den Philosophen
lange Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös-gehobenen
entsinnlichten "entweltlichten" Schwärmer und Trunkenbold Gottes; und
hört man gar heute jemanden loben, dafür, dass er "weise" lebe oder "als ein
Philosoph", so bedeutet es beinahe nicht mehr, als "klug und abseits".
Weisheit: das scheint dem Pöbel eine Art Flucht zu sein, ein Mittel und
Kunststück, sich gut aus einem schlimmen Spiele herauszuziehn; aber der
rechte Philosoph - so scheint es uns, meine Freunde? - lebt
"unphilosophisch" und "unweise", vor Allem unklug, und fühlt die Last und
zum Überblick, Umblick, Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spät
hinauf, dann, wenn seine beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder
beschädigt, vergröbert, entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-
Werthurtheil wenig mehr bedeutet. Gerade die Feinheit seines
intellektuellen Gewissens lässt ihn vielleicht unterwegs zögern und sich
verzögern; er fürchtet die Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss
und Tausend-Fühlhorn, er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die
Ehrfurcht verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht
mehr führt: er müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen,
zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger der Geister, kurz zum
Verführer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es selbst nicht
eine Frage des Gewissens wäre. Es kommt hinzu, um die Schwierigkeit des
Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von sich ein Urtheil, ein ja
oder Nein, nicht über die Wissenschaften, sondern über das Leben und den
Werth des Lebens verlangt, - dass er ungern daran glauben lernt, ein Recht
oder gar eine Pflicht zu diesem Urtheile zu haben, und sich nur aus den
umfänglichsten - vielleicht störendsten, zerstörendsten - Erlebnissen heraus
und oft zögernd, zweifelnd, verstummend seinen Weg zu jenem Rechte und
jenem Glauben suchen muss. In der That, die Menge hat den Philosophen
lange Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös-gehobenen
entsinnlichten "entweltlichten" Schwärmer und Trunkenbold Gottes; und
hört man gar heute jemanden loben, dafür, dass er "weise" lebe oder "als ein
Philosoph", so bedeutet es beinahe nicht mehr, als "klug und abseits".
Weisheit: das scheint dem Pöbel eine Art Flucht zu sein, ein Mittel und
Kunststück, sich gut aus einem schlimmen Spiele herauszuziehn; aber der
rechte Philosoph - so scheint es uns, meine Freunde? - lebt
"unphilosophisch" und "unweise", vor Allem unklug, und fühlt die Last und
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Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen des Lebens: - er risquirt
sich beständig, er spielt das schlimme Spiel…..
206.
Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches
entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem höchsten Umfange
genommen -, hat der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch
immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht sich gleich dieser nicht
auf die zwei werthvollsten Verrichtungen des Menschen. In der That, man
gesteht ihnen Beiden, den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur
Entschädigung die Achtbarkeit zu - man unterstreicht in diesen Fällen die
Achtbarkeit - und hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den
gleichen Beisatz von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der
wissenschaftliche Mensch? Zunächst eine unvornehme Art Mensch, mit den
Tugenden einer unvornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht
autoritativen und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat
Arbeitsamkeit, geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmässigkeit
und Maass im Können und Bedürfen, er hat den Instinkt für Seines gleichen
und für Das, was Seinesgleichen nöthig hat, zum Beispiel jenes Stück
Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches es keine Ruhe der Arbeit
giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und zuoberst
Erkennung, Erkennbarkeit voraussetzt -), jenen Sonnenschein des guten
Namens, jene beständige Besiegelung seines Werthes und seiner
Nützlichkeit, mit der das innerliche Misstrauen, der Grund im Herzen aller
abhängigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder überwunden
werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die Krankheiten und
Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein
Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen er nicht
hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer, der sich gehen, aber nicht
sich beständig, er spielt das schlimme Spiel…..
206.
Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches
entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem höchsten Umfange
genommen -, hat der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch
immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht sich gleich dieser nicht
auf die zwei werthvollsten Verrichtungen des Menschen. In der That, man
gesteht ihnen Beiden, den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur
Entschädigung die Achtbarkeit zu - man unterstreicht in diesen Fällen die
Achtbarkeit - und hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den
gleichen Beisatz von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der
wissenschaftliche Mensch? Zunächst eine unvornehme Art Mensch, mit den
Tugenden einer unvornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht
autoritativen und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat
Arbeitsamkeit, geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmässigkeit
und Maass im Können und Bedürfen, er hat den Instinkt für Seines gleichen
und für Das, was Seinesgleichen nöthig hat, zum Beispiel jenes Stück
Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches es keine Ruhe der Arbeit
giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und zuoberst
Erkennung, Erkennbarkeit voraussetzt -), jenen Sonnenschein des guten
Namens, jene beständige Besiegelung seines Werthes und seiner
Nützlichkeit, mit der das innerliche Misstrauen, der Grund im Herzen aller
abhängigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder überwunden
werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die Krankheiten und
Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein
Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen er nicht
hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer, der sich gehen, aber nicht
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strömen lässt; und gerade vor dem Menschen des grossen Stroms steht er
um so kälter und verschlossener da, - sein Auge ist dann wie ein glatter
widerwilliger See, in dem sich kein Entzücken, kein Mitgefühl mehr
kräuselt. Das Schlimmste und Gefährlichste, dessen ein Gelehrter fähig ist,
kommt ihm vom Instinkte der Mittelmässigkeit seiner Art: von jenem
Jesuitismus der Mittelmässigkeit, welcher an der Vernichtung des
ungewöhnlichen Menschen instinktiv arbeitet und jeden gespannten Bogen
zu brechen oder - noch lieber! - abzuspannen sucht. Abspannen nämlich,
mit Rücksicht, mit schonender Hand natürlich -, mit zutraulichem Mitleiden
abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuitismus, der es immer
verstanden hat, sich als Religion des Mitleidens einzuführen. -
207.
Wie dankbar man auch immer dem objektiven Geiste entgegenkommen
mag - und wer wäre nicht schon einmal alles Subjektiven und seiner
verfluchten Ipsissimosität bis zum Sterben satt gewesen! - zuletzt muss man
aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht lernen und der Übertreibung
Einhalt thun, mit der die Entselbstung und Entpersönlichung des Geistes
gleichsam als Ziel an sich, als Erlösung und Verklärung neuerdings gefeiert
wird: wie es namentlich innerhalb der Pessimisten-Schule zu geschehn
pflegt, die auch gute Gründe hat, dem "interesselosen Erkennen" ihrerseits
die höchsten Ehren zu geben. Der objektive Mensch, der nicht mehr flucht
und schimpft, gleich dem Pessimisten, der ideale Gelehrte, in dem der
wissenschaftliche Instinkt nach tausendfachem Ganz- und Halb-Missrathen
einmal zum Auf- und Ausblühen kommt, ist sicherlich eins der kostbarsten
Werkzeuge, die es giebt: aber er gehört in die Hand eines Mächtigeren. Er
ist nur ein Werkzeug, sagen wir: er ist ein Spiegel, - er ist kein
"Selbstzweck". Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor
Allem, was erkannt werden will, zur Unterwerfung gewohnt, ohne eine
um so kälter und verschlossener da, - sein Auge ist dann wie ein glatter
widerwilliger See, in dem sich kein Entzücken, kein Mitgefühl mehr
kräuselt. Das Schlimmste und Gefährlichste, dessen ein Gelehrter fähig ist,
kommt ihm vom Instinkte der Mittelmässigkeit seiner Art: von jenem
Jesuitismus der Mittelmässigkeit, welcher an der Vernichtung des
ungewöhnlichen Menschen instinktiv arbeitet und jeden gespannten Bogen
zu brechen oder - noch lieber! - abzuspannen sucht. Abspannen nämlich,
mit Rücksicht, mit schonender Hand natürlich -, mit zutraulichem Mitleiden
abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuitismus, der es immer
verstanden hat, sich als Religion des Mitleidens einzuführen. -
207.
Wie dankbar man auch immer dem objektiven Geiste entgegenkommen
mag - und wer wäre nicht schon einmal alles Subjektiven und seiner
verfluchten Ipsissimosität bis zum Sterben satt gewesen! - zuletzt muss man
aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht lernen und der Übertreibung
Einhalt thun, mit der die Entselbstung und Entpersönlichung des Geistes
gleichsam als Ziel an sich, als Erlösung und Verklärung neuerdings gefeiert
wird: wie es namentlich innerhalb der Pessimisten-Schule zu geschehn
pflegt, die auch gute Gründe hat, dem "interesselosen Erkennen" ihrerseits
die höchsten Ehren zu geben. Der objektive Mensch, der nicht mehr flucht
und schimpft, gleich dem Pessimisten, der ideale Gelehrte, in dem der
wissenschaftliche Instinkt nach tausendfachem Ganz- und Halb-Missrathen
einmal zum Auf- und Ausblühen kommt, ist sicherlich eins der kostbarsten
Werkzeuge, die es giebt: aber er gehört in die Hand eines Mächtigeren. Er
ist nur ein Werkzeug, sagen wir: er ist ein Spiegel, - er ist kein
"Selbstzweck". Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor
Allem, was erkannt werden will, zur Unterwerfung gewohnt, ohne eine
Page 123
andre Lust, als wie sie das Erkennen, das "Abspiegeln" giebt, - er wartet,
bis Etwas kommt, und breitet sich dann zart hin, dass auch leichte
Fusstapfen und das Vorüberschlüpfen geisterhafter Wesen nicht auf seiner
Fläche und Haut verloren gehen. Was von "Person" an ihm noch übrig ist,
dünkt ihm zufällig, oft willkürlich, noch öfter störend: so sehr ist er sich
selbst zum Durchgang und Wiederschein fremder Gestalten und Ereignisse
geworden. Er besinnt sich auf "Sich" zurück, mit Anstrengung, nicht selten
falsch; er verwechselt sich leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eignen
Nothdürfte und ist hier allein unfein und nachlässig. Vielleicht quält ihn die
Gesundheit oder die Kleinlichkeit und Stubenluft von Weib und Freund,
oder der Mangel an Gesellen und Gesellschaft, - ja, er zwingt sich, über
seine Qual nachzudenken: umsonst! Schon schweift sein Gedanke weg,
zum allgemeineren Falle, und morgen weiss er so wenig als er es gestern
wusste, wie ihm zu helfen ist. Er hat den Ernst für sich verloren, auch die
Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern aus Mangel an
Fingern und Handhaben für seine Noth. Das gewohnte Entgegenkommen
gegen jedes Ding und Erlebniss, die sonnige und unbefangene
Gastfreundschaft, mit der er Alles annimmt, was auf ihn stösst, seine Art
von rücksichtslosem Wohlwollen, von gefährlicher Unbekümmertheit um Ja
und Nein: ach, es giebt genug Fälle, wo er diese seine Tugenden büssen
muss! - und als Mensch überhaupt wird er gar zu leicht das caput mortuum
dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von ihm, ich meine Liebe und
Hass, wie Gott, Weib und Thier sie verstehn -: er wird thun, was er kann,
und geben, was er kann. Aber man soll sich nicht wundern, wenn es nicht
viel ist, - wenn er da gerade sich unächt, zerbrechlich, fragwürdig und
morsch zeigt. Seine Liebe ist gewollt, sein Hass künstlich und mehr un tour
de force, eine kleine Eitelkeit und Übertreibung. Er ist eben nur ächt, so
weit er objektiv sein darf: allein in seinem heitern Totalismus ist er noch
"Natur" und "natürlich". Seine spiegelnde und ewig sich glättende Seele
weiss nicht mehr zu bejahen, nicht mehr zu verneinen; er befiehlt nicht; er
bis Etwas kommt, und breitet sich dann zart hin, dass auch leichte
Fusstapfen und das Vorüberschlüpfen geisterhafter Wesen nicht auf seiner
Fläche und Haut verloren gehen. Was von "Person" an ihm noch übrig ist,
dünkt ihm zufällig, oft willkürlich, noch öfter störend: so sehr ist er sich
selbst zum Durchgang und Wiederschein fremder Gestalten und Ereignisse
geworden. Er besinnt sich auf "Sich" zurück, mit Anstrengung, nicht selten
falsch; er verwechselt sich leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eignen
Nothdürfte und ist hier allein unfein und nachlässig. Vielleicht quält ihn die
Gesundheit oder die Kleinlichkeit und Stubenluft von Weib und Freund,
oder der Mangel an Gesellen und Gesellschaft, - ja, er zwingt sich, über
seine Qual nachzudenken: umsonst! Schon schweift sein Gedanke weg,
zum allgemeineren Falle, und morgen weiss er so wenig als er es gestern
wusste, wie ihm zu helfen ist. Er hat den Ernst für sich verloren, auch die
Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern aus Mangel an
Fingern und Handhaben für seine Noth. Das gewohnte Entgegenkommen
gegen jedes Ding und Erlebniss, die sonnige und unbefangene
Gastfreundschaft, mit der er Alles annimmt, was auf ihn stösst, seine Art
von rücksichtslosem Wohlwollen, von gefährlicher Unbekümmertheit um Ja
und Nein: ach, es giebt genug Fälle, wo er diese seine Tugenden büssen
muss! - und als Mensch überhaupt wird er gar zu leicht das caput mortuum
dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von ihm, ich meine Liebe und
Hass, wie Gott, Weib und Thier sie verstehn -: er wird thun, was er kann,
und geben, was er kann. Aber man soll sich nicht wundern, wenn es nicht
viel ist, - wenn er da gerade sich unächt, zerbrechlich, fragwürdig und
morsch zeigt. Seine Liebe ist gewollt, sein Hass künstlich und mehr un tour
de force, eine kleine Eitelkeit und Übertreibung. Er ist eben nur ächt, so
weit er objektiv sein darf: allein in seinem heitern Totalismus ist er noch
"Natur" und "natürlich". Seine spiegelnde und ewig sich glättende Seele
weiss nicht mehr zu bejahen, nicht mehr zu verneinen; er befiehlt nicht; er
Page 124
zerstört auch nicht. "Je ne méprise presque rien" - sagt er mit Leibnitz: man
überhöre und unterschätze das presque nicht! Er ist auch kein
Mustermensch; er geht Niemandem voran, noch nach; er stellt sich
überhaupt zu ferne, als dass er Grund hätte, zwischen Gut und Böse Partei
zu ergreifen. Wenn man ihn so lange mit dem Philosophen verwechselt hat,
mit dem cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur: so hat man
ihm viel zu hohe Ehren gegeben und das Wesentlichste an ihm übersehen, -
er ist ein Werkzeug, ein Stück Sklave, wenn gewiss auch die sublimste Art
des Sklaven, an sich aber Nichts, - presque rien! Der objektive Mensch ist
ein Werkzeug, ein kostbares, leicht verletzliches und getrübtes Mess-
Werkzeug und Spiegel-Kunstwerk, das man schonen und ehren soll; aber er
ist kein Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein complementärer Mensch, in
dem das übrige Dasein sich rechtfertigt, kein Schluss - und noch weniger
ein Anfang, eine Zeugung und erste Ursache, nichts Derbes, Mächtiges,
Auf-sich-Gestelltes, das Herr sein will: vielmehr nur ein zarter
ausgeblasener feiner beweglicher Formen-Topf, der auf irgend einen Inhalt
und Gehalt erst warten muss, um sich nach ihm "zu gestalten", - für
gewöhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhalt, ein "selbstloser" Mensch.
Folglich auch Nichts für Weiber, in parenthesi. -
208.
Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker, - ich
hoffe, man hat Das aus der eben gegebenen Abschilderung des objektiven
Geistes herausgehört? - so hört alle Welt das ungern; man sieht ihn darauf
an, mit einiger Scheu, man möchte so Vieles fragen, fragen… ja, unter
furchtsamen Horchern, wie es deren jetzt in Menge giebt, heisst er von da
an gefährlich. Es ist ihnen, als ob sie, bei seiner Ablehnung der Skepsis, von
Ferne her irgend ein böses bedrohliches Geräusch hörten, als ob irgendwo
ein neuer Sprengstoff versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht
überhöre und unterschätze das presque nicht! Er ist auch kein
Mustermensch; er geht Niemandem voran, noch nach; er stellt sich
überhaupt zu ferne, als dass er Grund hätte, zwischen Gut und Böse Partei
zu ergreifen. Wenn man ihn so lange mit dem Philosophen verwechselt hat,
mit dem cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur: so hat man
ihm viel zu hohe Ehren gegeben und das Wesentlichste an ihm übersehen, -
er ist ein Werkzeug, ein Stück Sklave, wenn gewiss auch die sublimste Art
des Sklaven, an sich aber Nichts, - presque rien! Der objektive Mensch ist
ein Werkzeug, ein kostbares, leicht verletzliches und getrübtes Mess-
Werkzeug und Spiegel-Kunstwerk, das man schonen und ehren soll; aber er
ist kein Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein complementärer Mensch, in
dem das übrige Dasein sich rechtfertigt, kein Schluss - und noch weniger
ein Anfang, eine Zeugung und erste Ursache, nichts Derbes, Mächtiges,
Auf-sich-Gestelltes, das Herr sein will: vielmehr nur ein zarter
ausgeblasener feiner beweglicher Formen-Topf, der auf irgend einen Inhalt
und Gehalt erst warten muss, um sich nach ihm "zu gestalten", - für
gewöhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhalt, ein "selbstloser" Mensch.
Folglich auch Nichts für Weiber, in parenthesi. -
208.
Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker, - ich
hoffe, man hat Das aus der eben gegebenen Abschilderung des objektiven
Geistes herausgehört? - so hört alle Welt das ungern; man sieht ihn darauf
an, mit einiger Scheu, man möchte so Vieles fragen, fragen… ja, unter
furchtsamen Horchern, wie es deren jetzt in Menge giebt, heisst er von da
an gefährlich. Es ist ihnen, als ob sie, bei seiner Ablehnung der Skepsis, von
Ferne her irgend ein böses bedrohliches Geräusch hörten, als ob irgendwo
ein neuer Sprengstoff versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht
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ein neuentdecktes Russisches Nihilin, ein Pessimismus bonae voluntatis,
der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern - schrecklich zu denken! Nein
thut. Gegen diese Art von "gutem Willen" - einem Willen zur wirklichen
thätlichen Verneinung des Lebens - giebt es anerkanntermaassen heute kein
besseres Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Skepsis, den sanften holden
einlullenden Mohn Skepsis; und Hamlet selbst wird heute von den Ärzten
der Zeit gegen den "Geist" und sein Rumoren unter dem Boden verordnet.
"Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen Geräuschen?
sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe als eine Art von
Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist fürchterlich! Stille endlich,
ihr pessimistischen Maulwürfe!" Der Skeptiker nämlich, dieses zärtliche
Geschöpf, erschrickt allzuleicht; sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei
jedem Nein, ja schon bei einem entschlossenen harten Ja zu zucken und
etwas wie einen Biss zu spüren. Ja! und Nein! - das geht ihm wider die
Moral; umgekehrt liebt er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein
Fest zu machen, etwa indem er mit Montaigne spricht: "was weiss ich?"
Oder mit Sokrates: "ich weiss, dass ich Nichts weiss". Oder: "hier traue ich
mir nicht, hier steht mir keine Thür offen." Oder: "gesetzt, sie stünde offen,
wozu gleich eintreten!" Oder: "wozu nützen alle vorschnellen Hypothesen?
Gar keine Hypothesen machen könnte leicht zum guten Geschmack
gehören. Müsst ihr denn durchaus etwas Krummes gleich gerade biegen?
Durchaus jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat das nicht
Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufelskerle, könnt ihr denn gar nicht
warten? Auch das Ungewisse hat seine Reize, auch die Sphinx ist eine
Circe, auch die Circe war eine Philosophin." - Also tröstet sich ein
Skeptiker; und es ist wahr, dass er einigen Trost nöthig hat. Skepsis nämlich
ist der geistigste Ausdruck einer gewissen vielfachen physiologischen
Beschaffenheit, welche man in gemeiner Sprache Nervenschwäche und
Kränklichkeit nennt; sie entsteht jedes Mal, wenn sich in entscheidender
und plötzlicher Weise lang von einander abgetrennte Rassen oder Stände
der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern - schrecklich zu denken! Nein
thut. Gegen diese Art von "gutem Willen" - einem Willen zur wirklichen
thätlichen Verneinung des Lebens - giebt es anerkanntermaassen heute kein
besseres Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Skepsis, den sanften holden
einlullenden Mohn Skepsis; und Hamlet selbst wird heute von den Ärzten
der Zeit gegen den "Geist" und sein Rumoren unter dem Boden verordnet.
"Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen Geräuschen?
sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe als eine Art von
Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist fürchterlich! Stille endlich,
ihr pessimistischen Maulwürfe!" Der Skeptiker nämlich, dieses zärtliche
Geschöpf, erschrickt allzuleicht; sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei
jedem Nein, ja schon bei einem entschlossenen harten Ja zu zucken und
etwas wie einen Biss zu spüren. Ja! und Nein! - das geht ihm wider die
Moral; umgekehrt liebt er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein
Fest zu machen, etwa indem er mit Montaigne spricht: "was weiss ich?"
Oder mit Sokrates: "ich weiss, dass ich Nichts weiss". Oder: "hier traue ich
mir nicht, hier steht mir keine Thür offen." Oder: "gesetzt, sie stünde offen,
wozu gleich eintreten!" Oder: "wozu nützen alle vorschnellen Hypothesen?
Gar keine Hypothesen machen könnte leicht zum guten Geschmack
gehören. Müsst ihr denn durchaus etwas Krummes gleich gerade biegen?
Durchaus jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat das nicht
Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufelskerle, könnt ihr denn gar nicht
warten? Auch das Ungewisse hat seine Reize, auch die Sphinx ist eine
Circe, auch die Circe war eine Philosophin." - Also tröstet sich ein
Skeptiker; und es ist wahr, dass er einigen Trost nöthig hat. Skepsis nämlich
ist der geistigste Ausdruck einer gewissen vielfachen physiologischen
Beschaffenheit, welche man in gemeiner Sprache Nervenschwäche und
Kränklichkeit nennt; sie entsteht jedes Mal, wenn sich in entscheidender
und plötzlicher Weise lang von einander abgetrennte Rassen oder Stände
Page 126
kreuzen. In dem neuen Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse
und Werthe in's Blut vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel,
Versuch; die besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen
einander nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt
Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in
solchen Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille:
sie kennen das Unabhängige im Entschlusse, das tapfere Lustgefühl im
Wollen gar nicht mehr, - sie zweifeln an der "Freiheit des Willens" auch
noch in ihren Träumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz eines
unsinnig plötzlichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen und Tiefen, bald mit
jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig und lüstern von einem Ast
zum andern springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen überladene
Wolke, - und seines Willens oft bis zum Sterben satt! Willenslähmung: wo
findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen! Und oft noch wie geputzt!
Wie verführerisch herausgeputzt! Es giebt die schönsten Prunk- und
Lügenkleider für diese Krankheit; und dass zum Beispiel das Meiste von
dem, was sich heute als "Objektivität", "Wissenschaftlichkeit", "l'art pour
l'art", "reines willensfreies Erkennen" in die Schauläden stellt, nur
aufgeputzte Skepsis und Willenslähmung ist, - für diese Diagnose der
europäischen Krankheit will ich einstehn. - Die Krankheit des Willens ist
ungleichmässig über Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grössten und
vielfältigsten, wo die Cultur schon am längsten heimisch ist, sie
verschwindet im dem Maasse, als "der Barbar" noch - oder wieder - unter
dem schlotterichten Gewande von westländischer Bildung sein Recht
geltend macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso
leicht erschliessen als mit Händen greifen kann, der Wille am schlimmsten
erkrankt; und Frankreich, welches immer eine meisterhafte
Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhängnisvollen Wendungen seines
Geistes in's Reizende und Verführerische umzukehren, zeigt heute recht
und Werthe in's Blut vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel,
Versuch; die besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen
einander nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt
Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in
solchen Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille:
sie kennen das Unabhängige im Entschlusse, das tapfere Lustgefühl im
Wollen gar nicht mehr, - sie zweifeln an der "Freiheit des Willens" auch
noch in ihren Träumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz eines
unsinnig plötzlichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen und Tiefen, bald mit
jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig und lüstern von einem Ast
zum andern springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen überladene
Wolke, - und seines Willens oft bis zum Sterben satt! Willenslähmung: wo
findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen! Und oft noch wie geputzt!
Wie verführerisch herausgeputzt! Es giebt die schönsten Prunk- und
Lügenkleider für diese Krankheit; und dass zum Beispiel das Meiste von
dem, was sich heute als "Objektivität", "Wissenschaftlichkeit", "l'art pour
l'art", "reines willensfreies Erkennen" in die Schauläden stellt, nur
aufgeputzte Skepsis und Willenslähmung ist, - für diese Diagnose der
europäischen Krankheit will ich einstehn. - Die Krankheit des Willens ist
ungleichmässig über Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grössten und
vielfältigsten, wo die Cultur schon am längsten heimisch ist, sie
verschwindet im dem Maasse, als "der Barbar" noch - oder wieder - unter
dem schlotterichten Gewande von westländischer Bildung sein Recht
geltend macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso
leicht erschliessen als mit Händen greifen kann, der Wille am schlimmsten
erkrankt; und Frankreich, welches immer eine meisterhafte
Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhängnisvollen Wendungen seines
Geistes in's Reizende und Verführerische umzukehren, zeigt heute recht
Page 127
eigentlich als Schule und Schaustellung aller Zauber der Skepsis sein
Cultur-Übergewicht über Europa. Die Kraft zu wollen, und zwar einen
Willen lang zu wollen, ist etwas stärker schon in Deutschland, und im
deutschen Norden wiederum stärker als in der deutschen Mitte; erheblich
stärker in England, Spanien und Corsika, dort an das Phlegma, hier an harte
Schädel gebunden, - um nicht von Italien zu reden, welches zu jung ist, als
dass es schon wüsste, was es wollte, und das erst beweisen muss, ob es
wollen kann -, aber am allerstärksten und erstaunlichsten in jenem
ungeheuren Zwischenreiche, wo Europa gleichsam nach Asien
zurückfliesst, in Russland. Da ist die Kraft zu wollen seit langem
zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet der Wille - ungewiss, ob als
Wille der Verneinung oder der Bejahung - in bedrohlicher Weise darauf,
ausgelöst zu werden, um den Physikern von heute ihr Leibwort abzuborgen.
Es dürften nicht nur indische Kriege und Verwicklungen in Asien dazu
nöthig sein, damit Europa von seiner grössten Gefahr entlastet werde,
sondern innere Umstürze, die Zersprengung des Reichs in kleine Körper
und vor Allem die Einführung des parlamentarischen Blödsinns,
hinzugerechnet die Verpflichtung für Jedermann, zum Frühstück seine
Zeitung zu lesen. Ich sage dies nicht als Wünschender: mir würde das
Entgegengesetzte eher nach dem Herzen sein, - ich meine eine solche
Zunahme der Bedrohlichkeit Russlands, dass Europa sich entschliessen
müsste, gleichermaassen bedrohlich zu werden, nämlich Einen Willen zu
bekommen, durch das Mittel einer neuen über Europa herrschenden Kaste,
einen langen furchtbaren eigenen Willen, der sich über Jahrtausende hin
Ziele setzen könnte: - damit endlich die langgesponnene Komödie seiner
Kleinstaaterei und ebenso seine dynastische wie demokratische Vielwollerei
zu einem Abschluss käme. Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon das
nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, - den Zwang
zur grossen Politik.
Cultur-Übergewicht über Europa. Die Kraft zu wollen, und zwar einen
Willen lang zu wollen, ist etwas stärker schon in Deutschland, und im
deutschen Norden wiederum stärker als in der deutschen Mitte; erheblich
stärker in England, Spanien und Corsika, dort an das Phlegma, hier an harte
Schädel gebunden, - um nicht von Italien zu reden, welches zu jung ist, als
dass es schon wüsste, was es wollte, und das erst beweisen muss, ob es
wollen kann -, aber am allerstärksten und erstaunlichsten in jenem
ungeheuren Zwischenreiche, wo Europa gleichsam nach Asien
zurückfliesst, in Russland. Da ist die Kraft zu wollen seit langem
zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet der Wille - ungewiss, ob als
Wille der Verneinung oder der Bejahung - in bedrohlicher Weise darauf,
ausgelöst zu werden, um den Physikern von heute ihr Leibwort abzuborgen.
Es dürften nicht nur indische Kriege und Verwicklungen in Asien dazu
nöthig sein, damit Europa von seiner grössten Gefahr entlastet werde,
sondern innere Umstürze, die Zersprengung des Reichs in kleine Körper
und vor Allem die Einführung des parlamentarischen Blödsinns,
hinzugerechnet die Verpflichtung für Jedermann, zum Frühstück seine
Zeitung zu lesen. Ich sage dies nicht als Wünschender: mir würde das
Entgegengesetzte eher nach dem Herzen sein, - ich meine eine solche
Zunahme der Bedrohlichkeit Russlands, dass Europa sich entschliessen
müsste, gleichermaassen bedrohlich zu werden, nämlich Einen Willen zu
bekommen, durch das Mittel einer neuen über Europa herrschenden Kaste,
einen langen furchtbaren eigenen Willen, der sich über Jahrtausende hin
Ziele setzen könnte: - damit endlich die langgesponnene Komödie seiner
Kleinstaaterei und ebenso seine dynastische wie demokratische Vielwollerei
zu einem Abschluss käme. Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon das
nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, - den Zwang
zur grossen Politik.
Page 128
209.
Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europäer
ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer anderen
und stärkeren Art von Skepsis günstig sein mag, darüber möchte ich mich
vorläufig nur durch ein Gleichniss ausdrücken, welches die Freunde der
deutschen Geschichte schon verstehen werden. Jener unbedenkliche
Enthusiast für schöne grossgewachsene Grenadiere, welcher, als König von
Preussen, einem militärischen und skeptischen Genie - und damit im
Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich heraufgekommenen Typus des
Deutschen - das Dasein gab, der fragwürdige tolle Vater Friedrichs des
Grossen, hatte in Einem Punkte selbst den Griff und die Glücks-Kralle des
Genies: er wusste, woran es damals in Deutschland fehlte, und welcher
Mangel hundert Mal ängstlicher und dringender war, als etwa der Mangel
an Bildung und gesellschaftlicher Form, - sein Widerwille gegen den jungen
Friedrich kam aus der Angst eines tiefen Instinktes. Männer fehlten; und er
argwöhnte zu seinem bittersten Verdrusse, dass sein eigner Sohn nicht
Manns genug sei. Darin betrog er sich: aber wer hätte an seiner Stelle sich
nicht betrogen? Er sah seinen Sohn dem Atheismus, dem esprit, der
genüsslichen Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen: - er sah im
Hintergrunde die grosse Blutaussaugerin, die Spinne Skepsis, er argwöhnte
das unheilbare Elend eines Herzens, das zum Bösen wie zum Guten nicht
mehr hart genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht mehr befiehlt,
nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen wuchs in seinem Sohne jene
gefährlichere und härtere neue Art der Skepsis empor - wer weiss, wie sehr
gerade durch den Hass des Vaters und durch die eisige Melancholie eines
einsam gemachten Willens begünstigt? - die Skepsis der verwegenen
Männlichkeit, welche dem Genie zum Kriege und zur Eroberung nächst
verwandt ist und in der Gestalt des grossen Friedrich ihren ersten Einzug in
Deutschland hielt. Diese Skepsis verachtet und reisst trotzdem an sich; sie
untergräbt und nimmt in Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht
Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europäer
ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer anderen
und stärkeren Art von Skepsis günstig sein mag, darüber möchte ich mich
vorläufig nur durch ein Gleichniss ausdrücken, welches die Freunde der
deutschen Geschichte schon verstehen werden. Jener unbedenkliche
Enthusiast für schöne grossgewachsene Grenadiere, welcher, als König von
Preussen, einem militärischen und skeptischen Genie - und damit im
Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich heraufgekommenen Typus des
Deutschen - das Dasein gab, der fragwürdige tolle Vater Friedrichs des
Grossen, hatte in Einem Punkte selbst den Griff und die Glücks-Kralle des
Genies: er wusste, woran es damals in Deutschland fehlte, und welcher
Mangel hundert Mal ängstlicher und dringender war, als etwa der Mangel
an Bildung und gesellschaftlicher Form, - sein Widerwille gegen den jungen
Friedrich kam aus der Angst eines tiefen Instinktes. Männer fehlten; und er
argwöhnte zu seinem bittersten Verdrusse, dass sein eigner Sohn nicht
Manns genug sei. Darin betrog er sich: aber wer hätte an seiner Stelle sich
nicht betrogen? Er sah seinen Sohn dem Atheismus, dem esprit, der
genüsslichen Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen: - er sah im
Hintergrunde die grosse Blutaussaugerin, die Spinne Skepsis, er argwöhnte
das unheilbare Elend eines Herzens, das zum Bösen wie zum Guten nicht
mehr hart genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht mehr befiehlt,
nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen wuchs in seinem Sohne jene
gefährlichere und härtere neue Art der Skepsis empor - wer weiss, wie sehr
gerade durch den Hass des Vaters und durch die eisige Melancholie eines
einsam gemachten Willens begünstigt? - die Skepsis der verwegenen
Männlichkeit, welche dem Genie zum Kriege und zur Eroberung nächst
verwandt ist und in der Gestalt des grossen Friedrich ihren ersten Einzug in
Deutschland hielt. Diese Skepsis verachtet und reisst trotzdem an sich; sie
untergräbt und nimmt in Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht
Page 129
dabei; sie giebt dem Geiste gefährliche Freiheit, aber sie hält das Herz
streng; es ist die deutsche Form der Skepsis, welche, als ein fortgesetzter
und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine gute Zeit
unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und
historischen Misstrauens gebracht hat. Dank dem unbezwinglich starken
und zähen Manns-Charakter der grossen deutschen Philologen und
Geschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn, allesammt auch Artisten der
Zerstörung und Zersetzung waren) stellte sich allmählich und trotz aller
Romantik in Musik und Philosophie ein neuer Begriff vom deutschen
Geiste fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend
hervortrat: sei es zum Beispiel als Unerschrockenheit des Blicks, als
Tapferkeit und Härte der zerlegenden Hand, als zäher Wille zu gefährlichen
Entdeckungsreisen, zu vergeistigten Nordpol-Expeditionen unter öden und
gefährlichen Himmeln. Es mag seine guten Gründe haben, wenn sich
warmblütige und oberflächliche Menschlichkeits-Menschen gerade vor
diesem Geiste bekreuzigen: cet esprit fataliste, ironique, méphistophélique
nennt ihn, nicht ohne Schauder, Michelet. Aber will man nachfühlen, wie
auszeichnend diese Furcht vor dem "Mann" im deutschen Geiste ist, durch
den Europa aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so
möge man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm überwunden
werden musste, - und wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein
vermännlichtes Weib es in zügelloser Anmaassung wagen durfte, die
Deutschen als sanfte herzensgute willensschwache und dichterische Tölpel
der Theilnahme Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch endlich das
Erstaunen Napoleon's tief genug, als er Goethen zu sehen bekam: es
verräth, was man sich Jahrhunderte lang unter dem "deutschen Geiste"
gedacht hatte. "Voilà un homme!" - das wollte sagen: Das ist ja ein Mann!
Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet! - -
streng; es ist die deutsche Form der Skepsis, welche, als ein fortgesetzter
und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine gute Zeit
unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und
historischen Misstrauens gebracht hat. Dank dem unbezwinglich starken
und zähen Manns-Charakter der grossen deutschen Philologen und
Geschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn, allesammt auch Artisten der
Zerstörung und Zersetzung waren) stellte sich allmählich und trotz aller
Romantik in Musik und Philosophie ein neuer Begriff vom deutschen
Geiste fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend
hervortrat: sei es zum Beispiel als Unerschrockenheit des Blicks, als
Tapferkeit und Härte der zerlegenden Hand, als zäher Wille zu gefährlichen
Entdeckungsreisen, zu vergeistigten Nordpol-Expeditionen unter öden und
gefährlichen Himmeln. Es mag seine guten Gründe haben, wenn sich
warmblütige und oberflächliche Menschlichkeits-Menschen gerade vor
diesem Geiste bekreuzigen: cet esprit fataliste, ironique, méphistophélique
nennt ihn, nicht ohne Schauder, Michelet. Aber will man nachfühlen, wie
auszeichnend diese Furcht vor dem "Mann" im deutschen Geiste ist, durch
den Europa aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so
möge man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm überwunden
werden musste, - und wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein
vermännlichtes Weib es in zügelloser Anmaassung wagen durfte, die
Deutschen als sanfte herzensgute willensschwache und dichterische Tölpel
der Theilnahme Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch endlich das
Erstaunen Napoleon's tief genug, als er Goethen zu sehen bekam: es
verräth, was man sich Jahrhunderte lang unter dem "deutschen Geiste"
gedacht hatte. "Voilà un homme!" - das wollte sagen: Das ist ja ein Mann!
Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet! - -
Page 130
210.
Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug
zu rathen giebt, ob sie nicht vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten Sinne,
Skeptiker sein müssen, so wäre damit doch nur ein Etwas an ihnen
bezeichnet - und nicht sie selbst. Mit dem gleichen Rechte dürften sie sich
Kritiker nennen lassen; und sicherlich werden es Menschen der
Experimente sein. Durch den Namen, auf welchen ich sie zu taufen wagte,
habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen schon ausdrücklich
unterstrichen: geschah dies deshalb, weil sie, als Kritiker an Leib und Seele,
sich des Experiments in einem neuen, vielleicht weiteren, vielleicht
gefährlicheren Sinne zu bedienen lieben? Müssen sie, in ihrer Leidenschaft
der Erkenntniss, mit verwegenen und schmerzhaften Versuchen weiter
gehn, als es der weichmüthige und verzärtelte Geschmack eines
demokratischen Jahrhunderts gut heissen kann? - Es ist kein Zweifel: diese
Kommenden werden am wenigsten jener ernsten und nicht unbedenklichen
Eigenschaften entrathen dürfen, welche den Kritiker vom Skeptiker
abheben, ich meine die Sicherheit der Werthmaasse, die bewusste
Handhabung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das
Alleinstehn und Sich-verantworten-können; ja, sie gestehen bei sich eine
Lust am Neinsagen und Zergliedern und eine gewisse besonnene
Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu führen weiss, auch
noch, wenn das Herz blutet. Sie werden härter sein (und vielleicht nicht
immer nur gegen sich), als humane Menschen wünschen mögen, sie werden
sich nicht mit der "Wahrheit" einlassen, damit sie ihnen "gefalle" oder sie
"erhebe" und "begeistere": - ihr Glaube wird vielmehr gering sein, dass
gerade die Wahrheit solche Lustbarkeiten für das Gefühl mit sich bringe.
Sie werden lächeln, diese strengen Geister, wenn Einer vor ihnen sagte
"jener Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht wahr sein?" Oder: "jenes
Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug
zu rathen giebt, ob sie nicht vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten Sinne,
Skeptiker sein müssen, so wäre damit doch nur ein Etwas an ihnen
bezeichnet - und nicht sie selbst. Mit dem gleichen Rechte dürften sie sich
Kritiker nennen lassen; und sicherlich werden es Menschen der
Experimente sein. Durch den Namen, auf welchen ich sie zu taufen wagte,
habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen schon ausdrücklich
unterstrichen: geschah dies deshalb, weil sie, als Kritiker an Leib und Seele,
sich des Experiments in einem neuen, vielleicht weiteren, vielleicht
gefährlicheren Sinne zu bedienen lieben? Müssen sie, in ihrer Leidenschaft
der Erkenntniss, mit verwegenen und schmerzhaften Versuchen weiter
gehn, als es der weichmüthige und verzärtelte Geschmack eines
demokratischen Jahrhunderts gut heissen kann? - Es ist kein Zweifel: diese
Kommenden werden am wenigsten jener ernsten und nicht unbedenklichen
Eigenschaften entrathen dürfen, welche den Kritiker vom Skeptiker
abheben, ich meine die Sicherheit der Werthmaasse, die bewusste
Handhabung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das
Alleinstehn und Sich-verantworten-können; ja, sie gestehen bei sich eine
Lust am Neinsagen und Zergliedern und eine gewisse besonnene
Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu führen weiss, auch
noch, wenn das Herz blutet. Sie werden härter sein (und vielleicht nicht
immer nur gegen sich), als humane Menschen wünschen mögen, sie werden
sich nicht mit der "Wahrheit" einlassen, damit sie ihnen "gefalle" oder sie
"erhebe" und "begeistere": - ihr Glaube wird vielmehr gering sein, dass
gerade die Wahrheit solche Lustbarkeiten für das Gefühl mit sich bringe.
Sie werden lächeln, diese strengen Geister, wenn Einer vor ihnen sagte
"jener Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht wahr sein?" Oder: "jenes
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Werk entzückt mich: wie sollte es nicht schön sein?" Oder: "jener Künstler
vergrössert mich: wie sollte er nicht gross sein?" - sie haben vielleicht nicht
nur ein Lächeln, sondern einen ächten Ekel vor allem derartig
Schwärmerischen, Idealistischen, Femininischen, Hermaphroditischen
bereit, und wer ihnen bis in ihre geheimen Herzenskammern zu folgen
wüsste, würde schwerlich dort die Absicht vorfinden, "christliche Gefühle"
mit dem "antiken Geschmacke" und etwa gar noch mit dem "modernen
Parlamentarismus" zu versöhnen (wie dergleichen Versöhnlichkeit in
unserm sehr unsicheren, folglich sehr versöhnlichen Jahrhundert sogar bei
Philosophen vorkommen soll). Kritische Zucht und jede Gewöhnung,
welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes führt, werden
diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie dürften sie
wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, - trotzdem wollen sie deshalb
noch nicht Kritiker heissen. Es scheint ihnen keine kleine Schmach, die der
Philosophie angethan wird, wenn man dekretirt, wie es heute so gern
geschieht: "Philosophie selbst ist Kritik und kritische Wissenschaft - und
gar nichts ausserdem!" Mag diese Werthschätzung der Philosophie sich des
Beifalls aller Positivisten Frankreichs und Deutschlands erfreuen (- und es
wäre möglich, dass sie sogar dem Herzen und Geschmacke Kant's
geschmeichelt hätte: man erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke -):
unsre neuen Philosophen werden trotzdem sagen: Kritiker sind Werkzeuge
des Philosophen und eben darum, als Werkzeuge, noch lange nicht selbst
Philosophen! Auch der grosse Chinese von Königsberg war nur ein grosser
Kritiker. -
211.
Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die philosophischen
Arbeiter und überhaupt die wissenschaftlichen Menschen mit den
Philosophen zu verwechseln, - dass man gerade hier mit Strenge "Jedem
vergrössert mich: wie sollte er nicht gross sein?" - sie haben vielleicht nicht
nur ein Lächeln, sondern einen ächten Ekel vor allem derartig
Schwärmerischen, Idealistischen, Femininischen, Hermaphroditischen
bereit, und wer ihnen bis in ihre geheimen Herzenskammern zu folgen
wüsste, würde schwerlich dort die Absicht vorfinden, "christliche Gefühle"
mit dem "antiken Geschmacke" und etwa gar noch mit dem "modernen
Parlamentarismus" zu versöhnen (wie dergleichen Versöhnlichkeit in
unserm sehr unsicheren, folglich sehr versöhnlichen Jahrhundert sogar bei
Philosophen vorkommen soll). Kritische Zucht und jede Gewöhnung,
welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes führt, werden
diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie dürften sie
wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, - trotzdem wollen sie deshalb
noch nicht Kritiker heissen. Es scheint ihnen keine kleine Schmach, die der
Philosophie angethan wird, wenn man dekretirt, wie es heute so gern
geschieht: "Philosophie selbst ist Kritik und kritische Wissenschaft - und
gar nichts ausserdem!" Mag diese Werthschätzung der Philosophie sich des
Beifalls aller Positivisten Frankreichs und Deutschlands erfreuen (- und es
wäre möglich, dass sie sogar dem Herzen und Geschmacke Kant's
geschmeichelt hätte: man erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke -):
unsre neuen Philosophen werden trotzdem sagen: Kritiker sind Werkzeuge
des Philosophen und eben darum, als Werkzeuge, noch lange nicht selbst
Philosophen! Auch der grosse Chinese von Königsberg war nur ein grosser
Kritiker. -
211.
Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die philosophischen
Arbeiter und überhaupt die wissenschaftlichen Menschen mit den
Philosophen zu verwechseln, - dass man gerade hier mit Strenge "Jedem
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das Seine" und Jenen nicht zu Viel, Diesen nicht viel zu Wenig gebe. Es
mag zur Erziehung des wirklichen Philosophen nöthig sein, dass er selbst
auch auf allen diesen Stufen einmal gestanden hat, auf welchen seine
Diener, die wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen bleiben, -
stehen bleiben müssen; er muss selbst vielleicht Kritiker und Skeptiker und
Dogmatiker und Historiker und überdies Dichter und Sammler und
Reisender und Räthselrather und Moralist und Seher und "freier Geist" und
beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis menschlicher Werthe und
Werth-Gefühle zu durchlaufen und mit vielerlei Augen und Gewissen, von
der Höhe in jede Ferne, von der Tiefe in jede Höhe, von der Ecke in jede
Weite, blicken zu können. Aber dies Alles sind nur Vorbedingungen seiner
Aufgabe: diese Aufgabe selbst will etwas Anderes, - sie verlangt, dass er
Werthe schaffe. Jene philosophischen Arbeiter nach dem edlen Muster
Kant's und Hegel's haben irgend einen grossen Thatbestand von
Werthschätzungen - das heisst ehemaliger Werthsetzungen,
Werthschöpfungen, welche herrschend geworden sind und eine Zeit lang
"Wahrheiten" genannt werden - festzustellen und in Formeln zu drängen, sei
es im Reiche des Logischen oder des Politischen (Moralischen) oder des
Künstlerischen. Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene und
Geschätzte übersichtlich, überdenkbar, fasslich, handlich zu machen, alles
Lange, ja "die Zeit" selbst, abzukürzen und die ganze Vergangenheit zu
überwältigen: eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren Dienst
sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zähe Wille befriedigen kann. Die
eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie sagen
"so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des Menschen
und verfügen dabei über die Vorarbeit aller philosophischen Arbeiter, aller
Überwältiger der Vergangenheit, - sie greifen mit schöpferischer Hand nach
der Zukunft, und Alles, was ist und war, wird ihnen dabei zum Mittel, zum
Werkzeug, zum Hammer. Ihr "Erkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine
Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist - Wille zur Macht. - Giebt es heute
mag zur Erziehung des wirklichen Philosophen nöthig sein, dass er selbst
auch auf allen diesen Stufen einmal gestanden hat, auf welchen seine
Diener, die wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen bleiben, -
stehen bleiben müssen; er muss selbst vielleicht Kritiker und Skeptiker und
Dogmatiker und Historiker und überdies Dichter und Sammler und
Reisender und Räthselrather und Moralist und Seher und "freier Geist" und
beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis menschlicher Werthe und
Werth-Gefühle zu durchlaufen und mit vielerlei Augen und Gewissen, von
der Höhe in jede Ferne, von der Tiefe in jede Höhe, von der Ecke in jede
Weite, blicken zu können. Aber dies Alles sind nur Vorbedingungen seiner
Aufgabe: diese Aufgabe selbst will etwas Anderes, - sie verlangt, dass er
Werthe schaffe. Jene philosophischen Arbeiter nach dem edlen Muster
Kant's und Hegel's haben irgend einen grossen Thatbestand von
Werthschätzungen - das heisst ehemaliger Werthsetzungen,
Werthschöpfungen, welche herrschend geworden sind und eine Zeit lang
"Wahrheiten" genannt werden - festzustellen und in Formeln zu drängen, sei
es im Reiche des Logischen oder des Politischen (Moralischen) oder des
Künstlerischen. Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene und
Geschätzte übersichtlich, überdenkbar, fasslich, handlich zu machen, alles
Lange, ja "die Zeit" selbst, abzukürzen und die ganze Vergangenheit zu
überwältigen: eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren Dienst
sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zähe Wille befriedigen kann. Die
eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie sagen
"so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des Menschen
und verfügen dabei über die Vorarbeit aller philosophischen Arbeiter, aller
Überwältiger der Vergangenheit, - sie greifen mit schöpferischer Hand nach
der Zukunft, und Alles, was ist und war, wird ihnen dabei zum Mittel, zum
Werkzeug, zum Hammer. Ihr "Erkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine
Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist - Wille zur Macht. - Giebt es heute
Page 133
solche Philosophen? Gab es schon solche Philosophen? Muss es nicht
solche Philosophen geben?….
212.
Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philosoph als ein
nothwendiger Mensch des Morgens und Übermorgens sich jederzeit mit
seinem Heute in Widerspruch befunden hat und befinden musste: sein Feind
war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle diese
ausserordentlichen Förderer des Menschen, welche man Philosophen nennt,
und die sich selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern eher als
unangenehme Narren und gefährliche Fragezeichen fühlten -, ihre Aufgabe,
ihre harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, endlich aber die Grösse
ihrer Aufgabe darin gefunden, das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein. Indem
sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer vivisektorisch auf die Brust
setzten, verriethen sie, was ihr eignes Geheimniss war: um eine neue Grösse
des Menschen zu wissen, um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner
Vergrösserung. Jedes Mal deckten sie auf, wie viel Heuchelei,
Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und Sich-fallen lassen, wie viel Lüge
unter dem bestgeehrten Typus ihrer zeitgenössischen Moralität versteckt,
wie viel Tugend überlebt sei; jedes Mal sagten sie: "wir müssen dorthin,
dorthinaus, wo ihr heute am wenigsten zu Hause seid." Angesichts einer
Welt der "modernen Ideen", welche Jedermann in eine Ecke und
"Spezialität" bannen möchte, würde ein Philosoph, falls es heute
Philosophen geben könnte, gezwungen sein, die Grösse des Menschen, den
Begriff "Grösse" gerade in seine Umfänglichkeit und Vielfältigkeit, in seine
Ganzheit im Vielen zu setzen: er würde sogar den Werth und Rang darnach
bestimmen, wie viel und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, wie
weit Einer seine Verantwortlichkeit spannen könnte. Heute schwächt und
verdünnt der Zeitgeschmack und die Zeittugend den Willen, Nichts ist so
solche Philosophen geben?….
212.
Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philosoph als ein
nothwendiger Mensch des Morgens und Übermorgens sich jederzeit mit
seinem Heute in Widerspruch befunden hat und befinden musste: sein Feind
war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle diese
ausserordentlichen Förderer des Menschen, welche man Philosophen nennt,
und die sich selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern eher als
unangenehme Narren und gefährliche Fragezeichen fühlten -, ihre Aufgabe,
ihre harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, endlich aber die Grösse
ihrer Aufgabe darin gefunden, das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein. Indem
sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer vivisektorisch auf die Brust
setzten, verriethen sie, was ihr eignes Geheimniss war: um eine neue Grösse
des Menschen zu wissen, um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner
Vergrösserung. Jedes Mal deckten sie auf, wie viel Heuchelei,
Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und Sich-fallen lassen, wie viel Lüge
unter dem bestgeehrten Typus ihrer zeitgenössischen Moralität versteckt,
wie viel Tugend überlebt sei; jedes Mal sagten sie: "wir müssen dorthin,
dorthinaus, wo ihr heute am wenigsten zu Hause seid." Angesichts einer
Welt der "modernen Ideen", welche Jedermann in eine Ecke und
"Spezialität" bannen möchte, würde ein Philosoph, falls es heute
Philosophen geben könnte, gezwungen sein, die Grösse des Menschen, den
Begriff "Grösse" gerade in seine Umfänglichkeit und Vielfältigkeit, in seine
Ganzheit im Vielen zu setzen: er würde sogar den Werth und Rang darnach
bestimmen, wie viel und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, wie
weit Einer seine Verantwortlichkeit spannen könnte. Heute schwächt und
verdünnt der Zeitgeschmack und die Zeittugend den Willen, Nichts ist so
Page 134
sehr zeitgemäss als Willensschwäche: also muss, im Ideale des
Philosophen, gerade Stärke des Willens, Härte und Fähigkeit zu langen
Entschliessungen in den Begriff "Grösse" hineingehören; mit so gutem
Rechte als die umgekehrte Lehre und das Ideal einer blöden entsagenden
demüthigen selbstlosen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter
angemessen war, einem solchen, das gleich dem sechszehnten Jahrhundert
an seiner aufgestauten Energie des Willens und den wildesten Wässern und
Sturmfluthen der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter lauter
Menschen des ermüdeten Instinktes, unter conservativen Altathenern,
welche sich gehen liessen - "zum Glück", wie sie sagten, zum Vergnügen,
wie sie thaten - und die dabei immer noch die alten prunkvollen Worte in
den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst kein Recht mehr gab, war
vielleicht Ironie zur Grösse der Seele nöthig, jene sokratische boshafte
Sicherheit des alten Arztes und Pöbelmanns, welcher schonungslos in's
eigne Fleisch schnitt, wie in's Fleisch und Herz des "Vornehmen", mit
einem Blick, welcher verständlich genug sprach: "verstellt euch vor mir
nicht! Hier - sind wir gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das
Heerdenthier allein zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die
"Gleichheit der Rechte" allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte
umwandeln könnte: ich will sagen in gemeinsame Bekriegung alles
Seltenen, Fremden, Bevorrechtigten, des höheren Menschen, der höheren
Seele, der höheren Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der
schöpferischen Machtfülle und Herrschaftlichkeit - heute gehört das
Vornehm-sein, das Für-sich-sein-wollen, das Anders-sein-können, das
Allein-stehn und auf-eigne-Faust-leben-müssen zum Begriff "Grösse"; und
der Philosoph wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn er
aufstellt: "der soll der Grösste sein, der der Einsamste sein kann, der
Verborgenste, der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Böse,
er Herr seiner Tugenden, der überreiche des Willens; dies eben soll Grösse
Philosophen, gerade Stärke des Willens, Härte und Fähigkeit zu langen
Entschliessungen in den Begriff "Grösse" hineingehören; mit so gutem
Rechte als die umgekehrte Lehre und das Ideal einer blöden entsagenden
demüthigen selbstlosen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter
angemessen war, einem solchen, das gleich dem sechszehnten Jahrhundert
an seiner aufgestauten Energie des Willens und den wildesten Wässern und
Sturmfluthen der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter lauter
Menschen des ermüdeten Instinktes, unter conservativen Altathenern,
welche sich gehen liessen - "zum Glück", wie sie sagten, zum Vergnügen,
wie sie thaten - und die dabei immer noch die alten prunkvollen Worte in
den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst kein Recht mehr gab, war
vielleicht Ironie zur Grösse der Seele nöthig, jene sokratische boshafte
Sicherheit des alten Arztes und Pöbelmanns, welcher schonungslos in's
eigne Fleisch schnitt, wie in's Fleisch und Herz des "Vornehmen", mit
einem Blick, welcher verständlich genug sprach: "verstellt euch vor mir
nicht! Hier - sind wir gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das
Heerdenthier allein zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die
"Gleichheit der Rechte" allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte
umwandeln könnte: ich will sagen in gemeinsame Bekriegung alles
Seltenen, Fremden, Bevorrechtigten, des höheren Menschen, der höheren
Seele, der höheren Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der
schöpferischen Machtfülle und Herrschaftlichkeit - heute gehört das
Vornehm-sein, das Für-sich-sein-wollen, das Anders-sein-können, das
Allein-stehn und auf-eigne-Faust-leben-müssen zum Begriff "Grösse"; und
der Philosoph wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn er
aufstellt: "der soll der Grösste sein, der der Einsamste sein kann, der
Verborgenste, der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Böse,
er Herr seiner Tugenden, der überreiche des Willens; dies eben soll Grösse
Page 135
heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können." Und
nochmals gefragt: ist heute - Grösse möglich?
213.
Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es nicht zu
lehren ist: man muss es "wissen", aus Erfahrung, - oder man soll den Stolz
haben, es nicht zu wissen. Dass aber heutzutage alle Welt von Dingen redet,
in Bezug auf welche sie keine Erfahrung haben kann, gilt am meisten und
schlimmsten vom Philosophen und den philosophischen Zuständen: - die
Wenigsten kennen sie, dürfen sie kennen, und alle populären Meinungen
über sie sind falsch. So ist zum Beispiel jenes ächt philosophische
Beieinander einer kühnen ausgelassenen Geistigkeit, welche presto läuft,
und einer dialektischen Strenge und Nothwendigkeit, die keinen Fehltritt
thut, den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Erfahrung her
unbekannt und darum, falls jemand davon vor ihnen reden wollte, un
glaubwürdig. Sie stellen sich jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches
Folgen-müssen und Gezwungen-werden vor; und das Denken selbst gilt
ihnen als etwas Langsames, Zögerndes, beinahe als eine Mühsal und oft
genug als "des Schweisses der Edlen werth" - aber ganz und gar nicht als
etwas Leichtes, Göttliches und dem Tanze, dem Übermuthe, Nächst-
Verwandtes! "Denken" und eine Sache "ernst nehmen", "schwer nehmen" -
das gehört bei ihnen zu einander: so allein haben sie es "erlebt" -. Die
Künstler mögen hier schon eine feinere Witterung haben.- sie, die nur zu
gut wissen, dass gerade dann, wo sie Nichts mehr "willkürlich" und Alles
nothwendig machen, ihr Gefühl von Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von
schöpferischem Setzen, Verfügen, Gestalten auf seine Höhe kommt, - kurz,
dass Nothwendigkeit und "Freiheit des Willens" dann bei ihnen Eins sind.
Es giebt zuletzt eine Rangordnung seelischer Zustände, welcher die
Rangordnung der Probleme gemäss ist; und die höchsten Probleme stossen
nochmals gefragt: ist heute - Grösse möglich?
213.
Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es nicht zu
lehren ist: man muss es "wissen", aus Erfahrung, - oder man soll den Stolz
haben, es nicht zu wissen. Dass aber heutzutage alle Welt von Dingen redet,
in Bezug auf welche sie keine Erfahrung haben kann, gilt am meisten und
schlimmsten vom Philosophen und den philosophischen Zuständen: - die
Wenigsten kennen sie, dürfen sie kennen, und alle populären Meinungen
über sie sind falsch. So ist zum Beispiel jenes ächt philosophische
Beieinander einer kühnen ausgelassenen Geistigkeit, welche presto läuft,
und einer dialektischen Strenge und Nothwendigkeit, die keinen Fehltritt
thut, den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Erfahrung her
unbekannt und darum, falls jemand davon vor ihnen reden wollte, un
glaubwürdig. Sie stellen sich jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches
Folgen-müssen und Gezwungen-werden vor; und das Denken selbst gilt
ihnen als etwas Langsames, Zögerndes, beinahe als eine Mühsal und oft
genug als "des Schweisses der Edlen werth" - aber ganz und gar nicht als
etwas Leichtes, Göttliches und dem Tanze, dem Übermuthe, Nächst-
Verwandtes! "Denken" und eine Sache "ernst nehmen", "schwer nehmen" -
das gehört bei ihnen zu einander: so allein haben sie es "erlebt" -. Die
Künstler mögen hier schon eine feinere Witterung haben.- sie, die nur zu
gut wissen, dass gerade dann, wo sie Nichts mehr "willkürlich" und Alles
nothwendig machen, ihr Gefühl von Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von
schöpferischem Setzen, Verfügen, Gestalten auf seine Höhe kommt, - kurz,
dass Nothwendigkeit und "Freiheit des Willens" dann bei ihnen Eins sind.
Es giebt zuletzt eine Rangordnung seelischer Zustände, welcher die
Rangordnung der Probleme gemäss ist; und die höchsten Probleme stossen
Page 136
ohne Gnade Jeden zurück, der ihnen zu nahen wagt, ohne durch Höhe und
Macht seiner Geistigkeit zu ihrer Lösung vorherbestimmt zu sein. Was hilft
es, wenn gelenkige Allerwelts-Köpfe oder ungelenke brave Mechaniker und
Empiriker sich, wie es heute so vielfach geschieht, mit ihrem Plebejer-
Ehrgeize in ihre Nähe und gleichsam an diesen "Hof der Höfe" drängen!
Aber auf solche Teppiche dürfen grobe Füsse nimmermehr treten: dafür ist
im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die Thüren bleiben diesen
Zudringlichen geschlossen, mögen sie sich auch die Köpfe daran stossen
und zerstossen! Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher
gesagt, man muss für sie gezüchtet sein: ein Recht auf Philosophie - das
Wort im grossen Sinne genommen - hat man nur Dank seiner Abkunft, die
Vorfahren, das "Geblüt" entscheidet auch hier. Viele Geschlechter müssen
der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner Tugenden
muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein, und
nicht nur der kühne leichte zarte Gang und Lauf seiner Gedanken, sondern
vor Allem die Bereitwilligkeit zu grossen Verantwortungen, die Hoheit
herrschender Blicke und Niederblicke, das Sich-Abgetrennt-Fühlen von der
Menge und ihren Pflichten und Tugenden, das leutselige Beschützen und
Vertheidigen dessen, was missverstanden und verleumdet wird, sei es Gott,
sei es Teufel, die Lust und Übung in der grossen Gerechtigkeit, die Kunst
des Befehlens, die Weite des Willens, das langsame Auge, welches selten
bewundert, selten hinauf blickt, selten liebt….
Siebentes Hauptstück:
Unsere Tugenden.
214.
Macht seiner Geistigkeit zu ihrer Lösung vorherbestimmt zu sein. Was hilft
es, wenn gelenkige Allerwelts-Köpfe oder ungelenke brave Mechaniker und
Empiriker sich, wie es heute so vielfach geschieht, mit ihrem Plebejer-
Ehrgeize in ihre Nähe und gleichsam an diesen "Hof der Höfe" drängen!
Aber auf solche Teppiche dürfen grobe Füsse nimmermehr treten: dafür ist
im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die Thüren bleiben diesen
Zudringlichen geschlossen, mögen sie sich auch die Köpfe daran stossen
und zerstossen! Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher
gesagt, man muss für sie gezüchtet sein: ein Recht auf Philosophie - das
Wort im grossen Sinne genommen - hat man nur Dank seiner Abkunft, die
Vorfahren, das "Geblüt" entscheidet auch hier. Viele Geschlechter müssen
der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner Tugenden
muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein, und
nicht nur der kühne leichte zarte Gang und Lauf seiner Gedanken, sondern
vor Allem die Bereitwilligkeit zu grossen Verantwortungen, die Hoheit
herrschender Blicke und Niederblicke, das Sich-Abgetrennt-Fühlen von der
Menge und ihren Pflichten und Tugenden, das leutselige Beschützen und
Vertheidigen dessen, was missverstanden und verleumdet wird, sei es Gott,
sei es Teufel, die Lust und Übung in der grossen Gerechtigkeit, die Kunst
des Befehlens, die Weite des Willens, das langsame Auge, welches selten
bewundert, selten hinauf blickt, selten liebt….
Siebentes Hauptstück:
Unsere Tugenden.
214.
Page 137
Unsere Tugenden? - Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere
Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen und
vierschrötigen Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere
Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir
Europäer von übermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts, -
mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und Kunst der
Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam versüssten Grausamkeit in Geist
und Sinnen, - wir werden vermuthlich, wenn wir Tugenden haben sollten,
nur solche haben, die sich mit unsren heimlichsten und herzlichsten
Hängen, mit unsern heissesten Bedürfnissen am besten vertragen lernten:
wohlan, suchen wir einmal nach ihnen in unsren Labyrinthen! - woselbst
sich, wie man weiss, so mancherlei verliert, so mancherlei ganz verloren
geht. Und giebt es etwas Schöneres, als nach seinen eigenen Tugenden
suchen? Heisst dies nicht beinahe schon: an seine eigne Tugend glauben?
Dies aber "an seine Tugend glauben" - ist dies nicht im Grunde dasselbe,
was man ehedem sein "gutes Gewissen" nannte, jener ehrwürdige
langschwänzige Begriffs-Zopf, den sich unsre Grossväter hinter ihren Kopf,
oft genug auch hinter ihren Verstand hängten? Es scheint demnach, wie
wenig wir uns auch sonst altmodisch und grossväterhaft-ehrbar dünken
mögen, in Einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Grossväter,
wir letzten Europäer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen ihren Zopf.
- Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon - anders kommt!…..
215.
Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn
Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener
Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte, bald
mit grünen Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend und bunt
überfluthend: so sind wir modernen Menschen, Dank der complicirten
Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen und
vierschrötigen Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere
Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir
Europäer von übermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts, -
mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und Kunst der
Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam versüssten Grausamkeit in Geist
und Sinnen, - wir werden vermuthlich, wenn wir Tugenden haben sollten,
nur solche haben, die sich mit unsren heimlichsten und herzlichsten
Hängen, mit unsern heissesten Bedürfnissen am besten vertragen lernten:
wohlan, suchen wir einmal nach ihnen in unsren Labyrinthen! - woselbst
sich, wie man weiss, so mancherlei verliert, so mancherlei ganz verloren
geht. Und giebt es etwas Schöneres, als nach seinen eigenen Tugenden
suchen? Heisst dies nicht beinahe schon: an seine eigne Tugend glauben?
Dies aber "an seine Tugend glauben" - ist dies nicht im Grunde dasselbe,
was man ehedem sein "gutes Gewissen" nannte, jener ehrwürdige
langschwänzige Begriffs-Zopf, den sich unsre Grossväter hinter ihren Kopf,
oft genug auch hinter ihren Verstand hängten? Es scheint demnach, wie
wenig wir uns auch sonst altmodisch und grossväterhaft-ehrbar dünken
mögen, in Einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Grossväter,
wir letzten Europäer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen ihren Zopf.
- Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon - anders kommt!…..
215.
Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn
Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener
Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte, bald
mit grünen Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend und bunt
überfluthend: so sind wir modernen Menschen, Dank der complicirten
Page 138
Mechanik unsres "Sternenhimmels" - durch verschiedene Moralen
bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in verschiedenen
Farben, sie sind selten eindeutig, - und es giebt genug Fälle, wo wir bunte
Handlungen thun.
216.
Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es geschieht
heute tausendfältig, im Kleinen und im Grossen; ja es geschieht bisweilen
schon das Höhere und Sublimere - wir lernen verachten, wenn wir lieben,
und gerade wenn wir am besten lieben: - aber alles dies unbewusst, ohne
Lärm, ohne Prunk, mit jener Scham und Verborgenheit der Güte, welche
dem Munde das feierliche, Wort und die Tugend-Formel verbietet. Moral
als Attitüde - geht uns heute wider den Geschmack. Dies ist auch ein
Fortschritt: wie es der Fortschritt unsrer Väter war, dass ihnen endlich
Religion als Attitüde wider den Geschmack gieng, eingerechnet die
Feindschaft und Voltairische Bitterkeit gegen die Religion (und was Alles
ehemals zur Freigeist-Gebärdensprache gehörte). Es ist die Musik in
unserm Gewissen, der Tanz in unserm Geiste, zu dem alle Puritaner-Litanei,
alle Moral-Predigt und Biedermännerei nicht klingen will.
217.
Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen,
dass man ihnen moralischen Takt und Feinheit in der moralischen
Unterscheidung zutraue! Sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal vor
uns (oder gar an uns) vergriffen haben, - sie werden unvermeidlich zu
unsern instinktiven Verleumdern und Beeinträchtigern, selbst wenn sie noch
unsre "Freunde" bleiben. - Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden
auch mit ihren Dummheiten "fertig".
bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in verschiedenen
Farben, sie sind selten eindeutig, - und es giebt genug Fälle, wo wir bunte
Handlungen thun.
216.
Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es geschieht
heute tausendfältig, im Kleinen und im Grossen; ja es geschieht bisweilen
schon das Höhere und Sublimere - wir lernen verachten, wenn wir lieben,
und gerade wenn wir am besten lieben: - aber alles dies unbewusst, ohne
Lärm, ohne Prunk, mit jener Scham und Verborgenheit der Güte, welche
dem Munde das feierliche, Wort und die Tugend-Formel verbietet. Moral
als Attitüde - geht uns heute wider den Geschmack. Dies ist auch ein
Fortschritt: wie es der Fortschritt unsrer Väter war, dass ihnen endlich
Religion als Attitüde wider den Geschmack gieng, eingerechnet die
Feindschaft und Voltairische Bitterkeit gegen die Religion (und was Alles
ehemals zur Freigeist-Gebärdensprache gehörte). Es ist die Musik in
unserm Gewissen, der Tanz in unserm Geiste, zu dem alle Puritaner-Litanei,
alle Moral-Predigt und Biedermännerei nicht klingen will.
217.
Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen,
dass man ihnen moralischen Takt und Feinheit in der moralischen
Unterscheidung zutraue! Sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal vor
uns (oder gar an uns) vergriffen haben, - sie werden unvermeidlich zu
unsern instinktiven Verleumdern und Beeinträchtigern, selbst wenn sie noch
unsre "Freunde" bleiben. - Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden
auch mit ihren Dummheiten "fertig".
Page 139
218.
Die Psychologen Frankreichs - und wo giebt es heute sonst noch
Psychologen? - haben immer noch ihr bitteres und vielfältiges Vergnügen
an der bêtise bourgeoise nicht ausgekostet, gleichsam als wenn genug, sie
verrathen etwas damit. Flaubert zum Beispiel, der brave Bürger von Rouen,
sah, hörte und schmeckte zuletzt nichts Anderes mehr: es war seine Art von
Selbstquälerei und feinerer Grausamkeit. Nun empfehle ich, zur
Abwechslung - denn es wird langweilig -, ein anderes Ding zum Entzücken:
das ist die unbewusste Verschlagenheit, mit der sich alle guten dicken
braven Geister des Mittelmaasses zu höheren Geistern und deren Aufgaben
verhalten, jene feine verhäkelte jesuitische Verschlagenheit, welche tausend
Mal feiner ist, als der Verstand und Geschmack dieses Mittelstandes in
seinen besten Augenblicken - sogar auch als der Verstand seiner Opfer -:
zum abermaligen Beweise dafür, dass der "Instinkt" unter allen Arten von
Intelligenz, welche bisher entdeckt wurden, die intelligenteste ist. Kurz,
studirt, ihr Psychologen, die Philosophie der "Regel" im Kampfe mit der
"Ausnahme": da habt ihr ein Schauspiel, gut genug für Götter und göttliche
Boshaftigkeit! Oder, noch heutlicher: treibt Vivisektion am "guten
Menschen", am "homo bonae voluntatis" an euch!
219.
Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblings-Rache der
Geistig-Beschränkten an Denen, die es weniger sind, auch eine Art
Schadenersatz dafür, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden,
endlich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: -
Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres Herzens wohl, dass es
einen Maassstab giebt, vor dem auch die mit Gütern und Vorrechten des
Geistes überhäuften ihnen gleich stehn: - sie kämpfen für die "Gleichheit
Aller vor Gott" und brauchen beinahe dazu schon den Glauben an Gott.
Die Psychologen Frankreichs - und wo giebt es heute sonst noch
Psychologen? - haben immer noch ihr bitteres und vielfältiges Vergnügen
an der bêtise bourgeoise nicht ausgekostet, gleichsam als wenn genug, sie
verrathen etwas damit. Flaubert zum Beispiel, der brave Bürger von Rouen,
sah, hörte und schmeckte zuletzt nichts Anderes mehr: es war seine Art von
Selbstquälerei und feinerer Grausamkeit. Nun empfehle ich, zur
Abwechslung - denn es wird langweilig -, ein anderes Ding zum Entzücken:
das ist die unbewusste Verschlagenheit, mit der sich alle guten dicken
braven Geister des Mittelmaasses zu höheren Geistern und deren Aufgaben
verhalten, jene feine verhäkelte jesuitische Verschlagenheit, welche tausend
Mal feiner ist, als der Verstand und Geschmack dieses Mittelstandes in
seinen besten Augenblicken - sogar auch als der Verstand seiner Opfer -:
zum abermaligen Beweise dafür, dass der "Instinkt" unter allen Arten von
Intelligenz, welche bisher entdeckt wurden, die intelligenteste ist. Kurz,
studirt, ihr Psychologen, die Philosophie der "Regel" im Kampfe mit der
"Ausnahme": da habt ihr ein Schauspiel, gut genug für Götter und göttliche
Boshaftigkeit! Oder, noch heutlicher: treibt Vivisektion am "guten
Menschen", am "homo bonae voluntatis" an euch!
219.
Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblings-Rache der
Geistig-Beschränkten an Denen, die es weniger sind, auch eine Art
Schadenersatz dafür, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden,
endlich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: -
Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres Herzens wohl, dass es
einen Maassstab giebt, vor dem auch die mit Gütern und Vorrechten des
Geistes überhäuften ihnen gleich stehn: - sie kämpfen für die "Gleichheit
Aller vor Gott" und brauchen beinahe dazu schon den Glauben an Gott.
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Unter ihnen sind die kräftigsten Gegner des Atheismus. Wer ihnen sagte
"eine hohe Geistigkeit ist ausser Vergleich mit irgend welcher Bravheit und
Achtbarkeit eines eben nur moralischen Menschen", würde sie rasend
machen: - ich werde mich hüten, es zu thun. Vielmehr möchte ich ihnen mit
meinem Satze schmeicheln, dass eine hohe Geistigkeit selber nur als letzte
Ausgeburt moralischer Qualitäten besteht; dass sie eine Synthesis aller jener
Zustände ist, welche den "nur moralischen" Menschen nachgesagt werden,
nachdem sie, einzeln, durch lange Zucht und Übung, vielleicht in ganzen
Ketten von Geschlechtern erworben sind; dass die hohe Geistigkeit eben die
Vergeistigung der Gerechtigkeit und jener gütigen Strenge ist, welche sich
beauftragt weiss, die Ordnung des Ranges in der Welt aufrecht zu erhalten,
unter den Dingen selbst - und nicht nur unter Menschen.
220.
Bei dem jetzt so volksthümlichen Lobe des "Uninteressirten" muss man
sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein bringen, woran
eigentlich das Volk Interesse nimmt, und was überhaupt die Dinge sind, um
die sich der gemeine Mann gründlich und tief kümmert: die Gebildeten
eingerechnet, sogar die Gelehrten, und wenn nicht Alles trügt, beinahe auch
die Philosophen. Die Thatsache kommt dabei heraus, dass das Allermeiste
von dem, was feinere und verwöhntere Geschmäcker, was jede höhere
Natur interessirt und reizt, dem durchschnittlichen Menschen gänzlich
"uninteressant" scheint: - bemerkt er trotzdem eine Hingebung daran, so
nennt er sie "désintéressé" und wundert sich, wie es möglich ist,
"uninteressirt" zu handeln. Es hat Philosophen gegeben, welche dieser
Volks-Verwunderung noch einen verführerischen und mystisch-jenseitigen
Ausdruck zu verleihen wussten (- vielleicht weil sie die höhere Natur nicht
aus Erfahrung kannten?) - statt die nackte und herzlich billige Wahrheit
hinzustellen, dass die "uninteressirte" Handlung eine sehr interessante und
"eine hohe Geistigkeit ist ausser Vergleich mit irgend welcher Bravheit und
Achtbarkeit eines eben nur moralischen Menschen", würde sie rasend
machen: - ich werde mich hüten, es zu thun. Vielmehr möchte ich ihnen mit
meinem Satze schmeicheln, dass eine hohe Geistigkeit selber nur als letzte
Ausgeburt moralischer Qualitäten besteht; dass sie eine Synthesis aller jener
Zustände ist, welche den "nur moralischen" Menschen nachgesagt werden,
nachdem sie, einzeln, durch lange Zucht und Übung, vielleicht in ganzen
Ketten von Geschlechtern erworben sind; dass die hohe Geistigkeit eben die
Vergeistigung der Gerechtigkeit und jener gütigen Strenge ist, welche sich
beauftragt weiss, die Ordnung des Ranges in der Welt aufrecht zu erhalten,
unter den Dingen selbst - und nicht nur unter Menschen.
220.
Bei dem jetzt so volksthümlichen Lobe des "Uninteressirten" muss man
sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein bringen, woran
eigentlich das Volk Interesse nimmt, und was überhaupt die Dinge sind, um
die sich der gemeine Mann gründlich und tief kümmert: die Gebildeten
eingerechnet, sogar die Gelehrten, und wenn nicht Alles trügt, beinahe auch
die Philosophen. Die Thatsache kommt dabei heraus, dass das Allermeiste
von dem, was feinere und verwöhntere Geschmäcker, was jede höhere
Natur interessirt und reizt, dem durchschnittlichen Menschen gänzlich
"uninteressant" scheint: - bemerkt er trotzdem eine Hingebung daran, so
nennt er sie "désintéressé" und wundert sich, wie es möglich ist,
"uninteressirt" zu handeln. Es hat Philosophen gegeben, welche dieser
Volks-Verwunderung noch einen verführerischen und mystisch-jenseitigen
Ausdruck zu verleihen wussten (- vielleicht weil sie die höhere Natur nicht
aus Erfahrung kannten?) - statt die nackte und herzlich billige Wahrheit
hinzustellen, dass die "uninteressirte" Handlung eine sehr interessante und
Page 141
interessirte Handlung ist, vorausgesetzt….. "Und die Liebe?" - Wie! Sogar
eine Handlung aus Liebe soll "unegoistisch" sein? Aber ihr Tölpel -! "Und
das Lob des Aufopfernden?" - Aber wer wirklich Opfer gebracht hat, weiss,
dass er etwas dafür wollte und bekam, - vielleicht etwas von sich für etwas
von sich - dass er hier hingab, um dort mehr zu haben, vielleicht um
überhaupt mehr zu sein oder sich doch als "mehr" zu fühlen. Aber dies ist
ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein verwöhnterer Geist sich
ungern aufhält: so sehr hat hier bereits die Wahrheit nöthig, das Gähnen zu
unterdrücken, wenn sie antworten muss. Zuletzt ist sie ein Weib: man soll
ihr nicht Gewalt anthun.
221.
Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrämer,
dass ich einen uneigennützigen Menschen ehre und auszeichne: nicht aber,
weil er uneigennützig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf zu haben
scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Unkosten zu nützen.
Genug, es fragt sich immer, wer er ist und wer Jener ist. An Einem zum
Beispiele, der zum Befehlen bestimmt und gemacht wäre, würde Selbst-
Verleugnung und bescheidenes Zurücktreten nicht eine Tugend, sondern die
Vergeudung einer Tugend sein: so scheint es mir. Jede unegoistische Moral,
welche sich unbedingt nimmt und an Jedermann wendet, sündigt nicht nur
gegen den Geschmack: sie ist eine Aufreizung zu Unterlassungs-Sünden,
eine Verführung mehr unter der Maske der Menschenfreundlichkeit - und
gerade eine Verführung und Schädigung der Höheren, Seltneren,
Bevorrechteten. Man muss die Moralen zwingen, sich zu allererst vor der
Rangordnung zu beugen, man muss ihnen ihre Anmaassung in's Gewissen
schieben, - bis sie endlich mit einander darüber in's Klare kommen, das es
unmoralisch ist zu sagen: "was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig".
- Also mein moralistischer Pedant und bonhomme: verdiente er es wohl,
eine Handlung aus Liebe soll "unegoistisch" sein? Aber ihr Tölpel -! "Und
das Lob des Aufopfernden?" - Aber wer wirklich Opfer gebracht hat, weiss,
dass er etwas dafür wollte und bekam, - vielleicht etwas von sich für etwas
von sich - dass er hier hingab, um dort mehr zu haben, vielleicht um
überhaupt mehr zu sein oder sich doch als "mehr" zu fühlen. Aber dies ist
ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein verwöhnterer Geist sich
ungern aufhält: so sehr hat hier bereits die Wahrheit nöthig, das Gähnen zu
unterdrücken, wenn sie antworten muss. Zuletzt ist sie ein Weib: man soll
ihr nicht Gewalt anthun.
221.
Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrämer,
dass ich einen uneigennützigen Menschen ehre und auszeichne: nicht aber,
weil er uneigennützig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf zu haben
scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Unkosten zu nützen.
Genug, es fragt sich immer, wer er ist und wer Jener ist. An Einem zum
Beispiele, der zum Befehlen bestimmt und gemacht wäre, würde Selbst-
Verleugnung und bescheidenes Zurücktreten nicht eine Tugend, sondern die
Vergeudung einer Tugend sein: so scheint es mir. Jede unegoistische Moral,
welche sich unbedingt nimmt und an Jedermann wendet, sündigt nicht nur
gegen den Geschmack: sie ist eine Aufreizung zu Unterlassungs-Sünden,
eine Verführung mehr unter der Maske der Menschenfreundlichkeit - und
gerade eine Verführung und Schädigung der Höheren, Seltneren,
Bevorrechteten. Man muss die Moralen zwingen, sich zu allererst vor der
Rangordnung zu beugen, man muss ihnen ihre Anmaassung in's Gewissen
schieben, - bis sie endlich mit einander darüber in's Klare kommen, das es
unmoralisch ist zu sagen: "was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig".
- Also mein moralistischer Pedant und bonhomme: verdiente er es wohl,
Page 142
dass man ihn auslachte, als er die Moralen dergestalt zur Moralität
ermahnte? Aber man soll nicht zu viel Recht haben, wenn man die Lacher
auf seiner Seite haben will; ein Körnchen Unrecht gehört sogar zum guten
Geschmack.
222.
Wo heute Mitleiden gepredigt wird - und, recht gehört, wird jetzt keine
andre Religion mehr gepredigt - möge der Psycholog seine Ohren
aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch, der diesen
Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er einen heiseren,
stöhnenden, ächten Laut von Selbst-Verachtung hören. Sie gehört zu jener
Verdüsterung und Verhässlichung Europa's, welche jetzt ein Jahrhundert
lang im Wachsen ist (und deren erste Symptome schon in einem
nachdenklichen Briefe Galiani's an Madame d'Epinay urkundlich
verzeichnet sind): wenn sie nicht deren Ursache ist! Der Mensch der
"modernen Ideen", dieser stolze Affe, ist unbändig mit sich selbst
unzufrieden: dies steht fest. Er leidet: und seine Eitelkeit will, dass er nur
"mit leidet"……
223.
Der europäische Mischmensch - ein leidlich hässlicher Plebejer, Alles in
Allem - braucht schlechterdings ein Kostüm: er hat die Historie nöthig als
die Vorrathskammer der Kostüme. Freilich bemerkt er dabei, dass ihm
keines recht auf den Leib passt, - er wechselt und wechselt. Man sehe sich
das neunzehnte Jahrhundert auf diese schnellen Vorlieben und Wechsel der
Stil-Maskeraden an; auch auf die Augenblicke der Verzweiflung darüber,
dass uns "nichts steht" -. Unnütz, sich romantisch oder klassisch oder
christlich oder florentinisch oder barokko oder "national" vorzuführen, in
ermahnte? Aber man soll nicht zu viel Recht haben, wenn man die Lacher
auf seiner Seite haben will; ein Körnchen Unrecht gehört sogar zum guten
Geschmack.
222.
Wo heute Mitleiden gepredigt wird - und, recht gehört, wird jetzt keine
andre Religion mehr gepredigt - möge der Psycholog seine Ohren
aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch, der diesen
Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er einen heiseren,
stöhnenden, ächten Laut von Selbst-Verachtung hören. Sie gehört zu jener
Verdüsterung und Verhässlichung Europa's, welche jetzt ein Jahrhundert
lang im Wachsen ist (und deren erste Symptome schon in einem
nachdenklichen Briefe Galiani's an Madame d'Epinay urkundlich
verzeichnet sind): wenn sie nicht deren Ursache ist! Der Mensch der
"modernen Ideen", dieser stolze Affe, ist unbändig mit sich selbst
unzufrieden: dies steht fest. Er leidet: und seine Eitelkeit will, dass er nur
"mit leidet"……
223.
Der europäische Mischmensch - ein leidlich hässlicher Plebejer, Alles in
Allem - braucht schlechterdings ein Kostüm: er hat die Historie nöthig als
die Vorrathskammer der Kostüme. Freilich bemerkt er dabei, dass ihm
keines recht auf den Leib passt, - er wechselt und wechselt. Man sehe sich
das neunzehnte Jahrhundert auf diese schnellen Vorlieben und Wechsel der
Stil-Maskeraden an; auch auf die Augenblicke der Verzweiflung darüber,
dass uns "nichts steht" -. Unnütz, sich romantisch oder klassisch oder
christlich oder florentinisch oder barokko oder "national" vorzuführen, in
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moribus et artibus: "es kleidet nicht"! Aber der "Geist", insbesondere der
"historische Geist", ersieht sich auch noch an dieser Verzweiflung seinen
Vortheil: immer wieder wird ein neues Stück Vorzeit und Ausland versucht,
umgelegt, abgelegt, eingepackt, vor allem studirt: - wir sind das erste
studirte Zeitalter in puncto der "Kostüme", ich meine der Moralen,
Glaubensartikel, Kunstgeschmäcker und Religionen, vorbereitet wie noch
keine Zeit es war, zum Karneval grossen Stils, zum geistigsten Fasching-
Gelächter und Übermuth, zur transscendentalen Höhe des höchsten
Blödsinns und der aristophanischen Welt-Verspottung. Vielleicht, dass wir
hier gerade das Reich unsrer Erfindung noch entdecken, jenes Reich, wo
auch wir noch original sein können, etwa als Pazodisten der Weltgeschichte
und Hanswürste Gottes, - vielleicht dass, wenn auch Nichts von heute sonst
Zukunft hat, doch gerade unser Lachen noch Zukunft hat!
224.
Der historische Sinn (oder die Fähigkeit, die Rangordnung von
Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine
Gesellschaft, ein Mensch gelebt hat, der "divinatorische Instinkt" für die
Beziehungen dieser Werthschätzungen, für das Verhältniss der Autorität der
Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte): dieser historische Sinn, auf
welchen wir Europäer als auf unsre Besonderheit Anspruch machen, ist uns
im Gefolge der bezaubernden und tollen Halbbarbarei gekommen, in
welche Europa durch die demokratische Vermengung der Stände und
Rassen gestürzt worden ist, - erst das neunzehnte Jahrhundert kennt diesen
Sinn, als seinen sechsten Sinn. Die Vergangenheit von jeder Form und
Lebensweise, von Culturen, die früher hart neben einander, über einander
lagen, strömt Dank jener Mischung in uns "moderne Seelen" aus, unsre
Instinkte laufen nunmehr überallhin zurück, wir selbst sind eine Art Chaos
-: schliesslich ersieht sich "der Geist", wie gesagt, seinen Vortheil dabei.
"historische Geist", ersieht sich auch noch an dieser Verzweiflung seinen
Vortheil: immer wieder wird ein neues Stück Vorzeit und Ausland versucht,
umgelegt, abgelegt, eingepackt, vor allem studirt: - wir sind das erste
studirte Zeitalter in puncto der "Kostüme", ich meine der Moralen,
Glaubensartikel, Kunstgeschmäcker und Religionen, vorbereitet wie noch
keine Zeit es war, zum Karneval grossen Stils, zum geistigsten Fasching-
Gelächter und Übermuth, zur transscendentalen Höhe des höchsten
Blödsinns und der aristophanischen Welt-Verspottung. Vielleicht, dass wir
hier gerade das Reich unsrer Erfindung noch entdecken, jenes Reich, wo
auch wir noch original sein können, etwa als Pazodisten der Weltgeschichte
und Hanswürste Gottes, - vielleicht dass, wenn auch Nichts von heute sonst
Zukunft hat, doch gerade unser Lachen noch Zukunft hat!
224.
Der historische Sinn (oder die Fähigkeit, die Rangordnung von
Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine
Gesellschaft, ein Mensch gelebt hat, der "divinatorische Instinkt" für die
Beziehungen dieser Werthschätzungen, für das Verhältniss der Autorität der
Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte): dieser historische Sinn, auf
welchen wir Europäer als auf unsre Besonderheit Anspruch machen, ist uns
im Gefolge der bezaubernden und tollen Halbbarbarei gekommen, in
welche Europa durch die demokratische Vermengung der Stände und
Rassen gestürzt worden ist, - erst das neunzehnte Jahrhundert kennt diesen
Sinn, als seinen sechsten Sinn. Die Vergangenheit von jeder Form und
Lebensweise, von Culturen, die früher hart neben einander, über einander
lagen, strömt Dank jener Mischung in uns "moderne Seelen" aus, unsre
Instinkte laufen nunmehr überallhin zurück, wir selbst sind eine Art Chaos
-: schliesslich ersieht sich "der Geist", wie gesagt, seinen Vortheil dabei.
Page 144
Durch unsre Halbbarbarei in Leib und Begierde haben wir geheime
Zugänge überallhin, wie sie ein vornehmes Zeitalter nie besessen hat, vor
Allem die Zugänge zum Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu
jeder Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; und insofern
der beträchtlichste Theil der menschlichen Cultur bisher eben Halbbarbarei
war, bedeutet "historischer Sinn" beinahe den Sinn und Instinkt für Alles,
den Geschmack und die Zunge für Alles: womit er sich sofort als ein
unvornehmer Sinn ausweist. Wir geniessen zum Beispiel Homer wieder:
vielleicht ist es unser glücklichster Vorsprung, dass wir Homer zu
schmecken verstehen, welchen die Menschen einer vornehmen Cultur (etwa
die Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts, wie Saint-Evremond, der ihm
den esprit vaste vorwirft, selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so leicht
sich anzueignen wissen und wussten, - welchen zu geniessen sie sich kaum
erlaubten. Das sehr bestimmte Ja und Nein ihres Gaumens, ihr leicht
bereiter Ekel, ihre zögernde Zurückhaltung in Bezug auf alles Fremdartige,
ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften Neugierde, und
überhaupt jener schlechte Wille jeder vornehmen und selbstgenügsamen
Cultur, sich eine neue Begehrlichkeit, eine Unbefriedigung am Eignen, eine
Bewunderung des Fremden einzugestehen: alles dies stellt und stimmt sie
ungünstig selbst gegen die besten Dinge der Welt, welche nicht ihr
Eigenthum sind oder ihre Beute werden könnten, - und kein Sinn ist solchen
Menschen unverständlicher, als gerade der historische Sinn und seine
unterwürfige Plebejer-Neugierde. Nicht anders steht es mit Shakespeare,
dieser erstaunlichen spanisch-maurisch-sächsischen Geschmacks-Synthesis,
über welchen sich ein Altathener aus der Freundschaft des Aeschylus
halbtodt gelacht oder geärgert haben würde: aber wir - nehmen gerade diese
wilde Buntheit, dies Durcheinander des Zartesten, Gröbsten und
Künstlichsten, mit einer geheimen Vertraulichkeit und Herzlichkeit an, wir
geniessen ihn als das gerade uns aufgesparte Raffinement der Kunst und
lassen uns dabei von den widrigen Dämpfen und der Nähe des englischen
Zugänge überallhin, wie sie ein vornehmes Zeitalter nie besessen hat, vor
Allem die Zugänge zum Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu
jeder Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; und insofern
der beträchtlichste Theil der menschlichen Cultur bisher eben Halbbarbarei
war, bedeutet "historischer Sinn" beinahe den Sinn und Instinkt für Alles,
den Geschmack und die Zunge für Alles: womit er sich sofort als ein
unvornehmer Sinn ausweist. Wir geniessen zum Beispiel Homer wieder:
vielleicht ist es unser glücklichster Vorsprung, dass wir Homer zu
schmecken verstehen, welchen die Menschen einer vornehmen Cultur (etwa
die Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts, wie Saint-Evremond, der ihm
den esprit vaste vorwirft, selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so leicht
sich anzueignen wissen und wussten, - welchen zu geniessen sie sich kaum
erlaubten. Das sehr bestimmte Ja und Nein ihres Gaumens, ihr leicht
bereiter Ekel, ihre zögernde Zurückhaltung in Bezug auf alles Fremdartige,
ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften Neugierde, und
überhaupt jener schlechte Wille jeder vornehmen und selbstgenügsamen
Cultur, sich eine neue Begehrlichkeit, eine Unbefriedigung am Eignen, eine
Bewunderung des Fremden einzugestehen: alles dies stellt und stimmt sie
ungünstig selbst gegen die besten Dinge der Welt, welche nicht ihr
Eigenthum sind oder ihre Beute werden könnten, - und kein Sinn ist solchen
Menschen unverständlicher, als gerade der historische Sinn und seine
unterwürfige Plebejer-Neugierde. Nicht anders steht es mit Shakespeare,
dieser erstaunlichen spanisch-maurisch-sächsischen Geschmacks-Synthesis,
über welchen sich ein Altathener aus der Freundschaft des Aeschylus
halbtodt gelacht oder geärgert haben würde: aber wir - nehmen gerade diese
wilde Buntheit, dies Durcheinander des Zartesten, Gröbsten und
Künstlichsten, mit einer geheimen Vertraulichkeit und Herzlichkeit an, wir
geniessen ihn als das gerade uns aufgesparte Raffinement der Kunst und
lassen uns dabei von den widrigen Dämpfen und der Nähe des englischen
Page 145
Pöbels, in welcher Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig
stören, als etwa auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen,
bezaubert und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der
Pöbel-Quartiere in der Luft sind. Wir Menschen des "historischen Sinns":
wir haben als solche unsre Tugenden, es ist nicht zu bestreiten, - wir sind
anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer, voller Selbstüberwindung, voller
Hingebung, sehr dankbar, sehr geduldig, sehr entgegenkommend: - wir sind
mit Alledem vielleicht nicht sehr "geschmackvoll". Gestehen wir es uns
schliesslich zu: was uns Menschen des "historischen Sinns" am schwersten
zu fassen, zu fühlen, nachzuschmecken, nachzulieben ist, was uns im
Grunde voreingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade das
Vollkommene und Letzthin - Reife in jeder Cultur und Kunst, das eigentlich
Vornehme an Werken und Menschen, ihr Augenblick glatten Meers und
halkyonischer Selbstgenugsamkeit, das Goldene und Kalte, welches alle
Dinge zeigen, die sich vollendet haben. Vielleicht steht unsre grosse Tugend
des historischen Sinns in einem nothwendigen Gegensatz zum guten
Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke, und wir vermögen
gerade die kleinen kurzen und höchsten Glücksfälle und Verklärungen des
menschlichen Lebens, wie sie hier und da einmal aufglänzen, nur schlecht,
nur zögernd, nur mit Zwang in uns nachzubilden: jene Augenblicke und
Wunder, wo eine grosse Kraft freiwillig vor dem Maasslosen und
Unbegrenzten stehen blieb -, wo ein Überfluss von feiner Lust in der
plötzlichen Bändigung und Versteinerung, im Feststehen und Sich-Fest-
Stellen auf einem noch zitternden Boden genossen wurde. Das Maass ist
uns fremd, gestehen wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des
Unendlichen, Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vorwärts
schnaubendem Rosse lassen wir vor dem Unendlichen die Zügel fallen, wir
modernen Menschen, wir Halbbarbaren - und sind erst dort in unsrer
Seligkeit, wo wir auch am meisten - in Gefahr sind.
stören, als etwa auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen,
bezaubert und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der
Pöbel-Quartiere in der Luft sind. Wir Menschen des "historischen Sinns":
wir haben als solche unsre Tugenden, es ist nicht zu bestreiten, - wir sind
anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer, voller Selbstüberwindung, voller
Hingebung, sehr dankbar, sehr geduldig, sehr entgegenkommend: - wir sind
mit Alledem vielleicht nicht sehr "geschmackvoll". Gestehen wir es uns
schliesslich zu: was uns Menschen des "historischen Sinns" am schwersten
zu fassen, zu fühlen, nachzuschmecken, nachzulieben ist, was uns im
Grunde voreingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade das
Vollkommene und Letzthin - Reife in jeder Cultur und Kunst, das eigentlich
Vornehme an Werken und Menschen, ihr Augenblick glatten Meers und
halkyonischer Selbstgenugsamkeit, das Goldene und Kalte, welches alle
Dinge zeigen, die sich vollendet haben. Vielleicht steht unsre grosse Tugend
des historischen Sinns in einem nothwendigen Gegensatz zum guten
Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke, und wir vermögen
gerade die kleinen kurzen und höchsten Glücksfälle und Verklärungen des
menschlichen Lebens, wie sie hier und da einmal aufglänzen, nur schlecht,
nur zögernd, nur mit Zwang in uns nachzubilden: jene Augenblicke und
Wunder, wo eine grosse Kraft freiwillig vor dem Maasslosen und
Unbegrenzten stehen blieb -, wo ein Überfluss von feiner Lust in der
plötzlichen Bändigung und Versteinerung, im Feststehen und Sich-Fest-
Stellen auf einem noch zitternden Boden genossen wurde. Das Maass ist
uns fremd, gestehen wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des
Unendlichen, Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vorwärts
schnaubendem Rosse lassen wir vor dem Unendlichen die Zügel fallen, wir
modernen Menschen, wir Halbbarbaren - und sind erst dort in unsrer
Seligkeit, wo wir auch am meisten - in Gefahr sind.
Page 146
225.
Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus:
alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst nach
Begleitzuständen und Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind
Vordergrunds-Denkweisen und Naivetäten, auf welche ein Jeder, der sich
gestaltender Kräfte und eines Künstler-Gewissens bewusst ist, nicht ohne
Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit euch! das
ist freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist nicht Mitleiden mit
der socialen "Noth", mit der "Gesellschaft" und ihren Kranken und
Verunglückten, mit Lasterhaften und Zerbrochnen von Anbeginn, wie sie
rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger Mitleiden mit
murrenden gedrückten aufrührerischen Sklaven-Schichten, welche nach
Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten. Unser Mitleiden ist ein
höheres fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie der Mensch sich
verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - und es giebt Augenblicke, wo wir
gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen Beängstigung zusehn,
wo wir uns gegen dies Mitleiden wehren -, wo wir euren Ernst gefährlicher
als irgend welche Leichtfertigkeit finden. Ihr wollt womöglich - und es
giebt kein tolleres "womöglich" - das Leiden abschaffen; und wir? - es
scheint gerade, wir wollen es lieber noch höher und schlimmer haben, als je
es war! Wohlbefinden, wie ihr es versteht - das ist ja kein Ziel, das scheint
uns ein Ende! Ein Zustand, welcher den Menschen alsbald lächerlich und
verächtlich macht, - der seinen Untergang wünschen macht! Die Zucht des
Leidens, des grossen Leidens - wisst ihr nicht, dass nur diese Zucht alle
Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jene Spannung der Seele
im Unglück, welche ihr die Stärke anzüchtet, ihre Schauer im Anblick des
grossen Zugrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen,
Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, und was ihr nur je von
Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, List, Grösse geschenkt worden ist: - ist es
nicht ihr unter Leiden, unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt
Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus:
alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst nach
Begleitzuständen und Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind
Vordergrunds-Denkweisen und Naivetäten, auf welche ein Jeder, der sich
gestaltender Kräfte und eines Künstler-Gewissens bewusst ist, nicht ohne
Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit euch! das
ist freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist nicht Mitleiden mit
der socialen "Noth", mit der "Gesellschaft" und ihren Kranken und
Verunglückten, mit Lasterhaften und Zerbrochnen von Anbeginn, wie sie
rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger Mitleiden mit
murrenden gedrückten aufrührerischen Sklaven-Schichten, welche nach
Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten. Unser Mitleiden ist ein
höheres fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie der Mensch sich
verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - und es giebt Augenblicke, wo wir
gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen Beängstigung zusehn,
wo wir uns gegen dies Mitleiden wehren -, wo wir euren Ernst gefährlicher
als irgend welche Leichtfertigkeit finden. Ihr wollt womöglich - und es
giebt kein tolleres "womöglich" - das Leiden abschaffen; und wir? - es
scheint gerade, wir wollen es lieber noch höher und schlimmer haben, als je
es war! Wohlbefinden, wie ihr es versteht - das ist ja kein Ziel, das scheint
uns ein Ende! Ein Zustand, welcher den Menschen alsbald lächerlich und
verächtlich macht, - der seinen Untergang wünschen macht! Die Zucht des
Leidens, des grossen Leidens - wisst ihr nicht, dass nur diese Zucht alle
Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jene Spannung der Seele
im Unglück, welche ihr die Stärke anzüchtet, ihre Schauer im Anblick des
grossen Zugrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen,
Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, und was ihr nur je von
Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, List, Grösse geschenkt worden ist: - ist es
nicht ihr unter Leiden, unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt
Page 147
worden? Im Menschen ist Geschöpf und Schöpfer vereint: im Menschen ist
Stoff, Bruchstück, Überfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; aber im
Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, Zuschauer-
Göttlichkeit und siebenter Tag: - versteht ihr diesen Gegensatz? Und dass
euer Mitleid dem "Geschöpf im Menschen" gilt, dem, was geformt,
gebrochen, geschmiedet, gerissen, gebrannt, geglüht, geläutert werden
muss, - dem, was nothwendig leiden muss und leiden soll? Und unser
Mitleid - begreift ihr's nicht, wem unser umgekehrtes Mitleid gilt, wenn es
sich gegen euer Mitleid wehrt, als gegen die schlimmste aller
Verzärtelungen und Schwächen? - Mitleid also gegen Mitleid! - Aber,
nochmals gesagt, es giebt höhere Probleme als alle Lust- und Leid- und
Mitleid-Probleme; und jede Philosophie, die nur auf diese hinausläuft, ist
eine Naivetät. -
226.
Wir Immoralisten! - Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten
und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen
Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des "Beinahe" in jedem Betrachte,
häklich, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut vertheidigt gegen
plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir sind in ein strenges
Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und können da nicht heraus -,
darin eben sind wir "Menschen der Pflicht", auch wir! Bisweilen, es ist
wahr, tanzen wir wohl in unsern "Ketten" und zwischen unsern
"Schwertern"; öfter, es ist nicht minder wahr, knirschen wir darunter und
sind ungeduldig über all die heimliche Härte unsres Geschicks. Aber wir
mögen thun, was wir wollen: die Tölpel und der Augenschein sagen gegen
uns "das sind Menschen ohne Pflicht" - wir haben immer die Tölpel und
den Augenschein gegen uns!
Stoff, Bruchstück, Überfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; aber im
Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, Zuschauer-
Göttlichkeit und siebenter Tag: - versteht ihr diesen Gegensatz? Und dass
euer Mitleid dem "Geschöpf im Menschen" gilt, dem, was geformt,
gebrochen, geschmiedet, gerissen, gebrannt, geglüht, geläutert werden
muss, - dem, was nothwendig leiden muss und leiden soll? Und unser
Mitleid - begreift ihr's nicht, wem unser umgekehrtes Mitleid gilt, wenn es
sich gegen euer Mitleid wehrt, als gegen die schlimmste aller
Verzärtelungen und Schwächen? - Mitleid also gegen Mitleid! - Aber,
nochmals gesagt, es giebt höhere Probleme als alle Lust- und Leid- und
Mitleid-Probleme; und jede Philosophie, die nur auf diese hinausläuft, ist
eine Naivetät. -
226.
Wir Immoralisten! - Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten
und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen
Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des "Beinahe" in jedem Betrachte,
häklich, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut vertheidigt gegen
plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir sind in ein strenges
Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und können da nicht heraus -,
darin eben sind wir "Menschen der Pflicht", auch wir! Bisweilen, es ist
wahr, tanzen wir wohl in unsern "Ketten" und zwischen unsern
"Schwertern"; öfter, es ist nicht minder wahr, knirschen wir darunter und
sind ungeduldig über all die heimliche Härte unsres Geschicks. Aber wir
mögen thun, was wir wollen: die Tölpel und der Augenschein sagen gegen
uns "das sind Menschen ohne Pflicht" - wir haben immer die Tölpel und
den Augenschein gegen uns!
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227.
Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht
loskönnen, wir freien Geister - nun, wir wollen mit aller Bosheit und Liebe
an ihr arbeiten und nicht müde werden, uns in unsrer Tugend, die allein uns
übrig blieb, zu "vervollkommnen": mag ihr Glanz einmal wie ein
vergoldetes blaues spöttisches Abendlicht über dieser alternden Cultur und
ihrem dumpfen düsteren Ernste liegen bleiben! Und wenn dennoch unsre
Redlichkeit eines Tages müde wird und seufzt und die Glieder streckt und
uns zu hart findet und es besser, leichter, zärtlicher haben möchte, gleich
einem angenehmen Laster: bleiben wir hart, wir letzten Stoiker! und
schicken wir ihr zu Hülfe, was wir nur an Teufelei in uns haben - unsern
Ekel am Plumpen und Ungefähren, unser "nitimur in vetitum", unsern
Abenteuerer-Muth, unsre gewitzte und verwöhnte Neugierde, unsern
feinsten verkapptesten geistigsten Willen zur Macht und Welt-
Überwindung, der begehrlich um alle Reiche der Zukunft schweift und
schwärmt, - kommen wir unserm "Gotte" mit allen unsern "Teufeln" zu
Hülfe! Es ist wahrscheinlich, dass man uns darob verkennt und verwechselt:
was liegt daran! Man wird sagen: "ihre "Redlichkeit" - das ist ihre Teufelei,
und gar nichts mehr!" was liegt daran! Und selbst wenn man Recht hätte!
Waren nicht alle Götter bisher dergleichen heilig gewordne umgetaufte
Teufel? Und was wissen wir zuletzt von uns? Und wie der Geist heissen
will, der uns führt? (es ist eine Sache der Namen.) Und wie viele Geister
wir bergen? Unsre Redlichkeit, wir freien Geister, - sorgen wir dafür, dass
sie nicht unsre Eitelkeit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre
Dummheit werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur
Tugend; "dumm bis zur Heiligkeit" sagt man in Russland, - sorgen wir
dafür, dass wir nicht aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und
Langweiligen werden! Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, sich in ihm
- zu langweilen? Man müsste schon an's ewige Leben glauben, um….
Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht
loskönnen, wir freien Geister - nun, wir wollen mit aller Bosheit und Liebe
an ihr arbeiten und nicht müde werden, uns in unsrer Tugend, die allein uns
übrig blieb, zu "vervollkommnen": mag ihr Glanz einmal wie ein
vergoldetes blaues spöttisches Abendlicht über dieser alternden Cultur und
ihrem dumpfen düsteren Ernste liegen bleiben! Und wenn dennoch unsre
Redlichkeit eines Tages müde wird und seufzt und die Glieder streckt und
uns zu hart findet und es besser, leichter, zärtlicher haben möchte, gleich
einem angenehmen Laster: bleiben wir hart, wir letzten Stoiker! und
schicken wir ihr zu Hülfe, was wir nur an Teufelei in uns haben - unsern
Ekel am Plumpen und Ungefähren, unser "nitimur in vetitum", unsern
Abenteuerer-Muth, unsre gewitzte und verwöhnte Neugierde, unsern
feinsten verkapptesten geistigsten Willen zur Macht und Welt-
Überwindung, der begehrlich um alle Reiche der Zukunft schweift und
schwärmt, - kommen wir unserm "Gotte" mit allen unsern "Teufeln" zu
Hülfe! Es ist wahrscheinlich, dass man uns darob verkennt und verwechselt:
was liegt daran! Man wird sagen: "ihre "Redlichkeit" - das ist ihre Teufelei,
und gar nichts mehr!" was liegt daran! Und selbst wenn man Recht hätte!
Waren nicht alle Götter bisher dergleichen heilig gewordne umgetaufte
Teufel? Und was wissen wir zuletzt von uns? Und wie der Geist heissen
will, der uns führt? (es ist eine Sache der Namen.) Und wie viele Geister
wir bergen? Unsre Redlichkeit, wir freien Geister, - sorgen wir dafür, dass
sie nicht unsre Eitelkeit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre
Dummheit werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur
Tugend; "dumm bis zur Heiligkeit" sagt man in Russland, - sorgen wir
dafür, dass wir nicht aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und
Langweiligen werden! Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, sich in ihm
- zu langweilen? Man müsste schon an's ewige Leben glauben, um….
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228.
Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral-Philosophie bisher
langweilig war und zu den Schlafmitteln gehörte - und dass "die Tugend"
durch nichts mehr in meinen Augen beeinträchtigt worden ist, als durch
diese Langweiligkeit ihrer Fürsprecher; womit ich noch nicht deren
allgemeine Nützlichkeit verkannt haben möchte. Es liegt viel daran, dass so
wenig Menschen als möglich über Moral nachdenken, - es liegt folglich
sehr viel daran, dass die Moral nicht etwa eines Tages interessant werde!
Aber man sei unbesorgt! Es steht auch heute noch so, wie es immer stand:
ich sehe Niemanden in Europa, der einen Begriff davon hätte (oder gäbe),
dass das Nachdenken über Moral gefährlich, verfänglich, verführerisch
getrieben werden könnte, - dass Verhängniss darin liegen könnte! Man sehe
sich zum Beispiel die unermüdlichen unvermeidlichen englischen Utilitarier
an, wie sie plump und ehrenwerth in den Fusstapfen Bentham's, daher
wandeln, dahin wandeln (ein homerisches Gleichniss sagt es deutlicher), so
wie er selbst schon in den Fusstapfen des ehrenwerthen Helvétius wandelte
(nein, das war kein gefährlicher Mensch, dieser Helvétius!). Kein neuer
Gedanke, Nichts von feinerer Wendung und Faltung eines alten Gedankens,
nicht einmal eine wirkliche Historie des früher Gedachten: eine unmögliche
Litteratur im Ganzen, gesetzt, dass man sie nicht mit einiger Bosheit sich
einzusäuern versteht. Es hat sich nämlich auch in diese Moralisten (welche
man durchaus mit Nebengedanken lesen muss, falls man sie lesen muss-),
jenes alte englische Laster eingeschlichen, das cant heisst und moralische
Tartüfferie ist, dies Mal unter die neue Form der Wissenschaftlichkeit
versteckt; es fehlt auch nicht an geheimer Abwehr von Gewissensbissen, an
denen billigerweise eine Rasse von ehemaligen Puritanern bei aller
wissenschaftlichen Befassung mit Moral leiden wird. (Ist ein Moralist nicht
das Gegenstück eines Puritaners? Nämlich als ein Denker, der die Moral als
fragwürdig, fragezeichenwürdig, kurz als Problem nimmt? Sollte
Moralisiren nicht - unmoralisch sein?) Zuletzt wollen sie Alle, dass die
Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral-Philosophie bisher
langweilig war und zu den Schlafmitteln gehörte - und dass "die Tugend"
durch nichts mehr in meinen Augen beeinträchtigt worden ist, als durch
diese Langweiligkeit ihrer Fürsprecher; womit ich noch nicht deren
allgemeine Nützlichkeit verkannt haben möchte. Es liegt viel daran, dass so
wenig Menschen als möglich über Moral nachdenken, - es liegt folglich
sehr viel daran, dass die Moral nicht etwa eines Tages interessant werde!
Aber man sei unbesorgt! Es steht auch heute noch so, wie es immer stand:
ich sehe Niemanden in Europa, der einen Begriff davon hätte (oder gäbe),
dass das Nachdenken über Moral gefährlich, verfänglich, verführerisch
getrieben werden könnte, - dass Verhängniss darin liegen könnte! Man sehe
sich zum Beispiel die unermüdlichen unvermeidlichen englischen Utilitarier
an, wie sie plump und ehrenwerth in den Fusstapfen Bentham's, daher
wandeln, dahin wandeln (ein homerisches Gleichniss sagt es deutlicher), so
wie er selbst schon in den Fusstapfen des ehrenwerthen Helvétius wandelte
(nein, das war kein gefährlicher Mensch, dieser Helvétius!). Kein neuer
Gedanke, Nichts von feinerer Wendung und Faltung eines alten Gedankens,
nicht einmal eine wirkliche Historie des früher Gedachten: eine unmögliche
Litteratur im Ganzen, gesetzt, dass man sie nicht mit einiger Bosheit sich
einzusäuern versteht. Es hat sich nämlich auch in diese Moralisten (welche
man durchaus mit Nebengedanken lesen muss, falls man sie lesen muss-),
jenes alte englische Laster eingeschlichen, das cant heisst und moralische
Tartüfferie ist, dies Mal unter die neue Form der Wissenschaftlichkeit
versteckt; es fehlt auch nicht an geheimer Abwehr von Gewissensbissen, an
denen billigerweise eine Rasse von ehemaligen Puritanern bei aller
wissenschaftlichen Befassung mit Moral leiden wird. (Ist ein Moralist nicht
das Gegenstück eines Puritaners? Nämlich als ein Denker, der die Moral als
fragwürdig, fragezeichenwürdig, kurz als Problem nimmt? Sollte
Moralisiren nicht - unmoralisch sein?) Zuletzt wollen sie Alle, dass die
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englische Moralität Recht bekomme: insofern gerade damit der Menschheit,
oder dem "allgemeinen Nutzen" oder "dem Glück der Meisten", nein! dem
Glücke Englands am besten gedient wird; sie möchten mit allen Kräften
sich beweisen, dass das Streben nach englischem Glück, ich meine nach
comfort und fashion (und, an höchster Stelle, einem Sitz im Parlament)
zugleich auch der rechte Pfad der Tugend sei, ja dass, so viel Tugend es
bisher in der Welt gegeben hat, es eben in einem solchen Streben bestanden
habe. Keins von allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten
Heerdenthieren (die die Sache des Egoismus als Sache der allgemeinen
Wohlfahrt zu führen unternehmen -) will etwas davon wissen und riechen,
dass die "allgemeine Wohlfahrt" kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie
fassbarer Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist, - dass, was dem Einen
billig ist, durchaus noch nicht dem Andern billig sein kann, dass die
Forderung Einer Moral für Alle die Beeinträchtigung gerade der höheren
Menschen ist, kurz, dass es eine Rangordnung zwischen Mensch und
Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral giebt. Es ist eine
bescheidene und gründlich mittelmässige Art Mensch, diese utilitarischen
Engländer, und, wie gesagt: insofern sie langweilig sind, kann man nicht
hoch genug von ihrer Utilität denken. Man sollte sie noch ermuthigen: wie
es, zum Theil, mit nachfolgenden Reimen versucht worden ist.
Heil euch, brave Karrenschieber,
Stets "je länger, desto lieber",
Steifer stets an Kopf und Knie,
Unbegeistert, ungespässig,
Unverwüstlich-mittelmässig,
Sans genie et sans esprit!
229.
oder dem "allgemeinen Nutzen" oder "dem Glück der Meisten", nein! dem
Glücke Englands am besten gedient wird; sie möchten mit allen Kräften
sich beweisen, dass das Streben nach englischem Glück, ich meine nach
comfort und fashion (und, an höchster Stelle, einem Sitz im Parlament)
zugleich auch der rechte Pfad der Tugend sei, ja dass, so viel Tugend es
bisher in der Welt gegeben hat, es eben in einem solchen Streben bestanden
habe. Keins von allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten
Heerdenthieren (die die Sache des Egoismus als Sache der allgemeinen
Wohlfahrt zu führen unternehmen -) will etwas davon wissen und riechen,
dass die "allgemeine Wohlfahrt" kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie
fassbarer Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist, - dass, was dem Einen
billig ist, durchaus noch nicht dem Andern billig sein kann, dass die
Forderung Einer Moral für Alle die Beeinträchtigung gerade der höheren
Menschen ist, kurz, dass es eine Rangordnung zwischen Mensch und
Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral giebt. Es ist eine
bescheidene und gründlich mittelmässige Art Mensch, diese utilitarischen
Engländer, und, wie gesagt: insofern sie langweilig sind, kann man nicht
hoch genug von ihrer Utilität denken. Man sollte sie noch ermuthigen: wie
es, zum Theil, mit nachfolgenden Reimen versucht worden ist.
Heil euch, brave Karrenschieber,
Stets "je länger, desto lieber",
Steifer stets an Kopf und Knie,
Unbegeistert, ungespässig,
Unverwüstlich-mittelmässig,
Sans genie et sans esprit!
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Es bleibt in jenen späten Zeitaltern, die auf Menschlichkeit stolz sein
dürfen, so viel Furcht, so viel Aberglaube der Furcht vor dem "wilden
grausamen Thiere" zurück, über welches Herr geworden zu sein eben den
Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst handgreifliche
Wahrheiten wie auf Verabredung Jahrhunderte lang unausgesprochen
bleiben, weil sie den Anschein haben, jenem wilden, endlich abgetödteten
Thiere wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage vielleicht etwas, wenn ich
eine solche Wahrheit mir entschlüpfen lasse: mögen Andre sie wieder
einfangen und ihr so viel "Milch der frommen Denkungsart" zu trinken
geben, bis sie still und vergessen in ihrer alten Ecke liegt. - Man soll über
die Grausamkeit umlernen und die Augen aufmachen; man soll endlich
Ungeduld lernen, damit nicht länger solche unbescheidne dicke Irrthümer
tugendhaft und dreist herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff der
Tragödie von alten und neuen Philosophen aufgefüttert worden sind. Fast
Alles, was wir "höhere Cultur" nennen, beruht auf der Vergeistigung und
Vertiefung der Grausamkeit - dies ist mein Satz; jenes "wilde Thier" ist gar
nicht abgetödtet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur - vergöttlicht. Was
die schmerzliche Wollust der Tragödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im
sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem Erhabenen bis
hinauf zu den höchsten und zartesten Schaudern der Metaphysik, angenehm
wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von der eingemischten Ingredienz
der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der Christ in den
Entzückungen des Kreuzes, der Spanier Angesichts von Scheiterhaufen
oder Stierkämpfen, der Japanese von heute, der sich zur Tragödie drängt,
der Pariser Vorstadt-Arbeiter, der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen
hat, die Wagnerianerin, welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde
über sich "ergehen lässt", - was diese Alle geniessen und mit
geheimnissvoller Brunst in sich hineinzutrinken trachten, das sind die
Würztränke der grossen Circe "Grausamkeit". Dabei muss man freilich die
tölpelhafte Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der
dürfen, so viel Furcht, so viel Aberglaube der Furcht vor dem "wilden
grausamen Thiere" zurück, über welches Herr geworden zu sein eben den
Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst handgreifliche
Wahrheiten wie auf Verabredung Jahrhunderte lang unausgesprochen
bleiben, weil sie den Anschein haben, jenem wilden, endlich abgetödteten
Thiere wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage vielleicht etwas, wenn ich
eine solche Wahrheit mir entschlüpfen lasse: mögen Andre sie wieder
einfangen und ihr so viel "Milch der frommen Denkungsart" zu trinken
geben, bis sie still und vergessen in ihrer alten Ecke liegt. - Man soll über
die Grausamkeit umlernen und die Augen aufmachen; man soll endlich
Ungeduld lernen, damit nicht länger solche unbescheidne dicke Irrthümer
tugendhaft und dreist herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff der
Tragödie von alten und neuen Philosophen aufgefüttert worden sind. Fast
Alles, was wir "höhere Cultur" nennen, beruht auf der Vergeistigung und
Vertiefung der Grausamkeit - dies ist mein Satz; jenes "wilde Thier" ist gar
nicht abgetödtet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur - vergöttlicht. Was
die schmerzliche Wollust der Tragödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im
sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem Erhabenen bis
hinauf zu den höchsten und zartesten Schaudern der Metaphysik, angenehm
wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von der eingemischten Ingredienz
der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der Christ in den
Entzückungen des Kreuzes, der Spanier Angesichts von Scheiterhaufen
oder Stierkämpfen, der Japanese von heute, der sich zur Tragödie drängt,
der Pariser Vorstadt-Arbeiter, der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen
hat, die Wagnerianerin, welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde
über sich "ergehen lässt", - was diese Alle geniessen und mit
geheimnissvoller Brunst in sich hineinzutrinken trachten, das sind die
Würztränke der grossen Circe "Grausamkeit". Dabei muss man freilich die
tölpelhafte Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der
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Grausamkeit nur zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides
entstünde: es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am
eignen Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch
zur Selbst-Verleugnung im religiösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung,
wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinnlichung,
Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur
Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto sich
überreden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und
vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der gegen sich selbst
gewendeten Grausamkeit. Zuletzt erwäge man, dass selbst der Erkennende,
indem er seinen Geist zwingt, wider den Hang des Geistes und oft genug
auch wider die Wünsche seines Herzens zu erkennen - nämlich Nein zu
sagen, wo er bejahen, lieben, anbeten möchte -, als Künstler und Verklärer
der Grausamkeit waltet; schon jedes Tief- und Gründlich-Nehmen ist eine
Vergewaltigung, ein Wehe-thun-wollen am Grundwillen des Geistes,
welcher unablässig zum Scheine und zu den Oberflächen hin will, - schon
in jedem Erkennen-Wollen ist ein Tropfen Grausamkeit.
230.
Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich hier von einem
"Grundwillen des Geistes" gesagt habe: man gestatte mir eine Erläuterung. -
Das befehlerische Etwas, das vom Volke "der Geist" genannt wird, will in
sich und um sich herum Herr sein und sich als Herrn fühlen: es hat den
Willen aus der Vielheit zur Einfachheit, einen zusammenschnürenden,
bändigenden, herrschsüchtigen und wirklich herrschaftlichen Willen. Seine
Bedürfnisse und Vermögen sind hierin die selben, wie sie die Physiologen
für Alles, was lebt, wächst und sich vermehrt, aufstellen. Die Kraft des
Geistes, Fremdes sich anzueignen, offenbart sich in einem starken Hange,
das Neue dem Alten anzuähnlichen, das Mannichfaltige zu vereinfachen,
entstünde: es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am
eignen Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch
zur Selbst-Verleugnung im religiösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung,
wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinnlichung,
Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur
Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto sich
überreden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und
vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der gegen sich selbst
gewendeten Grausamkeit. Zuletzt erwäge man, dass selbst der Erkennende,
indem er seinen Geist zwingt, wider den Hang des Geistes und oft genug
auch wider die Wünsche seines Herzens zu erkennen - nämlich Nein zu
sagen, wo er bejahen, lieben, anbeten möchte -, als Künstler und Verklärer
der Grausamkeit waltet; schon jedes Tief- und Gründlich-Nehmen ist eine
Vergewaltigung, ein Wehe-thun-wollen am Grundwillen des Geistes,
welcher unablässig zum Scheine und zu den Oberflächen hin will, - schon
in jedem Erkennen-Wollen ist ein Tropfen Grausamkeit.
230.
Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich hier von einem
"Grundwillen des Geistes" gesagt habe: man gestatte mir eine Erläuterung. -
Das befehlerische Etwas, das vom Volke "der Geist" genannt wird, will in
sich und um sich herum Herr sein und sich als Herrn fühlen: es hat den
Willen aus der Vielheit zur Einfachheit, einen zusammenschnürenden,
bändigenden, herrschsüchtigen und wirklich herrschaftlichen Willen. Seine
Bedürfnisse und Vermögen sind hierin die selben, wie sie die Physiologen
für Alles, was lebt, wächst und sich vermehrt, aufstellen. Die Kraft des
Geistes, Fremdes sich anzueignen, offenbart sich in einem starken Hange,
das Neue dem Alten anzuähnlichen, das Mannichfaltige zu vereinfachen,
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das gänzlich Widersprechende zu übersehen oder wegzustossen: ebenso wie
er bestimmte Züge und Linien am Fremden, an jedem Stück "Aussenwelt"
willkürlich stärker unterstreicht, heraushebt, sich zurecht fälscht. Seine
Absicht geht dabei auf Einverleibung neuer "Erfahrungen" auf Einreihung
neuer Dinge unter alte Reihen, - auf Wachsthum also; bestimmter noch, auf
das Gefühl des Wachsthums, auf das Gefühl der vermehrten Kraft. Diesem
selben Willen dient ein scheinbar entgegengesetzter Trieb des Geistes, ein
plötzlich herausbrechender Entschluss zur Unwissenheit, zur willkürlichen
Abschliessung, ein Zumachen seiner Fenster, ein inneres Neinsagen zu
diesem oder jenem Dinge, ein Nicht-heran-kommen-lassen, eine Art
Vertheidigungs-Zustand gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit mit dem
Dunkel, mit dem abschliessenden Horizonte, ein Ja-sagen und Gut-heissen
der Unwissenheit: wie dies Alles nöthig ist je nach dem Grade seiner
aneignenden Kraft, seiner "Verdauungskraft", im Bilde geredet - und
wirklich gleicht "der Geist" am meisten noch einem Magen. Insgleichen
gehört hierher der gelegentliche Wille des Geistes, sich täuschen zu lassen,
vielleicht mit einer muthwilligen Ahnung davon, dass es so und so nicht
steht, dass man es so und so eben nur gelten lässt, eine Lust an aller
Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, ein frohlockender Selbstgenuss an der
willkürlichen Enge und Heimlichkeit eines Winkels, am Allzunahen, am
Vordergrunde, am Vergrösserten, Verkleinerten, Verschobenen,
Verschönerten, ein Selbstgenuss an der Willkürlichkeit aller dieser
Machtäusserungen. Endlich gehört hierher jene nicht unbedenkliche
Bereitwilligkeit des Geistes, andere Geister zu täuschen und sich vor ihnen
zu verstellen, jener beständige Druck und Drang einer schaffenden,
bildenden, wandelfähigen Kraft: der Geist geniesst darin seine Masken-
Vielfältigkeit und Verschlagenheit, er geniesst auch das Gefühl seiner
Sicherheit darin, - gerade durch seine Proteuskünste ist er ja am besten
vertheidigt und versteckt! - Diesem Willen zum Schein, zur Vereinfachung,
zur Maske, zum Mantel, kurz zur Oberfläche - denn jede Oberfläche ist ein
er bestimmte Züge und Linien am Fremden, an jedem Stück "Aussenwelt"
willkürlich stärker unterstreicht, heraushebt, sich zurecht fälscht. Seine
Absicht geht dabei auf Einverleibung neuer "Erfahrungen" auf Einreihung
neuer Dinge unter alte Reihen, - auf Wachsthum also; bestimmter noch, auf
das Gefühl des Wachsthums, auf das Gefühl der vermehrten Kraft. Diesem
selben Willen dient ein scheinbar entgegengesetzter Trieb des Geistes, ein
plötzlich herausbrechender Entschluss zur Unwissenheit, zur willkürlichen
Abschliessung, ein Zumachen seiner Fenster, ein inneres Neinsagen zu
diesem oder jenem Dinge, ein Nicht-heran-kommen-lassen, eine Art
Vertheidigungs-Zustand gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit mit dem
Dunkel, mit dem abschliessenden Horizonte, ein Ja-sagen und Gut-heissen
der Unwissenheit: wie dies Alles nöthig ist je nach dem Grade seiner
aneignenden Kraft, seiner "Verdauungskraft", im Bilde geredet - und
wirklich gleicht "der Geist" am meisten noch einem Magen. Insgleichen
gehört hierher der gelegentliche Wille des Geistes, sich täuschen zu lassen,
vielleicht mit einer muthwilligen Ahnung davon, dass es so und so nicht
steht, dass man es so und so eben nur gelten lässt, eine Lust an aller
Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, ein frohlockender Selbstgenuss an der
willkürlichen Enge und Heimlichkeit eines Winkels, am Allzunahen, am
Vordergrunde, am Vergrösserten, Verkleinerten, Verschobenen,
Verschönerten, ein Selbstgenuss an der Willkürlichkeit aller dieser
Machtäusserungen. Endlich gehört hierher jene nicht unbedenkliche
Bereitwilligkeit des Geistes, andere Geister zu täuschen und sich vor ihnen
zu verstellen, jener beständige Druck und Drang einer schaffenden,
bildenden, wandelfähigen Kraft: der Geist geniesst darin seine Masken-
Vielfältigkeit und Verschlagenheit, er geniesst auch das Gefühl seiner
Sicherheit darin, - gerade durch seine Proteuskünste ist er ja am besten
vertheidigt und versteckt! - Diesem Willen zum Schein, zur Vereinfachung,
zur Maske, zum Mantel, kurz zur Oberfläche - denn jede Oberfläche ist ein
Page 154
Mantel - wirkt jener sublime Hang des Erkennenden entgegen, der die
Dinge tief, vielfach, gründlich nimmt und nehmen will: als eine Art
Grausamkeit des intellektuellen Gewissens und Geschmacks, welche jeder
tapfere Denker bei sich anerkennen wird, gesetzt dass er, wie sich gebührt,
sein Auge für sich selbst lange genug gehärtet und gespitzt hat und an
strenge Zucht, auch an strenge Worte gewöhnt ist. Er wird sagen "es ist
etwas Grausames im Hange meines Geistes": - mögen die Tugendhaften
und Liebenswürdigen es ihm auszureden suchen! In der That, es klänge
artiger, wenn man uns, statt der Grausamkeit, etwa eine "ausschweifende
Redlichkeit" nachsagte, nachraunte, nachrühmte, - uns freien, sehr freien
Geistern: - und so klingt vielleicht wirklich einmal unser - Nachruhm?
Einstweilen - denn es hat Zeit bis dahin - möchten wir selbst wohl am
wenigsten geneigt sein, uns mit dergleichen moralischen Wort-Flittern und -
Franzen aufzuputzen: unsre ganze bisherige Arbeit verleidet uns gerade
diesen Geschmack und seine muntere Üppigkeit. Es sind schöne glitzernde
klirrende festliche Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe zur
Weisheit, Aufopferung für die Erkenntniss, Heroismus des Wahrhaftigen, -
es ist Etwas daran, das Einem den Stolz schwellen macht. Aber wir
Einsiedler und Murmelthiere, wir haben uns längst in aller Heimlichkeit
eines Einsiedler-Gewissens überredet, dass auch dieser würdige Wort-Prunk
zu dem alten Lügen-Putz, -Plunder und -Goldstaub der unbewussten
menschlichen Eitelkeit gehört, und dass auch unter solcher
schmeichlerischen Farbe und Übermalung der schreckliche Grundtext homo
natura wieder heraus erkannt werden muss. Den Menschen nämlich
zurückübersetzen in die Natur; über die vielen eitlen und schwärmerischen
Deutungen und Nebensinne Herr werden, welche bisher über jenen ewigen
Grundtext homo natura gekritzelt und gemalt wurden; machen, dass der
Mensch fürderhin vor dem Menschen steht, wie er heute schon, hart
geworden in der Zucht der Wissenschaft, vor der anderen Natur steht, mit
unerschrocknen Oedipus-Augen und verklebten Odysseus-Ohren, taub
Dinge tief, vielfach, gründlich nimmt und nehmen will: als eine Art
Grausamkeit des intellektuellen Gewissens und Geschmacks, welche jeder
tapfere Denker bei sich anerkennen wird, gesetzt dass er, wie sich gebührt,
sein Auge für sich selbst lange genug gehärtet und gespitzt hat und an
strenge Zucht, auch an strenge Worte gewöhnt ist. Er wird sagen "es ist
etwas Grausames im Hange meines Geistes": - mögen die Tugendhaften
und Liebenswürdigen es ihm auszureden suchen! In der That, es klänge
artiger, wenn man uns, statt der Grausamkeit, etwa eine "ausschweifende
Redlichkeit" nachsagte, nachraunte, nachrühmte, - uns freien, sehr freien
Geistern: - und so klingt vielleicht wirklich einmal unser - Nachruhm?
Einstweilen - denn es hat Zeit bis dahin - möchten wir selbst wohl am
wenigsten geneigt sein, uns mit dergleichen moralischen Wort-Flittern und -
Franzen aufzuputzen: unsre ganze bisherige Arbeit verleidet uns gerade
diesen Geschmack und seine muntere Üppigkeit. Es sind schöne glitzernde
klirrende festliche Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe zur
Weisheit, Aufopferung für die Erkenntniss, Heroismus des Wahrhaftigen, -
es ist Etwas daran, das Einem den Stolz schwellen macht. Aber wir
Einsiedler und Murmelthiere, wir haben uns längst in aller Heimlichkeit
eines Einsiedler-Gewissens überredet, dass auch dieser würdige Wort-Prunk
zu dem alten Lügen-Putz, -Plunder und -Goldstaub der unbewussten
menschlichen Eitelkeit gehört, und dass auch unter solcher
schmeichlerischen Farbe und Übermalung der schreckliche Grundtext homo
natura wieder heraus erkannt werden muss. Den Menschen nämlich
zurückübersetzen in die Natur; über die vielen eitlen und schwärmerischen
Deutungen und Nebensinne Herr werden, welche bisher über jenen ewigen
Grundtext homo natura gekritzelt und gemalt wurden; machen, dass der
Mensch fürderhin vor dem Menschen steht, wie er heute schon, hart
geworden in der Zucht der Wissenschaft, vor der anderen Natur steht, mit
unerschrocknen Oedipus-Augen und verklebten Odysseus-Ohren, taub
Page 155
gegen die Lockweisen alter metaphysischer Vogelfänger, welche ihm
allzulange zugeflötet haben: "du bist mehr! du bist höher! du bist anderer
Herkunft!" - das mag eine seltsame und tolle Aufgabe sein, aber es ist eine
Aufgabe - wer wollte das leugnen! Warum wir sie wählten, diese tolle
Aufgabe? Oder anders gefragt: "warum überhaupt Erkenntniss?" -
Jedermann wird uns darnach fragen. Und wir, solchermaassen gedrängt,
wir, die wir uns hunderte Male selbst schon ebenso gefragt haben, wir
fanden und finden keine bessere Antwort….
231.
Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle Ernährung thut, die
auch nicht bloss "erhält" -: wie der Physiologe weiss. Aber im Grunde von
uns, ganz "da unten", giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen Granit
von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und Antwort auf
vorherbestimmte ausgelesene Fragen. Bei jedem kardinalen Probleme redet
ein unwandelbares "das bin ich"; über Mann und Weib zum Beispiel kann
ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen, - nur zu Ende entdecken,
was darüber bei ihm "feststeht". Man findet bei Zeiten gewisse Lösungen
von Problemen, die gerade uns starken Glauben machen; vielleicht nennt
man sie fürderhin seine "Überzeugungen". Später - sieht man in ihnen nur
Fusstapfen zur Selbsterkenntniss, Wegweiser zum Probleme, das wir sind, -
richtiger, zur grossen Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum,
zum Unbelehrbaren ganz "da unten". - Auf diese reichliche Artigkeit hin,
wie ich sie eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht
eher schon gestattet sein, über das "Weib an sich" einige Wahrheiten
herauszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie
sehr es eben nur - meine Wahrheiten sind. -
232.
allzulange zugeflötet haben: "du bist mehr! du bist höher! du bist anderer
Herkunft!" - das mag eine seltsame und tolle Aufgabe sein, aber es ist eine
Aufgabe - wer wollte das leugnen! Warum wir sie wählten, diese tolle
Aufgabe? Oder anders gefragt: "warum überhaupt Erkenntniss?" -
Jedermann wird uns darnach fragen. Und wir, solchermaassen gedrängt,
wir, die wir uns hunderte Male selbst schon ebenso gefragt haben, wir
fanden und finden keine bessere Antwort….
231.
Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle Ernährung thut, die
auch nicht bloss "erhält" -: wie der Physiologe weiss. Aber im Grunde von
uns, ganz "da unten", giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen Granit
von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und Antwort auf
vorherbestimmte ausgelesene Fragen. Bei jedem kardinalen Probleme redet
ein unwandelbares "das bin ich"; über Mann und Weib zum Beispiel kann
ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen, - nur zu Ende entdecken,
was darüber bei ihm "feststeht". Man findet bei Zeiten gewisse Lösungen
von Problemen, die gerade uns starken Glauben machen; vielleicht nennt
man sie fürderhin seine "Überzeugungen". Später - sieht man in ihnen nur
Fusstapfen zur Selbsterkenntniss, Wegweiser zum Probleme, das wir sind, -
richtiger, zur grossen Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum,
zum Unbelehrbaren ganz "da unten". - Auf diese reichliche Artigkeit hin,
wie ich sie eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht
eher schon gestattet sein, über das "Weib an sich" einige Wahrheiten
herauszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie
sehr es eben nur - meine Wahrheiten sind. -
232.
Page 156
Das Weib will selbständig werden: und dazu fängt es an, die Männer über
das "Weib an sich" aufzuklären - das gehört zu den schlimmsten
Fortschritten der allgemeinen Verhässlichung Europa's. Denn was müssen
diese plumpen Versuche der weiblichen Wissenschaftlichkeit und Selbst-
Entblössung Alles an's Licht bringen! Das Weib hat so viel Grund zur
Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches,
Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaassliches, Kleinlich-Zügelloses und -
Unbescheidenes versteckt - man studire nur seinen Verkehr mit Kindern! -,
das im Grunde bisher durch die Furcht vor dem Manne am besten
zurückgedrängt und gebändigt wurde. Wehe, wenn erst das "Ewig-
Langweilige am Weibe" - es ist reich daran! - sich hervorwagen darf! wenn
es seine Klugheit und Kunst, die der Anmuth, des Spielens, Sorgen-
Wegscheuchens, Erleichterns und Leicht-Nehmens, wenn es seine feine
Anstelligkeit zu angenehmen Begierden gründlich und grundsätzlich zu
verlernen beginnt! Es werden schon jetzt weibliche Stimmen laut, welche,
beim heiligen Aristophanes! Schrecken machen, es wird mit medizinischer
Deutlichkeit gedroht, was zuerst und zuletzt das Weib vom Manne will. Ist
es nicht vom schlechtesten Geschmacke, wenn das Weib sich dergestalt
anschickt, wissenschaftlich zu werden? Bisher war glücklicher Weise das
Aufklären Männer-Sache, Männer-Gabe - man blieb damit "unter sich"; und
man darf sich zuletzt, bei Allem, was Weiber über "das Weib" schreiben, ein
gutes Misstrauen vorbehalten, ob das Weib über sich selbst eigentlich
Aufklärung will - und wollen kann Wenn ein Weib damit nicht einen neuen
Putz für sich sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen gehört zum Ewig-
Weiblichen? - nun, so will es vor sich Furcht erregen: - es will damit
vielleicht Herrschaft. Aber es will nicht Wahrheit: was liegt dem Weibe an
Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger,
feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste
Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. Gestehen wir es, wir
Männer: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen Instinkt am
das "Weib an sich" aufzuklären - das gehört zu den schlimmsten
Fortschritten der allgemeinen Verhässlichung Europa's. Denn was müssen
diese plumpen Versuche der weiblichen Wissenschaftlichkeit und Selbst-
Entblössung Alles an's Licht bringen! Das Weib hat so viel Grund zur
Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches,
Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaassliches, Kleinlich-Zügelloses und -
Unbescheidenes versteckt - man studire nur seinen Verkehr mit Kindern! -,
das im Grunde bisher durch die Furcht vor dem Manne am besten
zurückgedrängt und gebändigt wurde. Wehe, wenn erst das "Ewig-
Langweilige am Weibe" - es ist reich daran! - sich hervorwagen darf! wenn
es seine Klugheit und Kunst, die der Anmuth, des Spielens, Sorgen-
Wegscheuchens, Erleichterns und Leicht-Nehmens, wenn es seine feine
Anstelligkeit zu angenehmen Begierden gründlich und grundsätzlich zu
verlernen beginnt! Es werden schon jetzt weibliche Stimmen laut, welche,
beim heiligen Aristophanes! Schrecken machen, es wird mit medizinischer
Deutlichkeit gedroht, was zuerst und zuletzt das Weib vom Manne will. Ist
es nicht vom schlechtesten Geschmacke, wenn das Weib sich dergestalt
anschickt, wissenschaftlich zu werden? Bisher war glücklicher Weise das
Aufklären Männer-Sache, Männer-Gabe - man blieb damit "unter sich"; und
man darf sich zuletzt, bei Allem, was Weiber über "das Weib" schreiben, ein
gutes Misstrauen vorbehalten, ob das Weib über sich selbst eigentlich
Aufklärung will - und wollen kann Wenn ein Weib damit nicht einen neuen
Putz für sich sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen gehört zum Ewig-
Weiblichen? - nun, so will es vor sich Furcht erregen: - es will damit
vielleicht Herrschaft. Aber es will nicht Wahrheit: was liegt dem Weibe an
Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger,
feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste
Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. Gestehen wir es, wir
Männer: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen Instinkt am
Page 157
Weibe: wir, die wir es schwer haben und uns gerne zu unsrer Erleichterung
zu Wesen gesellen, unter deren Händen, Blicken und zarten Thorheiten uns
unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe wie eine Thorheit erscheint.
Zuletzt stelle ich die Frage: hat jemals ein Weib selber schon einem
Weibskopfe Tiefe, einem Weibsherzen Gerechtigkeit zugestanden? Und ist
es nicht wahr, dass, im Grossen gerechnet, "das Weib" bisher vom Weibe
selbst am meisten missachtet wurde - und ganz und gar nicht von uns? - Wir
Männer wünschen, dass das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklärung zu
compromittiren: wie es Manns-Fürsorge und Schonung des Weibes war, als
die Kirche dekretirte: mulier taceat in ecclesia! Es geschah zum Nutzen des
Weibes, als Napoleon der allzuberedten Madame de Staël zu verstehen gab:
mulier taceat in politicis! - und ich denke, dass es ein rechter Weiberfreund
ist, der den Frauen heute zuruft: mulier taceat de muliere!
233.
Es verräth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es
schlechten Geschmack verräth -. wenn ein Weib sich gerade auf Madame
Roland oder Madame de Staël oder Monsieur George Sand beruft, wie als
ob damit etwas zu Gunsten des "Weibes an sich" bewiesen wäre. Unter
Männern sind die Genannten die drei komischen Weiber an sich - nichts
mehr! - und gerade die besten unfreiwilligen Gegen-Argumente gegen
Emancipation und weibliche Selbstherrlichkeit.
234.
Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche
Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn
besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und will
Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte es ja,
zu Wesen gesellen, unter deren Händen, Blicken und zarten Thorheiten uns
unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe wie eine Thorheit erscheint.
Zuletzt stelle ich die Frage: hat jemals ein Weib selber schon einem
Weibskopfe Tiefe, einem Weibsherzen Gerechtigkeit zugestanden? Und ist
es nicht wahr, dass, im Grossen gerechnet, "das Weib" bisher vom Weibe
selbst am meisten missachtet wurde - und ganz und gar nicht von uns? - Wir
Männer wünschen, dass das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklärung zu
compromittiren: wie es Manns-Fürsorge und Schonung des Weibes war, als
die Kirche dekretirte: mulier taceat in ecclesia! Es geschah zum Nutzen des
Weibes, als Napoleon der allzuberedten Madame de Staël zu verstehen gab:
mulier taceat in politicis! - und ich denke, dass es ein rechter Weiberfreund
ist, der den Frauen heute zuruft: mulier taceat de muliere!
233.
Es verräth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es
schlechten Geschmack verräth -. wenn ein Weib sich gerade auf Madame
Roland oder Madame de Staël oder Monsieur George Sand beruft, wie als
ob damit etwas zu Gunsten des "Weibes an sich" bewiesen wäre. Unter
Männern sind die Genannten die drei komischen Weiber an sich - nichts
mehr! - und gerade die besten unfreiwilligen Gegen-Argumente gegen
Emancipation und weibliche Selbstherrlichkeit.
234.
Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche
Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn
besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und will
Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte es ja,
Page 158
als Köchin seit Jahrtausenden, die grössten physiologischen Thatsachen
finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch
schlechte Köchinnen - durch den vollkommenen Mangel an Vernunft in der
Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am
schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser.
Eine Rede an höhere Töchter.
235.
Es giebt Wendungen und Würfe des Geistes, es giebt Sentenzen, eine
kleine Handvoll Worte, in denen eine ganze Cultur, eine ganze Gesellschaft
sich plötzlich krystallisirt. Dahin gehört jenes gelegentliche Wort der
Madame de Lambert an ihren Sohn: "mon ami, ne vous permettez jamais
que de folies, qui vous feront grand plaisir": - beiläufig das mütterlichste
und klügste Wort, das je an einen Sohn gerichtet worden ist.
236.
Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt haben - jener, indem er
sang "ella guardava suso, ed io in lei", dieser, indem er es übersetzte "das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan" -: ich zweifle nicht, dass jedes edlere Weib
sich gegen diesen Glauben wehren wird, denn es glaubt eben das vom
Ewig-Männlichen…
237.
Sieben Weibs-Sprüchlein.
Wie die längste Weile fleucht,
kommt ein Mann zu uns gekreucht!
finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch
schlechte Köchinnen - durch den vollkommenen Mangel an Vernunft in der
Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am
schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser.
Eine Rede an höhere Töchter.
235.
Es giebt Wendungen und Würfe des Geistes, es giebt Sentenzen, eine
kleine Handvoll Worte, in denen eine ganze Cultur, eine ganze Gesellschaft
sich plötzlich krystallisirt. Dahin gehört jenes gelegentliche Wort der
Madame de Lambert an ihren Sohn: "mon ami, ne vous permettez jamais
que de folies, qui vous feront grand plaisir": - beiläufig das mütterlichste
und klügste Wort, das je an einen Sohn gerichtet worden ist.
236.
Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt haben - jener, indem er
sang "ella guardava suso, ed io in lei", dieser, indem er es übersetzte "das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan" -: ich zweifle nicht, dass jedes edlere Weib
sich gegen diesen Glauben wehren wird, denn es glaubt eben das vom
Ewig-Männlichen…
237.
Sieben Weibs-Sprüchlein.
Wie die längste Weile fleucht,
kommt ein Mann zu uns gekreucht!
Page 159
Alter, ach! und Wissenschaft
giebt auch schwacher Tugend Kraft.
Schwarz Gewand und Schweigsamkeit
kleidet jeglich Weib - gescheidt.
Wem im Glück ich dankbar bin?
Gott! - und meiner Schneiderin.
Jung: beblümtes Höhlenhaus.
Alt: ein Drache fährt heraus.
Edler Name, hübsches Bein,
Mann dazu: oh wär' er mein!
Kurze Rede, langer Sinn
- Glatteis für die Eselin!
237.
Die Frauen sind von den Männern bisher wie Vögel behandelt worden,
die von irgend welcher Höhe sich hinab zu ihnen verirrt haben: als etwas
Feineres, Verletzlicheres, Wilderes, Wunderlicheres, Süsseres,
Seelenvolleres, - aber als Etwas, das man einsperren muss, damit es nicht
davonfliegt.
238.
Sich im Grundprobleme "Mann und Weib" zu vergreifen, hier den
abgründlichsten Antagonismus und die Nothwendigkeit einer ewig-
feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten,
gleicher Erziehung, gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen:
giebt auch schwacher Tugend Kraft.
Schwarz Gewand und Schweigsamkeit
kleidet jeglich Weib - gescheidt.
Wem im Glück ich dankbar bin?
Gott! - und meiner Schneiderin.
Jung: beblümtes Höhlenhaus.
Alt: ein Drache fährt heraus.
Edler Name, hübsches Bein,
Mann dazu: oh wär' er mein!
Kurze Rede, langer Sinn
- Glatteis für die Eselin!
237.
Die Frauen sind von den Männern bisher wie Vögel behandelt worden,
die von irgend welcher Höhe sich hinab zu ihnen verirrt haben: als etwas
Feineres, Verletzlicheres, Wilderes, Wunderlicheres, Süsseres,
Seelenvolleres, - aber als Etwas, das man einsperren muss, damit es nicht
davonfliegt.
238.
Sich im Grundprobleme "Mann und Weib" zu vergreifen, hier den
abgründlichsten Antagonismus und die Nothwendigkeit einer ewig-
feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten,
gleicher Erziehung, gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen:
Page 160
das ist ein typisches Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an
dieser gefährlichen Stelle sich flach erwiesen hat - flach im Instinkte! -, darf
überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verrathen, als aufgedeckt gelten:
wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens, auch des
zukünftigen Lebens, zu "kurz" sein und in keine Tiefe hinunter können. Ein
Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden,
auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der Strenge und Härte fähig ist,
und leicht mit ihnen verwechselt wird, kann über das Weib immer nur
orientalisch denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares
Eigenthum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich
Vollendendes fassen, - er muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft
Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen: wie dies ehemals die
Griechen gethan haben, diese besten Erben und Schüler Asiens, welche, wie
bekannt, von Homer bis zu den Zeiten des Perikles, mit zunehmen - der
Cultur und Umfänglichkeit an Kraft, Schritt für Schritt auch strenger gegen
das Weib, kurz orientalischer geworden sind. Wie nothwendig, wie logisch,
wie selbst menschlich-wünschbar dies war: möge man darüber bei sich
nachdenken!
239.
Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter mit solcher Achtung
von Seiten der Männer behandelt worden als in unserm Zeitalter - das
gehört zum demokratischen Hang und Grundgeschmack, ebenso wie die
Unehrerbietigkeit vor dem Alter -: was Wunder, dass sofort wieder mit
dieser Achtung Missbrauch getrieben wird? Man will mehr, man lernt
fordern, man findet zuletzt jenen Achtungszoll beinahe schon kränkend,
man würde den Wettbewerb um Rechte, ja ganz eigentlich den Kampf
vorziehn: genug, das Weib verliert an Scham. Setzen wir sofort hinzu, dass
es auch an Geschmack verliert. Es verlernt den Mann zu fürchten: aber das
dieser gefährlichen Stelle sich flach erwiesen hat - flach im Instinkte! -, darf
überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verrathen, als aufgedeckt gelten:
wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens, auch des
zukünftigen Lebens, zu "kurz" sein und in keine Tiefe hinunter können. Ein
Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden,
auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der Strenge und Härte fähig ist,
und leicht mit ihnen verwechselt wird, kann über das Weib immer nur
orientalisch denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares
Eigenthum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich
Vollendendes fassen, - er muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft
Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen: wie dies ehemals die
Griechen gethan haben, diese besten Erben und Schüler Asiens, welche, wie
bekannt, von Homer bis zu den Zeiten des Perikles, mit zunehmen - der
Cultur und Umfänglichkeit an Kraft, Schritt für Schritt auch strenger gegen
das Weib, kurz orientalischer geworden sind. Wie nothwendig, wie logisch,
wie selbst menschlich-wünschbar dies war: möge man darüber bei sich
nachdenken!
239.
Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter mit solcher Achtung
von Seiten der Männer behandelt worden als in unserm Zeitalter - das
gehört zum demokratischen Hang und Grundgeschmack, ebenso wie die
Unehrerbietigkeit vor dem Alter -: was Wunder, dass sofort wieder mit
dieser Achtung Missbrauch getrieben wird? Man will mehr, man lernt
fordern, man findet zuletzt jenen Achtungszoll beinahe schon kränkend,
man würde den Wettbewerb um Rechte, ja ganz eigentlich den Kampf
vorziehn: genug, das Weib verliert an Scham. Setzen wir sofort hinzu, dass
es auch an Geschmack verliert. Es verlernt den Mann zu fürchten: aber das
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Weib, das "das Fürchten verlernt", giebt seine weiblichsten Instinkte preis.
Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das Furcht-Einflössende am Manne,
sagen wir bestimmter, wenn der Mann im Manne nicht mehr gewollt und
grossgezüchtet wird, ist billig genug, auch begreiflich genug; was sich
schwerer begreift, ist, dass ebendamit - das Weib entartet. Dies geschieht
heute: täuschen wir uns nicht darüber! Wo nur der industrielle Geist über
den militärischen und aristokratischen Geist gesiegt hat, strebt jetzt das
Weib nach der wirthschaftlichen und rechtlichen Selbständigkeit eines
Commis: "das Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bildenden
modernen Gesellschaft. Indem es sich dergestalt neuer Rechte bemächtigt,
"Herr" zu werden trachtet und den "Fortschritt" des Weibes auf seine
Fahnen und Fähnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deutlichkeit
das Umgekehrte: das Weib geht zurück. Seit der französischen Revolution
ist in Europa der Einfluss des Weibes in dem Maasse geringer geworden, als
es an Rechten und Ansprüchen zugenommen hat; und die "Emancipation
des Weibes", insofern sie von den Frauen selbst (und nicht nur von
männlichen Flachköpfen) verlangt und gefördert wird, ergiebt sich
dergestalt als ein merkwürdiges Symptom von der zunehmenden
Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten Instinkte. Es ist
Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe maskulinische Dummheit,
deren sich ein wohlgerathenes Weib - das immer ein kluges Weib ist - von
Grund aus zu schämen hätte. Die Witterung dafür verlieren, auf welchem
Boden man am sichersten zum Siege kommt; die Übung in seiner
eigentlichen Waffenkunst vernachlässigen; sich vor dem Manne gehen
lassen, vielleicht sogar "bis zum Buche", wo man sich früher in Zucht und
feine listige Demuth nahm; dem Glauben des Mannes an ein im Weibe
verhülltes grundverschiedenes Ideal, an irgend ein Ewig- und Nothwendig-
Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit entgegenarbeiten; dem Manne es
nachdrücklich und geschwätzig ausreden, dass das Weib gleich einem
zarteren, wunderlich wilden und oft angenehmen Hausthiere erhalten,
Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das Furcht-Einflössende am Manne,
sagen wir bestimmter, wenn der Mann im Manne nicht mehr gewollt und
grossgezüchtet wird, ist billig genug, auch begreiflich genug; was sich
schwerer begreift, ist, dass ebendamit - das Weib entartet. Dies geschieht
heute: täuschen wir uns nicht darüber! Wo nur der industrielle Geist über
den militärischen und aristokratischen Geist gesiegt hat, strebt jetzt das
Weib nach der wirthschaftlichen und rechtlichen Selbständigkeit eines
Commis: "das Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bildenden
modernen Gesellschaft. Indem es sich dergestalt neuer Rechte bemächtigt,
"Herr" zu werden trachtet und den "Fortschritt" des Weibes auf seine
Fahnen und Fähnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deutlichkeit
das Umgekehrte: das Weib geht zurück. Seit der französischen Revolution
ist in Europa der Einfluss des Weibes in dem Maasse geringer geworden, als
es an Rechten und Ansprüchen zugenommen hat; und die "Emancipation
des Weibes", insofern sie von den Frauen selbst (und nicht nur von
männlichen Flachköpfen) verlangt und gefördert wird, ergiebt sich
dergestalt als ein merkwürdiges Symptom von der zunehmenden
Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten Instinkte. Es ist
Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe maskulinische Dummheit,
deren sich ein wohlgerathenes Weib - das immer ein kluges Weib ist - von
Grund aus zu schämen hätte. Die Witterung dafür verlieren, auf welchem
Boden man am sichersten zum Siege kommt; die Übung in seiner
eigentlichen Waffenkunst vernachlässigen; sich vor dem Manne gehen
lassen, vielleicht sogar "bis zum Buche", wo man sich früher in Zucht und
feine listige Demuth nahm; dem Glauben des Mannes an ein im Weibe
verhülltes grundverschiedenes Ideal, an irgend ein Ewig- und Nothwendig-
Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit entgegenarbeiten; dem Manne es
nachdrücklich und geschwätzig ausreden, dass das Weib gleich einem
zarteren, wunderlich wilden und oft angenehmen Hausthiere erhalten,
Page 162
versorgt, geschützt, geschont werden müsse; das täppische und entrüstete
Zusammensuchen all des Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung
des Weibes in der bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat
und noch hat (als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine
Bedingung jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was
bedeutet dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte,
eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug blödsinnige Frauen-Freunde
und Weibs-Verderber unter den gelehrten Eseln männlichen Geschlechts,
die dem Weibe anrathen, sich dergestalt zu entweiblichen und alle die
Dummheiten nachzumachen, an denen der "Mann" in Europa, die
europäische "Mannhaftigkeit" krankt, - welche das Weib bis zur
"allgemeinen Bildung", wohl gar zum Zeitungslesen und Politisiren
herunterbringen möchten. Man will hier und da selbst Freigeister und
Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für
einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges oder
Lächerliches wäre -; man verdirbt fast überall ihre Nerven mit der
krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik (unsrer deutschen
neuesten Musik) und macht sie täglich hysterischer und zu ihrem ersten und
letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter. Man will sie
überhaupt noch mehr "cultiviren" und, wie man sagt, das "schwache
Geschlecht" durch Cultur stark machen: als ob nicht die Geschichte so
eindringlich wie möglich lehrte, dass "Cultivirung" des Menschen und
Schwächung - nämlich Schwächung, Zersplitterung, Ankränkelung der
Willenskraft, immer mit einander Schritt gegangen sind, und dass die
mächtigsten und einflussreichsten Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter
Napoleon's) gerade ihrer Willenskraft - und nicht den Schulmeistern! - ihre
Macht und ihr Übergewicht über die Männer verdankten. Das, was am
Weibe Respekt und oft genug Furcht einflösst, ist seine Natur, die
"natürlicher" ist als die des Mannes, seine ächte raubthierhafte listige
Geschmeidigkeit, seine Tigerkralle unter dem Handschuh, seine Naivetät im
Zusammensuchen all des Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung
des Weibes in der bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat
und noch hat (als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine
Bedingung jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was
bedeutet dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte,
eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug blödsinnige Frauen-Freunde
und Weibs-Verderber unter den gelehrten Eseln männlichen Geschlechts,
die dem Weibe anrathen, sich dergestalt zu entweiblichen und alle die
Dummheiten nachzumachen, an denen der "Mann" in Europa, die
europäische "Mannhaftigkeit" krankt, - welche das Weib bis zur
"allgemeinen Bildung", wohl gar zum Zeitungslesen und Politisiren
herunterbringen möchten. Man will hier und da selbst Freigeister und
Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für
einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges oder
Lächerliches wäre -; man verdirbt fast überall ihre Nerven mit der
krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik (unsrer deutschen
neuesten Musik) und macht sie täglich hysterischer und zu ihrem ersten und
letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter. Man will sie
überhaupt noch mehr "cultiviren" und, wie man sagt, das "schwache
Geschlecht" durch Cultur stark machen: als ob nicht die Geschichte so
eindringlich wie möglich lehrte, dass "Cultivirung" des Menschen und
Schwächung - nämlich Schwächung, Zersplitterung, Ankränkelung der
Willenskraft, immer mit einander Schritt gegangen sind, und dass die
mächtigsten und einflussreichsten Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter
Napoleon's) gerade ihrer Willenskraft - und nicht den Schulmeistern! - ihre
Macht und ihr Übergewicht über die Männer verdankten. Das, was am
Weibe Respekt und oft genug Furcht einflösst, ist seine Natur, die
"natürlicher" ist als die des Mannes, seine ächte raubthierhafte listige
Geschmeidigkeit, seine Tigerkralle unter dem Handschuh, seine Naivetät im
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Egoismus, seine Unerziehbarkeit und innerliche Wildheit, das Unfassliche,
Weite, Schweifende seiner Begierden und Tugenden….. Was, bei aller
Furcht, für diese gefährliche und schöne Katze "Weib" Mitleiden macht, ist,
dass es leidender, verletzbarer, liebebedürftiger und zur Enttäuschung
verurtheilter erscheint als irgend ein Thier. Furcht und Mitleiden: mit diesen
Gefühlen stand bisher der Mann vor dem Weibe, immer mit einem Fusse
schon in der Tragödie, welche zerreisst, indem sie entzückt -. Wie? Und
damit soll es nun zu Ende sein? Und die Entzauberung des Weibes ist im
Werke? Die Verlangweiligung des Weibes kommt langsam herauf? Oh
Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer
am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte
Fabel könnte noch einmal zur "Geschichte" werden, - noch einmal- könnte
eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen!
Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine "Idee", eine "moderne
Idee"!…..
Achtes Hauptstück:
Völker und Vaterländer.
240.
Ich hörte, wieder einmal zum ersten Male - Richard Wagner's Ouverture
zu den Meistersingern: das ist eine prachtvolle, überladene, schwere und
späte Kunst, welche den Stolz hat, zu ihrem Verständniss zwei Jahrhunderte
Musik als noch lebendig vorauszusetzen: - es ehrt die Deutschen, dass sich
ein solcher Stolz nicht verrechnete! Was für Säfte und Kräfte, was für
Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier nicht gemischt! Das muthet uns
bald alterthümlich, bald fremd, herb und überjung an, das ist ebenso
Weite, Schweifende seiner Begierden und Tugenden….. Was, bei aller
Furcht, für diese gefährliche und schöne Katze "Weib" Mitleiden macht, ist,
dass es leidender, verletzbarer, liebebedürftiger und zur Enttäuschung
verurtheilter erscheint als irgend ein Thier. Furcht und Mitleiden: mit diesen
Gefühlen stand bisher der Mann vor dem Weibe, immer mit einem Fusse
schon in der Tragödie, welche zerreisst, indem sie entzückt -. Wie? Und
damit soll es nun zu Ende sein? Und die Entzauberung des Weibes ist im
Werke? Die Verlangweiligung des Weibes kommt langsam herauf? Oh
Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer
am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte
Fabel könnte noch einmal zur "Geschichte" werden, - noch einmal- könnte
eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen!
Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine "Idee", eine "moderne
Idee"!…..
Achtes Hauptstück:
Völker und Vaterländer.
240.
Ich hörte, wieder einmal zum ersten Male - Richard Wagner's Ouverture
zu den Meistersingern: das ist eine prachtvolle, überladene, schwere und
späte Kunst, welche den Stolz hat, zu ihrem Verständniss zwei Jahrhunderte
Musik als noch lebendig vorauszusetzen: - es ehrt die Deutschen, dass sich
ein solcher Stolz nicht verrechnete! Was für Säfte und Kräfte, was für
Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier nicht gemischt! Das muthet uns
bald alterthümlich, bald fremd, herb und überjung an, das ist ebenso
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willkürlich als pomphaft-herkömmlich, das ist nicht selten schelmisch, noch
öfter derb und grob, - das hat Feuer und Muth und zugleich die schlaffe
falbe Haut von Früchten, welche zu spät reif werden. Das strömt breit und
voll: und plötzlich ein Augenblick unerklärlichen Zögerns, gleichsam eine
Lücke, die zwischen Ursache und Wirkung aufspringt, ein Druck, der uns
träumen macht, beinahe ein Alpdruck -, aber schon breitet und weitet sich
wieder der alte Strom von Behagen aus, von vielfältigstem Behagen, von
altem und neuem Glück, sehr eingerechnet das Glück des Künstlers an sich
selber, dessen er nicht Hehl haben will, sein erstauntes glückliches
Mitwissen um die Meisterschaft seiner hier verwendeten Mittel, neuer
neuerworbener unausgeprobter Kunstmittel, wie er uns zu verrathen
scheint. Alles in Allem keine Schönheit, kein Süden, Nichts von südlicher
feiner Helligkeit des Himmels, Nichts von Grazie, kein Tanz, kaum ein
Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, die noch unterstrichen wird,
wie als ob der Künstler uns sagen wollte: "sie gehört zu meiner Absicht";
eine schwerfällige Gewandung, etwas Willkürlich-Barbarisches und
Feierliches, ein Geflirr von gelehrten und ehrwürdigen Kostbarkeiten und
Spitzen; etwas Deutsches, im besten und schlimmsten Sinn des Wortes,
etwas auf deutsche Art Vielfaches, Unförmliches und Unausschöpfliches;
eine gewisse deutsche Mächtigkeit und Überfülle der Seele, welche keine
Furcht hat, sich unter die Raffinements des Verfalls zu verstecken, - die sich
dort vielleicht erst am wohlsten fühlt; ein rechtes ächtes Wahrzeichen der
deutschen Seele, die zugleich jung und veraltet, übermürbe und überreich
noch an Zukunft ist. Diese Art Musik drückt am besten aus, was ich von
den Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von Übermorgen, - sie
haben noch kein Heute.
241.
öfter derb und grob, - das hat Feuer und Muth und zugleich die schlaffe
falbe Haut von Früchten, welche zu spät reif werden. Das strömt breit und
voll: und plötzlich ein Augenblick unerklärlichen Zögerns, gleichsam eine
Lücke, die zwischen Ursache und Wirkung aufspringt, ein Druck, der uns
träumen macht, beinahe ein Alpdruck -, aber schon breitet und weitet sich
wieder der alte Strom von Behagen aus, von vielfältigstem Behagen, von
altem und neuem Glück, sehr eingerechnet das Glück des Künstlers an sich
selber, dessen er nicht Hehl haben will, sein erstauntes glückliches
Mitwissen um die Meisterschaft seiner hier verwendeten Mittel, neuer
neuerworbener unausgeprobter Kunstmittel, wie er uns zu verrathen
scheint. Alles in Allem keine Schönheit, kein Süden, Nichts von südlicher
feiner Helligkeit des Himmels, Nichts von Grazie, kein Tanz, kaum ein
Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, die noch unterstrichen wird,
wie als ob der Künstler uns sagen wollte: "sie gehört zu meiner Absicht";
eine schwerfällige Gewandung, etwas Willkürlich-Barbarisches und
Feierliches, ein Geflirr von gelehrten und ehrwürdigen Kostbarkeiten und
Spitzen; etwas Deutsches, im besten und schlimmsten Sinn des Wortes,
etwas auf deutsche Art Vielfaches, Unförmliches und Unausschöpfliches;
eine gewisse deutsche Mächtigkeit und Überfülle der Seele, welche keine
Furcht hat, sich unter die Raffinements des Verfalls zu verstecken, - die sich
dort vielleicht erst am wohlsten fühlt; ein rechtes ächtes Wahrzeichen der
deutschen Seele, die zugleich jung und veraltet, übermürbe und überreich
noch an Zukunft ist. Diese Art Musik drückt am besten aus, was ich von
den Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von Übermorgen, - sie
haben noch kein Heute.
241.
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Wir "guten Europäer": auch wir haben Stunden, wo wir uns eine
herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und
Engen gestatten - ich gab eben eine Probe davon -, Stunden nationaler
Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand anderer
alterthümlicher Gefühls-Überschwemmungen. Schwerfälligere Geister, als
wir sind, mögen mit dem, was sich bei uns auf Stunden beschränkt und in
Stunden zu Ende spielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden, in halben
Jahren die Einen, in halben Menschenleben die Anderen, je nach der
Schnelligkeit und Kraft, mit der sie verdauen und ihre "Stoffe wechseln".
Ja, ich könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche auch in unserm
geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nöthig hätten, um solche
atavistische Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden
und wieder zur Vernunft, will sagen zum "guten Europäerthum"
zurückzukehren. Und indem ich über diese Möglichkeit ausschweife,
begegnet mir's, dass ich Ohrenzeuge eines Gesprächs von zwei alten
"Patrioten" werde, - sie hörten beide offenbar schlecht und sprachen darum
um so lauter. "Der hält und weiss von Philosophie so viel als ein Bauer oder
Corpsstudent - sagte der Eine -: der ist noch unschuldig. Aber was liegt
heute daran! Es ist das Zeitalter der Massen: die liegen vor allem
Massenhaften auf dem Bauche. Und so auch in politicis. Ein Staatsmann,
der ihnen einen neuen Thurm von Babel, irgend ein Ungeheuer von Reich
und Macht aufthürmt, heisst ihnen `gross`: - was liegt daran, dass wir
Vorsichtigeren und Zurückhaltenderen einstweilen noch nicht vom alten
Glauben lassen, es sei allein der grosse Gedanke, der einer That und Sache
Grösse giebt. Gesetzt, ein Staatsmann brächte sein Volk in die Lage,
fürderhin `grosse Politik` treiben zu müssen, für welche es von Natur
schlecht angelegt und vorbereitet ist: so dass es nöthig hätte, einer neuen
zweifelhaften Mittelmässigkeit zu Liebe seine alten und sicheren Tugenden
zu opfern, - gesetzt, ein Staatsmann verurtheilte sein Volk zum `Politisiren`
überhaupt, während dasselbe bisher Besseres zu thun und zu denken hatte
herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und
Engen gestatten - ich gab eben eine Probe davon -, Stunden nationaler
Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand anderer
alterthümlicher Gefühls-Überschwemmungen. Schwerfälligere Geister, als
wir sind, mögen mit dem, was sich bei uns auf Stunden beschränkt und in
Stunden zu Ende spielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden, in halben
Jahren die Einen, in halben Menschenleben die Anderen, je nach der
Schnelligkeit und Kraft, mit der sie verdauen und ihre "Stoffe wechseln".
Ja, ich könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche auch in unserm
geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nöthig hätten, um solche
atavistische Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden
und wieder zur Vernunft, will sagen zum "guten Europäerthum"
zurückzukehren. Und indem ich über diese Möglichkeit ausschweife,
begegnet mir's, dass ich Ohrenzeuge eines Gesprächs von zwei alten
"Patrioten" werde, - sie hörten beide offenbar schlecht und sprachen darum
um so lauter. "Der hält und weiss von Philosophie so viel als ein Bauer oder
Corpsstudent - sagte der Eine -: der ist noch unschuldig. Aber was liegt
heute daran! Es ist das Zeitalter der Massen: die liegen vor allem
Massenhaften auf dem Bauche. Und so auch in politicis. Ein Staatsmann,
der ihnen einen neuen Thurm von Babel, irgend ein Ungeheuer von Reich
und Macht aufthürmt, heisst ihnen `gross`: - was liegt daran, dass wir
Vorsichtigeren und Zurückhaltenderen einstweilen noch nicht vom alten
Glauben lassen, es sei allein der grosse Gedanke, der einer That und Sache
Grösse giebt. Gesetzt, ein Staatsmann brächte sein Volk in die Lage,
fürderhin `grosse Politik` treiben zu müssen, für welche es von Natur
schlecht angelegt und vorbereitet ist: so dass es nöthig hätte, einer neuen
zweifelhaften Mittelmässigkeit zu Liebe seine alten und sicheren Tugenden
zu opfern, - gesetzt, ein Staatsmann verurtheilte sein Volk zum `Politisiren`
überhaupt, während dasselbe bisher Besseres zu thun und zu denken hatte
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und im Grunde seiner Seele einen vorsichtigen Ekel vor der Unruhe, Leere
und lärmenden Zankteufelei der eigentlich politisirenden Völker nicht los
wurde: - gesetzt, ein solcher Staatsmann stachle die eingeschlafnen
Leidenschaften und Begehrlichkeiten seines Volkes auf, mache ihm aus
seiner bisherigen Schüchternheit und Lust am Danebenstehn einen Flecken,
aus seiner Ausländerei und heimlichen Unendlichkeit eine Verschuldung,
entwerthe ihm seine herzlichsten Hänge, drehe sein Gewissen um, mache
seinen Geist eng, seinen Geschmack `national`, - wie! ein Staatsmann, der
dies Alles thäte, den sein Volk in alle Zukunft hinein, falls es Zukunft hat,
abbüssen müsste, ein solcher Staatsmann wäre gross?" "Unzweifelhaft!
antwortete ihm der andere alte Patriot heftig: sonst hätte er es nicht
gekonnt! Es war toll vielleicht, so etwas zu wollen? Aber vielleicht war
alles Grosse im Anfang nur toll!" - "Missbrauch der Worte! schrie sein
Unterredner dagegen: - stark! stark! stark und toll! Nicht gross!" - Die alten
Männer hatten sich ersichtlich erhitzt, als sie sich dergestalt ihre
"Wahrheiten" in's Gesicht schrieen; ich aber, in meinem Glück und Jenseits,
erwog, wie bald über den Starken ein Stärkerer Herr werden wird; auch
dass es für die geistige Verflachung eines Volkes eine Ausgleichung giebt,
nämlich durch die Vertiefung eines anderen. -
242.
Nenne man es nun "Civilisation" oder "Vermenschlichung" oder
"Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung der Europäer gesucht wird;
nenne man es einfach, ohne zu loben und zu tadeln, mit einer politischen
Formel die demokratische Bewegung Europa's: hinter all den moralischen
und politischen Vordergründen, auf welche mit solchen Formeln
hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer physiologischer Prozess,
der immer mehr in Fluss geräth, - der Prozess einer Anähnlichung der
Europäer, ihre wachsende Loslösung von den Bedingungen, unter denen
und lärmenden Zankteufelei der eigentlich politisirenden Völker nicht los
wurde: - gesetzt, ein solcher Staatsmann stachle die eingeschlafnen
Leidenschaften und Begehrlichkeiten seines Volkes auf, mache ihm aus
seiner bisherigen Schüchternheit und Lust am Danebenstehn einen Flecken,
aus seiner Ausländerei und heimlichen Unendlichkeit eine Verschuldung,
entwerthe ihm seine herzlichsten Hänge, drehe sein Gewissen um, mache
seinen Geist eng, seinen Geschmack `national`, - wie! ein Staatsmann, der
dies Alles thäte, den sein Volk in alle Zukunft hinein, falls es Zukunft hat,
abbüssen müsste, ein solcher Staatsmann wäre gross?" "Unzweifelhaft!
antwortete ihm der andere alte Patriot heftig: sonst hätte er es nicht
gekonnt! Es war toll vielleicht, so etwas zu wollen? Aber vielleicht war
alles Grosse im Anfang nur toll!" - "Missbrauch der Worte! schrie sein
Unterredner dagegen: - stark! stark! stark und toll! Nicht gross!" - Die alten
Männer hatten sich ersichtlich erhitzt, als sie sich dergestalt ihre
"Wahrheiten" in's Gesicht schrieen; ich aber, in meinem Glück und Jenseits,
erwog, wie bald über den Starken ein Stärkerer Herr werden wird; auch
dass es für die geistige Verflachung eines Volkes eine Ausgleichung giebt,
nämlich durch die Vertiefung eines anderen. -
242.
Nenne man es nun "Civilisation" oder "Vermenschlichung" oder
"Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung der Europäer gesucht wird;
nenne man es einfach, ohne zu loben und zu tadeln, mit einer politischen
Formel die demokratische Bewegung Europa's: hinter all den moralischen
und politischen Vordergründen, auf welche mit solchen Formeln
hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer physiologischer Prozess,
der immer mehr in Fluss geräth, - der Prozess einer Anähnlichung der
Europäer, ihre wachsende Loslösung von den Bedingungen, unter denen
Page 167
klimatisch und ständisch gebundene Rassen entstehen, ihre zunehmende
Unabhängigkeit von jedem bestimmten milieu, das Jahrhunderte lang sich
mit gleichen Forderungen in Seele und Leib einschreiben möchte, - also die
langsame Heraufkunft einer wesentlich übernationalen und nomadischen
Art Mensch, welche, physiologisch geredet, ein Maximum von
Anpassungskunst und -kraft als ihre typische Auszeichnung besitzt. Dieser
Prozess des werdenden Europäers, welcher durch grosse Rückfälle im
Tempo verzögert werden kann, aber vielleicht gerade damit an Vehemenz
und Tiefe gewinnt und wächst - der jetzt noch wüthende Sturm und Drang
des "National-Gefühls" gehört hierher, insgleichen der eben
heraufkommende Anarchismus -: dieser Prozess läuft wahrscheinlich auf
Resultate hinaus, auf welche seine naiven Beförderer und Lobredner, die
Apostel der "modernen Ideen", am wenigsten rechnen möchten. Die selben
neuen Bedingungen, unter denen im Durchschnitt eine Ausgleichung und
Vermittelmässigung des Menschen sich herausbilden wird - ein nützliches
arbeitsames, vielfach brauchbares und anstelliges Heerdenthier Mensch -,
sind im höchsten Grade dazu angethan, Ausnahme-Menschen der
gefährlichsten und anziehendsten Qualität den Ursprung zu geben. Während
nämlich jene Anpassungskraft, welche immer wechselnde Bedingungen
durchprobirt und mit jedem Geschlecht, fast mit jedem Jahrzehend, eine
neue Arbeit beginnt, die Mächtigkeit des Typus gar nicht möglich macht;
während der Gesammt-Eindruck solcher zukünftiger Europäer
wahrscheinlich der von vielfachen geschwätzigen willensarmen und
äusserst anstellbaren Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden
bedürfen wie des täglichen Brodes; während also die Demokratisirung
Europa's auf die Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne
vorbereiteten Typus hinausläuft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der
starke Mensch stärker und reicher gerathen müssen, als er vielleicht jemals
bisher gerathen ist, - Dank der Vorurtheilslosigkeit seiner Schulung, Dank
der ungeheuren Vielfältigkeit von Übung, Kunst und Maske. Ich wollte
Unabhängigkeit von jedem bestimmten milieu, das Jahrhunderte lang sich
mit gleichen Forderungen in Seele und Leib einschreiben möchte, - also die
langsame Heraufkunft einer wesentlich übernationalen und nomadischen
Art Mensch, welche, physiologisch geredet, ein Maximum von
Anpassungskunst und -kraft als ihre typische Auszeichnung besitzt. Dieser
Prozess des werdenden Europäers, welcher durch grosse Rückfälle im
Tempo verzögert werden kann, aber vielleicht gerade damit an Vehemenz
und Tiefe gewinnt und wächst - der jetzt noch wüthende Sturm und Drang
des "National-Gefühls" gehört hierher, insgleichen der eben
heraufkommende Anarchismus -: dieser Prozess läuft wahrscheinlich auf
Resultate hinaus, auf welche seine naiven Beförderer und Lobredner, die
Apostel der "modernen Ideen", am wenigsten rechnen möchten. Die selben
neuen Bedingungen, unter denen im Durchschnitt eine Ausgleichung und
Vermittelmässigung des Menschen sich herausbilden wird - ein nützliches
arbeitsames, vielfach brauchbares und anstelliges Heerdenthier Mensch -,
sind im höchsten Grade dazu angethan, Ausnahme-Menschen der
gefährlichsten und anziehendsten Qualität den Ursprung zu geben. Während
nämlich jene Anpassungskraft, welche immer wechselnde Bedingungen
durchprobirt und mit jedem Geschlecht, fast mit jedem Jahrzehend, eine
neue Arbeit beginnt, die Mächtigkeit des Typus gar nicht möglich macht;
während der Gesammt-Eindruck solcher zukünftiger Europäer
wahrscheinlich der von vielfachen geschwätzigen willensarmen und
äusserst anstellbaren Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden
bedürfen wie des täglichen Brodes; während also die Demokratisirung
Europa's auf die Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne
vorbereiteten Typus hinausläuft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der
starke Mensch stärker und reicher gerathen müssen, als er vielleicht jemals
bisher gerathen ist, - Dank der Vorurtheilslosigkeit seiner Schulung, Dank
der ungeheuren Vielfältigkeit von Übung, Kunst und Maske. Ich wollte
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sagen: die Demokratisirung Europa's ist zugleich eine unfreiwillige
Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen,- das Wort in jedem Sinne
verstanden, auch im geistigsten.
243.
Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen
das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch
auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten
Europäer! -
244.
Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung
"tief" zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste Typus des neuen
Deutschthums nach ganz andern Ehren geizt und an Allem, was Tiefe hat,
vielleicht die "Schneidigkeit" vermisst, ist der Zweifel beinahe zeitgemäss
und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nicht betrogen hat:
genug, ob die deutsche Tiefe nicht im Grunde etwas Anderes und
Schlimmeres ist - und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit Erfolg
loszuwerden im Begriff steht. Machen wir also den Versuch, über die
deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts dazu nöthig, als ein wenig
Vivisektion der deutschen Seele. - Die deutsche Seele ist vor Allem
vielfach, verschiedenen Ursprungs, mehr zusammen- und
übereinandergesetzt, als wirklich gebaut: das liegt an ihrer Herkunft. Ein
Deutscher, der sich erdreisten wollte, zu behaupten "zwei Seelen wohnen,
ach! in meiner Brust" würde sich an der Wahrheit arg vergreifen, richtiger,
hinter der Wahrheit um viele Seelen zurückbleiben. Als ein Volk der
ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung von Rassen, vielleicht
sogar mit einem Übergewicht des vor-arischen Elementes, als "Volk der
Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen,- das Wort in jedem Sinne
verstanden, auch im geistigsten.
243.
Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen
das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch
auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten
Europäer! -
244.
Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung
"tief" zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste Typus des neuen
Deutschthums nach ganz andern Ehren geizt und an Allem, was Tiefe hat,
vielleicht die "Schneidigkeit" vermisst, ist der Zweifel beinahe zeitgemäss
und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nicht betrogen hat:
genug, ob die deutsche Tiefe nicht im Grunde etwas Anderes und
Schlimmeres ist - und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit Erfolg
loszuwerden im Begriff steht. Machen wir also den Versuch, über die
deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts dazu nöthig, als ein wenig
Vivisektion der deutschen Seele. - Die deutsche Seele ist vor Allem
vielfach, verschiedenen Ursprungs, mehr zusammen- und
übereinandergesetzt, als wirklich gebaut: das liegt an ihrer Herkunft. Ein
Deutscher, der sich erdreisten wollte, zu behaupten "zwei Seelen wohnen,
ach! in meiner Brust" würde sich an der Wahrheit arg vergreifen, richtiger,
hinter der Wahrheit um viele Seelen zurückbleiben. Als ein Volk der
ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung von Rassen, vielleicht
sogar mit einem Übergewicht des vor-arischen Elementes, als "Volk der
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Mitte" in jedem Verstande, sind die Deutschen unfassbarer, umfänglicher,
widerspruchsvoller, unbekannter, unberechenbarer, überraschender, selbst
erschrecklicher, als es andere Völker sich selber sind: - sie entschlüpfen der
Definition und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen. Es
kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage "was ist deutsch?"
niemals ausstirbt. Kotzebue kannte seine Deutschen gewiss gut genug: "Wir
sind erkannt" jubelten sie ihm zu, - aber auch Sand glaubte sie zu kennen.
Jean Paul wusste, was er that, als er sich ergrimmt gegen Fichte's verlogne,
aber patriotische Schmeicheleien und Übertreibungen erklärte, - aber es ist
wahrscheinlich, dass Goethe anders über die Deutschen dachte, als Jean
Paul, wenn er ihm auch in Betreff Fichtens Recht gab. Was Goethe
eigentlich über die Deutschen gedacht hat? - Aber er hat über viele Dinge
um sich herum nie deutlich geredet und verstand sich zeitlebens auf das
feine Schweigen: - wahrscheinlich hatte er gute Gründe dazu. Gewiss ist,
dass es nicht "die Freiheitskriege" waren, die ihn freudiger aufblicken
liessen, so wenig als die französische Revolution, - das Ereigniss, um
dessentwillen er seinen Faust, ja das ganze Problem "Mensch" umgedacht
hat, war das Erscheinen Napoleon's. Es giebt Worte Goethe's, in denen er,
wie vom Auslande her, mit einer ungeduldigen Härte über Das abspricht,
was die Deutschen sich zu ihrem Stolze rechnen: das berühmte deutsche
Gemüth definirt er einmal als "Nachsicht mit fremden und eignen
Schwächen". Hat er damit Unrecht? - es kennzeichnet die Deutschen, dass
man über sie selten völlig Unrecht hat. Die deutsche Seele hat Gänge und
Zwischengänge in sich, es giebt in ihr Höhlen, Verstecke, Burgverliesse;
ihre Unordnung hat viel vom Reize des Geheimnissvollen; der Deutsche
versteht sich auf die Schleichwege zum Chaos. Und wie jeglich Ding sein
Gleichniss liebt, so liebt der Deutsche die Wolken und Alles, was unklar,
werdend, dämmernd, feucht und verhängt ist: das Ungewisse,
Unausgestaltete, Sich-Verschiebende, Wachsende jeder Art fühlt er als
"tief". Der Deutsche selbst ist nicht, er wird, er "entwickelt sich".
widerspruchsvoller, unbekannter, unberechenbarer, überraschender, selbst
erschrecklicher, als es andere Völker sich selber sind: - sie entschlüpfen der
Definition und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen. Es
kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage "was ist deutsch?"
niemals ausstirbt. Kotzebue kannte seine Deutschen gewiss gut genug: "Wir
sind erkannt" jubelten sie ihm zu, - aber auch Sand glaubte sie zu kennen.
Jean Paul wusste, was er that, als er sich ergrimmt gegen Fichte's verlogne,
aber patriotische Schmeicheleien und Übertreibungen erklärte, - aber es ist
wahrscheinlich, dass Goethe anders über die Deutschen dachte, als Jean
Paul, wenn er ihm auch in Betreff Fichtens Recht gab. Was Goethe
eigentlich über die Deutschen gedacht hat? - Aber er hat über viele Dinge
um sich herum nie deutlich geredet und verstand sich zeitlebens auf das
feine Schweigen: - wahrscheinlich hatte er gute Gründe dazu. Gewiss ist,
dass es nicht "die Freiheitskriege" waren, die ihn freudiger aufblicken
liessen, so wenig als die französische Revolution, - das Ereigniss, um
dessentwillen er seinen Faust, ja das ganze Problem "Mensch" umgedacht
hat, war das Erscheinen Napoleon's. Es giebt Worte Goethe's, in denen er,
wie vom Auslande her, mit einer ungeduldigen Härte über Das abspricht,
was die Deutschen sich zu ihrem Stolze rechnen: das berühmte deutsche
Gemüth definirt er einmal als "Nachsicht mit fremden und eignen
Schwächen". Hat er damit Unrecht? - es kennzeichnet die Deutschen, dass
man über sie selten völlig Unrecht hat. Die deutsche Seele hat Gänge und
Zwischengänge in sich, es giebt in ihr Höhlen, Verstecke, Burgverliesse;
ihre Unordnung hat viel vom Reize des Geheimnissvollen; der Deutsche
versteht sich auf die Schleichwege zum Chaos. Und wie jeglich Ding sein
Gleichniss liebt, so liebt der Deutsche die Wolken und Alles, was unklar,
werdend, dämmernd, feucht und verhängt ist: das Ungewisse,
Unausgestaltete, Sich-Verschiebende, Wachsende jeder Art fühlt er als
"tief". Der Deutsche selbst ist nicht, er wird, er "entwickelt sich".
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"Entwicklung" ist deshalb der eigentlich deutsche Fund und Wurf im
grossen Reich philosophischer Formeln: - ein regierender Begriff, der, im
Bunde mit deutschem Bier und deutscher Musik, daran arbeitet, ganz
Europa zu verdeutschen. Die Ausländer stehen erstaunt und angezogen vor
den Räthseln, die ihnen die Widerspruchs-Natur im Grunde der deutschen
Seele aufgiebt (welche Hegel in System gebracht, Richard Wagner zuletzt
noch in Musik gesetzt hat). "Gutmüthig und tückisch" - ein solches
Nebeneinander, widersinnig in Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich
leider zu oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter Schwaben!
Die Schwerfälligkeit des deutschen Gelehrten, seine gesellschaftliche
Abgeschmacktheit verträgt sich zum Erschrecken gut mit einer
innewendigen Seiltänzerei und leichten Kühnheit, vor der bereits alle Götter
das Fürchten gelernt haben. Will man die "deutsche Seele" ad oculos
demonstrirt, so sehe man nur in den deutschen Geschmack, in deutsche
Künste und Sitten hinein: welche bäurische Gleichgültigkeit gegen
"Geschmack"! Wie steht da das Edelste und Gemeinste neben einander!
Wie unordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt! Der Deutsche
schleppt an seiner Seele; er schleppt an Allem, was er erlebt. Er verdaut
seine Ereignisse schlecht, er wird nie damit "fertig"; die deutsche Tiefe ist
oft nur eine schwere zögernde "Verdauung". Und wie alle Gewohnheits-
Kranken, alle Dyspeptiker den Hang zum Bequemen haben, so liebt der
Deutsche die "Offenheit" und "Biederkeit": wie bequem ist es, offen und
bieder zu sein! - Es ist heute vielleicht die gefährlichste und glücklichste
Verkleidung, auf die sich der Deutsche versteht, dies Zutrauliche,
Entgegenkommende, die-Karten-Aufdeckende der deutschen Redlichkeit:
sie ist seine eigentliche Mephistopheles-Kunst, mit ihr kann er es "noch
weit bringen"! Der Deutsche lässt sich gehen, blickt dazu mit treuen blauen
leeren deutschen Augen - und sofort verwechselt das Ausland ihn mit
seinem Schlafrocke! - Ich wollte sagen: mag die "deutsche Tiefe" sein, was
sie will, - ganz unter uns erlauben wir uns vielleicht über sie zu lachen? -
grossen Reich philosophischer Formeln: - ein regierender Begriff, der, im
Bunde mit deutschem Bier und deutscher Musik, daran arbeitet, ganz
Europa zu verdeutschen. Die Ausländer stehen erstaunt und angezogen vor
den Räthseln, die ihnen die Widerspruchs-Natur im Grunde der deutschen
Seele aufgiebt (welche Hegel in System gebracht, Richard Wagner zuletzt
noch in Musik gesetzt hat). "Gutmüthig und tückisch" - ein solches
Nebeneinander, widersinnig in Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich
leider zu oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter Schwaben!
Die Schwerfälligkeit des deutschen Gelehrten, seine gesellschaftliche
Abgeschmacktheit verträgt sich zum Erschrecken gut mit einer
innewendigen Seiltänzerei und leichten Kühnheit, vor der bereits alle Götter
das Fürchten gelernt haben. Will man die "deutsche Seele" ad oculos
demonstrirt, so sehe man nur in den deutschen Geschmack, in deutsche
Künste und Sitten hinein: welche bäurische Gleichgültigkeit gegen
"Geschmack"! Wie steht da das Edelste und Gemeinste neben einander!
Wie unordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt! Der Deutsche
schleppt an seiner Seele; er schleppt an Allem, was er erlebt. Er verdaut
seine Ereignisse schlecht, er wird nie damit "fertig"; die deutsche Tiefe ist
oft nur eine schwere zögernde "Verdauung". Und wie alle Gewohnheits-
Kranken, alle Dyspeptiker den Hang zum Bequemen haben, so liebt der
Deutsche die "Offenheit" und "Biederkeit": wie bequem ist es, offen und
bieder zu sein! - Es ist heute vielleicht die gefährlichste und glücklichste
Verkleidung, auf die sich der Deutsche versteht, dies Zutrauliche,
Entgegenkommende, die-Karten-Aufdeckende der deutschen Redlichkeit:
sie ist seine eigentliche Mephistopheles-Kunst, mit ihr kann er es "noch
weit bringen"! Der Deutsche lässt sich gehen, blickt dazu mit treuen blauen
leeren deutschen Augen - und sofort verwechselt das Ausland ihn mit
seinem Schlafrocke! - Ich wollte sagen: mag die "deutsche Tiefe" sein, was
sie will, - ganz unter uns erlauben wir uns vielleicht über sie zu lachen? -
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wir thun gut, ihren Anschein und guten Namen auch fürderhin in Ehren zu
halten und unsern alten Ruf, als Volk der Tiefe, nicht zu billig gegen
preussische "Schneidigkeit" und Berliner Witz und Sand zu veräussern. Es
ist für ein Volk klug, sich für tief, für ungeschickt, für gutmüthig, für
redlich, für unklug gelten zu machen, gelten zu lassen: es könnte sogar - tief
sein! Zuletzt: man soll seinem Namen Ehre machen, - man heisst nicht
umsonst das "tiusche" Volk, das Täusche-Volk…
245.
Die "gute alte" Zeit ist dahin, in Mozart hat sie sich ausgesungen: - wie
glücklich wir, dass zu uns sein Rokoko noch redet, dass seine "gute
Gesellschaft", sein zärtliches Schwärmen, seine Kinderlust am
Chinesischen und Geschnörkelten, seine Höflichkeit des Herzens, sein
Verlangen nach Zierlichem, Verliebtem, Tanzendem, Thränenseligem, sein
Glaube an den Süden noch an irgend einen Rest in uns appelliren darf! Ach,
irgend wann wird es einmal damit vorbei sein! - aber wer darf zweifeln,
dass es noch früher mit dem Verstehen und Schmecken Beethoven's vorbei
sein wird! - der ja nur der Ausklang eines Stil-Übergangs und Stil-Bruchs
war und nicht, wie Mozart, der Ausklang eines grossen Jahrhunderte langen
europäischen Geschmacks. Beethoven ist das Zwischen-Begebniss einer
alten mürben Seele, die beständig zerbricht, und einer zukünftigen
überjungen Seele, welche beständig kommt; auf seiner Musik liegt jenes
Zwielicht von ewigem Verlieren und ewigem ausschweifendem Hoffen, -
das selbe Licht, in welchem Europa gebadet lag, als es mit Rousseau
geträumt, als es um den Freiheitsbaum der Revolution getanzt und endlich
vor Napoleon beinahe angebetet hatte. Aber wie schnell verbleicht jetzt
gerade dies Gefühl, wie schwer ist heute schon das Wissen um dies Gefühl,
- wie fremd klingt die Sprache jener Rousseau, Schiller, Shelley, Byron an
unser Ohr, in denen zusammen das selbe Schicksal Europa's den Weg zum
halten und unsern alten Ruf, als Volk der Tiefe, nicht zu billig gegen
preussische "Schneidigkeit" und Berliner Witz und Sand zu veräussern. Es
ist für ein Volk klug, sich für tief, für ungeschickt, für gutmüthig, für
redlich, für unklug gelten zu machen, gelten zu lassen: es könnte sogar - tief
sein! Zuletzt: man soll seinem Namen Ehre machen, - man heisst nicht
umsonst das "tiusche" Volk, das Täusche-Volk…
245.
Die "gute alte" Zeit ist dahin, in Mozart hat sie sich ausgesungen: - wie
glücklich wir, dass zu uns sein Rokoko noch redet, dass seine "gute
Gesellschaft", sein zärtliches Schwärmen, seine Kinderlust am
Chinesischen und Geschnörkelten, seine Höflichkeit des Herzens, sein
Verlangen nach Zierlichem, Verliebtem, Tanzendem, Thränenseligem, sein
Glaube an den Süden noch an irgend einen Rest in uns appelliren darf! Ach,
irgend wann wird es einmal damit vorbei sein! - aber wer darf zweifeln,
dass es noch früher mit dem Verstehen und Schmecken Beethoven's vorbei
sein wird! - der ja nur der Ausklang eines Stil-Übergangs und Stil-Bruchs
war und nicht, wie Mozart, der Ausklang eines grossen Jahrhunderte langen
europäischen Geschmacks. Beethoven ist das Zwischen-Begebniss einer
alten mürben Seele, die beständig zerbricht, und einer zukünftigen
überjungen Seele, welche beständig kommt; auf seiner Musik liegt jenes
Zwielicht von ewigem Verlieren und ewigem ausschweifendem Hoffen, -
das selbe Licht, in welchem Europa gebadet lag, als es mit Rousseau
geträumt, als es um den Freiheitsbaum der Revolution getanzt und endlich
vor Napoleon beinahe angebetet hatte. Aber wie schnell verbleicht jetzt
gerade dies Gefühl, wie schwer ist heute schon das Wissen um dies Gefühl,
- wie fremd klingt die Sprache jener Rousseau, Schiller, Shelley, Byron an
unser Ohr, in denen zusammen das selbe Schicksal Europa's den Weg zum
Page 172
Wort gefunden hat, das in Beethoven zu singen wusste! - Was von deutscher
Musik nachher gekommen ist, gehört in die Romantik, das heisst in eine,
historisch gerechnet, noch kürzere, noch flüchtigere, noch oberflächlichere
Bewegung, als es jener grosse Zwischenakt, jener Übergang Europa's von
Rousseau zu Napoleon und zur Heraufkunft der Demokratie war. Weber:
aber was ist uns heute Freischütz und Oberon! Oder Marschner's Hans
Heiling und Vampyr! Oder selbst noch Wagner's Tannhäuser! Das ist
verklungene, wenn auch noch nicht vergessene Musik. Diese ganze Musik
der Romantik war überdies nicht vornehm genug, nicht Musik genug, um
auch anderswo Recht zu behalten, als im Theater und vor der Menge; sie
war von vornherein Musik zweiten Ranges, die unter wirklichen Musikern
wenig in Betracht kam. Anders stand es mit Felix Mendelssohn, jenem
halkyonischen Meister, der um seiner leichteren reineren beglückteren Seele
willen schnell verehrt und ebenso schnell vergessen wurde: als der schöne
Zwischenfall der deutschen Musik. Was aber Robert Schumann angeht, der
es schwer nahm und von Anfang an auch schwer genommen worden ist - es
ist der Letzte, der eine Schule gegründet hat -: gilt es heute unter uns nicht
als ein Glück, als ein Aufathmen, als eine Befreiung, dass gerade diese
Schumann'sche Romantik überwunden ist? Schumann, in die "sächsische
Schweiz" seiner Seele flüchtend, halb Wertherisch, halb Jean-Paulisch
geartet, gewiss nicht Beethovenisch! gewiss nicht Byronisch! - seine
Manfred-Musik ist ein Missgriff und Missverständniss bis zum Unrechte -,
Schumann mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Geschmack
war, (nämlich ein gefährlicher, unter Deutschen doppelt gefährlicher Hang
zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls), beständig bei Seite
gehend, sich scheu verziehend und zurückziehend, ein edler Zärtling, der in
lauter anonymem Glück und Weh schwelgte, eine Art Mädchen und noli me
tangere von Anbeginn: dieser Schumann war bereits nur noch ein deutsches
Ereigniss in der Musik, kein europäisches mehr, wie Beethoven es war, wie,
in noch umfänglicherem Maasse, Mozart es gewesen ist, - mit ihm drohte
Musik nachher gekommen ist, gehört in die Romantik, das heisst in eine,
historisch gerechnet, noch kürzere, noch flüchtigere, noch oberflächlichere
Bewegung, als es jener grosse Zwischenakt, jener Übergang Europa's von
Rousseau zu Napoleon und zur Heraufkunft der Demokratie war. Weber:
aber was ist uns heute Freischütz und Oberon! Oder Marschner's Hans
Heiling und Vampyr! Oder selbst noch Wagner's Tannhäuser! Das ist
verklungene, wenn auch noch nicht vergessene Musik. Diese ganze Musik
der Romantik war überdies nicht vornehm genug, nicht Musik genug, um
auch anderswo Recht zu behalten, als im Theater und vor der Menge; sie
war von vornherein Musik zweiten Ranges, die unter wirklichen Musikern
wenig in Betracht kam. Anders stand es mit Felix Mendelssohn, jenem
halkyonischen Meister, der um seiner leichteren reineren beglückteren Seele
willen schnell verehrt und ebenso schnell vergessen wurde: als der schöne
Zwischenfall der deutschen Musik. Was aber Robert Schumann angeht, der
es schwer nahm und von Anfang an auch schwer genommen worden ist - es
ist der Letzte, der eine Schule gegründet hat -: gilt es heute unter uns nicht
als ein Glück, als ein Aufathmen, als eine Befreiung, dass gerade diese
Schumann'sche Romantik überwunden ist? Schumann, in die "sächsische
Schweiz" seiner Seele flüchtend, halb Wertherisch, halb Jean-Paulisch
geartet, gewiss nicht Beethovenisch! gewiss nicht Byronisch! - seine
Manfred-Musik ist ein Missgriff und Missverständniss bis zum Unrechte -,
Schumann mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Geschmack
war, (nämlich ein gefährlicher, unter Deutschen doppelt gefährlicher Hang
zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls), beständig bei Seite
gehend, sich scheu verziehend und zurückziehend, ein edler Zärtling, der in
lauter anonymem Glück und Weh schwelgte, eine Art Mädchen und noli me
tangere von Anbeginn: dieser Schumann war bereits nur noch ein deutsches
Ereigniss in der Musik, kein europäisches mehr, wie Beethoven es war, wie,
in noch umfänglicherem Maasse, Mozart es gewesen ist, - mit ihm drohte
Page 173
der deutschen Musik ihre grösste Gefahr, die Stimme für die Seele Europa's
zu verlieren und zu einer blossen Vaterländerei herabzusinken. -
246.
- Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher für Den, der das dritte
Ohr hat! Wie unwillig steht er neben dem langsam sich drehenden Sumpfe
von Klängen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher bei Deutschen
ein "Buch" genannt wird! Und gar der Deutsche, der Bücher liest! Wie faul,
wie widerwillig, wie schlecht liest er! Wie viele Deutsche wissen es und
fordern es von sich zu wissen, dass Kunst in jedem guten Satze steckt, -
Kunst, die errathen sein will, sofern der Satz verstanden sein will! Ein
Missverständniss über sein Tempo zum Beispiel: und der Satz selbst ist
missverstanden! Dass man über die rhythmisch entscheidenden Silben nicht
im Zweifel sein darf, dass man die Brechung der allzustrengen Symmetrie
als gewollt und als Reiz fühlt, dass man jedem staccato, jedem rubato ein
feines geduldiges Ohr hinhält, dass man den Sinn in der Folge der Vocale
und Diphthongen räth, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander
sich färben und umfärben können: wer unter bücherlesenden Deutschen ist
gutwillig genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen
und auf so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat
zuletzt eben "das Ohr nicht dafür": und so werden die stärksten Gegensätze
des Stils nicht gehört, und die feinste Künstlerschaft ist wie vor Tauben
verschwendet. - Dies waren meine Gedanken, als ich merkte, wie man
plump und ahnungslos zwei Meister in der Kunst der Prosa mit einander
verwechselte, Einen, dem die Worte zögernd und kalt herabtropfen, wie von
der Decke einer feuchten Höhle - er rechnet auf ihren dumpfen Klang und
Wiederklang - und einen Anderen, der seine Sprache wie einen biegsamen
Degen handhabt und vom Arme bis zur Zehe hinab das gefährliche Glück
zu verlieren und zu einer blossen Vaterländerei herabzusinken. -
246.
- Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher für Den, der das dritte
Ohr hat! Wie unwillig steht er neben dem langsam sich drehenden Sumpfe
von Klängen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher bei Deutschen
ein "Buch" genannt wird! Und gar der Deutsche, der Bücher liest! Wie faul,
wie widerwillig, wie schlecht liest er! Wie viele Deutsche wissen es und
fordern es von sich zu wissen, dass Kunst in jedem guten Satze steckt, -
Kunst, die errathen sein will, sofern der Satz verstanden sein will! Ein
Missverständniss über sein Tempo zum Beispiel: und der Satz selbst ist
missverstanden! Dass man über die rhythmisch entscheidenden Silben nicht
im Zweifel sein darf, dass man die Brechung der allzustrengen Symmetrie
als gewollt und als Reiz fühlt, dass man jedem staccato, jedem rubato ein
feines geduldiges Ohr hinhält, dass man den Sinn in der Folge der Vocale
und Diphthongen räth, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander
sich färben und umfärben können: wer unter bücherlesenden Deutschen ist
gutwillig genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen
und auf so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat
zuletzt eben "das Ohr nicht dafür": und so werden die stärksten Gegensätze
des Stils nicht gehört, und die feinste Künstlerschaft ist wie vor Tauben
verschwendet. - Dies waren meine Gedanken, als ich merkte, wie man
plump und ahnungslos zwei Meister in der Kunst der Prosa mit einander
verwechselte, Einen, dem die Worte zögernd und kalt herabtropfen, wie von
der Decke einer feuchten Höhle - er rechnet auf ihren dumpfen Klang und
Wiederklang - und einen Anderen, der seine Sprache wie einen biegsamen
Degen handhabt und vom Arme bis zur Zehe hinab das gefährliche Glück
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der zitternden überscharfen Klinge fühlt, welche beissen, zischen,
schneiden will. -
247.
Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun
hat, zeigt die Thatsache, dass gerade unsre guten Musiker schlecht
schreiben. Der Deutsche liest nicht laut, nicht für's Ohr, sondern bloss mit
den Augen: er hat seine Ohren dabei in's Schubfach gelegt. Der antike
Mensch las, wenn er las - es geschah selten genug - sich selbst etwas vor,
und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn jemand leise las und
fragte sich insgeheim nach Gründen. Mit lauter Stimme: das will sagen, mit
all den Schwellungen, Biegungen, Umschlägen des Tons und Wechseln des
Tempo's, an denen die antike öffentliche Welt ihre Freude hatte. Damals
waren die Gesetze des Schrift-Stils die selben, wie die des Rede-Stils; und
dessen Gesetze hiengen zum Theil von der erstaunlichen Ausbildung, den
raffinirten Bedürfnissen des Ohrs und Kehlkopfs ab, zum andern Theil von
der Stärke, Dauer und Macht der antiken Lunge. Eine Periode ist, im Sinne
der Alten, vor Allem ein physiologisches Ganzes, insofern sie von Einem
Athem zusammengefasst wird. Solche Perioden, wie sie bei Demosthenes,
bei Cicero vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal absinkend und
Alles innerhalb Eines Athemzugs: das sind Genüsse für antike Menschen,
welche die Tugend daran, das Seltene und Schwierige im Vortrag einer
solchen Periode, aus ihrer eignen Schulung zu schätzen wussten: - wir
haben eigentlich kein Recht auf die grosse Periode, wir Modernen, wir
Kurzathmigen in jedem Sinne! Diese Alten waren ja insgesammt in der
Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner, folglich Kritiker, - damit trieben
sie ihre Redner zum Äussersten; in gleicher Weise, wie im vorigen
Jahrhundert, als alle Italiäner und Italiänerinnen zu singen verstanden, bei
ihnen das Gesangs-Virtuosenthum (und damit auch die Kunst der Melodik
schneiden will. -
247.
Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun
hat, zeigt die Thatsache, dass gerade unsre guten Musiker schlecht
schreiben. Der Deutsche liest nicht laut, nicht für's Ohr, sondern bloss mit
den Augen: er hat seine Ohren dabei in's Schubfach gelegt. Der antike
Mensch las, wenn er las - es geschah selten genug - sich selbst etwas vor,
und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn jemand leise las und
fragte sich insgeheim nach Gründen. Mit lauter Stimme: das will sagen, mit
all den Schwellungen, Biegungen, Umschlägen des Tons und Wechseln des
Tempo's, an denen die antike öffentliche Welt ihre Freude hatte. Damals
waren die Gesetze des Schrift-Stils die selben, wie die des Rede-Stils; und
dessen Gesetze hiengen zum Theil von der erstaunlichen Ausbildung, den
raffinirten Bedürfnissen des Ohrs und Kehlkopfs ab, zum andern Theil von
der Stärke, Dauer und Macht der antiken Lunge. Eine Periode ist, im Sinne
der Alten, vor Allem ein physiologisches Ganzes, insofern sie von Einem
Athem zusammengefasst wird. Solche Perioden, wie sie bei Demosthenes,
bei Cicero vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal absinkend und
Alles innerhalb Eines Athemzugs: das sind Genüsse für antike Menschen,
welche die Tugend daran, das Seltene und Schwierige im Vortrag einer
solchen Periode, aus ihrer eignen Schulung zu schätzen wussten: - wir
haben eigentlich kein Recht auf die grosse Periode, wir Modernen, wir
Kurzathmigen in jedem Sinne! Diese Alten waren ja insgesammt in der
Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner, folglich Kritiker, - damit trieben
sie ihre Redner zum Äussersten; in gleicher Weise, wie im vorigen
Jahrhundert, als alle Italiäner und Italiänerinnen zu singen verstanden, bei
ihnen das Gesangs-Virtuosenthum (und damit auch die Kunst der Melodik
Page 175
-) auf die Höhe kam. In Deutschland aber gab es (bis auf die jüngste Zeit,
wo eine Art Tribünen-Beredtsamkeit schüchtern und plump genug ihre
jungen Schwingen regt) eigentlich nur Eine Gattung öffentlicher und
ungefähr kunstmässiger Rede: das ist die von der Kanzel herab. Der
Prediger allein wusste in Deutschland, was eine Silbe, was ein Wort wiegt,
inwiefern ein Satz schlägt, springt, stürzt, läuft, ausläuft, er allein hatte
Gewissen in seinen Ohren, oft genug ein böses Gewissen: denn es fehlt
nicht an Gründen dafür, dass gerade von einem Deutschen Tüchtigkeit in
der Rede selten, fast immer zu spät erreicht wird. Das Meisterstück der
deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten
Predigers: die Bibel war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luther's
Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur "Litteratur" - ein Ding, das nicht in
Deutschland gewachsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hinein
wuchs und wächst: wie es die Bibel gethan hat.
248.
Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und
zeugen will, und ein andres, welches sich gern befruchten lässt und gebiert.
Und ebenso giebt es unter den genialen Völkern solche, denen das
Weibsproblem der Schwangerschaft und die geheime Aufgabe des
Gestaltens, Ausreifens, Vollendens zugefallen ist - die Griechen zum
Beispiel waren ein Volk dieser Art, insgleichen die Franzosen -; und andre,
welche befruchten müssen und die Ursache neuer Ordnungen des Lebens
werden, - gleich den Juden, den Römern und, in aller Bescheidenheit
gefragt, den Deutschen? - Völker gequält und entzückt von unbekannten
Fiebern und unwiderstehlich aus sich herausgedrängt, verliebt und lüstern
nach fremden Rassen (nach solchen, welche sich "befruchten lassen" -) und
dabei herrschsüchtig wie Alles, was sich voller Zeugekräfte und folglich
"von Gottes Gnaden" weiss. Diese zwei Arten des Genie's suchen sich, wie
wo eine Art Tribünen-Beredtsamkeit schüchtern und plump genug ihre
jungen Schwingen regt) eigentlich nur Eine Gattung öffentlicher und
ungefähr kunstmässiger Rede: das ist die von der Kanzel herab. Der
Prediger allein wusste in Deutschland, was eine Silbe, was ein Wort wiegt,
inwiefern ein Satz schlägt, springt, stürzt, läuft, ausläuft, er allein hatte
Gewissen in seinen Ohren, oft genug ein böses Gewissen: denn es fehlt
nicht an Gründen dafür, dass gerade von einem Deutschen Tüchtigkeit in
der Rede selten, fast immer zu spät erreicht wird. Das Meisterstück der
deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten
Predigers: die Bibel war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luther's
Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur "Litteratur" - ein Ding, das nicht in
Deutschland gewachsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hinein
wuchs und wächst: wie es die Bibel gethan hat.
248.
Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und
zeugen will, und ein andres, welches sich gern befruchten lässt und gebiert.
Und ebenso giebt es unter den genialen Völkern solche, denen das
Weibsproblem der Schwangerschaft und die geheime Aufgabe des
Gestaltens, Ausreifens, Vollendens zugefallen ist - die Griechen zum
Beispiel waren ein Volk dieser Art, insgleichen die Franzosen -; und andre,
welche befruchten müssen und die Ursache neuer Ordnungen des Lebens
werden, - gleich den Juden, den Römern und, in aller Bescheidenheit
gefragt, den Deutschen? - Völker gequält und entzückt von unbekannten
Fiebern und unwiderstehlich aus sich herausgedrängt, verliebt und lüstern
nach fremden Rassen (nach solchen, welche sich "befruchten lassen" -) und
dabei herrschsüchtig wie Alles, was sich voller Zeugekräfte und folglich
"von Gottes Gnaden" weiss. Diese zwei Arten des Genie's suchen sich, wie
Page 176
Mann und Weib; aber sie missverstehen auch einander, - wie Mann und
Weib.
249.
Jedes Volk hat seine eigne Tartüfferie, und heisst sie seine Tugenden.
- Das Beste, was man ist, kennt man nicht, - kann man nicht kennen.
250.
Was Europa den Juden verdankt? - Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und
vor allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den grossen
Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen,
unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der
moralischen Fragwürdigkeiten - und folglich gerade den anziehendsten,
verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und
Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unsrer
europäischen Cultur, ihr Abend-Himmel, glüht, - vielleicht verglüht. Wir
Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden -
dankbar.
251.
Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen
Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will -, mancherlei
Wolken und Störungen über den Geist ziehn, kurz, kleine Anfälle von
Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute bald die
antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald die antipolnische,
bald die christlich-romantische, bald die Wagnerianische, bald die
teutonische, bald die preussische (man sehe sich doch diese armen
Weib.
249.
Jedes Volk hat seine eigne Tartüfferie, und heisst sie seine Tugenden.
- Das Beste, was man ist, kennt man nicht, - kann man nicht kennen.
250.
Was Europa den Juden verdankt? - Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und
vor allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den grossen
Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen,
unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der
moralischen Fragwürdigkeiten - und folglich gerade den anziehendsten,
verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und
Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unsrer
europäischen Cultur, ihr Abend-Himmel, glüht, - vielleicht verglüht. Wir
Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden -
dankbar.
251.
Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen
Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will -, mancherlei
Wolken und Störungen über den Geist ziehn, kurz, kleine Anfälle von
Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute bald die
antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald die antipolnische,
bald die christlich-romantische, bald die Wagnerianische, bald die
teutonische, bald die preussische (man sehe sich doch diese armen
Page 177
Historiker, diese Sybel und Treitzschke und ihre dick verbundenen Köpfe
an -), und wie sie Alle heissen mögen, diese kleinen Benebelungen des
deutschen Geistes und Gewissens. Möge man mir verzeihn, dass auch ich,
bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr inficirtem Gebiete, nicht
völlig von der Krankheit verschont blieb und mir, wie alle Welt, bereits
Gedanken über Dinge zu machen anfieng, die mich nichts angehn: erstes
Zeichen der politischen Infektion. Zum Beispiel über die Juden: man höre. -
Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen
wäre; und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei
von Seiten aller Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch
auch diese Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls
selber, sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere
gegen den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen
Gefühls, - darüber darf man sich nicht täuschen. Dass Deutschland reichlich
genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche Blut Noth hat (und
noch auf lange Noth haben wird), um auch nur mit diesem Quantum "Jude"
fertig zu werden - so wie der Italiäner, der Franzose, der Engländer fertig
geworden sind, in Folge einer kräftigeren Verdauung -: das ist die deutliche
Aussage und Sprache eines allgemeinen Instinktes, auf welchen man hören,
nach welchem man handeln muss. "Keine neuen Juden mehr hinein lassen!
Und namentlich nach dem Osten (auch nach Östreich) zu die Thore
zusperren!" also gebietet der Instinkt eines Volkes, dessen Art noch
schwach und unbestimmt ist, so dass sie leicht verwischt, leicht durch eine
stärkere Rasse ausgelöscht werden könnte. Die Juden sind aber ohne allen
Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie
verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich
durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher
Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, - Dank, vor
Allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den "modernen Ideen" nicht
zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur
an -), und wie sie Alle heissen mögen, diese kleinen Benebelungen des
deutschen Geistes und Gewissens. Möge man mir verzeihn, dass auch ich,
bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr inficirtem Gebiete, nicht
völlig von der Krankheit verschont blieb und mir, wie alle Welt, bereits
Gedanken über Dinge zu machen anfieng, die mich nichts angehn: erstes
Zeichen der politischen Infektion. Zum Beispiel über die Juden: man höre. -
Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen
wäre; und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei
von Seiten aller Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch
auch diese Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls
selber, sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere
gegen den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen
Gefühls, - darüber darf man sich nicht täuschen. Dass Deutschland reichlich
genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche Blut Noth hat (und
noch auf lange Noth haben wird), um auch nur mit diesem Quantum "Jude"
fertig zu werden - so wie der Italiäner, der Franzose, der Engländer fertig
geworden sind, in Folge einer kräftigeren Verdauung -: das ist die deutliche
Aussage und Sprache eines allgemeinen Instinktes, auf welchen man hören,
nach welchem man handeln muss. "Keine neuen Juden mehr hinein lassen!
Und namentlich nach dem Osten (auch nach Östreich) zu die Thore
zusperren!" also gebietet der Instinkt eines Volkes, dessen Art noch
schwach und unbestimmt ist, so dass sie leicht verwischt, leicht durch eine
stärkere Rasse ausgelöscht werden könnte. Die Juden sind aber ohne allen
Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie
verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich
durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher
Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, - Dank, vor
Allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den "modernen Ideen" nicht
zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur
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so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, - als ein Reich, das
Zeit hat und nicht von Gestern ist -: nämlich nach dem Grundsatze "so
langsam als möglich!" Ein Denker, der die Zukunft Europa's auf seinem
Gewissen hat, wird, bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese
Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den
zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im grossen Spiel und
Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa "Nation" genannt wird und
eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res ficta et picta
zum Verwechseln ähnlich sieht -), ist in jedem Falle etwas Werdendes,
Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein
solches aere perennius, wie es die Juden-Art ist: diese "Nationen" sollten
sich doch vor jeder hitzköpfigen Concurrenz und Feindseligkeit sorgfältig
in Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie wollten - oder, wenn man sie
dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen -, jetzt schon das
Übergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten,
steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne machen, ebenfalls.
Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger
Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie
dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem
Nomadenleben, dem "ewigen Juden" ein Ziel zu setzen -; und man sollte
diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der
jüdischen Instinkte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen:
wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse
des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit
Auswahl; ungefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand,
dass am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester
geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum
Beispiel der adelige Offizier aus der Mark: es wäre von vielfachem
Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und
Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch - das
Zeit hat und nicht von Gestern ist -: nämlich nach dem Grundsatze "so
langsam als möglich!" Ein Denker, der die Zukunft Europa's auf seinem
Gewissen hat, wird, bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese
Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den
zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im grossen Spiel und
Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa "Nation" genannt wird und
eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res ficta et picta
zum Verwechseln ähnlich sieht -), ist in jedem Falle etwas Werdendes,
Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein
solches aere perennius, wie es die Juden-Art ist: diese "Nationen" sollten
sich doch vor jeder hitzköpfigen Concurrenz und Feindseligkeit sorgfältig
in Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie wollten - oder, wenn man sie
dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen -, jetzt schon das
Übergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten,
steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne machen, ebenfalls.
Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger
Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie
dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem
Nomadenleben, dem "ewigen Juden" ein Ziel zu setzen -; und man sollte
diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der
jüdischen Instinkte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen:
wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse
des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit
Auswahl; ungefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand,
dass am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester
geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum
Beispiel der adelige Offizier aus der Mark: es wäre von vielfachem
Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und
Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch - das
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Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und
Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -) hinzuthun,
hinzuzüchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere
Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an
meinen Ernst, an das "europäische Problem", wie ich es verstehe, an die
Züchtung einer neuen über Europa, regierenden Kaste. -
252.
Das ist keine philosophische Rasse - diese Engländer: Bacon bedeutet
einen Angriff auf den philosophischen Geist überhaupt, Hobbes, Hume und
Locke eine Erniedrigung und Werth-Minderung des Begriffs "Philosoph"
für mehr als ein Jahrhundert. Gegen Hume erhob und hob sich Kant; Locke
war es, von dem Schelling sagen durfte: "je méprise Locke"; im Kampfe
mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertölpelung waren Hegel und
Schopenhauer (mit Goethe) einmüthig, jene beiden feindlichen Brüder-
Genies in der Philosophie, welche nach den entgegengesetzten Polen des
deutschen Geistes auseinander strebten und sich dabei Unrecht thaten, wie
sich eben nur Brüder Unrecht thun. - Woran es in England fehlt und immer
gefehlt hat, das wusste jener Halb-Schauspieler und Rhetor gut genug, der
abgeschmackte Wirrkopf Carlyle, welcher es unter leidenschaftlichen
Fratzen zu verbergen suchte, was er von sich selbst wusste: nämlich woran
es in Carlyle fehlte - an eigentlicher Macht der Geistigkeit, an eigentlicher
Tiefe des geistigen Blicks, kurz, an Philosophie. - Es kennzeichnet eine
solche unphilosophische Rasse, dass sie streng zum Christenthume hält: sie
braucht seine Zucht zur "Moralisirung" und Veranmenschlichung. Der
Engländer, düsterer, sinnlicher, willensstärker und brutaler als der Deutsche
- ist eben deshalb, als der Gemeinere von Beiden, auch frömmer als der
Deutsche: er hat das Christenthum eben noch nöthiger. Für feinere Nüstern
hat selbst dieses englische Christenthum noch einen ächt englischen
Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -) hinzuthun,
hinzuzüchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere
Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an
meinen Ernst, an das "europäische Problem", wie ich es verstehe, an die
Züchtung einer neuen über Europa, regierenden Kaste. -
252.
Das ist keine philosophische Rasse - diese Engländer: Bacon bedeutet
einen Angriff auf den philosophischen Geist überhaupt, Hobbes, Hume und
Locke eine Erniedrigung und Werth-Minderung des Begriffs "Philosoph"
für mehr als ein Jahrhundert. Gegen Hume erhob und hob sich Kant; Locke
war es, von dem Schelling sagen durfte: "je méprise Locke"; im Kampfe
mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertölpelung waren Hegel und
Schopenhauer (mit Goethe) einmüthig, jene beiden feindlichen Brüder-
Genies in der Philosophie, welche nach den entgegengesetzten Polen des
deutschen Geistes auseinander strebten und sich dabei Unrecht thaten, wie
sich eben nur Brüder Unrecht thun. - Woran es in England fehlt und immer
gefehlt hat, das wusste jener Halb-Schauspieler und Rhetor gut genug, der
abgeschmackte Wirrkopf Carlyle, welcher es unter leidenschaftlichen
Fratzen zu verbergen suchte, was er von sich selbst wusste: nämlich woran
es in Carlyle fehlte - an eigentlicher Macht der Geistigkeit, an eigentlicher
Tiefe des geistigen Blicks, kurz, an Philosophie. - Es kennzeichnet eine
solche unphilosophische Rasse, dass sie streng zum Christenthume hält: sie
braucht seine Zucht zur "Moralisirung" und Veranmenschlichung. Der
Engländer, düsterer, sinnlicher, willensstärker und brutaler als der Deutsche
- ist eben deshalb, als der Gemeinere von Beiden, auch frömmer als der
Deutsche: er hat das Christenthum eben noch nöthiger. Für feinere Nüstern
hat selbst dieses englische Christenthum noch einen ächt englischen
Page 180
Nebengeruch von Spleen und alkoholischer Ausschweifung, gegen welche
es aus guten Gründen als Heilmittel gebraucht wird, - das feinere Gift
nämlich gegen das gröbere: eine feinere Vergiftung ist in der That bei
plumpen Völkern schon ein Fortschritt, eine Stufe zur Vergeistigung. Die
englische Plumpheit und Bauern-Ernsthaftigkeit wird durch die christliche
Gebärdensprache und durch Beten und Psalmensingen noch am
erträglichsten verkleidet, richtiger: ausgelegt und umgedeutet; und für jenes
Vieh von Trunkenbolden und Ausschweifenden, welches ehemals unter der
Gewalt des Methodismus und neuerdings wieder als "Heilsarmee"
moralisch grunzen lernt, mag wirklich ein Busskrampf die
verhältnissmässig höchste Leistung von "Humanität" sein, zu der es
gesteigert werden kann: so viel darf man billig zugestehn. Was aber auch
noch am humansten Engländer beleidigt, das ist sein Mangel an Musik, im
Gleichniss (und ohne Gleichniss -) zu reden: er hat in den Bewegungen
seiner Seele und seines Leibes keinen Takt und Tanz, ja noch nicht einmal
die Begierde nach Takt und Tanz, nach "Musik". Man höre ihn sprechen;
man sehe die schönsten Engländerinnen gehn - es giebt in keinem Lande
der Erde schönere Tauben und Schwäne, - endlich: man höre sie singen!
Aber ich verlange zu viel…..
253.
Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmässigen Köpfen erkannt
werden, weil sie ihnen am gemässesten sind, es giebt Wahrheiten, die nur
für mittelmässige Geister Reize und Verführungskräfte besitzen - - auf
diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade jetzt hingestossen,
seitdem der Geist achtbarer, aber mittelmässiger Engländer - ich nenne
Darwin, John Stuart Mill und Herbert Spencer - in der mittleren Region des
europäischen Geschmacks zum Übergewicht zu gelangen anhebt. In der
That, wer möchte die Nützlichkeit davon anzweifeln, dass zeitweilig solche
es aus guten Gründen als Heilmittel gebraucht wird, - das feinere Gift
nämlich gegen das gröbere: eine feinere Vergiftung ist in der That bei
plumpen Völkern schon ein Fortschritt, eine Stufe zur Vergeistigung. Die
englische Plumpheit und Bauern-Ernsthaftigkeit wird durch die christliche
Gebärdensprache und durch Beten und Psalmensingen noch am
erträglichsten verkleidet, richtiger: ausgelegt und umgedeutet; und für jenes
Vieh von Trunkenbolden und Ausschweifenden, welches ehemals unter der
Gewalt des Methodismus und neuerdings wieder als "Heilsarmee"
moralisch grunzen lernt, mag wirklich ein Busskrampf die
verhältnissmässig höchste Leistung von "Humanität" sein, zu der es
gesteigert werden kann: so viel darf man billig zugestehn. Was aber auch
noch am humansten Engländer beleidigt, das ist sein Mangel an Musik, im
Gleichniss (und ohne Gleichniss -) zu reden: er hat in den Bewegungen
seiner Seele und seines Leibes keinen Takt und Tanz, ja noch nicht einmal
die Begierde nach Takt und Tanz, nach "Musik". Man höre ihn sprechen;
man sehe die schönsten Engländerinnen gehn - es giebt in keinem Lande
der Erde schönere Tauben und Schwäne, - endlich: man höre sie singen!
Aber ich verlange zu viel…..
253.
Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmässigen Köpfen erkannt
werden, weil sie ihnen am gemässesten sind, es giebt Wahrheiten, die nur
für mittelmässige Geister Reize und Verführungskräfte besitzen - - auf
diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade jetzt hingestossen,
seitdem der Geist achtbarer, aber mittelmässiger Engländer - ich nenne
Darwin, John Stuart Mill und Herbert Spencer - in der mittleren Region des
europäischen Geschmacks zum Übergewicht zu gelangen anhebt. In der
That, wer möchte die Nützlichkeit davon anzweifeln, dass zeitweilig solche
Page 181
Geister herrschen? Es wäre ein Irrthum, gerade die hochgearteten und
abseits fliegenden Geister für besonders geschickt zu halten, viele kleine
gemeine Thatsachen festzustellen, zu sammeln und in Schlüsse zu drängen:
- sie sind vielmehr, als Ausnahmen, von vornherein in keiner günstigen
Stellung zu den "Regeln". Zuletzt haben sie mehr zu thun, als nur zu
erkennen - nämlich etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue
Werthe darzustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht
grösser, auch unheimlicher als man denkt: der Könnende im grossen Stil,
der Schaffende wird möglicherweise ein Unwissender sein müssen, -
während andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der Art
Darwin's eine gewisse Enge, Dürre und fleissige Sorglichkeit, kurz, etwas
Englisches nicht übel disponiren mag. - Vergesse man es zuletzt den
Engländern nicht, dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen
Durchschnittlichkeit eine Gesammt-Depression des europäischen Geistes
verursacht haben: Das, was man "die modernen Ideen" oder "die Ideen des
achtzehnten Jahrhunderts" oder auch "die französischen Ideen" nennt - Das
also, wogegen sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel erhoben hat -, war
englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln. Die Franzosen sind nur
die Affen und Schauspieler dieser Ideen gewesen, auch ihre besten
Soldaten, insgleichen leider ihre ersten und gründlichsten Opfer: denn an
der verdammlichen Anglomanie der "modernen Ideen" ist zuletzt die âme
française so dünn geworden und abgemagert, dass man sich ihres
sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen
Kraft, ihrer erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben erinnert.
Man muss aber diesen Satz historischer Billigkeit mit den Zähnen festhalten
und gegen den Augenblick und Augenschein vertheidigen: die europäische
noblesse - des Gefühls, des Geschmacks, der Sitte, kurz, das Wort in jedem
hohen Sinne genommen - ist Frankreich's Werk und Erfindung, die
europäische Gemeinheit, der Plebejismus der modernen Ideen -Englands.-
abseits fliegenden Geister für besonders geschickt zu halten, viele kleine
gemeine Thatsachen festzustellen, zu sammeln und in Schlüsse zu drängen:
- sie sind vielmehr, als Ausnahmen, von vornherein in keiner günstigen
Stellung zu den "Regeln". Zuletzt haben sie mehr zu thun, als nur zu
erkennen - nämlich etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue
Werthe darzustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht
grösser, auch unheimlicher als man denkt: der Könnende im grossen Stil,
der Schaffende wird möglicherweise ein Unwissender sein müssen, -
während andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der Art
Darwin's eine gewisse Enge, Dürre und fleissige Sorglichkeit, kurz, etwas
Englisches nicht übel disponiren mag. - Vergesse man es zuletzt den
Engländern nicht, dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen
Durchschnittlichkeit eine Gesammt-Depression des europäischen Geistes
verursacht haben: Das, was man "die modernen Ideen" oder "die Ideen des
achtzehnten Jahrhunderts" oder auch "die französischen Ideen" nennt - Das
also, wogegen sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel erhoben hat -, war
englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln. Die Franzosen sind nur
die Affen und Schauspieler dieser Ideen gewesen, auch ihre besten
Soldaten, insgleichen leider ihre ersten und gründlichsten Opfer: denn an
der verdammlichen Anglomanie der "modernen Ideen" ist zuletzt die âme
française so dünn geworden und abgemagert, dass man sich ihres
sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen
Kraft, ihrer erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben erinnert.
Man muss aber diesen Satz historischer Billigkeit mit den Zähnen festhalten
und gegen den Augenblick und Augenschein vertheidigen: die europäische
noblesse - des Gefühls, des Geschmacks, der Sitte, kurz, das Wort in jedem
hohen Sinne genommen - ist Frankreich's Werk und Erfindung, die
europäische Gemeinheit, der Plebejismus der modernen Ideen -Englands.-
Page 182
254.
Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten
Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks: aber man muss dies
"Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Wer zu ihm gehört, hält
sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl sein, in denen es leibt und
lebt, dazu vielleicht Menschen, welche nicht auf den kräftigsten Beinen
stehn, zum Theil Fatalisten, Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und
Verkünstelte, solche, welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas
ist Allen gemein: sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit
und dem lärmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That
wälzt sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes
Frankreich, - es hat neuerdings, bei dem Leichenbegängniss Victor Hugo's,
eine wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung
gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille, sich der
geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres Unvermögen
dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in diesem Frankreich des
Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus ist, mehr zu Hause
und heimischer geworden, als er es je in Deutschland war; nicht zu reden
von Heinrich Heine, der den feineren und anspruchsvolleren Lyrikern von
Paris lange schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, oder von Hegel, der
heute in Gestalt Taine's - das heisst des ersten lebenden Historikers - einen
beinahe tyrannischen Einfluss ausübt. Was aber Richard Wagner betrifft: je
mehr sich die französische Musik nach den wirklichen Bedürfnissen der
âme moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie "wagnerisiren", das darf
man vorhersagen, - sie thut es jetzt schon genug! Es ist dennoch dreierlei,
was auch heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und Eigen und als
unverlornes Merkmal einer alten Cultur-Überlegenheit über Europa
aufweisen können, trotz aller freiwilligen oder unfreiwilligen
Germanisirung und Verpöbelung des Geschmacks: einmal die Fähigkeit zu
artistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die "Form", für welche das
Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten
Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks: aber man muss dies
"Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Wer zu ihm gehört, hält
sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl sein, in denen es leibt und
lebt, dazu vielleicht Menschen, welche nicht auf den kräftigsten Beinen
stehn, zum Theil Fatalisten, Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und
Verkünstelte, solche, welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas
ist Allen gemein: sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit
und dem lärmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That
wälzt sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes
Frankreich, - es hat neuerdings, bei dem Leichenbegängniss Victor Hugo's,
eine wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung
gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille, sich der
geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres Unvermögen
dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in diesem Frankreich des
Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus ist, mehr zu Hause
und heimischer geworden, als er es je in Deutschland war; nicht zu reden
von Heinrich Heine, der den feineren und anspruchsvolleren Lyrikern von
Paris lange schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, oder von Hegel, der
heute in Gestalt Taine's - das heisst des ersten lebenden Historikers - einen
beinahe tyrannischen Einfluss ausübt. Was aber Richard Wagner betrifft: je
mehr sich die französische Musik nach den wirklichen Bedürfnissen der
âme moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie "wagnerisiren", das darf
man vorhersagen, - sie thut es jetzt schon genug! Es ist dennoch dreierlei,
was auch heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und Eigen und als
unverlornes Merkmal einer alten Cultur-Überlegenheit über Europa
aufweisen können, trotz aller freiwilligen oder unfreiwilligen
Germanisirung und Verpöbelung des Geschmacks: einmal die Fähigkeit zu
artistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die "Form", für welche das
Page 183
Wort l'art pour l'art, neben tausend anderen, erfunden ist: - dergleichen hat
in Frankreich seit drei Jahrhunderten nicht gefehlt und immer wieder, Dank
der Ehrfurcht vor der "kleinen Zahl", eine Art Kammermusik der Litteratur
ermöglicht, welche im übrigen Europa sich suchen lässt -. Das Zweite,
worauf die Franzosen eine Überlegenheit über Europa begründen können,
ist ihre alte vielfache moralistische Cultur, welche macht, dass man im
Durchschnitt selbst bei kleinen romanciers der Zeitungen und zufälligen
boulevardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und Neugierde
findet, von der man zum Beispiel in Deutschland keinen Begriff
(geschweige denn die Sache!) hat. Den Deutschen fehlen dazu ein paar
Jahrhunderte moralistischer Art, welche, wie gesagt, Frankreich sich nicht
erspart hat; wer die Deutschen darum "naiv" nennt, macht ihnen aus einem
Mangel ein Lob zurecht. (Als Gegensatz zu der deutschen Unerfahrenheit
und Unschuld in voluptate psychologica, die mit der Langweiligkeit des
deutschen Verkehrs nicht gar zu fern verwandt ist, - und als gelungenster
Ausdruck einer ächt französischen Neugierde und Erfindungsgabe für
dieses Reich zarter Schauder mag Henri Beyle gelten, jener merkwürdige
vorwegnehmende und vorauslaufende Mensch, der mit einem
Napoleonischen Tempo durch sein Europa, durch mehrere Jahrhunderte der
europäischen Seele lief, als ein Ausspürer und Entdecker dieser Seele: - es
hat zweier Geschlechter bedurft, um ihn irgendwie einzuholen, um einige
der Räthsel nachzurathen, die ihn quälten und entzückten, diesen
wunderlichen Epicureer und Fragezeichen-Menschen, der Frankreichs
letzter grosser Psycholog war -). Es giebt noch einen dritten Anspruch auf
Überlegenheit: im Wesen der Franzosen ist eine halbwegs gelungene
Synthesis des Nordens und Südens gegeben, welche sie viele Dinge
begreifen macht und andre Dinge thun heisst, die ein Engländer nie
begreifen wird; ihr dem Süden periodisch zugewandtes und abgewandtes
Temperament, in dem von Zeit zu Zeit das provençalische und ligurische
Blut überschäumt, bewahrt sie vor dem schauerlichen nordischen Grau in
in Frankreich seit drei Jahrhunderten nicht gefehlt und immer wieder, Dank
der Ehrfurcht vor der "kleinen Zahl", eine Art Kammermusik der Litteratur
ermöglicht, welche im übrigen Europa sich suchen lässt -. Das Zweite,
worauf die Franzosen eine Überlegenheit über Europa begründen können,
ist ihre alte vielfache moralistische Cultur, welche macht, dass man im
Durchschnitt selbst bei kleinen romanciers der Zeitungen und zufälligen
boulevardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und Neugierde
findet, von der man zum Beispiel in Deutschland keinen Begriff
(geschweige denn die Sache!) hat. Den Deutschen fehlen dazu ein paar
Jahrhunderte moralistischer Art, welche, wie gesagt, Frankreich sich nicht
erspart hat; wer die Deutschen darum "naiv" nennt, macht ihnen aus einem
Mangel ein Lob zurecht. (Als Gegensatz zu der deutschen Unerfahrenheit
und Unschuld in voluptate psychologica, die mit der Langweiligkeit des
deutschen Verkehrs nicht gar zu fern verwandt ist, - und als gelungenster
Ausdruck einer ächt französischen Neugierde und Erfindungsgabe für
dieses Reich zarter Schauder mag Henri Beyle gelten, jener merkwürdige
vorwegnehmende und vorauslaufende Mensch, der mit einem
Napoleonischen Tempo durch sein Europa, durch mehrere Jahrhunderte der
europäischen Seele lief, als ein Ausspürer und Entdecker dieser Seele: - es
hat zweier Geschlechter bedurft, um ihn irgendwie einzuholen, um einige
der Räthsel nachzurathen, die ihn quälten und entzückten, diesen
wunderlichen Epicureer und Fragezeichen-Menschen, der Frankreichs
letzter grosser Psycholog war -). Es giebt noch einen dritten Anspruch auf
Überlegenheit: im Wesen der Franzosen ist eine halbwegs gelungene
Synthesis des Nordens und Südens gegeben, welche sie viele Dinge
begreifen macht und andre Dinge thun heisst, die ein Engländer nie
begreifen wird; ihr dem Süden periodisch zugewandtes und abgewandtes
Temperament, in dem von Zeit zu Zeit das provençalische und ligurische
Blut überschäumt, bewahrt sie vor dem schauerlichen nordischen Grau in
Page 184
Grau und der sonnenlosen Begriffs-Gespensterei und Blutarmuth, - unsrer
deutschen Krankheit des Geschmacks, gegen deren Übermaass man sich
augenblicklich mit grosser Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die
"grosse Politik" verordnet hat (gemäss einer gefährlichen Heilkunst, welche
mich warten und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -). Auch jetzt
noch giebt es in Frankreich ein Vorverständniss und ein Entgegenkommen
für jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich
sind, um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden und im Norden
den Süden, im Süden den Norden zu lieben wissen, - für die geborenen
Mittelländler, die "guten Europäer". - Für sie hat Bizet Musik gemacht,
dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und Verführung gesehn, -
der ein Stück Süden der Musik entdeckt hat.
255.
Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten.
Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, wie ich ihn liebe, als eine grosse
Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine unbändige
Sonnenfülle und Sonnen-Verklärung, welche sich über ein selbstherrliches,
an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein Solcher wird sich etwas vor der
deutschen Musik in Acht nehmen lernen, weil sie, indem sie seinen
Geschmack zurück verdirbt, ihm die Gesundheit mit zurück verdirbt. Ein
solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern dem Glauben nach, muss,
falls er von der Zukunft der Musik träumt, auch von einer Erlösung der
Musik vom Norden träumen und das Vorspiel einer tieferen, mächtigeren,
vielleicht böseren und geheimnissvolleren Musik in seinen Ohren haben,
einer überdeutschen Musik, welche vor dem Anblick des blauen
wollüstigen Meers und der mittelländischen Himmels-Helle nicht verklingt,
vergilbt, verblasst, wie es alle deutsche Musik thut, einer übereuropäischen
Musik, die noch vor den braunen Sonnen-Untergängen der Wüste Recht
deutschen Krankheit des Geschmacks, gegen deren Übermaass man sich
augenblicklich mit grosser Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die
"grosse Politik" verordnet hat (gemäss einer gefährlichen Heilkunst, welche
mich warten und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -). Auch jetzt
noch giebt es in Frankreich ein Vorverständniss und ein Entgegenkommen
für jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich
sind, um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden und im Norden
den Süden, im Süden den Norden zu lieben wissen, - für die geborenen
Mittelländler, die "guten Europäer". - Für sie hat Bizet Musik gemacht,
dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und Verführung gesehn, -
der ein Stück Süden der Musik entdeckt hat.
255.
Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten.
Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, wie ich ihn liebe, als eine grosse
Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine unbändige
Sonnenfülle und Sonnen-Verklärung, welche sich über ein selbstherrliches,
an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein Solcher wird sich etwas vor der
deutschen Musik in Acht nehmen lernen, weil sie, indem sie seinen
Geschmack zurück verdirbt, ihm die Gesundheit mit zurück verdirbt. Ein
solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern dem Glauben nach, muss,
falls er von der Zukunft der Musik träumt, auch von einer Erlösung der
Musik vom Norden träumen und das Vorspiel einer tieferen, mächtigeren,
vielleicht böseren und geheimnissvolleren Musik in seinen Ohren haben,
einer überdeutschen Musik, welche vor dem Anblick des blauen
wollüstigen Meers und der mittelländischen Himmels-Helle nicht verklingt,
vergilbt, verblasst, wie es alle deutsche Musik thut, einer übereuropäischen
Musik, die noch vor den braunen Sonnen-Untergängen der Wüste Recht
Page 185
behält, deren Seele mit der Palme verwandt ist und unter grossen schönen
einsamen Raubthieren heimisch zu sein und zu schweifen versteht….. Ich
könnte mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestünde, dass
sie von Gut und Böse nichts mehr wüsste, nur dass vielleicht irgend ein
Schiffer-Heimweh, irgend welche goldne Schatten und zärtliche Schwächen
hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von grosser Ferne her
die Farben einer untergehenden, fast unverständlich gewordenen
moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die gastfreundlich und tief
genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge wäre. -
256.
Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn
zwischen die Völker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den
Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner
Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende
Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann,
- Dank Alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt
die unzweideutigsten Anzeichen übersehn oder willkürlich und lügenhaft
umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will. Bei
allen tieferen und umfänglicheren Menschen dieses Jahrhunderts war es die
eigentliche Gesammt-Richtung in der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele,
den Weg zu jener neuen Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den
Europäer der Zukunft vorwegzunehmen: nur mit ihren Vordergründen, oder
in schwächeren Stunden, etwa im Alter, gehörten sie zu den "Vaterländern",
- sie ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie "Patrioten" wurden. Ich
denke an Menschen wie Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich
Heine, Schopenhauer: man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard
Wagner zu ihnen rechne, über den man sich nicht durch seine eignen
Missverständnisse verführen lassen darf, - Genies seiner Art haben selten
einsamen Raubthieren heimisch zu sein und zu schweifen versteht….. Ich
könnte mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestünde, dass
sie von Gut und Böse nichts mehr wüsste, nur dass vielleicht irgend ein
Schiffer-Heimweh, irgend welche goldne Schatten und zärtliche Schwächen
hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von grosser Ferne her
die Farben einer untergehenden, fast unverständlich gewordenen
moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die gastfreundlich und tief
genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge wäre. -
256.
Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn
zwischen die Völker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den
Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner
Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende
Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann,
- Dank Alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt
die unzweideutigsten Anzeichen übersehn oder willkürlich und lügenhaft
umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will. Bei
allen tieferen und umfänglicheren Menschen dieses Jahrhunderts war es die
eigentliche Gesammt-Richtung in der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele,
den Weg zu jener neuen Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den
Europäer der Zukunft vorwegzunehmen: nur mit ihren Vordergründen, oder
in schwächeren Stunden, etwa im Alter, gehörten sie zu den "Vaterländern",
- sie ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie "Patrioten" wurden. Ich
denke an Menschen wie Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich
Heine, Schopenhauer: man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard
Wagner zu ihnen rechne, über den man sich nicht durch seine eignen
Missverständnisse verführen lassen darf, - Genies seiner Art haben selten
Page 186
das Recht, sich selbst zu verstehen. Noch weniger freilich durch den
ungesitteten Lärm, mit dem man sich jetzt in Frankreich gegen Richard
Wagner sperrt und wehrt: - die Thatsache bleibt nichtsdestoweniger
bestehen, dass die französische Spät-Romantik der Vierziger Jahre und
Richard Wagner auf das Engste und Innigste zu einander, gehören. Sie sind
sich in allen Höhen und Tiefen ihrer Bedürfnisse verwandt, grundverwandt:
Europa ist es, das Eine Europa, dessen Seele sich durch ihre vielfältige und
ungestüme Kunst hinaus, hinauf drängt und sehnt - wohin? in ein neues
Licht? nach einer neuen Sonne? Aber wer möchte genau aussprechen, was
alle diese Meister neuer Sprachmittel nicht deutlich auszusprechen
wussten? Gewiss ist, dass der gleiche Sturm und Drang sie quälte, dass sie
auf gleiche Weise suchten, diese letzten grossen Suchenden! Allesammt
beherrscht von der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren - die ersten
Künstler von weltlitterarischer Bildung - meistens sogar selber Schreibende,
Dichtende, Vermittler und Vermischer der Künste und der Sinne (Wagner
gehört als Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker, als
Künstler überhaupt unter die Schauspieler); allesammt Fanatiker des
Ausdrucks "um jeden Preis" - ich hebe Delacroix hervor, den
Nächstverwandten Wagner's -, allesammt grosse Entdecker im Reiche des
Erhabenen, auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere Entdecker
im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der Schauläden, allesammt
Talente weit über ihr Genie hinaus -, Virtuosen durch und durch, mit
unheimlichen Zugängen zu Allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft,
geborene Feinde der Logik und der geraden Linien, begehrlich nach dem
Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, dem Krummen, dem Sich-
Widersprechenden; als Menschen Tantalusse des Willens,
heraufgekommene Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen eines
vornehmen tempo, eines lento unfähig wussten, - man denke zum Beispiel
an Balzac - zügellose Arbeiter, beinahe Selbst-Zerstörer durch Arbeit;
Antinomisten und Aufrührer in den Sitten, Ehrgeizige und Unersättliche
ungesitteten Lärm, mit dem man sich jetzt in Frankreich gegen Richard
Wagner sperrt und wehrt: - die Thatsache bleibt nichtsdestoweniger
bestehen, dass die französische Spät-Romantik der Vierziger Jahre und
Richard Wagner auf das Engste und Innigste zu einander, gehören. Sie sind
sich in allen Höhen und Tiefen ihrer Bedürfnisse verwandt, grundverwandt:
Europa ist es, das Eine Europa, dessen Seele sich durch ihre vielfältige und
ungestüme Kunst hinaus, hinauf drängt und sehnt - wohin? in ein neues
Licht? nach einer neuen Sonne? Aber wer möchte genau aussprechen, was
alle diese Meister neuer Sprachmittel nicht deutlich auszusprechen
wussten? Gewiss ist, dass der gleiche Sturm und Drang sie quälte, dass sie
auf gleiche Weise suchten, diese letzten grossen Suchenden! Allesammt
beherrscht von der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren - die ersten
Künstler von weltlitterarischer Bildung - meistens sogar selber Schreibende,
Dichtende, Vermittler und Vermischer der Künste und der Sinne (Wagner
gehört als Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker, als
Künstler überhaupt unter die Schauspieler); allesammt Fanatiker des
Ausdrucks "um jeden Preis" - ich hebe Delacroix hervor, den
Nächstverwandten Wagner's -, allesammt grosse Entdecker im Reiche des
Erhabenen, auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere Entdecker
im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der Schauläden, allesammt
Talente weit über ihr Genie hinaus -, Virtuosen durch und durch, mit
unheimlichen Zugängen zu Allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft,
geborene Feinde der Logik und der geraden Linien, begehrlich nach dem
Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, dem Krummen, dem Sich-
Widersprechenden; als Menschen Tantalusse des Willens,
heraufgekommene Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen eines
vornehmen tempo, eines lento unfähig wussten, - man denke zum Beispiel
an Balzac - zügellose Arbeiter, beinahe Selbst-Zerstörer durch Arbeit;
Antinomisten und Aufrührer in den Sitten, Ehrgeizige und Unersättliche
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ohne Gleichgewicht und Genuss; allesammt zuletzt an dem christlichen
Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und das mit Fug und Recht: denn
wer von ihnen wäre tief und ursprünglich genug zu einer Philosophie des
Antichrist gewesen? -) im Ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-
gewaltsame, hochfliegende und hoch emporreissende Art höherer
Menschen, welche ihrem Jahrhundert - und es ist das Jahrhundert der
Menge! - den Begriff "höherer Mensch" erst zu lehren hatte Mögen die
deutschen Freunde Richard Wagner's darüber mit sich zu Rathe gehn, ob es
in der Wagnerischen Kunst etwas schlechthin Deutsches giebt, oder ob nicht
gerade deren Auszeichnung ist, aus überdeutschen Quellen und Antrieben
zu kommen: wobei nicht unterschätzt werden mag, wie zur Ausbildung
seines Typus gerade Paris unentbehrlich war, nach dem ihn in der
entscheidendsten Zeit die Tiefe seiner Instinkte verlangen hiess, und wie die
ganze Art seines Auftretens, seines Selbst-Apostolats erst Angesichts des
französischen Socialisten-Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird
man, bei einer feineren Vergleichung, zu Ehren der deutschen Natur
Richard Wagner's finden, dass er es in Allem stärker, verwegener, härter,
höher getrieben hat, als es ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts
treiben könnte, - Dank dem Umstande, dass wir Deutschen der Barbarei
noch näher stehen als die Franzosen -; vielleicht ist sogar das
Merkwürdigste, was Richard Wagner geschaffen hat, der ganzen so späten
lateinischen Rasse für immer und nicht nur für heute unzugänglich,
unnachfühlbar, unnachahmbar: die Gestalt des Siegfried, jenes sehr freien
Menschen, der in der That bei weitem zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu
gesund, zu antikatholisch für den Geschmack alter und mürber Culturvölker
sein mag. Er mag sogar eine Sünde wider die Romantik gewesen sein,
dieser antiromanische Siegfried: nun, Wagner hat diese Sünde reichlich
quitt gemacht, in seinen alten trüben Tagen, als er - einen Geschmack
vorwegnehmend, der inzwischen Politik geworden ist - mit der ihm eignen
religiösen Vehemenz den Weg nach Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu
Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und das mit Fug und Recht: denn
wer von ihnen wäre tief und ursprünglich genug zu einer Philosophie des
Antichrist gewesen? -) im Ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-
gewaltsame, hochfliegende und hoch emporreissende Art höherer
Menschen, welche ihrem Jahrhundert - und es ist das Jahrhundert der
Menge! - den Begriff "höherer Mensch" erst zu lehren hatte Mögen die
deutschen Freunde Richard Wagner's darüber mit sich zu Rathe gehn, ob es
in der Wagnerischen Kunst etwas schlechthin Deutsches giebt, oder ob nicht
gerade deren Auszeichnung ist, aus überdeutschen Quellen und Antrieben
zu kommen: wobei nicht unterschätzt werden mag, wie zur Ausbildung
seines Typus gerade Paris unentbehrlich war, nach dem ihn in der
entscheidendsten Zeit die Tiefe seiner Instinkte verlangen hiess, und wie die
ganze Art seines Auftretens, seines Selbst-Apostolats erst Angesichts des
französischen Socialisten-Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird
man, bei einer feineren Vergleichung, zu Ehren der deutschen Natur
Richard Wagner's finden, dass er es in Allem stärker, verwegener, härter,
höher getrieben hat, als es ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts
treiben könnte, - Dank dem Umstande, dass wir Deutschen der Barbarei
noch näher stehen als die Franzosen -; vielleicht ist sogar das
Merkwürdigste, was Richard Wagner geschaffen hat, der ganzen so späten
lateinischen Rasse für immer und nicht nur für heute unzugänglich,
unnachfühlbar, unnachahmbar: die Gestalt des Siegfried, jenes sehr freien
Menschen, der in der That bei weitem zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu
gesund, zu antikatholisch für den Geschmack alter und mürber Culturvölker
sein mag. Er mag sogar eine Sünde wider die Romantik gewesen sein,
dieser antiromanische Siegfried: nun, Wagner hat diese Sünde reichlich
quitt gemacht, in seinen alten trüben Tagen, als er - einen Geschmack
vorwegnehmend, der inzwischen Politik geworden ist - mit der ihm eignen
religiösen Vehemenz den Weg nach Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu
Page 188
predigen anfieng. - Damit man mich, mit diesen letzten Worten, nicht
missverstehe, will ich einige kräftige Reime zu Hülfe nehmen, welche auch
weniger feinen Ohren es verrathen werden, was ich will, - was ich gegen
den "letzten Wagner" und seine Parsifal-Musik will.
- Ist das noch deutsch? -
Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen?
Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen?
Deutsch ist dies Priester-Händespreitzen,
Dies weihrauch-düftelnde Sinne-Reizen?
Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln,
Dies ungewisse Bimbambaumeln?
Dies Nonnen-Äugeln, Ave-Glocken-Bimmeln,
Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln?
- Ist Das noch deutsch? -
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: -
Denn, was ihr hört, ist Rom, - Rom's Glaube ohne Worte!
Neuntes Hauptstück:
Was ist vornehm?
257.
Jede Erhöhung des Typus "Mensch" war bisher das Werk einer
aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein: als einer
Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und
Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in
missverstehe, will ich einige kräftige Reime zu Hülfe nehmen, welche auch
weniger feinen Ohren es verrathen werden, was ich will, - was ich gegen
den "letzten Wagner" und seine Parsifal-Musik will.
- Ist das noch deutsch? -
Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen?
Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen?
Deutsch ist dies Priester-Händespreitzen,
Dies weihrauch-düftelnde Sinne-Reizen?
Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln,
Dies ungewisse Bimbambaumeln?
Dies Nonnen-Äugeln, Ave-Glocken-Bimmeln,
Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln?
- Ist Das noch deutsch? -
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: -
Denn, was ihr hört, ist Rom, - Rom's Glaube ohne Worte!
Neuntes Hauptstück:
Was ist vornehm?
257.
Jede Erhöhung des Typus "Mensch" war bisher das Werk einer
aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein: als einer
Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und
Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in
Page 189
irgend einem Sinne nöthig hat. Ohne das Pathos der Distanz, wie es aus
dem eingefleischten Unterschied der Stände, aus dem beständigen Ausblick
und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und Werkzeuge
und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und Befehlen,
Nieder- und Fernhalten erwächst, könnte auch jenes andre
geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach immer
neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Herausbildung
immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer
Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus "Mensch", die fortgesetzte
"Selbst-Überwindung des Menschen", um eine moralische Formel in einem
übermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man darf sich über die
Entstehungsgeschichte einer aristokratischen Gesellschaft (also der
Voraussetzung jener Erhöhung des Typus "Mensch" -) keinen humanitären
Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart. Sagen wir es uns ohne
Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf Erden angefangen hat!
Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furcht baren
Verstande des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochner
Willenskräfte und Macht-Begierden, warfen sich auf schwächere,
gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüchtende
Rassen, oder auf alte mürbe Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft
in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die
vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr
Übergewicht lag nicht vorerst in der physischen Kraft, sondern in der
seelischen, - es waren die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe auch so
viel mit bedeutet als "die ganzeren Bestien").
258.
Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte
Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der "Leben" heisst,
dem eingefleischten Unterschied der Stände, aus dem beständigen Ausblick
und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und Werkzeuge
und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und Befehlen,
Nieder- und Fernhalten erwächst, könnte auch jenes andre
geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach immer
neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Herausbildung
immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer
Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus "Mensch", die fortgesetzte
"Selbst-Überwindung des Menschen", um eine moralische Formel in einem
übermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man darf sich über die
Entstehungsgeschichte einer aristokratischen Gesellschaft (also der
Voraussetzung jener Erhöhung des Typus "Mensch" -) keinen humanitären
Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart. Sagen wir es uns ohne
Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf Erden angefangen hat!
Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furcht baren
Verstande des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochner
Willenskräfte und Macht-Begierden, warfen sich auf schwächere,
gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüchtende
Rassen, oder auf alte mürbe Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft
in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die
vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr
Übergewicht lag nicht vorerst in der physischen Kraft, sondern in der
seelischen, - es waren die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe auch so
viel mit bedeutet als "die ganzeren Bestien").
258.
Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte
Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der "Leben" heisst,
Page 190
erschüttert ist: Corruption ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem sie sich
zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel eine Aristokratie, wie
die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit einem sublimen Ekel ihre
Privilegien wegwirft und sich selbst einer Ausschweifung ihres moralischen
Gefühls zum Opfer bringt, so ist dies Corruption: - es war eigentlich nur der
Abschlussakt jener Jahrhunderte dauernden Corruption, vermöge deren sie
Schritt für Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben und sich zur
Funktion des Königthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstück)
herabgesetzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und gesunden
Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des
Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und
höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen das
Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu
unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und
vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die
Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern nur als
Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer
höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben
vermag: vergleichbar jenen sonnensüchtigen Kletterpflanzen auf Java - man
nennt sie Sipo Matador -, welche mit ihren Armen einen Eichbaum so lange
und oft umklammern, bis sie endlich, hoch über ihm, aber auf ihn gestützt,
in freiem Lichte ihre Krone entfalten und ihr Glück zur Schau tragen
können. -
259.
Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten,
seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann in einem gewissen
groben Sinne zwischen Individuen zur guten Sitte werden, wenn die
Bedingungen dazu gegeben sind (nämlich deren thatsächliche Ähnlichkeit
zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel eine Aristokratie, wie
die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit einem sublimen Ekel ihre
Privilegien wegwirft und sich selbst einer Ausschweifung ihres moralischen
Gefühls zum Opfer bringt, so ist dies Corruption: - es war eigentlich nur der
Abschlussakt jener Jahrhunderte dauernden Corruption, vermöge deren sie
Schritt für Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben und sich zur
Funktion des Königthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstück)
herabgesetzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und gesunden
Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des
Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und
höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen das
Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu
unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und
vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die
Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern nur als
Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer
höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben
vermag: vergleichbar jenen sonnensüchtigen Kletterpflanzen auf Java - man
nennt sie Sipo Matador -, welche mit ihren Armen einen Eichbaum so lange
und oft umklammern, bis sie endlich, hoch über ihm, aber auf ihn gestützt,
in freiem Lichte ihre Krone entfalten und ihr Glück zur Schau tragen
können. -
259.
Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten,
seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann in einem gewissen
groben Sinne zwischen Individuen zur guten Sitte werden, wenn die
Bedingungen dazu gegeben sind (nämlich deren thatsächliche Ähnlichkeit
Page 191
in Kraftmengen und Werthmaassen und ihre Zusammengehörigkeit
innerhalb Eines Körpers). Sobald man aber dies Princip weiter nehmen
wollte und womöglich gar als Grundprincip der Gesellschaft, so würde es
sich sofort erweisen als Das, was es ist: als Wille zur Verneinung des
Lebens, als Auflösungs- und Verfalls-Princip. Hier muss man gründlich auf
den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren:
Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des
Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner
Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber
wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters
her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper,
innerhalb dessen, wie vorher angenommen wurde, die Einzelnen sich als
gleich behandeln - es geschieht in jeder gesunden Aristokratie -, muss
selber, falls er ein lebendiger und nicht ein absterbender Körper ist, alles
Das gegen andre Körper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm gegen
einander enthalten: er wird der leibhafte Wille zur Macht sein müssen, er
wird wachsen, um sich greifen, an sich ziehn, Übergewicht gewinnen
wollen, - nicht aus irgend einer Moralität oder Immoralität heraus, sondern
weil erlebt, und weil Leben eben Wille zur Macht ist. In keinem Punkte ist
aber das gemeine Bewusstsein der Europäer widerwilliger gegen
Belehrung, als hier; man schwärmt jetzt überall, unter wissenschaftlichen
Verkleidungen sogar, von kommenden Zuständen der Gesellschaft, denen
"der ausbeuterische Charakter" abgehn soll: - das klingt in meinen Ohren,
als ob man ein Leben zu erfinden verspräche, welches sich aller
organischen Funktionen enthielte. Die "Ausbeutung" gehört nicht einer
verderbten oder unvollkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört
in's Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge
des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. -
Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, - als Realität ist es das Ur-
Faktum aller Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich! -
innerhalb Eines Körpers). Sobald man aber dies Princip weiter nehmen
wollte und womöglich gar als Grundprincip der Gesellschaft, so würde es
sich sofort erweisen als Das, was es ist: als Wille zur Verneinung des
Lebens, als Auflösungs- und Verfalls-Princip. Hier muss man gründlich auf
den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren:
Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des
Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner
Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber
wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters
her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper,
innerhalb dessen, wie vorher angenommen wurde, die Einzelnen sich als
gleich behandeln - es geschieht in jeder gesunden Aristokratie -, muss
selber, falls er ein lebendiger und nicht ein absterbender Körper ist, alles
Das gegen andre Körper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm gegen
einander enthalten: er wird der leibhafte Wille zur Macht sein müssen, er
wird wachsen, um sich greifen, an sich ziehn, Übergewicht gewinnen
wollen, - nicht aus irgend einer Moralität oder Immoralität heraus, sondern
weil erlebt, und weil Leben eben Wille zur Macht ist. In keinem Punkte ist
aber das gemeine Bewusstsein der Europäer widerwilliger gegen
Belehrung, als hier; man schwärmt jetzt überall, unter wissenschaftlichen
Verkleidungen sogar, von kommenden Zuständen der Gesellschaft, denen
"der ausbeuterische Charakter" abgehn soll: - das klingt in meinen Ohren,
als ob man ein Leben zu erfinden verspräche, welches sich aller
organischen Funktionen enthielte. Die "Ausbeutung" gehört nicht einer
verderbten oder unvollkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört
in's Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge
des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. -
Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, - als Realität ist es das Ur-
Faktum aller Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich! -
Page 192
260.
Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen,
welche bisher auf Erden geherrscht haben oder noch herrschen, fand ich
gewisse Züge regelmässig mit einander wiederkehrend und aneinander
geknüpft: bis sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen, und ein
Grundunterschied heraussprang. Es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral;
- ich füge sofort hinzu, dass in allen höheren und gemischteren Culturen
auch Versuche der Vermittlung beider Moralen zum Vorschein kommen,
noch öfter das Durcheinander derselben und gegenseitige Missverstehen, ja
bisweilen ihr hartes Nebeneinander - sogar im selben Menschen, innerhalb
Einer Seele. Die moralischen Werthunterscheidungen sind entweder unter
einer herrschenden Art entstanden, welche sich ihres Unterschieds gegen
die beherrschte mit Wohlgefühl bewusst wurde, - oder unter den
Beherrschten, den Sklaven und Abhängigen jeden Grades. Im ersten Falle,
wenn die Herrschenden es sind, die den Begriff gut- bestimmen, sind es die
erhobenen stolzen Zustände der Seele, welche als das Auszeichnende und
die Rangordnung Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch
trennt die Wesen von sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener
stolzer Zustände zum Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke
sofort, dass in dieser ersten Art Moral der Gegensatz "gut" und "schlecht"
so viel bedeutet wie "vornehm" und "verächtlich": - der Gegensatz "gut"
und "böse" ist anderer Herkunft. Verachtet wird der Feige, der Ängstliche,
der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; ebenso der
Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die
Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandeln lässt, der bettelnde
Schmeichler, vor Allem der Lügner: - es ist ein Grundglaube aller
Aristokraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. "Wir Wahrhaftigen" - so
nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. Es liegt auf der Hand,
dass die moralischen Werthbezeichnungen überall zuerst auf Menschen und
erst abgeleitet und spät auf Handlungen gelegt worden sind: weshalb es ein
Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen,
welche bisher auf Erden geherrscht haben oder noch herrschen, fand ich
gewisse Züge regelmässig mit einander wiederkehrend und aneinander
geknüpft: bis sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen, und ein
Grundunterschied heraussprang. Es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral;
- ich füge sofort hinzu, dass in allen höheren und gemischteren Culturen
auch Versuche der Vermittlung beider Moralen zum Vorschein kommen,
noch öfter das Durcheinander derselben und gegenseitige Missverstehen, ja
bisweilen ihr hartes Nebeneinander - sogar im selben Menschen, innerhalb
Einer Seele. Die moralischen Werthunterscheidungen sind entweder unter
einer herrschenden Art entstanden, welche sich ihres Unterschieds gegen
die beherrschte mit Wohlgefühl bewusst wurde, - oder unter den
Beherrschten, den Sklaven und Abhängigen jeden Grades. Im ersten Falle,
wenn die Herrschenden es sind, die den Begriff gut- bestimmen, sind es die
erhobenen stolzen Zustände der Seele, welche als das Auszeichnende und
die Rangordnung Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch
trennt die Wesen von sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener
stolzer Zustände zum Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke
sofort, dass in dieser ersten Art Moral der Gegensatz "gut" und "schlecht"
so viel bedeutet wie "vornehm" und "verächtlich": - der Gegensatz "gut"
und "böse" ist anderer Herkunft. Verachtet wird der Feige, der Ängstliche,
der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; ebenso der
Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die
Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandeln lässt, der bettelnde
Schmeichler, vor Allem der Lügner: - es ist ein Grundglaube aller
Aristokraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. "Wir Wahrhaftigen" - so
nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. Es liegt auf der Hand,
dass die moralischen Werthbezeichnungen überall zuerst auf Menschen und
erst abgeleitet und spät auf Handlungen gelegt worden sind: weshalb es ein
Page 193
arger Fehlgriff ist, wenn Moral-Historiker von Fragen den Ausgang nehmen
wie "warum ist die mitleidige Handlung gelobt worden?" Die vornehme Art
Mensch fühlt sich als werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich
gutheissen zu lassen, sie urtheilt "was mir schädlich ist, das ist an sich
schädlich", sie weiss sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen
verleiht, sie ist wertheschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine
solche Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl
der Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung,
das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte: -
auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast
nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss von
Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen, auch
Den, welcher Macht über sich selbst hat, der zu reden und zu schweigen
versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und Ehrerbietung
vor allem Strengen und Härten hat. "Ein hartes Herz legte Wotan mir in die
Brust" heisst es in einer alten skandinavischen Saga: so ist es aus der Seele
eines stolzen Wikingers heraus mit Recht gedichtet. Eine solche Art Mensch
ist eben stolz darauf, nicht zum Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der
Held der Saga warnend hinzufügt "wer jung schon kein hartes Herz hat,
dem wird es niemals hart". Vornehme und Tapfere, welche so denken, sind
am entferntesten von jener Moral, welche gerade im Mitleiden oder im
Handeln für Andere oder im désintéressement das Abzeichen des
Moralischen sieht; der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine
Grundfeindschaft und Ironie gegen "Selbstlosigkeit" gehört eben so
bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung und
Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem "warmen Herzen". - Die Mächtigen
sind es, welche zu ehren verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der
Erfindung. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Herkommen -
das ganze Recht steht auf dieser doppelten Ehrfurcht -, der Glaube und das
Vorurtheil zu Gunsten der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden ist
wie "warum ist die mitleidige Handlung gelobt worden?" Die vornehme Art
Mensch fühlt sich als werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich
gutheissen zu lassen, sie urtheilt "was mir schädlich ist, das ist an sich
schädlich", sie weiss sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen
verleiht, sie ist wertheschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine
solche Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl
der Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung,
das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte: -
auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast
nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss von
Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen, auch
Den, welcher Macht über sich selbst hat, der zu reden und zu schweigen
versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und Ehrerbietung
vor allem Strengen und Härten hat. "Ein hartes Herz legte Wotan mir in die
Brust" heisst es in einer alten skandinavischen Saga: so ist es aus der Seele
eines stolzen Wikingers heraus mit Recht gedichtet. Eine solche Art Mensch
ist eben stolz darauf, nicht zum Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der
Held der Saga warnend hinzufügt "wer jung schon kein hartes Herz hat,
dem wird es niemals hart". Vornehme und Tapfere, welche so denken, sind
am entferntesten von jener Moral, welche gerade im Mitleiden oder im
Handeln für Andere oder im désintéressement das Abzeichen des
Moralischen sieht; der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine
Grundfeindschaft und Ironie gegen "Selbstlosigkeit" gehört eben so
bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung und
Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem "warmen Herzen". - Die Mächtigen
sind es, welche zu ehren verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der
Erfindung. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Herkommen -
das ganze Recht steht auf dieser doppelten Ehrfurcht -, der Glaube und das
Vorurtheil zu Gunsten der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden ist
Page 194
typisch in der Moral der Mächtigen; und wenn umgekehrt die Menschen der
"modernen Ideen" beinahe instinktiv an den "Fortschritt" und die "Zukunft"
glauben und der Achtung vor dem Alter immer mehr ermangeln, so verräth
sich damit genugsam schon die unvornehme Herkunft dieser "Ideen". Am
meisten ist aber eine Moral der Herrschenden dem gegenwärtigen
Geschmacke fremd und peinlich in der Strenge ihres Grundsatzes, dass man
nur gegen Seinesgleichen Pflichten habe; dass man gegen die Wesen
niedrigeren Ranges, gegen alles Fremde nach Gutdünken oder "wie es das
Herz will" handeln dürfe und jedenfalls "jenseits von Gut und Böse" -:
hierhin mag Mitleiden und dergleichen gehören. Die Fähigkeit und Pflicht
zu langer Dankbarkeit und langer Rache - beides nur innerhalb seines
Gleichen -, die Feinheit in der Wiedervergeltung, das Begriffs-Raffinement
in der Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit, Feinde zu haben
(gleichsam als Abzugsgräben für die Affekte Neid Streitsucht Übermuth, -
im Grunde, um gut freund sein zu können): Alles das sind typische
Merkmale der vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die Moral
der "modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer nachzufühlen, auch
schwer auszugraben und aufzudecken ist. - Es steht anders mit dem zweiten
Typus der Moral, der Sklaven-Moral. Gesetzt, dass die Vergewaltigten,
Gedrückten, Leidenden, Unfreien, Ihrer-selbst-Ungewissen und Müden
moralisiren: was wird das Gleichartige ihrer moralischen Werthschätzungen
sein? Wahrscheinlich wird ein pessimistischer Argwohn gegen die ganze
Lage des Menschen zum Ausdruck kommen, vielleicht eine Verurtheilung
des Menschen mitsammt seiner Lage. Der Blick des Sklaven ist abgünstig
für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat
Feinheit des Misstrauens gegen alles "Gute", was dort geehrt wird -, er
möchte sich überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt
werden die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche
dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das
Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der
"modernen Ideen" beinahe instinktiv an den "Fortschritt" und die "Zukunft"
glauben und der Achtung vor dem Alter immer mehr ermangeln, so verräth
sich damit genugsam schon die unvornehme Herkunft dieser "Ideen". Am
meisten ist aber eine Moral der Herrschenden dem gegenwärtigen
Geschmacke fremd und peinlich in der Strenge ihres Grundsatzes, dass man
nur gegen Seinesgleichen Pflichten habe; dass man gegen die Wesen
niedrigeren Ranges, gegen alles Fremde nach Gutdünken oder "wie es das
Herz will" handeln dürfe und jedenfalls "jenseits von Gut und Böse" -:
hierhin mag Mitleiden und dergleichen gehören. Die Fähigkeit und Pflicht
zu langer Dankbarkeit und langer Rache - beides nur innerhalb seines
Gleichen -, die Feinheit in der Wiedervergeltung, das Begriffs-Raffinement
in der Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit, Feinde zu haben
(gleichsam als Abzugsgräben für die Affekte Neid Streitsucht Übermuth, -
im Grunde, um gut freund sein zu können): Alles das sind typische
Merkmale der vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die Moral
der "modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer nachzufühlen, auch
schwer auszugraben und aufzudecken ist. - Es steht anders mit dem zweiten
Typus der Moral, der Sklaven-Moral. Gesetzt, dass die Vergewaltigten,
Gedrückten, Leidenden, Unfreien, Ihrer-selbst-Ungewissen und Müden
moralisiren: was wird das Gleichartige ihrer moralischen Werthschätzungen
sein? Wahrscheinlich wird ein pessimistischer Argwohn gegen die ganze
Lage des Menschen zum Ausdruck kommen, vielleicht eine Verurtheilung
des Menschen mitsammt seiner Lage. Der Blick des Sklaven ist abgünstig
für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat
Feinheit des Misstrauens gegen alles "Gute", was dort geehrt wird -, er
möchte sich überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt
werden die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche
dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das
Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der
Page 195
Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren -, denn das sind hier die
nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des
Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits-
Moral. Hier ist der Herd für die Entstehung jenes berühmten Gegensatzes
"gut" und "böse": - in's Böse wird die Macht und Gefährlichkeit hinein
empfunden, eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit und Stärke, welche die
Verachtung nicht aufkommen lässt. Nach der Sklaven-Moral erregt also der
"Böse" Furcht; nach der Herren Moral ist es gerade der "Gute", der Furcht
erregt und erregen will, während der "schlechte" Mensch als der
verächtliche empfunden wird. Der Gegensatz kommt auf seine Spitze, wenn
sich, gemäss der Sklavenmoral-Consequenz, zuletzt nun auch an den
"Guten" dieser Moral ein Hauch von Geringschätzung hängt - sie mag
leicht und wohlwollend sein -, weil der Gute innerhalb der Sklaven-
Denkweise jedenfalls der ungefährliche Mensch sein muss: er ist
gutmüthig, leicht zu betrügen, ein bischen dumm vielleicht, un bonhomme.
überall, wo die Sklaven-Moral zum Übergewicht kommt, zeigt die Sprache
eine Neigung, die Worte "gut" und "dumm" einander anzunähern. - Ein
letzter Grundunterschied: das Verlangen nach Freiheit, der Instinkt für das
Glück und die Feinheiten des Freiheits-Gefühls gehört ebenso nothwendig
zur Sklaven-Moral und -Moralität, als die Kunst und Schwärmerei in der
Ehrfurcht, in der Hingebung das regelmässige Symptom einer
aristokratischen Denk- und Werthungsweise ist. - Hieraus lässt sich ohne
Weiteres verstehn, warum die Liebe als Passion - es ist unsre europäische
Spezialität - schlechterdings vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich
gehört ihre Erfindung den provençalischen Ritter-Dichtern zu, jenen
prachtvollen erfinderischen Menschen des "gai saber", denen Europa so
Vieles und beinahe sich selbst verdankt. -
261.
nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des
Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits-
Moral. Hier ist der Herd für die Entstehung jenes berühmten Gegensatzes
"gut" und "böse": - in's Böse wird die Macht und Gefährlichkeit hinein
empfunden, eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit und Stärke, welche die
Verachtung nicht aufkommen lässt. Nach der Sklaven-Moral erregt also der
"Böse" Furcht; nach der Herren Moral ist es gerade der "Gute", der Furcht
erregt und erregen will, während der "schlechte" Mensch als der
verächtliche empfunden wird. Der Gegensatz kommt auf seine Spitze, wenn
sich, gemäss der Sklavenmoral-Consequenz, zuletzt nun auch an den
"Guten" dieser Moral ein Hauch von Geringschätzung hängt - sie mag
leicht und wohlwollend sein -, weil der Gute innerhalb der Sklaven-
Denkweise jedenfalls der ungefährliche Mensch sein muss: er ist
gutmüthig, leicht zu betrügen, ein bischen dumm vielleicht, un bonhomme.
überall, wo die Sklaven-Moral zum Übergewicht kommt, zeigt die Sprache
eine Neigung, die Worte "gut" und "dumm" einander anzunähern. - Ein
letzter Grundunterschied: das Verlangen nach Freiheit, der Instinkt für das
Glück und die Feinheiten des Freiheits-Gefühls gehört ebenso nothwendig
zur Sklaven-Moral und -Moralität, als die Kunst und Schwärmerei in der
Ehrfurcht, in der Hingebung das regelmässige Symptom einer
aristokratischen Denk- und Werthungsweise ist. - Hieraus lässt sich ohne
Weiteres verstehn, warum die Liebe als Passion - es ist unsre europäische
Spezialität - schlechterdings vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich
gehört ihre Erfindung den provençalischen Ritter-Dichtern zu, jenen
prachtvollen erfinderischen Menschen des "gai saber", denen Europa so
Vieles und beinahe sich selbst verdankt. -
261.
Page 196
Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am
schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit: er wird versucht sein, sie
noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit beiden Händen zu
fassen meint. Das Problem ist für ihn, sich Wesen vorzustellen, die eine
gute Meinung über sich zu erwecken suchen, welche sie selbst von sich
nicht haben - und also auch nicht "verdienen" -, und die doch hinterdrein an
diese gute Meinung selber glauben. Das erscheint ihm zur Hälfte so
geschmacklos und unehrerbietig vor sich selbst, zur andren Hälfte so
barock-unvernünftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme fassen möchte
und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet, anzweifelt. Er wird
zum Beispiel sagen: "ich kann mich über meinen Werth irren und
andererseits doch verlangen, dass mein Werth gerade so, wie ich ihn
ansetze, auch von Andern anerkannt werde, - aber das ist keine Eitelkeit
(sondern Dünkel oder, in den häufigeren Fällen, Das, was `Demuth`, auch
`Bescheidenheit` genannt wird)." Oder auch: "ich kann mich aus vielen
Gründen über die gute Meinung Anderer freuen, vielleicht weil ich sie ehre
und liebe und mich an jeder ihrer Freuden erfreue, vielleicht auch weil ihre
gute Meinung den Glauben an meine eigne gute Meinung bei mir
unterschreibt und kräftigt, vielleicht weil die gute Meinung Anderer, selbst
in Fällen, wo ich sie nicht theile, mir doch nützt oder Nutzen verspricht, -
aber das ist Alles nicht Eitelkeit." Der vornehme Mensch muss es sich erst
mit Zwang, namentlich mit Hülfe der Historie, vorstellig machen, dass, seit
unvordenklichen Zeiten, in allen irgendwie abhängigen Volksschichten der
gemeine Mensch nur Das war, was er galt: - gar nicht daran gewöhnt,
Werthe selbst anzusetzen, mass er auch sich keinen andern Werth bei, als
seine Herren ihm beimassen (es ist das eigentliche Herrenrecht, Werthe zu
schaffen). Mag man es als die Folge eines ungeheuren Atavismus begreifen,
dass der gewöhnliche Mensch auch jetzt noch immer erst auf eine Meinung
über sich wartet und sich dann derselben instinktiv unterwirft: aber
durchaus nicht bloss einer "guten" Meinung, sondern auch einer schlechten
schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit: er wird versucht sein, sie
noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit beiden Händen zu
fassen meint. Das Problem ist für ihn, sich Wesen vorzustellen, die eine
gute Meinung über sich zu erwecken suchen, welche sie selbst von sich
nicht haben - und also auch nicht "verdienen" -, und die doch hinterdrein an
diese gute Meinung selber glauben. Das erscheint ihm zur Hälfte so
geschmacklos und unehrerbietig vor sich selbst, zur andren Hälfte so
barock-unvernünftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme fassen möchte
und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet, anzweifelt. Er wird
zum Beispiel sagen: "ich kann mich über meinen Werth irren und
andererseits doch verlangen, dass mein Werth gerade so, wie ich ihn
ansetze, auch von Andern anerkannt werde, - aber das ist keine Eitelkeit
(sondern Dünkel oder, in den häufigeren Fällen, Das, was `Demuth`, auch
`Bescheidenheit` genannt wird)." Oder auch: "ich kann mich aus vielen
Gründen über die gute Meinung Anderer freuen, vielleicht weil ich sie ehre
und liebe und mich an jeder ihrer Freuden erfreue, vielleicht auch weil ihre
gute Meinung den Glauben an meine eigne gute Meinung bei mir
unterschreibt und kräftigt, vielleicht weil die gute Meinung Anderer, selbst
in Fällen, wo ich sie nicht theile, mir doch nützt oder Nutzen verspricht, -
aber das ist Alles nicht Eitelkeit." Der vornehme Mensch muss es sich erst
mit Zwang, namentlich mit Hülfe der Historie, vorstellig machen, dass, seit
unvordenklichen Zeiten, in allen irgendwie abhängigen Volksschichten der
gemeine Mensch nur Das war, was er galt: - gar nicht daran gewöhnt,
Werthe selbst anzusetzen, mass er auch sich keinen andern Werth bei, als
seine Herren ihm beimassen (es ist das eigentliche Herrenrecht, Werthe zu
schaffen). Mag man es als die Folge eines ungeheuren Atavismus begreifen,
dass der gewöhnliche Mensch auch jetzt noch immer erst auf eine Meinung
über sich wartet und sich dann derselben instinktiv unterwirft: aber
durchaus nicht bloss einer "guten" Meinung, sondern auch einer schlechten
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und unbilligen (man denke zum Beispiel an den grössten Theil der
Selbstschätzungen und Selbstunterschätzungen, welche gläubige Frauen
ihren Beichtvätern ablernen, und überhaupt der gläubige Christ seiner
Kirche ablernt). Thatsächlich wird nun, gemäss dem langsamen
Heraufkommen der demokratischen Ordnung der Dinge (und seiner
Ursache, der Blutvermischung von Herren und Sklaven), der ursprünglich
vornehme und seltne Drang, sich selbst von sich aus einen Werth
zuzuschreiben und von sich "gut zu denken", mehr und mehr ermuthigt und
ausgebreitet werden: aber er hat jeder Zeit einen älteren, breiteren und
gründlicher einverleibten Hang gegen sich, - und im Phänomene der
"Eitelkeit" wird dieser ältere Hang Herr über den jüngeren. Der Eitle freut
sich über jede gute Meinung, die er über sich hört (ganz abseits von allen
Gesichtspunkten ihrer Nützlichkeit, und ebenso abgesehn von wahr und
falsch), ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet: denn er
unterwirft sich beiden, er fühlt sich ihnen unterworfen, aus jenem ältesten
Instinkte der Unterwerfung, der an ihm ausbricht. - Es ist "der Sklave" im
Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit des Sklaven - und wie
viel "Sklave" ist zum Beispiel jetzt noch im Weibe rückständig! welcher zu
guten Meinungen über sich zu verführen sucht; es ist ebenfalls der Sklave,
der vor diesen Meinungen nachher sofort selbst niederfällt, wie als ob er sie
nicht hervorgerufen hätte. - Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein
Atavismus.
262.
Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen Kampfe
mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingungen. Umgekehrt weiss man
aus den Erfahrungen der Züchter, dass Arten, denen eine überreichliche
Ernährung und überhaupt ein Mehr von Schutz und Sorgfalt zu Theil wird,
alsbald in der stärksten Weise zur Variation des Typus neigen und reich an
Selbstschätzungen und Selbstunterschätzungen, welche gläubige Frauen
ihren Beichtvätern ablernen, und überhaupt der gläubige Christ seiner
Kirche ablernt). Thatsächlich wird nun, gemäss dem langsamen
Heraufkommen der demokratischen Ordnung der Dinge (und seiner
Ursache, der Blutvermischung von Herren und Sklaven), der ursprünglich
vornehme und seltne Drang, sich selbst von sich aus einen Werth
zuzuschreiben und von sich "gut zu denken", mehr und mehr ermuthigt und
ausgebreitet werden: aber er hat jeder Zeit einen älteren, breiteren und
gründlicher einverleibten Hang gegen sich, - und im Phänomene der
"Eitelkeit" wird dieser ältere Hang Herr über den jüngeren. Der Eitle freut
sich über jede gute Meinung, die er über sich hört (ganz abseits von allen
Gesichtspunkten ihrer Nützlichkeit, und ebenso abgesehn von wahr und
falsch), ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet: denn er
unterwirft sich beiden, er fühlt sich ihnen unterworfen, aus jenem ältesten
Instinkte der Unterwerfung, der an ihm ausbricht. - Es ist "der Sklave" im
Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit des Sklaven - und wie
viel "Sklave" ist zum Beispiel jetzt noch im Weibe rückständig! welcher zu
guten Meinungen über sich zu verführen sucht; es ist ebenfalls der Sklave,
der vor diesen Meinungen nachher sofort selbst niederfällt, wie als ob er sie
nicht hervorgerufen hätte. - Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein
Atavismus.
262.
Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen Kampfe
mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingungen. Umgekehrt weiss man
aus den Erfahrungen der Züchter, dass Arten, denen eine überreichliche
Ernährung und überhaupt ein Mehr von Schutz und Sorgfalt zu Theil wird,
alsbald in der stärksten Weise zur Variation des Typus neigen und reich an
Page 198
Wundern und Monstrositäten (auch an monströsen Lastern) sind. Nun sehe
man einmal ein aristokratisches Gemeinwesen, etwa eine alte griechische
Polis oder Venedig, als eine, sei es freiwillige, sei es unfreiwillige
Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: es sind da Menschen bei
einander und auf sich angewiesen, welche ihre Art durchsetzen wollen,
meistens, weil sie sich durchsetzen müssen oder in furchtbarer Weise
Gefahr laufen, ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes
Übermaass, jener Schutz, unter denen die Variation begünstigt ist; die Art
hat sich als Art nöthig, als Etwas, das sich gerade vermöge seiner Härte,
Gleichförmigkeit, Einfachheit der Form überhaupt durchsetzen und
dauerhaft machen kann, im beständigen Kampfe mit den Nachbarn oder mit
den aufständischen oder Aufstand drohenden Unterdrückten. Die
mannichfaltigste Erfahrung lehrt sie, welchen Eigenschaften vornehmlich
sie es verdankt, dass sie, allen Göttern und Menschen zum Trotz, noch da
ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese Eigenschaften nennt sie
Tugenden, diese Tugenden allein züchtet sie gross. Sie thut es mit Härte, ja
sie will die Härte; jede aristokratische Moral ist unduldsam, in der
Erziehung der Jugend, in der Verfügung über die Weiber, in den Ehesitten,
im Verhältnisse von Alt und jung, in den Strafgesetzen (welche allein die
Abartenden in's Auge fassen): - sie rechnet die Unduldsamkeit selbst unter
die Tugenden, unter dem Namen "Gerechtigkeit". Ein Typus mit wenigen,
aber sehr starken Zügen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer,
geschlossener und verschlossener Menschen (und als solche vom feinsten
Gefühle für die Zauber und nuances der Societät) wird auf diese Weise über
den Wechsel der Geschlechter hinaus festgestellt; der beständige Kampf mit
immer gleichen ungünstigen Bedingungen ist, wie gesagt, die Ursache
davon, dass ein Typus fest und hart wird. Endlich aber entsteht einmal eine
Glückslage, die ungeheure Spannung lässt nach; es giebt vielleicht keine
Feinde mehr unter den Nachbarn, und die Mittel zum Leben, selbst zum
Genusse des Lebens sind überreichlich da. Mit Einem Schlage reisst das
man einmal ein aristokratisches Gemeinwesen, etwa eine alte griechische
Polis oder Venedig, als eine, sei es freiwillige, sei es unfreiwillige
Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: es sind da Menschen bei
einander und auf sich angewiesen, welche ihre Art durchsetzen wollen,
meistens, weil sie sich durchsetzen müssen oder in furchtbarer Weise
Gefahr laufen, ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes
Übermaass, jener Schutz, unter denen die Variation begünstigt ist; die Art
hat sich als Art nöthig, als Etwas, das sich gerade vermöge seiner Härte,
Gleichförmigkeit, Einfachheit der Form überhaupt durchsetzen und
dauerhaft machen kann, im beständigen Kampfe mit den Nachbarn oder mit
den aufständischen oder Aufstand drohenden Unterdrückten. Die
mannichfaltigste Erfahrung lehrt sie, welchen Eigenschaften vornehmlich
sie es verdankt, dass sie, allen Göttern und Menschen zum Trotz, noch da
ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese Eigenschaften nennt sie
Tugenden, diese Tugenden allein züchtet sie gross. Sie thut es mit Härte, ja
sie will die Härte; jede aristokratische Moral ist unduldsam, in der
Erziehung der Jugend, in der Verfügung über die Weiber, in den Ehesitten,
im Verhältnisse von Alt und jung, in den Strafgesetzen (welche allein die
Abartenden in's Auge fassen): - sie rechnet die Unduldsamkeit selbst unter
die Tugenden, unter dem Namen "Gerechtigkeit". Ein Typus mit wenigen,
aber sehr starken Zügen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer,
geschlossener und verschlossener Menschen (und als solche vom feinsten
Gefühle für die Zauber und nuances der Societät) wird auf diese Weise über
den Wechsel der Geschlechter hinaus festgestellt; der beständige Kampf mit
immer gleichen ungünstigen Bedingungen ist, wie gesagt, die Ursache
davon, dass ein Typus fest und hart wird. Endlich aber entsteht einmal eine
Glückslage, die ungeheure Spannung lässt nach; es giebt vielleicht keine
Feinde mehr unter den Nachbarn, und die Mittel zum Leben, selbst zum
Genusse des Lebens sind überreichlich da. Mit Einem Schlage reisst das
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Band und der Zwang der alten Zucht: sie fühlt sich nicht mehr als
nothwendig, als Dasein-bedingend, - wollte sie fortbestehn, so könnte sie es
nur als eine Form des Luxus, als archaisirender Geschmack. Die Variation,
sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und
Monstrosität, ist plötzlich in der grössten Fülle und Pracht auf dem
Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. An
diesen Wendepunkten der Geschichte zeigt sich neben einander und oft in
einander verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches urwaldhaftes
Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tropisches Tempo im Wetteifer
des Wachsthums und ein ungeheures Zugrundegehen und Sich-zu-Grunde-
Richten, Dank den wild gegeneinander gewendeten, gleichsam
explodirenden Egoismen, welche "um Sonne und Licht" mit einander
ringen und keine Grenze, keine Zügelung, keine Schonung mehr aus der
bisherigen Moral zu entnehmen wissen. Diese Moral selbst war es, welche
die Kraft in's Ungeheure aufgehäuft, die den Bogen auf so bedrohliche
Weise gespannt hat - - jetzt ist, jetzt wird sie "überlebt". Der gefährliche und
unheimliche Punkt ist erreicht, wo das grössere, vielfachere, umfänglichere
Leben über die alte Moral hinweg lebt; das "Individuum" steht da, genöthigt
zu einer eigenen Gesetzgebung, zu eigenen Künsten und Listen der Selbst-
Erhaltung, Selbst-Erhöhung, Selbst-Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter
neue Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und
Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten
Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern
des Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich
von Frühling und Herbst, voll neuer Reize und Schleier, die, der jungen,
noch unausgeschöpften, noch unermüdeten Verderbniss zu eigen sind.
Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der Moral, die grosse Gefahr, dies Mal
in's Individuum verlegt, in den Nächsten und Freund, auf die Gasse, in's
eigne Kind, in's eigne Herz, in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch
und Wille: was werden jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die
nothwendig, als Dasein-bedingend, - wollte sie fortbestehn, so könnte sie es
nur als eine Form des Luxus, als archaisirender Geschmack. Die Variation,
sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und
Monstrosität, ist plötzlich in der grössten Fülle und Pracht auf dem
Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. An
diesen Wendepunkten der Geschichte zeigt sich neben einander und oft in
einander verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches urwaldhaftes
Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tropisches Tempo im Wetteifer
des Wachsthums und ein ungeheures Zugrundegehen und Sich-zu-Grunde-
Richten, Dank den wild gegeneinander gewendeten, gleichsam
explodirenden Egoismen, welche "um Sonne und Licht" mit einander
ringen und keine Grenze, keine Zügelung, keine Schonung mehr aus der
bisherigen Moral zu entnehmen wissen. Diese Moral selbst war es, welche
die Kraft in's Ungeheure aufgehäuft, die den Bogen auf so bedrohliche
Weise gespannt hat - - jetzt ist, jetzt wird sie "überlebt". Der gefährliche und
unheimliche Punkt ist erreicht, wo das grössere, vielfachere, umfänglichere
Leben über die alte Moral hinweg lebt; das "Individuum" steht da, genöthigt
zu einer eigenen Gesetzgebung, zu eigenen Künsten und Listen der Selbst-
Erhaltung, Selbst-Erhöhung, Selbst-Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter
neue Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und
Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten
Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern
des Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich
von Frühling und Herbst, voll neuer Reize und Schleier, die, der jungen,
noch unausgeschöpften, noch unermüdeten Verderbniss zu eigen sind.
Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der Moral, die grosse Gefahr, dies Mal
in's Individuum verlegt, in den Nächsten und Freund, auf die Gasse, in's
eigne Kind, in's eigne Herz, in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch
und Wille: was werden jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die
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um diese Zeit heraufkommen? Sie entdecken, diese scharfen Beobachter
und Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt
und verderben macht, dass Nichts bis übermorgen steht, Eine Art Mensch
ausgenommen, die unheilbar Mittelmässigen. Die Mittelmässigen allein
haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, - sie sind die
Menschen der Zukunft, die einzig überlebenden; "seid wie sie! werdet
mittelmässig!" heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat, die
noch Ohren findet. - Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral der
Mittelmässigkeit! - sie darf es ja niemals eingestehn, was sie ist und was sie
will! sie muss von Maass und Würde und Pflicht und Nächstenliebe reden, -
sie wird noth haben, die Ironie zu verbergen! -
263.
Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon das
Anzeichen eines hohen Ranges ist; es giebt eine Lust an den Nuancen der
Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten rathen lässt. Die
Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird gefährlich auf die Probe gestellt,
wenn Etwas an ihr vorüber geht, das ersten Ranges ist, aber noch nicht von
den Schaudern der Autorität vor zudringlichen Griffen und Plumpheiten
gehütet wird: Etwas, das, unabgezeichnet, unentdeckt, versuchend,
vielleicht willkürlich verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein
seines Weges geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es gehört, Seelen
auszuforschen, der wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst
bedienen, um den letzten Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne
Rangordnung, zu der sie gehört, festzustellen: er wird sie auf ihren Instinkt
der Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. Différence engendre haine: die
Gemeinheit mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser
hervor, wenn irgend ein heiliges Gefäss, irgend eine Kostbarkeit aus
verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des grossen
und Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt
und verderben macht, dass Nichts bis übermorgen steht, Eine Art Mensch
ausgenommen, die unheilbar Mittelmässigen. Die Mittelmässigen allein
haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, - sie sind die
Menschen der Zukunft, die einzig überlebenden; "seid wie sie! werdet
mittelmässig!" heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat, die
noch Ohren findet. - Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral der
Mittelmässigkeit! - sie darf es ja niemals eingestehn, was sie ist und was sie
will! sie muss von Maass und Würde und Pflicht und Nächstenliebe reden, -
sie wird noth haben, die Ironie zu verbergen! -
263.
Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon das
Anzeichen eines hohen Ranges ist; es giebt eine Lust an den Nuancen der
Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten rathen lässt. Die
Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird gefährlich auf die Probe gestellt,
wenn Etwas an ihr vorüber geht, das ersten Ranges ist, aber noch nicht von
den Schaudern der Autorität vor zudringlichen Griffen und Plumpheiten
gehütet wird: Etwas, das, unabgezeichnet, unentdeckt, versuchend,
vielleicht willkürlich verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein
seines Weges geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es gehört, Seelen
auszuforschen, der wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst
bedienen, um den letzten Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne
Rangordnung, zu der sie gehört, festzustellen: er wird sie auf ihren Instinkt
der Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. Différence engendre haine: die
Gemeinheit mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser
hervor, wenn irgend ein heiliges Gefäss, irgend eine Kostbarkeit aus
verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des grossen
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Schicksals vorübergetragen wird; und andrerseits giebt es ein
unwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerden aller
Gebärden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nähe des
Verehrungswürdigsten fühlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die
Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist vielleicht das
beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das Europa dem
Christenthume verdankt: solche Bücher der Tiefe und der letzten
Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen kommende
Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu gewinnen,
welche nöthig sind, sie auszuschöpfen und auszurathen. Es ist Viel erreicht,
wenn der grossen Menge (den Flachen und Geschwind-Därmen aller Art)
jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass sie nicht an Alles rühren dürfe;
dass es heilige Erlebnisse giebt, vor denen sie die Schuhe auszuziehn und
die unsaubere Hand fern zu halten hat, - es ist beinahe ihre höchste
Steigerung zur Menschlichkeit. Umgekehrt wirkt an den sogenannten
Gebildeten, den Gläubigen der "modernen Ideen", vielleicht Nichts so
ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges
und der Hand, mit der von ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird;
und es ist möglich, dass sich heut im Volke, im niedern Volke, namentlich
unter Bauern, immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und
Takt der Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des
Geistes, den Gebildeten.
264.
Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine
Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben: ob sie etwa emsige
Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens,
bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren
Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von früh bis spät gewöhnt lebten,
unwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerden aller
Gebärden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nähe des
Verehrungswürdigsten fühlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die
Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist vielleicht das
beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das Europa dem
Christenthume verdankt: solche Bücher der Tiefe und der letzten
Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen kommende
Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu gewinnen,
welche nöthig sind, sie auszuschöpfen und auszurathen. Es ist Viel erreicht,
wenn der grossen Menge (den Flachen und Geschwind-Därmen aller Art)
jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass sie nicht an Alles rühren dürfe;
dass es heilige Erlebnisse giebt, vor denen sie die Schuhe auszuziehn und
die unsaubere Hand fern zu halten hat, - es ist beinahe ihre höchste
Steigerung zur Menschlichkeit. Umgekehrt wirkt an den sogenannten
Gebildeten, den Gläubigen der "modernen Ideen", vielleicht Nichts so
ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges
und der Hand, mit der von ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird;
und es ist möglich, dass sich heut im Volke, im niedern Volke, namentlich
unter Bauern, immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und
Takt der Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des
Geistes, den Gebildeten.
264.
Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine
Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben: ob sie etwa emsige
Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens,
bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren
Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von früh bis spät gewöhnt lebten,
Page 202
rauhen Vergnügungen hold und daneben vielleicht noch rauheren Pflichten
und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der Geburt und des
Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz ihrem Glauben -
ihrem "Gotte" - zu leben, als die Menschen eines unerbittlichen und zarten
Gewissens, welches vor jeder Vermittlung erröthet. Es ist gar nicht möglich,
dass ein Mensch nicht die Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und
Altvordern im Leibe habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag.
Dies ist das Problem der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern,
so ist ein Schluss auf das Kind erlaubt: irgend eine widrige
Unenthaltsamkeit, irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei
- wie diese Drei zusammen zu allen Zeiten den eigentlichen Pöbel-Typus
ausgemacht haben - dergleichen muss auf das Kind so sicher übergehn, wie
verderbtes Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung wird man
eben nur erreichen, über eine solche Vererbung zu täuschen. - Und was will
heute Erziehung und Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthümlichen,
will sagen pöbelhaften Zeitalter muss "Erziehung" und "Bildung"
wesentlich die Kunst, zu täuschen, sein, - über die Herkunft, den vererbten
Pöbel in Leib und Seele hinweg zu täuschen. Ein Erzieher, der heute vor
Allem Wahrhaftigkeit predigte und seinen Züchtlingen beständig zuriefe
"seid wahr! seid natürlich! gebt euch, wie ihr seid!" - selbst ein solcher
tugendhafter und treuherziger Esel würde nach einiger Zeit zu jener furca
des Horaz greifen lernen, um naturam expellere: mit welchem Erfolge?
"Pöbel" usque recurret. -
265.
Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt zu machen, stelle
ich hin: der Egoismus gehört zum Wesen der vornehmen Seele, ich meine
jenen unverrückbaren Glauben, dass einem Wesen, wie "wir sind", andre
Wesen von Natur unterthan sein müssen und sich ihm zu opfern haben. Die
und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der Geburt und des
Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz ihrem Glauben -
ihrem "Gotte" - zu leben, als die Menschen eines unerbittlichen und zarten
Gewissens, welches vor jeder Vermittlung erröthet. Es ist gar nicht möglich,
dass ein Mensch nicht die Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und
Altvordern im Leibe habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag.
Dies ist das Problem der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern,
so ist ein Schluss auf das Kind erlaubt: irgend eine widrige
Unenthaltsamkeit, irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei
- wie diese Drei zusammen zu allen Zeiten den eigentlichen Pöbel-Typus
ausgemacht haben - dergleichen muss auf das Kind so sicher übergehn, wie
verderbtes Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung wird man
eben nur erreichen, über eine solche Vererbung zu täuschen. - Und was will
heute Erziehung und Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthümlichen,
will sagen pöbelhaften Zeitalter muss "Erziehung" und "Bildung"
wesentlich die Kunst, zu täuschen, sein, - über die Herkunft, den vererbten
Pöbel in Leib und Seele hinweg zu täuschen. Ein Erzieher, der heute vor
Allem Wahrhaftigkeit predigte und seinen Züchtlingen beständig zuriefe
"seid wahr! seid natürlich! gebt euch, wie ihr seid!" - selbst ein solcher
tugendhafter und treuherziger Esel würde nach einiger Zeit zu jener furca
des Horaz greifen lernen, um naturam expellere: mit welchem Erfolge?
"Pöbel" usque recurret. -
265.
Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt zu machen, stelle
ich hin: der Egoismus gehört zum Wesen der vornehmen Seele, ich meine
jenen unverrückbaren Glauben, dass einem Wesen, wie "wir sind", andre
Wesen von Natur unterthan sein müssen und sich ihm zu opfern haben. Die
Page 203
vornehme Seele nimmt diesen Thatbestand ihres Egoismus ohne jedes
Fragezeichen hin, auch ohne ein Gefühl von Härte Zwang, Willkür darin,
vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge begründet sein mag: -
suchte sie nach einem Namen dafür, so würde sie sagen "es ist die
Gerechtigkeit selbst". Sie gesteht sich, unter Umständen, die sie anfangs
zögern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte giebt; sobald sie über
diese Frage des Rangs im Reinen ist, bewegt sie sich unter diesen Gleichen
und Gleichberechtigten mit der gleichen Sicherheit in Scham und zarter
Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit sich selbst hat, - gemäss einer
eingebornen himmlischen Mechanik, auf welche sich alle Sterne verstehn.
Es ist ein Stück ihres Egoismus mehr, diese Feinheit und
Selbstbeschränkung im Verkehre mit ihres Gleichen - jeder Stern ist ein
solcher Egoist -: sie ehrt sich in ihnen und in den Rechten, welche sie an
dieselben abgiebt, sie zweifelt nicht, dass der Austausch von Ehren und
Rechten als Wesen alles Verkehrs ebenfalls zum naturgemässen Zustand der
Dinge gehört. Die vornehme Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem
leidenschaftlichen und reizbaren Instinkte der Vergeltung heraus, welcher
auf ihrem Grunde liegt. Der Begriff "Gnade" hat inter pares keinen Sinn
und Wohlgeruch; es mag eine sublime Art geben, Geschenke von Oben her
gleichsam über sich ergehen zu lassen und wie Tropfen durstig
aufzutrinken: aber für diese Kunst und Gebärde hat die vornehme Seele
kein Geschick. Ihr Egoismus hindert sie hier: sie blickt ungern überhaupt
nach "Oben", - sondern entweder vor sich, horizontal und langsam, oder
hinab: - sie weiss sich in der Höhe.-
266.
"Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht". -
Goethe an Rath Schlosser.
Fragezeichen hin, auch ohne ein Gefühl von Härte Zwang, Willkür darin,
vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge begründet sein mag: -
suchte sie nach einem Namen dafür, so würde sie sagen "es ist die
Gerechtigkeit selbst". Sie gesteht sich, unter Umständen, die sie anfangs
zögern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte giebt; sobald sie über
diese Frage des Rangs im Reinen ist, bewegt sie sich unter diesen Gleichen
und Gleichberechtigten mit der gleichen Sicherheit in Scham und zarter
Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit sich selbst hat, - gemäss einer
eingebornen himmlischen Mechanik, auf welche sich alle Sterne verstehn.
Es ist ein Stück ihres Egoismus mehr, diese Feinheit und
Selbstbeschränkung im Verkehre mit ihres Gleichen - jeder Stern ist ein
solcher Egoist -: sie ehrt sich in ihnen und in den Rechten, welche sie an
dieselben abgiebt, sie zweifelt nicht, dass der Austausch von Ehren und
Rechten als Wesen alles Verkehrs ebenfalls zum naturgemässen Zustand der
Dinge gehört. Die vornehme Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem
leidenschaftlichen und reizbaren Instinkte der Vergeltung heraus, welcher
auf ihrem Grunde liegt. Der Begriff "Gnade" hat inter pares keinen Sinn
und Wohlgeruch; es mag eine sublime Art geben, Geschenke von Oben her
gleichsam über sich ergehen zu lassen und wie Tropfen durstig
aufzutrinken: aber für diese Kunst und Gebärde hat die vornehme Seele
kein Geschick. Ihr Egoismus hindert sie hier: sie blickt ungern überhaupt
nach "Oben", - sondern entweder vor sich, horizontal und langsam, oder
hinab: - sie weiss sich in der Höhe.-
266.
"Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht". -
Goethe an Rath Schlosser.
Page 204
267.
Es giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die Mütter schon ihre
Kinder lehren: siao-sin "mache dein Herz klein!" Dies ist der eigentliche
Grundhang in späten Civilisationen: ich zweifle nicht, dass ein antiker
Grieche auch an uns Europäern von Heute zuerst die Selbstverkleinerung
herauserkennen würde, - damit allein schon giengen wir ihm "wider den
Geschmack". -
268.
Was ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen für Begriffe;
Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen für oft
wiederkehrende und zusammen kommende Empfindungen, für
Empfindungs-Gruppen. Es genügt noch nicht, um sich einander zu
verstehen, dass man die selben Worte gebraucht: man muss die selben
Worte auch für die selbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man muss
zuletzt seine Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb verstehen sich
die Menschen Eines Volkes besser unter einander, als Zugehörige
verschiedener Völker, selbst wenn sie sich der gleichen Sprache bedienen;
oder vielmehr, wenn Menschen lange unter ähnlichen Bedingungen (des
Klima's, des Bodens, der Gefahr, der Bedürfnisse, der Arbeit) zusammen
gelebt haben, so entsteht daraus Etwas, das "sich versteht", ein Volk. In
allen Seelen hat eine gleiche Anzahl oft wiederkehrender Erlebnisse die
Oberhand gewonnen über seltner kommende: auf sie hin versteht man sich,
schnell und immer schneller - die Geschichte der Sprache ist die Geschichte
eines Abkürzungs-Prozesses -; auf dies schnelle Verstehen hin verbindet
man sich, enger und immer enger. Je grösser die Gefährlichkeit, um so
grösser ist das Bedürfniss, schnell und leicht über Das, was noth thut,
übereinzukommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn, das ist es, was
die Menschen zum Verkehre schlechterdings nicht entbehren können. Noch
Es giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die Mütter schon ihre
Kinder lehren: siao-sin "mache dein Herz klein!" Dies ist der eigentliche
Grundhang in späten Civilisationen: ich zweifle nicht, dass ein antiker
Grieche auch an uns Europäern von Heute zuerst die Selbstverkleinerung
herauserkennen würde, - damit allein schon giengen wir ihm "wider den
Geschmack". -
268.
Was ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen für Begriffe;
Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen für oft
wiederkehrende und zusammen kommende Empfindungen, für
Empfindungs-Gruppen. Es genügt noch nicht, um sich einander zu
verstehen, dass man die selben Worte gebraucht: man muss die selben
Worte auch für die selbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man muss
zuletzt seine Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb verstehen sich
die Menschen Eines Volkes besser unter einander, als Zugehörige
verschiedener Völker, selbst wenn sie sich der gleichen Sprache bedienen;
oder vielmehr, wenn Menschen lange unter ähnlichen Bedingungen (des
Klima's, des Bodens, der Gefahr, der Bedürfnisse, der Arbeit) zusammen
gelebt haben, so entsteht daraus Etwas, das "sich versteht", ein Volk. In
allen Seelen hat eine gleiche Anzahl oft wiederkehrender Erlebnisse die
Oberhand gewonnen über seltner kommende: auf sie hin versteht man sich,
schnell und immer schneller - die Geschichte der Sprache ist die Geschichte
eines Abkürzungs-Prozesses -; auf dies schnelle Verstehen hin verbindet
man sich, enger und immer enger. Je grösser die Gefährlichkeit, um so
grösser ist das Bedürfniss, schnell und leicht über Das, was noth thut,
übereinzukommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn, das ist es, was
die Menschen zum Verkehre schlechterdings nicht entbehren können. Noch
Page 205
bei jeder Freundschaft oder Liebschaft macht man diese Probe: Nichts
derart hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass Einer von Beiden bei
gleichen Worten anders fühlt, meint, wittert, wünscht, fürchtet, als der
Andere. (Die Furcht vor dem "ewigen Missverständniss": das ist jener
wohlwollende Genius, der Personen verschiedenen Geschlechts so oft von
übereilten Verbindungen abhält, zu denen Sinne und Herz rathen - und nicht
irgend ein Schopenhauerischer "Genius der Gattung" -!) Welche Gruppen
von Empfindungen innerhalb einer Seele am schnellsten wach werden, das
Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet über die gesammte
Rangordnung ihrer Werthe, das bestimmt zuletzt ihre Gütertafel. Die
Werthschätzungen eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner
Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigentliche Noth sieht.
Gesetzt nun, dass die Noth von jeher nur solche Menschen einander
angenähert hat, welche mit ähnlichen Zeichen ähnliche Bedürfnisse,
ähnliche Erlebnisse andeuten konnten, so ergiebt sich im Ganzen, dass die
leichte Mittheilbarkeit der Noth, dass heisst im letzten Grunde das Erleben
von nur durchschnittlichen und gemeinen Erlebnissen, unter allen
Gewalten, welche über den Menschen bisher verfügt haben, die gewaltigste
gewesen sein muss. Die ähnlicheren, die gewöhnlicheren Menschen waren
und sind immer im Vortheile, die Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren,
schwerer Verständlichen bleiben leicht allein, unterliegen, bei ihrer
Vereinzelung, den Unfällen und pflanzen sich selten fort. Man muss
ungeheure Gegenkräfte anrufen, um diesen natürlichen, allzunatürlichen
progressus in simile, die Fortbildung des Menschen in's Ähnliche,
Gewöhnliche, Durchschnittliche, Heerdenhafte - in's Gemeine! - zu
kreuzen.
269.
derart hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass Einer von Beiden bei
gleichen Worten anders fühlt, meint, wittert, wünscht, fürchtet, als der
Andere. (Die Furcht vor dem "ewigen Missverständniss": das ist jener
wohlwollende Genius, der Personen verschiedenen Geschlechts so oft von
übereilten Verbindungen abhält, zu denen Sinne und Herz rathen - und nicht
irgend ein Schopenhauerischer "Genius der Gattung" -!) Welche Gruppen
von Empfindungen innerhalb einer Seele am schnellsten wach werden, das
Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet über die gesammte
Rangordnung ihrer Werthe, das bestimmt zuletzt ihre Gütertafel. Die
Werthschätzungen eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner
Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigentliche Noth sieht.
Gesetzt nun, dass die Noth von jeher nur solche Menschen einander
angenähert hat, welche mit ähnlichen Zeichen ähnliche Bedürfnisse,
ähnliche Erlebnisse andeuten konnten, so ergiebt sich im Ganzen, dass die
leichte Mittheilbarkeit der Noth, dass heisst im letzten Grunde das Erleben
von nur durchschnittlichen und gemeinen Erlebnissen, unter allen
Gewalten, welche über den Menschen bisher verfügt haben, die gewaltigste
gewesen sein muss. Die ähnlicheren, die gewöhnlicheren Menschen waren
und sind immer im Vortheile, die Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren,
schwerer Verständlichen bleiben leicht allein, unterliegen, bei ihrer
Vereinzelung, den Unfällen und pflanzen sich selten fort. Man muss
ungeheure Gegenkräfte anrufen, um diesen natürlichen, allzunatürlichen
progressus in simile, die Fortbildung des Menschen in's Ähnliche,
Gewöhnliche, Durchschnittliche, Heerdenhafte - in's Gemeine! - zu
kreuzen.
269.
Page 206
Je mehr ein Psycholog - ein geborner, ein unvermeidlicher Psycholog
und Seelen-Errather - sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen
zukehrt, um so grösser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken: er hat
Härte und Heiterkeit nöthig, mehr als ein andrer Mensch. Die Verderbniss,
das Zugrundegehen der höheren Menschen, der fremder gearteten Seelen ist
nämlich die Regel: es ist schrecklich, eine solche Regel immer vor Augen
zu haben. Die vielfache Marter des Psychologen, der dieses Zugrundegehen
entdeckt hat, der diese gesammte innere "Heillosigkeit" des höheren
Menschen, dieses ewige "Zu spät!" in jedem Sinne, erst einmal und dann
fast immer wieder entdeckt, durch die ganze Geschichte hindurch, - kann
vielleicht eines Tages zur Ursache davon werden, dass er mit Erbitterung
sich gegen sein eignes Loos wendet und einen Versuch der Selbst-
Zerstörung macht, - dass er selbst "verdirbt". Man wird fast bei jedem
Psychologen eine verrätherische Vorneigung und Lust am Umgange mit
alltäglichen und wohlgeordneten Menschen wahrnehmen: daran verräth
sich, dass er immer einer Heilung bedarf, dass er eine Art Flucht und
Vergessen braucht, weg von dem, was ihm seine Einblicke und Einschnitte,
was ihm sein "Handwerk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem
Gedächtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile Anderer leicht zum
Verstummen: er hört mit einem unbewegten Gesichte zu, wie dort verehrt,
bewundert, geliebt, verklärt wird, wo er gesehen hat, - oder er verbirgt noch
sein Verstummen, indem er irgend einer Vordergrunds-Meinung
ausdrücklich zustimmt. Vielleicht geht die Paradoxie seiner Lage so weit
in's Schauerliche, dass die Menge, die Gebildeten, die Schwärmer gerade
dort, wo er das grosse Mitleiden neben der grossen Verachtung gelernt hat,
ihrerseits die grosse Verehrung lernen, - die Verehrung für "grosse Männer"
und Wunderthiere, um derentwillen man das Vaterland, die Erde, die Würde
der Menschheit, sich selber segnet und in Ehren hält, auf welche man die
Jugend hinweist, hinerzieht…. Und wer weiss, ob sich nicht bisher in allen
grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
und Seelen-Errather - sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen
zukehrt, um so grösser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken: er hat
Härte und Heiterkeit nöthig, mehr als ein andrer Mensch. Die Verderbniss,
das Zugrundegehen der höheren Menschen, der fremder gearteten Seelen ist
nämlich die Regel: es ist schrecklich, eine solche Regel immer vor Augen
zu haben. Die vielfache Marter des Psychologen, der dieses Zugrundegehen
entdeckt hat, der diese gesammte innere "Heillosigkeit" des höheren
Menschen, dieses ewige "Zu spät!" in jedem Sinne, erst einmal und dann
fast immer wieder entdeckt, durch die ganze Geschichte hindurch, - kann
vielleicht eines Tages zur Ursache davon werden, dass er mit Erbitterung
sich gegen sein eignes Loos wendet und einen Versuch der Selbst-
Zerstörung macht, - dass er selbst "verdirbt". Man wird fast bei jedem
Psychologen eine verrätherische Vorneigung und Lust am Umgange mit
alltäglichen und wohlgeordneten Menschen wahrnehmen: daran verräth
sich, dass er immer einer Heilung bedarf, dass er eine Art Flucht und
Vergessen braucht, weg von dem, was ihm seine Einblicke und Einschnitte,
was ihm sein "Handwerk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem
Gedächtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile Anderer leicht zum
Verstummen: er hört mit einem unbewegten Gesichte zu, wie dort verehrt,
bewundert, geliebt, verklärt wird, wo er gesehen hat, - oder er verbirgt noch
sein Verstummen, indem er irgend einer Vordergrunds-Meinung
ausdrücklich zustimmt. Vielleicht geht die Paradoxie seiner Lage so weit
in's Schauerliche, dass die Menge, die Gebildeten, die Schwärmer gerade
dort, wo er das grosse Mitleiden neben der grossen Verachtung gelernt hat,
ihrerseits die grosse Verehrung lernen, - die Verehrung für "grosse Männer"
und Wunderthiere, um derentwillen man das Vaterland, die Erde, die Würde
der Menschheit, sich selber segnet und in Ehren hält, auf welche man die
Jugend hinweist, hinerzieht…. Und wer weiss, ob sich nicht bisher in allen
grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
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anbetete, - und dass der "Gott" nur ein armes Opferthier war! Der Erfolg
war immer der grösste Lügner, und das "Werk" selbst ist ein Erfolg; der
grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist in seine Schöpfungen
verkleidet, bis in's Unerkennbare; das "Werk", das des Künstlers, des
Philosophen, erfindet erst Den, welcher es geschaffen hat, geschaffen haben
soll; die "grossen Männer", wie sie verehrt werden, sind kleine schlechte
Dichtungen hinterdrein; in der Welt der geschichtlichen Werthe herrscht die
Falschmünzerei. Diese grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset,
Poe, Leopardi, Kleist, Gogol, - so wie sie nun einmal sind, vielleicht sein
müssen: Menschen der Augenblicke, begeistert, sinnlich, kindsköpfisch, im
Misstrauen und Vertrauen leichtfertig und plötzlich; mit Seelen, an denen
gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit ihren Werken
Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihren Aufflügen
Vergessenheit suchend vor einem allzutreuen Gedächtniss, oft in den
Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtern um die Sümpfe
herum gleich werden und sich zu Sternen verstellen - das Volk nennt sie
dann wohl Idealisten -, oft mit einem langen Ekel kämpfend, mit einem
wiederkehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt macht und sie zwingt,
nach gloria zu schmachten und den "Glauben an sich" aus den Händen
berauschter Schmeichler zu fressen: - welche Marter sind diese grossen
Künstler und überhaupt die höheren Menschen für Den, der sie einmal
errathen hat! Es ist so begreiflich, dass sie gerade vom Weibe - welches
hellseherisch ist in der Welt des Leidens und leider auch weit über seine
Kräfte hinaus hülf- und rettungssüchtig - so leicht jene Ausbrüche
unbegrenzten hingebendsten Mitleids erfahren, welche die Menge, vor
Allem die verehrende Menge, nicht versteht und mit neugierigen und
selbstgefälligen Deutungen überhäuft. Dieses Mitleiden täuscht sich
regelmässig über seine Kraft; das Weib möchte glauben, dass Liebe Alles
vermag, - es ist sein eigentlicher Glaube. Ach, der Wissende des Herzens
erräth, wie arm, dumm, hülflos, anmaaslich, fehlgreifend, leichter
war immer der grösste Lügner, und das "Werk" selbst ist ein Erfolg; der
grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist in seine Schöpfungen
verkleidet, bis in's Unerkennbare; das "Werk", das des Künstlers, des
Philosophen, erfindet erst Den, welcher es geschaffen hat, geschaffen haben
soll; die "grossen Männer", wie sie verehrt werden, sind kleine schlechte
Dichtungen hinterdrein; in der Welt der geschichtlichen Werthe herrscht die
Falschmünzerei. Diese grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset,
Poe, Leopardi, Kleist, Gogol, - so wie sie nun einmal sind, vielleicht sein
müssen: Menschen der Augenblicke, begeistert, sinnlich, kindsköpfisch, im
Misstrauen und Vertrauen leichtfertig und plötzlich; mit Seelen, an denen
gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit ihren Werken
Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihren Aufflügen
Vergessenheit suchend vor einem allzutreuen Gedächtniss, oft in den
Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtern um die Sümpfe
herum gleich werden und sich zu Sternen verstellen - das Volk nennt sie
dann wohl Idealisten -, oft mit einem langen Ekel kämpfend, mit einem
wiederkehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt macht und sie zwingt,
nach gloria zu schmachten und den "Glauben an sich" aus den Händen
berauschter Schmeichler zu fressen: - welche Marter sind diese grossen
Künstler und überhaupt die höheren Menschen für Den, der sie einmal
errathen hat! Es ist so begreiflich, dass sie gerade vom Weibe - welches
hellseherisch ist in der Welt des Leidens und leider auch weit über seine
Kräfte hinaus hülf- und rettungssüchtig - so leicht jene Ausbrüche
unbegrenzten hingebendsten Mitleids erfahren, welche die Menge, vor
Allem die verehrende Menge, nicht versteht und mit neugierigen und
selbstgefälligen Deutungen überhäuft. Dieses Mitleiden täuscht sich
regelmässig über seine Kraft; das Weib möchte glauben, dass Liebe Alles
vermag, - es ist sein eigentlicher Glaube. Ach, der Wissende des Herzens
erräth, wie arm, dumm, hülflos, anmaaslich, fehlgreifend, leichter
Page 208
zerstörend als rettend auch die beste tiefste Liebe ist! - Es ist möglich, dass
unter der heiligen Fabel und Verkleidung von Jesu Leben einer der
schmerzlichsten Fälle vom Martyrium des Wissens um die Liebe verborgen
liegt: das Martyrium des unschuldigsten und begehrendsten Herzens, das an
keiner Menschen-Liebe je genug hatte, das Liebe, Geliebt-werden und
Nichts ausserdem verlangte, mit Härte, mit Wahnsinn, mit furchtbaren
Ausbrüchen gegen Die, welche ihm Liebe verweigerten; die Geschichte
eines armen Ungesättigten und Unersättlichen in der Liebe, der die Hölle
erfinden musste, um Die dorthin zu schicken, welche ihn nicht lieben
wollten, - und der endlich, wissend geworden über menschliche Liebe,
einen Gott erfinden musste, der ganz Liebe, ganz Lieben- können ist, - der
sich der Menschen-Liebe erbarmt, weil sie gar so armselig, so unwissend
ist! Wer so fühlt, wer dergestalt um die Liebe weiss -, sucht den Tod. - Aber
warum solchen schmerzlichen Dingen nachhängen? Gesetzt, dass man es
nicht muss. -
270.
Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, der tief gelitten hat -
es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief Menschen leiden können -,
seine schaudernde Gewissheit, von der er ganz durchtränkt und gefärbt ist,
vermöge seines Leidens mehr zu wissen, als die Klügsten und Weisesten
wissen können, in vielen fernen entsetzlichen Welten bekannt und einmal
"zu Hause" gewesen zu sein, von denen "ihr nichts wisst!"……. dieser
geistige schweigende Hochmuth des Leidenden, dieser Stolz des
Auserwählten der Erkenntniss, des "Eingeweihten", des beinahe Geopferten
findet alle Formen von Verkleidung nöthig, um sich vor der Berührung mit
zudringlichen und mitleidigen Händen und überhaupt vor Allem, was nicht
Seinesgleichen im Schmerz ist, zu schützen. Das tiefe Leiden macht
vornehm; es trennt. Eine der feinsten Verkleidungs-Formen ist der
unter der heiligen Fabel und Verkleidung von Jesu Leben einer der
schmerzlichsten Fälle vom Martyrium des Wissens um die Liebe verborgen
liegt: das Martyrium des unschuldigsten und begehrendsten Herzens, das an
keiner Menschen-Liebe je genug hatte, das Liebe, Geliebt-werden und
Nichts ausserdem verlangte, mit Härte, mit Wahnsinn, mit furchtbaren
Ausbrüchen gegen Die, welche ihm Liebe verweigerten; die Geschichte
eines armen Ungesättigten und Unersättlichen in der Liebe, der die Hölle
erfinden musste, um Die dorthin zu schicken, welche ihn nicht lieben
wollten, - und der endlich, wissend geworden über menschliche Liebe,
einen Gott erfinden musste, der ganz Liebe, ganz Lieben- können ist, - der
sich der Menschen-Liebe erbarmt, weil sie gar so armselig, so unwissend
ist! Wer so fühlt, wer dergestalt um die Liebe weiss -, sucht den Tod. - Aber
warum solchen schmerzlichen Dingen nachhängen? Gesetzt, dass man es
nicht muss. -
270.
Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, der tief gelitten hat -
es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief Menschen leiden können -,
seine schaudernde Gewissheit, von der er ganz durchtränkt und gefärbt ist,
vermöge seines Leidens mehr zu wissen, als die Klügsten und Weisesten
wissen können, in vielen fernen entsetzlichen Welten bekannt und einmal
"zu Hause" gewesen zu sein, von denen "ihr nichts wisst!"……. dieser
geistige schweigende Hochmuth des Leidenden, dieser Stolz des
Auserwählten der Erkenntniss, des "Eingeweihten", des beinahe Geopferten
findet alle Formen von Verkleidung nöthig, um sich vor der Berührung mit
zudringlichen und mitleidigen Händen und überhaupt vor Allem, was nicht
Seinesgleichen im Schmerz ist, zu schützen. Das tiefe Leiden macht
vornehm; es trennt. Eine der feinsten Verkleidungs-Formen ist der
Page 209
Epicureismus und eine gewisse fürderhin zur Schau getragene Tapferkeit
des Geschmacks, welche das Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles
Traurige und Tiefe zur Wehre setzt. Es giebt "heitere Menschen", welche
sich der Heiterkeit bedienen, weil sie um ihretwillen missverstanden
werden: - sie wollen missverstanden sein. Es giebt "wissenschaftliche
Menschen", welche sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen
heiteren Anschein giebt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schliessen
lässt, dass der Mensch oberflächlich ist: - sie wollen zu einem falschen
Schlusse verführen. Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und
verleugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen sind;
und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges
allzugewisses Wissen. - Woraus sich ergiebt, dass es zur feineren
Menschlichkeit gehört, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und nicht an
falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu treiben.
271.
Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn
und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige
Nützlichkeit, was hilft aller guter Wille für einander: zuletzt bleibt es dabei
- sie "können sich nicht riechen!" Der höchste Instinkt der Reinlichkeit
stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und gefährlichste
Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist Heiligkeit - die höchste
Vergeistigung des genannten Instinktes. Irgend ein Mitwissen um eine
unbeschreibliche Fülle im Glück des Bades, irgend eine Brunst und
Durstigkeit, welche die Seele beständig aus der Nacht in den Morgen und
aus dem Trüben, der "Trübsal", in's Helle, Glänzende, Tiefe, Feine treibt -:
eben so sehr als ein solcher Hang auszeichnet - es ist ein vornehmer Hang -,
trennt er auch. - Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem
Schmutz des Menschlichen, Allzumenschlichen. Und es giebt Grade und
des Geschmacks, welche das Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles
Traurige und Tiefe zur Wehre setzt. Es giebt "heitere Menschen", welche
sich der Heiterkeit bedienen, weil sie um ihretwillen missverstanden
werden: - sie wollen missverstanden sein. Es giebt "wissenschaftliche
Menschen", welche sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen
heiteren Anschein giebt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schliessen
lässt, dass der Mensch oberflächlich ist: - sie wollen zu einem falschen
Schlusse verführen. Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und
verleugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen sind;
und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges
allzugewisses Wissen. - Woraus sich ergiebt, dass es zur feineren
Menschlichkeit gehört, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und nicht an
falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu treiben.
271.
Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn
und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige
Nützlichkeit, was hilft aller guter Wille für einander: zuletzt bleibt es dabei
- sie "können sich nicht riechen!" Der höchste Instinkt der Reinlichkeit
stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und gefährlichste
Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist Heiligkeit - die höchste
Vergeistigung des genannten Instinktes. Irgend ein Mitwissen um eine
unbeschreibliche Fülle im Glück des Bades, irgend eine Brunst und
Durstigkeit, welche die Seele beständig aus der Nacht in den Morgen und
aus dem Trüben, der "Trübsal", in's Helle, Glänzende, Tiefe, Feine treibt -:
eben so sehr als ein solcher Hang auszeichnet - es ist ein vornehmer Hang -,
trennt er auch. - Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem
Schmutz des Menschlichen, Allzumenschlichen. Und es giebt Grade und
Page 210
Höhen, wo das Mitleiden selbst von ihm als Verunreinigung, als Schmutz
gefühlt wird…..
272.
Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu
Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit
nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte und deren
Ausübung unter seine Pflichten rechnen.
273.
Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf
seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzögerung und
Hemmniss - oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche
hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, wenn er auf seiner
Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und sein Bewusstsein, bis dahin
immer zur Komödie verurtheilt zu sein - denn selbst der Krieg ist eine
Komödie und verbirgt, wie jedes Mittel den Zweck verbirgt -, verdirbt ihm
jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und was sie vom
Giftigsten an sich hat.
274.
Das Problem der Wartenden. - Es sind Glücksfälle dazu nöthig und
vielerlei Unberechenbares, dass ein höherer Mensch, in dem die Lösung
eines Problems schläft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt - "zum
Ausbruch", wie man sagen könnte. Es geschieht durchschnittlich nicht, und
in allen Winkeln der Erde sitzen Wartende, die es kaum wissen, in wiefern
sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten. Mitunter auch
gefühlt wird…..
272.
Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu
Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit
nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte und deren
Ausübung unter seine Pflichten rechnen.
273.
Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf
seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzögerung und
Hemmniss - oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche
hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, wenn er auf seiner
Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und sein Bewusstsein, bis dahin
immer zur Komödie verurtheilt zu sein - denn selbst der Krieg ist eine
Komödie und verbirgt, wie jedes Mittel den Zweck verbirgt -, verdirbt ihm
jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und was sie vom
Giftigsten an sich hat.
274.
Das Problem der Wartenden. - Es sind Glücksfälle dazu nöthig und
vielerlei Unberechenbares, dass ein höherer Mensch, in dem die Lösung
eines Problems schläft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt - "zum
Ausbruch", wie man sagen könnte. Es geschieht durchschnittlich nicht, und
in allen Winkeln der Erde sitzen Wartende, die es kaum wissen, in wiefern
sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten. Mitunter auch
Page 211
kommt der Weckruf zu spät, jener Zufall, der die "Erlaubniss" zum Handeln
giebt, - dann, wenn bereits die beste Jugend und Kraft zum Handeln durch
Stillsitzen verbraucht ist; und wie Mancher fand, eben als er "aufsprang",
mit Schrecken seine Glieder eingeschlafen und seinen Geist schon zu
schwer! "Es ist zu spät" - sagte er sich, ungläubig über sich geworden und
nunmehr für immer unnütz. - Sollte, im Reiche des Genie's, der "Raffael
ohne Hände", das Wort im weitesten Sinn verstanden, vielleicht nicht die
Ausnahme, sondern die Regel sein? - Das Genie ist vielleicht gar nicht so
selten: aber die fünfhundert Hände, die es nöthig hat, um den kairós, "die
rechte Zeit" - zu tyrannisiren, um den Zufall am Schopf zu fassen!
275.
Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schärfer
nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist - und verräth sich selbst
damit.
276.
Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und gröbere Seele
besser daran, als die vornehmere: die Gefahren der letzteren müssen grösser
sein, ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglückt und zu Grunde geht, ist
sogar, bei der Vielfachheit ihrer Lebensbedingungen, ungeheuer. - Bei einer
Eidechse wächst ein Finger nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim
Menschen. -
277.
- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus
fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu haben,
giebt, - dann, wenn bereits die beste Jugend und Kraft zum Handeln durch
Stillsitzen verbraucht ist; und wie Mancher fand, eben als er "aufsprang",
mit Schrecken seine Glieder eingeschlafen und seinen Geist schon zu
schwer! "Es ist zu spät" - sagte er sich, ungläubig über sich geworden und
nunmehr für immer unnütz. - Sollte, im Reiche des Genie's, der "Raffael
ohne Hände", das Wort im weitesten Sinn verstanden, vielleicht nicht die
Ausnahme, sondern die Regel sein? - Das Genie ist vielleicht gar nicht so
selten: aber die fünfhundert Hände, die es nöthig hat, um den kairós, "die
rechte Zeit" - zu tyrannisiren, um den Zufall am Schopf zu fassen!
275.
Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schärfer
nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist - und verräth sich selbst
damit.
276.
Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und gröbere Seele
besser daran, als die vornehmere: die Gefahren der letzteren müssen grösser
sein, ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglückt und zu Grunde geht, ist
sogar, bei der Vielfachheit ihrer Lebensbedingungen, ungeheuer. - Bei einer
Eidechse wächst ein Finger nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim
Menschen. -
277.
- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus
fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu haben,
Page 212
das man schlechterdings hätte wissen müssen, bevor man zu bauen -
anfieng. Das ewige leidige "Zu spät!" - Die Melancholie alles Fertigen!…..
278.
- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn,
ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein Senkblei,
das ungesättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen - was suchte es
da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit einer Lippe, die ihren Ekel
verbirgt, mit einer Hand, die nur noch langsam greift: wer bist du? was
thatest du? Ruhe dich hier aus: diese Stelle ist gastfreundlich für
Jedermann, - erhole dich! Und wer du auch sein magst: was gefällt dir jetzt?
Was dient dir zur Erholung? Nenne es nur: was ich habe, biete ich dir an! -
"Zur Erholung? Zur Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber
gieb mir, ich bitte - -" Was? Was? sprich es aus! - "Eine Maske mehr! Eine
zweite Maske!"…..
279.
Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie glücklich
sind: sie haben eine Art, das Glück zu fassen, wie als ob sie es erdrücken
und ersticken möchten, aus Eifersucht, - ach, sie wissen zu gut, dass es
ihnen davonläuft!
280.
"Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht - zurück?" - Ja! Aber ihr versteht
ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück, wie jeder, der einen
grossen Sprung thun will. - -
anfieng. Das ewige leidige "Zu spät!" - Die Melancholie alles Fertigen!…..
278.
- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn,
ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein Senkblei,
das ungesättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen - was suchte es
da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit einer Lippe, die ihren Ekel
verbirgt, mit einer Hand, die nur noch langsam greift: wer bist du? was
thatest du? Ruhe dich hier aus: diese Stelle ist gastfreundlich für
Jedermann, - erhole dich! Und wer du auch sein magst: was gefällt dir jetzt?
Was dient dir zur Erholung? Nenne es nur: was ich habe, biete ich dir an! -
"Zur Erholung? Zur Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber
gieb mir, ich bitte - -" Was? Was? sprich es aus! - "Eine Maske mehr! Eine
zweite Maske!"…..
279.
Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie glücklich
sind: sie haben eine Art, das Glück zu fassen, wie als ob sie es erdrücken
und ersticken möchten, aus Eifersucht, - ach, sie wissen zu gut, dass es
ihnen davonläuft!
280.
"Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht - zurück?" - Ja! Aber ihr versteht
ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück, wie jeder, der einen
grossen Sprung thun will. - -
Page 213
281.
- "Wird man es mir glauben? aber ich verlange, dass man mir es glaubt:
ich habe immer nur schlecht an mich, über mich gedacht, nur in ganz
seltnen Fällen, nur gezwungen, immer ohne Lust `zur Sache`, bereit, von
`Mir` abzuschweifen, immer ohne Glauben an das Ergebniss, Dank einem
unbezwinglichen Misstrauen gegen die Möglichkeit der Selbst-Erkenntniss,
das mich so weit geführt hat, selbst am Begriff `unmittelbare Erkenntniss`,
welchen sich die Theoretiker erlauben, eine contradictio in adjecto zu
empfinden: - diese ganze Thatsache ist beinahe das Sicherste, was ich über
mich weiss. Es muss eine Art Widerwillen in mir geben, etwas Bestimmtes
über mich zu glauben. - Steckt darin vielleicht ein Räthsel? Wahrscheinlich;
aber glücklicherweise keins für meine eigenen Zähne. - Vielleicht verräth es
die species, zu der ich gehöre? - Aber nicht mir: wie es mir selbst erwünscht
genug ist."
282.
"Aber was ist dir begegnet?" - "Ich weiss es nicht, sagte er zögernd;
vielleicht sind mir die Harpyien über den Tisch geflogen." - Es kommt
heute bisweilen vor, dass ein milder mässiger zurückhaltender Mensch
plötzlich rasend wird, die Teller zerschlägt, den Tisch umwirft, schreit, tobt,
alle Welt beleidigt - und endlich bei Seite geht, beschämt, wüthend über
sich, - wohin? wozu? Um abseits zu verhungern? Um an seiner Erinnerung
zu ersticken? - Wer die Begierden einer hohen wählerischen Seele hat und
nur selten seinen Tisch gedeckt, seine Nahrung bereit findet, dessen Gefahr
wird zu allen Zeiten gross sein: heute aber ist sie ausserordentlich. In ein
lärmendes und pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus
Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls
er endlich dennoch "zugreift" - vor plötzlichem Ekel zu Grunde gehn. - Wir
haben wahrscheinlich Alle schon an Tischen gesessen, wo wir nicht
- "Wird man es mir glauben? aber ich verlange, dass man mir es glaubt:
ich habe immer nur schlecht an mich, über mich gedacht, nur in ganz
seltnen Fällen, nur gezwungen, immer ohne Lust `zur Sache`, bereit, von
`Mir` abzuschweifen, immer ohne Glauben an das Ergebniss, Dank einem
unbezwinglichen Misstrauen gegen die Möglichkeit der Selbst-Erkenntniss,
das mich so weit geführt hat, selbst am Begriff `unmittelbare Erkenntniss`,
welchen sich die Theoretiker erlauben, eine contradictio in adjecto zu
empfinden: - diese ganze Thatsache ist beinahe das Sicherste, was ich über
mich weiss. Es muss eine Art Widerwillen in mir geben, etwas Bestimmtes
über mich zu glauben. - Steckt darin vielleicht ein Räthsel? Wahrscheinlich;
aber glücklicherweise keins für meine eigenen Zähne. - Vielleicht verräth es
die species, zu der ich gehöre? - Aber nicht mir: wie es mir selbst erwünscht
genug ist."
282.
"Aber was ist dir begegnet?" - "Ich weiss es nicht, sagte er zögernd;
vielleicht sind mir die Harpyien über den Tisch geflogen." - Es kommt
heute bisweilen vor, dass ein milder mässiger zurückhaltender Mensch
plötzlich rasend wird, die Teller zerschlägt, den Tisch umwirft, schreit, tobt,
alle Welt beleidigt - und endlich bei Seite geht, beschämt, wüthend über
sich, - wohin? wozu? Um abseits zu verhungern? Um an seiner Erinnerung
zu ersticken? - Wer die Begierden einer hohen wählerischen Seele hat und
nur selten seinen Tisch gedeckt, seine Nahrung bereit findet, dessen Gefahr
wird zu allen Zeiten gross sein: heute aber ist sie ausserordentlich. In ein
lärmendes und pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus
Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls
er endlich dennoch "zugreift" - vor plötzlichem Ekel zu Grunde gehn. - Wir
haben wahrscheinlich Alle schon an Tischen gesessen, wo wir nicht
Page 214
hingehörten; und gerade die Geistigsten von uns, die am schwersten zu
ernähren sind, kennen jene gefährliche dyspepsia, welche aus einer
plötzlichen Einsicht und Enttäuschung über unsre Kost und
Tischnachbarschaft entsteht, - den Nachtisch-Ekel.
283.
Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt,
dass man überhaupt loben will, immer nur da zu loben, wo man nicht
übereinstimmt: - im andern Falle würde man ja sich selbst loben, was wider
den guten Geschmack geht - freilich eine Selbstbeherrschung, die einen
artigen Anlass und Anstoss bietet, um beständig missverstanden zu werden.
Man muss, um sich diesen wirklichen Luxus von Geschmack und Moralität
gestatten zu dürfen, nicht unter Tölpeln des Geistes leben, vielmehr unter
Menschen, bei denen Missverständnisse und Fehlgriffe noch durch ihre
Feinheit belustigen, - oder man wird es theuer büssen müssen! - "Er lobt
mich: also giebt er mir Recht" - diese Eselei von Schlussfolgerung verdirbt
uns Einsiedlern das halbe Leben, denn es bringt die Esel in unsre
Nachbarschaft und Freundschaft.
284.
Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits -.
Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben, sich
auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft wie
auf Esel: - man muss nämlich ihre Dummheit so gut wie ihr Feuer zu
nützen wissen. Seine dreihundert Vordergründe sich bewahren; auch die
schwarze Brille: denn es giebt Fälle, wo uns Niemand in die Augen, noch
weniger in unsre "Gründe" sehn darf. Und jenes spitzbübische und heitre
Laster sich zur Gesellschaft wählen, die Höflichkeit. Und Herr seiner vier
ernähren sind, kennen jene gefährliche dyspepsia, welche aus einer
plötzlichen Einsicht und Enttäuschung über unsre Kost und
Tischnachbarschaft entsteht, - den Nachtisch-Ekel.
283.
Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt,
dass man überhaupt loben will, immer nur da zu loben, wo man nicht
übereinstimmt: - im andern Falle würde man ja sich selbst loben, was wider
den guten Geschmack geht - freilich eine Selbstbeherrschung, die einen
artigen Anlass und Anstoss bietet, um beständig missverstanden zu werden.
Man muss, um sich diesen wirklichen Luxus von Geschmack und Moralität
gestatten zu dürfen, nicht unter Tölpeln des Geistes leben, vielmehr unter
Menschen, bei denen Missverständnisse und Fehlgriffe noch durch ihre
Feinheit belustigen, - oder man wird es theuer büssen müssen! - "Er lobt
mich: also giebt er mir Recht" - diese Eselei von Schlussfolgerung verdirbt
uns Einsiedlern das halbe Leben, denn es bringt die Esel in unsre
Nachbarschaft und Freundschaft.
284.
Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits -.
Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben, sich
auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft wie
auf Esel: - man muss nämlich ihre Dummheit so gut wie ihr Feuer zu
nützen wissen. Seine dreihundert Vordergründe sich bewahren; auch die
schwarze Brille: denn es giebt Fälle, wo uns Niemand in die Augen, noch
weniger in unsre "Gründe" sehn darf. Und jenes spitzbübische und heitre
Laster sich zur Gesellschaft wählen, die Höflichkeit. Und Herr seiner vier
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Tugenden bleiben, des Muthes, der Einsicht, des Mitgefühls, der
Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist bei uns eine Tugend, als ein sublimer
Hang und Drang der Reinlichkeit, welcher erräth, wie es bei Berührung von
Mensch und Mensch - "in Gesellschaft" - unvermeidlich-unreinlich zugehn
muss. Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann -
"gemein".
285.
Die grössten Ereignisse und Gedanken - aber die grössten Gedanken sind
die grössten Ereignisse - werden am spätesten begriffen: die Geschlechter,
welche mit ihnen gleichzeitig sind, erleben solche Ereignisse nicht, - sie
leben daran vorbei. Es geschieht da Etwas, wie im Reich der Sterne. Das
Licht der fernsten Sterne kommt am spätesten zu den Menschen; und bevor
es nicht angekommen ist, leugnet der Mensch, dass es dort - Sterne giebt.
"Wie viel Jahrhunderte braucht ein Geist, um begriffen zu werden?" - das
ist auch ein Maassstab, damit schafft man auch eine Rangordnung und
Etiquette, wie sie noth thut: für Geist und Stern. -
286.
"Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben". - Es giebt aber eine
umgekehrte Art von Menschen, welche auch auf der Höhe ist und auch die
Aussicht frei hat - aber hinab blickt.
287.
- Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort "vornehm"?
Woran verräth sich, woran erkennt man, unter diesem schweren verhängten
Himmel der beginnenden Pöbelherrschaft, durch den Alles undurchsichtig
Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist bei uns eine Tugend, als ein sublimer
Hang und Drang der Reinlichkeit, welcher erräth, wie es bei Berührung von
Mensch und Mensch - "in Gesellschaft" - unvermeidlich-unreinlich zugehn
muss. Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann -
"gemein".
285.
Die grössten Ereignisse und Gedanken - aber die grössten Gedanken sind
die grössten Ereignisse - werden am spätesten begriffen: die Geschlechter,
welche mit ihnen gleichzeitig sind, erleben solche Ereignisse nicht, - sie
leben daran vorbei. Es geschieht da Etwas, wie im Reich der Sterne. Das
Licht der fernsten Sterne kommt am spätesten zu den Menschen; und bevor
es nicht angekommen ist, leugnet der Mensch, dass es dort - Sterne giebt.
"Wie viel Jahrhunderte braucht ein Geist, um begriffen zu werden?" - das
ist auch ein Maassstab, damit schafft man auch eine Rangordnung und
Etiquette, wie sie noth thut: für Geist und Stern. -
286.
"Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben". - Es giebt aber eine
umgekehrte Art von Menschen, welche auch auf der Höhe ist und auch die
Aussicht frei hat - aber hinab blickt.
287.
- Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort "vornehm"?
Woran verräth sich, woran erkennt man, unter diesem schweren verhängten
Himmel der beginnenden Pöbelherrschaft, durch den Alles undurchsichtig
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und bleiern wird, den vornehmen Menschen? - Es sind nicht die
Handlungen, die ihn beweisen, - Handlungen sind immer vieldeutig, immer
unergründlich -; es sind auch die "Werke" nicht. Man findet heute unter
Künstlern und Gelehrten genug von Solchen, welche durch ihre Werke
verrathen, wie eine tiefe Begierde nach dem Vornehmen hin sie treibt: aber
gerade dies Bedürfniss nach dem Vornehmen ist von Grund aus verschieden
von den Bedürfnissen der vornehmen Seele selbst, und geradezu das
beredte und gefährliche Merkmal ihres Mangels. Es sind nicht die Werke, es
ist der Glaube, der hier entscheidet, der hier die Rangordnung feststellt, um
eine alte religiöse Formel in einem neuen und tieferen Verstande wieder
aufzunehmen: irgend eine Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele
über sich selbst hat, Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden und
vielleicht auch nicht verlieren lässt.- Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor
sich.-
288.
Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben,
sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor die
verrätherischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verräther wäre! -):
schliesslich kommt es immer heraus, dass sie Etwas haben, das sie
verbergen, nämlich Geist. Eins der feinsten Mittel, um wenigstens so lange
als möglich zu täuschen und sich mit Erfolg dümmer zu stellen als man ist -
was im gemeinen Leben oft so wünschenswerth ist wie ein Regenschirm -,
heisst Begeisterung: hinzugerechnet, was hinzu gehört, zum Beispiel
Tugend. Denn, wie Galiani sagt, der es wissen musste -: vertu est
enthousiasme.
289.
Handlungen, die ihn beweisen, - Handlungen sind immer vieldeutig, immer
unergründlich -; es sind auch die "Werke" nicht. Man findet heute unter
Künstlern und Gelehrten genug von Solchen, welche durch ihre Werke
verrathen, wie eine tiefe Begierde nach dem Vornehmen hin sie treibt: aber
gerade dies Bedürfniss nach dem Vornehmen ist von Grund aus verschieden
von den Bedürfnissen der vornehmen Seele selbst, und geradezu das
beredte und gefährliche Merkmal ihres Mangels. Es sind nicht die Werke, es
ist der Glaube, der hier entscheidet, der hier die Rangordnung feststellt, um
eine alte religiöse Formel in einem neuen und tieferen Verstande wieder
aufzunehmen: irgend eine Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele
über sich selbst hat, Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden und
vielleicht auch nicht verlieren lässt.- Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor
sich.-
288.
Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben,
sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor die
verrätherischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verräther wäre! -):
schliesslich kommt es immer heraus, dass sie Etwas haben, das sie
verbergen, nämlich Geist. Eins der feinsten Mittel, um wenigstens so lange
als möglich zu täuschen und sich mit Erfolg dümmer zu stellen als man ist -
was im gemeinen Leben oft so wünschenswerth ist wie ein Regenschirm -,
heisst Begeisterung: hinzugerechnet, was hinzu gehört, zum Beispiel
Tugend. Denn, wie Galiani sagt, der es wissen musste -: vertu est
enthousiasme.
289.
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Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem
Wiederhall der Öde, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen
Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus seinem
Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art des Schweigens,
Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags und Nachts allein mit
seiner Seele im vertraulichen Zwiste und Zwiegespräche
zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle - sie kann ein Labyrinth, aber
auch ein Goldschacht sein - zum Höhlenbär oder Schatzgräber oder
Schatzwächter und Drachen wurde: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt
eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebenso sehr der Tiefe als des
Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, das jeden
Vorübergehenden kalt anbläst. Der Einsiedler glaubt nicht daran, dass
jemals ein Philosoph - gesetzt, dass ein Philosoph immer vorerst ein
Einsiedler war - seine eigentlichen und letzten Meinungen in Büchern
ausgedrückt habe: schreibt man nicht gerade Bücher, um zu verbergen, was
man bei sich birgt? - ja er wird zweifeln, ob ein Philosoph "letzte und
eigentliche" Meinungen überhaupt haben könne, ob bei ihm nicht hinter
jeder Höhle noch eine tiefere Höhle liege, liegen müsse - eine
umfänglichere fremdere reichere Welt über einer Oberfläche, ein Abgrund
hinter jedem Grunde, unter jeder "Begründung". Jede Philosophie ist eine
Vordergrunds-Philosophie - das ist ein Einsiedler-Urtheil: "es ist etwas
Willkürliches daran, dass er hier stehen blieb, zurückblickte, sich umblickte,
dass er hier nicht mehr tiefer grub und den Spaten weglegte, - es ist auch
etwas Misstrauisches daran." Jede Philosophie verbirgt auch eine
Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine
Maske.
290.
Wiederhall der Öde, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen
Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus seinem
Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art des Schweigens,
Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags und Nachts allein mit
seiner Seele im vertraulichen Zwiste und Zwiegespräche
zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle - sie kann ein Labyrinth, aber
auch ein Goldschacht sein - zum Höhlenbär oder Schatzgräber oder
Schatzwächter und Drachen wurde: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt
eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebenso sehr der Tiefe als des
Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, das jeden
Vorübergehenden kalt anbläst. Der Einsiedler glaubt nicht daran, dass
jemals ein Philosoph - gesetzt, dass ein Philosoph immer vorerst ein
Einsiedler war - seine eigentlichen und letzten Meinungen in Büchern
ausgedrückt habe: schreibt man nicht gerade Bücher, um zu verbergen, was
man bei sich birgt? - ja er wird zweifeln, ob ein Philosoph "letzte und
eigentliche" Meinungen überhaupt haben könne, ob bei ihm nicht hinter
jeder Höhle noch eine tiefere Höhle liege, liegen müsse - eine
umfänglichere fremdere reichere Welt über einer Oberfläche, ein Abgrund
hinter jedem Grunde, unter jeder "Begründung". Jede Philosophie ist eine
Vordergrunds-Philosophie - das ist ein Einsiedler-Urtheil: "es ist etwas
Willkürliches daran, dass er hier stehen blieb, zurückblickte, sich umblickte,
dass er hier nicht mehr tiefer grub und den Spaten weglegte, - es ist auch
etwas Misstrauisches daran." Jede Philosophie verbirgt auch eine
Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine
Maske.
290.
Page 218
Jeder tiefe Denker fürchtet mehr das Verstanden-werden, als das
Missverstanden-werden. Am Letzteren leidet vielleicht seine Eitelkeit; am
Ersteren aber sein Herz, sein Mitgefühl, welches immer spricht: "ach,
warum wollt ihres auch so schwer haben, wie ich?"
291.
Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches und
undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger durch Kraft als durch
List und Klugheit unheimlich, hat das gute Gewissen erfunden, um seine
Seele einmal als einfach zu geniessen; und die ganze Moral ist eine
beherzte lange Fälschung, vermöge deren überhaupt ein Genuss im Anblick
der Seele möglich wird. Unter diesem Gesichtspunkte gehört vielleicht viel
Mehr in den Begriff "Kunst" hinein, als man gemeinhin glaubt.
292.
Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig ausserordentliche Dinge
erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von seinen eignen Gedanken
wie von Aussen her, wie von Oben und Unten her, als von seiner Art
Ereignissen und Blitzschlägen getroffen wird; der selbst vielleicht ein
Gewitter ist, welches mit neuen Blitzen schwanger geht; ein
verhängnissvoller Mensch, um den herum es immer grollt und brummt und
klafft und unheimlich zugeht. Ein Philosoph: ach, ein Wesen, das oft von
sich davon läuft, oft vor sich Furcht hat, - aber zu neugierig ist, um nicht
immer wieder zu sich zu kommen……
293.
Missverstanden-werden. Am Letzteren leidet vielleicht seine Eitelkeit; am
Ersteren aber sein Herz, sein Mitgefühl, welches immer spricht: "ach,
warum wollt ihres auch so schwer haben, wie ich?"
291.
Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches und
undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger durch Kraft als durch
List und Klugheit unheimlich, hat das gute Gewissen erfunden, um seine
Seele einmal als einfach zu geniessen; und die ganze Moral ist eine
beherzte lange Fälschung, vermöge deren überhaupt ein Genuss im Anblick
der Seele möglich wird. Unter diesem Gesichtspunkte gehört vielleicht viel
Mehr in den Begriff "Kunst" hinein, als man gemeinhin glaubt.
292.
Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig ausserordentliche Dinge
erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von seinen eignen Gedanken
wie von Aussen her, wie von Oben und Unten her, als von seiner Art
Ereignissen und Blitzschlägen getroffen wird; der selbst vielleicht ein
Gewitter ist, welches mit neuen Blitzen schwanger geht; ein
verhängnissvoller Mensch, um den herum es immer grollt und brummt und
klafft und unheimlich zugeht. Ein Philosoph: ach, ein Wesen, das oft von
sich davon läuft, oft vor sich Furcht hat, - aber zu neugierig ist, um nicht
immer wieder zu sich zu kommen……
293.
Page 219
Ein Mann, der sagt: "das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es
schützen und gegen Jedermann vertheidigen"; ein Mann, der eine Sache
führen, einen Entschluss durchführen, einem Gedanken Treue wahren, ein
Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen kann; ein
Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwachen,
Leidenden, Bedrängten, auch die Thiere gern zufallen und von Natur
zugehören, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist, - wenn ein solcher Mann
Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Werth! Aber was liegt am Mitleiden
Derer, welche leiden! Oder Derer, welche gar Mitleiden predigen! Es giebt
heute fast überall in Europa eine krankhafte Empfindlichkeit und
Reizbarkeit für Schmerz, insgleichen eine widrige Unenthaltsamkeit in der
Klage, eine Verzärtlichung, welche sich mit Religion und philosophischem
Krimskrams zu etwas Höherem aufputzen möchte, - es giebt einen
förmlichen Cultus des Leidens. Die Unmännlichkeit dessen, was in solchen
Schwärmerkreisen "Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, immer
zuerst in die Augen. - Man muss diese neueste Art des schlechten
Geschmacks kräftig und gründlich in den Bann thun; und ich wünsche
endlich, dass man das gute Amulet "gai saber" sich dagegen um Herz und
Hals lege, - "fröhliche Wissenschaft", um es den Deutschen zu
verdeutlichen.
294.
Das olympische Laster. - Jenem Philosophen zum Trotz, der als ächter
Engländer dem Lachen bei allen denkenden Köpfen eine üble Nachrede zu
schaffen suchte - "das Lachen ist ein arges Gebreste der menschlichen
Natur, welches jeder denkende Kopf zu überwinden bestrebt sein wird"
(Hobbes) -, würde ich mir sogar eine Rangordnung der Philosophen
erlauben, je nach dem Range ihres Lachens - bis hinauf zu denen, die des
goldnen Gelächters fähig sind. Und gesetzt, dass auch Götter philosophiren,
schützen und gegen Jedermann vertheidigen"; ein Mann, der eine Sache
führen, einen Entschluss durchführen, einem Gedanken Treue wahren, ein
Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen kann; ein
Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwachen,
Leidenden, Bedrängten, auch die Thiere gern zufallen und von Natur
zugehören, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist, - wenn ein solcher Mann
Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Werth! Aber was liegt am Mitleiden
Derer, welche leiden! Oder Derer, welche gar Mitleiden predigen! Es giebt
heute fast überall in Europa eine krankhafte Empfindlichkeit und
Reizbarkeit für Schmerz, insgleichen eine widrige Unenthaltsamkeit in der
Klage, eine Verzärtlichung, welche sich mit Religion und philosophischem
Krimskrams zu etwas Höherem aufputzen möchte, - es giebt einen
förmlichen Cultus des Leidens. Die Unmännlichkeit dessen, was in solchen
Schwärmerkreisen "Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, immer
zuerst in die Augen. - Man muss diese neueste Art des schlechten
Geschmacks kräftig und gründlich in den Bann thun; und ich wünsche
endlich, dass man das gute Amulet "gai saber" sich dagegen um Herz und
Hals lege, - "fröhliche Wissenschaft", um es den Deutschen zu
verdeutlichen.
294.
Das olympische Laster. - Jenem Philosophen zum Trotz, der als ächter
Engländer dem Lachen bei allen denkenden Köpfen eine üble Nachrede zu
schaffen suchte - "das Lachen ist ein arges Gebreste der menschlichen
Natur, welches jeder denkende Kopf zu überwinden bestrebt sein wird"
(Hobbes) -, würde ich mir sogar eine Rangordnung der Philosophen
erlauben, je nach dem Range ihres Lachens - bis hinauf zu denen, die des
goldnen Gelächters fähig sind. Und gesetzt, dass auch Götter philosophiren,
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wozu mich mancher Schluss schon gedrängt hat -, so zweifle ich nicht, dass
sie dabei auch auf eine übermenschliche und neue Weise zu lachen wissen -
und auf Unkosten aller ernsten Dinge! Götter sind spottlustig: es scheint, sie
können selbst bei heiligen Handlungen das Lachen nicht lassen.
295.
Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der
Versucher-Gott und geborene Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme
bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein
Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte
der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen
versteht - und nicht Das, was er ist, sondern was Denen, die ihm folgen, ein
Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer
innerlicher und gründlicher zu folgen: - das Genie des Herzens, das alles
Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die
rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt, - still
zu liegen wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele -;
das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und
zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den
Tropfen Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und
eine Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker
vielen Schlamms und Sandes begraben lag; das Genie des Herzens, von
dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht,
nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich
selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht
und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher
zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll
neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und
Zurückströmens…… aber was thue ich, meine Freunde? Von wem rede ich
sie dabei auch auf eine übermenschliche und neue Weise zu lachen wissen -
und auf Unkosten aller ernsten Dinge! Götter sind spottlustig: es scheint, sie
können selbst bei heiligen Handlungen das Lachen nicht lassen.
295.
Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der
Versucher-Gott und geborene Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme
bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein
Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte
der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen
versteht - und nicht Das, was er ist, sondern was Denen, die ihm folgen, ein
Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer
innerlicher und gründlicher zu folgen: - das Genie des Herzens, das alles
Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die
rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt, - still
zu liegen wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele -;
das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und
zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den
Tropfen Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und
eine Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker
vielen Schlamms und Sandes begraben lag; das Genie des Herzens, von
dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht,
nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich
selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht
und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher
zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll
neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und
Zurückströmens…… aber was thue ich, meine Freunde? Von wem rede ich
Page 221
zu euch? Vergass ich mich soweit, dass ich euch nicht einmal seinen Namen
nannte? es sei denn, dass ihr nicht schon von selbst erriethet, wer dieser
fragwürdige Geist und Gott ist, der in solcher Weise gelobt sein will. Wie es
nämlich einem jeden ergeht, der von Kindesbeinen an immer unterwegs und
in der Fremde war, so sind auch mir manche seltsame und nicht
ungefährliche Geister über den Weg gelaufen, vor Allem aber der, von dem
ich eben sprach, und dieser immer wieder, kein Geringerer nämlich, als der
Gott Dionysos, jener grosse Zweideutige und Versucher Gott, dem ich
einstmals, wie ihr wisst, in aller Heimlichkeit und Ehrfurcht meine
Erstlinge dargebracht habe - als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein
Opfer dargebracht hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden hätte, was
ich damals that. Inzwischen lernte ich Vieles, Allzuvieles über die
Philosophie dieses Gottes hinzu, und, wie gesagt, von Mund zu Mund, - ich,
der letzte jünger und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich dürfte wohl
endlich einmal damit anfangen, euch, meinen Freunden, ein Wenig, so weit
es mir erlaubt ist, von dieser Philosophie zu kosten zu geben? Mit halber
Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um mancherlei Heimliches,
Neues, Fremdes, Wunderliches, Unheimliches. Schon dass Dionysos ein
Philosoph ist, und dass also auch Götter philosophiren, scheint mir eine
Neuigkeit, welche nicht unverfänglich ist und die vielleicht gerade unter
Philosophen Misstrauen erregen möchte, - unter euch, meine Freunde, hat
sie schon weniger gegen sich, es sei denn, dass sie zu spät und nicht zur
rechten Stunde kommt: denn ihr glaubt heute ungern, wie man mir
verrathen hat, an Gott und Götter. Vielleicht auch, dass ich in der
Freimüthigkeit meiner Erzählung weiter gehn muss, als den strengen
Gewohnheiten eurer Ohren immer liebsam ist? Gewisslich gieng der
genannte Gott bei dergleichen Zwiegesprächen weiter, sehr viel weiter, und
war immer um viele Schritt mir voraus…. ja ich würde, falls es erlaubt
wäre, ihm nach Menschenbrauch schöne feierliche Prunk- und
Tugendnamen beizulegen, viel Rühmens von seinem Forscher- und
nannte? es sei denn, dass ihr nicht schon von selbst erriethet, wer dieser
fragwürdige Geist und Gott ist, der in solcher Weise gelobt sein will. Wie es
nämlich einem jeden ergeht, der von Kindesbeinen an immer unterwegs und
in der Fremde war, so sind auch mir manche seltsame und nicht
ungefährliche Geister über den Weg gelaufen, vor Allem aber der, von dem
ich eben sprach, und dieser immer wieder, kein Geringerer nämlich, als der
Gott Dionysos, jener grosse Zweideutige und Versucher Gott, dem ich
einstmals, wie ihr wisst, in aller Heimlichkeit und Ehrfurcht meine
Erstlinge dargebracht habe - als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein
Opfer dargebracht hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden hätte, was
ich damals that. Inzwischen lernte ich Vieles, Allzuvieles über die
Philosophie dieses Gottes hinzu, und, wie gesagt, von Mund zu Mund, - ich,
der letzte jünger und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich dürfte wohl
endlich einmal damit anfangen, euch, meinen Freunden, ein Wenig, so weit
es mir erlaubt ist, von dieser Philosophie zu kosten zu geben? Mit halber
Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um mancherlei Heimliches,
Neues, Fremdes, Wunderliches, Unheimliches. Schon dass Dionysos ein
Philosoph ist, und dass also auch Götter philosophiren, scheint mir eine
Neuigkeit, welche nicht unverfänglich ist und die vielleicht gerade unter
Philosophen Misstrauen erregen möchte, - unter euch, meine Freunde, hat
sie schon weniger gegen sich, es sei denn, dass sie zu spät und nicht zur
rechten Stunde kommt: denn ihr glaubt heute ungern, wie man mir
verrathen hat, an Gott und Götter. Vielleicht auch, dass ich in der
Freimüthigkeit meiner Erzählung weiter gehn muss, als den strengen
Gewohnheiten eurer Ohren immer liebsam ist? Gewisslich gieng der
genannte Gott bei dergleichen Zwiegesprächen weiter, sehr viel weiter, und
war immer um viele Schritt mir voraus…. ja ich würde, falls es erlaubt
wäre, ihm nach Menschenbrauch schöne feierliche Prunk- und
Tugendnamen beizulegen, viel Rühmens von seinem Forscher- und
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Entdecker-Muthe, von seiner gewagten Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und
Liebe zur Weisheit zu machen haben. Aber mit all diesem ehrwürdigen
Plunder und Prunk weiss ein solcher Gott nichts anzufangen. "Behalte dies,
würde er sagen, für dich und deines Gleichen und wer sonst es nöthig hat!
Ich - habe keinen Grund, meine Blösse zu decken!" - Man erräth: es fehlt
dieser Art von Gottheit und Philosophen vielleicht an Scham? - So sagte er
einmal: "unter Umständen liebe ich den Menschen - und dabei spielte er auf
Ariadne an, die zugegen war -: der Mensch ist mir ein angenehmes tapferes
erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen hat, es findet sich
in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm gut: ich denke oft darüber
nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und ihn stärker, böser und tiefer
mache, als er ist." - "Stärker, böser und tiefer?" fragte ich erschreckt. "Ja,
sagte er noch Ein Mal, stärker, böser und tiefer; auch schöner" - und dazu
lächelte der Versucher-Gott mit seinem halkyonischen Lächeln, wie als ob
er eben eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es
fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham -; und es giebt überhaupt gute
Gründe dafür, zu muthmaassen, dass in einigen Stücken die Götter
insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehn könnten. Wir Menschen
sind - menschlicher…
296.
Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und
boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und
lachen machtet - und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und
einige von euch sind, ich fürchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden: so
unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen, so
langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben und malen
wir denn ab, wir Mandarinen mit chnesischem Pinsel, wir Verewiger der
Liebe zur Weisheit zu machen haben. Aber mit all diesem ehrwürdigen
Plunder und Prunk weiss ein solcher Gott nichts anzufangen. "Behalte dies,
würde er sagen, für dich und deines Gleichen und wer sonst es nöthig hat!
Ich - habe keinen Grund, meine Blösse zu decken!" - Man erräth: es fehlt
dieser Art von Gottheit und Philosophen vielleicht an Scham? - So sagte er
einmal: "unter Umständen liebe ich den Menschen - und dabei spielte er auf
Ariadne an, die zugegen war -: der Mensch ist mir ein angenehmes tapferes
erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen hat, es findet sich
in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm gut: ich denke oft darüber
nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und ihn stärker, böser und tiefer
mache, als er ist." - "Stärker, böser und tiefer?" fragte ich erschreckt. "Ja,
sagte er noch Ein Mal, stärker, böser und tiefer; auch schöner" - und dazu
lächelte der Versucher-Gott mit seinem halkyonischen Lächeln, wie als ob
er eben eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es
fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham -; und es giebt überhaupt gute
Gründe dafür, zu muthmaassen, dass in einigen Stücken die Götter
insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehn könnten. Wir Menschen
sind - menschlicher…
296.
Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und
boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und
lachen machtet - und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und
einige von euch sind, ich fürchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden: so
unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen, so
langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben und malen
wir denn ab, wir Mandarinen mit chnesischem Pinsel, wir Verewiger der
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Dinge, welche sich schreiben lassen, was vermögen wir denn allein
abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden will und anfängt,
sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und erschöpfte Gewitter
und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vögel, die sich müde flogen und
verflogen und sich nun mit der Hand haschen lassen, - mit unserer Hand!
Wir verewigen, was nicht mehr lange leben und fliegen kann, müde und
mürbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag ist es, ihr meine
geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben habe, viel
Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig Gelbs und Brauns
und Grüns und Roths: - aber Niemand erräth mir daraus, wie ihr in eurem
Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder meiner Einsamkeit,
ihr meine alten geliebten - - schlimmen Gedanken!
Aus hohen Bergen.
Nachgesang.
Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit!
Oh Sommergarten!
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: -
Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,
Wo bleibt ihr Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!
War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau
Heut schmückt mit Rosen?
Euch sucht der Bach, sehnsüchtig drängen, stossen
Sich Wind und Wolke höher heut in's Blau,
Nach euch zu spähn aus fernster Vogel-Schau.
abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden will und anfängt,
sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und erschöpfte Gewitter
und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vögel, die sich müde flogen und
verflogen und sich nun mit der Hand haschen lassen, - mit unserer Hand!
Wir verewigen, was nicht mehr lange leben und fliegen kann, müde und
mürbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag ist es, ihr meine
geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben habe, viel
Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig Gelbs und Brauns
und Grüns und Roths: - aber Niemand erräth mir daraus, wie ihr in eurem
Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder meiner Einsamkeit,
ihr meine alten geliebten - - schlimmen Gedanken!
Aus hohen Bergen.
Nachgesang.
Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit!
Oh Sommergarten!
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: -
Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,
Wo bleibt ihr Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!
War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau
Heut schmückt mit Rosen?
Euch sucht der Bach, sehnsüchtig drängen, stossen
Sich Wind und Wolke höher heut in's Blau,
Nach euch zu spähn aus fernster Vogel-Schau.
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Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt -
Wer wohnt den Sternen
So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen?
Mein Reich - welch Reich hat weiter sich gereckt?
Und meinen Honig - wer hat ihn geschmeckt?….
- Da seid ihr, Freunde! - Weh, doch ich bin's nicht,
Zu dem ihr wolltet?
Ihr zögert, staunt - ach, dass ihr lieber grolltet!
Ich - bin's nicht mehr? Vertauscht Hand, Schritt, Gesicht?
Und was ich bin, euch Freunden - bin ich's nicht?
Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd?
Mir selbst entsprungen?
Ein Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen?
Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,
Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt?
Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht?
Ich lernte wohnen,
Wo Niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen,
Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet?
Ward zum Gespenst, das über Gletscher geht?
- Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich,
Voll Lieb' und Grausen!
Nein, geht! Zürnt nicht! Hier - könntet ihr nicht hausen:
Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich -
Hier muss man Jäger sein und gemsengleich.
Ein schlimmer Jäger ward ich! - Seht, wie steil
Gespannt mein Bogen!
Wer wohnt den Sternen
So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen?
Mein Reich - welch Reich hat weiter sich gereckt?
Und meinen Honig - wer hat ihn geschmeckt?….
- Da seid ihr, Freunde! - Weh, doch ich bin's nicht,
Zu dem ihr wolltet?
Ihr zögert, staunt - ach, dass ihr lieber grolltet!
Ich - bin's nicht mehr? Vertauscht Hand, Schritt, Gesicht?
Und was ich bin, euch Freunden - bin ich's nicht?
Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd?
Mir selbst entsprungen?
Ein Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen?
Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,
Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt?
Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht?
Ich lernte wohnen,
Wo Niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen,
Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet?
Ward zum Gespenst, das über Gletscher geht?
- Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich,
Voll Lieb' und Grausen!
Nein, geht! Zürnt nicht! Hier - könntet ihr nicht hausen:
Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich -
Hier muss man Jäger sein und gemsengleich.
Ein schlimmer Jäger ward ich! - Seht, wie steil
Gespannt mein Bogen!
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Der Stärkste war's, der solchen Zug gezogen—:
Doch wehe nun! Gefährlich ist der Pfeil,
Wie kein Pfeil, - fort von hier! Zu eurem Heil!…..
Ihr wendet euch? - Oh Herz, du trugst genung,
Stark blieb dein Hoffen:
Halt neuen Freunden deine Thüren offen!
Die alten lass! Lass die Erinnerung!
Warst einst du jung, jetzt - bist du besser jung!
Was je uns knüpfte, Einer Hoffnung Band, -
Wer liest die Zeichen,
Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die bleichen?
Dem Pergament vergleich ich's, das die Hand
zu fassen scheut, - ihm gleich verbräunt, verbrannt.
Nicht Freunde mehr, das sind - wie nenn' ich's doch? -
Nur Freunds-Gespenster!
Das klopft mir wohl noch Nachts an Herz und Fenster,
Das sieht mich an und spricht: "wir waren's doch?"—
Oh welkes Wort, das einst wie Rosen roch!
Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand!
Die ich ersehnte,
Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte,
Dass alt sie wurden, hat sie weggebannt:
Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.
Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit!
Oh Sommergarten!
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!
Doch wehe nun! Gefährlich ist der Pfeil,
Wie kein Pfeil, - fort von hier! Zu eurem Heil!…..
Ihr wendet euch? - Oh Herz, du trugst genung,
Stark blieb dein Hoffen:
Halt neuen Freunden deine Thüren offen!
Die alten lass! Lass die Erinnerung!
Warst einst du jung, jetzt - bist du besser jung!
Was je uns knüpfte, Einer Hoffnung Band, -
Wer liest die Zeichen,
Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die bleichen?
Dem Pergament vergleich ich's, das die Hand
zu fassen scheut, - ihm gleich verbräunt, verbrannt.
Nicht Freunde mehr, das sind - wie nenn' ich's doch? -
Nur Freunds-Gespenster!
Das klopft mir wohl noch Nachts an Herz und Fenster,
Das sieht mich an und spricht: "wir waren's doch?"—
Oh welkes Wort, das einst wie Rosen roch!
Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand!
Die ich ersehnte,
Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte,
Dass alt sie wurden, hat sie weggebannt:
Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.
Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit!
Oh Sommergarten!
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!
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Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,
Der neuen Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!
Dies Lied ist aus, - der Sehnsucht süsser Schrei
Erstarb im Munde:
Ein Zaubrer that's, der Freund zur rechten Stunde,
Der Mittags-Freund - nein! fragt nicht, wer es sei -
Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei…
Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,
Das Fest der Feste:
Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!
Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss…
Der neuen Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!
Dies Lied ist aus, - der Sehnsucht süsser Schrei
Erstarb im Munde:
Ein Zaubrer that's, der Freund zur rechten Stunde,
Der Mittags-Freund - nein! fragt nicht, wer es sei -
Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei…
Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,
Das Fest der Feste:
Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!
Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss…
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS VON
GUT UND BÖSE ***
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THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
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arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause
to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg work, (b)
alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg
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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
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Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
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they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
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generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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