Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange_ III. Band (German) Friedrich Dannemann 754 downloads.pdf

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ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, III. Band
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Title: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem
Zusammenhange, III. Band

Author: Friedrich Dannemann

Release date: September 22, 2018 [eBook #57952]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/57952

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, III. BAND ***

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DIE NATURWISSENSCHAFTEN
IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN IHREM
ZUSAMMENHANGE

DARGESTELLT VON

FRIEDRICH DANNEMANN

DRITTER BAND:

DAS EMPORBLÜHEN DER MODERNEN NATURWISSENSCHAFTEN
BIS ZUR ENTDECKUNG DES ENERGIEPRINZIPES

MIT 60 ABBILDUNGEN IM TEXT UND EINEM BILDNIS VON GAUSS

Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig · 1911

C. F. Gauß

Page 5

(Nach einer Büste von G. Eberlein.)

Copyright 1911 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Druck der Königl. Universitätsdruckerei H. Stürtz A. G., Würzburg.

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Vorwort.
Der zweite Band schilderte das Entstehen der neueren Naturwissenschaft.
Er umfaßt den Zeitraum vom Anfang des 17. bis zur Mitte des 18.
Jahrhunderts. Mit dem Ende dieses Abschnitts beginnt die neueste Phase in
der Entwicklung der Naturwissenschaften. Diese Phase bis zu den
Aufgaben der Gegenwart in den Grundzügen darzustellen, ist das Ziel des
3. und des 4. Bandes des vorliegenden Werkes. Da es sich nicht um eine
bloße Aufzählung der Geschehnisse, sondern um den Nachweis ihrer
inneren Verknüpfung handelt, so ist bei dem Ineinandergreifen der
verschiedenen Gebiete eine scharfe Gliederung nach chronologischen
Gesichtspunkten nicht möglich. Will man eine Schranke ziehen, so würde
sie etwa mit dem Zeitpunkt der Entdeckung des Energieprinzips
zusammenfallen. In der Hauptsache schildert der vorliegende dritte Band
den großen Umschwung, den die Naturwissenschaften durch die
Begründung der neueren Chemie, der Elektrizitätslehre, den Ausbau der
übrigen Teile der Physik, sowie die Ausdehnung der experimentellen
Forschungsweise auf die Wissenschaft vom Leben erfuhren. Dem vierten
und letzten Bande bleibt es vorbehalten, den großartigen Aufschwung zu
schildern, den die Naturwissenschaften im weiteren Verlauf des 19. und im
Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts genommen haben.
Auch in dem vorliegenden Bande war es das Bestreben des Verfassers, die
Schilderung im Rahmen der Gesamtentwicklung zu halten, die
Beziehungen der Naturwissenschaften zu den Nachbargebieten aufzuweisen
und vor allem nur dasjenige zu bringen, was zum tieferen Verständnis des
heutigen Wissenschaftsgebäudes beiträgt.
Friedrich Dannemann.

Page 7

Inhalt.
Seite
1. Wissenschaft und Weltgeschichte 1
2. Das 18. Jahrhundert errichtet die Fundamente der 6
Elektrizitätslehre
3. Praktische und theoretische Fortschritte auf dem Gebiete der 33
Wärmelehre
4. Die Naturbeschreibung unter der Herrschaft des künstlichen 60
Systems
5. Die Ausdehnung der physikalischen Methoden auf das Gebiet der 69
Pflanzenphysiologie
6. Der Ausbau der im 17. Jahrhundert begründeten Sexualtheorie 80
7. Fortschritte der Zoologie im 18. Jahrhundert 99
8. Die neuere Mathematik und ihre Beziehungen zu den 116
Naturwissenschaften
9. Die wissenschaftliche Chemie von ihrer Begründung durch Boyle 138
bis zu ihrer Erneuerung durch Lavoisier
10. Der Eintritt der Chemie in das Zeitalter der quantitativen 155
Untersuchungsweise
11. Die Aufstellung der atomistischen Hypothese und ihre 175
experimentelle Begründung
12. Die Entdeckung der galvanischen Elektrizität 189
13. Die Begründung der Elektrochemie 211
14. Die Erforschung der elektromagnetischen und der 223
elektrodynamischen Grunderscheinungen
15. Die Entdeckung der Thermoelektrizität 237
16. Der insbesondere durch Laplace und Herschel bewirkte 241
Aufschwung der Astronomie
17. Die Grundlagen der mechanischen Wärmetheorie 264
18. Fortschritte der Optik und Sieg der Wellentheorie 272

Page 8

19. Die Chemie und die Physik treten in engere Wechselbeziehungen 282
20. Fortschritte in der Anwendung der Mathematik auf die 296
Naturwissenschaften
21. Die Begründung der physikalischen Erdkunde 319
22. Die Mineralogie unter dem Einfluß der chemisch-physikalischen 340
Forschung
23. Die Aufstellung eines natürlichen Pflanzensystems 350
24. Die Physiologie der Pflanzen unter dem Einfluß der neueren 360
chemisch-physikalischen Forschung
25. Die Verschmelzung der Zoologie mit der vergleichenden 376
Anatomie und das natürliche System der Tiere
26. Geologie und Paläontologie unter der Herrschaft der 385
Katastrophenlehre
27. Fortschritte in der Begründung der Ontogenie 390
(Entwicklungslehre)

Page 9

1. Wissenschaft und Weltgeschichte.
Die bisherige Darstellung reicht bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts.
Ein kurzer Rückblick im Rahmen der Weltgeschichte möge die
Entwicklung vergegenwärtigen, welche die Naturwissenschaften bis zu
jenem Zeitpunkt genommen. Die Grundlagen, auf denen sich die
Wissenschaft wie die gesamte Kultur des Altertums erhoben, entstammten
dem Orient. Dort wurde lange vor dem Beginn der griechischen Geschichte
eine gewaltige, auf die Mathematik, die Astronomie, die Heilkunde und die
drei Naturreiche sich beziehende Summe von Tatsachen bekannt. Den
Griechen blieb es vorbehalten, die Einzelkenntnisse zu wissenschaftlichen
Systemen zusammenzufassen und die Philosophie ins Leben zu rufen.
Philosophie und Wissenschaft sahen wir seit der Blütezeit des griechischen
Lebens die gleiche Aufgabe verfolgen. Sie lautet Welterklärung. Bei
gleichem Ziele waren die Ausgangspunkte und folglich auch die Wege
verschieden. Die Philosophie stellte das denkende Subjekt, die
Wissenschaft die Summe der von außen herantretenden Erfahrungen in den
Mittelpunkt der Betrachtung. Die philosophierende und die forschende
Tätigkeit gingen während des Altertums Hand in Hand. Wir sahen sie sogar
oft in derselben Person vereinigt. Das galt von Plato nicht minder als von
Aristoteles, dem Schöpfer des größten philosophischen und
naturwissenschaftlichen Systems, welches das Altertum hervorgebracht hat.
Es war ein Mangel des Altertums, daß genaues Beobachten und überlegtes
Experimentieren noch nicht genügend als die Grundlagen des Erkennens
gewürdigt wurden. Dies führte zu Vorstellungen, die ihre Wurzel mehr in
der Phantasie, als in der Erfahrung hatten. Beispiele hierfür bot uns
insbesondere das Lehrgebäude des Aristoteles. Doch fehlte es auch nicht an
Männern, die wie Archimedes im Sinne des modernen Forschers ihre
Lehren auf Versuche und auf die Verknüpfung der Mathematik mit der
Naturwissenschaft aufbauten. Auch die alexandrinischen Gelehrten haben
durch ihre mehr auf die Gegenstände als auf das Allgemeine gerichtete
Forschung Großes in der Astronomie, der Erdbeschreibung und der Physik
geleistet. Eine wichtige Förderung der Naturkenntnis erwuchs dem

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Altertum aus der Technik. Auf diesem Gebiete sahen wir auch die mehr
praktischen als wissenschaftlichen Zielen zugewandten Römer tätig.
Das Ende der römischen Herrschaft bedeutet einen tiefen Einschnitt nicht
nur in der Weltgeschichte, sondern auch in der Entwicklung der
Naturwissenschaften. Sie fanden innerhalb der christlich-germanischen
Kultur zunächst nicht den ihnen gebührenden Platz. Daß die Schöpfungen
der Alten bis in die neuere Zeit erhalten blieben, ist das Hauptverdienst des
arabischen Zeitalters. Erst im 13. Jahrhundert, nach der Berührung des
Abendlandes mit dem Orient, lebten die Wissenschaften in Italien und in
West- und Mitteleuropa wieder auf. Aus dem Studium des von den Arabern
bearbeiteten astronomischen Hauptwerks des Altertums erwächst die neuere
Astronomie. Durch ihre Verbindung mit der Nautik werden die
Entdeckungsreisen ermöglicht. Die Ausdehnung des geographischen
Gesichtskreises über den ganzen Erdball und die Befreiung von den Formen
des mittelalterlichen Denkens und Fühlens bedingen einen Einschnitt von
gleicher Wichtigkeit wie ein Jahrtausend vorher der Untergang der alten
Welt. Als ein anderer, ein neuer, tritt der Mensch an die Natur heran. Er
lernt die Fesseln der Autorität abstreifen und die Augen öffnen.
Infolgedessen entstehen die ersten Ansätze zur Neubegründung der
beschreibenden und der experimentellen Naturwissenschaften. Wie auf dem
astronomischen Gebiete, so bilden auch hier die nach dem Fall
Konstantinopels in größerer Zahl nach Westeuropa gelangenden Schriften
der Alten den Stütz- und Ausgangspunkt für die Bestrebungen der Neuzeit.
Eine weitere Stütze erwächst der neueren Wissenschaft in der Erfindung des
Buchdrucks, dem Emporblühen des Städtewesens und der Umwandlung der
mittelalterlichen Feudalherrschaft in den geordneten Staat.
Ihren Höhepunkt erreicht diese Bewegung im 17. Jahrhundert. Die
wohlhabenden italienischen Städte und die größeren europäischen Staaten,
vor allem Frankreich und England, beginnen, die Pflege der Wissenschaft
als eine ihrer Aufgaben zu erkennen. Die Hochschulen werden zu Stätten
freierer Forschung. Wissenschaftliche Akademien treten ins Leben. Daß der
Sieg des Neuen trotzdem kein leichter war, lehrte uns die Lebensgeschichte
Galileis. Gestützt auf die Gunst der Mediceer und des venetianischen Senats
vermochte es Galilei, die aristotelische Physik zu stürzen und auf ihren
Trümmern die neuere Mechanik zu begründen. Was er begonnen, setzten in
Italien zahlreiche Schüler fort. Sie riefen unter dem Namen der Akademie

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des Versuches eine Vereinigung ins Leben, die indessen bald infolge der in
Italien herrschenden hierarchischen Strömung wieder aufgelöst wurde. Der
Gegensatz zwischen Wissen und Glauben trat im 17. Jahrhundert, im
Zeitalter der großen Religionskriege, in allen Ländern mit besonderer
Schärfe hervor. Die protestantischen Teile Europas machten in dieser
Hinsicht nicht etwa eine Ausnahme. Dieser Gegensatz war nicht nur das
Verhängnis eines Giordano Bruno und eines Galilei, er griff gleich
unheilvoll in das Leben Keplers ein.
Jede Betätigung und jedes Bedürfnis zahlreicher einzelner findet seine
Stütze in dem Staat, der ja nichts weiter ist als der Zusammenschluß der
einzelnen. Zu den allgemeinsten Betätigungen gehören das Wissen und der
Glauben. Für das, was sie hervorbringen, für die Wissenschaft und für die
Religion, hatte der Staat seit alters in den Schulen und in der Kirche seine
besonderen Veranstaltungen geschaffen. Das Mittel, durch welches Schule
und Kirche bis zum 17. Jahrhundert sich vorzugsweise betätigt hatten, war
die Lehre durch Schrift und Wort. Daher das Übergewicht der Autorität
während dieses Zeitraums und der Mangel an innerem Wachstum. Ein
solches konnte nur die von den Fesseln der Autorität befreite Forschung
verleihen. Sie regte sich zuerst auf dem Gebiete der dem Wirklichen
zugewandten Wissenschaft. Hier zeigt es sich, daß eine neue, auf den
Versuch und eigene Beobachtung sich gründende Methode allein die
Sicherheit bietet, das Richtige vom Unrichtigen, Wahrheit von Irrtum zu
unterscheiden. Daher die überwältigende Macht, mit der die neuere
Wissenschaft alle Hindernisse hinwegräumt und rasch die größten Erfolge
erringt, während die dem Jenseits zugewandte Religion und ihre Institution,
die Kirche, da es ihr an einem ähnlichen Mittel gebricht, an der Autorität
festhält, ja, diese Autorität um so mehr hervorkehrt, je mehr die
Wissenschaft sich ihrer zu entledigen sucht.
Für die Naturwissenschaften kam noch der fördernde Umstand hinzu, daß
man aus ihrer Pflege einen unmittelbaren Nutzen zu erzielen wußte. An der
Pflege der Botanik und der Zoologie hatte die Heilkunde das größte
Interesse. Die Ergebnisse der Physik, der Chemie und der Mineralogie
kamen vielen Gewerben zugute. Die Astronomen hatten der Kartographie,
der Zeitbestimmung und in neuerer Zeit vor allem der Nautik jedermann in
die Augen springende Dienste erwiesen. Die Leistungen all dieser Zweige
wurden seit der Erneuerung der Naturwissenschaften in hohem Maße

Page 12

gefördert durch die Erfindung zahlreicher Instrumente und durch die
ausgedehnte Anwendung der Mathematik. Die Bewaffnung des Auges mit
dem Fernrohr und mit dem Mikroskop, die Erfindung des Thermometers,
der Luftpumpe, des Barometers und mancher anderen für die Forschung
und für das Leben gleich wichtigen Instrumente ermöglichten die
Schöpfung eines Weltbildes, das sich von dem mittelalterlichen in fast allen
Teilen unterschied. In der Neugestaltung und der Verknüpfung der
Mathematik mit den Naturwissenschaften leistete die Newton-Huygens-
Periode das Hervorragendste. Ihr wertvollstes Ergebnis bestand in der
Verknüpfung der Mechanik mit der Astronomie durch Newtons
Weltgesetz. Die wichtigsten Pflegestätten der Wissenschaften waren in
jenem Zeitalter England und die Niederlande. Hier genoß das Individuum
zuerst diejenige Befreiung von staatlicher und kirchlicher Bevormundung,
die als das Lebenselement der Wissenschaft betrachtet werden muß. In
Frankreich dagegen war die Autorität des Staates und der Kirche damals so
mächtig, daß ihr selbst der große Huygens das Feld räumte, nachdem er
lange eine Zierde der Pariser Akademie gewesen. Deutschland litt unter den
Folgen des dreißigjährigen Krieges. Und wenn auch einzelne Großes
leisteten, vermochte dennoch hier die Wissenschaft als Ganzes nicht mit der
geistigen Entwicklung der politisch erstarkten Länder gleichen Schritt zu
halten.
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts machte sich auf allen Gebieten des
geistigen, sowie des sozialen Lebens ein Umschwung bemerkbar, der für
die gesamte Kulturentwicklung den Beginn einer neuen Phase bedeutete. In
der Staatengeschichte erreichte dieser Vorgang seinen Höhepunkt in der
französischen Revolution, mit welcher der Historiker die neueste Zeit
beginnen läßt. Die Geschichte der Wissenschaften verzeichnet zwar
gleichfalls einen mit der sozialen und politischen Entwicklung Schritt
haltenden Wechsel; ihren Geschehnissen ist aber das scheinbar
Unvermittelte bei weitem nicht in solchem Maße eigen wie den politischen
Begebenheiten.
Die Naturwissenschaften waren auf dem Punkte angelangt, daß zahlreiche
Kräfte sich zu ihrem weiteren Ausbau die Hand reichen mußten, während in
den vorhergehenden Perioden der einzelne noch einen überwiegenden
Einfluß ausgeübt hatte. Das neueste Zeitalter in der Entwicklung der
Wissenschaften, dem unsere weitere Darstellung gilt, wird

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dementsprechend auch nicht durch eine hervorragend wichtige Entdeckung
oder durch das Auftreten eines bedeutenden Forschers eingeleitet. Während
für die Chemie eine neue Epoche beginnt, wandeln die Astronomie und die
Mechanik in den eingeschlagenen Bahnen weiter. Die Prinzipien der
letzteren werden in immer höherem Maße auf die übrigen Teile der Physik
angewandt, welcher sich mit der Entdeckung der galvanischen Elektrizität
ein neues, wichtiges Gebiet erschließt. Auch die Zoologie und die Botanik
werden von einem Wechsel betroffen. Auf das Vorherrschen der Systematik
folgt eine Richtung, in der morphologische und bald darauf auch
physiologische Fragen an die erste Stelle rücken. Etwa in die Mitte des 19.
Jahrhunderts fällt dann die großartige Verallgemeinerung und Verknüpfung
der gesamten bisherigen Forschungsergebnisse infolge der Durchführung
des Prinzips von der Erhaltung der Kraft. Die Betrachtung der dann
folgenden letzten Entwicklungsstufen wird uns bis zu den Aufgaben des
Tages führen und schließlich einen Ausblick in eine verheißungsvolle
Zukunft eröffnen.

Page 14

2. Das 18. Jahrhundert errichtet die Grundlagen der
Elektrizitätslehre.
Während die Physik im 17. Jahrhundert ihre Fortschritte vorzugsweise auf
den Gebieten der Mechanik und der Optik, den ältesten Zweigen der
Naturlehre, zu verzeichnen hatte, war das 18. Jahrhundert insbesondere dem
Ausbau des von Gilbert und Guericke erschlossenen Gebietes der
Reibungselektrizität gewidmet. Gilbert hatte zum erstenmal den
Unterschied zwischen magnetischer und elektrischer Anziehung scharf
hervorgehoben1, während Guericke die elektrische Abstoßung entdeckt
und die erste maschinelle Vorrichtung zur Erzeugung von Elektrizität ins
Leben gerufen hatte. Leider wurde Guerickes Apparat zunächst nicht
benutzt. Man begnügte sich damit, Elektrizität zu erzeugen, indem man
Glas, Bernstein und andere geeignete Stoffe aus freier Hand rieb. Trotzdem
gelang es, elektrische Entladungen von solcher Wirkung hervorzurufen, daß
nicht nur ein Knistern, sondern auch das Auftreten von Funken bemerkt
wurde. Ein Beobachter erwähnt sogar, »dieses Licht und Knistern scheine
einigermaßen Blitz und Donner vorzustellen«2.
Auf das Studium der elektrischen Phänomene wurde man besonders durch
eine merkwürdige Beobachtung am Quecksilberbarometer gelenkt. Picard
bemerkte im Jahre 1675, daß sich bei völliger Dunkelheit beim Erschüttern
der Quecksilbersäule in der Torricellischen Leere ein eigentümliches
phosphoreszierendes Leuchten zeigt. Die sonderbare Erscheinung erregte
großes Aufsehen und rief eine umfangreiche Literatur hervor. Die richtige
Erklärung fand Francis Hawksbee, ein Mitglied der Royal Society.
Hawksbee, welcher seine Versuche über diesen Gegenstand seit dem Jahre
1705 in den Philosophical Transactions veröffentlichte3, nahm an, daß man
es hier mit einer durch die Reibung des Quecksilbers an dem Glase vor sich
gehenden Elektrizitätserregung zu tun habe. Um seine Ansicht zu beweisen,
stellte er eine hohle Glaskugel auf eine Achse und versetzte sie in rasche
Drehung. Brachte er gleichzeitig die trockene, warme Hand an diese Kugel,
so wurde sie so stark elektrisch, daß man zolllange Funken erhielt. Wurde
die Kugel zuvor luftleer gemacht, so erschien in ihr dasselbe Leuchten, das
man im Quecksilberbarometer beim Schütteln beobachtet hatte. Hawksbee

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ist somit als der Erfinder der Glaselektrisiermaschine zu betrachten.
Allerdings kam diese Maschine erst viel später in allgemeinen Gebrauch.
Obgleich Hawksbee auch Schwefelkugeln und Siegellackstangen
elektrisierte, gelangte er noch nicht dazu, zwischen positiver und negativer
Elektrizität zu unterscheiden.
Der Fortschritt auf dem Gebiete der Reibungselektrizität mußte ein sehr
langsamer bleiben, so lange es sich nur um zufällige, durch keine Theorie
verknüpfte Beobachtungen handelte. Dieser allerersten Stufe jeder exakten
Wissenschaft sollte keiner der Hauptzweige der Physik so spät entwachsen
wie gerade die Elektrizitätslehre. Erst im Verlaufe des 18. Jahrhunderts tritt
letztere in das zweite Stadium ein. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, daß
man zu einem planmäßigen, von hypothetischen Vorstellungen geleiteten
Experimentieren übergeht. Als Vertreter jener ersten Stufe muß selbst noch
ein Du Fay gelten. Seine Tätigkeit fällt in den Beginn des 18. Jahrhunderts,
während Aepinus und Franklin auf den Schultern der Genannten stehen
und dem zweiten Zeitraum angehören. Erst der gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts anhebenden Epoche blieb es vorbehalten, durch messende
Beobachtung zu den Gesetzen der Reibungselektrizität vorzudringen4.
Hieran reihte sich das deduktive, die Hilfsmittel der Mathematik und der
Mechanik benutzende Verfahren, womit auch auf diesem Gebiete endlich
diejenige Stufe erreicht war, welche der Wissenschaft nach einem
Ausspruch Galileis in allen ihren Teilen erst eine würdevolle Behandlung
verleiht5.
Dem erwähnten Du Fay verdankt die Elektrizitätslehre eine Anzahl
grundlegender Versuche. Charles François Du Fay wurde 1698 in Paris
geboren und starb daselbst im Jahre 1739. Du Fay beschäftigte sich mit
magnetischen und elektrischen Versuchen, die in den Abhandlungen der
Pariser Akademie beschrieben wurden6. Das wichtigste Ergebnis seiner
Untersuchungen läßt sich in folgende Sätze zusammenfassen: 1. Ein
elektrischer Körper zieht alle nichtelektrischen an und teilt ihnen
Elektrizität mit, worauf er sie wieder abstößt. 2. Es gibt zwei
entgegengesetzte Arten der Elektrizität, die Glas- und die Harzelektrizität.
Zu der Entdeckung, daß es zwei Arten Elektrizität gibt, wurde Du Fay
durch sein Blattgoldelektroskop geführt. Du Fay ging von der Annahme
aus, daß ein mit dem Glasstab elektrisiertes Blättchen von jedem Körper,
der durch Reiben in den elektrischen Zustand versetzt sei, abgestoßen

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werde. Diese Annahme bestätigte sich indessen nicht. Als Du Fay nämlich
dem Blättchen geriebene Kopalstücke und andere geriebene harzartige
Körper näherte, wurde es von diesen angezogen. Du Fay unterschied aus
diesem Grunde zwei Arten von Elektrizität, die er als Harz- und
Glaselektrizität bezeichnete. Später erkannte man indessen, daß diese
Benennungen irreführend sind, da harzartige Körper mit Glaselektrizität,
glasartige dagegen mit Harzelektrizität geladen werden können7. Deshalb
wurden die Glas- und die Harzelektrizität als positive und negative
Elektrizität unterschieden. Du Fay war es auch, der zuerst auf den
Zusammenhang zwischen dem Leitungsvermögen und der
Elektrisierbarkeit der Körper aufmerksam machte. Man fing nun an, die
Nichtleiter in ausgedehnter Weise als Isolatoren zu benutzen. So gelang es
dem genannten Forscher, einen an Haarschnüren oder an seidenen Stricken
hängenden Menschen zu elektrisieren und ihm Funken zu entlocken.
Die ersten Beobachtungen über die Fortleitung der Elektrizität rühren von
Guericke her. Ausgedehntere Versuche über das Leitungsvermögen stellte
ein Zeitgenosse Du Fays, der Engländer Stephan Grey, an. Er verschloß
eine Glasröhre vermittelst eines Korkstopfens, um zu untersuchen, ob sie
sich jetzt in gleicher Weise wie vorher durch Reiben elektrisieren lasse.
Grey (er starb 1736 in London) bemerkte keinen Unterschied, fand aber,
daß der Stopfen auch elektrisch geworden war, da er auf eine Feder wie die
Glasröhre wirkte. Darauf steckte er in den Stopfen einen Holzstab, der am
andern Ende eine Elfenbeinkugel trug. Wurde nun die Glasröhre gerieben,
so zeigte sich diese Kugel gleichfalls elektrisch. Die Zustandsänderung
hatte sich also von dem Glase aus durch den Stopfen und das Holz bis auf
die Kugel fortgepflanzt. Um die Frage zu entscheiden, bis auf welche
Entfernung eine solche Fortpflanzung möglich sei, ersetzte Grey den
Holzstab durch einen ausgespannten Faden, der in seidenen Schleifen hing.
Es gelang, eine Wirkung auf Entfernungen bis zu 700 Fuß nachzuweisen.
Ließ man den Bindfaden nicht auf Seide, sondern auf Draht ruhen, so
mißlang der Versuch. Auch hierdurch wurde man auf den Unterschied
zwischen Leitern und Nichtleitern aufmerksam gemacht. Als letztere lernte
man Haare, Seide, Harz und Glas kennen und zu ferneren Versuchen
benutzen. Grey elektrisierte auch Personen, die auf einem Harzkuchen
standen. Er ist also im Prinzip der Erfinder des Isolierschemels. Grey
stellte eine Schale mit Wasser auf seine Isolierplatte. Wurde der Flüssigkeit
ein elektrisierter Glasstab genähert, so erhob sie sich über ihr gewöhnliches

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Niveau. Dieser Versuch führte auf eine eigentümliche Entdeckung. Zwei
Leydener Physiker8 suchten Wasser, das sich in einem isolierenden
Glasgefäß befand, zu elektrisieren, indem sie es vermittelst eines Drahtes
mit einer geriebenen Glasröhre in Verbindung setzten. Als der eine von
ihnen zufällig das Gefäß in der Hand hielt und zu gleicher Zeit die Röhre
berührte, erhielt er einen kräftigen Schlag, der besonders im Arm und in der
Brust zu spüren war. In der betreffenden Mitteilung vom Jahre 1746 hieß es,
man sei in Leyden auf einen erschrecklichen Versuch geraten, dem sich die
Erfinder nicht um die Krone Frankreichs zum zweitenmal aussetzen
möchten. Die Priorität der Entdeckung gebührt jedoch nicht den Leydener
Physikern, sondern dem in Pommern lebenden von Kleist 9. Im Jahre 1745
machte dieser folgenden Versuch. Er stellte in eine Arzneiflasche einen
eisernen Nagel und elektrisierte diesen. Als er darauf den Nagel mit der
anderen Hand berührte, erhielt er einen heftigen Schlag, der noch verstärkt
wurde, wenn sich etwas Quecksilber am Boden der Flasche befand. Die
Entdeckung erregte großes Aufsehen und führte der Beschäftigung mit
elektrischen Versuchen zahlreiche Dilettanten zu. Jene Vorrichtung, die man
in der Folge als die Leydener Flasche bezeichnete, wurde in Frankreich im
Beisein des Königs durch eine Kette von mehr als hundert Personen
entladen. Das Wasser und die Hand, welche bei dem ursprünglichen
Versuch die Rolle des inneren und des äußeren Belags gespielt hatten,
wurden bald darauf durch Zinn ersetzt. Ferner machte man die
Beobachtung, daß die Leydener Flasche die Elektrizität längere Zeit behält
und daß sie sich nicht laden läßt, wenn sie isoliert ist. Zu einem Verständnis
dieses Verhaltens gelangte erst Franklin. Als er eine, an einem Seidenfaden
hängende, leichte Kugel dem inneren Belage näherte, wurde sie in der
bekannten Weise zunächst angezogen, dann aber, nachdem sie gleichfalls
elektrisch geworden war, wieder abgestoßen. Näherte er die Kugel jetzt
dem äußeren Belag, so wurde sie angezogen. Es zeigte sich also, daß die
Beläge entgegengesetzt geladen waren, und daß die Entladung der Flasche
in dem Ausgleich dieser entgegengesetzten Elektrizitäten besteht. Franklin
bediente sich bei seinen Versuchen einer auf beiden Seiten mit Zinn
überzogenen Tafel, die nach ihm noch heute als Franklinsche Tafel
bezeichnet wird.
Die Vereinigung mehrerer Leydener Flaschen zu einer elektrischen Batterie
bewerkstelligte zuerst der Danziger Bürgermeister Gralath 10. Er nahm
mehrere Glaskolben, füllte sie zur Hälfte mit Wasser und ließ einen

Page 18

eisernen, mit einer Kugel versehenen Draht aus der Flasche hervorragen.
Sämtliche Kugeln wurden dann gleichzeitig mit dem Konduktor der
Elektrisiermaschine verbunden. Gralath erhielt durch diese Vorrichtung
einen sehr heftigen Schlag. Noch in demselben Jahre (1746) wurde die
Wirkung der Batterie in solchem Maße verstärkt, daß man den Funken am
hellen Tage 200 Schritte weit sah und die Entladung auf noch größere
Entfernung zu hören vermochte.
Die weitere Erforschung der Reibungselektrizität wurde dadurch
außerordentlich gefördert, daß man nach dem Vorgange Guerickes und
Hawksbees zur Anwendung maschineller Vorrichtungen schritt.
Einem Leipziger Professor der Physik namens Hausen wurde im Jahre
1743 von einem seiner Zuhörer der Vorschlag gemacht, sich das mühevolle
Reiben der Glasröhre dadurch zu ersparen, daß er eine größere Glaskugel in
Drehung versetze. Dieser Vorschlag erwies sich als über Erwarten
praktisch, zumal ein Leipziger Handwerker den neuen Apparat mit dem
ersten Reibzeug versah. Letzteres bestand aus einem wollenen Kissen. Bald
darauf (1744) brachte der deutsche Physiker Bose neben der Glaskugel
einen isolierten Metallkörper als Konduktor an. Diesen Konduktor finden
wir schon wenige Jahre, nachdem Hausen seine Maschine gebaut, mit
einem Saugkamm versehen11, so daß noch vor Ablauf der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts die Elektrisiermaschine in ihrer noch jetzt gebräuchlichen
Einrichtung den Physikern zu Gebote stand. Im weiteren Verlaufe des 18.
Jahrhunderts ersetzte man die Glaskugel durch die handlichere
Glasscheibe12 und versah das Reibzeug mit dem bekannten, von
Kienmayer empfohlenen Amalgam13.

Abb. 1. Elektrisiermaschine aus dem Jahre 1744. (Aus Gerland und
Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst.)

Als Reibzeug dient noch die Hand. Ihr gegenüber befindet sich als
Konduktor eine auf seidenen Schnüren liegende Metallröhre AB, deren
Ende A mit einem Bündel Fäden an Stelle des Saugkammes versehen ist. E

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steht auf einem mit isolierender Substanz (Pech) gefüllten Kasten. Aus der
Spitze des Degens springt ein Funken über, welcher den im Löffel F
befindlichen Weingeist entzündet.]
Die Elektrisiermaschine kam nun sozusagen in Mode. Das Interesse,
welches ihr bemittelte Dilettanten entgegenbrachten, bewirkte, daß sie
schließlich gewaltige Dimensionen annahm14. In rascher Folge wurden jetzt
die wichtigsten Erscheinungen der Reibungselektrizität entdeckt. Die
zündende Wirkung des Funkens wurde an Schießpulver, Äther und anderen
brennbaren Stoffen dargetan. Der Danziger Bürgermeister Gralath 15
entzündete ein eben ausgeblasenes Licht durch den elektrischen Funken. Ja,
es gelang sogar, vermittelst eines elektrisierten Wasserstrahles Weingeist in
Brand zu setzen.
Ferner versuchte man die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Elektrizität zu
bestimmen, indem man den Schlag einer Leydener Flasche durch einen
mehrere tausend Meter langen Draht leitete (siehe Abb. 2). Derartige
Versuche unternahm zuerst der Franzose Le Monnier und später der
Engländer Watson (1715-1787). Da sich hierbei kein meßbarer
Zeitunterschied ergab, so konnte man zunächst nur auf eine sehr große
Geschwindigkeit schließen. Diese zu bestimmen, war eine neue, sinnreiche
Methoden erfordernde Aufgabe der Experimentalphysik. Doch knüpfte man
später an den der obigen Versuchsanordnung (Abb. 2) zugrunde liegenden
Gedanken wieder an, nur daß an Stelle der unmittelbaren Beobachtung der
rasch rotierende Spiegel trat.

Abb. 2. Watsons Versuch, die Geschwindigkeit der Elektrizität in einem Drahte
zu bestimmen. Der innere Belag der Leydener Flasche C steht mit dem isoliert
aufgehängten leitenden Stabe AD in Verbindung. Von dem äußeren Belag geht
ein Draht nach der Kugel H. In F wird eine Person eingeschaltet. Obgleich das
Drahtstück zwischen F und H etwa 12000 Fuß lang war, konnte der in F

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befindliche Beobachter doch keinen Zeitunterschied zwischen der empfangenen
Erschütterung und dem Überspringen des Funkens bei H feststellen.

Auch der naheliegende Gedanke, das Verhalten des Funkens im Vakuum zu
untersuchen, kam zur Ausführung16. Der erste, der darüber Versuche
anstellte, war der Mechaniker Grummert (1719-1776) in Dresden. Es
zeigte sich, daß die Elektrizität den luftleeren Raum auf eine beträchtliche
Strecke durchdringt. Nach der Beschreibung Watsons, eines späteren
Beobachters, erfüllte das elektrische Feuer die ganze Röhre, so daß man, so
lange die Maschine in Bewegung blieb, eine ununterbrochene
Lichterscheinung wahrnahm. Der weitere Verfolg dieses Versuches hat zur
Erfindung der Geißlerschen Röhre und endlich in der neuesten Zeit zur
Entdeckung eigentümlicher Strahlengattungen geführt. Auch zur Erklärung
des Nordlichts wurde das elektrische Leuchten in evakuierten Röhren
herangezogen17.
Den neuen, wunderbaren Entdeckungen gegenüber, denen man nichts
Ähnliches an die Seite stellen konnte, erhob sich schon bei den Physikern
des 18. Jahrhunderts die Frage nach der Ursache der elektrischen
Erscheinungen. War die Elektrizität ein Stoff, so ließ sich erwarten, daß die
Körper durch das Elektrisieren eine Gewichtszunahme erfahren würden.
Alle Versuche, die nach dieser Richtung hin angestellt wurden, blieben
jedoch ohne Erfolg18. Zu dem gleichen Ergebnis war man hinsichtlich der
Wärme gelangt, als man Gegenstände in erhitztem Zustande und bei
gewöhnlicher Temperatur wog.
Aus diesen Versuchen wurde nun keineswegs gefolgert, daß die Elektrizität
und die Wärme bloße Zustände seien, sondern es wurde der Begriff des
unwägbaren Stoffes oder der Imponderabilie, aus dem man ja auch die
Lichterscheinungen zu erklären suchte, auf die elektrischen, die verwandten
magnetischen und die kalorischen Vorgänge ausgedehnt. Die Lehre von den
Imponderabilien hat die Physik bis in das 19. Jahrhunderte hinein
beherrscht. Sie wurde hinsichtlich der Wärme zuerst von Rumford und
Davy erschüttert. Ihre endgültige Beseitigung auf allen Gebieten ist eine
Aufgabe, welche die Wissenschaft bis in die neueste Zeit beschäftigt hat.
Obgleich die Lehre von den Imponderabilien nicht imstande war, einem
vorgeschrittenen Kausalitätsbedürfnis zu genügen, bot sie bei der Stufe des
Wissens, welche das 18. Jahrhundert erreicht hatte, doch die einzige

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Möglichkeit einer Erklärung. Wenn man die Lichterscheinungen auf die
Fortbewegung eines besonderen Stoffes zurückführte, war man auch
gezwungen, weitere Stoffe als Träger der Wärme, der elektrischen und der
magnetischen Vorgänge anzunehmen. Einfacher gestaltete sich die Theorie
der Elektrizität bei solchen Physikern, welche die Lichterscheinungen auf
Wellenbewegung zurückführten. So besteht für Euler kein Zweifel, daß die
Quelle aller elektrischen Vorgänge in dem Äther zu suchen sei, in dem sich
nach ihm und Huygens das Licht fortpflanzt. Die Elektrizität, meint
Euler, sei nichts als eine Störung im Gleichgewichte dieses Äthers, der in
die Körper hineingepreßt oder aus ihnen herausgetrieben werde, je nachdem
sie die eine oder die andere Art des Elektrizitätszustandes aufwiesen19.
Von einer ähnlichen Vorstellung ließ sich Franklin bei seinen
Untersuchungen leiten. Die Körper waren für ihn positiv oder negativ
elektrisch, je nachdem sie ein Zuviel oder ein Minder des hypothetischen
elektrischen Fluidums enthielten, während sie unelektrisch seien, wenn sich
dieses Fluidum außerhalb und innerhalb der Körper im Gleichgewicht
befände.
Nach Franklin durchdringt das elektrische Fluidum die ganze Körperwelt.
Es ist die Ursache aller elektrischen Erscheinungen. Die Teilchen dieses
Fluidums stoßen sich gegenseitig ab, werden aber von den Körperteilchen
kräftig angezogen. Enthält der Körper soviel davon, als er aufnehmen kann,
ohne daß etwas von dem Fluidum auf der Oberfläche des Körpers
zurückbleibt, so ist dies nach Franklin der gewöhnliche Zustand, und der
Körper erscheint uns unelektrisch.
Andere wieder, wie Symmer, zogen es vor, die verschiedenen elektrischen
Zustände aus der Annahme zweier Fluida zu erklären. Der hieraus
entstehende Streit der Unitarier und Dualisten, so zwecklos er an sich auch
war, bewirkte, daß die experimentelle Erforschung der in Frage kommenden
Erscheinungen lebhaft gefördert wurde. Das Interesse dafür wurde ein solch
allgemeines, daß den Physikern von Beruf mancher Bundesgenosse aus
dem Laienkreise erstand. Der hervorragendste unter ihnen war der soeben
genannte Franklin.
Benjamin Franklin wurde am 17. Januar 1706 in Governors Island bei
Boston geboren. Sein Vater hatte die englische Heimat verlassen, weil er
dort nicht ungehindert seiner religiösen Überzeugung leben konnte. Da er

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sich und eine zahlreiche Familie durch Seifensieden nur mühsam ernährte,
so wurde der junge Benjamin frühzeitig von der Schule genommen und
seinem älteren Bruder, einem Buchdrucker, in die Lehre gegeben. Nachdem
Franklin einige Zeit in England als Setzer tätig gewesen war, rief er in
Philadelphia eine Zeitung und eine Druckerei ins Leben.
Zur Beschäftigung mit der Elekrizitätslehre wurde Franklin dadurch
angeregt, daß ein Londoner Kaufmann namens Collinson der
Bibliotheksgesellschaft zu Philadelphia einige Gegenstände für elektrische
Versuche übersandte. Ein Jahr später konnte Franklin an Collinson
schreiben20: »Mein Eifer und meine Zeit wurden nie zuvor durch etwas in
solchem Maße in Anspruch genommen. Ich stelle Versuche an, sobald ich
allein sein kann, und wiederhole sie in Gegenwart meiner Freunde, die in
Scharen kommen, um sie zu sehen. Ich habe kaum Zeit für irgend etwas
anderes.«
Die Ergebnisse, zu denen Franklin von 1747-1755 gelangte, legte er in
zahlreichen Briefen nieder, die zum größten Teil an Collinson gerichtet
sind, und von ihm der Royal Society mitgeteilt wurden. Im Jahre 1756
wurde Franklin Mitglied der Royal Society.
Franklins erste Briefe handeln von der Ladung der Leydener Flasche und
der unitarischen Lehre; spätere betreffen das Gebiet der atmosphärischen
Elektrizität, welches durch Franklins Arbeiten erst erschlossen wurde.
Franklin setzte seine wissenschaftliche Tätigkeit bis zum Jahre 1774 fort.
Von diesem Zeitpunkt an widmete er sich ganz den Bestrebungen, die auf
eine Loslösung der nordamerikanischen Kolonien von England abzielten.
Franklin war bald einer der Führer in dieser gewaltigen politischen
Bewegung.
Als die griechische Philosophie an Stelle der mythischen Betrachtung eine
ursächliche Erklärung des Naturgeschehens zu setzen suchte, führte man
das Gewitter auf schweflige, brennbare Dünste zurück, die sich in den
Wolken ansammeln und als Blitz die letzteren durchbrechen sollten. Selbst
im 17. Jahrhundert ahnte noch niemand die wahre Natur der Erscheinung.
Nach Descartes besteht das Gewitter in einem Herabfallen der oberen
Wolken auf die darunter befindlichen. Euler erzählt, daß man die ersten,
welche eine Ähnlichkeit zwischen den elektrischen Erscheinungen und dem
Blitz zu finden glaubten, als Träumer angesehen habe21. Was noch im

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Beginn des 18. Jahrhunderts als bloße Vermutung geäußert wurde, erhob
Franklin durch seine Untersuchungen auf den Boden der Gewißheit.
Wenn wir von Wall absehen, der schon 1705 die gelegentliche Bemerkung
gemacht hat, man könne die elektrische Entladung mit dem Blitz und dem
Donner vergleichen, so besitzt Franklin mit seiner Gewittertheorie einen
Vorläufer nur in dem Deutschen Winkler. Letzterer erörterte im Jahre 174622
die Frage: »ob Schlag und Funken der verstärkten Elektrizität (in
Kleistschen Flaschen) für eine Art Blitz und Donner zu halten sind?«
Winkler kam zu dem Ergebnis, daß das Gewitter und die künstlich
herbeigeführte elektrische Entladung nur in der Stärke, indessen nicht in
ihrem Wesen voneinander verschieden seien. Als die Quelle der
Gewitterelektrizität betrachtete er die Verdunstung des Wassers und eine
damit verbundene Reibung.
Franklin sprach sich zuerst in seinem Briefe vom 7. November 1749 für
die elektrische Natur des Gewitters aus. Für die Übereinstimmung des
Blitzes mit dem elektrischen Funken führte er folgende Gründe und
Beweise an: 1. Die Ähnlichkeit des Lichtes, sowie des Geräusches und das
fast Augenblickliche beider Erscheinungen. 2. Der Funke wie der Blitz sind
imstande, Körper zu entzünden. 3. Beide vermögen lebende Wesen zu töten.
(Franklin tötete ein Huhn durch die Entladung mehrerer Leydener
Flaschen). 4. Beide rufen mechanische Zerstörungen hervor und erzeugen
einen Geruch nach verbranntem Schwefel23. 5. Der Blitz und die Elektrizität
folgen denselben Leitern und springen vorzugsweise auf die Spitzen über.
6. Beide sind imstande, den Magnetismus zu zerstören oder auch die Pole
eines Magneten umzukehren. 7. Durch den Funken können ebenso wie
durch den Blitz Metalle zum Schmelzen gebracht werden.
An die Versuche, durch welche Franklin den letzten Punkt dieser
Aufzählung zu erweisen suchte, knüpfte sich eine Meinungsverschiedenheit
mit seinem Freunde Kinnersley. Dieser befaßte sich gleichfalls mit
elektrischen Versuchen und führte sie als wandernder Experimentator
seinen Landsleuten vor. Franklins Verfahren, Metalle durch den Funken zu
schmelzen, bestand darin, daß er dünne Blättchen von Zinn oder Gold
zwischen zwei Glasscheiben legte und eine große Leydener Flasche durch
diese Blättchen entlud24. Das Metall wurde dadurch in feinste Teilchen
zerstiebt, ein Vorgang, den Franklin als kalte Schmelzung bezeichnete, da
ihn sein Verfahren die bei der Entladung auftretende Wärme nicht erkennen

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ließ. Die kalte Schmelzung sollte nicht durch Hitze, sondern dadurch
zustande kommen, daß das elektrische Fluidum in die Zwischenräume der
Teilchen eindringe und auf diese Weise den Zusammenhang der Körper
zerstöre. Demgegenüber zeigte Kinnersley, indem er die Entladung einer
Batterie von 35 Flaschen durch einen Draht vor sich gehen ließ, daß Metalle
zum Erglühen und sogar zum Schmelzen gebracht werden können. »Ihr
herrlicher Versuch,« schrieb darauf Franklin, »setzt außer Zweifel, daß
unsere künstliche Elektrizität Hitze hervorbringt und daß, wenn sie Metalle
schmilzt, dies nicht durch das geschieht, was ich als kalte Schmelzung
bezeichnet habe25.«
Die Ursache der elektrischen Erscheinungen ist nach Franklin eine äußerst
feine Flüssigkeit, welche die Körper durchdringt und sich in ihnen
gleichmäßig verteilt aufhält. Wenn es sich infolge eines künstlich
herbeigeführten oder eines natürlichen Vorganges ereignet, daß diese
Flüssigkeit in dem einen Körper in größerer Menge vorhanden ist als in
einem anderen, so teilt der Körper, welcher mehr davon enthält, sie
demjenigen mit, der weniger besitzt, bis die Verteilung eine gleichmäßige
geworden ist, Voraussetzung ist, daß der Abstand zwischen den Körpern
nicht zu groß ist, oder daß Leiter vorhanden sind, welche diese Materie von
dem einen zum anderen Körper zu führen vermögen. Erfolgt die Mitteilung
durch die Luft, ohne Vermittlung eines Leiters, so sieht man eine glänzende
Lichterscheinung zwischen den Körpern und vernimmt dabei ein Geräusch.
Bei den großartigen, in der Natur stattfindenden Entladungen ist dieses
Licht dasjenige, was wir Blitz nennen, und das Geräusch und sein Widerhall
ist der Donner26.
Den unmittelbaren Nachweis der atmosphärischen Elektrizität lieferte
Franklin durch seinen berühmt gewordenen Versuch mit dem Drachen.
Letzterer besaß eine eiserne Spitze und wurde im Juni des Jahres 1752
während eines Gewitters an einer Hanfschnur emporgelassen. Die Schnur
war an einen Schlüssel geknüpft, der mit einem seidenen Tuche festgehalten
wurde. Zuerst blieb der Erfolg aus. Als die Schnur jedoch feucht geworden
war und eine Wolke an dem Drachen vorüberzog, sträubten sich die losen
Fäden. Als Franklin jetzt die Knöchel seiner Hand dem Schlüssel näherte,
vermochte er deutliche Funken aus ihm hervorzuziehen. Das zweite von
Franklin in Vorschlag gebrachte Verfahren, welches indes in Europa früher
zur Ausführung gelangte als in Amerika, bestand darin, daß man hohe

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Eisenstangen errichtete und diesen während eines Gewitters Elektrizität
entzog, ein Versuch, den fast zur selben Zeit, als Franklin seinen Drachen
steigen ließ, einige Franzosen in der Nähe von Paris dem Könige
vorführten. Später entdeckte Franklin, daß die Wolken bald positiv, bald
negativ geladen sind. Diese Untersuchungen führten ihn schließlich auf den
Gedanken, jene Eisenstangen als Blitzableiter zum Schutze von Gebäuden
zu empfehlen, ein Vorschlag, der in Amerika und bald darauf auch in
Europa allseitige Beachtung fand.
Die Überlegungen, die ihn zu seinem Vorschlag führten, legte Franklin in
einem vom 12. IX. 1753 datierten Briefe dar. »Wird außerhalb des
Gebäudes«, heißt es dort, »ein eiserner Stab angebracht, der ununterbrochen
von dem höchsten Teile bis in das feuchte Erdreich geht, so nimmt dieser
Stab den Blitz an seinem oberen Ende auf und bietet ihm eine gute Leitung
bis in die Erde. Auf solche Weise wird die Beschädigung irgend eines Teiles
des Gebäudes verhindert. Dabei ist eine geringe Menge Metall imstande,
eine große Menge Elektrizität fortzuleiten. Ein eiserner Draht, der nicht
stärker als eine Gänsefeder war, vermochte eine Elektrizitätsmenge
fortzuführen, die an seinen beiden Enden eine schreckliche Zerstörung
anrichtete27.
Der Stab muß an der Mauer, dem Schornstein usw. mit eisernen Klammern
befestigt werden. Der Blitz wird den Stab, der ein guter Leiter ist, nicht
verlassen, um durch diese Klammern in die Mauer zu fahren.
Wenn das Gebäude sehr groß ist, so kann man der größeren Sicherheit
wegen zwei oder mehr Stäbe an verschiedenen Stellen errichten.
Das untere Ende des Stabes muß so tief in den Boden geführt werden, daß
es eine feuchte Stelle erreicht. Wenn man den Stab dann biegt, um ihn
horizontal sechs bis acht Fuß von der Mauer fortlaufen zu lassen, und ihn
dann drei bis vier Fuß abwärts gehen läßt, so schützt er alle Steine des
Fundamentes vor Beschädigung.«
Auf die Einrichtung von Blitzableitern ist Franklin besonders durch seine
Versuche über die Spitzenwirkung gekommen, die er zuerst zu erklären
suchte. Dies geschah in seinem Briefe vom 29. Juli 1749. Franklin führt
darin folgendes aus. Befinde sich die Elektrizität auf der Oberfläche einer
Kugel, so habe kein Teilchen des elektrischen Fluidums mehr Neigung wie
ein anderes, die Oberfläche zu verlassen, weil die Anziehung der Materie

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auf das elektrische Fluidum in diesem Falle überall gleich groß sei. Setze
man an Stelle der Kugel einen Würfel, so werde die Elektrizität auf den
Flächen mehr angezogen als an den Ecken. Die Teilchen der Elektrizität
würden daher infolge der zwischen ihnen wirkenden Abstoßung nach den
Ecken strömen. Je feiner die Spitze, desto mehr müsse diese Abstoßung,
weil sich die Anziehung der Materie auf der Spitze vermindere, zur Geltung
kommen und die Elektrizität dorthin strömen.
Ebenso bekannt wie durch seine wissenschaftlichen Erfolge ist Franklin
durch die Rolle geworden, die er in der politischen Geschichte seines
Vaterlandes gespielt hat. Während des amerikanischen
Unabhängigkeitskampfes hielt sich Franklin in Paris auf, wo er im Jahre
1783 die Friedensverhandlungen unterzeichnete. Die Bewunderung, welche
dem schlichten und doch so bedeutenden Manne von ganz Frankreich
gezollt wurde, fand einen beredten Ausdruck in dem von d'Alembert an
ihn gerichteten Worte: Eripuit coelo fulmen sceptrumque tyrannis28.
Bevor Franklin nach Amerika zurückkehrte, schloß er noch Freundschafts-
und Handelsverträge mit Schweden und Preußen. Im Jahre 1788 zog er sich
vom öffentlichen Leben zurück. Franklin starb am 17. April 1790. Sein
Tod versetzte, wie die von Washington gehaltene Rede bekundet, sein
Vaterland in tiefe Trauer. Auch Europa, wo Mirabeau ihm einen Nachruf
widmete, nahm lebhaften Anteil. Es war ein Augenblick, in welchem das
Gefühl der geistigen Zusammengehörigkeit zwischen der alten Welt und der
jungen, neuen Stätte der Kultur voll zum Ausdruck kam. Zwar sollte die
Mitarbeit des amerikanischen Volkes an den Aufgaben der Wissenschaft
nicht sobald Platz greifen, wie man nach den Erfolgen eines Franklin hätte
erwarten mögen. Es harrten eben noch zu viele andere Aufgaben ihrer
Erledigung, so daß ein volles Jahrhundert verstreichen konnte, bis die
Wissenschaft jenseits des Ozeans die gleiche Pflege fand, die sie in den
alten Staaten Europas genießt.
Erwähnenswerte Versuche über die atmosphärische Elektrizität wurden
auch von de Romas, Richmann und Le Monnier angestellt.
De Romas (starb 1776), ein Franzose, wiederholte Franklins
Drachenversuch in größerem Maßstabe im Sommer des Jahres 1753. Er ließ
einen Drachen von 7½ Fuß Höhe an einer 780 Fuß langen, um einen
Eisendraht gesponnenen Schnur 550 Fuß hoch emporsteigen. Die Schnur

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war an einer Blechröhre befestigt, aus der acht Fuß lange Funken gezogen
wurden.
Der Physiker Richmann in Petersburg (1711-1753) hatte eine Stange
errichtet, an deren unterem Ende sich ein Elektroskop befand. Als er sich
dem letzteren gelegentlich eines Gewitters näherte, wurde er von einem aus
der Stange herausfahrenden Kugelblitz erschlagen.
Von besonderer Wichtigkeit waren die Versuche des Franzosen Le
Monnier. Diesem gelang im Jahre 1752 der Nachweis, daß die
Atmosphäre auch elektrisch ist, wenn kein Gewitter, ja nicht einmal Wolken
am Himmel stehen.
Auch die chemische Wirkung der Elektrizität wurde schon in diesem
Zeitraum, also noch vor der Erfindung der galvanischen Elemente, bekannt.
Die Versuche Beccarias lieferten den Nachweis, daß sich mit Hilfe des
Entladungsschlages aus Metalloxyden Metalle herstellen lassen. Beccaria
erhielt auf diesem Wege Zink aus Zinkoxyd und Quecksilber aus Zinnober29.
Als man die Entladungen durch Flüssigkeiten hindurch vor sich gehen ließ,
bemerkte man gleichfalls chemische Wirkungen. So fand Priestley im
Jahre 1774, daß sich mit Hilfe der Elektrizität aus einigen Flüssigkeiten, z.
B. aus Alkohol, Wasserstoff abspalten läßt. Unter allen Flüssigkeiten hatte
stets das Wasser in seinem Verhalten gegenüber der Elektrizität am
lebhaftesten interessiert. Priestleys Versuche wurden daher durch den
holländischen Chemiker van Troostwyk im Jahre 1789 mit Wasser
angestellt. Der Wunsch, vielleicht auf diesem Wege Aufschluß über die
chemische Natur des Wassers zu erhalten, war besonders durch Lavoisiers
Untersuchungen über die Bildung von Wasser aus Wasserstoff und
Metalloxyden30 hervorgerufen worden. Das Ergebnis van Troostwyks
entsprach demjenigen Lavoisiers vollkommen. Als van Troostwyk die
Entladung einer Leydener Flasche wiederholt durch destilliertes Wasser vor
sich gehen ließ, fand eine Zerlegung der Flüssigkeit in ihre gasförmigen
Bestandteile statt31. Ließ er den elektrischen Funken durch das entstandene
Gasgemisch schlagen, so verwandelte es sich wieder in Wasser.
Waren somit auch die chemischen Wirkungen der Elektrizität schon lange
vor der Erfindung der galvanischen Elemente bekannt, so handelte es sich
doch zunächst mehr um gelegentliche Beobachtungen, die nur geringe
Beachtung fanden, da sich mit Hilfe der Leydener Flasche nur unerhebliche

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chemische Umsetzungen hervorrufen ließen. Erst als man in der
Berührungselektrizität eine weit geeignetere Quelle für chemische
Zerlegungen entdeckt hatte, eröffnete sich in der Elektrochemie ein neues,
weites, für die Wissenschaft wie für die Technik gleich wichtiges
Forschungsgebiet.
Durch eine Reihe von Versuchen war man auch mit der physiologischen
Wirkung der Elektrizität bekannt geworden. Vor allem hatte die heftige
Erschütterung, welche die Leydener Flasche bewirkt, wenn die Entladung
durch den Körper vor sich geht, das Interesse der Forscher wie der Laien
hervorgerufen. Die Ärzte versprachen sich von diesen Erschütterungen die
günstigsten Erfolge. Man verordnete gelähmten Kranken ein »elektrisches
Bad«, indem man sie auf einer isolierenden Unterlage Platz nehmen und
den Konduktor der Elektrisiermaschine berühren ließ. Nach der Erfindung
der Leydener Flasche glaubte man, nicht nur Lähmungen, sondern auch alle
möglichen anderen Krankheiten durch elektrische Kuren heilen zu können.
Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts liegen darüber eine Anzahl günstiger
Krankenberichte vor32. Selbst an Versuchen, Tote mit Hilfe der Elektrizität
wieder zu erwecken, hat es nicht gefehlt.
So rasch wie die Elektrizität als Allheilmittel in Aufnahme gekommen war,
ebenso schnell kam sie aus der Mode, bis unsere Zeit sie wieder in richtiger
Beschränkung als therapeutisch wertvolles Mittel benutzen gelernt hat.
Ganz unbekannt waren übrigens selbst den Alten die elektrischen Kuren
nicht. Es wird nämlich berichtet, daß sie die tierische Elektrizität gegen
nervöse Leiden anwandten, indem sie den Kranken mit dem Zitterrochen in
Berührung brachten, natürlich ohne im entferntesten die Quelle des
eigentümlichen Verhaltens dieses Tieres zu ahnen.
Unter den deutschen Zeitgenossen Franklins ragen Wilke und Aepinus
als Elektriker hervor.
Johann Karl Wilke (Wilcke) wurde am 6. September 1732 in Wismar,
das damals noch zu Schweden gehörte, geboren. Wilke studierte in Upsala,
Göttingen und Rostock, wo er 1757 eine Dissertation über die
entgegengesetzten Elektrizitäten, eine bedeutende Arbeit, herausgab33.
Später wurde Wilke Sekretär der schwedischen Akademie der
Wissenschaften. In dieser Stellung hielt er in Stockholm physikalische
Vorlesungen. Er starb am 18. April 1796.

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In seiner Arbeit vom Jahre 1757 lieferte Wilke den wichtigen Nachweis,
daß beim Aneinanderreiben zweier Körper stets beide Elektrizitätsarten
entstehen. Wilke brachte darauf die untersuchten Stoffe in eine Reihe, in
welcher jedes Glied, mit einem darauf folgenden gerieben, positiv-
elektrisch, mit einem vorangehenden gerieben, dagegen negativ elektrisch
wird. Einige Glieder dieser Reihe sind: Glas, Wolle, Holz, Lack, Metalle,
Schwefel. Dieser ersten Reibungs- oder Spannungsreihe sind später
zahlreiche Anordnungen gefolgt, die unter sich jedoch hin und wieder
auffallende Abweichungen zeigen. Dies rührt daher, daß nicht nur die Art
des Stoffes, sondern auch seine Oberflächenbeschaffenheit für die Stelle,
die er innerhalb der Spannungsreihe einnimmt, mitbestimmend ist. Am
bekanntesten sind die Reihen von Young 34 und die von Faraday geworden.
Erstere mag hier noch Platz finden. Sie lautet: Glas, Wolle, Federn, Holz,
Siegellack, Metalle, Harz, Seide, Schwefel.
Wilke entdeckte ferner im Jahre 1757 eine neue Art der
Elektrizitätserregung. Er fand nämlich, daß Schwefel und Harz, wenn man
sie in einer Porzellanschale erstarren läßt, stark negativ elektrisch werden.
Von Wilke rührt auch die erste Karte über die magnetische Inklination her.
Von seinen Verdiensten um die Entwicklung der Wärmelehre werden wir im
nächsten Abschnitt hören.
Neben der durch Reibung und durch atmosphärische Vorgänge erzeugten
Elektrizität lernte man auch die Erregung dieser Kraft durch physiologische
Vorgänge und durch Wärmezufuhr kennen. Um die Mitte des 18.
Jahrhunderts tauchte die Vermutung auf, daß man es in der schon von den
Schriftstellern des Altertums erwähnten eigentümlichen Wirkung des
Zitterrochens (Raja torpedo) auf den Menschen und andere lebende Wesen
mit einer elektrischen Erscheinung zu tun habe35. Seit Richers Anwesenheit
in Cayenne war man auch mit dem Zitteraal (Gymnotus electricus) der
südamerikanischen Gewässer bekannt geworden. Indes erst ein Jahrhundert,
nachdem Richer 36 über dieses eigentümliche Geschöpf berichtet, hatte sich
die Elektrizitätslehre soweit entwickelt, daß man die Identität jener
physiologischen und der durch Reibung erzeugten Erscheinungen
nachzuweisen vermochte. Dies geschah einmal dadurch, daß man den
Impuls durch eine Kette von Personen leitete, wobei die erste und die letzte
den Fisch an der Ober-, beziehungsweise an der Unterseite berührten. Alle
empfingen dann einen Erschütterungsschlag, wie ihn die Leydener Flasche

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erteilt. Der zweite Nachweis bestand darin, daß man die Entladung durch
einen auf Glas geklebten Stanniolstreifen vor sich gehen ließ, der eine
Unterbrechung besaß. An der Stelle, wo sich diese befand, sah man bei
jedem Schlage, den der Fisch bewirkte, einen elektrischen Funken
überspringen37.
Die erste wissenschaftliche Untersuchung über die tierische Elektrizität
wurde im Jahre 1773 von Walsh veröffentlicht. Walsh erbrachte nicht nur
die soeben erwähnten Nachweise, sondern er zeigte auch, daß der
Zitterrochen Elektrizität in einem ganz bestimmten Organ erzeugt, während
der übrige Körper wie die Gewebe jedes Tieres nur leitend ist. Das
elektrische Organ liegt, wie Walsh erkannte, zwischen dem Kopf und den
Brustflossen (s. Abb. 3). Es besteht aus vielen Säulen, deren jede etwa 1/3
Zoll Durchmesser hat. Walsh zählte bei einigen Zitterrochen über 1000
solcher Säulen. Den kräftigsten elektrischen Schlag erhielt Walsh bei
seinen Versuchen, wenn er eine leitende Verbindung zwischen dem Rücken
und dem Bauch des Fisches herstellte38.

Abb. 3. Querschnitt durch den Torpedo nach der Zeichnung Hunters, der zuerst
das elektrische Organ des Torpedos genauer untersuchte. (Philos. Transact. Vol.
LXIII. Tab. XX. Fig. 3.)
AA die obere Fläche des Fisches; BB die durchschnittenen Muskeln des
Rückens; C das Rückenmark; D der Schlund; E die linke Kieme, gespalten, um
den Vorlauf des sie durchziehenden Nerven zu zeigen; F die atmende Oberfläche
der rechten Kieme; GG die Flossen; HH die senkrechten Säulen, welche das
elektrische Organ zusammensetzen mit ihren horizontal verlaufenden
Abteilungen; I einer der Nerven, welche das elektrische Organ versorgen, mit
seinen Verzweigungen.

Noch eine zweite, schon lange bekannte Erscheinung wurde um die Mitte
des 18. Jahrhunderts als eine elektrische erkannt. Bei der von den
Juwelieren an Edelsteinen üblichen Feuerprobe konnte es nicht lange
verborgen bleiben, daß der Turmalin, wenn er auf glühende Kohlen gelegt
wird, Aschenteilchen anzieht und wieder von sich stößt39. Dieses
eigentümliche, an das elektrische Pendel erinnernde Verhalten leichter
Körper dem erwärmten Turmalin gegenüber wurde von Aepinus 40 genauer

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untersucht. Letzterer fand, daß die Erscheinung nur bei ungleicher
Erwärmung der beiden Enden des Kristalls eintritt, sowie daß diese dabei
entgegengesetzt elektrisch werden. Ein solcher Kristall, meint Aepinus, sei
einem Magneten zu vergleichen, der ja auch an den beiden Polen ein
entgegengesetztes Verhalten zeige41. Er habe am Turmalin eine doppelte
Elektrizität entdeckt und deutlich unterschieden, »davon die erstere auf die
gewöhnliche Art durch Reiben, die andere aber durch einen gewissen Grad
der Wärme, die man dem Steine beibringe, erweckt werde«. Diejenige
Elektrizität, welche der Stein durch Reiben bekommt, war von der
Elektrizität der glasartigen Körper nicht zu unterscheiden. Wurde der
Turmalin aber erwärmt, so wurde die eine Seite positiv, die andere negativ
elektrisch. Der erwärmte Turmalin zeigte also, »wie der Magnet eine
doppelte Magnetkraft besitzt, beide Arten der Elektrizität zugleich«42.
Eine weitere Analogie zwischen einem Magneten und einem elektrisierten
Körper entdeckte Aepinus in der Influenz. Wie ein Eisenstab in der Nähe
eines Magneten magnetisch werde, so bringe ein elektrisierter Körper an
einem benachbarten ähnliche Wirkungen hervor. Aepinus nahm einen
Metallstab, der auf gläsernen Unterlagen ruhte und brachte an das eine
Ende einen elektrisierten Körper heran, doch so, daß der Stab in einiger
Entfernung davon blieb. Dasjenige Ende des Metallstabes, welches dem
elektrisierten Körper zugewendet war, bekam dann die entgegengesetzte,
das entferntere Ende dagegen dieselbe Elektrizität, welche der elektrisierte
Körper besaß, mit dem man den Versuch anstellte. Bei einer geringen
Abänderung des Versuches wurde jedoch eine große Verschiedenheit der
Erscheinungen wahrgenommen. Aepinus brachte nämlich einen
metallenen, auf gläserner Unterlage befindlichen Stab einem elektrisierten
Körper so nahe, daß eine unmittelbare Berührung stattfand. Dann erhielt der
zu elektrisierende Stab seiner ganzen Länge nach nur diejenige Art von
Elektrizität, welche derjenige Körper besaß, mit dem man ihn berührt hatte.
Die Beobachtung, daß sowohl der durch Erwärmung wie der durch Influenz
elektrisierte Körper an beiden Enden entgegengesetzte Elektrizitäten
aufweist, veranlaßte Aepinus, eine Analogie zwischen den elektrischen
und den magnetischen Erscheinungen, bei denen bekanntlich stets eine
solche Polarität wahrgenommen wird, zu behaupten. Die Zeit, den innigen
Zusammenhang dieser Naturkräfte zu erkennen, war jedoch noch nicht
gekommen. Es war dies vielmehr eine der wichtigsten Aufgaben, welche

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der naturwissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts vorbehalten
blieb43.
Sehr zutreffend waren auch die Ansichten, welche Aepinus über das
Verhältnis zwischen Leitern und Nichtleitern entwickelte. Zwischen beiden
Gruppen von Stoffen besteht nach ihm kein grundsätzlicher Unterschied.
Dieser beruht nur auf den Unterschieden, den der Widerstand und in
Verbindung damit die Leitungsgeschwindigkeit für die verschiedenen
Körper aufweisen. Leiter sind danach solche Stoffe, deren Widerstand sehr
klein, Nichtleiter solche, deren Widerstand sehr groß ist. Deshalb erfordert
die Entladung durch letztere weit mehr Zeit. Auf diese Anschauung hat
später Faraday seine Theorie vom elektrischen Rückstand gegründet.
Mit der Pyroelektrizität des Turmalins hat sich von den Zeitgenossen des
Aepinus besonders der Chemiker und Mineraloge Tobern Bergman
beschäftigt. Bergman (1735-1784) war Professor der Chemie zu Upsala.
Er zeigte, daß der Turmalin nicht durch die Erwärmung als solche, sondern
durch das Hervorrufen einer Temperaturdifferenz elektrisch wird. War die
Temperatur des Kristalls konstant, so war er unelektrisch, mochte die
Temperatur hoch oder niedrig sein. Während der Temperaturzunahme war
das eine Ende positiv, das andere negativ. Während der Abkühlung kehrten
sich die Pole um. In einem späteren, der Mineralogie gewidmeten Abschnitt
wird uns das an dem Turmalin entdeckte pyroelektrische Verhalten weiter
beschäftigen.
Einen gewissen Abschluß fanden die Entdeckungen auf dem Gebiete der
statischen Elektrizität durch Coulombs erfolgreiche Bemühungen,
messend an die bis dahin vorzugsweise nur in der Art ihrer Wirkungen
erforschte Naturkraft heranzutreten.
Charles Augustin Coulomb wurde am 14. Juni 1736 in Angoulème
geboren. Sein Entwicklungsgang hat eine gewisse Ähnlichkeit mit
demjenigen Otto von Guerickes. Wie letzterer war nämlich Coulomb
ausgehend von der Ingenieurkunst zur Behandlung wissenschaftlicher
Fragen gekommen. Die physikalischen Untersuchungen Coulombs
knüpfen, wie wir gleich sehen werden, sämtlich an technische Probleme an.
Coulomb studierte in Paris, wurde Offizier des Geniekorps und kam als
solcher nach Martinique, wo er die Anlage von Befestigungen leitete. Im
Jahre 1776 kehrte er nach Frankreich zurück und begann dort, sich mit

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technisch-mechanischen Untersuchungen zu befassen. Insbesondere
beschäftigte er sich mit der Reibung, der Torsion und der Festigkeit der
Körper. Seine erste Abhandlung betraf die Festigkeit eines horizontalen, mit
dem einen Ende eingemauerten und am anderen Ende belasteten Balkens
von rechteckigem Querschnitt. Für das Gewicht Q, bei welchem der Balken
zerbricht, fand Coulomb den Wert 1/6k(bh2)/l, wenn k den Koeffizienten
der Zugfestigkeit, b die Breite, h die Höhe des Querschnittes und l die
Länge des Balkens bedeutet. Ähnliche Untersuchungen stellte Coulomb
über die Festigkeit von Säulen, die in der Richtung ihrer Achse belastet
werden, sowie über den Erddruck bei Futtermauern an. Auch die Theorie
der einfachen Maschinen machte Coulomb unter Berücksichtigung der
Steifigkeit der Seile und der Reibung zum Gegenstande einer Abhandlung.
Letztere trug ihm im Jahre 1781 einen Preis und die Mitgliedschaft der
Akademie der Wissenschaften ein. Um den Reibungskoeffizienten zu
bestimmen, ließ Coulomb die zu untersuchende Substanz auf einer
Unterlage von gleichem Material gleiten und ermittelte die zur
Fortbewegung erforderliche Zugkraft44.

Abb. 4. Coulombs elektrische Wage.

Auf das Gebiet des Magnetismus und der Elektrizitätslehre wurde
Coulomb dadurch geführt, daß die Akademie einen Preis für die beste
Konstruktion des Schiffskompasses aussetzte. Im Anschluß an eine dadurch
angeregte Untersuchung und unter Verwertung seiner Forschungen über die
Festigkeit in allen ihren Formen, insbesondere die Torsionsfestigkeit, erfand

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Coulomb im Jahre 1785 seine Torsions- oder Drehwage. Von der
Einrichtung und dem Gebrauch dieses Instruments gibt uns die
nebenstehende Abb. 4 Kenntnis45. Ein Glaszylinder ABCD von etwa 30 cm
Höhe wurde mit einer doppelt durchbohrten Glasplatte bedeckt. Durch ihre
Mitte ist ein frei hängender, an der Scheibe op befestigter Silberdraht qp
geführt, der an seinem unteren Ende die zu elektrisierende, möglichst
isolierte Kugel a trägt. Ein Scheibchen g hat nur die Aufgabe, der Kugel a
das Gegengewicht zu halten. Die Verbindung zwischen a und g besteht aus
einem mit Siegellack überzogenen Seidenfaden. Die Scheibe op, welche
den Silberfaden trägt, und der Umfang des großen Glaszylinders besitzen
Gradeinteilungen. Die in der Abbildung rechts dargestellten Teile (H dient
zur Fassung der Gradscheibe G) werden beim Gebrauch der Drehwage
vereinigt und in der über dem Zylinder befindlichen, etwa einen halben
Meter langen Glasröhre untergebracht. Durch die seitliche Öffnung des
Glasdeckels werden elektrisierte Kugeln (d) eingeführt, deren Wirkung auf
den in der Schwebe befindlichen elektrisierten Körper a man messen will.
Ein Maß für die abstoßenden Kräfte ist in der Torsion des Silberdrahtes
gegeben. Die Größe dieser Torsion, welche die Kugel a in ihre
ursprüngliche Lage zurückzudrehen strebt, kann an der Gradeinteilung
abgelesen werden.

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Abb. 5. Coulombs Untersuchung der Torsion.

Seine Arbeiten über die Torsion von Fäden und Metalldrähten hatte
Coulomb ein Jahr vor der Erfindung der Drehwage veröffentlicht46. Die
Methode, welche er anwandte, ist diejenige der Schwingungen oder
Oszillationen. Er wies nämlich nach, daß die Schwingungen eines
schweren, an einem Faden aufgehängten Körpers (Abb. 5) isochron sind. Ist
dies der Fall, dann muß auch die Torsionskraft dem Torsionswinkel
proportional sein. Das Ergebnis seiner Beobachtungen an Drähten
verschiedener Länge (l) und Dicke (D) konnte Coulomb durch folgende
Formel darstellen: Das Drehungsmoment der Torsionskraft ist μ·B·D4/l. In

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dieser Formel bedeutet μ eine charakteristische Konstante des Materials und
B den Torsionswinkel. Coulombs Torsionswage beruht auf der von ihm
entdeckten Eigenschaft der Drähte, eine dem Torsionswinkel proportionale
Gegenkraft zu besitzen. Um die feinsten elektrischen und magnetischen
Wirkungen messen zu können, wählte Coulomb den Torsionsdraht so fein,
daß ein Torsionswinkel von einem Grad einer Torsionskraft von 1/100,000
Gran entsprach. Wurde der Aufhängefaden einem Kokon entnommen, so
genügte schon eine Kraft von 1/60,000 Gran, um den Faden um 360 Grade
zu tordieren.
Das wichtigste Ergebnis der Coulombschen Versuche besteht in dem
Nachweise, daß »die abstoßende Kraft zweier kleiner, gleichartig
elektrisierter Kugeln im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat des
Abstandes der Mittelpunkte beider Kugeln steht«47.
Den Nachweis dieses wichtigen Grundgesetzes lieferte Coulomb in
folgender Weise. Er stellte die Scheibe op (siehe Abb. 5) so ein, daß die
Kugel a unter der seitlichen Öffnung des Glasdeckels stand. Elektrisiert
man nun die Kugel d und führt sie durch die Öffnung bis zur Berührung mit
der beweglichen Kugel a ein, so nehmen beide Kugeln die gleiche
elektrische Ladung von gleicher Dichtigkeit an. Es erfolgt Abstoßung um
36 Grade. Jetzt wird der Torsionskreis entgegengesetzt zur Ablenkung
gedreht, bis letztere nur noch 18 Grad beträgt. Die Entfernung beträgt somit
die Hälfte, während die Torsion jetzt 126° + 18° = 144°, also das Vierfache
beträgt. Um die Kugeln auf ¼ der ursprünglichen Entfernung einander zu
nähern, mußte man die Torsion des Aufhängefadens auf 576 Grad, mithin
auf das Sechszehnfache bringen. Aus diesen Versuchen folgt das oben
erwähnte Grundgesetz.
In seiner zweiten Abhandlung vom Jahre 1785 dehnte Coulomb seine
Untersuchung auf die anziehende Kraft elektrisierter Körper und auf die
abstoßende und anziehende Kraft magnetisierter Körper aus. Er gelangte zu
folgenden Ergebnissen:
1. Die abstoßende wie die anziehende Wirkung zweier elektrisierten Kugeln
und folglich zweier elektrischen Moleküle steht im geraden Verhältnis der
Dichtigkeit der Elektrizität und ist umgekehrt proportional dem Quadrate
der Entfernung.

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2. Die anziehende und abstoßende Kraft des Magnetismus steht gleichfalls
im geraden Verhältnis zu den Dichtigkeiten und im umgekehrten Verhältnis
zum Quadrat des Abstandes der magnetischen Moleküle.
Eine Fehlerquelle der ersten Versuche bestand in dem im Verlaufe des
Versuches vor sich gehenden Elektrizitätsverlust. Um den durch Abgabe an
die Luft und die Aufhängevorrichtung entstehenden Verlust an Elektrizität
in Rechnung ziehen zu können, war eine weitere Untersuchung erforderlich,
die in der dritten Abhandlung vom Jahre 1785 mitgeteilt wurde. Aus dieser
Untersuchung ergab sich, daß die Zerstreuung mit dem Wassergehalt der
Luft wächst. Und zwar ergab sich der Zerstreuungskoeffizient direkt
proportional den Graden des von Saussure erfundenen, an anderer Stelle
beschriebenen Haarhygrometers48.
Schließlich wandte sich Coulomb noch der Verteilung der Elektrizität zu.
Er bedeckte eine isolierte Metallkugel mit zwei halbkugelförmigen Schalen,
die mit isolierenden Handhaben versehen waren. Nachdem er das Ganze
elektrisiert hatte, nahm er die Schalen fort. Es zeigte sich, daß die Kugel
völlig unelektrisch, die Schalen dagegen elektrisch waren49. Wurde die
Kugel allein elektrisiert und wurden die Schalen dann darauf gesetzt, so
erhielt man nach der Trennung dasselbe Ergebnis, wie beim ersten
Versuch50.

Page 38

Abb. 6. Coulombs Versuch über die Verteilung der Elektrizität.

Die beiden Grundgesetze über die Verteilung der Elektrizität sprach
Coulomb in folgender Fassung aus: 1. Die Elektrizität verbreitet sich in
allen leitenden Körpern gemäß ihrer Gestalt, ohne daß sie eine auswählende
Anziehung für einen Körper gegenüber einem anderen zu haben scheint. 2.
In einem elektrisierten leitenden Körper verbreitet sich die Elektrizität auf
der Oberfläche des Körpers, dringt aber nicht in das Innere ein.
Sowohl Coulomb wie auch Cavendish erkannten, daß die Eigenschaft
der Elektrizität, sich auf der Oberfläche der leitenden Körper auszubreiten
und nicht in das Innere dieser Körper einzudringen, eine Folge des Gesetzes
von der Abstoßung nach dem umgekehrten Quadrat der Entfernung sei.
Mit Coulomb findet die erste Periode in der Entwicklung der
Elektrizitätslehre ihren Abschluß. Seine Arbeiten galten der Elektrostatik
und brachten dieses Gebiet zu hoher Vollendung. Auf das die Wirkung der
elektrischen Kräfte vermittelnde Dielektrikum nahm Coulomb noch keine

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Rücksicht. Das geschah erst in der neuesten, durch Faraday eröffneten
Periode der Elektrizitätslehre. Für Coulomb waren die elektrische
Anziehung und Abstoßung wie die Newtonsche Gravitation Fernkräfte, die
momentan durch den leeren Raum hindurch wirken. Dieser Umstand tut
indessen dem Wert der Coulombschen Arbeiten keinen Abbruch, da sie nur
den Anspruch erheben, mustergültige Messungen unter Ausschluß jeder
Spekulation zu sein. Als solche bildeten sie die Grundlage, auf welche die
nachfolgende Generation die mathematische Theorie der elektrischen und
magnetischen Erscheinungen aufzubauen vermochte, eine Aufgabe, die mit
Hilfe der höheren Analysis, insbesondere der Potentialtheorie, in den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gelöst wurde51.

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3. Praktische und theoretische Fortschritte auf dem Gebiete
der Wärmelehre.
Während der Hauptanreiz zum Studium der elektrischen Phänomene in dem
Wunderbaren und Außergewöhnlichen lag, das sich in ihnen offenbart,
wandte man sich den Erscheinungen der Wärme mit wachsendem Interesse
zu, seitdem man die bewegende Kraft des Dampfes kennen und verwerten
gelernt hatte. Durch die Versuche Herons von Alexandrien war schon
das Altertum mit den Äußerungen dieser Kraft bekannt geworden. Dazu
waren seit Beginn der neueren Zeit die Bemühungen Portas und anderer
gekommen. Der grundlegende Versuch, der zur Erfindung der
Dampfmaschine führte, von welcher doch erst die Rede sein konnte, sobald
die unter dem Namen der einfachen Maschinen bekannten Mechanismen
durch den Dampf in Bewegung gesetzt wurden, rührt von Papin her. Es ist
dies ein Versuch, der noch heute im elementaren Physikunterricht angestellt
wird. Papin verdampfte Wasser in einem zylindrischen Gefäß, in dem sich
ein luftdicht schließender, beweglicher Kolben befand (siehe Abbildung 7).
Dieser Kolben wurde beim Erhitzen durch den Dampf emporgehoben, bei
einer darauf folgenden Abkühlung aber infolge des Luftdruckes wieder
abwärts bewegt. Die Lösung, welche Papin gab, war indes mehr eine
theoretische als eine praktisch verwertbare. Die von Papin ersonnene
Vorrichtung wird uns durch seine in Abb. 7 wiedergegebene Zeichnung
erläutert.
Papin veröffentlichte52 seine Erfindung unter dem Titel: »Neues Verfahren,
bedeutende bewegende Kräfte zu billigen Preisen zu erhalten«. Der erhoffte
Erfolg trat erst ein, als der englische Mechaniker Newcomen auf
Veranlassung der Royal Society sich mit dem Papinschen Entwurf
beschäftigte. Die wesentlichste Verbesserung, die Newcomen an der
atmosphärischen Maschine anbrachte, bestand in der Verbindung der
Kolbenstange mit einem Balancier. Papins Bemühen war darauf gerichtet
gewesen, die geradlinige Bewegung des Kolbens in eine kreisförmige
umzusetzen, um auf diese Weise ein von ihm erbautes Räderboot zu
treiben53.

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Abb. 7. Papins erste Dampfmaschine.
AA ist der eiserne Zylinder, BB der Kolben, DD die Kolbenstange, II der Deckel
des Zylinders. Der um F drehbare Hebel EE wurde durch die Kolbenstange in
Bewegung gesetzt. Eine Feder G drückt den Hebel fortwährend in eine Nut der
Kolbenstange. Der Kolben besaß eine Durchbohrung, um beim erstmaligen
Herabdrücken die im Zylinder befindliche Luft entweichen zu lassen. MM ist
eine Stange, welche die erwähnte Durchbohrung nach dem Herabdrücken des
Kolbens verschloß. Beim Erhitzen drückte der Dampf den Kolben nach oben,
beim Abkühlen wirkte nur der Luftdruck. Die Maschine war also eine
atmosphärische.

Technische Erfindungen von epochemachender Bedeutung lassen sich meist
auf ein zwingendes Bedürfnis zurückführen. Ein solches war es auch, das

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eine brauchbare Dampfmaschine gerade zur rechten Zeit und an rechter
Stelle ins Leben treten ließ. In England war man schon im Mittelalter auf
die Schätze aufmerksam geworden, den der Boden in den mineralischen
Brennstoffen enthält. In dem Maße, in welchem das Land den Schmuck
seiner Wälder einbüßte, nahm der Abbau der Steinkohle an Umfang zu.
Man mußte die vorhandenen Flöze bis in immer größere Tiefen verfolgen
und befand sich schließlich der Unmöglichkeit gegenüber, durch Tier- und
Menschenkraft die Wasserhaltung in den Gruben zu bewerkstelligen.
Diesem Zwecke wurde nun im 18. Jahrhundert der Dampf dienstbar
gemacht. Nach vielen mühsamen Versuchen gelang es Newcomen, im
Jahre 1712 eine nach Papins Idee gebaute Maschine in Gang zu setzen. Sie
machte zwar nur zehn Hube in der Minute, förderte aber schon eine
Wassermenge, zu deren Bewältigung vorher 50 Pferde und die sechsfachen
Kosten erforderlich waren. Bei der Maschine Newcomens (siehe
Abbildung 8) fiel wie bei derjenigen Papins dem Dampf nur die Aufgabe
zu, den Kolben t emporzuheben und durch Vermittlung des Balanciers das
Pumpengestänge hinabzulassen. Die weit größere bewegende Kraft, die
zum Heben des Wassers erforderlich ist, rührte nicht vom Druck des
Dampfes, sondern von dem nach seiner Verdichtung auf den Kolben
wirkenden Luftdruck her. War nämlich der Kolben gehoben und das Ventil
bei d geschlossen, so wurde der Dampf dadurch verdichtet, daß man
Kühlwasser auf den Kolben goß.

Abb. 8. Newcomens Dampfmaschine.

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Alsbald zeigte es sich, daß Maschinen mit geringen Undichtigkeiten, bei
denen das Kühlwasser unter den Kolben trat und dadurch mit dem Dampf
in unmittelbare Berührung kam, weit schneller arbeiteten. Diese
Beobachtung führte dazu, daß man das Wasser absichtlich in den mit
Dampf gefüllten Raum einspritzte, ein Geschäft, das zunächst einen
besonderen Wärter erforderte. Später kam man auf den Gedanken, die
Hähne mit dem Balancier zu verbinden, durch dessen Spiel sie fortan
geöffnet und geschlossen wurden54.
In der ihr von Newcomen gegebenen Gestalt leistete die Dampfmaschine
den Kohlengruben Englands bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts
wichtige Dienste, ohne die Aufmerksamkeit der Physiker sonderlich zu
erregen. Da erhielt ein junger Mechaniker namens James Watt 55, den die
Universität Glasgow mit der Instandhaltung ihrer Apparate betraut hatte,
den Auftrag, das Modell der Newcomenschen Maschine auszubessern.
Der kleine Apparat fesselte Watt in solchem Grade, daß er sein Leben der
Vervollkommnung der Dampfmaschine widmete. Als den größten Mangel
erkannte er den Umstand, daß die Wände des Cylinders durch das
eingeführte Wasser immer wieder abgekühlt wurden und nach jedem Hube
durch den einströmenden Dampf von neuem erwärmt werden mußten.
Diesen Übelstand beseitigte Watt dadurch, daß er den Dampf außerhalb des
Zylinders in einem besonderen Kondensator verdichtete, so daß der
Zylinder, der außerdem mit schlechten Wärmeleitern umgeben wurde, die
Temperatur des Dampfes beibehielt. Durch diese Verbesserungen, die Watt
im Jahre 1765 anbrachte, wurde eine beträchtliche Ersparnis an
Brennmaterial erzielt. Einige Jahre später erfolgte die grundsätzliche
Änderung der Maschine56, indem Watt hochgespannten Dampf
abwechselnd von beiden Seiten auf den Kolben wirken und so aus der
atmosphärischen die eigentliche Dampfmaschine entstehen ließ. Weitere
Verbesserungen betrafen die Anwendung von Öl und Wachs als Mittel zum
Abdichten der Maschinenteile, sowie die Regelung des Ganges vermittelst
des Zentrifugalpendels. Ein weites Feld für neue Anwendungen eröffnete
sich, nachdem es Watt gelungen war, die geradlinige Bewegung der
Kolbenstange in eine drehende umzusetzen. Nun erst konnte an eine
Übertragung der Kraft auf größere Entfernungen, sowie an eine
Fortbewegung von Schiffen und Wagen vermittelst der Dampfmaschine
gedacht werden. Letztere wurde bald eins der wichtigsten Mittel zur
Belebung des Gewerbfleißes und damit zur Förderung der gesamten Kultur.

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Noch bevor James Watt am 19. August des Jahres 1819 starb, hatte
Fultons Dampfschiff die Fluten des Hudson durchfurcht57 und
Stephenson seine erste Lokomotive laufen lassen. Letzteres geschah am
25. Juli 1814. Diese Lokomotive lief auf einer Kohlenbahn und zog 8
Wagen von 30000 kg Gewicht bei einer Steigung von 1 : 450. Die
Geschwindigkeit betrug 6,4 km in der Stunde58. Schon 6 Jahre früher hatte
ein anderer Engländer seinen Landsleuten eine kleine Lokomotive
vorgeführt, die bei einem Dampfdruck von nahezu 3 Atmosphären 24 km in
der Stunde zurücklegte und den Namen »Catch me, who can!« erhielt59.
Trotzdem wurde erst im Jahre 1830 die erste, dem Verkehr dienende
Eisenbahnlinie Liverpool-Manchester von Stephenson fertiggestellt.
Der Aufschwung, den Gewerbe, Handel und Verkehr durch Männer
erfuhren, die gleich Watt und Stephenson eine auf den Grundlagen der
Physik beruhende Technik schufen, kam mittelbar in stetig wachsendem
Maße der Wissenschaft wieder zugute. So ließ es sich beispielsweise schon
Watt angelegen sein, das vor ihm nicht bekannte Volumverhältnis des
Wassers im flüssigen und im dampfförmigen Zustande zu ermitteln. Mußte
es ihm doch darauf ankommen zu wissen, wie oft sein Zylinder durch das
Verdampfen einer bestimmten Wassermenge mit gespanntem Dampf gefüllt
werden konnte. Watt ermittelte, daß sich das Wasser bei der Umwandlung
in Dampf etwa auf das 1700fache seines Volumens ausdehnt. Eine
Untersuchung über die Verdichtung des Dampfes ließ Watt schon
erkennen, daß die Kondensationswärme des Wasserdampfes sich auf 534
Wärmeeinheiten beläuft. Watt bediente sich nur niedriger Spannungen. Er
gelangte indessen schon dazu, die Expansion des Dampfes zu verwerten.
Um die Expansion verfolgen und dadurch ein Urteil über die
Arbeitsleistung des Dampfes gewinnen zu können, konstruierte Watt den
heute noch bei der Aufnahme von Diagrammen üblichen Federindikator.
Dem Andenken Watts wurde in der Westminsterabtei ein Denkmal mit
folgender Inschrift errichtet:

Nicht um einen Namen zu verewigen,
Der dauern wird, so lange die Künste des Friedens blühen,
Sondern, um zu zeigen,
Daß die Menschheit denjenigen Ehre zollt,
Denen sie Dank schuldet,

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Haben der König, seine Diener, sowie zahlreiche Edle
Und Bürger des Königreichs
James Watt dieses Denkmal errichtet.
Seinem Genie gelang es,
Auf dem Wege des Versuches
Die Dampfmaschine zu verbessern.
Er hob dadurch den Reichtum seines Vaterlandes,
Vergrößerte die Macht der Menschen
Und stieg zu hohem Range
Unter den großen Förderern der Wissenschaft,
Den wahren Wohltätern der Menschheit.

Gleich der Dampfmaschine empfing im Laufe des 18. Jahrhunderts ein
zweites, aus dem Studium der Wärmeerscheinungen hervorgegangenes
Werkzeug seine endgültige Gestalt. Es war das Thermometer. Wir haben die
Verdienste Galileis und der Accademia del Cimento um die Erfindung
dieses Instrumentes kennen gelernt60. Von seiner Vervollkommnung hingen
die Fortschritte auf dem Gebiete der Wärmelehre in erster Linie ab. Ja, das
Streben nach einer solchen Vervollkommnung allein hat eine ganze Anzahl
von wichtigen Entdeckungen zur Folge gehabt. Die Mitglieder der
Accademia del Cimento hatten sich bei ihren Untersuchungen zwar schon
wirklicher, auf der Ausdehnung von Weingeist beruhender Thermometer,
indes noch einer willkürlichen Skala bedient. Durch ein Mitglied der
Accademia del Cimento61 erfolgte 1694 der Vorschlag, den Gefrier- und den
Siedepunkt des Wassers als Fixpunkte zu benutzen. Daß diese
Temperaturpunkte konstant sind, erkannten gegen das Ende des 17.
Jahrhunderts mehrere Forscher. So machte Halley 1693 auf die
Beständigkeit des Siedepunktes aufmerksam. Noch früher war die Konstanz
des Schmelzpunktes den Mitgliedern der Accademia aufgefallen. Trotzdem
kamen die Florentiner Physiker nicht auf den Gedanken, diese Punkte zur
Einrichtung einer Thermometerskala zu verwenden. Und ebensowenig
dachten Halley und Hooke, die sich in England eingehend mit
Thermometrie beschäftigten, an eine Verwendung der erwähnten Fixpunkte.
Es handelte sich zunächst darum, den Gang der Ausdehnung von Weingeist,
Wasser, Quecksilber und anderen Flüssigkeiten näher zu untersuchen, eine
Aufgabe, mit der sich vor allem Halley 62 befaßt hat. Als
Ausdehnungskoeffizienten des Quecksilbers für eine Temperaturerhöhung

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vom Schmelzpunkt bis zum Siedepunkt des Wassers fand Halley 1/74.
Diese Ausdehnung hielt er für so gering, daß er Bedenken trug, das
Quecksilber als Thermometerflüssigkeit in Vorschlag zu bringen.
Andererseits machte er darauf aufmerksam, daß die Ausdehnung des
Quecksilbers die Angaben des Barometers beeinflussen müsse, ohne daß er
indessen die Notwendigkeit einer Wärmekorrektur dieses Instrumentes
schon hervorgehoben hätte.
Als oberen Fixpunkt brachte Halley die Siedetemperatur des Alkohols in
Vorschlag, als unteren empfahl er die Temperatur tiefer Keller, weil er diese
Temperatur für leichter bestimmbar hielt als diejenige schmelzender
Flüssigkeiten.
Die Aufgabe, wirklich gut vergleichbare, für den wissenschaftlichen
Gebrauch geeignete Thermometer zu schaffen, hat kein gelehrter Physiker,
sondern ein Mann von praktischem Blick und Geschick, der Deutsche
Fahrenheit, gelöst.
Fahrenheit wurde 1686 in Danzig geboren. Er kam als Kaufmann nach
Holland, wo die Kunst, Glasapparate für den praktischen und
wissenschaftlichen Gebrauch zu verfertigen, seit Alters in Blüte stand.
Fahrenheit widmete sich dieser Kunst. Er starb in Amsterdam im Jahre
1736.
Fahrenheits Aufgabe, die er mit allen ihm zu Gebote stehenden
wissenschaftlichen Mitteln, aber im geschäftlichen Interesse verfolgte,
betraf die Verfertigung brauchbarer Thermometer. Seine ersten
Thermometer waren mit Weingeist gefüllt und schon vor 1710 in vielen
nördlichen Städten Europas in Gebrauch. Es wird berichtet63, daß der
Philosoph Christian Wolf in Halle sich über den übereinstimmenden
Gang zweier Thermometer, die er von Fahrenheit erhalten hatte, nicht
genug wundern konnte.
Fahrenheit hatte gelesen, daß die Höhe der Quecksilbersäule im
Barometer von der Temperatur abhängig sei. Dies brachte ihn um 1720 auf
den Gedanken, das Quecksilber als Thermometerflüssigkeit anzuwenden.
Seiner Skala legte er drei Punkte zugrunde:
1. Den Punkt »strengster Kälte, wie man ihn durch Mischung von Wasser,
Eis und Salmiak erhält«. Er bezeichnete diesen Punkt mit Null und hielt ihn

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für den absoluten Wärmenullpunkt.
2. Den Schmelzpunkt des Eises, den er mit 32 bezeichnete.
3. Die Temperatur im Innern des Mundes oder die Blutwärme, auf deren
Beständigkeit schon die Florentiner aufmerksam geworden waren64.
Fahrenheit bezeichnete diesen Wärmegrad mit 96.
Wahrscheinlich hat er außerdem bei der Regelung der Skala den Siedepunkt
des Wassers verwertet65, diesen Umstand indessen, und zwar wohl aus
geschäftlichen Rücksichten, verschwiegen. Fahrenheit bestimmte auch die
Siedepunkte verschiedener Flüssigkeiten. Er veröffentlichte über diesen
Gegenstand im Jahre 1724 eine Tafel, aus der folgende Werte mitgeteilt
seien:
Alkohol 176
Reines Wasser 212
Schwefelsäure 546.
Für die untersuchten Flüssigkeiten wurden die spezifischen Gewichte genau
ermittelt, damit die erhaltenen Angaben mit späteren Untersuchungen
vergleichbar seien66. Daß für reines Wasser der Siedepunkt nach dieser
Skala 212 und daß der Fundamentalabstand 180 Grade beträgt, war nicht,
wie man oft meint, eine ursprüngliche Festsetzung, sondern diese Zahlen
folgen erst aus den angenommenen Fixpunkten 0, 32, 96.
Die Angabe, daß der Siedepunkt des Wassers 212 Grad betrage, wird von
Fahrenheit in einer Abhandlung, die gleichfalls aus dem Jahre 1724
stammt, durch eine wichtige Entdeckung eingeschränkt. Fahrenheit teilt
darin67 nämlich mit, er habe erkannt, daß jener Punkt »bei derselben
Schwere der Atmosphäre fest sei, daß er sich aber bei veränderter Schwere
der Atmosphäre in verschiedenem Sinne ändere«. Auch die unter dem
Namen der Überkaltung bekannte Erscheinung, daß in völliger Ruhe
befindliches Wasser erheblich unter den Gefrierpunkt abgekühlt werden
kann, ohne zu erstarren, entdeckte Fahrenheit gelegentlich seiner
thermometrischen Untersuchungen68. Er war, wie er erzählt, begierig zu
erforschen, welches die Wirkung der Kälte sein werde, wenn man das
Wasser in ein evakuiertes Gefäß bringe. Zu diesem Zwecke wurde eine
Glaskugel zur Hälfte mit reinem Wasser gefüllt, luftleer gemacht und eine
Nacht einer Temperatur von etwa -10° C ausgesetzt. Am folgenden Morgen

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bemerkte Fahrenheit, daß das Wasser noch immer flüssig war. Er schrieb
dieses unvorhergesehene Verhalten zunächst der Abwesenheit der Luft zu.
In dieser irrigen Annahme wurde er noch bestärkt, als er zu seinem
Erstaunen beim Öffnen des Gefäßes sah, daß sich die ganze Wassermasse,
unter Erhöhung der Temperatur bis zum Gefrierpunkt, mit Eisnadeln
durchsetzte.
Voll Eifer setzte Fahrenheit die Untersuchung dieser wunderbaren
Erscheinung fort. Zunächst stellte er sich die Frage, ob das Gefrieren auch
im Vakuum zustande kommen könne. Der Versuch wurde wiederholt und
das überkaltete Wasser geschüttelt, ohne daß der Luft vorher Zutritt
gegeben war. Bei heftiger Erschütterung wurde auch jetzt die ganze
Wassermasse fast in demselben Augenblick von Eislamellen durchsetzt69.
Die Herstellung von Thermometern mit vergleichbaren Skalen hat auch den
Franzosen Réaumur beschäftigt. Die Ergebnisse seiner umfangreichen
Abhandlung sind indessen nur gering gewesen70. Réaumur wollte die
Grade des Thermometers durch die relative Volumveränderung bestimmen,
welche der Weingeist bei Temperaturschwankungen erfährt.
Selbstverständlich mußte man, um vergleichbare Resultate zu erhalten,
Weingeist von ganz bestimmter Konzentration nehmen. Réaumur schlug
vor, für sämtliche nach seinem Verfahren hergestellte Thermometer einen
Weingeist zu wählen, dessen Volumen »beim Gefrieren des Wassers 1000
und, durch siedendes Wasser ausgedehnt, 1080 Raumteile beträgt«71. Von
diesem Vorschlage rührt die bekannte Zahl 80 der Réaumurschen Skala
her.
Gelegentlich seiner thermometrischen Untersuchungen machte Réaumur
die wichtige Entdeckung, daß das Volumen eines Flüssigkeitsgemisches
kleiner sein kann als die Summe der Teilvolumina72. Réaumur machte
diese Entdeckung, als er Weingeist von bestimmter Konzentration herstellen
wollte, der zur Füllung seiner Thermometer bestimmt war. Als er 50 Maß
Wasser mit 50 Maß reinem Weingeist mischte, erhielt er statt 100 nur 98
Maß verdünnten Weingeist. Die Raumverminderung betrug somit 1/50.
Réaumur dehnte diese Untersuchung auf die verschiedenartigsten
Flüssigkeiten aus. Beim Mischen von Leinöl und Terpentinöl trat keine
Raumverminderung ein; auch Milch und Wasser mischten sich ohne eine
solche. Dagegen war die Raumverminderung beim Zusammenbringen von

Page 49

Wasser und Schwefelsäure »vielleicht die größte, welche sich erzielen
läßt«. Es verbanden sich nämlich 40 Maß Wasser mit 10 Maß
Schwefelsäure zu 48 Maß der Mischung. Die Volumabnahme betrug somit
1/25.
Auch auf die mit der Volumabnahme Hand in Hand gehende
Wärmeentwicklung richtete Réaumur seine Aufmerksamkeit. Die
Erscheinung selbst versuchte er aus der molekularen Zusammensetzung zu
erklären. Er nahm nämlich an, daß zwischen den Molekülen noch Lücken
vorhanden seien, welche die Moleküle einer zweiten Substanz auszufüllen
vermöchten. Folgender Vergleich soll diesen Vorgang begreiflich machen:
»Mischt man«, sagt Réaumur, »ein Maß Bleikugeln und ein gleich großes
Maß sehr kleiner Bleikörner, so werden diese nicht zwei Maß geben. Die
kleinen Körner werden nämlich die Räume einnehmen, die zwischen den
großen Kugeln leer blieben, und je kleiner die kleinen Kugeln im Verhältnis
zu den großen sind, um so weniger wird die Mischung an Volumen
zunehmen.«
Dasjenige Thermometer, das heute in der Wissenschaft allein Geltung
besitzt und auch im Leben die übrigen immer mehr verdrängt, rührt von
Celsius her. Es beruht auf der scharfen Erfassung der Fixpunkte und der
Einteilung des gewonnenen Fundamentalabstandes in 100 Grade. Celsius
setzte den Zylinder seines Thermometers in klebrigen Schnee und
vermerkte genau den Stand des Quecksilbers. Dann beobachtete er, welchen
Stand das Quecksilber in siedendem Wasser bei einer Barometerhöhe von
25 Zoll und 3 Linien annimmt. Den Abstand teilte er in hundert gleiche
Teile, und diese Teilung wurde über die Fixpunkte hinaus fortgesetzt73. Die
Bezeichnung des Gefrierpunktes mit 0° und des Siedepunktes mit 100°
rührt wahrscheinlich von Linné her, der in den Warmhäusern des
botanischen Gartens in Upsala das Celsiussche Thermometer benutzte74.
Während Réaumur dem Weingeist als Thermometerflüssigkeit den Vorzug
gab und die Temperaturgrade der Volumzunahme seiner
Thermometerflüssigkeit proportional setzte, bediente sich Celsius, wie
auch Fahrenheit bei seinen späteren Versuchen, des Quecksilbers, das
höhere Temperaturen zu messen gestattet. Celsius hatte auch beobachtet,
daß der Siedepunkt des Wassers nur dann derselbe bleibt, wenn sich der
Barometerstand nicht ändert. Bei der Anfertigung seiner Thermometer
verfuhr er folgendermaßen: Er setzte die Kugel des Thermometers in

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schmelzenden Schnee und merkte den Stand des Quecksilbers an. Um den
zweiten Fundamentalpunkt zu bestimmen, tauchte er die Kugel in siedendes
Wasser, während die Barometerhöhe ihren mittleren Wert besaß. Die
erhaltene Strecke wurde in hundert gleiche Teile oder Grade geteilt. Diese
Gradeinteilung wurde dann von beiden Fundamentalpunkten aus nach oben
und nach unten fortgesetzt75. Auch das Luftthermometer und das Pyrometer
sind Erfindungen jenes Zeitraumes, so daß die Methoden der Messung des
Wärmezustandes zu einem gewissen Abschluß gebracht wurden.
Auf den Änderungen des Volumens, welche die Luft infolge von
Temperaturschwankungen erfährt, beruhte bekanntlich schon der Apparat,
dessen sich Galilei zum Messen der Wärme bediente. Brauchbar war
dieses Verfahren indessen erst, als es gelang, die Einwirkung der
Luftdruckschwankungen entweder auszuschließen oder zu berücksichtigen.
Um die Verwirklichung dieses Problems haben sich besonders der Franzose
Amontons (1663-1705), der Deutsche Lambert (1728-1777) und später
Regnault und Magnus Verdienste erworben.
Amontons' Luftthermometer besteht aus einer Kugel von etwa 8 cm
Durchmesser. Diese Kugel ist zum Teil mit Luft, zum Teil mit Quecksilber
gefüllt und mit einer etwa einen Meter langen, engen Röhre verbunden. Die
Durchmesser der Kugel und der Röhre sind so gewählt (etwa 1 : 60), daß
eine geringe Volumvergrößerung der Luft ein bedeutendes Ansteigen der
Quecksilbersäule in der engeren Röhre bewirkt. Die Temperatur wird also
bei einem solchen Instrument nicht durch die Vergrößerung des Volumens,
das ja im wesentlichen dasselbe bleibt, sondern durch die Änderung der
Spannkraft der eingeschlossenen Luft gemessen. Amontons
berücksichtigte bei seinen Messungen noch den Barometerstand. Ferner
mußte er, da er die Spannkraft der Luft als Maß der Temperatur benutzte,
schon auf den Gedanken kommen, den niedrigsten Wärmegrad in dem
Zustande der Luft zu erblicken, in welchem ihre Spannkraft Null ist76. Zählt
man von diesem absoluten Nullpunkt an, so verhält sich, wie Amontons
mit hinlänglicher Genauigkeit berechnet, die größte Kälte zur größten Hitze
in Paris wie 5 : 6.

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Abb. 9. Amontons' Luftthermometer.

Auch Lambert verwertete die Spannung der Luft zur Ermittlung der
Temperaturen. Er wählte für sein Luftthermometer den Schmelzpunkt und
den Siedepunkt des Wassers als Fundamentalpunkte. Setzte er dann für den
Schmelzpunkt die Spannung der Luft gleich 1000, so ergab sich für den
Siedepunkt in guter Übereinstimmung mit den späteren Bestimmungen von
Gay-Lussac die Spannung gleich 1375, woraus als
Ausdehnungskoeffizient 0,375 folgen würde .77

Aus dem Bemühen, höhere Temperaturen zu messen, als es die
gewöhnlichen Thermometer gestatten, erwuchs das Pyrometer und die

Page 52

Pyrometrie. Musschenbroek suchte für diesen Zweck schon 1725 die
Ausdehnung der Metalle zu verwerten. Ein Metallstab wurde auf ein Gestell
gelegt. Das eine Ende des Stabes war mit dem Gestell verbunden, während
sich das andere Ende gegen eine Zahnstange legte. Beim Erwärmen wurde
die Zahnstange infolge der Ausdehnung des Metallstabes verschoben. Die
Zahnstange wirkte auf ein Zahnrad. An diesem war ein Zeiger befestigt,
welcher das Maß der Ausdehnung, beziehungsweise den Wärmegrad,
abzulesen gestattete78. Das von Wedgwood im Jahre 1782 empfohlene
Pyrometer gründete sich auf dem Vermögen des Tons, in der Hitze zu
schwinden, ohne sich beim späteren Erkalten wieder auszudehnen79.
Besondere Verdienste auf diesem Gebiete erwarb sich der schon genannte
Lambert durch eine 1779 erschienene Schrift, welche er »Pyrometrie oder
vom Maß des Feuers und der Wärme« betitelte. Lambert bediente sich für
seine Messungen, wie erwähnt, des Luftthermometers. Dehnte sich die Luft
um 1/1000 desjenigen Volumens aus, das sie bei der Temperatur des
schmelzenden Schnees einnimmt, so entsprach dies einem Grade seines
Instruments. Der Siedetemperatur des Wassers entsprachen somit 375
Grade, da sich die Luft beim Erwärmen von der Gefriertemperatur bis zur
Siedetemperatur nach Lamberts Ermittlung von 1000 auf 1375, also um
375/1000 ihres Volumens ausdehnt.

Abb. 10. Saussures Haarhygrometer.

Daß mit dem Wärmezustand der Luft ihr Vermögen, Feuchtigkeit
aufzunehmen, Änderungen unterworfen ist, wurde gleichfalls in diesem

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Zeitraum und zwar insbesondere durch Lambert und durch Saussure
festgestellt. Dem Gedanken, die Luftfeuchtigkeit zu bestimmen, sind wir
schon bei Nikolaus von Cusa und Lionardo da Vinci 80 begegnet. Beide
bemerkten, daß trockene Wolle die Feuchtigkeit aus der Luft anzieht. Später
benutzte man als hygroskopische Substanz Schwefelsäure, die in einem
Gefäß auf einer Wage tariert war (Gould 1683)81. Lambert wandte (1772)
eine Darmsaite an; sie wurde an ihrem oberen Ende befestigt und am
unteren mit einem über einer Teilung spielenden Zeiger verbunden. Zu
einem erfolgreichen Abschluß kamen die Bemühungen, die Luftfeuchtigkeit
mit Hilfe hygroskopischer Substanzen zu messen, erst durch die Erfindung
des Saussureschen Haarhygrometers.
Horace Bénédicte de Saussure, berühmt durch seine geologische
Durchforschung der Alpen und seine Besteigungen des Mont-Blanc und des
Monte Rosa, bemerkte, daß ein Haar sich verlängert, wenn es feucht wird,
und sich verkürzt, wenn es austrocknet. Entfettete man das Haar, so betrug
die Längenänderung das Vier- bis Fünffache der an dem rohen Haar
beobachteten. Diese Entdeckung führte Saussure auf die Konstruktion
eines Apparates, der nebenstehend abgebildet ist (Abb. 10). Die Einrichtung
ist die folgende. Das untere Ende des Haares ab wird von dem
Schraubenkloben b gehalten. Das andere Ende des Haares wird von dem
Kloben a gehalten. Der obere Kloben steht mit einer horizontalen Welle d in
Verbindung. Sie trägt den Zeiger und ein Gegengewicht g. Dies
Gegengewicht ist etwas schwerer als der Kloben a, damit das Haar eine
geringe Spannung erhält. Ferner ist das Gegengewicht an einem seidenen
Faden befestigt, der sich um die Welle schlingt und sie in Drehung versetzt.
Die Graduierung des Instruments erfolgte, indem Saussure zunächst den
Punkt der größten Feuchtigkeit bestimmte. Zu diesem Zwecke wurde der
Apparat unter eine Glocke gebracht, die auf einem mit Wasser bedeckten
Teller stand, so daß die Luft unter der Glocke sich mit Feuchtigkeit sättigen
mußte. Um den Punkt der äußersten Trockenheit zu bestimmen, brachte er
unter den Rezipienten geschmolzenes, stark Wasser anziehendes Alkali.
Nach einiger Zeit kam der Zeiger auf einen festen, der völlig trockenen Luft
entsprechenden Stand. Der Raum zwischen den beiden so erhaltenen
Fixpunkten wurde in 100 gleiche Teile eingeteilt.
Saussures Hygrometer hat sich bis auf den heutigen Tag als eins der
wichtigsten meteorologischen Instrumente erhalten. Es wurde samt einer

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Theorie der Hygrometrie von dem Erfinder im Jahre 1783 bekannt gegeben.
Saussures Werk über die Hygrometrie, das Cuvier zu den besten zählte,
um das die Wissenschaft im 18. Jahrhundert bereichert worden sei, erschien
vor kurzem in deutscher Übersetzung82.
Der Wärme selbst schrieben die meisten Forscher im 18. Jahrhundert gleich
dem Lichte stoffliche Natur zu, eine Auffassung, welche durch die
Untersuchungen von Black 83 und Wilke 84 eine Stütze zu erhalten schien.
Diese Forscher hatten nämlich entdeckt, daß beim Schmelzen des Eises eine
bestimmte Menge Wärme für das Gefühl verloren geht, die sich scheinbar
mit dem Eise bei seinem Übergang in Wasser verbindet. So gelangte man
dazu, von gebundener (latenter) und freier Wärme zu reden, Namen, die zur
Erhaltung der irrtümlichen Vorstellung von der Natur der Wärme jedenfalls
mitgewirkt haben und dem Emporkommen neuer richtiger Anschauungen
hinderlich gewesen sind. Doch trat neben den Mathematikern Daniel
Bernoulli I und Euler besonders der Chemiker Lomonossow 85 schon um
die Mitte des 18. Jahrhunderts dafür ein, daß die Wärme eine innere
Bewegung des Stoffes sei. Wegen der geringen Größe der die Körper
zusammensetzenden Korpuskeln könne man jene innere Bewegung zwar
nicht sehen, sie verrate sich aber durch zahlreiche Erscheinungen.
Lomonossow nahm an, daß die Wärme in einer kreisenden Bewegung der
Korpuskeln oder Teilchen bestehe. Der tiefste mögliche Wärmegrad ist ihm
ein absolutes Aufhören jener Bewegung. Einen höchsten Wärmegrad könne
man sich nicht vorstellen, da es für die Geschwindigkeit der Bewegung
keine Grenze gebe. So in richtiger Vorahnung der späteren Entwicklung
Lomonossow 86. Die ersten Beobachtungen über die Schmelzwärme
wurden gleichfalls um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemacht. Ein
französischer Forscher87 ließ Wasser in einem Gefäß gefrieren, in das er
zuvor ein Thermometer gestellt hatte. Wurde das Gefäß erwärmt, so stieg
die Temperatur, bis das Eis zu schmelzen begann. Von diesem Augenblicke
an blieb das Thermometer auf dem Schmelzpunkt stehen, so lange
schmelzendes Eis in dem Gefäße vorhanden war. Die während dieses
Zeitraums zugeführte Wärme wurde sozusagen verschluckt, gebunden oder
latent.
Ähnliche Ergebnisse erhielt man beim Mischen von Eis mit Wasser. Man
war zunächst von der Voraussetzung ausgegangen, daß beim Mischen von
Stoffen die Temperaturen sich unter Berücksichtigung der

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Flüssigkeitsmengen einfach ausgleichen müßten. Danach würde es sich in
solchen Fällen also nur um eine leicht zu lösende rechnerische Aufgabe
gehandelt haben88; und es müßten, um den einfachsten Fall zu wählen,
gleiche Mengen beim Mischen eine mittlere Temperatur annehmen.
Hier setzte Black ein, dessen Untersuchungen über die Eisschmelzung zu
denjenigen gehören, die für das Gebiet der Wärmelehre am meisten
aufklärend gewirkt haben89. Durch seine Untersuchungen über die
Gewichtszunahme, welche die Metalle bei ihrer Verkalkung erfahren, wurde
er gleich Mayow zum Vorläufer Lavoisiers. Er entdeckte, unabhängig
von Wilke, die spezifische Wärme und die latente Wärme des Wassers und
des Dampfes.
Blacks entscheidender Versuch war folgender. Er brachte zu einer
Eismasse von 32° F eine dem Gewichte nach genau gleiche Wassermasse
von 172° F. Nach der oben erwähnten Mischungsregel hätte man eine
Temperatur von 102° F erwarten sollen. Trotzdem behielt die Mischung die
Temperatur des Eises von 32°. Letzteres war aber völlig in Wasser
umgewandelt worden.
»Das schmelzende Eis,« bemerkte Black zu diesem Versuch, »nimmt sehr
viel Wärme in sich auf. Aber diese Wärme hat nur die Wirkung, das Eis in
Wasser zu verwandeln. Und dieses Wasser ist um nichts wärmer, als vorher
das Eis gewesen.« Black wies ferner darauf hin, daß auch beim Sieden des
Wassers eine bestimmte Wärmemenge verbraucht wird, ohne daß die
Temperatur sich erhöht. Er war es auch, der auf diese Vorgänge den
Ausdruck »latente Wärme« anwandte.
Wenn man diesen Fortschritt in der Erfassung der Wärmevorgänge
würdigen will, muß man erwägen, daß vor Black die Verflüssigung einer
bis zum Schmelzpunkt erwärmten Substanz als die Folge einer sehr
geringfügigen Wärmezufuhr angesehen wurde. Black erkannte auch, daß
beim Erstarren einer Flüssigkeit die Abgabe einer bestimmten
Wärmemenge stattfindet. Als Beweis hierfür betrachtete er vor allem das
Verhalten unterkühlter Flüssigkeiten90. Black wies darauf hin, daß z. B. auf
-4° abgekühltes Wasser beim Schütteln plötzlich teilweise fest wird,
während gleichzeitig die Temperatur der ganzen Masse auf 0° steigt. Erst
Black vermochte dies Verhalten genügend aufzuklären. Gleichzeitig
gewannen dadurch seine Ansichten aber eine Stütze. Ist das Gefrieren des

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unterkühlten Wassers eingeleitet, so gefriert, wie Black sehr richtig
bemerkt, so viel, daß durch die frei werdende Wärme die Temperatur der
ganzen Masse bis auf 0° steigt. Ist dieser Gleichgewichtszustand erreicht, so
hört die Temperatursteigerung auf, weil die Bedingung des weiteren
Gefrierens nicht mehr vorhanden ist.
Die Vorstellung von der latenten Schmelzwärme dehnte Black von seinen
zunächst am Wasser angestellten Beobachtungen und Versuchen auf die bei
Lösungen und Kältemischungen auftretenden Wärmeerscheinungen aus.
Danach nehmen die Bestandteile einer Kältemischung die zu ihrer
Verflüssigung erforderliche Wärmemenge aus ihrem eigenen Wärmevorrat,
wodurch ein bedeutendes Sinken der Temperatur innerhalb der Mischung
veranlaßt wird.
Die Schmelzwärme des Wassers bestimmte Black mit ziemlicher
Genauigkeit und auf verschiedenen Wegen zu 77-78 Wärmeeinheiten (statt
80). So wurden gleiche Mengen Wasser und Eis von 0° in zwei ganz
gleichen Gefäßen in einen Raum von 20° gebracht. In der Zeit, in der sich
das Wasser auf 4° erwärmte, war in dem zweiten Gefäß 1/20 des Eises
geschmolzen, ohne daß die Temperatur gestiegen wäre. Trotzdem waren
offenbar beiden Gefäßen die gleichen Wärmemengen zugeführt. In dem
zweiten Gefäß würde danach völlige Schmelzung eingetreten sein, wenn es
die zwanzigfache Wärmezufuhr erfahren hätte. Eine solche Wärmezufuhr
würde, wie der Versuch mit dem ersten Gefäße zeigte, eine gleiche
Wassermenge von 0° auf 80° erwärmt haben.
Black hat als erster die Methode der Eisschmelzung zur Bestimmung von
spezifischen Wärmen benutzt. Er brachte die auf eine bestimmte
Temperatur erwärmte Substanz in die Höhlung eines Eisblocks, verschloß
sie und wog das entstandene Schmelzwasser.
Zu dem gleichen Ergebnis wie durch seine Versuche über die Schmelzung
wurde Black durch seine wertvollen Arbeiten über die Verdampfung
geführt. Wie die Versuche des mit ihm befreundeten Watt, so ergaben auch
diejenigen Blacks, daß es nicht nur eine ganz bestimmte Schmelzwärme,
sondern eine gleichfalls ihrer Größe nach bestimmte Verdampfungswärme
gibt. Black stellte zunächst fest, daß unter Verhältnissen, die eine konstante
Wärmezufuhr bedingen, die verdampfte Wassermenge der Zeit des Kochens
proportional ist. Angenommen, 1 kg Wasser von 0° würde in einer

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bestimmten Zeit über einem konstanten Feuer zum Sieden und die
Wassermenge würde darauf bei stets gleich bleibender Wärmezufuhr
innerhalb der vierundeinhalbfachen Zeit zur Verdampfung gebracht, so
würde dazu ein Aufwand von 450 Wärmeeinheiten erforderlich gewesen
sein. Diese Zahlen entsprechen der zwar nur rohen, in ihrem Ergebnis
jedoch von der Wahrheit nicht allzusehr abweichenden Bestimmung der
Verdampfungswärme, wie sie Black anstellte. Die späteren, genaueren
Ermittlungen haben 536 Wärmeeinheiten ergeben. Daß der Wert bei Black
zu klein ausfiel, ist daraus leicht erklärlich, daß beim Fortschreiten des
Verdampfens die Umstände sich etwas ändern, indem das Wasser eine im
Verhältnis zu seiner Masse immer größere Oberfläche einnimmt und
infolgedessen rascher verdampft.
Blacks Versuche über die Verdampfungswärme wurden um dieselbe Zeit
durch die Beobachtung91 ergänzt, daß verdunstende Flüssigkeiten die zur
Verflüchtigung erforderliche Wärme, wenn sie nicht rasch genug von außen
zugeführt wird, ihrem eigenen Wärmevorrat entnehmen. In der
überraschendsten Weise zeigte sich dies bei einem Luftpumpenversuch.
Man hatte Äther in einem Gefäß unter den Rezipienten der Luftpumpe
gebracht und beobachtete, daß zufällig an der Außenwand des Gefäßes
hängende Wassertröpfchen sich in Eis verwandelten.
Es erhob sich nun die Frage, ob die beim Verdampfen latent gewordene
Wärme, ähnlich wie beim Erstarren von Flüssigkeiten, ihrem vollen Betrage
nach zurückerhalten werden kann, wenn der Dampf in den flüssigen
Zustand zurückkehrt. Um hierüber zu entscheiden, leitete Black eine
bestimmte Menge Wasserdampf durch einen Schlangenkühler, in dem sich
die hundertfache Menge Wasser befand. Die Temperatur des letzteren
wurde bei der Kondensation des Dampfes um 5,25° C erhöht. Daraus ergab
sich für die bei der Kondensation in die Erscheinung tretende, vorher
latente Wärme des Dampfes der beträchtliche Wert von 525
Wärmeeinheiten. Watt hat dieses Ergebnis bestätigt, während Lavoisier
die Bestimmung nach der Eisschmelzungsmethode wiederholte und einen
etwas höheren Wert (550) fand. Die späteren Versuche Regnaults haben,
bei einer Spannung des Dampfes von 760 mm, für die Kondensationswärme
den Wert von 536 Wärmeeinheiten ergeben.
Black verstand es vortrefflich, seine Versuche mit den Beobachtungen des
alltäglichen Lebens zu verknüpfen und dadurch ihre Beweiskraft

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eindringlicher zu gestalten. So bemerkt er bezüglich der Dampfwärme, sie
müsse sehr groß sein, weil ein Dampfstrahl, der kaum die Hand feucht
mache, die ganze Haut mit Brandblasen überziehe, wozu eine viel größere
Menge kochenden Wassers nicht imstande sei. Auch hätten diejenigen, die
Weingeist destillierten, erhebliche Mühe und Kosten aufzuwenden, daß das
Kühlfaß genügend mit kaltem Wasser versorgt werde.
Black erörterte sowohl die Bewegungs- wie die Stofftheorie der Wärme.
Letztere schien ihm besser die von ihm beobachteten Vorgänge zu erklären.
Indessen erwiesen sich alle Bemühungen, das Gewicht des zugeführten
hypothetischen Wärmestoffes festzustellen, ebenso erfolglos92, wie es
bezüglich des elektrischen Fluidums der Fall gewesen war. Trotzdem gab es
Physiker, denen die Annahme eines einzigen Stoffes zur Erklärung der
Wärmeerscheinungen noch nicht genügte. Wie man zwei entgegengesetzte
elektrische Fluida annahm, so sollte es neben der Wärme einen besonderen
Kältestoff geben, der z. B. in den zur Herstellung von Kältemischungen
dienenden Salzen vorhanden sei. Dieser Auffassung war schon Mariotte 93
entgegengetreten. Er ließ die Kälte nur als Mindermaß an Wärme gelten
und unterschied durch klare Darlegung und Versuche die strahlende von der
Körperwärme. Daß die erstere die Luft und manche anderen Substanzen
durchdringt, ohne die Temperatur wesentlich zu erhöhen, wies er nach,
indem er Schießpulver mittelst einer aus Eis bestehenden Linse entzündete.
Auch gelangte man schon damals zu der Erkenntnis, daß die Wärmestrahlen
wie das Licht sich mit großer Geschwindigkeit ausbreiten. Der Franzose
Pictet 94 brachte in den Brennpunkt eines aus Metall verfertigten
Hohlspiegels eine erhitzte, indessen nicht leuchtende Metallkugel, während
sich in dem Brennpunkt eines gegenüber befindlichen zweiten Hohlspiegels
ein empfindliches Luftthermometer befand. Zwischen beiden Spiegeln,
deren Abstand etwa 25 m betrug, war ein Schirm aufgestellt. Entfernte man
diesen, so begann die Absperrflüssigkeit des Thermometers in demselben
Augenblicke zu steigen. Es begegnet uns schon hier ein Experiment, das
mit geringen Abänderungen (Schießbaumwolle an Stelle des
Luftthermometers) noch heute zu den beliebtesten Vorlesungsversuchen
zählt.
Pictet unterschied auf Grund seines Hohlspiegelversuchs die strahlende
Wärme von der fortgeleiteten. Letztere schreite nur langsam von Teilchen
zu Teilchen fort, während sich die Wärmestrahlung geradlinig und mit

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großer Geschwindigkeit, vielleicht ebenso schnell wie das Licht, ausbreite95.
Aus der Tatsache, daß die Luft für Wärmestrahlen sehr durchlässig ist, ließ
sich auch leicht die auf hohen Bergen wahrzunehmende geringe Temperatur
erklären96.
Die geschilderten Fortschritte auf dem Gebiet der Wärmelehre hatten zur
Folge, daß man sich dem chemischen Prozeß als einer der Hauptquellen der
Wärme mit verdoppeltem Interesse zuwandte, sowie den Einfluß der
Wärme auf den Verlauf der chemischen Vorgänge in Betracht zog. Damit
wuchs zugleich die Einsicht in das Wesen und den Ursprung der
animalischen Wärme. Letztere hatte man bisher wohl aus der Reibung des
in den Gefäßen zirkulierenden Blutes zu erklären gesucht, während man die
Atmung, in völliger Verkennung der Tatsachen, als ein Mittel zur
Abkühlung des Blutes betrachtete. Stahl, der Begründer der
Phlogistontheorie, und Hales, dessen große Verdienste um die Physiologie
wir kennen lernen werden, erklärten jetzt die tierische Wärme als eine Folge
der Atmung. Der Zirkulation des Blutes schrieben sie die Aufgabe zu, die
nach ihrer Meinung schon in den Lungen erzeugte Wärme dem übrigen
Körper mitzuteilen. Es wurde also zum erstenmal der Atmungsprozeß mit
der Verbrennung in Parallele gestellt, wenn es auch dem Zeitalter
Lavoisiers vorbehalten blieb, das Wesen beider Vorgänge schärfer zu
erfassen. Auch im übrigen stehen die Leistungen der Chemie seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts mit der großen Tat Lavoisiers in solch inniger
Verknüpfung, daß wir es vorziehen, Verbrennung und Atmung im
Zusammenhange mit Lavoisiers chemischen Ansichten zu betrachten.
Lavoisier hat sich auch um die Messung der Verbrennungswärme und der
spezifischen Wärme Verdienste erworben, indem er in Gemeinschaft mit
Laplace ein sehr zweckmäßiges Eiskalorimeter konstruierte97 und mit
diesem wertvolle Untersuchungen anstellte. Zunächst definieren beide
Forscher den Begriff der spezifischen Wärme recht klar in folgenden
Worten: »Wenn man zwei Substanzen von gleicher Masse und gleicher
Temperatur voraussetzt, so ist die Wärmemenge, die erforderlich ist, um
ihre Temperatur um 1° zu erhöhen, dennoch nicht für beide Körper
dieselbe. Wenn man als Einheit diejenige Wärmemenge nimmt, welche die
Temperatur der Gewichtseinheit Wasser um 1° erhöht, so können alle
anderen Wärmemengen, die sich auf verschiedene Stoffe beziehen, in

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Teilen dieser Einheit ausgedrückt werden. Unter dem Ausdruck spezifische
Wärme ist dieses Verhältnis der Wärmemengen zu verstehen.«
Für ihre Untersuchung bedienten sich Laplace und Lavoisier des von
Black herrührenden Verfahrens der Eisschmelzung. Der Grundgedanke
dieses Verfahrens ist folgender: Im Innern einer Hohlkugel aus Eis von 0
Grad Temperatur befinde sich ein Körper, der auf irgend einen Grad erhitzt
ist. Die äußere Wärme kann in den Hohlraum einer solchen Kugel nicht
eindringen. Die Wärme des Körpers dagegen kann sich nicht nach außen
zerstreuen, sondern sie wird auf die innere Fläche der Höhlung beschränkt
bleiben, von der sie so lange das Eis abschmelzen wird, bis die Temperatur
des Körpers auf diejenige des Eises heruntergegangen ist.
Will man die spezifische Wärme eines festen Körpers kennen lernen, so
wird man also seine Temperatur um eine gewisse Anzahl von Graden
erhöhen, ihn dann in das Innere der Eiskugel bringen und ihn darin lassen,
bis seine Temperatur auf 0° gesunken ist. Dann wird man das Wasser
sammeln, das sich infolge der Wärmeabgabe des Körpers gebildet hat.
Diese Wassermenge, dividiert durch das Produkt aus der Masse des Körpers
und der Anzahl von Graden, die seine ursprüngliche Temperatur angibt,
wird seiner spezifischen Wärme proportional sein98.

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Abb. 11. Lavoisiers Eiskalorimeter.

Auch die bei chemischen Vorgängen auftretenden Wärmemengen haben
Lavoisier und Laplace mit ihrem Apparat gemessen. Um die
Wärmemenge kennen zu lernen, die bei der Verbindung mehrerer
Substanzen erzeugt wird, wurden sie sämtlich ebenso wie die Gefäße, in
denen sie eingeschlossen waren, auf 0° abgekühlt. Ihre Mischung wurde
dann sofort in das Innere der Eiskugel gebracht und darin gelassen, bis die
Temperatur der Mischung wieder 0° war. Die Wassermenge, die bei diesem
Versuche gesammelt wurde, ist das Maß für die bei der Verbindung
entwickelte Wärme. Die Bestimmung der Wärmemengen, die bei der
Verbrennung und der Atmung erzeugt werden, verursachte nicht mehr
Schwierigkeiten. Man verbrannte die Körper im Innern der Eiskugel und ließ
die Tiere innerhalb derselben atmen. Da aber die Erneuerung der Luft bei
diesen Operationen unumgänglich nötig ist, so wurde eine Verbindung
zwischen dem Innern der Kugel und der umgebenden Atmosphäre
hergestellt. Damit ferner die Einführung der neuen Luft keinen merklichen
Fehler veranlaßte, mußte man diese Versuche bei einer Temperatur von 0°
machen oder mindestens die Luft, die man einführte, auf diese Temperatur
abkühlen.
Bei der Ausführung der Versuche wurde die Eiskugel durch einen
zweckmäßigeren Apparat ersetzt, dessen senkrechter Schnitt in Abb. 11
dargestellt ist. Der Hohlraum des Apparates ist in drei Teile geteilt. Die
innere Höhlung besteht aus einem Eisendrahtgeflecht. In diese Höhlung
bringt man die Körper, welche dem Versuche unterworfen werden sollen.
Die obere Öffnung kann vermittelst eines Deckels geschlossen werden. Er
ist in Abb. 11, HJ besonders dargestellt. Dieser Deckel ist oben offen; sein

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Boden wird durch ein Netz von Eisendraht gebildet. Der mittlere Raum
bbbb des Kalorimeters ist dazu bestimmt, das Eis aufzunehmen, das den
inneren Raum umgeben und durch die Wärme der dem Versuche
unterworfenen Körper geschmolzen werden soll. Dieses Eis wird getragen
und zurückgehalten durch einen Rost mm, unter dem sich ein Sieb befindet.
In dem Maße, wie das Eis geschmolzen wird, läuft das Wasser durch den
Rost und das Sieb, gelangt sodann in den Kegel ccd und die Röhre xy;
endlich sammelt es sich in dem Gefäße P, das unter den Apparat gestellt
wird. Die äußere Höhlung aaaa ist dazu bestimmt, dasjenige Eis
aufzunehmen, welches den Einfluß der von außen kommenden Wärme
abhalten soll. Das durch das Schmelzen dieses Eises entstandene Wasser
fließt durch die Röhre ST zur Seite ab. Der ganze Apparat wird mit dem
Deckel FG (Abb. 11) bedeckt.
Um den Apparat in Gebrauch zu nehmen, füllt man die mittlere Höhlung und
den Deckel HJ der mittleren Höhlung mit gestoßenem Eis, ebenso die
äußere Höhlung und den Deckel FG des ganzen Apparates. Man läßt darauf
das Eis der mittleren Höhlung abtropfen. Dann öffnet man den Apparat, um
den Körper, mit dem man experimentieren will, hineinzubringen und
schließt ihn sofort wieder. Man wartet, bis der Körper vollkommen
abgekühlt ist und der Apparat gut abgetropft hat. Dann wägt man das
aufgesammelte Wasser; sein Gewicht ist ein genaues Maß der von dem
Körper abgegebenen Wärme.
Weit größere Schwierigkeiten bereitete den beiden Forschern die Ermittlung
der spezifischen Wärme von Gasen. Doch scheuten sie auch vor dieser
Aufgabe nicht zurück. Sie ließen bestimmte Mengen der zu untersuchenden
Gase durch ihr Eiskalorimeter strömen und bestimmten die Temperatur vor
dem Eintritt und nach dem Ausströmen, sowie die Menge des
geschmolzenen Eises. Damit waren zwar die Daten für eine Berechnung
gegeben, doch erhielt man sehr ungenaue Ergebnisse99.
Zum Schlusse seien einige der von Lavoisier und Laplace gefundenen
spezifischen Wärmen mitgeteilt unter Angabe der heute als richtig geltenden
Werte in Klammern:
Gewöhnliches Wasser 1 (1)
Eisen 0,109 (0,113)
Quecksilber 0,029 (0,033)

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Blei 0,028 (0,031)
Schwefel 0,208 (0,202)
Desgleichen seien die Ergebnisse einiger Versuche zur Bestimmung der
Verbrennungswärme angegeben:
Mengen des geschmolzenen Eises durch die Verbrennung von
1 Pfund Phosphor 100 Pfund
1 " Faulbaumkohle 96 "
1 " Olivenöl 148 "

Die Abweichung von späteren Bestimmungen ist hier eine bedeutende, so
entwickelt 1 kg Phosphor 5747 Kalorien und liefert demnach nur 5747/80 =
71,8 kg Wasser, während nach Lavoisier und Laplace 1 Teil Phosphor bei
seiner Verbrennung 100 Teile Schmelzwasser liefern soll.
Von Lavoisier und Laplace rühren auch die ersten genauen Messungen
der Ausdehnungskoeffizienten fester Körper her. Sie benutzten bei ihren
Versuchen ein Fernrohr, das von den sich beim Erwärmen ausdehnenden
Körpern gedreht wurde. Als Stützpunkte für die letzteren gebrauchten sie
Pfeiler aus Stein, deren Form durch die Wärme nicht merklich verändert
wird.
Grundlegend auf dem Gebiete der Wärmelehre waren auch die
Untersuchungen Blagdens über die Gesetze der Überkaltung und der
Gefrierpunktserniedrigung. Blagden 100 veröffentlichte seine Arbeiten über
diesen Gegenstand im Jahre 1788. Die erste dieser Arbeiten bringt eine
Anzahl wichtiger Versuche über die Abkühlung des Wassers bis unter seinen
Gefrierpunkt. Blagden zeigte, daß das Wasser, dessen Gefrierpunkt bei 32°
Fahrenheit liegt, unter Umständen erst bei 24°, ja selbst bei 21° F in den
festen Zustand übergeht. Die Überkaltung war auch möglich, wenn man dem
Wasser Salze beimengte, die an sich schon den Gefrierpunkt herabsetzen.
Eine Kochsalzlösung, deren Gefrierpunkt 28° F betrug, wurde auf 18½°
abgekühlt. Erst bei weiterer Entziehung von Wärme wurde sie fest. Eine
Salpeterlösung mit dem Gefrierpunkt 27° F wurde bis auf 16°, also 11° unter
den neuen Gefrierpunkt »überkaltet«. Das merkwürdige Phänomen der
Überkaltung hatte die Aufmerksamkeit einzelner Physiker schon vor
Blagden erregt, keiner hat es aber so sorgfältig untersucht wie dieser.
Eingehend befaßt er sich mit den Bedingungen der Überkaltung und der
Ursache des plötzlichen Erstarrens überkalteter Flüssigkeiten. Rieb

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Blagden mit einem Glasstab an der Innenwand des Gefäßes, in welchem
sich überkaltetes Wasser befand, so wurde das Wasser, das andere
Bewegungen wohl vertrug, zum Erstarren gebracht. Überraschend war der
Versuch, bei dem überkaltetes Wasser mit einem noch so winzigen Eisstück
berührt wurde. Es trat sofortiges Gefrieren ein, indem die Eiskristalle von
der Stelle aus, wo sich das Eisstückchen befand, durch die ganze Masse
anschossen. Gleichzeitig erwärmte sich die ganze Masse bis zum normalen
Gefrierpunkt des Wassers101.
Durch den beschriebenen Versuch erklärte sich auch die Erscheinung, daß
die Überkaltung sicherer gelingt, wenn man das Gefäß leicht mit Papier
bedeckt. Blagden nahm an, daß winzige erstarrte Wasserteilchen bei
Frostwetter in der Luft schweben und auf das sich abkühlende Wasser fallen,
dessen Erstarrung sie dann bewirken, während diese Teilchen im anderen
Falle von dem Papier zurückgehalten werden.
Als zweite Ursache, welche den Gefrierpunkt von Flüssigkeiten herabsetzt,
hatte man den Zusatz von Salzen und Säuren erkannt. Die erste quantitative
Untersuchung dieses Verhaltens rührt gleichfalls von Blagden her102. Für die
erste Versuchsreihe diente das Kochsalz. Es ergab sich, daß das Salz den
Gefrierpunkt nach dem einfachen Verhältnis, in welchem es zu dem Wasser
der Lösung steht, erniedrigt. Man hat vorgeschlagen, dieses Gesetz das
Blagdensche zu nennen103.
Weitere Versuchsreihen lieferten Salpeter, Salmiak, Glaubersalz und
weinsaures Natrium-Kalium. Für alle entsprach die
Gefrierpunktserniedrigung dem einfachen Verhältnisse von Salz zu Wasser104.
Setzte Blagden Säuren, Alkalien oder Alkohol zum Wasser, so ließ sich
keine solch einfache Beziehung nachweisen, doch schienen ihm gleiche
Zutaten dieser Flüssigkeiten den Gefrierpunkt des Wassers in einem
zunehmenden Verhältnis zu erniedrigen.
Blagdens Untersuchung über diesen Gegenstand geriet zunächst ganz in
Vergessenheit; man wurde auf sie erst wieder aufmerksam, als man in der
neuesten Zeit in der Gefrierpunktserniedrigung, welche Salze und auch
indifferente organische Stoffe bewirken, ein Mittel zur Bestimmung des
Molekulargewichtes kennen lernte. Vorahnend bemerkt schon Blagden,
man möge doch Untersuchungen wie die seine nicht für unwichtig halten, da
man auf diesem Wege zu einer Kenntnis des inneren Gefüges gelangen
werde, auf dem die Eigenschaften des Körpers beruhen.

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4. Die Naturbeschreibung unter der Herrschaft des künstlichen
Systems.
Wir haben an die Spitze dieses in seinem ersten Teile vornehmlich die
Entwicklung während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schildernden
Bandes die großen Fortschritte der Physik gestellt. Die nächsten Abschnitte
sollen zeigen, wie sich die übrigen Wissenszweige entwickelt und sich
wechselseitig befruchtet haben. Dabei tritt besonders in die Erscheinung, daß
der Einfluß der physikalischen Lehren und vor allem der physikalischen
Forschungsweise sich in immer höherem Maße auf die übrigen Disziplinen
ausdehnt. Die Physik wurde das gemeinsame Band, das sie alle umschlang.
Durch die Ausdehnung ihres quantitativen Verfahrens auf das Gebiet der
stofflichen Veränderungen nahm die Chemie eine ganz neue Gestalt an.
Gleichzeitig mit ihr wurde die Mineralogie auf neue Grundlagen gestellt.
Auch die Lebenserscheinungen suchte man nach physikalischer Methode zu
erforschen. Wenn auch die Zoologen und die Botaniker des 18. Jahrhunderts
ihre Hauptaufgabe noch in einer auf das Äußere gerichteten Beschreibung
und in der Systematik der Tiere und der Pflanzen erblickten, so fehlte es
doch nicht an Untersuchungen, in den inneren Bau und die Verrichtungen
der Organe einzudringen.
Durch das genauere Studium der Pflanzen- und der Tierwelt Europas, sowie
der übrigen Weltteile war das Material, welches der Systematik zu Gebote
stand, schon im Beginn des 18. Jahrhunderts kaum mehr zu bewältigen. Die
Bearbeitung dieses Materials wurde immer schwieriger, weil eine klare, auf
scharfer Gliederung beruhende Nomenklatur noch nicht geschaffen war und
die bisherigen Versuche zur Aufstellung eines umfassenden Systems sich
stets als unzureichend erwiesen hatten. Der Mann, der zur rechten Zeit
erschien und nach den beiden angegebenen Richtungen Abhilfe schuf, war
der schwedische Naturforscher Linné. Karl von Linné wurde am 23. Mai
des Jahres 1707 in dem Dorfe Råshult in Småland geboren. Sein Vater, ein
Pfarrer, besaß für Gartenbau und Pflanzenkunde eine große Liebhaberei, die
sich auf den Sohn übertrug. Als der junge Linné in einem benachbarten
Städtchen die Schule besuchte, botanisierte er, anstatt seinen
nächstliegenden Pflichten nachzukommen. Darüber erzürnte der Vater und

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gab ihn einem Schuhmacher in die Lehre. Ein Arzt, der Linnés botanische
Neigungen unterstützte, vermochte jedoch den Vater zu versöhnen. Linné
erhielt die Erlaubnis, sich dem Studium der Medizin zu widmen. Er bezog
die Universität Lund, die er später mit Upsala vertauschte. Da Linné in
ärmlichen Verhältnissen lebte, war er gezwungen, seinen Unterhalt durch
Abschreiben und Unterricht zu verdienen. In Upsala nahm sich schließlich
der Professor der Botanik Rudbeck seiner an. Er übertrug ihm die Aufsicht
über den botanischen Garten, sowie die Stellvertretung bei seinen
Vorlesungen. Im Jahre 1732 erhielt Linné den Auftrag, die nördlichsten
Teile Schwedens zu durchforschen. Nachdem er von seiner während des
Sommers 1732 unternommenen Lapplandreise zurückgekehrt war,
beabsichtigte er, in Upsala Vorlesungen über Botanik zu halten.
Eifersüchtige Nebenbuhler wußten indes sein Vorhaben durch den
Einspruch, daß er noch nicht promoviert sei, zu verhindern. Da es damals
Brauch war, den Doktorhut im Auslande zu erwerben, ging Linné zu diesem
Zwecke im Jahre 1735 nach Holland. Dort wurde er mit Clifford bekannt,
der in Harlem einen Garten besaß und Linnés Rat und Hilfe in botanischen
Dingen zu schätzen wußte. In Holland gab Linné im Jahre 1735 neben
einem größeren Werk über den Cliffordschen Garten eine kleine, in
Tabellenform verfaßte Schrift heraus, die er »Systema naturae« nannte.
Dieses Büchlein, das die Früchte seiner bisherigen, sich über alle drei
Naturreiche erstreckenden Bemühungen um die Systematik enthielt, wurde
später wiederholt von neuem aufgelegt und wuchs dabei zu einem
mehrbändigen Werke an105.
Linnés »System der Natur« erregte durch seine Übersichtlichkeit und
Klarheit sofort große Bewunderung. Es war in seinem ganzen Umfange auf
die Sexualität der Pflanzen begründet. Mit der Sexualtheorie war Linné, wie
er selbst hervorhebt, durch die Engländer bekannt geworden. Letztere hatten
ihrerseits die Anregung aus Deutschland empfangen.
Bald nach 1735 erschienen Linnés Schriften, in denen er seine Grundsätze
für die Bestimmung und Benennung der Pflanzen entwickelte106. Unter
Berücksichtigung aller wesentlichen Merkmale bestimmte er mit großer
Schärfe die Charaktere von nahezu 1000 Gattungen. Nachdem Linné
Reisen nach England und nach Frankreich unternommen hatte – in Paris
ernannte man ihn zum korrespondierenden Mitgliede der Akademie der
Wissenschaften – kehrte er nach Stockholm zurück. Hier nahm man ihn mit
großen Ehrenbezeugungen auf. Linné, der sich zunächst dem ärztlichen

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Beruf zuwandte, wurde Leibarzt des Königs und Präsident der Akademie der
Wissenschaften. Im Jahre 1741 siedelte er nach dem nahen Upsala über.
Während der beiden Jahrzehnte, die Linné dort als anregender Lehrer und
unermüdlicher Forscher zubrachte, erlebte die Naturbeschreibung ihre
Glanzperiode. Der botanische Garten wurde in seinem Geiste erneuert und
mit einem naturhistorischen Museum verbunden. Im Jahre 1746 gab Linné
ein Werk über die Tierwelt Schwedens heraus, einige Jahre später erschien
seine allgemeine Botanik107, das botanische Hauptwerk Linnés. 1762 wurde
Linné in den Adelsstand erhoben. Seit dieser Zeit nannte er sich von
Linné, während sein Name ursprünglich Linnaeus lautete. Er starb am 10.
Januar 1778108.
Linnés Verdienst bestand nicht in epochemachenden Entdeckungen, die
späteren Geschlechtern unmittelbare Anregung zu weiterem Forschen
gegeben hätten, sondern er erblickte seine Aufgabe vornehmlich in der
systematischen Bearbeitung des gesamten, von seinen Vorgängern
übermittelten naturgeschichtlichen Wissens. Hierin hat er Bedeutendes
geleistet und sich einer Mühe unterzogen, deren Bewältigung im Interesse
des weiteren Fortschritts lag. Daß seine Nachfolger das System
überschätzten und die Einordnung der neu beschriebenen Formen für die
hauptsächlichste Aufgabe der Wissenschaft hielten, darf man dem Begründer
dieses Systems nicht zur Last legen. In der Botanik brachte Linné die seit
Caesalpin auf die Aufstellung eines künstlichen Systems gerichteten
Bestrebungen zum Abschluß. Die Kenntnis von der Sexualität der Pflanzen,
auf welcher seine Einteilung fußte, verdankte er vor allem den
Untersuchungen des Deutschen Camerarius 109, wie auch seine binäre
Nomenklatur auf den Vorgang anderer Botaniker (Jungius und Ray)
zurückzuführen ist.
Der sogenannte Schlüssel, nach dem Linné in seinem System das ganze
Pflanzenreich in Klassen einteilte, ist folgender:
A. Pflanzen mit Blüten.
Aa. Mit lauter Zwitterblüten.
aa. Mit freien Staubfäden.
aaa. Mit Staubfäden von unbestimmter Länge.
1. Klasse mit einem Staubfaden Monandria 110.
2. " " zwei Staubfäden Diandria.

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3. " " drei " Triandria.
4. " " vier " Tetrandria.
5. " " fünf " Pentandria.
6. " " sechs " Hexandria.
7. " " sieben " Heptandria.
8. " " acht " Octandria.
9. " " neun " Enneandria.
10. " " zehn " Decandria.
11. " " 12-19 " Dodecandria.
12. Klasse mit 20 oder mehr Staubfäden, die nicht auf Icosandria.
dem Fruchtboden, sondern auf der inneren Seite des
Kelches sitzen
13. Klasse mit 20 oder mehr Staubfäden, die auf dem Polyandria.
Fruchtboden sitzen

abb. Mit Staubfäden von bestimmter Verschiedenheit in der Länge.
14. Klasse, Pflanzen mit vier Staubfäden, von denen zwei Didynamia.
nebeneinander stehende länger und zwei kürzer sind
15. Klasse, Pflanzen mit sechs Staubfäden, von denen Tetradynamia 111.
vier länger, zwei einander gegenüberstehende aber kürzer
sind

ab. Mit verwachsenen Staubfäden oder verwachsenen Staubbeuteln.
16. Klasse, Pflanzen mit Staubfäden, die unten Monadelphia.
zusammengewachsen sind
17. Klasse, Pflanzen, deren Staubfäden zu zwei Bündeln Diadelphia.
verwachsen sind
18. Klasse, Pflanzen, deren Staubfäden zu drei oder mehr Polyadelphia 112.
Bündeln verwachsen sind
19. Klasse, Pflanzen, deren Staubbeutel zu einem Syngenesia 113.
Zylinder zusammengewachsen sind
20. Klasse, Pflanzen, deren Staubfäden mit den Griffeln Gynandria 114.
verwachsen sind

Ab. Mit getrennten Geschlechtern.

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21. Klasse, männliche und weibliche Blüten befinden sich Monoecia.
an einer Pflanze
22. Klasse, männliche und weibliche Blüten befinden sich Dioecia 115.
auf verschiedenen Pflanzen
23. Klasse, außer den Zwitterblumen befinden sich noch Polygamia 116.
männliche oder weibliche Blüten oder beide zugleich an
einer oder an verschiedenen Pflanzen

B. Pflanzen, bei denen weder Staubfäden noch Stempel, welche bei den
übrigen Pflanzen wesentliche Teile der Blüte sind, in die Augen fallen.
24. Klasse Cryptogamia 117.
Linnés System fand anfangs viel Widerspruch. Entweder wurde die
Sexualität der Pflanzen trotz aller unzweifelhaften Beweise geleugnet, oder
man erhob den Einwand, daß »die neue Lehre zu unzüchtigen Gedanken
reize«. Deutschlands großer Systematiker Gleditsch, der im Auftrage der
Akademie zu Berlin den dortigen botanischen Garten gründete, mußte sich
alle Mühe geben, um den Einwurf, daß die Lehre von der Befruchtung der
Pflanzen unsittlich sei, zu widerlegen118.
Zu der Folgerichtigkeit, mit der Linné sein System durchführte, gesellte
sich die umfassendste Kenntnis einheimischer und fremder Pflanzen. Seine
Übersicht119 der Arten enthielt 7300 Nummern und wurde neun Jahre später
um weitere 1500 Nummern vermehrt. Am wenigsten gründlich
durchforschte Linné die Pflanzen, welche der Kleinheit ihrer Organe wegen
den Gebrauch von Vergrößerungsgläsern notwendig machten, wie die
Doldengewächse und die Kryptogamen.
Linné selbst war dem physiologischen Experiment, sowie der Anwendung
des Mikroskopes wenig zugetan. Sehr selten begegnen wir bei ihm dem
Bestreben, Erscheinungen auf ihre Ursachen zurückzuführen. Er begnügte
sich damit, alles gehörig zu klassifizieren. Der mikroskopischen Forschung
war das gesamte 18. Jahrhundert wenig hold. Grews und Malpighis
epochemachende Untersuchungen über den inneren Bau der Pflanzen
wurden nicht fortgesetzt. Ja, es fehlte sogar nicht an gewichtigen Stimmen,
welche die bisherigen Ergebnisse der Pflanzenanatomie als unrichtig und
trügerisch zu verdächtigen suchten120.

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Linnés Art, etwas durch logisches Zergliedern klarzustellen, ohne die Natur
selbst hinreichend zu befragen, erinnert häufig an Aristoteles. Daß sein
Pflanzensystem in erster Linie auf die Erfüllung eines praktischen
Bedürfnisses hinauslief und keine naturgemäße Gruppierung ergab, wußte
Linné sehr wohl, während es seine Nachbeter später gänzlich vergessen zu
haben schienen und in dem von Linné geschaffenen System die Krönung
des naturgeschichtlichen Lehrgebäudes erblickten.
In späteren Jahren hat sich Linné auch dem natürlichen System zugewandt.
Schon in seiner Philosophie der Botanik121 verlangte er, »die Fragmente der
natürlichen Methode fleißig aufzusuchen«. Dies sei das erste und letzte, was
man in der Botanik erstreben müsse, denn die Natur mache keine Sprünge.
Ja, noch früher, nämlich im Jahre 1738122, stellte Linné als Grundsatz eines
natürlichen Systems die Forderung auf, sämtliche Teile der Pflanzen,
insbesondere aber die Frucht, den Samen, die Lage des Embryos usw.
systematisch zu verwerten. Auch muß anerkannt werden, daß Linné mit
dem Wort natürliche Verwandtschaft einen besseren Begriff verband als die
meisten seiner Vorgänger. Besaß dieser Begriff bei Linné zwar ebensowenig
eine reale Bedeutung wie bei den übrigen Systematikern des 18.
Jahrhunderts, so paßt sich seine Vorstellung der späteren Theorie der
Abstammung der Arten doch weit besser an. Während nämlich der Satz, daß
die Natur keine Sprünge mache, die meisten dazu verleitete, sich die
organische Schöpfung als eine einzige aufsteigende Reihe vorzustellen,
dachte sich Linné die Verwandtschaft der Formen unter dem Bilde eines
vielmaschigen Netzes. »Alle Pflanzen,« sagt er, »zeigen eine Verwandtschaft
nach allen Seiten.«
Linné selbst hat ein Verzeichnis derjenigen Gruppen aufgestellt, die er als
natürliche betrachtete. Der erste Versuch, von der Erfassung solcher
Gruppen zur systematischen Gliederung des gesamten Pflanzenreiches zu
gelangen, ging von den Franzosen aus. Die schwedischen, deutschen und
englischen Botaniker dagegen verfolgten die von Linné eingeschlagene
Richtung bis zur Einseitigkeit und suchten ihren Ruhm in der Kenntnis einer
möglichst großen Zahl von Arten. Erst mit der Aufstellung des natürlichen
Systems durch die beiden Jussieu und Decandolle wurde die Grundlage
für den weiteren Fortschritt geschaffen.
Wie auf dem botanischen, so war auch auf zoologischem Gebiete Linnés
Wirken fast ausschließlich nach der beschreibenden und systematischen

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Seite gerichtet. Sein Tiersystem entsprach indes weit mehr der natürlichen
Verwandtschaft, als dies hinsichtlich seiner Gruppierung der Pflanzen der
Fall war. Die Einteilung der niederen Tiere, deren innerer Bau erst in der
nächsten Periode eingehender studiert wurde, fußte jedoch noch auf ganz
oberflächlichen Ähnlichkeiten. Das gesamte Tierreich zerfiel nach Linné in
sechs Klassen, von denen nur diejenigen der Säugetiere und der Vögel ihren
Wert und Umfang auch heute noch besitzen. Die Amphibien wurden noch
mit den Reptilien zu einer Gruppe vereinigt. Die vierte Klasse umfaßte die
Fische. Die Insekten bildeten die fünfte Klasse. Sie zerfielen in die noch
heute geltenden Ordnungen, während die letzte Klasse der Würmer alles das
umfaßte, was Linné anderweitig nicht unterzubringen vermochte. Hier
finden wir z. B. die Weichtiere mit den Aufgußtierchen und die
Eingeweidewürmer mit den Pflanzentieren vereinigt. Über die animalische
Natur der letzteren ist Linné noch nicht völlig im klaren. Er bezeichnet sie
als Pflanzen mit tierisch belebten Blüten. Mancher Widerspruch erhob sich
gegen seinen Schritt, den Menschen als besondere Gattung an die Spitze des
Systems zu stellen und ihn mit den höheren Affen zur Ordnung der Primaten
zu vereinen. Man muß jedoch anerkennen, daß dieser Schritt die
Naturgeschichte des Menschen als besonderen Wissenszweig angebahnt hat,
so daß Blumenbach, als er die neuere Anthropologie begründete, nur der
Auffassung Linnés zu folgen brauchte.
Von besonderer Wichtigkeit für die Systematik war die von Linné
herrührende strenge Durchführung der binären Nomenklatur. Anstatt
weitschweifiger Definitionen, die man neu entdeckten Formen beilegte,
erhielt jede Art zwei der lateinischen Sprache entnommene Namen, von
denen der erste die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gattung, der zweite
dagegen, meist in Form eines Eigenschaftsworts hinzutretend, die Art
bezeichnete. Letztere erschien Linné als der durchaus unveränderliche
Ausgangspunkt seines Systems. »Tot numeramus species, quot creavit ab
initio infinitum ens« lautet sein bekannter Ausspruch, »wir zählen soviel
Arten, wie Gott im Anbeginn erschaffen hat«. Diese Ansicht, welche die
Beziehungen im anatomischen Bau der Lebewesen völlig unerklärt läßt und
die Worte Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit nur im bildlichen
Sinne anzuwenden gestattet, erstarkte in der Folge zu einem Dogma, das
nicht nur die Lehre von den heute lebenden Formen, sondern auch die
Paläontologie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts vollständig beherrschte
und erst in der zweiten Hälfte des letzteren zu Fall gebracht wurde.

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Linnés Bemühen, alles zu systematisieren, erstreckte sich auch auf das
Mineralreich. Da er jedoch auch hier in erster Linie die äußere
Beschaffenheit ins Auge faßte, so war der Erfolg nur gering. Eigentümliche
Ansichten, die sich später als zum Teil begründet erwiesen, entwickelte
Linné in seiner Abhandlung über das Anwachsen der Erde123. Danach
bildeten sich die Schichten nicht aus zerriebenem Urgestein, sondern sie sind
Erzeugnisse der Lebewelt. Das Kalkgebirge ist nach Linné aus Muscheln
und Korallen entstanden, während die Pflanzen tonige Ablagerungen, die
später zu Schiefer erstarrten, gebildet haben sollten.

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5. Die Ausdehnung der physikalischen Methoden auf das Gebiet
der Pflanzenphysiologie.
Wenn auch auf dem Gebiete der Botanik während des 18. Jahrhunderts die
systematische Richtung überwog, so fällt doch in diesen Zeitraum die
Begründung einiger wichtigen Zweige der Pflanzenphysiologie, um deren
weiteren Ausbau man sich dann allerdings zunächst so wenig kümmerte wie
um die Fortsetzung der pflanzenanatomischen Arbeiten eines Grew und
Malpighi. Es sind dies die Arbeiten von Hales über die Bewegung des
Pflanzensaftes und die Aufdeckung der Beziehungen zwischen Blumen und
Insekten durch Konrad Sprengel, dessen Forschungen erst in neuerer Zeit,
seit Darwin demselben Gegenstande seine Aufmerksamkeit zuwandte, zur
vollen Würdigung gelangt sind.
Auch an Versuchen einen gewissen Einblick in den Vorgang der Ernährung
der Pflanze zu erhalten, hat es im 17. und 18. Jahrhundert nicht gefehlt.
Solche Versuche wurden schon dadurch veranlaßt, daß sich Aristoteles
über die Ernährung der Pflanzen geäußert hatte. Seine Meinung ging dahin,
daß die Pflanzen ihre Nahrung fertig aus der Erde aufnähmen und daher
auch keine Exkremente von sich gäben124. Da die neuere Naturwissenschaft
die Haltlosigkeit derartiger, aus allgemeinen philosophischen Gründen
entwickelter Urteile in zahlreichen Fällen nachgewiesen hatte, so wandte sie
das Hilfsmittel, das ihr in allen diesen Fällen zum Siege verholfen, das
experimentelle Verfahren nämlich, auch auf diese Frage an.
Einer der ersten, der, wenn auch auf Grund nur mangelhafter chemischer und
anatomischer Kenntnisse, die Frage der Ernährung der Pflanze vom
naturwissenschaftlichen Standpunkte in Angriff nahm, war Mariotte. Wir
haben ihn an anderer Stelle als einen der Begründer der Physik der Gase
kennen gelernt125. Mariotte war, wie alle Gegner der aristotelischen Art der
Naturerklärung, Anhänger der Korpuskulartheorie. Diese nahm bei ihren
Erklärungsversuchen die Bewegung kleinster Teilchen oder Korpuskeln zu
Hilfe. Die Ursache der Bewegung erblickte sie in anziehenden und
abstoßenden Kräften.

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Mariotte hat seine Ansichten im Jahre 1679 zusammengefaßt126. Nach ihm
nimmt die Pflanze aus dem Boden gewisse Stoffe – »Prinzipien« sagt
Mariotte – auf. Solche Stoffe sind Salz, Salpeter, Schwefel, Wasser und
Erden. Auch die Luftteilchen spielen nach Mariotte bei der Ernährung der
Pflanze eine Rolle. Sie werden durch den Blitz verbrannt und mit dem
Wasser dem Boden zugeführt. Erst viel spätere Forschungen haben
bewiesen, daß diese Ansichten im allgemeinen das Richtige trafen.
Eigentliche pflanzenchemische Versuche vermochte Mariotte nämlich noch
nicht anzustellen. Um die Irrigkeit der aristotelischen Meinungen darzutun,
waren solche auch nicht einmal nötig. Daß die Pflanzen die Bestandteile, aus
denen sie sich zusammensetzen, nicht fertig aus dem Boden aufnehmen,
beweist nach Mariotte schon die Tatsache, daß sich in derselben Handvoll
Erde tausende von Pflanzen aufziehen lassen, die alle in ihrer chemischen
Zusammensetzung Besonderheiten darbieten. Auch daß sich auf einen
Stamm die verschiedensten Pfropfreiser aufpflanzen lassen, und daß diese
gleichfalls aus offenbar doch ein und demselben, aus dem Boden
eintretenden Saft Erzeugnisse der verschiedensten chemischen Art
hervorbringen, beweist, wie Mariotte ganz richtig hervorhebt, daß sich aus
den verschiedenen Prinzipien die pflanzlichen Substanzen durch passende
Vereinigung aufbauen.
Zu ähnlichen Anschauungen gelangte Chr. Wolf, der die Leibnizsche
Philosophie fortsetzte und durch seine Bemühungen, die Korpuskulartheorie
zur Erklärung der Naturerscheinungen zu verwerten, auch auf die
Entwicklung der Chemie anregend gewirkt hat127. Wolf gab im Jahre 1723
eine allgemeine Naturlehre128 heraus. In diesem Buche gibt er eine
zusammenhängende Darstellung der Lehre von der Ernährung der Pflanzen.
Auch Wolf vertritt die Ansicht, daß die Pflanze die in sie eintretenden Stoffe
chemisch verändere. Dies wird daraus geschlossen, daß jede Pflanze
eigenartige chemische Bestandteile (»ihr besonderes Öl«) enthält. Die
Pflanze entnimmt nach Wolf ihre Nährstoffe nicht nur dem Boden, sondern
auch der Luft.
Im ganzen genommen bemerken wir also im 17. und in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts zwar einen erheblichen Fortschritt gegen Aristoteles und
van Helmont. Es fehlte aber noch an einer genügenden chemischen
Grundlage, um einen wirklichen Einblick in diesen Teil des pflanzlichen
Lebens zu gewinnen.

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Mit weit besserem Erfolge ließen sich die physikalischen Forschungsmittel
auf die Probleme der Pflanzenphysiologie anwenden. Die Physik hatte
während des 17. Jahrhunderts die glänzendste Periode ihrer Entwicklung
gehabt. Sie bediente sich auf allen ihren Gebieten der quantitativen
Untersuchungsweise. Letztere zuerst auf die Erscheinungen des pflanzlichen
Lebens angewandt zu haben, ist das große Verdienst von Hales.
Stephan Hales wurde am 17. September 1677 in der Nähe von Kent
geboren. Er studierte in Cambridge Theologie. Gleichzeitig betrieb er mit
großer Vorliebe Mathematik und Naturwissenschaften. Die Zeit, die ihm sein
Pfarramt übrig ließ, verwandte er auf die Verwirklichung eines hohen Zieles,
nämlich der Ausdehnung der physikalischen Forschungs- und
Betrachtungsweise auf das Gebiet der Lebensvorgänge. Im Jahre 1718
wurde Hales Mitglied der Royal Society; er starb am 4. Januar 1761.
In seinem Hauptwerke, der Statik der Gewächse129, versuchte Hales, auf
Grund der bis dahin gewonnenen mechanischen und chemischen Kenntnisse,
durch Versuche eine Einsicht in den Lebensprozeß der Pflanze zu gewinnen.
Harveys Entdeckung des Blutkreislaufes hatte die Frage angeregt, ob im
Pflanzenkörper ein entsprechender Vorgang stattfinde. Diese Frage ist es,
welche Hales durch seine Versuche zu entscheiden suchte. Wie in der
Physiologie des Tieres die Flüssigkeiten, deren Geschwindigkeiten, die
Kräfte, welche auf sie wirken, sowie die Menge trockener und flüssiger
Nahrung die größte Rolle spielen, so erhält, wie Hales des näheren ausführt,
die Mechanik auch das Leben der Pflanzen und bringt deren Wachstum
zuwege. Die Ähnlichkeit zwischen Pflanzen und Tieren sei so groß, daß,
wenn man beide nach gleicher Methode untersuche, wichtige Entdeckungen
zu erhoffen seien. Das Verfahren, das Hales zum erstenmale auf das
Studium der Pflanzen anwendet, besteht in Zählen, Messen und Wägen. Der
Einfluß der Physik war es, der sich auf immer weitere Gebiete erstreckte.
»Durch Zählen und Messen«, sagt Hales in seinem Hauptwerk, »hat der
große Newton die Regeln, nach denen die Gestirne ihren Lauf beschreiben,
zu bestimmen vermocht. Der allweise Schöpfer hat sich nämlich die
Richtschnur gesetzt, alles nach Zahl, Maß und Gewicht zu erschaffen. Damit
nun auch wir seine Werke ergründen können, kommt es auf Zählen, Messen
und Wägen an. Man geht dadurch den vernünftigsten und sichersten Weg.
Und der so ungemein große Erfolg, den dieses Verfahren gezeitigt hat, muß
uns anreizen, es anzuwenden.«

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Hales' Untersuchungen befassen sich zunächst mit der Feststellung der
Flüssigkeitsmenge, die von den Pflanzen aus dem Boden aufgenommen und
durch die Blätter wieder abgedunstet wird. Eine 3½ Fuß hohe Sonnenblume
wurde in einen Topf gepflanzt, der durch eine Bleiplatte nach Möglichkeit
gegen Verdunstung geschützt war. Durch diese Platte führte ein Rohr, das
zum Nachfüllen von Wasser diente. Der infolge der Transpiration eintretende
Gewichtsverlust betrug für die zwölf Stunden von morgens bis abends an
heißen Tagen 1 Pfund 14 Unzen, während der Verlust desselben Topfes,
nachdem die Pflanze abgeschnitten und der Stumpf verklebt war, unter im
übrigen gleichen Umständen nur zwei Unzen130 betrug. In einer warmen,
trockenen Nacht betrug die Ausdünstung der Sonnenblume drei Unzen;
wenn Tau auftrat, unterblieb sie ganz.
Darauf stellte sich Hales die Aufgabe, die gesamte, oberhalb und unterhalb
des Bodens befindliche Fläche der Sonnenblume zu messen. Zunächst
wurden sämtliche Blätter abgeschnitten und der Größe nach in Gruppen
geordnet. Sodann wurde ein Drahtnetz mit Maschen von bekannter Größe
auf die einem jeden Haufen entnommenen Blätter gelegt und durch
Abzählen der deckenden Maschen die Oberfläche bestimmt. Auf diese Weise
fand Hales die Gesamtgröße der abdunstenden Fläche gleich 5616
Quadratzoll, während er die Oberfläche der Wurzeln zu 2286 Quadratzoll
und deren Gesamtlänge zu 1448 Fuß ermittelte. Innerhalb zwölf Stunden
ging durch den Stamm eine Flüssigkeitsmenge von 34 Kubikzoll. Der
Stamm besaß einen Quadratzoll Querschnitt. Dies ergab unter der Annahme,
daß der Stamm sich wie ein hohles Rohr verhält, für den aufsteigenden Saft
eine Geschwindigkeit von 34 Zoll. Die wahre Geschwindigkeit mußte, wie
Hales bemerkte, viel größer sein, da der Raum des Stammes zum größten
Teil mit fester Materie ausgefüllt ist. Hales fand, daß der immergrüne
Zitronenbaum viel weniger transpiriert als die Sonnenblume, der Weinstock
und andere Pflanzen, die ihre Blätter im Winter verlieren. Spätere Versuche,
die sich auf zwölf immergrüne Bäume erstreckten, bestätigten die am
Zitronenbaum gemachte Erfahrung131.
Von besonderem Interesse ist es, daß Hales das Ergebnis seiner mit den
Pflanzen angestellten Versuche fortgesetzt mit den an Tieren und Menschen
gemachten Beobachtungen verglich. So ergaben die Berechnungen, die er an
seine Arbeit über die Transpiration der Sonnenblume anknüpfte, daß diese
Pflanze in derselben Zeit unter Berücksichtigung des Körpergewichts 17mal
so viel Flüssigkeit aufnimmt und abgibt wie der Mensch. Diesen

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Unterschied sieht Hales mit Recht darin begründet, daß die Flüssigkeit,
welche die Pflanzen aus dem Boden einsaugen, nicht soviel Nährsubstanz
enthält wie der Saft, der aus dem Verdauungskanal in den Körper des Tieres
übergeht132.

Abb. 12. Der Wurzel Ziehen oder Saugen (Hales, Statik der Gewächse, Tab. III,
Fig. X).

Da die Bewegung des Pflanzensaftes nicht wie bei den Tieren durch ein
besonderes Triebwerk hervorgerufen wird und, wie Hales vermutete, nur
nach einer Richtung vor sich geht, jedenfalls aber nicht in einem Kreislauf
innerhalb der Gefäße besteht, so suchte er zunächst die Kraft ausfindig zu

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machen, durch welche die Pflanzen Flüssigkeiten in sich ziehen. Neben
einem vollbeblätterten Baum wurde eine Grube hergestellt. Ein kräftiger
Wurzelast wurde abgeschnitten, mit einer Röhre versehen und in ein mit
Quecksilber gefülltes Becken getaucht (siehe Abb. 12). Die Wurzel zog
alsdann mit solcher Kraft, daß das Quecksilber in der Röhre bis zu einer
beträchtlichen Höhe emporstieg133. Die gleiche Wirkung äußerte ein
transpirierender Ast, wenn man das mit seinem abgeschnittenen Ende
verbundene Rohr in Quecksilber tauchte. So wurde, um eins der vielen
Beispiele zu erwähnen, ein frischer Zweig eines jungen Apfelbaums mit
einer Röhre verbunden; diese wurde sodann mit Wasser gefüllt und in
Quecksilber getaucht. Letzteres stieg in 7 Minuten um 12 Zoll (Abb. 13). In
anderen Fällen wurde das Quecksilber jedoch nur wenig gehoben, sodaß
Hales selbst das infolge der Transpiration ausgeübte Saugen der Zweige
allein zur Erklärung der Wasserbewegung größerer Pflanzen für nicht
ausreichend erachtete. Er nahm daher als weitere bewegende Kräfte die
Kapillarität und den Wurzeldruck, den er durch viele Experimente messend
verfolgt hat, in Anspruch.
Die Erscheinung birgt indes selbst für die heutige Pflanzenphysiologie noch
manches Rätsel. Hales schließt seine Untersuchung mit den Worten: »Die
Pflanzen ziehen durch ihre kleinen Haarröhrchen die Feuchtigkeit so stark
an, wie wir es gesehen haben. Die Feuchtigkeit verfliegt durch die
Transpiration. Diese bewirkt, daß die Saftgefäße leer werden und
infolgedessen neue Nahrung an sich ziehen.« Seine Ansicht, daß es sich bei
diesem Vorgang nur um physikalische Kräfte handele, suchte er durch
Versuche mit anorganischen, porösen Substanzen zu stützen. So wurde z. B.
eine lange Glasröhre mit Mennige gefüllt und in derselben Weise wie die
Wurzel mit Wasser und Quecksilber in Verbindung gesetzt. Auch in diesem
Falle stieg nicht nur das Wasser in die poröse Masse empor, sondern das
Quecksilber folgte bis zu einer Höhe von 8 Zoll. Nachdem man später die
saugende Wirkung und die Kapillarität als unzureichend erkannt hatte, um
das Wasser zu nennenswerter Höhe emporzuschaffen, hat man den Sitz der
anziehenden Kräfte wohl in die Zellwand oder in den Zellinhalt verlegt,
ohne daß bisher eine nach jeder Richtung befriedigende Erklärung des in
Frage stehenden Vorgangs gelungen wäre.

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Abb. 13. Hales' Versuch über das Saugen eines transpirierenden Zweiges.

Die meisterhaften Untersuchungen eines Hales haben auch für die
Aufhellung einer zweiten Reihe von Erscheinungen Grundlagen geschaffen,
auf denen die Pflanzenphysiologie noch heute fußt. Es sind dies die unter
dem Namen des Blutens134 oder Tränens bekannten Vorgänge, welche durch
den Wurzeldruck veranlaßt werden. Hales schnitt einen Weinstock 7 Zoll
über der Erde ab. Der übriggebliebene Stumpf, Abb. 14 c, besaß keine Äste,
er war 4 bis 5 Jahre alt und ¾ Zoll dick. An der Spitze dieses Stumpfes
befestigte Hales vermittelst der Hülse b eine gläserne Röhre bf von 7 Fuß
Länge und ¼ Zoll Durchmesser. Die Fuge b dichtete er mit einer Masse aus
Wachs und Terpentin, die er mit einer nassen Blase gut zuband. Er fügte

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dann eine zweite Röhre fg an die erste und fügte an die zweite noch eine
dritte ga, so daß alle drei ein Rohr von 25 Fuß Länge bildeten.
Zunächst sog der Stumpf Wasser ein. Bald darauf drang aber Saft aus dem
Weinstock und die Flüssigkeit hatte nach wenigen Tagen eine Höhe von
mehr als 20 Fuß erreicht, so daß Hales auf den Gedanken kam, den
erzeugten Druck durch das soviel schwerere Quecksilber zu messen.
Zu diesem Zwecke schnitt er einen Weinstock, bei a in Abb. 14, einige Fuß
über der Erde ab. Der Stumpf ab besaß keine Zweige und war etwa einen
Zoll dick. Daran befestigte er die Röhre ayz und goß in diese Quecksilber.
Noch an demselben Tage stieg das Quecksilber bis z und stand 15 Zoll höher
als im Schenkel x.

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Abb. 14. Das Steigen des Pflanzensaftes in einer 25 Fuß langen Röhre (Hales'
Statik der Gewächse, Tab. IV, Fig. 17).

Einige Tage später betrug die Höhe des Quecksilbers 32½ Zoll. Sie würde
noch mehr betragen haben, wenn mehr Quecksilber in der Röhre gewesen
wäre. Die Versuche wurden im April angestellt. Im Verlauf des Monats Mai
nahm die Kraft des Saftes nach und nach ab. Als die Quecksilberhöhe 32½
Zoll betrug, war diese Kraft dem Drucke einer 36 Fuß 5 Zoll hohen
Wassersäule gleich. Bei einem anderen derartigen Versuch hob diese Kraft
des Saftes das Quecksilber auf 38 Zoll, was dem Drucke einer 43 Fuß 3 Zoll
hohen Wassersäule entsprach.

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Hales wies darauf nach, daß diese Kraft etwa fünfmal so groß ist wie der
Druck des Blutes in einer Pulsader des Pferdes und siebenmal größer als der
Blutdruck beim Hunde. Den Druck des Blutes ermittelte er dadurch, daß er
die Tiere lebend auf dem Rücken festband und eine große Pulsader öffnete.
Darauf verband er diese Ader mit einem Glasrohr von 10 Fuß Länge und 1/8
Zoll Durchmesser. In diesem Rohr stieg das Blut eines Pferdes 8 Fuß 3 Zoll,
dasjenige eines kleinen Hundes dagegen 6½ Fuß hoch empor.
Die Ansicht, daß in der Pflanze ein Kreislauf der Flüssigkeit wie in dem
Gefäßsystem der Tiere stattfinde, suchte Hales gleichfalls durch Versuche
zu widerlegen. So brachte er an transpirierenden Pflanzen oder Ästen
geeignete Einschnitte übereinander an, die sämtlich bis zum Marke gingen
und nach den vier Himmelsgegenden gerichtet waren. »Obgleich auf solche
Weise dem Safte wiederholt der gerade Weg benommen war, sagt Hales,
ging dennoch eine erhebliche Menge Feuchtigkeit durch den
transpirierenden Ast hindurch. Auch wurde die obere Fläche der Einschnitte
nicht etwa feucht, was doch bei einem Kreislauf des Saftes hätte eintreten
müssen.«

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Abb. 15. Die Bestimmung des Wurzeldruckes mittelst des
Quecksilbermanometers (Hales, Statik der Gewächse, Tab. IV, Fig. 18).

Hales dehnte seine Messungen von der Pflanze ausgehend auf den Boden
aus. Er entnahm dem Boden Proben aus verschiedener Tiefe und bestimmte
seinen Feuchtigkeitsgehalt. Ferner bestimmte er die Ausdünstung des
Bodens ihrer Größe nach und verglich die gewonnenen Zahlen mit der
Verdunstung des Wassers. Wenn auch die erhaltenen Werte noch mit
manchen Fehlern behaftet, die Versuche zum Teil roh und die
Versuchsbedingungen nicht sämtlich bekannt waren, so verdient es doch die
größte Anerkennung, daß uns hier zum ersten Male das Streben begegnet,
mit wissenschaftlicher Gründlichkeit ein bisher gänzlich unbekanntes Gebiet

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der Forschung zu erschließen. Hales wird daher mit Recht als der
eigentliche Vater der Pflanzenphysiologie betrachtet. Er hat nicht nur den
Flüssigkeitsverbrauch, sondern auch den Gaswechsel der Pflanze nach
wissenschaftlichem Verfahren zu erforschen gesucht und zwar mit solchem
Erfolge, daß wir ihm auch einen wesentlichen Anteil an der Begründung der
neueren Chemie zusprechen müssen. Ist es doch Hales, dem diese
Wissenschaft eins ihrer wichtigsten Hilfsmittel, die pneumatische Wanne
nämlich, sowie wertvolle Untersuchungen über die Atmung und die
Verbrennung verdankt. Allerdings wurden die Ergebnisse seines Forschens
dadurch sehr getrübt, daß er noch nicht imstande war, die Gasarten zu
unterscheiden. Für Hales war noch jeder elastisch flüssige Stoff, sei es, daß
er durch Destillation, durch Gärung oder bei der Lösung entstand, durch
verschiedenartige Beimengungen verunreinigte Luft. Schon früher hatte man
bemerkt, daß Pflanzenteile, die sich längere Zeit unter einer mit Wasser
gefüllten Glocke befinden, Gas entwickeln. Hieraus schloß Hales, daß die
Luft an der Zusammensetzung der Pflanzen teilnimmt. Daß sie das Holz
durchdringt, wies er vermittelst der Luftpumpe nach, auch erwähnt er die
von Grew beschriebenen Dunstlöcher (Spaltöffnungen) und ihre
Ähnlichkeit mit den Schweißporen. Durch diese Dunstlöcher dringe die zur
Ernährung der Pflanze nötige Luft in den Stamm und die Blätter ein.

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Abb. 16. Hales' Versuche über die trockene Destillation mit Benutzung der
pneumatischen Wanne (Hales, Statik, Tafel IX, Fig. 38).

Um das Gas zu untersuchen, das die Pflanzen bei ihrer Zersetzung liefern,
bediente Hales sich gläserner Gefäße, die mit Wasser gefüllt und in
größeren Behältern umgestülpt wurden (s. Abb. 16). Diese unter dem Namen
der pneumatischen Wanne bekannte Vorrichtung hat in der Folge das
Studium der Gase außerordentlich gefördert. Bei der trockenen Destillation
von 398 Gran Erbsen erhielt Hales 396 Kubikzoll Gas, das sich an einem
Licht entzündete. In einem zweiten Versuch gab ein halber Kubikzoll oder
135 Gran von dem Holz einer Eiche 128 Kubikzoll Gas. Das entstandene

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Gas nahm einen bedeutend größeren Raum ein. Es hatte sich aus einem
Viertel des angewandten Holzes gebildet135.
Sehr wichtig ist, daß Hales seinen Apparat auch auf die Untersuchung der
Steinkohle anwandte. Durch die trockene Destillation von 158 Gran
Steinkohle erhielt er 180 Kubikzoll brennbare Luft. Hales war wohl der
Erste, der auf solche Weise die experimentelle Grundlage für die Fabrikation
des Leuchtgases schuf. An eine praktische Verwertung seines Ergebnisses
hat man erst hundert Jahre später gedacht.
Daß Hales nicht nur Pflanzenphysiologe war, geht aus seinen oben
erwähnten Versuchen über die Größe des Blutdruckes hervor. Hales
ermittelte, daß der Druck des Blutes in den größeren Arterien den Blutdruck
in den großen Venen um viele Male (nach seinen Bestimmungen 10 bis
12mal) übertrifft. Er maß ferner die Kraft, mit der die Lunge bei der Atmung
sich ausdehnt, an einem der Vivisektion unterworfenen Hunde136. Er
bestimmte den Durchmesser der Lungenbläschen und berechnete daraus für
die Lunge die innere Gesamtfläche, die er viele Male größer als die
Oberfläche des betreffenden Tieres fand. An seine Versuche über die Atmung
knüpfte er ferner hygienische Winke über die Heizung und die Ventilation
der Wohnräume an. Er konstruierte sogar einen Ventilator, um Abhilfe für
die ungesunden Zustände herbeizuführen, welche damals auf den englischen
Kriegsschiffen herrschten137. Hales wurde von dem Gedanken geleitet, daß
seine Untersuchungen insbesondere dem Ackerbau Nutzen gewähren
möchten. Es ist ohne Zweifel ein Ausfluß baconischer Philosophie, wenn er
sein Werk, durchdrungen von der Bedeutung seiner Entdeckungen, mit den
Worten schließt: »Wenn doch diejenigen, die ihre Zeit und ihr Vermögen
damit verschwenden daß sie, einer leeren Einbildung folgend, alles in Gold
verwandeln wollen, an der Erforschung dieser Vorgänge arbeiteten, so
würden sie, anstatt Wind zu ernten, die Lorbeeren erlangen, mit denen
nützliche Entdeckungen belohnt werden.« Wichtig ist, wie Hales seine
wenn auch noch unvollkommene Erkenntnis, daß die Luft in die Bildung des
Pflanzenkörpers eingeht und dabei ihre Elastizität verliert, durch das
Studium chemischer Vorgänge zu erläutern und zu unterstützen sucht. So
begegnet uns bei ihm schon jener für die spätere Analyse der Atmosphäre
wichtige Versuch, daß Phosphor in einer abgeschlossenen Luftmenge
verbrannt und eine dabei eintretende Raumverminderung nachgewiesen
wird. Von diesem Versuche und den ähnlichen Versuchen Guerickes 138 bis
zur Entdeckung der Tatsache, daß die von dem Phosphor gebundene Luft zu

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der übrig bleibenden Luftmenge stets in einem bestimmten Verhältnis steht,
die Luft also aus zwei Gemengteilen zusammengesetzt ist, war nur noch ein
Schritt. Auch daß Blei bei seiner Umwandlung in Mennige Luft verschlucke,
die sich mit dem Blei vereinige und zur Schwere der Mennige beitrage, führt
Hales als Beispiel an. Ja, er erzeugt diese Luft auch durch Erhitzen in seiner
Retorte wieder, stellt also schon denselben Versuch an, der Priestley später
zur Entdeckung des Sauerstoffs und Lavoisier zur richtigen Deutung des
Verbrennungsprozesses geführt hat. Hales besaß somit, wie Black und
andere Zeitgenossen, schon die experimentelle Grundlage für diese Deutung.
Dennoch konnte man sich von den älteren Vorstellungen nicht frei machen.
Das Verschwinden der Luft war für Hales nicht so wesentlich wie die
vermeintliche Aufnahme aus dem Feuer herrührender Teilchen.
Nach ihrer chemischen Seite ließ sich die Pflanzenphysiologie erst fördern,
nachdem die Chemie selbst erhebliche Fortschritte gemacht hatte. Dies
geschah durch die Arbeiten Priestleys, Scheeles und Lavoisiers im
Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auf diese Arbeiten fußten
Ingen-Housz und de Saussure, die wir in einem späteren Abschnitt als
die eigentlichen Begründer der Ernährungsphysiologie kennen lernen
werden.

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6. Der Ausbau der im 17. Jahrhundert begründeten
Sexualtheorie.
Außer den im vorigen Abschnitte geschilderten Schritten zur Begründung
der Ernährungsphysiologie zeitigte das 18. Jahrhundert auf botanischem
Gebiete auch hervorragende Arbeiten, welche den weiteren Ausbau der von
Camerarius geschaffenen Sexualtheorie bezweckten. Es sind dies die
Bastardierungsversuche Kölreuters, welche das Wesen der pflanzlichen
Sexualität in das hellste Licht stellten, und Sprengels Nachweis der
wichtigen Rolle, welche die Insekten bei der Befruchtung spielen.
Zwischen dem Erscheinen der Schrift des Camerarius über das Geschlecht
der Pflanzen (1694) und dem Werk Kölreuters über den gleichen
Gegenstand liegt ein Zeitraum von etwa siebzig Jahren. Innerhalb dieses
ausgedehnten Zeitraums wurde zwar für und gegen die neue Lehre viel
gestritten, jedoch nur selten der allein den Fortschritt bedingende Weg des
Versuches weiter verfolgt. So schreibt Leibniz 1701, die Blüten hätten
offenbar die genaueste Beziehung zur Fortpflanzung, und es sei von großem
Nutzen in der Fortpflanzungsweise Unterschiede aufzufinden. Leibniz mit
seiner Vielgeschäftigkeit war indessen nicht der Mann, um mühevolle,
zeitraubende Versuche nach der erwähnten Richtung anzustellen.
Erwähnenswert für diesen Zeitraum sind die Versuche Bradleys 139, der
zuerst mit Zwitterblüten experimentierte. Bradley pflanzte zwölf Tulpen
und sorgte dafür, daß sich in der Nachbarschaft keine Tulpen befanden. Er
beseitigte darauf die Staubgefäße dieser Pflanzen, bevor sie sich öffneten.
Der Erfolg bestand darin, daß keine von den zwölf Pflanzen Samen
entwickelte.
Ein weiterer Fortschritt in der Erkenntnis der Sexualität der Pflanzen war es,
daß man wenn auch zunächst vereinzelte Wahrnehmungen über die
Bestäubung durch Insekten machte. Man140 bemerkte z. B. bei einer
Wiederholung des soeben erwähnten Versuches, daß Bienen von einem
benachbarten Tulpenbeet Blütenstaub auf die der Staubgefäße beraubten
Blüten übertrugen, und daß letztere dann reife Samen bildeten. Daneben
beschäftigte man sich mit der Frage, wie der Pollen die Entstehung des von

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der Narbe oft so weit entfernten Samens bewirke. Man kam jedoch hierüber
zu keinem Ergebnis.
Das Beste, was in dem Zeitraum zwischen Camerarius und Kölreuter
über die Sexualität der Pflanzen veröffentlicht wurde, ist wohl die
Abhandlung von Gleditsch vom Jahre 1749141. Die Berliner Akademie der
Wissenschaften ließ seit dem Beginn der ihr so günstigen Regierung
Friedrichs des Großen der Botanik ihre besondere Förderung angedeihen. Ihr
Mitglied Gleditsch schuf in Jahrzehnte währender, unermüdlicher Arbeit
einen botanischen Garten, der als ein Muster für derartige Unternehmungen
gelten konnte. Es wurden Vorlesungen über Forstwissenschaft eingerichtet
und in einem von Gleditsch verfaßten Werk entstand das erste
wissenschaftliche Lehrbuch für diese Disziplin. In gleicher Weise war man
in Preußen unter der Führung von Gleditsch auch für die Landwirtschaft
tätig. Man bemühte sich nicht nur, die Methoden zu verbessern, sondern war
auch auf den Anbau neuer Nutzpflanzen bedacht. Es ist erklärlich, daß unter
solchen Verhältnissen in Preußen auch die wissenschaftliche Botanik
manchen Fortschritt aufwies. Besonders war es wieder Gleditsch, der zu
Versuchen mit Pflanzen riet und zahlreiche Pflanzenversuche selbst anstellte.
An dieser Stelle sind vor allem die sich über Jahre und zahlreiche Arten
erstreckenden Versuche hervorzuheben, über die Gleditsch in der
erwähnten Abhandlung berichtet. Er wählte als Versuchsobjekte die
diözischen Bäume. Am bekanntesten ist seine Befruchtung einer Palme des
Berliner botanischen Gartens durch den Pollen eines in Leipzig wachsenden
männlichen Exemplars derselben Art geworden. Gleditsch bringt hierüber
folgenden Bericht. Die Berliner Palme sei achtzig Jahre alt und weiblich; sie
habe niemals Früchte getragen, auch habe es in Berlin keinen männlichen
Baum derselben Art gegeben, wohl aber in Leipzig. Gleditsch ließ sich
darauf die Staubgefäßblüten aus Leipzig kommen und streute deren Pollen
auf die in Berlin blühende weibliche Pflanze. Das Ergebnis war der
deutlichste Beweis für die Richtigkeit der Lehre von der Sexualität der
Pflanzen. Der bis dahin völlig sterile Baum setzte nämlich Früchte an, die im
Winter reiften und im darauf folgenden Frühjahr keimten.
In den Jahrzehnten, die zwischen Camerarius und dem großen Vollender
seines Werkes, Kölreuter, liegen, schuf Linné sein Pflanzensystem.
Letzteres gründete sich zwar auf die Zahl und die Beschaffenheit der
Staubgefäße und der Stempel, hat aber im Grunde genommen mit der
Feststellung der Sexualität selbst nichts zu tun. Auf mikroskopische und

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experimentelle Forschungen, die hier allein entscheidend sind, hat Linné
zufolge seiner ganzen Richtung wenig Gewicht gelegt.
Mit der Entwicklung der Vorstellungen über die Sexualität der Pflanzen
haben wir uns an anderen Stellen142 wiederholt beschäftigt. Die Frage war nur
auf experimentellem Wege zu lösen, und die Versuche, sie zu entscheiden,
mehrten sich, nachdem die Entdeckung der Samenfäden143 das Interesse für
das Wesen des geschlechtlichen Vorganges auf das höchste gesteigert hatte.
Im Anschluß an diese Entdeckung hatte Leeuwenhoek die Lehre
aufgestellt, das bewegliche männliche Element sei der eigentliche
Kernpunkt, aus dem sich der neue Organismus entwickle. Für die Botaniker
erhob sich infolgedessen die Frage, wie dieses Element durch den Griffel in
die Höhlung des Fruchtknotens gelange. In dem Bestreben, den
Befruchtungsvorgang zu erforschen, wandte man sich auch mit Eifer den
blütenlosen Pflanzen zu. In Deutschland wurde insbesondere die
Naturgeschichte der Algen, Flechten und Moose gefördert144.
Ein neuer großer Fortschritt in der Enträtselung dieser Fragen erfolgte durch
Kölreuter. Ist zur Erzeugung von keimfähigen Samen eine Wirkung des
Pollens auf den Stempel erforderlich, die sich auf eine zunächst nicht näher
zu erklärende Weise der Samenknospe mitteilt, so mußte sich die Frage
erheben, welchen Anteil das männliche und das weibliche Element an dem
Zustandekommen eines neuen Pflanzenindividuums besitzen. Da letzteres
bei normaler Befruchtung den elterlichen Pflanzen gleicht, so war diese
Frage nur durch die Übertragung des Pollens einer Pflanzenart auf die Narbe
einer zweiten Art zu entscheiden, wie es schon Camerarius in Vorschlag
gebracht hatte. Gelang dieser Versuch, so erwuchs daraus zugleich auch für
die Richtigkeit der Sexualtheorie eine neue Bestätigung. Der erste, der auf
diesem Wege Erfolg hatte und die Grundlage für alle in der gleichen
Richtung sich bewegenden Arbeiten schuf, war der erwähnte Kölreuter 145.
Kölreuters Werk erhebt sich über alle früheren und gleichzeitigen
botanischen Schriften. Es stellt eine mit großem Scharfsinn und
außerordentlicher Mühe geschaffene, im Geiste modern wissenschaftlicher
Forschung geschriebene Abhandlung dar, auf der alle späteren
Untersuchungen über Sexualität und Bastardbildung fußen.
Kölreuter geht von dem Bau des Pollens und den Veränderungen aus, die
mit dem Pollen nach der Bestäubung vor sich gehen. Trotz der damals noch
unentwickelten, den feineren Strukturverhältnissen nicht gewachsenen

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mikroskopischen Technik sah er, daß das Pollenkorn eine äußere dicke Haut
und ein dünneres, darunter liegendes, ungleich schwächeres Häutchen
besitzt. Das Innere erkannte er als eine körnige, im reifen Zustande
gleichmäßige, flüssige und durchsichtige Masse (Protoplasma). Er bemerkte
ferner die Stacheln und das Aufspringen der äußeren Haut, sah die Deckel,
die sich von den in ihr entstehenden Löchern abheben, ja er sah endlich die
innere Haut als Ausstülpung aus diesen Löchern hervortreten, beobachtete
somit wenigstens den Beginn der Pollenschlauchbildung. Weiter vermochte
Kölreuter den Vorgang nicht zu verfolgen. Der gewonnene Einblick war
also nur unvollständig. Da Kölreuter trotzdem, losgelöst von der
Erfahrung, weiterschritt, so konnte die von ihm geschaffene Theorie des
Befruchtungsvorganges das Wesen des letzteren nicht aufhellen. Nach
Kölreuter findet die Befruchtung schon auf der Narbe statt, indem sich die
dort befindliche Flüssigkeit, die er für den weiblichen Zeugungstoff hielt,
mit der öligen, männlichen Flüssigkeit des Pollenkorns vermische. Diese
Mischung werde von der Narbe und dem Griffel aufgesogen und gelange
dadurch in den Fruchtknoten, um dort in den Samenanlagen die Keimlinge
zu erzeugen.
Den Schleier von diesem für das Verständnis der organischen Welt
grundlegenden Vorgang zu lüften, gelang erst den vereinten, mühevollen
Anstrengungen zahlreicher Forscher des 19. Jahrhunderts.
Die weiteren Untersuchungen Kölreuters befaßten sich mit der Frage, wie
viel Pollenkörner zur Befruchtung nötig seien. Er wies nach, daß ein
einziges Pollenkorn genügt, um einen einsamigen Fruchtknoten zu
befruchten. Daraus schloß Kölreuter, daß die Zahl der für die Befruchtung
nötigen Staubkörner im Verhältnis zu den in der Blüte vorhandenen
Staubkörnern sehr gering sei. Er bewies dies durch folgenden Versuch. In
einer Blüte von Hibiscus venetianus zählte Kölreuter 4863 Pollenkörner.
Die Samenkapsel dieser Pflanze enthält aber bei der vollkommenen
natürlichen Befruchtung nur etwa 30 Samen. Um letztere zu erzeugen, waren
50-60 Staubkörner erforderlich. Übertrug Kölreuter die zehnfache Menge
auf die Narbe der Pflanze, so erhielt er deswegen nicht mehr und auch nicht
etwa vollkommenere Samen. Man sieht, es waren ins kleinste gehende und
dennoch für das Verständnis des Befruchtungsvorganges höchst wichtige
Versuche, die wir Kölreuter verdanken.

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Kölreuter erörtert darauf die Möglichkeit, daß der Pollen der einen Art auf
die Narbe der anderen gelange, erklärt aber als echter Naturforscher sofort,
daß über den Erfolg einer solch widernatürlichen Vermischung nur der
Versuch entscheiden könne. Von vornherein nimmt Kölreuter an, daß diese
Vermischung etwas Außergewöhnliches sei. Die Natur, meint er, die
jederzeit auch bei scheinbarer Unordnung die schönste Ordnung beobachte,
habe dieser Verwirrung bei den Tieren außer durch andere Mittel besonders
durch die natürlichen Triebe vorgebeugt. Man müsse daher annehmen, daß
die Natur bei den Pflanzen, bei denen der Wind und die Insekten zu einer
widernatürlichen Vermischung häufig Gelegenheit gäben, den Wirkungen
dieser Vermischung durch ebenso sichere Mittel ihre Kraft zu benehmen
gewußt habe. Am ehesten werde diese Vermischung in den botanischen
Gärten vorkommen können, besonders wenn die Pflanzen dort so geordnet
wären, daß die ähnlichsten am meisten benachbart seien – bei einer
Gruppierung nach dem natürlichen System würden wir heute sagen.
Die erste Bastardierung gelang nach vielen vergeblichen Versuchen im Jahre
1760 an zwei Tabaksarten. »Weil ich schon lange von dem Geschlecht der
Pflanzen überzeugt war,« sagt Kölreuter 146 darüber, »und an der
Möglichkeit einer Bastarderzeugung niemals gezweifelt hatte, so ließ ich
mich durch nichts abhalten, Versuche darüber anzustellen, in der Hoffnung,
daß ich vielleicht einmal so glücklich sein würde, eine Bastardpflanze zu
Wege zu bringen. Ich habe es endlich auch bei der Nicotiana paniculata und
der Nicotiana rustica soweit gebracht, daß ich mit dem Pollen der ersteren
den Stempel der anderen befruchtet, vollkommene Samen erhalten und aus
diesen noch in demselben Jahre junge Pflanzen gezogen habe.«
Da Kölreuter diesen Versuch bei vielen Blumen zu verschiedenen Zeiten
und mit aller nur möglichen Vorsicht angestellt und jedesmal vollkommenen
Samen erhalten hatte, waren jeder Irrtum und die Möglichkeit eines
Versehens ausgeschlossen. Einen weiteren Beweis, daß die künstliche
Bastardierung gelungen sei, brachte die Aussaat der durch jene Versuche
erhaltenen Samen.
Kölreuter bemerkte nämlich zu seiner größten Genugtuung, daß die aus
dem Samen des Bastards gezogenen Pflanzen nicht nur in der Ausbreitung
ihrer Äste und der Farbe der Blumen, sondern auch bezüglich fast aller zur
Blume gehörenden Teile die Mitte zwischen beiden Stammarten innehielten.
Dieses Ergebnis war mit der im 18. Jahrhundert von vielen gehegten, unter

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dem Namen der Evolutionstheorie bekannten Lehre, daß die Embryonen
fertig in den weiblichen Organen vorhanden seien und es zu ihrer Belebung
nur eines Anstoßes durch den Pollen oder Samen bedürfe, wie auch
Kölreuter hervorhebt, ganz unvereinbar. Durch seine Versuche, meint er
mit Recht, sei die alte aristotelische Lehre von der Erzeugung durch
zweierlei Zeugungsstoff vollkommen bestätigt.
In einem Punkte zeigte der Bastard jedoch ein bemerkenswertes Verhalten.
Seine Staubgefäße waren auffallend klein und enthielten weniger
Blütenstaub. Dieser war auch nicht mit Flüssigkeit gefüllt, sondern bestand
aus leeren Bälgen, die eine Befruchtung nicht hervorzurufen vermochten.
»Es ist also«, ruft Kölreuter aus147, »diese Pflanze im eigentlichen Sinne ein
wahrer und, soviel mir bekannt, der erste botanische Maulesel, der auf
künstlichem Wege hervorgebracht worden ist.« Obgleich der Bastardtabak
durch seinen eigenen Staub nicht befruchtet werden konnte, gelang es doch,
ihn mit dem Pollen seiner Stammarten, sei es die Vater- oder die
Mutterpflanze, zu befruchten. In beiden Fällen erhielt Kölreuter
vollkommene Samen, wenn auch in einer ungleich geringeren Zahl als bei
den nicht bastardierten Pflanzen durch »eine der Ordnung der Natur gemäße
Befruchtung« erzeugt werden.
Das Nächstliegende war nun, den Versuch sozusagen umzukehren und die
Narbe von Nicotiana paniculata mit dem Pollen der Nicotiana rustica zu
bestäuben. Zwar fand auch dieses Mal eine Befruchtung statt; doch waren
die erhaltenen Samen kleiner als die natürlichen, und von sechzig dieser
künstlich erhaltenen Samen ging nicht einer auf. Indessen übertrafen sie die
unbefruchteten Samen, welche man von einer Blume erhält, die überhaupt
keinen Pollen empfangen hat, bei weitem. Kölreuter schloß daraus, daß in
ihnen trotz ihrer Unfruchtbarkeit doch etwas von einer Befruchtung und
etwas von einem darauf erfolgten Wachstum vor sich gegangen sein müsse.
Daß Pflanzenbastarde möglich seien, hatte Linné aus »philosophischen
Gründen« angenommen, ohne je ein Experiment nach dieser Richtung zu
machen. So leitete er eine Veronikaart von zwei anderen Arten derselben
Pflanze ab, nur weil alle drei Formen in demselben Gebiet vorkamen. Die
Gattung Saponaria sollte durch Bestäubung mit dem Pollen einer Gentiana,
eine Actaeaart, mit Rhus toxicodendron Bastardformen liefern. Diesen vagen
Vermutungen Linnés gegenüber wies Kölreuter durch zahlreiche Versuche
nach, daß Bastardpflanzen sich nicht so leicht erzeugen lassen und daß die

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Bastardierung eine weit größere Ähnlichkeit der betreffenden Arten
voraussetzt, als man bisher wohl angenommen hatte. Bei vielen Pflanzen
ergab sich trotz ihrer nahen Verwandtschaft bei Kölreuters
Bastardierungsversuchen nicht der geringste Erfolg.
Auf die epochemachende Veröffentlichung Kölreuters von 1761 folgte die
zweite Abhandlung im Jahre 1763. Sie brachte eine Fülle von neuem, die
erste Mitteilung ergänzenden Material. Von 60 Samen des Bastards von
Nicotiana paniculata (♀) und Nicotiana rustica (♂), die Kölreuter ausgesät
hatte, war, wie 1761 erwähnt, kein einziger aufgegangen148. Eine
Wiederholung brachte ein teilweises Gelingen. Kölreuter erhielt nämlich
von vier Kapseln, deren Samen er zu verschiedener Zeit gesät hatte, acht
Pflanzen, eine Zahl, die allerdings im Verhältnis zur Zahl der in den vier
Kapseln befindlichen Samenkörner nur gering war.
Grundlegend waren auch die Versuche, die Bastarde durch wiederholte
Bestäubung mit dem Blütenstaub der väterlichen Urform in diese
zurückzuführen. Wurde die Narbe eines Bastards von Nicot. rustica ♀ und
Nicot. panic. ♂ dem Pollen von Nicotiana rustica ♂ bestäubt, so näherte sich
die aus dieser Vermischung hervorgehende Generation wieder der Nicotiana
rustica; und diese Annäherung trat bei einer weiteren durch abermalige
Bestäubung mit dem Pollen von Nicotiana rustica erzeugten Generation
noch mehr in die Erscheinung.
Weitere Bastarde rief Kölreuter innerhalb der Gattungen Dianthus,
Hyoscyamus, Verbascum, Mattiola und anderen ins Leben. Ferner gelang
ihm die Erzeugung von zusammengesetzten, d. h. aus drei oder mehr Arten
hervorgegangenen Bastarden. So erfolgte die Vermischung von drei
Nicotianaarten nach folgendem Schema:
Nicot. rustica ♀
Nicot. panic. ♂ }♀
Nicot. panic. ♂ }♀
Nicot. glut. ♂
Zu den merkwürdigsten Versuchen gehört Kölreuters Erzeugung von
Bastarden höheren Grades oder die »gänzlich vollbrachte Verwandlung einer
natürlichen Pflanzenart in eine andere«. So gelingt die Verwandlung der
Nicotiana rustica in Nicotiana paniculata nach folgendem Schema:

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Nicot. rustica ♀
}
Nicot. panic. ♂ ♀
Nicot. panic. ♂ }♀
Nicot. panic. ♂ }♀
Nicot. panic. ♂ }♀
Es wurde also durch vier Generationen, ausgehend von Nicotiana rustica, zur
Bestäubung stets wieder der Pollen von Nicotiana paniculata benutzt. Das
Ergebnis war, daß die vierte so erzeugte Generation in allen Eigenschaften
Pflanzen der Nicotiana paniculata waren. Um gänzlich verwandelt zu
werden, mußten einige Pflanzen wohl einige Grade mehr durchlaufen. Bei
anderen wiederum ließ sich die völlige Umwandlung schon in der zweiten
oder dritten Generation erreichen. Ähnlich verhielt es sich mit der
Zurückführung einer bereits verwandelten Art in die ursprüngliche
Mutterpflanze. Die Ergebnisse waren so wunderbar, daß Kölreuter selbst
sagt, die Möglichkeit solcher Vorgänge würde ihm zu Beginn seiner
Versuche nicht einmal im Traume eingefallen sein.
Daß die Bastardbildung in der Natur keinen solchen Umfang besitzt, als man
nach diesen Versuchen vermuten sollte, hat, wie Kölreuter gleichfalls
experimentell nachwies, seinen guten Grund. Kommt nämlich fremder und
von derselben Art herrührender Blütenstaub auf die Narbe, so wirkt auch bei
naher Verwandtschaft nur der letztere. Trotzdem ist, wie neuere
Forschungen149 dargetan haben, die Bastardbildung vielleicht eins der Mittel,
die zur Entstehung neuer Arten führen. Wenn auch durch den Wind und
durch die Insekten zu jeder Zeit und aller Orten Verwechslungen des Pollens
bewirkt werden, so hat, wie Kölreuter sich ausdrückt, der Schöpfer »durch
ein in die Natur gelegtes Gesetz, das wir nicht genug bewundern können,
doch jeder zu besorgenden Unordnung und Verwirrung vorgebeugt. Dies
Gesetz besteht darin, daß wenn eigener und fremder Samenstaub etwa zu
gleicher Zeit auf die Narbe kommen, der eigene männliche Staub nur allein
angenommen, der fremde hingegen gänzlich von der Befruchtung
ausgeschlossen wird«.
Durchdrungen von der Bedeutung dieser Ergebnisse meint Kölreuter, man
habe die Verwandlung der Metalle ineinander seit uralten Zeiten für möglich
gehalten, es sei aber keinem Menschen eingefallen, eine Pflanze in eine
andere oder ein Tier in ein anderes zu verwandeln, vermutlich weil man dies

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für schwieriger angesehen. Dennoch habe er das letztere Problem in wenig
Jahren gelöst, während man seit vielen Jahrhunderten die
Metallverwandlung vergeblich zu bewerkstelligen suche. Kölreuter kam
auch auf den Gedanken, das gleiche Problem auf die Tierwelt zu übertragen.
Auch hier, meinte er, werde sich aller Wahrscheinlichkeit nach die
Verwandlung auf die gleichen Gesetze gründen und sich ebenso gewiß wie
bei den Pflanzen bewerkstelligen lassen. »Warum sollte man,« ruft er aus,
»einen Kanarienvogel nicht in einen Hänfling verwandeln können.« Wenn
man erwäge, daß durch seine Bastardierungen die Umwandlung einer
Pflanzenart in eine zweite von wesentlich anderem Aussehen gelungen sei,
so dürfe man etwas Ähnliches in der Tierwelt nicht für unmöglich halten.
Unter Anspielung auf Ovids »Metamorphosen« bemerkt Kölreuter, daß
die ihm gelungenen Umwandlungen den Vorzug besäßen, nicht nur in der
Einbildung eines Dichters, sondern in der Wirklichkeit zu bestehen.
Mit der künstlichen Züchtung von Bastarden aus verschiedenen Tierarten hat
sich zuerst eingehender der italienische Physiologe Spallanzani 150
beschäftigt. Seine Versuche erstreckten sich besonders auf Amphibien und
Insekten. Dabei bediente sich Spallanzani des Hilfsmittels der künstlichen
Befruchtung.
Wir haben bei Kölreuters Arbeiten etwas länger verweilt, weil sie zu den
besten und lehrreichsten physiologischen Versuchen zählen. Seine Schrift
wird nie veralten151. Sie mutet uns an, als ob sie unserer Zeit gehört und
bildet die Grundlage alles dessen, was wir über die Sexualität der Pflanzen
wissen. Mehr beiläufig machte Kölreuter einige sehr wichtige
Beobachtungen, die er jedoch nicht weiter verfolgte. Sie bildeten vielmehr
den Ausgangspunkt für die Erschließung weiter neuer Gebiete durch
Sprengel und spätere Forscher. So erkannte Kölreuter die Dichogamie
von Epilobium, die Reizbewegungen gewisser Staubgefäße und Narben,
sowie an Verbascum die Tatsache, daß der Blütenstaub nicht befruchtend auf
dieselbe Blüte wirkt. Das Seltsamste, sagt er bei der Schilderung der
Sexualvorgänge von Verbascum, sei ihm gewesen, daß sich die Blüte durch
ihren eigenen Staub nicht befruchten ließ. Zuerst wollte er nicht an die
Richtigkeit seiner Beobachtung glauben. Fortgesetzte Versuche bestätigten
sie jedoch. »Ich halte mich aber,« sagt er, »da ich keinen sicheren Grund
davon zu geben weiß, nicht länger dabei auf.«

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Die Entdeckung, daß der Pollen nicht nur durch den Wind, sondern auch
durch Insekten auf die Narben übertragen wird, während diese Tiere dem in
den Blüten enthaltenen Nektar nachgehen, rührt gleichfalls von Kölreuter
her. »Bei allen Kürbisgewächsen, Schwertlilien und nicht wenigen
Malvenarten,« sagt er152, »geschieht die Bestäubung allein durch Insekten.
Ich erstaunte, als ich diese Entdeckung an einer der genannten Pflanzen
machte und sah, daß die Natur eine so wichtige Sache wie die Fortpflanzung
einem bloßen Ungefähr, einem glücklichen Zufall überlassen habe. Mein
Erstaunen verwandelte sich aber bei fortgesetzter Beobachtung in die
Bewunderung eines dem ersten Anschein nach zufälligen, in der Tat aber
sichersten Mittels, dessen sich hier der weise Schöpfer bei der Fortpflanzung
bedient.«
»Zwar verrieten,« fährt er fort, »die Bewegungen der Insekten nicht die
Absicht, die Bestäubung zu verrichten, obgleich sie nicht nur für die
Blumen, sondern auch für die Erhaltung jener Tiere die allerwichtigste
Handlung ist.« Kölreuter erkannte, daß zahlreiche Blumen einen
zuckerhaltigen Saft, den Nektar, absondern und daß diesem der Besuch der
Insekten gilt.
Von besonderem Interesse ist Kölreuters Aufhellung des
Zusammenwirkens von Tier und Pflanze bei der Mistel . Die Bestäubung
153

der weiblichen Misteln, sie mögen nun mit den männlichen auf einem
Baume stehen oder in großer Entfernung auf anderen Bäumen wachsen,
geschieht nach Kölreuter allein durch Insekten und zwar durch gewisse
Fliegen, die eine in den männlichen wie auch in den weiblichen Blüten
befindliche süße Flüssigkeit aufsuchen. Ziehe man die Beschaffenheit und
die Menge des Blütenstaubes in Betracht, so müsse man einsehen, daß man
hier die Bestäubung durch den Wind vergebens erwarten müßte. Wie die
Befruchtung von Insekten, so hänge die Verbreitung der Samen der Mistel
von Vögeln ab. Es liege hier also der bis dahin ganz unbekannte Fall vor,
daß das Bestehen einer Pflanze an die Existenz von zwei ganz verschiedenen
Tierklassen geknüpft sei. Andererseits sei die Erhaltung der in Betracht
kommenden Insekten und Vögel wieder auf das Dasein der Mistel
gegründet, ein Beispiel, »woraus die genaue und notwendige Verbindung
aller Dinge untereinander sattsam erhelle«.
Die Entdeckung Kölreuters über die Beziehungen zwischen Blumen und
Insekten weiter verfolgt und im einzelnen den Nachweis des

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Zusammenwirkens der Tier- und Pflanzenwelt erbracht zu haben, ist das
große Verdienst Sprengels, von dem mit Recht behauptet wurde154, daß er
an Kühnheit des Gedankens und an Genialität des Forschens weit über
Camerarius, ja selbst über Kölreuter hinausragte. Leider hatte dies zur
Folge, daß er von seinen Zeitgenossen und Epigonen noch weniger
verstanden wurde als jene Männer.
Christian Konrad Sprengel wurde im Jahre 1750 als der Sohn eines
Geistlichen in Brandenburg a. d. H. geboren. Nachdem er Theologie und
Philologie studiert hatte, wurde er zunächst Lehrer in Berlin und darauf in
Spandau (1780) Rektor einer Schule. Sprengel widmete sich der Botanik
mit solchem Eifer, daß ihm schließlich von seiten des ihm vorgesetzten
kirchlichen Superintendenten und der Spandauer Bürgerschaft
Widerwärtigkeiten erwuchsen. Der Superintendent als Inspektor der Schule
konnte es Sprengel nicht verzeihen, daß er am Sonntag botanische
Exkursionen machte und darüber die Predigt versäumte. Im Jahre 1794, ein
Jahr nach der Herausgabe seines Werkes, schied er daher aus dem Amte.
Die zeitgenössischen Botaniker vermochten die Ergebnisse der Arbeiten
Sprengels nicht zu würdigen. Sein Buch fand nur geringen Beifall. Dies
bewog ihn leider, seine Forschungen ganz aufzugeben und sich wieder der
Philologie zu widmen. Einsam, verkannt und verarmt starb er am 7. April
des Jahres 1816. Sprengels Werk, sowie sein Name gerieten in
Vergessenheit, bis kein geringerer als Darwin, dessen Forschungen auf die
Beziehungen zwischen Blumen und Insekten ein neues Licht geworfen
haben, wieder auf Sprengel und dessen »eigentümliches Buch mit dem
sonderbaren Titel« aufmerksam machte155.
Daß Blütenstaub auf die Narbe gelangen muß, wenn sich aus dem
Fruchtknoten eine mit keimfähigen Samenkörnern gefüllte Samenkapsel
bilden soll, war durch frühere Forschungen nachgewiesen. Sprengel blieb
der Nachweis vorbehalten, »daß die Befruchtung des Fruchtknotens der
Endzweck ist, auf den sich der ganze Aufbau der Saftblume bezieht und aus
dem er sich völlig erklären läßt«156. Über den Vorgang der Befruchtung selbst
konnten erst die mikroskopischen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts
Aufschluß bringen157. Auch die Mikroskopiker jener Zeit, wie
Ledermüller 158, bemühten sich vergeblich, die Vorgänge, die nach der
Bestäubung der Blüten eintreten und zur Befruchtung führen, zu verfolgen.
»Ich habe mir,« sagt Ledermüller 159, »alle Mühe gegeben, Öffnungen auf

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der Narbe zu sehen, in welche die Körner des Blütenstaubes kommen
möchten, allein ich habe solche nicht entdecken können. Ich glaube daher,
daß nicht der Staub selbst, sondern vielmehr die in seinen Körnern
eingeschlossene Substanz die Befruchtung veranlaßt.« Jedoch ist
Ledermüller wohl bekannt, daß sich in manchen Fällen in dem Griffel ein
Kanal nachweisen läßt160. Er erwähnt auch, daß von anderer Seite ein
Eindringen des Staubes in diesen Kanal behauptet und der
Befruchtungsvorgang in dieser Erscheinung erblickt werde.
Sprengel glaubte, daß ein aus den Pollenkörnern hervorschwitzendes Öl die
befruchtende Substanz sei. Wenn der Staub auf die Narbe gekommen ist,
meint Sprengel, so dringt zwar nicht er selbst, da er viel zu grob sei, wohl
aber das feine, befruchtende Wesen, welches er enthält, durch die Narbe
hindurch in das Innere des Fruchtknotens und wirkt dort auf die
Samenanlagen. Wegen der Ähnlichkeit dieser Befruchtungsart mit
derjenigen im Tierreich nenne man mit Recht die Staubgefäße den
männlichen, den Stempel dagegen den weiblichen Befruchtungsteil. Und es
sei leicht einzusehen, daß dieses die wesentlichsten Teile der Blume seien.
Die Klarstellung dieser Verhältnisse blieb jedoch, wie schon erwähnt, dem
19. Jahrhundert vorbehalten.

Abb. 17. Die Blüte des Sumpfstorchschnabels. (Aus Sprengel, das entdeckte
Geheimnis der Natur.)

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Auf die Anpassung der Blüten an die Bestäubung durch Insekten wurde
Sprengel besonders durch das Studium der Nektar absondernden Organe
geführt. Als er im Sommer des Jahres 1787 die Blume des
Waldstorchschnabels (Geranium silvaticum) aufmerksam betrachtete, fand
er, daß der unterste Teil ihrer Kronenblätter auf der inneren Seite und an den
beiden Rändern mit feinen Haaren versehen ist. Unter diesen Haaren
erblickte er fünf Drüsen und fünf von diesen Drüsen abgesonderte
Safttröpfchen, die, wie er erkannte, gewissen Insekten zur Nahrung dienen.
Sprengel schloß, daß durch die Haare dafür gesorgt sei, daß der Saft nicht
vom Regen verdorben werde. Da die Blume des Storchschnabels aufrecht
steht und ziemlich groß ist, so könne es vorkommen, daß Regentropfen in sie
hineinfallen. Es könne aber kein Tropfen zu einem Safttröpfchen gelangen
und sich mit ihm vermischen, weil jeder Tropfen von den Haaren, die sich
darüber befinden, aufgehalten werde. Ein Insekt dagegen werde durch diese
Haare nicht daran gehindert, zu den Safttröpfchen zu gelangen. Dies war das
Ergebnis von Sprengels Untersuchung des Sumpfstorchschnabels.
Ähnliche Beobachtungen stellte er an anderen Saftblumen an. Er fand sie
alle so eingerichtet, daß zwar die Insekten leicht zum Saft gelangen können,
der Regen ihn aber nicht verderben kann. Sprengel schloß daraus, daß der
Saft um der Insekten willen abgesondert werde, und daß der Saft, damit die
Insekten ihn rein und unverdorben genießen könnten, gegen den Regen
gesichert sei. Daß die Haare nicht immer als Schutz gegen Regen dienen,
sondern in manchen Fällen auch die Aufgabe haben, unberufene Gäste von
den Blumen fern zu halten, ist Sprengel noch entgangen.
Später untersuchte Sprengel das Vergißmeinnicht (Myosotis palustris). Er
fand, daß auch bei dieser Blume der Saft gegen den Regen völlig gesichert
ist. Zugleich fiel ihm der gelbe Ring auf, welcher die Öffnung der
Kronenröhre umgibt und gegen die blaue Farbe des Kronensaums so schön
absticht. Sollte wohl, dachte er, dieser Umstand sich auch auf die Insekten
beziehen und die Natur diesen Ring deshalb so auffallend gefärbt haben,
damit er den Insekten den Weg zum Safthalter zeige? Sprengel untersuchte
mit Rücksicht auf diese Annahme andere Blumen. Er erkannte, daß sich
solche Flecken, Figuren, Linien oder Tüpfel von besonderer Farbe dort
zeigen, wo sich der Eingang zum Safthalter befindet. Nun schloß er: »Wenn
die Krone wegen der Insekten an einer besonderen Stelle besonders gefärbt
ist, so ist sie überhaupt der Insekten wegen gefärbt; und wenn jene
besondere Farbe eines Teiles der Krone dazu dient, daß ein Insekt, das sich

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auf die Blume gesetzt hat, den rechten Weg zum Saft leicht finden kann, so
dient die Farbe der Krone dazu, daß die Blumen den Insekten als
Saftbehältnisse schon von weitem in die Augen fallen.«
Als Sprengel einige Arten der Iris untersuchte, fand er, daß ihre Blumen gar
nicht anders befruchtet werden können als durch Insekten. Er untersuchte, ob
auch andere Blumen so gebaut seien und überzeugte sich, daß viele, ja
vielleicht alle Saftblumen, von den Insekten, die sich von dem Safte nähren,
befruchtet werden. »Dann wäre«, sagt er, »diese Ernährung der Insekten
zwar in Ansehung ihrer selbst Endzweck, in Ansehung der Blumen aber nur
das Mittel zu deren Befruchtung.«
Ferner entdeckte Sprengel, daß die Staubgefäße sich mitunter früher
entwickeln als die Stempel, eine Beobachtung, die er zum ersten Male am
schmalblättrigen Weidenröschen (Epilobium angustifolium) machte. Das
Gegenteil lernte er an der gemeinen Wolfsmilch (Euphorbia Cyparissias)
kennen. Er fand, daß bei dieser Pflanze zunächst der Griffel aus der Blume
hervorragt, während von den Staubgefäßen noch nichts zu sehen ist. Die
Staubgefäße befinden sich während dieses Zustandes noch am Grunde der
Krone und enthalten noch nicht einmal fertig gebildeten Staub. Nach einigen
Tagen strecken sie sich und versenden ihren Staub. Wenn die Insekten in
eine ältere Blume hineinkriechen, so streifen sie diesen Staub ab. Besuchen
sie dann eine jüngere Blume, so gelangt der Staub dort auf die Narbe und übt
seine befruchtende Wirkung aus161.
Die als Dichogamie bezeichnete ungleichzeitige Entwicklung der
Staubgefäße und der Stempel ist, wie auch alle späteren Forschungen
dargetan haben, das gewöhnlichste und einfachste Mittel, um die
Selbstbefruchtung einer Zwitterblume zu verhindern. Öffnen sich die
Staubbeutel, wenn die Narben noch unentwickelt sind, so heißt die Pflanze
protandrisch. Wird die Narbe vor der Verstäubung empfängnisfähig, so kann
sie nur den Blütenstaub älterer Blumen empfangen. Die Pflanze wird dann
protogynisch genannt. Auf die im vorstehenden kurz geschilderten
Hauptentdeckungen Sprengels gründete er die Theorie, daß der ganze Bau
der Saftblumen in allen ihren Einzelheiten der Bestäubung durch Insekten
angepaßt sei.
Von Interesse sind auch Sprengels Ausführungen über seine von dem
Herkommen völlig abweichende Art des botanischen Studiums. Wer sich
Blumen vom Felde hole und sie auf dem Zimmer untersuche, der werde

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nicht den Plan der Natur im Bau der Blumen entdecken. Man müsse die
Pflanzen vielmehr an ihrem Standort untersuchen und darauf achten, ob sie
von Insekten und von welchen Insekten sie besucht werden, wie sich die
Insekten verhalten, ob sie die Staubbeutel oder die Narbe berühren. Kurz,
man müsse die Natur auf der Tat zu ertappen suchen.
Wie Sprengel eine der bekanntesten Anpassungen solcher Art im einzelnen
aufdeckt, zeigt seine Untersuchung der Osterluzzei (Aristolochia Clematitis),
einer in Gebirgswäldern häufig vorkommenden protogynischen Pflanze.
Sprengel hatte fast jedesmal kleine Fliegen in dem Kessel (Abb. 18, k) der
aufrecht stehenden Krone A gefunden, während in dem Kessel einer
herabhängenden Krone (B) keine einzige Fliege war. Sprengel glaubte
zuerst, das Innere der Krone sei glatt, so daß die Insekten, wenn die Blume
sich nach unten kehrt, herausfielen. Als diese Vermutung indessen nicht
bestätigt wurde, schnitt er die Krone auf. Da sah er, »daß die Röhre der
aufrechtstehenden Blume mit steifen, fadenförmigen Haaren besetzt ist.
Diese Haare sind mit ihrer Spitze nicht der Öffnung der Krone, sondern dem
Kessel zugekehrt und bilden eine kleine Reuse, durch welche die Fliegen
zwar leicht in den Kessel hinein, aber nicht wieder herauskriechen können.
In der herabhängenden Blume sind dagegen die Haare verwelkt. Hierdurch
war also das Gefängnis geöffnet worden, und die Fliegen hatten nicht
gesäumt, sich wieder ins Freie zu begeben.«

Abb. 18. Blüte der Osterluzzei. A vor und B nach der Bestäubung162.

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Sprengel zeigte, daß die Blume der Aristolochia drei verschiedene
Zustände durchläuft. Nachdem sie eine bestimmte Größe erlangt und sich
geöffnet hat, scheint sie zwar zu blühen, sie ist aber trotzdem nicht fähig,
befruchtet zu werden, weil zunächst weder ein Staubgefäß seine gehörige
Reife noch die Narbe ihre völlige Ausbildung erhalten haben. Während
dieses Zustandes fängt die Blume eine Anzahl Fliegen ein, von denen sie im
zweiten Stadium ihrer Entwicklung befruchtet wird. Sobald die Natur diesen
Endzweck erreicht hat, versetzt sie die Blume in den dritten Zustand. Die
Blume kehrt sich nämlich um, die kleine Reuse verschwindet, und die
Fliegen erhalten ihre Freiheit wieder. Daß bei der Osterluzzei
Fremdbestäubung stattfindet, indem die befreiten, mit dem Pollen bedeckten
Insekten die früher als die Staubbeutel sich entfaltende Narbe einer jüngeren
Blume bestäuben, hat Sprengel übersehen. Im übrigen war er der erste, der
bei anderen Pflanzen auf die Fremdbestäubung aufmerksam gemacht und die
Dichogamie als das sicherste Mittel zur Erreichung der Fremdbestäubung
nachgewiesen hat. »Da viele Blumen«, sagt er, »getrennten Geschlechtes
und viele Zwitterblumen dichogam sind, so scheint die Natur es nicht haben
zu wollen, daß irgend eine Blume durch ihren eigenen Staub befruchtet
wird«163.
Von den wunderbaren Einrichtungen, die Sprengel auf jenen Zweck
zurückführte, seien noch diejenigen erwähnt, welche die Blüten der
Berberitze, des Wiesensalbeis (siehe Abb. 19) und der Orchideen aufweisen.
Bei Berberis beschreibt Sprengel das Verhalten der Staubgefäße, die sich
bei der Berührung durch ein Insekt gegen den Stempel bewegen. Allerdings
glaubte er, daß dieses Verhalten auf eine Selbstbestäubung hindeute,
während tatsächlich das die Blüte besuchende Insekt durch die reizbaren
Staubfäden mit Blütenstaub bedeckt wird und ihn auf eine andere Blüte
überträgt.

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Abb. 19. Sprengels Abbildung der Befruchtung einer Salbeiblüte (Salvia
pratensis). 18. Die Blume in natürlicher Stellung. 24. Die Blume wird von einer
Hummel besucht, bestäubt und dadurch befruchtet. Dabei wird das Insekt, indem
es die Staubgefäße herabdrückt und mit dem Rücken streift, von neuem mit
Blütenstaub beladen, den es auf eine andere Narbe bringt164

Den Blütenbau und die Bestäubungseinrichtungen der Orchideen
untersuchte Sprengel zuerst eingehend am breitblättrigen Knabenkraut

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(Orchis latifolia). Er wies nach, daß die Staubkölbchen, gegen Regen
geschützt, in zwei Fächern verborgen sind. Daran, daß sie von selbst aus
diesen Fächern herausfallen oder daß der Wind sie herauswehen könne, sei
nicht zu denken. Führte Sprengel einen Grashalm in die Orchideenblüte
ein, so sah er voll Verwunderung, daß sich auf diese Weise ein Kölbchen
herausholen ließ. »Eine Anthere,« sagt er, »ist es zwar, einen Staubbeutel
kann man es aber nicht nennen, da das Kölbchen nicht eine Haut um sich
hat, sondern aus lauter Staub besteht.« Den Bestäubungsvorgang selbst hat
Sprengel nicht beobachtet. Er nahm an, daß Fliegen ihn vollzögen,
während es sich in der Tat um Fremdbestäubung durch Bienen handelt.
Daß die Bienen und andere Insekten, indem sie ihrer Nahrung nachgehen,
zugleich, ohne es zu wollen und zu wissen, die Blumen befruchten und
dadurch den Grund zu ihrer und ihrer Nachkommen zukünftiger Erhaltung
legen, erklärt Sprengel mit Recht als eine der bewundernswürdigsten
Veranstaltungen der Natur.
Was andere Insekten anbetrifft, so gebührt Sprengel auch das Verdienst,
zuerst auf die Beziehungen zwischen Ameisen und Pflanzen aufmerksam
gemacht zu haben. Wir können ihn als den Entdecker der heute als
Myrmekophylie bezeichneten Erscheinung betrachten. Sprengel beschrieb
sie an der Zaunwicke (Vicia sepium). Er beobachtete, daß diese Pflanze
nicht nur in ihren Blumen, sondern auch in ihren Blattwinkeln Saft bereitet
und daß die großen Waldameisen diesem Saft nachgehen. Deshalb finde man
den Saft nur selten, wenn man die Pflanzen an ihrem Standorte untersuche.
Nehme man aber einige Stengel mit nach Hause und stelle man sie in
Wasser, so seien nach einigen Tagen die Blattwinkel voll Saft.
Eine auf das Dogma von der Konstanz der Arten gegründete Botanik wußte
zu all diesen merkwürdigen Ergebnissen keine Stellung zu nehmen. Man zog
es daher vor, sie mit Stillschweigen zu übergehen. Erst als man jenes Dogma
aufgegeben, wurde das Interesse an blütenbiologischen Untersuchungen,
welche der Lehre von der allmählichen Entwicklung der Arten eine
wesentliche Stütze verliehen haben, von neuem lebendig.
Auch an den Pflanzen, welche durch den Wind befruchtet werden, stellte
Sprengel Untersuchungen an. So wies er darauf hin, daß bei den
Windblütern bei weitem mehr Staub bereitet werden müsse, als zur
Befruchtung nötig sei. Denn der Wind wehe nicht jederzeit den Staub gerade
auf die weiblichen Blütenteile zu und bringe auch nicht jedes Stäubchen

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gerade auf eine Blume, die noch nicht befruchtet sei. Auch wasche der
Regen nicht nur viel Staub von den Staubbeuteln ab, da letztere dem Regen
bei dergleichen Blumen sehr ausgesetzt seien, sondern er schlage auch den
schon abgeflogenen und in der Luft befindlichen Staub nieder. Als Beispiel
führt Sprengel die Kiefer an, die so viel Staub verstreue, daß es während
ihrer Blütezeit, wie das Volk sage, zuweilen Schwefel regne.

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7. Fortschritte der Zoologie im 18. Jahrhundert.
Auch hinsichtlich der Zoologie muß die Zeit, die wir zu schildern suchen, als
eine Periode des Überwiegens der Systematik bezeichnet werden. Doch
mehren sich die Bestrebungen, in den Bau, die Lebensweise und die
Entwicklung insbesondere der niederen Tiere einzudringen. Während z. B.
noch die Systematiker des 17. Jahrhunderts, darunter Männer wie Ray 165, die
Korallen für Pflanzen hielten, taucht in den zwanziger Jahren des 18.
Jahrhunderts zum erstenmal die Ansicht auf, daß die vermeintlichen Blüten
der Polypenstöcke Tiere und die Hartteile, welche Veranlassung zu der
Bezeichnung »steinerne Pflanzen« gegeben hatten, deren
Absonderungsprodukte seien, eine Ansicht, der freilich die Zoologen jener
Zeit mit Spott begegneten. Selbst Linné war noch im Zweifel, ob er sich für
die animalische Natur der Zoophyten (Pflanzentiere) entscheiden sollte.
Der erste, der mit den triftigsten Gründen für die richtige Auffassung dieser
Lebewesen eintrat, war der Franzose Peyssonnel. Er stellte in den
zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts an den Küsten Südfrankreichs und
Nordafrikas genaue Untersuchungen an lebenden Polypenstöcken an und
zeigte, daß alle Lebensäußerungen an den vermeintlichen Blüten mit der
Annahme, daß es sich hier um Pflanzen handle, unvereinbar seien.
Ein helles Licht verbreiteten über diesen Gegenstand etwa 20 Jahre später
die Arbeiten Trembleys (1710-1784), mit deren Erscheinen K. E. von
Baer eine neue Epoche der Physiologie beginnen ließ. Trembley stellte
seine Untersuchungen an einem den Korallentieren und Schwämmen nahe
verwandten Geschöpf unserer Binnengewässer, dem Süßwasserpolypen, an.
Einige der von ihm erhaltenen Ergebnisse, und zwar diejenigen, die sich auf
das außerordentliche Reproduktionsvermögen dieses Tieres beziehen, mögen
hier Erwähnung finden.
Wurde ein Süßwasserpolyp querdurch in zwei, drei oder mehr Teile
zerschnitten, so entstand aus jedem Teile nach kurzer Zeit ein vollständiger,
neuer Polyp. Die einer, auf beiden Seiten offenen Röhre gleichenden
mittleren Stücke schlossen sich an dem einen Ende, während die gegenüber
befindliche Öffnung zur Mundöffnung wurde und alsbald wieder mit einem

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Kranz von neuentstandenen Fangarmen umgeben war. Wurde ein Polyp der
Länge nach halbiert, so erhielt man zwei Hautlappen. Diese verwandelten
sich sofort in Röhren, indem die Ränder sich zusammenlegten und
verwuchsen, so daß aus den Polypenhälften wieder vollständige Tiere
wurden.

Abb. 20. Der Süßwasserpolyp mit Knospen (c) auf einer Wasserpflanze.

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Darauf schlitzte Trembley einen Polypen auf, breitete ihn aus und
zerhackte ihn in viele kleine Stücke. Alle diese Stücke, sie mochten Arme
haben oder nicht, wurden wieder vollkommene Polypen. Das wunderbarste
Experiment bestand darin, daß Trembley den Polypen wie einen
Handschuhfinger umstülpte. Dieser Versuch möge mit den Worten
Trembleys geschildert werden: »Ich beginne damit, daß ich dem Polypen,
den ich umkehren will, einen Wurm zu fressen gebe. Hat er diesen
verschluckt, so drücke ich den Polypen am hinteren Ende und treibe dadurch
den Wurm aus dem Magen nach dem Maule zu, bis ein Stück des Wurmes
herauskommt. Dann nehme ich eine ziemlich dicke, stumpfe
Schweinsborste, bringe sie an das hintere Ende des Polypen und drücke sie
gegen den Magen, der hier leer und sehr erweitert ist. Hierauf drücke ich die
Schweinsborste immer weiter voran; je weiter sie eindringt, um so mehr
kehrt sich der Polyp um. Kommt die Borste bis an den Wurm, der das Maul
des Polypen offen hält, so drückt sie diesen entweder heraus oder sie geht
daneben aus dem Maule heraus und ist jetzt von dem hinteren Teile des
Polypen bedeckt, der auf diese Weise umgekehrt ist. Es erübrigt nichts
weiter, als ihn von der Schweinsborste abzustreifen.
Sobald dies geschehen ist, verschließt sich der Mund. Später kehren sich die
Lippen nach außen, als wenn sich der Polyp wieder umkrempeln und in
seinen vorigen Zustand zurückkehren wollte. Dies versucht er auch in der
Tat, und oft glückt es ihm. Meine Hauptaufgabe war daher, den Polypen
umgekehrt zu erhalten, um zu sehen, ob er auch in diesem Zustande leben
kann. Ein sicheres Mittel besteht darin, daß man das umgekrempelte Tier
dicht hinter dem Kopfe mit einer Schweinsborste durchstößt. Ich habe dies
mit umgewendeten Polypen getan, ohne daß es sie am Fressen und an ihrer
Vermehrung gehindert hätte.«
In der geschilderten Weise wurde durch Trembley die experimentelle
Forschungsweise auf ein Gebiet übertragen, das sich kaum der deskriptiven
Behandlung erschlossen hatte. Ein Forscher der neueren Zeit, dem der
Süßwasserpolyp den Stoff zu einer ausgezeichneten Monographie geboten
hat166, rühmt von Trembley, daß alle Nachfolger seine Untersuchungen
kaum in ihrer Vollständigkeit zu wiederholen vermocht hätten. Nur der
später erfolgte Nachweis einer geschlechtlichen Fortpflanzung dieser Tiere
ist als ein wesentlicher Fortschritt zu betrachten. Trembley hat wohl die
Eier und Samen bereitenden Organe wahrgenommen, ohne jedoch ihre

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Bedeutung zu erkennen. Den Vorgang der Knospung (siehe Abb. 20) hatte
schon Leeuwenhoek 167 am Süßwasserpolypen beobachtet.
Das durch Trembleys Versuche erschlossene Studium der Regeneration
wurde von Spallanzani auf höhere Tiere ausgedehnt. (Spallanzani, Über
die Wiedererzeugung verloren gegangener Teile und über die Zeugung.) Der
italienische Forscher zeigte am Wassersalamander, daß auch dieses Geschöpf
ein ganz außerordentliches Regenerationsvermögen besitzt. Wurden die
Augen, der Unterkiefer oder die Gliedmaßen abgetrennt, so entstanden sie
binnen kurzem in ursprünglicher Form von neuem. Diese Regeneration trat
wiederholt ein, wenn die neu entstandenen Organe nochmals wieder entfernt
wurden.
Das durch Leeuwenhoek erschlossene Gebiet der mikroskopischen
Durchforschung von Aufgüssen oder »Infusionen« wurde während des 18.
Jahrhunderts mehr von Liebhabern der Mikroskopie, die daran ihr »Gemüt
ergötzen« wollten, als von eigentlichen Zoologen angebaut. Trotzdem wurde
hierdurch die Formenkenntnis, sowie das Wissen von dem Leben der
niederen Tiere außerordentlich bereichert. So entstanden die
»Mikroskopischen Gemüts- und Augenergötzungen« Ledermüllers 168, ein
reichillustriertes Werk, das sich gleich den »Arcana naturae«
Leeuwenhoeks, ohne ein bestimmtes Ziel allem zuwendet, was die
Wißbegierde des dilettantischen Mikroskopikers reizt. Dennoch birgt
Ledermüllers Buch die Kunde von mancher wichtigen Entdeckung. In
buntem Wechsel führen uns seine Tafeln Schimmelbildungen,
Kristallisationen, Kleisterälchen, Haare, Schweißporen, Würmer, Stacheln,
Zangen usw. vor. Auch die Nerven werden untersucht. Ledermüller (1719-
1769) nennt sie »erschreckliche Folterwerkzeuge für den Menschen« und
widerlegt die Ansicht, daß sie hohl seien. Wie Ledermüller berichtet,
beschäftigte sich im Jahre 1727 auch die Petersburger Akademie mit dem
Bau der Nerven. Sie dehnte ihre Untersuchung sogar auf den Elefanten aus
und fand, daß die Nerven dieses Tieres weder hohl noch erheblich dicker
seien als diejenigen der übrigen Säugetiere.
Ein besonderes Interesse wandte Ledermüller den Aufgußtierchen zu,
denen er den Namen Infusorien beilegte. Abbildung 21 ist die Wiedergabe
einer Tafel seines Werkes169, auf der er einige von ihm als Schalmeientierchen
(i, k), Deckeltierchen (y, w, x), Glockentierlein (l) bezeichnete, den

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Gattungen Stentor und Vorticella angehörende Infusorienarten zur
Darstellung brachte.
Ledermüllers »Gemüts- und Augenergötzungen« sind die
»Insektenbelustigungen« Rosenhofs an die Seite zu stellen. Rösel von
Rosenhof (1705-1759) war seines Zeichens Kupferstecher. Er lebte in
Nürnberg und widmete sich wie Swammerdam mit großer Ausdauer der
Erforschung des Baues und der Lebensweise der kleinsten Organismen,
insbesondere der Insekten. Rosenhof wurde dabei, wie manche
Naturforscher des 18. Jahrhunderts, von dem Bestreben geleitet, in den
Wundern, die uns gerade die niedere Lebewelt in so reichem Maße enthüllt,
einen Beweis für die Weisheit und Güte des Schöpfers zu finden.
Während die Mehrzahl der Zoologen sich bei dem Studium der Insekten auf
die Beschreibung des Äußeren beschränkte und nur den Zweck verfolgte,
jeder Art den ihr zukommenden Platz im System und in der Sammlung
anzuweisen, hat Rösel, wie vor ihm Réaumur, seine Beobachtungen
besonders auf die Entwicklung und die Lebensverhältnisse der Insekten
gerichtet. Sein Werk ist daher für alle nachfolgenden Generationen eine der
wichtigsten Fundgruben über das behandelte Gebiet geworden. Es führt den
Titel »Monatlich herausgegebene Insektenbelustigung« und erschien seit
1746. Was den Wert des vier starke Bände umfassenden Werkes besonders
erhöht, sind die zahlreichen, ihm beigefügten, in Farbendruck hergestellten
Kupfertafeln. Sie geben die Insekten in einer selbst heute an Naturtreue
kaum übertroffenen Ausführung wieder.

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Abb. 21. Ledermüllers Abbildung von Aufgußtierchen.

Rösel lieferte ferner eine Naturgeschichte der Frösche. Auch dieses Werk
zeichnet sich weniger durch das Neue, das es über den Bau dieser Gruppe
bringt, als durch die Fülle feiner Beobachtungen über die Entwicklung und
die Lebensweise aus.
Trembleys Arbeit über den Süßwasserpolypen regte Rosenhof zu einer
Nachprüfung an. Er bestätigte nicht nur Trembleys Beobachtungen,
sondern er förderte auch viel Neues über die verschiedenen Polypenarten
zutage und stellte es in prächtigen Tafeln dar. Rösel betitelt den
betreffenden Abschnitt seines Werkes »Historie der Polypen und anderer
kleiner Wasserinsekten«170. Er macht darin auch Mitteilungen über die
Naiden. Das sind im süßen Wasser lebende Würmer, an denen Rösel
beobachtete, daß sie nicht nur durch Zerschneiden vermehrt werden können,
sondern daß sie sich sogar durch eigene Teilung vervielfältigen.

Abb. 22. Rösel von Rosenhofs Darstellung der Bewegung und der Teilung
einer Amöbe. (Gezeichnet nach Tafel 101 des III. Teiles seiner
Insektenbelustigungen.)

Ferner finden wir bei ihm wohl eine der ersten Schilderungen der amöboiden
Bewegung, die wir hier mit den zugehörigen Abbildungen (Abb. 22)
wiedergeben wollen. Rösel beschreibt eine Amöbe unter dem Namen

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Proteus mit etwa folgenden Worten: »Mein Proteus ist ein sehr kleines Tier.
Es begibt sich sehr langsam von einer Stelle zur anderen, wobei es
fortwährend seine Gestalt verändert. Ich beobachtete die Tierchen in
größerer Anzahl unter dem zusammengesetzten Mikroskop und bemühte
mich, an ihnen eine gewisse Gestalt wahrzunehmen oder etwas an ihnen zu
sehen, was einem Kopf, einem Schwanz oder Gliedmaßen gliche, ohne daß
mir dies indessen gelungen wäre. Endlich betrachtete ich eins dieser Tiere
allein und habe daran folgendes bemerkt: Das Tier besteht aus lauter
ungleich großen Körnern. Nachdem es eine Zeitlang einer Kugel geglichen
hatte, stellte es sich mir in der Form der mit C bezeichneten Figur dar, sah
also einem Kleeblatt ähnlich. Kaum war aber eine halbe Minute verflossen,
so sah es wie in D aus. Bald darauf wurde es länger, wie E zeigt. Diese
Verlängerung dauerte so lange, daß es aussah, als wollte sich das Tier in
zwei Teile teilen. Dies geschah auch wirklich nicht lange danach, indem sich
die beiden Teile F und F bei G trennten. Nun hatte ich statt des einen Tieres
deren zwei, von denen jedes bald wieder eine andere Gestalt annahm, wie H
und I zeigen171.«
Auch die Frage nach der Entstehung der kleinsten Lebewesen wurde damals
lebhaft erörtert. Während von der einen Seite die von Swammerdam und
Redi hinsichtlich der Insekten widerlegte Urzeugung zur Erklärung des so
rätselhaften Auftretens der Infusorien wieder in Anspruch genommen wurde,
nahm Spallanzani (1729-1799) eine Fortpflanzung durch Eier und Keime
an. Diese sollten sich in den zur Herstellung des Aufgusses benutzten
Stoffen befinden172. Da ein Nachweis dieser Keime aber äußerst schwierig
war, so konnte die Lehre von der Urzeugung, zumal sie in Buffon einen
angesehenen und eifrigen Vertreter fand, sich bis ins 19. Jahrhundert hinein
erhalten. Ihre endgültige Beseitigung erfolgte erst durch die Experimente
Pasteurs. Die an anderer Stelle wiedergegebene Abhandlung dieses
Forschers ist auch geeignet, den Leser mit dem im 18. Jahrhundert zwischen
Spallanzani und seinen Gegnern geführten Streit bekannt zu machen173.
Für die niedersten Pflanzen, wie die Pilze und Flechten, hatte Caesalpin 174
gleichfalls Urzeugung angenommen. »Manche Pflanzen«, sagt Caesalpin,
»haben überhaupt keinen Samen, sie entstehen nur durch Fäulnis und sind
gewissermaßen ein Mittelding zwischen den Pflanzen und der unbelebten
Natur.« Jungius, der aufgeklärteste Botaniker des 17. Jahrhunderts175, auf
den sich Linné ganz besonders stützte, bezweifelt dies jedoch, während
Linné meinte, daß »auch bei den untersten Stufen der Gewächse Blumen

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und Früchte vorhanden seien, obgleich sie ihrer Kleinheit wegen nicht
deutlich wahrgenommen werden«. Aus dieser Ansicht erklärt sich die von
Linné für die niederen Pflanzen angewandte Bezeichnung »Kryptogamen«
(Verborgenblütige). Die Einsicht in diejenigen Vorgänge, welche die
Fortpflanzung der Kryptogamen ausmachen, blieb gleichfalls der neuesten
Periode vorbehalten.
Neben der Lehre von der Urzeugung wurde das Gebiet der Biologie während
des 18. Jahrhunderts noch durch eine zweite Irrlehre verdunkelt, die uns
heute fast noch sonderbarer anmutet. Es ist die von Harvey ausgehende und
von dem großen Anatomen und Physiologen Albrecht von Haller
gestützte Evolutions- oder Einschachtelungstheorie. Das Studium der
Befruchtung und der Entwicklung hatte die Frage nach der Erklärung dieser
Vorgänge angeregt. So nahm Harvey an, das Ei enthalte die vollständige
Anlage desjenigen Wesens, welches daraus hervorgeht. Dadurch kamen
wieder Philosophen und Naturkundige des 18. Jahrhunderts auf den
Gedanken, daß folgerichtig nach der Lehre Harveys das Ei auch das
nächstfolgende, sowie alle späteren Geschlechter enthalten müsse. Diese
Einschachtelungstheorie, gegen welche vor allem auch die von Kölreuter
bei seinen Bastardierungsversuchen erhaltenen Ergebnisse sprachen, wurde
durch Wolff in seiner Theoria generationis vom Jahre 1759 vollständig
widerlegt176. Mit Wolff beginnt die neuere Entwicklungsgeschichte, die den
Vorgang der Entstehung als ein Werden oder einen Wachstumsprozeß
betrachtet und ihn teils aus der Stammesgeschichte, teils aus mechanischen
Ursachen zu erklären sucht.
Kaspar Friedrich Wolff wurde im Jahre 1733 in Berlin geboren. Als
junger Mediziner wandte er sich mit großer Vorliebe der Anatomie und der
Botanik zu. In Halle geriet er unter den Einfluß der Philosophie des
Leibnizianers Christian Wolf. So kam es, daß er bei seinen
naturwissenschaftlichen Untersuchungen sich mitunter allzusehr von
vorgefaßten Meinungen leiten ließ und häufig aus unzulänglichen,
ungenauen Beobachtungen zuweitgehende philosophische
Verallgemeinerungen zog. Da Wolff in Preußen nicht die gehoffte
Anerkennung fand – er wurde bei der Besetzung von Lehrstühlen mehrfach
übergangen –, so folgte er im Jahre 1766, wie es auch Euler getan, einem
Rufe an die Petersburger Akademie der Wissenschaften. Wolff blieb auch
dort mit anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten
beschäftigt. Hervorzuheben ist seine Untersuchung über die Entwicklung des

Page 116

Darmes. Nach einem zurückgezogenen, der Wissenschaft gewidmeten Leben
starb Wolff in Petersburg im Jahre 1794.
Wolffs Theoria generationis geht von der Untersuchung der Pflanze aus, um
auf diese Weise »die Richtschnur klarzulegen, an die man sich bei der
Behandlung der viel schwierigeren zoologischen Verhältnisse zu halten hat«.
Wolffs Untersuchungen über den Bau und die Entwicklung der Pflanze sind
für die Geschichte der Pflanzenanatomie von nicht geringer Bedeutung. Es
war das erste Mal, daß nach der Begründung dieses Wissenszweiges durch
Malpighi und Grew sich wieder jemand eingehender mit diesem
Gegenstand beschäftigte. Waren die Ergebnisse Wolffs auch noch sehr
ungenau und fehlerhaft, so sicherten dennoch manche von den
Verallgemeinerungen, die er an sie knüpfte, seiner Arbeit eine nachhaltige
Wirkung. Vor allem wurde durch Wolff die Frage nach der Entstehung des
zelligen Baues der Pflanze angeregt, wenn auch die Lösung, die er selbst zu
bieten suchte, unrichtig war. Wolff nahm nämlich an, die Pflanzensubstanz
in der Vegetationsspitze sei zunächst gallertartig. In dieser Gallerte sollten
sich kleine Bläschen ausscheiden. Diese sollten sich in der Weise
vergrößern, daß die zwischen den Bläschen befindliche Zwischensubstanz
später als ein Maschwerk von Zellwänden erscheine. Das Wachstum
geschehe durch die Ausdehnung der Bläschen und dadurch, daß neue
Bläschen zwischen den alten entständen und sich gleichfalls vergrößerten.
Wolff bemerkte ganz richtig, daß Fasern und Gefäße nicht etwa schon in der
Anlage vorhanden sind. Die jungen Pflanzenteile seien aus gleichartigen
Bläschen zusammengesetzt. Mitunter beständen sie aber aus einer
gleichförmigen Substanz ohne alle Bläschen. Auf dieser letzteren
irrtümlichen Beobachtung beruht seine unrichtige Theorie von der
Zellenbildung, nach welcher die Zellen etwa so entstehen würden, wie die
Hohlräume des Brotes in dem ursprünglich zusammenhängenden Teig,
allerdings mit dem Unterschiede, daß die Hohlräume in der Pflanze nicht
leer, sondern mit dem in ihnen sich ansammelnden Nahrungssaft erfüllt sein
würden. Von letzterem sagt er, daß er »durch die Substanz der Bläschen
hindurchkrieche«, ja daß er »die feste Pflanzensubstanz ebenso leicht
durchdringen könne, wie dies mit Hilfe der Gefäße geschehe«. Er nimmt
also für die Erklärung der Saftbewegung in der Pflanze das Verhalten zur
Hilfe, das wir heute als Diffusion bezeichnen. Ähnlich wie die Zellen aus der
Vergrößerung eines ruhenden Tropfens Nahrungssaft hervorgehen sollen,
läßt Wolff die Gefäße durch die Fortbewegung eines solchen Tropfens

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durch die ursprünglich gleichartige Grundsubstanz entstehen. »Ein
Flüssigkeitstropfen«, sagt Wolff 177, »der durch die feste Substanz hindurch
fortschreitet und sich seinen Weg selbst bahnt, kann nicht eine kugelförmige
Spur zurücklassen; er bildet vielmehr einen Kanal, der – nach Wolffs
Annahme – infolge einer Erstarrungsfähigkeit des Nährsaftes erhalten
bleibt.« Diese Erstarrungsfähigkeit des Nährsaftes wird nicht nur der
pflanzlichen, sondern auch der tierischen Substanz zugeschrieben. Diese
Fähigkeit, zusammen mit einer »wesentlichen Kraft«, wie Wolff sein
formgebendes Prinzip nennt, sollte nun den Vorgang der Entwicklung
organischer Wesen erklären. Die »wesentliche Kraft« ist nach ihm jene
Kraft, durch welche die Flüssigkeiten im Organismus verteilt und
ausgeschieden werden. »Die wesentliche Kraft«, sagt er, »und die
Erstarrungsfähigkeit des Nährsaftes sind ein hinreichendes Prinzip jeder
Entwicklung, sowohl bei den Pflanzen als auch bei den Tieren.«
Aus dieser Übereinstimmung zwischen den beiden Naturreichen folgerte
Wolff fast ein Jahrhundert, bevor Schwann den zelligen Bau der
Lebewesen als allgemeines Prinzip erkannte, daß sich in den Tieren wie in
den Pflanzen nicht nur Zellgewebe finde, sondern daß es sich auch auf dem
gleichen Wege entwickle. Wenn Wolff auch über den Vorgang der Bildung
von Zellgewebe, wie wir sahen, noch nicht zu richtigen Vorstellungen
gelangt war, so hebt er doch zutreffend hervor, daß das Zellgewebe der Tiere
»ebenso gebildet wird, wie das Zellgewebe und die Bläschenstruktur bei
Pflanzen178«.
Als typisches Beispiel hebt Wolff, wie es auch später von Schwann
geschehen, die Knochen hervor. »Ihr innerer Bau, sagt er, ist zellig und
entsteht ebenso wie das übrige Zellgewebe«.
Bei der Untersuchung des tierischen Organismus kommt es Wolff vor allem
darauf an, die Ansicht der Evolutionisten zu widerlegen, daß die Organe
ursprünglich vorhanden und nur wegen ihrer unendlichen Kleinheit
verborgen seien. Eine Widerlegung dieser Ansicht erblickt Wolff mit Recht
schon darin, daß die Teilchen, welche alle tierischen Organe bei ihrer ersten
Anlage zusammensetzen, Kügelchen sind, die man schon mit einem
Mikroskop von mittlerer Vergrößerungskraft unterscheiden könne. »Wie
kann man nun behaupten«, ruft er aus, »einen Körper wegen seiner Kleinheit
nicht sehen zu können, wenn doch die Teile, aus denen er sich
zusammensetzt, sehr wohl zu unterscheiden sind?«

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Abb. 23. Wolffs Abbildung eines Embryos.

Die nebenstehende Abbildung aus Wolffs Theoria generationis zeigt einen
Embryo nach 36stündiger Bebrütung. Man erkennt die Teile des Gehirns, die
Augen mit den Sehnerven, das Rückenmark (h), das Herz (k), die vorderen
schon recht deutlichen (f) und die hinteren noch in der Absonderung
begriffenen Wirbel (e und d). Die ernährenden Teile gehen aus dem Ei,
dessen Dotter durch die Wärme aufgelöst und zerstört werde, in den Embryo
über. Dazu, sagt Wolff, gehört wie bei den Pflanzen eine die Nährsäfte
bewegende »wesentliche Kraft«. Daß diese Kraft und diese
Flüssigkeitsbewegung auch im erwachsenen Körper tätig sei, dafür spreche
z. B. das Wachstum der Nägel und der Haare. Zu dieser Kraft tritt dann nach
Wolff als zweites, die Formgebung bedingendes Prinzip die
Erstarrungsfähigkeit der jungen gallertigen Gewebe, eine Fähigkeit, die
allerdings bei den Tieren geringer sei als bei den Pflanzen.
Die Gefäßbildung im Embryo läßt Wolff in ähnlicher Weise wie die
Entstehung der Gefäße in den Pflanzen vor sich gehen. Die bewegten
Flüssigkeiten bahnen sich dort Wege, wo sie einen geringeren Widerstand
finden. Die erste Anlage des Hauptstammes aller Gefäße, des Herzens, zeigt
uns Wolffs nebenstehende, der Theoria generationis entnommene
Abbildung (Abb. 24 c). Sie läßt uns auch die erste Anlage der Gliedmaßen
erkennen. Als plumpe Höcker (r) heben sie sich aus der übrigen Masse
hervor. Und zwar bestehen auch sie aus einer Substanz, die Wolff als zellig
bezeichnet. Anfangs sind die Gliedmaßen ohne Gefäße. Letztere wachsen
aus der zuerst entstehenden Hauptader oder Aorta in die Gliedmaßen hinein.

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Daß die Nieren erst entstehen, nachdem sich die Wirbelsäule gebildet hat,
wird von Wolff besonders hervorgehoben. Er zeigt, daß die Nieren aus
einem zelligen Gewebe hervorgehen, das erst am dritten Tage der
Entwicklung unter der Wirbelsäule erscheint. Daß dieses Gewebe zunächst
keine Spur von einem Organ enthält, ließ sich leicht feststellen, da es
vollkommen durchsichtig ist.
Durch all diese Beobachtungen war die insbesondere von Haller vertretene,
indessen auch von Leibniz gebilligte Einschachtelungstheorie vollkommen
widerlegt. Der einzige Weg, auf dem dies geschehen konnte, war der von
Wolff betretene. Er wandte sich behufs Entscheidung der Streitfragen an die
Natur selbst und untersuchte zum ersten Male genauer die Anlagen der
einzelnen Organe im Embryo hinsichtlich ihrer Form und der Zeit ihres
Entstehens. Das Ergebnis war, daß die Teile des Organismus weder
präformiert sind, noch sich gleichzeitig entwickeln, sondern daß sie aus einer
gleichartigen, zelligen Substanz nacheinander hervorgehen. Trotz zahlreicher
Beobachtungsfehler, die Wolff im einzelnen gemacht hat, war damit für alle
späteren entwicklungsgeschichtlichen Forschungen die Grundlage
gewonnen. Wolff ist somit der Begründer der modernen
Entwicklungsgeschichte. Das ist und bleibt sein unsterblicher Ruhmestitel.
Auch der Gedanke der Metamorphose der Pflanze rührt von Wolff her. Das
Nähere hierüber, sowie die Fortbildung, welche dieser Gedanke bei Goethe
und anderen fand, bleibt späterer Erörterung vorbehalten.

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Abb. 24. Wolffs Darstellung der Entstehung des Herzens und der Gliedmaßen.

Die Frage nach den Vorgängen der Zeugung und der Entwicklung war zwar
eine hervorragend wichtige, es war aber nur eine unter den vielen die
Physiologie im 18. Jahrhundert beschäftigenden Fragen. Hat dieser Zeitraum
doch den größten Physiologen in Haller hervorgebracht, um dessen

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Forschergestalt sich alles gruppieren läßt, was die weitere Entwicklung der
Physiologie in dem erwähnten Zeitraum anbetrifft.
Albrecht von Haller wurde am 16. Oktober 1708 in Bern geboren. Er
verwaiste frühzeitig und wuchs bei einem Arzte auf, dem er seine Neigung
für die Naturwissenschaften und ihre Anwendung auf das Gebiet der
Heilkunde verdankte. Haller studierte in Tübingen Anatomie und Botanik,
worin ihn Camerarius unterwies. Später hielt er sich in Leyden, wo
Boerhave auf ihn einwirkte, sowie in London und in Paris auf. Nachdem
Haller in Basel und in Bern Vorlesungen über Anatomie gehalten, siedelte
er 1736 nach Göttingen über. Dort entfaltete er eine einzigartige
Wirksamkeit. 1753 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, wo er am 12.
Dezember 1777 starb. In Göttingen hielt Haller an der neu gegründeten
Universität Vorlesungen über Botanik, Anatomie und Chirurgie, begründete
eine anatomische Sammlung und einen botanischen Garten, dessen Leitung
er übernahm. Er rief die Göttinger Königliche Gesellschaft der
Wissenschaften ins Leben und zog viele Schüler an sich heran, welche die
Wissenschaft in der von ihm eingeschlagenen Richtung weiterführten.
Haller wurde stets von dem Gedanken geleitet, daß die Anatomie als die
wichtigste Grundlage der Physiologie zu betrachten sei, und zwar nicht nur
die Anatomie des Menschen, sondern nicht minder diejenige der Tiere.
Ferner gab er dem Experiment am lebenden Tiere eine Ausdehnung, wie sie
vor ihm nicht bestand. »So grausam das Verfahren der Vivisektion auch
erscheint«, sagt Haller, »so darf man doch nicht außer acht lassen, daß es
der Physiologie mehr Nutzen schafft als alle übrigen Methoden und daß ein
einziges derartiges Experiment oft die aus der Arbeit von Jahren
entstandenen Irrtümer beseitigt hat.«
Haller lieferte, durchdrungen von dem Gedanken, daß man mit dem Bau
eines Organismus bekannt sein muß, wenn man seine Verrichtungen
erforschen will, viele wertvolle Beiträge zur vergleichenden Anatomie. Über
den Wert dieser Wissenschaft für die physiologische Forschung sagt er:
»Täglich mache ich die Erfahrung, daß man über die Tätigkeit der meisten
Organe des lebenden Körpers kein Urteil fällen kann, wenn man sich nicht
über den Bau des betreffenden Organs vollkommene Klarheit verschafft hat
und zwar nicht nur durch eine Untersuchung am Menschen, sondern auch
durch eine solche an verschiedenen Vierfüßlern, Vögeln, Fischen, ja oft auch
an niederen Tieren«.

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Das wichtigste allgemeine Ergebnis dieser Forschungen war Hallers Lehre
von der Reizbarkeit und der Empfindung (der Irritabilität und der
Sensibilität). Er betrachtete sie als besondere, mit physikalischen Kräften
nicht zu verwechselnde Fähigkeiten der belebten Substanz. Wir erinnern uns,
daß Borelli die Tätigkeit der Muskeln einer Elastizität dieser Organe
zugeschrieben hatte. Haller dagegen erklärte die Fähigkeit sich
zusammenzuziehen als eine den Muskeln innewohnende Eigenschaft und
nannte diese Organe reizbar oder irritabel. Der gewöhnliche Reiz, welcher
die Verkürzung der Muskeln bewirkt, gehe zwar von den Nerven aus, doch
könnten an dessen Stelle auch andere Reize treten. Letztere können, wie
Haller zeigte, noch eine Kontraktion des Muskels hervorrufen, wenn die
Verbindung des letzteren mit dem Nerven unterbrochen ist, ein offenbar für
seine Lehre günstiges Experiment.
Wie die Irritabilität ausschließlich an die Muskeln gebunden ist, so ist die
Sensibilität nur in den Nerven anzutreffen. Sie vermittelt die Veränderungen,
welche äußere Reize hervorrufen, dem Bewußtsein. Wie das geschieht, blieb
zunächst unerklärt. Haller war indessen geneigt, ein feines, in den Nerven
sich bewegendes Fluidum nach dem Vorgange Malpighis 179 anzunehmen.
Selbst Kant huldigte dieser ziemlich grob materialistischen Anschauung von
dem Zustandekommen der Empfindungen180. Die weit zutreffendere
Vorstellung, daß die Tätigkeit der Nerven in einer vibrierenden Bewegung
bestehe, vermochte Haller nicht anzuerkennen. Trotzdem ist in seiner
Darstellung von der Sensibilität dieser Organe die später von Johannes
Müller ausführlich entwickelte Lehre von den spezifischen Energien der
Sinnesorgane schon im Keime enthalten. Besonders zeigt sich dies in der
Darstellung, die Haller von der Physiologie des Auges gab. Danach rufen
die vom Gegenstande kommenden Lichtstrahlen ein Bild auf der Netzhaut
hervor, das eine Reizung des Sehnerven veranlaßt. Was wir empfinden, ist
nicht der Gegenstand selbst, sondern der Eindruck, den dieser auf den
Sehnerven ausübt. Es folgt daraus, daß die Empfindungen und die darauf
sich aufbauenden Vorstellungen subjektiver Art sind. Trotzdem denkt Haller
nicht daran, das Vorhandensein der Außenwelt zu leugnen. Die Erfahrung ist
es, der nach ihm die Aufgabe zufällt, aus dem subjektiven Eindruck ein
Urteil über die Natur der wahrgenommenen Gegenstände zu bilden. Mit
dieser Lehre stimmten die Beobachtungen überein, daß auch mechanische
Reize aller Art eine Lichtempfindung hervorzurufen vermögen. Daß die
Netzhaut der Sitz der Lichtempfindung sei, war, wie wir erfuhren, von

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Mariotte auf Grund seines Versuches über den blinden Fleck181 angezweifelt
worden. Haller hielt jedoch an der früheren, schon von Kepler
begründeten Ansicht fest. Er hob mit Recht hervor, daß die Aderhaut, die
nach Mariotte das Sehen vermitteln sollte, keine Nerven enthält. Dagegen
sei die Netzhaut ein Geflecht von Nervenfasern, welchen im ganzen
Organismus die Vermittlung der Empfindungen zukomme.
Die besonderen Leistungen Hallers betreffen die Physiologie des
Gefäßsystems und des Stimmorgans. Sie sind in seinem Meisterwerke, den
Elementa physiologiae corporis humani, das 1757 und in den folgenden
Jahren erschien, niedergelegt worden182.
Haller erforschte besonders den Klappenapparat des Herzens und die
Bewegungen dieses Organes und seines flüssigen Inhalts. Seine
Untersuchung betraf ferner die Bewegung und die Geschwindigkeit des
Blutes in den Arterien, sowie den Einfluß, den die Wandungen der letzteren
auf den Blutstrom ausüben, und vieles andere mehr.
Hervorzuheben sind die Versuche, die beweisen sollten, daß der Pulsschlag
im ganzen arteriellen System gleichzeitig erfolgt. An diese Versuche hat
später E. H. Weber seine Anwendung der Wellenlehre auf die Lehre vom
Kreislauf des Blutes angeknüpft und gefunden, daß die von Haller
behauptete völlige Gleichzeitigkeit nicht besteht. Doch ergab sich, daß der
Zeitunterschied nur den Bruchteil einer Sekunde ausmacht. Haller
begründete seine Ansicht folgendermaßen: »Wenn man bei einem Menschen
die rechte Hand auf die Gegend legt, wo das Herz liegt, und die linke an die
Schläfenarterie oder an die Kniekehlenarterie bringt, so wird man finden,
daß das Herz in dem nämlichen Augenblick gegen die Rippen stößt, in
welchem es in allen genannten Arterien den Puls hervorbringt«183.
Zu erwähnen sind auch die Versuche Hallers, welche darin bestanden,
Stoffe in den Blutstrom einzuführen, um deren physiologische und
therapeutische Wirkung zu untersuchen. Dieses unter dem Namen
Gefäßinfusion bekannte Verfahren kam zwar schon im 17. Jahrhundert
infolge der Entdeckung des Blutkreislaufes auf. Es wurde aber zuerst durch
Haller und einen seiner Schüler auf zahlreiche Chemikalien (Pflanzengifte,
Säuren, Arsenverbindungen, Kupfersalze usw.) ausgedehnt und schließlich
von den Ärzten jener Zeit mit sehr ungünstigem Erfolge, wie sich begreifen
läßt, zu therapeutischen Zwecken angewandt. Immerhin ist das Verfahren

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erwähnenswert, weil die in neuerer Zeit mit besserem Erfolge geübte
subkutane Injektion darauf zurückzuführen ist.
Sehr eingehend und stets auf vergleichend anatomischer und physikalischer
Grundlage fußend, untersuchte Haller den Kehlkopf und die Erzeugung der
Stimme. Er wies nicht nur, wie es schon vor ihm geschehen, auf die Rolle
der Stimmbänder hin, sondern er stellte vor allem auch fest, welche
Aufgaben die einzelnen Kehlkopfknorpel, sowie die Mund- und die
Nasenhöhle bei der Stimmbildung zu erfüllen haben.
Nicht so glücklich wie auf dem Gebiete der Physiologie war Hallers
Wirken auf demjenigen der Entwicklungsgeschichte. Hier ist er unter den
Verteidigern der sonderbaren, auf Harvey zurückgehenden Lehre von der
Evolution184 zu nennen, nach welcher jedes neu entstehende Wesen als im
Keime vorgebildet (präformiert) gedacht wurde. Obgleich schon 1759
Caspar Friedrich Wolff die Lehre von der Epigenesis, d. h. der
folgeweisen Entwicklung der Organe aus einfacheren Teilen (Zellen und
Zellschichten) an Stelle der Evolutionstheorie setzte, fand letztere durch die
Autorität Hallers eine solche Stütze, daß Wolffs Anschauungen dagegen
nicht aufkommen konnten. Sie gerieten fast in Vergessenheit und gelangten
erst ein halbes Jahrhundert später zur Anerkennung, nachdem für die
Entwicklungsgeschichte durch Meckel, v. Baer und andere Forscher eine
neue Aera angebrochen war.
Trotz dieses ablehnenden Verhaltens Wolff gegenüber hat Haller sich um
die Entwicklungsgeschichte des Gefäßsystems und der Knochen bemüht und
hierüber einige verdienstvolle Abhandlungen geschrieben (Sur la formation
du coeur dans le poulet. 1758).
Die Anatomie hatte während des 17. Jahrhunderts in Holland, wo
Swammerdam und Boerhave wirkten, einen bedeutenden Aufschwung
genommen. Sie erlebte im 18. Jahrhundert auch in Deutschland eine kräftige
Förderung. Vor allem ist hier Lieberkühn als derjenige zu nennen, der die
anatomische Kunst von Holland nach Deutschland verpflanzte.
Lieberkühn, ein Schüler Boerhaves, kam 1740 nach Berlin und wurde
dort Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Vergeblich
waren die Bemühungen dieser Gesellschaft, auch den großen Physiologen
Albrecht von Haller zu gewinnen und so Berlin zum Mittelpunkt der
medizinischen Wissenschaften zu machen. Lieberkühn war nicht nur ein
eifriger Präparator, sondern er lehrte die Deutschen auch mit Hilfe des

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Mikroskops den feineren Bau der tierischen Gewebe untersuchen. Er
verstand es meisterhaft, die Methode der Gefäßinjektion zu handhaben. Die
bedeutendste Entdeckung Lieberkühns war diejenige der Darmzotten,
jener winzigen Ausstülpungen der Darmwandung, die man später wohl als
die inneren Wurzeln des Tieres bezeichnet hat185.
Lieberkühns Schüler und sein Nachfolger in der Preußischen Akademie
war Johann Friedrich Meckel, der Ältere, dem die Nervenanatomie
manche Entdeckung verdankt. Die Familie Meckel nahm auf dem Gebiete
der Anatomie durch mehrere Generationen eine führende Stellung ein. Vor
allem war es Johann Friedrich Meckel der Jüngere, der auf den
Vorarbeiten seines Vaters und seines Großvaters fußend zu Beginn des 19.
Jahrhunderts der vergleichenden Anatomie in Deutschland eine Heimstätte
bereitete. Dabei vermochte er sich auf eine von seinem Großvater
begründete und von seinem Vater unter Aufwendung bedeutender Mittel
erweiterte Sammlung zu stützen, die zu den ersten des 18. Jahrhunderts
zählte.

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8. Die neuere Mathematik und ihre Beziehungen zu den
Naturwissenschaften.
Das 18. Jahrhundert war auf den Gebieten der Astronomie und der Physik
vorzugsweise mit der Lösung der aus der Newton-Huygensperiode
übernommenen Probleme beschäftigt. Fast ausschließlich in das 18.
Jahrhundert fiel auch der Aufschwung, den die Lehre von der
Reibungselektrizität nahm. Hier waren die beiden vorangehenden Perioden
kaum über die seit alters bekannten einfachsten Wahrnehmungen
hinausgekommen. Auf dem Gebiete der Chemie wurde durch zahlreiche
Beobachtungen die große Tat vorbereitet, welche dieser Wissenschaft im
Beginn der neuesten Zeit ein gänzlich verändertes Aussehen geben sollte,
während in der Zoologie und in der Botanik die systematische Richtung
überwog und nur hin und wieder das experimentelle Verfahren zum
Durchbruch kam. Daß dieses Verfahren auf allen Gebieten Platz greift und
daß man es überall mit der mathematischen Behandlungsweise zu
verknüpfen sucht, kennzeichnet die gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
beginnende Periode in der Entwicklung der Wissenschaften, deren
Betrachtung wir uns jetzt zuwenden.
Daß sich die Natur aus der Mechanik der Atome erklären lasse, galt den
meisten Forschern als ausgemacht. Die atomistisch-mechanische
Behandlungsweise fand ihren weitgehendsten Ausdruck durch Laplace.
»Ein Geist«, sagt er, »der für einen gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt,
welche die Natur beleben und die gegenseitige Lage der Wesen, aus denen
sie besteht und diese Angaben der mathematischen Analyse unterwirft,
könnte in dieselbe Formel die Bewegungen der größten Weltkörper und des
leichtesten Atoms einbegreifen. Zukunft und Vergangenheit wären seinem
Blicke gegenwärtig.« Der menschliche Verstand, fügt Laplace hinzu, biete
in der Vollendung, die er der Astronomie gegeben, ein schwaches Abbild
eines solchen Geistes dar.
Für Deutschland ging die Anregung, die Mathematik auf die gesamte
Naturlehre anzuwenden, besonders auf Leibniz und seinen Schüler Wolf 186
zurück. Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Leibniz-
Wolfsche Philosophie die herrschende. In ihr wurzelt auch die darauf

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folgende Zeit der Aufklärung, mit der in Deutschland wie in Frankreich die
Hauptzweige der bisherigen Entwicklung der Philosophie, der idealistische
und der realistische nämlich, zu einem gewissen Abschluß kamen, indem sie
beide in eine verflachende Popularphilosophie ausmündeten.
In dem Bestreben, die Naturerscheinungen auf Bewegungen zurückzuführen
und sie auf diese Weise der mathematischen und der mechanischen
Erklärung zugänglich zu machen, hatte das 17. Jahrhundert die alte Lehre
von der atomistischen Zusammensetzung als Korpuskulartheorie zu neuem
Leben erweckt. Die Korpuskeln oder Partikeln spielten für die Erklärung der
physikalischen Vorgänge eine große Rolle. Angeregt durch Christian Wolf
versuchte Lomonossow die Korpuskulartheorie auf die Chemie
auszudehnen, um dadurch auch diese Wissenschaft der mathematischen
Behandlungsweise zugänglich zu machen. Lomonossows 187 Gedankengang
war etwa der folgende: Alle Änderungen kommen nach der Lehre Wolfs
durch Bewegungen zustande. Das gilt auch von den Änderungen der
zusammengesetzten Körper, der chemischen Verbindungen, wie wir heute
sagen würden. Mit den Bewegungen befaßt sich die Mechanik. Folglich
müssen die Änderungen der zusammengesetzten Körper, d. h. die
chemischen Vorgänge, mechanisch erklärt werden können. Nur so lasse sich
die Chemie zu einer exakten Wissenschaft machen. Des weiteren fordert
Lomonossow, die chemischen Veränderungen auf Grund der Versuche und
Gesetze der Physik zu erklären und damit einen neuen Wissenszweig zu
schaffen, den er schon als »physikalische Chemie« bezeichnet. Es blieb aber
bei der Aufstellung von Forderungen und Zielen, von deren Verwirklichung
die Wissenschaft noch weit entfernt war. Immerhin hat Lomonossow das
Verdienst, jene Forderungen erhoben und jene Ziele erkannt und
ausgesprochen zu haben. Auch auf dem Gebiete der Wärmelehre und der
Oxydationsvorgänge war Lomonossow ein Vorläufer derjenigen Männer,
die hier die neueren Grundlagen schufen188. Die Bestrebungen, die
Mathematik auf die Chemie auszudehnen, ruhten jetzt nicht mehr. Und
gerade im Herzen Deutschlands, wo Wolf gelehrt und Lomonossow
studiert hatte, zeitigten diese Bestrebungen die ersten Früchte, indem
Wenzel und Richter die Anfänge der Stöchiometrie schufen. Daß diesen
Männern das ein halbes Jahrhundert früher gesteckte Ziel vorschwebte,
leuchtet schon ans den Titeln ihrer stöchiometrischen Schriften hervor189.
Die Vorstellung von der atomistischen und molekularen Konstitution der
Materie gewann noch größere Bedeutung, nachdem sie Dalton um 1800 zu

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einer wohlbegründeten Theorie ausgestaltet hatte. Auf Grund dieser Theorie
suchte man jetzt unter der Annahme von molekularen Fernkräften, für
welche das Newtonsche Gravitationsgesetz ein Analogon darbot, die
Naturerscheinungen der mathematischen Analyse zu unterwerfen. Das Ziel
indessen, das Laplace und seinen Zeitgenossen vorschwebte, und das in der
Forderung gipfelte, aus möglichst wenigen Voraussetzungen den
Gesamtverlauf der Naturerscheinungen mechanisch zu erklären, hat sich
nicht verwirklichen lassen. An seine Stelle setzte die neuere Mechanik, um
mit den Worten Kirchhoffs zu reden, die bescheidenere Aufgabe, den
Ablauf der Vorgänge auf die einfachste Weise möglichst vollständig zu
beschreiben.
Die Mathematik hatte sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Hand in
Hand mit den Naturwissenschaften entwickelt. Descartes, Galilei,
Kepler, Newton, Leibniz, sie alle hatten auf beiden Gebieten
Hervorragendes geleistet, weil sie von dem Gedanken des innigen
Zusammenhanges beider Wissenschaften durchdrungen waren. Zwar
tauchten auch mathematische Probleme auf, die zunächst außer Beziehung
zur realen Welt zu stehen schienen. Und sie wurden von den Mathematikern
darum nicht etwa hintangesetzt. Doch kannte man jene im 19. Jahrhundert
lange herrschende Richtung, die sich so stolz als »reine Mathematik«
bezeichnete und schließlich jede Fühlung mit der Wirklichkeit verlor, weder
im 17. noch im 18. Jahrhundert. Wir haben in einem früheren Abschnitt
erfahren, wie Bernoulli, Lagrange und Euler die Infinitesimalrechnung
zu einem der allerwichtigsten Hilfsmittel, sozusagen zum Handwerkszeug
des Naturforschers, ausgestalteten. Um die Wende des 18. zum 19.
Jahrhundert erlangen zwei neue mathematische Zweige für die
Naturwissenschaften und ganz besonders für ihre Anwendungen eine
ähnliche Bedeutung. Es sind das die darstellende und die projektivische
Geometrie. In ihren Anfängen reichen beide zwar in weit frühere Perioden
zurück.
Die darstellende Geometrie, deren Aufgabe es ist, Raumgebilde in der Ebene
darzustellen und aus diesen Darstellungen mit vollkommener Genauigkeit
wieder zu rekonstruieren, wird gewöhnlich als eine Schöpfung von Monge
betrachtet. Man darf aber nicht vergessen, daß die Benutzung von Grund-
und Aufrißzeichnungen so alt ist, wie die Baukunst. Papyrusfunde haben
bewiesen, daß die Ägypter für ihre Bauten derartige Zeichnungen
anfertigten. Und Vitruvius gibt in seinem zur Zeit des Augustus

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entstandenen Werke über die Architektur eine ausführliche Darstellung des
von den römischen Baumeistern geübten Grundriß- und Aufrißverfahrens.
Seine Weiterentwicklung erfuhr dieses aus unmittelbaren Bedürfnissen
entstandene Wissen nicht am Schreibtisch des Gelehrten, sondern an den
Stätten der Praxis, vor allem in den Bauhütten des Mittelalters. Die
wunderbaren architektonischen Werke jener Zeit konnten nur entstehen,
wenn ihre Schöpfer Aufgaben der darstellenden Geometrie, wie sie
besonders für den Schnitt der Gewölbe in Betracht kamen, zu lösen
vermochten. Ohne Zweifel wurde manche der erforderlichen Konstruktionen
empirisch gefunden und verwendet, ohne daß man den mathematischen
Beweis für ihre Richtigkeit erbracht hätte. Dies geht z. B. auch daraus
hervor, daß manche Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts für die Baukunst
wichtige Konstruktionen mitteilen, ohne auch nur den Versuch eines
Beweises zu machen.
Ein nicht minder großes Interesse an der Entwicklung des Verfahrens,
körperliche Gebilde in der Ebene richtig darzustellen, besaßen die Maler. Es
kann daher nicht Wunder nehmen, daß das erste deutsche Buch über diesen
Gegenstand von einem Maler und zwar von unserem großen Albrecht
Dürer herstammt. Er verdient deshalb nicht minder als Lionardo da Vinci
einen Platz in der Geschichte der Wissenschaften.
Dürers Schrift erschien 1525; sie führt den Titel: »Underweysung der
messung mit dem zirckel und richtscheyt in Linien, ebenen und gantzen
corporen.« Die Bedeutung dieser Schrift besteht weniger in den
Konstruktionen, die sie lehrt, als in der Forderung, die perspektivische
Grundlage eines Bildes nicht wie bisher aus freier Hand zu fertigen, wobei
grobe Fehler ganz unvermeidlich seien, sondern die perspektivische
Zeichnung nach mathematischen Vorschriften zu machen. Dürer ist dadurch
zum Begründer der Lehre von der Perspektive geworden.
Monge dagegen gebührt das große Verdienst, die im Verlaufe einer langen
Entwicklung entstandenen Ansätze, von denen hier nur einige Erwähnung
finden konnten, nicht nur vermehrt, sondern zu einem, auf strenge
Beweisführung gegründeten, wissenschaftlichen Lehrgebäude, der heutigen
deskriptiven oder darstellenden Geometrie, ausgestaltet zu haben.
In dem äußeren wie dem inneren Leben von Monge spiegeln sich die
geistigen, politischen und kulturellen Zustände seiner Ära, des Zeitalters der

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französischen Revolution, die bald zu einer europäischen werden sollte, mit
besonderer Deutlichkeit wieder.
Gaspard Monge ging aus dem durch die Revolution erst zur Geltung
gelangenden dritten Stand, der in geistiger Beziehung bald der erste werden
sollte, hervor. Monge wurde 1746 in einem burgundischen Städtchen als der
Sohn eines armen Handwerkers geboren, der sich die größten Entbehrungen
auferlegte, um seinen Söhnen eine wissenschaftliche Ausbildung zu geben.
Mit 16 Jahren wirkte Monge schon als Lehrer der Physik in Lyon. Später
lehrte er an einer Schule für Militäringenieure Baukonstruktionslehre. Aus
der Beschäftigung mit diesem Gegenstande schuf Monge in dem Bestreben,
die teils umständlichen, teils noch empirischen älteren Methoden zu
vereinfachen und wissenschaftlich zu begründen, seit 1770 etwa seine
darstellende Geometrie. Veröffentlicht hat Monge sein Lebenswerk erst
1798190, weil ihm, solange er an der Militärschule wirkte, die Geheimhaltung
seines genialen Lehrganges zur Pflicht gemacht worden war.
Monge gehörte, wenn er politisch auch weniger hervortrat, zu den großen
Männern der französischen Revolution. Der Konvent ernannte ihn zum
Leiter der Geschützgießereien. In dieser Stellung verfaßte er ein Werk über
die Anfertigung von Kanonen. Während der Schreckensherrschaft wurde er
in den Anklagezustand gesetzt. Er floh daher ins Ausland, kehrte aber bald
nach Frankreich zurück und fand Gelegenheit, bei der Gründung der École
polytechnique, dem großartigen Vorbilde für die technischen Schulen des 19.
Jahrhunderts, einen maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung des
gewerblichen Unterrichtswesens191 auszuüben. Die damals von Monge
erhobenen Forderungen, nämlich naturwissenschaftlicher Unterricht, Übung
der Schüler im Gebrauch wissenschaftlicher Instrumente, Pflege des
wissenschaftlich begründeten Zeichnens, Anwendung der darstellenden
Geometrie auf die Bau- und Maschinenkonstruktionslehre, sind für die Folge
die wichtigsten Grundlagen geblieben, auf denen allein die moderne Technik
zu der sie heute auszeichnenden Vollendung emporwachsen konnte.
Aus dem späteren Leben von Monge verdient noch Erwähnung, daß er
neben Berthollet der hervorragendste Gelehrte war, der sich an
Napoleons Expedition nach Ägypten beteiligte. Napoleon, welcher die
Bedeutung der exakten Wissenschaften wie kein anderer Herrscher zu
würdigen verstand, überhäufte Monge mit Ehren. Auch während des
Kaiserreichs war Monge an der École polytechnique als Lehrer tätig. Nach

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der Rückkehr der Bourbonen wurde er seiner Ämter entsetzt. Er verfiel
infolgedessen in geistige Umnachtung, von der ihn jedoch ein baldiger Tod
im Jahre 1818 erlöste.
Unter den mathematischen und mechanischen Schriften, die wir Monge
verdanken, nimmt seine »Darstellende Geometrie«, durch welche er diese
Disziplin wissenschaftlich begründete, die erste Stelle ein. Ihre Aufgabe ist
nach Monge eine doppelte. Einmal gilt es, alle Gebilde von drei
Dimensionen auf Gebilde von zwei Dimensionen, die sich auf dem
Zeichenblatte darstellen lassen, zurückzuführen. Zweitens lehrt die
darstellende Geometrie aus der Zeichnung alle Beziehungen ableiten, die aus
der Gestalt und der gegenseitigen Lage der in der Ebene dargestellten
Raumgebilde entspringen.
Die von Monge zur Lösung dieser Aufgaben angewandte
Projektionsmethode geht von der Voraussetzung aus, daß die Lage eines
Punktes im Raume mathematisch bestimmt ist, wenn man seine Projektionen
auf zwei zu einander senkrechten Ebenen kennt. Unter der Projektion eines
Punktes auf eine Ebene versteht Monge den Fußpunkt des von dem Punkte
auf die Ebene gefällten Lotes. Sehr übersichtlich wurde das
Projektionsverfahren vor allem dadurch gemacht, daß Monge sich die
vertikale Ebene um ihre Schnittlinie mit der horizontalen Ebene gedreht
denkt, bis sie mit der letzteren zusammenfällt. Die vertikale Ebene wird also
mit den Projektionen, welche sie enthält, auf demselben Blatt gezeichnet,
das für die horizontale Projektion dient. Beide Ebenen sind nur durch eine
Schnittlinie (Projektionsachse) getrennt. Und man muß sich stets daran
erinnern, daß die vertikale Ebene um diese Schnittlinie wie um ein Scharnier
um 90 Grad gedreht werden muß, um in ihre eigentliche Stellung zu
kommen. Dieser treffliche Grundgedanke bot eine Menge von
Vereinfachungen und Vorteilen. So erkennt man ohne weiteres, daß die
beiden Projektionen jedes Punktes in ein- und derselben, senkrecht zur
Schnittlinie gezogenen Geraden liegen, daß eine Ebene durch ihre beiden
Schnitte mit den Projektionsebenen (ihren Spuren) vollständig bestimmt ist,
und daß diese Spuren die Schnittlinie der beiden Projektionsebenen (die
Projektionsachse) in ein- und demselben Punkte treffen.
Auf das Werk von Monge noch weiter einzugehen, verbietet sich von selbst.
Es trägt die einzelnen Aufgaben über die Darstellung ebener und krummer
Flächen, ihrer Schnitte, der wichtigsten Körper und ihrer Durchdringungen

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nach Umfang und Form in der noch heute üblichen Weise vor. Eine
Weiterentwicklung hat die darstellende Geometrie erst in der neuesten Zeit
durch ihre innigere Verknüpfung mit der von Poncelet und Steiner
begründeten neueren synthetischen Geometrie erfahren.
Die ersten Untersuchungen, durch welche die neuere synthetische Geometrie
vorbereitet wurde, reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Sie rühren von
zwei Zeitgenossen und Landsleuten des Descartes, von Desargues und
von Pascal, her. Desargues 192 zeigte in seiner Schrift Ȇber die Tatsachen,
zu welchen der Schnitt eines Kegels durch eine Ebene Veranlassung gibt,«
daß für die Kegelschnitte eine zu den allgemeinsten Sätzen führende
Betrachtungsweise möglich ist. Denkt man sich das Auge in der Spitze des
Kegels, so erscheint ein elliptischer Schnitt in dieser Perspektive in der Form
eines Kreises. Desargues stellte sich die Aufgabe, aus den Eigenschaften
dieses Kreises die Eigenschaften der Kegelschnitte durch eine Art
perspektivischer Beweisführung abzuleiten und gelangte so zuerst zu Sätzen,
die für alle Arten der Kegelschnitte gelten. Einer dieser für alle
Kegelschnitte gültigen Sätze wird noch heute als der Satz von Desargues
bezeichnet193.
Unter seinen Zeitgenossen wurde Desargues wohl nur von Pascal
verstanden. Desargues Satz vom Sehnenviereck fügte Pascal den Satz
vom Pascalschen Sechseck hinzu. Dieser besagt von jedem einem
Kegelschnitte einbeschriebenen Sechseck, daß die drei Punkte, in welchen
sich je zwei gegenüberliegende Seiten schneiden, auf einer geraden Linie
liegen. Auch dieser Satz wurde zunächst für den Kreis bewiesen. Aus dem
perspektivischen Zusammenhange zwischen dem Kreis und den
Kegelschnitten wurde dann erst seine Verallgemeinerung abgeleitet.
Der weitere Ausbau der perspektivischen, oder, wie sie auch wohl genannt
wird, der projektiven Geometrie erfolgte im 19. Jahrhundert. Die erste
systematische Zusammenfassung rührt wieder von einem Franzosen und
zwar von Poncelet her, einem der genialsten Vertreter der angewandten
Mathematik.
Jean Victor Poncelet wurde 1788 als Sohn armer Eltern in Metz geboren.
Er starb 1867. Als Zögling der École polytechnique genoß er den Unterricht
eines Ampère, Fourier, Légendre und anderer Zierden der Wissenschaft, mit
denen Frankreich um die Wende zum 19. Jahrhundert so reich gesegnet war.
Als Genieoffizier nahm Poncelet an dem Feldzuge gegen Rußland teil. Er

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fiel in die Hände der Russen, und es folgten zwei Jahre
Kriegsgefangenschaft. Diese unfreiwillige Muße füllte Poncelet damit aus,
daß er die Grundzüge seines Verfahrens zu einem der bedeutendsten
mathematischen Werke, dem »Traité des propriétés projectives des figures«
entwickelte194. Durch dieses Buch ist Poncelet der Schöpfer der neueren
synthetischen oder projektivischen Geometrie geworden. Dem
Grundgedanken der neuen Betrachtungsweise sind wir schon im 17.
Jahrhundert begegnet195. Sie unterscheidet sich von dem Verfahren der
darstellenden Geometrie196, das Monge ausbildete, in folgendem. Während
Monge die Gebilde vermittelst paralleler Linien auf zwei zu einander
senkrechte Ebenen projiziert, betrachtet Poncelet ihr perspektivisches Bild.
Ein solches entsteht, wenn man von dem betrachtenden, als Punkt gedachten
Auge aus Strahlen nach den Punkten des zu untersuchenden Gebildes zieht
und in den Weg dieser Strahlen eine Fläche, in der Regel eine Ebene, bringt.
Die Punkte, in welchen die Strahlen jene Ebene schneiden, bilden das
perspektivische Bild. Aus diesem ergeben sich die Eigenschaften der zu
untersuchenden und verwandter Gebilde oft mit überraschender Einfachheit.
Zudem ist das Verfahren Poncelets in solchem Grade rein geometrisch, d.
h. es verzichtet so gänzlich auf alle besonderen Hilfsmittel, daß es in dieser
Hinsicht alle anderen Methoden übertrifft. Während wir uns in der
analytischen Geometrie der Koordinaten und des Kalküls und in der
darstellenden Geometrie des Auf- und Grundrisses bedienen, operiert
Poncelet lediglich mit den Objekten selbst.
Nach der Veröffentlichung seiner projektivischen Geometrie war Poncelet
als Lehrer der technischen Wissenschaften in seiner Vaterstadt und später in
Paris tätig. Dieser Umstand und die Angriffe, die seine mathematischen
Arbeiten aus kleinlichen Beweggründen erfuhren, bewogen ihn, sich
vorwiegend mit angewandter Mathematik zu beschäftigen. Auch auf diesem
Gebiete reihen sich seine Leistungen den höchsten an. Was Poncelet in der
Hydromechanik und in der Maschinentheorie geschaffen, wird noch heute zu
den »Grundsäulen« dieser Wissenszweige gerechnet197. Erwähnt sei nur, daß
Poncelet die Wasserräder verbesserte (Ponceletrad) und das
Kilogrammmeter als Einheit für die mechanische Arbeit, deren Äquivalenz
mit der lebendigen Kraft er besonders hervorhob, einführte.
Zehn Jahre nach dem Erscheinen der projektivischen Geometrie Poncelets
fand diese Wissenschaft in Deutschland die hervorragendste Förderung

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durch Steiners »Systematische Entwicklung der Abhängigkeit
geometrischer Gestalten voneinander«198.
Jakob Steiner wurde 1796 als Sohn eines armen Bauern in der Nähe von
Solothurn geboren199. Er empfing den ersten Unterricht in einer Dorfschule
und besuchte darauf Pestalozzis Erziehungsanstalt. Hier, sowie in
Heidelberg, wo Steiner drei Jahre seinen Lebensunterhalt durch
Privatstunden erwarb, fand er für seine wissenschaftliche Richtung kaum
irgend welche Anregung. Er war vielmehr auf seinem Gebiete, da es in
Deutschland dafür zu jener Zeit kaum einen Vertreter gab, vorwiegend
Autodidakt. Nachdem Steiner Heidelberg verlassen, wirkte er als Lehrer an
einer Erziehungsanstalt in Berlin. Dort wurde er durch einen Zufall mit
Alexander von Humboldt bekannt. Einer der schönsten Züge
Humboldts bestand darin, daß er junge Talente sozusagen entdeckte und sie
vermöge der hervorragenden Stellung, in die ihn Geburt und Verdienst
gewiesen, neidlos förderte. Steiner wurde durch Vermittlung Humboldts
an der Berliner Gewerbeschule angestellt, an der auch der Chemiker
Wöhler wirkte. Später erhielt Steiner auf die Empfehlung Humboldts
und Jacobis hin eine Professur an der Berliner Universität. Durch das
Zusammenwirken von Steiner mit Crelle und dem in den zwanziger
Jahren gleichfalls in Berlin lebenden nordischen Mathematiker Abel
entstand 1826 Deutschlands bedeutendste mathematische Zeitschrift, das
Crellesche Journal für reine und angewandte Mathematik.
Zu den ersten Beiträgen Steiners für diese Zeitschrift gehört seine unter
dem Titel »Einige geometrische Betrachtungen« veröffentlichte Abhandlung
vom Jahre 1826200. In dieser Abhandlung beschäftigt sich Steiner, angeregt
durch das Malfattische Problem, besonders mit Kreisberührungsaufgaben.
Auf den Inhalt kann hier nicht näher eingegangen werden. Erwähnung
verdient jedoch Steiners von ihm selbst geschilderte Art, wissenschaftlich
zu arbeiten. Steiner sagt nämlich, er pflege über eine Aufgabe oder einen
Gegenstand sich nicht eher aus den Schriften anderer zu unterrichten, bis er
eine Auflösung oder einen Weg durch eigenes Nachdenken gefunden habe.
Erst dann vergleiche er seine Resultate mit den schon vorhandenen201. Es ist
das zwar nicht ein Verfahren für jedermann. Es ist aber dasjenige, das am
sichersten den Fortschritt der Wissenschaft verbürgt.
In einer zweiten Abhandlung löst Steiner die Aufgabe, einzig mit Hilfe
eines Lineals ohne Anwendung des Zirkels alle geometrischen

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Konstruktionen auszuführen, wenn nur irgend ein fester Hilfskreis gegeben
ist. Die ältere Geometrie benötigte nämlich für die Mehrzahl ihrer Aufgaben
des Lineals und des Zirkels. Die betreffende Abhandlung202 Steiners bringt
die Lehre von den harmonischen Strahlen und Punkten, von den
harmonischen Eigenschaften des Kreises, den Ähnlichkeitspunkten,
Potenzen von Kreisen und schließlich die Lösung aller geometrischen
Aufgaben mittelst des Lineals, wenn ein fester Kreis gegeben ist.
Wir gelangen endlich zu dem für die neuere Geometrie grundlegend
gewordenen Hauptwerk Steiners, seiner »Systematischen Entwicklung der
Abhängigkeit geometrischer Gestalten voneinander«203. Das Werk läßt sich
als der erste Versuch bezeichnen, die Geometrie von einem Keime aus nach
allen Richtungen organisch zu entwickeln204, sodaß an Stelle des Heeres von
auseinander gerissenen Eigentümlichkeiten eine umfassende und klare
Übersicht gewonnen wurde.
Auf dem bisher üblichen Wege gelangte man wohl zu einer Sammlung
scharfsinniger Kunststücke, aber nicht zu einem innerlich
zusammenhängenden Ganzen. Durch die Aneignung der Grundbeziehungen,
so lauten Steiners Ausführungen über das Ziel seines Unternehmens,
mache man sich zum Herrn des ganzen Gegenstandes. »Es tritt Ordnung in
dem Chaos ein, und man sieht, wie alle Teile naturgemäß ineinander greifen
und zu wohlbegrenzten Gruppen sich vereinigen. Der Kern der Sache
besteht darin, daß die Abhängigkeit der Gestalten voneinander und die Art
und Weise aufgedeckt wird, wie ihre Eigenschaften von den einfacheren
Figuren zu den zusammengesetzteren sich fortpflanzen. Eigenschaften der
Figuren, wie die konjugierten Durchmesser der Kegelschnitte und das
mystische Sechseck und Sechsseit205, von deren Vorhandensein man sich
sonst durch künstliche Beweise überzeugen mußte, und die, wenn sie
gefunden waren, als etwas Wunderbares dastanden, zeigen sich nun als
notwendige Folgen der unscheinbarsten Eigenschaften der aufgefundenen
Grundelemente.«
Wenn wir es uns auch versagen müssen, Steiners »Systematische
Entwicklung« im einzelnen zu erörtern, so wollen wir doch bei seiner
Behandlung der Kegelschnitte, jenes Gebietes, das die Mathematiker seit der
Zeit des Menächmos und des Apollonios bis auf den heutigen Tag
beschäftigt, noch etwas verweilen. Erst bei der Erzeugung der Kegelschnitte
durch projektivische Gebilde ergaben sich fundamentale Sätze, d. h. Sätze,

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die so umfassend sind, daß die übrigen Eigenschaften der Kegelschnitte klar
aus ihnen folgen. Steiner folgerte z. B. aus seinen Fundamentalsätzen206, daß
durch fünf beliebige Tangenten oder durch irgend fünf Punkte in einer Ebene
ein Kegelschnitt bestimmt ist. Fünf beliebige Gerade in einer Ebene können
also stets von einem, aber auch nur von einem einzigen Kegelschnitt berührt
werden. Oder auch: Fünf beliebige Punkte in einer Ebene liegen jedesmal in
einem, aber auch nur in einem einzigen Kegelschnitte.
In ganz neuer Beleuchtung und der Eigenschaft des Wunderbaren entkleidet
erschienen nun auch die Sätze vom Pascalschen und Brianchonschen
Sechseck. Zahlreiche Mathematiker hatten Beweise für diese Sätze
beigebracht und die Lehre von den Kegelschnitten in mehr oder minder
umfassender Weise darauf zu begründen versucht. Pascals Satz lautet, daß
bei jedem einem Kegelschnitt umschriebenen Sechseck die Linien, welche
die gegenüber liegenden Ecken verbinden, in einem Punkte
zusammentreffen. Der Satz von Brianchon besagt, daß bei jedem einem
Kegelschnitte eingeschriebenen Sechseck die drei Schnittpunkte der
gegenüber liegenden Seiten in einer geraden Linie liegen. Steiner zeigte,
daß beide Sätze nicht die eigentliche Grundlage für die Untersuchung der
Kegelschnitte bilden, sondern daß sie zugleich mit vielen anderen
Eigenschaften aus einer umfassenderen Quelle, nämlich aus der Beziehung
projektivischer Gebilde fließen.
Von der Behandlung der Kegelschnitte nach projektivischer Methode wendet
sich Steiner zur Erzeugung projektivischer Raumgebilde207. Die
Untersuchung dreht sich besonders um die Eigenschaften der Paraboloide
und der Hyperboloide.
Konnten Steiners Verdienste um die neueste Entwicklung der Geometrie
hier auch nur angedeutet werden, so geht aus dem Gesagten doch hervor,
daß durch ihn die Lehre von den Kegelschnitten, die wir ihrer Beziehungen
zur Naturwissenschaft und zur Technik wegen an manchen Stellen dieses
Werkes in Betracht gezogen haben, im wesentlichen und auf allgemeinster
Grundlage zum Abschluß kam. »Was seitdem noch in dieser Beziehung
geleistet worden ist, beschränkt sich auf die weitere Durcharbeitung und die
formale Vollendung«208.
Trotz dieser großen Erfolge der projektivischen Geometrie wurde die
analytische Behandlung geometrischer Probleme keineswegs gänzlich
beiseite geschoben. Wie die synthetische, so gewann auch die analytische

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Geometrie in der Neuzeit einen erhöhten Standpunkt. Dies geschah
besonders durch Plückers »System der analytischen Geometrie«209.
Plückers Verfahren bedeutet eine Loslösung von den zwei oder drei
Achsen, auf die bisher die Flächen- oder die Raumgebilde bezogen wurden.
Anstatt der Koordinaten führte er lineare Funktionen ein, welche den
Strahlenbüscheln Steiners entsprechen. Die neueren Methoden der
synthetischen und der analytischen Geometrie laufen daher, weil man sich
auf beiden Gebieten beweglicher Elemente an Stelle der bisher üblichen
festliegenden Grundgebilde bedient, auf eine Annäherung hinaus, die zu
einer immer größeren, wechselseitigen Durchdringung und Befruchtung
geführt hat210.
Die Erkenntnis, daß gewisse Axiome der gewöhnlichen (Euklidischen)
Geometrie sich nicht beweisen lassen, führte im Verlaufe des 19.
Jahrhunderts zu einer neuen, nichteuklidischen Geometrie. Eine der ersten,
früher nie angezweifelten Grundlagen der elementaren Geometrie ist das
Parallelenaxiom. Es besagt, daß man durch einen Punkt außerhalb einer
Geraden in der durch den Punkt und die Gerade festgelegten Ebene nur eine
einzige Gerade ziehen kann, welche die erste Gerade nicht schneidet.
Bezweifelt man das Parallelenaxiom, so wankt auch der Satz, daß die
Summe der Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten ist. Kurz, die
wichtigsten Grundlagen der Geometrie scheinen mit einer gewissen
Unsicherheit behaftet zu sein, die eben daraus entspringt, daß man das
Parallelenaxiom nicht beweisen kann. Gauß sprach daher, weil er die
Unzulänglichkeit der zur Sicherstellung des Parallelenaxioms
unternommenen Beweise erkannte, den Gedanken aus, daß es für die reine
Mathematik von großem Wert sein müsse, eine Geometrie zu schaffen, die
sich nicht auf jenes Axiom stützt. Was Gauß nur angedeutet, führte
Lobatschefskij 211 aus. Er schuf in seiner Pangeometrie eine neue
umfassendere Lehre, welche die gewöhnliche Geometrie als einen
besonderen Fall, der unserer Auffassung vom Raume am vollkommensten
entspricht, in sich einschließt212. Näher auf dieses Gebiet einzugehen, liegt
nicht im Rahmen dieses Werkes, das die Mathematik nur insofern
berücksichtigen kann, als sie die Entwicklung der Naturwissenschaften
beeinflußt hat.
Das Ergebnis seiner Untersuchungen veröffentlichte Lobatschefskij 1856.
Sein Urteil über die Bedeutung der nichteuklidischen Geometrie geht dahin,

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daß sie, auch wenn sie in der Natur keine Geltung hat, doch in unserer
Vorstellung bestehen und ein neues weites Feld für mathematische
Untersuchungen erschließen kann.
Nachdem wir einen Blick auf die Entwicklung geworfen, welche die
Geometrie in ihrer jüngsten Phase genommen hat, wollen wir in aller Kürze
auch einige wichtige Fortschritte des Kalküls erörtern. Seit dem frühen
Altertum beschäftigten sich die Mathematiker mit der Lehre von den
Gleichungen. Das Eindringen in ihre Probleme war besonders mühselig und
setzte alle Kräfte in Bewegung. Wie lange dauerte es, bis man das Wesen der
negativen Wurzeln und vor allem den Zusammenhang der Wurzeln mit den
Koeffizienten erkannt hatte. Erst die Mathematiker des 18. Jahrhunderts
(Euler, Lagrange 1772, Gauß 1799) bewiesen, daß jede Gleichung sich in
soviel reelle oder imaginäre Faktoren auflösen läßt, als ihr Grad anzeigt.
Trotzdem vermochten selbst Euler und Lagrange es nicht, Gleichungen
aufzulösen, welche den vierten Grad überschreiten. Schon Gauß äußerte
daher die Ansicht, daß die allgemeine Gleichung fünften Grades
wahrscheinlich nicht lösbar sei. Den Beweis für diese Tatsache brachte der
große norwegische Mathematiker Abel, mit dessen Bedeutung für die
neueste Entwicklung des Kalküls wir uns zunächst zu beschäftigen haben.
Niels Henrik Abel wurde 1802 als der Sohn eines norwegischen
Dorfpfarrers geboren. Er studierte in Christiania Mathematik und wurde
seiner ungewöhnlichen Begabung wegen von der norwegischen Regierung
mit einem Stipendium bedacht, um seine Studien in Deutschland und in
Frankreich fortzusetzen. In Berlin gehörte Abel nebst Steiner zu den ersten
Mitarbeitern des neu gegründeten Crelleschen Journals für die reine und
angewandte Mathematik213. Abel starb mit 26 Jahren an einem
Lungenleiden. Seine Berufung an die Berliner Universität traf ihn nicht mehr
lebend an.
Von Abels Arbeiten verdient zunächst eine Untersuchung über die
binomische Reihe Erwähnung214. Abel untersuchte diese Reihe zuerst für
komplexe Werte und summierte sie für diese. Seine Arbeit ist für das Gebiet
der unendlichen Reihen ein Muster exakter Beweisführung geworden.
Wichtiger als die erwähnte Arbeit ist Abels Nachweis, daß eine algebraische
Gleichung von höherem als dem vierten Grade sich nicht allgemein auflösen
läßt215. Einige Jahre später zeigte Abel, daß es trotzdem für jeden Grad eine
besondere Klasse von Gleichungen gibt, deren algebraische Auflösung

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möglich ist. Die Auflösung dieser Gleichungen, die man später als
»Abelsche Gleichungen« bezeichnet hat, ist dadurch möglich, daß zwischen
ihren Wurzeln gewisse Beziehungen bestehen216.
Von dem großen Verdienst endlich, das sich Abel um die Mitbegründung
der Theorie der elliptischen Funktionen erworben hat, wird an anderer Stelle
die Rede sein. Hier gilt es zunächst, die weitere Entwicklung der Lehre von
den Gleichungen zu verfolgen. Diese Entwicklung ist insbesondere den
französischen Mathematikern Fourier und Sturm zu danken.
Mit Fouriers Verdiensten um die mathematische Physik werden wir uns an
anderer Stelle beschäftigen. Hier haben wir es nur mit seiner wichtigsten rein
mathematischen Schrift zu tun, die 1831 unter dem Titel »Die Auflösung der
bestimmten Gleichungen« erschien217. Fourier lehrte darin die reellen
Wurzeln finden, die zwischen zwei beliebigen Werten von x liegen, und
verbesserte Newtons Berechnungsmethode wesentlich. An sein Theorem
über die Bestimmung von Intervallen für die reellen Wurzeln einer
Gleichung knüpfte Charles Sturm an (geboren 1803 in Genf, Professor an
der École polytechnique. Er starb 1855). Seine Abhandlung über die
Auflösung der numerischen Gleichungen (1835) zeigte, wie sich vermittelst
des nach ihm benannten Theorems auf die einfachste Weise die Anzahl der
reellen Wurzeln erkennen und ihre Begrenzung finden läßt. Sie bedeutet
deshalb den hervorragendsten Fortschritt in dem Verfahren der numerischen
Auflösung algebraischer Gleichungen mit reellen Koeffizienten218.
Als das hervorragendste mathematische Hilfsmittel der Naturwissenschaft
erwies sich auch im 19. Jahrhundert in stetig wachsendem Maße die
Differential- und Integralrechnung. Unter den zahlreichen Arbeiten, welche
diese mathematische Disziplin während des ersten Zeitraums des 19.
Jahrhunderts förderten, verdienen die Abhandlungen von Pfaff und von
Cauchy besondere Erwähnung.
Pfaff 219 löste zuerst das Integrationsproblem der partiellen
Differentialgleichungen, um welches Euler und Lagrange sich vergeblich
bemüht hatten, in voller Allgemeinheit220. Euler vermochte nicht einmal für
den einfachsten Fall, der mit der partiellen Differentialgleichung erster
Ordnung mit zwei Veränderlichen gegeben ist, zu einer allgemeinen Theorie
zu gelangen. Lagrange war zwar bis zur Integration solcher Gleichungen
vorgedrungen; er hatte sich indessen auf den Fall beschränken müssen, daß

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die partiellen Differentialquotienten, falls mehr als drei Veränderliche in
Betracht kommen, darin nur linearisch auftreten.
Auch um die Reihenlehre, die Kombinationslehre und die Anwendung der
letzteren auf die Probleme der höheren Analysis hat sich Pfaff verdient
gemacht. Seine neue Summationsmethode für unendliche Reihen (1788)
besteht darin, daß er die Glieder der unendlichen Reihe, deren Summe
gesucht wird, wieder in unendliche Reihen verwandelt und deren Glieder so
verbindet, daß neue summierbare Reihen entstehen.
Unabhängig von Pfaff fand auch der französische Mathematiker Cauchy
eine allgemeine Methode, um die partiellen Differentialgleichungen erster
Ordnung zu integrieren, »welches auch die Zahl der unabhängigen
Veränderlichen sein möge«221. Augustin Louis Cauchy wurde 1789 in
Paris geboren. Er wurde Zögling der »École polytechnique« und zeichnete
sich schon als Knabe, ähnlich Pascal und Clairaut, durch eine solch
hervorragende mathematische Beanlagung aus, daß sogar der große
Lagrange auf ihn aufmerksam wurde. Später wirkte Cauchy als Lehrer an
der »École polytechnique«. Er starb nach manchen, durch politische
Ereignisse hervorgerufenen Wechselfällen im Jahre 1857. Unter den
mathematischen Abhandlungen Cauchys verdient diejenige vom Jahre 1825
besondere Erwähnung, da er darin »den Grad der Allgemeinheit« feststellte,
den ein bestimmtes Integral zwischen imaginären Grenzen zuläßt und die
Zahl der Werte, die es annehmen kann, ermittelte222. In welchem Maße die
mathematischen Untersuchungen Cauchys durch ihn und andere der
theoretischen Physik, vor allem der Optik, zugute gekommen sind, wird an
anderer Stelle gezeigt werden.
Für die Entwicklung der höheren Analysis war ferner die Neugestaltung der
Theorie der elliptischen Funktionen von der größten Wichtigkeit. Sie
erfolgte durch Abel, dessen Verdienste um die Theorie der Reihen und der
Gleichungen wir schon kennen lernten, und durch den großen deutschen
Mathematiker Jacobi.
Karl Gustav Jacobi wurde 1804 in Potsdam geboren. Er widmete sich
zunächst unter Böckh der klassischen Philologie, entschied sich aber,
angeregt durch die Werke von Euler, Lagrange, Laplace und Gauß bald
darauf für das Studium der Mathematik. Mit 21 Jahren wurde er Dozent für
dieses Fach an der Berliner Universität. Dann wirkte er in Königsberg, um
schließlich nach Berlin zurückzukehren, wo er schon 1851 starb.

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Jacobis erste Untersuchungen betrafen die elliptischen Funktionen. Im
Jahre 1829 erschien sein großes Hauptwerk über diesen Gegenstand223. Das
Werk hat ihm die Hälfte des großen Preises eingetragen, den die Pariser
Akademie für den bedeutendsten Fortschritt auf diesem Gebiete ausgesetzt
hatte224.
Die ersten Anfänge der Theorie der elliptischen Funktionen begegnen uns
bei Euler. Dieser suchte einen rechnerischen Ausdruck für den Bogen einer
Ellipse zu gewinnen und wurde dabei durch folgende Überlegung geleitet.
Da der Kreis ein besonderer Fall der Ellipse ist, so läßt sich der Bogen der
letzteren vielleicht durch allgemeinere Funktionen ausdrücken, welche die
Kreisfunktionen als besonderen Fall in sich einschließen. Das Problem
wurde von Legendre wieder aufgenommen und weiter geführt. Er war es,
der zuerst den Ausdruck »elliptische Funktionen« gebrauchte. Allerdings
bezeichnete er, abweichend vom heutigen Gebrauch, mit diesem Ausdruck
die Integrale, welche die Bogen der Ellipse und der Hyperbel ausdrücken.
Legendre widmete diesem Gegenstande die Arbeit von Jahrzehnten und
veröffentlichte das Ergebnis, als ihm eine weitere Fortbildung nicht möglich
schien, in seiner zusammenfassenden Arbeit vom Jahre 1827225. Kaum war
dies geschehen, da mußte Legendre gestehen, daß seine eigenen
Forschungen durch Abel und Jacobi weit überholt worden seien.
»Nachdem ich mich«, so schrieb Legendre, »eine lange Reihe von Jahren
mit der Theorie der elliptischen Funktionen befaßt, für welche der
unsterbliche Euler das Fundament geschaffen, glaubte ich die Ergebnisse in
einem umfangreichen Werke herausgeben zu müssen. Kaum ist aber der
Titel dieses Werkes bekannt geworden, und schon zeigt es sich, daß zwei
junge Mathematiker, Jacobi und Abel, die Theorie der elliptischen
Funktionen durch neue Untersuchungen beträchtlich vervollkommnet
haben.«
Unabhängig voneinander waren Abel und Jacobi auf den Gedanken
gekommen, in diese Theorie das Imaginäre einzuführen. Dadurch wurden
alle Rätsel der älteren Theorie gelöst und die elliptischen Funktionen
gleichzeitig zu den Kreisfunktionen und den Exponentialgrößen in nahe
Beziehung gesetzt.
Jacobi drang aber noch tiefer in das Wesen der elliptischen Funktionen ein
und erkannte, daß sie als Folgerungen gewisser Funktionen aufgefaßt
werden können, die man seitdem als Theta-Funktionen bezeichnet hat.

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Während ferner die elliptischen Funktionen als die Umkehrungen der
elliptischen Integrale nur zwei Perioden zulassen, schuf Jacobi später die
Theorie der mehrfach periodischen Funktionen, welche als die
Umkehrungsfunktionen der algebraischen Integrale auftreten. Die
Abhandlung, in welcher die Natur dieser neuen Funktionen im hellsten
Lichte erscheint, wurde neuerdings in deutscher Sprache zugänglich
gemacht226. Um die Darstellung der vierfach periodischen Funktionen haben
sich unter den deutschen Mathematikern später noch Göpel und
Rosenhain besondere Verdienste erworben. Auch ihre Abhandlungen
erschienen als Teile der Ostwaldschen Sammlung in deutscher
Übersetzung227.
Von den neu entdeckten Funktionen haben besonders die elliptischen und die
durch Legendre eingeführten Kugelfunktionen der mathematischen Physik
und der theoretischen Astronomie wertvolle Dienste geleistet. Um den
weiteren Ausbau der höheren Analysis und ihre Anwendung auf das
abstrakte Gebiet der Zahlentheorie, nicht minder aber auf die wichtigsten
Probleme der mathematischen Physik hat sich der deutsche Mathematiker
Lejeune-Dirichlet die größten Verdienste erworben.
Gustav Peter Lejeune-Dirichlet wurde 1805 in Düren geboren228.
Anknüpfend an die Disquisitiones arithmeticae von Gauß verstand er es, die
Zahlentheorie mit der Infinitesimalrechnung in Beziehung zu setzen und
beide bis dahin getrennten Zweige der Mathematik vermöge der
Durchführung dieses Gedankens zu bereichern. Einige Anwendungen dieser
Methode veröffentlichte er in den Jahren 1839 und 1840. Die betreffende
Abhandlung229 bringt eine Frage, mit welcher sich schon Lagrange,
Legendre und Gauß befaßten, zur Lösung, die Frage nämlich nach dem
Zusammenhang zwischen der Anzahl der quadratischen Formen und einer
gegebenen Determinante.
In einer anderen, der Ostwaldschen Sammlung einverleibten Abhandlung
unternimmt Dirichlet die Darstellung ganz willkürlicher Funktionen durch
Sinus- und Cosinusreihen230. Zu dieser für die Entwicklung der
mathematischen Physik sehr wertvollen Untersuchung war Dirichlet
dadurch gelangt, daß Fourier, mit dem der deutsche Forscher während eines
längeren Studiums in Paris in enge Fühlung trat, durch seine analytischen
Beiträge zur Wärmelehre auf trigonometrische Reihen geführt worden war.

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Nach dem Erfolge, den Dirichlet durch seine Untersuchung der
Fourierschen Reihen errungen, stellte er mit Vorliebe sein mathematisches
Können in den Dienst der theoretischen Physik. Er erfand eine besondere
Integrationsmethode zur leichteren Bewältigung der bestimmten Integrale
und wandte diese neue Methode auf Attraktionsprobleme an.
Die betreffende Abhandlung erschien 1839 und wurde neuerdings durch
Ostwalds Klassiker zugänglicher gemacht231. Nachdem Riemann gezeigt
hatte, wie durch die von ihm vorgeschlagene Transformation die
schwierigsten Integrationen vereinfacht werden, wählte Dirichlet das so oft
von früheren Mathematikern (Laplace, Gauß u. a.) behandelte Beispiel der
Attraktion der Ellipsoide. Während bis dahin das Problem des äußeren und
des inneren Punktes unabhängig voneinander und mit verschiedenen Mitteln
behandelt worden waren, zeigte Dirichlet, daß das Problem eine
gleichförmige Behandlung zuläßt. Außerdem ist sein Verfahren nicht auf die
Voraussetzung beschränkt, daß die Attraktion dem Quadrat der Entfernung
umgekehrt proportional ist, sondern es bleibt auch für jede andere ganze
oder gebrochene Potenz der Entfernung anwendbar. Endlich braucht auch
die Dichtigkeit der anziehenden Masse nicht als konstant vorausgesetzt zu
werden, sondern sie kann auch durch irgend eine rationale ganze Funktion
der drei Koordinaten ausgedrückt sein. Indem Dirichlet ferner die Wirkung
der nach dem Gesetze Newtons wirkenden Kräfte von neuem der höheren
Analysis unterwarf, förderte er gleichzeitig die Potentialtheorie232.
Im Anschluß an Dirichlet hat sich besonders Riemann mit der Darstellung
von Funktionen durch trigonometrische Reihen und dem Ausbau der
Potentialtheorie beschäftigt233. Die Gestaltung, welche die Funktionenlehre
durch Riemann erlangte, indem er die komplexe, d. h. aus einem reellen
und einem imaginären Teile bestehende Veränderliche, einführte, hat der
höheren Analysis in ihrer Anwendung auf die Naturwissenschaften während
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ziel und Richtung gegeben.

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9. Die wissenschaftliche Chemie von ihrer Begründung durch
Boyle bis zu ihrer Erneuerung durch Lavoisier.
Eine Reihe von Jahrzehnten war seit der Begründung der neueren Physik
verflossen, ehe die Chemie ihr mittelalterliches Gewand abstreifte und unter
der Führung von Boyle einem rein wissenschaftlichen Ziele, nämlich der
Erforschung der Zusammensetzung der Körper, nachzustreben begann.
Boyle hatte den Begriff des chemischen Elementes aufgestellt und der
analytischen Chemie eine sichere Grundlage gegeben. Auch hatte er sowohl
das experimentelle Studium als auch die Erklärung der
Verbrennungserscheinungen in Angriff genommen. Während der erste Teil
dieser Aufgabe durch Boyle und seine Nachfolger sehr gefördert und ein
großes, auf den Vorgang der Verbrennung bezügliches Tatsachenmaterial
herbeigeschafft wurde, blieb das gesamte von Boyle bis Lavoisier
reichende Zeitalter bezüglich aller Erklärungsversuche in dem Banne der
von Stahl begründeten Phlogistontheorie befangen. Selbst als Lavoisier
seine antiphlogistische Lehre bis in ihre Einzelheiten ausgeführt hatte,
vermochten jene Männer, auf die er sich besonders stützte, wie Priestley
und Scheele, der älteren Theorie, die sie bei ihren großen Entdeckungen
geleitet, nicht zu entsagen. Mit Dalton, Berzelius und Gay-Lussac trat
indes ein neues Geschlecht von Forschern auf den Schauplatz. Indem diese
an Lavoisier anknüpften, begann für die Chemie das Zeitalter der
quantitativen Untersuchungen. Dadurch wurden die Beziehungen zur Physik
immer engere, was sich auch darin aussprach, daß die Mehrzahl der
damaligen Forscher auf beiden Gebieten hervorragende Leistungen
aufzuweisen hatten. Die Chemie erhielt somit in dieser, den letzten Teil des
18. und den Beginn des 19. Jahrhunderts umfassenden Periode im
wesentlichen ihre heutige Richtung und Gestalt.
Die Einsicht in den Vorgang der Verbrennung wurde erst dadurch
ermöglicht, daß Priestley die Erforschung der Gase in die Hand nahm und
Scheele die Zusammensetzung der atmosphärischen Luft aus zwei
Bestandteilen nachwies. Bis zur Zeit van Helmonts hatte man die
Gasarten, von denen insbesondere der Wasserstoff, sowie das Kohlendioxyd
bekannt geworden waren, noch nicht unter sich und von der

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atmosphärischen Luft unterschieden, sondern jeden gasförmigen Körper mit
der Luft identifiziert und die beobachteten Verschiedenheiten auf
Beimengungen zurückgeführt. Ein erfolgreiches Studium der Gase begann
erst mit der von Hales herrührenden Erfindung der pneumatischen Wanne
und der Verwendung des Quecksilbers als Absperrflüssigkeit. Das
letztgenannte Verfahren ermöglichte Priestley die Entdeckung der im
Wasser löslichen Gasarten, wie des Ammoniaks und des Chlorwasserstoffs.
Klare Ansichten über die chemische Natur der Gase kamen jedoch erst mit
Lavoisier auf, welcher Sauerstoff und Wasserstoff als Elemente ansprach.
Joseph Priestley, auf dessen Untersuchungen Lavoisier ganz besonders
die neuere Chemie begründete, wurde im Jahre 1733 in der Nähe von Leeds
geboren. Er studierte Theologie. Infolge seiner Stellung zur englischen
Kirche und seines exzentrischen Wesens führte er ein unstätes Leben. Er
wirkte bald als Prediger, bald als Schul- oder Hauslehrer und siedelte endlich
nach Nordamerika über, wo er 1804 starb. Trotzdem Priestley eine
gründliche naturwissenschaftliche Vorbildung fehlte, hat er mit großem
Erfolge das schwierige Gebiet der pneumatischen Chemie eigentlich erst
erschlossen. Priestley glich nämlich den erwähnten Mangel dadurch aus,
daß er ein ganz außergewöhnliches Geschick zum Experimentieren besaß.
Die Ergebnisse seiner mühevollen, auf die Gase bezüglichen
Untersuchungen legte er in einer Anzahl seit dem Jahre 1772 veröffentlichter
Abhandlungen nieder, die zum Teil zu einem größeren Werke234 vereinigt
wurden. Zunächst befaßt sich Priestley in diesen Schriften mit dem von
ihm als fixe Luft bezeichneten Kohlendioxyd235. Er entnimmt dieses Gas, das
sich bei der Gärung bildet, den Brauereien, oder er stellt es durch
Übergießen von Kreide mit Säuren her. Die Untersuchungen Priestleys
betreffen auch die Löslichkeit des Kohlendioxyds im Wasser. Gleichzeitig
gibt er Anweisung über die durch Sättigen des Wassers mit Kohlendioxyd zu
bewerkstelligende Gewinnung künstlicher Säuerlinge. Von der praktischen
Verwertbarkeit der Ergebnisse wissenschaftlichen Forschens war Priestley
tief durchdrungen. »Da wir selbst Teile des Systems sind,« heißt es in seiner
Naturlehre, »so ergibt sich, daß, je vollkommener unsere Kenntnisse von den
Naturgesetzen sind, wir um so mehr Gewalt über die Natur haben, und daß
wir um so geschickter sind, solche Einrichtungen in der Welt zu treffen, die
uns am meisten zusagen. Wenn die Wissenschaft wie bisher immer größere
Fortschritte macht, so wird das menschliche Geschlecht nach einigen
Jahrhunderten uns ebenso sehr übertreffen, wie wir jetzt die Wilden

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übertreffen, denn die Natur ist unerschöpflich, sie gleicht einer Erzgrube, in
der sich immer neue Anbrüche zeigen236.«
Auf das Vorhandensein von »fixer Luft« in der Atmosphäre hatten schon
Black 237, sowie der schwedische Naturforscher Bergman hingewiesen.
Beide machten darauf aufmerksam, daß sich Kalkwasser an der Luft mit
einer weißen, festen Masse bedeckt, aus der sich durch Übergießen mit
Säure die »fixe Luft« wieder freimachen läßt238.
Priestleys weitere Bemühungen liefen insbesondere darauf hinaus, die
Säuren in Luftarten zu verwandeln. So erzeugte er aus Schwefelsäure die
»vitriolsaure Luft« (SO2) und aus Salpetersäure »die salpetersaure Luft«
(NO). Er bemerkte, daß letztere sich mit Sauerstoff unter Verminderung des
Gesamtvolumens verbindet, und gründete hierauf ein Verfahren, die
atmosphärische Luft zu analysieren. Priestley wies ferner nach, daß die
beim Zusammenbringen von Kochsalz und Schwefelsäure auftretenden
Dämpfe aus einer in Wasser außerordentlich löslichen Luftart bestehen. Es
gelang ihm, dieses salzsaure Gas (HCl), wie auch die beim
Zusammenbringen von Salmiak und Kalk auftretende »laugenartige Luft«
(NH3) über Quecksilber aufzufangen. Auch das Stickoxydul oder Lachgas
(N2O) und das Kohlenmonoxyd (CO) wurden von Priestley dargestellt. Am
folgenreichsten war die ihm im Jahre 1771 gelungene Entdeckung des
Sauerstoffs, den Priestley durch Erhitzen von rotem Quecksilberoxyd
bereitete. Den Ruhm dieser Entdeckung hat er allerdings, wie wir gleich
sehen werden, mit Scheele zu teilen239.
Bevor sich Priestley seinen Arbeiten über die Gase zuwandte, befaßte er
sich insbesondere mit elektrischen Versuchen. Sein Buch über die
Geschichte und die Lehre von der Elektrizität240 hatte großen Anklang
gefunden und ihm die Mitgliedschaft der Royal Society eingetragen. Es ist
nun von Interesse zu sehen, wie Priestley seine auf diesem Gebiete
erworbenen Kenntnisse bei der experimentellen Erforschung der Gase
verwertet. So schloß er atmosphärische Luft in eine Glasröhre über Wasser
ein und ließ den Funken wiederholt hindurchschlagen. Dabei zeigte es sich,
daß sich das Luftvolumen verminderte. War das in der Röhre befindliche
Wasser mit Lackmus blau gefärbt, so nahm es eine rote Farbe an241. Das
umgekehrte Verhalten zeigte Ammoniak oder »laugenhaftes Gas« (NH3).
Unter der fortgesetzten Einwirkung des elektrischen Funkens vergrößerte es
nämlich sein Volumen. Priestley nahm auch wahr, daß hierbei eine

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tiefgreifende chemische Veränderung mit dem Ammoniakgas vor sich geht.
»Vorher wurde es,« so berichtet er, »vom Wasser leicht verschluckt. Mit
»elektrischer Materie« überladen, scheint es keine Verwandtschaft mehr zum
Wasser zu haben. Es ist in eine eigene Art »zündbare Luft« verwandelt«242.
Auch die Analyse von Gasen durch Detonation (Verpuffung) rührt von
Priestley her. Brennbare Gase oder Gasgemenge mischte er über
Quecksilber mit Sauerstoff. Durch den elektrischen Funken wurde dann eine
Verpuffung herbeigeführt und darauf der Rückstand untersucht. So fand
Priestley, daß diejenige zündbare Luft, die man erhält, wenn man
Alkoholdampf durch eine glühende Röhre leitet oder Holz der trockenen
Destillation unterwirft, nach dem Verpuffen mit Sauerstoff einen Rückstand
von fixer Luft (CO2) hinterläßt243, während dies beim Detonieren der aus
Eisen und Schwefelsäure hergestellten »zündbaren Luft« (H) nicht der Fall
ist. All diese Errungenschaften eines ganz hervorragenden experimentellen
Geschicks sind für die Entwicklung der Chemie von größter Bedeutung
gewesen. Doch kleidet Priestley seine Ergebnisse noch in das Gewand der
phlogistischen Theorie. Die Verbrennung besteht bei ihm in einem
Entweichen von Phlogiston. Letzteres wird nach Priestleys Meinung von
den die Verbrennung unterhaltenden Luftarten aufgenommen und zwar um
so energischer, je weniger diese Luftarten selbst an Phlogiston besitzen.
Sauerstoff unterhält die Verbrennung am besten, weil er gar kein Phlogiston
enthält. Priestley nennt dieses Gas deshalb »dephlogistisierte Luft.«
Wasserstoff ist dagegen reines Phlogiston, da es besonders geeignet ist, die
erhitzten Metalloxyde in Metalle zurückzuverwandeln. Die atmosphärische
Luft stellt sich nach dieser Theorie als ein Gemenge von »dephlogistisierter«
(O) und »phlogistischer« Luft (N) dar. Durch die bei der Verbrennung vor
sich gehende Zufuhr von Phlogiston verwandelt sich die atmosphärische
Luft ganz in phlogistische. Auf den Widerspruch, der darin liegt, daß bei der
Verbrennung die atmosphärische Luft ihrem Volumen, sowie ihrem
Gewichte nach vermindert wird, ist Priestley nicht eingegangen. Auch die
Entdeckung, daß bei der Vereinigung von reinem Phlogiston (H) mit reiner
dephlogistisierter Luft (O) keine Spur von phlogistischer Luft (N), sondern
Wasser auftritt, ließ ihn an der eingewurzelten Theorie nicht irre werden. Auf
den nahe liegenden Gedanken, das Gewicht des vermeintlich zugeführten
Phlogistons in den aus Metallkalk entstandenen Metallen zu ermitteln, einen
Gedanken, dessen Ausführung auf einen weiteren Widerspruch geführt
haben würde, ist Priestley zwar gekommen. Wie er sagt, ist er jedoch außer

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stande gewesen, die Frage, ob das Metalloxyd bei seiner Umwandlung in
Metall schwerer oder leichter wird, zu entscheiden, da immer eine teilweise
Sublimation stattgefunden habe. Er verfolgt die Sache daher trotz ihrer
ausschlaggebenden Bedeutung nicht weiter, sondern entscheidet sie im Sinne
der von ihm vertretenen Lehre. An ihm, sowie an Scheele, der gleichfalls
das gesamte zur Aufstellung der wahren chemischen Theorie erforderliche
Material in den Händen hielt, erwies sich recht eigentlich die Wahrheit des
Wortes von Laplace, daß die Entdeckungen in der richtigen Verknüpfung
derjenigen Ideen bestehen, die zueinander passen.
Während sich Priestley wesentlich auf die Erforschung der Gase
beschränkte, erfuhren zur selben Zeit sämtliche Teile der Chemie eine
Bereicherung durch Scheele, wie sie kaum jemals wieder in solchem Maße
von einem einzigen Manne ausging. Scheele war seiner Abstammung und
Sprache nach ein Deutscher, wenn ihn auch die Schweden mit gleichem
Rechte als den Ihrigen betrachten und seine Verdienste vor einer Reihe von
Jahren durch die feierliche Begehung seines hundertundfünfzigsten
Geburtstages und die Errichtung eines Standbildes gewürdigt haben. Wie aus
den von Nordenskjöld herausgegebenen244, an Gahn, Bergman und
andere gerichteten Briefen Scheeles hervorgeht, hat sich dieser in seinen
Briefen und in seinen Laboratoriumsnotizen der deutschen Sprache bedient.
Eine Ausnahme bilden nur die Briefe, welche an Personen gerichtet sind, bei
denen Scheele die Kenntnis des Deutschen nicht voraussetzen konnte.
Karl Wilhelm Scheele wurde am 9. Dezember 1742 in dem damals
schwedischen Stralsund geboren. Im 14. Lebensjahre widmete er sich der
Apothekerlaufbahn. Nachdem er in mehreren schwedischen Städten seine
Lehr- und Gehilfenjahre zugebracht und während dieser Zeit durch
unermüdliches Experimentieren zu den hauptsächlichsten Ergebnissen seiner
Forschertätigkeit gelangt war, übernahm er 1775 eine eigene Apotheke245. Er
starb am 21. Mai des Jahres 1786.
Über seine auf den Sauerstoff und die atmosphärische Luft bezüglichen
Entdeckungen hat Scheele in einer wichtigen Schrift berichtet, die
Ostwald als 58. Bändchen seiner Klassiker herausgegeben hat. Sie führt
den Titel »Chemische Abhandlung von der Luft und dem Feuer« und
erschien im Jahre 1777. Die Versuche, welche Scheele darin mitteilt,
wurden jedoch schon in der Zeit von 1768-1773 angestellt. Aus Scheeles
vor kurzem veröffentlichten Briefwechsel246 geht, hervor, daß er schon im

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Jahre 1770 mit der Darstellung von Chlorwasserstoff, Ammoniak und
Stickoxyd bekannt war.
Scheele beginnt seine Abhandlung mit den Worten: »Die Körper geschickt
in ihre Bestandteile zu zerlegen, ihre Eigenschaften zu entdecken und die
Körper auf verschiedene Art zusammenzusetzen, ist der Hauptzweck der
Chemie.« Die meisten Schwierigkeiten und Widersprüche habe indessen die
Erklärung der Verbrennung hervorgerufen. Er habe daher von allen
bisherigen Erklärungen abgesehen und eine Menge von Versuchen
angestellt, um die Verbrennungserscheinungen so viel wie möglich zu
ergründen. Dabei habe sich herausgestellt, daß man ohne eine genaue
Untersuchung der Luft über die Erscheinungen, welche das Feuer darbietet,
kein wahres Urteil fällen könne.
Nachdem Scheele die Eigenschaften, welche die Luft von den anderen
Gasen unterscheidet, genau gekennzeichnet hatte, stellte er eine Reihe von
Versuchen an, die alle beweisen sollten, daß die Luft aus zwei verschiedenen
Gasen zusammengesetzt ist.
Sein Verfahren bestand darin, daß er ein bestimmtes Quantum Luft mit
einem Stoff behandelte, welcher den einen Teil der Luft absorbierte. Dabei
zeigte es sich, daß der andere Teil stets in der gleichen Menge und mit
denselben Eigenschaften zurückblieb. So schloß er eine Lösung von
Schwefelleber247 in eine leere Flasche ein, drehte diese um und setzte den
Hals in ein kleines Gefäß mit Wasser. In dieser Stellung beließ er die Flasche
14 Tage. Darauf öffnete er sie umgekehrt unter Wasser. Sogleich drang das
Wasser in die Flasche ein; und es zeigte sich, daß vier Teile von 20 Teilen
Luft absorbiert waren. Annähernd dieselbe Volumverminderung trat ein, als
Scheele den Versuch unter Anwendung von Phosphor, Eisenfeile oder einer
geeigneten Eisenverbindung an Stelle der Schwefelleber wiederholte.
Auch bei der Verbrennung von Wasserstoff in einer abgeschlossenen
Luftmenge (s. Abb. 25) fand eine Raumverminderung um 1/5 statt. Die
zurückbleibende Luftart unterhielt die Verbrennung nicht.

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Abb. 25. Scheele analysiert die Luft.

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Abb. 26. Scheeles Darstellung von Sauerstoff.

Zur Herstellung von Sauerstoff wandte Scheele folgendes Verfahren an. Er
mischte konzentrierte Schwefelsäure mit fein zerriebenem Braunstein. Diese
Mischung wurde in einer kleinen Retorte erhitzt. Zum Auffangen des Gases
diente eine luftleere Blase. Sobald der Boden der Retorte glühte, ging eine
Luftart über, welche die Blase nach und nach ausdehnte. Scheele füllte ein
Glas mit dieser Luftart und brachte ein kleines angezündetes Licht hinein.
»Kaum war dies geschehen, so fing das Licht an, mit einer großen Flamme
zu brennen, wobei es einen so hellen Schein von sich gab, daß es die Augen
blendete.« Mischte Scheele das aus dem Braunstein hergestellte Gas248 mit
derjenigen Luft, in welcher das Feuer bei den obigen Versuchen nicht mehr
brennen wollte, so erhielt er eine Luft, die der gewöhnlichen in allen Stücken
gleich war. Den Sauerstoff nannte er Feuerluft. Die andere Luftart, die zur
Unterhaltung der Verbrennung ungeeignet ist, bezeichnete er mit den Namen
»verdorbene Luft.« Später wurde sie Stickstoff genannt.
Auch beim Erhitzen von Salpeter in einer gläsernen Retorte wurde die Blase
von einem Gase ausgedehnt, das sich als reine »Feuerluft« erwies. Scheele
wiederholte darauf die Versuche, die er zuerst mit Schwefelleber, Phosphor
usw. und gewöhnlicher Luft angestellt hatte, unter Anwendung von
»Feuerluft.« Es zeigte sich, daß jetzt kein Rückstand blieb, sondern das

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gesamte Gas absorbiert wurde. Mischte er aber die verdorbene Luft mit
Feuerluft, und brachte er ein Stück Phosphor in diese Luftmischung, so
wurde auch nur der auf die Feuerluft entfallende Teil absorbiert.
All diese Versuche bewiesen somit, daß die Feuerluft das Gas ist, vermittelst
dessen das Feuer in der atmosphärischen Luft unterhalten wird. »Sie ist
darin«, sagt Scheele, »nur mit einer Luftart vermischt, die zum Brennbaren
gar keine Anziehung zu haben scheint; und diese ist es, welche der sonst zu
schnellen und heftigen Entzündung etwas Hinderung in den Weg legt.«
Den Sauerstoff stellte er nicht nur durch Erhitzen eines Gemenges von
Braunstein und Schwefelsäure, sowie aus Salpeter her, sondern er bereitete
ihn auch durch Glühen leicht zersetzbarer Oxyde, wie des Goldoxyds und
des roten Quecksilberoxyds, dessen sich auch Priestley bediente249.
Scheeles Arbeit über den Braunstein lehrte außer dem Sauerstoff noch
Mangan, Chlor und Baryterde (BaO) kennen. Letztere war in den von ihm
untersuchten Braunsteinsorten als Beimengung enthalten. Eine Lösung von
Baryterde benutzte er, wie es noch heute geschieht, zum Nachweise der
Schwefelsäure, während man sich vorher zu diesem Zwecke der viel
weniger geeigneten Kalklösung bedient hatte.
Scheele und Bergman gelang ferner die Aufschließung der Silikate, indem
sie diese im Mineralreich eine so große Bedeutung beanspruchenden
Verbindungen durch Zusammenschmelzen mit kohlensaurem Alkali in den
löslichen Zustand überführten. Die Untersuchungen über die Silikate lehrten
auch den Unterschied zwischen löslicher und unlöslicher Kieselsäure
kennen. Große Verdienste erwarb sich Scheele auch um den Nachweis der
Magnesium-, der Kupfer- und der Quecksilberverbindungen. Diese Fülle
von Einzelbeobachtungen wußte Scheeles Freund Bergman jedoch besser
systematisch zu verwerten als jener, sodaß Bergman besonders das
Verdienst davontrug, die Grundlagen der qualitativen Analyse geschaffen zu
haben. Nicht minder eifrig widmete sich Scheele dem Studium der Gase,
von denen manche, deren Auffindung man wohl Priestley und anderen
zugeschrieben hat, schon ihm bekannt waren. Es sind vor allem außer dem
Sauerstoff, dem Stickstoff und dem Kohlendioxyd noch Chlorwasserstoff,
Schwefelwasserstoff, Ammoniak und Stickoxyd, auf die sich Scheeles
Untersuchungen erstrecken. Zum Auffangen der Gase bediente er sich nicht
wie Hales und Priestley einer Wanne, sondern er brachte die
Entwicklungsflasche mit tierischen Blasen in Verbindung, die er zuvor durch

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Zusammendrücken luftleer gemacht hatte. An solchen Blasen entdeckte
Scheele die Erscheinung der Gasdiffusion. »Sind die Blasen oder auch nur
die sie umgebende Luft feucht,« sagt Scheele bei der Beschreibung seines
Apparats250, »so dringen die darin befindlichen Gase in wenigen Tagen
gänzlich durch die Blasen. Sind letztere und die Luft dagegen trocken, so
geschieht dies nicht.«
Ferner machte Scheele die Entdeckung, daß die beiden Bestandteile der
Luft, die er als Feuerluft und als verdorbene Luft bezeichnete, in sehr
verschiedenem Grade in Wasser löslich sind. Das Wasser habe die besondere
Eigenschaft, die Bestandteile der Luft zu trennen, indem es die Feuerluft
leichter aufnehme. Letztere sei den im Wasser lebenden Tieren
unentbehrlich. Der Lebensprozeß dieser Tiere beruhe darauf, daß sie die
Feuerluft verbrauchten und Luftsäure (CO2) abschieden. Das ausgeschiedene
Gas würde jedoch in die Atmosphäre abgedünstet und das Wasser dadurch
befähigt, von neuem Feuerluft aufzulösen und sie den Tieren zuzuführen251.
Zu dieser in den Grundzügen zutreffenden Darstellung war Scheele durch
eine Reihe von Versuchen gelangt. Leider beziehen sich diese Versuche, wie
es Scheeles Art war, vorwiegend auf den qualitativen Verlauf des
Vorganges. Scheele würde sonst wahrscheinlich bezüglich der Bedeutung
der »Feuerluft« zu den gleichen Ergebnissen wie Lavoisier gelangt sein.
Nicht minder bedeutend als das bisher Erwähnte waren Scheeles Verdienste
um die vor ihm kaum als Wissenszweig bestehende organische Chemie. Aus
den sauren Pflanzensäften erhielt er durch Zusatz von Kalk- oder Bleilösung
Niederschläge, die er als die Salze gewisser Säuren erkannte. Durch
Zersetzen dieser Niederschläge mittelst Schwefelsäure gelang ihm die
Herstellung der wichtigsten organischen Verbindungen, wie der Wein-, der
Zitronen-, der Äpfel- und der Oxalsäure. Letztere stellte er nicht nur aus dem
Sauerklee, sondern auch durch die Einwirkung von Salpetersäure auf Zucker
her. Die Untersuchung von Harnsteinen führte ihn zur Auffindung der
Harnsäure. Die Milchsäure war zwar schon vor ihm bekannt; auf Scheele
ist indessen die genauere Kenntnis dieser Verbindung zurückzuführen.
Die Zersetzung von Blutlaugensalz durch Schwefelsäure führte ihn im Jahre
1782 zur Entdeckung der Blausäure. Er widmete ihr eine mustergültige
Untersuchung, die ihm einen ziemlich klaren Einblick in die
Zusammensetzung dieser Verbindung erschloß. Auch auf das seit alters
bekannte Verhalten der Fette gegen die Alkalien warfen seine Arbeiten das

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erste Licht. Es gelang ihm, aus Olivenöl durch die Einwirkung von Bleioxyd
das von ihm »Ölsüß« genannte Glyzerin abzuscheiden.
Alles dies sind Ergebnisse, die, wie wir sehen werden, für die Arbeiten
späterer Forscher grundlegend gewesen sind. Der Umstand, daß die
Untersuchungen unter dem Einfluß der Phlogistontheorie geführt wurden, ist
durchaus nicht imstande, den Wert dieser Untersuchungen zu
beeinträchtigen, zumal Scheele wie kein anderer der antiphlogistischen
Lehre den Boden bereiten half. Gipfelt doch dasjenige, was er von der Luft
und dem Feuer geschrieben, in der klaren Erkenntnis, daß die Luft aus zwei
verschiedenen Gasen zusammengesetzt ist, von denen nur der Sauerstoff,
den er als »Feuerluft« bezeichnet, die Verbrennung und alle der Verbrennung
analogen Vorgänge unterhält. Scheele lehrte ferner, wie wir sahen, die
Mittel kennen, um der Luft diesen wirksamen Bestandteil zu entziehen; er
fand, daß das zurückbleibende Gas etwa vier Fünftel der gesamten Luft
ausmacht. Letztere stellte er durch Mischen der beiden Bestandteile mit allen
ihren Eigenschaften wieder her.
Daß dem Meister der chemischen Experimentierkunst auch manche
Ausbeute auf dem Gebiete der Physik zuteil wurde, läßt sich denken.
Scheeles mehr gelegentliche Beobachtungen über die Löslichkeit und die
Diffusion der Gase fanden schon Erwähnung. Zu systematischen
Untersuchungen über die Wärme und das Licht führten ihn seine
Bemühungen, den chemischen Vorgang der Verbrennung aufzuhellen. So
gehört Scheele zu den ersten Naturforschern, die zu einer klaren
Unterscheidung der Körperwärme und der strahlenden Wärme gelangten252.
Nach Scheele ist die im Ofen aufsteigende und dem Ofen mitgeteilte
Wärme von der in den Raum gestrahlten wohl zu unterscheiden. Letztere
entferne sich in geraden Linien von ihrem Erzeugungspunkte und werde von
poliertem Metall so zurückgeworfen, daß der Eintrittswinkel dem
Austrittswinkel gleich sei. Diese strahlende Wärme werde von der Luft nicht
absorbiert und durch Luftströmungen nicht abgelenkt, sie stimme also in
mancher Hinsicht mit dem Lichte überein. Daß die strahlende Wärme sich
leicht in Körperwärme verwandeln lasse, indem sie sich mit gewissen
Körpern vereinige, erkenne man an einem mit Ruß überzogenen, metallenen
Hohlspiegel.
Scheele war auch einer der ersten, welcher der chemischen Wirkung des
Lichtes seine Aufmerksamkeit zuwandte. Die älteste Beobachtung über die

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Lichtempfindlichkeit der Silber enthaltenden Niederschläge machte 1727 der
Professor der Medizin J. H. Schulze 253 in Halle. Scheele experimentierte
mit reinem Chlorsilber und wies nach, daß dieses im Sonnenlichte zu Silber
reduziert wird. Die Beobachtung, daß die das weiße Licht
zusammensetzenden Strahlen auf Silbersalze verschieden wirken, rührt
gleichfalls von Scheele her. Seinen hierauf bezüglichen wichtigen Versuch,
in dem man die Anfänge der Spektralphotographie erblicken kann,
beschreibt er mit folgenden Worten: »Man setze ein gläsernes Prisma vor das
Fenster und lasse das gebrochene Licht auf die Erde fallen. In dieses farbige
Licht bringe man ein Stück Papier, das mit Chlorsilber überzogen ist. Diese
Verbindung wird in der violetten Farbe weit eher als in den anderen schwarz
werden.«
Die Reduktion bestand nach der Auffassung der Phlogistiker bekanntlich254 in
einer Zuführung von Phlogiston. Um die reduzierende Wirkung des Lichtes
zu erklären, schrieb Scheele auch diesem einen Gehalt an Phlogiston zu.
Das Phlogiston ist für ihn ein Element, das unter Herbeiführung wichtiger
Veränderungen von einem Körper in den anderen übergeht. Auch mit der
»Feuerluft« geht das Phlogiston nach Scheeles Auffassung eine Verbindung
ein. Aus dieser Vereinigung läßt Scheele das Licht und die Wärme
hervorgehen. Beide Kräfte faßt er noch als etwas durchaus Stoffliches auf.
Das Phlogiston wurde dadurch noch unbegreiflicher, daß man seine
Darstellung für unmöglich erklärte. Es sollte sich nämlich von keinem
Körper scheiden, wenn nicht ein anderer Körper zugegen sei, der es sofort
aufnehme.
Gegen den Ausgang des phlogistischen Zeitalters wurde der Versuch wieder
aufgenommen, das Wesen der chemischen Vorgänge aus einer Kraft zu
erklären, die man seit alters als Affinität oder chemische Verwandtschaft
bezeichnet hat. Dies geschah vor allem seit etwa 1775 durch den
schwedischen Chemiker und Mineralogen Bergman, dessen Ansichten bis
zum Beginn des 19. Jahrhunderts die herrschenden blieben. Bergman nahm
an, daß je zwei beliebige Stoffe eine Anziehung zueinander äußern müßten,
die ihrer Größe nach bestimmbar sei. Zu ein und demselben Stoffe besitzen
danach verschiedene Stoffe eine größere oder geringere Anziehung. »Wenn
man«, sagt Bergman, »auf eine Verbindung AB einen dritten Stoff C
wirken läßt, welcher B aus der Verbindung ausscheidet und an Stelle von B
mit A in Verbindung tritt, so erhält man statt AB eine neue Verbindung AC.«
Um daher die Verwandtschaft zweier Stoffe B und C gegen einen dritten A

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zu bestimmen, sei es nur nötig, zu untersuchen, ob einer dieser Stoffe den
anderen aus seiner Verbindung mit dem dritten ausscheide. Bergmans
ganze Vorstellungsart beruht auf der Annahme, daß die Affinität eine
unveränderliche Kraft sei, derart, daß ein Stoff, der aus einer Verbindung
durch einen anderen ausgeschieden wird, nicht wieder umgekehrt durch den
verdrängten Stoff ausgeschieden werden könne. Durch eine große Zahl
genauer, auch abgesehen von theoretischen Erwägungen wertvoller Versuche
gelangte Bergman zur Aufstellung von nicht weniger als 59
Verwandtschaftstafeln. Eine dieser Tafeln möge als Beispiel hier Platz
finden.

Kali
in der Lösung: beim Zusammenschmelzen:
Schwefelsäure Phosphorsäure
Salpetersäure Borsäure
Salzsäure Arsensäure
Phosphorsäure Schwefelsäure
Arsensäure Salpetersäure
Essigsäure Salzsäure
Borsäure Essigsäure.
Schweflige Säure
Kohlensäure
Das Kali besitzt danach bei gewöhnlicher Temperatur die größte Anziehung
zur Schwefelsäure. Letztere ist infolgedessen imstande, alle übrigen Säuren
aus ihrer Verbindung mit Kali abzuscheiden. Mit der Gegenüberstellung der
beiden Reihen wollte Bergman keine Abhängigkeit der Affinität von der
Temperatur zum Ausdruck bringen. Die Verwandtschaftsgrade sind zwar,
wie die zweite Reihe erkennen läßt, andere, wenn man die Körper nicht
durch Lösungsmittel, sondern durch Wärmezufuhr flüssig macht, sie ändern
sich aber nach Bergman nicht allmählich, sondern sind innerhalb jeder
Gruppe, d. h. unter gleichen Bedingungen konstant, vor allem, so nahm
Bergman an, sind sie von der Menge der chemisch aufeinander wirkenden
Stoffe unabhängig.

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Bergman führte auch den Begriff der doppelten Wahlverwandtschaft255 ein.
Doch waren Erscheinungen, die unter diesen Begriff fallen, schon weit
früher bekannt und richtig gedeutet worden256. Seine Bemühungen, die Größe
der Verwandtschaft ihrem absoluten Werte nach zu bestimmen, d. h. sie
ziffernmäßig auszudrücken, wurden von ihm selbst als fruchtlos aufgegeben.
Die doppelte Verwandtschaft, die Erscheinung nämlich, daß zwei
Verbindungen sich gegenseitig nach dem Schema AB + CD = AC + BD
zersetzen, untersuchte Bergman für zahlreiche Einzelfälle. Nach seiner
Lehre wird sie dadurch bedingt, daß die Summe der zwischen A und C oder
B und D wirkenden Anziehungen größer ist als die Summe der zwischen A
und B, beziehungsweise C und D wirkenden chemischen Kräfte. Letztere
betrachtete er ihrem Wesen nach als identisch mit der allgemeinen
Anziehung oder der Schwerkraft. Sie sollte nur durch die Gestalt und die
Größe der Moleküle beeinflußt sein und infolgedessen als chemische
Anziehung von wechselnder, indessen für die einzelnen Elemente
gleichbleibender Stärke in die Erscheinung treten.
Nach dem Sturz der Phlogistontheorie wurde auch Bergmans
Verwandtschaftslehre einer Revision unterzogen. Dies geschah durch
Berthollet, mit dessen Ansichten über die Affinität und deren Ursachen wir
uns in einem späteren Abschnitt beschäftigen werden.
Bergman verdient nicht nur als Theoretiker, sondern auch als Entdecker
neuer wichtiger Tatsachen und Methoden Beachtung. Zunächst einiges über
seinen Lebensgang. Tobern Bergman wurde 1735 in einem kleinen Orte
Westgothlands geboren. Er studierte in Upsala unter Linnés Einfluß
sämtliche Zweige der Naturwissenschaften. Im Jahre 1767 erhielt er dort die
Professur für Chemie, ohne bis dahin Arbeiten über dies Gebiet
veröffentlicht zu haben. Von diesem Zeitpunkte an bis zu seinem durch
Überanstrengung allzu früh herbeigeführten Tode (1784) hat Bergman die
Chemie durch eine große Reihe wichtiger Untersuchungen gefördert. Sein
Ruf drang auch ins Ausland. Friedrich der Große bemühte sich,
Bergman für die Berliner Akademie zu gewinnen. Letzterer lehnte jedoch
ab.
Den Anfängen der Analyse auf nassem Wege, bei der man den zu
untersuchenden Stoff zunächst in Lösung bringt, sind wir im 17. Jahrhundert
bei Boyle begegnet. Dem 18. Jahrhundert, und zwar vornehmlich
Bergman, blieb es vorbehalten, dies Verfahren zu einem wissenschaftlichen

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Hilfsmittel ersten Ranges auszubilden. Er gestaltete die Analyse auf nassem
Wege im wesentlichen in der Weise, wie man sie noch heute handhabt.
Insbesondere wandte er sie auf die Untersuchung von Mineralien an257.
Vermochte er eine Substanz nicht in Wasser zu lösen, so setzte er sie in fein
gepulvertem Zustande der Wirkung von Salz-, Salpeter- oder Schwefelsäure
aus. Für die wenigen Fälle, in welchen diese Mittel versagten, erfand
Bergman die Methode des Aufschließens. Sie besteht darin, daß man die
Substanz vor dem Hinzusetzen von Säuren mit kohlensaurem Alkali
(Pottasche) zusammenschmilzt. Erst durch diesen wichtigen Fortschritt in
der Kunst der Analyse wurde es möglich, in die Zusammensetzung der
Silikate einzudringen.
Eine andere wichtige Neuerung ist der Grundsatz, daß die Analyse nicht die
Bestandteile der zu untersuchenden Substanz völlig zu isolieren hat, sondern
daß es genügt, die Bestandteile in leicht kenntliche, ihrer Zusammensetzung
nach bekannte Verbindungen überzuführen. So bestimmte Bergman
Kohlensäure durch Kalkwasser, Schwefelsäure durch Chlorbarium, manche
Metalle nach der Fällung mit Alkali oder kohlensaurem Alkali in der Form
von Hydroxyden oder Karbonaten, die Metallkalke als kohlensaure Salze
usw. Endlich hat Bergman das Verdienst, unter Anwendung des
Lösungsverfahrens die quantitative Analyse begründet zu haben.
Unabhängig von Lavoisier, dem oft allein die Begründung der
quantitativen chemischen Untersuchung zugeschrieben wird, hat Bergman
von der Wage schon eine ausgedehnte Anwendung gemacht. Daß jene
ersten, von Bergman ausgeführten quantitativen Analysen zum Teil recht
ungenau waren, darf nicht Wunder nehmen. So fand er erhebliche Mengen
von Wasser in Mineralien, die chemisch gebundenes Wasser garnicht
enthalten, z. B. im Kalkspat (11%) und im Witherit (28%). Offenbar rührte
dies daher, daß Bergman die zu untersuchende Substanz noch nicht
genügend von der ihr in wechselndem Verhältnis beigemengten Feuchtigkeit
befreite.
Einige seiner Analysen weisen indes schon einen ziemlichen Grad von
Genauigkeit auf. So fand er für Kristallsoda und Gips folgende Werte:

Soda
Basis 20 ( statt 21,8)

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Säure 16 ( " 15,4)
Wasser 64 ( " 62,8)
100 (100)

Gips
Basis 32 ( statt 32,9)
Säure 46 ( " 46,3)
Wasser 22 ( " 20,8)
100 (100)
Die Ergebnisse der meisten von Bergman angestellten Mineralanalysen
weichen jedoch von den richtigen Werten so sehr ab, daß sie wertlos sind
und man in ihnen nur Bergmans Bemühen achten muß, als erster sich mit
so schwierigen Aufgaben, wie sie die quantitative Analyse der Mineralien
darbietet, befaßt zu haben.
Wir haben Bergmans Verdienste um die Chemie im allgemeinen kennen
gelernt. Einige seiner Einzeluntersuchungen dürfen aber auch nicht
unerwähnt bleiben, weil man ihnen die ersten wichtigen Aufschlüsse
verdankt. Sie betreffen den Salzgehalt der Mineralwässer und des Meeres,
sowie die chemische Zusammensetzung der drei Eisensorten,
Schmiedeeisen, Gußeisen und Stahl.
Zur Untersuchung der Mineralwässer258 benutzte Bergman eine große Zahl
von Reagentien. Er zeigte, daß Blutlaugensalz daraus Eisen als blauen,
Kupfer als braunen und Mangan als weißen Niederschlag fällt, daß Kalk
durch Oxalsäure, Chlor durch Silberlösung, Schwefelsäure durch
Chlorbarium ausgefällt werden. Er suchte die Bestandteile der
Mineralwässer in unlösliche Verbindungen überzuführen, trennte
verschiedene Salze durch Zusatz von Weingeist usw.
Bergman untersuchte ferner zuerst den Salzgehalt des Seewassers unter
dem Gesichtspunkte, daß er es verschiedenen Tiefen entnahm und den
Gehalt verglich. Neben Kochsalz fand er auch Chlormagnesium und
Calciumsulfat als Bestandteile des Meerwassers.
Grundlegend für das Verständnis der Eisenarten war seine vergleichende
Untersuchung von Schmiedeeisen, Stahl und Gußeisen. Er behandelte je eine

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Probe dieser drei Eisensorten mit Säure und fand, daß Schmiedeeisen am
meisten, Stahl weniger und Gußeisen am wenigsten Wasserstoff freimacht.
Daraus schloß er, daß Schmiedeeisen das reinste und Gußeisen das am
wenigsten reine Eisen ist, während Stahl eine mittlere Stelle einnimmt. In
Übereinstimmung hiermit hinterblieb denn auch beim Lösen von
Schmiedeeisen der geringste, beim Lösen von Gußeisen der größte
Rückstand. Letzteren erkannte er als Graphit. Er faßte dementsprechend die
Eisenarten ganz richtig als Vereinigungen von Eisen mit mehr oder weniger
Kohlenstoff auf. Bergman wies ferner nach, daß die sogenannte
»Kaltbrüchigkeit« des Eisens von einem Phosphorgehalt herrührt259. Es ist
bemerkenswert, daß die Entphosphorung des Eisens durch Zusatz von Kalk,
ein Verfahren, auf dem der heute in so großartigem Maßstabe eingeführte
Thomasprozeß beruht, schon um jene Zeit in Schweden in Vorschlag
gebracht wurde260.

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10. Der Eintritt der Chemie in das Zeitalter der quantitativen
Untersuchungsweise.
Eins der größten Ereignisse in der Entwicklung der Chemie war die den
Beginn einer neuen Epoche bedeutende Aufklärung des
Verbrennungsprozesses durch Lavoisier. Zwar hatte John Mayow schon
im 17. Jahrhundert die Verbrennung der Metalle ganz richtig als einen unter
Gewichtszunahme erfolgenden Hinzutritt eines Bestandteiles der Luft zu
dem Metall betrachtet. Mayows Versuchen und Ausführungen fehlte jedoch
noch die durchschlagende Beweiskraft, wie sie nur auf quantitativer
Grundlage erwachsen konnte. Auch fanden seine Arbeiten nicht die
verdiente Beachtung, ja sie waren in dem Zeitraum, der uns jetzt beschäftigt,
fast in Vergessenheit geraten, obgleich die Erklärung des
Verbrennungsprozesses gerade der Angelpunkt blieb, um den sich seitdem
die chemische Forschung gedreht hatte.
Daß Scheele nicht zum Verständnis der von ihm so musterhaft
durchforschten Erscheinungen hindurchdrang, lag daran, daß auch er nicht in
genügendem Maße die quantitativen Beziehungen, die zwischen ihnen
obwalten, berücksichtigte. Sobald dies geschah, mußte bei der Stufe, auf
welche die Chemie durch ihn und Priestley gelangt war, der Schleier, der
die Wahrheit verhüllte, mit einem Male fallen. Es bedurfte hierzu keiner
neuen Entdeckung, sondern nur der folgerichtigen Anwendung des Messens
und des Wägens auf den bekannt gewordenen Verlauf der Erscheinungen.
Diesen wichtigen Schritt getan zu haben, ist das unbestreitbare, große
Verdienst des Franzosen Lavoisier.
Die Verschiedenheit in dem Verfahren Lavoisiers und Scheeles tritt am
deutlichsten hervor, wo wir beide Forscher mit der Untersuchung desselben
Gegenstandes beschäftigt finden. Während des 17. Jahrhunderts hatte sich
besonders auf Grund eines durch van Helmont bekannt gegebenen
Versuches261 die Meinung gebildet, daß sich Wasser in feste, erdige Stoffe
verwandeln lasse. Im 18. Jahrhundert waren Zweifel hiergegen laut
geworden. Sowohl Scheele, wie auch Lavoisier ließen es sich angelegen
sein, die Entscheidung auf dem Wege des Experiments herbeizuführen. »Ich
goß«, sagt ersterer262, »ein halbes Lot destilliertes Schneewasser in einen

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gläsernen Kolben, der mit einem dünnen, eine Elle langen Halse versehen
war, und verschloß ihn mit einem genau passenden Kork. Darauf hing ich
diesen Kolben über einer brennenden Lampe auf und unterhielt das Wasser
zwölf Tage und Nächte in beständigem Kochen. Als es zwei Tage gekocht,
hatte es ein etwas weißliches Aussehen erhalten. Nach sechs Tagen war es
wie Milch, und am zwölften Tage schien es schon dick zu sein.« Der Kolben
zeigte sich auf seiner inneren Fläche, soweit das kochende Wasser gestanden
hatte, korrodiert. Und die das Wasser trübende, zum Teil darin gelöste
Substanz enthielt, wie die qualitative Untersuchung ergab, die Bestandteile,
welche das Glas zusammensetzen, nämlich Alkali, Kalk und Kieselsäure.
»Konnte ich«, fährt Scheele fort, »wohl länger zweifeln, daß das Wasser
durch das beständige Kochen das Glas zersetzen kann? Die Erde, die ich
erhielt, war von nichts weniger als aus dem Wasser entstanden.«
Ganz anders verfährt Lavoisier 263 und gelangt dennoch zu dem gleichen
Ergebnis. Ihm würde die qualitative Analyse der im Wasser befindlichen
Stoffe große Schwierigkeiten bereitet haben. Lavoisier bedarf einer solchen
aber auch garnicht, sondern er entscheidet die Frage auf rein quantitativem
Wege. Er bringt Wasser in ein Glasgefäß, wägt und verschließt es und erhält
den Inhalt etwa 100 Tage auf Siedewärme. Darauf zeigt es sich, daß das
entleerte Gefäß gerade so viel an Gewicht verloren hat, wie die von dem
Wasser gelösten und nach dem Verdampfen zurückbleibenden Stoffe wiegen.
Wie in diesem Falle, so verfuhr Lavoisier bei allen Untersuchungen. Die
qualitative Seite der von ihm studierten Vorgänge war meist durch die
Arbeiten der Phlogistiker genügend bekannt geworden. Durch die
Genauigkeit seiner Messungen und Wägungen, sowie durch die logische
Schärfe der daran sich anschließenden Folgerungen verstand es Lavoisier,
das verknüpfende Band zu finden und ein chemisches System, sowie eine
Nomenklatur zu schaffen, welche die Einreihung und die Beschreibung aller
bekannten und der später entdeckten Erscheinungen leicht ermöglichten.
Antoine Laurent Lavoisier wurde am 26. August des Jahres 1743 zu
Paris geboren. Sein Vater, welcher durch den Handel zu bedeutendem
Vermögen gelangt war, besaß ein großes Interesse für die
Naturwissenschaften und ließ seinen Sohn durch ausgezeichnete Gelehrte
darin unterrichten. Insbesondere fesselte den jungen Lavoisier, der auch
eine vorzügliche mathematische Ausbildung erhielt, die Chemie in ihrer
Anwendung auf das praktische Leben. Kaum 20 Jahre alt, löste er eine von

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der französischen Regierung gestellte technische Aufgabe. Großmütig
überließ er den ihm zugefallenen Preis seinen Mitbewerbern, um diesen die
ihnen erwachsenen Unkosten zu ersetzen, und begnügte sich mit der
gleichfalls an den Preis geknüpften Denkmünze. Mit 25 Jahren (1768) wurde
Lavoisier Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Bald darauf erhielt
er die Stelle eines Generalpächters. Die hohen Einkünfte, die damit
verbunden waren, verwandte er auf seine, bedeutende Mittel erfordernden
Experimentalarbeiten. Später übertrug man ihm die Verwaltung der Salpeter-
und der Pulverfabriken, eine Stellung für die Lavoisier seiner chemischen
Kenntnisse und seines Scharfblickes in allen praktischen Dingen wegen
hervorragend geeignet war.
Der wichtigste Vorläufer Lavoisiers war Mayow. Wir haben uns mit
seinen Versuchen und Anschauungen schon an früherer Stelle eingehend
beschäftigt (Bd. II, S. 190). Eine Untersuchung der Gewichtszunahme,
welche die Metalle beim Verkalken erfahren, rührt von dem französischen
Arzt Jean Rey ( † 1645) her. Die Abhandlung Reys erschien im Jahre
1630264. Rey wurde zu seiner Untersuchung durch eine Mitteilung eines
Apothekers angeregt. Letzterer hatte das Zinn, das er in einem eisernen
Kessel schmelzen und verkalken wollte, vorher gewogen. Nachdem sich
alles Zinn in den weißen Kalk verwandelt hatte, wog er die Masse wieder
und fand zu seinem Erstaunen, daß sie erheblich mehr wog als das in den
Kessel geschüttete Zinn. Er wandte sich deshalb an Rey mit der Bitte um
eine Erklärung dieser merkwürdigen Tatsache. Rey erkannte wohl, daß die
Luft bei der Verkalkung eine Rolle spielt. Er schrieb der Luft Schwere zu,
bevor Torricelli und Guericke ihre grundlegenden Versuche über den
Druck und das Gewicht der Luft angestellt hatten. Trotzdem kam Rey noch
nicht auf den Gedanken, daß die Verkalkung in der Vereinigung der Luft mit
dem Metall besteht. Er ist vielmehr der Ansicht, »die Luft vermische sich
mit dem Kalk und hänge nun fest an dessen kleinsten Teilchen«265.
Lavoisier hatte bei Boyle gelesen, daß Blei und Zinn, wenn man sie in mit
Luft gefüllten, verschlossenen Gefäßen erhitzt, unter Zunahme ihres
Gewichtes in die entsprechenden Metallkalke übergehen. Da sich diese
Erscheinung mit der herrschenden Theorie garnicht vereinigen ließ, faßte
Lavoisier den Entschluß, die Verkalkung durch Versuche und deren
vorurteilsfreie Deutung auf ihre wahre Ursache zurückzuführen. Er brachte
eine abgewogene Menge Zinn in eine Retorte, verschloß sie vollkommen
und erhitzte, bis das Zinn verkalkt war. Wurde die Retorte nach dem

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Erkalten von neuem gewogen, so zeigte es sich, daß ihr Gewicht dasselbe
geblieben. Die Annahme Boyles, die Verkalkung bestehe darin, daß ein
hypothetischer Stoff die Wände der Retorte durchdringe und mit dem Metall
eine Verbindung eingehe, erwies sich somit als unhaltbar. Nach dieser
Feststellung wurde die Retorte geöffnet; es drang Luft in sie hinein, und die
Retorte besaß infolgedessen jetzt ein größeres Gewicht. Die entstandene
Zinnasche wurde nun gewogen und es zeigte sich, daß der Zuwachs an
Gewicht, den die Retorte durch das Eindringen der Luft erfuhr, genau so
groß war, wie diejenige Zunahme, die vorher das Zinn innerhalb der Retorte
erfahren hatte. Diese Versuche ließen für die Verkalkung der Metalle keine
andere Deutung zu, als daß sich diese Stoffe unter entsprechender
Vermehrung ihres Gewichtes mit der Luft verbinden. Im Jahre 1772
berichtete Lavoisier der Akademie über diese Ergebnisse. Die gewonnene
Erkenntnis mußte jedoch unzulänglich bleiben, solange Lavoisier die
Zusammensetzung der Atmosphäre nicht bekannt war. Erst als Priestley
1774 bei einem Besuche in Paris Lavoisier mit dem Sauerstoff und dessen
Darstellung aus rotem Quecksilberoxyd vertraut gemacht hatte, war dem
französischen Forscher der Schlüssel zum vollen Verständnis seiner
Versuche gegeben.
Bald darauf erschien denn auch die Arbeit Lavoisiers, die das Wesen der
Verbrennung und der Reduktion in das klarste Licht stellte. Die
Verbrennung, welcher die Verkalkung der Metalle analog ist, besteht danach
in der Vereinigung des brennbaren Körpers mit dem einen, die Verbrennung
unterhaltenden Bestandteil der Luft, der »dephlogistisierten« oder
»Feuerluft« der früheren Chemiker, die Lavoisier zunächst als »reine Luft«
und später, nachdem er ihre Bedeutung für die Bildung der Säuren erkannt
hatte, als Sauerstoff bezeichnete.
»Die Chemie gibt«, sagt Lavoisier bei der Schilderung seiner Versuche,
»im allgemeinen zwei Mittel an die Hand, die Zusammensetzung einer
Substanz zu bestimmen, die Synthese und die Analyse. Man darf sich nicht
eher zufrieden geben, bis man diese beiden Arten der Prüfung hat vereinigen
können. Diesen Vorteil bietet die Untersuchung der atmosphärischen Luft;
sie läßt sich zerlegen und wieder zusammensetzen.«

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Abb. 27. Kolben zur Analyse der atmosphärischen Luft.
(Lavoisier, Oeuvres. Tome I, Pl. II, Fig. 14.)

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Abb. 28. Die Analyse der atmosphärischen Luft durch Erhitzen von Quecksilber
in einer abgeschlossenen Luftmenge.
(Lavoisier, Oeuvres, Tome I, Pl. IV, Fig. 2.)

Lavoisier nahm einen langhalsigen Kolben (Abb. 27) von etwa 36
Kubikzoll Inhalt. Er bog ihn in der Weise, daß er in einen Ofen MMNN
gelegt werden konnte, während das Ende E unter der Glocke FG in eine
Quecksilberwanne RR mündete (Abb. 28). In diesen Kolben brachte er 4
Unzen sehr reines Quecksilber. Darauf führte er einen Heber unter die
Glocke FG und sog, bis sich das Quecksilber bis LL gehoben hatte. Er
bezeichnete dieses Niveau sorgfältig und beobachtete genau den
Barometerstand und die Temperatur.
Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, zündete Lavoisier in dem
Ofen ein Feuer an und erhitzte das Quecksilber ununterbrochen zwölf Tage
lang bis zu seinem Siedepunkte.
Während des ersten Tages ereignete sich nichts Bemerkenswertes. Am
zweiten Tage sah er, wie auf der Oberfläche des Quecksilbers kleine rote
Flecken auftraten. Sie nahmen bis zum fünften Tage an Zahl und Größe zu.

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Darauf hörten sie auf zu wachsen und verblieben in demselben Zustande.
Sobald die Verkalkung des Quecksilbers keinen Fortschritt mehr machte,
ließ Lavoisier das Feuer ausgehen und die Gefäße erkalten. Das Volumen
der gesamten Luft, die sich in dem Kolben und unter der Glocke befand,
betrug, auf einen Druck von 28 Zoll und 10° Temperatur reduziert, vor dem
Versuche fünfzig Kubikzoll. Nach der Beendigung des Versuches waren
unter den gleichen Temperatur- und Druckverhältnissen nur noch 42-43
Kubikzoll vorhanden. Es hatte demnach eine Verminderung des Volumens
um etwa 1/6 stattgefunden. Lavoisier sammelte darauf die rote Masse, die
sich gebildet hatte, sorgfältig und befreite sie, so viel wie möglich, vom
Quecksilber. Ihr Gewicht betrug 45 Gran266.
Die Luft, welche nach diesem Versuch zurückblieb und durch die
Verkalkung des Quecksilbers auf 5/6 ihres ursprünglichen Volumens
vermindert war, erwies sich weder zur Atmung, noch zur Verbrennung mehr
geeignet. Tiere, die man hineinbrachte, starben nach wenigen Augenblicken,
und ein Licht erlosch darin sofort.
Darauf brachte Lavoisier die 45 Gran der entstandenen roten Substanz in
ein kleines Glasgefäß. Letzteres setzte er mit einem zum Auffangen etwaiger
flüssiger und gasförmiger Produkte geeigneten Apparat in Verbindung. Als
er das Gefäß erhitzte, begann der rote Körper an Umfang zu verlieren und in
wenigen Minuten war er ganz verschwunden. Gleichzeitig hatten sich in
dem kleinen Rezipienten 41½ Gran flüssiges Quecksilber verdichtet, und
unter der Glocke waren 7-8 Kubikzoll eines Gases aufgetreten, das viel
besser als die atmosphärische Luft die Verbrennung und Atmung zu
unterhalten imstande war.
»Diesem Gas«, sagt Lavoisier, »das Priestley, Scheele und ich fast
gleichzeitig entdeckten, will ich den Namen Sauerstoff geben, weil es eine
seiner wichtigsten Eigenschaften ist, Säuren zu bilden, indem es sich mit den
meisten Substanzen vereinigt. Beim Nachdenken über die Umstände dieses
Versuches erkennt man, daß das Quecksilber, indem es sich verkalkt, den
respirablen Teil der Luft aufnimmt, und daß der Teil der Luft, der übrig
bleibt, unfähig ist, die Verbrennung und die Atmung zu unterhalten. Die
atmosphärische Luft ist also aus zwei Gasen von verschiedener, man möchte
fast sagen entgegengesetzter, Natur zusammengesetzt.«
Die Probe auf diese wichtige Entdeckung machte Lavoisier in folgender
Weise: Er vereinigte die beiden Gase wieder in dem aufgefundenen

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Verhältnis (42 : 8) und erhielt auf diese Weise ein Gas, das in jeder Hinsicht
mit der atmosphärischen Luft übereinstimmt und in demselben Maße wie
diese geeignet ist, die Verbrennung, die Atmung und die Verkalkung der
Metalle zu unterhalten.
Erhitzte Lavoisier die rote Quecksilberasche nicht für sich, sondern unter
Zusatz von Kohle, so bildete sich an Stelle von Sauerstoff »fixe Luft«.
Letztere, so folgerte Lavoisier, kann also nur in der Vereinigung von
Kohlenstoff und Sauerstoff bestehen. Dieser Schluß findet eine weitere
Bestätigung, indem Lavoisier beim Verbrennen von Holzkohle in
Sauerstoff gleichfalls »fixe Luft« (CO2) erhält. Dasselbe Gas trat auf, als er
anstatt Holzkohle Diamant nahm, der vermittelst großer Brennspiegel in
einem mit Sauerstoff gefüllten Glasgefäß entzündet wurde. Erst durch diese
Abänderung des etwa 100 Jahre früher in Florenz gemachten Versuches war
das Wesen jenes merkwürdigen Minerals erkannt; der Diamant war danach
nichts als kristallisierter Kohlenstoff. Eine andere merkwürdige
Erscheinung, die man mit dem Florentiner Versuch gar nicht in Einklang
bringen konnte, die Erscheinung nämlich, daß der Diamant, in Kohlenpulver
verpackt, der größten Hitze ausgesetzt werden kann, ohne sich zu verändern,
fand jetzt gleichfalls ihre Erklärung. Der Diamant ist eben eine
unschmelzbare Substanz, welche durch die Hitze nicht etwa als solche
verflüchtigt wird, sondern sich nur bei Gegenwart von Sauerstoff in eine
gasförmige Verbindung, in »fixe Luft« oder Kohlendioxyd verwandelt.
In einer die Verkalkung betreffenden, an Boyle anknüpfenden quantitativen
Arbeit vom Jahre 1772 hatte Lavoisier seine Untersuchung auch auf
Phosphor und Schwefel ausgedehnt und für diese Körper eine analoge, mit
ihrer Verbrennung Hand in Hand gehende Vermehrung des Gewichtes
festgestellt. Was lag näher, als diese Vermehrung gleichfalls auf eine
Vereinigung mit dem Sauerstoff zurückzuführen? Lavoisier brachte
deshalb in eine durch Quecksilber abgesperrte Luftmenge Phosphor, den er
zum Teil verbrannte. Nach Beendigung dieser Verbrennung ließ sich der
übrige Phosphor schmelzen und ins Sieden bringen, ohne daß wieder eine
Entzündung eingetreten wäre. Letztere erfolgte erst, wenn von neuem Luft
unter die Glocke gelangt war.

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Abb. 29. Die Verbrennung von Phosphor unter einer Glasglocke.
(Lavoisier, Oeuvres. Tome I. Pl. IV, Fig. 3).

Die Verbrennung des Phosphors in reinem Sauerstoff bewerkstelligte
Lavoisier folgendermaßen: Er füllte eine Glasglocke von etwa 6 Litern
Inhalt mit Sauerstoff und brachte 61¼ Gran Phosphor hinein. Das
Quecksilber stand in der Glocke auf der Höhe EF. Darauf entzündete
Lavoisier den Phosphor mit einem gebogenen, erhitzten Eisen. Die
Verbrennung vollzog sich sehr rasch unter bedeutender Entwicklung von
Wärme und Licht. Im ersten Augenblicke fand infolge der Erwärmung eine
beträchtliche Ausdehnung des Sauerstoffes statt; bald aber stieg das
Quecksilber über sein früheres Niveau hinaus, und es trat eine beträchtliche
Abnahme ein. Gleichzeitig bedeckte sich das ganze Innere der Glocke mit
weißen Flocken.
Die Menge des Sauerstoffs betrug unter Berücksichtigung aller Korrekturen
zu Beginn des Versuches 162 Kubikzoll; am Ende desselben waren nur noch

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23¼ Kubikzoll vorhanden; die absorbierte Menge betrug also 138¾
Kubikzoll oder 69,375 Gran. Der Phosphor war nicht gänzlich verbrannt, es
verblieben in dem Schälchen einige Stücke, die gewaschen wurden, um sie
von den entstandenen weißen Flocken zu trennen. Sie ergaben getrocknet ein
Gewicht von etwa 16¼ Gran.
Die Menge des verbrannten Phosphors ergab sich demnach gleich 45 Gran.
Bei diesem Versuch hatten sich also 45 Gran Phosphor mit 69,375 Gran
Sauerstoff verbunden. Da nichts Wägbares durch das Glas entweichen
konnte, so mußte das Gewicht der Substanz, welche bei dieser Verbrennung
entstanden war und sich in weißen Flocken abgesetzt hatte, gleich der
Summe der Gewichte des Sauerstoffs und des Phosphors sein, also gleich
114,375 Gran.
Diese Beispiele zeigen uns, wie Lavoisier bestrebt war, jeden Vorgang
qualitativ und quantitativ zu verfolgen. Die erhaltenen Ergebnisse weichen
allerdings oft von den heutigen Werten nicht unbeträchtlich ab. Über die
qualitative Seite des zuletzt geschilderten Vorgangs berichtet Lavoisier
folgendes: »Der Phosphor verwandelt sich infolge seiner Verbrennung, mag
sie in gewöhnlicher Luft oder in Sauerstoff stattfinden, wie erwähnt, in eine
weiße, flockige Substanz und erhält ganz neue Eigenschaften. Er wird nicht
nur löslich in Wasser, während er vorher darin unlöslich war, sondern er
zieht auch die in der Luft enthaltene Feuchtigkeit erstaunlich schnell an und
wird zu einer Flüssigkeit von viel größerem spezifischem Gewicht als
Wasser. Vor seiner Verbrennung ist der Phosphor fast geschmacklos; durch
seine Vereinigung mit Sauerstoff nimmt er einen stark sauren Geschmack an.
Er geht endlich aus der Klasse der brennbaren Substanzen in diejenige der
unverbrennlichen über und wird das, was man eine Säure nennt.«
Da sich bei der Vereinigung von Phosphor und Schwefel mit Sauerstoff die
Anhydride von Phosphorsäure und schwefliger Säure bilden, von denen das
letztere durch weitere Oxydation und Zutritt von Wasser in Schwefelsäure
übergeht, so wurde das bisher als reine Luft bezeichnete Gas von Lavoisier
als säurebildendes Prinzip angesprochen. Diese Ansicht, welche später, als
man in der Salz- und in der Blausäure sauerstofffreie Verbindungen kennen
lernte, eine wesentliche Einschränkung erfuhr, fand durch Lavoisiers
Untersuchung der Salpetersäure267 eine wesentliche Stütze. Lavoisier löste
eine abgewogene Menge Quecksilber in Salpetersäure (HNO3) auf; dabei
entwickelte sich das von Priestley als Salpeterluft (NO2) bezeichnete Gas.

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Wurde die nach dem Eindampfen erhaltene Verbindung (Hg[NO3]2) erhitzt,
so fand eine weitere Entwicklung von Salpeterluft statt, und es blieb rotes
Quecksilberoxyd zurück268, das beim Glühen in Sauerstoff und ein der
angewandten Menge gleiches Quantum Quecksilber zerfiel. Da das
Quecksilber völlig wieder erhalten wurde, konnten der Sauerstoff und die
Salpeterluft nur der Salpetersäure entstammen. Durch die Vereinigung dieser
beiden Gase mit Wasser gelang es Lavoisier, auch die Salpetersäure
wiederherzustellen und so durch die Synthese seinen Schlüssen doppeltes
Gewicht zu verleihen.
Völlig aufgeklärt wurde die chemische Natur der Salpetersäure durch das
Hinzutreten einer wichtigen, von dem Phlogistiker Cavendish
herrührenden Entdeckung. Ausgehend von Priestleys Beobachtung, daß die
Luft durch fortgesetzte Einwirkung des elektrischen Funkens eine chemische
Veränderung erleidet, zeigte Cavendish, daß sich hierbei die Gemengteile
der Luft zu Salpetersäure verbinden269. Durch diesen synthetischen Versuch
und die von Lavoisier herrührende Analyse war die hinsichtlich der
Salpetersäure gestellte Aufgabe gelöst. Daß der durch Sättigen von
Salpetersäure mit Alkali erhaltene Salpeter gleichfalls Sauerstoff enthält,
wies Lavoisier dadurch nach, daß sich beim Erhitzen von Salpeter mit
Kohle fixe Luft (CO2) entwickelt.
Wie die Verbrennung, so wurde durch die neue Theorie auch die Atmung in
das rechte Licht gestellt. Sie besteht nach Lavoisier in der Verbindung von
Sauerstoff mit den Bestandteilen der organischen Substanz. Wie bei der
Verbrennung, so wird auch hierbei Wärme frei. In dem wesentlichsten
Erzeugnis der Atmung, dem Kohlendioxyd, stammt der Kohlenstoff aus dem
Organismus, der Sauerstoff dagegen aus der Atmosphäre. Die Analogie
zwischen beiden Vorgängen wird von Lavoisier ferner daraus erschlossen,
daß er Kohlendioxyd und Wasser auch bei der Verbrennung organischer
Substanzen, wie Alkohol, Öl und Wachs, erhielt. Indem Lavoisier aus der
Menge des entstandenen Kohlendioxyds und Wassers den Kohlenstoff- und
Wasserstoffgehalt der verbrannten Substanzen ermittelte, wurde er zum
Begründer der Elementaranalyse.
Den Vorgang der Gärung faßte Lavoisier ganz richtig auf als den Zerfall
einer ternären, d. h. einer aus drei Elementen (C, H und O) bestehenden
organischen Verbindung, des Zuckers nämlich, in den eine relativ geringere
Menge Sauerstoff enthaltenden Alkohol und das binäre, an Sauerstoff reiche

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Kohlendioxyd. Ließe sich eine Vereinigung des Alkohols mit dem
Kohlendioxyd bewirken, so müßte sich, wie Lavoisier ganz richtig
ausführt, wieder Zucker ergeben.
Sein weiteres Bemühen war darauf gerichtet, für die von ihm untersuchten
Substanzen das Gewichtsverhältnis ihrer Bestandteile festzustellen. So
bestimmte er die quantitative Zusammensetzung des Kohlendioxyds, indem
er eine abgewogene Menge Kohle vermittelst Mennige oxydierte. Aus dem
Gewichtsverlust, den die Mennige dabei erlitt, berechnete er für
Kohlendioxyd 72,1% Sauerstoff, ein Ergebnis, das dem wahren Wert
(72,7%) ziemlich nahe kommt.
Zu Beginn der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts gelangte Lavoisier durch
seine eigenen und die von Cavendish geführten Untersuchungen auch über
die Natur des Wassers vollkommen ins reine. Cavendish hatte 1781 den
Nachweis geliefert, daß sich bei der Vereinigung von Wasserstoff und
Sauerstoff ausschließlich Wasser bildet, wobei sich 100 Raumteile
Sauerstoff mit 201,5 Raumteilen Wasserstoff verbinden sollten. Erst viel
später erkannte man, daß in Wahrheit das einfache Verhältnis 100 : 200
obwaltet. Auf die Synthese ließ Lavoisier die Analyse des Wassers folgen,
indem er Dampf durch eine Röhre leitete, in der sich glühendes Eisen
befand. Bei diesem Versuche wurde das Eisen unter Freiwerden von
Wasserstoff oxydiert. Die Zersetzung von 100 Gewichtsteilen Wasser ergab
eine durch den Sauerstoff des letzteren bewirkte Zunahme des Eisens um 85
Teile, während 15 Teile Wasserstoff aufgefangen wurden, ein Resultat, das
von der Wahrheit erheblich abwich, da spätere Versuche für die Elemente
des Wassers das Verhältnis 89 : 11 ergeben haben.
In der Mitte der 80er Jahre stand die antiphlogistische Theorie, deren
Entwicklung wir in vorstehendem kennen gelernt haben, in ihren
Grundzügen vollendet da. Einige Jahre später erfuhr sie durch Lavoisier
eine lichtvolle Darstellung in seinem Lehrbuch der Chemie, dem die im
vorstehenden mitgeteilten Proben seiner Experimentierkunst entnommen
sind.
Alles Bemühen, die Phlogistontheorie zu retten, war vergeblich; sie wurde
mit Scheele und Priestley zu Grabe getragen. Indes sollte Lavoisier die
allgemeine Anerkennung der neuen Lehre nicht mehr erleben270. Das Jahr, in
welchem sein soeben erwähntes Lehrbuch erschien, war auch das
Geburtsjahr der französischen Revolution. Die konstituierende

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Nationalversammlung hatte noch Lavoisiers Dienste in Anspruch
genommen. Während der Schreckenszeit erinnerte man sich aber der
einflußreichen Stellung, die er unter dem Königtum bekleidet hatte, und
verurteilte ihn auf die nichtige Anklage hin, daß die von ihm verwaltete
Regie den Tabak verschlechtert habe, zum Tode. Als ein Freund den Mut
besaß, den Richtern gegenüber Lavoisiers Verdienste um die Wissenschaft
hervorzuheben, erhielt er die den tollen Geist des Aufruhrs kennzeichnende
Antwort: »Nous n'avons plus besoin des savants.« So starb denn Lavoisier
gefaßt und ruhig am 8. Mai des Jahres 1794.
Der Einfluß, welchen die von ihm geschaffenen Lehren und Methoden
ausgeübt haben, ist ein gewaltiger gewesen. Die Chemie trat jetzt der
Astronomie und der Physik, die gleichfalls ihr Emporblühen der Befolgung
des quantitativen Verfahrens verdankten, als ebenbürtig an die Seite. Mit
dem Auftreten Lavoisiers gelangte ferner ein Grundsatz zu allgemeiner
Anerkennung, der für das quantitative Verfahren eine unerläßliche
Vorbedingung bildet. Es ist dies der Satz, daß bei chemischen Vorgängen
nichts entsteht und nichts vergeht, sondern daß die Summe der in den Prozeß
eintretenden Stoffe eine unveränderliche Größe ist. Gegen diesen Satz, der
fast selbstverständlich zu sein scheint und dennoch das Ergebnis der
Erfahrung ist, wurde sogar noch von hervorragenden Chemikern des 18.
Jahrhunderts gefehlt271.
Mit gleicher Schärfe erfaßte Lavoisier den von Boyle herrührenden
Begriff des chemischen Elementes. Er versteht darunter jede Substanz, die
nicht in einfachere zerlegt werden kann. Als Elemente in diesem Sinne
gelten ihm die damals allein bekannten schweren Metalle und die als
Metalloide bezeichneten Grundstoffe, nämlich Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel und Phosphor. Die Alkalien und die Erden
hätten der gegebenen Erklärung gemäß zwar auch als Elemente betrachtet
werden müssen, doch spricht Lavoisier schon die Vermutung aus, daß diese
in mancher Hinsicht den Metallkalken ähnlichen Stoffe Verbindungen bisher
unbekannter Metalle mit Sauerstoff seien, eine Vermutung, welche durch die
späteren elektrochemischen Forschungen eine glänzende Bestätigung
erhalten sollte.
Lavoisier stand mit seinen Ansichten lange allein. Zuerst neigten sich
seiner Lehre bedeutende Physiker und Mathematiker zu, unter denen vor
allem Laplace zu nennen ist. Es fehlte diesen Männern jedoch auf dem

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Gebiete der Chemie die erforderliche Autorität, um den neuen, umwälzenden
Anschauungen zum Siege zu verhelfen. Der erste hervorragende Vertreter
dieser Wissenschaft, der sich zur antiphlogistischen Theorie bekannte, war
Berthollet. Seine Untersuchungen über die chemische Verwandtschaft sind
für die spätere Entwicklung der physikalischen Chemie von großer
Wichtigkeit gewesen.
Berthollets Leben ist mehr als dasjenige irgend eines anderen Forschers
mit den großen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen verknüpft
gewesen, die Frankreich im Revolutionszeitalter erfuhr. Eine Schilderung
dieser Gelehrtenlaufbahn läßt erkennen, in welchem Grade der gewaltige
Aufschwung und die Entfaltung aller Volkskräfte des damaligen Frankreichs
mit dem Emporblühen der Experimentalwissenschaft und der Technik Hand
in Hand gingen.
Claude Louis Berthollet wurde 1748 in Savoyen geboren. Er widmete
sich zunächst dem Studium der Medizin und wurde 1772 in Paris Leibarzt
des Herzogs von Orleans. In dieser Stellung fand er Muße, sich eingehend
mit chemischen Untersuchungen zu beschäftigen. Letztere betrafen wie
diejenigen Lavoisiers die Rolle der atmosphärischen Luft und trugen
Berthollet im Jahre 1780 die Mitgliedschaft der Akademie der
Wissenschaften ein. Bald darauf übertrug ihm die Regierung die technische
Aufsicht über ihre Färbereien. Die Folge davon war, daß diese Betriebe mit
vielen Verbesserungen versehen wurden, die Berthollet in einem Werke
zusammenfassend dargestellt hat. Zu diesen Verbesserungen gehörte, um
eine der bekanntesten zu erwähnen, die Anwendung des Chlors als
Bleichmittel.
Eine ganz hervorragende Tätigkeit auf dem Gebiete der technischen Chemie
entfaltete Berthollet, als sein Vaterland infolge des Ausbruchs der
Revolutionskriege vom Auslande abgeschnitten und ganz auf seine eigenen
Hilfsquellen angewiesen war. Insbesondere waren es die Stahlbereitung und
die Salpeterfabrikation, die unter Berthollets Führung einen großen
Aufschwung nahmen. Die Revolutionsstürme würden Berthollet wie
Lavoisier vernichtet haben, wenn ihn die damaligen Machthaber nicht für
unentbehrlich gehalten hätten. Berthollet wurde im Jahre 1792 zum Leiter
des Münzwesens und bald darauf zum Mitglied einer Kommission ernannt,
der es oblag, die Wohlfahrt des Landes durch die Pflege der Gewerbe und

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der Landwirtschaft zu heben. Gleichzeitig wurde Berthollet zum Lehrer
der Chemie an die École normale berufen.
Nach der Eroberung Italiens sandte das Direktorium Berthollet dorthin, um
unter den wissenschaftlichen Werken jenes Landes diejenigen auszusuchen,
die nach Paris gesandt werden sollten. Bei dieser Gelegenheit wurde
Berthollet mit Napoleon bekannt, der gleich Friedrich dem Großen den
exakten Wissenschaften im wohlverstandenen eigenen Interesse stets eine
rege Anteilnahme und Förderung angedeihen ließ. Berthollet hat Napoleon
Vorträge über Chemie gehalten und ihn auf seinem Zuge nach Ägypten
begleitet. Trotz aller Gunstbezeugungen, mit denen Napoleon nach seiner
Krönung den großen Forscher überhäufte, erniedrigte sich dieser niemals
zum schmeichlerischen Höfling, sondern bewahrte sich die biedere und
furchtlose Ehrenhaftigkeit, die ihn auch während der wildesten Erregung der
Revolutionszeit nicht verlassen hatte. Nach dem Sturze des Kaisers zog sich
Berthollet auf einen Landsitz in dem nahe bei Paris gelegenen Arcueil
zurück. Dieser kleine Ort hat dadurch in der Geschichte der Wissenschaften
einen Namen erhalten, daß sich dort um Berthollet die hervorragendsten
Gelehrten des Landes zu einer wissenschaftlichen Gesellschaft, der Société
d'Arcueil, vereinigten. In den Abhandlungen dieser Gesellschaft272 ist manche
hervorragende Experimentaluntersuchung jener Zeit veröffentlicht worden.
Berthollet starb im Jahre 1822.
Daß Berthollet der erste Chemiker war, welcher der antiphlogistischen
Lehre beipflichtete, wurde schon hervorgehoben. Seine eigenen Arbeiten
hatten ihn im Beginn der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts zu der
Erkenntnis geführt, daß Phosphor, Arsen und Schwefel sich unter
Gewichtszunahme mit Sauerstoff zu Säuren verbinden. Berthollet war es
auch, welcher die chemische Natur des Ammoniaks, des
Schwefelwasserstoffs und der Blausäure durch grundlegende Versuche
erschloß. Nachdem Priestley nachgewiesen, daß das Ammoniakgas unter
der Einwirkung elektrischer Entladungen sein Volum vergrößert, bestimmte
Berthollet jene Volumvergrößerung (es findet bekanntlich eine
Verdopplung des Volumens statt). Er wies nach, daß sich dabei das
Ammoniak in Wasserstoff und Stickstoff spaltet. Dieses Ergebnis hat später
Gay-Lussac verwertet, als er die Volumverhältnisse untersuchte, nach
denen die Gase sich zu chemischen Verbindungen vereinigen273. Auch für
Gay-Lussacs Untersuchung über die Cyanverbindungen hat Berthollet
die Grundlage geschaffen, indem er feststellte, daß die Blausäure (HCN) nur

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aus Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff zusammengesetzt ist. Daß
Schwefelwasserstoff (H2S) nur aus Schwefel und Wasserstoff besteht und
nicht, wie man vorher angenommen, auch Sauerstoff enthält, wurde
gleichfalls von Berthollet entdeckt. Seine Arbeiten über das Chlor, die wir
an anderer Stelle als die Vorarbeiten zu Davys Theorie der
Wasserstoffsäuren zu betrachten haben, führten ihn zur Entdeckung des
Kaliumchlorats (KClO3) und der diesem Salz zugrunde liegenden Säure.
Nicht minder wie die Experimentalchemie und die chemische Technik wurde
die theoretische Chemie durch Berthollet gefördert. Hier waren es vor
allem seine umfangreichen Untersuchungen über das Wesen der chemischen
Verwandtschaft, die seinen Ruhm begründeten.
Die früheren Bemühungen, zu einiger Klarheit über die Affinität oder
chemische Verwandtschaft zu gelangen, führten zu keinem Ergebnis, weil
man die bei den chemischen Vorgängen obwaltenden physikalischen
Bedingungen nicht berücksichtigte. Gegen diese Einseitigkeit bedeuten
Berthollets »Untersuchungen über die Gesetze der Verwandtschaft«274 trotz
der Mängel und Unrichtigkeiten, welche dieser Arbeit anhaften, einen
erfolgreichen Protest. »Sollen wir«, beginnt Berthollet, »zu einer
wohlbegründeten Theorie der Verwandtschaft und dadurch zu einer
Erklärung der chemischen Erscheinungen gelangen, so werden wir alle
Umstände, welche auf diese Erscheinungen Einfluß haben, in Erwägung
ziehen müssen.«
Bis sich Berthollet mit diesem Gegenstande beschäftigte, galten die seit
1775 auf zahlreiche Versuche gegründeten Ansichten Bergmans 275, nach
denen die Affinität als eine konstante, von äußeren Bedingungen wenig
beeinflußte Größe betrachtet wurde. Demgegenüber bestand das Ziel der
Bertholletschen Untersuchung darin zu beweisen, »daß die
Wahlverwandtschaften nicht als absolute Kräfte wirken«. Man müsse, fügt
Berthollet hinzu, wenn man die Wirksamkeit zweier Stoffe vergleichen
wolle, sowohl auf die Verwandtschaftskraft als auch auf die Menge sehen.
Daß Berthollet gerade auf die Bedeutung des letzteren Faktors ein solch
großes Gewicht legte, daß er schließlich auch zu unrichtigen Folgerungen
sich verleiten ließ, wird aus seiner Erklärung der Affinität begreiflich. Er
betrachtete sie nämlich als identisch mit der Schwerkraft. Und wie diese
durch die Massen bestimmt sei, so müsse auch die chemische Anziehung
als ein besonderer Fall jener allgemeinen Kraft von den Massen der

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aufeinander wirkenden Stoffe abhängig sein. Die allgemeine Anziehung
wirke bei den chemischen Umsetzungen anders wie zwischen entfernten
Massen, weil sie im ersteren Falle durch die Gestalt und vor allem durch den
Zusammenhang der Teilchen, ihr Verhalten zu Lösungsmitteln, ihre
Flüchtigkeit usw. bedingt werde.
Den zuletzt erwähnten Einfluß, die Flüchtigkeit nämlich, erörtert
Berthollet in durchaus zutreffender Weise. Wenn ein Stoff, so führt er aus,
im Augenblicke seiner Abscheidung aus einer Verbindung in den flüchtigen
Zustand übergehe, so trage der in Gasform entwichene Teil nicht mehr zum
Widerstande bei; er wirke daher nicht mehr durch seine Masse. Der
wirkende Stoff könne dann eine vollständige Zersetzung hervorrufen. Man
brauche daher nicht mehr davon anzuwenden, als gerade zu der Verbindung,
in die er übergeführt werden solle, nötig sei. Ein Beispiel biete die leicht
flüchtige Kohlensäure, wenn sie mit irgend einer Basis verbunden sei, und
ihr eine andere, weniger flüchtige Säure entgegengesetzt werde. Diese
andere Säure sei imstande, selbst wenn sie eine schwächere Verwandtschaft
gegen die Basis besitze, die Kohlensäure aus ihrer Verbindung abzuscheiden.
Die frühere Klassifikation der Verwandtschaften, die auf der Voraussetzung
beruhte, daß eine Säure die andere nur durch die als eine absolute Kraft
wirkende Verwandtschaft ausscheide, wurde durch die Betonung dieses
neuen Gesichtspunktes erheblich ins Wanken gebracht, zumal als zweites
bestimmendes Moment für chemische Umsetzungen durch Berthollet die
Löslichkeit oder die Unlöslichkeit der entstehenden Verbindungen erkannt
wurde. Wie sich Berthollet die Rolle der Schwerlöslichkeit – Kohäsion
lautet sein Ausdruck – dachte, möge folgende Betrachtung lehren.
Wirkt auf eine Verbindung ab, z. B. schwefelsaures Natrium, ein Stoff c, der
imstande ist, mit einem Bestandteil jener Verbindung einen unlöslichen
Körper zu bilden, z. B. Barium in irgend einer löslichen Verbindung, so wird
ab durch c vollkommen zersetzt, und es bildet sich in unserem Falle
Bariumsulfat, weil diese Verbindung unlöslich ist, niederfällt und damit in
ähnlicher Weise aus dem Bereich der Affinitätswirkungen ausscheidet, wie
es andere Verbindungen infolge ihrer Flüchtigkeit tun. Daß c sich mit dem
Bestandteil a der Verbindung ab in Form eines Niederschlags ac abscheidet,
beweist somit durchaus noch nicht, daß c eine größere Affinität zu a besitzt
als b. Wirkten die Affinitäten allein, so würde sich c auf a und b verteilen.
Der Teil von c, der sich mit a verbindet, scheidet aber infolge seiner

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Unlöslichkeit jedesmal aus, so daß endlich a völlig an c gebunden wird,
wenn letzteres im Überschusse wirkt. Wenn also in einem Stoffe dadurch,
daß er sich mit einem anderen in einem bestimmten Verhältnis verbindet, ein
Bestreben in den Zustand der Festigkeit überzugehen entsteht, so wird durch
eben dieses Bestreben notwendig eine Abscheidung jener Verbindung
unabhängig von dem Spiel der Affinitäten bewirkt.
Den Einfluß derartiger physikalischer Verhältnisse, wie sie in der
Flüchtigkeit und im Verhalten zu Lösungsmitteln gegeben sind, bei der
Betrachtung der Verwandtschaftserscheinungen zuerst gewürdigt zu haben,
ist das bleibende Verdienst Berthollets.
Auch der Wirkung der Wärme wird in durchaus zutreffender Weise
Rechnung getragen, ohne daß die theoretischen Ansichten Berthollets über
die Natur der Wärme hierbei von Belang wären. Ein Beispiel möge dies
dartun. Vergegenwärtigen wir uns die oben276 mitgeteilte
Verwandtschaftstafel Bergmans, so besitzt danach die Phosphorsäure zum
Kali, wenn die Umsetzung auf nassem Wege vor sich geht, eine geringere
Affinität als Schwefelsäure, während die Schwefelsäure in ihrer
Verwandtschaft zum Kali der Phosphorsäure nachsteht, wenn die Reaktion
auf trockenem Wege, d. h. beim Schmelzfluß, erfolgt. Diese Verschiedenheit
des Verhaltens führt Berthollet vollkommen richtig auf die Flüchtigkeit der
einen und die Feuerbeständigkeit der anderen Säure zurück. »Es ist,« sagt er,
»eine Wirkung der Wärme, daß alle feuerbeständigen Säuren diejenigen, die
flüchtig sind, bei hinlänglich erhöhter Temperatur aus ihren Verbindungen
austreiben. Und da sie untereinander in Ansehung dieser Eigenschaft sehr
verschieden sind, so sind gewisse Säuren in Ansehung auf einige Säuren als
beständig, in bezug auf andere dagegen als flüchtig zu betrachten.« Eine
solche Mittelstellung nimmt z. B. die Schwefelsäure ein. Sie scheidet bei
mittlerer Temperatur Salzsäure und Salpetersäure aus ihren Salzen aus,
während sie selbst bei höherer Wärme aus ihren Verbindungen durch
Phosphorsäure befreit wird. Und zwar geschieht dies, wie Berthollet
hinzufügt, unabhängig von dem Grade der Verwandtschaft. Letztere wird am
vollkommensten dann wirken, wenn sich kein Stoff durch Fällung oder
durch die Annahme des gasförmigen Zustandes der chemischen Reaktion
entzieht, nämlich dann, wenn die entstehenden Verbindungen in Lösung
bleiben. Mischt man z. B. schwefelsaures Kalium mit einer Basis, so wird
sich der Säurerest, wenn alles gelöst bleibt, im Verhältnis der wirkenden
Affinitäten, aber auch im Verhältnis der wirkenden Mengen auf die Metalle

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verteilen. Oder, ein ähnlicher Fall, setzen wir zu gelöstem schwefelsaurem
Kalium Salpetersäure, so wird ebenfalls, wenn alles gelöst bleibt, nach dem
Gesetz der chemischen Massen, d. h. des Faktors, der sich aus der Affinität
und der Menge des wirkenden Stoffes ergibt, eine Verteilung des einen
Stoffes auf die beiden anderen stattfinden. »Wenn zwei Basen«, so lautet
Berthollets Ausdruck für den ersten Fall, »auf eine Säure wirken, so
verteilt sich die Säure im Verhältnis der chemischen Kräfte der Basen«277.
Durch übertriebene Betonung dieser Prinzipien, die Berthollet in seinem
großen Werke über die chemische Statik weiter ausführte, kam er zu der
irrigen Ansicht, daß zwei Stoffe sich auch nach stetig sich ändernden
Verhältnissen verbinden. Der sich hieraus ergebende Widerspruch mit der
von Dalton und Proust bald darauf begründeten Lehre von den festen und
multiplen Proportionen wird an anderer Stelle erörtert werden.
Berthollets großes Verdienst bleibt der Nachweis der Massenwirkung, d. h.
der Tatsache, daß der Verlauf einer Reaktion nicht allein durch die Natur der
Stoffe bestimmt wird, sondern auch durch die bei einer Reaktion
obwaltenden Mengenverhältnisse, durch die mitunter geradezu
Umkehrungen von Reaktionen herbeigeführt werden. »Der Umstand«,
bemerkt Berthollet bei der Erläuterung derartiger Fälle, »der beweist, daß
die chemischen Wirkungen ebensowohl von der Menge als von der
Verwandtschaft der Stoffe abhängen, ist dieser, daß man, um
entgegengesetzte Resultate zu erhalten, oft nur die Quantität der Stoffe zu
ändern braucht.«
Eine wichtige Rolle spielte zu Beginn des antiphlogistischen Zeitalters der
Kampf der Meinungen über die chemische Natur des Chlors. Scheele hatte
diesen merkwürdigen Stoff entdeckt, als er Salzsäure auf Braunstein wirken
ließ. Er bezeichnete das Chlor vom Standpunkte der Phlogistontheorie als
»dephlogistisierte Salzsäure«. Scheele nahm nämlich an, die Salzsäure
enthalte »Phlogiston«. Und dieser hypothetische Stoff278 sollte der Salzsäure
durch den Braunstein entzogen werden. Durch Lavoisier wurden die
Vorgänge der Oxydation und der Reduktion ihrem eigentlichen Wesen nach
erkannt. Lavoisier hielt den Sauerstoff für das säurebildende Prinzip. Wie
die Säuren des Phosphors, des Schwefels und anderer Radikale oder
Elemente, so sollte auch die Salzsäure eine Verbindung des Sauerstoffs mit
einem dem Phosphor oder Schwefel entsprechenden Radikal (radical
muriatique) sein.

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Einige Versuche schienen darauf hinzudeuten, daß auch das Chlor eine
Sauerstoffverbindung sei. So hatte Berthollet die Abscheidung von
Sauerstoff unter gleichzeitiger Bildung von Salzsäure beobachtet, als er in
Wasser gelöstes Chlor dem Sonnenlichte aussetzte. Dieser Versuch wurde als
eine Zerlegung des Chlors in Sauerstoff und Salzsäure gedeutet. Chlor
erschien somit als ein höheres Oxyd des Radikals der Salzsäure. Aus diesem
Grunde wurde das Chlor als oxydierte Salzsäure bezeichnet.
Den Nachweis, daß Chlor keinen Sauerstoff enthält, sondern ein Grundstoff
ist, führten erst Gay-Lussac 279 im Jahre 1808 und Davy 1809. Als Gay-
Lussac aus dem Chlor durch Reduktion mittelst Phosphor Salzsäure
abzuspalten suchte, traten weder das Oxyd des Phosphors noch Salzsäure in
die Erscheinung. Das Chlor verband sich vielmehr mit dem Phosphor zu
einer neuen, als Chlorphosphor bezeichneten Substanz. Ähnlich verhielt
sich, wie Davy nachwies, das reine Chlor gegen Metalle. Wurden z. B. Zinn
und Chlor zusammengebracht, so verschwanden beide, und es entstand eine
helle Flüssigkeit (Chlorzinn, SnCl4). Für die elementare Natur des Chlors
sprach auch der Umstand, daß sich das Chlor nicht veränderte, wenn man es
in Gefäßen, auf die es chemisch nicht zu wirken vermochte, einer sehr hohen
Temperatur aussetzte. Die Schwierigkeit, über die chemische Natur des
Chlors ins reine zu kommen, war dadurch hervorgerufen worden, daß man
mit Chlor bei Gegenwart von Wasser experimentiert hatte. Sobald man
wasserfreie Reagenzien benutzte, trat bei Versuchen mit Chlor auch keine
Salzsäure auf. Die irrtümliche Bezeichnung »oxydierte Salzsäure« mußte
also in Fortfall kommen. Sie wurde von Davy durch den Namen Chlor (von
χλωρός, grün) ersetzt280.

Page 181

11. Die Aufstellung der atomistischen Hypothese und ihre
experimentelle Begründung.
Als Lavoisier und Cavendish die Mengenverhältnisse, nach denen die
Elemente zu chemischen Verbindungen zusammentreten, in den Bereich
ihrer Untersuchung zogen, machten sie schon stillschweigend die
Voraussetzung, daß diese Verhältnisse für scharf charakterisierte
Verbindungen unveränderliche Größen seien. Das Quantitative konnte ja nur
dann die Grundlage für die weitere Entwicklung der Chemie abgeben, wenn
es die Bedeutung eines Naturgesetzes besaß. Demnach mußte die erste
Aufgabe eines neuen Zeitalters in dem Nachweis bestehen, daß dies der Fall
sei. Daran knüpfte sich dann weiter der Versuch einer ursächlichen
Erklärung der chemischen Vorgänge und der bei diesen auftretenden
Gesetzmäßigkeiten.
Um den Nachweis des Gesetzes von der Konstanz der Gewichtsverhältnisse
hat sich der Franzose Proust 281 sehr verdient gemacht. Ihm gelang es, die
entgegengesetzte, von seinem Landsmann Berthollet 282 vertretene Ansicht,
daß die Elemente in veränderlichen, von äußeren Umständen abhängenden
Verhältnissen sich verbinden, nach langem Streite und auf Grund zahlreicher
Analysen zu widerlegen. Die Ansicht Berthollets, daß zwischen zwei
Verbindungen, wie sie z. B. Schwefel und Eisen (FeS, FeS2) oder Zinn und
Sauerstoff (SnO, SNO2) bilden, alle Übergänge möglich seien, ließ Proust
nicht gelten. Er führte diesen Irrtum darauf zurück, daß Berthollet anstatt
der vermeintlichen Übergangsstadien Gemenge jener Verbindungen in der
Hand gehabt habe, und lieferte den Nachweis, daß, wenn zwischen zwei
Elementen mehrere Verbindungen bestehen, die Änderung in der
Zusammensetzung nicht allmählich, sondern sprungweise erfolgt. Geht z. B.
Zinnoxydul, das 11,9% Sauerstoff enthält, durch weitere Aufnahme dieses
Elementes in Zinnoxyd über, so erfolgt dieser Übergang durch einen Sprung
auf eine andere bestimmte Menge Sauerstoff, nämlich auf 21,3%. Dasselbe
Verhalten zeigten auch Metalle, die sich in mehreren Verhältnissen mit
Schwefel verbinden. Proust dehnte seine Untersuchung auch auf die
Verbindungen von Kupfer, Eisen, Nickel, Antimon, Gold, Silber,
Quecksilber, sowie auf die organischen Substanzen aus. Für alle in Betracht

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gezogenen Fälle ergab sich das Vorhandensein jener von ihm behaupteten
Gesetzmäßigkeit. Für die Vereinigung von Säuren und Basen unter Bildung
von Salzen war die Konstanz der Gewichtsverhältnisse schon vor Proust
durch den deutschen Chemiker Richter nachgewiesen worden; doch war
die Arbeit dieses Mannes insbesondere ihrer dunklen Ausdrucksweise wegen
zunächst fast unbeachtet geblieben. Die ersten Versuche, durch die Analyse
eines Stoffes das Verhältnis seiner Bestandteile zu ermitteln, gingen
wahrscheinlich von der alten philosophischen Ansicht aus, daß alles nach
Maß und Gewicht geordnet sei. Die früheste wissenschaftliche Arbeit, die
sich mit dem Nachweise bestimmter Verhältnisse beschäftigt, rührt von
Wenzel 283 her. Sie erschien 1777 unter dem Titel »Lehre von der
Verwandtschaft der Körper« und befaßte sich mit den
Gewichtsverhältnissen, nach denen sich Säuren und Basen zu Salzen
vereinigen. An Wenzels Untersuchungen knüpfte Richter an. Bei Wenzel
findet sich auch schon das Massenwirkungsgesetz angedeutet. In diesem
Punkte erscheint er als der Vorläufer Berthollets 284. Erst später, als
Berzelius die Gewichtsverhältnisse der Atome bestimmte, zeigte sich die
grundlegende Bedeutung der Untersuchungen Wenzels und Richters.
Jeremias Benjamin Richter wurde 1762 in Schlesien geboren285. Er
wirkte zuerst als Bergwerksbeamter in Breslau und darauf als Angestellter
der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin. Die Eigenart Richters
besteht darin, daß fast alle seine Arbeiten auf eine Anwendung der
Mathematik auf die Chemie abzielen. Dies spricht sich schon in dem Titel
seiner Erstlingsarbeit aus286. Richter ging so weit, daß er die Chemie für
einen Teil der angewandten Mathematik erklärte. Sein Hauptwerk führt den
Titel »Stöchiometrie oder Meßkunst chymischer Elemente«287. Es erschien
1792-1802.
Richters Verdienst besteht darin, daß er für die Säuren und die Basen den
Äquivalentbegriff schuf. Der Gang seiner Untersuchung war der folgende.
Er bestimmte die Gewichtsmengen der ihm bekannten Basen, welche ein
und dieselbe Menge, z. B. 1000 Gewichtsteile, Schwefelsäure gerade
neutralisieren. Die erhaltenen Werte nannte er die Neutralitätsreihe der
Basen. Diese Werte mögen für einige Basen, nach Richters Angaben auf
1000 Teile Schwefelsäure berechnet, hier folgen. Sie sind in hohem Grade
ungenau und nur dadurch von Wert, daß sie die erste Tafel der
Äquivalentgewichte darstellen:

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Ammoniak 672
Kalk 793
Natron 859
Kali 1605
usw.
Das Zweite war, daß Richter eine ähnliche »Neutralitätsreihe« der ihm
bekannten Säuren mit Bezug auf eine bestimmte Menge einer Basis
ermittelte. Sei die Basis Kalk, von dem nach ihm 793 Gewichtsteile durch
1000 Gewichtsteile Schwefelsäure neutralisiert werden, so ergeben sich für
einige der übrigen bekannten Säuren folgende Äquivalente für die zugrunde
liegende Basis:
Kohlensäure 577
Salpetersäure 1405
Oxalsäure 755
Schwefelsäure 1000
usw.
Den Wert solcher Tafeln erblickte Richter darin, daß sie die
Zusammensetzung aller aus der Verbindung je einer Basis mit je einer Säure
entstehenden neutralen Salze zu berechnen gestatten, wenn nur die
Äquivalente der Basen und der Säuren in den beiden Tafeln enthalten sind.
So würde z. B. salpetersaurer Kalk die Basis und die Säure im Verhältnis
793 : 1405 enthalten, da 1000 Gewichtsteile Schwefelsäure, die 793 Teile
Kalk sättigen, 1405 Teilen Salpetersäure äquivalent sind.
Eine Fortsetzung und Erweiterung fanden die stöchiometrischen
Untersuchungen durch Dalton, mit dessen Hauptwerk, dem »Neuen System
der chemischen Wissenschaft« wir uns jetzt näher befassen müssen.
John Dalton wurde im Jahre 1766288 als Sohn eines armen englischen
Webers geboren. Nachdem er die Schule verlassen hatte, erteilte er in seinem
Heimatsorte Elementarunterricht. Es gelang ihm, sich so weit fortzubilden,
daß er mit 27 Jahren eine Stelle als Lehrer der Mathematik und der Physik
am »New College« in Manchester einnehmen konnte. Später gab er diese
Stelle auf und erwarb sich seinen Unterhalt, indem er in den größeren
Städten Englands Vorlesungen über die Fortschritte der Naturwissenschaften
hielt. Äußere Ehren hat Dalton nicht gesucht. Selbst als sein Ruhm weit

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über die Grenzen des Vaterlandes hinaus gedrungen war, blieb er der
bescheidene Privatgelehrte, der in dem Forschen nach der Wahrheit seine
größte Befriedigung fand. Dalton war Mitglied der Royal Society. Als das
Alter herannahte, wurde ihm vom Könige eine kleine Pension ausgesetzt.
Dalton starb im Jahre 1844 in Manchester.
Proust hatte bei seinen Analysen der verschiedenen Oxydations- und
Schwefelungsstufen eines und desselben Elementes die Ergebnisse in
Prozenten angegeben. Vergleicht man die so erhaltenen Zahlen, z. B. für die
oben erwähnten Oxyde des Zinns289 (11,9% und 21,3%), so lassen sie keine
einfache Beziehung erkennen. Dalton, welcher den Nachweis der
konstanten Gewichtsverhältnisse insbesondere auf gasförmige Verbindungen
auszudehnen suchte, kam auf den glücklichen Gedanken, die
Zusammensetzung für gleiche Gewichtsmengen des mit Sauerstoff
verbundenen Elementes zu berechnen. Dann ergeben sich z. B. für die
Oxyde des Zinns, auf 100 Gewichtsteile dieses Elementes berechnet, 13,5,
bezw. 27 Gewichtsteile Sauerstoff, oder für die Oxyde des Stickstoffs, mit
welchen Dalton sich vorzugsweise beschäftigte, auf 14 Gewichtsteile
Stickstoff 8, 16, 24, 32, 40 Gewichtsteile Sauerstoff. Indem Dalton diese
Mengen verglich, entdeckte er eins der wichtigsten Gesetze der Chemie. Es
zeigte sich nämlich, daß die Gewichtsmengen Sauerstoff, die mit einer
bestimmten Menge Zinn oder Stickstoff zu Oxyden zusammentreten, unter
sich in einem einfachen Verhältnis stehen. Diese Gewichte verhalten sich
nämlich wie die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5. Oder die in die höheren
Oxydationsstufen eingehenden Mengen sind einfache Multipla derjenigen
Menge, die in der niedersten Oxydationsstufe enthalten ist. Dalton hat diese
Untersuchungen, die um 1802 stattfanden, mit demselben Erfolge auf die
Oxyde des Kohlenstoffs, sowie auf die Verbindungen des Kohlenstoffs mit
Wasserstoff ausgedehnt. Von den Kohlenstoffverbindungen analysierte er
das kurz vorher290 entdeckte Äthylen (C2H4) und das Grubengas (CH4). Er
fand, daß sich darin die mit der gleichen Menge Kohlenstoff verbundenen
Wasserstoffmengen wie 1 : 2 verhalten.
Damit war trotz der großen Mängel, welche der analytischen Chemie und
ihren Ergebnissen um 1800 noch anhafteten, durch Dalton das zweite
Fundamentalgesetz der Chemie entdeckt, das alle späteren Untersuchungen
nur bestätigen konnten. Dies »Gesetz von den multiplen Proportionen«
besagt, daß verschiedene Mengen eines Elementes (in dem letzten Beispiel
Wasserstoff), die sich mit der gleich bleibenden Menge eines anderen (in

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dem letzten Beispiel Kohlenstoff) zu chemischen Verbindungen vereinigen,
unter sich einfache Multipla sind.
An die Entdeckung wichtiger Gesetze hat sich jederzeit das Bemühen
geknüpft, eine Vorstellung über die Natur der Dinge zu gewinnen, die mit
den entdeckten Regeln so weit in Einklang steht, daß letztere als eine
notwendige Folge jener Vorstellung erscheinen. Diesen wichtigen Schritt auf
der Bahn der Erkenntnis an die Auffindung des Gesetzes von den Multiplen
angeschlossen zu haben, ist gleichfalls das Verdienst Daltons, welcher
dadurch eine der Grundlagen aller seitherigen naturwissenschaftlichen
Betrachtung schuf.
»Schon die Beobachtungen über die verschiedenen Aggregatszustände,« sagt
Dalton, »müssen zu dem Schlusse führen, daß alle Körper aus einer
ungeheuren Anzahl von äußerst kleinen Teilchen oder Atomen bestehen, die
miteinander durch eine je nach den Umständen stärkere oder schwächere
Anziehungskraft verbunden sind.«
Ob die letzten Teilchen eines Stoffes, z. B. des Wassers, alle gleich sind, d. h.
von derselben Gestalt, demselben Gewicht usw., ist dann die zweite Frage.
Man habe indessen, meint Dalton, keinen Grund, eine Verschiedenheit
dieser Teile anzunehmen. Bestände eine solche z. B. beim Wasser, so müßte
sie gleicherweise in den Elementen, die das Wasser bilden, hervortreten.
Wären einige Wasserteilchen leichter als andere, und würde ein Teil der
Flüssigkeit bei irgend einer Gelegenheit aus solchen leichteren Teilchen
gebildet, so müßte dies das spezifische Gewicht des Wassers beeinflussen,
ein Umstand, der indessen nicht bekannt sei. Ähnlich verhalte es sich mit
jeder anderen Verbindung. Daraus müsse man schließen, daß die letzten
Teilchen aller homogenen Stoffe in Gewicht, Gestalt usw. völlig gleich sind.
Die Zahl dieser Teilchen könne aber keine unendliche, sondern sie müsse in
einem gegebenen Volumen eine begrenzte sein, wie auch in einem
gegebenen Teile des Weltalls die Zahl der Gestirne nicht unbegrenzt sein
könne. Die chemische Synthese und Analyse besteht nach Dalton in einer
Trennung und Wiedervereinigung der Atome. Neuerschaffung oder
Zerstörung eines Stoffes sind unmöglich. »Wir können,« sagt Dalton,
»ebensowohl versuchen, einen neuen Planeten dem Sonnensystem
einzuverleiben oder einen vorhandenen zu vernichten, als ein Atom
Wasserstoff zu erschaffen oder zu zerstören. Alle Änderungen, die wir

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hervorbringen können, bestehen in der Trennung von Atomen, die vorher
verbunden und in der Vereinigung solcher, die vorher getrennt waren.«
Aus diesen Betrachtungen ergibt sich die Aufgabe, das Gewicht der Atome
zu bestimmen. Atomgewichte nach ihrer absoluten Größe zu ermitteln, war
Dalton zwar nicht in der Lage; wohl aber versuchte er auf Grund gewisser
Annahmen die verhältnismäßige Schwere der kleinsten Teilchen
festzustellen. Gibt es z. B. zwischen zwei Stoffen nur eine chemische
Verbindung, so besteht die einfachste Annahme darin, daß sie sich durch
Aneinanderlagerung von je einem Atom des einen und je einem Atom des
anderen Elementes gebildet habe. In diesem Falle würde das
Mengenverhältnis mit dem relativen Gewicht der Atome übereinstimmen.
Nach Dalton trifft jene Voraussetzung z. B. für Wasser und Ammoniak zu;
es war nämlich damals nur eine Wasserstoffverbindung des Sauerstoffs,
sowie des Stickstoffs bekannt. Unter der Annahme, daß diese Verbindungen
sich durch Aneinanderlagerung von je zwei Teilchen der betreffenden
Elemente bilden, ergab sich das Atomgewicht des Sauerstoffs = 7 und
dasjenige des Stickstoffs = 5. Genauere Analysen würden die Werte 8 und
4,6 geliefert haben. Wir bezeichnen diese Mengen, die einem Gewichtsteil
Wasserstoff entsprechen, als Äquivalentgewichte. Sie ergeben erst mit der
Valenz der betreffenden Elemente multipliziert die Atomgewichte. So ist das
Atomgewicht des zweiwertigen Sauerstoffs 16 (2 × 8) und dasjenige des
dreiwertigen Stickstoffs 14 (3 × 4,6).
Wie das Gesetz von der Konstanz der Gewichtsverhältnisse, so erscheint
auch das Gesetz von den multiplen Proportionen als eine Folge der
atomistischen Hypothese. Gibt es nämlich zwischen zwei Elementen
mehrere Verbindungen, so wird man annehmen dürfen, daß sich je ein Atom
des ersten Elementes mit je einem, zwei, drei Atomen des zweiten vereinigt.
Die zweite Verbindung muß dann, weil ja die Atome unter sich gleich
schwer sind, in bezug auf die unverändert gebliebene Menge des ersten
Elementes die zweifache, die dritte Verbindung dagegen die dreifache
Gewichtsmenge des zweiten Elementes besitzen. So ist das Kohlenoxyd eine
binäre Verbindung, die aus einem Atom Sauerstoff und einem Atom
Kohlenstoff besteht. Die ternäre291 Kohlensäure dagegen besteht aus einem
Atom Kohlenstoff und zwei Atomen Sauerstoff, da mit der gleichen
Gewichtsmenge des ersten die doppelte Menge des zweiten Elementes
verbunden ist.

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Ein weiterer Fortschritt bestand darin, daß Dalton Symbole in die Chemie
einführte. So bezeichnete er z. B. Wasserstoff mit ⊙, Sauerstoff mit ○ ,
Schwefel mit ⊕; Schwefelsäureanhydrid bekam das Zeichen ○ /⊕/ ○ ○ , da
jedes seiner Teilchen aus einem Atom Schwefel und drei Atomen Sauerstoff
zusammengesetzt ist. Die heutige Bezeichnungsweise, Wasserstoff = H,
Sauerstoff = O, Schwefel = S, Schwefelsäureanhydrid = SO3 rührt von
Berzelius her.
Die von Dalton ermittelten Atomgewichte waren noch sehr ungenau. Einige
der wichtigsten sind:
Atomgewicht von nach Dalton richtiger Wert
Sauerstoff 7 8 (16)
Natrium 21 23
Kalium 35 39
Silber 100 108
Für Natron und Kali, die Dalton in seiner Atomgewichtstafel noch als
Elemente aufzählte, ergaben sich aus ihren Verbindungen mit Säuren die
Zahlen 28 und 42. Nach Davys Entdeckung sind Natron und Kali
Metalloxyde292. Natron mußte daher als eine Verbindung von einem Atom
Metall (21) mit einem Atom Sauerstoff (7) angesehen werden, während Kali
aus einem Atom Metall (35) und einem Atom Sauerstoff (7) bestand.
Das Gesetz von den multiplen Proportionen wurde fast zur selben Zeit, als
Dalton seine Theorie begründete, auch von dem Engländer Wollaston an
den Salzen der Oxalsäure nachgewiesen. Daß sich die Oxal- oder die
Kleesäure, die wir als zweibasische Säure kennen
COOH
( | )
COOH
mit einigen Basen in verschiedenen Verhältnissen verbindet, war schon
bekannt. Wollaston 293 stellte sich die Aufgabe, die mit der gleichen Menge
Basis sich verbindenden Säuremengen zu ermitteln und durch die
Ausdehnung seiner Untersuchung auf zahlreiche Fälle festzustellen, ob sich
in den ermittelten Zahlenverhältnissen eine Regelmäßigkeit, ein Gesetz,
kundgibt. Wollastons Befunde bejahten diese Frage. Er wies z. B. nach,

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daß sich die Mengen Kleesäure, die sich mit der in allen drei Fällen gleichen
Menge Kali verbinden, genau wie 1 : 2 : 4 verhalten294.
Die Abhandlung, in der Wollaston über seine Versuche berichtet, ist auch
deshalb von großem Interesse, weil uns darin schon an der Wiege der
Atomtheorie die Frage nach der räumlichen Anordnung der Atome begegnet,
eine Frage, die später in den Mittelpunkt der chemischen Spekulation
gerückt wurde. Wollaston macht nämlich bei der Besprechung des
übersauren oxalsauren Kaliums, bei dem auf ein Äquivalent Kali vier
Äquivalente Säure kommen, folgende Bemerkung. Wenn auf ein Atom der
einen Art (das Wort Atom wurde damals auch für die kleinsten Teile der
Verbindungen gebraucht) vier Atome der anderen Art kämen, so könne
stabiles Gleichgewicht eintreten, wenn das erste Atom die Mitte und die vier
anderen die Ecken eines regulären Tetraeders bildeten. Wollaston schuf
also genau dieselbe Vorstellung, nach der sich der Begründer der
Stereochemie, van't Hoff, im Grubengase die vier Wasserstoffatome um
das vierwertige Kohlenstoffatom gruppiert dachte.
Wollaston ist jedoch vorsichtig genug, die von ihm ersonnene geometrische
Anordnung der Grundbestandteile einer Verbindung als ganz hypothetisch
hinzustellen. Ihre Bestätigung oder Ablehnung sei erst von späteren
Beobachtungen zu erwarten. Ja, es sei vielleicht zu kühn, zu hoffen, daß die
geometrische Anordnung der Atome jemals bekannt sein werde.
Nachdem die atomistische Hypothese Geltung gefunden, bestand die nächste
Aufgabe der Experimentalchemie in einer möglichst genauen Bestimmung
der Äquivalente. Eine solche mußte nicht nur für die Analyse von der
größten Wichtigkeit sein, sondern auch die Grundlage für alle weiteren
Spekulationen bilden. Galt es doch, die Frage zu entscheiden, ob die
erhaltenen Zahlen die wahren relativen Gewichte der Atome seien und ob
ferner, dies vorausgesetzt, sich einfache Beziehungen zwischen den
Atomgewichten ergeben würden.
Spekulationen, die sich nicht auf eine hinreichend sichere Grundlage stützen,
haben sich fast immer als übereilt erwiesen. Dies lehrt auch die weitere
Entwicklung der Atomtheorie. Vergleicht man die von Dalton 1803
veröffentlichte Tabelle mit der später in seinem »neuen Systeme«
mitgeteilten, so muß auffallen, daß die hier gegebenen Atomgewichte
durchweg ganze Zahlen sind, während die Tabelle vom Jahre 1803,

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abgesehen von dem als Einheit geltenden Atomgewicht des Wasserstoffs,
solche überhaupt nicht enthält.
So lauten seine Verhältniszahlen:
1803 1808
für Wasserstoff 1 1
" Stickstoff 4,2 5
" Kohlenstoff 4,3 5
" Sauerstoff 5,5 7
" Phosphor 7,2 9
Diesen Abrundungen wurde durch den Engländer Prout, der sich um die
Experimentalchemie kaum verdient gemacht hat, eine reale Bedeutung
beigelegt. Prout nahm an, daß die wahren Atomgewichte ganze Zahlen und
daß die Abweichungen, welche die Analyse ergibt, auf Fehler
zurückzuführen seien. Auf Grund dieser irrigen Voraussetzung, die lediglich
aus der weitgehenden Unsicherheit der analytischen Ergebnisse entsprang,
führte Prout sämtliche Elemente auf den Wasserstoff als Urmaterie zurück.
Die Atome der Grundstoffe sollten sich durch Aneinanderlagern einer
verschieden großen Zahl von Wasserstoffatomen gebildet haben, woraus
dann notwendig folgen würde, daß die Atomgewichte einfache Multipla
desjenigen von Wasserstoff sind. Diese Hypothese Prouts, in der man zuerst
das wahre Grundgesetz der Chemie erblicken wollte, ließ sich mit den
späteren Ergebnissen der Analyse jedoch nicht vereinigen. Sie hat aber das
Gute im Gefolge gehabt, daß sie zu immer schärferen Bestimmungen der
Atomgewichte anregte. Der Mann, der sich dieser Aufgabe besonders
unterzog, weil er erkannt hatte, daß über den Wert oder Unwert einer
Hypothese nur die Tatsachen entscheiden können, war Berzelius.
Johann Jakob Berzelius 295 wurde am 29. August des Jahres 1779 als Sohn
eines Lehrers in Schweden geboren. Er studierte unter manchen
Entbehrungen in Upsala Medizin und Chemie. Seine ersten Arbeiten
betrafen die Analyse einer Heilquelle und die Wirkung der damals soeben
entdeckten galvanischen Elektrizität auf chemische Verbindungen. Seit dem
Jahre 1807 bekleidete Berzelius eine Lehrstelle für Chemie und Pharmazie
an der medizinischen Schule in Stockholm. Einige Jahre später wurde er
zum Präsidenten der dortigen Akademie der Wissenschaften ernannt.
Berzelius 296 hat wie kein anderer ausländischer Forscher die Entwicklung

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der Chemie in Deutschland beeinflußt. Mitscherlich, Heinrich und
Gustav Rose, Magnus, Wöhler und viele andere haben in seinem
Laboratorium gearbeitet und zwar zu einer Zeit, als wissenschaftliche
Werkstätten in Deutschland noch kaum anzutreffen waren. Selbst in dem
Laboratorium, das Berzelius eingerichtet hatte, waren die zum Forschen
nötigen Hilfsmittel noch so unvollkommen und spärlich, daß man kaum
begreift, wie Berzelius zu der ihm nachzurühmenden Genauigkeit seiner
Ergebnisse gelangen konnte. Mit den deutschen Forschern blieb Berzelius
in engster persönlicher und wissenschaftlicher Fühlung. Davon zeugen seine
wiederholten Besuche in Deutschland und vor allem der ausgedehnte
Briefwechsel, den er mit Wöhler unterhielt297.
Berzelius starb am 7. August des Jahres 1848. Seine Verdienste um die
gesamte Chemie und um die Mineralogie sind ganz hervorragend. Sie
müssen aber zum größten Teil an anderer Stelle betrachtet werden. Hier
fesselt nur seine Mitarbeit an dem Ausbau der Atomtheorie, in deren
experimenteller Begründung Berzelius seine wichtigste Aufgabe erblickte.
»Ich überzeugte mich bald durch neue Versuche,« sagt er298, »daß Daltons
Zahlen die Genauigkeit fehlte, die für die praktische Anwendung seiner
Theorie erforderlich war. Ich erkannte, daß zuerst die Atomgewichte einer
möglichst großen Zahl von Grundstoffen, vor allem der gewöhnlichen, mit
möglichster Genauigkeit ermittelt werden müßten. Ohne eine solche Arbeit
konnte auf die Morgenröte kein Tag folgen. Es war dies damals der
wichtigste Gegenstand der chemischen Forschung, und ich widmete mich
ihm in rastloser Arbeit. Nach zehnjährigen Mühen konnte ich im Jahre 1818
eine Tabelle herausgeben, die nach meinen Versuchen berechnete
Atomgewichte und Angaben über die Zusammensetzung von etwa 2000
Verbindungen enthält.«
Einige Werte aus dieser Tabelle mögen dem Leser einen Begriff von der
Genauigkeit der Berzeliusschen Untersuchungen geben299.
Kohlenstoff 12,12 (11,97),
Sauerstoff 16,00 (15,96),
Schwefel 32,3 (31,98),
Stickstoff 14,18 (14,00),
Chlor 35,47 (35,4),
Blei 207,4 (207),

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Kupfer 63,4 (63,3).
Es möge hier in aller Kürze gezeigt werden, wie Berzelius die
Gewichtsverhältnisse und das Gesetz von den multiplen Proportionen an den
drei Oxyden des Bleis nachwies. 10 g Blei wurden in reiner Salpetersäure
aufgelöst300. Die Lösung wurde in einen abgewogenen Kolben gegossen und
eingedampft. Der Rückstand wurde geglüht. Es entstanden 10,78 g
Bleioxyd301. Es würden somit 100 Teile Blei, um sich in Bleiglätte (Bleioxyd)
zu verwandeln, 7,8 Teile Sauerstoff aufnehmen. Für die Mennige ergab ein
umständliches Verfahren, daß sie aus 100 Teilen Blei und 11,07 Teilen
Sauerstoff zusammengesetzt ist. Durch Behandeln von Mennige mit
Salpetersäure stellte Berzelius eine dritte Bleiverbindung, das braune
Bleioxyd, her302. Fünf Gramm braunes Bleioxyd, das durch Auswaschen von
allem anhängenden salpetersauren Blei befreit und getrocknet war, wurde in
einem gewogenen Platintiegel geglüht. Es verlor dadurch 0,325 g Sauerstoff.
Die rückständigen 4,675 g gelbes Oxyd hinterließen beim Auflösen in Essig
schwefelsaures Blei und Kieselerde, die geglüht 0,13 g wogen. Die übrigen
4,545 g gelbes Oxyd enthielten 0,33 g Sauerstoff oder bis auf 0,005 g das
nämliche, was das braune Oxyd durch Glühen verloren hatte. Es nehmen
also 100 Teile Blei, um sich in braunes Oxyd zu verwandeln, doppelt so viel
Sauerstoff auf, als sich im gelben Bleioxyd befindet303.
Auf die Erforschung der Gewichtsverhältnisse und der darin sich
aussprechenden Gesetzmäßigkeiten wurde Berzelius, bevor er mit
Daltons Theorie bekannt geworden war, schon durch das Studium der halb
vergessenen Schriften des deutschen Chemikers Richter geführt. Richter
hatte um 1790 die Lehre von den chemischen Proportionen durch seine an
früherer Stelle304 erwähnten Untersuchungen über die Gewichtsverhältnisse,
nach denen Säuren und Basen in Verbindung treten, begründet. Berzelius
erkannte die Wichtigkeit dieser Arbeit und bemühte sich, durch die
möglichst genaue Analyse einiger Salze die Zusammensetzung anderer
Salze, die aus den ersteren hergestellt werden können, abzuleiten. Er hatte
nämlich im Anschluß an Richter gezeigt, daß für alle Salze derselben Säure
das Verhältnis der in der Basis und in der Säure enthaltenen
Sauerstoffmengen konstant ist305.
Für die atomistische Auffassung wichtig war auch der von Berzelius
geführte Nachweis, daß das schwefelsaure Eisen (FeSO4) die Elemente

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Schwefel und Eisen genau in dem gleichen Verhältnis enthält, in welchem
sie das Schwefeleisen (FeS) zusammensetzen.
Das wichtigste Ergebnis der Untersuchungen von Berzelius, die mit
zahlreichen Verbesserungen der bestehenden Methoden, sowie mit der
Erfindung mancher neuen analytischen Methode Hand in Hand gingen, war
die durchgängige Bestätigung des Gesetzes von den multiplen Proportionen
und der Nachweis, daß die Proutsche Hypothese sich nicht mit den
Tatsachen vereinigen läßt.
Durch das in vorstehendem betrachtete Lebenswerk eines Lavoisier,
Dalton und Berzelius, sowie die Bemühungen zahlreicher anderen
Forscher hatte die Chemie im Verlauf von wenigen Jahrzehnten eine neue
Gestalt und eine sichere Grundlage für ihre Fortentwicklung gewonnen; sie
war der Physik als ebenbürtig an die Seite getreten. Auch hatten die
Beziehungen zwischen diesen beiden Wissenschaften eine stete Vermehrung
gefunden, insbesondere seitdem man die Elektrizität als chemisch wirksame
Kraft kennen gelernt hatte. Bevor wir den weiteren Verlauf der chemisch-
physikalischen Forschung betrachten, ist es deshalb erforderlich, die mit der
Begründung des antiphlogistischen Systems und der Aufstellung der
Atomtheorie zusammenfallende großartige Erweiterung, welche die
Elektrizitätslehre durch Galvani und Volta erfuhr, ins Auge zu fassen.

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12. Die Entdeckung der galvanischen Elektrizität.
Neben der seit alters bekannten Elektrizitätserregung durch Reiben hatte das
18. Jahrhundert das Auftreten von Elektrizität durch Wärmezufuhr, sowie
infolge atmosphärischer Vorgänge kennen gelernt306; auch hatte man die
elektrische Natur der von dem Zitterrochen ausgehenden Wirkung entdeckt.
Zu diesen vier Arten gesellte sich jetzt eine fünfte, die Berührungs- oder die
galvanische Elektrizität, mit der man gegen den Schluß des 18. Jahrhunderts
bekannt wurde, während der Ausbau der Lehre vom Galvanismus wohl als
die wichtigste Tat des 19. Jahrhunderts anzusehen ist.
Daß die bloße Berührung zweier Metalle eine eigentümliche, später als
elektrisch erkannte Wirkung hervorruft, wurde zum erstenmal um das Jahr
1750 von einem Deutschen namens Sulzer 307 beobachtet. Dieser brachte die
Spitze seiner Zunge zwischen ein Stück Blei und ein Stück Silber, die sich
mit ihren Rändern berührten. Dabei nahm er eine prickelnde, an den
Geschmack des Eisenvitriols erinnernde Empfindung wahr, die Blei oder
Silber für sich nicht hervorzubringen vermögen308. Es sei doch nicht
wahrscheinlich, meint Sulzer, daß bei der Berührung jener beiden Metalle
eine Auflösung vor sich gehe. Man müsse vielmehr schließen, daß diese
Vereinigung eine zitternde Bewegung der Teilchen verursache, welche die
Nerven der Zunge anrege und dadurch den erwähnten Geschmack
hervorbringe.
Später wurde der Versuch in folgender Weise abgeändert. Man nahm einen
Becher aus Zinn oder Zink, stellte ihn auf einen silbernen Fuß und füllte ihn
mit Wasser. Wenn nun jemand die Spitze der Zunge ans Wasser brachte, fand
er es völlig geschmacklos, solange er den silbernen Fuß nicht berührte.
Sobald er diesen aber zwischen die benetzten Hände preßte, empfand die
Zunge einen deutlichen Geschmack.

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Abb. 30. Galvanis Versuche an Froschschenkeln.

Da die Beobachtung Sulzers ganz vereinzelt blieb, ging es ihr, wie es in
solchen Fällen meist zu gehen pflegt, sie wurde nicht beachtet und
schließlich vergessen, bis die weitere Entwicklung der Wissenschaft ein
Zurückgreifen auf jene Entdeckung erforderlich machte. Die eigentliche
Erforschung der Berührungselektrizität beginnt mit der zufällig gemachten
Beobachtung, daß ein frisch präparierter Froschschenkel jedesmal in
Zuckungen gerät, wenn in seiner Nähe eine elektrische Entladung stattfindet.
Galvani hatte jenes Verhalten des Froschschenkels um das Jahr 1780
kennen gelernt. Daß an toten Tieren Zuckungen der Muskeln unter dem
unmittelbaren Einfluß von elektrischen Entladungen eintreten, war zwar
längst bekannt; auch hatte man bemerkt, daß ein Zitterrochen leblose Fische
zu Bewegungen veranlaßt. Was Galvanis Erstaunen hervorrief, war indes
der Umstand, daß jene Zuckungen eintraten, ohne daß eine Verbindung
zwischen der Elektrisiermaschine und dem Froschpräparat vorhanden war.
Galvani präparierte einen Frosch, wie es in Abb. 30 Fig. 2 dargestellt ist,
und legte ihn auf einen Tisch, auf dem eine Elektrisiermaschine stand. Als
darauf die eine von den Personen, die ihm zur Hand gingen, mit der Spitze
eines Messers die Schenkelnerven DD des Frosches zufällig ganz leicht
berührte, zogen sich alle Muskeln an den Gelenken derartig zusammen, als
wären sie von heftigen Krämpfen befallen. Dies geschah, während dem
Konduktor der Maschine ein Funke entlockt wurde.
Wir haben es in dieser Erscheinung noch nicht mit einer Wirkung der
Berührungselektrizität zu tun, sondern mit einem sogenannten Rückschlag.
Ein solcher besteht darin, daß die infolge des Ladens der Maschine in dem
Schenkel stattfindende elektrische Verteilung in dem Augenblicke des
Entladens eine Änderung erfährt. Die elektrische Verteilung, sowie ihr

Page 195

Ausgleich tritt bei größerer Entfernung von dem Konduktor der
Elektrisiermaschine nur dann in hinreichendem Maße ein, wenn der
Schenkel mit der Erde in leitender Verbindung steht, was bei dem Versuch
Galvanis durch eine anfangs zufällige, nachher jedoch absichtlich
herbeigeführte Berührung des Schenkels mit einem leitenden Gegenstand
bewirkt wurde (s. Abbildung 30). Das Erstaunen, in das Galvani über seine
Beobachtung geriet, ist der erste Schritt zu einer fast endlosen Reihe der
wichtigsten Entdeckungen gewesen. »Ich wurde«, sagt er, »von einem
unglaublichen Eifer entflammt, dasjenige ans Licht zu ziehen, was hinter
dieser Erscheinung verborgen war309.« Bevor wir jedoch Galvani auf seinem
Wege folgen, wollen wir uns einige Augenblicke mit dem Leben dieses
Mannes beschäftigen, dessen Glück und Verdienst der Wissenschaft ein
neues, großes Gebiet erschließen sollte.
Aloisio Galvani wurde am 9. September 1737 in Bologna geboren. Er
studierte an der Universität seiner Vaterstadt Medizin und heiratete die
Tochter eines der dortigen Professoren, der legendenhafte Berichte einen
hervorragenden, wenn nicht gar den Hauptanteil an der Entdeckung des
Galvanismus zugeschrieben haben310. Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten
Galvanis betrafen das Gebiet der Anatomie. Seit dem Jahre 1775 sehen wir
ihn in Bologna eine Professur für dieses Fach bekleiden. Seine Versuche
über die Wirkung der Elektrizität auf Froschschenkel begannen im Jahre
1780. Galvani führte darüber zunächst nur ein Tagebuch. Erst ein Jahrzehnt
später vereinigte er die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu einer
Abhandlung über die Wirkung der Elektrizität auf die Muskelbewegung311.
Nachdem Galvani die Wirkung des Entladens auf einen in der Nähe der
Elektrisiermaschine befindlichen Froschschenkel nachgewiesen, suchte er
festzustellen, ob sich das gleiche, ihm zunächst ganz unerklärliche
Phänomen auch durch den Einfluß der atmosphärischen Elektrizität
hervorrufen lasse. Die hierauf bezüglichen Versuche sind im zweiten Teile
jener Abhandlung vom Jahre 1791 beschrieben. Die präparierten Frösche,
sowie Schenkel von Warmblütern wurden bei einem Gewitter an den Nerven
aufgehängt, während ein Eisendraht die Füße mit der Erde verband. Die
erwartete Wirkung blieb nicht aus. In demselben Augenblick, in welchem
der Schein eines Blitzes das Auge traf, gerieten die Muskeln in lebhafte
Zuckungen.

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»Nachdem wir die Kräfte der Gewitterelektrizität kennen gelernt hatten,
brannte unser Herz vor Begierde, auch die Macht der täglichen ruhigen
Elektrizität der Atmosphäre zu erforschen.« Mit diesen Worten beginnt
Galvani den dritten Teil seiner Schrift, in dem wir mit den Erscheinungen
der nach ihm benannten, ganz neuen Art der Elektrizitätserregung vertraut
gemacht werden.
Da Galvani bemerkt hatte, daß präparierte Frösche, die an einem
Eisengitter an Messinghaken aufgehängt waren, nicht nur beim Gewitter,
sondern auch bei heiterem Himmel gelegentlich in Zuckungen verfielen, so
meinte er, die Ursache dieser Zuckungen sei in Veränderungen der
atmosphärischen Elektrizität zu suchen. Deshalb beobachtete er zu
verschiedenen Stunden des Tages passend hergerichtete Tiere. Aber nur
selten trat eine Bewegung in den Muskeln ein. Schließlich drückte er, des
Wartens müde, die Haken, die in dem Rückenmark befestigt waren, gegen
das eiserne Gitter. Dabei beobachtete er häufig Zuckungen, die er zunächst
der atmosphärischen Elektrizität zuzuschreiben geneigt war.
Als er das Tier in das geschlossene Zimmer gebracht, auf eine Eisenplatte
gelegt und den im Rückenmark befindlichen Messinghaken gegen die
Eisenplatte zu gedrückt hatte, bemerkte er die gleichen Zuckungen.
Jetzt erkannte er, daß es sich hier um ein ganz neues, unerwartetes
Phänomen handelt, das mit den Änderungen der atmosphärischen
Elektrizität in gar keinem Zusammenhange steht. Galvani änderte darauf
den Versuch in der Weise ab, daß er den Frosch auf eine die Elektrizität nicht
leitende Glasplatte legte und den Messinghaken mit den Füßen des Tieres
verband. Bestand die Verbindung aus einem Metall, so traten Zuckungen ein,
während sie bei Anwendung einer nicht leitenden Substanz ausblieben. Mit
den von Galvani ersonnenen Abänderungen dieses Fundamentalversuches
macht uns die dritte Figur seiner Abhandlung (Abb. 31) bekannt.
Von besonderem Interesse ist das elektrische Froschpendel, das Galvani in
der Figur 11 (s. S. 194) abbildet und folgendermaßen beschreibt: »Der
Frosch wird an einem Beine in die Höhe gehalten, so daß der in dem
Rückenmark befestigte Haken eine Silberplatte berührt, das andere Bein aber
frei auf der Platte gleiten kann. Sowie dies Bein die Platte berührt, werden
die Muskeln zusammengezogen, wodurch sich das Bein hebt. Bald aber
erschlaffen die Muskeln von selbst, das Bein sinkt und kommt wieder mit
der Platte in Berührung. Infolgedessen wird es wieder hochgehoben und

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fährt so fort, sich zu heben und zu senken, so daß es einem elektrischen
Pendel gleicht.« Die Platte dient dabei gewissermaßen als Bogen, der den
Kreislauf der Elektrizität ermöglicht, wenn das Bein auf die Platte
niederfällt, für den Kreislauf aber nicht mehr vorhanden ist, wenn das Bein
sich von der Platte entfernt hat.
Für die merkwürdige Erscheinung selbst gab es nur zwei Erklärungen.
Entweder war sie in dem Wesen des tierischen Organismus begründet, oder
es handelte sich um einen auf die Berührung der Metalle zurückzuführenden
elektrischen Vorgang, bei dem der Froschschenkel nur die Rolle eines
empfindlichen Elektroskopes spielt. Galvani entschied sich für die erstere
Ansicht, indem er die beschriebenen Erscheinungen als Betätigungen einer
tierischen Elektrizität auffaßte. Diese sollte vom Gehirn aus durch die
Nerven dem Muskel zufließen. Letzteren verglich er mit der Leydener
Flasche, indem er sich vorstellte, daß die Oberfläche und das Innere eines
Muskels entgegengesetzt geladen seien. Brachte man demgemäß den
Nerven, als den Konduktor dieser Flasche, mit der Oberfläche eines
Muskels, die dem äußeren Belag entsprechen sollte, in leitende Verbindung,
so fand eine Entladung statt, als deren Folge die Zusammenziehung der
Muskelsubstanz aufgefaßt wurde.

Abb. 31. Zuckungen der Froschschenkel bei der Berührung mit
verschiedenartigen Metallen. (Aus Galvanis Abhandlung über die Kräfte der
Elektrizität.)
Fig. 9. A Stanniolblatt über der Wirbelsäule des präparierten Frosches.
BB Die Tierschenkel.
C Ein anderes Metallblatt aus Messing.
D Ein eherner mit Silber überzogener Bogen.
F Glasplatte, auf welcher das Tier liegt.

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Fig. 10. AA Zwei Bogen, die in den Zylinder B aus Glas oder Harz gesteckt
sind.
C Ein mit dem Rückenmark verbundener Haken.
Fig. 11. Ein präparierter Frosch, der an einem Bein aufgehängt wird, während
das andere samt dem mit dem Rückgrat verbundenen Haken die Fläche
der silbernen Kapsel E berührt.
Fig. 12. FF Zwei Metallbögen, der eine aus Kupfer, der andere aus Silber.
Fig. 13. GG Metallkonduktoren, von denen der eine mit der oberen, der andere
mit der unteren Belegung des Quadrates in Verbindung steht.
H Nerven, die so über den Rand des Quadrates hingestreckt sind, daß
sie zugleich mit dem Rückenmark die untere Belegung berühren.
Fig. 14. K Eine mit verschiedenen Flüssigkeiten anzufüllende Glasröhre.
Fig. 15. Schenkel, voneinander getrennt.
Fig. 16. Schenkel, voneinander getrennt, samt dem in zwei Teile gespaltenen
Rückgrat.

Natürlich erregten Galvanis Versuche und seine Lehre, die zunächst
allgemeine Anerkennung fand, das größte Aufsehen. »Der Sturm, den das
Erscheinen von Galvanis Abhandlung in der Welt der Physiker, der
Physiologen und Ärzte erregte«, sagt ein hervorragender
Geschichtsschreiber des Galvanismus , »kann nur mit demjenigen
312

verglichen werden, der zur selben Zeit am politischen Horizont Europas
heraufzog. Wo es Frösche gab und wo sich zwei Stücke ungleichartigen
Metalls erschwingen ließen, wollte jedermann sich von der wunderbaren
Wiederbelebung der verstümmelten Gliedmaßen durch den Augenschein
überzeugen.«
Galvanis wissenschaftliche Tätigkeit hatte mit dem Erscheinen seiner
»Abhandlung über die Kräfte der Elektrizität« ihren Höhepunkt erreicht. Die
Führung auf dem neu erschlossenen Gebiete übernahm jetzt Alessandro
Volta, während sich Galvani darauf beschränkte, seine Theorie gegen die
ihr von Volta bereiteten Angriffe zu verteidigen. Die letzten Lebensjahre
verbrachte Galvani in einem Zustande tiefster Niedergeschlagenheit, den
der Tod der Gattin und die Amtsentsetzung herbeigeführt hatten. Letztere
erfolgte, weil Galvani sich weigerte, den bei der Gründung der
cisalpinischen Republik von ihm geforderten, seiner Überzeugung
zuwiderlaufenden Eid zu leisten. Er starb am 4. Dezember 1798. Die
Erfindung der Voltaschen Säule, welche den gänzlichen Untergang der
älteren Theorie herbeiführte, sollte er nicht mehr erleben.

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Alessandro Volta wurde am 18. Februar 1745 zu Como geboren. Fast 30
Jahre alt, wurde er Professor der Physik an dem Gymnasium seiner
Vaterstadt. In derselben Eigenschaft berief man ihn fünf Jahre später an die
Universität Padua, wo er bis zum Jahre 1819 wirkte. Die letzte Zeit seines
Lebens verbrachte Volta in der Zurückgezogenheit; er starb am 5. März des
Jahres 1827 in Como.
Als Galvanis berühmte Abhandlung erschien, hatte Volta, der während der
ersten Zeit seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit Vorliebe das Verhalten
der Gase untersuchte, sich schon hervorragende Verdienste um die
Elektrizitätslehre erworben. In dem Kondensator, den er mit dem
Strohhalmelektrometer verband, hatte er ein Mittel zum Nachweis geringer
Elektrizitätsmengen ersonnen313, das bei der späteren Untersuchung der
kontaktelektrischen Phänomene von größtem Werte sein sollte. Die Royal
Society hatte ihn dafür zu ihrem Mitgliede ernannt und ihn durch die
Verleihung einer Medaille ausgezeichnet.
Über sein Elektrometer macht Volta folgende Angaben. Es sei von großer
Bedeutung, daß man die früheren Elektrometer ändere und an Stelle der
feinen Metalldrähte zwei sehr feine und trockene Strohhalme von etwa 2
Zoll Länge anwende, die man mittelst kleiner Ringe sehr beweglich
aufhängen müsse. Diese Halme müßten sich im unelektrischen Zustande
ihrer ganzen Länge nach berühren.
Anfangs war auch Volta von der Richtigkeit der Ansichten Galvanis
überzeugt. Die Zuckungen, meinte er, müßten von dem Mißverhältnis
herrühren, das zwischen der Elektrizität des Muskels und jener des Nerven
bestehe. Die metallische Verbindung habe nur die Aufgabe, das
Gleichgewicht wiederherzustellen. Einige Jahre später erkannte er jedoch,
daß von einem Vergleich des Muskels mit der Leydener Flasche nicht die
Rede sein könne. Der Froschschenkel geriet nämlich auch in Zuckungen,
wenn ein elektrischer Ausgleich lediglich durch den Nerven hindurch
erfolgte und die Muskeln gänzlich außerhalb des leitenden Kreises blieben.
Ähnlich wie bei dem von Sulzer herrührenden Versuch314 gelang es Volta,
durch Anlegen von zwei verschiedenartigen Metallstücken an Mund und
Auge nicht nur eine Geschmackserregung, sondern auch Lichtempfindung
hervorzurufen.
Diesen fundamentalen Versuch, der bewies, daß der Einfluß einer
elektrischen Entladung nicht nur Zuckungen, sondern auch eine Erregung

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der Empfindungsnerven hervorrufen kann, stellte Volta folgendermaßen an.
Ein breites Stück Zinnfolie wurde auf die Zungenspitze gelegt. Auf den
Rücken der Zunge wurde eine Silbermünze gebracht. Beide Metalle brachte
Volta vermittelst eines Kupferdrahtes in Verbindung. Er empfand dann
einen stark sauren Geschmack. Wenn der Kupferdraht vermieden wurde und
nur Silber und Zinn zur Anwendung kamen, war das Ergebnis dasselbe.
Volta erzielte dies315, indem er keine Münze, sondern einen silbernen Löffel
nahm, diesen auf den Rücken der Zunge legte und mit dem Stiel das
Stanniolblatt, das auf der Zungenspitze lag, berührte.
Daß sich eine Lichtempfindung durch galvanische Elektrizität hervorrufen
läßt, wies Volta nach, indem er den Schließungsbogen aus verschiedenen
Metallen mit der Stirn und dem Gaumen in Berührung brachte. Das Auge
empfand dann im Augenblicke der Berührung einen hellen Schein.
Auf diese Weise gewann in Volta die Vorstellung immer mehr an Raum, daß
man es in den Metallen nicht mit bloßen Leitern, sondern mit den
eigentlichen Erregern der Elektrizität zu tun habe. Im Anschluß an die
Schilderung der soeben erwähnten physiologischen Versuche gelangte Volta
daher um 1792 zu einer Änderung seiner ursprünglichen Ansichten316. Es sei
klar, meinte er, daß bei diesen Versuchen die Nerven nur erregt würden und
daß die Ursache des elektrischen Stromes, der diese Erregung veranlasse, in
den Metallen selbst zu suchen sei. »Sie sind«, sagt er, »im eigentlichen Sinne
die Erreger der Elektrizität, während die Nerven selbst passiv sind.« Zur
selben Zeit machte Volta die wichtige Entdeckung, daß die Kohle bei
galvanischen Versuchen an Stelle eines Metalles gebraucht werden kann.
»Ich habe«, sagte er317, »gefunden, daß Holzkohle, die schon früher als ein
guter Leiter bekannt war, wenig oder gar nicht den Metallen nachsteht und
sich auch darin wie diese verhält, daß sie ein Erreger der Elektrizität ist.«
In einer Schrift vom Jahre 1794 bekennt sich Volta offen als Gegner der
Lehre von der tierischen Elektrizität. Er braucht für die hierher gehörigen
Erscheinungen fortan das Wort metallische Elektrizität. Die ganze Wirkung
rühre von den Metallen her, die irgend einen feuchten Körper berühren. Die
Elektrizität werde dadurch in einen Kreislauf gebracht. Gehe der Strom
durch Nerven, die noch einen Rest von Leben besäßen, so würden die den
Nerven gehorchenden Muskeln dadurch in Zuckungen versetzt. Diese
Bewegungen und die beschriebenen Geschmacks- und Lichtempfindungen
fand Volta bei seinem unausgesetzten, mühevollen Forschen je nach der

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Natur der angewandten Metalle sehr verschieden. Die Wirkungen waren um
so lebhafter, je weiter die Metalle in folgender, von Volta 1799 aufgestellten
Reihe318 voneinander abstehen:

Zink,
Zinn,
Blei,
Eisen,
Kupfer,
Platin,
Gold,
Silber,
Graphit,
Holzkohle.

Diese erste Spannungsreihe wurde bald darauf um zahlreiche Glieder
vermehrt, indem auch Mineralien, wie Schwefelkies, Bleiglanz, Kupferkies,
in sie eingefügt wurden.
Volta suchte darauf der Mitwirkung von Nerv und Muskel gänzlich zu
entraten. Er brachte die Metalle mit allen möglichen feuchten Stoffen, wie
Papier, Tuch usw. in Berührung. Um den hierbei eintretenden elektrischen
Ausgleich, der sich bisher in den Zuckungen der Muskeln geltend gemacht
hatte, unzweifelhaft darzutun, bediente er sich eines Kondensators, mit dem
sich die geringsten Elektrizitätsmengen nachweisen ließen.
Auf die Konstruktion des als elektrischer Ansammlungsapparat dienenden
Kondensators war Volta durch fortgesetzte Untersuchungen am Elektrophor
gekommen. Schon in seiner ersten Schrift vom Jahre 1769 befaßte er sich
mit der elektrischen Anziehung. In einer Abhandlung vom Jahre 1771
beschreibt er unter dem Namen elettroforo perpetuo den Apparat, der auch
heute noch in derselben Ausführung als Elektrophor bekannt ist. Er besteht
aus einer Metallschale, aus dem Kuchen, d. i. eine Scheibe von
nichtleitender Substanz (Harz, Pech) und aus einer an isolierenden seidenen
Schnüren befestigten Metallplatte (Abb. 33). Um den Kuchen zu erhalten,
schmolz Volta drei Teile Terpentin, zwei Teile Harz und einen Teil Wachs
zusammen. Wie die Elektrisiermaschinen, so erreichten auch die
Elektrophore im 18. Jahrhundert riesige Ausmaße (bis zu 7 Fuß
Durchmesser). Die Wirkungsweise des Elektrophors besteht darin, daß die

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dem Kuchen mitgeteilte Elektrizität durch Influenz auf den Deckel wirkt und
daß die abgestoßene Elektrizität des letzteren durch kurze Berührung
entfernt wird. In seiner Wirkungsweise stimmt, wie Wilke dargetan319, somit
das Elektrophor mit der Franklinschen Tafel überein320.

Abb. 32. Voltas Kondensator.

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Abb. 33. Voltas Elektrophor.

Ausgehend vom Elektrophor gelangte Volta im Jahre 1782 zur Konstruktion
des von ihm als Kondensator bezeichneten Ansammlungsapparats. Der
Kondensator ist im Grunde genommen ein Elektrophor mit äußerst dünner
Harzschicht an Stelle des bislang gebrauchten dicken Harzkuchens. Wurde
auf diese dünne Harzschicht ein Deckel gelegt und dieser dann mit einer sehr
schwachen Elektrizitätsquelle, z. B. einer schon entladenen Flasche in
Berührung gebracht, an welcher durch andere Mittel keine Elektrizität mehr
nachgewiesen werden konnte, so war der Deckel nach dem Abheben
deutlich elektrisch geworden. Aus diesem Grunde bezeichnete Volta den
neuen Apparat als Kondensator. Es war von Wichtigkeit, die Harzschicht vor
Beginn jedes Versuches wieder vollständig zu entladen. Bei der Lösung
dieser Aufgabe entdeckte schon Volta eine wichtige Beziehung zwischen
der Elektrizität und dem Lichte. Er fand nämlich, daß die Entladung sich
rasch und vollständig bewirken ließ, wenn er die Harzschicht in die Sonne
stellte321.
Aus den Bemühungen Voltas ging der Kondensator schließlich in der Form
hervor, wie er noch heute gebraucht wird. Es wurden nämlich zwei gleiche
Metallplatten, von denen die eine direkt mit dem Elektroskop verbunden ist,
mit einer möglichst gleichmäßigen, dünnen Firnisschicht überzogen (Abb.
32). Die Wirkung dieses Apparates ergibt sich aus den von Aepinus und
Wilke entdeckten Influenzgesetzen. Der oberen Platte wird z. B. positive
Elektrizität mitgeteilt. Legt man sie dann auf die untere Platte, von welcher

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sie durch die doppelte Firnisschicht getrennt ist, so wird sich auf dem der
oberen Platte zugewandten Teile der unteren Platte negative, auf dem
abgewandten positive Elektrizität befinden. Letztere wird abgeleitet. Hebt
man dann die obere, auch wohl Kollektor genannte Platte ab, so breitet sich
die negative Elektrizität über die ganze untere Scheibe, die
Kondensatorscheibe, aus. Durch häufigere Wiederholung dieses Verfahrens
läßt sich die Ansammlung der negativen Elektrizität auf der unteren Platte
und die Wirkung auf das mit dieser Platte verbundene Elektroskop erheblich
steigern.
Erst diese Vorversuche setzten Volta in den Stand, seinen berühmten
Fundamentalversuch der Kontaktelektrizität anzustellen. Letzterer bestand
darin, daß man das Auftreten entgegengesetzter Elektrizitäten durch die
bloße Berührung zweier Metalle bewirkte, ohne dazu einer feuchten
Zwischensubstanz, sei letztere animalisch oder nicht, zu bedürfen. Volta
beschreibt diesen Versuch, zu dem er nichts weiter benötigte als Platten von
verschiedenen Metallen mit isolierenden Handhaben, einen Kondensator und
ein Elektrometer mit Streifen vom feinsten Blattgold, mit folgenden
Worten322: »Bringt man die miteinander in Berührung gewesenen Platten an
das sehr empfindliche Elektrometer, so werden die Goldblättchen etwas
auseinandergehen und dadurch einige Elektrizität anzeigen, die positiv oder
negativ sein wird, je nach der Natur des Metalles, das man untersucht, und
des anderen, mit dem dieses vorher in Berührung stand.« Nahm Volta z. B.
eine Zink- und eine Kupferscheibe, so erwies sich nach der Berührung
erstere als positiv, letztere als negativ elektrisch. Brachte man das Kupfer
mit Zinn oder Eisen zusammen, so wurde es gleichfalls, indes in weit
geringerem Maße, negativ elektrisch, während das Zinn und das Eisen sich
wie das Zink in dem ersten Versuch verhielten. Wurden endlich Gold oder
Silber mit Kupfer berührt, so wurde das letztere diesmal positiv, Gold und
Silber dagegen wurden negativ elektrisch.
Volta beschreibt seinen Fundamentalversuch in einem Brief vom Jahre
1797323. Eine solch beträchtliche Elektrizität durch einfache Berührung
verschiedener Metalle zu erhalten, fügt Volta hinzu, sei gewiß etwas
Bewundernswürdiges und alle Sachverständigen, denen er seinen Versuch
gezeigt habe, seien erstaunt darüber.
Welcher Art die Elektrizität der verschiedenen Metalle nach der Berührung
ist, findet Volta, indem er dem Elektrometer, dem er die Elektrizität

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mitgeteilt hat, eine geriebene Glas- und eine geriebene Harzstange nähert
und darauf achtet, ob die Divergenz der Goldblättchen zu- oder abnimmt.
Wurden z. B. Zink und Kupfer in Berührung gebracht, so war nach der
Trennung das Zink positiv, denn bei Annäherung der positiven Glasstange
nahm die Divergenz des Pendel zu, während sie sich bei Annäherung der mit
negativer Elektrizität geladenen Harzstange verminderte.
Indem Volta auf solche Weise seinen Fundamentalversuch vielfach
abänderte, gelangte er zur Aufstellung der folgenden elektrischen
Spannungsreihe:

+
Zink
Blei
Zinn
Eisen
Kupfer
Silber
Gold
Graphit
-

Diese Reihe enthält Graphit und die bekanntesten Metalle in einer solchen
Anordnung, daß jedes vorhergehende Glied, mit einem der nachfolgenden in
Berührung gebracht, positiv elektrisch wird, während das spätere Glied stets
den negativ elektrischen Zustand annimmt. Dabei stellte sich beim Messen
mit dem Strohhalmelektrometer heraus, daß der elektrische Unterschied
zwischen je zwei Gliedern dieser Reihe um so größer ist, je weiter die
Glieder voneinander entfernt sind. So ergaben sich324 für die ersten vier
Glieder der Reihe folgende Differenzen:
Zink | Blei = 5
Blei | Zinn = 1
Zinn | Eisen = 3
Für Zink | Eisen erhielt man den Wert 9 (= 5 + 1 + 3). Damit war das Gesetz
gefunden, daß der elektrische Unterschied für zwei Glieder der
Spannungsreihe gleich der Summe der Unterschiede aller dazwischen
liegenden Glieder ist, so daß in einer geschlossenen Kette von Metallen, in

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der z. B. Zink mit Blei, dieses mit Zinn, dieses mit Eisen und das letztere
wieder mit Zink verbunden wird, die elektrischen Unterschiede sich
ausgleichen und die Spannung infolgedessen Null ist.
Volta hatte auf Grund dieser Versuche angenommen, daß die erregende
Kraft ausschließlich an der Berührungsstelle der Metalle ihren Sitz habe und
die animalischen oder andere Feuchtigkeiten nur als Leiter dienen. Weitere
Versuche belehrten ihn jedoch, daß auch bei der Berührung zwischen Metall
und Flüssigkeit eine erregende oder elektromotorische Kraft auftritt. Isolierte
Platten von Silber, Zinn, Zink usw. wurden mit feuchtem Holz, Papier oder
feuchten Ziegeln in Berührung gebracht. Nach dem Abheben erwiesen sich
die Metallplatten als negativ elektrisch. Die Metalle wurden Elektromotoren
erster, die Flüssigkeiten, die sich nicht in die Spannungsreihe eingliedern
lassen, Elektromotoren oder Leiter zweiter Klasse genannt.
»Die Berührung verschiedener Leiter«, sagt Volta in einem Schreiben vom
Jahre 1796325, »die ich trockne Leiter oder Leiter der ersten Klasse nenne, mit
feuchten oder Leitern der zweiten Klasse erregt das elektrische Fluidum und
gibt ihm einen gewissen Antrieb. Fragen Sie noch nicht, wie dies geschieht;
es ist vorläufig genug, daß es geschieht und daß es sich um ein allgemeines
Verhalten handelt.«
Volta zeigte, daß in einem nur aus Elektromotoren erster Klasse
bestehenden Kreise keine Bewegung der Elektrizitäten, kein Strom entsteht.
Er zeigte ferner, daß ein solcher hervorgerufen wird, wenn zwei
Elektromotoren erster Klasse mit einem feuchten Leiter der zweiten Klasse
und unter sich, entweder unmittelbar oder vermittelst eines dritten Leiters, in
Verbindung stehen und auf diese Weise einen Kreis von Leitern bilden. Eine
derartige Vereinigung wurde ein galvanisches Element genannt. Die
Wirkung des letzteren vervielfältigte Volta, indem er eine größere Anzahl
solcher Elemente zu seiner Säule verband.

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Abb. 34. Voltas erste Säule.

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Abb. 35. Voltas aus zwei Teilen zusammengesetzte Säule.

Den ersten Bericht über diese, an Wichtigkeit von keiner anderen
übertroffene Erfindung erstattete Volta im Jahre 1800326. Er teilte darin mit,
daß es ihm im Verfolg seiner Versuche über die Erzeugung von Elektrizität
durch bloße Berührung gelungen sei, einen neuen Apparat herzurichten.
Dieser habe in sehr schwachem Maße die Wirkung der Leydener Flasche,
andererseits übertreffe er die letztere darin, daß er nicht vorher mit fremder
Elektrizität geladen werden müsse, sondern jedesmal wirke, wenn man ihn
in geeigneter Weise berühre. Der Apparat besitze seiner Wirkung und auch
seiner Einrichtung nach eine gewisse Ähnlichkeit mit dem elektrischen
Organ des Zitterrochens. Abb. 34 zeigt die erste Säule Voltas. Ihre
Herstellung wird mit folgenden Worten beschrieben327: »Dreißig, vierzig,
sechzig oder mehr Stücke Silber, von denen jedes auf ein Stück Zink gelegt
wird, und die gleiche Anzahl mit Salzwasser oder Lauge getränkter
Tuchstücke, diese Stücke zwischen jede Verbindung der beiden Metalle
geschaltet, eine derartige Folge der drei Leiter in stets gleicher Anordnung:
das ist alles, woraus der neue Apparat besteht.« Außer der leichten

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Erschütterung, die man erhielt, wenn man die oberste Platte berührte und die
andere Hand in das Gefäß b tauchte und so den Stromkreis schloß, ließ sich
auch eine Wirkung dieses Apparates auf die Geschmacks-, Gesichts- und die
Gehörnerven nachweisen.

Abb. 36. Voltas Becherapparat.

Bei einer größeren Zahl von Platten war Volta gezwungen, entweder die
Säule mit Stützen zu umgeben oder sie, wie es Abb. 35 zeigt, in mehrere
Teile zu zerlegen. Eine Säule besaß nämlich die Unvollkommenheit, daß die
Metallstücke durch ihr Gewicht die Tuchscheiben auspreßten, so daß die
darin enthaltene Flüssigkeit schließlich die ganze Säule überzog und
unwirksam machte. Volta war daher auf eine Anordnung bedacht, welche
diesen Übelstand vermeidet: Er stellte eine Reihe von Bechern auf, die aus
einem nichtmetallischen Stoff wie Holz, Ton oder Glas bestanden. Diese
Becher füllte er zur Hälfte mit Salzwasser oder Lauge. Dann setzte er sie
sämtlich in Verbindung, so daß sie eine Art Kette bildeten. Dies geschah
vermittelst einer gleichen Zahl metallischer Bögen. Der Teil A, der in einen
der Becher tauchte, war aus Kupfer oder aus versilbertem Kupfer hergestellt,
während der andere Teil Z, der in den folgenden Becher tauchte, aus Zinn
oder aus Zink bestand. Die beiden Metalle wurden an irgend einer Stelle
oberhalb des Teiles, der in die Flüssigkeit tauchte, zusammengelötet. Damit
die letztere mit einer hinreichend großen Fläche der Metalle in Berührung
kam, gab Volta den Metallen die Form von Platten.
»Eine Folge von 30, 40 oder 60 dieser auf solche Weise verbundenen
Becher,« sagt Volta, »die entweder in einer geraden Linie oder in einer
beliebigen Kurve angeordnet sein können: das ist alles, woraus dieser neue
Apparat besteht. Im Prinzip und in Anbetracht der ihn bildenden Substanzen
stimmt er mit dem oben beschriebenen Säulenapparat überein.«
Um eine Erschütterung zu erhalten, genügte es, die eine Hand in einen der
Becher und einen Finger der anderen Hand in einen zweiten Becher zu
tauchen. Die Erschütterung war um so stärker, je weiter die beiden Becher

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von einander entfernt waren. Volta erhielt folglich den stärksten Schlag,
wenn er das erste und das letzte Glied der Kette berührte.
Die Wirkungen, die ein aus 40 oder 50 Plattenpaaren hergestellter Apparat
hervorrief, beschränkten sich nicht auf Erschütterungen. Der Apparat erregte
auch die Organe des Geschmacks-, des Gesichts-, des Gehör- und des
eigentlichen Gefühlssinnes und rief in ihnen die einem jeden entsprechenden
Empfindungen hervor, eine Tatsache, die für die Physiologie der
Sinnesorgane von der größten Bedeutung war und später Johannes Müller
zur Aufstellung seiner Lehre von den spezifischen Energien dieser Organe
geführt hat.
Die Wirkungen auf die Haut schildert Volta mit folgenden Worten: »Ich
fühle in dem Augenblicke, in welchem der leitende Kreis geschlossen wird,
an der berührten Stelle der Haut und ein wenig darüber hinaus einen Schlag
und einen Stich, die schnell vorübergehen und sich so oft wiederholen, wie
man den Kreis öffnet und schließt. Wenn dieser Wechsel häufig stattfindet,
so ruft er ein sehr unangenehmes Prickeln und Stechen hervor. Bleibt jedoch
die Verbindung bestehen, so fühlt man einige Augenblicke nichts mehr;
darauf entsteht aber in dem von dem Drahtende berührten Körperteil eine
andere Empfindung, nämlich ein scharfer, ohne Erschütterung auftretender
Schmerz, der sich auf die berührte Stelle beschränkt, ein Brennen, das nicht
nur andauert, sondern immer stärker und schließlich unerträglich wird und
das erst aufhört, wenn man den Kreis unterbricht. Welch ein
augenscheinlicher Beweis dafür, daß der elektrische Strom andauert, solange
die leitenden Substanzen in Verbindung stehen, und daß erst, wenn wir diese
Verbindung aufheben, der Strom unterbrochen wird. Daß das elektrische
Fluidum unaufhörlich kreist, kann paradox erscheinen und unerklärlich sein.
Nichtsdestoweniger ist es tatsächlich so; es läßt sich sozusagen mit den
Händen greifen.«
Die Erfindung der Voltaschen Säule erregte nicht nur in England, sondern
auch in Frankreich das größte Aufsehen. Auf Veranlassung des ersten
Konsuls erschien Volta in Paris, wo er im November des Jahres 1801 einen
Vortrag hielt. Die hervorragendsten französischen Gelehrten bildeten darauf
einen Ausschuß, der Bericht erstatten mußte328. Napoleon ließ für Volta eine
goldene Medaille prägen und stiftete einen Ehrenpreis für die besten
Arbeiten auf dem Gebiete der galvanischen Elektrizität.

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Daß die beiden Pole der Säule eine anziehende Wirkung ausüben, bewies der
Deutsche Ritter auf folgende Weise. Er verband die Pole der Säule mit zwei
Drähten. An den Drahtenden befestigte er Goldplattstreifen und näherte sie
einander. Die Streifen zogen sich darauf gegenseitig an, bis sie sich
schließlich berührten und so die Kette schlossen329.
Bevor wir uns mit den chemischen, thermischen und dynamischen
Wirkungen der von Galvani und Volta entdeckten Naturkraft näher
befassen, wollen wir die weitere Entwicklung der galvanischen Ketten, für
welche Voltas Apparat das Vorbild gewesen ist, verfolgen.
Von Verbesserungen und Entdeckungen, die bald nach ihrer Erfindung an der
Voltaschen Säule in rascher Folge gemacht wurden, sind vor allem folgende
erwähnenswert. Um die Berührung der Metallplatten vollständiger zu
machen, lötete man sie zusammen330. Daß die physiologische Wirkung der
Säule proportional der Anzahl der Platten sei, hatte schon Volta
nachgewiesen; Nicholson fand dies auch für die chemische Wirkung
bestätigt. Es lag nahe, den Einfluß des Durchmessers der Platten auf die Art
der Wirkung zu untersuchen. Das Ergebnis war, daß eine Vergrößerung des
Plattendurchmessers die Funken intensiver machte. Eine Säule von fünf
großen Platten gab stärkere Funken als eine solche von 80 kleinen, dagegen
war die physiologische Wirkung der fünf Platten sehr gering331. Der
Zusammenhang der thermischen Wirkung des galvanischen Stromes mit der
Zahl und Größe der Platten wurde eingehend im Jahre 1805 untersucht332.
Man fand, daß große Platten leichter Drähte zum Erglühen bringen.
Während z. B. eine Säule von 400 Plattenpaaren von 4 Zoll Durchmesser nur
einen Eisendraht von 2 Zoll Länge zum Erglühen brachte, war eine zweite
Säule von nur 100 Paaren, die aber einen Durchmesser von 8 Zoll besaßen,
imstande, ein 32 Zoll langes Stück desselben Eisendrahtes glühend zu
machen. Unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt gebracht wurden diese
Erscheinungen erst weit später durch das Gesetz von Ohm über den
Zusammenhang der Stromstärke mit der elektromotorischen Kraft und dem
Widerstande.
Einen Vorläufer besaß Ohm in Ritter 333, der schon 1805 zu dem Ergebnis
gelangte, daß »der Effekt der Säule bei gleicher Spannung von der Summe
der Leitung in der Säule und dem schließenden Bogen abhänge«334.
Bezeichnen wir die Spannung (elektromotorische Kraft) mit E, den Effekt
(Intensität) mit i und den inneren und äußeren Leitungswiderstand mit W

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und w, so drückt das Ohmsche Gesetz die Beziehung zwischen den
genannten Größen durch die Formel i = E/(W+w) aus, und diese Beziehung
finden wir in dem von Ritter ausgesprochenen Satze angedeutet.
Nachdem Volta seinen Fundamentalversuch angestellt hatte, lag der
Gedanke nahe, eine galvanische Säule ohne Flüssigkeit zu konstruieren und
dadurch der Kontaktheorie gegenüber der chemischen Erklärungsweise eine
größere Stütze zu verleihen. Dieser Gedanke führte Behrens zur
Konstruktion des Säulenelektroskops und Zamboni zur Herstellung der
Trockensäule.
Behrens brachte ein isoliert aufgehängtes Goldblättchen zwischen die
entgegengesetzten Pole zweier aus Goldpapier und Stanniol
aufgeschichteten gleichen Säulen. Da die anziehenden Kräfte gleich stark
waren, befand sich das isolierte Goldblättchen zunächst in senkrechter Lage.
Wurde dem Knopfe, an welchem das Goldblättchen hing, ein elektrisierter
Körper genähert, so wurde es entweder vom positiven Pole der einen oder
vom negativen Pole der anderen Säule angezogen, je nachdem der genäherte
Körper positiv oder negativ war335.
Zweckmäßiger ist die Einrichtung, die später Rieß 336 dem Säulenelektroskop
gegeben hat. Rieß benutzte nur eine aus Gold- und Silberpapier geschichtete
Säule, deren Pole mit zwei einander gegenüberstehenden Metallplatten in
Verbindung stehen. Die Elektrizitäten dieser Platten (Abb. 37) sind gleich
stark. Zwischen den Platten hängt das isolierte Goldblättchen. Wird diesem
nur die geringste Spur Elektrizität mitgeteilt, so wird es sich nach der einen
oder der anderen Platte bewegen und dadurch nicht nur die Elektrizität
selbst, sondern auch ihre Art anzeigen.

Page 213

Abb. 37. Das Säulenelektroskop.

Unabhängig von Behrens, dessen Erfindung zunächst wenig Beachtung
fand, konstruierte der Italiener Zamboni Trockensäulen aus Gold- und
Silberpapierscheiben, die er tausendfach übereinander aufschichtete. Sie
gaben ihm Funken von einem halben Zoll Länge337. Zamboni suchte mit
Hilfe seiner Säule eine Art Perpetuum mobile herzustellen. Hatte Behrens
zwischen zwei Trockensäulen einen Goldblattstreifen aufgehängt, so brachte
Zamboni zwischen den entgegengesetzten Polen DD seiner Säulen (s. Abb.
38) eine Magnetnadel ccc an. Das obere Ende dieser Nadel wurde von DD
abwechselnd angezogen und wieder abgestoßen, so daß die Nadel
fortwährend hin und her pendelte.

Page 214

Die Erfindung der Trockensäulen schien zunächst den Sieg der
Kontakttheorie zu bedeuten, bis 1807 durch Erman gezeigt wurde, daß die
Trockensäule ihre Wirkung einbüßt, wenn sie in völlig trockene Luft
gebracht wird, so daß das hygroskopische Papier seine Feuchtigkeit verliert.
Brachte man die Säule aus dem Chlorkalziumtrockenapparat, dessen sich
Erman 338 bediente, wieder in gewöhnliche Luft, so wurde sie wieder
wirksam.
Kehren wir zur eigentlichen galvanischen Säule zurück. Schon das Jahr 1802
brachte eine weitere grundlegende Entdeckung. Jemand brachte die
Platindrähte eines Wasserzersetzungsapparats, nachdem durch letzteren eine
Zeitlang der Strom geschickt war, an die Zunge. Der Apparat wirkte jetzt
wie ein galvanisches Element, da sich die bekannte Geschmacksempfindung
einstellte. Man hatte die Polarisation und den durch sie hervorgerufenen
Polarisationsstrom entdeckt339.

Abb. 38. Zambonis Trockensäule.

Eine der soeben erwähnten ganz analoge Beobachtung machte der schon
wiederholt genannte Ritter. Er hatte eine Säule ausschließlich aus Silber
und angefeuchteten Tuchscheiben ohne Zuhilfenahme eines zweiten
Metalles zusammengesetzt. Diese Säule gab natürlich zunächst keinen
Strom. Nachdem er sie aber einige Zeit der Wirkung einer Voltaschen Säule
ausgesetzt und die Verbindung darauf gelöst hatte, gab die vorerwähnte nur
ein Metall enthaltende »Ladungssäule« einen Strom. Ritter glaubte zuerst
eine neue Art von Kondensator erfunden zu haben, bis Volta 340 nachwies,

Page 215

daß man es hier nicht mit einer bloßen Ansammlung von Elektrizität,
sondern mit einer chemischen Zersetzung des Wassers zu tun habe.
Infolgedessen überziehe sich jede Silberplatte mit einer Wasserstoffschicht
auf der dem positiven Pole zugekehrten und mit einer Sauerstoffschicht auf
der dem negativen Pole zugekehrten Seite. Eine solche aus zwei
gasförmigen Flüssigkeiten und einem Metall bestehende Säule wirke so
lange, bis das zersetzte Wasser sich zurückgebildet habe. Die Ladungssäule
Ritters ist somit die erste Form des Akkumulators und Volta hatte mit
vorstehenden Worten das Prinzip der Polarisation, das später Planté zur
Konstruktion der sekundären Elemente oder Akkumulatoren führte, ganz
richtig dargestellt.
Ritter fand auch, daß durch Einschalten einer Ladungssäule der Strom der
Voltaschen Säule rasch geschwächt wird, eine Erscheinung, welche daher
rührt, daß der von der Ladungssäule ausgehende Strom dem Ladestrom der
Voltaschen Säule entgegengesetzt ist. Man erkannte, daß aus demselben
Grunde, d. h. infolge des Auftretens von Zersetzungsprodukten, die
Voltasche Säule geschwächt werden muß, selbst wenn sie gar nicht mit
einer »Ladungssäule« oder einem Wasserzersetzungsapparat in Verbindung
steht. Das Bestreben, hier Abhilfe zu schaffen, führte zur Konstruktion der
»konstanten Elemente«.

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13. Die Begründung der Elektrochemie.
Wie bei so vielen großen Entdeckungen wurden auch bezüglich der
chemischen Wirkung der galvanischen Elektrizität die ersten Beobachtungen
gemacht, ohne daß man ihnen gleich die verdiente Bedeutung beigelegt und
sie weiter verfolgt hätte. So wurde schon im Jahre 1795 darauf hingewiesen,
daß, wenn Zink und Silber in Wasser tauchen, das Zink von einer
Oxydschicht überzogen wird341. A. v. Humboldt wiederholte diesen
Versuch und sah am Silber Blasen aufsteigen, die aus Wasserstoff
bestanden342. Übrigens war Humboldt ein Hauptgegner Voltas. Humboldt
gab 1797-1799 ein Werk über die tierische Elektrizität heraus, das er
»Versuche über die gereizte Nerven- und Muskelfaser« betitelte. Darin
vertrat er die Ansicht, die galvanischen Erscheinungen würden durch ein
Fluidum hervorgerufen, das in den tierischen Organen angehäuft sei. Ob
dieses Fluidum, wie Galvani angenommen, elektrischer Natur sei, hielt
Humboldt sogar noch für zweifelhaft. Eine bessere Aufnahme fanden die
Forschungsergebnisse Galvanis und Voltas jenseits des Kanals. Sobald die
Kunde von der Erfindung der Voltaschen Säule nach England gelangt war,
beeilten sich die dortigen Physiker, Voltas Apparat zusammenzustellen und
damit zu experimentieren. Dabei richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die
von Volta übersehenen, vielleicht auch in seiner Voreingenommenheit für
die von ihm begründete Kontakttheorie nicht genügend beachteten
chemischen Vorgänge.
Der erste, der in England eine Säule nach Voltas Angaben zusammensetzte,
war Carlisle 343. Um eine bessere Berührung des Schließungsdrahtes mit der
oberen Platte zu bewerkstelligen, hatte Carlisle die letztere mit einem
Tropfen Wasser angefeuchtet. Dabei bemerkte er, daß sich um den Draht
herum Gasbläschen bildeten. Um diese Erscheinung genauer zu verfolgen,
führte Carlisle in Gemeinschaft mit Nicholson 344 im Mai des Jahres 1800
den galvanischen Strom unter Anwendung von zwei Messingdrähten durch
eine mit Wasser gefüllte Röhre345. Der Abstand zwischen den Enden der
Drähte betrug 1¾ Zoll. Sogleich erhob sich an dem mit dem Silber
verbundenen Drahte ein Strom kleiner Gasblasen, während die Spitze des
anderen Drahtes anlief. Jenes Gas wurde als Wasserstoff erkannt. Der

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Sauerstoff des Wassers hatte sich dagegen mit der Substanz desjenigen
Drahtes verbunden, der zum Zink führte, und ein Anlaufen des Endes
verursacht. Als man anstatt der Messingdrähte solche aus Platin wählte,
einem Metall, mit dem der Sauerstoff sich nicht direkt verbindet, gelang es,
beide Gase als solche aus dem Wasser abzuscheiden. Dieses war die erste,
vollständige und deutliche, mit Hilfe des galvanischen Stromes bewirkte
Zerlegung einer chemischen Verbindung, deren zusammengesetzte Natur
man allerdings schon vorher erkannt hatte. Zwar besaßen Carlisle und
Nicholson in von Humboldt und einigen anderen Vorläufer, die schon auf
gewisse Erscheinungen hingewiesen hatten, die offenbar chemische
Wirkungen des Stromes waren. Ja, es tauchte schon vor der Erfindung der
Voltaschen Säule die Ansicht auf, daß vielleicht chemische Änderungen
nicht die Folge, sondern die Ursache der Elektrizitätsentwicklung sein
möchten346. Dennoch gebührt den beiden englischen Forschern das Verdienst,
die Zerlegung des Wassers durch den galvanischen Strom zum ersten Male
durch eine planvolle und ergebnisreiche Untersuchung dargetan zu haben.
Nichts lag daher näher, als das neue Hilfsmittel auf Stoffe bislang
unbekannter chemischer Zusammensetzung anzuwenden, ein Weg, den wir
wenige Jahre nach der Anstellung der soeben beschriebenen ersten
Elektrolyse mit dem größten Erfolge den Engländer Davy beschreiten
sehen. Wie Nicholson und Carlisle in v. Humboldt, so besaß Davy auf
diesem Gebiete einen Vorläufer in dem schon erwähnten Deutschen
Ritter 347. Im September des Jahres 1800348 teilte dieser mit, daß er mit einer
aus 64 Plattenpaaren bestehenden Säule nicht nur Wasser, sondern auch
Kupfervitriol unter Abscheidung von Kupfer zersetzt habe. Ritter ließ den
Strom auch auf Ammoniak wirken. Er gelangte schließlich zu der Ansicht, es
gebe keine Flüssigkeit, die nicht durch den galvanischen Strom zersetzt
werden könne.
Es ist für uns Deutsche ruhmvoll, daß bei uns so oft in aller Stille und
Verborgenheit die Erschließung neuer Wissensgebiete stattgefunden hat. Es
ist dagegen eine fast beschämende, indessen aus den früheren Zuständen und
dem Nationalcharakter erklärliche Tatsache, daß der weitere Ausbau der
erschlossenen Gebiete und die praktische Verwertung der gewonnenen
Kenntnisse, sowie infolgedessen häufig genug auch der Ruhm der
Entdeckung dem Auslande vorbehalten blieb. Im Beginn des 19.
Jahrhunderts herrschte zudem eine die empirische Forschung
unterschätzende Naturphilosophie in Deutschland, in deren Banden sich

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Ritter und in seinen jüngeren Jahren auch von Humboldt befand. Sie hat
der Naturforschung auf deutschem Boden mehr geschadet, als es in
Frankreich die Wirren der französischen Revolution vermocht haben. Von
beiden Hemmnissen blieben die Forscher Englands verschont. Und so sehen
wir hier Davy mit Entdeckungen auf dem neuen Gebiete hervortreten,
welche denjenigen Voltas nicht nachstehen.
Humphry Davy wurde am 17. Dezember 1778 in Cornwall geboren349. In
ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen – sein Vater sorgte für sich und die
Seinen durch Herstellung von Holzschnitten – wurde der junge Davy
Gehilfe bei einem Chirurgen. Diesem mußte er auch bei der Herstellung von
Arzneien zur Hand gehen. Auf solche Weise wurde in ihm ein Interesse an
chemischen Vorgängen erweckt, das für seine spätere Laufbahn bestimmend
werden sollte. Im Alter von 20 Jahren erhielt Davy eine Anstellung an
einem Institut, das man in Bristol zu dem Zweck ins Leben gerufen hatte,
um die Wirkungen gasförmiger Körper auf den Organismus zu prüfen350.
Davy machte hier die Beobachtung, daß das von Priestley um 1772
entdeckte Stickoxydul (Lachgas) berauschend und betäubend wirkt351. Ferner
stellte er Versuche über die physiologischen Wirkungen von Wasserstoff und
Kohlendioxyd an und gelangte dadurch in den Ruf eines vorzüglichen
Experimentators. Infolgedessen wurde Davy, bald nachdem die Kunde von
Voltas Entdeckungen nach England gekommen war, als Professor der
Chemie an die Royal Institution nach London berufen und zum Mitglied der
Royal Society gewählt. Hier sehen wir ihn während des ersten Jahrzehnts
des 19. Jahrhunderts eine außerordentliche Wirksamkeit entfalten, durch die
er der Lehre vom Galvanismus eine neue Richtung gab. Nur die
hervorragende, gleichzeitig das physikalische, wie das chemische Gebiet
umfassende Forschertätigkeit eines Davy war imstande, die zahlreichen
Irrtümer, welche jener Lehre infolge unrichtiger Auslegung der beobachteten
elektrochemischen Vorgänge anhafteten, zu beseitigen. Der Elektrizität
wurde damals alles Mögliche und Unmögliche zugeschrieben. Hielten es
doch viele für ausgemacht, daß aus reinem Wasser und dem elektrischen
Fluidum Salpetersäure, Salzsäure, Natron oder gar eine besondere
elektrische Säure entstehen könne. Davy lieferte den Nachweis, daß in
solchen Fällen das Wasser Verunreinigungen enthielt, durch deren
Zersetzung die genannten Verbindungen entstanden waren, oder daß in
anderen Fällen unter dem Einfluß der Elektrizität Bestandteile des Gefäßes
an das Wasser abgegeben und zersetzt wurden352. Er zeigte ferner, daß

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chemisch reines Wasser sich durch die Elektrizität einzig und allein in
Sauerstoff und Wasserstoff zersetzt353. Darauf folgten eine Anzahl Versuche
über »Das Hinüberführen gewisser Bestandteile der Körper durch
Elektrizität,« ein Vorgang, den man später als das Wandern der Ionen
bezeichnet und durch die Annahme von freien, positiv oder negativ
geladenen Ionen erklärt hat. Davy spricht das Ergebnis dieser Versuche etwa
folgendermaßen aus: Wasserstoff und die Metalle würden von den negativ
elektrischen Metallflächen angezogen, von den positiv elektrischen dagegen
zurückgestoßen. Dagegen würden Sauerstoff und die Säuren (die Säurereste
würden wir heute sagen) von den positiven Metallflächen angezogen, von
den negativen abgestoßen. Diese anziehenden und zurückstoßenden Kräfte
seien energisch genug, um die Wirkung der Wahlverwandtschaft zu
zerstören.
Die Schwierigkeit, daß die Bestandteile der Verbindungen an den weit
voneinander entfernten Elektroden jeder für sich in die Erscheinung treten,
erklärt Davy, indem er das Wasser als Beispiel wählt, auf folgende Weise.
Da der Wasserstoff von der positiven Metallfläche (die Bezeichnung
Elektrode hat erst Faraday eingeführt) und der Sauerstoff von der negativen
Fläche abgestoßen würden, so müsse in der Mitte des flüssigen Leiters eine
Verbindung der zurückgestoßenen Stoffe vor sich gehen, oder – ein
Gedanke, den später354 Grothuss wieder aufgenommen – es finde eine Reihe
von Zersetzungen und Wiedervereinigungen von der einen Metallfläche bis
zur anderen statt.
Über eine Entdeckung von weittragendster Bedeutung berichtete Davy der
Royal Society im Jahre 1807. Schon Lavoisier hatte die Vermutung
ausgesprochen, daß man in den Alkalien und den Erden den Metallkalken
ähnliche Verbindungen des Sauerstoffs mit bis dahin unbekannten
Elementen zu erblicken habe. Alkali war auch die Substanz, die aus der
Wand des Glasgefäßes in das Wasser überging, wenn letzteres in einem
solchen der Elektrolyse unterworfen wurde. Was lag daher näher, als die
zersetzende Kraft des galvanischen Stromes auf das Alkali selbst wirken zu
lassen, um so das Dunkel, welches die chemische Natur dieser Verbindung
einhüllte, zu lichten!
Davy versuchte zuerst Kali und Natron in ihren wässerigen, bei
gewöhnlicher Temperatur gesättigten Lösungen mit Hilfe der stärksten
galvanischen Apparate, die ihm zu Gebote standen, zu zerlegen. Bei aller

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Intensität der Wirkung wurde jedoch das Wasser allein angegriffen, und
unter großer Hitze und heftigem Aufbrausen entwickelten sich nur
Wasserstoff und Sauerstoff. Davy schmolz daher bei seinen späteren
Versuchen das Kali und das Natron, indem er sie in einen Platinlöffel legte
und die Elektrizität zugleich als Schmelzungs- und Zersetzungsmittel wirken
ließ.
Das Kali, das er durch Glühen vollkommen getrocknet hatte, leitet zwar die
Elektrizität nicht. Es wird aber schon leitend durch ein wenig Feuchtigkeit,
welche den festen Zustand des Kalis nicht merklich ändert. In diesem
Zustande wird es durch eine energische elektrische Einwirkung geschmolzen
und zersetzt. Davy nahm ein kleines Stück reines Kali, ließ es einige
Sekunden mit der Atmosphäre in Berührung, wodurch es an der Oberfläche
durch Wasseranziehung leitend wurde, legte es auf eine isolierte
Platinscheibe, die mit dem negativen Ende einer Batterie von 250
Plattenpaaren verbunden war, und berührte die Oberfläche des Kali mit dem
positiven Platindrahte. Sogleich zeigte sich eine sehr lebhafte Wirkung. Das
Kali begann zu schmelzen. An der oberen Fläche sah Davy ein heftiges
Aufbrausen. An der unteren oder negativen Fläche war keine
Gasentwicklung wahrzunehmen. Doch entdeckte Davy dort kleine
Kügelchen, die einen sehr lebhaften Metallglanz hatten und völlig wie
Quecksilber aussahen. Eine Menge von Versuchen bewiesen ihm alsbald,
daß diese Kügelchen die Substanz waren, nach der er suchte, nämlich ein
brennbarer Körper eigentümlicher Art, und zwar das dem Kali zugrunde
liegende Metall. Davy fand, daß die Gegenwart von Platin ohne Einfluß auf
das Resultat ist, und daß dieses Metall nur die Elektrizität zuführt, welche
die Zersetzung bewirken soll. Es entstand nämlich immer dieselbe Substanz,
er mochte den Stromkreis durch Stücke Kupfer, Silber, Gold, Graphit oder
Kohle schließen. Natron gab ähnliche Resultate wie das Kali, wenn man es
auf dieselbe Art behandelte.
Bei allen Zersetzungen chemischer Verbindungen, welche Davy früher
untersucht hatte, waren stets die brennbaren Elemente am negativen Pole
entbunden worden, während der Sauerstoff am positiven Pole zum Vorschein
kam oder dort in Verbindung trat. Es war daher ein naheliegender Gedanke,
daß bei der Einwirkung der Elektrizität auf die Alkalien die neuen
Substanzen auf ganz ähnliche Weise erzeugt werden.

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Davy 355 stellte deshalb in einem durch Quecksilber abgesperrten Apparat
mehrere Versuche an, bei denen die äußere Luft ausgeschlossen war. Diese
Versuche bewiesen, daß sich die Sache in der Tat so verhält. Als er nämlich
festes Kali oder Natron, die so viel Feuchtigkeit eingesogen hatten, daß sie
die Elektrizität leiteten, in Glasröhren einschloß, die mit Platindrähten
versehen waren, und den Strom hindurchleitete, dann entstanden die neuen
Substanzen an der negativen Metallspitze. Das Gas, das sich gleichzeitig an
der positiven Metallspitze entwickelte, war reiner Sauerstoff. Am negativen
Pole erschien gar kein Gas, außer wenn Wasser in größerer Menge
vorhanden war. Dann wurde nämlich durch die Einwirkung des entstandenen
Kaliums auf das Wasser Wasserstoff entwickelt.
Um den Beweis, daß die Alkalien nur durch die Vereinigung von Sauerstoff
mit den entdeckten Metallen entstanden sind, zu einem einwandfreien zu
erheben, schloß Davy an seine durch das neue Hilfsmittel vollzogene
Analyse (Elektrolyse) die Synthese der Alkalien an. In besonders dazu
hergerichteten, durch Quecksilber abgesperrten Glasröhren wurden einige
Kügelchen Kalium mit Sauerstoff in Berührung gebracht. Sie verschluckten
augenblicklich den Sauerstoff und überzogen sich mit einer Rinde von
Kaliumoxyd. Der Grundstoff des Natrons, das Element Natrium, verhielt
sich ähnlich und lieferte wieder Natron. Wurden die aus Kali und aus Natron
erhaltenen Elemente in einer gegebenen Menge Sauerstoff erhitzt, so
verbrannten sie schnell mit weißer, glänzender Flamme und die metallischen
Kügelchen verwandelten sich in eine feste, weiße Masse, die aus Kali oder
aus Natron bestand, je nachdem man Kalium oder Natrium zu dem Versuch
genommen hatte. Dabei wurde Sauerstoff verschluckt. Die Oxyde, die bei
dem Versuche entstanden, übertrafen an Gewicht dasjenige der verbrannten
Substanzen bedeutend.
Diese Tatsachen berechtigten Davy anzunehmen, daß Kali und Natron aus
Sauerstoff und zwei eigentümlichen Grundstoffen bestehen. Die Affinität der
Alkalimetalle zu Sauerstoff erwies sich als so groß, daß Davy die
entdeckten Elemente nur unter Steinöl aufbewahren konnte. Wasser wurde
von ihnen so heftig unter Entwicklung von Wasserstoff zersetzt, daß die
geringe Menge Wasser, welche im Alkohol und im Äther nach sorgfältiger
Reinigung dieser Flüssigkeiten noch enthalten ist, zerstört wurde356.
Metalloxyde, die man mit Kalium erhitzte, wurden ihres Sauerstoffs beraubt
(reduziert). Als Davy ein wenig Eisenoxyd mit Kalium erwärmte, erfolgte

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eine lebhafte Einwirkung. Es entstand Kali neben Teilchen eines grauen
Metalls, das sich als Eisen erwies. Bleioxyd und Zinnoxyd wurden noch
schneller reduziert. War Kalium im Überfluß vorhanden, so verband sich das
entstehende Metall mit dem Kalium zu einer Legierung. Das chemische
Verhalten des Natriums fand Davy im ganzen dem des Kaliums ähnlich,
doch zeigten sich charakteristische Verschiedenheiten.
Davy kam nach Abschluß dieser Untersuchung sofort auf die Vermutung,
daß die alkalischen Erden, wie Baryt und Strontian, Verbindungen derselben
Art wie die Alkalien seien, d. h. metallische Grundstoffe von hoher
Brennbarkeit verbunden mit Sauerstoff357. Wie Baryt und Strontian, so
besitzen auch Kalk, Magnesia, Tonerde und Kieselerde manche Ähnlichkeit
mit den Alkalien358. Man durfte deshalb hoffen, daß auch diese
widerspenstigen Stoffe der Einwirkung mächtiger Batterien nicht
widerstehen und daß sich ihre Bestandteile mit Hilfe der neuen Methode
abscheiden lassen würden359.
Die Verwandtschaftskräfte der neuen Metalle, die in den Alkalien enthalten
sind, führten zu einer nicht zu ermessenden Menge von Versuchen. Diese
Metalle wurden mächtige Agentien für die chemische Analyse. Und da sie an
Verwandtschaft zum Sauerstoff alle bekannten Stoffe übertrafen, so konnten
sie bei manchen Zerlegungen die Elektrizität ersetzen. So wurden, wie wir
später sehen werden, die Grundstoffe der Kieselerde und der Tonerde, das
Silizium und das Aluminium nämlich, zuerst durch die Einwirkung der
Alkalimetalle aus ihren Verbindungen abgeschieden. Die Gewinnung des
Aluminiums vermittelst des galvanischen Stromes erfolgte erst später.
Die Elektrolyse von Kalk, Baryt, Strontian und Magnesia gelang, ganz wie
Davy es vorausgesehen. Schon ein Jahr nach der Entdeckung der
Alkalimetalle konnte er den staunenden Zeitgenossen von diesem neuen
Erfolg berichten.
Vor allem hatten die Untersuchungen Davys das wichtige Ergebnis, daß die
Bedeutung, welche der Sauerstoff als Bestandteil chemischer Verbindungen
beansprucht, in einem ganz anderen Umfange erkannt wurde. Hatte
Lavoisier dieses Element als das säurebildende Prinzip angesprochen, so
konnte man es jetzt mit der gleichen Berechtigung als ganz wesentlich für
das Zustandekommen der Alkalien hinstellen. Davy erklärte infolgedessen
am Schluß seiner Untersuchung: »Sauerstoff ist in allen wahren Alkalien
vorhanden. Denselben Stoff, den die Franzosen als das Prinzip der Azidität

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charakterisieren, kann man daher auch das Prinzip der Alkalisierung
nennen.« Nach den heutigen Anschauungen werden bekanntlich die
basischen Eigenschaften durch das Vorhandensein der Hydroxylgruppe OH
bedingt.
Es ist begreiflich, daß Davy, nachdem er diese neue Rolle des Sauerstoffs
erkannt hatte, sich auch dem flüchtigen Alkali, dem Ammoniak, zuwandte.
Hier begegnete ihm nun der Irrtum, daß er den Sauerstoff, den er in dem
Ammoniakgas (NH3) vorhanden glaubte, auch wirklich fand, obgleich dies
Element in dem völlig reinen, gut getrockneten Ammoniakgase fehlt.
Indessen macht bekanntlich auch hier der Sauerstoff das Wesen der
Alkalinität aus, indem das Ammoniakgas sich mit dem Wasserstoff und der
Hydroxylgruppe des Wassers erst zur eigentlichen Basis verbindet (NH3 +
HOH = NH4. OH). Davy faßte das Verhältnis des Ammoniaks zu den fixen
Alkalien auch ganz richtig auf, indem er sagte, es würde zu letzteren wohl in
derselben Beziehung stehen wie die Pflanzensäuren mit zusammengesetztem
Radikal zu den mineralischen Säuren von einfacherer Zusammensetzung.
Dem Kalium würde also nach dieser noch heute geltenden Auffassung die
Gruppe NH4 entsprechen.
Selten ist die Chemie mit einer solchen Fülle neuer Tatsachen bereichert
worden, wie es innerhalb eines so kurzen Zeitraumes durch die Ergebnisse
der elektrochemischen Untersuchungen Davys geschah. In dem
galvanischen Strom hatte man das gewaltigste Agens für die chemische
Analyse kennen gelernt. Neben der zersetzenden Wirkung der Voltaschen
Säule wandte sich das Interesse in steigendem Maße auch den innerhalb der
Säule zwischen den Metallen und den angewandten Flüssigkeiten vor sich
gehenden chemischen Veränderungen zu. Während man letztere zuerst als
etwas Nebensächliches betrachtet hatte, begann man jetzt in dem innerhalb
der Kette sich abspielenden chemischen Vorgang die Ursache des
elektrischen Stromes zu erblicken.
Zwar erkannte schon Davy, daß nicht jeder chemische Vorgang
elektromotorisch wirksam ist. Wurde Eisen in Sauerstoff verbrannt, während
das Metall mit einem Elektrometer verbunden war, so erhielt letzteres
während des Prozesses keine Spur von Ladung. Salpeter und Holzkohle
wirkten, während sie unter Verpuffung zur Verbindung gebracht wurden,
ebensowenig auf das Elektrometer. Auch bei der Verbindung von festem
Alkali und Schwefelsäure machte sich kein Auftreten von Elektrizität

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bemerkbar360. Trotzdem suchte Davy die chemische Verwandtschaft auf
elektrische Anziehungen und Abstoßungen zurückzuführen, so daß wir ihn
als den Begründer einer elektrischen Theorie der chemischen Verbindungen
betrachten müssen, einer Theorie, die ihren weiteren Ausbau durch
Berzelius erfuhr und nach der Aufnahme mancher Verbesserungen die
Grundlage für die neueren Anschauungen geworden ist.
Ursprünglich war Davy Anhänger der rein chemischen Theorie, während er
später gleichzeitig der Kontakttheorie Rechnung zu tragen suchte. Er nahm
nämlich an, daß die Atome bei ihrer Berührung entgegengesetzt elektrisch
würden und sich infolgedessen anzögen, während nach Berzelius eine
verschiedenartige elektrische Ladung den Atomen ursprünglich eigen ist und
sich bei ihrer Verbindung ausgleicht. »Alle Körper die sich chemisch
miteinander verbinden,« so führt Davy seine Ansicht des näheren aus,
»geben bei ihrer Berührung entgegengesetzte elektrische Zustände.
Angenommen die kleinsten elementaren Teilchen können sich frei bewegen,
so werden sie sich deshalb infolge ihrer bei der Berührung auftretenden
elektrischen Kräfte anziehen müssen.« Davy meint, der Zusammenhang der
Elektrizität mit der chemischen Verwandtschaft liege also ziemlich klar
zutage. Man dürfe vielleicht annehmen, daß beide im Grunde genommen
dasselbe seien. Daraus erklärt sich das Problem, das Davy aufwirft, nämlich
»eine Stufenleiter der elektrischen Kräfte der Körper aufzufinden, wie sie
den Graden der Verwandtschaft entsprechen361.« Auch dieser Gedanke
Davys ist in der Folge, nachdem man eine Untersuchung der Beziehungen
zwischen dem elektrischen und dem chemischen Potential in Angriff
genommen, von großer Tragweite gewesen362.
Auch die Wärme- und die Lichtwirkung der galvanischen Elektrizität
konnten, als man die Zahl der Platten vergrößerte, nicht verborgen bleiben.
Daß beim Öffnen und Schließen des galvanischen Stromes mehr oder
minder kräftige Funken auftreten, gehörte zu den ersten Beobachtungen, die
man an den neuen Apparaten machte. Als Davy den Strom seiner aus
einigen hundert Plattenpaaren zusammengesetzten Batterie durch Alkali
leitete, war die Wärmewirkung groß genug, um letzteres zu schmelzen. Und
als derselbe Forscher später eine Batterie von 2000 Elementen benutzte,
zeigte sich an der Unterbrechungsstelle, zumal bei Anwendung von
Kohlenspitzen, ein äußerst blendendes Licht, das jedoch erst in der neueren
Zeit, seitdem man billigere Elektrizitätsquellen kennen gelernt hatte, als
Bogenlicht zu Beleuchtungszwecken Verwendung finden konnte. Es ist nicht

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ganz zutreffend, Davy als den Entdecker des Bogenlichtes zu bezeichnen.
Dem Öffnungsfunken hatte sich schon länger das Interesse der Physiker
zugewandt. Man hatte sein Zustandekommen aus dem Auftreten
erglühender, abgerissener Metallteilchen erklärt und auch den einen Pol mit
einem Kohlenstift verbunden, um dadurch stärkere Funken zu erhalten. Der
erste, der zwei Kohlenstifte anwandte und so im Jahre 1820 ein Licht
erzielte, das die Augen der Zuschauer blendete, war de la Rive. Davy
machte seinen Versuch erst ein Jahr später bekannt363. Und es ist nicht einmal
sicher, ob er unabhängig von de la Rive, der mit 380 Elementen
experimentierte, auf den Gedanken gekommen ist, zwei Kohlenspitzen zu
verwenden.
Als Davy die Kohlenspitzen nach der Unterbrechung des Stromes
untersuchte, fand er, daß die mit dem positiven Pol verbundene Spitze
ausgehöhlt, der gegenüberstehende Kohlenstift dagegen zugespitzt erschien.
Es hatte somit eine Wanderung der Kohlenteilchen vom positiven zum
negativen Pole stattgefunden. Dies zeigte sich noch deutlicher, als Davy die
Verbrennung der hinüberwandernden Teilchen dadurch aufhob, daß er den
Lichtbogen im luftleeren Raum entstehen ließ.
Viele Entdeckungen Davys sind dem praktischen Leben zugute gekommen.
Während seine Sicherheitslampe die Zahl der in den Kohlengruben
stattfindenden Unglücksfälle erheblich verringerte, zeigte später das von ihm
entdeckte Kalium dem in dunkler Nacht ins Meer gespülten Schiffer den
Weg zur Rettung364. Zu erwähnen sind auch Davys Untersuchungen über das
Leitungsvermögen. Er zeigte, daß dieses mit steigender Temperatur abnimmt
und daß die schlechten Leiter leichter erglühen als die besseren. Um dies in
augenfälliger Weise darzutun, verfertigte Davy eine Kette, deren Glieder
abwechselnd aus Silber- und aus Platindraht bestanden. Leitete er durch
diese Kette einen elektrischen Strom von zunehmender Stärke, so konnte er
bewirken, daß die Platinstücke glühten, während das Silber kalt blieb, ein
Experiment, das noch heute zu den beliebtesten Vorlesungsversuchen gehört.
Nach ihrem Leitungsvermögen ordnete Davy, mit dem schlechtesten Leiter
beginnend, die bekannten Metalle in folgende Reihe: Eisen, Platin, Zinn,
Zink, Gold, Kupfer, Silber. Daß das Leitungsvermögen nicht von der Größe
der Oberfläche, sondern von der Größe des Querschnitts abhängt, bewies er
auf folgende Weise. Er ließ einen zylindrischen Draht, dessen Leitfähigkeit
er geprüft hatte, zu einem Bande auswalzen. Obgleich die Oberfläche

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dadurch sechsmal so groß geworden war, besaß der Draht noch dasselbe
Leitungsvermögen. Endlich ging aus Davys Untersuchung noch hervor, daß
das Leitungsvermögen der Länge des eingeschalteten Drahtes umgekehrt
proportional ist.
Für Davys unvergleichliche Leistungen ist ihm reiche Anerkennung zuteil
geworden. Napoleon verlieh, obgleich er damals mit England im Kriege lag,
dem genialen Manne einen jener Preise, die er für hervorragende Arbeiten
auf dem Gebiete der galvanischen Elektrizität gestiftet hatte. In seinem
Vaterlande wurde Davy geadelt und zum Präsidenten der Royal Society
gewählt, ein Amt, das er bekleidete, bis zunehmende Schwäche des Körpers
ihn zum Rücktritt zwang. Auf einer zur Wiederherstellung der Gesundheit
unternommenen Reise verschlimmerte sich sein Leiden. Er starb in Genf am
29. Mai des Jahres 1829365.

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14. Die Erforschung der elektromagnetischen und der
elektrodynamischen Grunderscheinungen.
Die ersten Beobachtungen, die auf eine Beziehung zwischen der
galvanischen Elektrizität und dem Magnetismus hindeuteten, wurden
gleichfalls von Davy gemacht. Er fand nämlich, daß der zwischen den
Kohleelektroden erzeugte Lichtbogen durch die Pole eines starken Magneten
angezogen und abgestoßen wird, ja sogar in eine Drehung versetzt werden
kann366. Besonders schön gelang dieser Versuch, wenn der Bogen sich im
luftverdünnten Raum befand und darin auf eine Länge von 3-4 Zoll gebracht
war. Es lag nahe, nun auch umgekehrt die Wirkung eines Stromes auf einen
beweglich angebrachten Magneten nachzuweisen. Dies gelang dem
dänischen Physiker Oersted.
Hans Christian Oersted wurde am 14. August des Jahres 1777 auf
Langeland geboren. Er war zunächst wie sein Vater Apotheker. Später wurde
er Professor der Physik an der Universität zu Kopenhagen. Oersted befaßte
sich besonders mit chemischen Versuchen. So stellte er zuerst
Chloraluminium her und ermöglichte dadurch Wöhler die Darstellung des
metallischen Aluminiums367. Oersted starb in Kopenhagen im Jahre 1851.
Seine so überaus wichtige Entdeckung des Elektromagnetismus datiert vom
21. Juli 1820. Sie ging aus Versuchen hervor, welche Oersted anstellte, um
die schon lange geahnte Beziehung zwischen den beiden so geheimnisvollen
Naturkräften nachzuweisen. Die Erzählung, daß sein Diener das Schwanken
der Nadel zufällig bemerkt und ihn darauf aufmerksam gemacht habe, ist
unter die wissenschaftlichen Legenden zu verweisen.
In einer 1820 an die hervorragendsten Physiker und Gesellschaften
gesandten kurzen Mitteilung368 berichtet Oersted über seine Versuche und
deren Ergebnisse. Er brachte ein geradliniges Stück eines vom galvanischen
Strom durchflossenen Drahtes in horizontaler Lage über eine gewöhnliche
Magnetnadel, so daß der Draht der Nadel parallel war. Die Magnetnadel kam
dann in Bewegung; und zwar wich ihr Nordpol, wenn er zum negativen Pole
des galvanischen Apparates zeigte, nach Westen ab. War die Entfernung des
Drahtes von der Magnetnadel nicht mehr als 5/4 Zoll, so betrug diese
Abweichung ungefähr 45°. Bei größerer Entfernung nahmen die Winkel ab.

Page 228

Auch war die Abweichung verschieden je nach der Stärke des galvanischen
Apparates.
Die Natur des Metalles hatte auf den Erfolg keinen Einfluß. Oersted hat
Drähte aus Platin, Gold, Silber, Messing und Eisen, ferner Zinn- und
Bleistreifen, sowie Quecksilber mit gleichem Erfolge angewandt. Der
stromdurchflossene Draht wirkte auf die Magnetnadel durch Glas, Metalle,
Holz, Wasser und Harz, durch Tongefäße und durch Steine hindurch. Als
Oersted zwischen den Leiter und die Nadel eine Glastafel, eine Metallplatte
oder ein Brett gebracht hatte, blieb der Erfolg nicht aus. Selbst alle drei
Substanzen vereinigt schienen die Wirkung kaum zu schwächen;
ebensowenig ein irdenes Gefäß, selbst wenn es voll Wasser war. Die
erwähnten Wirkungen traten sogar ein, als Oersted eine Magnetnadel
anwandte, die sich in einer mit Wasser gefüllten Messingbüchse befand.
Wenn der Leiter in einer horizontalen Ebene unter der Magnetnadel
angebracht war, so gingen alle angegebenen Wirkungen nach
entgegengesetzter Richtung vor sich. Drehte er den Leiter in der
horizontalen Ebene, so daß er allmählich immer größere Winkel mit dem
magnetischen Meridian machte, so wurde die Abweichung der Magnetnadel
vom magnetischen Meridian vermehrt, wenn das Drehen des Drahtes der
Lage der Magnetnadel zu gerichtet war. Die Abweichung nahm dagegen ab,
wenn die Drehung von der Magnetnadel fort erfolgte. Hiervon ausgehend
verfertigte Pouillet im Jahre 1837 die zur Messung der Stromstärke
dienende Sinusboussole. Bei diesem Apparat wird der Leiter so lange
gedreht, bis er mit der Nadel wieder in eine Ebene fällt. Die Stromstärke ist
dann dem Sinus des Drehungswinkels proportional.
Oersted folgerte aus seinen Versuchen, daß der Strom »nicht in dem Draht
eingeschlossen ist, sondern sich zugleich in dem umgebenden Raum weithin
ausbreitet«.
Die Kunde von Oersteds großer Entdeckung nahm, weil Oersted allen
namhaften Physikern seine Abhandlung zugehen ließ, sofort die
wissenschaftliche Welt in Anspruch. Überall wurden seine Versuche
nachgeprüft, bestätigt und durch neue Entdeckungen vervollständigt. So fand
Gay-Lussac sofort, daß der Strom den Magneten nicht nur ablenkt, sondern
eine vorher unmagnetische Stahlnadel in einen Magneten verwandelt. Die
magnetisierende Wirkung zeigte sich besonders, wenn die Nadel in eine vom
galvanischen Strom durchflossene Drahtspirale gebracht wurde. Gay-

Page 229

Lussac wurde dadurch auf den Gedanken gebracht, daß der
stromdurchflossene Leiter selbst als ein Magnet betrachtet werden könne.
Infolgedessen entdeckte er die anziehende Wirkung, welche der Leiter auf
Eisenfeilspäne ausübt. Die gleiche Entdeckung machte unabhängig von
Gay-Lussac der deutsche Physiker Seebeck.
Besonders durch die Arbeiten Seebecks fanden diejenigen Oersteds ihre
Fortsetzung. Seebeck gab noch im Jahre der Oerstedschen Entdeckung
und im darauffolgenden Jahre 1821 seine Versuche ȟber den Magnetismus
der galvanischen Kette« bekannt369.
Thomas Johann Seebeck, dessen Hauptverdienst die später zu
besprechende Entdeckung der Thermoelektrizität ist, wurde am 9. April
1770 in Reval, wo sein Vater Kaufmann war, geboren. Seebeck studierte
Medizin und lebte von 1802 bis 1810 in Jena, wo er auch mit Goethe in
wissenschaftlichem Verkehr stand. Nachdem Seebeck zum Mitglied der
Preußischen Akademie der Wissenschaften ernannt war, siedelte er nach
Berlin über. Er starb am 10. Dezember des Jahres 1831.
In Seebecks Arbeit »Über den Magnetismus der galvanischen Kette« wurde
die magnetische Wirkung, die sich Oersted in der Umgebung des
Stromleiters gezeigt hatte, eingehender untersucht. Das magnetische Feld
oder, wie Seebeck sich ausdrückte, »die magnetische Atmosphäre«, wurde
besonders durch die so bekannt gewordenen Versuche mit Eisenfeilspänen
nachgewiesen und, wie es später Faraday tat, durch Kraftlinien dargestellt.
Seebeck zeigte, wie seine nebenstehende Abbildung erläutert, (s. Abb. 39),
daß sich Eisenfeilspäne um lotrecht gestellte Schließungsdrähte kreisförmig
ordnen. Er fand, daß die Späne konzentrische Kreise bilden, und zwar Kreise
von desto größerem Durchmesser, je stärker die Spannung ist. Über und
unter horizontal liegenden Stromleitern ordneten sich dagegen die Feilspäne
in parallelen, senkrecht zur Längsrichtung stehenden Linien. Diese
Feilstaub-Figuren bildeten sich am leichtesten um Stäbe von einigen Linien
Durchmesser, minder deutlich an dünnen Drähten.

Page 230

Abb. 39. Der Nachweis des magnetischen Feldes.

Page 231

Abb. 40. Der Nachweis der magnetischen Kraftlinien.

Auch die Beeinflussung der Kraftlinien des einen Leiters durch einen
benachbarten Leiter wies Seebeck zum ersten Male nach. Er bediente sich
dazu zweier stromdurchflossener Stahlbänder, deren Querschnitt in der
nebenstehenden, von ihm herrührenden Zeichnung durch die beiden dicken
Striche angedeutet ist370. Um diese Anordnung zu erhalten, brauchte er nur
ein längeres Stahlband zu biegen und durch die beiden parallel zu einander
verlaufenden Schenkel des Bogens den Strom zu senden. Waren die
Schenkel dieses Bogens erheblich von einander entfernt, so ordnete sich der
Eisenstaub um jeden Schenkel kreisförmig. Wurden sie jedoch einander
genähert, so änderte sich der Verlauf der »magnetischen Linien«. Sie
nahmen das in der Abbildung 40 dargestellte Aussehen an.
Fast gleichzeitig mit dem französischen Physiker Arago, dem die Priorität
gebührt, beobachtete Seebeck Erscheinungen, die man zunächst den
bisherigen Forschungsergebnissen nicht anzugliedern vermochte und die erst
in der neuen, durch Faradays Entdeckung der Induktion herbeigeführten
Epoche der Elektrizitätslehre ihre Erklärung fanden. Es handelte sich um
Vorgänge, die man später mit dem Worte »Dämpfung« bezeichnet hat. Am 9.
Juni 1825 veröffentlichte Seebeck eine Abhandlung, in der das Theorem
der Dämpfung folgenden klaren Ausdruck fand:
1. Die Pendelschwingungen eines Magnetstabes werden durch benachbarte
Metallmassen ebenso gehemmt, als wenn eine dichtere Luft den Stab
umgäbe.
2. Schwingt eine Kupfermasse über oder zwischen den Polen eines
Magneten pendelförmig, so wird sie früher eine Verminderung der
Schwingungsweite erleiden als eine frei schwebende Kupfermasse.
Auch die Versuche Seebecks über Stromverzweigung gehören zu den
ersten auf diesem Gebiete.
Einer Wirkung des Stromes auf den Magneten, wie sie Oersted entdeckt
hatte, mußte nach dem von Newton ausgesprochenen Grundgesetz eine
gleichgroße Gegenwirkung des Magneten auf den Strom entsprechen. Von
diesem Gedanken geleitet, bemühte sich der französische Physiker Ampère
eine Beziehung zwischen der Elektrizität und dem Magnetismus
nachzuweisen.

Page 232

André-Marie Ampère wurde am 20. Januar 1775 in Lyon geboren, wo sein
Vater Kaufmann war. Ampère verriet schon frühzeitig eine ganz
hervorragende mathematisch-naturwissenschaftliche Befähigung. Mit elf
Jahren beherrschte er die Elementarmathematik, und als zwölfjähriger
Knabe wurde er mit der Differentialrechnung bekannt. Später vertiefte er
sich in die Werke von Lagrange, Euler und Bernoulli.
Eine jähe Unterbrechung erlitt dieser so vielversprechende Studiengang
durch die französische Revolution. Ampères Vater wurde ein Opfer der
auch in Lyon errichteten, in zahllosen politischen Morden ihre Betätigung
suchenden Schreckensherrschaft. Dies Ereignis machte auf den jungen
Ampère einen solch niederschmetternden Eindruck, daß er ein volles Jahr
in dumpfer Verzweiflung dahinbrütete. Erst als Rousseaus Briefe über die
Botanik371 in seine Hände gerieten, belebte sich sein Sinn für die
Wissenschaft aufs Neue.
Im Jahre 1802 veröffentlichte Ampère Betrachtungen über die
mathematische Theorie des Spiels. Die Schrift lenkte die Aufmerksamkeit
des großen Astronomen und Geodäten Delambre auf ihn und hatte seine
Anstellung in Lyon, wo Ampère am Lyceum Mathematik zu lehren hatte,
und später (1805) seine Berufung nach Paris zur Folge. Hier hatte Ampère
an der polytechnischen Schule Differential- und Integralrechnung zu lehren.
Gleichzeitig befaßte er sich mit den Problemen der Naturwissenschaften und
der Philosophie.
Die Anregung, sich sehr eingebend und fast ausschließlich mit der
Erforschung der elektrischen Erscheinungen zu beschäftigen, empfing
Ampère durch Oersteds Entdeckung der Wirkung des Stromes auf den
Magneten. Im Herbst des Jahres 1820, bald nach Empfang der
Oerstedschen Mitteilung, prüfte Ampère Oersteds Versuche nach. Und
eine Woche später konnte er schon mit wichtigen eigenen Entdeckungen
hervortreten, die er in seiner berühmten, für das Gebiet der Elektrodynamik
grundlegend gewordenen Abhandlung desselben Jahres veröffentlichte372.
In dieser Abhandlung führte Ampère die wichtige, seitdem allgemein üblich
gewordene Bestimmung ein, als Richtung des Stromes diejenige der
strömenden positiven Elektrizität zu betrachten. Dann folgt seine
bekannte Regel, nach welcher die Richtung des Stromes aus der Ablenkung
der Nadel sich mit Leichtigkeit bestimmen läßt. Sie lautet: »Man denke
sich in den elektrischen Strom versetzt, sodaß dessen Richtung

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von den Füßen zum Kopfe geht und habe das Gesicht der Nadel
zugekehrt, dann ist der Pol der Nadel, der nach Norden zeigt,
stets durch die ausgestreckte linke Hand gegeben.« (Ampères
Schwimmerregel 373).
Um den Einfluß eines Magneten auf den Strom nachzuweisen, kam Ampère
auf den Gedanken, den Stromleiter beweglich zu machen. Dies gelang in der
in Abb. 41 angegebenen Weise, eine Abbildung, die wir dem von Ampère
und Babinet im Jahre 1822 gegebenen Bericht374 über Ampères
Entdeckungen entnehmen. Dieser Bericht wurde auch der nachfolgenden
Darstellung der Ampèreschen Forschungsergebnisse zu Grunde gelegt. Der
Stromleiter wurde, wie die Abbildung 41 zeigt, dadurch leicht beweglich
gemacht, daß man ihn in die Form eines Quadrats oder Rechtecks (DFGM)
brachte. An beide Enden des Drahtes wurden bei A und B senkrechte
Stahlspitzen angelötet. Diese Spitzen tauchen in die etwas Quecksilber
enthaltenden Näpfchen neben A und B. Der Strom tritt bei der mit dem
positiven Ende der Säule verbundenen Kapsel Z in den Apparat ein,
durchfließt den gebogenen Schaft ZA und gelangt in die Kapsel A, in
welcher das Quecksilber die Verbindung mit dem beweglichen Drahtbügel
herstellt. Dieser wird dann in der Richtung ADFGMB durchflossen. In dem
mit Quecksilber gefüllten Napfe B verläßt der Strom den Bügel und geht
durch einen zweiten gebogenen Schaft Q zu der Kapsel C, die mit dem
negativen Ende der Säule in Verbindung steht.

Abb. 41. Ampères beweglicher Stromleiter375

Page 234

Abb. 42. Ampères Vorrichtung zum Aufhängen seines beweglichen
Stromleiters376

Mit Hilfe dieser sinnreichen Vorrichtung zeigte Ampère folgendes: Ließ er
einen Magneten auf den beweglichen Leiter wirken, so fand er, daß der
Leiter nach einigen Schwingungen in einer Lage zur Ruhe kommt, in
welcher er mit der Verbindungslinie der Pole einen rechten Winkel bildet.
Dabei bemerkte Ampère, daß sich der Südpol des Magneten nach
Einnahme der Ruhelage stets zur Linken des Stromes befindet.

Page 235

Abb. 43. Ampères Apparat zum Nachweis, daß sich ein Stromleiter senkrecht
zur Inklinationsnadel einstellt377.

Ampère zeigte darauf, daß infolgedessen der Leiter, wenn nur der
Erdmagnetismus auf ihn wirkt, eine Stellung einnimmt, in welcher seine
Ebene den magnetischen Meridian senkrecht schneidet378. Diese Entdeckung
erregte ein Aufsehen wie wenig andere379. Ampère beschreibt sie mit
folgenden Worten: »Hängt man in der in Abbildung 41 dargestellten Weise
einen beweglichen Leiter auf, ohne daß in der Nähe dieses Leiters ein
anderer Teil des Stromkreises sich befindet. (Wir müssen uns also in der
Abbildung 41 das Drahtstück CILB, das auf den beweglichen Bügel einen
richtenden Einfluß ausübt, entfernt denken), verbindet man hierauf die

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Kapseln C und Z mit den Polen der galvanischen Batterie, so sieht man den
Bügel sich drehen, bis seine Ebene zu derjenigen des magnetischen
Meridians NS senkrecht steht und der Strom in dem unteren Teil des Leiters,
also in FG, von Ost nach West gerichtet ist, das Südende der Magnetnadel
also zur Linken liegt.« Ließ Ampère den Strom in umgekehrter Richtung
durch den Bügel gehen, so drehte sich dieser um einen Halbkreis zurück, um
endlich nach einigen Schwingungen sich wieder senkrecht zur Richtung NS
einzustellen.
Eine der Neigung der Magnetnadel entsprechende Wirkung rief Ampère
durch den in nebenstehender Abbildung 43 wiedergegebenen Apparat
hervor. Der rechteckig gebogene Leiter ABCDEF, der durch einen
Holzkörper VIZ daran gehindert wird, daß er sich biegt, wurde so
angebracht, daß er sich um eine horizontale Achse XY drehen kann. Die
Teile des Leiters waren so abgeglichen, daß in jeder Lage Gleichgewicht
vorhanden war. Die Achse XY wurde dann senkrecht zum magnetischen
Meridian gestellt und der Strom durch das Rechteck geleitet. Letzteres kam
in Bewegung, nahm aber endlich eine Ruhelage ein, in welcher seine Ebene
zur Richtung der Inklinationsnadel senkrecht stand.
Fast noch merkwürdiger als diese Resultate war der von Ampère kurze Zeit
nach der Entdeckung Oersteds erbrachte Nachweis, daß zwei galvanische
Ströme anziehend oder abstoßend auf einander wirken, je nachdem sie
gleich oder entgegengesetzt gerichtet sind.
Wie durch einen Magneten und durch den Erdmagnetismus so wurde
nämlich auch durch einen benachbarten Strom der bewegliche Leiter in
Drehung versetzt. Die zum Nachweis dieses Verhaltens erforderliche
Versuchsanordnung zeigt uns Abbildung 41. Nachdem der Strom den
rechteckigen Bügel durchlaufen hat, wird er von C aus über IL parallel zur
Seite DF des Bügels abwärts geführt. Durch die parallelen Metalldrähte IL
und DF laufen somit gleichgerichtete elektrische Ströme. Und es zeigt sich,
daß zwischen ihnen Anziehung stattfindet. Der Bügel dreht sich nämlich
solange, bis die Seite DF dem Drahtstück IL möglichst nahe gekommen ist.
Wird der Bügel um 180° gedreht, so daß das Stück MG, in welchem der
Strom von unten nach oben fließt, sich dem in entgegengesetzter Richtung
durchflossenen Leiter IL gegenüber befindet, so erfolgt Abstoßung.
Kurz gefaßt lautet das so wichtige, von Ampère gefundene Grundgesetz der
Elektrodynamik: Zwei parallel und gleichgerichtete Ströme ziehen

Page 237

einander an, während zwei parallel und entgegengesetzt
gerichtete Ströme einander abstoßen.
Die im ersteren Falle auftretenden anziehenden Kräfte zeigten sich als so
beträchtlich, daß zwei von gleichgerichteten Strömen durchflossene
Drahtstücke, zur Berührung gebracht, fest aneinander hafteten.
Ampère wurde anfangs entgegengehalten, daß es sich hier um die längst
bekannten Erscheinungen der Anziehung und Abstoßung elektrisierter
Körper handle. Diesen Einwurf vermochte Ampère indessen schon durch
den Hinweis zu entkräften, daß sich entgegengesetzt elektrisierte Körper
anziehen, während sich entgegengesetzt gerichtete Ströme abstoßen.
Wenn wir die in den vorstehenden Abschnitten in aller Kürze und mit
Fortlassung zahlreicher Abänderungen und Nebenergebnisse dargestellten
großen Entdeckungen Ampères überblicken, müssen wir anerkennen, daß
hier eine Reihe von sinnvollen, logisch verknüpften und grundlegenden
Versuchen vorliegt, wie sie vorher kaum und nachher nur selten uns wieder
begegnen. Mit Recht hat man daher Ampères Fundamentaluntersuchung
über den Zusammenhang zwischen den magnetischen und den elektrischen
Erscheinungen als eins der hervorragendsten Muster einer
wissenschaftlichen Untersuchung bezeichnet .
380

Nach der experimentellen Erforschung der elektrodynamischen
Grunderscheinungen galt es, auch hier einen mathematischen Ausdruck für
die dabei obwaltenden quantitativen Beziehungen zu finden, ähnlich wie es
Coulomb für das Gebiet der statischen Elektrizität getan hatte. Diese
Aufgabe löste Ampère mit Hilfe des analytischen Kalküls. Er ging dabei
von zwei kleinen, irgendwo im Raume liegenden Stromelementen aus, deren
Länge er gleich ds und ds 1 setzte, während mit i und i1 die bezüglichen
Intensitäten der Ströme bezeichnet wurden. Die anziehende oder abstoßende
Kraft wurde proportional der Intensität und der Länge der Stromelemente
angenommen.
Den Abstand nannte Ampère r und setzte voraus, daß die Anziehung oder
Abstoßung im umgekehrten Verhältnis zu r oder einer Potenz von r erfolge.
Die weitere Untersuchung ergab, daß es sich nur um die zweite Potenz
handeln konnte. Der erste Ausdruck des von Ampère gesuchten
elektrodynamischen Grundgesetzes381 lautete somit für die Wirkung w,
welche die Stromelemente aufeinander ausüben:

Page 238

(i · i1 · ds, ds1)
w= .
r2
Dabei galt als Voraussetzung, daß die Stromelemente parallel gerichtet sind.
Für beliebig gerichtete Stromelemente ergab die Ableitung als
elektrodynamisches Grundgesetz für die Wechselwirkung der Elemente in
der Verbindungslinie ihrer Mittelpunkte

w=
i · i1 · ds · ds1
r2
( r
d2r
–
1 dr dr
.
ds · ds 2 ds ds1
1
)
An dieses von Ampère gefundene Gesetz anknüpfend, hat, wie wir sehen
werden, später Weber den allgemeinsten Ausdruck für das
elektrodynamische Grundgesetz abgeleitet. Bezüglich der Ableitung des
Ampèreschen Gesetzes muß auf die Originalabhandlung oder auf ein
Handbuch der Physik verwiesen werden382.
Wir sahen, zu welcher Fülle von Beobachtungen und Folgerungen der
Kunstgriff dem Stromleiter die Form eines leicht beweglichen Bügels zu
geben, Ampère geführt hat. Es war nun ein naheliegender, sehr fruchtbarer
Gedanke, der sich Ampère fast aufdrängen mußte, an Stelle des nur eine
Windung darstellenden rechteckigen oder kreisförmigen Bügels einen
vielfach gewundenen beweglichen Leiter, den Schraubendraht oder nach
Ampères Bezeichnung das Solenoid, in die experimentelle Physik
einzuführen.
Die von ihm entdeckten Beziehungen zwischen der Elektrizität und dem
Magnetismus führten Ampère zu der Auffassung, die Teilchen eines
Magneten seien von galvanischen Strömen umflossen und das Magnetisieren
sei nichts weiter als ein Parallelmachen jener molekularen Ströme. Ein
dieser Auffassung entsprechendes Bild des Magneten gibt Ampères
Solenoid, jene beweglich aufgehängte, vom Strom durchflossene
Drahtspirale. Letztere stellt sich den von Ampère entdeckten Gesetzen
zufolge so ein, daß ihre Achse mit dem magnetischen Meridian
zusammenfällt.
Um das weitere Verhalten der Solenoide kennen zu lernen, galt es, die
Wirkung des Erdmagnetismus auszuschalten. Dies erreichte Ampère durch
die in umstehender Abbildung 44 dargestellte Versuchsanordnung. Der
Leiter ABCDEF ist ein einziger Draht, der mit seinen Enden A und F in der

Page 239

bekannten Ampèreschen Aufhängevorrichtung angebracht werden kann.
Von A ist der Draht nach der Mitte einer Röhre geführt und dann um diese
nach links gewunden. Nach einigen größeren Windungen wird der Draht
durch die Röhre nach dem rechten Ende D und von hier in entgegengesetzt
verlaufenden Windungen nach der Mitte und schließlich nach F
zurückgeführt. Infolge dieser Anordnung der Windungen sucht der
Erdmagnetismus ein derartiges Solenoid entgegengesetzt zu drehen und
kann ihm folglich keine Bewegung mitteilen.
Dies Solenoid verhielt sich einem Magneten gegenüber genau so wie ein
zweiter Magnet. Wurde ein und derselbe Pol des Magneten nacheinander
den beiden Enden des Solenoids genähert, so zog er das eine Ende an,
während er das andere abstieß. Wurde die Spirale befestigt und ein
beweglicher Magnet herangebracht, so fand gleichfalls Anziehung und
Abstoßung statt.
Versuche mit zwei Solenoiden ergaben, daß ihre Pole den
elektrodynamischen Gesetzen zufolge eine abstoßende oder anziehende
Wirkung äußern, je nachdem das Kreisen der Ströme an den gegenüber
befindlichen Enden in entgegengesetzter oder in gleicher Richtung erfolgt.
Ein vorübergeführter Strom lenkte eine solche Spirale nach der von
Ampère aufgestellten Schwimmerregel ab. Kurz, das Solenoid verhielt sich,
wie Ampère zur Bekräftigung seiner Theorie zeigen wollte, in jeder
Hinsicht wie ein wahrer Magnet.

Page 240

Abb. 44. Ampères von dem Einfluß des Erdmagnetismus befreites Solenoid383.

Page 241

Abb. 45. Ampères astatische Magnetnadel384

Wie Ampère den Erdmagnetismus bei der Konstruktion seiner Solenoide
auszuschalten vermochte (siehe Abb. 44), so gelang es ihm durch eine
ähnliche geschickte Anordnung diese Kraft bei der Magnetnadel auf ein sehr
kleines Maß zurückzuführen und der Nadel dadurch einen sehr hohen Grad
von Empfindlichkeit gegenüber dem elektrischen Strome zu verleihen.
Ampère verband nämlich, wie es die seiner Schrift entnommene Abbildung
45 zeigt, zwei gleiche, getrennte und annähernd gleich starke Magnetnadeln
in der Weise, daß die gleichnamigen Pole entgegengesetzt gerichtet waren.
So wurde die richtende Kraft der Erde auf die eine Nadel durch die
entgegengesetzte Wirkung, welche diese Kraft auf die andere Nadel ausübt,
nahezu aufgehoben385.
Bestand die Ursache des Magnetismus, wie Ampère annahm, in
elektrischen Strömen, welche den Magneten senkrecht zur magnetischen
Achse umkreisen, so mußte der Erdmagnetismus aus der gleichen Ursache
erklärt werden. Ampère setzte deshalb ein Strömen der Elektrizität um die
Erde voraus. Aus dem Verhalten der Solenoide zum Erdmagnetismus mußte

Page 242

man schließen, daß der Erdstrom von Ost nach West gerichtet und somit der
Bewegung der Erde entgegengesetzt sei. Ampère zweifelte nicht daran, daß
der Erdstrom und somit der Erdmagnetismus mit dieser Bewegung und der
dadurch bewirkten periodischen Erwärmung der Erdhälften durch die Sonne
in Beziehung zu setzen sei. Da zwei Körper von ein und derselben Natur,
verschieden erwärmt, galvanisch aufeinander wirken, sei es wahrscheinlich,
daß die Ströme der Erdkugel von der Erwärmung durch die Sonne
herrührten386. Zu ähnlichen Anschauungen gelangte auch Seebeck, der
Entdecker der Thermoelektrizität. Außer der Erwärmung durch die Sonne
nahm Ampère auch eine galvanische Wirkung der verschiedenartigen
Stoffe, aus denen die Erde besteht, zur Erklärung des Erdstroms in
Anspruch.
Zur selben Zeit, als Ampère seine epochemachenden Untersuchungen
anstellte, erfuhr die Lehre vom Elektromagnetismus auch manche
Bereicherung durch Arago.
Dominique François Jean Arago, einer der vielseitigsten französischen
Gelehrten, wurde am 26. Februar 1786 in der Nähe von Perpignan geboren.
Er studierte in Paris, wurde Professor der Mathematik und Geodäsie an der
dortigen polytechnischen Schule und gab mit Gay-Lussac die Annales de
Chimie et de Physique heraus. Er starb in Paris am 2. Oktober 1853.
Arago hat sich auf den Gebieten der Astronomie, der Optik und des
Elektromagnetismus die hervorragendsten Verdienste erworben.
So rührt von ihm das Verfahren her, Stahlnadeln dauernd zu magnetisieren,
indem man sie in eine vom Strom durchflossene Drahtspule (Solenoid)
einschließt. Um diese Wirkung auf Stahlnadeln zu erzielen, bedurfte es, wie
Arago des weiteren zeigte, nicht einmal der dauernden Wirkung des
galvanischen Stromes, sondern es genügte die einmalige, momentan
erfolgende Entladung einer Leydener Flasche.
Als Arago dem Schließungsdrahte einer Batterie Eisenfeilspäne näherte,
entdeckte er eine weitere elektromagnetische Wirkung, welche darin
bestand, daß die Eisenfeilspäne vom Drahte angezogen wurden. Diese
Beobachtungen führten Arago zu der auch Seebeck 387 beherrschenden
Vorstellung, daß ein vom Strom durchflossener Leiter selbst ein Magnet sei.
Die wichtigsten, zum Teil in Gemeinschaft mit Gay-Lussac gemachten

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Entdeckungen über die magnetisierende Wirkung des Stromes
veröffentlichte Arago im Jahre 1820388.
Einige Jahre später entdeckte Arago eine merkwürdige, zunächst ganz
unerklärliche Erscheinung, die er als Rotationsmagnetismus bezeichnete.
Arago fand nämlich, daß eine schwingende Magnetnadel über einer
Metallfläche viel schneller zur Ruhe kommt als über einem Nichtleiter, wie
Glas oder Marmor. Befand sich die Magnetnadel in der Ruhelage und setzte
er dann die Metallscheibe in Drehung, so erfolgte eine Ablenkung der Nadel
im Sinne der Rotation. Ja, die Nadel, konnte schließlich mit zur Rotation
gebracht werden. Auch zeigte es sich, daß der Magnet je nach seiner Lage
von der rotierenden Scheibe abgestoßen oder angezogen wurde389. Diese
Versuche Aragos blieben unerklärt, bis Faraday sie als Ausgangspunkt zur
Erforschung der Induktionserscheinungen benutzte390.

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15. Die Entdeckung der Thermoelektrizität.

Abb. 46. Die Entdeckung der Thermoelektrizität.

Kaum hatte man sich mit den hauptsächlichsten Wirkungen des galvanischen
Stromes vertraut gemacht, als man auch schon eine neue Art der
Elektrizitätserregung kennen lernte. Fast zur selben Zeit als Oersted und
Ampère ihre grundlegenden Versuche machten, entdeckte der deutsche
Physiker Seebeck die Stromerzeugung durch ungleichmäßige Erwärmung
eines aus verschiedenen Metallen bestehenden Kreises. Seebeck 391 war auf
den Gedanken gekommen, ob auch zwei Metalle für sich, ohne die
Mitwirkung eines feuchten Leiters einen Strom hervorrufen könnten. Als
Seebeck eine Wismutscheibe (Abb. 46 B) unmittelbar auf eine
Kupferscheibe K legte und beide Scheiben zwischen die Enden ab eines im
magnetischen Meridian liegenden, spiralförmig gewundenen Kupferstreifens
brachte, zeigte die in der Spirale befindliche Magnetnadel (ns) bei der
Schließung des Kreises eine deutliche Ablenkung. Dies war ein Beweis, daß
hierbei ein elektrischer Ausgleich stattfand. Die Wirkung war am stärksten,
wenn die Schließung unmittelbar mit der Hand bewirkt wurde; sie blieb
dagegen aus, wenn man sich beim Zusammendrücken einer Glasstange oder
eines längeren Holzstückes bediente, während sich noch eine schwache
Wirkung zeigte, wenn man dünne Zwischenkörper anwandte392. Es fiel aber
jede Wirkung auf die Magnetnadel weg, wenn Seebeck die Enden der
Spirale mit einer zwei Fuß langen Glas-, Holz- oder Metallstange auf die
Wismutscheibe niederdrückte. Nach diesen Beobachtungen mußte sich der
Gedanke aufdrängen, daß nur die Wärme die sich der berührten Stelle von
der Hand mitteilt, die Ursache jenes durch den Ausschlag der Nadel sich
verratenden elektrischen Ausgleichs ist. Danach war zu erwarten, daß ein
höherer Grad der Temperatur als derjenige, welcher den Metallen durch die
Berührung mitgeteilt wurde, auch eine größere Wirkung hervorrufen werde.

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Der Versuch bestätigte dies. Wurden Wismut- oder Antimonscheiben an dem
einen Ende erwärmt und dann mit der Spirale in Berührung gebracht, so war
die Abweichung der Nadel viel bedeutender als bei den früheren Versuchen.
Künstliche Abkühlung eines der beiden Berührungspunkte ergab denselben
Erfolg. Eine Wismutstange, deren Ende in einer Mischung von Salz und
Schnee abgekühlt wurde, während das andere Ende die gewöhnliche
Temperatur besaß, verhielt sich in Verbindung mit der Kupferspirale ganz so,
als wenn der Temperaturunterschied beider Enden durch Erwärmung
hervorgerufen worden wäre. Der Ausschlag der Nadel betrug beim Schließen
des Kreises dreißig Grad.

Abb. 47. Seebecks Thermoelement.

Die Wirkung dieser metallischen Ketten war um so stärker, je größer der
Temperaturunterschied an den Berührungspunkten der verschiedenartigen
Metalle war. Wurde ein Blatt Papier oder eine Haut zwischen die beiden
Metalle geschoben, z. B. zwischen Antimon und Kupfer in a (Abb. 47),
während der Berührungspunkt b mit einer Weingeistlampe erwärmt wurde,
so zeigte sich gar keine Wirkung auf die Magnetnadel ns. Unmittelbare
Berührung der Metalle war demnach eine wesentliche Bedingung, um
Elektrizität durch Temperaturdifferenz zu erzeugen. Je vollkommener
Seebeck diese Verbindung herstellte, desto stärker zeigte sich die Wirkung.
Apparate, in welchen Stäbe von Antimon und Wismut durch Lötung
verbunden waren, zeigten bei gleicher Temperaturdifferenz eine weit
stärkere Ablenkung der Nadel als solche, in denen sich die Metalle nur
äußerlich berührten.
Auch gelegentlich der Entdeckung der Thermoelektrizität ergab es sich, daß
die Entdeckung neuer Wirkungen und Beziehungen in der Regel zunächst in
ihrer Tragweite überschätzt wird. So glaubte Seebeck den Erdmagnetismus

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aus der durch vulkanische Wärme hervorgerufenen ungleichen Erwärmung
der Erdkugel erklären zu können. Eine Verwendung fanden die
Thermoströme nach zwei Richtungen, nämlich als Stromquelle und zum
Messen der Temperaturen.
Da die innige Berührung der Metalle neben dem Vorhandensein eines
Temperaturunterschieds die wesentliche Bedingung des Gelingens war, hatte
Seebeck seine Stäbe zusammengelötet und so das erste Thermoelement
geschaffen. War dieses zunächst auch nicht geeignet, einen ergiebigen Strom
zu liefern, so wurde es doch im Jahre 1834 in den Händen Nobilis, der eine
Anzahl solcher Elemente zur Thermosäule vereinigte, zu einem brauchbaren
Instrument, um Wärmestrahlungen nachzuweisen und durch den Ausschlag
eines empfindlichen Galvanometers zu messen. Ein solches erhielt Nobili,
als er nach dem Vorgang Ampères zwei Nadeln von nahezu gleicher
magnetischer Stärke zu einem astatischen Nadelpaare verband393. Mit dieser
unter dem Namen des Thermomultiplikators bekannten Vereinigung beider
Apparate hat später Melloni seine Versuche über die Wärmestrahlung
angestellt394. Zum Messen der Körperwärme wurde seit 1840 etwa ein
Thermoelement aus schwerer schmelzbaren Metallen, gewöhnlich Eisen und
Neusilber, gebraucht, dessen Lötstelle man in den Körper steckte.
Eine andere Verwertung der Thermoströme suchte schon Seebeck
anzubahnen, indem er aus mehreren, hintereinander geschalteten Elementen
eine thermoelektrische Säule konstruierte. Doch fand er, daß die erhaltene
Stromstärke nicht proportional der Anzahl der erwärmten Berührungsstellen
wuchs. Es schien vielmehr ein Teil verloren zu gehen. Seitdem sind viele
Thermosäulen konstruiert worden, so die von Noë aus Neusilberdrähten und
Stäben einer Zinkantimonlegierung und neuerdings diejenige von Gülcher,
der Antimon und Kupfer verwendet. Zur Erzeugung starker Ströme haben
sich alle ersonnenen Einrichtungen jedoch nicht brauchbar erwiesen. Sie
haben vor den galvanischen Elementen nur die bequemere Handhabung und
eine größere Beständigkeit voraus.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den Inhalt der letzten Abschnitte, so
finden wir, daß zu Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts die
wesentlichsten Gebiete der Elektrizitätslehre mit Ausnahme der Induktion
erschlossen waren. Die Entdeckung der letzteren sollte der unvergleichlichen
Experimentierkunst eines Faraday vorbehalten bleiben, mit dessen
grundlegenden Arbeiten wir uns im nächsten Bande beschäftigen werden.

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16. Der insbesondere durch Laplace und Herschel bewirkte
Aufschwung der Astronomie.
Eine so weitgehende Umgestaltung, beziehungsweise Erschließung neuer
Gebiete, wie sie die Chemie und die Physik erfuhren, hat die Astronomie um
die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert nicht aufzuweisen. Ihr Lehrgebäude
war durch die Arbeiten des 17. und des 18. Jahrhunderts so festbegründet,
daß es sich im wesentlichen nur noch um den Ausbau im einzelnen und
späterhin um eine Anwendung der physikalischen und chemischen
Forschungsergebnisse auf kosmische Erscheinungen handeln konnte.
Die Hauptvertreter der Astronomie waren gegen das Ende des 18. und zu
Beginn des 19. Jahrhunderts Laplace und Herschel. Während der erstere
seine Untersuchungen vorwiegend auf unser Planetensystem beschränkte
und hier das Erbe Newtons vervielfältigte, hat Herschel, wie Humboldt
sich einmal ausdrückt395, das Senkblei zuerst in die Tiefen des Himmels
geworfen. Wir werden ihn als den eigentlichen Begründer der Astronomie
der Fixsterne kennen lernen.
Pierre Simon Laplace wurde am 28. März 1749 in einer kleinen Stadt der
Normandie396 als der Sohn eines armen Landmannes geboren. Die
außerordentliche Begabung, die Laplace auszeichnete, leuchtet schon
daraus hervor, daß er von seinem 18. bis zur Vollendung des 20.
Lebensjahres mehrere Abhandlungen aus dem Gebiete der Integralrechnung
veröffentlichte, die ihm den Ruf eines bedeutenden Mathematikers
eintrugen.
Laplace wurde infolgedessen zum Lehrer der Mathematik ernannt. Als
solcher wirkte er zunächst in seiner Vaterstadt; bald darauf berief man ihn an
die Militärschule zu Paris. Seit dieser Zeit stellte Laplace seine
außerordentliche mathematische Befähigung vorzugsweise in den Dienst der
theoretischen Astronomie, die erst durch seine Untersuchungen in den Stand
gesetzt wurde, eine befriedigende Erklärung der in unserem Planetensystem
auftretenden säkularen Änderungen zu geben. Während manche Astronomen
schon geneigt waren, gewisser, bei der Bewegung der Planeten in die
Erscheinung tretender Umstände wegen eine nur annähernde Gültigkeit des

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Newtonschen Gravitationsgesetzes anzunehmen, lieferte Laplace, der sich
dabei auf die Vorarbeiten Eulers stützen konnte, den Nachweis, daß, unter
dem Gesichtspunkte des Problems von den drei Körpern, jene scheinbaren
Abweichungen von der Regel letztere erst vollauf bestätigen. Newton selbst
hatte nämlich nur die Bewegung eines Planeten um seinen Zentralkörper
untersucht und gezeigt, daß sie in einem Kegelschnitte erfolgen muß. Das
Problem der drei Körper war damit gegeben, daß bei dem Umlauf des
Mondes um die Erde der Einfluß der Sonne in Rechnung zu stellen ist, um
zu einer Übereinstimmung zwischen Theorie und Beobachtung zu gelangen.
Diese Untersuchung hatte schon Euler beschäftigt und ihn zu Ergebnissen
geführt, die später den von Tobias Mayer entworfenen Mondtafeln als
Unterlage dienten397. Das Hauptverdienst von Laplace bestand darin, daß er
das Problem von den drei Körpern auch auf die Planeten und die Kometen
ausdehnte und eine Theorie der Störungen, d. h. der Abweichungen, welche
diese Himmelskörper durch ihre wechselseitige Anziehung erfahren, lieferte.
Die strenge Lösung des Problems der drei Körper, die auch heute noch die
Kräfte der höheren Analysis übersteigt, vermochte Laplace jedoch nicht zu
geben.
Eine seiner frühesten Abhandlungen aus dem Bereich der theoretischen
Astronomie lieferte den wichtigen Nachweis, daß die mittlere Entfernung
der Planeten von der Sonne zwar Änderungen erleidet, im Mittel jedoch
konstant ist. Bald darauf wurde Laplace, kaum 24 Jahre alt, zum Mitglied
der Akademie der Wissenschaften gewählt. Nachdem er ein Lehramt an der
École normale erhalten, sehen wir ihn an den großen Aufgaben, mit denen
sich damals die französische Nation trotz der politischen Gärung
beschäftigte, den hervorragendsten Anteil nehmen. So gehörte Laplace der
aus dem Schoße der Akademie gewählten Kommission für Maß und
Gewicht an. Diese erhielt von der Nationalversammlung im Jahre 1790 den
Auftrag, eine unveränderliche Grundlage für ein neues Maß- und
Gewichtssystem in Vorschlag zu bringen. Die Bemühungen, das schon von
Huygens hierfür in Aussicht genommene Sekundenpendel zu wählen,
wurden durch Laplace gekreuzt. Letzterer, der offenbar eine neue
Gradmessung wünschte, bestimmte die Kommission, von dem
Meridianquadranten auszugehen. Die Akademie brachte daher im Jahre 1791
den zehnmillionsten Teil dieses Quadranten als Meter in Vorschlag.
Unter dem Vorsitz von Laplace wurde die École polytechnique, eine der
hervorragendsten Pflanzstätten der Wissenschaft und Technik umgestaltet.

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Napoleon übertrug Laplace, den er sehr schätzte, sogar das Ministerium des
Innern und erhob ihn in den Grafenstand. Auch nach der Restauration wurde
Laplace mit Ehren überhäuft. Er schied am 5. März des Jahres 1827 mit
den Worten aus dem Leben: »Was wir wissen, ist wenig, aber was wir nicht
wissen, ist ungeheuer viel.«
Von den Schriften dieses größten Astronomen, den Frankreich
hervorgebracht, wurde später auf öffentliche Kosten eine Ausgabe
veranstaltet398. Die ersten fünf Bände enthalten das von 1799 bis 1825
erschienene Hauptwerk von Laplace, die »Mécanique céleste«. Ein
hervorragender Geschichtsschreiber der Astronomie399 bezeichnet es als »eine
unendlich ausgedehnte und bereicherte Ausgabe von Newtons Prinzipien«.
Nach einer Ableitung der aus dem Gravitationsgesetze folgenden
allgemeinen Gleichungen für die Bewegung der Himmelskörper entwickelte
Laplace in diesem Werke seine schon erwähnte Theorie der Störungen.
Hierbei boten ihm die Beobachtungen an den großen Planeten Saturn und
Jupiter, deren Ungleichheiten er auf den Einfluß, den diese Himmelskörper
aufeinander ausüben, zurückführte, sowie die Beobachtungen an den
Jupitermonden die willkommenste Unterlage für seine theoretischen
Erwägungen.
Da die Jupitertrabanten mit ihrem Zentralkörper ein Ganzes ausmachen, das
dem Planetensystem sehr ähnlich ist, die Umläufe hier aber in
verhältnismäßig kurzer Zeit erfolgen, so ließen diese Laplace in einem
kurzen Zeitraume alle jene großen Veränderungen erkennen, die sich im
Planetensystem im Verlaufe von Jahrhunderten abspielen. War Newton
noch geneigt, die trotz aller gegenseitigen Störungen im Sonnensystem
offenbar vorhandene Stabilität auf übernatürliche Einflüsse zurückzuführen,
so gelang es Laplace, diese Stabilität als eine Notwendigkeit nachzuweisen
und damit die der Gravitationsmechanik gestellte Aufgabe erst endgültig zu
lösen400.
Auch das Problem der Gezeiten, für das Newton die erste, indes in mancher
Hinsicht mit den Tatsachen noch nicht im Einklang stehende theoretische
Ableitung gegeben hatte, wurde durch Laplace zu einem gewissen
Abschluß gebracht. Dabei stand ihm in den über mehrere Jahre sich
erstreckenden täglichen Beobachtungen, die auf Veranlassung der Akademie
der Wissenschaften in den französischen Häfen, insbesondere in Brest,
stattgefunden hatten, ein vortreffliches Material zur Verfügung, das er unter

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Anwendung der zur Zeit Newtons noch nicht entwickelten Prinzipien der
Hydrodynamik bearbeitete. Es gelang ihm, Linien gleicher Flutzeit, die
sogenannten Isorachien, zu ermitteln. Eine befriedigende Theorie der
Gezeiten vermochte jedoch erst die vereinte Arbeit zahlreicher Beobachter
und Theoretiker der neueren Zeit zu geben.
Einige Jahre vor dem Erscheinen der Mécanique céleste suchte Laplace die
Ergebnisse der astronomischen Forschung in allgemein verständlicher Weise
weiteren Kreisen zugänglich zu machen. So entstand seine »Darstellung des
Weltsystems«, ein Buch, in dem er unter anderem seine Ansichten von der
Bildung der Welt aus einem chaotischen Urnebel entwickelte. Zunächst setzt
Laplace auseinander, daß die Glieder des Planetensystems, obgleich sie
selbständig sind, dennoch sehr merkwürdige Beziehungen zu einander
aufweisen, die uns über den Ursprung des Systems aufklären können. Man
bemerke nämlich, daß sämtliche Planeten fast in derselben Ebene von West
nach Ost um die Sonne kreisen. Die Monde bewegten sich ferner um die
Planeten im gleichen Sinne und fast in derselben Ebene wie die letzteren.
Endlich drehten sich Sonne, Planeten und Monde sämtlich in einerlei
Richtung um ihre Achse, und zwar geschehe dies fast in der Ebene ihrer
Umlaufsbewegungen. Eine solch außergewöhnliche Erscheinung könne kein
Spiel des Zufalls sein; sie deute auf eine gemeinsame Ursache hin. Buffon
hatte zur Erklärung dieser merkwürdigen Gesetzmäßigkeiten angenommen,
daß ein Komet in seinem Falle auf die Sonne einen Strom Materie von dieser
losgerissen habe, der sich dann zu größeren und kleineren, von der Sonne
verschieden weit abstehenden Kugeln zusammengeballt hätte. Diese
Hypothese erklärt nach Laplace indessen nur eine der erwähnten
Erscheinungen. Denn es sei einleuchtend, daß alle auf solche Weise
entstandenen Körper sich ungefähr in derjenigen Ebene bewegen müßten,
welche durch den Mittelpunkt der Sonne und den Weg des materiellen
Stromes gehe, der jene Körper erzeugt habe. Die anderen Erscheinungen
können, wie Laplace ausführt, aus der Hypothese Buffons nicht erklärt
werden. Ja, die geringe Exzentrizität der Planetenbahnen spricht geradezu
gegen diese Hypothese. Denn nach der Theorie der Zentralkräfte wird ein
Körper, der sich um die Sonne bewegt und dabei ihre Oberfläche streift, bei
jedem seiner Umläufe dahin zurückkehren müssen. Wären also die Planeten
ursprünglich von der Sonne losgerissen worden, so würden sie die Sonne
nach jedem Umlauf berühren. Ihre Bahnen wären also nicht nahezu
kreisförmig, sondern stark exzentrisch.

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Eine Ursache, welche die Bewegungen der Planeten und der Monde
veranlaßte, mußte sich, welches auch ihre Natur war, auf alle diese Körper
erstrecken. In Anbetracht der gewaltigen Zwischenräume, welche die
Planeten trennen, kann diese Ursache, so führt Laplace aus, nur in einem
Fluidum von ungeheurer Ausdehnung bestanden haben. Sollte dieses
Fluidum den Planeten fast kreisförmige, gleich gerichtete Bewegungen um
die Sonne verleihen, so mußte es die Sonne wie eine Atmosphäre umgeben.
Durch diese Überlegungen wurde Laplace zu der Annahme geführt, daß die
Sonnenatmosphäre sich uranfänglich über sämtliche Planetenbahnen hinaus
erstreckt habe und allmählich bis auf ihren jetzigen Umfang
zusammengeschrumpft sei.
Die große Exzentrizität der Kometenbahnen führte Laplace zu demselben
Ergebnis. Die Kometen sind nach ihm Weltkörper, die sich zu jener Zeit, als
die Bildung der Planeten vor sich ging, außerhalb jenes Fluidums befanden.
Die Bahnen der Kometen sind so verschieden, als wären diese Körper aufs
Geratewohl geschleudert worden, weil eben die Sonnenatmosphäre keinen
Einfluß auf ihre Bewegungen haben konnte. Um zu erklären, wie die
Sonnenatmosphäre den Umlauf und die Rotation der Planeten hervorrief,
nahm Laplace an, daß die Planeten an den aufeinander folgenden Grenzen
jener Atmosphäre durch die Verdichtung derjenigen Zonen entstanden seien,
die sich in der Äquatorebene infolge von Abkühlung und Zusammenziehung
bilden mußten. Die Monde sollten auf ähnliche Weise aus der Atmosphäre
der Planeten hervorgegangen sein. Die beobachteten Erscheinungen
erklärten sich also sämtlich ungezwungen aus dieser Annahme, welche durch
die Saturnringe eine weitere Stütze erhielt.
Ein Versuch, auf deduktivem Wege zu einer Vorstellung von dem
Weltbildungsprozesse, insbesondere der Entstehung unseres Planetensystems
zu gelangen, wurde schon mehrere Jahrzehnte vor Laplace in Deutschland
durch Immanuel Kant (1724-1804) gemacht. In seiner »allgemeinen
Naturgeschichte und Theorie des Himmels401«, vom Jahre 1755 nimmt Kant
als Urzustand die feinste Verteilung der Materie durch den ganzen Weltraum
an, weshalb man seine Ansicht auch als Nebularhypothese bezeichnet hat.
Infolge der Gravitation bildeten sich dann Zentralkörper. Die benachbarte
Materie verdichtete sich gleichfalls um besondere Bildungsmittelpunkte und
näherte sich, durch die allgemeine Anziehung getrieben, dem Zentrum. Gäbe
es nur Anziehung, so müßte eine Vereinigung des Zentralkörpers mit den um
besondere Punkte sich anhäufenden Massen stattgefunden haben. Unter dem

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Einfluß einer der Materie gleichfalls innewohnenden abstoßenden Kraft
wurden die herabsinkenden Massen indessen abgelenkt. Der Fall schlug in
eine Wirbelbewegung um, woraus nach Kant die Tatsache ihre Erklärung
findet, daß sämtliche Planeten in nahezu einer Ebene und in derselben
Richtung um die Sonne kreisen.
In Wahrheit ist die erste Ursache der Rotation durch Kants Annahme nicht
erklärt. Laplace gesteht die Unzulänglichkeit seiner Hypothese in diesem
Punkte zu. Er gibt für das Zustandekommen der Rotation keine Erklärung,
sondern geht von einem in Drehung begriffenen Gasball aus, gelangt aber,
wie wir sahen, im wesentlichen zu demselben Ergebnis wie Kant.
Kant selbst war zu seinen Spekulationen durch die Schrift des Engländers
Wright angeregt worden402. Auf diesen ist wohl die Beobachtung
zurückzuführen, daß die Fixsterne nicht ohne Gesetz zerstreut, sondern auf
eine Ebene zu beziehen sind. Wright sagt nämlich: »Die Sterne stehen um
so dichter, je mehr wir uns der Milchstraße nähern, so daß von den 2000
Sternen, die das unbewaffnete Auge wahrnimmt, der größte Teil in einer
nicht gar breiten Zone, deren Mitte die Milchstraße bildet, angetroffen
wird.« Auch Lambert hat, wie wir an anderer Stelle schon erwähnten,
diesen Gedanken weiter ausgeführt und begründet403. Eine wertvolle Stütze
erhielt Kants Theorie dadurch, daß gewisse Ableitungen, die Kant anstellte,
durch spätere Beobachtungen bestätigt wurden. Das schönste Beispiel ist
Kants Berechnung der Rotation der Saturnringe404. Kant nahm an, daß die
Materie dieser Ringe sich von dem Äquator des Planeten losgelöst habe und
infolgedessen auch eine rotierende Bewegung besitze. Seine Berechnung
ergab für den inneren Rand des Ringes eine Rotationsdauer von »etwa zehn
Stunden«. Nach den Beobachtungen Herschels, die 34 Jahre später
angestellt wurden, ergab sich für die Rotationszeit der Wert von 10½
Stunden. Die Ansicht Kants, daß die Ringe des Saturn aus einer Häufung
einzelner Teilchen bestehen, haben gleichfalls spätere teils analytische, teils
photometrische Untersuchungen bestätigt. Auch die Vorstellung, daß das
Zodiakallicht auf einen die Sonne umgebenden und von ihr erleuchteten
Ring von kosmischem Staub zurückzuführen sei, hat Kant in Anlehnung an
seine Betrachtungen über den Saturnring entwickelt405.
Kant erörtert auch die Frage, ob die Achsendrehung der Weltkörper durch
irgend welche Umstände vermindert oder ganz aufgezehrt werden könne.
Sollte z. B., meint er, der Mond sich nicht früher schneller um seine Achse

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gedreht haben und durch irgend welche Ursachen seine Bewegung auf das
jetzige Maß herabgemindert worden sein406. Eine nähere Untersuchung dieses
Problems hat Kant zu der Annahme geführt, daß die Flutwelle eine solche
hemmende Wirkung ausübe. Kant ist auch darin bahnbrechend und
glücklich gewesen. Er zeigte, daß die Rotation der Erde eine Verlangsamung
erfahren müsse, weil sich unser Planet unter den durch Mond und Sonne
erzeugten Flutwellen wie in einem Friktionshemmschuh bewege. Die
Rotation des Mondes sei so sehr vermindert und habe sich schließlich dem
Umlauf dieses Weltkörpers um die Erde vollkommen angepaßt, weil die
Erdwirkung, die auf dem Monde eine Flut erzeugte, 3600 mal so groß sei als
diejenige, welche der Mond auf die Gewässer der Erde ausübt. Diese
Annahmen Kants sind durch spätere, streng mathematische Ableitungen
bestätigt worden407. So stellte sich denn Kants Hypothese als ein zwar
kühner, aber doch glücklicher Griff dar, weil sich nach allen Seiten
Wechselbeziehungen und Bestätigungen ergaben408.
Am Schlusse seiner Abhandlung wendet sich Kant noch gegen die
religiösen Bedenken, die vielleicht gegen seine Ansichten geltend gemacht
werden könnten. Seien doch viele der Meinung, es heiße Gott die Regierung
der Welt streitig machen, wenn man den Ursprung des Geschehens in den
Naturkräften suche. Wenn die Ordnung der Welt, so betont demgegenüber
Kant, aus allgemeinen Naturgesetzen herfließen konnte, so ist die ganze
Natur notwendig eine Wirkung der höchsten Weisheit. Kant zieht indessen
aus seiner Lehre nicht die letzten Folgerungen. Er beschränkt nämlich die
mechanische Naturerklärung auf die Vorgänge der unorganischen Welt und
hält sie für die Erklärung auch des einfachsten Organismus nicht für
ausreichend. Die Ausdehnung der mechanischen Naturerklärung auf das
gesamte Geschehen wurde besonders im 19. Jahrhundert versucht, ohne
jedoch in das Verhältnis der Psyche zur Materie einen befriedigenden
Einblick vermitteln zu können.
Mit dem Ausbau der Theorie ging eine beträchtliche Erweiterung der
Kenntnis des Planetensystems Hand in Hand. Schon Kepler hatte auf den
verhältnismäßig großen Abstand hingewiesen, der sich zwischen den Bahnen
des Mars und des Jupiter befindet. Angeregt durch Spekulationen, die darauf
abzielten, eine die Abstände der Planeten beherrschende Gesetzmäßigkeit zu
finden, begann man mit dem Jahre 1800 den Tierkreis nach kleineren
Wandelsternen zu durchsuchen. Den ersten Erfolg nach dieser Richtung
hatte Piazzi 409 zu verzeichnen.

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Dieser Astronom beobachtete anfangs Januar 1801 einen Stern 8. Größe, der
sich im Stier befand. Als er den Stern an den nächsten Abenden von neuem
aufsuchte, zeigte es sich, daß er seine Stellung zu den benachbarten Sternen
verändert hatte, also offenbar ein Planet war. Das neue Gestirn erhielt den
Namen »Ceres«. Es wurde, nachdem Piazzi es aus den Augen verloren,
Gauß aber seine Stellung wieder berechnet hatte, von neuem durch Olbers
entdeckt und in die Lücke zwischen Mars und Jupiter verwiesen. Dasselbe
geschah mit einem zweiten, von Olbers aufgefundenen Planeten, der Pallas.
An diese reihten sich noch 1804 die Juno und 1807 die Vesta. Damit war der
Anfang zur Entdeckung eines zwischen Mars und Jupiter befindlichen
Planetenoidenringes gemacht, dessen Glieder, wie man nach der Anfertigung
genauerer, die Sterne bis zur neunten Größe umfassender Himmelskarten
erkannte, nach hunderten zählen.
Eine andere Erweiterung der Kenntnis vom Planetensystem erfolgte durch
den zweiten großen Vertreter, den die Astronomie in dieser Periode hatte,
durch Wilhelm Herschel. Diese Erweiterung bestand in der Entdeckung
des Uranus. Da Herschel wie kein anderer den Blick über die Grenzen des
Planetensystems hinaus gerichtet hat und damit zum eigentlichen Begründer
der Fixsternastronomie geworden ist, wollen wir uns mit seinem
außergewöhnlichen Lebenslauf und seinen wissenschaftlichen Taten etwas
eingehender beschäftigen.
Friedrich Wilhelm Herschel wurde am 15. November 1738 in Hannover
geboren. Sein Vater war ein armer, mit zahlreichen Nachkommen gesegneter
Musiker, der eine große Bewunderung für die Astronomie an den Tag legte.
Herschels Schwester, deren Aufzeichnungen410 wir fast alles verdanken, was
über die Jugend des großen Astronomen bekannt geworden ist, erzählt, der
Vater habe sie und ihre Geschwister in einer klaren Nacht auf die Straße
geführt, um sie mit den schönsten Sternbildern bekannt zu machen. Auch sei
er ihrem Bruder Wilhelm bei seinen Studien an die Hand gegangen.
Letzterer war gleichfalls zum Musiker bestimmt. Ein lebhaftes Interesse für
die Theorie seiner Kunst veranlaßte ihn, sich eingehend mit der Mathematik
zu befassen. Fünfzehn Jahre alt, wurde Wilhelm Mitglied der Kapelle eines
Regiments, mit dem er bald darauf411 nach England ging. Nachdem er seinen
Dienst aufgegeben, bekleidete er eine Organistenstelle in Bath, wohin ihm
seine Schwester Karoline folgte. Letztere hing mit schwärmerischer
Bewunderung an dem Bruder und half ihm als treue Mitarbeiterin den Ruhm

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gewinnen, der seinen Namen später verherrlichen sollte. Trotzdem
Herschel durch seine Stellung in Bath sehr in Anspruch genommen war,
fand er doch Zeit zur Fortsetzung seiner Studien. Der Umstand, daß der
Mann, der auf musiktheoretischem Gebiete412 sein Lieblingsschriftsteller war,
auch ein Werk über Optik geschrieben, im Verein mit den Anregungen, die er
in seiner Jugendzeit empfangen, führten Herschel dazu, daß er sich mit
immer größerem Eifer und Verständnis der Astronomie zuwandte. »Als ich
mit dieser Wissenschaft bekannt wurde«, schrieb er später413, »faßte ich den
Entschluß, nichts auf Treu und Glauben anzunehmen, sondern alles, was
andere vor mir erblickt hatten, mit meinen eigenen Augen zu sehen.« Da
indessen die Kosten der Anschaffung eines Fernrohres zu bedeutend waren,
beschloß Herschel, selbst ein solches anzufertigen. Nach vielen Mühen
brachte er im 37. Jahre seines Lebens ein Spiegelteleskop zu stande, mit dem
man den Saturnring erblicken konnte. Herschels Fleiß verdoppelte sich
jetzt; sein ganzer Stolz bestand darin, Teleskope zu liefern, von denen immer
eins das andere übertraf.
Einige kleinere astronomische Abhandlungen waren schon aus seiner Feder
hervorgegangen, als er mit einem Schlage durch die Entdeckung eines
neuen, jenseits des Saturn umlaufenden Planeten zum berühmten Manne
wurde. Diese Entdeckung des Uranus erfolgte am 13. Mai des Jahres 1781.
Es war ein astronomisches Ereignis, dem sich nichts Ähnliches zur Seite
stellen ließ. König Georg III., der eine Sternwarte besaß, ernannte
Herschel, nachdem er dessen Teleskop gesehen und nachdem sich
herausgestellt hatte, daß es die besten Instrumente übertraf, zum königlichen
Astronomen.
Herschel gab jetzt seine Stellung als Musiker auf und verließ Bath im Jahre
1782, um sich ausschließlich der Erforschung des Himmels zu widmen. Mit
reichen Mitteln – der König stellte 4000 Pfund zur Verfügung – wurde ein
Riesenteleskop geschaffen, dessen Bau mehrere Jahre (1785-1789) in
Anspruch nahm. Die Konstruktion, die Herschel hierbei wählte, war eine
eigenartige (siehe Abb. 48). Das neue Instrument besaß nämlich nur einen
Spiegel, der beiläufig etwa 2000 Pfund wog und einen Durchmesser von 4
Fuß besaß. Dieser Spiegel M war gegen die Achse des Instruments ein wenig
geneigt, so daß das Bild ab am unteren Rande der Öffnung entstand und dort
durch das Okular betrachtet werden konnte. Allerdings ging hierbei ein Teil
des Lichtes verloren, da der Beobachter von vorn in das Rohr hineinschauen

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mußte. Doch war dieser Verlust bei genügendem Durchmesser des Spiegels
nicht so beträchtlich, um die Konstruktion in Frage zu stellen.

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Abb. 48. Schema des von Herschel konstruierten Spiegelteleskops.

Bis zu seinem am 25. August des Jahres 1822 erfolgten Tode blieb
Herschel auf der in der Nähe von Windsor errichteten Sternwarte
unermüdlich mit der Durchmusterung des Himmels beschäftigt. Diese
Arbeitsstätte verließ er nur, um von Zeit zu Zeit der Royal Society über die
Ergebnisse seiner Forschungen, denen wir uns jetzt zuwenden wollen, zu
berichten.
Zunächst reihte sich an die Auffindung des Uranus noch manche wertvolle,
unser Planetensystem betreffende Beobachtung. So entdeckte Herschel
mehrere Trabanten dieses Hauptplaneten, sowie den ersten und den zweiten
Mond des Saturn. Für diesen Planeten hatte Huygens zuerst das
Vorhandensein eines Trabanten, und zwar des sechsten, nachgewiesen. Die
gleichfalls von Huygens entdeckten weißen Flecke an den Marspolen fand
Herschel abhängig von den Jahreszeiten des Mars, für den er eine an
irdische Verhältnisse erinnernde Beschaffenheit nachzuweisen suchte414.
Während schon Cassini imstande war, die Rotationszeit des Jupiter aus der
Beobachtung gewisser Flecken dieses Planeten zu ermitteln, gelang erst
Herschel die Lösung der gleichen Aufgabe für den Saturn415.

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Abb. 49. Der von Herschel in den Jahren 1785-1789 erbaute vierzigfüßige
Reflektor416

Zum Zentralkörper unseres Systems übergehend, suchte Herschel sowohl
dessen physische Natur als dessen Bewegung und Stellung im Weltraum zu
bestimmen. Seine Theorie über die Beschaffenheit des Sonnenkörpers,
welche er auf die Beobachtung der Flecken gründete, hat jedoch die Mitte
des 19. Jahrhunderts nicht überlebt. Herschel verließ nämlich die alte,
heute wieder als richtig geltende Ansicht, daß wir es in der Sonne mit einem
Körper von sehr hoher Temperatur zu tun haben. Er nahm an, daß sie aus
einem festen, nicht leuchtenden, vielleicht bewohnbaren Kern bestehe, der
von einer durchsichtigen Atmosphäre und einer darüber befindlichen
lichtspendenden Photosphäre umgeben sei. Herschels Theorie gemäß
entsteht ein Sonnenfleck, indem jene Photosphäre infolge aufsteigender
Dämpfe zerreißt und der dunkle Körper der Sonne zum Vorschein kommt.
Da es gelungen war, an den Fixsternen eine Eigenbewegung nachzuweisen,
so lag der Gedanke nahe, daß auch unsere Sonne mit all' ihren Planeten,
Monden und Kometen eine nach einem bestimmten Punkte des Himmels
gerichtete Bewegung besitze. Eine solche würde ein scheinbares
Auseinanderweichen der in der Richtung dieser Bewegung befindlichen
Fixsterne, sowie ein Zusammenrücken der Sterne in der Nähe des
entgegengesetzten Himmelspunktes zur Folge haben. Es gelang Herschel 417,
derartige Veränderungen, die ein Fortschreiten des Sonnensystems erkennen
lassen und sich mit den wirklichen Eigenbewegungen der Fixsterne

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kombinieren, nachzuweisen. Der von ihm ermittelte Punkt, dem sich die
Sonne nähert, liegt im Sternbilde des Herkules. Obgleich die Größe der
Sonnenbewegung wahrscheinlich mehrere tausend Meilen in der Stunde
beträgt, werden doch noch lange Zeiträume verfließen, bis der vielleicht um
einen weit entfernten Schwerpunkt erfolgende Umlauf unseres
Zentralkörpers erkannt sein wird.
Eng verknüpft mit dem Problem der Sonnenbewegung ist der gleichfalls von
Herschel erbrachte Nachweis, daß die von den früheren Astronomen für
nur scheinbar benachbart gehaltenen Doppelsterne, wirklich
zusammengehören und binäre Systeme bilden. Herschel hat nicht weniger
als 846 Doppelsterne katalogisiert. Spätere Forschungen haben ergeben, daß
die Bewegung innerhalb solcher binären Systeme nach dem
Gravitationsgesetz erfolgt, das damit erst als das wahre Weltgesetz erkannt
war.
Bislang hatte man die Fixsterne wenigstens so betrachtet, als ob sie über die
Fläche einer Kugel verteilt wären. Seit Herschel beginnt die Astronomie
sich mit der räumlichen Verteilung dieser Weltkörper zu beschäftigen. Schon
vor ihm hatte die Milchstraße und die Anordnung der außerhalb der
Milchstraße befindlichen Sterne das Nachdenken eines Kant 418 erregt.
Jedoch erst Herschel setzte an die Stelle bloßer Vermutungen den auf
systematisch angestellten Beobachtungen, seinen sogenannten Aichungen,
gegründeten Nachweis, daß die deutlich sichtbaren Sterne samt der
Milchstraße – ein Komplex von etwa 20 Millionen Weltkörpern – einen
linsenförmigen Haufen bilden und daß die Sonne sich etwas außerhalb der
Mitte jenes Haufens befindet. Diesen Nachweis lieferte er in einer Ȇber den
Bau des Himmels« betitelten Schrift419.
Messiers etwa 100 Nummern enthaltendes Verzeichnis von Nebelflecken
und Sternhaufen veranlaßte Herschel, sein zwanzigfüßiges Spiegelteleskop
von 12 Zoll Öffnung auf diese Himmelskörper zu richten. Dabei sah er zu
seiner größten Freude, daß die meisten Nebelflecken der Stärke seines
Instrumentes unterlagen und in Sterne aufgelöst wurden. Es ergab sich, daß
sie entweder nichts als lauter Sterne sind. Oder sie enthielten wenigstens
Sterne. Den in Messiers Verzeichnis420 erwähnten »Nebelfleck ohne Stern«,
der sich nahe dem Haupthaar der Berenice befindet, erblickte Herschel als
einen Haufen dicht gedrängter Sterne. »Es ist dies«, sagt Herschel, »einer
der schönsten Gegenstände, die ich mich erinnere, am Himmel gesehen zu

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haben. Der Haufen erscheint unter der Gestalt einer Kugel aus kleinen, in
einen einzigen Lichtglanz zusammengedrängten Sternen samt einer Anzahl,
die ringsum stehen und in der Hauptmasse deutlich zu unterscheiden sind«
(siehe Abbildung 50).

Abb. 50. Herschels Abbildung eines Nebelfleckes421

Als Herschel seine Beobachtungen begann, vermutete er, daß manche
Nebelflecken noch unentdeckt geblieben seien. Er gab sich daher der
Hoffnung hin, zu den von Messier verzeichneten 100 Sternhaufen und
Nebelflecken eine schätzbare Zugabe liefern zu können. Der Erfolg bewies,
daß seine Erwartungen begründet waren. Während Halley nur sechs Nebel
kannte und Messiers Verzeichnis, wie erwähnt, nur etwa 100 Nummern
enthielt, wurden in den Jahren 1786 bis 1802 von Herschel nahezu 2500
Nebelflecke katalogisiert, beschrieben und gezeichnet. Eine Fortsetzung
dieser Studien verdanken wir Herschels Sohn John, der auf einer
Expedition nach dem Kap der guten Hoffnung422 eine fast ebenso große Zahl
von Nebelflecken am südlichen Himmel entdeckte.

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Abb 51. Herschels Ableitung der Gestalt der Milchstraße423

Die mühevollen Studien über die Nebelflecken führten Herschel zu der
Erkenntnis, daß auch die Milchstraße nichts anderes als eine Schicht von
Fixsternen ist, innerhalb deren sich die Sonne, wenn auch nicht genau im
Mittelpunkte, befindet. Es läßt sich dies nach Herschel aus der Gestalt der
Milchstraße entnehmen, die sich in einem größten Kreise um den gesamten
Himmel ziehen muß, wenn sich die Sonne innerhalb dieser Sternenschicht
befindet. Nehmen wir mit Herschel an, eine Anzahl Sterne sei zwischen
zwei, in einem gegebenen Abstande einander parallel laufenden, weit
ausgedehnten Ebenen angeordnet, so wird ein Beobachter, der sich irgendwo
innerhalb einer solchen Schicht befindet, sämtliche zu ihr gehörigen Sterne
in einem großen Kreise sehen. Letzterer wird nach Maßgabe der Anhäufung
der Sterne sich mehr oder weniger hell zeigen, während es scheinen wird, als
ob die übrigen Gegenden des Himmels nur mit Sternbildern bestreut wären.
So würde ein Auge bei S (siehe Abb. 51) innerhalb der Schicht ab die in der
Richtung des Verlaufes der Schicht befindlichen Sterne als einen hellen
Kreis ABCD sehen, während die Sterne an den Seiten mv, nw über den
übrigen Teil des Himmels bei MVNW zerstreut erscheinen würden.
Stände der Beobachter irgendwo außerhalb der Schicht, so würde die
Schicht die Gestalt einer Scheibe annehmen, die nach Maßgabe der
Entfernung des Beobachters mehr oder weniger groß sein würde. Und
nähme dieser Abstand über alles Maß zu, so müßte die ganze Sternenschicht
zuletzt in einen lichten Fleck zusammenschrumpfen.

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Nehmen wir nun weiter mit Herschel an, daß eine kleinere Schicht aus der
ersteren nach einer bestimmten Richtung hin ausläuft und gleichfalls von
zwei parallelen Ebenen, die sich ins Unbestimmte ausdehnen,
eingeschlossen ist. Befindet sich der Beobachter in der großen Schicht
irgendwo in der Nähe der Abzweigung, dann wird diese zweite Schicht nicht
einen Kreis darstellen, sondern wie ein lichter Zweig erscheinen, der von
dem Kreise ausgeht und in einer gewissen Entfernung wieder zu ihm
zurückkehrt. So werden in Abb. 51 die Sterne in der kleinen Schicht pq in
einem hellen Bogen PRRP gesehen werden, der nach der Absonderung vom
Kreise sich mit ihm wieder vereinigt.
Aus dem Bilde, das uns die Milchstraße bietet, folgerte Herschel deshalb,
daß sich die Sonne in einer großen Fixsternschicht nicht fern von der Stelle
befinde, von der eine kleinere Schicht als ein Zweig der größeren ausläuft.
Anfangs hielt Herschel sämtliche Nebelflecke für Sternhaufen. Als er
jedoch auch deutliche Sterne entdeckte, die von einem Nebel umgeben sind,
der offenbar zu dem Sterne in Beziehung steht, nahm er an, daß es sich hier
um leuchtende Gasmassen handele, die auch, ohne einen Stern zu
umschließen, existieren und der Urstoff für die Bildung neuer
Himmelskörper seien. Dementsprechend glaubte er, in dem Zustande, den
uns der Fixsternhimmel gegenwärtig darbietet, sämtliche Stufen des
Weltbildungsprozesses nachweisen zu können. Spätere, insbesondere
spektroskopische Forschungen haben die Richtigkeit dieser kühnen Schlüsse
dargetan.
Die Betrachtungen, welche Herschel über die Abmessungen des mit seinem
Teleskop durchforschten Raumes anstellte, lieferten den Nachweis, daß das
Licht, um von den entferntesten Objekten des Himmels zu uns zu gelangen,
viele tausend Jahre gebraucht, so daß unsere Teleskope nicht allein den
Raum, sondern auch die Zeit durchdringen. Anknüpfend an die von
Herschel erhaltenen Ergebnisse konnte deshalb Humboldt 424 wohl sagen,
daß das Licht der fernsten Weltkörper das älteste sinnliche Zeugnis von dem
Dasein der Materie sei.
Als zur Jahrhundertfeier der Uranusentdeckung eine Biographie
Herschels 425 erschien, wurde darin mit Recht hervorgehoben, daß an
Herschels Ansicht über den Bau des Himmels nur wenig zu ändern
gewesen sei. »Jede astronomische Entdeckung«, heißt es dort426, »und jede
gut beobachtete physikalische Tatsache gibt Material für die Ausarbeitung

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der Einzelheiten oder für die Verbesserung untergeordneter Punkte dieser
Ansicht. Als wissenschaftliche Auffassung ist sie vielleicht die großartigste,
die jemals der menschliche Geist gewonnen hat.«
Den Ansichten, die fast gleichzeitig Herschel und Laplace und vor ihnen
schon Kant über die Entstehung der Welt entwickelten, ist der Gedanke
gemeinsam, daß die Gestirne, die sich die früheren Zeitalter aus ganz
besonderem Stoff gebildet dachten, in materieller Hinsicht untereinander
und von der Erde nicht wesentlich verschieden sind. Dieses Ergebnis einer
denkenden Naturbetrachtung sollte nicht nur durch die spätere
spektroskopische Untersuchung, sondern auch durch die noch im Zeitalter
von Herschel und Laplace erfolgte richtige Deutung der Meteoriten ihre
Bestätigung finden.
Nachrichten über vom Himmel gefallene Stein- und Eisenmassen reichen bis
ins graue Altertum zurück, ohne daß dadurch bis gegen das 18. Jahrhundert
das wissenschaftliche Interesse rege geworden wäre. Um die Mitte jenes
Zeitabschnitts waren zwei auffallende Tatsachen zu verzeichnen. Der
Sibirien bereisende deutsche Naturforscher Pallas entdeckte 1749 in der
Nähe des Jenissei eine 1600 Pfund schwere Eisenmasse, deren
Beschaffenheit darauf hinwies, daß man es in ihr mit einem Naturerzeugnis
zu tun habe427. Ferner hatte in Agram im Jahre 1751 einer der am besten
beglaubigten Meteoreisenfälle428 stattgefunden. Das dort gefallene Stück war
ausgegraben und dem Wiener Naturalienkabinet einverleibt worden. Der
Leiter dieses Instituts wies jedoch die Meinung, daß die Masse überhaupt
gefallen sei, mit Spott zurück. Seiner Ansicht nach sollte sich das Eisen unter
dem Einfluß der atmosphärischen Elektrizität aus Bestandteilen des Bodens
gebildet haben.
In einer 1794 erschienenen Abhandlung wagte es der deutsche Physiker
Chladni, im Gegensatz zu allen gelehrten Zeitgenossen, für die
Feuerkugeln einen kosmischen Ursprung zu behaupten und die von Pallas 429
entdeckte und ähnliche Eisenmassen als den Stoff solcher niedergefallenen
Feuerkugeln in Anspruch zu nehmen.
Chladni wies zunächst auf folgende, gut beobachteten und wissenschaftlich
erörterten Meteorsteinfälle des 18. Jahrhunderts hin.
Am 17. Mai 1719 erschien eine Feuerkugel in England430; sie durchlief 300
Meilen in einer Minute und zersprang mit einem Getöse, bei welchem

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Türen, Fenster und ganze Häuser erschüttert wurden.
Am 11. November 1761 sah man eine Feuerkugel431 in Frankreich; sie
zersprang mit heftigem Getöse in viele kleine Stücke; manche Personen
glaubten Feuer neben sich gesehen zu haben. Ein Stück ist432 in ein Haus
gefallen und hat dieses entzündet.
Am 23. Juli 1762 wurde eine Feuerkugel, die Silberschlag in seiner
»Theorie der am 23. Juli 1762 erschienenen Feuerkugel, Magdeburg 1764«
beschrieb433, ungefähr senkrecht über der Gegend zwischen Leipzig und Zeitz
in Gestalt eines kleinen Sternes sichtbar. Sie nahm an scheinbarer Größe zu,
ging über Wittenberg und Potsdam und zersprang einige Meilen hinter
Potsdam mit einem lauten Knall. Ihr Licht ist sehr weiß gewesen und hat
einen Umfang von wenigstens 60 deutschen Meilen erleuchtet. Die Höhe
war im Beginn der Beobachtung etwa 19 und beim Zerspringen über 4
Meilen.
Chladni wies die früheren Erklärungsarten, nach denen man es in den
Meteoren mit elektrischen Entladungen, mit brennbaren gasförmigen
Anhäufungen, kurz mit Erscheinungen irdischen Ursprungs zu tun hätte, als
unvereinbar mit den von ihm zusammengestellten Befunden zurück. Nach
Chladnis heute keinen Widerspruch mehr findenden Meinung sind
unzählige kleine Massen, die zu keinem größeren Weltkörper in
unmittelbarer Beziehung stehen, im Weltraume zerstreut. Sie bewegen sich,
durch Wurfkräfte oder Anziehung getrieben, so lange fort, bis sie der Erde
oder einem anderen Weltkörper nahekommen und, von ihrer
Anziehungskraft ergriffen, darauf niederfallen. Bei ihrer schnellen
Bewegung muß infolge der heftigen Reibung mit der Atmosphäre eine sehr
starke Hitze erzeugt werden, wodurch sie in Gluthitze geraten und Dämpfe
im Innern entwickeln, welche die Masse zum Zerspringen bringen.
Die Frage, wie diese Massen entstanden oder in einen solch isolierten
Zustand gekommen sind, wäre, meint Chladni, dasselbe wie die Frage nach
der Entstehung der Weltkörper. Man müsse doch entweder annehmen, daß
die Weltkörper, abgesehen von Revolutionen auf ihrer Oberfläche, immer
das gewesen sind und sein werden, was sie jetzt sind, oder daß es Kräfte
gäbe, die imstande seien, Weltkörper und ganze Weltsysteme zu bilden, zu
zerstören und aus ihrem Stoffe wieder neue hervorzubringen. Für diese
Meinung sprächen wohl mehr Gründe als für die erstere. Ein solches
Entstehen der Weltkörper ließe sich aber wohl nicht anders denken, als daß

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entweder materielle Teile, die vorher zerstreut gewesen sind, sich durch die
Anziehungskraft zu großen Massen angehäuft hätten, oder daß eine
Zerstückelung einer größeren Masse stattgefunden habe.
Die isoliert gebliebenen Massen müßten ihre Bewegung durch den Weltraum
fortsetzen, bis sie von der Anziehung eines Weltkörpers ergriffen würden
und die Erscheinungen der Feuerkugeln hervorriefen.
Die gleiche Entstehung nahm Chladni für die von Pallas und anderen
Reisenden gefundenen Eisenmassen in Anspruch. Eine solche 300 Zentner
schwere Masse war z. B. im südlichen Amerika gefunden worden, und zwar
an einer Stelle, wo in einem Umkreise von 100 Meilen keine Eisenerze, ja
nicht einmal Steine anzutreffen sind.
Chladni wies nach, daß diese Eisenmassen weder auf nassem Wege, noch
durch die Wirkung des Blitzes entstanden sein könnten, auch nicht
vulkanischen Ursprungs seien. Es sei merkwürdig, meint er, daß das Eisen
der Hauptbestandteil der bisher gefundenen Meteoriten sei. Man könne
daher vermuten, daß das Eisen hauptsächlich zur Bildung der Weltkörper
beigetragen habe434. Auch sei wahrscheinlich, daß die anderen, in manchen
herabgefallenen Massen enthaltenen Stoffe, wie Schwefel, Kieselerde,
Bittererde usw. nicht unserer Erde allein eigen seien, sondern zu den Stoffen
gezählt werden müßten, die sich an der Bildung der Weltkörper beteiligt
hätten435.
Chladni wurde zunächst mit Hohn überschüttet. Die französische Akademie
sprach sich trotz aller gut beglaubigten Fälle dahin aus, daß die Nachrichten
über derartige Naturerscheinungen in das Gebiet der Fabel zu verweisen
seien. Sie wurde indes sehr bald durch die Tatsachen selbst eines Besseren
belehrt. In der Normandie ereignete sich nämlich am 26. April des Jahres
1803 ein großer Steinfall, der von hunderten beobachtet und von den
Abgesandten der Akademie selbst in seinen Einzelheiten festgestellt wurde436.
Die Ausführungen Chladnis wurden darauf allgemein als richtig anerkannt.
Ja, man ging jetzt so weit, daß man sich die Weltkörper durch die Anhäufung
von Meteoriten entstanden dachte437.
Die chemische Analyse war weit genug fortgeschritten, um an den
Meteoriten unter der Voraussetzung ihres kosmischen Ursprungs den
Nachweis zu führen, daß außerhalb der Erde befindlicher Weltstoff in seiner
elementaren Zusammensetzung mit der irdischen Materie übereinstimmt. So

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entdeckte man438, daß das Meteoreisen stets mehr oder weniger Nickel (bis zu
35%) enthält, und lernte den Gehalt an diesem Metall, sowie die beim
Anätzen auftretenden Widmannstättenschen Figuren (von
Widmannstätten 1808 entdeckt; er druckte mit den geätzten Flächen die
Figuren naturgetreu ab)439 als besondere Eigentümlichkeit des Meteoreisens
kennen. Nachdem man neben Nickel auch Kobalt und Kupfer darin
aufgefunden hatte, wurden durch eine Arbeit, die Berzelius über die
Meteoriten veröffentlichte, sechs neue Elemente in ihnen nachgewiesen; es
waren dies Phosphor, Kohlenstoff, Silizium, Magnesium, Zinn und Mangan.
Spätere Untersuchungen haben die Zahl der Bestandteile, die sämtlich mit
irdischen Grundstoffen übereinstimmen, noch vermehrt.
Was Chladni für die Meteoriten leistete, gelang zwei anderen Deutschen
namens Benzenberg 440 und Brandes 441 hinsichtlich der Sternschnuppen.
Durch gleichzeitig an verschiedenen Orten angestellte Beobachtungen
gelang es ihnen, auch für diese Phänomene, die man bis dahin auf
schweflige Dünste oder brennbare Gase zurückgeführt hatte, einen
kosmischen Ursprung nachzuweisen. Benzenberg und Brandes
beobachteten Sternschnuppenfälle von den Endpunkten einer 27000 Pariser
Fuß langen Standlinie. Indem sie den Ort und die Zeit des Verschwindens
genau anmerkten, vermochten sie in vielen Fällen die Identität der
beobachteten Erscheinungen nachzuweisen und aus den gewonnenen Daten
planetarische Geschwindigkeiten, sowie auf einen kosmischen Ursprung
hinweisende Höhen zu ermitteln442.
War es in der vorhergehenden Periode durch Bradleys Entdeckung der
Aberration gelungen, einen sinnlichen Beweis für die Bewegung der Erde
um die Sonne zu erbringen, so vermochte Benzenberg einen solchen
Nachweis auch für die Rotation zu führen. Bekanntlich lautete einer der
Scheingründe gegen die koppernikanische Weltansicht dahin, ein frei
fallender Körper müsse, weil die Erde sich unter ihm fortbewege, einen
westlich von seinem Ausgangspunkt gelegenen Ort treffen. Newton wies im
Jahre 1679 darauf hin, daß bei dem freien Fall infolge des
Beharrungsvermögens und der größeren Geschwindigkeit in tangentialer
Richtung, welche der Körper zu Beginn der Fallbewegung besitzt, im
Gegenteil eine östliche Abweichung zu erwarten sei. Die Royal Society
beschloß durch genaue Fallversuche Newtons Annahme auf ihre
Richtigkeit zu prüfen. Da man jedoch mit zu geringen Höhen
experimentierte, verlief die Angelegenheit ergebnislos. Es dauerte länger als

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ein Jahrhundert, bis neue Untersuchungen und zwar mit besserem Erfolge
angestellt wurden. Dies geschah durch Guglielmini in Bologna in einem
Turme, der schon den Fallversuchen Ricciolis 443 gedient hatte.
Guglielmini 444 wählte diesen Turm, weil sein Inneres für derartige Versuche
wie gemacht war und sich darin Fallhöhen von 240 Par. Fuß erreichen
ließen. Die Versuche erforderten manche Vorsichtsmaßregel, da jeder
Luftzug, sowie Erschütterungen des Gebäudes oder der Kugel selbst im
Augenblicke des Loslassens ausgeschlossen sein mußten. Guglielminis
Versuche, über welche Benzenberg eingehend berichtet, sind zwar ein
schöner Beweis unermüdlicher Ausdauer, sie ließen auch deutlich eine
östliche Abweichung erkennen, trotzdem waren sie noch nicht so frei von
Fehlern, daß sie eine genügende Übereinstimmung zwischen der Theorie
und der Beobachtung erkennen ließen. Mit großer Spannung sah die gelehrte
Welt einer endgültigen Entscheidung der von Guglielmini wieder
angeregten, Jahrhunderte alten Frage entgegen. Diese Entscheidung brachten
unabhängig voneinander zwei deutsche Physiker Benzenberg und Reich.
Den Nachweis der von der Theorie geforderten Abweichung führte
Benzenberg durch seine 1802 im Michaelisturm zu Hamburg, sowie in
einem rheinischen Kohlenschachte angestellten Fallversuche445. Bei einer
Höhe von 235, beziehungsweise 262 Fuß ergab sich eine deutliche
Abweichung von mehreren Linien. Die zu dem gleichen Zwecke
angestellten Versuche446 Reichs zeigten bei einer Fallhöhe von 488 Fuß eine
östliche, der Theorie ihrer Größe nach genau entsprechende Abweichung
von 12,6 Linien.
Die Astronomie war in dieser von uns nach Laplace und Herschel
benannten Periode noch wesentlich Himmelsmechanik. Für ein Studium der
Himmelskörper, das über die Fragen nach der Form, der Verteilung und der
Bewegung hinausging, fehlten noch fast alle physikalischen und chemischen
Grundlagen. Sie erwuchsen erst im 19. Jahrhundert auf den Gebieten der
Wärmelehre und der Optik. Erst nachdem wir auf diesen Gebieten die
weitere Entwicklung verfolgt haben, können wir zur Astronomie
zurückkehren und ihre Ausgestaltung zu einer kosmischen Physik und
Chemie verfolgen.

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17. Die Grundlagen der mechanischen Wärmetheorie.
Die Neubegründung der Chemie durch Lavoisier, sowie die Entdeckung
der galvanischen Elektrizität und ihrer hauptsächlichsten Wirkungen waren
Umwälzungen und Erweiterungen von solcher Bedeutung, daß sie wohl
imstande waren, eine neue Epoche zu eröffnen. Letztere ist unter anderem
auch dadurch gekennzeichnet, daß die Physik und die Chemie, seitdem man
den Zusammenhang zwischen chemischen Vorgängen und elektrischen
Erscheinungen erkannt hatte, in immer engere Fühlung traten. Dies hatte
eine Fülle von grundlegenden Entdeckungen zur Folge, die uns in den
nächsten Abschnitten beschäftigen sollen, Entdeckungen, auf denen die um
die Mitte des 19. Jahrhunderts entstehende großartige Konzeption von der
Einheit der Kraft, sowie unsere heutigen Vorstellungen von dem Wesen der
Materie in erster Linie beruhen. Im engsten Anschluß an diesen Fortschritt
erwuchsen ferner Theorien, die sich zu einem bleibenden Besitz der
Wissenschaft entwickelt haben. Diese Theorien betrafen insbesondere die
Wärmelehre und die Optik, Gebiete, auf denen die frühere Lehre von den
Imponderabilien durch eine auf mechanischen Grundlagen fußende
Erklärung ersetzt wurde.
Die Vorstellung, daß wir es in der Wärme nicht mit einem Stoff, sondern mit
einer Bewegung der kleinsten Teilchen zu tun haben, begegnet uns schon im
Beginn des 18. Jahrhunderts447. Die ersten, für die seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts zur Herrschaft gelangende, mechanische Theorie der Wärme
als grundlegend zu betrachtenden Versuche und Folgerungen gehören indes
jener Zeit an, in welcher gegen das Ende des 18. Jahrhunderts der hier
geschilderte großartige Aufschwung der Chemie und der Physik beginnt. Am
erfolgreichsten nach dieser Richtung waren die Bemühungen Rumfords 448.
Rumford wurde 1753 in Nordamerika geboren. Er stand während des
Befreiungskampfes auf englischer Seite und kam 1776 nach London.
Rumford war ein sehr geschickter, wissenschaftlich und praktisch gleich
hervorragender Mensch, der besonders durch sein Bemühen, im
Kriegswesen und im sozialen Leben Neuerungen einzuführen, überall die
Aufmerksamkeit der Machthaber auf sich lenkte. Eine Reihe von Jahren war
Rumford in Bayern tätig. Er richtete dort Werkstätten ein, brachte es bis

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zum Kriegsminister und wurde schließlich in Anerkennung seiner Verdienste
in den Grafenstand erhoben. 1800 rief er in London die Royal Institution ins
Leben. Einige Jahre später siedelte er nach Paris über. Dort heiratete er die
Witwe Lavoisiers, deren Salon den Sammelpunkt der gelehrten Welt
bildete. Von Bonaparte, zu dessen großen Zügen seine Vorliebe für die
Wissenschaft und seine Achtung gegenüber ihren Vertretern gehören, wurde
auch Rumford mit Auszeichnung behandelt. Er starb in Paris im Jahre
1814.
Rumford wiederholte zunächst den schon von Boyle angestellten, gegen
die Stoffnatur der Wärme gedeuteten Wägungsversuch. Er setzte zwei
Flaschen, die gleiche Mengen Quecksilber und Wasser enthielten, genau ins
Gleichgewicht, während die Temperatur der Umgebung 61° betrug. Das
Ganze wurde dann in ein Zimmer gebracht, das eine Temperatur von 34°
besaß. Obgleich die spezifische Wärme des Wassers etwa 30mal so groß ist
wie diejenige des Quecksilbers, das Wasser also eine viel größere
Wärmemenge abgegeben hatte, zeigte sich nicht der geringste Ausschlag449.
Wollte man trotzdem an der stofflichen Beschaffenheit der Wärme
festhalten, so mußte man wenigstens annehmen, daß ein isoliertes System
von Körpern nicht beständig der Umgebung Wärme mitteilen kann, ohne
allmählich erschöpft zu werden. Indem Rumford durch den Versuch
bewies, daß durch gegenseitige Reibung zweier Körper unbegrenzte
Wärmemengen erzeugt werden können, entzog er der soeben erwähnten
Voraussetzung von der stofflichen Natur der Wärme den Boden. Über diesen
berühmt gewordenen Versuch berichtet Rumford der Royal Society im
Jahre 1798450. »Da ich seit kurzem«, beginnt er, »die Oberaufsicht beim
Kanonenbohren im Zeughause zu München hatte, so überraschte mich der
beträchtliche Wärmegrad, den eine Kanone in kurzer Zeit beim Bohren
erhält.« Wäre die spezifische Wärme der Späne eine geringere als diejenige
des zusammenhängenden Metalles, so hätte man das Auftreten der Wärme
auf einen solchen Unterschied der Kapazitäten zurückführen können. Der
Versuch ergab jedoch, daß Stücke und feine Spänchen eines Metalles
dieselbe spezifische Wärme besitzen. Brachte man nämlich gleiche Mengen
der Spänchen und der Stücke, welche auf die Temperatur des kochenden
Wassers erhitzt waren, in gleiche Mengen kalten Wassers, so erfuhr das
letztere in beiden Fällen dieselbe Temperaturerhöhung.

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Abb. 52. Die für Rumfords Versuch hergerichtete und in die Bohrmaschine
gespannte Kanone. Die Stange w verbindet die Kanone mit dem Göpel.

Da chemische Vorgänge, sowie irgend welche Zuleitung von Wärme bei den
Bohrversuchen ausgeschlossen waren, so blieb nichts anderes übrig, als die
Ursache der Wärmeentwicklung in der Bewegung zu erblicken. Die weiteren
Versuche bezweckten den Nachweis, daß diese Wärmequelle nicht versiegt,
solange die Bewegung dauert. Hieran schloß sich schon das erste
Aufdämmern der Erkenntnis, daß einem gewissen Aufwand an Arbeit eine
bestimmte Menge erzeugter Wärme entspricht. Rumford ließ nämlich einen
aus Kanonenmetall bestehenden Zylinder von 112,13 Pfund Gewicht in
einem Kasten (Abb. 53) rotieren, der 18,77 Pfund Wasser enthielt. Wurde die
Drehung, bei der ein stumpfer eiserner Bohrer m n gegen das Metall gepreßt
wurde, durch die Kraft eines Pferdes bewerkstelligt, so kochte das Wasser
nach 2 Stunden und 30 Minuten. »Die Überraschung und das Staunen der
Umstehenden, solch eine Wassermasse ohne Feuer zum Kochen gebracht zu
sehen, war über alle Beschreibung groß«, heißt es in dem Berichte
Rumfords 451. Die Rechnung ergab, daß die ganze Menge der erzeugten
Wärme, die sich auf das Wasser und die Metallstücke verteilte, hinreichend
war, um 26,58 Pfund eiskalten Wassers zum Sieden zu bringen, ungerechnet
diejenige Wärme, die während des Versuches verloren ging. Diese
Wärmemenge entspricht nach Rumford einer Pferdekraft. Da nach Watt
die letztere imstande ist, 33 000 Pfund in der Minute einen Fuß hoch zu
heben, so würde eine weitere Berechnung gezeigt haben, daß diejenige
Wärme, die ein Pfund Wasser um 1° erwärmt, einer mechanischen Leistung
von 1034 Fußpfund entspricht. Spätere, genauere Untersuchungen, welche
der Engländer Joule anstellte, haben für dieses Äquivalent den Wert von
772 Fußpfund ergeben. Der beträchtliche Unterschied wird daraus erklärlich,
daß Rumford die Verluste nicht in Rechnung zog, und daß bezüglich des
Arbeitsaufwandes nur eine rohe Annäherung an die von Watt als eine
Pferdekraft bestimmte Größe vorlag.

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Abb. 53. Der vor der Mündung der Kanone angebrachte hölzerne Kasten. Der
stumpfe Bohrer m n wird gegen den Boden des ausgebohrten hohlen Zylinders
gepreßt, welcher durch einen kurzen Hals mit dem Ende der Kanone verbunden
ist.
Die Abbildungen 52 und 53 sind der unten erwähnten Abhandlung Rumfords
entnommen.

Von gleicher Beweiskraft für die Immaterialität der Wärme wie der
Rumfordsche Versuch war ein von Davy angestelltes Experiment. In
seinen 1799 veröffentlichten452 »Untersuchungen über Wärme, Licht und
Atmung« teilte dieser Forscher mit, daß er bei 29° Fahrenheit, also einer
unter dem Gefrierpunkt liegenden Temperatur, zwei an Stäben befestigte
Eisstücke durch gegenseitige Reibung zum Schmelzen gebracht habe453.
Obgleich die Wärmekapazität des Schmelzwassers größer ist als diejenige
von Eis, zeigte das erhaltene Wasser dennoch eine Temperatur von 35°
Fahrenheit. Auch Davy schloß hieraus, daß die Wärme kein Stoff, sondern
eine unmittelbare Folge der Bewegung sei. Er dachte sich die Materie von
zwei Kräften, der Anziehung und der Abstoßung, beherrscht. Die
Erscheinungen der Wärme rühren nach Davy, dessen Vorstellungen sich im
wesentlichen mit den heute geltenden Anschauungen decken, von einer
besonderen Bewegung der Körperteilchen her. Alle festen Körper werden
durch heftiges Reiben ausgedehnt, indem ihre Teilchen in schwingende
Bewegung kommen und sich voneinander entfernen. Die verschiedenen
Aggregatszustände werden gleichfalls ganz im Sinne der neueren Physik aus
dem Verhältnis zwischen Anziehung und Abstoßung erklärt. Je nachdem die
erstere oder die letztere überwiegt oder beide nahezu gleich sind, ist der
Körper fest, gasförmig oder flüssig. Die Abstoßung kann durch chemische

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Vorgänge oder durch Mitteilung des Bewegungszustandes benachbarter
Körper erregt werden. In letzterem Falle ist die Bewegungsgröße, die der
eine Körper gewinnt, genau gleich derjenigen, welche der andere verliert.
Davy gehört zu jenen Vorläufern von Mayer, Joule und Helmholtz, die
von der Allgemeingültigkeit des Prinzips von der Erhaltung der Kraft schon
eine deutliche Ahnung hatten. Dafür zeugt auch sein Ausspruch: »Es läßt
sich keine erhabenere Vorstellung von den Bewegungen der Materie
gewinnen, als daß die verschiedenen Arten der Bewegung sich fortwährend
ineinander umwandeln.«
Rumford und Davy waren jedoch ihrer Zeit vorausgeeilt. Die von ihnen
entwickelte Lehre sollte erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch die
zuerst genannten Männer erneuert und fortentwickelt werden.
Die weitere Entwicklung der Prinzipien der Thermodynamik knüpft
besonders an Entdeckungen an, die man über das Verhalten der Gase bei
Temperatur- und Volumenveränderungen und über die Beziehungen
zwischen beiden machte.
Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Physiker darauf
aufmerksam, daß zusammengepreßte Luft bei ihrer Ausdehnung sich
abkühlt. Man entdeckte diese Tatsache, als man die Luft aus einer
Windbüchse gegen ein Thermometer strömen ließ und dabei ein Fallen des
Quecksilbers beobachtete454. Auch glaubte man hieraus die niedrige
Temperatur auf hohen Bergen erklären zu können. Dies war allerdings in
dieser Allgemeinheit ein Fehlschluß, da die Abkühlung nur im Augenblicke
der Verdünnung und im Zusammenhange mit einer mechanischen Leistung
auftritt, mit diesem mechanischen Vorgange also in engster Beziehung steht.
Verdünnte Luft ist also nicht etwa an sich kälter als dichtere. Dagegen hat
die Meteorologie die Temperaturänderungen aufsteigender und
niedersinkender Luftmassen zur Erklärung mancher Witterungserscheinung
verwerten können. Ein welch wesentlicher Faktor mit der neuen Erkenntnis
gewonnen war, läßt sich daraus ermessen, daß die Abkühlung für trockene
aufsteigende Luft bei 100 Metern Steighöhe sich schon auf einen Grad
beläuft. Niedersinkende Luft erfährt eine entsprechende
Temperaturzunahme, und diese Wärmeschwankungen sind wieder für den
relativen Feuchtigkeitsgehalt der Luft bedingend.

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Systematische Untersuchungen über die bei der Verdünnung und der
Ausdehnung der Luft eintretenden Wärmeschwankungen stellte zuerst
Dalton 455 an, doch war er weit davon entfernt, sie auf ihre wahre Ursache
zurückzuführen. Er glaubte nämlich, dichtere Luft besitze eine geringere
Wärmekapazität als verdünnte. Eine solche Annahme mußte auf den
sonderbaren Schluß führen, daß dem Vakuum die größte Wärmekapazität
zukomme. Um dieselbe Zeit, als Dalton seine Versuche bekannt gab, wurde
die gelehrte Welt in hohem Grade durch die Entdeckung überrascht, daß
durch eine plötzliche Verdichtung der Luft Stoffe, wie der Zündschwamm,
auf die Entzündungstemperatur gebracht werden können456. Die Annahme
Daltons, daß diese Erscheinung auf eine Änderung der Wärmekapazität
zurückzuführen sei, wurde durch einen entscheidenden Versuch Gay-
Lussacs widerlegt. Nebenbei bemerkt, hatte man bei den Versuchen
Rumfords auch zuerst an eine Änderung der Wärmekapazität gedacht457.
Gay-Lussac stellte den erwähnten Versuch in folgender Weise an. Der
Behälter A sei mit einem Gas gefüllt, B sei evakuiert. Stellt man nun
zwischen beiden Behältern eine Verbindung her, so verdoppelt das Gas sein
Volumen. Gay-Lussac erwartete, eine Abkühlung eintreten zu sehen und
war überrascht, daß im ganzen keine Temperaturveränderung stattfand458. Der
nach B überströmende Teil des Gases wurde nämlich um ebenso viel
erwärmt, wie der in A zurückbleibende abgekühlt wurde. Die spezifische
Wärme oder die Wärmekapazität konnte sich also durch die
Volumvergrößerung nicht geändert haben.

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Abb. 54. Gay-Lussacs Versuch zur Thermodynamik der Gase.

Da die Ausdehnung eines Gases unter Wärmeverbrauch vor sich geht, so
mußte man mehr Wärme zuführen, um das Gas auf eine bestimmte
Temperatur zu erhitzen, wenn die Erwärmung unter gleichzeitiger
Ausdehnung erfolgte, als wenn sie bei konstantem Volumen vor sich ging. In
letzterem Falle nahm mit der Erwähnung der Druck des eingeschlossenen
Gases zu.
Es galt nun zu untersuchen, ob sich für diese zunächst nur nach ihrer
qualitativen Natur erkannte Eigenart der Gase auch eine quantitative
Beziehung finden läßt, d. h. ob der Wärmeverbrauch bei konstantem Druck
und einer entsprechenden Ausdehnung des Gases und der Wärmeverbrauch
bei konstantem Volumen in einem bestimmten Verhältnis stehen. Ohne hier
näher auf den Gang der Untersuchung einzugehen, sei bemerkt, daß man
dies Verhältnis der spezifischen Wärme bei konstantem Druck zur
spezifischen Wärme bei konstantem Volumen gleich etwa 1,4 : 1 ermittelte.
So erhielt man für die damals als permanent betrachteten Gase folgende
Werte:
Sauerstoff 1,415
Stickstoff 1,420
Wasserstoff 1,405

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Luft 1,421
Die übrigen Gase zeigten für dieses Verhältnis etwas niedrigere Werte, z. B.
Kohlendioxyd 1,340
Kohlenmonoxyd 1,423
Stickoxyd 1,343
Es gelang erst einer späteren Periode, den Mehrbedarf an Wärme mit der
Arbeit in Beziehung zu bringen, welche das Gas leistet, wenn es sich unter
konstantem Druck ausdehnt. Wir werden sehen, wie Robert Mayer aus
dem Wert 1,421 das Wärmeäquivalent berechnete. Die weitere Entwicklung
der Thermodynamik wurde bis Mayer am meisten dadurch gehindert, daß
man an der alten Stofftheorie festhielt. Man dachte sich die ihr Volumen
»ändernden Körper« ähnlich einem Schwamm, der beim Zusammenpressen
den Wärmestoff von sich gibt und ihn bei seiner Ausdehnung wieder
aufsaugt459. Auch Carnot, mit dessen Verdiensten um die Begründung der
Thermodynamik wir uns in einem späteren Abschnitt beschäftigen werden,
hielt an der Stofftheorie fest, vermittelte aber durch seine Arbeit den
Übergang zu der durch Mayer, Joule und Helmholtz gewonnenen
Einsicht in die Umwandlungsfähigkeit von Wärme und Arbeit.

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18. Fortschritte der Optik und Sieg der Wellentheorie.
Daß die Teile des Spektrums nicht nur hinsichtlich der Wärmewirkung, wie
Herschel nachgewiesen, sondern auch hinsichtlich des chemischen
Verhaltens große Unterschiede zeigen, war schon durch Scheele
nachgewiesen worden. Dieser brachte in das Spektrum ein Stück Papier, das
er mit Chlorsilber überzogen hatte. Von dieser Substanz wußte man, daß sie
am Lichte allmählich geschwärzt wird. Scheele bemerkte460, daß das
Chlorsilber im Violett weit eher schwarz wird als in den anderen Farben.
Dieser einfache Versuch läßt sich als der Anfang der heute so hoch
entwickelten Spektralphotographie betrachten. Die Analogie des von
Scheele erhaltenen Befundes mit den Ergebnissen Herschels trat noch
deutlicher hervor, als 1801 das Vorkommen von chemisch wirksamen
Strahlen über das Violett hinaus nachgewiesen wurde461. Auch in diesem
Falle ergab sich, daß das Maximum der Wirkung jenseits des sichtbaren
Teiles gelegen ist, da die Zersetzung des Chlorsilbers hier energischer als im
Violett selbst vor sich geht. Die ultravioletten Strahlen wurden daher seit der
Zeit auch wohl als chemische Strahlen bezeichnet.
Wieder ein Jahr später (1802) wurde die Kenntnis von der Beschaffenheit
des Spektrums um eine Entdeckung von der allergrößten Tragweite
bereichert. Der Engländer Wollaston 462, der sich gleichfalls um den
Nachweis der ultravioletten Strahlen verdient gemacht hat, bemerkte, daß
das hinter einem feinen Spalt erzeugte Sonnenspektrum vom zahlreichen
dunklen Linien durchzogen ist463. Wie diese Entdeckung von Fraunhofer
erneuert und zur Grundlage der Spektralanalyse gemacht wurde, soll in
einem späteren Abschnitt gezeigt werden.
In diesem Zeitraum, in welchem die Optik um so manchen wichtigen
Fortschritt bereichert wurde, sollte auch der alte, an die Namen Newton und
Huygens sich knüpfende Streit über das Wesen des Lichtes zu gunsten der
von letzterem vertretenen Theorie entschieden und damit in die Lehre von
den Imponderabilien eine zweite Bresche gelegt werden. Der erste Angriff
auf die Emanationstheorie erfolgte im Vaterlande Newtons durch Young 464,
welcher die von Hooke begonnene und von Newton fortgesetzte
Untersuchung der Farben dünner Blättchen wieder aufnahm.

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Jene Folge von hellen und dunklen Streifen oder Ringen, die Newton im
gleichartigen Lichte beobachtet hatte, ohne dafür eine Erklärung finden zu
können, die mehr als eine bloße Umschreibung war, führte Young auf das
Zusammentreffen der von der ersten und zweiten begrenzenden Fläche
zurückgeworfenen Strahlen zurück. Er bezeichnete diese Erscheinung mit
dem noch jetzt dafür gebräuchlichen Namen als Interferenz und suchte
darzutun, daß ein Hinzufügen von Licht zu Licht in ähnlicher Weise
Dunkelheit zur Folge haben könne, wie durch das Zusammentreffen von
gleichen aber entgegengesetzten Bewegungen, z. B. Schwingungen
verschiedener Phase, Ruhe entsteht.
Young gelang sogar der Nachweis, daß die Interferenz sich auch auf den
unsichtbaren, ultravioletten Teil des Spektrums erstreckt. Er erreichte dies
durch folgende Versuchsanordnung465. Der ultraviolette Teil des Spektrums
wurde auf eine dünne, zur Erzeugung der farbigen Ringe geeignete Schicht
geworfen und von den begrenzenden Flächen so reflektiert, daß der
unsichtbare Reflex auf ein mit Silberlösung getränktes Papier fiel. Nach
einiger Zeit entstanden auf letzterem die bekannten dunklen Ringe. Das
dieser Erscheinung zugrunde liegende Prinzip der Interferenz sprach Young
in folgenden Worten aus466: »Wenn zwei Wellen verschiedenen Ursprungs
sich in gleicher oder in nahezu gleicher Richtung fortpflanzen, so besteht
ihre Gesamtwirkung in der Vereinigung der einer jeden entsprechenden
Bewegung.«
Die Bewegungen, welche das Licht zur Folge haben, geschehen nach
Young in einem dünnen, außerordentlich elastischen Äther, der das Weltall
erfüllt. Die Verschiedenheit der Farben erklärt Young aus der Häufigkeit der
Schwingungen, welche durch jene Bewegung des Äthers in der Netzhaut
erzeugt werden. Letztere denkt er sich aus drei verschiedenartigen, die
Empfindung der drei Grundfarben vermittelnden Nervenelementen
zusammengesetzt. Die Erregung der einen Art von Fasern soll demgemäß
die Empfindung Rot, die der zweiten die Empfindung Grün zur Folge haben,
während die dritte Art vorzugsweise durch das violette Licht gereizt werden
soll. So wird z. B. homogenes rotes Licht die rotempfindenden Nervenfasern
stark erregen, während es auf die beiden anderen Arten nur eine schwache
Wirkung ausübt. Werden alle drei Arten in gleicher Stärke getroffen, so
entsteht der Eindruck Weiß. Diese Lehre Youngs wurde später von
Helmholtz wieder aufgenommen und eingehender begründet467.

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Wie das Licht so wird auch die strahlende Wärme nach Young auf die
Bewegung des Äthers zurückgeführt. Nach ihm unterscheiden sich die
Wärmeschwingungen einzig durch ihre Länge und die ihnen zukommende
Schwingungszahl von den Lichtschwingungen. Die wesentlichste Schwäche
der von Young entwickelten Lehre bestand in der schon von Huygens
gemachten Annahme, die schwingende Bewegung erfolge longitudinal, d. h.
in der Fortpflanzungsrichtung. Daß eine solche Annahme die ursprüngliche
war, ist begreiflich, da man zu einer Wellentheorie des Lichtes gelangte,
indem man die Licht- und die Schallerscheinungen als analoge Vorgänge
betrachtete. Der Schall war aber schon längst auf longitudinale
Schwingungen der Luftteilchen zurückgeführt.
Jene Schwäche der von Young entwickelten Lehre trat besonders zutage, als
Malus die Polarisation durch Reflexion entdeckte. Wird ein Lichtstrahl
reflektiert oder gebrochen, so werden bekanntlich seine physikalischen
Eigenschaften im allgemeinen nicht geändert, sondern er verhält sich
geradeso, als ob er von dem leuchtenden Körper käme. Bei der Brechung
findet zwar in der Regel eine Zerlegung des zusammengesetzten Lichtes
statt, doch besitzt jede der erhaltenen Komponenten ihre konstante
Eigenschaft, was schon Newton dadurch nachwies, daß er aus diesen
Komponenten den weißen Strahl in seiner früheren Beschaffenheit wieder
zusammensetzte. Von dieser Eigenschaft des gewöhnlichen Lichtes gänzlich
abweichend ist dagegen, wie auch Newton erkannte, das Verhalten eines
Lichtstrahls, welcher die zu Newtons Zeiten an dem Kalkspat entdeckte
Doppelbrechung erlitten hat. Die erhaltenen Strahlen gehen nämlich bei
einer bestimmten Lage durch einen zweiten Kalkspatkristall hindurch, ohne
wieder zerlegt zu werden, während bei einer anderen Lage des zweiten
Kristalles eine nochmalige Teilung stattfindet. Hieran knüpfte Newton die
Bemerkung, ein solcher Lichtstrahl möge wohl verschiedene Seiten besitzen,
die mit voneinander abweichenden Eigenschaften begabt seien468.
Nahezu ein Jahrhundert sollte es dauern, bis ein Zufall lehrte, daß derartiges
polarisiertes Licht keine vereinzelte, nur an gewissen Mineralien auftretende
Erscheinung ist. Es war im Jahre 1808, als der französische Physiker
Malus 469 eines Tages durch einen isländischen Doppelspat nach den von der
untergehenden Sonne beleuchteten Fenstern des Palais du Luxembourg
blickte. Malus drehte den Kristall und nahm dabei zu seinem Erstaunen
wahr, daß die Bilder, welche dieser lieferte, abwechselnd ihre Stärke
veränderten. Zuerst dachte er an eine Beeinflussung des Sonnenlichtes bei

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seinem Durchgang durch die Atmosphäre. Später erkannte er jedoch, daß in
diesem Falle die Reflexion die einzige Ursache der Polarisation des Lichtes
ist470. Malus fand, daß unter einem bestimmten, von der Natur des
reflektierten Stoffes abhängigen Winkel die Polarisation in solchem Grade
stattfindet, daß von den Doppelbildern, welche der Kalkspat liefert, das eine
bei einer gewissen Lage des Kalkspats verschwindet. Diese Versuche
vermochte Young aus seiner Lehre infolge der erwähnten Schwäche nicht
zu erklären, worüber Malus, ein unerschütterlicher Anhänger der
Emissionstheorie, große Freude empfand471.
Die endgültige Beseitigung dieser Theorie gelang erst dem Franzosen
Fresnel 472. Fresnel begann seine optischen Untersuchungen im Jahre 1815.
Noch im selben Jahre veröffentlichte er eine Arbeit, die mit einem Preise
gekrönt wurde. Sie handelte von der Beugung des Lichtes473. Schon in dieser
Abhandlung erklärte Fresnel die bei der Beugung auftretenden Fransen aus
der Undulationstheorie des Lichtes. »Man begreift leicht«, heißt es in jener
Schrift, »daß die Schwingungen zweier Lichtstrahlen, die sich unter einem
sehr kleinen Winkel kreuzen, einander aufheben können. Und zwar
geschieht dies, wenn die Knoten des einen Strahles mit den
Schwingungsbäuchen des anderen zusammenfallen.« Aus der in diesen
Worten ausgesprochenen Theorie der Interferenz erklärte Fresnel auch die
Farben dünner Blättchen. Von ausschlaggebender Bedeutung waren seine
Interferenzversuche mit polarisiertem Licht. Sie zeigten, daß zwei
polarisierte Strahlen nur dann interferieren, wenn ihre Polarisationsebenen
parallel zu einander sind. Lagen die Polarisationsebenen senkrecht zu
einander, so traten keine Interferenzerscheinungen ein. Dies Verhalten war
mit der Annahme longitudinaler Schwingungen des Äthers nicht vereinbar.
Es läßt sich aber leicht begreifen, wenn man voraussetzt, daß das Licht in
transversalen Ätherschwingungen besteht. Unter dieser Annahme können
nämlich benachbarte Strahlen, wenn ihre Schwingungen in zwei zueinander
senkrecht stehenden Ebenen erfolgen, sich nicht gegenseitig beeinflussen.
Zu der Theorie, daß das Licht in transversalen Schwingungen des Äthers
bestehe, gelangte Fresnel um 1820. In ihren allgemeinen Grundzügen hat er
diese Theorie im Jahre 1823 entwickelt474.
In der Fassung, welche Fresnel der Undulationstheorie verliehen, ist sie in
den Besitz der Wissenschaft übergegangen. Ihre Herrschaft erschien um so
mehr gesichert, als es gelang, nicht nur die später entdeckten Erscheinungen

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aus dieser Theorie zu deuten, sondern sogar Vorgänge zu beschreiben, deren
Stattfinden erst spätere Versuche dargetan haben475.
Die von Young und Fresnel entwickelten theoretischen Anschauungen
erhielten eine wertvolle Stütze durch die analytischen Untersuchungen über
die Wellenbewegung, welche der bedeutende französische Mathematiker
Cauchy anstellte. Schon im Jahre 1815 hatte dieser für eine Arbeit über die
»Theorie der Wellen« den großen Preis der Akademie erhalten. Seit dem
Jahre 1829 hat er zahlreiche Beiträge zur Befestigung der Wellentheorie des
Lichtes geliefert. Bis dahin war es nicht gelungen, die Dispersion aus dieser
Theorie zu folgern. Den Grund erkannte Fresnel darin, daß der Einfluß der
Körpermoleküle auf den Äther noch zu berücksichtigen blieb. Cauchy
gelang es, diese Lücke auszufüllen und damit den Schlußstein in die
Undulationstheorie zu fügen. Indem er das Verhältnis der Wellenlänge zum
Abstand der Ätherteilchen berücksichtigte, gelangte er zu einem Ausdruck
für die Geschwindigkeit des Lichtes, der für verschiedenfarbiges Licht eine
verschieden große Brechung ergab. Cauchy setzte bei seiner Ableitung
voraus, daß das Licht sich in optisch dichteren Mitteln mit geringerer
Geschwindigkeit fortpflanze. Foucaults experimenteller Nachweis, daß
dies wirklich zutrifft476, sowie Fraunhofers Messungen der Wellenlängen477
haben Cauchys Annahme bestätigt und somit zur weiteren Befestigung der
theoretischen Optik beigetragen.
Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich der
umgestaltende Einfluß, den die Dampfkraft auf die Entwicklung des
Verkehrs und der Gewerbe gewinnen sollte, mehr und mehr geltend zu
machen. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß sich die Physiker mit der
bewegenden Kraft der Wärme eingehender beschäftigten. So entstanden im
Beginn der zwanziger Jahre Carnots epochemachende Betrachtungen über
die bewegende Kraft des Feuers478, in denen dieser Forscher als ein Vorläufer
von R. Mayer, Joule und Helmholtz, den Begründern der mechanischen
Wärmetheorie, erscheint.
Sadi Carnot wurde 1796 in Paris als Sohn des großen Revolutionsmannes
geboren. Er war Zögling der École polytechnique und gehörte später der
Armee als Genieoffizier an. Die Abhandlung, welche uns beschäftigt, ist die
einzige abgerundete Arbeit, die Carnot veröffentlicht hat. Er starb in noch
jugendlichem Alter (1832). Carnot machte darauf aufmerksam, daß die
Erzeugung von Bewegung bei den Wärmemaschinen stets an eine

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Wiederherstellung des Gleichgewichts der Wärme gebunden ist, d. h. an
einen Übergang der Wärme von einem Körper mit mehr oder weniger
erhöhter Temperatur auf einen anderen, dessen Temperatur niedriger ist. Bei
einer in Tätigkeit befindlichen Dampfmaschine z. B. durchdringt die in der
Feuerung durch Verbrennung entwickelte Wärme die Wände des Kessels
und erzeugt den Dampf; dieser nimmt die Wärme mit sich, führt sie zum
Zylinder, wo sie irgend einen Dienst tut und von dort in den Kondensator. In
letzter Linie bemächtigt sich daher das kalte Wasser des Kondensators der
durch die Verbrennung erzeugten Wärme.
»Überall, wo ein Temperaturunterschied besteht,« sagt Carnot, »und wo
daher die Wiederherstellung des Gleichgewichts der Wärme eintritt, kann
auch die Erzeugung von bewegender Kraft stattfinden. Der Wasserdampf ist
ein Mittel, aber er ist nicht das einzige; alle Stoffe können zu diesem Zwecke
benutzt werden. Alle sind fähig, Zusammenziehung und Ausdehnung durch
den Wechsel von Kälte und Wärme zu erfahren. Bei diesen
Volumänderungen vermögen die Körper bestimmte Widerstände zu
überwinden und auf diese Weise bewegende Kraft zu entwickeln. Ein fester
Körper, beispielsweise ein Metallstab, vermehrt und vermindert seine Länge,
wenn er abwechselnd erwärmt und abgekühlt wird, und vermag Körper zu
bewegen, die an seinen Enden befestigt sind. Eine gasförmige Flüssigkeit
kann durch Temperaturänderungen erhebliche Änderungen des Volumens
erfahren. Wenn sie sich in einem mit einem Kolben versehenen Zylinder
befindet, kann sie ausgedehnte Bewegungen hervorbringen. Die Dämpfe
aller Stoffe vermögen denselben Dienst zu leisten wie der Wasserdampf.«
Aber, auch umgekehrt sei es stets möglich, wo man eine Bewegung
anwende, Temperaturunterschiede entstehen zu lassen. So seien der Stoß und
die Reibung Mittel, die Temperatur der Körper zu erhöhen. Bei dem
geschilderten Ausgleich dachte Carnot zunächst nur an eine Bewegung der
Wärme, deren materielle Natur er noch voraussetzte. Er hat jedoch, wie aus
seinem Nachlaß hervorgeht479, später die Annahme einer Konstanz der
Wärme aufgegeben und sogar das mechanische Wärmeäquivalent ziemlich
genau bestimmt480. Zu den Grundlagen der mechanischen Wärmetheorie
gehört vor allem Carnots Konzeption des Kreisprozesses. Carnot geht von
der Tatsache aus, daß die Temperatur eines Gases zunimmt, wenn es
zusammengedrückt wird, daß sie dagegen fällt, wenn man das Gas rasch
ausdehnt. Will man daher ein Gas nach dem Zusammendrücken auf seine
ursprüngliche Temperatur zurückführen, so muß man ihm Wärme entziehen.

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Ebenso kann man bei der Ausdehnung eines Gases seine
Temperaturerniedrigung vermeiden, wenn man ihm eine bestimmte Menge
Wärme zuführt.

Abb. 55. Carnots Erläuterung des Kreisprozesses.

An diese Tatsachen knüpft Carnot folgende Überlegung, die man ein
Gedankenexperiment nennen kann481, weil sich die Durchführung in der

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Wirklichkeit nur annäherungsweise bewerkstelligen läßt. A sei ein Körper
von der Temperatur t1. Die Temperatur eines zweiten Körpers B, der von A
durch einen nichtleitenden Stoff getrennt ist, sei niedriger und zwar gleich t2.
In dem Zylinder abgh befinde sich eine elastische Flüssigkeit, z. B. Luft und
ein beweglicher Kolben cd. Man stelle sich nun mit Carnot folgende Reihe
von Veränderungen vor:
1. Der Zylinder, dessen Wand ab die Wärme leicht durchlassen soll, befinde
sich auf dem wärmeren Körper A. Das eingeschlossene Gas nimmt
infolgedessen die Temperatur t1 an, die wir A zugeschrieben haben, und der
Kolben erhebt sich aus seiner Anfangsstellung cd bis zur Stellung ef.
Infolge der Wärmezufuhr, welche das Gas dabei von A empfängt, behält
dieses trotz der Ausdehnung die Temperatur t1.
2. Der Zylinder wird jetzt von A entfernt, so daß ihm keine Wärme mehr
zugeführt wird. Dehnt sich das Gas nun weiter aus, so sinkt bei dieser
Volumverminderung seine Temperatur. Sie möge auf t2, d. i. die Temperatur
des kälteren Körpers B, gesunken sein, wenn der Kolben die Stellung gh
einnimmt.
3. Der Zylinder wird auf B gebracht und das Gas, das ja bei der
Kolbenstellung gh die Temperatur von B besitzt, zusammengedrückt. Die so
erzeugte Wärme wird dabei sofort von B, dessen Temperatur konstant t2
bleiben soll, aufgenommen. Voraussetzung ist, wenn sich die Temperatur
von A und B trotz Abgabe und Zufuhr von Wärme nicht ändern soll, daß
beide Körper eine ungeheure Wärmekapazität haben.
4. Hat der Kolben die Stellung cd erreicht, so entfernt man den Zylinder von
B und komprimiert ohne Wärmeabgabe weiter. Die Temperatur der
eingeschlossenen Luft wird jetzt steigen und es möge der Kolben die
Stellung ik angenommen haben, wenn die Temperatur des Gases wieder
gleich derjenigen von A, nämlich gleich t1, ist.
Damit ist der Kreislauf abgeschlossen. Denn bringen wir jetzt den Zylinder
auf A, so können die beschriebenen Vorgänge in vollkommen gleicher Weise
sich, so oft wir wollen, wiederholen. Der beschriebene Kreisprozeß kann
aber auch umgekehrt werden, indem man auf d zunächst c, dann b und
endlich wieder a folgen läßt. Bei dieser Umkehrung wird aber eben soviel
»bewegende Kraft« (Arbeit) verbraucht, als bei dem Ablauf der Vorgänge in
der zuerst geschilderten Folge (a, b, c, d) gewonnen wurde.

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Fast zur selben Zeit, als Rumford und Davy ihre über die Natur der
Körperwärme entscheidenden Versuche anstellten, wurde auch die Lehre
von der strahlenden Wärme, die man schon länger von der körperlichen
unterschieden hatte482, um eine wichtige Entdeckung bereichert. Wilhelm
Herschel bediente sich bei der Beobachtung der Sonne verschiedenartig
gefärbter Gläser. Dabei fiel ihm auf, daß hinter gewissen Gläsern, die
weniger Licht durchlassen, mitunter eine stärkere Wärmeempfindung
stattfand, als hinter anderen helleren483, so daß die erwärmende Kraft
durchaus nicht von der Stärke des Lichtes abzuhängen schien. Um die Frage
zu entscheiden, ob die Wärme etwa ungleichmäßig über die verschiedenen
Strahlengattungen verteilt sei, erzeugte Herschel das Sonnenspektrum und
brachte ein Thermometer mit geschwärzter Kugel in die verschiedenen
Farben, die er nacheinander durch eine Öffnung fallen ließ. Ein zweites,
etwas entferntes Thermometer zeigte die Wärme der umgebenden Luft an484.
Herschel verglich dann die Temperaturerhöhung, welche das Thermometer
in gleichen Zeiträumen in den verschiedenen Teilen des Spektrums erfuhr. In
derselben Zeit, in der es unter im übrigen gleichen Verhältnissen im violetten
Teil des Spektrums um 2° stieg, betrug die Zunahme im Grün 3¼° und im
Rot, wo sie am größten war, 6-7/8°. Herschel setzte diese Untersuchung
fort und konnte schon einen Monat später485 das merkwürdige Ergebnis
mitteilen, daß ein ultraroter Teil des Spektrums bestehe, der aus
unsichtbaren, Wärme spendenden Strahlen zusammengesetzt ist. Ja, es ergab
sich, daß das Maximum der Wärmewirkung innerhalb dieser unsichtbaren
Region liegt.

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19. Die Chemie und die Physik treten in engere
Wechselbeziehungen.
Sehr viele von den Errungenschaften, die auf chemischem und
physikalischem Gebiete zu Beginn der neueren Zeit gewonnen wurden,
knüpfen sich an den Namen Gay-Lussacs, so daß es gerechtfertigt
erscheint, diese Forschergestalt unter den vielen, die sich um den Ausbau
und die Verknüpfung der genannten Wissenszweige verdient gemacht haben,
besonders hervortreten zu lassen.
Louis Joseph Gay-Lussac wurde am 6. September 1778 in einer kleinen
Stadt486 des mittleren Frankreichs geboren. Da er zu den ausgezeichnetsten
Schülern der École polytechnique gehörte, wählte ihn der Chemiker
Berthollet zu seinem Gehilfen. Die ersten Lorbeeren, die sich Gay-
Lussac auf dem Felde der Wissenschaft verdiente, hatte er einem
eigentümlichen Umstande zu verdanken. Durch die alltägliche Beobachtung,
daß der Rauch unter dem Einfluß warmer Luft im Kamin emporsteigt, waren
die Gebrüder Montgolfier auf den Gedanken gekommen, eine Papierhülle
durch ein darunter befindliches Feuer zum Emporsteigen zu bringen. Ihrem
berühmt gewordenen Versuch vom Jahre 1783, bei dem sich eine derartige
Hülle von 22000 Kubikfuß Rauminhalt durch ein darunter befindliches
Strohfeuer auf eine Höhe von etwa 2000 Metern erhob, waren zahlreiche,
von mehr oder weniger Erfolg begleitete Aufstiege gefolgt. Der Physiker
Charles war noch in demselben Jahre zur Füllung der Ballons mit
Wasserstoff übergegangen. Trotzdem blieb eine Luftreise bei dem Fehlen der
heutigen Sicherheitsvorrichtungen zunächst ein sehr gewagtes Unternehmen.
Als sich die Pariser Akademie im Anfang des 19. Jahrhunderts entschloß,
Aufstiege zu wissenschaftlichen Zwecken zu veranstalten, galt es daher,
einige jüngere, beherzte Forscher zu gewinnen. Die Wahl fiel auf Gay-
Lussac und Biot, die im Sommer des Jahres 1804 einen
gemeinschaftlichen Aufstieg unternahmen, dem bald darauf eine von Gay-
Lussac allein ausgeführte Luftreise folgte. In der von dem letzteren
erreichten Höhe von 7000 Metern betrug die Temperatur -9,5°, während zur
selben Zeit in Paris ein im Schatten befindliches Thermometer +27,5° zeigte.
Die atmosphärische Luft war nach den Analysen Gay-Lussacs in den

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oberen Schichten der Atmosphäre von derselben Zusammensetzung wie in
der Nähe der Erdoberfläche. Auch wies Gay-Lussac nach, daß die Luft
nicht etwa in größeren Höhen einen Gehalt von dem so leichten
Wasserstoffgas besitze, wie einige Physiker zur Erklärung des Gewitters, das
in Knallgasexplosionen bestehen sollte, angenommen hatten. Insbesondere
war die Aufmerksamkeit Gay-Lussacs auf das Verhalten gerichtet, welches
die Magnetnadel in größerer Entfernung vom Erdboden zeigt. Die
angestellten Schwingungsbeobachtungen ergaben, daß ein Höhenunterschied
von mehreren tausend Metern die magnetische Kraft nicht merklich
beeinflußt. »Biots und Gay-Lussacs Luftfahrten«, schrieb später Arago 487,
»werden im Andenken der Menschen fortleben als die ersten derartigen
Unternehmungen, die behufs Lösung wissenschaftlicher Aufgaben mit
entschiedenem Erfolge ausgeführt wurden«.
Die Analyse der atmosphärischen Luft und die Zuverlässigkeit der hierfür
benutzten Mittel waren zu der Zeit, als Gay-Lussac seine Tätigkeit begann,
viel umstritten. Insbesondere war der Glaube verbreitet, daß der Gehalt an
Sauerstoff schwankend und für die Güte der Luft bestimmend sei. Die zur
Ermittlung des Sauerstoffgehaltes ersonnenen Apparate wurden daher
Eudiometer (Luftgütemesser) genannt. Das erste Eudiometer rührt von
Priestley her. Es beruhte auf dem Verhalten von Stickoxyd gegen
Sauerstoff488 und wurde von Fontana (1774) verbessert. Weit bessere
Ergebnisse erhielt man bei dem von Lavoisier in Vorschlag gebrachten
Verfahren489. Es besteht darin, daß eine gemessene Luftmenge über
Quecksilber abgesperrt und mit Phosphor in Berührung gebracht wird.
Durch die langsame Oxydation dieser Substanz wird der Sauerstoff völlig
gebunden, und die Luft erleidet eine entsprechende Volumverminderung.
Aber selbst Lavoisiers Versuchsfehler waren noch so groß, daß er für den
Sauerstoffgehalt Schwankungen von 18 auf 25% annahm. Im wesentlichen
auf dem gleichen Prinzip beruht das von Volta vorgeschlagene Eudiometer.
Die zu untersuchende Luft wird mit Wasserstoff zusammengebracht. Ist
dieses Gas in hinreichender Menge vorhanden, so reißt es bei der durch
einen elektrischen Funken bewirkten Explosion des Gasgemisches den
gesamten Sauerstoff der Luft an sich und verbindet sich damit zu Wasser.
Auch Alexander von Humboldt beschäftigte sich mit eudiometrischen
Bestimmungen. Nachdem er in Paris mit Gay-Lussac bekannt geworden
war, schlossen beide, ihrer außerordentlichen Leistungen wegen gefeierten
Männer ein enges Freundschaftsbündnis. Die schönste Frucht desselben war

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eine gemeinsame, im Jahre 1805 veröffentlichte Arbeit über die
eudiometrischen Mittel und über das Verhältnis der Bestandteile der
Atmosphäre490. Diese Arbeit ergab, daß Voltas Eudiometer das schätzbarste
Instrument für die Analyse der Luft ist. Ein wichtiges Nebenergebnis war der
Nachweis, daß sich der Sauerstoff mit dem Wasserstoff nach dem
unveränderlichen und einfachen Volumverhältnis 1 : 2 verbindet. Nach den
früheren Versuchen von Cavendish schien dies Verhältnis kein einfaches zu
sein.
Während sich der vielseitige von Humboldt neuen Aufgaben zuwandte,
vertiefte sich Gay-Lussac in das Studium der Gase, über deren chemisches
und physikalisches Verhalten wir ihm eine Fülle von Entdeckungen
verdanken. Seine erste Arbeit über diesen Gegenstand war im Jahre 1802 auf
Berthollets Anregung entstanden. Diese Arbeit handelte von der
Ausdehnung gas- und dampfförmiger Körper491 und lieferte den nicht nur in
praktischer Hinsicht, sondern auch für die Theorie sehr wichtigen Nachweis,
daß »alle Gasarten und Dämpfe bei derselben Temperaturerhöhung, unter im
übrigen gleichen Umständen, in gleichem Grade ausgedehnt werden.« Gay-
Lussacs Untersuchung erstreckte sich auf Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, Ammoniak, Schwefeldioxyd Kohlendioxyd und Ätherdampf.
Nach seinen Messungen beträgt die Volumzunahme dieser Gase bei einer
Temperaturerhöhung von 0 auf 100 Grad 0,375 des ursprünglichen
Volumens. Durch spätere Bestimmungen ist dieser Ausdehnungskoeffizient
zu 0,366 (oder für eine Temperatursteigerung von 0° auf 1° zu 0,00366 =
1/273) ermittelt worden.
Gay-Lussacs Untersuchung über die Ausdehnung der Gase war älteren
Untersuchungen gegenüber besonders deshalb ein großer Fortschritt, weil er
die gasförmigen Körper, an denen er Messungen anstellen wollte, vorher
vermittelst Chlorkalzium trocknete und damit eine wesentliche Fehlerquelle
beseitigte. Daß Gay-Lussacs Bestimmung dennoch mit einem nicht
unerheblichen Fehler behaftet blieb, ist darauf zurückzuführen, daß das
Trocknen der Gefäße und der Gase noch in nicht genügendem Maße
stattfand.
Das von Gay-Lussac beim Messen des Ausdehnungskoeffizienten
eingeschlagene Verfahren wird aus der beistehenden, seiner Abhandlung
entnommenen Abbildung ersichtlich. Der Ballon D wird über Quecksilber
mit dem zu untersuchenden Gase gefüllt. Der ganze, in Abb. 57 dargestellte

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Apparat wird in ein Wasserbad getaucht und auf 100° erhitzt. Dabei
entweicht ein Teil des Gases durch das zweimal gebogene Rohr B, dessen
Öffnung durch Quecksilber gesperrt ist. Hat der Ballon die Temperatur des
siedenden Wassers angenommen, so wird die Glasröhre B entfernt und das
Wasserbad auf die Temperatur des schmelzenden Eises abgekühlt. Das
Quecksilber steigt dann, entsprechend der Zusammenziehung des Gases, den
graduierten Hals des Ballons hinauf. Man erhält so die Größe des
Luftvolumens, das durch die Erwärmung aus dem Ballon von bekanntem
Inhalt entwichen ist.

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Abb. 56. Apparat Gay-Lussacs zur Bestimmung des Ausdehnungskoeffizienten
der Gase.

Bei den Versuchen Gay-Lussacs dehnten sich die nachstehend
aufgeführten vier Gase beim Erhitzen von 0° auf 100° in folgender Weise
aus:
100 Teile dehnen sich aus um

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Atmosphärische Luft 37,5 Teile
Wasserstoff 37,52 "
Sauerstoff 37,49 "
Stickstoff 37,49 "
Um zu untersuchen, ob der Ausdehnungskoeffizient der Dämpfe derselbe
sei, erwärmte Gay-Lussac Ätherdampf von 60° auf 100°. Er hatte die
Genugtuung wahrzunehmen, daß sowohl beim Expandieren als auch bei der
Raumverminderung durch Abkühlung der Ätherdampf gleichen Schritt mit
der atmosphärischen Luft hielt, die er in einem zweiten Apparate denselben
Bedingungen ausgesetzt hatte.
Aus seinen Versuchen schloß Gay-Lussac, daß die Ausdehnung der Gase
und der Dämpfe nicht auf der besonderen Natur der Stoffe, sondern lediglich
darauf beruht, daß diese Körper sich im elastisch-flüssigen Zustande
befinden492.
In dieser Untersuchung Gay-Lussacs findet sich keine Angabe darüber, ob
auch die Ausdehnung des Glasgefäßes bei der Berechnung der Ergebnisse
berücksichtigt wurde. In einer zweiten Untersuchung ist dies geschehen.
Trotzdem weicht der gefundene Koeffizient (0,375) für die Erwärmung von
0° auf 100°, der fast vierzig Jahre in Geltung blieb, nicht unerheblich von
dem wahren Werte (0,365) ab493.
Das Freundschaftsbündnis zwischen Gay-Lussac und Alexander von
Humboldt wurde zu einem besonders vertrauten durch eine gemeinsame,
im Jahre 1805 unternommene Reise nach Italien. Von Rom, für dessen
Kunstschätze sich ihnen im Verkehr mit einem Rauch und einem
Thorwaldsen der Sinn erschloß, machten die Freunde in Begleitung des
Geologen Leopold von Buch einen Abstecher nach Neapel, wo sie
Zeugen eines großartigen, von einem furchtbaren Erdbeben begleiteten
Ausbruch des Vesuvs wurden. Auch in chemischer Hinsicht war diese Reise
nicht ohne Ausbeute. So machte Gay-Lussac in Neapel die Beobachtung,
daß die im Wasser gelöste Luft einen weit größeren Sauerstoffgehalt (etwa
30%) als die atmosphärische Luft (21%) besitzt494. Nachdem die Reisenden
vor dem Verlassen des italienischen Bodens noch Volta aufgesucht hatten,
trafen sie in Berlin ein, wo beide im Hause von Humboldts den Winter
verlebten. Nach Paris zurückgekehrt, beschäftigte sich Gay-Lussac
zunächst mit der Frage, ob seine Vermutung zutreffend sei, daß nicht nur

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Wasserstoff und Sauerstoff, sondern auch die übrigen Gasarten sich nach
einfachen Raumverhältnissen miteinander verbinden.
Gay-Lussac wählte zunächst salzsaures Gas und verband es mit
Ammoniakgas. Es sättigten 100 Maß salzsaures Gas genau 100 Maß
Ammoniakgas, und das entstehende Salz war vollkommen neutral495. Brachte
er kohlensaures Gas mit Ammoniak zusammen, so verbanden sich mit 100
Maß kohlensaurem Gas genau 200 Maß Ammoniakgas. Es ergab sich ferner,
daß Schwefelsäureanhydrid auf 100 Maß schwefligsaures Gas 50 Maß
Sauerstoffgas enthält, daß somit auch die beiden zuletzt genannten Gase sich
nach einem einfachen Verhältnis verbinden496.
Bei einem anderen Versuch vereinigten sich 50 Maß Sauerstoffgas mit 100
Maß gasförmigem Kohlenstoffoxyd. Beide Gasarten verschwanden völlig,
und es fanden sich an ihrer Stelle 100 Maß kohlensaures Gas. Schon vor
Gay-Lussac hatte Berthollet gezeigt, daß im Ammoniak auf 100 Maß
Stickstoff genau 300 Maß Wasserstoff kommen.
Nach diesen Beweisen war es offenbar, daß zwei Gasarten, die auf einander
chemisch einwirken, sich in den allereinfachsten Verhältnissen verbinden. In
den untersuchten Fällen geschieht dies nach den Verhältnissen 1 : 1 oder
1 : 2 oder 1 : 3, während sich kein einfaches Verhältnis zwischen den
Elementen einer Verbindung zeigt, wenn man auf die Gewichte sieht.
Weitere Versuche ließen erkennen, daß die Gasarten sich nicht bloß mit
einander nach sehr einfachen Verhältnissen verbinden, sondern daß die
Raumverminderung, die sie bei der Vereinigung erleiden, auch immer in
einem sehr einfachen Verhältnisse zu dem Volumen steht, das die Gase vor
ihrer Vereinigung einnahmen497. So hatte schon Berthollet gefunden, daß
100 Maß gasförmiges Kohlenstoffoxyd, wenn sie sich mit 50 Maß Sauerstoff
verbinden, dabei 100 Maß kohlensaures Gas geben498. Beide Gasarten ziehen
sich also bei ihrer Verbindung um einen Raum zusammen, der gerade so
groß ist wie derjenige, den das hinzugefügte Sauerstoffgas vorher besaß.
Auch der Wasserdampf, der sich durch das Zusammentreten von zwei
Raumteilen Wasserstoff und einem Raumteil Sauerstoff bildete, nahm unter
gleichen Druck- und Temperaturbedingungen 2 Volumina ein, so daß bei
seiner Entstehung eine Verdichtung von 3 auf 2 stattfindet, während sich bei
der Bildung von Ammoniak eine Zusammenziehung von 2 auf 1 nachweisen
läßt. Dieses von Gay-Lussac entdeckte Volumgesetz ist die Grundlage für

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die Avogadrosche Hypothese und damit für die weitere Entwicklung der
theoretischen Chemie geworden499.
Wir kommen jetzt zu den hervorragenden Untersuchungen, durch welche
Gay-Lussac die anorganische, die technische und die organische Chemie
gefördert hat.
Als die Kunde von der Entdeckung der Alkalimetalle nach Frankreich
gekommen war, stellte Napoleon der polytechnischen Schule die Mittel zur
Beschaffung einer gewaltigen Voltaschen Säule zur Verfügung. Noch bevor
diese Säule in Tätigkeit gesetzt werden konnte, gelang es Gay-Lussac in
Gemeinschaft mit Thenard, Kalium und Natrium durch Erhitzen von Kali
und von Natron mit Eisen, also auf rein chemischem Wege, ohne
Zuhilfenahme der Elektrizität darzustellen500. Beide Forscher veröffentlichten
ihr Verfahren im Mai des Jahres 1808. Anstatt des Eisens nahmen sie auch
Kohle, erzielten damit aber ein weniger günstiges Ergebnis. Besser gelang
die Darstellung von Kalium und Natrium mittelst Kohle, als man
kohlensaures Alkali mit Kohle und Leinöl mischte und dies Gemenge der
Glühhitze aussetzte501.
Als eine der besten Monographien, die je über ein Element geschrieben
wurden, gilt Gay-Lussacs mustergültige Abhandlung über das Jod und die
Jodide. Gay-Lussac stellte in dieser Abhandlung den Begriff der
Hydrosäure im Gegensatz zur Sauerstoffsäure auf. Das Jod lieferte nämlich,
wie er nachwies, zwei Säuren, die eine in Verbindung mit Sauerstoff, die
zweite in Verbindung mit Wasserstoff. Da die Säuren, welche das Chlor, das
Jod und der Schwefel mit dem Wasserstoff bilden502, die Eigenschaften der
sauerstoffhaltigen Säuren besitzen, so mußten beide Arten von Verbindungen
in eine Klasse gestellt werden. Um die Wasserstoffsäuren von den
eigentlichen Säuren zu unterscheiden, bediente sich Gay-Lussac der
Vorsilbe Hydro. Die sauren Verbindungen des Wasserstoffs mit dem Chlor
und dem Jod erhielten also die Namen Hydrochlorsäure und Hydrojodsäure.
Den sauren Verbindungen des Sauerstoffs mit denselben Elementen blieb
dagegen die Bezeichnung Chlorsäure und Jodsäure503 vorbehalten.
Unter den zahlreichen Verbindungen, die Gay-Lussac in seiner
Abhandlung über das Jod kennen lehrte, ist besonders das Jodäthyl
hervorzuheben, ein Stoff, der vermöge seiner großen Reaktionsfähigkeit von
großer Bedeutung für die organische Chemie geworden ist.

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Von wichtigen Reaktionen, zu denen das Studium des Jods Gay-Lussac
geführt hat, verdienen noch folgende erwähnt zu werden. Jod wurde mit
Phosphor zu Jodphosphor verbunden. Letzterer zerfiel unter der Einwirkung
von Wasser in Jodwasserstoff und phosphorige Säure:
PJ3 + 3H2O = H3PO3 + 3HJ.
Durch Berührung mit Quecksilber wurde Jodwasserstoff unter Bildung von
Jodquecksilber und Freiwerden von Wasserstoff zersetzt. Dabei ergab sich
die volumetrische Gesetzmäßigkeit, daß der Wasserstoff genau die Hälfte
des Raumes einnahm, den vorher der Jodwasserstoff ausgefüllt hatte.
Wurde Jodwasserstoff der Rotglühhitze ausgesetzt, so fand eine teilweise
Zersetzung in Jod und Wasserstoff statt. Andererseits gelang die Synthese
von Jodwasserstoff, wenn Gay-Lussac das Gemenge von Jod und
Wasserstoff auf Rotglut erhitzte. Diese Beobachtung war eine der ersten,
welche über die Umkehrung einer Reaktion gemacht wurde. Indessen legte
ihr Gay-Lussac weiter keine Bedeutung bei.
Die Ähnlichkeit des Jodwasserstoffs mit der Salzsäure ergab sich auch aus
dem Verhalten gegen Metalle. Letztere machten aus beiden Verbindungen
unter Bildung salzartiger Körper Wasserstoff frei. Mit Ammoniak verband
sich Jodwasserstoff unter Entstehung eines dem Salmiak ähnlichen Stoffes.
Die Vereinigung erfolgte nach gleichen Raummengen, so daß sich nach jeder
Richtung eine so weit gehende Analogie zwischen dem neu entdeckten Jod
und dem schon länger bekannten Chlor zeigte, wie sie bis dahin zwischen
zwei Elementen noch nicht nachgewiesen war. Diese Analogie wurde später
auf das 1826 von Balard in der Mutterlauge des Meerwassers aufgefundene
Brom ausgedehnt. Der Vergleich von Chlor, Brom und Jod führte
Döbereiner später zur Aufstellung seiner Theorie von den Triaden, d. h. zu
der Annahme, daß das System der Elemente sich in Gruppen von je drei sehr
ähnlichen Grundstoffen gliedern lasse, ein Gedanke, durch den Döbereiner
zum Begründer einer Systematik der Elemente und damit zum Vorläufer
eines Mendelejeff und Lothar Meyer geworden ist504.
Die Aufdeckung der Analogie zwischen Chlor und Jod hat dahin mitgewirkt,
daß die lange geltende Annahme, das Chlor sei eine Sauerstoffverbindung505,
allgemein aufgegeben wurde.
Waren ferner die Reaktionen, welche das Jod zu anderen Elementen und
Verbindungen äußerte, zwar denen des Chlors sehr ähnlich, so ging doch aus

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der ganzen Untersuchung Gay-Lussacs hervor, daß letzteres Element
»mächtiger ist als das Jod«. Um die Dichte des Joddampfes zu bestimmen,
ging Gay-Lussac von der Dichte des Jodwasserstoffes aus. Er ermittelte,
indem er das von ihm entdeckte Volumgesetz zugrunde legte, daß der Dampf
des Jods 117mal dichter als Wasserstoff ist, also von allen Dämpfen, die
größte Dichtigkeit besitzt506.
Gay-Lussacs Arbeiten über die Schwefelsäure, um deren fabrikmäßige
Darstellung er sich durch die Einführung des sogenannten Gay-Lussac-
Turmes sehr verdient gemacht hat, sowie die durch ihn erfolgte Begründung
des Titrierverfahrens sind auf die Entwicklung der chemischen Technik von
größtem Einfluß gewesen.
Auch die Chemie der organischen Verbindungen erfuhr durch Gay-Lussac
eine bedeutende Förderung. Für die Analyse dieser Stoffe, die vor ihm in den
Kinderschuhen stak, brachte er das Kupferoxyd als Verbrennungsmittel in
Anwendung, während seine Arbeit über die Cyanverbindungen ein Muster
für spätere Untersuchungen organischer Körper gewesen ist507. Gay-Lussac
lieferte in dieser Arbeit den Nachweis, daß die von Scheele aus dem gelben
Blutlaugensalz gewonnene Blausäure (HCN) eine dem Chlorwasserstoff
(HCl) entsprechende Hydrosäure ist, in welcher ein aus Kohlenstoff und
Stickstoff bestehendes Radikal CN, das den Namen Cyan erhielt, an die
Stelle von Chlor tritt. Indem er weiter zeigte, daß dieses Radikal auch in
anderen Verbindungen die Stelle eines Elements vertritt, eröffnete er die
Reihe jener Untersuchungen, die darauf hinausliefen, sämtliche organischen
Verbindungen auf Atomgruppen zurückzuführen. Dieses Bestreben hat dann
später seinen Höhepunkt in der Forschertätigkeit Liebigs erreicht, welcher
die organische Chemie als die Chemie der zusammengesetzten Radikale
bezeichnete508.
Auch der Vorgang der Gärung, auf den die Untersuchungen Lavoisiers das
erste Licht geworfen hatten509, zog Gay-Lussac in den Bereich seiner
Forschungen. Er wies nach, daß neben Kohlendioxyd und Alkohol als
wesentliche Produkte der Gärung Glyzerin und Bernsteinsäure auftreten.
Auch versuchte er diesen Vorgang, der später als ein physiologischer
aufgefaßt wurde, in eine chemische Gleichung einzukleiden.
Wie erwähnt, war Gay-Lussac aus der École polytechnique
hervorgegangen, an der er zunächst als Repetent, später (1809) als Professor
der Chemie angestellt wurde. Gleichzeitig bekleidete er an der Sorbonne die

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Professur für Physik. Auch im öffentlichen Leben Frankreichs nahm Gay-
Lussac eine hervorragende Stelle ein. Er wirkte in zahlreichen, für
gewerbliche oder Verwaltungszwecke ernannten Kommissionen, in denen er
seiner chemischen und physikalischen Kenntnisse wegen das größte
Ansehen genoß, wurde wiederholt zum Abgeordneten gewählt und endlich
zum Pair ernannt. Ein nicht vollendetes, die Philosophie der Chemie
betiteltes Werk ließ er vor seinem Tode verbrennen.
Am 9. Mai des Jahres 1850 starb Gay-Lussac. Sein Leben ist reich an
wissenschaftlichen, durch stete Arbeit erzielten Erfolgen gewesen. Es konnte
aber auch in jeder anderen Hinsicht als vorbildlich gelten. Arago, der in der
Akademie Gay-Lussac einen Nachruf widmete, schloß mit dem schönen
Lobe: »Er ehrte Frankreich durch seine moralischen Eigenschaften und diese
Akademie durch seine Entdeckungen. Sein Name wird mit Bewunderung
und Hochachtung in allen Ländern genannt werden, in denen man die
Wissenschaften pflegt«510.
Die Physik der gasförmigen Körper wurde vor allem durch Untersuchungen
über die Absorption der Gase durch Flüssigkeiten gefördert. Zunächst fand
der englische Chemiker Henry 511, daß die von einer Flüssigkeit absorbierte
Gasmenge proportional dem Drucke ist, unter dem die Absorption erfolgt.
Voraussetzung ist dabei, daß die Umstände im übrigen gleich sind und vor
allem, daß die Gase und die Flüssigkeiten nicht chemisch aufeinander
wirken512.
Eine Erweiterung der Untersuchung Henrys lieferte Dalton mit seiner
Abhandlung Ȇber die Absorption der Gasarten durch Wasser und andere
Flüssigkeiten«513. Diese Schrift ist auch dadurch geschichtlich interessant,
daß sie die erste Atomgewichtstabelle enthält. Dalton suchte nämlich die
verschiedene Löslichkeit der Gase aus der von ihm begründeten
Atomtheorie514 abzuleiten.
Als Kennzeichen, daß ein Gas von einer Flüssigkeit nur absorbiert und nicht
gebunden wird, galt Dalton der Umstand, daß es im ersteren Fall, wenn
man den Druck unter Anwendung der Luftpumpe aufhebt, aus der
Flüssigkeit wieder entweicht.
Dalton ergänzte Henrys Untersuchung dahin, daß er sie auf Gasgemenge
ausdehnte. Wurde z. B. Wasser, das von Luft befreit war, mit einer Mischung
von zwei oder mehr Gasarten geschüttelt, so verschluckte es von jeder dieser

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Gasarten soviel, als es von ihnen einzeln bei derselben Dichtigkeit der
Gasart aufgenommen haben würde. Bei den von Dalton behaupteten
Gesetzmäßigkeiten handelt es sich jedoch mitunter um bloße Annäherungen,
zum Teil auch um Unrichtigkeiten.
Zum Schluß erhebt Dalton die Frage nach der Ursache der für die
verschiedenen Gase so verschiedenen Löslichkeit. Es ist von hohem
Interesse zu sehen, wie Dalton diese Frage aus seiner Atomtheorie zu
beantworten sucht. Er habe gefunden, daß das relative Gewicht der kleinsten
Teilchen der Körper sehr verschieden sei. Und nun zeige sich, daß
diejenigen Gasarten, die leichtere Teilchen besäßen, weniger leicht
absorbiert würden. Beides mache es wahrscheinlich, daß die Löslichkeit mit
dem Atomgewicht in einem ursächlichen Zusammenhange stehe.
Dalton war auch einer der ersten, der Messungen über die Spannkraft der
Gase und der Dämpfe anstellte. So fand er, daß die Spannkraft der feuchten
Luft gleich derjenigen der trockenen vermehrt um die Spannkraft des
beigemengten Wasserdampfes ist. Auch diese Untersuchung dehnte Dalton
auf Gasgemenge aus. Er bemerkte, daß Gase sich miteinander vollkommen
mischen, auch wenn ein leichtes Gas sich über einem schwereren befindet
(Diffusion). Dann zeigte er, daß der Druck eines Gasgemisches, auf das
gleiche Volumen bezogen, der Summe der von den einzelnen Bestandteilen
ausgeübten Spannungen gleich ist. Voraussetzung ist auch hier wieder, daß
nur eine physikalische Mischung und keine chemische Verbindung
stattgefunden hat.
Endlich suchte Dalton zu bestimmen, wie die Spannkraft gesättigter
Dämpfe von der Temperatur abhängt. Sein Verfahren ist noch heute im
Gebrauch. Er brachte die in Dampf zu verwandelnde Flüssigkeit in den
leeren Raum über dem Quecksilber eines Barometers. Dann wurde das
Barometer in eine Glasröhre eingeschlossen und darin durch erwärmtes
Wasser auf den gewünschten Wärmegrad gebracht. Die Spannung der
entwickelten Dämpfe wurde durch das Herabsinken der Quecksilbersäule
gemessen. Überstieg die Spannung den Druck einer Atmosphäre, so benutzte
Dalton eine Röhre mit einem kürzeren geschlossenen und einem längeren
offenen Schenkel, wie sie Mariotte zum Nachweis des von ihm und Boyle
entdeckten Gesetzes gebraucht hatte. Die Flüssigkeit, deren Dampfspannung
gemessen werden sollte, wurde in dem kürzeren geschlossenen Schenkel
erhitzt, während in dem längeren die Spannung durch die von dem Dampf

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getragene Quecksilbersäule gemessen wurde. Auf große Genauigkeit
konnten die ersten auf diesem Gebiete unternommenen Untersuchungen
zwar keinen Anspruch machen. Sie verdienen aber doch Erwähnung, weil sie
die Grundgedanken aufweisen, die später zu exakteren Messungen geführt
haben.
Am genauesten hat Dalton die Beziehung zwischen der Temperatur und der
Spannung des gesättigten Wasserdampfes ermittelt. Er stellte seine
Messungen innerhalb der weiten Grenzen von -40° bis +325° Fahrenheit an
und glaubte auch den Zusammenhang von Temperatur und Spannung auf
eine geometrische Reihe zurückführen zu können. Es hat sich jedoch
ergeben, daß ein einfacher mathematischer Ausdruck für die hier obwaltende
Beziehung nicht vorhanden ist.
Lavoisier hatte den Satz aufgestellt, daß der Sauerstoff das Säure bildende
Prinzip sei und daß in den Salzen wie in den Säuren dieses Element nie
fehle. Lavoisiers Theorie der Sauerstoffsäuren fand zu Beginn des 19.
Jahrhunderts besonders in Berzelius einen Verteidiger. Durch ihn wurde
das dualistische, auf die Ergebnisse der Elektrolyse sich stützende System
der chemischen Verbindungen ins Leben gerufen. Nach dieser Auffassung
ZnO SO3
.
erhielt z. B. schwefelsaures Zink die Formel + –
welche andeuten sollte, daß diese Verbindung aus der Basis ZnO als
positivem und der Schwefelsäure SO3 als negativem Bestandteil
zusammengesetzt sei. Was wir heute als Säure bezeichnen und als
einheitliche Verbindung betrachten, wurde als Säurehydrat aufgefaßt, z. B.
galt die Schwefelsäure (H2SO4) als die Vereinigung des negativen
(SO3 H2O)
.
Bestandteils SO3 mit dem schwach elektropositiven Wasser – + .
Letzterem wurde eine Doppelnatur beigelegt, da es den stark positiven
Metalloxyden gegenüber in die Bildung von basischen Hydraten als
(CuO + H2O = CuO H2O).
.
negativer Bestandteil eingeht + –
Der erste, der Lavoisiers Lehre erschütterte, war sein großer Zeitgenosse
Berthollet. Er entdeckte, daß die Blausäure (HCN) und auch der
Schwefelwasserstoff (H2S) ausgesprochen die Eigenschaften von Säuren
besitzen und dennoch keinen Sauerstoff enthalten. Berthollet hätte diesen

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Verbindungen die Salzsäure (HCl) hinzufügen können, wenn er nicht das
Chlor als eine Sauerstoffverbindung betrachtet hätte515. Für diesen die
Chemie Jahrzehnte beherrschenden Irrtum brachte er sogar eine
vermeintliche Stütze in der von ihm unrichtig gedeuteten Beobachtung bei,
daß sich aus einer Chlorlösung im Lichte Sauerstoff entwickelt. Berthollet
schloß nämlich daraus, daß das Chlor als höhere Oxydationsstufe dabei in
die vermeintlich weniger Sauerstoff enthaltende Salzsäure und Sauerstoff
zerfallen sei, während doch der Vorgang sich tatsächlich als eine Zerlegung
des Wassers darstellt (2 Cl + H2O = 2 HCl + O). Als dritte Oxydationsstufe
betrachtete man die sehr sauerstoffhaltige Verbindung, die wir heute als
Chlorsäure bezeichnen.
Die erste große Umgestaltung, welche das System Lavoisiers erfuhr, ging
von Davy aus. Dieser hatte gefunden, daß das Salzsäuregas durch das von
ihm entdeckte Kalium unter Entwicklung von Wasserstoff zersetzt wird.
Dabei entstand Chlorkalium. Weiter zeigte Davy, daß aus Chlor nicht
Salzsäure durch Entziehung von Sauerstoff entsteht, sondern daß sich die
Salzsäure aus Chlor nur bildet, wenn dieses Element auf Wasserstoff oder
auf eine Wasserstoff enthaltende Verbindung wirkt. Diese Tatsachen führten
Davy zu der Annahme, daß das Chlor ein Element sei und die Salzsäure in
einer Verbindung von Chlor mit Wasserstoff, die Salze der Salzsäure aber in
einer Verbindung von Chlor mit den betreffenden Metallen bestehen. Bald
darauf wies Gay-Lussac ein völlig analoges Verhalten für das Jod und den
Jodwasserstoff nach. Gay-Lussac führte, nachdem er auch für die
Blausäure dargetan hatte, daß der Sauerstoff an ihrer Zusammensetzung
nicht beteiligt ist, für die der Salzsäure entsprechend zusammengesetzten
Säuren die Bezeichnung Wasserstoffsäuren ein. Hartnäckig wurde an der
alten Lehre von einem Teile der Chemiker, an deren Spitze Berzelius stand,
festgehalten. Endlich um 1820 gab dieser seinen Widerstand auf, weil die
Annahme, daß in den Halogenen und ihren Salzen doch ein, wenn auch
experimentell nicht nachweisbarer Sauerstoffgehalt vorhanden sei, doch zu
willkürlich und gekünstelt schien.
Gay-Lussac hatte dem Chlor als analoges Element das Jod zur Seite
gestellt. Im Jahre 1826 entdeckte Balard das Brom in der Mutterlauge des
Meerwassers. Er stellte sofort eine ausgedehnte Untersuchung dieses
Elementes an und erkannte, daß es dem Chlor und Jod vollkommen analog
sei. Daß auch das Fluor in diese Gruppe gehört und Fluorwasserstoff
(Flußsäure) dem Chlorwasserstoff entsprechend zusammengesetzt ist, sprach

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zuerst Ampère aus. Die Bemühungen, das Fluor zu isolieren, hatten der
außerordentlichen Affinität dieses Elementes wegen zunächst keinen Erfolg.
Dieser Versuch, um den sich sowohl Davy als Gay-Lussac vergeblich
abmühten, gelang erst Moissan durch eine passend ausgeführte
elektrolytische Zersetzung der Flußsäure. Immerhin ist die Erkenntnis der
vier Halogene als einer scharf charakterisierten Gruppe von Elementen
schon während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts erfolgt. Die
Erforschung ihrer Glieder ist für die weitere Entwicklung der theoretischen
nicht minder als der technischen Chemie von großer Bedeutung gewesen.

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20. Fortschritte in der Anwendung der Mathematik auf die
Naturwissenschaften.
Eine ähnliche Förderung und Durchdringung, wie sie die Physik und die
Chemie vor allem durch Gay-Lussac erfuhr, vollzog sich zwischen der
Physik und der Mathematik besonders durch Gauß.
Carl Friedrich Gauß wurde am 30. April 1777 in Braunschweig geboren.
Sein Vater war Baumeister und Kassenverwalter. Er wird als ein sehr tätiger
und willensstarker Mann geschildert. Die Mutter war fleißig und sorgsam.
Sie entstammte gleich dem Vater einer einfachen Handwerkerfamilie. Trotz
aller vortrefflichen Eigenschaften gelang es den Eltern des frühreifen
Knaben nicht, zu einigem Wohlstand zu gelangen. Gauß hätte daher nicht
die Gelehrtenlaufbahn einschlagen können, wenn ihm nicht von seinem 14.
Lebensjahre ab die Unterstützung seines Landesfürsten, des Herzogs
Ferdinand von Braunschweig, zu Teil geworden wäre. Nachdem er das
Gymnasium seiner Vaterstadt und das dortige Collegium Carolinum besucht
hatte, bezog er im Jahre 1795 die Universität Göttingen. Ihr ist Gauß trotz
aller aus Berlin und Petersburg an ihn herantretenden Verlockungen bis an
sein Lebensende treugeblieben.
Seine Lehrmeister waren vor allem die Werke von Newton, Euler und
Lagrange. In seine von 1795 bis 1798 dauernde Studienzeit fallen schon
einige hervorragende mathematische Entdeckungen. So fand er bei seiner
Beschäftigung mit der Kreisteilung, kaum 18 Jahre alt, die Konstruktion des
regelmäßigen Siebzehnecks. Er löste damit ein Problem, das den
Mathematikern seit den Zeiten Euklids Schwierigkeiten bereitet hatte. Eine
ähnliche Bereicherung erfuhr die Algebra durch seine 1799 erschienene
Abhandlung über »die Zerlegung ganzer algebraischer Funktionen in reelle
Faktoren ersten oder zweiten Grades«516. Es handelte sich um den Beweis,
daß jede Gleichung m ten Grades, also ein Ausdruck von der Form:
Xm + Axm-1 + Bxm-2 + .... + M = 0
stets m Wurzeln besitzt, oder daß sie, was dasselbe bedeutet, in m Faktoren
(x - α), (x - β), (x - γ) usw. zerlegt werden kann, deren Produkt der linken
Seite des obigen Ausdrucks gleich ist. Dieser wichtigste Satz der Theorie der

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algebraischen Gleichungen, auf dem die ganze höhere Algebra beruht, hatte
zwar schon d'Alembert, Euler und andere Mathematiker beschäftigt. Der
vollkommen strenge Beweis gelang indes erst Gauß.
Zwei Jahre später folgte das arithmetische Hauptwerk des großen
Mathematikers, die Disquisitiones arithmeticae (1801). Dies Werk, das er
seinem hohen Gönner, dem Herzog Ferdinand von Braunschweig widmete,
besitzt für die Zahlentheorie eine geradezu grundlegende Bedeutung. Einige
Abschnitte der Disquisitiones wurden neuerdings in deutscher Übersetzung
herausgegeben517.
In demselben Jahre, in welchem die Disquisitiones erschienen, wurde das
unvergleichliche Genie eines Gauß auf das astronomische Gebiet gelenkt.
Am 1. Januar 1801 hatte Piazzi den ersten Planetoiden entdeckt, den er
Ceres nannte. Piazzi verfolgte das neue Gestirn durch einen Bogen von 9
Graden. Dann verschwand es in der Abenddämmerung, und es war sehr
fraglich, ob man es bei der mangelhaften Kenntnis seiner Bahnelemente
wieder auffinden werde. Gauß hörte von dem Problem, und da er sich
gerade mit theoretisch-astronomischen Untersuchungen befaßte, so
berechnete er die Bahn des neuen Planeten nach einer von ihm herrührenden
Methode und sandte sein Ergebnis an eine astronomische Zeitschrift, welche
als Sammelstelle518 alle ihr eingesandten, die Ceres betreffenden
Berechnungen veröffentlichte. Es war nämlich sehr wichtig, die Ephemeride
dieses Planeten für den Zeitpunkt zu kennen, wenn man seinen
Wiederhervortritt aus den Strahlen der Sonne erwarten durfte. Die
Ephemeride von Gauß wurde mit dem wenig schmeichelhaften Zusatz
veröffentlicht, daß die Redaktion auch ihren Abdruck für geboten halte, weil
man eben nicht wissen könne, welche Berechnung die richtige sei.
Man kann sich die Überraschung ausmalen, als die Ceres gerade auf Grund
der Ephemeride von Gauß, der den Astronomen noch ganz unbekannt war,
wieder aufgefunden wurde. Jetzt galt es, die Bahnelemente dieses Planeten
zu berichtigen. Und wieder war es Gauß, der nach jedem Bekanntwerden
neuer Daten verbesserte Bahnelemente an jene astronomische Zeitschrift
einsandte. Gewiß nicht ohne das Gefühl einer gewissen Beschämung
bemerkte die Redaktion schließlich, Gauß müsse eine völlig neue Methode
besitzen, die ihm dasjenige, wozu sonst eine umfangreiche Rechnung nötig
sei, in wenigen Zügen liefere. Diesmal hatte man das Richtige getroffen.
Einmal befand sich Gauß schon damals im Besitze seiner Methode der

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kleinsten Quadrate, die es ihm ermöglichte, in einer Reihe von
Beobachtungen den der Wahrheit am nächsten kommenden Wert zu
berechnen. Ferner hatte er auch neue astronomische Methoden gefunden, die
es ihm gestatteten, innerhalb einer Stunde eine Bahnberechnung
auszuführen, zu welcher Euler noch drei Tage gebraucht hatte519. Zur
Veröffentlichung dieser neuen Methoden schritt Gauß erst, nachdem er
(1807) zum Professor der Mathematik und zum Leiter der Sternwarte in
Göttingen ernannt war. Die Veröffentlichung erfolgte unter dem Titel:
Theoria motus corporum coelestium in sectionibus conicis Solem
ambientium. Eine deutsche Bearbeitung dieses Fundamentalwerkes, das
Gauß übrigens ursprünglich in deutscher Sprache abgefaßt hat, erschien erst
1865520. Mit der Veröffentlichung der »Theoria motus« begann für die
rechnende Astronomie ein neues Zeitalter. Man verließ allgemein die älteren
Methoden, um diejenigen von Gauß in Gebrauch zu nehmen. In der
»Theoria motus« gab Gauß auch seine Methode der kleinsten Quadrate
bekannt, in deren Besitz er sich schon, wie er selbst angab, seit 1795 befand.
Inzwischen war auch Légendre auf die gleiche Methode gekommen. Er hat
sie 1806 in den Worten ausgesprochen521: »Sind durch Beobachtungen mehr
Gleichungen gegeben, als Unbekannte zu bestimmen sind, so sind die
richtigsten Werte der letzteren diejenigen, für welche die Summe der
Fehlerquadrate ein Minimum ist.« Von französischer Seite wurden deshalb
Prioritätsansprüche hinsichtlich dieser Methode erhoben und, wenn das
Datum der Veröffentlichung allein darüber zu entscheiden hätte, gewiß mit
Recht. Gauß gebührt indessen außer der selbständigen und seinen eigenen
Angaben nach viel früheren Entdeckung das Verdienst, daß er es war, der
diese Methode in einem fundamentalen Werke522 wissenschaftlich begründete
und die Begriffe schuf, auf denen alle neueren Arbeiten über diese Methode
beruhen.
Von hervorragender Wichtigkeit sind die Abschnitte der Disquisitiones,
welche die Rechnung mit Determinanten betreffen523. Die ersten Anfänge
dieses wichtigen Hilfsmittels der neueren Mathematik finden sich schon bei
Leibniz. Leibniz machte zuerst darauf aufmerksam, daß die
Kombinationslehre der Algebra bei der Auflösung von Gleichungen
wertvolle Dienste zu leisten vermöge. Der eigentliche Begründer der
Determinantenlehre war Cramer. Er veröffentlichte 1750 eine neue
Methode, um mit Hilfe der Permutationsrechnung n Gleichungen ersten
Grades mit n Unbekannten aufzulösen. Laplace, sowie Lagrange knüpften

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an diese Arbeit weitere Untersuchungen an. Der bedeutendste Fortschritt auf
dem neu erschlossenen Gebiete erfolgte jedoch durch Gauß. Von ihm rührt
auch der Ausdruck Determinante her. Die neueste Entwicklung der
Determinantenlehre knüpft an Jacobi an, doch müssen wir uns auf die bloße
Erwähnung seiner Abhandlungen über diesen Gegenstand beschränken524.
Unter den späteren mathematischen Arbeiten von Gauß sind besonders
zwei, wenn auch in aller Kürze, zu berücksichtigen, weil sie sich mit
physikalischen Problemen befassen. Es sind dies eine Abhandlung über die
Gestalt von Flüssigkeiten und ein grundlegender Beitrag zur Entwicklung
der für die neuere mathematische Physik so wichtigen Potentialtheorie.
Die Theorie der Flüssigkeiten hatte Laplace in einem Anhange zu seiner
»Mécanique céleste« behandelt. Er hatte angenommen, daß zwischen den
Flüssigkeitsteilen außer der gewöhnlichen Anziehung, welche dem Quadrate
des Abstandes umgekehrt proportional ist, noch andere anziehende Kräfte
wirken. Dieser zweite Teil der Anziehung sei ganz unmerklich, sobald es
sich um meßbare, wenn auch sehr kleine Abstände handele. Dagegen könne
diese zweite, Molekularanziehung genannte Kraft in unmeßbar kleinen
Entfernungen die gewöhnliche Anziehung bei weitem übertreffen.
Laplace hatte unter dieser Voraussetzung die Eigenschaften der
Molekularkräfte der Rechnung unterworfen und war auf diesem Wege zu
einer Erklärung der Kapillarität, sowie der Oberflächenform der
Flüssigkeiten gelangt. Diese Untersuchungen525, welche Gauß zu den
»schönsten Bereicherungen« zählte, welche die Naturwissenschaften dem
großen französischen Mathematiker zu verdanken hätten, waren jedoch in
wesentlichen Punkten unzureichend und unvollständig geblieben. Gauß
suchte deshalb von neuem, welche Gleichgewichtsform Flüssigkeiten
annehmen, wenn sie unter dem Einfluß der Schwere und dem Einfluß der
von ihnen selbst und dem Gefäße ausgeübten Molekularkräfte stehen526. Er
verfuhr dabei wesentlich anders als Laplace, indem er sich, ausgehend von
den Grundlagen der Dynamik, des Prinzips der virtuellen Bewegungen
bediente. Aus der auf diesem Wege abgeleiteten Formel vermochte Gauß
mit Leichtigkeit das Grundphänomen der Kapillarität abzuleiten, daß
nämlich in zylindrischen Kapillarröhren die Senkung oder Hebung einer
Flüssigkeit dem Durchmesser des Rohres umgekehrt proportional ist. Das
zweite der erwähnten mathematischen Werke zeigt Gauß in engster
Beziehung zu einer Theorie, die für die neuere mathematische Physik mehr

Page 304

wie jede andere grundlegend geworden ist, Es ist die in ihren Anfängen bis
in die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichende Potentialtheorie.
Damit der hervorragende Anteil, den Gauß an der Schöpfung dieser Theorie
genommen, gewürdigt werden kann, ist es nötig, in aller Kürze auf die
Arbeiten seiner Vorgänger zurückzugreifen.
Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der erwähnten neuen
mathematischen Disziplin ist Newtons Gravitationsgesetz. Mit der
Auffindung dieses Gesetzes war nämlich eine Reihe von Problemen
gegeben, die für die Weiterentwicklung der Mathematik eine treibende Kraft
bedeuteten. Das Gravitationsgesetz, nach welchem die Anziehung durch den
Ausdruck (m · m')/r2 bestimmt ist, galt zunächst für zwei materielle Punkte
oder für zwei materielle Systeme, deren Ausdehnung gegenüber der sie
trennenden Entfernung nicht in Betracht kommt. Solche Systeme ließen sich
so betrachten, als ob ihre Massen in den beiden Schwerpunkten vereinigt
wären und von diesen Punkten in der Richtung der Verbindungslinie
wirkten. Sobald man aber die Körper als materielle Systeme auffaßte, bei
denen jeder der unendlich vielen Teile dem Newtonschen Gesetze gemäß
auf andere materielle Systeme oder, um den einfacheren Fall
vorwegzunehmen, auf einen materiellen Punkt wirkt, so war damit eine Fülle
von Problemen, im wesentlichen mathematischer Art, gegeben, die mit den
bisherigen Hilfsmitteln nicht gelöst werden konnten. Es bedurfte der
Einführung einer für die Attraktionsrechnung charakteristischen Funktion,
die sich auf die Summe oder das Integral sämtlicher wirkenden
Massenteilchen beziehen mußte und die man später als das Potential der
Massen bezeichnet hat. Vor allem galt es, die Anziehung von Ellipsoiden –
denn mit solchen und nicht mit Kugeln hatte es die Astronomie zu tun – auf
einen materiellen Punkt zu bestimmen. Newton beharrte auch hier bei
seinem synthetisch-geometrischen Verfahren und fand z. B., daß eine von
zwei ähnlichen, konzentrischen Ellipsoiden begrenzte homogene Schale auf
einen beliebigen, in ihrem Innern befindlichen Punkt keine Anziehung
ausübt.
Ein Fortschritt in der Lösung derartiger Probleme527 erfolgte indessen erst, als
Lagrange das analytische Verfahren auf die zahlreichen, aus dem
Attraktionsgesetz entspringenden Aufgaben anwandte. Lagrange suchte
einen allgemeinen Ausdruck für die Kraft, mit der ein beliebig gestalteter
Körper einen beliebig gelegenen Punkt anzieht. Er zeigte, daß die
Anziehung, die ein aus einzelnen materiellen Punkten bestehendes System

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ausübt, sich in Komponenten zerlegen läßt, die sich als die partiellen
Differentialquotienten einer Funktion darstellen lassen528. Gleichzeitig führte
er, um die Lösung der Attraktionsaufgaben zu erleichtern, nach dem
Vorgange Bernoullis, Polarkoordinaten ein. Das Ergebnis dieser
Bemühungen war, daß Lagrange die meisten der bis dahin bekannt
gewordenen Sätze über die Attraktion analytisch zu beweisen vermochte.
Auf Lagrange folgt Laplace. Er wandte die von Lagrange aufgestellte
Funktion zuerst auf zusammenhängende Massen an und löste in seiner
Théorie des attractions des sphéroides et de la figure des planètes529 das
vielumworbene Ellipsenproblem, indem er die Anziehung dreiachsiger
Ellipsoide auf einen außerhalb gelegenen Punkt bestimmte. Laplace
gelangte zu einer Gleichung für die zweiten partiellen Derivierten der von
Lagrange entdeckten und von Laplace mit dem noch jetzt üblichen
Buchstaben V bezeichneten Funktion. Dieser noch heute als Laplacesche
Gleichung bezeichnete Ausdruck lautet:
δ2V/δx2 + δ2V/δy2 + δ2V/δz2 = 0.
In ungeahntem Maße wuchs die Bedeutung des von Lagrange und
Laplace geschaffenen Algorithmus, als Coulomb nachgewiesen hatte, daß
auch die magnetischen und die elektrischen Anziehungen dem
Newtonschen Gravitationsgesetz entsprechend vor sich gehen. Ein Versuch,
die Analyse unter Anwendung des Potentialbegriffes auf die Elektrizität und
den Magnetismus anzuwenden, rührt von dem Engländer Green (1793-
1841) her530. Dieser Versuch datiert vom Jahre 1828. Vorangegangen war nur
Poisson, der in einer analytischen Untersuchung die Verteilung der
Elektrizität an der Oberfläche leitender Körper bestimmt und die Herrschaft
der Analysis auch auf das Gebiet des Magnetismus auszudehnen versucht
hatte. An diese Arbeiten Poissons und an die von Laplace gewonnene
Differentialgleichung zweiter Ordnung, deren Wichtigkeit für alle nach dem
Newtonschen Gesetze wirkenden Kräfte er erkannte, knüpfte Green an.
Ihn beseelte der Wunsch, eine Kraft von solch allgemeiner Wirksamkeit wie
die Elektrizität, soweit wie möglich, der Rechnung zu unterwerfen. Dazu
bediente er sich der Analysis, einmal, um die »außerordentliche Macht
dieses wunderbaren Gedankenwerkzeugs« zu offenbaren; dann aber auch,
um diese Macht zu vergrößern.
Green gebrauchte den Ausdruck Potentialfunktion für jene Funktion, die
Laplace mit V bezeichnete und die Gauß später Potential genannt hat. Fast

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alle anziehenden und abstoßenden Kräfte sind nach Green so geartet, daß
folgende Beziehung stattfindet: Wirkt ein Körper auf einen materiellen
Punkt, so kann die auf diesen Punkt in einer gewissen Richtung wirkende
Kraft durch einen partiellen Differentialquotienten einer gewissen Funktion
der Koordinaten, welche die Lage des Punktes im Raume darstellen,
ausgedrückt werden. Die Betrachtung dieser Funktion ist für viele
Untersuchungen von großer Bedeutung, deshalb wurde sie von Green mit
einem besonderen Namen bezeichnet531.
Green geht von der Laplaceschen Gleichung
δ2V/δx2 + δ2V/δy2 + δ2V/δz2 = 0
aus. Sie gilt für jeden außerhalb des Körpers liegenden Punkt, dessen
Koordinaten x, y, z sind. Green führt für diese Gleichung das kürzere
Symbol δV = 0 ein und zeigt zunächst, daß für einen Punkt im Innern des
Körpers die Gleichung δV + 4πρ = 0 besteht, δV somit den Wert -4πρ
annimmt. Dabei ist unter ρ die elektrische Dichtigkeit im Punkte p zu
verstehen. Die Laplacesche Gleichung für einen äußeren Punkt stellte sich
danach nur als einen speziellen Fall der neuen Gleichung δV + 4πρ = 0 dar,
da ρ für einen äußeren Punkt = 0 wird. Beim Durchgange durch die
Oberfläche macht somit die Potentialfunktion einen Sprung um 4πρ. Das
Ergebnis der Greenschen Untersuchung gipfelt darin, daß sich die
elektrische Dichtigkeit aus der Potentialfunktion und letztere aus jener
berechnen läßt. Nachdem Green die allgemeinsten Grundlehren der
Elektrizitätstheorie und im Zusammenhange damit wichtige
funktionstheoretische Sätze entwickelt hatte, ging er zu einigen besonderen
532

Fällen über. Die erste Anwendung betraf die Leydener Flasche. Es ergab
sich folgendes: Grenzt man durch eine geschlossene Kurve ein Stück der
inneren Belegung ab, und schneidet man ferner ein korrespondierendes
Stück aus der äußeren Belegung heraus, indem man längs der ganzen Kurve
Normalen errichtet, so ist die Summe der Ladungen auf diesen
korrespondierenden Flächenstücken gleich Null. Die Flächenstücke haben
nämlich gleiche und entgegengesetzte Ladungen, die sich gegenseitig genau
neutralisieren533.
Mit den experimentell gefundenen Tatsachen vollkommen
übereinstimmende Ergebnisse erhielt Green ferner, als er seine Theorie auf
die Influenzerscheinungen anwandte. Green betrachtet zunächst den Fall,
daß eine vollkommen leitende, hohle Schale von irgend welcher Form und

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Dicke der Wirkung beliebiger, außerhalb befindlicher, elektrischer Körper
ausgesetzt ist. In der Schale wird dann ein elektrischer Zustand induziert,
dessen Wirkung auf einen im Innern befindlichen, mit Elektrizität geladenen
Punkt, wie Green berechnet, gleich Null ist534.
Green betrachtet dann den Fall, daß zwei Kugeln von verschiedenem
Radius durch einen dünnen langen Draht verbunden werden. Er untersucht
das Verhältnis ihrer Ladungen beim Gleichgewicht. Die Rechnung ergibt,
daß sich die mittleren elektrischen Dichtigkeiten umgekehrt wie die Radien
der Kugeln verhalten. Läßt man den Radius der einen Kugel darauf
unendlich klein werden, so hat man den besonderen Fall der
Spitzenwirkung535.
Greens Arbeit hatte ein merkwürdiges Schicksal. Da Green in ländlicher
Abgeschiedenheit das Geschäft seines Vaters verwaltete und der gelehrten
Welt unbekannt blieb, so wurden seine Abhandlungen weder in England
noch auf dem Festlande beachtet. Sie gerieten in Vergessenheit, bis die in
ihnen enthaltenen wichtigen Ergebnisse durch Gauß von neuem entdeckt
wurden. Erst dann lenkte der Physiker W. Thomson, um seinem Lande die
Priorität zu wahren, die Aufmerksamkeit auf Greens Abhandlungen und
veröffentlichte die wichtigste von neuem536. Eine deutsche Übersetzung
erschien in Ostwalds Klassikern537.
Die neueste Entwicklung der Potentialtheorie als einer selbständigen
mathematischen Disziplin beginnt im Jahre 1849 mit dem Erscheinen der
grundlegenden Abhandlung von Gauß 538. Dem großen Deutschen gelang es,
nicht nur die wichtigsten von ihm gefundenen Sätze zum ersten Male streng
zu beweisen, sondern die Theorie durch neue wichtige Sätze in solchem
Grade zu bereichern, daß sie für die Physik und für die Funktionenlehre
fortan die größte Bedeutung besaß.
Gauß entwickelte in jener Abhandlung allgemeine Sätze, die sowohl für die
Gravitation als auch für die wichtigsten elektrischen und magnetischen
Erscheinungen gelten. In dem Ausdruck (mm')/r2 bedeuten also m und m'
entweder ponderable Materie oder die Mengen einer magnetischen oder
drittens die Mengen einer elektrischen Flüssigkeit, die aufeinander eine, sei
es anziehende, sei es abstoßende Kraft ausüben. Ausgeschlossen blieb die
Wirkung des galvanischen Stromes auf das magnetische Fluidum, weil hier
die Kraft nicht in der verbindenden Geraden wirkt und weil ihre Stärke nicht
allein von der Entfernung, sondern auch von einem Winkel abhängt.

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Ausgeschlossen blieb auch die Wirkung, welche zwei Stromelemente
aufeinander ausüben. Und zwar geschah dies wegen der Abhängigkeit der
Erscheinungen von der Richtung der Stromelemente, die im übrigen in der
verbindenden Geraden und dem Quadrate der Entfernung umgekehrt
proportional aufeinander einwirken. Gauß beschränkt sich also auf die drei
zuerst genannten Fälle und versteht unter Masse nichts weiter als dasjenige,
wovon Anziehung oder Abstoßung ausgeht.
Wirken solche anziehenden oder abstoßenden Kräfte m0, m', m'' usw. auf
denselben Punkt aus den Entfernungen r0, r', r'' usw., so existiert eine
Funktion V, die gleich der Summe aller m/r ist. Diese Funktion nennt Gauß
das Potential der Massen. Es ist, in Worten ausgedrückt, die Summe aller
wirkenden Massenteilchen, jedes durch seine Entfernung von jenem Punkte
dividiert. Aus ihr lassen sich die Komponenten der ganzen auf den Punkt
wirkenden Kraft ableiten. Diese Kraft p ist gegeben durch den Ausdruck:
p = √ ((δdV/δx)2 + (δV/δy)2 + (δV/δz)2).
Gauß führte darauf einen Begriff ein, der in seinen und den späteren
Untersuchungen für die Potentialtheorie von der größten Bedeutung wurde.
Er dachte sich durch alle Punkte, in denen das Potential ein und denselben
Wert hat, eine Fläche gelegt. Eine solche Fläche scheidet den Raum, in
welchem das Potential kleiner ist von demjenigen, wo es größer ist als der in
jener Fläche herrschende Wert. Die Richtung der Kraft wird ferner in jedem
Punkte einer solchen »Gleichgewichtsfläche« gegen die Fläche selbst normal
sein. Die von Gauß als Gleichgewichtsflächen bezeichneten Flächen
konstanten Potentials werden heute als »Niveauflächen« und die senkrecht
zu einer Folge solcher Flächen stehenden Linien (die orthogonalen
Trajektorien) als »Kraftlinien« bezeichnet.
Gauß zeigte auch, daß für alle Punkte des Raumes, die außerhalb der
wirkenden Massen liegen, die Laplacesche Gleichung gilt. Liegt ein Punkt
von der Dichte k im Innern des Körpers, so ergab sich in Übereinstimmung
mit Green, daß der Laplacesche Ausdruck die Form -4πk annimmt. Bis
dahin bietet Gauß also wenig Neues, doch sind seine Ableitungen bekannter
Sätze einfacher und strenger als die früheren.
Unter den vielen neuen Sätzen, die Gauß entdeckte, ist einer der wichtigsten
derjenige, den man den Satz von der äquivalenten Massentransportation
genannt hat. Er lautet: Anstatt einer beliebigen gegebenen Massenverteilung

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D, die entweder bloß auf den inneren von einer geschlossenen Fläche S
begrenzten Raum beschränkt ist oder bloß auf den äußeren Raum, läßt sich
eine Massenverteilung E bloß auf die Fläche selbst substituieren. Dies hat
zur Folge, daß die Wirkung von E der Wirkung von D gleich wird in allen
Punkten des äußeren Raumes für den ersten Fall oder in allen Punkten des
inneren Raumes für den zweiten. Von diesem Satze hat Gauß, wie wir
sogleich des näheren sehen werden, in seiner berühmten Abhandlung über
die Intensität des Erdmagnetismus eine Anwendung gemacht.
Wir gelangen damit zu einer neuen Phase in der wissenschaftlichen
Entwicklung des großen Forschers. Durch Alexander von Humboldt war
Gauß mit dem Physiker Wilhelm Weber bekannt geworden. Nachdem
Gauß bewirkt hatte, daß Weber nach Göttingen berufen wurde, entstand
zwischen beiden Männern ein ähnliches Verhältnis, wie es später zwischen
Kirchhoff und Bunsen geherrscht hat.
Gauß und Weber nahmen gemeinsam, ihren Fähigkeiten entsprechend und
sich dadurch gegenseitig ergänzend, ein Gebiet in Angriff, das der
wissenschaftlichen Bearbeitung noch wenig erschlossen war. Es war das
Gebiet des Erdmagnetismus. Existierten doch für diese Kraft damals weder
geeignete Meßapparate, noch zusammenhängende, planmäßig an
verschiedenen Orten angestellte Beobachtungen. Eine Änderung wurde erst
durch das Vorgehen von Gauß und Weber herbeigeführt. In Göttingen
entstand das erste magnetische Observatorium. Im Verein mit Humboldt
vermochten Gauß und Weber nicht nur die deutschen, sondern auch die
auswärtigen Regierungen für die Sache zu gewinnen. Infolgedessen wurde
ein magnetischer Verein gegründet und ein Netz von Observatorien, die
sämtlich nach dem Vorbilde der Göttinger Anstalt errichtet waren, über die
ganze Erde ausgebreitet. Die Übereinstimmung ging so weit, daß nicht nur
mit den Apparaten und nach den Angaben von Gauß beobachtet wurde,
sondern daß man sich auf allen Observatorien der Göttinger Zeit bediente
und sämtliche Beobachtungsergebnisse nach Göttingen sandte, wo sie von
1836-1841 als »Resultate aus den Beobachtungen des magnetischen
Vereins« veröffentlicht wurden. Auf diese Resultate baute Gauß seine
allgemeine Theorie des Erdmagnetismus539 auf. Es wurde zum ersten Male
das magnetische Moment der Erde nach absolutem Maße bestimmt und für
die Lehre vom Erdmagnetismus das geschaffen, was Newton in seinen
»Prinzipien« für die Gravitationstheorie geleistet hatte. Ferner erschien auf

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Grund der vom magnetischen Verein gesammelten Beobachtungen im Jahre
1840 ein »Atlas des Erdmagnetismus.«
Die theoretische Grundlage für die sämtlichen, ein Jahrzehnt umfassenden
und so viele Kräfte beanspruchenden erdmagnetischen Untersuchungen hat
Gauß in seiner Abhandlung über die Intensität der erdmagnetischen Kraft
geschaffen. Für die Messungen selbst schuf er in seinem
Bifilarmagnetometer das geeignetste Werkzeug.
Die Abhandlung erschien im Jahre 1832. Sie besitzt nicht nur für das Gebiet
des Magnetismus, sondern, da sie die Grundzüge des absoluten Maßsystems
enthält, für die gesamte Physik eine solch außerordentliche Bedeutung, daß
wir uns etwas eingehender mit ihrem Inhalt beschäftigen müssen540.
Zur vollständigen Bestimmung der erdmagnetischen Kraft an einem
gegebenen Orte sind drei Elemente erforderlich, die Deklination, die
Inklination und die Stärke (Intensität). Die größte Aufmerksamkeit hatte man
ihrer Bedeutung für die Schiffahrt wegen der Deklination geschenkt;
geringere Beachtung hatte die Inklination gefunden. Auf die Stärke des
Erdmagnetismus als drittes, zunächst übersehenes Element, wurde besonders
von Alexander v. Humboldt hingewiesen. Dieser hatte auf seinen Reisen
festgestellt, daß ein und dieselbe Magnetnadel an verschiedenen Orten
schneller oder langsamer schwingt. Er hatte daraus geschlossen, daß die
Intensität der die Schwingungen veranlassenden erdmagnetischen Kraft bald
größer, bald geringer sei und im allgemeinen mit der Annäherung gegen die
magnetischen Pole zunehme. Das von Humboldt vorgeschlagene Verfahren
gestattete aber nur relative Messungen und war außerdem mit manchen
Fehlerquellen behaftet. Infolgedessen konnte es auf wissenschaftliche
Zuverlässigkeit keinen Anspruch machen. Die Anzahl der Schwingungen,
die eine Nadel macht, hängt nämlich nicht nur von der erdmagnetischen
Kraft, sondern ebensosehr von dem magnetischen Zustand der Nadel und
endlich auch von dem jeder Nadel zukommenden Trägheitsmomente ab.
Wählte man zu den Schwingungsversuchen auch dieselbe Nadel, um
Verschiedenheiten des Trägheitsmomentes auszuschließen, so konnte doch
bei längeren Reisen die magnetische Kraft der Nadel eine Schwächung
erfahren. Dieser Umstand würde auch ohne eine Verminderung der Kraft des
Erdmagnetismus eine Verlangsamung der Schwingungen herbeiführen und
zu falschen Schlüssen Anlaß geben. Endlich ließ sich vermuten, daß nicht
nur die Deklination und die Inklination, sondern daß auch die Intensität für

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ein und denselben Ort langsame Änderungen erfährt. Offenbar verlor, sobald
es sich um diese Frage handelte, das Humboldtsche Verfahren jede
Gültigkeit.
Gauß mußte daher, nachdem er diese Mängel der vergleichenden Methode
erkannt hatte, an ihre Stelle eine neue setzen. Und zwar galt es, sich von den
zufälligen Verschiedenheiten der Nadeln unabhängig zu machen und die
Intensität des Erdmagnetismus auf feststehende Einheiten zurückzuführen.
Gauß verfuhr dabei nach folgenden Gesichtspunkten. Die Anzahl der
Schwingungen, die eine Nadel in einer gegebenen Zeit ausführt, hängt von
drei Größen ab, nämlich von der Stärke des Erdmagnetismus, von dem
Moment des in der Nadel enthaltenen freien Magnetismus und endlich von
ihrem Trägheitsmomente. Besaß der schwingende Körper eine bestimmte
Form und war er in seiner Masse überall von gleicher Beschaffenheit, so ließ
sich das Trägheitsmoment nach bekannten Methoden berechnen. Gauß zog
es jedoch vor, das Trägheitsmoment auf empirischem Wege zu bestimmen.
Und zwar geschah dies, indem er die Nadel unter der Wirkung ein und
derselben Kraft einmal im belasteten und dann im unbelasteten Zustande
schwingen ließ. Die Verzögerung in der Schwingungsdauer, welche eine
bekannte Last in einer bestimmten Entfernung von der Achse hervorrief, gab
ihm ein Mittel an die Hand, das Trägheitsmoment der Nadel aufs genaueste
zu bestimmen, auch wenn diese mit einer verwickelten Zurüstung, z. B.
einem Spiegel zum Ablesen der Schwingungen, versehen war.
Größere Schwierigkeiten bot die Bestimmung des magnetischen Moments
der Nadel. Sie ließen sich nur durch die Einführung des absoluten
Maßsystems bewältigen. Gauß bediente sich hierbei der bekannten
Vorstellung von den magnetischen Flüssigkeiten. Der hypothetische
Charakter einer solchen Annahme hatte auf den Gang und die Ergebnisse
seiner Untersuchung keinen Einfluß. Die magnetischen Flüssigkeiten lassen
sich nur an ihren Wirkungen erkennen und messen. Diese Wirkungen sind
bewegende Kräfte, die einer bestimmten Masse eine gewisse
Beschleunigung erteilen. Als Grundeinheiten für Länge, Masse und Zeit
wählte Gauß das Millimeter, das Milligramm und die Sekunde541. Gauß
dehnte das für die Mechanik auf solche Grundeinheiten schon vor ihm
aufgebaute System zum ersten Male auf magnetische Messungen aus. Er tat
dies, indem er als Einheit der magnetischen Flüssigkeit diejenige Menge
definierte, deren abstoßende Wirkung auf eine andere, ihr gleiche, in der
Einheit der Entfernung befindliche Menge magnetischer Flüssigkeit gleich 1

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ist, d. h. gleich der Wirkung der beschleunigenden Kraft 1 auf die Masse 1.
Sind die Magnetismen verschiedenartig, so tritt unter im übrigen gleichen
Verhältnissen an Stelle der Abstoßung eine gleich große Anziehung. Daß für
diese Wirkungen der von Coulomb gefundene Ausdruck (mm')/r2 gilt,
wurde von Gauß zunächst vorausgesetzt, später aber durch seine
Beobachtungen selbst bestätigt.
Für die Beurteilung des magnetischen Zustandes der Nadel war das von
Gauß in seinen »allgemeinen Lehrsätzen« bewiesene Theorem der
Massentransportation542 ausschlaggebend. Es lautet in seiner Anwendung auf
das in Frage stehende Gebiet: Wie auch immer die Verteilung des freien
Magnetismus innerhalb eines Körpers sich verhalten mag, stets kann man an
deren Stelle eine andere Verteilung an der Oberfläche des Körpers setzen,
die auf ein außerhalb gelegenes Element magnetischer Flüssigkeit
vollständig dieselben Kräfte ausübt wie jene vorhandene Verteilung.
Es galt, nach der Festsetzung der magnetischen Einheit die Intensität des
Erdmagnetismus durch diejenige bewegende Kraft auszudrücken, welche der
Erdmagnetismus auf jene Einheit ausübt. Man konnte sich dabei auf die
Bestimmung der Horizontalintensität beschränken. Dividierte man diese
durch den Cosinus der Inklination, so erhielt man den gesuchten vollen Wert
für die Kraft des Erdmagnetismus.
Zu seinem Ziele gelangte Gauß durch folgenden Kunstgriff: Er verglich543
die Wirkung des Erdmagnetismus auf eine bewegliche Nadel mit derjenigen
Wirkung, die eine zweite Nadel auf die erste im Zustande der Bewegung
oder im Zustande des Gleichgewichts hervorruft.
Als Wert der Intensität der horizontalen magnetischen Kraft ergab sich z. B.
für Göttingen und für den 18. September des Jahres 1832
T = 1,7821.
Das bedeutet in Worten: Sie war für einen mit der Einheit des freien
Magnetismus versehenen Magnetstab gleich dem Drucke, den 1,7821
Krafteinheiten an einem Hebelarme von einem Millimeter Länge bewirken.
Unter Krafteinheit ist nach dem von Gauß aufgestellten absoluten
Maßsystem diejenige Kraft zu verstehen, welche der Masse eines
Milligramms in der Sekunde die Geschwindigkeit von einem Millimeter
erteilt.

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Um die ganze Intensität zu finden, war der gefundene Wert von 1,7821
Krafteinheiten noch durch den Cosinus der Inklination zu dividieren.
Letztere betrug im Sommer des Jahres 1832 in Göttingen 68°22'52''.
Die auf Anregung von Gauß und Weber über alle Erdteile ausgedehnten
Messungen der erdmagnetischen Kraft lieferten das allgemeine Ergebnis,
daß diese Kraft mit der Annäherung gegen die Pole zunimmt und in der
Nähe der magnetischen Pole etwa 1,5mal so groß ist wie am magnetischen
Äquator. Auch zeigte sich, wie zu erwarten war, daß die Intensität an ein und
demselben Orte wie die Deklination und die Inklination täglichen und
säkularen Schwankungen unterworfen ist.
Mit Recht sagt Gauß am Schlusse seiner Abhandlung, indem er die
Ampèresche Theorie des Magnetismus streift, welche Auffassung man auch
künftig von den magnetischen Erscheinungen hegen werde, sie müsse zu
demselben Ergebnis führen, zu dem er mit Hilfe der Theorie von den
magnetischen Flüssigkeiten gelangt sei. »Was auf Grund dieser Theorie«,
mit diesen Worten schließt er, »in der vorliegenden Abhandlung entwickelt
wurde, kann nur in der Form, nicht aber im Wesen geändert werden«.
Ein Wort sei noch den technischen Schwierigkeiten gewidmet, die Gauß
und Weber bei der Durchführung ihrer erdmagnetischen Messungen zu
überwinden hatten. Vor allem mußten sich ihre Bemühungen darauf richten,
daß sie die Schwingungszeiten und die Richtungen der Nadeln weit genauer
bestimmten, als es bisher geschehen war. Sie erfanden daher die bei
erdmagnetischen Messungen zuerst erprobte Methode der Winkelmessung
mit Spiegel, Skala und Fernrohr, eine Methode, welche für die moderne
Beobachtungskunst von bleibendem, unvergleichlich hohem Wert geworden
ist. Ferner galt es, die zur Anwendung kommenden Meßapparate vor jedem
Luftzug und vor allem vor der Einwirkung von Eisen zu schützen. Bei dem
Bau von magnetischen Observatorien wurde deshalb dem Vorschlag von
Gauß und Weber entsprochen und jede Verwendung von Eisen
ausgeschlossen. Auf diese Weise gelang es ihnen, ihren Messungen, wie
Gauß sich ausdrückt, die Schärfe astronomischer Beobachtungen zu geben.
Endlich sei noch einiges über den von Gauß für die Ausführung seiner
Versuche geschaffenen Apparat, das Magnetometer, gesagt. Es besteht aus
einem hängenden Magnetstabe (s. Abb. 57) und einem Fernrohr zum
Beobachten der Schwingungen. Der Magnetstab ist mit einem Spiegel (a)
versehen, der genau senkrecht zur Achse angebracht ist. Dem Spiegel

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gegenüber befindet sich in einiger Entfernung von dem Magneten das
Fernrohr, dessen optische Achse gegen die Mitte des Spiegels gerichtet ist.
Unter dem Fernrohr ist eine Skala (SS) angebracht. Sie bildet mit dem
magnetischen Meridian einen rechten Winkel, ist also parallel zum
horizontalen Durchmesser des Spiegels gerichtet. Der Mittelpunkt jener
Skala und die optische Achse des Fernrohrs liegen in derselben
Vertikalebene. Die Skala ist ferner so angebracht, daß ihre Teilpunkte durch
den Spiegel in das Fernrohr geworfen werden.

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Abb. 57. Das von Gauß zum Messen der erdmagnetischen Kraft erfundene
Magnetometer.

Der Gebrauch dieses Apparates ist hiernach leicht verständlich. Man versetzt
den Magneten durch Annäherung eines zweiten Magneten in kleine
Schwingungen. In dem Fernrohr erscheinen dann nacheinander die
Teilstriche der Skala. Die Dauer einer Schwingung ergibt sich, wenn man die
Zeit bestimmt, die bis zum Wiedererscheinen eines bestimmten Teilstrichs
im Fadenkreuz des Fernrohrs verfließt.
Neben der Astronomie und der Physik gibt es noch ein drittes Gebiet,
welches durch das mathematische Genie von Gauß in hohem Grade
gefördert wurde. Es ist die der Astronomie so nahe verwandte Geodäsie.
Gauß wurde dieser Wissenschaft durch folgende Veranlassung zugeführt.
Der ihm befreundete dänische Astronom Schumacher (1780 in Holstein
geboren, also der Stammeszugehörigkeit nach ein Deutscher) hatte im
Auftrage seiner Regierung eine Triangulation von Schleswig-Holstein
vorgenommen. Man beschloß nun in Hannover die Fortsetzung dieses
Unternehmens von Altona bis zu den südlichen Grenzen des Königreiches
und beauftragte Gauß mit der Ausführung dieser gewaltigen, den Zeitraum
von 24 Jahren in Anspruch nehmenden Arbeit, der sich Gauß von 1821-
1827 fast ausschließlich widmete. Das Ergebnis war ein Verzeichnis von
nicht weniger als 2578 festgelegten Punkten. Wichtiger als dieser praktische,
nur einem kleinen Lande erwiesene Dienst war die Förderung, welche die
Geodäsie durch die mit dieser Vermessung verknüpfte Bereicherung an
neuen Methoden erfuhr. Gauß selbst bemerkt in dieser Hinsicht, daß er nicht
nur in bezug auf die Art, wie die Messungen angestellt wurden, sondern
noch mehr in bezug auf ihre nachherige Verarbeitung und mathematische
Behandlung Wege eingeschlagen habe, die von den sonst gebräuchlichen
erheblich abwichen544.

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Zunächst ist hervorzuheben, daß Gauß seine Methode der kleinsten
Quadrate für geodätische Zwecke in die Form brachte, in der sie seitdem in
der Geodäsie allgemein angewandt wird.
Mit den Aufgaben der höheren Geodäsie hängen zwei wichtige
mathematische Abhandlungen zusammen, die Gauß in den zwanziger
Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlichte. Die erste dieser Abhandlungen
steht mit der Kartenprojektion in enger Beziehung. Sie wurde durch eine von
der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Kopenhagen im Jahre
1822 gestellte Preisaufgabe veranlaßt und enthält die allgemeine Lösung
folgender Aufgabe: Die Teile einer gegebenen Fläche sind auf einer anderen
gegebenen Fläche so abzubilden, daß die Abbildung dem Abgebildeten in
den kleinsten Teilen ähnlich wird. Diese für die Kartographie grundlegende
Aufgabe hatte sich schon Lambert gestellt545. Er hatte sich jedoch auf die
Kugeloberfläche und die Ebene beschränkt und eine allgemeine Lösung
nicht zu geben vermocht. Sie blieb den großen Mathematikern Lagrange
und Gauß vorbehalten546. Die geforderte Art der Abbildung hat Gauß als
»konform« (neuerdings sagt man »winkeltreu«) bezeichnet. Nachdem Gauß
die allgemeine Auflösung des Problems gegeben, betrachtet er einige
besondere Fälle. Er untersucht die konforme Abbildung von ebenen
Flächenstücken aufeinander und zeigt, wie man eine Karte, die in den
Einzelheiten gut, im ganzen aber etwas verzerrt ist, in eine bessere
verwandeln kann, wenn man die richtige Lage einer Anzahl von Punkten
kennt. Es folgen die Darstellung eines Kegels, einer Kugel und eines
Rotationsellipsoids in der Ebene. Den Schluß bildet die Darstellung des
Rotationsellipsoids auf einer Kugelfläche. Durch diese Ableitungen von
konformen Abbildungen wurden die umständlichen Rechnungen auf dem
Erdsphäroid weit einfacher gestaltet als es bei den bisherigen Methoden
möglich war.
In einem, wenn auch weniger engen Zusammenhange mit den Aufgaben der
höheren Geodäsie steht die von Gauß im Jahre 1827 herausgegebene
Flächentheorie547. Gauß beschäftigt sich in dieser Abhandlung besonders mit
der Krümmung der Flächen. Er führt vor allem den Begriff des
Krümmungsmaßes ein, indem er die Teile der krummen Fläche mit dem
entsprechenden Oberflächenstück einer festen Hilfskugel vergleicht. Es ist
leicht ersichtlich, daß letzteres Stück um so kleiner sein wird, je weniger das
entsprechende Stück der krummen Fläche von der Ebene abweicht. Außer
dem Krümmungsmaß betrachtet Gauß in der erwähnten Abhandlung die

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Konstruktion von Figuren auf krummen Flächen, die Winkel und den
Flächeninhalt solcher Figuren, die Verbindung von Flächenpunkten durch
kürzeste Linien usw., alles Aufgaben, die für die Geodäsie von der größten
Bedeutung sind. Insbesondere gilt dies von der Untersuchung der durch
kürzeste Linien gebildeten Dreiecke, durch welche die sphärische
Trigonometrie gefördert wurde. Solche Linien hat man geodätische Linien
und die aus ihnen gebildeten Dreiecke geodätische Dreiecke genannt. Von
den Gaußschen Sätzen über geodätische Linien und Dreiecke sind vor allem
folgende wichtig: Wenn auf einer krummen Fläche von einem Punkte aus ein
System geodätischer Linien von gleicher Länge gezogen wird, so steht die
ihre Endpunkte verbindende Linie zu allen Linien des Systems senkrecht548.
Zieht man auf einer krummen Fläche eine beliebige Linie und läßt man von
dieser Linie unter rechten Winkeln und nach derselben Seite hin ein System
geodätischer Linien von gleicher Länge ausgehen. so schneidet die Kurve,
welche ihre Endpunkte verbindet, sämtliche geodätische Linien
rechtwinklig549.
Besondere Erwähnung verdient auch der Satz, daß der Überschuß der
Summe der Winkel eines aus geodätischen Linien gebildeten Dreiecks über
zwei Rechte der Gesamtkrümmung des Dreiecks gleich ist550. Für eine ganze
Reihe weiterer geodätischer Untersuchungen ist der am Schlusse der
Abhandlung geführte Vergleich der geodätischen Dreiecke mit geradlinigen
Dreiecken von gleicher Seitenlänge grundlegend gewesen.
Die beiden soeben nach Ziel und Inhalt kurz charakterisierten Abhandlungen
über die konforme Abbildung von Flächen (Kartenprojektion) und die Linien
und Stücke krummer Flächen (geodätische Linien und Dreiecke) können als
Bruchstücke eines größeren Werkes betrachtet werden, das Gauß über die
Geodäsie zu schreiben gedachte. Dies Werk sollte nach Art des von ihm
geschaffenen astronomischen Hauptwerkes, der Theoria motus corporum
coelestium vom Jahre 1809, die gesamten Grundlagen der Geodäsie
entwickeln und die Triangulation des Königsreichs Hannover als großes
Beispiel, an welchem die Theorien erläutert werden sollten, enthalten. Leider
ist dieser Plan nicht zur Ausführung gekommen. Trotzdem sind die
Verdienste, die sich Gauß um die Entwicklung der Geodäsie erworben,
unübertroffen. Durch ihn wurde diese Wissenschaft, die bisher nicht viel
mehr als gewöhnliche Feldmeßkunst gewesen, der Astronomie im Range
gleichgestellt. So wurde z. B. bei jener Triangulation das sphärische Dreieck,
dessen Fläche sich auf 53 Quadratmeilen belief, mit einer solchen

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Genauigkeit gemessen, daß die wirkliche Winkelsumme von der berechneten
nur um zwei Zehntel Sekunden abwich551. Um Dreiecke von solcher Größe
ausmessen zu können, schuf Gauß in dem Heliotrop einen neuen
geodätischen Apparat. Seine Konstruktion stützt sich auf einen katoptrischen
Satz, der aus Abb. 58 leicht ersichtlich ist. Er lautet: Wenn von einem
genügend weit entfernten, leuchtenden Punkte ein Strahl SA auf zwei zu
einander senkrecht stehende Spiegel (MN und PQ) fällt, so wird er nach
entgegengesetzten Richtungen AC und AB reflektiert552.
Eine solche Spiegelkombination brachte Gauß vor seinem bei
Vermessungen dienenden Fernrohr an. Die Kombination wurde so gedreht,
daß der eine Strahl, z. B. AC, in die Achse des Fernrohrs gelangte. In diesem
Falle wurde der andere Strahl AB nach dem Orte hingeworfen, nach dem
das Fernrohr gerichtet war und konnte dort zur Einstellung eines zweiten
Fernrohrs benutzt werden. Natürlich mußten in dem Spiegelapparat
geeignete Öffnungen freigelassen werden, durch welche die Achse des
Fernrohrs hindurchging. Gauß erfand das Heliotrop im Jahre 1821. Er
konnte es also für die vorzunehmende Triangulation sofort zur Verfügung
stellen.

Abb. 58. Das dem Gauß'schen Heliotrop zu Grunde liegende Gesetz.

Nicht nur die Meßkunst, sondern auch das praktische Rechnen erfuhr durch
Gauß eine wesentliche Förderung. Dies geschah dadurch, daß er Tafeln zur
bequemen Berechnung der Logarithmen von Summen oder Differenzen

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zweier Größen, die selbst nur durch ihre Logarithmen gegeben sind,
herausgab. Gauß wandte sich auch gegen den zwecklosen Gebrauch
vielstelliger Logarithmentafeln. Es kamen zehn-, vierzehn-, selbst
zwanzigstellige vor. Gauß sprach sich für den Gebrauch von fünfstelligen
Tafeln aus, weil die Fälle, wo sie ausreichen, häufig, ja die häufigsten seien
und so scharfe Rechnungen, welche den Gebrauch vielstelliger Tafeln
rechtfertigen würden, in der Praxis des Astronomen nicht vorkämen.
Von Gauß hat man gesagt, er habe lange auf einsamer Höhe gewandelt. Es
lag das daran, daß er es nicht verstand, die Ergebnisse seiner Forschungen
zum Allgemeingut zu machen. Seiner wissenschaftlichen Tätigkeit
gegenüber trat bei ihm das akademische Lehramt sehr zurück. Er besaß nur
wenige Schüler, da ihm nur wenige zu folgen vermochten. Auch seine
Schriften wurden von den zeitgenössischen Fachleuten zu wenig beachtet;
ferner blieben wichtige Entdeckungen mitunter Jahrzehnte in seinem
Schreibpult vergraben. Dieser sonderbare Egoismus in wissenschaftlichen
Dingen – wohl die einzige Schattenseite des Geistesriesen – ging so weit,
daß er wiederholt erklärte, er stelle seine Untersuchungen nur seiner selbst
wegen an, und es sei für ihn von untergeordneter Bedeutung, ob seine
Arbeiten zur Belehrung anderer später im Druck erschienen553. Gauß
veröffentlichte nichts, was er nicht zum Abschluß gebracht hatte. Daher
erscheint jede seiner Arbeiten als ein vollendetes Kunstwerk, an welchem
man von den Zurüstungen und Hilfsmitteln, die zu dem Aufbau führten,
nichts mehr bemerkt. Dieser Umstand hat das Studium der Gaußschen
Schriften sehr erschwert. Als man einst dem Verfasser den Vorwurf allzu
großer Schwierigkeit machte, erklärte er, man dürfe dem fertigen Gebäude
nichts mehr vom Baugerüst ansehen. Mit Recht ist ihm darauf erwidert
worden, daß man doch wenigstens eine Tür zu sehen wünsche, um
hineinzugelangen.
Im Jahre 1855 verschied Gauß. Eine zur Erinnerung an ihn vom König
gestiftete Denkmünze trägt die Inschrift: Dem Könige der Mathematiker.
Nach seinem Tode sind die Werke von Gauß dadurch zugänglicher
geworden, daß sie von vielen Seiten kommentiert wurden. Sie erschienen
von 1863-1874 in einer Gesamtausgabe554. Wir verlassen Gauß mit einigen
Worten eines Nachrufs den ihm einer der bedeutendsten unter den neueren
Mathematikern555 gewidmet hat: »Unter allen Werken von Gauß ist keins,
das nicht in dem betreffenden Fache einen wesentlichen Fortschritt durch
neue Methoden und neue Ergebnisse begründete. Sie sind Meisterwerke,

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welche den Stempel der Mustergültigkeit an sich tragen. Dies bürgt dafür,
daß sie für alle Zeiten nicht nur geschichtlichen Wert besitzen, sondern auch
künftigen Geschlechtern als Grundlage jedes tieferen Studiums und als
reiche Fundgrube fruchtbarer Gedanken dienen werden«.
Die letzten Abschnitte ließen uns erkennen, in welch außerordentlichem
Maße der mathematische Genius die Astronomie, die Physik und die
Geodäsie zu befruchten vermochte. Der Einfluß der Mathematik auf die
Naturwissenschaften ist seit den Zeiten eines Gauß nicht geringer
geworden, wenn es auch kaum noch einen Mathematiker gab, der sich in
gleicher Weise neben dem Ausbau seines Forschungsgebietes der
Verknüpfung der Mathematik mit anderen Wissenszweigen gewidmet hätte.
Selbst Helmholtz, der unter den neueren am meisten an Gauß
heranreichte, war doch in erster Linie Physiker, der die Mathematik als
Hilfswissenschaft und weniger ihrer selbst willen betrieb.
Um das Verhältnis der höheren Mathematik zur reinen und angewandten
Naturwissenschaft, wie es sich im 19. Jahrhundert herausgebildet, kennen zu
lernen, richtete sich unser Blick zuerst auf Frankreich. Hier war es, wo
während der Revolutions- und der Kaiserzeit durch eine Reihe bedeutender
Männer die Wechselbeziehung zwischen den genannten Gebieten am
klarsten erkannt und am nachhaltigsten gefördert wurde. Und zwar geschah
dies zu einer Zeit, als Deutschland an bedeutenderen Mathematikern so arm
war, daß Gauß nicht verstanden und Vorlesungen über höhere Mathematik
an deutschen Universitäten für unnütz erklärt und daher nur selten gehalten
wurden. Die große Zeit, welche die Mathematik und die exakten
Naturwissenschaften in Frankreich erlebten, knüpft an die Namen Laplace,
Lagrange und Lavoisier an. Wir lernten den ersten als den Schöpfer der
Mécanique céleste, den zweiten als den Verfasser der Mécanique analytique
und Lavoisier als den Begründer der neueren Chemie kennen.
Erst als in den von Gauß eröffneten Bahnen Männer wie Dirichlet, sein
Nachfolger auf dem Göttinger Lehrstuhl, wie Jacobi und Riemann die
Mathematik fortsetzten, während in Frankreich ihre Entwicklung nachließ,
gelang es Deutschland, die Führung auf diesem Gebiete zu erhalten.

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21. Die Begründung der physikalischen Erdbeschreibung.
Durch den außerordentlichen Aufschwung, den die gesamten
Naturwissenschaften in der neueren Zeit erfuhren, wurde von den übrigen
Wissenschaften keine in solchem Maße in ihrem Ziel und ihrem Inhalt
umgestaltet wie die Erdkunde. Zwar hatte ihr das Zeitalter der großen
geographischen Entdeckungen einen gewaltigen Anstoß gegeben, sie war
aber im wesentlichen bloße Erdbeschreibung geblieben. Die Geographie als
Lehre von dem inneren Zusammenhange der tellurischen Erscheinungen und
ihrer Abhängigkeit von kosmischen Vorgängen entwickelte sich erst während
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während dieses Zeitraumes
entstanden als die wichtigsten Grundlagen einer den Naturwissenschaften
ebenbürtigen, in ihrem Geiste und nach ihren Methoden schaffenden
Erdkunde vor allem die tellurische Physik und die Tier- und
Pflanzengeographie. Um die Begründung dieser Wissenszweige hat sich in
jenem Zeitraume kaum jemand solch hervorragende Verdienste erworben
wie Alexander von Humboldt.
Die Meteorologie konnte erst zu einer auf allgemeineren Grundlagen
beruhenden Wissenschaft werden, wenn sie ihre Beobachtungen, die sich
bisher im wesentlichen auf Europa beschränkt hatten, über die gesamte Erde
ausdehnte. Und daß dies geschah, ist das Verdienst von Humboldts. Er
machte zuerst die tropischen Witterungsverhältnisse zum Gegenstande
eingehender Untersuchung und vertrat die Überzeugung, daß nicht nur die
tropischen, sondern auch die in mittleren und höheren Breiten sich
abspielenden meteorologischen Vorgänge von gesetzmäßig wirkenden
Ursachen, deren Kenntnis sich auf die Dauer der Forschung nicht entziehen
könne, beherrscht seien.
Dadurch, daß Humboldt die Isothermen oder die Linien gleicher
Jahrestemperatur einführte, wurde er zu einem der Begründer einer
wissenschaftlichen Klimalehre. Sie verdankt ihm außer jenem Verfahren der
graphischen Darstellung ihrer Elemente556 auch die wichtigen Begriffe des
Küsten- und Kontinentalklimas, sowie des Höhen- und Tiefenklimas.
Humboldt erkannte ferner, daß die Linien gleicher Sommerwärme (die
Isothermen) wesentlich anders als die Linien gleicher Winterwärme (die

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Isochimenen) verlaufen557. Die weitere Ausgestaltung dieses
Forschungsmittels, das wie eine Offenbarung wirkte, ist vor allem zwei
Deutschen zu verdanken, nämlich Dove, der den Begriff der isanomalen
Linien aufstellte und Berghaus, der zuerst (1838) in seinem physikalischen
Atlas ein umfangreiches kartographisches Material zusammenbrachte.
Jetzt erst gelangte man zu einer klaren Erkenntnis der Abhängigkeit des
Klimas von der Verteilung von Wasser und Land, der Richtung und der Höhe
der Gebirge und den vorherrschenden Luft- und Meeresströmungen. Ihres
historischen Wertes wegen verdient die von Humboldt entworfene und
seiner Abhandlung vom Jahre 1817 beigegebene, Isothermenkarte immer
noch Beachtung. Daß er die Idee Halley verdankt, hat er selbst mitgeteilt.
Es ist gewiß verwunderlich, daß während des langen von Halley bis
Humboldt reichenden Zeitraums558 niemand darauf verfallen ist, Halleys so
außerordentlich glücklichen und fruchtbaren Gedanken auf andere Gebiete
zu übertragen. Eine Erweiterung des Verfahrens, die wir Dove verdanken,
bestand darin, daß er nicht die Orte gleicher Werte, sondern diejenigen
gleicher Abweichung von einem nach theoretischen Voraussetzungen
berechneten Mittel durch seine Kurven, die Isanomalen, verband und
dadurch neue, wertvolle Aufschlüsse über die Ursachen der
Temperaturerniedrigung oder -erhöhung, die bestimmte Teile der
Erdoberfläche aufweisen, erhielt.
Auch auf die ungleiche Verteilung der Wärme in vertikaler Richtung und die
Gesetzmäßigkeiten, welche dieser Erscheinung zugrunde liegen, hat neben
dem Alpenforscher Saussure und dem Veranstalter der ersten
wissenschaftlichen Ballonfahrt, Gay-Lussac, besonders Humboldt
hingewiesen. Nach seinen Angaben findet eine durchschnittliche
Verminderung der mittleren Jahreswärme um 1° C statt, wenn man um etwa
85 Toisen in die Höhe steigt. Doch bestätigte sich andererseits die schon von
Saussure ausgesprochene Vermutung, daß der Winter auf Höhen
verhältnismäßig milder ist als in der Ebene.
Die Erklärung der Passate und der Monsune hatte schon Halley beschäftigt.
Doch wurde die Lehre von den Luftströmungen erst eingehender durch
Dove begründet. Dove wies nach, daß der Wind mit ziemlicher
Regelmäßigkeit, von West ausgehend, durch Nord und Ost und Süd nach
West zurückkehrt, während sich auf der südlichen Halbkugel die
entgegengesetzte Drehung zeigt. Etwa ein Vierteljahrhundert später erkannte

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man, daß Doves Regel nur ein unvollkommener Ausdruck des barischen
Windgesetzes560 ist. Letzteres spricht die enge Beziehung zwischen Luftdruck
und Luftbewegung folgendermaßen aus: Die Luft bewegt sich stets von
einem Orte höheren nach dem nächstliegenden Orte niederen Luftdrucks hin.
Dabei wird sie auf der nördlichen Halbkugel nach rechts, auf der südlichen
nach links abgelenkt. Jede Luftbewegung, ob sanft oder heftig, erfolgt
danach in der Form einer Spirale (Zyklone) und zwar ist die Spiralbewegung
in der Nähe eines Minimums derjenigen in der Nähe eines Maximums
entgegengesetzt (zyklonal und antizyklonal). Auf dieser Grundlage hat sich
die heutige Meteorologie mit ihren synoptischen Karten, ihrer
Wetterprognose und dem so wertvollen Sturmwarnungswesen entwickelt.
Außer dem Netz von Stern- und Wetterwarten, mit dem im 19. Jahrhundert
der ganze Erdball überzogen wurde, ist auch der zahlreichen, während dieses
Zeitraums ins Leben gerufenen erdmagnetischen und seismologischen
Observatorien zu gedenken. Welche Verdienste sich um das
Zustandekommen der erdmagnetischen Warten und um die Erforschung des
magnetischen Zustandes der Erde Gauß und von Humboldt erworben
haben, ist schon an früherer Stelle erwähnt worden561.
Eine ähnliche zentrale Stellung, wie sie Gauß während der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts für das Gebiet der reinen und der angewandten Mathematik
einnahm, besaß Alexander von Humboldt während dieses Zeitraums für
das gesamte weite Gebiet der Naturwissenschaften, wenn auch die
Fortschritte, die wir ihm verdanken, weniger in die Tiefe gingen, sondern
vorzugsweise auf die Verknüpfung der verschiedenen Wissensgebiete durch
gemeinsame Gesichtspunkte und wechselseitige Durchdringung abzweckten.
Dieser Bedeutung von Humboldts, der in seiner Geistesart mehr an
Aristoteles und Leibniz wie an einen Newton und einen Gauß erinnert,
soll hier eingehender Rechnung getragen werden.
Alexander von Humboldt wurde am 14. September 1769 als Sprößling
eines altadeligen preußischen Geschlechtes in Berlin geboren und dort und
auf dem elterlichen Gute in Tegel gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm
durch Privatunterricht vorgebildet. Alexander von Humboldt widmete
sich zunächst dem Studium der Verwaltungsfächer, da er den Traditionen
seiner Familie folgen und eine Staatsanstellung bekleiden sollte. Innere
Neigung und der Verkehr mit seinem Freunde Willdenow führten ihn
jedoch bald den Naturwissenschaften zu. Mit 19 Jahren sehen wir ihn schon

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mit der Abfassung eines größeren botanischen Werkes beschäftigt562. Sein
Interesse für die Naturwissenschaften wurde besonders angefacht, als er die
Universität Göttingen bezog, wo damals die hervorragendsten deutschen
Vertreter dieser Fächer lehrten. Den Einfluß, welchen der Physiker
Lichtenberg, der Chemiker Gmelin und der Anatom Blumenbach dort
auf ihn ausgeübt haben, hat Humboldt stets dankbar anerkannt. In
Göttingen lernte er auch Georg Forster kennen, der Cook auf seiner
zweiten Weltumsegelung begleitet und sich als ein Meister in der
Naturschilderung einen Namen erworben hatte. Forster, der eine ganz
außergewöhnlich vielseitige wissenschaftliche Begabung besaß, ist für
Alexander von Humboldt vorbildlich gewesen und hat auf seinen
ferneren Studien- und Lebensgang einen entscheidenden Einfluß ausgeübt563.
In Gemeinschaft mit Forster unternahm Humboldt im Sommer 1790 seine
erste größere Reise nach Holland, England und Frankreich. Sie wurde für
ihn unter der Anleitung des Weltumseglers zur Vorschule für seine eigenen
großen Entdeckungsreisen. Diese Reise, auf welcher die Leidenschaft für
das Seewesen und tropische Länder in Humboldt erwachte, hat er oft als
ein besonderes Glück bezeichnet564. Seine Studien setzte Humboldt
zunächst an der Bergakademie zu Freiberg fort, wo er zu den begeistertsten
Schülern des Mineralogen Werner zählte, des Hauptvertreters der später
von Humboldt und von L. v. Buch so eifrig befehdeten neptunistischen
Richtung.
Aus allen Teilen der Welt kamen damals Mineralogen, Geologen und
Bergleute nach Freiberg, um Werner zu hören. Humboldt fand bei ihm
eine besonders gute Aufnahme, da er sich durch seine »Beobachtungen über
einige Basalte am Rhein« (1790) schon einen Namen gemacht hatte. Noch
drei Jahrzehnte nach dieser Zeit sprach Humboldt seinem verdienten
Lehrer in folgenden Worten seine Anerkennung aus: »Werner erkannte mit
bewundernswertem Scharfsinn alle Beziehungen, die bei der Betrachtung
der geologischen Formationen beachtet werden müssen. Er lehrte, was man
zu wissen und was man zu beobachten habe. Er hat in Gegenden, deren
Untersuchung ihm nicht vergönnt gewesen, einen Teil der Entdeckungen
vorbereitet. Da nämlich die Formationen unabhängig sind von dem Wechsel
der geographischen Breite und vom Klima, so kann irgend ein sehr
beschränkter Raum der Erdfeste, in welchem die Natur viele Formationen
vereinigt hat, gleich einem wahrhaften Mikrokosmos im Geiste eines
bewährten Beobachters sehr richtige Gedanken über die Grundwahrheiten

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der Geologie erwecken«565. Nach seinem Fortgange von Freiberg war
Humboldt einige Jahre als Bergassessor und als Bergmeister im
Fichtelgebirge tätig. Während dieser Zeit kam er auch wiederholt mit dem
Weimar-Jena-Kreise, dem sein Bruder Wilhelm seit 1794 angehörte, in
Berührung.
Wie Wilhelm zu Schiller so trat Alexander zu Goethe in nähere
Beziehungen. Die Naturwissenschaften waren damals in Weimar Mode.
Alles trieb Mineralogie. Selbst die Damen des Hofes legten sich
naturwissenschaftliche Sammlungen an, und Goethe war in seinem Eifer
für Mineralogie und Geognosie kein Berg zu hoch, kein Schacht zu tief, kein
Stollen zu niedrig und keine Höhle labyrinthisch genug566. Auch an
Humboldts Versuchen über den galvanischen Reiz der Nerven und
Muskelfaser hat sich Goethe lebhaft beteiligt. Das von Humboldt über
diesen Gegenstand veröffentlichte Werk war zwar durch manchen Versuch
wertvoll, es blieb aber in der Tendenz verfehlt, da es die Reaktionen der
Muskeln nicht als Wirkungen des galvanischen Stromes, sondern als die
Äußerungen einer eigentümlichen Lebenskraft hinstellte567.
Auch die Arbeiten Goethes über die vergleichende Anatomie, insbesondere
die vergleichende Osteologie, kamen zwischen ihm, der schon im Jahre 1786
über das Zwischenkieferbein geschrieben, und Alexander von Humboldt
zur Sprache. "Meine naturwissenschaftlichen Arbeiten", schrieb Goethe
damals, "sind durch Humboldt aus ihrem Winterschlafe geweckt worden."
Nach verbürgten Zeugnissen hat der Dichterfürst es dankbar anerkannt, daß
die Gebrüder Humboldt mit ihrem jugendlichen, frischen Streben den
größten Einfluß auf ihn ausgeübt hätten, als er selbst schon begonnen habe,
an der Welt müde zu werden.
Auch Schiller kam mit Alexander von Humboldt häufiger in
persönliche Berührung. Es ist nun interessant zu sehen, wie sehr seine
Beurteilung des Forschers von derjenigen Goethes abwich. Nachdem er
dem Bruder Wilhelm alle Anerkennung gespendet, schreibt er über
Alexander: »Bei allem ungeheuren Reichtum des Stoffes finde ich in ihm
eine Dürftigkeit des Sinnes, der bei dem Gegenstande, den er behandelt, das
schlimmste Übel ist. Es ist der nackte schneidende Verstand, der die Natur,
die immer unfaßlich und ehrwürdig ist, schamlos ausgemessen haben will
und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur
leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstabe macht.

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Kurz, mir scheint er für seinen Gegenstand ein viel zu grobes Organ und
dabei ein viel zu beschränkter Verstandesmensch zu sein. Er hat keine
Einbildungskraft, und so fehlt ihm nach meinem Urteil das notwendigste
Vermögen zu seiner Wissenschaft, denn die Natur muß angeschaut und
empfunden werden in ihren einzelnsten Erscheinungen wie in ihren höchsten
Gesetzen.« Wie würden die heutige Naturwissenschaft und ihre Vertreter vor
diesem von übertriebenem Idealismus diktierten Urteil Schillers wohl
bestehen! Andererseits ist die in Schillers Worten zum Ausdruck kommende,
durchaus subjektive Art, über die Mittel und Ziele der Naturforschung zu
urteilen, durch die gesamte Entwicklung, die Philosophie und Wissenschaft
im 19. Jahrhundert genommen haben, in ihrer Haltlosigkeit und inneren
Unwahrheit dargetan worden. Doch darf nicht vergessen werden, daß es
auch Extreme in der naturwissenschaftlichen Methode gibt, von denen
Humboldt sich aber – und darin besteht das Irrige des Schillerschen
Urteils – weit entfernt hielt, Extreme, vor denen das idealistische und
philosophische Denken ein Recht hat, den Warnungsruf ertönen zu lassen.
Erwähnt sei noch, daß in späteren Jahren Goethe Alexander von
Humboldt, als der letztere die Bedeutung des Vulkanismus erkannte, nicht
zu folgen vermochte, sondern an den veralteten neptunistischen Ansichten
festhielt. Goethe begegnete den Vertretern der neueren Geologie nicht nur
mit Spott, wovon manche Stellen seiner poetischen Schöpfungen Zeugnis
ablegen568, sondern fast mit einem Groll, der erst gegen sein Lebensende
einer gewissen Resignation in dieser wissenschaftlichen Frage Platz machte.
Das bedeutendste Ereignis und gleichzeitig die größte wissenschaftliche Tat
in dem Leben Alexander von Humboldts war seine amerikanische
Forschungsreise, die erste große wissenschaftliche Expedition, die für alle
späteren Unternehmungen dieser Art vorbildlich gewesen ist. Nach
jahrelangen Vorbereitungen und vielen Mühen und Enttäuschungen, von
denen wir uns heute, im Zeitalter des Verkehrs, keinen Begriff machen
können, erfolgte Humboldts Abreise von Coruña im Juni des Jahres 1799.
Sein Reisegefährte war der Botaniker Bonpland, ein Schüler Jussieus.
Über die Erfolge dieser Reise hat später einer der Berufensten, der große
Geograph Carl Ritter, die Worte geäußert: »Es war, als wäre eine neue
Sonne voll Licht und Wärme im Westen über der Neuen Welt
emporgestiegen, um auf die alte Welt wohltätig zurückzustrahlen«569. Eine
Reihe von Umständen und Voraussetzungen haben zusammengewirkt, um

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Humboldt durch seine amerikanische Reise zum Begründer einer neuen
Epoche der physischen Erdbeschreibung, der innigsten Verknüpfung von
Naturwissenschaft und Geographie zu machen. Für eine Vorbereitung durch
vielseitige und eifrige Studien und eine Ausrüstung mit den besten
astronomischen und physikalischen Apparaten war zunächst Sorge getragen.
Dazu gesellte sich das Streben, den zu erforschenden Teil der Erde als ein
Ganzes zum Gegenstande des Studiums zu machen. Es galt zwar zunächst
Einzelheiten zu erforschen, aber ihre Verknüpfung, die Erkenntnis ihres
gesetzmäßigen Zusammenhanges wurde stets als das höhere Ziel ins Auge
gefaßt.
Wir können hier von Humboldt nicht auf seinen Kreuz- und Querzügen
durch Süd- und Mittelamerika folgen, da aber seine Reise epochemachend
für alle späteren Expeditionen in das Innere großer Kontinente gewesen ist,
so wollen wir doch in einigen Punkten untersuchen, wie er der Fülle der ihm
gestellten Aufgaben gerecht geworden ist.
Von Coruña ging die Fahrt nach Teneriffa. Dort erfolgte die erste zu
wissenschaftlichen Zwecken unternommene Besteigung eines innerhalb der
subtropischen Zone liegenden Berges. An seinem Fuße wurde ein
Drachenbaum von 45 Fuß Umfang gefunden, den Humboldt für einen der
ältesten Bewohner der Erde erklärte. Am Abhange des nur im Winter mit
Schnee bedeckten Piks zeigte sich eine Eishöhle. Der Gipfel selbst besaß den
Charakter einer Solfatara. Ferner unterschied von Humboldt fünf
Pflanzenzonen, die sich an dem Pik von seinem mit Weinreben
geschmückten Fuß bis zu dem Gipfel, wo die Flechten an der Zersetzung der
vulkanischen Schlacken arbeiten, wie Stockwerke übereinander aufbauen.
Den ersten längeren Aufenthalt nahm Humboldt in Cumana, das seit
Jahrhunderten als ein Herd der furchtbarsten Erdbeben galt. Erst zwei Jahre
vor seiner Ankunft hatte ein solches die Stadt gänzlich zerstört. Humboldt
verwandte mehrere Wochen darauf, die Spuren jenes furchtbaren
Elementarereignisses eingehend zu erforschen. Wenige Monate nach seiner
Ankunft in Cumana fand an diesem Orte ein neues Erdbeben statt. Es war
das erste, das unser Forscher miterlebte. Und von dem tiefen Eindruck, den
es auf ihn machte, legt seine Schilderung Zeugnis ab570.
Nicht minder bekannt geworden ist die Schilderung des großen
Sternschnuppenfalls, den Humboldt im November des Jahres 1799 in

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Cumana beobachtete. Innerhalb weniger Stunden vermochte er tausende von
Sternschnuppen und Feuerkugeln zu zählen.
Im Anfang des Jahres 1800 drangen die Reisenden tiefer in den
südamerikanischen Kontinent ein. Sie erforschten das Stromnetz des
Orinoko, durchstreiften die einförmigen Llanos, die sich an die Waldregion
der großen Ströme anschließen, und stellten Untersuchungen über den
Zitteraal (Gymnotus electricus), dessen Fang von Humboldt so
anschaulich schilderte, und über die Reizbarkeit der Mimosen an.
Um die Cordilleren zu erforschen, hielt sich von Humboldt lange Zeit in
Quito auf. Von dort unternahm er die berühmte Besteigung des Chimborazo,
der damals für den höchsten Berg der Erde gehalten wurde. Von Humboldt
erreichte eine Höhe571, die vor ihm noch kein Mensch erklommen hatte.
Nach der Durchforschung Mexikos und einem kurzen Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten hielt sich von Humboldt fast zwei Jahrzehnte572 in Paris
auf. Noch länger dauerte die Abfassung des monumentalen Werkes über
seine Reise573. Daneben fand Humboldt noch Zeit, sich mit erdmagnetischen
und in Gemeinschaft mit Gay-Lussac sich mit eudiometrischen
Untersuchungen574 zu beschäftigen.
Die deutsche Forschung ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts von keinem
Lande so sehr wie von Frankreich angeregt und befruchtet worden. Von dort
ist nicht nur in die europäische Staatenentwicklung, sondern auch für das
Gebiet der exakten Forschung der erfrischende Luftzug gekommen, der die
Periode der neuesten Entwicklung einleitete. In Frankreichs Hauptstadt
hatten große Meister der Forschung, wie Cuvier, Lavoisier, Laplace,
Ampère, Gay-Lussac und viele andere, diejenige grundlegende Tätigkeit
entfaltet, welche den Boden für die neueste Entwicklung der
Naturwissenschaften bereitet hat. Eine wichtige Rolle bei der Vermittlung
zwischen der französischen und der emporstrebenden deutschen
Wissenschaft hat Alexander von Humboldt ausgeübt. Man darf nicht so
kleinlich sein und Humboldt daraus den Vorwurf machen, daß in ihm der
Patriot hinter dem Forscher zurückgetreten sei. Die Wissenschaft darf sich
nicht hinter nationalen Grenzen verschanzen. Sie muß das Gute nehmen, wo
sie es findet. Wer ihre Geschichte schreibt, darf das Verdienst des Auslandes
gegenüber dem des eigenen Landes nicht zu verkleinern suchen. Wir müssen
deshalb Frankreich die Anerkennung zollen, daß ohne die Schulung, welche
die deutschen Forscher dort während der ersten Jahrzehnte des 19.

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Jahrhunderts erfuhren, Deutschland schwerlich so rasch, wie es geschehen,
in wissenschaftlichen Wettbewerb mit Frankreich hätte treten, geschweige
denn es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überflügeln können, wie
auch von französischer Seite mitunter neidlos anerkannt worden ist.
Über den Inhalt des gewaltigen Humboldtschen Reisewerkes, an dessen
Abfassung sich viele Kräfte beteiligten, möge noch einiges hier Platz finden.
Es umfaßt sechs Abteilungen, von denen jede aus mehreren Bänden besteht.
Die erste Abteilung (Rélation historique) enthält neben dem von Humboldt
selbst verfaßten Reisebericht eine Geschichte der geographischen
Erschließung des neuen Kontinents und einen aus 39 Karten bestehenden
Atlas.
Die zweite Abteilung ist der Zoologie und der vergleichenden Anatomie
gewidmet. Bei ihrer Abfassung zählten die Reisenden Cuvier, Latreille
(für die Insekten) und Valenciennes (für die Fische und die Weichtiere) zu
ihren Mitarbeitern.
Die dritte Abteilung behandelt die politische Geographie der spanischen
Besitzungen in Amerika, die sich damals vom 38. Grade nördlicher bis zum
42. Grade südlicher Breite erstreckten.
Die vierte Abteilung enthält die astronomischen, trigonometrischen und
barometrischen Messungen, während die fünfte die Geologie und die
Pflanzengeographie der erforschten Länder zum Gegenstande hat.
Ausschließlich botanischen Inhalts ist endlich die sechste Abteilung. Sie
enthält eine Übersicht über sämtliche gesammelten Pflanzen und beschäftigt
sich außerdem in monographischer Behandlung mit den Mimosen, den neu
entdeckten Gräsern und der in Südamerika in zahlreichen Arten
vorkommenden tropischen Familie der Melastomeen575.
Im Jahre 1827 vertauschte von Humboldt das ihm so lieb gewordene Paris
auf den dringenden Wunsch seines Königs mit der an geistiger Bedeutung
hinter Paris damals weit zurückstehenden preußischen Hauptstadt. Jetzt
begann für den fast Sechzigjährigen eine neue Lebensaufgabe, die er durch
die Verwirklichung des schon lange gehegten Planes einer physischen
Weltbeschreibung erfüllte. Bevor sich jedoch von Humboldt an die
Abfassung seines »Kosmos« begab, unternahm er im Auftrage des
russischen Herrschers, begleitet von dem Zoologen Ehrenberg und dem
Mineralogen Rose eine kurze, aber ergebnisreiche Expedition ins asiatische

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Rußland. Humboldt und seine Begleiter besuchten die Erzlagerstätten des
Altai, überschritten die chinesische Grenze und durchzogen von dort die
ungeheure Steppe, um den südlichen Ural zu erreichen. An die geologische
Durchforschung dieses Gebirgszuges knüpft die berühmt gewordene
Voraussage Humboldts, daß der Ural mit seinen Gold- und Platinschätzen
ein wahres Dorado sei576. Zahlreiche Beobachtungen wurden auch an den
Besuch des Kaspischen Meeres geknüpft und Material für das von Cuvier
und Valenciennes bearbeitete große Werk über die Fische gesammelt.
Wir gelangen zu dem reifsten Werke von Humboldts, das seinen Namen
populär gemacht hat, dem »Kosmos«, wie er seinen Entwurf einer
physischen Weltbeschreibung nannte. Hervorgegangen ist das Werk aus
Vorlesungen, die er nach seinem Eintreffen in Berlin vor einem großen
Kreise im Beisein des Königs und des Hofes hielt und die als ein Ereignis
des Winters 1827/28 galten. Der Kosmos ist nicht minder als das große
Reisewerk epochemachend nicht nur für die deutsche, sondern für die
Weltliteratur577 gewesen und wird, wenn auch manche Einzelheiten veraltet
sind oder sich als irrig erwiesen haben, als Ganzes immer seinen Wert
besitzen. Einen solchen besitzt das Werk nicht nur nach der
wissenschaftlichen, sondern auch nach der sprachlichen und allgemein
literarischen Seite. Mag dem heutigen Geschlecht, das die Natur oft mit zu
nüchternem Verstande betrachtet, Humboldts Ausdruck pathetisch und
seine Sprache allzu reich an Bildern erscheinen, eins darf man nicht
vergessen: war es doch Humboldt, der die Deutschen wissenschaftliche
Dinge in formvollendeter Sprache behandeln lehrte. Um das zu würdigen,
muß man die trostlose Dürre der meisten früheren naturwissenschaftlichen
Schriftsteller und die hohlen, von unverständlicher Mystik triefenden
Phrasen der während des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts den deutschen
Geist beherrschenden, ja knebelnden naturphilosophischen Schule genossen
haben.
Auch die Vorlesungen, aus denen der Kosmos entstanden ist, waren in
gewisser Hinsicht epochemachend. Sie stellen nämlich den ersten und
gelungensten Versuch dar, die Kluft, welche die große Masse des Volkes von
der Wissenschaft trennt, zu überbrücken. Etwa tausend Zuhörer aller Kreise
»vom Könige bis zum einfachen Maurer« folgten den Ausführungen
Humboldts mit der größten Spannung.

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Der Plan zum »Kosmos« entstand in Humboldt schon in den neunziger
Jahren des von universellem Streben beherrschten 18. Jahrhunderts,
wahrscheinlich unter der Einwirkung des Weimar-Jena-Kreises578. »Am
späten Abend eines vielbewegten Lebens«, so lauten von Humboldts
einleitende Worte, »übergebe ich der Öffentlichkeit ein Werk, das in
unbestimmten Umrissen mir ein halbes Jahrhundert vor der Seele schwebte.«
Den ersten Band bezeichnet er als ein allgemeines Naturgemälde, das von
den fernsten Nebelflecken des Weltraums und den kreisenden Doppelsternen
stufenweise zu der Sternschicht herabsteigt, der unser Sonnensystem
angehört, zu dem luft- und meerumflossenen Erdsphäroid, seiner Gestaltung,
Temperatur und magnetischen Spannung bis zu der Lebensfülle, die vom
Lichte angeregt sich an seiner Oberfläche entfaltet. Die Aufgabe war dem
Umfang nach eine weitgespannte, dem Ziele nach entsprach sie als ein
»Gemälde«, eine »Weltbeschreibung«, indessen nicht mehr der Forderung
des nach tieferer Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges strebenden 19.
Jahrhunderts, dessen wichtigste Aufgabe in der Fortentwicklung der
mathematischen Physik und der Aufstellung des Energieprinzips gelöst
wurde.
Was Humboldt mit seinem Kosmos leisten wollte, war die Befriedigung
eines Gefühles, das man wohl als Natur-Ästhetik bezeichnet, eines Gefühls,
in dem auch Goethes Naturanschauung wurzelt und dem er an vielen Stellen
seiner Faustdichtung einen solch tiefen und ergreifenden Ausdruck verliehen
hat. Diese Aufgabe hat Humboldt mit dem ersten Bande seines Werkes
eigentlich schon gelöst. Wie sehr er sich aber unter dem Einfluß einer
solchen Grundstimmung befunden, gesteht er ein, wenn er an einer Stelle
von Goethe sagt: »Wer hat beredter als er seine Zeitgenossen angeregt, des
Weltalls heilige Rätsel zu lösen und das Bündnis zu erneuern, das im
Jugendalter der Menschheit Philosophie, Naturlehre und Dichtkunst
umschlang.«
In dem zweiten Bande stellt sich Humboldt eine andere, mit der physischen
Weltbeschreibung allerdings in engem Zusammenhange stehende Aufgabe.
Er gibt darin eine Geschichte der physischen Weltanschauung und verfolgt
durch alle Zeitalter das »Streben der Menschheit, das Zusammenwirken der
Kräfte im Erd- und Himmelsraume zu begreifen.« Die Arbeit, welche
Humboldt dadurch für die Begründung einer Geschichte der
Naturwissenschaften geleistet hat, ist eine bedeutende; sie besitzt auch, wie

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es bei einer auf zuverlässigen Quellen gegründeten geschichtlichen
Darstellung in der Natur der Sache liegt, vor allen anderen einen bleibenden
Wert. Als die Hauptmomente einer Geschichte der physischen
Weltanschauung stellt Humboldt die Kultur der Hellenen, die vermittelnde
Tätigkeit der Araber und die Erfindungen und Entdeckungen der süd- und
westeuropäischen Völker in ein solch klares Licht, daß seine Darstellung
dieser Verhältnisse wertvoll für alle Zeiten genannt werden muß.
In den weiteren Bänden des »Kosmos« ändert sich der Charakter des Werkes
noch mehr. Es wird daraus erklärlich, daß sich seine Abfassung über einen
Zeitraum von Jahrzehnten erstreckte, innerhalb dessen die Wissenschaft
selbst durch die Entdeckung des Prinzips von der Erhaltung der Kraft, eine
neue Epoche erlebte. Humboldt suchte sich mit der neuen Richtung, in die
er sich indessen nicht mehr einzuleben vermochte, auseinanderzusetzen.
Indessen überkam seine Zeitgenossen und auch ihn selbst immer mehr das
Gefühl, daß seine Art der Weltbetrachtung einer neuen weichen mußte, die
als die wahre Fortsetzung des von Newton, Huygens und den führenden
Geistern des 18. Jahrhunderts geschaffenen Werkes gelten durfte.
Die letzten Bände sind vorwiegend der Astronomie und der Geophysik
gewidmet; sie besitzen einen gelehrten Grundzug und treten in literarischer
Beziehung gegen die ersten Bände, die als Muster für eine nach Popularität
im edelsten Sinne des Wortes strebende Ausdrucksweise gelten können, sehr
zurück. Während von Humboldt noch mit der Abfassung eines fünften
Bandes seines Kosmos beschäftigt war, ereilte den Unermüdlichen, fast
Neunzigjährigen, am 21. April 1859 der Tod.
In rein wissenschaftlicher Beziehung liegt v. Humboldts Hauptverdienst
auf dem Gebiete der Pflanzengeographie. Er beschränkte sich nicht auf die
floristische Erforschung der von ihm bereisten Länder. Sein Bestreben ging
vielmehr dahin, die Pflanzenwelt in ihrer Abhängigkeit vom Klima und vom
Boden zu verstehen und die allgemeinen Bedingungen für dieses Verhältnis
aufzudecken.
Bevor wir Humboldts Verdienst um die Pflanzengeographie würdigen,
müssen wir des Mannes gedenken, dem er hier die meisten Anregungen und
Vorarbeiten zu verdanken hatte. Es war das Willdenow 579, ein Neffe des an
früherer Stelle erwähnten Gleditsch 580 und sein Nachfolger in der Leitung
des Berliner botanischen Gartens. Willdenow war mit Humboldt eng
befreundet und hat ihn der Botanik zugeführt. Er ist als der geistige Urheber

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von Humboldts Schrift »Ideen zu einer Geographie der Pflanzen« zu
betrachten. Willdenow hatte die hier von Humboldt behandelten Fragen
bereits in seinem Grundriß der Kräuterkunde aufgeworfen und beleuchtet. Er
war es, der die Grenze zwischen der mitteleuropäischen und der
Mittelmeerflora zog und die drei großen Gebiete unterschied, die wir als
boreale, tropische und australische Flora bezeichnen. Ferner hat schon
Willdenow die Abhängigkeit der Pflanzenverbreitung vom Klima, von der
Bodenbeschaffenheit und von der Wandertätigkeit, das was die Wissenschaft
als klimatologisches, als geologisches und als migratorisches Moment zu
bezeichnen pflegt, deutlich hervorgehoben.
Ganz neue Bahnen wurden dadurch erschlossen, daß man die Verbreitung
des Lebens über die Erde aus gesetzmäßig wirkenden Ursachen, und zwar
vor allem aus den herrschenden physischen Bedingungen zu erforschen
strebte. In dieser Hinsicht bahnbrechend gewirkt zu haben, ist wohl das
bedeutendste unter den rein wissenschaftlichen Verdiensten von
Humboldts. »Die Ideen zu einer Geographie der Pflanzen« sind die erste
Veröffentlichung nach seiner Rückkehr aus Südamerika. Sie erschienen
(1805) nebst einem Naturgemälde der Tropenländer. Den meisten Stoff für
die neue, bislang kaum dem Namen nach vorhandene Wissenschaft der
Pflanzengeographie sammelte von Humboldt auf jener Reise. So kam es,
daß die »Ideen« zum größten Teile am Fuße des Chimborazo
niedergeschrieben wurden.
Der Gedanke, die räumliche Verbreitung der Pflanzen festzustellen, begegnet
uns zwar schon früher. Von Humboldt erstrebte aber weit mehr als dies. Es
galt ihm, die Verteilung und die typische Organisation der Pflanzen im
Zusammenhange mit allen gegenwärtig auf die Erdoberfläche wirkenden
Kräften und mit der Geschichte unseres Planeten581 zu ergründen.
Was Humboldt vorfand, waren nur wenige bescheidene Ansätze. Und was
er zu schaffen vermochte, waren im wesentlichen auch nur die Grundlinien
und die Bezeichnung der Ziele der neuen Wissenschaft, zumal die
Erdgeschichte einen lebensvollen Inhalt erst nach dem Siege der
Entwicklungslehre über das Dogma von der Konstanz der Arten gewinnen
konnte. Das Problem der Entwicklungslehre begegnet uns in Humboldts
Worten, die Pflanzengeographie habe zu untersuchen, ob es unter den
zahllosen Gewächsen der Erde gewisse Urformen gäbe. Vielleicht könne

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man die Verschiedenheit der Arten als die Wirkung der Ausartung und als
Abweichungen von solchen Urformen betrachten582.
Zwar, fügt er hinzu, schienen alle Pflanzen und Tiere, welche gegenwärtig
die Erde bewohnen, seit Jahrtausenden ihre charakteristische Form nicht
verloren zu haben. So sei der Ibis, den man in den ägyptischen Gräbern
finde, identisch mit dem, der gegenwärtig am Ufer des Niles fischt583.
Andererseits weist Humboldt auf die Veränderungen hin, welche die Erde
im Laufe ihrer, ungeheure Zeiträume umfassenden Geschichte durchgemacht
hat und mit denen Änderungen in der Tier- und Pflanzenwelt Hand in Hand
gehen mußten. Die Geographie der Pflanzen sei deshalb an die Geologie
anzuknüpfen584, um Licht über die Urgeschichte der Erde zu verbreiten. Um
ein Urteil über die ehemalige Verbindung nahegelegener Ländermassen zu
gewinnen, verwerte die Geologie die Ähnlichkeit in der Schichtung und
Lagerung der Küstengebirge und die Tiefenverhältnisse der trennenden
Meeresabschnitte. Für die Entscheidung dieser Frage könne aber die
Geographie der Pflanzen nicht minder wichtige Anhaltspunkte liefern. Sie
mache es z. B. wahrscheinlich, daß Südamerika sich vor der Entwicklung
organischer Wesen von Afrika getrennt habe. Durch die Pflanzengeographie
geleitet könne man in das Dunkel eindringen, das den frühesten Zustand
unseres Planeten einhülle. So gelte es zu entscheiden, ob die Erdrinde an
vielen Orten zugleich mit verschiedenen Arten bedeckt worden sei, oder ob
alle Keime sich zuerst in einer Gegend entwickelten und von dort auf schwer
zu ergründenden Wegen nach anderen Weltteilen wanderten.
Humboldt erwägt dann die Umstände, durch welche das ursprüngliche
Wohngebiet einer Pflanzenart sich erweitern konnte. Als solche werden
insbesondere die Strömungen der Atmosphäre und des Wassers und der
Transport durch Tiere betrachtet. So groß indessen diese Einflüsse auch sind,
sie verschwinden nach Humboldt gegenüber dem Einfluß, den der Mensch
auf die Verbreitung der Gewächse ausübt. »Pflanzen, welche der Gegenstand
des Garten- und des Ackerbaues sind, haben das wandernde
Menschengeschlecht seit den fernsten Jahrhunderten begleitet«585. Daher
bleibe ihr erstes und ursprüngliches Vaterland oft ein ebenso rätselhaftes
Problem wie das Vaterland der verschiedenen Menschenrassen selbst.
Treffend führt Humboldt dann weiter aus, wie der Ackerbau die Herrschaft
fremder eingewanderter Pflanzen über die einheimischen begründet und
letztere nach und nach auf einen immer enger werdenden Raum
zusammengedrängt habe. Für die Tropenwelt dagegen konnte Humboldt

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damals noch zutreffend sagen, die menschliche Kraft sei zu schwach, um
eine Vegetation zu besiegen, die nichts unbedeckt lasse und den Boden
unseren Augen entziehe.
Zum ersten Male wurde durch Humboldt die Aufmerksamkeit der
Botaniker ferner auf diejenigen Erscheinungen der Vegetation gelenkt,
welche die Physiognomie der Landschaft bestimmen. Eine physiognomische
Einteilung der Pflanzen nach der Entwicklungsweise ihrer Vegetationsorgane
begründet zu haben, gilt als eine der wichtigsten Leistungen von
Humboldts 586.
Die Physiognomie einer Flora verdient indessen nicht nur eine ästhetische
Würdigung, sondern in ihr spricht sich die innige Wechselbeziehung
zwischen der gesamten Form und den physischen Bedingungen viel schärfer
aus als in den Charakteren, welche der systematischen Einteilung des
Pflanzenreiches zugrunde gelegt werden.
In der zahllosen Menge von Pflanzenarten unterschied Humboldt nach dem
erwähnten Gesichtspunkt etwa zwanzig verschiedene Grundgestalten, auf
die man wahrscheinlich alle Arten zurückführen könne. Die wichtigsten
unter diesen Vegetationsformen sind die Bananenform, die Palmenform, die
Formen der Baumfarne, der Nadelhölzer und der Orchideen. Ferner seien
genannt die Mimosenform mit ihren fein gefiederten Blättern, die Lilienform
mit ihren einfachen, zart gestreiften Blättern, die Kaktusform mit ihren
blattlosen, gestachelten Stämmen und die Grasform. Unter den blütenlosen
Pflanzen werden die Formen der Laubmoose, der Blätterflechten und der
Hutschwämme unterschieden. Mitunter decken sich diese Formen mit
großen Abteilungen des natürlichen Pflanzensystems. Häufiger jedoch
begegnet uns der gleiche, durch das Klima und die Bodenbeschaffenheit
bedingte Habitus bei Pflanzen, die im Bau ihrer Blüten und Früchte weit
voneinander abstehen.
Untersuchungen über die Verteilung der Pflanzen auf verschiedene
Höhengürtel hat zuerst H. B. de Saussure in den Alpen angestellt. Auch
fehlte es nicht an dem gelegentlichen Hinweis, daß die Pflanzen eines
Gebirges, z. B. der Pyrenäen, mit den Pflanzen höherer Breiten manche
Ähnlichkeit aufweisen. Als allgemeine Gesetzmäßigkeit wurde diese
Verknüpfung der Höhen mit entfernten, in höherer Breite liegenden
Tiefebenen indes zuerst von Humboldt ausgesprochen587. Das reiche, ihm zu
Gebote stehende Beobachtungsmaterial setzte ihn auch in den Stand, für die

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Tropen die Folge der beim Emporsteigen uns begegnenden Pflanzengürtel zu
bestimmen. Als Beispiel diene uns die Übersicht der Pflanzenregionen, die
Humboldt an den Abhängen der Cordillere von Quito unterschied588.
Die unterste Region ist diejenige der Palmen und Pisanggewächse. Sie steigt
von der Meeresfläche bis zu einer Höhe von 1000 Metern empor.
Unmittelbar darüber liegt die Region der Baumfarne. Dann folgen die
Region der Eichen (bis 3000 Meter) und diejenige der Alpenkräuter. Letztere
werden zwischen 4100 und 4600 Meter von den alpinen Gräsern, den letzten
Blütenpflanzen abgelöst. Von dort bis zur Schneegrenze beleben nur
Steinflechten die verwitternde Rinde des nackten Gesteins589.
Auch in den Anden Mexikos und am Pik von Teneriffa hat Humboldt die
Aufeinanderfolge bestimmter Pflanzengürtel nachgewiesen.
Dieser kurze Abriß läßt die großen Verdienste, die sich Humboldt um die
Begründung der Pflanzengeographie erworben, zur Genüge erkennen. Das
meiste, was ihn hier beschäftigte, blieb zwar zunächst Problem. Indessen mit
vollem Rechte muß man fragen590, ob sich nicht derjenige, der Fragen
aufzuwerfen versteht, welche die Arbeit kommender Geschlechter auf
bestimmte fruchtbare Bahnen lenken, ein ebenso großes Verdienst erwirbt,
wie der Forscher, der einzelne wissenschaftliche Fragen erledigt.
Ähnliches, wie er es in der Aufstellung der Pflanzenregionen geleistet, hielt
Humboldt auch auf dem Gebiete der Zoologie für erstrebenswert. »Es wäre
interessant«, sagt er, »in einem Profil die Höhen zu bestimmen, zu welchen
sich die Tiere in den Gebirgsländern erheben.« Was ihm dabei vorschwebte,
war die Abhängigkeit des Tierlebens von meteorologischen Bedingungen,
wie er überhaupt der Zoologie weniger durch Einzeluntersuchungen als
durch den steten Hinweis auf den innigen Zusammenhang des Tierlebens mit
seinen physischen Bedingungen genützt hat.
Auch auf dem Gebiete der Geologie ist Humboldts Verdienst vor allem in
seiner Betonung der allgemeinen Gesichtspunkte zu suchen. Er verstand es
nämlich, die Geologie in ähnlicher Weise mit der Erdkunde in Verbindung zu
setzen, wie es ihm so trefflich für diese Wissenschaft und die Botanik
gelungen war.
Im Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn stand Humboldt ganz unter
dem Einfluß der neptunistischen, von seinem Lehrer Werner gegründeten
Geologenschule. Zwischen ihren Anhängern und den Vulkanisten wurde

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besonders über die Entstehungsart des Basalts heftig gestritten. Humboldts
erste Arbeit betraf gleichfalls diese Frage591. Er glaubte sie in
Übereinstimmung mit Werner dahin entscheiden zu müssen, daß nach
seinen Beobachtungen an den Basalten in der Nähe von Linz und Unkel
nichts auf vulkanische Wirkungen schließen lasse.
Etwa ein Jahrzehnt später begann Humboldt seine amerikanische Reise,
deren Aufgabe und deren Ergebnisse zum großen Teil auf geologischem
Gebiete lagen. Während der Erforschung der Cordilleren und der
Verarbeitung des reichen, dort gefundenen Materials vollzog sich in ihm und
besonders durch ihn ein völliger Umschwung in den geologischen
Anschauungen. Die Folge war, daß nicht nur für den Basalt, sondern auch
für den Granit, sowie die Trachyte und Porphyre, eine Entstehung auf feurig
flüssigem Wege angenommen wurde. Die feinere mechanische Analyse des
Basalts ergab für dies Gestein trotz seines scheinbar gleichartigen
Aussehens, daß es ein Gemenge von Mineralien und dem Granit in seiner
Zusammensetzung nicht unähnlich ist592.
Grundlegend für die Lehre vom Vulkanismus war vor allem Humboldts
Beobachtung, daß in den Gebirgen Amerikas Trachyte in der Nachbarschaft
von Vulkanen auftreten und diese gleichsam anzukündigen scheinen.
Humboldt machte ferner auf den mitunter anzutreffenden allmählichen
Übergang von Trachyt in Gesteine von glasiger und schlackiger
Beschaffenheit aufmerksam. Da letztere (Obsidian, Bimsstein) noch heute
als Erzeugnisse tätiger Vulkane angetroffen werden, so war der Schluß auf
den eruptiven Ursprung der ohne scharfe Grenze in sie übergehenden
Massengesteine wohl berechtigt.
Die Erkenntnis, daß die Eruptivgesteine eine viel größere Verbreitung
besitzen, als man früher geahnt hatte, führte bei Humboldt und seinem
Mitarbeiter L. v. Buch, zu einer großen Überschätzung der Wirkungen der
Eruptivgesteine. So nahm von Buch an, daß die Alpenkette und die
Mehrzahl der übrigen Gebirge durch den Porphyr bei seinem Hervorbrechen
aus dem Erdinnern emporgehoben sei593. Selbst der Dolomit sollte unter der
Wirkung vulkanischer Kräfte in der Weise entstanden sein, daß
dampfförmiges Magnesiumoxyd in den Kalkstein eindrang und damit ein
Calcium-Magnesiumkarbonat bildete.
Aus ähnlichen Voraussetzungen erklärte Humboldt die Entstehung der
amerikanischen Gebirge. Die Ketten der Anden und Venezuelas sollten sich

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über langgestreckten Erdspalten, die Gebirgsgruppen dagegen über einem
Netz von Spalten erhoben haben. Dabei habe ein von innen nach außen
wirkender Druck die starren Massen gehoben und feurig flüssiges Material
emporgepreßt. Die Gebirge erschienen nach dieser Auffassung als Zeugen
großer Katastrophen, als Zeugnisse gewaltiger Erdrevolutionen. Doch suchte
Humboldt das Katastrophenartige dieser etwa die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts beherrschenden Erklärungsweise dadurch zu mildern, daß er
auf die verhältnismäßig geringe Masse des emporgehobenen Materials
hinwies. So würden die Alpen, über das flache Land verteilt, Europa nur um
20 Fuß erhöhen.
Auch die Vulkane, deren reihenförmige Anordnung Humboldts
Erforschung des südamerikanischen Kontinents unzweifelhaft dargetan,
sollten nach seiner und von Buchs Ansicht durch Erhebung entstehen. Aus
der Anordnung der Vulkane wurde mit Recht auf das Vorhandensein von
Spalten in der Erdkruste geschlossen. Über diesen Spalten entstanden nach
der damals herrschenden Vorstellung die Vulkane aber weniger durch die
Anhäufung von Schlacken und Lavaschichten. Sondern die vulkanische
Tätigkeit sollte »formgebend und gestaltend594 durch Erhebung des Bodens«
wirken. Durch diese Tätigkeit entstehe eine blasenförmige Auftreibung des
Bodens und endlich durch Sprengung des höchsten Teiles der
»Erhebungskrater«. Die großen Vulkane dachten sich somit beide Forscher
nicht durch Aufschüttung von Schlacken und Anhäufung von Laven, sondern
gewissermaßen aus einem Stück erzeugt. Erst durch den großen
Umschwung, den die Geologie durch Lyell und seine Schüler erfuhr, wurde
die Bildung der Vulkane nicht aus plötzlichen Katastrophen, sondern durch
einen allmählichen Aufbau erklärt.
Mit den Vulkanen brachte Humboldt die Erscheinung des Erdbebens in
engsten Zusammenhang, insofern er beide auf die gleiche Ursache
zurückführte. Die in der Tiefe eingeschlossenen Dämpfe, denen die
Entstehung und die Ausbrüche der Vulkane zugeschrieben wurden, sollten,
wo sie keinen Ausgang finden, die Erschütterungen hervorrufen. Daher rührt
auch sein auf eine Vorstellung Strabons zurückzuführendes Wort, daß die
Vulkane als Sicherheitsventile zu betrachten seien. Humboldt führt als
Beispiel einen südamerikanischen Vulkan an, dessen Tätigkeit plötzlich
erlosch, während gleichzeitig in seiner Nachbarschaft eins der furchtbarsten
Erdbeben stattfand.

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Haben sich auch manche Anschauungen über die Ursachen geologischer
Vorgänge seit den Zeiten Humboldts und Buchs geändert, so dürfen wir
doch nicht vergessen, daß diese Männer die wissenschaftliche Erforschung
der Vulkane und der Erdbeben erst in Angriff genommen haben. Vor
Humboldts südamerikanischer Reise waren der Vesuv und der Ätna die
einzigen genauer untersuchten Vulkane595. Und hinsichtlich der Erdbeben
hatte man weniger an die Erforschung der geologischen und der physischen
Umstände als an die Aufzeichnung ihrer zerstörenden Wirkungen gedacht.
Humboldt mit seinem auf Verallgemeinerung gerichteten Gedankenflug
war es vor allem, der die verschiedenartigsten tellurischen Erscheinungen
unter der Bezeichnung des Vulkanismus als die Ausflüsse ein und derselben
Ursache auffassen lehrte. Sie alle bestanden in der Reaktion des heißen
Erdinnern gegen die Rinde, mochten sie sich nun als bloße Erschütterungen,
als Thermalquellen, Gasexhalationen, Schlamm- oder Vulkanausbrüche
geltend machen. Humboldt lehrte all diese Erscheinungen als Abstufungen
der vulkanischen Lebenstätigkeit unseres Planeten auffassen und verstand es
von diesem hohen Gesichtspunkt aus, der Wissenschaft eine solche Fülle
von Einzelbeobachtungen zuzuführen, wie es kaum ein anderer vor und nach
ihm vermocht hat.

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22. Die Mineralogie unter dem Einfluß der chemisch-
physikalischen Forschung.
Wir befaßten uns mit der Mineralogie zuletzt im Schlußabschnitt des vorigen
Bandes. Für Linné und Werner war die Mineralogie in der Hauptsache
Mineralbeschreibung. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts wandten
Scheele und Bergman ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise der chemischen
Zusammensetzung der anorganischen Naturkörper zu. Die großen
Fortschritte der Physik und der Chemie, die wir in den ersten Abschnitten
dieses Bandes kennen lernten, beeinflußten die weitere Entwicklung der
Mineralogie in hohem Grade. Zwar beanspruchte nach wie vor die Form der
Mineralien ein großes Interesse. An die Stelle der bloßen Beschreibung trat
jetzt aber das Bestreben, die verwirrende Vielheit der Gestalten auf wenige
Grundgesetze zurückzuführen. Gefördert wurde dieses Streben dadurch, daß
in dem von Wollaston erfundenen Reflexionsgoniometer (1809) ein
Werkzeug596 zur genauen Untersuchung auch der kleineren Kristalle entstand.
Von Bedeutung waren auch die Lehren Hauys. Nach Hauy 597 hängen das
Gefüge und die Form eines Kristalles nur von der Gestalt der ihn
zusammensetzenden Teilchen, sowie von deren Anordnung ab. Unter den
Formen, in denen ein kristallisierter Stoff auftritt, gibt es nach ihm eine, die
als die primitive betrachtet werden muß. Aus dieser lassen sich sämtliche
Gestalten als sekundäre Formen ableiten. Als primitiv betrachtete Hauy die
aus der Zertrümmerung des Kristalls hervorgehende Spaltform, auf deren
Unveränderlichkeit er hinwies. Abb. 59 u. 60 zeigen, wie das
Rhombendodekaeder und das Pentagondodekaeder durch verschiedenartigen
Aufbau aus dem Würfel hervorgehen können598. Solche Betrachtungen
führten Hauy zu der Entdeckung des die Kristallwelt beherrschenden
Grundgesetzes von der Rationalität der Achsenabschnitte. Nach diesem
Gesetz sind die Zahlen, nach denen die sekundären Formen aus der
Grundform abgeleitet werden, stets rational und sehr einfach, z. B. 2, 3, 3/2
u. s. f. So läuft bei der am häufigsten vorkommenden Art des
Pyramidenwürfels jede der 24 Kristallflächen einer Achse parallel und
schneidet die beiden anderen Achsen im Verhältnis 1 : 2. Die Bezeichnung
für diese Form ist dementsprechend a : 2a : ∞a. Ferner kommen vor die

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Pyramidenwürfel a : 3a : ∞a und a : 3/2a : ∞a (allgemein a : na : ∞a oder
nach Naumannscher Bezeichnungsweise ∞ O n).

Abb. 59. Hauys Ableitung des Rhombendodekaeders (Hauy, Traité de
minéralogie. V. Pl. VIII).

Abb. 60. Hauys Ableitung des Pentagondodekaeders (Hauy, Traité de
minéralogie. V. Pl. VIII.)

Während der ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts vollzog sich
die festere Begründung der Kristallographie. Weiß entdeckte das Gesetz der
Hemiedrie, nachdem schon vor ihm die Bemerkung gemacht worden war599,
das Pentagondodekaeder ((∞ O n)/2, n = 2, 3/2, 3 u. s. f.) mit seinen 12

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Flächen gehe aus dem vierundzwanzigflächigen Pyramidenwürfel (∞ O n)
hervor, wenn »die Gesetze nur zur Hälfte wirken«.
Weiß und Naumann schufen fast zur selben Zeit, als Berzelius die
chemische Zeichensprache ins Leben rief, jene einfachen, auf der Annahme
von Achsen begründeten Bezeichnungen, die einen klaren Überblick über
die Ergebnisse der kristallographischen Forschung ermöglichten und noch
heute im Gebrauch sind.
Seitdem in der mineralogischen Systematik die besonders durch Berzelius,
Bergman und Klaproth geförderte chemische Richtung gesiegt hatte,
lehrte die mit vielem Eifer betriebene Analyse zahlreiche neue Mineralien
kennen, so daß ihre Zahl sich in dem Zeitraum von dem Tode Werners bis
zum Erscheinen der Geschichte der Mineralogie v. Kobells (1817-1864)
fast verdreifachte.
Durch das Zusammenwirken von Analyse und Kristallbeschreibung gelangte
man auch zur Entdeckung neuer wichtiger Beziehungen. Zwei bekannte
Mineralien, Kalkspat und Aragonit, die man bis dahin oft verwechselt hatte,
treten, wie Hauy nachwies, in Formen auf, die nicht aufeinander
zurückgeführt werden können. Nun zeigte der um die Mineralanalyse sehr
verdiente Klaproth 600, der Entdecker der Zirkon-, Uran- und Titanerde, daß
beide Mineralien ihrer chemischen Natur nach dasselbe, nämlich
Kalziumkarbonat, sind. Daß ein und dieselbe Substanz zwei verschiedene
Mineralien bilden könne, wurde damals von vielen geradezu für unmöglich
gehalten. Auch Hauy vermochte eine solche Annahme mit den von ihm
entwickelten Ansichten nicht zu vereinigen. Man dachte daher zunächst, die
Verschiedenheit in der Form und in den physikalischen Eigenschaften von
Kalkspat und Aragonit werde durch Beimengungen hervorgebracht, und
frohlockte, als man in dem Strontium einen regelmäßigen Bestandteil des
Aragonits nachgewiesen zu haben glaubte. Bald darauf fand man jedoch
Aragonit ohne einen Gehalt an Strontium und konnte sich nun nicht länger
sträuben, die neuentdeckte Tatsache, welche man als Dimorphie bezeichnete,
anzuerkennen.
Auch das entgegengesetzte Verhalten, daß zwei Mineralien von
verschiedener Zusammensetzung, wie Kalkspat und Eisenspat, in derselben
Form kristallisieren, wurde beobachtet. Hauy glaubte indessen
mathematisch beweisen zu können, daß verschiedene Stoffe, abgesehen von
denjenigen, die regulär kristallisieren, nicht dieselbe Form besitzen können.

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Nach ihm sollte sich der Kalkspat unter Beibehaltung der Gestalt in
Eisenspat umwandeln, also eine ähnliche Entstehung nehmen wie das
versteinerte Holz. Daß es sich indessen hier nicht um Zufälligkeiten handelt,
sondern daß die Kristallform enge Beziehungen zur chemischen Konstitution
aufweist, diese Entdeckung und ihre allseitige Begründung verdanken wir
dem genialen Mitscherlich, der auf fast allen Gebieten der Chemie und
Mineralogie der Forschung neue Bahnen gewiesen hat.
Eilhard Mitscherlich wurde 1794 in der Nähe von Jever geboren. Er
wandte sich, angeregt durch den Historiker Schlosser, der auf dem
Gymnasium zu Jever sein Lehrer war, zunächst der Philologie und der
Geschichte zu. Mehr nebenbei betrieb er das Studium der
Naturwissenschaften. Mitscherlich hatte das Glück, auf diesem Gebiete,
wenige Jahre nachdem er es betreten, eine der wichtigsten Entdeckungen zu
machen, die seinem ganzen ferneren Leben Richtung und Inhalt verliehen
hat. Es war die schon erwähnte, später noch genauer zu besprechende
Isomorphie ähnlich zusammengesetzter Mineralien und Präparate.
Mitscherlich machte diese Entdeckung im Jahre 1818 in Berlin, wo bald
darauf der große nordische Chemiker Berzelius vorübergehend weilte.
Letzterer erkannte sofort die Bedeutung des jugendlichen Fachgenossen und
bewog ihn, in Stockholm in seinem Laboratorium die in Berlin begonnenen
Untersuchungen fortzusetzen. Im Jahre 1821 kehrte Mitscherlich nach
Berlin zurück, wo man den 27jährigen Forscher dadurch zu fesseln wußte,
daß man ihm die Mitgliedschaft der Akademie und die durch Klaproths
Ableben erledigte Professur der Chemie übertrug. Mitscherlich starb in
Berlin im Jahre 1863.
An früheren Beobachtungen, die zu Mitscherlichs Lehre von der
Isomorphie hinüberleiten, ist kein Mangel. Gay-Lussac hatte gefunden,
daß Kupfervitriol in der Form des Eisenvitriols kristallisiert, wenn letzterer
in geringer Menge der Kupferlösung zugesetzt wird. Ferner war bekannt,
daß im Alaun das Kalium durch Ammonium und durch Natrium vertreten
werden kann. Anknüpfend an diese Erscheinung wies man darauf hin, daß
auch im Mineralreich ein ähnliches Verhältnis vorkommt, das man mit dem
Worte Vikariieren, d. h. sich gegenseitig vertreten, bezeichnete601.
Später (1819) zeigte Mitscherlich, daß die vikariierenden Bestandteile der
Mineralien von analoger atomistischer Zusammensetzung sind und daß diese
Analogie Gleichheit oder annähernde Gleichheit der Kristallform bedingt.

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Mitscherlich wies diese von ihm als Isomorphie bezeichnete Erscheinung
besonders an künstlich dargestellten Verbindungen, z. B. an den Salzen,
welche Phosphorsäure und Arsensäure mit demselben Metalle602 bilden, nach.
Auch Eisensulfat und Kobaltsulfat, sowie die mit 7 Molekülen Wasser
kristallisierenden Sulfate von Magnesium, Nickel und Zink stimmen nach
der Untersuchung Mitscherlichs 603 in ihrer Form vollkommen überein. An
den Eisenspat schlossen sich Zink- und Manganspat als gleichfalls dem
Kalkspat isomorphe Mineralien an. Aus den angeführten Beispielen geht
schon zur Genüge hervor, daß es Verbindungen von ähnlicher chemischer
Zusammensetzung sind, an denen sich Isomorphie beobachten läßt.
Auf die Untersuchung der phosphorsauren und der arsensauren Salze wurde
Mitscherlich dadurch geführt, daß Berzelius bei der Untersuchung der
Säuren (Säureanhydride) des Phosphors und des Arsens eine Abweichung
von der allgemeinen Regel gefunden hatte. Die Sauerstoffmengen, mit denen
sich beide Elemente zu Säuren verbinden, verhalten sich nämlich, wie
Berzelius fand, wie 3 zu 5 (P2O3, P2O5; As2O3, As2O5).
Als Mitscherlich im Jahre 1818 im Laboratorium zu Berlin mit der
Nachprüfung dieser Proportionen beschäftigt war und zu diesem Zwecke
auch die Salze der betreffenden Säuren untersuchte, war er überrascht, zu
sehen, daß diese Salze sich in der Form zu gleichen schienen. Mitscherlich
war damals mit den Methoden der Kristallographie noch nicht bekannt. Er
bat deshalb G. Rose, den später so berühmt gewordenen Mineralogen, ihm
bei der weiteren Untersuchung behilflich zu sein. In gemeinsamer Arbeit
stellten beide darauf fest, daß phosphorsaure und arsensaure Salze von
analoger Zusammensetzung in der Kristallform übereinstimmen.
Mitscherlich kam durch seine Untersuchung zu dem allgemeinen
Ergebnis604, daß eine gleiche Anzahl von Atomen, wenn sie auf gleiche Weise
verbunden sind, gleiche Kristallform hervorbringen, daß also die
Kristallform nicht auf der Natur der Atome, sondern auf ihrer Anzahl und
Verbindungsweise beruhe. Später erkannte er jedoch, daß neben der Zahl der
elementaren Teilchen deren chemische Natur doch mitbestimmend ist.
»Ich hoffe,« schloß Mitscherlich seine berühmte Abhandlung, in welcher
er die Lehre von der Isomorphie begründete, »daß das Studium der
Kristallisation ebenso bestimmt wie die chemische Analyse das Verhältnis
der Bestandteile der Körper angeben wird.« Die Isomorphie wurde seitdem
von Mitscherlich und von Berzelius auch umgekehrt dazu benutzt, um

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eine Übereinstimmung in dem atomistischen Aufbau der untersuchten
Verbindungen nachzuweisen. Demgemäß erblickte Berzelius, welcher die
Isomorphie als die wichtigste seit der Aufstellung der Lehre von den
Proportionen gemachte Entdeckung bezeichnete, in den Mengen der sich
entsprechenden Elemente (z. B. Kobalt und Eisen in ihren Sulfaten), die mit
einer bestimmten Menge Sauerstoff verbunden sind, die relativen
Atomgewichte. Berzelius wandte das neue Hilfsmittel auch als Prüfstein
für die Zuverlässigkeit seiner eigenen Atomgewichtsbestimmungen in
ausgedehnter Weise an. Das Ergebnis war sein berichtigtes
Atomgewichtssystem vom Jahre 1821.
Mitscherlich ist der Nachweis zu verdanken, daß die Dimorphie gleichfalls
künstlich hervorgerufen werden kann und daß sie von den physikalischen
Umständen abhängt, unter denen die Kristallisation vor sich geht605. So
erhielt er Schwefel in verschiedenen Formen, je nachdem dies Element aus
einer Lösung oder aus dem Schmelzfluß erstarrte. Ähnlich wurde später die
Dimorphie von Calziumkarbonat erklärt606. Fällt man diese Substanz bei
gewöhnlicher Temperatur, so weist sie die Gestalt des Kalkspats auf,
während sich Aragonitkriställchen bilden, wenn der Niederschlag aus einer
heißen Lösung entsteht.
Eine neue Erweiterung erfuhr die Kristallographie durch Mitscherlichs
Entdeckung, daß die Kristallform sich stetig, wenn auch wenig mit der
Temperatur ändert und daß diese Änderung wieder in naher Beziehung zur
Form der Kristalle, insbesondere zur Lage der Achsen steht. Die
Untersuchung ergab im einzelnen folgendes: Die Kristalle des regulären
Systems werden durch die Wärme nach allen Richtungen gleichstark
ausgedehnt. Ihre Winkel wurden daher nicht geändert. Die Kristalle des
hexagonalen Systems zeigen dagegen, wie Mitscherlich aus der Größe der
beim Erwärmen eintretenden Winkeländerung bestimmte, in der Richtung
der Hauptachse ein anderes Verhalten wie in der Richtung der Nebenachsen.
Die Kristalle des rhombischen Systems endlich werden entsprechend der
Verschiedenheit ihrer drei Achsen auch nach allen drei Richtungen von der
Wärme in verschiedenem Maße beeinflußt. Durch diese thermische
Untersuchung der Kristalle, welche durch die Prüfung ihres optischen
Verhaltens seitens anderer Forscher eine Ergänzung erfuhr, wurde eine der
Grundlagen für die physikalische Kristallographie geschaffen.

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Auch die so junge, aber erfolgreiche Wissenschaft der Mineralsynthese, die
sich mit der künstlichen Erzeugung von Mineralien beschäftigt, um die
Bedingungen kennen zu lernen, unter denen ihre natürliche Entstehung vor
sich geht, wurde durch Mitscherlich mitbegründet607. Als ein wichtiges
Mittel für die Mineralsynthese erkannte er den Schmelzfluß. Er wies nach,
daß die in den Schlacken vorkommenden Kristallbildungen häufig mit
bekannten Mineralien, wie Glimmer und Augit, identisch sind.
Hand in Hand mit all diesen Untersuchungen ging eine stete Verbesserung
der Methoden und der Apparate. Unter letzteren ist insbesondere
Mitscherlichs Fernrohrgoniometer zu nennen, das an Genauigkeit der
Winkelmessungen das Wollastonsche Goniometer erheblich übertraf.
Mitscherlichs Arbeiten auf dem Gebiete der reinen Chemie betrafen vor
allem die organischen Verbindungen; sie werden an anderer Stelle zu
behandeln sein. Hier sei jedoch noch seine Untersuchung des Mangans
erwähnt, welche die Mangansäure und die Übermangansäure kennen lehrte.
Die Verdienste Klaproths liegen in erster Linie auf dem Gebiete der
Mineralchemie. Wir wollen ihrer hier noch im einzelnen gedenken, wie wir
es soeben hinsichtlich Mitscherlichs Arbeiten getan haben. Das Wirken
dieser beiden Männer zeigt am besten, welch hohe Stufe die chemische und
die mineralogische Forschung am Ende des 18. und während der ersten
Dezennien des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland erreicht hatten. Martin
Heinrich Klaproth wurde 1743 in Wernigerode geboren. Er ist wie viele
große Chemiker der früheren Zeit aus der pharmazeutischen Laufbahn
hervorgegangen. Klaproth wirkte in Berlin als Apotheker und hielt dort
Vorlesungen über Chemie. Nach der Gründung der Berliner Universität im
Jahre 1810 wurde ihm die erste Professur für Chemie an dieser Hochschule
übertragen. Gleichzeitig war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
Er starb in Berlin im Jahre 1817.
Klaproth hat für die Mineralchemie fast dieselbe Bedeutung, wie sie
Lavoisier für die allgemeine Chemie besitzt. Er eröffnete auf jenem
Gebiete, dem er sich seit dem Jahre 1785 mit unermüdlichem Eifer widmete,
das Zeitalter der quantitativen Untersuchungsweise. Nachdem die
antiphlogistische Theorie in Deutschland bekannt geworden, war Klaproth
einer der ersten, der sie einer gründlichen Nachprüfung unterwarf und
seitdem – es war im Jahre 1792 – für die Beseitigung der in Deutschland
herrschenden Stahlschen Lehre eintrat. Zu den ersten, die Klaproth von

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der Richtigkeit der Lavoisierschen Lehre zu überzeugen vermochte,
gehörte Alexander von Humboldt.
An Genauigkeit der Arbeitsweise und Gewissenhaftigkeit kommt unter den
Forschern, die im Beginn des 19. Jahrhunderts die Führung übernahmen,
dem Deutschen Klaproth nur der Schwede Berzelius gleich. Wie letzterer
durch tausende von sorgfältigen Analysen sichere Grundlagen für das Gebiet
der allgemeinen Chemie zu schaffen wußte, so war Klaproth mit gleichem
Erfolge auf der enger begrenzten Domäne der Mineralchemie tätig. Bei
diesen Untersuchungen konnte es nicht ausbleiben, daß er das Lehrgebäude
der allgemeinen Chemie um manche wichtige Tatsache bereicherte. Hatte er
doch das Glück, bei seinen Untersuchungen seltener Mineralien vier neue
Elemente zu entdecken. »Wenn man bedenkt, wie selten einem Chemiker
das Glück zuteil wird, ein einziges Element aufzufinden, so wird es
begreiflich erscheinen, wie sehr Klaproths Entdeckung von vier Elementen
seinen Zeitgenossen imponieren mußte«608. Es war im Jahre 1789, als
Klaproth in der neuerdings durch die Radiumforschung so bekannt
gewordenen Pechblende ein neues Metall entdeckte. Er nannte es zur
Erinnerung an die in jenen Zeitraum fallende Auffindung des Planeten
Uranus Uranium. In Wahrheit handelte es sich allerdings bei Klaproths
Arbeit um eine Sauerstoffverbindung dieses Metalles, dessen
Reindarstellung erst im Jahre 1842 gelang609. Im Jahre 1789 entdeckte
Klaproth in dem Mineral Zirkon die Zirkonerde. Die Abscheidung des
Metalles Zirkonium gelang Berzelius vermittelst einer Methode, welche
auf der ganz außerordentlichen Fähigkeit des Kaliums, die Verbindungen
anderer Metalle zu zersetzen, beruht. Etwas später (1795) entdeckte
Klaproth einen neuen Metallkalk in dem Mineral Rutil. Er nannte das dem
Kalk zugrunde liegende Metall Titanium. Aus der Titanverbindung das
Metall abzuscheiden, gelang gleichfalls erst Berzelius mit Hilfe der
erwähnten Methode. In dem in Schweden vorkommenden Silikat Cerit
fanden beide Forscher gleichzeitig (1795) die Cererde, die jedoch wieder
erst Berzelius als das Oxyd eines Metalls erkannte.
Erwähnenswert sind ferner Klaproths Versuche, bei denen er eine Anzahl
von Mineralien der höchsten ihm zu Gebote stehenden Glut des
Porzellanofens aussetzte. Dabei zeigte es sich, daß man gewisse Stoffe, wie
Kalk und Bittererde, bislang nur deshalb für schmelzbar gehalten hatte, weil
sie sich mit der Masse des Schmelztiegels zu einer in der Weißglut
schmelzenden Substanz verbinden. Für mehr als 200 Mineralien hat

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Klaproth die sorgfältigsten Analysen angestellt. Die betreffenden, in der
Literatur zerstreuten Arbeiten wurden zu einem umfangreichen Werk
vereinigt, das er (1795-1810) unter dem Titel: »Beiträge zur chemischen
Kenntnis der Mineralkörper« herausgab. Damit hat Klaproth den Grund zu
der Gruppierung der Mineralien nach chemischen Gesichtspunkten gelegt.
Auch einen wichtigen methodischen Fortschritt verdankt man Klaproth.
Vor ihm war es die Gepflogenheit der Analytiker, als Ergebnis ihrer
Untersuchungen korrigierte Werte und nicht die unmittelbar durch den
Versuch gewonnenen Daten mitzuteilen. Klaproth dagegen teilte seine
Analysen ohne jede Voreingenommenheit und ohne den Versuch einer
Abrundung mit. Auf diese Weise ließ sich das Gewicht der Bestandteile mit
dem Gesamtgewicht der untersuchten Substanz vergleichen. Verluste oder
Überschüsse waren jedem Fachgenossen ersichtlich und dadurch war einer
Kritik der angewandten Methode die beste Handhabe gegeben. Aus dieser
Kritik – und das war die günstige Rückwirkung, welche die Verbesserung
der Methode hier wie in allen ähnlichen Fällen auf die Wissenschaft
ausgeübt hat – entsprangen neue Untersuchungen, die zur Verbesserung des
analytischen Verfahrens, zur Berichtigung von Fehlern, zu immer neuen
Entdeckungen, kurz zur Vertiefung und Vermehrung des Wissensschatzes
führten.
Wie der chemische Aufbau, so wurde auch das physikalische und zwar
insbesondere das optische Verhalten mit der Form der Mineralien in
Beziehung gebracht. Als Huygens seine Abhandlung über das Licht
schrieb, war die Doppelbrechung nur am isländischen Kalkspat und am
Quarz bekannt. Später entdeckte man sie auch an anderen Substanzen, indem
man von kleinen Körpern, z. B. von der Spitze einer Nadel, ein doppeltes
Bild erhielt. War der Richtungsunterschied der Strahlen nur klein, so entging
er entweder gänzlich der Beobachtung, oder das Ergebnis war ein
zweifelhaftes. Dies wurde anders, als Arago die chromatische Polarisation
auffand610. Jetzt genügte es, ein dünnes Blättchen im polarisierten Licht zu
untersuchen, um über die Beschaffenheit des betreffenden Minerales
Aufschluß zu erlangen.
Die Beziehung zwischen der Kristallform und dem optischen Verhalten
konnte seitdem nicht länger verborgen bleiben. Man erkannte, daß alle
regulären Substanzen das Licht einfach brechen, aber durch
Zusammenpressen doppeltbrechend gemacht werden können. Eine derartige

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gewaltsame Änderung konnte nur bewirkt haben, daß die Moleküle in der
einen Richtung einander genähert, in einer dazu senkrechten voneinander
entfernt wurden, daraus schloß man, daß die Anordnung der Moleküle die
Ursache des optischen Verhaltens der doppeltbrechenden Kristalle sei.

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23. Die Aufstellung eines natürlichen Pflanzensystems.
Wie für die chemisch-physikalische Forschung, so begann auch für die
beschreibenden Naturwissenschaften gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
eine neue Zeit. Während der auf Linné folgenden Jahrzehnte waren alle
Bemühungen so sehr auf die Ausfeilung des von diesem Manne
geschaffenen Systems gerichtet, daß das eigentliche Ziel der
Naturforschung, welches doch in der Erkenntnis des Zusammenhanges der
Erscheinungen besteht, darüber fast aus dem Auge verloren wurde. Endlich
besann man sich, daß man in dem künstlichen System nichts mehr als ein
bloßes Register besitze und von der Erreichung jenes Zieles noch unendlich
weit entfernt sei. Diese Einsicht begegnet uns zunächst nur in einzelnen
hervorragenden Köpfen. Wie die Neugestaltung der Chemie, so nahm die
Umbildung der beschreibenden Naturwissenschaften ihren Ursprung in
Frankreich, dem Lande, das gleichzeitig mit der größten Entfaltung seiner
Volkskraft den belebendsten Einfluß auf die Wissenschaften ausgeübt hat.
Die Forderung, daß das System die Verwandtschaft zum Ausdruck bringen
solle, hatte schon Linné erhoben. Er bildete bereits eine Anzahl von
Gruppen, die natürlichen Verwandtschaftskreisen entsprachen. Diese
Gruppen umfaßten jedoch nicht das gesamte Pflanzenreich. Sie wurden von
Linné ferner nur benannt und aufgezählt. Kurz, das Ganze war ein bloßer
Versuch, der zu einer Fortsetzung in der eingeschlagenen Richtung
ermuntern sollte.
Linnés System hatte in Frankreich weniger Eingang gefunden als in
anderen Ländern. In Frankreich waren es besonders Adanson, sowie der
ältere und der jüngere de Jussieu, welche die Grundlagen des natürlichen
Pflanzensystems schufen.
Adanson 611 versuchte, durch eine außerordentlich umfassende Induktion zu
einem Einblick in die natürliche Verwandtschaft zu gelangen. Er ordnete die
Pflanzen zunächst nach der Beschaffenheit eines Organs und erhielt dadurch
ein künstliches System. Dann gruppierte er die Pflanzen ein zweites Mal,
indem er ein anderes Organ zugrunde legte. Indem er dies oft wiederholte,
gelangte er jedesmal zu einem neuen künstlichen System612. Sein leitender

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Gedanke war nun der, daß die natürliche Verwandtschaft aus dem Vergleich
dieser künstlichen Systeme hervorleuchten müsse. In je mehr Systemen
nämlich die Arten nahe beieinander ständen, um so größer sei ihre
Verwandtschaft. Bei Adanson begegnet uns auch schon die Ansicht, daß die
Arten durchaus nicht unveränderliche Formen seien.
Im engen Anschluß an den von Linné herrührenden Versuch stellte
Bernard de Jussieu (1699-1777, Professor am Jardin royal in Trianon)
seine Gruppen auf. Jussieu dehnte die Einteilung nach natürlichen
Verwandtschaftsverhältnissen, die er auch in den Anpflanzungen des Jardin
royal zum Ausdruck brachte, mit den Kryptogamen beginnend und daran die
Monokotylen, die Dikotylen und endlich die Koniferen anschließend, über
das gesamte Pflanzenreich aus. Sein System umfaßte 14 Klassen. Die erste
enthielt sämtliche Kryptogamen, die er als Akotyledonen bezeichnete. Die
Monokotyledonen wurden, je nachdem die Staubfäden auf dem Blütenboden
stehen, mit der Blütenhülle oder mit dem Fruchtknoten (Orchideen)
verwachsen sind, in drei Klassen eingeteilt. Die Dikotyledonen zerfielen in
die großen, nach der Beschaffenheit der Krone gebildeten Unterabteilungen
der Apetalen (Blumenblattlose), der Monopetalen (Blumenkrone aus einem
Stück bestehend) und der Polypetalen (mit mehreren Kronenblättern). Sie
wurden nach den Stellungsverhältnissen von Blumenkrone, Staubgefäßen
und Fruchtknoten wieder in Klassen eingeteilt. Das System Bernard de
Jussieus beruhte auf der Verknüpfung der natürlichen mit einer künstlichen
Anordnung. Es wurde durch seinen Neffen Antoine Laurent de Jussieu
weiter ausgebaut. Antoine Laurent de Jussieu (1748-1836) war
Professor am Jardin des Plantes zu Paris. Sein Verdienst besteht darin, daß er
die Anzahl der natürlichen Gruppen (Familien) nicht nur vergrößerte,
sondern die jeder Gruppe gemeinschaftlichen Merkmale, die
Familiencharaktere, klar erkannte und scharf hervorhob.
Ihre wertvollste Stütze erhielten die Bemühungen A. L. de Jussieus durch
den deutschen Botaniker Gärtner, der gleich Kölreuter und Sprengel im
eigenen Vaterlande kaum verstanden und gewürdigt wurde.
Joseph Gärtner 613 hat in dem Bestreben, das natürliche System begründen
zu helfen, die erste wissenschaftliche Morphologie der Früchte und der
Samen geliefert. Die Zahl der von ihm hinsichtlich dieser Teile genau
untersuchten Pflanzengattungen beläuft sich auf über tausend. Zu den
wichtigsten Ergebnissen seiner Arbeit gehört die Erkenntnis, daß die Sporen

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der Kryptogamen und die Samen der Blütenpflanzen grundverschiedene
Gebilde sind. Er zeigte, daß die eigentlichen Samen stets einen Embryo
(Keimling) enthalten. Die Lage dieses Keimlings, die Richtung seiner
Wurzel und die Zahl und Gestalt der Keimblätter machte er zum
Gegenstande der eingehendsten Untersuchung, um auf die gefundenen
Besonderheiten dann wieder Familiencharaktere zu gründen. Dabei verfiel er
nie in einseitige Bevorzugung der von ihm auf diese Weise gefundenen
Merkmale, sondern er betrachtete sie als zwar wichtige, indessen keineswegs
als die einzigen für die natürliche Einteilung der Pflanzenwelt zu
verwertenden Mittel. Erwähnt sei noch, daß bei dieser, im übrigen ganz im
Sinne der modernen Naturwissenschaft geführten Untersuchung, stets nur
die fertigen Gebilde betrachtet wurden und Gärtner kaum daran dachte,
auch die Entwicklung der von ihm untersuchten Organe zu verfolgen614.
Dieser Weg, auf dem sich die tiefste Einsicht in die verwandtschaftlichen
Beziehungen der Organismen eröffnen sollte, blieb einem späteren Zeitalter
vorbehalten.
Gärtners großes Werk mit seinen zahlreichen, sorgfältig ausgeführten
Kupfertafeln, dem er die Arbeit seines Lebens gewidmet, fand in Frankreich
die höchste Anerkennung. Geradezu mit Begeisterung wurde es von A. L.
de Jussieu aufgenommen, der bei seinen Untersuchungen über die
Gattungs- und Familiencharaktere sehr oft auf Gärtners Werk »Über die
Früchte und Samen der Pflanzen« zurückgriff.
A. L. de Jussieus System beginnt mit den Akotyledonen (Kryptogamen),
welche die Gruppen der Pilze, Algen, Moose und Farne umfassen. Die
Monokotyledonen werden nach der Stellung der Staubgefäße zu dem
Fruchtknoten in drei Reihen zerlegt. Sie umfassen insgesamt 16 Familien,
von denen wir als die bekanntesten die Gräser, Palmen, Lilien, Narzissen
und Orchideen anführen. Die Dikotyledonen teilt Jussieu zunächst nach der
Beschaffenheit der Blumenkrone in die Hauptgruppen der Apetalen,
Monopetalen und Polypetalen, je nachdem die Kronenblätter fehlen,
verwachsen oder frei sind. Nach der Stellung des Fruchtknotens zur Krone
oder den Staubgefäßen zerfallen diese Hauptgruppen dann wieder in
Unterabteilungen.
So gehören die Lippenblüter (Labiatae) mit 14 anderen Familien zu einer
solchen Unterabteilung. Einige von diesen Familien sind die
Nachtschattengewächse, die Rauhblättrigen (Borragineen), die

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Windengewächse, die Enziangewächse (Gentianeen) usw. Das Gemeinsame
dieser 15 Familien besteht darin, daß die Krone der Blütenachse unterhalb
des Fruchtknotens eingefügt ist. Gleichzeitig ist die Krone bei diesen 15
Familien verwachsenblättrig; letztere werden daher mit anderen Gruppen
von Familien zur Abteilung der Verwachsenblättrigen (Monopetalen)
zusammengefaßt. Den Monopetalen gleichwertig sind die Polypetalen
(Vielkronenblättrige) und die Apetalen (Kronenblattlose). Das System nennt
unter den Polypetalen die Doldengewächse (Umbelliferae), die
Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae), die Kreuzblüter (Cruciferae), die
Rosengewächse (Rosaceae), die Schmetterlingsblüter (Papilionaceae) und
andere hervorragend wichtige natürliche Gruppen. Im ganzen umfaßt es 100
solcher Familien, von denen auf die Vielkronenblättrigen allein fast die
Hälfte entfallen. Die letzte Familie bilden die Coniferen.
Dieses System vom Jahre 1789 hat zwar manche Verbesserung erfahren, ist
aber doch die Grundlage für alle späteren systematischen Anordnungen
geblieben, unter denen diejenige Decandolles in erster Linie hervorgehoben
werden muß.
Augustin Pyrame Decandolle wurde 1778 in Genf geboren. Seine
Vorfahren stammten aus Südfrankreich. In Genf wirkten um 1800 eine
Anzahl hervorragender Naturforscher, die sich mit physikalischen und
physiologischen Untersuchungen beschäftigten. Unter ihnen sind vor allem
de Saussure und Senebier zu nennen. Durch diese Männer wurde
Decandolle der Pflanzenphysiologie zugeführt. Ein Jahrzehnt (1798-1808)
verbrachte Decandolle in Paris, das damals der glänzende Mittelpunkt der
exakten Naturforschung war. Ihrem Geist und ihrer Methode konnte sich
auch die Botanik nicht länger entziehen. Und Decandolle war es vor allem
zu danken, daß sich diese Wandlung nicht auf die Physiologie beschränkte,
sondern sich auch auf die Morphologie ausdehnte. Von letzterer aus wurde
endlich auch die Systematik mit dem Geiste echter Naturforschung
befruchtet, der in Frankreich an der Schwelle des 19. Jahrhunderts auf so
vielen Gebieten und in so zahlreichen Männern sieghaft und die letzten
Spuren der Scholastik hinwegfegend zum Durchbruch kam.
An Decandolles Pariser Aufenthalt schlossen sich botanische Reisen durch
Frankreich und die benachbarten Länder. Die letzten 25 Jahre seines Lebens
verbrachte er wieder in Genf. Er starb dort 1841.

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Wir haben in diesem Abschnitt Decandolles Verdienste um die
Entwicklung der morphologischen Grundbegriffe und um die Systematik zu
betrachten und werden uns erst an späterer Stelle mit den Ergebnissen seiner
pflanzenphysiologischen Arbeiten beschäftigen.
Die Grundlagen für die heutige Morphologie veröffentlichte Decandolle
im Jahre 1813 in seinen »Theoretischen Anfangsgründen der Botanik«615.
Eine erweiterte Darstellung unter gleichzeitiger Berücksichtigung der
Pflanzenanatomie erfuhren diese Grundzüge 1827 in der Organographie616.
Wir wollen der hier folgenden Darstellung dieses spätere Werk zugrunde
legen. Decandolle vermehrte die Zahl der Familien von 100 (Jussieu) auf
161 und lieferte in Gemeinschaft mit einer Anzahl Fachgenossen eine
ausführliche Beschreibung aller bis dahin bekannt gewordenen
Pflanzenarten, das großartigste Unternehmen, welches die botanische
Systematik aufzuweisen hat. In diesem, Prodromus systematis naturalis
betitelten Sammelwerk hat Decandolle allein etwa 100 Familien bearbeitet.
Das Erscheinen des Werkes erstreckte sich über eine Reihe von Jahrzehnten
(1824-1873). Die Fortführung übernahm mit dem 8. Bande Decandolles
Sohn Alphons, dem er sein Herbarium und seine Bibliothek vermacht hatte.
Den Wert dieser umfangreichen systematischen Arbeit erkennt einer der
hervorragendsten Geschichtsschreiber der neueren Botanik mit folgenden
Worten an: »Es ist nicht wohl möglich, von dem in solchen Arbeiten
liegenden Verdienst in Kürze Rechenschaft zu geben. Sie bilden eben die
eigentlich empirische Grundlage der gesamten Botanik, und je besser und
umsichtiger diese gelegt ist, desto größere Sicherheit gewinnt die ganze
Wissenschaft in ihren Fundamenten«617.
Es gelang Decandolle indes ebensowenig wie Jussieu, eine scharfe
Bestimmung und richtige Bewertung der Hauptgruppen des Pflanzenreiches
zu geben. Dieses wurde erst dadurch ermöglicht, daß man sich nach dem
Wiederaufleben der lange vernachlässigten mikroskopischen Forschung den
schwer zugänglichen Formverhältnissen der Kryptogamen zuwandte. Jetzt
erst wurde es klar, daß die schon von Ray in Vorschlag gebrachte
Gegenüberstellung dieser Gruppe der Gesamtheit der übrigen Pflanzen
gegenüber berechtigt ist und daß die großen Abteilungen, in welche die
Kryptogamen zerfallen, den Monokotyledonen und den Dikotyledonen
gleichwertig sind.

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Decandolles Mißgriff bestand darin, daß er seine Gruppierung auf das
Vorhandensein und das Fehlen von Gefäßbündeln gründete. So kam es, daß
in seinem System den Monokotylen die Gefäßkryptogamen beigesellt
wurden. Bei diesen beiden Gruppen erblickte er das Gemeinsame in dem
Umstande, daß sie nicht wie die Dikotylen ein am Umfange des Stammes
vor sich gehendes Dickenwachstum aufweisen. Die Dikotylen wurden aus
diesem Grunde als exogen, die beiden anderen Gruppen, für die er ein im
Innern des Stammes vor sich gehendes, wenn auch beschränktes
Dickwachstum annahm, als endogen bezeichnet.
Die größte aller Gruppen des Pflanzenreichs, die Dikotylen, wurde wieder
nach der Beschaffenheit der Blütenhülle (einfach oder doppelt) in zwei
Untergruppen eingeteilt. War das gewählte Merkmal auch ein künstliches, so
waren doch innerhalb dieser Untergruppen Vereinigungen von Familien
(Reihen) möglich, die natürliche Verwandtschaft zu besitzen schienen.
Den Begriffen »natürliches System« und »natürliche Verwandtschaft« fehlte
indes gänzlich der reale Sinn, den erst die moderne Abstammungslehre in sie
hineintragen konnte. Dazu kam, daß sich Decandolle die Beziehungen der
von ihm geschaffenen Gruppen unter einem Bilde vorstellte, das recht
ungeeignet war, den Gedanken an eine wirkliche, durch Abstammung
bedingte Verwandtschaft vorzubereiten oder gar aufkommen zu lassen.
Während man sich vor ihm das System wohl unter dem Bilde einer geraden
Linie vorgestellt hatte, verglich Decandolle es nämlich mit einer
geographischen Karte, in welcher die Erdteile den größten, the Staaten,
Provinzen usw. den kleineren Gruppen entsprächen. Nach diesen
Ausführungen stellt sich das von Decandolle geschaffene Pflanzensystem
folgendermaßen dar:

I. Gefäßpflanzen.
1. Exogene Pflanzen (Dikotylen).
A. mit Kelch und Krone
α) Kronenblätter frei und über dem Fruchtknoten stehend.
β) Kronenblätter frei und um den Fruchtknoten stehend.
γ) Kronenblätter verwachsen.
B. mit einfachem Perigon
2. Endogene Gefäßpflanzen.
α) Die Monokotylen.
β) Die Gefäßkryptogamen.

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II. Zellenpflanzen.
α) Beblätterte Zellenpflanzen (Moose).
β) Blattlose Zellenpflanzen (Tallophyten).

Die Lehre von der Sexualität der Pflanzen tauchte gegen das Ende des 17.
Jahrhunderts auf und errang nach vielem Widerstreit in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts allgemeine Anerkennung. Schon in diesem Zeitraum setzen
die Bemühungen ein, die Gültigkeit der Sexualtheorie auch für die an letzter
Stelle genannten Gefäßkryptogamen, Moose und Tallophyten nachzuweisen.
Man suchte Staubgefäße zwischen den Lamellen der Blätterpilze618, deutete
gewisse Teile der Moose als Fortpflanzungsorgane und glaubte auch
deutliche Anzeichen für die Sexualität der Tange bemerkt zu haben619. Ihre
volle Aufklärung fand die Frage nach der Fortpflanzung der Kryptogamen
jedoch erst durch die erhöhte Leistungsfähigkeit der Mikroskope und die
damit Hand in Hand gehende Ausbildung der mikroskopischen Technik im
Verlaufe des 19. Jahrhunderts.
Das Verständnis für die natürliche Verwandtschaft, die bei Jussieu und
Decandolle ein bloßer, mit dem Dogma von der Konstanz der Arten schwer
vereinbarer Begriff geblieben war, wurde erst ermöglicht, als das in den
vierziger Jahren beginnende Studium der Entwicklungsgeschichte im Verein
mit der Lehre vom Transformismus dem Worte »Verwandtschaft« einen
neuen Sinn verlieh und das System als das Endergebnis einer
zusammenhängenden, von einem gemeinsamen Ursprung ausgehenden
Folge von Entwicklungsvorgängen erschien.
Auch durch die vergleichende Betrachtung der Formen kam man auf dem
Gebiete der Botanik zu wertvollen Ergebnissen. Während Jussieu und
Decandolle durch eine solche sich über die Gesamtheit der Arten
erstreckende Betrachtung zur Aufstellung des natürlichen Systems
gelangten, spürten Wolff und Goethe den Beziehungen zwischen den
einzelnen Organen der Pflanze nach und brachten diese Beziehungen in ihrer
Lehre von der Metamorphose zum Ausdruck. Den Grundgedanken dieser
Lehre hat Wolff in folgenden Worten ausgesprochen: »In der ganzen
Pflanze, deren Teile wir beim ersten Anblick als so außerordentlich
mannigfaltig bewundern, sehe ich, nachdem ich alles reiflich erwogen,
schließlich nichts anderes als Blätter und Stengel«.

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Die Wurzel faßte Wolff als einen Teil, gleichsam als die Fortsetzung, des
Stengels auf und auch die Kotyledonen wurden von ihm als blattartige
Gebilde, nämlich als die ersten und untersten Blätter gedeutet. Derselbe
Gedanke620 wurde von Goethe in seinem »Versuch über die Metamorphose
der Pflanzen« bis ins einzelne ausgeführt621.
Ein jeder, der das Wachstum der Pflanzen sorgfältig beobachtet, sagt
Goethe, werde leicht bemerken, daß gewisse äußere Teile sich manchmal
verwandeln und in die Gestalt der nächstliegenden Teile bald ganz, bald
mehr oder weniger übergehen. So verändere sich z. B. die einfache Blume in
eine gefüllte, wenn sich anstatt der Staubgefäße Blumenblätter entwickeln.
Die Samenlappen lassen sich nur als die ersten, meist noch sehr einfachen
Blätter des ersten Knotens deuten. Die Ausbildung des Blattes schreitet nach
oben von Knoten zu Knoten fort. Daß die Teile des Kelches dieselben
Organe sind, die sich vorher als Stengelblätter sehen lassen, erkenne man
deutlich. Auch die Verwandtschaft der Krone mit den Stengelblättern lasse
sich nicht verkennen.
Selbst in den Samenbehältern könne man, schließt Goethe seine
Betrachtung, ungeachtet ihrer mannigfaltigen Bildung, ihrer besonderen
Bestimmung und Verbindung die Blattgestalt nicht verkennen. »So wäre z.
B. die Hülse ein einfaches, an den Rändern verwachsenes Blatt. Die
zusammengesetzten Gehäuse erklären sich aus mehreren Blättern, die sich
um einen Mittelpunkt vereinigt und ihre Ränder miteinander verbunden
haben.«
Diese Gedanken sind auch noch heute der Ausgangspunkt der
morphologischen Betrachtungsweise, so daß Goethe, dessen
naturwissenschaftliche Arbeiten zum Teil erhebliche Schwächen aufweisen
622

und überhaupt nur unter Berücksichtigung der Eigenart ihres Verfassers
betrachtet werden dürfen, sich hier ein bleibendes Verdienst erworben hat.
Wolff und Goethe haben den Begriff »Metamorphose«, wie die
gleichzeitig lebenden Systematiker den Begriff »Verwandtschaft«, zunächst
als etwas Bildliches aufgefaßt623. Doch läßt sich nicht verkennen, daß
Goethe mit seinem intuitiven Denken später den Transformismus, d. h. die
Lehre von dem wirklichen, im Lauf der Zeit erfolgten Entstehen der einen
Form aus der anderen vorahnte. So heißt es in seiner »Geschichte meines
botanischen Studiums«: »Das Wechselhafte der Pflanzengestalt erweckte bei
mir die Vorstellung, die uns umgebenden Pflanzenformen seien nicht

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ursprünglich determiniert und festgestellt, ihnen sei vielmehr eine glückliche
Mobilität und Biegsamkeit verliehen, um in so viele Bedingungen, die über
den Erdkreis auf sie einwirken, sich zu fügen und danach sich bilden und
umbilden zu können.«

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24. Die Physiologie der Pflanzen unter dem Einfluß der neueren
chemisch-physikalischen Forschung.
Im Anschluß an die Systematik und die Morphologie der Pflanzen wenden
wir uns jetzt der Physiologie dieser Lebewesen zu. Unter den Forschern, die
sich bemühten, die Abhängigkeit des pflanzlichen Organismus von
physikalischen Kräften darzutun, ist besonders Knight zu nennen. An
seinen Namen knüpft sich die Entdeckung der als Geotropismus,
Hydrotropismus und Heliotropismus bekannten Erscheinungen.
Thomas Andrew Knight wurde 1759 in einer kleinen Ortschaft des
westlichen Englands geboren. Nachdem er in Oxford studiert hatte,
übernahm er ein kleines Gut und widmete sich dem Gartenbau und der
Landwirtschaft. Im Verkehr mit Banks, dem Präsidenten der Royal Society,
und anderen Naturforschern bemerkte Knight, daß er bei seiner engen und
steten Fühlung mit der Natur vieles beobachtet habe, was den zünftigen
Forschern bisher entgangen war. Banks regte Knight darauf an, seine
Untersuchungen in den Abhandlungen der Royal Society zu veröffentlichen.
Die pflanzenphysiologischen Arbeiten Knigths wurden neuerdings ins
Deutsche übersetzt624. Knight starb im Jahre 1838.
Seine für die Lehre vom Geotropismus grundlegende Arbeit »über die
Richtung der jungen Wurzel und des jungen Stengels bei der Keimung«
erschien im Jahre 1806. Als Ursache der Erscheinung, daß die Wurzel nach
dem Mittelpunkt der Erde, der Stengel dagegen nach der entgegengesetzten
Richtung wächst, hatte man schon vor Knight die Schwerkraft vermutet.
Der experimentelle Nachweis hierfür, sagte sich dieser Forscher, wird sich
am sichersten dadurch führen lassen, daß man die wachsende Pflanze bei
Ausschluß der Schwerkraft untersucht. Da die Schwerkraft eine Wirkung nur
hervorrufen kann, wenn der Keimling in Ruhe bleibt, so wird nach Knights
Verfahren ihr Einfluß durch einen steten Wechsel der Lage des keimenden
Samens aufgehoben. Den entscheidenden Versuch stellte Knight in
folgender Weise an. An dem Umfang eines senkrecht stehenden Rades
befestigte er kleine, nach der Radachse und nach außen offene Behälter.
Diese wurden mit feuchtem Moos gefüllt. In das Moos jedes Behälters
pflanzte er Samen der Gartenbohne. Das Rad wurde durch ein kleines

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Wasserwerk 150mal in der Minute um seine Achse gedreht. Auf diese Weise
wurde die Lage der Samen zum Erdradius so oft gänzlich verändert, daß
Knight den Einfluß der Schwerkraft als beseitigt betrachten durfte. Nach
einigen Tagen begannen die Samen zu keimen, und man beobachtete, daß
die Wurzeln, in welcher Richtung sie auch nach der jeweiligen Lage der
Samen hervortraten, ihre Spitzen vom Radkranze in radialer Richtung nach
außen kehrten, während die Stengel in entgegengesetzter Richtung wuchsen,
bis sich schließlich ihre Spitzen im Mittelpunkte des Rades vereinigten.
Wuchsen die Stengel über diesen Punkt hinaus, so kehrten sich ihre Spitzen
bald wieder um, um wieder in der Mitte des Rades zusammenzutreffen. Die
Zentrifugalkraft bestimmte somit die Wachstumsrichtung genau so, wie es
bei den ruhenden Samen durch die Schwerkraft geschieht.
Zu dieser Erkenntnis gesellte sich später der Nachweis625, daß die Wurzeln
sich nicht etwa infolge ihres Eigengewichtes nach abwärts krümmen, da sie
eine Last, die größer als ihr Eigengewicht ist, bei ihrer Krümmung in
Bewegung zu setzen vermögen.
Bei einem zweiten Versuch vereinigte Knight die Wirkung der
Zentrifugalkraft mit derjenigen der Schwerkraft. Er brachte die Samen in
ähnlicher Weise, wie schon beschrieben, auf dem Kranz eines diesmal
horizontal liegenden Rades an und setzte es in Drehung. Bei 80
Umdrehungen wuchsen die Wurzeln unter einem Winkel von 45° nach
unten, die Stengel dagegen unter dem gleichen Winkel nach oben. Dabei
entfernten die Wurzeln ihre Spitzen von der Radachse, während die Stengel
sich gegen die Achse hinneigten. Steigerte Knight die Zahl der
Umdrehungen auf 250, so wichen die Wurzeln und die Stengel um einen
noch viel höheren Betrag (um 80°) von der vertikalen Richtung ab, die sie in
der Ruhelage eingenommen haben würden.
Durch diese Versuche war der Beweis geliefert, daß durch eine bestimmte
äußere Ursache und nicht infolge der inneren Eigenschaft des Organismus
die Pflanzenteile veranlaßt werden, dasjenige Verhalten zu zeigen, das wir
als positiven und negativen Geotropismus bezeichnen.
Als eine weitere Ursache, welche die Richtung und das Wachstum der
Wurzeln beeinflußt, erkannte Knight die Feuchtigkeitsunterschiede. Er
zeigte, daß sie diejenigen Reaktionen der Pflanze herbeiführen, die man
heute als Hydrotropismus bezeichnet.

Page 361

Knight ging626 von folgender Beobachtung aus: Verpflanzt man einen Baum,
der viel Feuchtigkeit nötig hat, in einen Boden, der erst in einiger Entfernung
reichlich Wasser enthält, so wendet sich die Wurzel dem Wasser zu. Verlangt
dagegen ein Baum einer anderen Art trockenen Boden, so entfernt sich seine
Wurzel von dem Wasser. Es hat den Anschein, als ob die Pflanzen
gewissermaßen planmäßige Anstrengungen machen, um günstige
Feuchtigkeitsverhältnisse zu erlangen. Es gehörte damals, als die Lehre von
der Lebenskraft in voller Blüte stand und man geneigt war, derartige
Erscheinungen auf mystische Triebe und Begierden zurückzuführen, eine
gewisse Kühnheit dazu, diese Erscheinungen aus mechanischen Ursachen
erklären zu wollen. Dennoch versuchte dies Knight, überall wohin sein
Forschen sich richtete. Er setzte dadurch das Werk seines großen
Landsmannes Hales 627 fort, der ein halbes Jahrhundert vor ihm zuerst den
Versuch gemacht hatte, die experimentelle, mechanische Erklärungsweise in
die Physiologie einzuführen. »Ich wage«, sagte Knight, »aus meinen
Versuchen zu schließen, daß die Wurzeln nur durch die unmittelbare
Einwirkung der sie umgebenden Körper, nicht aber durch irgend eine Art
von Begierde, ähnlich derjenigen der Tiere, beeinflußt werden.«
Bemerkenswert war ein Versuch, bei dem die Wurzeln oben mit feuchter und
unten mit trockener Erde in Berührung waren. Knight pflanzte nämlich
Bohnen in Töpfe. Nach einiger Zeit kehrte er die Töpfe um und führte ihnen
soviel Wasser durch den Boden zu, daß nur die dem Boden benachbarte, also
jetzt über dem keimenden Samen befindliche Erde feucht war. Und siehe da,
nach wenigen Tagen sandten die Pflanzen zahlreiche Wurzeln nach aufwärts
in die feuchtere Erde hinein, als ob sie von den Instinkten eines tierischen
Wesens geleitet würden. Dem Einfluß der Schwerkraft war bei diesem
Versuche durch die Trockenheit auf der unteren Seite in ähnlicher Weise
entgegengewirkt worden, wie es bei dem Versuche mit dem horizontalen
rotierenden Rade durch die Zentrifugalkraft geschehen war. Offenbar
handelte es sich in dem einen wie in dem anderen Falle nicht um
instinktmäßige Triebe, sondern um rein mechanische Ursachen. Wie Knight
des Näheren ausführt, entwickeln sich die Organe anfangs nach allen
Richtungen. Es wachsen aber nur diejenigen weiter, die günstige
Bedingungen finden. So bekommt es den Anschein, als ob die Wurzeln der
einen Pflanze das in der Nähe befindliche Wasser suchen, diejenigen der
anderen dagegen es vermeiden wollen.

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Eine größere Zahl von Versuchen stellte Knight über die
Rankenbewegungen der Pflanzen an628. Diese Versuche ergaben, daß auch
das Ranken aus reiner Notwendigkeit erfolgt und nicht durch irgend eine Art
von Verstandeskräften bedingt wird. Seine Versuche stellte Knight
besonders an der Erbse, dem Epheu, dem gewöhnlichen und dem wilden
Wein an. Die Bewegungen, welche die Ranken machen, werden zunächst
genau beschrieben und dann auf zwei Umstände zurückgeführt. Diese
Umstände sind Besonderheiten im inneren Bau, man könnte dafür auch
sagen eine bestimmte Reizbarkeit, und zweitens die Einwirkung äußerer
Ursachen, unter denen das Licht und der mechanische Druck in erster Linie
zu nennen sind. Nach Knight bewirken diese Reize Änderungen in der
Saftverteilung und im Gefolge davon Wachstumsvorgänge. Der Druck,
meint er, der auf die eine Seite einer Ranke ausgeübt wird, verdrängt
wahrscheinlich den Saft, die gedrückte Seite zieht sich infolgedessen
zusammen. Die so entstehende Bewegung wird dadurch noch verstärkt, daß
der Saft, indem er nach den nicht gedrückten Stellen wandert, diese zu
lebhafterem Wachstum veranlaßt. Infolgedessen umschlinge die Ranke einen
dünnen Holz- und Metallstab. Trotz aller Unzulänglichkeit dieser Erklärung
ist sie doch als der erste Versuch einer Zurückführung der an den Ranken
beobachteten Erscheinungen auf mechanische Ursachen anzuerkennen.
Von Wichtigkeit waren auch Knights Versuche über den von ihm
entdeckten negativen Heliotropismus der Ranken des wilden Weins. Diese
Pflanze wurde den Sonnenstrahlen voll ausgesetzt. Außerdem wurde ein
Stück schwarzes Papier auf der einen Seite in der Nähe der Pflanze so
angebracht, daß die Ranken es erreichen konnten. Die Ranken wurden dann
von dem schwarzen Papier sozusagen angezogen. Brachte man das Papier
auf die entgegengesetzte Seite, so folgten die Ranken bald auch dorthin.
Brachte man an Stelle des Papieres eine Glasplatte an, die das Sonnenlicht
so zurückwarf, daß es fortwährend auf die Ranken fiel, so wandten sie sich
von dem Glase fort; und es schien so, als ob sie von dem Glase
zurückgestoßen würden. Für die Haftwurzeln des Epheus wies Knight nach,
daß sie nicht nur dem Lichte ausweichen, sondern sich auch nur an der
Schattenseite des Stammes bilden.
Auch dies Verhalten suchte Knight auf mechanische Gründe
zurückzuführen, indem er beim negativen Heliotropismus eine Ausdehnung,
beim positiven dagegen eine Zusammenziehung der belichteten
Rindensubstanz annahm. Hier wie überall besteht das Unzulängliche der von

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Knight begründeten Phytodynamik darin, daß sie auf die innere
Organisation der Pflanze keine genügende Rücksicht nehmen konnte, weil
diese noch zu wenig der Erkenntnis erschlossen war. Besteht doch dieser
Mangel selbst heute noch in solchem Grade, daß die neuere Wissenschaft an
Stelle der Erklärungsversuche Knights trotz der Erkenntnis ihrer
Unzulänglichkeit kaum etwas besseres zu setzen gewußt hat.
Von dem Gedanken geleitet, daß das Studium der in den Gewächsen sich
abspielenden Veränderungen am ehesten die Erkenntnis des Lebensprozesses
ermöglichen werde, hatte Stephan Hales die ersten Schritte zur
Begründung einer Ernährungsphysiologie der Pflanzen unternommen. Ein
erfolgreiches Eindringen in diesen Gegenstand war jedoch erst möglich,
nachdem die Rolle des Sauerstoffs erkannt und die Chemie auf eine
wissenschaftliche Grundlage erhoben war. Schon vor der Entdeckung des
Sauerstoffes hatte Priestley beobachtet, daß die durch die Atmung oder
durch ein brennendes Licht »verdorbene« Luft wieder »heilsam« gemacht
werde, wenn Pflanzen darin wachsen. Das heißt: Luft, in der ein Licht
erlosch, wurde durch die Pflanzen in solchem Grade verbessert, daß das
Licht wieder darin fortbrannte. Im Zusammenhange mit dieser Tatsache fand
Priestley, daß die in den Blasen des Seetangs befindliche Luft sogar
»besser« als die atmosphärische Luft ist. Als ein Anzeichen für die »Güte«
der Luft diente ihm die Zusammenziehung, die sich in seinem
Salpetergaseudiometer einstellte629.
Der eigentliche Entdecker der Assimilation und der Atmung der Pflanzen ist
der Holländer Ingenhouß (1730-1799). Er veröffentlichte im Jahre 1769
eine ausführliche Arbeit630 über diesen Gegenstand. Darin findet sich der
Nachweis, daß die meisten Pflanzen die »verdorbene Luft« im Sonnenlichte
schnell verbessern, daß sie dagegen zur Nachtzeit Kohlendioxyd
ausscheiden oder die Luft »unrein« machen, wie es damals, bevor die
antiphlogistische Lehre bekannt geworden war, noch hieß. Die Verbesserung
der Luft geht nach Ingenhouß jedoch nur von den grünen Stengeln und
Blättern, und zwar besonders von der unteren Seite der letzteren aus; sie
besteht in der Abscheidung von Sauerstoff, welcher das zur Nachtzeit
ausgeatmete Kohlendioxyd (von Ingenhouß noch als schädliche Luft
bezeichnet) an Menge mehrere hundert Mal übertrifft. Hieran schloß sich die
Erkenntnis631, daß der ausgeschiedene Sauerstoff von der Zersetzung des
Kohlendioxyds herrührt, welches durch die Prozesse der Verbrennung, der
Atmung und der Gärung in die atmosphärische Luft gelangt632.

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Durch andere Versuche wurde dargetan, daß sich die Pflanzen allein mit
Hilfe gasförmiger, flüssiger und in Flüssigkeiten gelöster Stoffe entwickeln
können. Man ließ z. B. Pflanzen zwischen Moos, Baumwolle oder
ausschließlich in Flußwasser wachsen, das eine genügende Menge von
Mineralbestandteilen in Lösung enthielt. Auf solche Weise gelangte man
schon gegen den Ausgang des 18. Jahrhunderts zu einer Kenntnis der
qualitativen Seite der Ernährungsphysiologie.
Nachdem für die Chemie das Zeitalter der quantitativen Untersuchungsweise
gekommen war, galt es, die neue Methode auf die ihrem qualitativen
Verlaufe nach erkannten Vorgänge der Ernährungsphysiologie anzuwenden.
Dies geschah besonders durch Saussure. Wie Knight die Phytodynamik,
so begründete er die Lehre von der Ernährung der Pflanzen, für welche
Ingenhouß und Senebier nur einige sich auf den Gasaustausch
erstreckende Vorarbeiten geliefert hatten.
Nicolas Théodore de Saussure war der Sohn des durch seine
Montblanc-Besteigung bekannt gewordenen Alpenforschers Horace
Benedict de Saussure. Letzterer bekleidete ein Lehramt in Genf, wo
Théodore im Jahre 1767 geboren wurde. Théodore de Saussure
beteiligte sich zunächst an den Forschungen seines Vaters. Seit dem Jahre
1797 wandte er sich pflanzenphysiologischen Untersuchungen zu. Er starb in
Genf im Jahre 1845.
Saussure stellte sich die Aufgabe, die Rolle des Wassers, der Luft und des
Humus bei der Ernährung der Gewächse und die Veränderungen der
Atmosphäre durch die Pflanzen genauer zu erforschen. Insbesondere lenkte
sich sein Augenmerk auf die Bedeutung, welche das Kohlendioxyd für das
pflanzliche Leben besitzt.
Er entwickelt sein Programm mit den Worten: »Ich werde Fragen erörtern,
welche durch das Experiment entschieden werden können und verzichte auf
bloße Mutmaßungen, denn die Tatsachen allein führen in der
Naturwissenschaft zur Wahrheit«. Diesem Vorsatz ist Saussure treu
geblieben. Stets werden in seiner meisterhaft geführten Untersuchung die
Fragen bestimmt gestellt und ebenso bestimmt beantwortet. Hatten frühere
die Ernährungsvorgänge in den allgemeinsten Grundzügen und
ausschließlich nach der qualitativen Seite untersucht, so war er es, der zuerst
durch quantitative Bestimmungen eine »Bilanz herstellte zwischen dem, was
die Pflanze aufnimmt und dem, was sie abgibt und daher selbst erwirbt633.«

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Durch dies Verfahren gelangte er zu dem Ergebnis, daß neben dem
Kohlenstoff der Luft gleichzeitig die Elemente des Wassers und gewisse
Bestandteile des Bodens sich am Aufbau der Pflanzensubstanz beteiligen.
Der Gang seiner Untersuchung ist der folgende: Zunächst stellte er aus
kohlensaurem Gas und gewöhnlicher Luft eine künstliche Atmosphäre her,
welche 7½% kohlensaures Gas enthielt. Dieses Luftgemisch wurde in einen
Behälter eingeschlossen und darin sieben Immergrünpflanzen (Vinca minor
L.), von denen jede 20 cm hoch war, untergebracht. Die Wurzeln dieser
Pflanzen tauchten in ein besonderes Gefäß, das 15 ccm Wasser enthielt.
Dieser Apparat wurde sechs Tage hintereinander von 5 bis 11 Uhr morgens
den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Am siebenten Tage nahm Saussure die
Pflanzen heraus. Unter Berücksichtigung aller Korrekturen hatte sich das
Volumen der Atmosphäre nicht verändert. Auch aus späteren Versuchen hat
sich ergeben, daß das Gesamtvolumen einer Atmosphäre, in welcher die
Pflanzen assimilieren, nahezu unverändert bleibt, da ein dem zersetzten
Kohlendioxyd annähernd gleiches Volumen Sauerstoff ausgeschieden wird,
während sich der Gehalt an Stickstoff im allgemeinen nicht verändert.
Ein vergleichender Versuch zeigte, daß sieben Immergrünpflanzen, wie sie
Saussure benutzt hatte, trocken vor der Zersetzung des kohlensauren Gases,
2,707 g wogen, und daß sie bei der Verkohlung im geschlossenen Gefäße
528 mg Kohle lieferten. Die Pflanzen, welche kohlensaures Gas zersetzt
hatten, gaben, als sie getrocknet und nach demselben Verfahren verkohlt
wurden, 649 mg Kohle. Die Zersetzung des kohlensauren Gases ergab also
einen Gewinn von 120 mg Kohlenstoff. Saussure ließ dann
Immergrünpflanzen, die in kohlensäurefreier Luft gewachsen waren,
verkohlen und fand, daß sich der Gehalt an Kohle während des Aufenthaltes
unter dem Behälter eher vermindert als vermehrt hatte.
Saussure erkannte ferner, daß die Pflanzen, während sie Kohlenstoff
assimilieren, gleichzeitig die Elemente des Wassers aufnehmen, welches
dabei seinen flüssigen Zustand verliert und zur Vermehrung der
Trockensubstanz beiträgt. Zunächst überzeugte er sich davon, daß 100
Gewichtsteile der Pfefferminzpflanze 40,29 Teile Trockensubstanz
enthielten, von denen nach der Verkohlung 10,56 Teile Kohle übrig blieben.
Die 100 Gewichtsteile Pfefferminze wogen, nachdem sie zwei und einen
halben Monat in freier Luft vegetiert hatten, 216 Teile. Zunächst lehrte diese
Gewichtszunahme nichts, da sie vielleicht der Vermehrung des

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Vegetationswassers zuzuschreiben war. Durch das Trocknen ging das
Gewicht auf 62 Teile zurück. Die Pflanzen vergrößerten also mit Hilfe von
Luft und Wasser ihre Trockensubstanz um 21,71 Teile. Die 62 Teile lieferten
bei der Verkohlung 15,78 Teile Kohle oder 4,82 Teile mehr als zuvor. Die
übrige Zunahme war auf Rechnung des chemisch gebundenen Wassers zu
setzen.
Von entscheidender Wichtigkeit sind Saussures Versuche über das
Verhalten der Pflanzen in den verschiedensten sauerstofffreien Medien
gewesen. Sie führten zu dem Ergebnis, daß die Pflanzen Stickstoff und
Wasserstoff im elementaren Zustande, sowie Kohlenoxydgas nicht zu
assimilieren vermögen.
Die Frage, ob Wasser und Luft als Nahrungsmittel ausreichen und die
vollständige Entwicklung der Pflanzen bewirken können, wurde durch
Saussures Versuche entschieden verneint. Die weitere Frage, welche
Elemente oder Verbindungen zum Wasser und zur Luft hinzukommen
müssen, um das erwähnte Ziel zu erreichen, ließ sich nur durch ausgedehnte
Versuche in Nährlösungen entscheiden, ein Forschungsmittel, dessen sich
Saussure in ausgedehnterem Maße bediente.
Auch diese Versuche waren von grundlegender Wichtigkeit. Zunächst
wurden den Versuchspflanzen Lösungen dargeboten, die nur je ein Salz
enthielten. Der Gang der Untersuchung und das Ergebnis ist sehr lehrreich.
Jede Lösung bestand aus 40 Kubikzoll Wasser und enthielt 100 Teile
desjenigen Salzes, dessen Verhalten zur Pflanze (Polygonum persicaria) man
prüfen wollte. Der Versuch wurde jedesmal unterbrochen, wenn die Hälfte
der Lösung von der Pflanze aufgenommen war. Es ergab sich durch die
Analyse der zurückgebliebenen Hälfte, daß Polygonum von den gebotenen
100 Teilen folgende Mengen aufgenommen hatte:
Chlorkalium 14,7 Teile,
Schwefelsaures Natrium 14,4 "
Chlornatrium 13 "
Chlorammonium 12 "
Essigsauren Kalk 8 "
Salpetersauren Kalk 4 "
usw.

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Andere Pflanzen nahmen die Salze in anderen Mengen auf. Im allgemeinen
bemerkte man, wie in dem hier durch Zahlen belegten Falle, daß das Wasser
viel leichter in die Pflanze eindringt als der darin gelöste Körper. Blieben
doch z. B., wenn 4 Teile salpetersaurer Kalk in die Pflanze eindrangen, 46
Teile dieses Salzes in der Lösung zurück, deren Gehalt an Salz sich
infolgedessen relativ erheblich steigerte.
De Saussure ging auch dazu über, der Pflanze, den natürlichen
Verhältnissen entsprechend, gleichzeitig mehrere Salze in einer Lösung
darzubieten. Auch diesmal stellte er Nährlösungen von ganz bestimmter
Zusammensetzung her und analysierte sie, wenn sie bis zur Hälfte ihres
ursprünglichen Volumens aufgenommen waren. So erhielt er einwandfreie,
vergleichbare Zahlenwerte. Ein Beispiel hier für viele. Enthielt ein und
dieselbe Lösung 100 Teile Chlornatrium neben 100 Teilen schwefelsaurem
Natrium, so nahm Polygonum daraus 22 Teile von ersterem und 11,7 Teile
von dem zweiten Salz auf. Damit war die wichtige, für alle späteren
Untersuchungen dieser Art grundlegende Tatsache erwiesen, daß eine
Pflanze aus einer Lösung von mehreren Stoffen bestimmte Stoffe bevorzugt.
Durch die Veraschung der Versuchspflanzen überzeugte sich de Saussure
davon, daß die aus der Lösung verschwundene Salzmenge wirklich in die
Pflanze eingedrungen war. Von zwei Polygonumpflanzen von genau
gleichem Gewicht ließ er die eine in destilliertem Wasser, die andere in einer
Chlorkaliumlösung wachsen. Für letztere ergab sich bei der Verbrennung
beider Pflanzen, daß sie ihren Aschengehalt um diejenige
Chlorkaliummenge vergrößert hatte, die aus der Lösung verschwunden war.
Derartige Versuche waren zu einer Zeit, in welcher wissenschaftlich
gebildete Männer noch glaubten, die Pflanzen besäßen die Fähigkeit,
Elemente zu erzeugen und ineinander umzuwandeln, von entscheidender
Wichtigkeit.
Weit größere Schwierigkeiten bot es bei dem damals noch unentwickelten
Zustande der Mineralanalyse über die Zusammensetzung und die Bedeutung
der aus dem Boden aufgenommenen Aschenbestandteile ins Reine zu
kommen. Es war eine verbreitete Ansicht, daß die Mineralstoffe, die man in
den Gewächsen fand, dort nur zufällig vorhanden und keineswegs für ihre
Existenz nötig seien. Ja, man ging sogar noch weiter und schloß aus dem
Umstande, daß einige Salze gewissen Pflanzen schädlich sind, daß alle Salze
der Vegetation nicht nur keinen Nutzen brächten, sondern in mehr oder
minder hohem Grade schädlich seien. Saussures Untersuchungen

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vermochten hier wenigstens die gröbsten Irrlehren zu beseitigen. Daß die
geringe Menge der Pflanzenasche ein Anzeichen für ihre Nutzlosigkeit sei,
widerlegte er durch den Hinweis auf den in den Tieren enthaltenen
phosphorsauren Kalk. Dieser mache nur einen sehr geringfügigen Teil des
Gewichtes der Tiere aus. Dennoch zweifle niemand daran, daß das Salz für
den Aufbau der Knochen durchaus notwendig sei. Saussure fand dieses
Salz in der Asche aller von ihm darauf untersuchten Pflanzen und vertrat die
Ansicht, daß sie ohne phosphorsauren Kalk nicht bestehen könnten. Als die
wichtigsten Bestandteile der Pflanzenasche erkannte Saussure außer dem
phosphorsauren Kalk die Verbindungen von Magnesium und Eisen, sowie
die Kieselsäure. Trotz dieser, durch zahlreiche Aschenanalysen, die lange als
unübertroffen galten, gestützten wichtigen Ergebnisse der Saussureschen
Untersuchungen blieben Zweifel an der Notwendigkeit der
Aschenbestandteile bestehen, bis Liebig in den dreißiger Jahren des 19.
Jahrhunderts diese Frage endgültig im Sinne Saussures entschied.
Die Frage nach der Aufnahme des Stickstoffes wurde noch später durch
Boussingault zur Entscheidung gebracht. Zwar hatte Saussure
nachgewiesen, daß der atmosphärische Stickstoff von der Pflanze nicht
assimiliert wird. Woher aber der beträchtliche Gehalt der Pflanze an diesem
Elemente stammt, blieb eine offene Frage. Saussure beschränkte sich auf
die Annahme, daß er aus den tierischen und pflanzlichen Bestandteilen des
Bodens stammen könne. Offenbar eine verhängnisvolle, an die unbegreiflich
törichte Humustheorie erinnernde Gedankenlosigkeit, da ja die Quelle
aufzuweisen war, woher eben die Tiere und Pflanzen den Stickstoff
beziehen.
Eine Anzahl wichtiger Versuche stellte Saussure endlich an, um die
wichtige, schon von Ingenhouß angedeutete Rolle zu erkennen, welche der
Sauerstoff bei dem Stoffwechsel der Pflanze spielt. Zunächst stellte er fest,
daß zum Keimen Sauerstoff und Wasser erforderlich sind. Das Wasser allein
vergrößere zwar die Samen, indem es in das Zellgewebe eindringe, es bringe
sie aber ohne die Mitwirkung von Sauerstoff nicht zum Keimen. Weiter
zeigte Saussure, daß beim Keimen Sauerstoff verschwindet und durch
Kohlendioxyd ersetzt wird, ohne daß eine Änderung des Gesamtvolumens
stattfindet. Die keimenden Samen änderten nämlich ebensowenig wie der
brennende Kohlenstoff das Volumen des Sauerstoffgases, das sie in
kohlensaures Gas verwandelten. Daß dieser der Atmung der Tiere analoge

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Vorgang auch in den fertigen Pflanzenteilen vor sich geht, zeigte Saussure
durch mannigfache Versuche.
Wurden z. B. frische Blätter gesammelt und während der Nacht unter einen
mit Luft gefüllten Recipienten gestellt, so verschwand der Sauerstoffgehalt
der Luft, und es bildete sich Kohlendioxyd, dessen Volumen allerdings
geringer war als dasjenige des während des Versuches aufgezehrten
Sauerstoffs. Wurden die Blätter am darauffolgenden Tage wieder der Sonne
ausgesetzt, so schieden sie fast dieselbe Menge Sauerstoff wieder ab, die sie
während der Nacht aufgenommen hatten. War ihre Lebenskraft so groß, daß
sie mehrere Tage gesund blieben, so bot sich ein wunderbares Schauspiel
dar. Die Blätter verringerten nämlich jede Nacht ihre Atmosphäre, um sie
jeden Tag beinahe in demselben Maße zu vergrößern.
Saussure dehnte die Untersuchung über den Einfluß des Sauerstoffs auf die
Pflanzen auch auf die Stengel, die Wurzeln und die Blüten aus. Er zeigte,
daß dieses Gas für die nicht-grünen Teile wesentlich ist, und daß letztere,
indem sie Sauerstoff verbrauchen, Kohlendioxyd abscheiden, ohne dieses
Produkt, wie es die grünen Pflanzenteile vermögen, wieder in Sauerstoff
zurückverwandeln zu können. Zu diesen Beobachtungen kam noch der
Nachweis, daß bei der Atmung die Pflanzensubstanz einen Gewichtsverlust
erleidet, der dem Gewicht des ausgeschiedenen Kohlenstoffs entspricht.
Auch darauf wurde schon Saussure aufmerksam, daß Pflanzenteile, die
eine regere Lebenstätigkeit entfalten, wie Keimlinge und sich entfaltende
Blüten mehr Sauerstoff gebrauchen als minder tätige. Ja, es gelang ihm
sogar später634, die Beziehung zwischen dem Sauerstoffverbrauch und eine
dadurch bedingte Erwärmung der Blüten festzustellen.
Durch diese Forschungsergebnisse war die Lehre von der Atmung der
Pflanzen in ihren allerersten Grundlagen geschaffen und zwischen dem
Pflanzen- und dem Tierreich eine wichtige Brücke geschlagen.
Durchdrungen von dieser Erkenntnis äußerte sich Saussure
folgendermaßen: Prüfe man als Anatom die Pflanzen und die Tiere, so
komme man nicht auf den Gedanken, sie miteinander zu vergleichen.
Vergegenwärtige man sich aber die großen physiologischen Züge, wie die
Ernährung, die Absonderungen, den Einfluß des Sauerstoffs usw., so müsse
man eine auffallende Übereinstimmung zwischen Tieren und Pflanzen
zugeben.

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Wir haben die Arbeit Saussures etwas eingehender erörtert, weil ein in
gleicher Weise bahnbrechendes Werk auf dem Gebiete der
Ernährungsphysiologie kaum wieder erschienen ist. Das sorgfältige Studium
der Saussureschen, durch klare Fragestellung, sowie durch treffliche
Methoden gleich ausgezeichneten »Untersuchungen« kann nicht genug
empfohlen werden635.
Als besonderer, alle Vegetationsvorgänge behandelnder Zweig der Botanik
wurde die Pflanzenphysiologie zuerst von Decandolle bearbeitet, mit
dessen Verdiensten um die Morphologie und um die Systematik wir uns
schon beschäftigt haben636. Decandolle stellte sich die Aufgabe, die
Pflanzenphysiologie auf Grund der physikalischen, chemischen,
anatomischen und biologischen Forschungsergebnisse als »abgeschlossene,
eigenartige Wissenschaft darzustellen und so ein vollständiges und
allseitiges Bild des Pflanzenlebens zu gewinnen«. Dies Unternehmen stand
ohne Vorläufer da. Deshalb ist auch das Werk, in welchem Decandolle
seine Aufgabe löste, von ganz außergewöhnlicher Bedeutung. Sie besteht
weniger in der Mitteilung neuer Entdeckungen als in der Verknüpfung der
bisher bekannt gewordenen Tatsachen, durch welche aus dem zerstreuten
Wissen erst die Wissenschaft in der ihr eigenen und im wesentlichen auch
bleibenden Gestalt und Richtung hervorgegangen ist.
Die folgenden Abschnitte sollen dieser grundlegenden Bedeutung des von
Decandolle verfaßten Werkes gerecht zu werden suchen. Es erschien 1832
unter der Bezeichnung »Pflanzenphysiologie oder Darstellung der
Lebenskräfte und Lebensverrichtungen der Gewächse«637.
Hatte Decandolle in seiner Organographie die Teile beschrieben, aus denen
die Pflanzenmaschine besteht, so galt es in der »Physiologie« diese
Maschine in ihrer Tätigkeit zu schildern und die sie bewegenden Kräfte
sowohl wie das Ergebnis dieser Kräfte zu untersuchen. Als solche gelten ihm
die physikalischen Kräfte, die chemische Verwandtschaft und die
Lebenskraft. Letztere betrachtet er als die Ursache der physiologischen
Vorgänge. Zu diesen Kräften sollten bei den Tieren noch die Beseelung als
Ursache der psychologischen Vorgänge im weitesten Sinne treten.
Decandolle nahm an, daß die Beseelung ausschließlich auf das Tierreich
beschränkt sei.
Unter der Lebenskraft versteht Decandolle diejenige Ursache, die während
des Lebens der Pflanze Erscheinungen veranlaßt, die aus den bekannten

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Kräften allein nicht erklärt werden können. Indessen sucht Decandolle,
soweit wie möglich, mit den physikalisch-chemischen Kräften
auszukommen. Die Lebenskraft ist ihm der unerklärliche Rest, der trotz alles
Strebens nach einer rein mechanischen Erklärungsweise auch für die heutige
Physiologie noch nicht gänzlich getilgt ist und es in absehbarer Zeit auch
nicht sein wird. »Wenn wir«, sagt Decandolle, »alle bekannten
physikalischen und chemischen Ursachen, die eine gewisse Wirkung
hervorzubringen vermögen, der Reihe nach geprüft haben, so werden wir
den Teil der Erscheinung, der noch unerklärt bleibt, dem verborgenen
Einfluß des Lebens zuschreiben«.
Als Äußerungen der lebenden tierischen Gewebe unterscheidet Decandolle
drei Stufen, die Ernährungs- und Wachstumsvorgänge, die Reizbarkeit und
die Empfindung. Er untersucht dann, in welchem Grade diese Eigenschaften
auch den Pflanzen zukommen und bemerkt, daß sich zwischen beiden
Reichen natürliche Grenzen schwer ziehen lassen, so daß man nicht
entscheiden könne, ob gewisse Kryptogamen oder Pflanzentiere Pflanzen
oder Tiere seien.
Die Untersuchung der Ernährungsvorgänge gipfelt in dem Nachweis, daß die
einzelnen Erscheinungen, welche sie darbieten, und die Reihenfolge, in der
sie ablaufen, für die beiden organischen Reiche ganz analog sind. Die
Unterschiede werden mehr oder weniger als die unmittelbare Folge der
tierischen Beweglichkeit und der pflanzlichen Unbeweglichkeit betrachtet.
Jene bei Pflanzen und Tieren parallel verlaufende Reihe von
Ernährungsvorgängen bietet nach Decandolle folgendes Bild: Zunächst
wird der Nahrungsstoff dem Organismus in flüssiger oder fester Form
zugeführt. Darauf gelangt die Nahrung in die Organe, in denen sie
verarbeitet werden soll (Magen, Blätter). Der erhaltene Nahrungssaft wird in
beiden Reichen der atmosphärischen Luft ausgesetzt, um Stoffe durch
Ausdünstung abzugeben und Sauerstoff – bei der assimilierenden Pflanze
außerdem Kohlendioxyd – aufzunehmen. Der so vorbereitete Nahrungssaft
gelangt hauptsächlich zu den tätigsten Teilen des Organismus, um dort seine
Bestandteile im Zellgewebe abzusetzen. Ein Teil der zubereiteten Nahrung
wird auch wohl in besonderen Organen niedergelegt (Knollen als
Reservestoffbehälter der Pflanzen). Endlich besitzen andere eigentümliche
Organe, die man Drüsen nennt, die Fähigkeit, aus dem Nahrungssafte

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besondere Stoffe abzuscheiden, sei es, um den Körper von ihnen zu befreien,
sei es, um dadurch besondere Zwecke zu erfüllen.
Decandolle handelt dann von diesen Vorgängen im einzelnen. Er erwägt,
welche Kräfte das Einsaugen der ernährenden Flüssigkeit bewirken; er
untersucht die Zusammensetzung der Nährlösung, die Wege, auf denen sie in
den Pflanzen emporsteigt, die Ursachen des Emporsteigens, die
Geschwindigkeit, Kraft und Menge des Nahrungssaftes, die Rolle, welche
die Atmosphäre bei der Ernährung spielt usw. Aus dem Zusammenwirken
dieser Vorgänge entsteht nach Decandolle ein neuer Saft. Seine Existenz
falle allerdings weniger in die Augen als diejenige des aufsteigenden Saftes,
könne aber nicht bezweifelt werden.
Die Ansicht, die Pflanzen besäßen einen dem Blutkreislauf der Tiere
analogen Kreislauf der Säfte, wurde von Decandolle endgültig beseitigt.
Zwar gibt es in den Pflanzen nach ihm einen Saft, welcher dem Blute der
Tiere darin entspricht, daß er das Wachstum und die Ernährung der Organe
bedingt. Dieser Saft nimmt seine Entstehung in den blattartigen Teilen. Dort
wird die dem Boden entstammende Nährlösung konzentriert, indem die
Blätter reines Wasser aushauchen und alle mineralischen Bestandteile,
welche das Wasser mit sich führte, zurückhalten638. In den Blättern wird der
konzentrierte Saft von den Sonnenstrahlen getroffen und dadurch das im
Nahrungssafte gleichfalls gelöste Kohlendioxyd, das teils aus dem Boden,
teils aus der Atmosphäre stammt, zersetzt. Als erstes Assimilationsprodukt
betrachtet Decandolle Gummi. Dieser bestehe aus einem Molekül Wasser
und einem Atom Kohlenstoff (CH2O) und könne durch sehr geringe
Umänderungen in Stärkemehl, Zucker oder Cellulose verwandelt werden.
Der so entstandene Bildungssaft müsse offenbar die Pflanze bis in die
Wurzel hinab durchdringen, um in den wachsenden Teilen, den
Reservestoffbehältern und in sezernierenden Geweben Verwendung zu
finden, oder weitere Umwandlungen zu erleiden.
Es sind das, wie wir sehen, die Grundzüge der durch alle späteren
Forschungen bestätigten Ernährungslehre der Pflanzen, wie sehr auch später
das Bild im einzelnen verändert oder vervollständigt worden ist. Die
Leistungen auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie, welche Deutschland639
um jene Zeit aufzuweisen hatte, können sich nicht entfernt mit denen
Decandolles messen. Man suchte unter dem Einfluß der Naturphilosophie
alle Vorgänge auf das Wirken der Lebenskraft zurückzuführen. Auch

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besaßen die deutschen Pflanzenphysiologen640 jener Zeit nicht die
erforderliche exaktwissenschaftliche Vorbildung, wie sie Decandolle unter
der Einwirkung der Genfer und Pariser Physiker und Chemiker sich
erworben hatte. Nur auf dieser Grundlage, die auch für die Erneuerung der
Chemie durch Lavoisier das Bestimmende war, konnte für die Physiologie
der große Schritt zur messenden und wägenden, stets induktiv verfahrenden
Naturwissenschaft geschehen. Bei dem Fortschreiten in dieser Richtung hat
sich dann während des weiteren Verlaufs des 19. Jahrhunderts Deutschland
auch auf diesem Gebiete, wie wir des Näheren noch erfahren werden, die
größten Verdienste erworben.

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25. Die Fortschritte der Zoologie und ihre Verschmelzung mit
der vergleichenden Anatomie.
Auf zoologischem Gebiete hatte Buffon, der in seiner Naturgeschichte641
nicht nur vortrefflich zu schildern, sondern auch allgemeine Gesichtspunkte
hervorzuheben verstand, den Gedanken eines einheitlichen, das gesamte
Tierreich beherrschenden Planes aufgestellt. Buffon ging sogar noch weiter.
Nach seiner Meinung642 gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen
Tier und Pflanze, sondern es besteht eine ununterbrochene Stufenfolge
zwischen dem vollkommensten Tiere und dem niedrigsten pflanzlichen
Lebewesen. Jener Plan, nach dem der Mensch und die übrigen Geschöpfe
gebaut sein sollten, läßt nach Buffon erkennen, daß alle Wesen nach einem
Urbild geschaffen und, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, die Glieder
einer großen Familie sind. Buffons Ausführungen blieben, weil die
damaligen anatomischen Kenntnisse unzureichend waren, um in dieser
Frage einen Entscheid herbeizuführen, zunächst nichts weiter als eine
geistreiche Annahme.
Nach Buffon fand der Gedanke von der Einheit der tierischen Organisation
in Geoffroy Saint-Hilaire 643 einen eifrigen Verfechter. Wenn auch ein
Goethe diesem Gedanken Beifall zollte, so konnte er den Ergebnissen der
anatomischen Forschung Cuviers gegenüber doch nicht standhalten.
Faßt man die Fortschritte der Zoologie, der vergleichenden Anatomie und
der Paläontologie während der neuesten, mit dem 19. Jahrhundert
beginnenden Entwicklung dieser Wissenschaften ins Auge, so wird sich das
Interesse in erster Linie dem zuletztgenannten Manne zuwenden, dem wir
deshalb wie Gay-Lussac, dem Meister der chemisch-physikalischen
Forschung jener Zeit, eine etwas ausführlichere Darstellung widmen wollen.
Georg Cuvier wurde 1769 zu Mömpelgard (Montbéliard), welches damals
eine württembergische Enklave der Franche Comté war, geboren. Er starb in
Paris im Jahre 1832. Cuvier zeigte schon als Knabe außergewöhnliche
Anlagen. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte, wurde der Herzog
Karl Eugen, der gern junge Talente förderte, auf ihn aufmerksam. So kam
Cuvier 1784 zur Karlsakademie, um dort Rechtskunde zu studieren. Schon

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vorher hatte er sich, angeregt durch das Lesen der Werke Buffons, mit
großer Liebe den Naturwissenschaften zugewandt. Auf der Karlsschule fand
er neben seinen Berufsstudien noch Zeit, unter den Zöglingen einen
naturwissenschaftlichen Verein ins Leben zu rufen, der sich die Aufgabe
stellte, die Pflanzen und die Tiere der Umgegend zu sammeln und sie nach
Linnés »Systema naturae« zu bestimmen.
Im Jahre 1788 verließ Cuvier die Akademie und wurde Hauslehrer in der
Normandie. Cuvier fand hier Gelegenheit und Muße, seine Forschungen auf
die Tierwelt des Meeres auszudehnen. Er untersuchte den inneren Bau der
Weichtiere, Krebse, Seesterne, Seeigel, usw. und gelangte zu der
Überzeugung, daß die Vereinigung dieser so verschiedenartigen Geschöpfe
in eine Klasse, wie sie Linné vorgenommen, sich nicht aufrecht erhalten
ließ.
Nachdem Cuvier vier Jahre in der Stille gearbeitet hatte, wurde er von
einem durch die Stürme der Revolution nach der Normandie verschlagenen
Pariser Gelehrten sozusagen erst entdeckt. Dieser schrieb an seine
wissenschaftlichen Freunde, einen tüchtigeren Mann für vergleichende
Anatomie wie Cuvier würde man nicht gewinnen können. So kam denn
letzterer im Jahre 1795 nach Paris, wo er Professor an der École centrale
wurde.
Nachdem man gegen das Ende des 18. Jahrhunderts den Reichtum des
Pariser Beckens an Resten von Säugetieren und Vögeln kennen gelernt hatte,
war das Bemühen um die geologische Durchforschung dieser Gegend in
hohem Grade rege geworden. Auch Cuvier wurde einige Jahre nach seiner
Ankunft in Paris in diese Aufgabe hineingezogen, um schon nach kurzer Zeit
auch hier die Führung zu übernehmen. Den ersten Anlaß bot ihm die
Zusendung einiger Knochen, die man in den Gipsbrüchen des Montmartre
gefunden hatte. Cuviers Kenntnis der lebenden Tierformen war so
umfassend, daß er jenen Überresten gleich einen vorweltlichen Ursprung
zuschreiben konnte. Alle Funde der Gipsbrüche gelangten jetzt an Cuvier,
welcher durch seine Untersuchung jener Funde der Paläontologie einen Weg
eröffnete, auf dem bisher nur wenige Schritte geschehen waren.
»Als Altertumsforscher ganz neuer Art«, sagt Cuvier 644, »mußte ich diese
Zeugen vorübergegangener Umwälzungen zu ergänzen und ihre eigentliche
Bedeutung zu entziffern suchen. Ich hatte ihre zerbröckelten Trümmer zu
sammeln und in ihrer ursprünglichen Ordnung zusammenzulegen, die

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Geschöpfe, denen sie angehörten, gleichsam zu rekonstruieren und sie mit
denjenigen der Gegenwart zu vergleichen.« Bei der Ausübung dieser
Tätigkeit ließ Cuvier sich von dem durch ihn klar ausgesprochenen Prinzip
von der Korrelation der Organe leiten. Jeder Organismus bildet danach ein
geschlossenes Ganzes, dessen Teile dergestalt miteinander in engster
Wechselbeziehung stehen, daß kein Organ eine Abänderung aufweisen kann,
ohne daß entsprechende Änderungen sich in allen übrigen Teilen finden.
Sehen wir, wie Cuvier unter diesem Gesichtspunkt bei der Bestimmung
fossiler Knochen verfuhr645: »Wenn die Eingeweide eines Tieres so
beschaffen sind, daß sie nur Fleisch verdauen können, so müssen auch seine
Kiefer zum Fressen, seine Klauen zum Festhalten und zum Zerreißen, seine
Zähne zum Zerschneiden und Zerkleinern, das ganze System der
Bewegungsorgane zum Verfolgen und Einholen der Beute, die Sinnesorgane
zur Wahrnehmung der letzteren eingerichtet sein. Jedoch unter diesen
allgemeinen Bedingungen sind auch noch einige besondere begriffen. Damit
z. B. das Tier seine Beute forttragen könne, ist eine bestimmte Kraft
derjenigen Muskeln erforderlich, durch welche der Kopf aufgerichtet wird;
dieses setzt eine bestimmte Form der Wirbel, an denen die Muskeln
entspringen, und des Hinterkopfes, wo sie sich anheften, voraus.« Des
weiteren wird ausgeführt, daß dem Vorderarm eines seine Beute ergreifenden
Tieres eine gegebene Form zukommen muß, die ihrerseits wieder die Gestalt
des Oberarmknochens bestimmt. Kurz, es ergibt sich, daß die Form des
Zahnes diejenige des Hinterhaupthöckers, der Gliedmaßenknochen, der
Klauen usw. bedingt, so daß bei gründlicher Kenntnis dieser gegenseitigen
Abhängigkeit aus einem dieser Teile das ganze Tier gewissermaßen
rekonstruiert werden kann. Eine solche Tätigkeit konnte aber nur ein Meister
auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie ausüben. Cuvier ist als der
eigentliche Begründer dieses Wissenszweiges zu betrachten, wenn es auch
an anerkennenswerten Vorläufern nicht gefehlt hat. Er war der erste, der das
ganze Tierreich dem Skalpell unterwarf, und zwar mit solch vollendeter
Meisterschaft, daß seine Arbeiten für alle Zeiten als Muster gelten können.
So entstand sein anatomisches Hauptwerk646, das neben einem Reichtum
neuer Entdeckungen eine Verknüpfung des gesamten Tatsachenmaterials und
dadurch einen Einblick in die Gesetze der tierischen Organisation vermittelt,
wie es kein früheres und wenige spätere Werke in gleichem Grade vermocht
haben. Von Einzeluntersuchungen Cuviers sind besonders seine Arbeiten

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über den unteren Kehlkopf der Vögel, über die Anatomie der Schnecke und
über den Kreislauf der wirbellosen Tiere hervorzuheben.
Cuvier war unterdessen Professor der vergleichenden Anatomie am Jardin
des Plantes647 und bald darauf Sekretär der Akademie geworden. Sein großes
Lebenswerk wurde nicht nur dadurch gefördert, daß ihm diese höchsten
wissenschaftlichen Stellungen eine Fülle von Hilfsmitteln erschlossen,
sondern die gesamten Zeitumstände waren für ihn äußerst günstig. Die
Machthaber Frankreichs, welche nach den ersten Stürmen der
Revolutionszeit auftraten, brachten der großen Bedeutung der exakten
Wissenschaften ein volles Verständnis entgegen. Schon unter dem
Direktorium hatte man die von dem Nationalkonvent als gelehrten Plunder
aufgehobene Akademie wieder eingerichtet. Napoleon ließ sich zu ihrem
Mitgliede ernennen und trat zu Cuvier, den er besonders schätzte, in ein
nahes persönliches Verhältnis. Letzterer wurde vom Kaiser mit der
Reorganisation des arg in Unordnung geratenen Unterrichtswesens betraut.
Diese Stellung brachte es mit sich, daß der große Gelehrte, dessen amtliche
Tätigkeit sich auch auf die italienischen Universitäten erstreckte, weite
Reisen unternahm und auswärtige Museen kennen lernte. Zum Mittelpunkt
der naturwissenschaftlichen Sammeltätigkeit wurde aber Paris gemacht,
wohin durch die französischen Eroberungszüge nicht nur die
hervorragendsten Kunstschätze, sondern auch ein reiches wissenschaftliches
Material gelangte. Paris war damals nicht nur das politische, sondern auch
das geistige Zentrum der Welt.
Nachdem Cuvier die Grundlagen der vergleichenden Anatomie geschaffen,
ging sein ganzes Streben darauf hinaus, diese Wissenschaft mit der Zoologie
zu verschmelzen und eine Anordnung der Formen zu treffen, welche der
genaue und vollständige Ausdruck der Natur sein sollte648. »Als ich anfing«,
sagt er649, »herrschte das Linnésche System. Es gab zwar ausgedehnte
Arbeiten über einzelne Tierklassen. Die Bearbeiter hatten aber nur die
äußeren Beziehungen der Arten berücksichtigt; niemand hatte sich damit
abgegeben, die Klassen und ihre Unterabteilungen nach der Gesamtheit der
inneren und äußeren Kennzeichen gegeneinander abzuwägen. Ich mußte also
in der Anatomie und in der Zoologie mit dem Zergliedern und dem Einteilen
von vorn anfangen und aus der gegenseitigen Befruchtung dieser beiden
Wissenschaften das zoologische System hervorgehen lassen.« Die
Grundzüge des letzteren veröffentlichte Cuvier in der berühmten

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Abhandlung vom Jahre 1812. Sie führt den Titel: »Über eine neue
Anordnung der Klassen, welche das Tierreich zusammensetzen«650.
Cuviers System bedeutet den größten Fortschritt der Zoologie seit der Zeit
des Aristoteles. Linné hatte als »Würmer« zahlreiche verschiedengestaltige
Tiere beisammen gelassen, für die es unmöglich war, irgend ein
gemeinsames Kennzeichen anzugeben. Während Cuvier an seinen ersten
Abhandlungen zur vergleichenden Anatomie arbeitete, befand er sich der
Unmöglichkeit gegenüber, irgend etwas allgemein Zutreffendes über die
Würmer zu sagen, sei es über ihr Nervensystem, sei es über ihren
Blutkreislauf, ihre Atmungs-, Fortpflanzungs- oder über ihre
Verdauungsorgane. Dadurch wurde ihm denn klar, daß diese Klasse nicht
gleich den übrigen auf positive Merkmale gegründet sei. Er machte deshalb
1795 den Vorschlag, die »Würmer« in vier Klassen zu teilen, welche auf
ebenso deutliche Verschiedenheiten gegründet wären, wie die Klassen der
Wirbeltiere. Während nämlich die Klassen der Wirbeltiere eine große Anzahl
von Zügen gemeinsam haben, gilt für die wirbellosen Tiere nicht dasselbe.
»Die Klassen der Wirbeltiere«, sagt Cuvier, »sind gewissermaßen nach
demselben Plane gebaut. Will man aber ein Organsystem der wirbellosen
Tiere beschreiben, so ist man gezwungen, fast ebensoviel Schemata zu
entwerfen, als man Klassen innerhalb der Wirbellosen aufgestellt hat.«
Cuvier gelangte so dahin, gewisse Klassen der letzteren der gesamten Reihe
der Wirbeltiere als gleichwertig an die Seite zu stellen. Das Ergebnis war,
daß er vier Hauptpläne nachwies, nach denen ihm sämtliche Tiere gebaut zu
sein schienen. Die Unterabteilungen der so gewonnenen vier Hauptgruppen
oder Kreise werden nach ihm dadurch bedingt, daß geringe Abänderungen
durch die Entwicklung und das Hinzutreten gewisser Teile hervorgerufen
werden, die indessen an den Grundzügen des Planes nichts ändern.
Nach einer genauen Kennzeichnung der anatomischen Grundzüge jedes
Kreises, gelangt Cuvier zu folgender Einteilung des Tierreiches:
I. Kreis. Wirbeltiere.
1. Klasse Säugetiere.
2. " Vögel.
3. " Kriechtiere (Reptilien und Amphibien).
4. " Fische.
II. Kreis. Weichtiere.

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1. Klasse Kopffüßer oder Cephalopoden.
2. " Bauchfüßer oder Gasteropoden.
3. " Flossenfüßer oder Pteropoden.
4. " Muscheln oder Acephalen.
III. Kreis. Gliedertiere.
1. Klasse Ringelwürmer oder Anneliden.
2. " Krebstiere oder Crustaceen.
3. " Spinnen oder Arachniden.
4. " Kerbtiere oder Insekten.
IV. Kreis. Radiärtiere.
1. Klasse Stachelhäuter oder Echinodermen.
2. " Eingeweidewürmer.
3. " Pflanzentiere oder Polypen.
4. " Aufgußtiere oder Infusorien.
Diese Einteilung Cuviers bildet auch heute noch im wesentlichen die
Grundlage des natürlichen Systems. Doch ist die Zahl der Kreise auf sieben
vermehrt worden. Zuerst wurde durch Abtrennung der Infusorien von den
Radiärtieren der Kreis der Urtiere oder Protozoen gebildet. Sodann wurden
die Stachelhäuter, welche einen Darm besitzen, als besonderer Kreis den
darmlosen Radiärtieren (Korallen, Seerosen usw.) gegenübergestellt. Endlich
wurden die Ringelwürmer mit den Eingeweidewürmern und anderen
niederen Formen zum Kreise der Würmer vereinigt. Außerdem gestattet die
Entdeckung zahlreicher Verbindungsglieder zwischen den einzelnen
Kreisen, das gesamte Tierreich als eine Einheit im höchsten Sinne zu
betrachten.
Die Ergebnisse von Cuviers vergleichend anatomischen Untersuchungen
widersprachen der von der naturphilosophischen Schule vorausgesetzten
Einheit der tierischen Organisation. Seine durch Jahrzehnte fortgesetzten
Arbeiten hatten den nicht hinwegzuleugnenden Nachweis geliefert, daß sich
die scheinbar unendliche Mannigfaltigkeit der Lebewesen auf mehrere
Typen oder allgemeinen Baupläne zurückführen läßt. Das von Cuvier
geschaffene System, vor allem aber der Grundgedanke, daß es solche
allgemeinen Baupläne gibt, ist durch weitere, insbesondere
entwicklungsgeschichtliche Forschungen im wesentlichen bestätigt worden.

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Sah man sich auch gezwungen, die Zahl der Typen zu vermehren, sowie die
Existenz von Zwischenformen anzunehmen, so wurde dadurch der Begriff
des Typus doch nicht erschüttert. Und vollends haben sich Lehren, wie
diejenige von Geoffroy St. Hilaire, nach welcher die Insekten mit ihrem
bauchständigen Mark als umgekehrte Wirbeltiere betrachtet wurden, als
unhaltbar erwiesen.
Cuviers Untersuchungen über die fossilen Tiere berühren sich mit den
Ergebnissen seiner zoologischen Arbeiten. Die Hauptpläne, die er für die
lebenden Tiere erkannt hatte, fanden sich nämlich auch an den
untergegangenen Formen verwirklicht, so daß sich die früheren mit den
jetzigen Lebewesen zu einem großen System vereinigen ließen.
Mit der Erkenntnis, daß die ausgestorbenen Wirbeltiere, auf die sich
Cuviers paläontologische Forschungen insbesondere erstreckten, von den
heutigen in solchem Maße abweichen, daß sie mit ihnen höchstens unter
denselben Gattungsbegriff gestellt werden dürfen, konnte man das Dogma
von der Konstanz der Arten nicht wohl vereinigen. So nahm denn Cuvier
an, daß jede einer geologischen Epoche eigentümliche Lebewelt auf einen
besonderen Schöpfungsvorgang zurückzuführen sei, während die Harmonie
der gesamten Schöpfung in dem Einhalten der von ihm nachgewiesenen
Baupläne zum Ausdruck gelangen sollte. Jeder Neuschöpfung sollte eine
Beseitigung der vorhandenen Wesen vorangegangen sein. Hierfür nahm
Cuvier gewaltige geologische Umwälzungen in Anspruch, deren Spuren er
in den Veränderungen, welche die ursprünglich horizontalen,
versteinerungsführenden Schichten erlitten haben, aufdecken zu können
glaubte. Die Entwicklung der Paläontologie und der Geologie unter dem
Einfluß dieser Anschauungen Cuviers und seiner Zeitgenossen wird uns in
einem späteren Abschnitt beschäftigen.
Erwähnen wir noch, daß Cuvier im Jahre 1817 unter dem Titel das
»Tierreich« ein umfassendes Werk651 herausgab, so ist damit die Bedeutung
dieses außerordentlichen Mannes zwar nicht erschöpft, doch in den
wesentlichsten Punkten gewürdigt. Am 13. Mai des Jahres 1832 wurde er
nach kurzer Krankheit seiner großartigen Tätigkeit durch den Tod entrissen.
»Solange die Welt steht«, äußerte ein hervorragender Zeitgenosse in einem
Cuvier gewidmeten Nachruf652, »wird der Verstorbene als hellleuchtendes
Gestirn am naturhistorischen Himmel glänzen und die Augen der
Nachkommenden auf sich ziehen, um bei seinem Scheine den Reichtum der

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Natur zu bewundern, zu untersuchen, zu scheiden, zu ordnen, zu begreifen
und zu benutzen.«
Nachdem in der Anatomie die vergleichende Richtung über die einseitig
beschreibende gesiegt hatte, konnte es nicht ausbleiben, daß auch der
menschliche Organismus unter allgemeineren Gesichtspunkten betrachtet
wurde. Schon Linné hatte dem Menschen einen Platz in seinem System,
und zwar innerhalb der Ordnung der Primaten, angewiesen und dazu
bemerkt, er habe bislang kein anatomisches Kennzeichen nachweisen
können, wodurch der Körperbau des Menschen vom demjenigen des Affen
unterschieden sei. Aus dem Bemühen, den von Linné vermißten »Charakter
der Humanität« aufzufinden, überhaupt den Menschen als ein Naturgeschöpf
zu würdigen und zu verstehen, entsprang die neuere Anthropologie, die sich
seit dem Erscheinen von Blumenbachs Ȇber die angeborene
Verschiedenheit im Menschengeschlecht« datieren läßt653. In dieser Schrift
sucht Blumenbach den Nachweis zu führen, daß die Menschheit aus
Rassen bestehe, die aus einem gemeinschaftlichen Stamme hervorgegangen
seien, ähnlich wie dies für die Spielarten der Haustiere zutrifft. Obgleich
Blumenbach durchaus nicht verkennt, daß derartige Spielarten durch kaum
merkliche Übergänge ineinander überfließen, gelangt er doch zur
Aufstellung seiner bekannten fünf Hauptrassen (Kaukasier, Mongolen,
Aethiopier, Amerikaner, Malayen654).
Als ein wesentliches anatomisches Merkmal, das den Menschen vom
höheren Tiere, insbesondere vom Affen unterscheidet, betrachtet
Blumenbach, den wir als einen der frühesten vergleichenden Anatomen
und den Begründer der ethnographischen Schädellehre gelten lassen müssen,
das vortretende Kinn und die dadurch bedingte aufrechte Stellung der
unteren Vorderzähne. Der gleichfalls auf dem Gebiete der vergleichenden
Anatomie schon vor Cuvier tätige Holländer Peter Camper (1722-1789)
wies in einer vortrefflichen Arbeit über den Orang-Utang darauf hin, daß der
Gesichtswinkel dieses höchststehenden Affen beträchtlich kleiner als
derjenige der am tiefsten stehenden menschlichen Rassen sei.

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26. Geologie und Paläontologie unter der Herrschaft der
Katastrophenlehre.
Schon Hutton hatte in seiner »Theorie der Erde« die heute herrschende
Ansicht entwickelt, daß der gegenwärtige Zustand der Erde aus den noch
jetzt wirkenden Kräften unter Zuhilfenahme ausgedehnter Zeiträume erklärt
werden müsse. Die Mehrzahl der Geologen nahm aber für die früheren
Epochen der Erdentwicklung außergewöhnliche Kräfte und Begebenheiten
in Anspruch.
Häufig wurde diese unter dem Namen der Katastrophentheorie bekannte
Ansicht selbst bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein von dem Streben
getragen, die Wissenschaft mit der biblischen Überlieferung in Einklang zu
bringen. Manche wollten sogar in der Sintflut die letzte große Katastrophe
erblicken. Zu den Anhängern der Katastrophentheorie gehörte auch Cuvier.
Wir haben die hervorragenden Leistungen dieses Mannes um die
vergleichende Anatomie und Zoologie schon kennen gelernt. Ausgehend von
diesen Wissenszweigen hatte Cuvier die Paläontologie reformiert. In der
allgemeinen Geologie blieben Cuviers Anschauungen und Kenntnisse
jedoch weit hinter denen eines Hutton und Füchsel zurück. Trotzdem
wurden diese Anschauungen, gestützt durch die große Autorität, die Cuvier
auf den zu der Geologie in engster Beziehung stehenden Wissenszweigen
genoß, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die herrschenden.
Auch der Umstand, daß der große französische Forscher seine
allgemeingeologischen Lehren seinem epochemachenden paläontologischen
Werk655, als eine Art Vorrede voranschickte, verlieh ihnen die besondere
Beachtung der Zeitgenossen.
Nachdem Cuvier die Beschaffenheit der uns zugänglichen Teile der Erde
und die gegenwärtig noch tätigen geologischen Kräfte geschildert, kommt er
zu dem Ergebnis, daß diese Kräfte nicht ausreichen, um die Veränderungen
hervorzubringen, deren Spuren uns die Erdkruste darbietet.
Die Veränderungen, die im Verlaufe der Erdgeschichte in der organischen
Welt stattfanden, wurden nach Cuvier durch einen Wechsel in der
Beschaffenheit des Mediums veranlaßt oder gingen einem solchen

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wenigstens parallel. Dieser Wechsel erfolgte nach ihm nicht allmählich,
sondern plötzlich, katastrophenartig. Da inmitten der Meeresbildungen
Schichten vorkommen, die mit tierischen und pflanzlichen Erzeugnissen des
Festlandes und des süßen Wassers angefüllt sind, so müsse man schließen,
daß zu wiederholten Malen schon aufs Trockene gesetzte Teile der Erde
wieder überflutet wurden. Für die Behauptung, daß dieser Wechsel plötzlich
erfolgte, dienten Cuvier besonders die im Eise Sibiriens entdeckten Leichen
des Mammuts als Beweis. Die letzte Katastrophe, meint er, habe im hohen
Norden Leichen gewaltiger Vierfüßer zurückgelassen, die vom Eise
eingeschlossen wurden und bis auf unsere Tage mit Haut und Haar erhalten
blieben. Wären das Einfrieren und der Tod nicht zur selben Zeit erfolgt, so
würden die Tiere der Zersetzung anheim gefallen sein. Andererseits könne
dieser ewige Frost vorher nicht an den Orten, wo die Tiere von ihm ergriffen
wurden, geherrscht haben, denn sie hätten unter solchen
Temperaturverhältnissen nicht leben können. Es sei also derselbe
Augenblick, welcher den Tod dieser Tiere herbeigeführt und das Land, das
sie bewohnten, mit Eis überzogen habe. Dies müsse plötzlich und nicht etwa
nach und nach eingetreten sein. Und was sich so offenbar für diese letzte
Katastrophe dartun lasse, sei kaum weniger ersichtlich für die
vorangegangenen. Die Zerreißungen, Biegungen und Kippungen, welche die
ältesten Schichten aufweisen, riefen in Cuvier die Überzeugung hervor, daß
plötzliche und heftig wirkende Ursachen die Schichten in den Zustand
versetzt hätten, in dem wir sie jetzt erblicken.
Cuviers Irrtum entsprang zum Teil daraus, daß er die Zeitdauer der
geologischen Entwicklung unterschätzte. So nahm er z. B. an, daß die letzte
Erdrevolution vor nicht mehr als 5000 Jahren stattfand. Während Cuviers
irrige Vorstellungen auf dem Gebiete der allgemeinen Geologie eine
ähnliche Rolle gespielt haben wie Newtons Emanationslehre in der Optik,
sind seine Verdienste um die Paläontologie von der größten Bedeutung. Ihm
gelang es, dieser Wissenschaft durch die enge Verbindung, in die er sie mit
der Zoologie und der vergleichenden Anatomie brachte, einen völlig neuen
Geist, der sie seitdem belebt hat, einzuhauchen.
Die Umgegend von Paris, die Cuvier für seine paläontologischen
Forschungen das meiste Material lieferte, ist an fossilen Säugetierresten
besonders reich. Die größte Schwierigkeit ergab sich aber daraus, daß
vollständige Skelette äußerst selten gefunden werden, die einzelnen
Knochen vielmehr ohne alle Ordnung und meist zerbrochen in den

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Gesteinsschichten sich vorfinden. All diese Schwierigkeiten schwanden, als
Cuvier das schon früher erwähnte656 Grundgesetz der allgemeinen
Anatomie, das Prinzip der Korrelation der Organe aussprach. Nach diesem
Prinzip regelt sich das gegenseitige Verhältnis der Formen in den
organischen Geschöpfen in der Weise, daß jeder Organismus schon aus der
Beschaffenheit eines seiner Teile in seiner ganzen Eigenart erkannt werden
kann.
Unter Anwendung dieses Prinzips und durch steten Vergleich mit den
Skeletten lebender Tiergattungen gelang es Cuvier, aus den zerstreuten
Knochen, die sich im Pariser Gips fanden, die erloschenen Gattungen,
Paläotherium und Anoplotherium, zu rekonstruieren. Diese Gattungen der
mittleren Tertiärzeit (Oligozän) erwiesen sich beim näheren Studium als
ziemlich artenreich. Das Paläotherium mit seinen drei gleich starken Hufen
wurde als ein Vorläufer unseres Pferdes erkannt, während das
Anoplotherium den Urtypus eines Wiederkäuers darstellt. Auch Raubtiere,
Beuteltiere, Vögel, Reptilien und Fische ließen sich in ihren Überresten im
Gips des Montmartre nachweisen. Fast kein Block dieser tertiären
Gesteinsmasse war frei von solchen zerstreuten Resten, die Cuvier auf mehr
als 150 verschiedene Arten zurückzuführen vermochte. Von diesen Arten
waren mehr als 90 vor Cuvier den Naturforschern gänzlich unbekannt.
Auf Grund seiner Einzeluntersuchungen gelangte Cuvier zu einer klareren
Einsicht in die geologische Zeitfolge der Organismen, als sie vor ihm
möglich war. Er hob hervor, daß die Fische und die eierlegenden Vierfüßer
früher auf der Erde erschienen als die Säugetiere und daß die erloschenen
Gattungen der letzteren in älteren Schichten vorkommen als die Gattungen,
von denen noch heute Arten existieren.
Die Ichthyosauren, Plesiosauren, mehrere Schildkröten und Krokodile,
schrieb Cuvier über das Verhältnis der Arten zu den Formationen, fänden
sich unterhalb des Kreidegebietes in den Schichten des sogenannten Jura.
Die zahlreichen Fische des Thüringer Kupferschiefers seien noch älter. In
der Kreide selbst begegnen uns riesige Saurier und Schildkröten. Aber, fährt
er fort, Knochen von Landsäugetieren finden sich außer den
Beuteltierkiefern im Jura weder in älteren Gebirgsschichten noch in der
Kreide. Trotz dieser im allgemeinen zutreffenden Erkenntnis von der
geologischen Aufeinanderfolge der großen Gruppen der Organismen ahnte

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Cuvier nicht den genetischen Zusammenhang, der zwischen den
vergangenen Lebewelten und der gegenwärtigen besteht.
Von Einfluß auf die weitere Entwicklung der Geologie war die
hervorragende Tätigkeit, welche Deutschlands größter Geologe, von Buch,
entfaltete. Leopold von Buch wurde 1774 in der Uckermark geboren657.
Gleichzeitig mit Humboldt wurde er auf der Bergakademie zu Freiberg
durch Werner in die Mineralogie und in die Geognosie eingeführt. Wir
haben Werner als den Begründer dieser Wissenschaft und den wichtigsten
Verfechter der neptunistischen Lehre kennen gelernt658. Als Buch seine
Forschungsreisen auf die vulkanischen Gebiete der Auvergne und Italiens
ausdehnte, kamen ihm Zweifel an der Richtigkeit jener Lehre Werners, der
seine Beobachtungen auf das mittlere Deutschland beschränkt hatte. Darauf
vollzog sich bei Buch wie bei dem ihm befreundeten Humboldt ein
entschiedener Abfall von Werner.
Hochwichtige Ergebnisse förderte v. Buchs Durchforschung der
skandinavischen Halbinsel zutage (1806-1808). Er untersuchte vor allem die
Lagerungsverhältnisse der Massengesteine und fand, daß der Granit nicht
immer das älteste Gestein sei, da er mitunter auf Versteinerungen führendem
Kalk auflagere, wie z. B. bei Christiania. Als die älteste Grundlage
betrachtete man nunmehr den Gneiß.
Diese Entdeckung rief allgemeines Erstaunen hervor und veranlaßte den für
geologische Fragen sich stets lebhaft interessierenden Goethe zu der
Bemerkung, daß der Sohn zum Vater geworden sei. Auch der nordische
Ursprung der deutschen Findlingsblöcke wurde durch Buch eingehender
begründet. Endlich gelang es ihm, durch den Nachweis von Strandlinien die
langsame Erhebung Skandinaviens aus dem Schoß des Meeres
nachzuweisen und damit die neuere Lehre von den säkularen Hebungen und
Senkungen zu begründen. Auf die Änderungen der Küsten jenes Landes
hatte zwar schon Celsius im Jahre 1740 hingewiesen, sie aber aus einem
langsamen Sinken des Meeresspiegels zu erklären gesucht.
Von nicht geringerer Bedeutung für die Entwicklung der geologischen
Vorstellungen als Buchs Werk über Skandinavien, war seine »Physikalische
Beschreibung der kanarischen Inseln«659. Es lehrte die Unterscheidung von
Zentral- und Reihenvulkanen, sowie die Entstehung der letzteren auf den
großen Spalten der Erdrinde kennen, welche den Begrenzungen der
Kontinente entsprechen. Gleichzeitig entwickelte Buch eine Theorie der

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Erhebung von Bergketten und ganzen Kontinentalmassen durch vulkanische
Kräfte. War diese Theorie in ihren Einzelheiten auch nicht stichhaltig, so hat
sie doch die heute geltenden Lehren der Gebirgsbildung vorbereitet.
Dem Studium des Vulkanismus war auch Humboldts amerikanische
Forschungsreise, soweit sie geologische Erscheinungen betraf, in erster Linie
gewidmet. So machte es Humboldt schon wahrscheinlich, daß sich die
gewaltigen Vulkane Mittelamerikas über einer 150 Meilen langen Erdspalte
befinden.
Die Ausdehnung der geologischen Forschung auf die außereuropäischen
Erdteile, wie sie besonders Humboldt einleitete, war vor allem nötig, um
die Allgemeingültigkeit der in Mitteleuropa an einem nur beschränkten
Material zuerst ins Leben gerufenen Lehren über die Schichtenfolge
darzutun und die ursächliche Begründung dieser Lehren zu ermöglichen.

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27. Fortschritte auf dem Gebiete der Entwicklungslehre.
Um das Studium der Entwicklung des Tierindividuums hatte sich im 18.
Jahrhundert Wolff das größte Verdienst erworben660. Seine Ansichten
vermochten der Evolutionstheorie gegenüber zunächst nicht
durchzudringen. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts erfuhr die
Entwicklungsgeschichte durch eine Reihe deutscher Forscher jedoch einen
außerordentlichen Aufschwung, wobei Wolffs Lehre von der Epigenesis
den Sieg davontrug. »Der Deutsche«, sagt Hyrtl, »darf mit Stolz sagen,
daß alles, was in diesem Fache Großes geschah, von seinem Vaterlande
ausging«. Die Männer, welche diesen Umschwung herbeiführten, waren
außer dem Anatomen Meckel, der durch seine Übersetzung von Wolffs
Schrift über die Bildung des Darmkanals (1812) die Aufmerksamkeit der
Zoologen und Physiologen von neuem auf dieses Gebiet gelenkt hatte, vor
allem Pander und von Baer.
Die neue Ära wurde eingeleitet durch Panders Beiträge zur
Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Ei. Es ist dies eine klassisch zu
nennende Arbeit und zwar bis dahin die bei weitem bedeutendste auf
diesem Gebiete. Daß die Bildung des Embryos von einer blattförmigen
Schicht ausgeht, hatte Wolff schon angedeutet. »Pander 661 zeigte, daß in
der Bildung der Keimhaut die ganze Entwicklung des Hühnchens begründet
ist«. Alles, was weiter geschieht, sagt er, ist nichts anderes »als eine
Metamorphose dieser mit einer unerschöpflichen Fülle des Bildungstriebes
begabten Membran und ihrer Blätter«. Pander wies nach, daß sich das
Keimblatt zunächst und zwar schon während der ersten 24 Stunden in drei
übereinander liegende Blätter spaltet. Das äußerste nannte er das seröse, das
innere das Schleimblatt und das zwischen beiden liegende das Gefäßblatt.
Den eigentümlichen Gang der Entwicklung, den jedes dieser
Primitivgebilde einschlägt, hat Pander auch schon in Betracht gezogen.
Die Fortsetzung der Arbeit nach dieser Richtung blieb indessen vor allem
von Baer vorbehalten, der sich den Ehrentitel des größten Embryologen
aller Zeiten erworben hat.

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Karl Ernst von Baer 662 wurde am 28. Februar 1792 in Esthland geboren
und studierte zunächst in Dorpat und später in Würzburg bei Döllinger,
dem sowohl er als auch Pander die Anregung zu ihren embryologischen
Arbeiten verdankten. Döllinger hatte den Wunsch geäußert, daß einer
seiner Schüler sich der mühevollen Arbeit unterziehen möge, die
Entwicklung des Hühnchens von Stunde zu Stunde zu verfolgen. Er wandte
sich damit zuerst an von Baer, der seinen Genossen Pander zur
Übernahme dieses Auftrages bewog. Von Baer wurde Professor der
Naturgeschichte in Königsberg, folgte aber später einem Rufe an die
Petersburger Akademie der Wissenschaften.
Von Baer ist vor allem dadurch berühmt geworden, daß er die Frage nach
dem Ei der Säugetiere, insbesondere des Menschen, um die sich
Jahrtausende vergeblich bemüht hatten, zum Abschluß brachte. Um die
Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Vermutung geäußert, daß diejenigen
weiblichen Organe, die unter dem Namen Ovarien bekannt sind, die
Bildungsstätte der Säugetiereier und der menschlichen Eier seien. Der
Niederländer de Graaf entdeckte die seitdem als Graafsche Follikel
bezeichneten, mit Flüssigkeit gefüllten Bläschen. Manche Anatomen hielten
sie für die Eier, was zur Bezeichnung Eierstock oder Ovarium für das sie
erzeugende Organ geführt hat.
De Graaf selbst sprach die Vermutung aus, daß sich das Ei in dem Follikel
befinde. Die Richtigkeit dieser Ansicht bewies erst von Baer im Jahre
1827663. Einige Jahre vorher hatte man im unbebrüteten Ei des Vogels das
Keimbläschen entdeckt, ein einzelliges Gebilde, von dem, wie man
bemerkte, die Bildung der Keimhaut ihren Ausgang nimmt664.
Von Baer wies das Vorkommen dieses Keimbläschens in den Eiern der
übrigen eierlegenden Tiere, wie der Frösche, Mollusken, Würmer und
Gliedertiere, nach und zeigte, wie aus diesem einzelligen Gebilde durch
einen Furchungsprozeß die Keimhäute als erste Anlage des Embryos
hervorgehen und daß die Hauptsubstanz des früher als Ei bezeichneten
Gebildes, der Dotter, nur den Nährstoff für das sich entwickelnde
Lebewesen vorstellt.
Damit war für das gesamte Tierreich eine die Entwicklung beherrschende
Gesetzmäßigkeit gefunden, welche dahin lautet, daß jedes, auch das am
höchsten stehende, Geschöpf sein Leben als einzelliges Gebilde beginnt.

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Mit der Entdeckung der Eizelle und des Furchungsprozesses665 war nicht nur
Harveys Ausspruch omne vivum ex ovo erst zur Wahrheit geworden,
sondern es war durch diese Entdeckungen die wichtige Grundlage für die
bald darauf von Schwann errichtete Zellenlehre666 geschaffen.
Schon im Jahre nach der Entdeckung des Säugetiereies ließ von Baer den
ersten Band seines berühmten Werkes »Über die Entwicklung der Tiere«
erscheinen. (1828. Der zweite Band erschien 1837.) Anknüpfend an die
Untersuchungen Panders über die Bildung der drei Keimblätter zeigte von
Baer, wie aus diesen Primitivgebilden die einzelnen Organe und
Organsysteme des Embryos sich entwickeln. Während ferner Pander sich
nach althergebrachter Weise auf die Entwicklung des Hühnchens
beschränkt hatte, dehnte von Baer seine Untersuchung, indem er nach der
in der Anatomie schon zum Durchbruch gelangten Methode vergleichend
verfuhr, auf sämtliche Gruppen der Wirbeltiere aus. Von Baer verfolgte
zunächst die Umwandlung der Keimblätter zum Nervenrohr und Darmrohr
und zeigte, wie am ersteren die Sonderung in Hirn und Rückenmark, sowie
durch Ausstülpung die Bildung der Sinnesorgane vor sich geht, während
sich am Darmrohre eine ähnliche Sonderung in einzelne Abschnitte
(Mundhöhle, Mitteldarm usw.) ausbildet. Auch daß die Entstehung des
Atmungsorgans und der Leber vom Darmrohr aus beginnt, wurde durch
von Baer nachgewiesen.
Von allgemeinen Ergebnissen, zu denen er durch den Vergleich zahlreicher
Einzelvorgänge gelangte, seien noch folgende hervorgehoben: Die
ursprüngliche Keimesanlage der Wirbeltiere ist die gleiche. Die
Entwicklung nimmt aber je nach dem Typus, der sich im Bau des fertigen
Tieres ausspricht, alsbald eine verschiedene Richtung. Ein auffallender
Unterschied besteht, wie weiter betont wird, in der Entwicklung der
höheren und der niederen Wirbeltiere. Dieser Umstand mache sich
besonders dadurch bemerkbar, daß letzteren Amnion und Allantois fehlen,
während diese Embryonalorgane für die höheren Wirbeltiere
charakteristisch sind. Die Frage nach dem Zusammenhang des
Säugetierembryos mit der Mutter machte von Baer zum Gegenstand einer
besonderen Untersuchung667.
Zahlreiche Forscher, auf deren Arbeiten hier jedoch nicht eingegangen
werden kann, haben das von Pander und von Baer begonnene Werk
fortgesetzt. Genannt sei nur Rathke 668, der über die Entwicklung der

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Geschlechtsorgane der Wirbeltiere das erste Licht verbreitete und das
Vorhandensein von Kiemenanlagen, der sogenannten Schlundspalten, auch
bei den Embryonen der Vögel und der Säugetiere entdeckte. Rathke war es
ferner, welcher die Untersuchung über die Bildung der Keimanlagen aus der
Eizelle auf das Gebiet der Wirbellosen ausdehnte. Vor allem ist hier sein
Werk über die Entwicklung des Flußkrebses (1829) grundlegend gewesen.

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Fußnoten
[1] Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, Abschn. 14.
[2] Der Engländer Wall in den Philosoph. Transact. v. 1698. Wall rieb ein großes Stück
Bernstein mit Wolle und erhielt einen Funken von fast einem Zoll Länge. Dabei trat ein Knall
auf, als ob Steinkohle im Ofen zerspränge.
[3] Eine Zusammenfassung seiner Untersuchungen ist die Schrift Physico-mechanical
experiments. London 1709.
[4] Vier Abhandlungen über die Elektrizität und den Magnetismus von Coulomb (1785-1786).
(Ostwalds Klassiker Nr. 13.) Leipzig, Wilhelm Engelmann. 1890.
[5] Galilei, Unterredungen und mathematische Demonstrationen (Ostwalds Klassiker Nr. 24,
S. 80.)
[6] Six Mémoires sur l'électricité, erschienen in den Memoiren der Pariser Akademie von 1733
und 1734.
[7] Siehe auch die Ausführungen von Aepinus in Dannemann, Aus der Werkstatt großer
Forscher, S. 177.
[8] Musschenbroek und Cunaeus.
[9] Kleist teilte seine Entdeckung am 4. November 1745 dem Anatomen Lieberkühn mit.
Die Leydener Versuche fanden erst im Januar 1746 statt. Es ist anzunehmen, daß den Leydener
Physikern die Kleistsche Entdeckung nicht bekannt war (Mitteilungen zur Geschichte der
Medizin und der Naturwissenschaften. IV. Bd. Nr. 1, S. 95).
[10] Versuche und Abhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Danzig, I. S. 442.
[11] Durch Wilson um 1750.
[12] 1755.
[13] Journal de Phys. 1788.
[14] v. Marum, Description d'une très-grande machine électrique et des expériences faites par
le moyen de cette machine. 1785.
[15] Gralath schrieb auch eine Geschichte der Elektrizität.
[16] Watson in Philos. Transact. 1748. Vol. 45, N. 485, S. 92.
[17] Van Marum, Über das Elektrisieren. 1777.
[18] J. C. Fischer, Geschichte der Physik. 1801-1808. V. 483.
[19] Eulers Briefe an eine deutsche Prinzessin. Leipzig 1773. Bd. II. S. 245 ff.
[20] In dem ersten der an Collinson gerichteten Briefe vom 28. III. 1747.
[21] Eulers Briefe an eine deutsche Prinzessin. 1773. Bd. II. S. 287.
[22] Die Stärke der elektrischen Kraft des Wassers in gläsernen Gefäßen. Leipzig 1746. S. 137
u. f.

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[23] Das Bestreben, die Ursache dieses »elektrischen« Geruches zu ermitteln, führte später zur
Entdeckung des Ozons. Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. 1908. S. 375.
[24] Franklin in seinem 5. Briefe an Collinson.
[25] Franklins Brief an Kinnersley vom 20. II. 1762.
[26] So etwa lauten die Worte, mit denen Franklin seine Ansicht in seinen Briefen entwickelt.
[27] Den ersten Blitzableiter errichtete Franklin im Jahre 1752. In England begann man
(Watson) 1762, in Deutschland 1769 Blitzableiter zu errichten. In Deutschland war es ein Arzt
(Reimarus), der in Hamburg für die praktische Verwendung der neuen Erfindung eintrat.
Durch Reimarus wurde der Physiker Lichtenberg veranlaßt, in Göttingen Blitzableiter
anzulegen. Lichtenberg versah gemeinsam mit Kästner die Universitätsbibliothek mit einem
Blitzableiter. (Siehe die Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturw. Bd. IV. Nr.
1. S. 104.)
[28] Er entriß dem Himmel den Blitz und das Zepter den Tyrannen.
[29] Beccaria, Lettere dell' elettricismo, pg. 282. Siehe J. C. Fischer, Geschichte der Physik
(1801-1808). Bd. V. 753.
[30] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[31] Fischer, Geschichte der Physik, VIII. S. 541.
[32] Siehe Priestleys Geschichte der Elektrizität, S. 261 u. f. und Fischers Geschichte der
Physik, Bd. V. S. 837.
[33] Dissertatio inauguralis de electricitatibus contrariis. Rostock 1757.
[34] Th. Young, Lectures on natural philosophy. London 1807. Bd. II.
[35] War doch die Ähnlichkeit der Schläge, welche die Leydener Flasche und jener Fisch
erteilen, eine zu auffallende.
[36] Im Jahre 1671.
[37] Fischer, Geschichte der Physik. Bd. V. S. 867.
[38] Eine Bestätigung fanden diese Untersuchungen durch den Anatomen John Hunter,
welcher das eigentümliche Organ der elektrischen Fische in den Phil. Transactions v. 1773
genauer beschrieb.
Der genauere Titel der Abhandlung von Walsh lautet: On the electric Property of the Torpedo.
In a letter from John Walsh to Benjamin Franklin (Juli 12. 1772). Walsh berichtet darin
über Untersuchungen, die er in La Rochelle an dort gefangenen Zitterrochen anstellte. Diese
Untersuchungen ergaben, daß »die Wirkung des Torpedos eine durchaus elektrische« sei. Die
Schläge wurden durch eine Kette von Personen, sowie durch einen Draht geleitet.
[39] Der Turmalin wurde daher auch als Aschenzieher bezeichnet.
[40] Franz Ulrich Theodor Aepinus, der Entdecker der Influenz und der
Thermoelektrizität, wurde im Jahre 1724 in Rostock geboren. Er studierte dort, wurde später
Professor der Astronomie an der Akademie zu Berlin, folgte aber von dort einem Rufe nach
Petersburg, wo er Physik lehrte und die Aufsicht über die russischen Normalschulen ausübte.
Er starb 1802 in Dorpat.
[41] Aepinus, Akademische Rede von der Ähnlichkeit der elektrischen und magnetischen
Kraft. Leipzig 1760. Siehe auch Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. Leipzig
1908. Abschnitt 37.

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[42] Diese durch Erwärmung erregte Elektrizität, die an gewissen Kristallen auftritt, hat man
als Pyroelektrizität bezeichnet. Bei der Abkühlung kehren sich die beiden Pole um; ist dagegen
die Temperatur bleibend geworden, so ist der Kristall wieder unelektrisch. Später hat man diese
Erscheinung auch an anderen Mineralien wahrgenommen, so am Kalkspat, Gips, Feldspat,
Flußspat, Diamant usw.
[43] Erst Faraday gelang es, eine so weitgehende Verknüpfung der elektrischen und der
magnetischen Erscheinungen nachzuweisen, dass beide als Äußerungen ein- und derselben
Naturkraft gelten. Elektrizität, Magnetismus, strahlende Wärme und Licht wurden auf Grund
von Maxwells elektromagnetischer Theorie des Lichtes, sowie der Versuche von Hertz auf
Zustände des Äthers zurückgeführt. Ausführlicheres darüber enthalten spätere Abschnitte
dieses Werkes.
[44] Nebenbei sei erwähnt, daß Coulomb durch mechanische Untersuchungen bewies, daß die
Kraft des Menschen völlig unzulänglich sei, um ihn mittelst Flügel in die Lüfte zu erheben.
[45] Vier Abhandlungen über die Elektrizität und den Magnetismus von Coulomb, übersetzt
und herausgegeben von Walter König. (Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr.
13. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann, 1890). Fig. 1-5.
[46] Mémoires de l'Académie royale, 1784. pg. 229 u. f.
[47] Ostwalds Klassiker Nr. 13, S. 7.
[48] Siehe Ostwalds Klassiker Nr. 115.
[49] Mém. de l'Académie royale 1788. pg. 620 u. f.
[50] Diese Fundamentalversuche über die Verteilung der Elektrizität hat Cavendish, wie aus
seinen neuerdings veröffentlichten Untersuchungen über die Elektrizität hervorgeht, schon vor
Coulomb angestellt.
[51] Siehe G. Green, Ein Versuch, die mathematische Analysis auf die Theorien der
Elektrizität und des Magnetismus anzuwenden. Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften Nr. 64. Herausgegeben von von Oettingen und Wangerin. Leipzig, Verlag
von Wilhelm Engelmann, 1895.
[52] Acta eruditorum. 1690. Denis Papin wurde 1647 in Blois geboren und starb 1712 in
London. Er hielt sich viele Jahre in Hessen (Marburg und Kassel) auf und stand mit Huygens
und Leibniz in regem wissenschaftlichen Verkehr.
[53] Ernst Jäger, Denis Papin und seine Nachfolger in der Erfindung der Dampfmaschine.
Stuttgart 1902. Siehe auch das Werk von C. Matschoß, Geschichte der Dampfmaschine, mit
118 Abbildungen, Berlin, Springer, sowie auch Ernouf, Denis Papin, sa vie et son œuvre. 4.
Aufl., Paris, Hachette 1888.
[54] Eine ausführliche Geschichte der Dampfmaschine hat C. Matschoß im Anschluß an sein
auf S. 54 zitiertes Werk im Auftrage des Vereins deutscher Ingenieure geschrieben. Sie erschien
1908 bei J. Springer in Berlin, umfaßt 2 Bände und führt den Titel: C. Matschoß, Die
Entwicklung der Dampfmaschine. Eine Geschichte der ortsfesten Dampfmaschine und der
Lokomobile, der Schiffsmaschine und Lokomotive.
[55] Geboren am 19. Januar 1736 in Greenock. Näheres über das Leben und die Bedeutung
von James Watt enthält das Werk von A. Ernst: James Watt und die Grundlagen des
modernen Dampfmaschinenbaus. Mit einem Bildnis von James Watt und 27 Textfiguren.
Berlin, J. Springer, 1897.
[56] Das Patent datiert vom 5. Januar 1769.

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[57] Im Jahre 1807.
[58] Engineering 1894, I, S. 644.
[59] Berndt, Die Entwicklung der Lokomotive. Darmstadt 1896.
[60] Siehe Bd. II, S. 73.
[61] Renaldini.
[62] Halley, An account of several experiments, made to examine the nature of the expansion
and contraction of fluids, by heat and cold, in order to ascertain the divisions of the
thermometer (Philos. Transact. 1693).
[63] Fischer, Gesch. d. Phys. III. 221.
[64] Und zwar hat Borelli, den wir als Mitbegründer der neueren Physiologie kennen lernten,
darauf hingewiesen.
[65] E. Mach, Die Prinzipien der Wärmelehre. 1896.
[66] Daniel Gabriel Fahrenheit, Versuche über den Siedepunkt einiger Flüssigkeiten. 1724.
Im 57. Bande von Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, neu herausgegeben von
A. J. v. Oettingen. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1894.
[67] Ostwalds Klassiker. Bd. 57. S. 17.
[68] Siehe Fahrenheits Abhandlungen über Thermometrie (Ostwalds Klassiker, Nr. 57).
[69] Fahrenheit, Experimente und Beobachtungen über das Gefrieren des Wassers im
Vakuum. Ostwalds Klassiker, Bd. 57, S. 6 u. f.
[70] Réaumur, Regeln zur Konstruktion von Thermometern mit vergleichbaren Skalen, 1730,
1731, im 57. Bande von Ostwalds Klassiker, herausgegeben von A. J. v. Oettingen.
Leipzig, W. Engelmann, 1894. Réaumur (1683-1757) hat zahlreiche Abhandlungen aus den
Gebieten der Physik, der Zoologie und der Botanik veröffentlicht.
[71] Ostwalds Klassiker, Bd. 57, S. 49.
[72] Ostwalds Klassiker, Bd. 57, S. 100 u. f. bringt eine Übersetzung der betreffenden
Abhandlung Réaumurs vom Jahre 1733. Ihr Titel lautet: Über das Volumen der
Flüssigkeitsgemische.
[73] Abhandlungen der schwedischen Akademie. Bd. IV. 1742.
[74] R. Börnstein, Zur Geschichte der hundertteiligen Thermometerskala. Physikal.
Zeitschrift, Bd. 8, Nr. 23.
Siehe auch die Notiz von Rompel im 53. Bande (1907) von Natur und Offenbarung. S. 749.
Danach ist sichergestellt, daß Linné in Upsala im Jahre 1745 ein Thermometer benutzte, das
den Gefrierpunkt mit 0° und den Siedepunkt mit 100° bezeichnet, besaß.
[75] Celsius selbst hat den Siedepunkt mit 0 und den Gefrierpunkt mit 100 bezeichnet. Anders
Celsius (1701-1744) war Professor der Astronomie in Upsala. Seine Abhandlung über das
Thermometer erschien 1742. Sie wurde im 57. Bande von Ostwalds Klassikern von neuem
veröffentlicht. Leipzig, W. Engelmann. 1894.
[76] Mémoires de l'Académie. Paris, 1703. S. 50 u. f. Siehe auch die Studie Gerlands in den
Beiträgen aus der Geschichte der Chemie, herausgegeben von P. Diergart, 1909. S. 350-360:
Ernst Gerland, Die Entdeckung der Gasgesetze und des absoluten Nullpunktes der
Temperatur durch Boyle und Amontons.

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[77] Nach Lambert ist der absolute Nullpunkt dadurch definiert, daß bei diesem Punkt die
Luft, da sie sich mit der Temperaturabnahme gleichmäßig zusammenzieht, fast keinen Raum
mehr einnimmt. Nach den Angaben Lamberts tritt dieser Zustand bei der Abkühlung auf
-270,3° Celsius ein. Die Abweichung von dem heute geltenden Wert (-273°) ist also nur gering.
Aus des Daten Amontons' ergibt sich für den absoluten Nullpunkt der Wert von -293,5°
Celsius.
[78] Siehe das in Gerland und Traumüller, Gesch. d. phys. Experimentierkunst in Fig. 312
abgebildete und dort beschriebene Instrument.
[79] Philos. Transact. Vol. LXXII.
[80] Siehe Band I. S. 302.
[81] Philos. Transact. 1683/84. Nr. 156. S. 304.
[82] De Saussure, Versuch über die Hygrometrie, herausgegeben von A. J. v. Öttingen.
Bd. 115 und 119 von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, Verlag von
W. Engelmann, 1900.
[83] Joseph Black war schottischer Abkunft. Er wirkte als Professor der Chemie in Glasgow
und später in Edinburg, wo er am 26. November 1799 starb (Geburtsjahr 1728). Blacks
chemische Arbeiten haben mehrere für die Begründung der neueren Chemie sehr wichtige
Tatsachen zu Tage gefördert. (Siehe darüber an anderer Stelle.)
[84] Johann Karl Wilke (Wilcke) wurde 1732 in Wismar (damals schwedisch) geboren und
starb im Jahre 1796 in Stockholm, wo er die Stelle eines Mitgliedes und Sekretärs der
Akademie der Wissenschaften bekleidete. Von ihm rührt die erste Inklinationskarte her (Försök
till en magnetisk inclinationskarta. Stockholm 1768). Über Wilkes Verdienste um den Ausbau
der Elektrizitätslehre wurde schon an anderer Stelle berichtet. (Siehe S. 22.)
[85] Meditationes de caloris et frigoris causa (Abhandlungen der Petersburger Akademie von
1747 und 1748).
[86] Ostwalds Klassiker, Nr. 178. S. 19 u. f.
[87] Deluc (1754).
[88] Sind die Mengen m und m1 und die Temperaturen t und t1, so ist die Temperatur der
Mischung, wenn nur ein Ausgleich stattfindet, T = (mt + m1t1)/(m + m1).
[89] Mach, Prinzipien der Wärmelehre. 1896. S. 162.
[90] Siehe S. 41.
[91] Durch W. Cullen (1710-1790) Professor der Chemie in Glasgow. Cullen veröffentlichte
seine grundlegenden Versuche über die Verdunstungskälte (1755) in den Berichten der
Edinburger Gesellschaft (Bd. II) unter dem Titel: On the cold produced by evaporating fluids
and of some other means of producing cold. Siehe auch E. Mach, Die Prinzipien der
Wärmelehre, historisch-kritisch dargestellt, 1896. S. 177.
[92] J. C. Fischer, Geschichte der Physik (1801-1808) V, 4.
[93] Mariotte, Essai du chaud et du froid, 1679.
[94] M. A. Pictet (1752-1825) war Professor und Präsident der Akademie der Wissenschaften
in Genf.
[95] Pictet, Essai sur le feu. Génève 1790. S. 83.

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[96] Hierauf wurde von Black hingewiesen. Siehe auch E. Mach, »Einfache Versuche über
strahlende Wärme« (Zeitschr. für den phys. und chem. Unterricht VII, 3).
[97] Die Abhandlungen von Lavoisier und Laplace über die Wärme wurden in den
Mémoires de l'Académie veröffentlicht und im 2. Bande der gesammelten Werke Lavoisiers
wieder abgedruckt. Die wichtigsten Ergebnisse sind im 40. Bande der Ostwaldschen
Sammlung enthalten. Zwei Abhandlungen über die Wärme von A. L. Lavoisier und P. S. de
Laplace herausgegeben von J. Rosenthal. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1892.
[98] Zur Erläuterung diene folgendes Beispiel: Um 1 kg Eis von 0° in 1 kg Wasser von 0° zu
verwandeln, sind 80 Wärmeeinheiten erforderlich. Die Substanz, deren spezifische Wärme
bestimmt werden soll, wiege 2 kg und sei auf 10° erhitzt, die Menge des Schmelzwassers
betrage 1/10 kg. Daraus folgt, daß die 2 kg, als sie von 10° auf 0° abgekühlt wurden, um sie
von 0° auf 10° zu erhitzen. Um demnach 1 kg von 0° auf 10° zu erwärmen, würden 4
Wärmeeinheiten, ((1/10)·80)/2, um es von 0° auf 1° zu erwärmen, würden dagegen nur 0,4
Wärmeeinheiten, ((1/10)·80)/(2·10), erforderlich sein.
[99] Diese Untersuchung wurde später von verschiedenen Physikern wieder aufgenommen
(Ann. de chimie et de physique, Bd. 85, S. 72, 1813), indessen erst durch Regnault (1840)
unter Beobachtung aller in Betracht kommenden Umstände zu einem gewissen Abschluß
gebracht.
[100] Sir Charles Blagden (1748-1820) war Arzt in der englischen Armee und Mitglied der
Royal Society. Seine Abhandlungen wurden neuerdings in deutscher Übersetzung von A. J. v.
Oettingen herausgegeben (Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 56). Leipzig,
Verlag von W. Engelmann, 1894.
[101] Die letzte Beobachtung hatte schon Fahrenheit gemacht. S. S. 41.
[102] Ostwalds Klassiker, Nr. 56. S. 19 u. f.
[103] Ostwalds Klassiker, Nr. 56. S. 49.
[104] Ostwalds Klassiker, Nr. 56. S. 32.
[105] Systema naturae. 1. Ausgabe von 1735 sehr selten und nur 14 Seiten umfassend. 12.
Ausgabe von Müller. 8 Bde. 13. Ausgabe von Gmelin. 10 Bände. Leipzig 1788-1793. Die 13.
Ausgabe ist das letzte Werk, das alle zur Zeit seiner Herausgabe bekannten Tier- und
Pflanzenarten beschreibt. Ein Neudruck der 10. Ausgabe wurde von der Deutschen
zoologischen Gesellschaft veranstaltet (W. Engelmann, Leipzig 1894).
[106] Fundamenta botanica 1736. Critica botanica 1737.
[107] Philosophia botanica.
[108] Eine ausführliche Biographie Linnés veröffentlichte Th. M. Fries (Stockholm 1903).
Auf dieses Werk gründet sich eine kürzere Darstellung, die R. E. Fries zur Erinnerung an die
200. Wiederkehr des Geburtstages Linnés herausgab. Sie erschien in Englers botanischen
Jahrbüchern (1907 Heft 1, S. 1-54) und wurde auch gesondert herausgegeben. (Im Verlage von
W. Engelmann in Leipzig.)
Am ausführlichsten wurde Carl von Linnés Bedeutung als Naturforscher und Arzt in einem
Sammelwerk der Schwedischen Akademie der Wissenschaften geschildert. Auch für diese
Veröffentlichung (Jena, Gustav Fischer) bot die 200. Wiederkehr des Geburtstages Linnés die
Veranlassung. Der Band enthält sechs von verschiedenen Bearbeitern herrührende Abschnitte,
in denen Linné als Arzt, als Entomologe, als Geologe, als Mineraloge, als botanischer
Forscher und Linnés Verdienste um die Zoologie der Wirbeltiere geschildert werden.

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[109] Siehe Bd. II, S. 348-352.
[110] Verdeutscht lauten die Namen der ersten 10 Klassen Ein-, Zwei-, Drei- usw.
Zehnmännige, der 11. Klasse Zwölfmännige, der 12. Klasse Zwanzigmännige, der 13.
Vielmännige.
Manche Klassen des Linnéschen Systems, das sich wegen seiner Brauchbarkeit zum
Bestimmen der Pflanzen neben dem in der Wissenschaft allein geltenden natürlichen System
erhalten hat, fallen mit den Familien des letzteren ganz oder teilweise zusammen. So die 12.
Klasse mit den Mandel-, Apfelbaum- und Rosengewächsen und die 13. Klasse mit den Mohn-
und Hahnenfußgewächsen.
[111] Die 14. Klasse (Zweimächtige) umfaßt die Mehrzahl der Lippenblüter, die 15. Klasse
(Viermächtige) fällt mit der Familie der Kreuzblüter zusammen.
[112] 16., 17., 18. Klasse = Ein-, Zwei-, Vielbrüdrige. Für die 16. Klasse bieten die Malven, für
die 18. das Johanniskraut ein Beispiel.
[113] Zusammengewachsene, so genannt, weil die Staubbeutel der unter diesem Namen
vereinigten Pflanzen zu einer Röhre verwachsen sind. Die 19. Klasse fällt mit der Familie der
Korbblüter oder Kompositen zusammen.
[114] Weibermännige; hierzu gehören die Orchideen.
[115] 21. und 22. Klasse = Einhäusige und Zweihäusige; für die ersteren bieten die Kiefern, für
die zweiten die Weiden bekannte Beispiele.
[116] Vielehige; hierher gehören die Ahornarten.
[117] Blütenlose. Linné teilte sie in Algen, Schwämme, Moose und Farnkräuter ein. Für die
weitere Einteilung der Klassen 1-23 in Unterabteilungen, die Linné Ordnungen nannte, waren
vor allem die Zahl der Griffel, die Beschaffenheit der Früchte und die Anordnung der Blüten
maßgebend.
[118] Ein Petersburger Botaniker, den Linné selbst in einem zuerst in den Mitteilungen zur
Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften (1907, S. 25) gedruckten lateinischen
Brief abfertigte, schrieb folgendes. Gott würde niemals innerhalb des Pflanzenreiches eine so
abscheuliche Unzucht zulassen, daß mehrere Männer (Staubgefäße) eine gemeinsame Frau
(Frucht, Knoten) besäßen. Ein solch unkeusches System dürfte der studierenden Jugend nicht
mitgeteilt werden.
Diese Auffassung, der sich andere Botaniker anschlossen, ist gewiß für manche
Sittlichkeitswächter bezeichnend. »Ich hatte gehofft, dem Reinen sei alles rein«, schrieb Linné
in dem erwähnten Briefe, »ich werde mich nicht verteidigen, denn die Jahrhunderte werden
urteilen.«
[119] Veröffentlicht 1753.
[120] So Fontenelle: Histoire de l'Académie 1711, S. 43. Eine Ausnahme machte der
deutsche Philosoph und Physiker Christian Wolf, der sich mit einer anatomischen und
physikalischen Untersuchung des Pflanzeninneren, sowie mit Fragen der
Ernährungsphysiologie beschäftigte. Wolfs Ergebnisse blieben aber weit hinter denen von
Stephan Hales zurück.
[121] Philosophia botanica, 1751. S. 27.
[122] Classes plantarum, p. 487.
[123] Linnés Oratio de telluris habitabilis incremento.

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[124] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 120.
[125] Siehe Bd. II. S. 178.
[126] Siehe den Abschnitt: Sur le sujet des plantes in Oeuvres de Mariotte.
[127] Siehe an anderer Stelle dieses Bandes.
[128] Wolf, Vernünftige Gedanken von den Wirkungen der Natur. Halle 1723.
[129] Hales, Statik der Gewächse. Halle 1748. Die englische Ausgabe war 1727 in London
erschienen.
[130] 1 Pfund = 16 Unzen.
[131] Hales, Statik der Gewächse. S. 6. I. Hauptstück, 1. Erfahrung.
[132] Hales, Statik. S. 49. II. Hauptstück, 21. Erfahrung.
[133] Hales, Statik, I. Hauptstück, 5. Erfahrung.
[134] Das Bluten der Rebe wurde in neuerer Zeit von Ernst Brücke in meisterhafter Weise
wieder untersucht. Siehe Brückes Abhandlung in Ostwalds »Klassiker der exakten
Wissenschaften« Nr. 95. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1898.
[135] Hales, Statik, S. 102 u. 103. VI. Hauptstück, 55. u. 57. Erfahrung.
[136] Hales, Statik der Gewächse. VI. Hauptstück, 113. Erfahrung.
[137] Hales berichtet darüber 1741 in der Royal Society.
[138] Siehe Bd. II, S. 175.
[139] New improvements in gardening. 1717. I. S. 20.
[140] Die Beobachtung machte Müller im Jahre 1751.
[141] Erschienen in den Abhandlungen der Berliner Akademie vom Jahre 1751.
[142] Siehe Bd. I. S. 112 und Bd. II. S. 348-352.
[143] Siehe Bd. II. S. 338.
[144] Durch Dillenius, der darüber ein epochemachendes Werk mit 85 Kupfertafeln
veröffentlichte: Historia muscorum 1741.
Dillenius wurde 1687 in Darmstadt geboren, war Professor der Botanik in Oxford und starb
im Jahre 1747.
[145] J. G. Kölreuter wurde 1733 zu Sulz am Neckar geboren. Er starb 1806 in Karlsruhe,
wo er Professor der Naturgeschichte war. Fast zwanzig Jahre bekleidete er außerdem die Stelle
eines Oberaufsehers des botanischen Hofgartens. Seine Ergebnisse hat er in einigen 1761-1766
erschienenen Abhandlungen niedergelegt. Kölreuters Schrift wurde durch W. Pfeffer als 41.
Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften (Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann, 1893) wieder herausgegeben. Ihr Titel lautet: Vorläufige Nachricht von einigen das
Geschlecht der Pflanzen betreffenden Versuchen und Beobachtungen.
[146] Ostwalds Klassiker Nr. 41. S. 30.
[147] Ostwalds Klassiker Nr. 41. S. 31.
[148] Der Zusatz ♂ bezeichnet die männliche, der Zusatz ♀ die weibliche Pflanze.
[149] Besonders die von Focke.

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[150] Siehe S. 101 u. 105 dieses Bandes.
[151] Sachs, Gesch. d. Bot. S. 440.
[152] Ostwalds Klassiker, Nr. 41, S. 20.
[153] Ostwalds Klassiker, Nr. 41, S. 83.
[154] Sachs, Gesch. d. Botanik. S. 448.
[155] Christian Konrad Sprengel, Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der
Befruchtung der Blumen. Berlin 1793. Als Nr. 48-51 von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften herausgegeben von Paul Knuth. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,
1894.
[156] Ostwalds Klassiker, Nr. 48, S. 31.
[157] Daß aus dem Staubkorn ein Pollenschlauch hervorwächst, der den Griffel durchdringt
und sich mit der Samenknospe vereinigt, wurde erst seit dem Jahre 1823 durch Amici und
andere festgestellt.
[158] Geboren 1719 in Nürnberg, starb daselbst 1769, war von Beruf Jurist.
[159] Mikroskopische Gemüts- und Augenergötzungen. 1761. S. 46.
[160] Z. B. bei Butomus und Viola.
[161] Spätere Forschungen haben dies im wesentlichen bestätigt, doch hat sich herausgestellt,
daß bei Euphorbia spontane Selbstbestäubung vorkommt, wenn der Insektenbesuch ausbleibt.
[162] Sachs Lehrbuch der Botanik. 4. Aufl. Leipzig 1874. Fig. 489.
[163] Ostwalds Klassiker Nr. 48. S. 56.
[164] Ostwalds Klassiker Nr. 48. S. 73 u. f.
[165] John Ray (1628-1705). Hervorragender Systematiker des 17. Jahrhunderts; lehnte sich
aber noch sehr an Aristoteles an.
[166] N. Kleinenberg, Hydra. Eine anatomisch-entwicklungsgeschichtliche Untersuchung.
Leipzig, Wilhelm Engelmann, 1872.
[167] Siehe Bd. II. S. 335.
[168] Ledermüller, Mikroskopische Gemüts- und Augenergötzungen. Nürnberg 1763.
[169] Ledermüller, Mikroskopische Gemüts- und Augenergötzungen 1761. II. Bd. Tafel
LXXXVIII.
[170] Siehe Rösels Insektenbelustigung. III. Teil. S. 433 u. f.
[171] Insektenbelustigungen III. S. 622.
[172] Spallanzani, Entstehung der Infusionstiere aus Keimen, durch Experimente bewiesen.
1765.
[173] Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 1908. Abschn. 75.
[174] Siehe S. 198 des II. Bandes.
[175] Jungius wurde 1587 in Lübeck geboren und starb im Jahre 1657.
[176] Übersetzt und herausgegeben von Dr. Paul Samassa als 84. und 85. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann.
1896.

Page 400

[177] Ostwalds Klassiker, Nr. 84, S. 18.
[178] Ostwalds Klassiker, Nr. 85, S. 12.
[179] Siehe Bd. II dieses Werkes, S. 334.
[180] Hirsch, Geschichte der med. Wissenschaften, S. 212.
[181] Siehe Bd. II dieses Werkes, S. 279.
[182] Buch II-IV handelt vom Gefäßsystem, Buch IX von der Mechanik des Stimmorgans. Von
Hallers Elementen der Physiologie sagt Hirsch, daß alle Zeitgenossen und Nachfolger daraus
geschöpft haben. Auch nach Cruveilhier sind viele neuere Entdeckungen im Keime in diesem
Werke enthalten.
[183] Haller, Elementa physiologiae, IV. § 42.
[184] Siehe S. 106 dieses Bandes.
[185] Lieberkühns betreffende Abhandlung vom Jahre 1745 führt den Titel: De fabrica et
actione villorum intestinarum tenuinum (Bau und Tätigkeit der feinen Zotten des Darmes).
[186] Christian von Wolf (1679-1754) war Philosoph, Mathematiker und Physiker. Er
wirkte in Halle, wurde wegen Irreligiosität ausgewiesen, von Friedrich dem Großen 1740 aber
zurückberufen.
[187] Michael Wassiljewitsch Lomonossow wurde 1711 in der Nähe von Archangelsk
geboren. Er studierte zunächst in Rußland und dann mehrere Jahre in Deutschland. Seit 1746
wirkte er als Professor der Chemie in Petersburg, wo er 1765 starb.
Lomonossows wichtigste Abhandlungen erschienen vor kurzem in deutscher Übersetzung
(Ostwalds Klassiker, Nr. 178. Leipzig. W. Engelmann. 1910).
[188] Siehe S. 48 dieses Bandes.
[189] Siehe an anderer Stelle dieses Bandes.
[190] G. Monge, Darstellende Geometrie. Als 117. Band von Ostwalds Klassikern der
exakten Wissenschaften übersetzt und herausgegeben von R. Haussner. Leipzig, Verlag von
W. Engelmann, 1900.
[191] Im einzelnen weicht die Organisation des deutschen technischen Unterrichtswesens von
der des französischen darin ab, daß die École polytechnique eine technische Hochschule im
deutschen Sinne nur durch ihr Zusammenwirken mit der Schule für Bergbau, der Schule für
Brücken- und Wegebau und anderen Fachschulen ist, denen sie insofern als
Vorbereitungsanstalt dient, als sie die technische Allgemeinbildung vermittelt.
[192] Desargues wurde in Lyon geboren und wirkte als Baumeister (1593-1662).
[193] Er besagt, daß die Seiten jedes einem Kegelschnitte einbeschriebenen Vierecks eine
beliebige, durch den Kegelschnitt gehende Linie so schneiden, daß die erhaltenen 6
Schnittpunkte eine Involution bilden, die abgeteilten Strecken also gewisse Beziehungen
aufweisen.
[194] Das Buch erschien erst 1822.
[195] Siehe Bd. II. S. 148.
[196] Siehe S. 121 dieses Bandes.
[197] Reuleaux, Theoretische Kinematik, S. 13. Poncelets wichtigstes Werk über die
theoretische Maschinenlehre ist seine Mécanique appliquée aux machines.

Page 401

[198] Jakob Steiner, Systematische Entwicklung der Abhängigkeit geometrischer Gestalten
von einander mit Berücksichtigung der Arbeiten alter und neuer Geometer etc. Berlin 1832.
Neu herausgegeben von A. J. v. Oettingen als 82. und 83. Band von Ostwalds Klassikern.
Leipzig, W. Engelmann, 1896.
[199] Er starb im Jahre 1863.
[200] Vor kurzem als 123. Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften, neu
herausgegeben von R. Sturm. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1901.
[201] Ostwalds Klassiker, Nr. 123, S. 3.
[202] Die geometrischen Konstruktionen ausgeführt mittelst der geraden Linie und eines festen
Kreises von Jakob Steiner. Als 60. Band von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften, herausgegeben von A. J. v. Oettingen. Leipzig, Engelmann, 1895.
[203] Ostwalds Klassiker, Bd. 82 und 83. Das erste Erscheinen des Steinerschen Werkes fällt
in das Jahr 1832.
[204] Arneth, Geschichte der Mathematik. S. 286.
[205] Gemeint sind die Sätze von Pascal und Brianchon über die den Kegelschnitten ein-
und umschriebenen Sechsecke. Pascal nannte sein Sechseck Hexagrammum mysticum.
[206] Steiner, Systematische Entwicklung. § 38, III, IV.
[207] Ostwalds Klassiker, Nr. 83, S. 43 u. f.
[208] Hankel, Die Elemente der projektivischen Geometrie. S. 27.
[209] Berlin 1835; Plücker lebte 1801-1868. Er wirkte als Professor der Mathematik und der
Physik in Halle und in Bonn.
[210] Arneth, Die Geschichte der reinen Mathematik. S. 288.
[211] Lobatschefskij (1793-1856) Professor der Mathematik in Kasan. Er war ein Schüler
des in Rußland wirkenden deutschen Mathematikers Bartels, und letzterer stand wieder in
engster Verbindung mit Gauß. Die dem Russen gelungene Schöpfung fußt also auf dem Boden
der deutschen Mathematik.
[212] J. N. Lobatschefskij, Pangeometrie 1856. Übersetzt und als 130. Band von Ostwalds
Klassikern der exakten Wissenschaften, herausgegeben von H. Liebmann. Leipzig, W.
Engelmann 1902.
[213] Siehe S. 125 dieses Bandes.
[214] Untersuchungen über die Reihe: 1 + mx + m(m-1)/(1·2) · x2 +... von N. H. Abel
(Crelles Journal, Bd. I. 1826). Diese Abhandlung wurde neuerdings von A. Wangerin als 71.
Bändchen von Ostwalds Klassikern von neuem herausgegeben. Leipzig, Verlag von W.
Engelmann, 1895.
[215] Sie erschien im 1. Bande des Crelleschen Journals und führt den Titel: Démonstration
de l'impossibilité de la résolution algébraique des équations générales qui passent le quatrième
degré.
[216] N. H. Abel, Abhandlung über eine besondere Klasse algebraisch auflösbarer
Gleichungen. Crelles Journal, Bd. IV. 1829. Als 111. Band von Ostwalds Klassikern von
neuem und mit Anmerkungen herausgegeben von A. Loewy. Leipzig, W. Engelmann, 1900.
[217] Als 127. Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften, übersetzt und
herausgegeben von Alfred Loewy. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1902.

Page 402

[218] C. Sturms Abhandlung wurde aus dem Französischen übersetzt und als 143. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften von Alfred Loewy herausgegeben.
Leipzig, W. Engelmann, 1904.
[219] Johann Friedrich Pfaff wurde 1765 geboren. Er bekleidete die Professur für
Mathematik in Halle und starb dort 1825.
[220] J. F. Pfaff, Allgemeine Methode partielle Differentialgleichungen zu integrieren. Aus
dem Lateinischen übersetzt und als 129. Band von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften herausgegeben von Gerhard Kowalewski. Leipzig, W. Engelmann, 1902.
[221] Cauchy, Über die Integration der partiellen Differentialgleichungen erster Ordnung in
einer beliebigen Zahl von Veränderlichen (1819). Im 113. Bande von Ostwalds Klassikern
herausgegeben von G. Kowalewski. Leipzig, W. Engelmann, 1900.
[222] Diese bisher schwer zugängliche, für die weitere Entwicklung der Funktionentheorie
aber entscheidende Arbeit wurde neuerdings durch P. Stäckel als 112. Band von Ostwalds
Klassikern wieder herausgegeben: Cauchy, Über bestimmte Integrale zwischen imaginären
Grenzen. Leipzig, W. Engelmann, 1900.
[223] Fundamenta nova theoriae functionum ellipticarum. Königsberg 1829.
[224] Die andere Hälfte erhielten die Angehörigen des schon 1829 verstorbenen Abel.
[225] Legendre, Traité des fonctions elliptiques.
[226] C. G. J. Jacobi, Über die vierfach periodischen Funktionen zweier Variabeln (Crelles
Journal f. r. u. angew. Math. 1834). Als Band 64 von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften aus dem Lateinischen übersetzt von A. Witting und herausgegeben von H.
Weber. Leipzig, W. Engelmann, 1895.
[227] A. Göpel, Entwurf einer Theorie der Abelschen Transzendenten erster Ordnung
(Crelles Journal, Bd. 35, 1847). Aus dem Lateinischen übersetzt von A. Witting und als 67.
Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von H. Weber.
Leipzig, W. Engelmann, 1895.
G. Rosenhain, Abhandlung über die Funktionen zweier Variabeln mit vier Perioden (Mém.
des savants, 1851). Aus dem Französischen übersetzt von A. Witting und als 65. Band von
Ostwalds Klassikern herausgegeben von H. Weber. Leipzig, W. Engelmann, 1895.
[228] Er starb 1859 in Göttingen.
[229] G. Lejeune Dirichlet, Untersuchungen über verschiedene Anwendungen der
Infinitesimalanalysis auf die Zahlentheorie (Crelles Journal, Bd. 19 u. 21). Als 91. Band von
Ostwalds Klassikern herausgegeben von R. Haussner. Leipzig, W. Engelmann, 1897.
[230] Lejeune Dirichlet, Die Darstellung ganz willkürlicher Funktionen durch Sinus- und
Kosinusreihen, 1837. Im 116. Bande von Ostwalds Klassikern, herausgegeben von H.
Liebmann. Leipzig, W. Engelmann, 1900.
[231] Die letzte Abhandlung des 19. von der Anziehung homogener Ellipsoide handelnden
Bandes von Ostwalds Klassikern. Diese Abhandlung Dirichlets führt den Titel »Über eine
neue Methode zur Bestimmung vielfacher Integrale«.
[232] Lejeune Dirichlet, Vorlesungen über die im umgekehrten Verhältnis des Quadrates der
Entfernung wirkenden Kräfte, herausgegeben von G. Grube, Leipzig 1876.
[233] Schwere, Elektrizität und Magnetismus. Nach Vorträgen von B. Riemann, bearbeitet
von K. Hattendorff, Hannover 1876.

Page 403

[234] Priestley, Experiments and observations on different kinds of air. 3 vol. 1774-1777,
übersetzt von Ludewig, 1778.
[235] Philosophical Transactions. LXII. 1772.
[236] Priestley, Versuche und Beobachtungen über verschiedene Teile der Naturlehre.
Deutsche Übersetzung vom Jahre 1780. Bd. III. Vorrede.
[237] Joseph Black, 1728-1799, Professor der Chemie zu Glasgow und Edinburg.
[238] Abhandlungen der schwedischen Akademie d. Wissensch. XXXV.
[239] Daß Priestley und Scheele unabhängig voneinander schon so früh den Sauerstoff
dargestellt und seine wichtigsten Eigenschaften erkannt haben, wurde von G. W. A.
Kahlbaum dargetan (Basel, Verhandlungen 1897 Bd. 12, S. 9.)
[240] History and present state of electricity with original experiments. London 1767.
Übersetzt von Krünitz. Stralsund 1772.
[241] Cavendish wiederholte diesen Versuch und lieferte den Nachweis, daß hierbei durch die
Vereinigung von Sauerstoff und Stickstoff Salpetersäure entsteht. Als absorbierende Flüssigkeit
wandte er Alkali an, mit dem die entstandene Säure Salpeter bildet. Cavendish machte schon
die Beobachtung, daß bei diesem Versuch trotz genügender Zufuhr von Sauerstoff ein nicht
absorbierbarer Rest zurückbleibt. Diese eigentümliche Erscheinung hat erst im Jahre 1894
dadurch ihre Erklärung gefunden, daß Rayleigh und Ramsay als dritten wesentlichen
Bestandteil der Atmosphäre das Argon nachwiesen, ein Element, das mit dem Sauerstoff unter
der Einwirkung des elektrischen Funkens keine Verbindung eingeht.
[242] Es ist dies die noch jetzt bei Vorlesungen beliebte Analyse des Ammoniaks, welches
dabei unter Verdoppelung seines Volumens in Stickstoff und »zündbaren« Wasserstoff zerfällt.
[243] Beim Hindurchleiten durch ein glühendes Rohr zerfällt der Alkohol in ein Gasgemisch,
das vorzugsweise aus Kohlenwasserstoffverbindungen, wie Methan, Äthylen, Benzol usw.,
besteht und bei seiner Verpuffung mit Sauerstoff infolgedessen Kohlendioxyd (CO2) liefert.
[244] Stockholm, 1892.
[245] In Köping.
[246] Herausgegeben von v. Nordenskjöld. Siehe Naturwissenschaftliche Rundschau, VIII,
S. 519.
[247] Ein durch Zusammenschmelzen von Schwefel und Pottasche (K2CO3) erhaltenes
Präparat, das im wesentlichen aus Schwefelkalium besteht und begierig Sauerstoff aufnimmt.
Scheele benutzte auch eine Fällung von Eisenvitriol durch Kalilauge. Er erhielt so
Ferrohydroxyd: FeSO4 + 2 KOH = Fe(OH)2 + K2SO4. Ferrohydroxyd geht unter Aufnahme von
Wasser und Sauerstoff leicht in Ferrihydroxyd über: 2 Fe(OH)2 + 2 H2O + O = 2 Fe(OH)3.
[248] Sauerstoff, der sich aus Braunstein durch Einwirkung der Schwefelsäure nach folgender
Gleichung entwickelt:
MnO2 + H2SO4 = MnSO4 + H2O + O.
[249] Siehe S. 140 dieses Bandes.
[250] Ostwalds Klassiker Nr. 58. S. 27.
[251] Ostwalds Klassiker Nr. 58. S. 92.
[252] Ostwalds Klassiker Nr. 58. S. 43 u. f.

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[253] Experimentum curiosum de effectu radiorum solarium (Act. Acad. Nat. Cur. I. 1727).
[254] Siehe S. 142 dieses Bandes.
[255] Attractio electiva duplex lautet sein Ausdruck.
[256] z. B. von Glauber (siehe Bd. II, S. 187).
[257] Dissertatio metallurgica de minerarum docimasia humida, 1780.
[258] De analysi aquarum. 1778.
[259] Gmelin, Geschichte der Chemie III. 1001.
[260] Auch hierüber berichtet Gmelin a. a. O.
[261] Siehe Bd. II, S. 183.
[262] Ostwalds Klassiker Nr. 58, S. 5.
[263] Lavoisier, Sur la nature de l'eau. Mémoir. de Paris, 1770.
[264] Sie wurde neuerdings deutsch und mit Anmerkungen versehen als 172. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften wieder herausgegeben (Leipzig, W.
Engelmann 1909).
[265] Ostwalds Klassiker Nr. 172. S. 28.
[266] Das Medizinalpfund betrug 12 Unzen; jede Unze war gleich 480 Gran (1 Gran etwa =
0,06 g).
[267] Sur l'existence de l'air dans l'acide nitreux. Mém. de Paris, 1776.
[268] Hg(NO3)2 = HgO + 2 NO2 + O.
[269] Cavendish, welcher die entstandene Salpetersäure durch Kalilauge absorbieren ließ,
bemerkte, daß ein nicht absorbierbarer Rest zurückbleibt, eine Tatsache, die erst 1894 durch die
Entdeckung des Argons ihre Erklärung fand.
[270] G. W. A. Kahlbaum und A. Hoffmann: Die Einführung der Lavoisierschen Theorie
im besonderen in Deutschland (Monographien aus der Geschichte der Chemie. I. Heft. Leipzig
1897). Danach ist die Annahme, daß Deutschland sich länger als die übrigen Länder gegen die
Annahme der Lehren Lavoisiers verschlossen habe, nicht gerechtfertigt.
[271] Einen klaren Ausdruck dieses Prinzips von der Unzerstörbarkeit des Stoffes finden wir
schon bei Galilei in seinem Dialog über die beiden Weltsysteme. (Ausg. v. Strauß, S. 47).
Siehe auch Bd. II dieses Werkes, S. 25.
[272] Mémoires de la Société d'Arcueil.
[273] Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 1908, S. 265.
[274] Berthollet, Untersuchungen über die Gesetze der Verwandtschaft (1801). Als 74. Band
von Ostwalds Klassikern erschienen bei W. Engelmann in Leipzig.
[275] Siehe S. 150 dieses Bandes.
[276] Siehe S. 150 dieses Bandes.
[277] Ostwalds Klassiker Nr. 74, S. 51.
[278] Näheres über die Phlogistontheorie. Siehe S. 142 dieses Bandes.
[279] Gemeinsam mit Thenard. Mémoires de la Société d'Arcueil. Paris 1809, S. 295 u. f.

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[280] Aus der Geschichte des Chlors sei noch erwähnt, daß Fourcroy die ersten
Verbrennungen in Chlor anstellte. (Annales de Chimie. Bd. IV. 1788. S. 249.) Fourcroy fand,
daß ein Licht in Chlor weiter brennt und daß Phosphor in Chlor lebhafter brennt als in der Luft.
Diese Versuche wurden von Westrumb auf fast alle Metalle und einige Metallsulfide
ausgedehnt (Ann. de chimie. Bd. VI. S. 240). Westrumb entdeckte, daß die Metalle und die
Metallsulfide in feiner Verteilung sich im Chlor sofort entzünden. Er wies dies z. B. an
Antimon, Arsen, Wismut, Zinn, Blei, Antimonsulfid und Arsensulfid nach.
[281] Joseph Louis Proust wurde 1755 in Angers geboren, wo er (1826) starb. Er war
Apotheker in Paris; später bekleidete er eine Professur für Chemie, auch war er Mitglied der
Akademie der Wissenschaften in Paris.
[282] Siehe den vorigen Abschnitt, S. 170 u. f.
[283] Karl Friedrich Wenzel wurde 1740 in Dresden geboren. Er war wie Richter zunächst
im Hüttenwesen und später in einer Porzellanfabrik (Meißen) tätig. Wenzel starb im Jahre
1793 in Freiberg.
[284] Siehe S. 170 dieses Bandes.
[285] Er starb 1807.
[286] De usu matheseos in chymia. 1789.
[287] Der Ausdruck Stöchiometrie (στοιχεῖον heißt Grundstoff) rührt von Richter her.
[288] Zu Eaglesfield in Cumberland am 5. September 1766.
[289] Siehe S. 176 dieses Bandes.
[290] Das Äthylen oder ölbildende Gas (so genannt, weil es sich mit Chlor zu einer ölartigen
Flüssigkeit C2H4Cl2 vereinigt) wurde 1795 von holländischen Chemikern entdeckt.
[291] Die Ausdrücke binär, ternär, quaternär werden in der heutigen Chemie für Verbindungen
aus je zwei, je drei oder je vier Elementen gebraucht, ohne Rücksicht auf die Anzahl der
Atome, die eine solche Verbindung zusammensetzen.
[292] Na2O und K2O nach heutiger Bezeichnungsweise.
[293] Wollaston, Über übersaure und untersaure Salze. Philos. Transact. 1808.
Diese Abhandlung wurde im 3. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften
wieder herausgegeben.
[294] Zum Verständnis dieser Salzbildung sei hinzugefügt, daß die Oxal- oder Kleesäure die
stärkste organische Säure ist. Sie bildet z. B. mit Kalium ein neutrales Salz, in welchem K2O
mit C2O3 (d. i. Oxalsäure nach Abzug des Konstitutionswassers) verbunden ist. Seine Formel
lautet
COOK
|
COOK
Die Zusammensetzung des saures Salzes wird durch die Formel
COOK
|
COOH
ausgedrückt.

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Auf ein Äquivalent Kali (K2O) kommen in diesem Falle 2 Äquivalente C2O3 (2 KHC2O4 =
COOK . COOH
|
H2O. K2O. 2 C2O3). Ähnlich drückt die Formel für das übersaure Salz COOH COOH
aus, daß auf K2O vier Äquivalente C2O3 kommen.
COOK . COOH
( 2 |
COOH COOH
= 3 H2 O . K 2 O . 4 C2 O 3 ) .

Die drei Salze sind auch durch ihr kristallographisches Verhalten gut charakterisiert.
[295] Am besten wird man sich über den Lebensgang von Berzelius durch seine
selbstbiographischen Aufzeichnungen unterrichten lassen. Sie wurden im Auftrage der
Schwedischen Akademie der Wissenschaften von H. G. Söderbaum herausgegeben. Eine
deutsche Bearbeitung verdankt man G. W. A. Kahlbaum (Monographien aus der Geschichte
der Chemie, Heft 7). Seine wissenschaftlichen Arbeiten hat Berzelius in der Selbstbiographie
allerdings nur gelegentlich erwähnt. Etwas eingehender kommt er auf die Untersuchungen über
die bestimmten Proportionen zu sprechen. Dies geschieht unter besonderer Anerkennung der
Verdienste Richters (siehe S. 176 u. f. dieses Bandes).
[296] Einen wichtigen Einblick in die Geschichte der neueren Chemie gewährt auch der
Briefwechsel von F. Wöhler und J. Berzelius. Herausgegeben von O. Wallach, Leipzig.
Verlag von Wilhelm Engelmann, 1901. 2 Bände. Dieser Briefwechsel umfaßt den für die
Entwicklung der Chemie hochwichtigen Zeitraum von 1824 bis 1848. Die Briefe enthalten
zwar viel Persönliches, sie bieten aber auch zahlreiche Aufschlüsse über die Vorgeschichte
wichtiger Entdeckungen, sowie über die Gedankengänge und die Arbeitsweise der beiden
großen Forscher. Näheres darüber siehe im 4. Bande dieses Werkes bei Wöhler.
[297] Dieser für die genauere Kenntnis der Entwicklung, welche die neuere Chemie
genommen, sehr wertvolle »Briefwechsel« wurde im Auftrage der Königl. Gesellschaft der
Wissenschaften zu Göttingen von O. Wallach in zwei umfangreichen Bänden herausgegeben.
[298] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, Bd. III, 1161. 5. Aufl.
[299] Die heute geltenden Zahlen sind in Klammern beigefügt.
[300] Es bildet sich salpetersaures Blei, dessen Zusammensetzung durch die Formel Pb(NO3)2
wiedergegeben wird.
[301] Das salpetersaure Blei zerfällt beim Erhitzen in Bleioxyd, Sauerstoff und
Stickstofftetroxyd: Pb(NO3)2 = PbO + N2O4 + O.
[302] Das braune Oxyd oder Bleisuperoxyd ist nach der Formel PbO2 zusammengesetzt; es
bildet sich durch Behandeln von Mennige mit Salpetersäure: Pb3O4 + 4 HNO3 = 2 Pb(NO3)2 +
PbO2 + 2 H2O. Die Mennige läßt sich als eine Verbindung von Bleioxyd und Bleisuperoxyd
auffassen: Pb3O4 = 2 PbO.Pb_O2.
[303] Daher lauten die entsprechenden Formeln für das gelbe und das braune Oxyd PbO und
PbO2. Mennige besitzt eine etwas schwankende Zusammensetzung. Die Formel Pb3O4, die man
der Mennige beilegt, würde auf 100 Teile Blei nur 10,3 Teile Sauerstoff ergeben.
[304] Siehe S. 176 u. f. dieses Bandes.
[305] So verhalten sich in den salpetersauren Salzen diese Mengen wie 1 : 5. Die ältere
Schreibweise ihrer Formeln macht dies Verhältnis sofort ersichtlich: K2O.N2O5; Na2O.N2O5;

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CuO.N2O5; CaO.N2O5.
[306] Siehe Abschnitt 2 dieses Bandes.
[307] Johann Georg Sulzer (1720-1779), Professor der Mathematik am Joachimsthalschen
Gymnasium in Berlin.
[308] Sulzer, Theorie der angenehmen und unangenehmen Geschmacksempfindungen. Berlin
1762. (Zuerst in den Mém. de Berlin 1751/52.)
[309] Ostwalds Klassiker Nr. 52, S. 4.
[310] In einem von Alibert, dem Biographen Galvanis (Alibert, Éloge de Galvani, Paris,
1806) mitgeteilten Sonett lautet die zweite Strophe in der von Emil du Bois Reymond
herrührenden Übersetzung:
War sie es nicht, die neue Lebenstriebe
In hautentblößter Frösche Gliedern fand,
Wenn hier der Nerven wunderbar Getriebe,
Dort funkensprüh'nden Leiter traf die Hand?

[311] Galvanis Schrift führt den Titel: De viribus electricitatis in motu musculari
commentatio. 1791. Sie erschien neuerdings unter dem Titel: Abhandlung über die Kräfte der
Elektrizität bei der Muskelbewegung, herausgegeben von A. J. v. Oettingen, als 52. Band
von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann, 1894.
[312] E. du Bois-Reymond, Untersuchungen über tierische Elektrizität. Berlin 1848. Bd. I.
S. 50.
[313] Volta, Del modo di rendere sensibilissima la più debole elettricità sia artificiale, sia
naturale. 1784.
Voltas sämtliche Werke erschienen unter dem Titel: Collezioni dell' Opere del Cavalieri Conte
Allessandro Volta, Patrizio Comasco. Firenze 1816, in drei Bänden und fünf Teilen
herausgegeben von V. Antinori.
[314] Siehe S. 189 dieses Bandes.
[315] Alessandro Volta, Briefe über tierische Elektrizität. 1792-1795. Als 114. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften in deutscher Übersetzung herausgegeben
von A. J. von Öttingen. S. 101.
[316] Ostwalds Klassiker Nr. 114, S. 99.
[317] Ostwalds Klassiker Nr. 114, S. 104.
[318] Ostwalds Klassiker Nr. 114, S. 107.
[319] Abhandlungen der schwed. Akademie der Wissenschaften. 29, 1777.
[320] Siehe S. 10 dieses Bandes.
[321] Phil. Transact. 1782, S. 242.
[322] In Voltas dritten Brief an Gren vom Jahre 1797.
[323] Ostwalds Klassiker Nr. 118, S. 54 u. f.
[324] Volta, Gilberts Annalen, Bd. X, S. 443.
[325] Ostwalds Klassiker Nr. 118, S. 4.

Page 408

[326] In einem an Banks, den Präsidenten der Royal Society, gerichteten Brief vom 20. März
jenes Jahres. Dieser Brief wurde in den Philosophical Transactions, 1800, S. 403 veröffentlicht.
[327] Brief an Banks, Philosophical Transactions, 1800, S. 403.
Der berühmte Brief an Banks wurde mit einigen anderen bis zum Jahre 1796
zurückreichenden Schriften Voltas als 118. Band von Ostwalds Klassikern in deutscher
Übersetzung durch A. J. v. Oettingen herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann. 1900.
[328] Bericht an die mathematisch-physikalische Klasse des französischen Nationalinstituts
über Voltas galvanische Versuche. Siehe Gilberts Annalen X, 1802, S. 389 ff. Ein Auszug
des von Volta in Paris gehaltenen Vortrags in deutscher Übersetzung findet sich gleichfalls in
Gilberts Annalen. Bd. X, S. 421.
[329] Gilberts Annalen VIII, S. 390.
[330] Gilberts Annalen XI, S. 132.
[331] Gilberts Annalen IX, S. 385.

Page 409

[332] Gilberts Annalen XIX, S. 45.
[333] Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) lebte als Privatgelehrter in Gotha und Weimar.
Im Jahre 1804 wurde Ritter an die bayerische Akademie nach München berufen. Ritter war
einer der ersten Forscher auf dem Gebiete der galvanischen Elektrizität.
[334] Gilberts Annalen XIX, 1805, S. 22.
[335] Gilberts Annalen XXIII. S. 25.
[336] Rieß, Die Lehre von der Reibungselektrizität. Bd. I, S. 18. Berlin 1853.
[337] Zamboni, Della pila elettrica a secco. Verona 1812. Siehe auch Schweiggers Journal
für Chemie und Physik. X. S. 129.
[338] Paul Erman (1764-1851) war Professor der Physik in Berlin und veröffentlichte
zahlreiche Arbeiten aus dem Gebiet der Elektrizitätslehre.
[339] Voigts Magazin f. d. Neueste. Bd. 4. 1802. S. 832.
[340] Gilberts Annalen, XIX, S. 490.
[341] Fischer, Gesch. VIII, 649.
[342] Fischer, VIII, 654.
[343] Anthony Carlisle (1768-1840), Professor der Anatomie in London.
[344] William Nicholson (1753-1815), als Ingenieur und Schriftsteller in London tätig, auch
bekannt als Erfinder des Gewichtsaräometers.
[345] Gilberts Annalen, 1800, VI, 340.
[346] Hoppe, Gesch. d. Elektr. S. 137.
[347] Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) war Mitglied der bayerischen Akademie der
Wissenschaften.
[348] Gilbert, Annalen der Physik, VI, 1800, S. 470.
[349] Die wissenschaftlichen Abhandlungen Davys wurden von seinem Bruder gesammelt
und in 10 Bänden herausgegeben: The collected works of Sir Humphry Davy edited by his
brother John Davy. London 1839-1841.
[350] Die Pneumatic Institution des Dr. Beddoes.
[351] Siehe E. Cohen, Das Lachgas. Eine chemisch-kulturhistorische Skizze. Leipzig, W.
Engelmann. 1907.
[352] Die Abhandlung wurde 1893 unter dem Titel Ȇber einige chemische Wirkungen der
Elektrizität« im 45. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften
herausgegeben. Leipzig, Verlag von W. Engelmann.
[353] Ostwalds Klassiker Nr. 45. S. 12.
[354] Ann. de Chimie 58, 54. 1806.
[355] Davy, On some new Phenomena of chemical changes produced by electricity,
particularly the decomposition of the fixed alkalies. Die Abhandlung wurde 1893 unter dem
Titel »Elektrochemische Untersuchungen von Humphry Davy« als 45. Band von Ostwalds
Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben. Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann.

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[356] Aus diesem Grunde fand das Natrium Verwendung, um absoluten Alkohol zu bereiten, d.
h. dem Alkohol die letzten Spuren Wasser zu entziehen.
[357] Unter dem Namen alkalische Erden werden die Oxyde der Metalle Calcium, Strontium
und Barium (CaO, SrO, BaO) zusammengefaßt. Diese Oxyde wurden früher als Kalk,
Strontian und Baryt bezeichnet.
[358] Magnesia, Tonerde, Kieselerde sind die Oxyde von Magnesium, Aluminium und
Silicium (MgO, Al2O3, SiO2).
[359] Barium, Strontium, Calcium und Magnesium wurden bald darauf von Davy selbst
isoliert. Silicium wurde zuerst von Berzelius 1823 hergestellt. Die Abscheidung des
Aluminiums aus der Tonerde gelang Wöhler im Jahre 1827.
[360] Ostwalds Klassiker Nr. 45, S. 44.
[361] Ostwalds Klassiker Nr. 45, S. 37.
[362] Ostwalds Klassiker Nr. 45, S. 91, sowie auch Ostwalds Geschichte der Elektrochemie.
S. 992 u. f.
[363] Phil. Transact. v. 1821.
[364] Eine mit Kalium gefüllte Büchse wurde mit dem Rettungsgürtel verbunden. Das Kalium
entzündete sich, sobald es mit dem Wasser in Berührung kam.
[365] Intimeres aus dem Leben Davys enthält die Skizze über Berzelius und Davy, welche
Kahlbaum im III. Bande der Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften veröffentlichte. 1904. S. 277 u. f.
[366] Gilberts Annalen 1822, LXXI, S. 244.
[367] Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 1908, S. 280.
[368] Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 63. Herausgegeben von J. A. v.
Oettingen. Leipzig. Verlag von Wilh. Engelmann 1895.
Die Abhandlung H. C. Oersteds erschien im Jahre 1820 unter dem Titel »Experimenta circa
effectum conflictus electrici in acum magneticam«. Sie wurde von Gilbert übersetzt und in
seinen Annalen (Bd. LXVI) veröffentlicht. Diese Übersetzung wurde mit geringen stilistischen
Änderungen und wesentlich gekürzt der Neuausgabe zugrunde gelegt.
[369] Ostwalds Klassiker Nr. 63, S. 9 u. f.
[370] Man muß sich die Stahlbänder senkrecht zur Ebene der Zeichnung verlaufend vorstellen.
[371] J. J. Rousseaus Briefe über die Anfangsgründe der Botanik. Sie fesselten auch Goethe
in hohem Grade und erschienen in deutscher Übersetzung (M. Möbius) in Leipzig bei J. A.
Barth. 1903.
[372] Annales de Chimie et de Physique XV, 1820, S. 59 u. 170.
[373] Annales XV, S. 67: Si l'on se place par la pensée dans la direction du courant, de manière
qu'il soit dirigé des pieds à la tête de l'observateur, et que celuici ait la face tournée vers
l'aiguille; c'est constamment à sa gauche que l'action du courant écartera de sa position
ordinaire celle des ses extrémités qui se dirige vers le nord.
[374] Übersetzt herausgegeben im Jahre 1822 bei Leopold Voß in Leipzig.
[375] Ampère und Babinet. Tafel I, Fig. 3.
[376] Ampère und Babinet. Tafel I, Fig. 2.

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[377] Ampère und Babinet. Tafel I. Fig. 12.
[378] Ampère, Annales de chimie et phys. XV. S. 188 ff.
[379] Siehe Heller, Gesch. d. Phys. II, S. 609.
[380] Heller, Geschichte der Physik II, S. 609.
[381] Ampère, Mémoire sur la théorie mathématique des phénomènes électrodynamiques
uniquement déduite de l'expérience. Ann. de Chimie et de Phys. Bd. 20, S. 60.
[382] Wüllner, Lehrb. d. Experim. Physik. IV, S. 673 u. f.
[383] Ampère und Babinet. Tafel II, Fig. 29.
[384] Ampère und Babinet. Tafel II, Fig. 14.
[385] Ann. de Chimie et de Phys. Bd. 18, 1821, S. 320-322.
[386] Ampère und Babinet. 1822. S. 115.
[387] Siehe S. 1 dieses Bandes.
[388] Annales de Chimie et de Physique XV. S. 93 u 110.
[389] Annales de Chimie et de Physique. Bd. 27, 1824, S. 363.
[390] Siehe an späterer Stelle.
[391] Thomas Johann Seebeck wurde 1770 in Reval geboren. Er wurde 1818 Mitglied der
Akademie der Wissenschaften in Berlin und starb dort 1831.
[392] Th. J. Seebeck, Magnetische Polarisation der Metalle und Erze durch
Temperaturdifferenz. Siehe Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 70, S. 8 u. f.
Die Abhandlung erschien zuerst in den Berichten der Berliner Akademie der Wissenschaften
von 1822/23. Die Entdeckung der Thermoelektrizität erfolgte 1822.
[393] Nobili, Sur un nouveau galvanomètre (Bibl. univ. XXV. 1824.) Leopoldo Nobili
wurde 1781 in der Nähe von Reggio geboren. Er war Professor der Physik am
großherzoglichen Museum in Florenz und starb dort 1835.
[394] Melloni, La Thermochrôse ou la coloration calorifique. Neapel 1850. Macedonio
Melloni wurde 1798 in Parma geboren. Er war dort Professor der Physik. Später lebte er in
Paris; zuletzt leitete er das Observatorium auf dem Vesuv. Melloni starb im Jahre 1854.
[395] Humboldt, Kosmos. Bd. I. Abschn. 3.
[396] Zu Beaumont en Auge.
[397] Siehe S. 361 des II. Bandes dieses Werkes.
[398] Laut Gesetz vom Jahre 1842. Laplace, Oeuvres complètes. 7 Bde. 1843-1848.
[399] Wolf, Geschichte der Astronomie. S. 510.
[400] Eine ausführliche Darstellung der Entwicklung der Gravitationsmechanik von Newton
bis Laplace enthält das Werk von Todhunter, A history of the mathematical theories of
attraction and the figure of the earth from the time of Newton to that of Laplace. London,
Macmillan and Co.
[401] Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung
und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes, nach Newtonschen Grundsätzen
abgehandelt von Immanuel Kant. Als 12. Band von Ostwalds Klassikern der exakten

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Wissenschaften herausgegeben von A. J. von Oettingen. 2. Aufl. Leipzig, Verlag von
Wilhelm Engelmann, 1898.
[402] Thomas Wright, Theory of the Universe. London 1750. Wrights Bedeutung wurde
neuerdings durch Jacobi gewürdigt. (Max Jacobi, Ein Vorläufer der Kant-Laplaceschen
Theorie von der Weltentstehung. Preußische Jahrbücher, Bd. 117, 2. Heft).
Der genauere Titel der Schrift von Wright lautet: An Original Theory or New Hypothesis of
the Universe founded upon the laws of Nature. Kant hatte von dem Buche Wrights durch
eine Besprechung in einer deutschen Zeitschrift Kenntnis erhalten.
Wright wurde 1711 geboren. Er nahm an der Expedition teil, welche die Royal Society im
Jahre 1769 zur Beobachtung des Venusdurchganges nach Kanada sandte. Wright starb im
Jahre 1786.
[403] Siehe Bd. II, S. 394.
[404] Ostwalds Klassiker Nr. 12, S. 41 u. f.
[405] Ostwalds Klassiker Nr. 12, S. 53 u. f.
[406] Ostwalds Klassiker Nr. 12, S. 38.
[407] G. H. Darwin, On the tidal friction of a planet attended by several satellites. Phil.
Trans. London, 1881. II. p. 491 f.
[408] H. v. Helmholtz (Vorträge II, S. 84).
[409] Piazzi wurde 1746 geboren. Er erbaute und leitete die Sternwarte in Palermo und starb
1826 in Neapel.
[410] Karoline Herschels Memoiren und Briefwechsel. Deutsch von Scheibe. Berlin 1877.
[411] Im Jahre 1757.
[412] Smith, Harmonics.
[413] In einem Brief vom 15. Februar 1783, abgedruckt im Göttinger Magazin der
Wissenschaften und Literatur. III, 584.
[414] Herschel, On the remarkable appearances at the polar regions of the Planet Mars. 1784.
[415] Nach seiner Angabe beträgt die Rotationszeit des Saturn 10 Stunden 29 Minuten.
[416] Philosoph. Transactions 1795, II. Tab. XXIV.
[417] Herschel, On the proper motion of the Sun and the Solar System. 1783.
[418] Siehe S. 246 dieses Bandes.
[419] Herschel, On the construction of the heavens. Phil. Trans. 1784. Eine Übersetzung mit
einem nach Kants Durchsicht hergestellten Auszug aus Kants Naturgeschichte des Himmels
erschien 1791.
[420] Messier in den Abhandlungen der Pariser Akademie der Wissenschaften vom Jahre
1771. S. 435. Catalogue des nébuleuses et des amas d'étoiles, observées à Paris par M.
Messier.
[421] W. Herschel, Über den Bau des Himmels; übersetzt von J. W. Pfaff. Leipzig 1850.
Taf. I, Fig. 2. (Nr. 53 des Verzeichnisses von Messier.)
[422] 1834-1838.
[423] W. Herschel, Über den Bau des Himmels. Taf. II, Fig. 16.

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[424] Kosmos, Bd. I, Abschn. 3.
[425] Holden, Wilhelm Herschel, Sein Leben und seine Werke. Übersetzt von Valentiner.
Berlin 1882.
[426] A. a. O. S. 214.
[427] Über den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlichen Eisenmassen
und über einige damit in Verbindung stehende Naturerscheinungen von Chladni. Riga 1794.
[428] Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 1908. S. 169.
[429] Ein großes Stück des Pallaseisens befindet sich in den Königlichen Sammlungen zu
Berlin.
[430] Von dieser gibt Halley Nachricht; Philosophical Transactions, n. 360. S. 978.
[431] Von der in der Histoire de l'académie des sciences, 1761, S. 28 Nachricht gegeben wurde.
[432] Wie in den Mémoires de l'académie de Dijon, Bd. I. S. 42 erzählt wird.
[433] Silberschlag (1721-1791), Oberbaurat und Mitglied der Akademie in Berlin, nahm an,
daß diese Feuerkugel aus den Dünsten der zahlreichen Leichen entstanden sei, die im Sommer
des Jahres 1762 die Schlachtfelder bedeckten. (!!)
[434] Diese Vermutung Chladnis ist später durch die spektralanalytische Untersuchung der
Gestirne bestätigt worden.
[435] Neuere Untersuchungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß sich zahlreiche Elemente,
die sämtlich auch an der Zusammensetzung der Erde beteiligt sind, als Bestandteile der
Meteoriten nachweisen lassen. Die Annahme Chladnis, daß das Universum im wesentlichen
überall die gleiche chemische Zusammensetzung hat, steht auch mit der Kant-Laplaceschen
Hypothese im Einklang und hat durch die moderne Astrophysik ihre Bestätigung gefunden.
[436] Gilberts Annalen 15,74 und 16,44, 70.
[437] Bieberstein, 1802.
[438] Howard, 1802.
[439] G. Rose, Abhandlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften 1863. S. 33.
[440] Johann Friedrich Benzenberg, 1777-1846.
[441] Heinrich Wilhelm Brandes, 1777-1834.
[442] Benzenberg und Brandes, Versuch, die Entfernung, die Geschwindigkeit und die
Bahnen der Sternschnuppen zu bestimmen, 1800.
[443] Siehe Band II S. 80.
[444] J. Bapt. Guglielmini de diurno terrae motu experimentis physico-mathematicis
confirmato. Bologna 1792.
[445] Versuche über das Gesetz des Falles. Dortmund 1804.
[446] Von Reich in einem Schacht bei Freiberg.
[447] Zu den ersten Physikern, welche die Wärme ohne die Annahme eines besonderen Stoffes
zu erklären suchten, gehörte Daniel Bernoulli I. (Siehe Bernoullis im Jahre 1716
erschienene Schrift: Phoronomia sive de Viribus et Motibus corporum solidorum et fluidorum).
Man hat Bernoulli auf Grund der von ihm entwickelten Ansichten als einen der Begründer

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der kinetischen Gastheorie hingestellt (Rühlmann, Handbuch der mechanischen
Wärmetheorie. Bd. I. 1876. S. 72).
Dieselbe Ansicht von der Natur der Wärme entwickelte ein Jahrzehnt später der große Euler in
einer in den Abhandlungen der Petersburger Akademie vom Jahre 1727 erschienenen Arbeit
»Tentamen explicationis phaenomenorum aeris«.
Soweit es sich um bloße Andeutungen handelt, läßt sich die mechanische Wärmetheorie bis auf
Bacon und auf Hooke (Micrography, London 1667. S. 12) zurückverfolgen.
[448] Sein eigentlicher Name ist Benjamin Thompson.
[449] Philosophical Transactions. 1799.
[450] Philosophical Transactions. 25. I. 1798.
[451] Rumford, Untersuchung der durch Friktion hervorgebrachten Wärme, vorgelesen in der
Königl. Sozietät der Wissenschaften, den 25. Januar 1798.
[452] In den »Contributions to phys. and medic. knowledge« collect. by Beddoes. 1799.
[453] Der Versuch wurde von Davy in der Weise angestellt, daß zwei Eisstücke unter einer
luftleeren Glasglocke bei einer unter dem Gefrierpunkte liegenden Temperatur vermittelst eines
Uhrwerkes aneinander gerieben wurden.
[454] Erasmus Darwin (der Großvater von Charles Darwin), Frigoric experiments on the
mechanical expansion of air. Phil. Trans. 1788.
[455] J. Dalton, Experiments and Observations on the Heat and Cold produced by the
mechanical condensation and rarefaction of air. Manch. Soc. V, p. II (1802).
[456] Ein Arbeiter einer Gewehrfabrik soll diese Entdeckung bei Versuchen mit der
Windbüchse gemacht haben. Rosenberger, Geschichte der Physik Bd. III. S. 224.
[457] Siehe S. 266 dieses Bandes.
[458] Mém. de la Société d'Arcueil I, 180 (1807).
[459] Mach, Prinzipien der Wärmelehre, S. 210.
[460] Scheele, Chemische Abhandlung von der Luft und dem Feuer. (Ostwalds Klassiker,
Nr. 58, S. 54).
[461] Durch Ritter. Siehe Gilberts Annalen VII, 1801. S. 525.
[462] Philosoph. Transact. 1802.
[463] William Hyde Wollaston wurde 1766 geboren. Er war Mitglied der Royal Society
und starb 1828 in London. Wollaston entdeckte das Rhodium und das Palladium. Seine
Erfindung, Platin zu schmieden, brachte ihm so reiche Mittel ein, daß er davon als Privatmann
leben konnte.
[464] Thomas Young wurde 1773 geboren. Er wirkte als Professor der Physik an der Royal
Institution in London und war Mitglied der Royal Society. Young starb 1829 in London. Er
gehörte zu den vielseitigsten Menschen, die je gelebt haben. Young war Arzt, Philosoph,
Mathematiker, Physiker, Archäologe und gleichzeitig ein Weltmann, der in den vornehmsten
Kreisen Londons einen Ruf als Reiter, Musiker und Maler genoß. Derselbe Young, der auf den
Gebieten der Physik und der Physiologie so Hervorragendes leistete, gehörte zu den ersten
Archäologen, denen die Enträtselung der Hieroglyphen gelang.
[465] Philos. Transact. 1804. S. 1.

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[466] Young, On the theory of light and colours. Phil. Transact. 1802. Seite 12.
[467] Helmholtz, Handbuch der physiologischen Optik. Leipzig 1876. S. 291 u. f.
[468] Newton, Optice. Lib. III. Quaestio XXVI: Annon radiorum luminis diversa sunt latera,
diversis proprietatibus congenitis praedita?
[469] Étienne Louis Malus wurde 1775 in Paris geboren. Er besuchte dort die Schule für
Militäringenieure und später die École polytechnique, wo Monge auf ihn aufmerksam wurde.
(Über Monge s. S. 120 u. f.). Schon damals wandte sich Malus optischen Untersuchungen zu.
Seine wissenschaftliche Tätigkeit wurde durch den Feldzug nach Ägypten und andere
napoleonische Kriege unterbrochen. Später wirkte Malus an der École polytechnique in Paris,
wo er schon im Jahre 1812 starb.
[470] Sur une propriété de la lumière réfléchie par les corps diaphanes. Gelesen 1808.
Veröffentlicht in den Mémoires d'Arcueil II. 143 (1809).
[471] Aragos Werke. Bd. III. S. 117.
[472] Augustin Jean Fresnel wurde 1788 in der Normandie geboren. Er besuchte die École
polytechnique zu Paris und starb dort 1827. Fresnel wirkte an der École polytechnique und als
Mitglied einer Leuchtturmkommission. In dieser Stellung hat er sich um die Verbesserung der
Leuchtvorrichtungen sehr verdient gemacht (Fresnelscher Prismenapparat).
[473] Fresnel, Mémoire sur la diffraction de la lumière (Annales chim.-phys. I. 1816 et XI,
1819).
[474] Mémoire sur la loi des modifications, que la reflexion imprime à la lumière polarisée.
[475] Z. B. die von Hamilton abgeleitete und von Lloyd am Aragonit nachgewiesene
konische Refraktion. Hamilton in Poggendorffs Annalen Bd. XXVIII. Lloyd ebenda.
[476] Foucault, Sur les vitesses relatives de la lumière dans l'air et dans l'eau (Annales chim.
phys. XLI. 1854).
[477] Siehe an späterer Stelle.
[478] Betrachtungen über die bewegende Kraft des Feuers und die zur Entwicklung dieser
Kraft geeigneten Maschinen von S. Carnot. Übersetzt und herausgegeben von W. Ostwald.
Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 37. Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann, 1892. Der Titel des Originals lautet: Réflexions sur la puissance motrice du feu et
sur les machines propres à développer cette puissance par S. Carnot. Paris 1824.
[479] Dieser wurde samt der Abhandlung im Jahre 1878 von Carnots Bruder herausgegeben
(Paris, Gauthier Villars).
[480] Mach, Prinzipien der Wärmelehre. S. 215.
[481] Mach, S. 218.
[482] Siehe S. 52 dieses Bandes.
[483] Gilberts Annalen VII. 1801. S. 137.
[484] Philos. Transact. 27. III. 1800, S. 255. Investigation of the Powers of the prismatic
Colours to heat and illuminate Objects.
[485] Philos. Trans. 24. IV. 1800, S. 284. Experiments on the Refrangibility of the invisible
Rays of the Sun.
[486] St. Léonard in Limousin.

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[487] Aragos Werke, Bd. III. S. 14.
[488] Siehe S. 140 dieses Bandes.
[489] Annales de chimie IX. 1791. S. 239.
[490] Journal de Physique, 60. S. 129-158. Neuerdings veröffentlicht im 42. Bande von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,
1893.
[491] Recherche sur la dilatation des gases et des vapeurs (Ann. chim. et phys. XLIII, 1802).
Die Abhandlung wurde neuerdings im 44. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften in deutscher Übersetzung herausgegeben.
[492] Ostwalds Klassiker, Nr. 44, S. 24.
[493] Siehe Bd. IV dieses Werkes.
[494] Daß Sauerstoff löslicher ist als Stickstoff, wußte schon Scheele. Siehe S. 147.
[495] NH3 + HCl = NH4Cl (Salmiak).
[496] SO2 + O = SO3.
[497] Mémoire sur la combinaison des substances gazeuses, les unes avec les autres (Mém. de
la société d'Arcueil, 1809). In der Übersetzung herausgegeben in Ostwalds Klassikern der
exakten Wissenschaften, Bd. 42. Leipzig, Engelmann, 1893.
[498] CO + O = CO2.
[499] Sie besagt, daß die Volumeinheit aller Gase bei gleichem Druck und gleicher Temperatur
dieselbe Anzahl von Molekülen enthält. Siehe Avogadros Abhandlung vom Jahre 1811 in
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Bd. 8. Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1889.
[500] Kopp, Gesch. d. Chemie IV. S. 13.
[501] Näheres hierüber siehe Kopp, Gesch. d. Chemie IV. S. 13.
[502] HCl, HJ, H2S.
[503] HClO3 und HJO3, deren Säureanhydride Cl2O5 und J2O5 sind.
[504] Näheres siehe im IV. Bande dieses Werkes.
[505] Siehe S. 173 dieses Bandes.
[506] Ostwalds Klassiker Nr. 4. S. 9.
[507] Gay-Lussac, Recherches sur l'acide prussique. Annales de chim. 1815. S. 136-231.
[508] Liebig, Handbuch der organischen Chemie. S. 1.
[509] Siehe S. 164 dieses Bandes.
[510] Aragos Werke. Bd. III. S. 57.
[511] William Henry, geboren 1775 zu Manchester; gestorben 1836.
[512] Philos. Transact. 1803 und Gilberts Annalen XX. S. 147.
[513] Im 3. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von
W. Ostwald. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1889.
[514] Siehe S. 180 dieses Bandes.

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[515] Siehe hierüber S. 173 dieses Bandes.
[516] Die betreffende Abhandlung von Gauß wurde im 14. Bande von Ostwalds Klassikern
der exakten Wissenschaften von E. Netto in deutscher Übersetzung herausgegeben. Siehe dort
S. 3-36. Gauß kam auf denselben Gegenstand noch dreimal zurück. Sämtliche 4 Arbeiten
finden sich im 14. Bd. der Klassiker vereinigt. Leipzig, W. Engelmann, 1900.
[517] Erster und zweiter Beweis der Fundamentaltheorien über quadratische Reste. Im 122.
Bande von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von Eugen
Netto. Leipzig, W. Engelmann, 1901.
[518] Zachs astronomische Korrespondenz.
[519] Gauß Werke, Bd. VI. S. 65.
[520] Sie rührt von Hasse her und ist in Hannover erschienen. In der Übersetzung lautet der
Titel des Gaußschen Werkes: Theorie der Bewegung derjenigen Himmelskörper, die sich um
die Sonne in Kegelschnitten bewegen.
[521] Légendre, Nouvelles méthodes pour la détermination des orbites des comètes.
[522] Theoria combinationis observationum erroribus minimis obnoxiae. 1821.
[523] Nr. 159 und 270.
[524] C. G. J. Jacobi, Über die Bildung und die Eigenschaften der Determinanten und über
die Funktionaldeterminanten. Beide Abhandlungen erschienen 1841 im Crelleschen Journal.
Sie wurden 1896 als 77. und 78. Bd. von Ostwalds Klassikern durch P. Stäckel mit
Anmerkungen herausgegeben.
[525] Laplace, Théorie capillaire im Anhang zum 10. Buche der Mécanique céleste. Siehe
auch Gilberts Annalen XXXIII.
[526] C. F. Gauß, Allgemeine Grundlagen einer Theorie der Gestalt von Flüssigkeiten im
Zustande des Gleichgewichts, 1830. In deutscher Übersetzung herausgegeben von H. Weber
als 135. Band von Ostwalds Klassikern. Leipzig, W. Engelmann, 1903.
[527] Eine vortreffliche Geschichte der Attraktionstheorie rührt von J. Todhunter her. Siehe
Anm. 1 auf S. 244 dieses Bandes.
[528] Mém. de Berlin. 1777. S. 155.
[529] Mémoires de l'académie roy. de Paris 1782. S. 113-196. Die Abhandlung wurde teilweise
in der Mécanique céleste aufgenommen. Dieser Abschnitt der Mécanique céleste erschien in
deutscher Übersetzung im 19. Bande von Ostwalds Klassikern. Leipzig, W. Engelmann, 1890.
[530] G. Green, Ein Versuch, die mathematische Analysis auf die Theorien der Elektrizität
und des Magnetismus anzuwenden. In deutscher Übersetzung und mit Erläuterungen
herausgegeben von Wangerin und v. Oettingen. Ostwalds Klassiker Nr. 61. Leipzig, W.
Engelmann, 1895.
[531] Für Kräfte, die nicht nach dem Newtonschen Gesetze wirken, hat man später den
Ausdruck Kräftefunktion eingeführt.
[532] Der wichtigste dieser Sätze, der noch heute bei der Anwendung der Potentialtheorie eine
große Rolle spielt, wird der »Satz von Green« genannt. Er findet sich im dritten Abschnitt
seiner Abhandlung entwickelt (Ostwalds Klassiker, Bd. 61, S. 24-28) und betrifft den Fall,
daß U und V zwei Funktionen von x, y, z bedeuten, deren Werte für jeden Punkt im Innern
eines Raumes als gegeben angesehen werden können.

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Der von Green für diesen Fall entdeckte Satz lautet unter der Annahme, daß die Funktionen
von U und V, sowie die ersten Derivierten von U und V im Innern des betreffenden Raumes
endlich und stetig variabel sind:

∭ dx · dy · dz · U · δV + ∫dσ · U
( )∭
dV
dw
= dx · dy · dz · VδU + ∫dσ · V
( )
dU
dw

dV und dU sind die bekannten Abkürzungen für den Ausdruck in der Laplaceschen
Gleichung, dσ ein Oberflächenelement und dw ein Linienelement senkrecht zu dσ und nach
dem Innern des Körpers gemessen. Näheres siehe auch Riemann-Hattendorff, Schwere,
Elektrizität und Magnetismus § 20.
[533] Ostwalds Klassiker, Nr. 61, S. 45.
[534] Ostwalds Klassiker, Nr. 61, S. 48.
[535] Ostwalds Klassiker, Nr. 61, S. 62.
[536] Grelles Journal für Mathematik 1850.
[537] Siehe Anmerkung auf S. 302 dieses Bandes.
[538] C. F. Gauß, Allgemeine Lehrsätze in Beziehung auf die im verkehrten Verhältnisse des
Quadrates der Entfernung wirkenden Anziehungs- und Abstoßungskräfte. Als 2. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften, herausgegeben von A. Wangerin. Leipzig,
Verlag von W. Engelmann, 1902.
[539] Gauß' Werke Bd. V. S. 119.
[540] C. F. Gauß, Die Intensität der erdmagnetischen Kraft auf absolutes Maß zurückgeführt.
1832. Als 53. Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften, herausgegeben von
E. Dorn. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1894.
[541] An Stelle dieser Einheiten traten später nach dem Beschlusse der Pariser Konferenz vom
Jahre 1881 das Zentimeter, das Gramm und die Sekunde.
[542] Siehe S. 306 dieses Bandes.
[543] Ostwalds Klassiker, Nr. 53, S. 27.
[544] Gauß Werke. Bd. IV. S. 259. Göttingen 1873.
[545] Siehe Band II, S. 395.
[546] Die betreffendes Abhandlungen von Lagrange (1779) und Gauß (1822) wurden durch
A. Wangerin als 55. Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften von neuem
herausgegeben. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1894.
[547] C. F. Gauß, Allgemeine Flächentheorie (1827). Deutsch herausgegeben von A.
Wangerin als 5. Band von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, W.
Engelmann, 1889.
[548] Ostwalds Klassiker, Nr. 5, S. 29.
[549] Ostwalds Klassiker, Nr. 5, S. 30.
[550] Ostwalds Klassiker, Nr. 5, S. 36.
[551] Dieses größte Dreieck, das gemessen wurde, besaß die Winkelpunkte Brocken,
Inselsberg, Hohenhagen. Die Entfernungen dieser Punkte betragen 106702 m, 84957 m und

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69195 m. Die Winkelsumme belief sich auf 180° 0' 14,85''. Der sphärische Exzeß betrug also
14,85''.
Näheres über die trigonometrische Vermessung des Königreichs Hannover enthält die Schrift
»C. F. Gauß, Untersuchungen über Gegenstände der höheren Geodäsie.« Sie wurde als 177.
Band von Ostwalds Klassikern neu herausgegeben von S. Frischauf (Leipzig, W.
Engelmann, 1910). Nicht die Resultate jener Messung, sondern der Allgemeinwert des von
Gauß dabei befolgten Weges rechtfertigt die Neuausgabe jener Abhandlung.
[552] Es ist nämlich α + γ = 90° = β + δ. Folglich ist α + β + γ + δ = 2 R.
[553] Sartorius von Waltershausen, Gauß zum Gedächtnis. Leipzig 1856. S. 78.
[554] Die wichtigsten Abhandlungen von Gauß sind in folgenden Nummern von Ostwalds
Klassikern der exakten Wissenschaften bei W. Engelmann in Leipzig erschienen: 2, 5, 14, 19,
53, 55, 122, 135, 177.
[555] Kummer.
[556] Das graphische Verfahren zur übersichtlichen Darstellung tellurischer Erscheinungen hat
zuerst Halley angewandt, als er die Orte gleicher Deklination verband.
[557] Die betreffende Arbeit Humboldts erschien in den Mémoires de la Société d'Arcueil
unter dem Titel: Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe 1817. III.
462 u. f. Siehe auch die Abhandlung vom Juli 1827 in den Berichten der Berliner Akademie der
Wissenschaften.
[558] 1683-1811.
[559] Peschel, Geschichte der Erdkunde 1865. S. 654.
[560] Buys-Ballot 1851.
[561] Siehe S. 307 dieses Bandes.
[562] Bruhns, Alexander von Humboldt. I. S. 67.
[563] Bruhns, I. S. 95.
[564] Bruhns, I. S. 103.
[565] Humboldt, Essai géognostique. Übersetzt von Leonhardt. 1823.
[566] Böttiger, Literarische Zustände und Zeitgenossen. I. 22.
[567] A. v. Humboldt, Versuche über die gereizte Nerven- und Muskelfaser nebst
Vermutungen über den chemischen Prozeß des Lebens in der Tier- und Pflanzenwelt. 2 Bde.
1797-1799.
Eine poesievolle Darstellung seiner Auffassung von der Lebenskraft gab von Humboldt in
Schillers Horen (1795) unter der Überschrift: Die Lebenskraft oder der rhodische Genius.
[568] In sehr bezeichnender Weise äußert sich diese Stimmung Goethes in folgenden Versen:
Basalt, der schwarze Teufelsmoor,
Aus tiefster Hölle bricht hervor,
Zerspaltet Fels, Gestein und Erden,
Omega muß zum Alpha werden:
Und so wär denn die liebe Welt
Geognostisch auf den Kopf gestellt.

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[569] Festrede bei der Humboldtfeier am 5. Aug. 1844.
[570] Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents in den Jahren 1799-1804. Eine
deutsche Übersetzung des von Bonpland und von Humboldt verfaßten Berichtes erschien
1818-1829 bei J. G. Cotta.
[571] Nach der barometrischen Formel 18096 Pariser Fuß.
[572] Von 1808-1826.
[573] Von 1805-1834. Der Preis des ganzen Werkes betrug 9500 Franken. Die Kosten der
Reise, die von Humboldt aus eigenen Mitteln bestritten hatte, beliefen sich auf etwa 100000
Mark.
[574] Siehe S. 284, sowie Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 42.
[575] Eine genaue Inhaltsangabe des gesamten Werkes, dessen Herausgabe den Rest des
Humboldtschen Vermögens verschlang, enthält die große von Bruhns im Verein mit Dove,
Peschel, Griesebach, Carus und anderen Gelehrten herausgegebene wissenschaftliche
Biographie über Alexander von Humboldt. 3 Bände, Brockhaus 1872. Manche Abschnitte
sind auch in deutscher Übersetzung erschienen, so die Reisebeschreibung unter Mitwirkung
Humboldts in 4 Bänden. (Stuttgart 1859-1860.)
[576] Ein von dem russischen Finanzminister im Jahre 1827 gefordertes Gutachten über die
Verwendung des im Ural entdeckten Platins ist die Veranlassung zu Humboldts asiatischer
Reise gewesen.
[577] Der Kosmos ist in elf fremde Sprachen übersetzt worden.
[578] Bruhns. Bd. II. S. 357.
[579] Karl Ludwig Willdenow, Berlin, 1765-1812.
[580] Siehe S. 81 dieses Bandes.
[581] Ideen, S. 2.
[582] Ideen, S. 10.
[583] Ideen, S. 21.
[584] Ideen, S. 15.
[585] Ideen, S. 17.
[586] Bruhns (Grisebach) III. 248.
[587] Rélation historique I. 600.
[588] Naturgemälde der Tropenländer, S. 58-76.
[589] Naturgemälde, S. 76.
[590] Bruhns, III. 236.
[591] Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein. 1790.
[592] Cordier, 1815, Journ. Min. XXXVIII.
[593] Annales de Chimie. 1823.
[594] Kosmos, Bd. IV, S. 270.
[595] Bruhns, III. S. 184.

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[596] Description of a reflective Goniometer. Philos. Transactions 1809.
[597] Hauy, Essai d'une théorie sur la structure des cristaux. Paris 1784.
[598] Siehe auch Hauy, Exposition de la structure des cristaux in den Annales de Chimie 1793
(17. Bd.) S. 225 u. f.
Einige Jahre früher hatte Hauy die schwierigen Kristallisationsverhältnisse, welche der
Staurolith darbietet, genauer beschrieben. Siehe Annales de Chimie. Bd. IV (1790).
[599] Bernhardi, Über die Kristallisation des Arsenkieses. Gehlens Journal für die Chemie
und Physik. 1807. III.
[600] Martin Heinrich Klaproth wurde 1743 in Wernigerode geboren. Er erlernte die
Pharmazie. Seit der Begründung der Berliner Universität (1810) wirkte er dort als Professor der
Chemie. Klaproth starb 1817 in Berlin.
[601] Fuchs in Schweiggers Journal vom Jahre 1815.
[602] Die Metalle, die er in beide Säuren eintreten ließ, waren Kalium, Natrium, Barium, Blei.
[603] Mitscherlich, Über die Kristallisation der Salze. Abhandlungen der Berliner Akademie
1818/19. Mitscherlichs im Jahre 1821 veröffentlichte Untersuchung über das Verhältnis
zwischen der chemischen Zusammensetzung und der Kristallform arseniksaurer und
phosphorsaurer Salze erschien als 94. Band von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften. Leipzig 1898.
[604] Ostwalds Klassiker Nr. 94. S. 54.
[605] Abhandlungen der Berliner Akademie 1822/23. S. 43 ff.
[606] G. Rose, 1837. Poggendorffs Annalen XLII.
[607] Abhandlungen der Berliner Akademie von 1822/23.
[608] A. W. Hofmann, Ein Jahrhundert chemischer Forschung unter dem Schirme der
Hohenzollern.
[609] Péligot, Annales chim. phys. V, 1842 und XII, 1844.
[610] Arago, Mémoires de l'Institut de France. 1811.
[611] Michael Adanson wurde 1727 in Aix geboren. Er war Mitglied der Akademie der
Wissenschaften in Paris und starb dort 1806.
[612] Er stellte deren nicht weniger als 65 auf.
[613] Geboren 1732 in Württemberg. Gärtner bekleidete ein Lehramt in Tübingen und später
in Petersburg. Seit 1770 lebte er wieder in Württemberg, ganz mit der Abfassung seines
wissenschaftlichen Hauptwerkes beschäftigt. Letzteres erschien 1788-1791 unter dem Titel: De
fructibus et seminibus plantarum. Gärtner starb im Jahre 1791.
[614] Nur hin und wieder griff Gärtner auf die früheren Formverhältnisse zurück.
[615] Unter diesem Titel wurde das epochemachende Buch ins Deutsche übersetzt (durch Dr.
Römer, Zürich 1815). Der vollständige Titel des Originales lautet: Théorie élémentaire de la
botanique ou exposition des principes de la classification naturelle et de l'art d'écrire et
d'étudier les végétaux, Paris 1813.
[616] Organographie végétale, Paris 1827. 2 Bände. Eine deutsche Bearbeitung gab C. F.
Meisner 1828 heraus. Ihr Titel lautet: Organographie der Gewächse oder kritische

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Beschreibung der Pflanzenorgane. Eine Fortsetzung und Entwicklung der Anfangsgründe der
Botanik und Einleitung zur Pflanzenphysiologie und der Beschreibung der Familien.
[617] Sachs, in seiner Geschichte der Botanik.
[618] So Gleditsch: Mém. de l'Académie de Berlin, 1748. S. 60.
[619] Sprengel, Geschichte der Botanik II. 249.
[620] A. Kirchhoff, Die Idee der Pflanzenmetamorphose bei Wolff und Goethe. 1867.
[621] Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher 1908. S. 227.
[622] Daß Goethes umfangreiche, im ganzen als verfehlt zu betrachtende Farbenlehre (sie
umfaßt allein fünf Bände der großen Weimarer Goetheausgabe) manchen trefflichen Gedanken
aufweist, hat vor einigen Jahren E. v. Lippmann gezeigt (Zeitschrift für Naturwissenschaften,
Bd. 74, 1901). Die Hauptschwäche der Goetheschen physikalischen Untersuchungen besteht
darin, daß er das experimentelle und mathematische Rüstzeug des Physikers nicht nur nicht
genügend kannte, sondern es auch allzu gering einschätzte. Von seinem Mißerfolg ließ sich
Goethe nicht überzeugen; er betrachtete vielmehr seine Farbenlehre als sein verdienstvollstes
Werk, dem gegenüber er sich »auf alles, was er als Poet geleistet, nichts einbildete.«
[623] Goethes Metamorphosenlehre hat vor kurzem A. Hansen in ihrer Bedeutung und in
ihrem Zusammenhange mit den Arbeiten Wolffs gewürdigt. Siehe A. Hansen, Goethes
Metamorphose der Pflanzen. Goethe, Jahrbuch XXVII. Band 1906. S. 207-225 und das unter
dem gleichen Titel erschienene ausführlichere Werk Hansens.
[624] Sechs pflanzenphysiologische Abhandlungen von Thomas Andrew Knight (1803-
1812); übersetzt und herausgegeben von H. Ambronn. Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften. Band 62. Leipzig, W. Engelmann, 1895.
[625] Durch Johnson im Jahre 1823.
[626] Abhandlung vom Jahre 1811.
[627] Siehe Abschnitt 5 dieses Bandes.
[628] Abhandlung vom Jahre 1812.
[629] Siehe Seite 140 dieses Bandes.
[630] Ingenhouß, Versuche mit Pflanzen; übersetzt von Scherer, 1786.
[631] Durch Senebier.
[632] Eine Würdigung der Verdienste des Arztes und Naturforschers Ingenhouß erfolgte
neuerdings durch J. Wiesner: Jan. Ingenhouß. Sein Leben und sein Wirken. Wien, 1905.
Nach seiner Promotion zum Doktor der Medizin studierte Ingenhouß Physik und Chemie in
Leyden. Er ging also wohl vorbereitet an die große Aufgabe heran, einen Einblick in den
Gasaustausch und die chemischen Vorgänge der Pflanze zu erlangen.
An Einzelheiten teilt Wiesner mit, daß Ingenhouß das Deckgläschen in die mikroskopische
Technik eingeführt und zuerst eine Uhrfeder in Sauerstoff verbrannt habe. Auch der Ersatz der
Glaskugel oder Walze der älteren Elektrisiermaschinen durch eine Glasscheibe wird auf
Ingenhouß zurückgeführt.
[633] Théodore de Saussure, Recherches chimiques sur la végétation. Paris 1804. Übersetzt
herausgegeben von Dr. A. Wieler als 15. und 16. Band von Ostwalds Klassikern.
[634] 1822.

Page 423

[635] Siehe Ostwalds Klassiker Nr. 15 und 16.
[636] Siehe S. 353 dieses Bandes.
[637] Die Übersetzung rührt von Röper her (Cottasche Buchhandlung, 1833). Der Titel des
Originals lautet: Physiologie végétale, ou exposition des forces et des fonctions vitales des
végétaux par A. P. De Candolle. Paris 1832.
[638] Decandolle, Bd. I. S. 421.
[639] Hier kommt besonders Treviranus in Betracht, der 1835 eine Physiologie der Gewächse
herausgab.
[640] Meyen, Neues System der Pflanzenphysiologie. 1838.
[641] Buffon, Histoire naturelle, générale et particulière, 1749-1788.
[642] Histoire naturelle, II, 4.
[643] Geoffroy Saint-Hilaire wurde 1772 in der Nähe von Paris geboren. Er wirkte als
Professor der Zoologie am Jardin des Plantes in Paris und starb dort 1844.
[644] Cuvier, Discours sur les révolutions de la surface du globe. I, 1.
[645] Cuvier, Discours sur les révolutions. I, 87.
[646] Leçons d'anatomie comparée. 1805. Übersetzt von Froriep und Meckel. 4 Bde. Leipzig
1809.
[647] 1802.
[648] Règne animal. 2. Afl. I, 10.
[649] In der Vorrede zur 1. Auflage d. Règne animal.
[650] »Sur un nouveau rapprochement à établir entre les classes, qui composent le règne
animal«. Annales du Muséum d'histoire naturelle. Tome XIX. 1812. pag. 73 ff.
[651] Cuvier, Règne animal.
[652] Oken in der Zeitschrift »Isis«. Jahrgang 1832, Seite 1303.
[653] De generis humani varietate nativa. Göttingen, 1775.
[654] Näheres siehe in Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. 1908. Seite 251.
[655] Recherches sur les ossements fossiles 1811. Der erste, die Grundzüge der
Katastrophenlehre enthaltende Abschnitt führt darin die Überschrift Discours préliminaire. In
der zweiten Auflage der Recherches (1821-1824) wird dieser Abschnitt als Discours sur les
révolutions de la surface du globe bezeichnet. Dieser Abschnitt wurde mehrfach in deutscher
Bearbeitung herausgegeben, so z. B. von C. G. Giebel unter dem Titel »Die
Erdumwälzungen« von Georg Cuvier.
[656] Siehe S. 378 dieses Bandes.
[657] Er starb im Jahre 1852 in Berlin.
[658] Siehe Band II, S. 411 u. f.
[659] Das Werk erschien 1826, während die Erforschung dieser Inselgruppe durch Buch etwa
ein Jahrzehnt früher stattfand.
[660] Siehe S. 106 u. f. dieses Bandes.

Page 424

[661] Christian Heinrich Pander (1794-1865) ließ seine Arbeit, die er auf Anregung seines
Lehrers Döllinger unternahm, 1817 als Dissertation erscheinen. Später gab er eine deutsche
Bearbeitung heraus, der 16 musterhaft gestochene Kupfertafeln beigefügt sind. Pander war
gleich so vielen hervorragenden Deutschen des 18. und 19. Jahrhunderts Mitglied der
Akademie in Petersburg.
[662] Eine Auswahl aus den Schriften von Baers enthält das Buch: Remigius Stölzle, Karl
Ernst von Baers Schriften. Stuttgart, Greiner und Pfeiffer. VI. 230 S. Das Buch schildert das
Wirken von Baers als Lehrer, Forscher und Philosoph. Die Auswahl ist besonders seinen
»Reden« entnommen. In ihnen behandelt von Baer Stoffe aus der Naturphilosophie, der
Anthropologie und der Entwicklungslehre.
Eine Biographie von Baers veröffentlichte Wilhelm Haacke als dritten Band der »Klassiker
der Naturwissenschaften« (Leipzig, Th. Thomas, 1905. 175 S.). Haacke macht die umfassende
naturwissenschaftliche Weltanschauung von Baers zum Hauptgegenstande seiner Darstellung.
[663] Von Baer, De ovi et animalium genesi epistola.
[664] J. C. Purkinje (1787-1869), Professor in Breslau. Symbolae ad ovi avium historiam
ante incubationem. 1825.
[665] Erwähnt sei, daß die ersten Beobachtungen über die Furchung von Prevost und Dumas
1824 am Froschei gemacht wurden (Ann. des sciences nat. Bd. 2. S. 110).
[666] S. Bd. IV dieses Werkes.
[667] Von Baer, Untersuchungen über die Gefäßverbindungen zwischen Mutter und Frucht in
den Säugetieren. 1828.
[668] Martin Heinrich Rathke, Professor der Zoologie in Königsberg (1793-1860).

Page 425

Namenverzeichnis.
A.

Abel 125, 130-134.
Adanson 350, 351.
Aepinus 7, 8, 22, 25, 26.
d'Alembert 19, 297.
Amontons 44, 55.
Ampère 227-235, 236.
Arago 226, 235, 236, 283, 291, 349.
Aristoteles 69.

B.

Babinet 228.
v. Baer 99, 114, 391-393.
Balard 290, 295.
Beccaria 20.
Behrens 207, 208.
Benzenberg 261, 262.
Bergmann 26, 140, 143, 146, 150-154, 169, 171, 340, 342.
Berghaus 320.
Bernoulli, Daniel 48, 301.
Berthollet 151, 167-173, 175, 282, 284, 387, 294.
Berzelius 138, 176, 184-188, 294, 295, 342-348.
Biot 283.
Black 48-52, 54, 140.
Blagden 58, 59.
Blumenbach 68, 322, 383, 384.
Boerhave 111, 115.
Bonpland 325.
Borelli 40, 112.
Bose 11.

Page 426

Boussingault 370.
Boyle 138, 158, 161, 166, 265, 293.
Bradley 80.
Brandes 261.
Brücke 75.
v. Buch 286, 323, 337, 338, 388, 389.
Buffon 376.
Buys-Ballot 321.

C.

Caesalpin 63, 105.
Camerarius 63, 80-83, 111.
Camper 384.
Carlisle 211, 212.
Carnot 271, 278-280.
Cassini 252.
Cavendish 31, 32, 141, 164, 165, 175, 284.
Celsius 43, 389.
Charles 282.
Chladni 258-261.
Collinson 15, 17.
Cordier 337.
Coulomb 27-32, 232, 302, 310.
Cramer 299.
Crelle 125.
Cullen 51.
Cunaeus 9.
Cusa 46.
Cuvier 328, 329, 376-388.

D.

Dalton 118, 138, 172, 178-183, 269, 292, 293.
Ch. Darwin 91.
E. Darwin 269.
Davy 13, 169, 173, 174, 212-223, 268, 269, 295.
Decandolle 67, 353-357, 372-374.

Page 427

Delambre 228.
Dela Rive 221.
Deluc 48.
Desargues 122, 123.
Descartes 15, 122.
Dillenius 82.
Döbereiner 290.
v. Döllinger 391.
Dove 320, 321.
Du Fay 7, 8.
Dürer 119, 120.

E.

Ehrenberg 329.
Erman 209.
Euler 14, 15, 48, 130, 133, 134, 242, 297.

F.

Fahrenheit 39-41, 43, 58.
Faraday 22, 26, 215, 226.
Fontana 283.
Forster 322.
Foucault 277.
Fourcroy 174.
Fourier 131, 136.
Franklin 7, 10, 14-20, 22.
Fraunhofer 273, 277.
Fresnel 276, 277.
Füchsel 385.
Fulton 37.

G.

Gahn 143.
Galilei 7, 38.
Galvani 190-196.

Page 428

Gärtner 352.
Gauß 129, 130, 249, 296-298, 303 bis 318, 321.
Gay-Lussac 45, 138, 169, 173, 225, 235, 236, 270, 282-291, 295, 320,
327, 343.
Gilbert 6.
Gleditsch 65, 81.
Gmelin 322.
Göpel 135.
Goethe 110, 225, 323-325, 357, 358, 376.
Gould 46.
de Graaf 391, 392.
Gralath 10, 12.
Green 302, 303-306.
Grew 66, 77.
Grey 8, 9.
Grothuß 215.
Grummert 13.
Guericke 6, 8, 10.
Guglielmini 262.
Gülcher 239.

H.

Hales 53, 66, 71-79, 139, 147, 364.
von Haller 106, 110-115.
Halley 38, 39, 254, 320, 321.
Hamilton 277.
Harvey 71, 106, 114.
Hausen 11.
Hauy 340-343.
Hawksbee 6, 7, 10.
Helmholtz 274, 318.
v. Helmont 139, 155.
Henry 292.
J. Herschel 255.
W. Herschel 241, 247-257, 272, 281.
Hooke 39.

Page 429

A. v. Humboldt 125, 211-213, 257, 284, 286, 307, 308, 319-339, 347,
388, 389.
W. v. Humboldt 224.
Hunter 24.
Hutton 385.
Huygens 14, 251, 274.

J.

Jacobi 133, 134, 299.
Ingenhouß 365.
Joule 267.
Jungius 63, 106.
A. L. de Jussieu 67, 351-353.
B. de Jussieu 67, 351.

K.

Kant 246-248, 257.
Kästner 18.
Kepler 113.
Kienmayer 11.
Kinnersley 16, 17.
Kirchhoff 118.
Klaproth 342, 343, 348, 349.
v. Kleist 9.
Knight 360-364.
v. Kobell 342.
Kölreuter 80, 82-90, 106.

L.

Lagrange 130, 299, 301, 302, 313.
Lambert 44, 45, 46, 247, 313.
Laplace 54-57, 116, 118, 143, 241 bis 246, 257, 299, 300, 302.
Lavoisier 21, 52, 54-57, 79, 138, 139, 147, 152, 155-168, 173, 175,
215, 264, 283, 291, 294, 295.
Le Monnier 12, 20.

Page 430

Ledermüller 91, 92, 102, 103.
Leeuwenhoek 82, 101, 102.
Legendre 134, 135, 298.
Leibniz 110, 299.
Lejeune-Dirichlet 135-137.
Lichtenberg 18, 322.
Lieberkühn 115.
Liebig 191.
Linné 60-68, 82, 86, 99, 106, 340, 350, 383.
Lionardo da Vinci 46.
Lloyd 277.
Lobatschefskij 122.
Lomonossow 48, 117, 118.

M.

Magnus 185.
Malpighi 66, 112.
Malus 275, 276.
Mariotte 52, 69, 70, 113, 293.
v. Marum 12.
T. Mayer 242.
R. Mayer 271.
Mayow 49, 155, 157.
Meckel 114, 115, 390.
Melloni 239.
Mendelejeff 290.
Messier 254.
L. Meyer 290.
Mitscherlich 185, 343-347.
Moissan 295.
Monge 119-124.
Montgolfier 282.
Müller, Johannes v. 112, 205.
Musschenbroek 9, 45.

N.

Page 431

Naumann 342.
Newcomen 33-36.
Newton 244, 262, 275, 301.
Nicholson 206, 212.
Nobili 239.
Noë 239.

O.

Oersted 223-228, 231, 236.
Ohm 207.
Olbers 249.

P.

Pallas 258.
Pander 390-393.
Papin 33-35.
Pascal 122.
Peyssonel 99.
Pfaff 132.
Piazzi 249, 297.
Picard 6.
Pictet 53.
Planté 210.
Plücker 128.
Poisson 302.
Poncelet 122-124.
Pouillet 224.
Priestley 20, 79, 138-143, 146, 147, 155, 158, 160, 163, 165, 168, 213,
283, 364.
Proust 175, 176, 178.
Prout 184.

R.

Ramsay 141.
Rathke 393.

Page 432

Ray 63, 99.
Rayleigh 141.
Réaumur 21, 41, 103.
Redi 105.
Regnault 52.
Reich 262.
Reimarus 18.
Renaldini 38.
Rey 157.
Richer 23.
Richmann 20.
Richter 118, 176, 177, 187.
Riemann 136, 137.
Rieß 208.
Ritter 206, 207, 209, 210, 212, 213.
de Romas 20.
Rose 185, 329.
Rosenhain 135.
Rösel von Rosenhof 102, 104.
Rousseau 227.
Rumford 13, 265-270.

S.

G. Saint-Hilaire 370, 382.
Th. de Saussure 353, 366-372.
H. B. de Saussure 31, 46, 47, 320, 321, 335, 366.
Scheele 138, 139, 143-149, 155, 156, 160, 165, 173, 272, 291, 340.
Schulze 149.
Schumacher 312.
Schwann 108, 392.
Seebeck 225-227, 235-239.
Senebier 353.
Silberschlag 258, 259.
Spallanzani 89, 101, 105.
Sprengel 89-98.
Stahl 53, 138.

Page 433

Steiner 122, 125-128.
Stephenson 37.
Sturm 131.
Sulzer 189.
Swammerdam 102, 105, 115.
Symmer 15.

T.

Thenard 288.
Trembley 99, 100, 101, 104.
Treviranus 375.
van Troostwyk 21.

V.

Valenciennes 328, 329.
Vitruvius 119.
Volta 195-207, 210, 211.

W.

Wall 16.
Walsh 23, 24.
Watson 12, 13.
Watt 36-38, 52, 267.
E. H. Weber 113.
W. Weber 233, 307, 311.
Wedgwood 45.
Weiß 342.
Wenzel 118, 176.
Werner 323, 340, 388.
Westrumb 174.
Widmanstätten 261.
Wilke 22, 23, 48, 49, 199.
Willdenow 322, 332.
Wilson 11.
Winkler 16.

Page 434

Wöhler 185, 223.
Wolf, Christian 39, 70, 71, 106, 117, 118.
Wolff, K. Fr. 106-110, 114, 115, 357, 358, 390.
Wollaston 182, 183, 272, 273, 340.
Wright 246, 247.

Y.

Young 22, 273-277.

Z.

Zamboni 207, 208.

Page 435

Verzeichnis der Abbildungen.
Figur aus
1. Elektrisiermaschine aus dem Gerland und Traumüller, Geschichte
Jahre 1744 der physikalischen
Experimentierkunst. Leipzig 1899.
Abb. 319.
2. Watsons Versuch, die Philosophical Transactions. 1748.
Geschwindigkeit der Elektrizität zu Bd. 45.
bestimmen
3. Querschnitt durch den Philosoph. Transact. 1773. Bd. 63.
Zitterrochen
4. Coulombs elektrische Wage Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften. Nr. 13. Fig. 1 bis 5.
5. Coulombs Untersuchung der Wüllner, Lehrbuch der
Torsion Experimentalphysik. Bd. I. 1882.
Abb. 60.
6. Coulombs Versuch über die Wüllner, Lehrbuch der
Verteilung der Elektrizität Experimentalphysik. Bd. IV. 1875.
Abb. 52.
7. Papins erste Dampfmaschine Acta eruditorum 1690.
8. Newcomens Dampfmaschine Gehlers Physikalisches Wörterbuch.
Bd. II. Tab. XIII. Fig. 133.
9. Amontons' Luftthermometer
10. Saussures Haarhygrometer Ostwalds Klassiker. Nr. 115. Fig. 1.
11. Lavoisiers Eiskalorimeter Ostwalds Klassiker. Nr. 40.
12. Der Wurzel Ziehen oder Hales, Statik der Gewächse. Tab. III.
Saugen Fig. X.
13. Hales Versuch über das Saugen Hales, Statik der Gewächse. Tab. III.
eines transpirierenden Zweiges. Fig. XI.

Page 436

14. Das Steigen des Pflanzensaftes Hales, Statik der Gewächse. Tab. IV.
Fig. XVII.
15. Die Bestimmung des Hales, Statik d. Gewächse. Tab. IV.
Wurzeldruckes Fig. 18.
16. Hales pneumatische Wanne Hales, Statik. Tab. IX. Fig. 38.
17. Die Blüte des Sprengel, Das entdeckte Geheimnis
Sumpfstorchschnabels der Natur.
18. Blüte der Osterluzzei Sachs, Lehrbuch der Botanik. 4.
Aufl. Leipz. 1874. Fig. 489.
19. Die Befruchtung der Ostwalds Klassiker Nr. 48. S. 73.
Salbeiblüte
20. Der Süßwasserpolyp Leunis Synopsis. II. Bd. 3. Aufl.
21. Ledermüllers Abbildung von Ledermüller, Mikroskopische
Aufgußtierchen Gemüts- und Augenergötzungen. II.
Bd. 88. Tafel.
22. Bewegung und Teilung der Rösel von Rosenhof,
Amöbe Insektenbelustigungen. III. Teil. 101
Taf.
23. Wolffs Abbildung eines Aus Wolffs Theoria generationis
Embryos (Ostwalds Klassiker Nr. 85. Tafel II.
Fig. 5.)
24. Entstehung des Herzens und Ostwalds Klassiker Nr. 85. Taf. II.
der Gliedmaßen Fig. 11.
25. Scheele analysiert die Luft Aus Scheeles Abhandlung von der
Luft und dem Feuer.
26. Scheeles Darstellung von do.
Sauerstoff
27. Lavoisiers Analyse der Luft Lavoisier, Oeuvres, Tome I. Pl. II.
Fig. 14.
28. Lavoisiers Analyse der Luft Lavoisier, Oeuvres, Tome I. Pl. IV.
Fig. 2.
29. Die Verbrennung von Phosphor Lavoisier, Oeuvres, Tome I. Pl. IV.
Fig. 3.

Page 437

30. Galvanis Versuche mit Aus dem 52. Bande von Ostwalds
Froschschenkeln Klassikern der exakten
Wissenschaften.
31. Physiologischer Nachweis der do.
galvanischen Elektrizität
32. Voltas Kondensator Wüllners Lehrbuch der
Experimentalphysik. 3. Aufl. IV. Bd.
Fig. 70.
33. Voltas Elektrophor ebendort Fig. 67.
34. Voltas erste Säule Philos. Transact. 1800. Pl. XVII.
35. Voltas zweiteilige Säule do.
36. Voltas Becherapparat do.
37. Das Säulenelektroskop Rieß, Die Lehre von der
Reibungselektrizität. Bd. I, S. 18.
38. Zambonis Trockensäule Gilberts Annalen von 1815. Bd. 49.
39. Seebecks Nachweis des Ostwalds Klassiker. Nr. 63. Fig 7.
magnetischen Feldes
40. Seebecks Nachweis der Ostwalds Klassiker. Nr. 63. Abb. 22.
magnetischen Kraftlinien
41. Ampères beweglicher Ampère und Babinet, Darstellung
Stromleiter der neuen Entdeckungen über die
Elektrizität und den Magnetismus.
Tafel I. Fig. 2.
42. Ampères Vorrichtung zum Ampère und Babinet, Tafel I. Fig. 3.
Aufhängen seines beweglichen
Stromleiters
43. Ampères Nachweis, daß sich Ampère und Babinet, Tafel I. Fig.
ein Stromleiter senkrecht zur 12.
Inklinationsnadel einstellt
44. Ampères vom Einfluß des Ampère und Babinet, Tafel I. Fig.
Erdmagnetismus befreites Solenoid 29.
45. Ampères astatische Ampère und Babinet, Tafel I. Fig.
Magnetnadel 14.

Page 438

46. Die Entdeckung der Ostwalds Klassiker. Nr. 70. Abb. 1.
Thermoelektrizität
47. Seebecks Thermoelement Ostwalds Klassiker. Nr. 70. Abb. 4.
48. Schema des von Herschel
konstruierten Spiegelteleskops
49. Herschels vierzigfüßiger Philosophical Transactions. 1795. II.
Reflektor Tab. XXIV.
50. Herschels Abbildung eines W. Herschel, Über den Bau des
Nebelflecks Himmels. Tafel I. Fig. 2.
51. Herschels Ableitung der Gestalt W. Herschel, Über den Bau des
der Milchstraße Himmels. Tafel II. Fig. 16.
52. Rumfords Versuch über Philosophical Transactions. 1798.
Wärmeerzeugung durch Reibung
53. Teileinrichtung zu Rumfords Philosophical Transactions. 1798.
Versuch
54. Gay-Lussacs Versuch zur Mach, die Prinzipien der
Thermodynamik der Gase. Wärmelehre. Abb. 66.
55. Zur Erläuterung des Ostwalds Klassiker. Nr. 37. Abb. 1.
Kreisprozesses
56. Gay-Lussacs Apparat zur Ostwalds Klassiker. Nr. 44. Abb. 3.
Bestimmung des
Ausdehnungskoeffizienten der
Gase
57. Das von Gauß zum Messen der Wüllner, Lehrbuch der
erdmagnetischen Kraft erfundene Experimentalphysik. Bd. IV. (1875).
Magnetometer S. 36.
58. Das dem Heliotrop von Gauß Hunaeus, Die geometrischen
zugrunde liegende Gesetz Instrumente. Fig. 129.
59. Hauys Ableitung des Hauy, Traité de minéralogie. V. Pl.
Rhombendodekaeders VIII.
60. Hauys Ableitung des Hauy, Traité de minéralogie. V. Pl.
Pentagondodekaeders VIII.

Page 439

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem
Zusammenhange
dargestellt von Friedrich Dannemann.
Erster Band:
Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften.
Mit 50 Abbildungen im Text und einem Bildnis von Aristoteles.
Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann 1910.
24 Bogen gr. 8°.
Preis geheftet Mk. 9, in Leinen gebunden Mk. 10.
Zweiter Band:
Von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.
Mit 116 Abbildungen im Text und einem Bildnis von Galilei.
Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann 1911.
27 Bogen gr. 8°.
Preis geheftet Mk. 10, in Leinen gebunden Mk. 11.
Die vier Bände des Werkes sind einzeln käuflich. Jeder Band bildet ein in
sich abgeschlossenes Ganzes.

Inhalt des ersten Bandes.
Seite
1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften 1
2. Die Weiterentwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis 51
zum Zeitalter des Aristoteles
3. Aristoteles und seine Zeit 81
4. Archimedes 118
5. Die erste Blüte der alexandrinischen Schule 130

Page 440

6. Die Naturwissenschaften bei den Römern 164
7. Die zweite Blütezeit der alexandrinischen Schule 188
8. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters 213
9. Das arabische Zeitalter 223
10. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen 258
Kultur
11. Der Beginn des Wiederauflebens der Wissenschaften 288
12. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch 315
Koppernikus
13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der experimentellen und 328
der anorganischen Naturwissenschaften
14. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen 348
Naturwissenschaften

Inhalt des zweiten Bandes.
Seite
1. Altertum und Neuzeit 1
2. Die Erfindung der optischen Instrumente 7
3. Galileis grundlegende Schöpfungen 15
4. Die Ausbreitung der induktiven Forschungsweise 71
5. Die Astronomie im Zeitalter Tychos und Keplers 101
6. Die Förderung der Naturwissenschaften durch die Fortschritte der 136
Mathematik
7. Der Ausbau der Physik der flüssigen und der gasförmigen Körper 155
8. Die Iatrochemie und die Begründung der Chemie als Wissenschaft 180
durch Boyle
9. Der Ausbau der Botanik und der Zoologie nach dem Wiederaufleben 194
der Wissenschaften
10. Die Begründung der großen wissenschaftlichen Akademien 206
11. Newton 215
12. Huygens und die übrigen Zeitgenossen Newtons 244
13. Unter dem Einfluß der chemisch-physikalischen Forschung 297
entstehen die Grundlagen der neueren Mineralogie und Geologie

Page 441

14. Das Emporblühen der Anatomie und der Physiologie 313
15. Die ersten Ergebnisse der mikroskopischen Erforschung der 322
niederen Tiere
16. Die Begründung der Pflanzenanatomie und der Lehre von der 340
Sexualität der Pflanzen
17. Der Ausbau der Mechanik, Akustik und Optik im achtzehnten 353
Jahrhundert
18. Die Fortschritte der Astronomie nach der Begründung der 386
Gravitationsmechanik
19. Mineralogie und Geologie im 18. Jahrhundert 399

Auszüge aus den Besprechungen des ersten und zweiten Bandes.
Der Verfasser, längst schon rühmlichst bekannt durch seine Schriften »Aus
der Werkstatt großer Forscher« und »Die Entwicklung der
Naturwissenschaften«, hat sich durch die vorliegende erweiterte
Neuausgabe des letzteren Buches (die im Ganzen auf vier Bände berechnet
ist) ein nicht genug anzuerkennendes Verdienst erworben, denn er bringt in
gänzlich unparteiischer Weise das Wichtigste aus allen Gebieten
naturwissenschaftlichen Wissens, und zwar so, daß es nicht nur das
Interesse des Historikers von Fach erweckt, sondern die Teilnahme jedes
naturhistorisch Gebildeten. Auf Einzelheiten kann an dieser Stelle nicht
eingegangen werden, und das bloße Aufzählen der Kapitel-Überschriften
würde ermüdend wirken, ohne einen zureichenden Begriff vom Inhalte zu
gewähren. Es genüge also, auf dessen unerschöpflichen Reichtum
hinzuweisen und das neue Werk ganz besonders auch den Chemikern zu
empfehlen, für die es eine Fülle von Belehrung und Anregung birgt. –
(Edmund O. von Lippmann in der
Chemikerzeitung Nr. 32. 1911).
Aus diesen ganz kurzen Inhaltsangaben geht ohne weiteres hervor, daß wir
es hier mit einem Werke zu tun haben, das die Naturwissenschaften als
Ganzes in ihrem Werdegange verfolgt. Dieser Versuch, in einem Werke von
verhältnismäßig geringem Umfang alles, auch für jemand, der nicht selbst
auf dem Gebiet arbeitet, sondern sich im allgemeinen darüber unterrichten
will, lesbar zusammenzufassen, ist sehr zu begrüßen. Denn wie der
Verfasser in der Einleitung zum ersten Band hervorhebt, erhalten die

Page 442

zahllosen Einzelergebnisse der Forschung erst im Gesamtbild ihren vollen
Wert. –
(C. Matschoß in der Zeitschrift des
Vereins deutscher Ingenieure Nr.
13. 1911).
In kürzester Frist ist dem ersten Bande dieses ausgezeichneten Werkes der
zweite gefolgt. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die
überraschende Belesenheit des Autors oder seine Gabe, selbst die
schwierigsten Probleme wissenschaftlicher Forschung nicht nur dem
Kenner, sondern auch dem interessierten Laien leichtfaßlich in ernst-
vornehmer Form vorzutragen. Ein Vorzug dieses zweiten Bandes gegenüber
dem ersten liegt in der größeren Beigabe von guten Abbildungen.
(Pharmazeutische Zeitung Nr. 13.
1911.)
Besonders dankenswert erscheint, wie Dannemann in allen diesen
Wissenschaften die verbindenden großen Gedanken herauszuschälen weiß,
die im hohen Maße geeignet sind, die Vertreter der einzelnen
naturwissenschaftlichen Disziplinen vor Einseitigkeit zu bewahren. Es
handelt sich hier aber nicht um ein Werk für den Fachmann allein, jeder
gebildete Mensch wird daraus reiche Anregung schöpfen.
(Ärztliche Rundschau XX.
Jahrgang Nr. 47. 1910.)
Dem Techniker, dem Lehrer, dem Arzte, jedem, der sich lebhafter für
Naturwissenschaften interessiert, vor allem also auch unseren Studierenden,
dürfte das Buch eine unerschöpfliche Quelle des Genusses und der
Anregung sein. Einen ganz besonderen Wert besitzt das Werk dadurch, daß
es gewissermaßen den Rahmen für Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften (jetzt 173 Bände) abgibt und so die Beziehungen aufweist,
durch welche die einzelnen Gebiete sich gegenseitig beeinflußt haben.
Für die Hebung der Kultur unseres Volkes kann dieses Buch, das die
Wissenschaft und ihre Erfolge als etwas Werdendes vorstellt, von größtem
Nutzen sein, da es die Erfolge fortschrittlichen Denkens gegenüber den
Schwächen dogmatischer Gesinnung aufs deutlichste vergegenwärtigt.

Page 443

(Prometheus, XXII. Jahrgang. 26.
Nov. 1910.)
Das erfolgreiche Bestreben des Verfs., stets nur die für den Fortschritt der
Wissenschaften wirklich bedeutungsvollen Ereignisse zu berücksichtigen
und die Entwicklung der Naturwissenschaften in ihren Beziehungen zu den
übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, Mathematik und
Technik darzustellen, gereicht dem Werke zu besonderem Vorteil und macht
es dienlich für jeden, der sich für die Naturwissenschaften interessiert.
(W. May im Zoologischen
Zentralblatt 18. Jahrgang Nr. 110.)
Wenn die weiteren Bände (bei denen die Schwierigkeiten der Darstellung
natürlich steigen, je mehr die Schilderung sich unserer Zeit nähert, wo der
Stoff fast unübersehbar anschwillt) das halten, was der erste verspricht, so
wird uns D. ein Werk schenken, das einzigartig dasteht.
(Literarisches Zentralblatt für
Deutschland Nr. 44. 1910.)
Des Verfassers Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften hat in
zweiter Auflage G. W. A. Kahlbaum (I, 160 u. III, 75) in anerkennendster
Weise besprochen und zugleich die Gefühle ausgesprochen, die angesichts
der Erfolge dieses Werkes jeden Historiker der Naturwissenschaften
beseelen müssen. Aus den gleichen Gründen begrüßen wir es heute
freudigst, daß unser Gesellschaftsmitglied und Mitarbeiter den zweiten Teil
dieses Buches zu einem vierbändigen Werke ausgestalten will und davon
bereits den ersten Band vorzulegen vermag.
(H. Stadler in den Mitteilungen zur
Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften Bd. X. 2.
Heft.)
Der soeben erschienene 2. Band dieses großen Werkes behandelt die Zeit
von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, also jene Epoche, in welcher
die Grundlagen der neueren Naturwissenschaft gelegt wurden. Auch in
diesem Bande hat sich der Verfasser mit Erfolg bemüht, eine Darstellung zu
schaffen, die nicht nur dem Historiker dient, sondern für jeden anregend ist,
der sich überhaupt für die Naturwissenschaften interessiert.

Page 444

(Kölnische Zeitung 20. Februar
1911.)
Der Verfasser sagt zu wenig von sich, wenn er seine Arbeit als Ergänzung
zu Ostwalds großem Unternehmen einschätzt; sie hat einen ganz
eminenten Eigenwert; sie zeigt zum ersten Male in zusammenfassender
Weise den Arbeitsanteil einzelner Völkergruppen an der Ausbildung einer
Wissenschaft, die, mehr als jede andere, unmittelbar zurückstrahlt auf die
Gesamtkultur. Und dieser eigenartige Zusammenhang ist es, den der
Verfasser mit Erfolg und bedeutender Sachkenntnis herausgehoben hat. So
steckt er seinem Werk ein großes und weites Ziel. Ganz überraschende
Schlaglichter fallen da auf die einzelnen Gebiete, die, in getrennter
Einzeldarstellung, nie so plastisch herausgearbeitet werden konnten.
Jeder Historiker wird sich dieses Werk aneignen müssen. Und abgesehen
vom Fachmann sollte jeder, der sich für Kulturprobleme interessiert, sei er
nun Lehrer, Student, Techniker, Arzt – jeder Gebildete überhaupt – sollte
sich vom Verfasser in diese großen Zusammenhänge hineinführen lassen;
denn erst in ihren Zusammenhängen wird uns das Wesen und die Wirkung
einer Wissenschaft verständlich.
(Badische Schulzeitung 21. Januar
1911.)
Jeder Lehrer, dem daran gelegen ist, der wichtigen Forderung
(Hineinziehung des geschichtlichen Elements in den
exaktwissenschaftlichen Unterricht) gerecht zu werden, wird daher mit
Freuden das Erscheinen eines neuen Werkes von Dannemann begrüßen,
das dazu bestimmt ist, ein ausführliches Gesamtbild von dem
Entwicklungsgange aller naturwissenschaftlichen Disziplinen im engen
Zusammenhange mit der Mathematik und mit der allgemeinen Geschichte
zu geben.
Ähnlich wie Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik ein
»standard work« allerersten Ranges bleiben werden, so wird auch
Dannemanns Werk von bleibendem Wert sein, das für den
Geschichtsforscher wie für den Mediziner, für den Lehrer wie für den
Techniker großen Nutzen haben und dessen Lektüre für jeden, der sich für
die Naturwissenschaften interessiert, eine Quelle hohen Genusses bilden
wird.

Page 445

(Monatsschrift für höhere Schulen,
6. Heft 1911.)

Dr. Fr. Dannemann,
Aus der Werkstatt großer Forscher.
Allgemeinverständliche erläuterte Abschnitte aus den Werken
hervorragender Naturforscher aller Völker und Zeiten.
3. Aufl., geb. 6,80 Mk.
Aus den Besprechungen der ersten Auflage.
Der Leser gewinnt hierdurch ein klares und anschauliches Bild nicht
allein von der Bedeutung der Leistung des betreffenden
Forschers, sondern auch von der Eigenart seiner Geistesarbeit
und seiner Darstellungsweise und kann so die Entwicklung der
Gesamtwissenschaft, wenn auch nur skizzenhaft, in objektiver
Form verfolgen.
(Naturwissensch. Rundschau 1897.
Nr. 26.)
Daß die Bekanntschaft mit den Quellen auch die reiferen Schüler
nach jeder Richtung hin fördert und anregt, ist... anerkannt;
demgemäß hat man eine Reihe von Hilfsmitteln solcher Art
bereits in den Dienst der höheren Schule gestellt. Dem Verf.
vorliegenden Werkes ist es hoch anzurechnen, daß er eine solche, bis dahin
fehlende Quellensammlung aus dem Gesamtgebiet der
Naturwissenschaften veranstaltet und damit auch dem
naturwissenschaftlichen Lehrer ein treffliches Anregungsmittel geboten hat.
(Literarisches Zentralblatt 1896.
Nr. 41.)
Let us hope the English language will soon possess a like work.
(Pharmaceutical Review 1896. Nr.
12.)
The choice of material is excellent and too much has been offered in no
case, the collection is as admirable for what it omits as for what it includes.

Page 446

(Journal of Physical Chemistry Nr.
3. 1896.)
Den Schülerbibliotheken sei die Anschaffung des Grundrisses in
zahlreichen Exemplaren besonders empfohlen, um diese beim
Unterricht unter möglichst viele Schüler verteilen zu können. Ebenso wird
das Buch zu Prämien nützlichste Verwendung finden.
(Jahresberichte üb. d. höhere
Schulwesen. XI. Jahrg.)
Auch erfolgten Empfehlungen seitens höherer Schulbehörden wie des
Großherzoglich Badischen Oberschulrates, der Königl. Württemb.
Kultusministerial-Abteilung und des k. k. österr. Kultusministeriums.

Inhalt.
1. Aristoteles begründet die Zoologie.
2. Theophrast begründet die Botanik.
3. Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.
4. Des Archimedes Sandesrechnung.
5. Die Begründung der Mechanik der Gase und Dämpfe.
6. Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse des Altertums werden von
Plinius gesammelt.
7. Die Naturwissenschaften im Mittelalter.
8. Die Aufstellung des heliozentrischen Weltsystems.
9. Die Ausbreitung der Koppernikanischen Lehre durch Galilei.
10. Die Entdeckung der Jupitermonde und der Saturnringe.
11. Galilei als Begründer der Dynamik.
12. Der weitere Ausbau der Astronomie durch Kepler.
13. Kepler begründet die neuere Optik.
14. Gilbert erforscht die Natur des Magneten. 1600.
15. Bacons Eintreten für die induktive Forschungsweise. 1620.
16. Pascal entdeckt die Abhängigkeit des Barometerstandes von der Höhe
des Ortes. 1648.
17. Die Erfindung der Luftpumpe.

Page 447

18. Newton erforscht die Natur des Sonnenlichtes. 1670.
19. Newton entdeckt das Gravitationsgesetz. 1682.
20. Newton entwickelt die Prinzipien der Naturlehre.
21. Das Licht wird von Huygens für eine Wellenbewegung des Äthers
erklärt. 1678.
22. Die Entdeckung des Mariotteschen Gesetzes.
23. Das Auftauchen der ersten klaren Vorstellungen über die Verbrennung
und die Atmung.
24. Swammerdam zergliedert die Insekten.
25. Die Begründung der Pflanzenphysiologie.
26. Celsius führt die hundertteilige Thermometerskala ein.
27. Die Lehre von der Sexualität der Pflanzen.
28. Das künstliche Pflanzensystem Linnés.
29. Die Polypen werden als tierische Organismen erkannt.
30. Kant erklärt den Ursprung des Weltgebäudes. 1755.
31. Laplace entwickelt ähnliche Ansichten über den Ursprung des
Weltgebäudes wie Kant. Kant-Laplacesche Hypothese. 1796.
32. Herschel begründet die Astronomie der Fixsterne.
33. Die Meteore werden als kosmische Massen erkannt. 1794.
34. Die Wellentheorie findet einen hervorragenden Verfechter. 1760.
35. Die photometrischen Grundbegriffe.
36. Die Erfindung des Blitzableiters. 1753.
37. Die Entdeckung der elektrischen Influenz und der Pyroelektrizität.
1758.
38. Scheele entdeckt den Sauerstoff und analysiert die atmosphärische Luft.
1773.
39. Lavoisier erklärt die Verbrennungserscheinungen. 1774.
40. Die Erfindung des Eiskalorimeters und die Bestimmung von
spezifischen Wärmen und Verbrennungswärmen mittelst desselben.
1780.
41. a) Die Entdeckung der galvanischen Elektrizität.
b) Volta, Über die Elektrizität, welche durch die bloße Berührung
verschiedenartiger leitender Stoffe hervorgerufen wird.

Page 448

42. Die Botanik unter dem Einflusse der Metamorphosenlehre.
43. Die Begründung der Blütenbiologie.
44. Saussure begründet die Ernährungsphysiologie der Pflanzen. 1800.
45. Das Menschengeschlecht wird in fünf Rassen eingeteilt.
46. Cuvier begründet durch Verschmelzung der Zoologie mit der
vergleichenden Anatomie ein natürliches System. 1812.
47. Die Aufstellung der atomistischen Hypothese. 1808.
48. Gay-Lussac entdeckt das Volumgesetz. 1808.
49. Das von Courtois (1811) entdeckte Jod wird von Gay-Lussac eingehend
untersucht.
50. Die Entdeckung von Natrium und Kalium. 1807.
51. Die Entdeckung des Aluminiums. 1827.
52. Cuviers Katastrophentheorie. 1812.
53. Lyell begründet die neuere Richtung der Geologie. 1830.
54. Die Entdeckung des Elektromagnetismus. 1820.
55. Die Entdeckung der galvanischen und der magnetischen Induktion.
1832.
56. Es werden die experimentellen Grundlagen für eine elektromagnetische
Theorie des Lichtes gewonnen.
57. Die Entdeckung des Diamagnetismus.
58. Die Erfindung der Photographie.
59. Die Physiologie erhält durch Johannes Müller eine wissenschaftliche
Grundlage.
60. Die Zelle wird als das Elementarorgan des tierischen und pflanzlichen
Organismus erkannt. 1839.
61. Die Physiologie wendet sich gegen die Annahme einer besonderen
Lebenskraft.
62. Liebig beantwortet die Frage nach der Ernährung der Pflanzen. 1840.
63. Die Kryptogamenkunde wird durch wichtige Beobachtungen über die
Fortpflanzung der Algen bereichert.
64. Darwin erklärt die Entstehung der Koralleninseln.
65. Carnot entwickelt eine Theorie der Dampfmaschine. 1824.
66. Die erste Bestimmung der Entfernung eines Fixsterns. 1838.

Page 449

67. Das Dopplersche Prinzip. 1842.
68. Das Prinzip von der Erhaltung der Kraft.
69. Die Entdeckung des Ozons. 1840.
70. Der rote Phosphor wird als eine Modifikation des Elementes Phosphor
erkannt. 1850.
71. Alexander von Humboldt vereinigt die Summe des Naturwissens seiner
Zeit zu einem Gesamtbilde. 1845.
72. Kirchhoff und Bunsen schaffen die Spektralanalyse.
73. Pasteur weist nach, daß auch die niedrigsten Organismen aus Keimen
und nicht durch Urzeugung entstehen. 1860.
74. Das Protoplasma wird als die Grundlage des organischen Lebens
erkannt.
75. Hertz erforscht die Beziehungen zwischen dem Licht und der
Elektrizität.
Nachdem wir beim Erscheinen der dritten Auflage des Werkes:
Dannemann, Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften den
Preis für den I. Band:
Aus der Werkstatt großer Forscher
auf 6 Mk. herabgesetzt haben, offerieren wir den II. Band
Die Entwicklung der Naturwissenschaften
zu dem gleichfalls herabgesetzten Preise von 8 Mk. Beide Bände
zusammen sind für 12,50 Mk. (gebunden für 14,50 Mk.) zu beziehen.

Von demselben Verfasser erschienen ferner:
Otto von Guerickes neue »Magdeburgische« Versuche über den leeren
Raum (Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 59). Mit
15 Textfiguren. Leipzig, 1894. Verlag von Wilhelm Engelmann.
Geb. M. 2.–.
Leitfaden für den Unterricht im chemischen Laboratorium. Vierte
Auflage. 1909. Hahnsche Buchhandlung in Hannover und Leipzig.
(Als Vorwort diene des Verfassers Abhandlung Ȇber die Bedeutung,

Page 450

Einrichtung und Leitung praktischer Übungen im Laboratorium.«
Fries und Meyer, Lehrproben und Lehrgänge. Heft XXXV.) M. 1.80.
Der naturwissenschaftliche Unterricht auf praktisch-heuristischer
Grundlage. brosch. M. 6.–. Dasselbe gebunden M. 6.80. Hahnsche
Buchhandlung in Hannover und Leipzig. 1907.
Naturlehre für höhere Lehranstalten, auf Schülerübungen gegründet. 2
Teile. Hahnsche Buchhandlung in Hannover und Leipzig. 1908. geb.
M. 6.40.
Die »Naturlehre« ist nach den Gesichtspunkten verfaßt, die in
dem Buche »Der naturwissenschaftliche Unterricht auf praktisch-
heuristischer Grundlage« entwickelt wurden. Sie ist der erste
Versuch, den Unterrichtsstoff mit grundlegenden Schülerübungen in
engste Verbindung zu setzen. Der erste Teil enthält den Lehrstoff für
Chemie und Mineralogie; zwei kurze Abschnitte bringen das
Wichtigste aus der Geologie und eine Anleitung zu
pflanzenphysiologischen Versuchen. Der zweite Teil bringt die Physik.
Quellenbuch zur Geschichte der Naturwissenschaften in Deutschland.
(Deutsche Schulausgaben Nr. 39.) 158 Seiten. Geb. M. 1.20. Verlag
von L. Ehlermann in Dresden.

Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere
Anmerkungen:
In "Die Bestäubung der weiblichen Misteln, sie mögen nun mit
den männlichen auf einem Baume stehen oder in großer
Entfernung auf anderen Bäumen wachsen" stand "wirklichen"
statt "weiblichen".
Im Abschnitt "Von französischer Seite wurden deshalb
Prioritätsansprüche hinsichtlich dieser Methode erhoben und,
wenn das Datum der Veröffentlichung allein darüber zu
entscheiden hätte, gewiß mit Recht. Gauß gebührt indessen
außer der selbständigen und seinen eigenen Angaben nach viel
früheren Entdeckung das Verdienst, daß er es war, der diese
Methode in einem fundamentalen Werke wissenschaftlich
begründete und die Begriffe schuf, auf denen alle neueren

Page 451

Arbeiten über diese Methode beruhen." fehlte ein Verweis auf die
Fußnote "Theoria combinationis observationum erroribus
minimis obnoxiae. 1821.". Dieser wurde nach "fundamentalen
Werke" eingefügt.
Im Absatz "Ampère zeigte darauf, daß infolgedessen der Leiter,
wenn nur der Erdmagnetismus auf ihn wirkt, eine Stellung
einnimmt, in welcher seine Ebene den magnetischen Meridian
senkrecht schneidet. Diese Entdeckung erregte ein Aufsehen wie
wenig andere. Ampère beschreibt sie mit folgenden Worten:
»Hängt man in der in Abbildung 41 dargestellten Weise einen
beweglichen Leiter auf, ohne daß in der Nähe dieses Leiters ein
anderer Teil des Stromkreises sich befindet. (Wir müssen uns also
in der Abbildung 41 das Drahtstück CILB, das auf den
beweglichen Bügel einen richtenden Einfluß ausübt, entfernt
denken), verbindet man hierauf die Kapseln C und Z mit den
Polen der galvanischen Batterie, so sieht man den Bügel sich
drehen, bis seine Ebene zu derjenigen des magnetischen
Meridians NS senkrecht steht und der Strom in dem unteren Teil
des Leiters, also in FG, von Ost nach West gerichtet ist, das
Südende der Magnetnadel also zur Linken liegt.« Ließ Ampère
den Strom in umgekehrter Richtung durch den Bügel gehen, so
drehte sich dieser um einen Halbkreis zurück, um endlich nach
einigen Schwingungen sich wieder senkrecht zur Richtung NS
einzustellen." fehlte das Anführungszeichen, welches das Zitat
abschließt. Nach Sinn- und Textzusammenhang wurde dieses
hinter "liegt" eingefügt.
Der Name "Légendre/Legendre" ist uneinheitlich geschrieben, es
handelt sich aber offenbar nicht um Satzfehler, daher wurde die
uneinheitliche Schreibweise beibehalten.
In "Meine naturwissenschaftlichen Arbeiten", schrieb Goethe
damals, "sind durch Humboldt aus ihrem Winterschlafe geweckt
worden." fehlten die Anführungszeichen für das wörtliche Zitat.
Der mit "Daraus folgt," beginnende Satz in Fußnote 98 ist auch
im Original unvollständig.

Page 452

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, III. BAND ***

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use of Project Gutenberg works calculated using the method you
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owner of the Project Gutenberg trademark, but he has agreed to donate
royalties under this paragraph to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days
following each date on which you prepare (or are legally required to
prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly
marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation at the address specified in Section 4, “Information about
donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation.”

• You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he does
not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. You
must require such a user to return or destroy all copies of the works
possessed in a physical medium and discontinue all use of and all
access to other copies of Project Gutenberg™ works.

• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
receipt of the work.

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• You comply with all other terms of this agreement for free distribution
of Project Gutenberg™ works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™
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Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend
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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
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This website includes information about Project Gutenberg, including
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