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The Project Gutenberg eBook of Japanische Märchen
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Japanische Märchen
Translator: Karl Alberti
Release date: November 7, 2007 [eBook #23393]
Most recently updated: November 7, 2013
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/23393
Credits: E-text prepared by Louise Hope, Alexander Bauer, Jana Srna, and
the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
(https://www.pgdp.net)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE
MÄRCHEN ***
E-text prepared by Louise Hope, Alexander Bauer, Jana Srna,
and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
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Title: Japanische Märchen
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Most recently updated: November 7, 2013
Language: German
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(http://www.pgdp.net)
Das Inhaltsverzeichnis steht am Ende des Textes.
Einige Druckfehler sind korrigiert und mit popups notiert.
Eine Sammlung der schönsten
Märchen, Sagen und Fabeln Japans
für die deutsche Jugend ausgewählt
und frei ins Deutsche übersetzt von
Professor Karl Alberti
Das Inhaltsverzeichnis steht am Ende des Textes.
Einige Druckfehler sind korrigiert und mit popups notiert.
Eine Sammlung der schönsten
Märchen, Sagen und Fabeln Japans
für die deutsche Jugend ausgewählt
und frei ins Deutsche übersetzt von
Professor Karl Alberti
Page 5
in Tokyo. Bilder v. T. Tokikuni, Tokyo.
Deckelbild von Fritz Kracher, München
Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung,
Straubing.
Alle Rechte einschließlich
des Übersetzungsrechtes
vorbehalten.
Druck der Cl. Attenkoferschen Buch- und Kunstdruckerei Straubing,
Bayern.
Zur Einführung.
Nicht mit Unrecht wird Japan als das „wunderbare Sonnenland“
bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen
bieten Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier
unerschöpfliche Fundgrube nicht nur für den wissenschaftlichen Forscher
Deckelbild von Fritz Kracher, München
Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung,
Straubing.
Alle Rechte einschließlich
des Übersetzungsrechtes
vorbehalten.
Druck der Cl. Attenkoferschen Buch- und Kunstdruckerei Straubing,
Bayern.
Zur Einführung.
Nicht mit Unrecht wird Japan als das „wunderbare Sonnenland“
bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen
bieten Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier
unerschöpfliche Fundgrube nicht nur für den wissenschaftlichen Forscher
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sondern auch für den Schöngeist und für den Freund eines reinen
Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen zurückstehend, ist die
japanische Märchenwelt, aus der ich hier eine Auswahl zusammengestellt
und für die deutsche Jugend bearbeitet habe.
Es ist dies meines Wissens das erste Werk, das aus dem reichen
Märchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfältig
zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier und
dort einmal irgendwo veröffentlicht und dadurch bekannt sein, so ist dies
doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder wissenschaftlichen
Werken in wörtlicher Übersetzung erfolgt und nur für Erwachsene geeignet.
Keine jener Veröffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir als
Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und
mündliche Erzählungen der Japaner; deshalb enthält das Vorliegende auch
viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von denen sich
also in der Literatur selbst keine Spuren finden.
Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, mußten bei der
Auswahl und Bearbeitung größte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen
verändert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze
dem Verständnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die Originale
oft eine derart freie Sprache führen, daß man sie, unserem deutschen
Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand geben kann.
Durch Beifügung erläuternder Anmerkungen, historischer Daten usw. dürfte
dieses Buch einen über den Rahmen einfacher Märchenlektüre
hinausgehenden Wert gewinnen.
Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno,
Nakamura, Hajime Iwane und K. Nakamatsu für ihre liebenswürdige
Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T. Tokikuni, der die farbigen
Bilder zeichnete, während die übrigen älteren und neueren japanischen
Werken entnommen sind.
Möge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat von
hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne biete,
gern angenommen werden und Beifall finden.
Tokyo.
Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen zurückstehend, ist die
japanische Märchenwelt, aus der ich hier eine Auswahl zusammengestellt
und für die deutsche Jugend bearbeitet habe.
Es ist dies meines Wissens das erste Werk, das aus dem reichen
Märchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfältig
zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier und
dort einmal irgendwo veröffentlicht und dadurch bekannt sein, so ist dies
doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder wissenschaftlichen
Werken in wörtlicher Übersetzung erfolgt und nur für Erwachsene geeignet.
Keine jener Veröffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir als
Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und
mündliche Erzählungen der Japaner; deshalb enthält das Vorliegende auch
viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von denen sich
also in der Literatur selbst keine Spuren finden.
Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, mußten bei der
Auswahl und Bearbeitung größte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen
verändert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze
dem Verständnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die Originale
oft eine derart freie Sprache führen, daß man sie, unserem deutschen
Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand geben kann.
Durch Beifügung erläuternder Anmerkungen, historischer Daten usw. dürfte
dieses Buch einen über den Rahmen einfacher Märchenlektüre
hinausgehenden Wert gewinnen.
Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno,
Nakamura, Hajime Iwane und K. Nakamatsu für ihre liebenswürdige
Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T. Tokikuni, der die farbigen
Bilder zeichnete, während die übrigen älteren und neueren japanischen
Werken entnommen sind.
Möge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat von
hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne biete,
gern angenommen werden und Beifall finden.
Tokyo.
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Karl Alberti.
Juki-onna. 1
s waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze 2, dieser
war ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und
noch ein Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und
gingen jeden Tag zusammen in den Wald um Holz zu schlagen.
Um in den Wald zu gelangen, mußten sie einen großen Fluß
passieren, über den eine Fähre eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit
ihrer Arbeit fertig waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm
überrascht; sie eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken
sehen, daß der Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen
Seite des reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen
vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des
Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei befindliche
Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr abzuwarten.
Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur Erde, nachdem
sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten dem Tosen des
Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und Arbeit, war bald in
Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein Auge schließen, denn das
Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war unheimlich und das Häuschen
erzitterte in allen Fugen.
Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das Haus
zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer riesigen
Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die Wolke, denn
diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche Gestalt an,
die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich zu der Stelle,
Juki-onna. 1
s waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze 2, dieser
war ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und
noch ein Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und
gingen jeden Tag zusammen in den Wald um Holz zu schlagen.
Um in den Wald zu gelangen, mußten sie einen großen Fluß
passieren, über den eine Fähre eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit
ihrer Arbeit fertig waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm
überrascht; sie eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken
sehen, daß der Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen
Seite des reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen
vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des
Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei befindliche
Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr abzuwarten.
Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur Erde, nachdem
sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten dem Tosen des
Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und Arbeit, war bald in
Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein Auge schließen, denn das
Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war unheimlich und das Häuschen
erzitterte in allen Fugen.
Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das Haus
zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer riesigen
Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die Wolke, denn
diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche Gestalt an,
die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich zu der Stelle,
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wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem Schläfer nieder, ihrem
Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf das Gesicht des Mannes
ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam auf Teramichi zu, der,
unfähig ein Glied zu rühren, die Augen angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht
vor ihm angekommen neigte sie sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein
Weilchen ruhig an; dann sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch
und ihr Gesicht nahm freundlichere Züge an: „Deinen Kameraden habe ich
getötet, wie alles, das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los
teilen, doch bist du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei
verschont! Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du
schweigen kannst. Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen,
was du hier erlebtest, — sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter,
nicht Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier
geschah, — so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!“
Nach diesen Worten schwebte sie
langsam empor und verschwand durch
die Tür.
Jetzt wich der Bann von dem jungen
Manne, er sprang auf, eilte zur Tür und
verschloß sie fest. Dann wandte er sich
zu seinem Kameraden und rief ihn an;
doch dieser rührte sich nicht, er war steif
und starr, er war tot, sein Gesicht
verklärte ein glückliches Lächeln.
Endlich ließ der Sturm nach und der
Morgen brach an und der Fährmann, der
nun zurückkehrte, fand beide Männer in
seinem Häuschen und hielt sie für tot,
für erfroren; doch als er sie aufhob, tat
Teramichi einen tiefen Seufzer, schlug
die Augen auf und kam bald wieder zu
sich, während Nishikaze tot blieb und begraben wurde.
Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte
tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit der
Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf das Gesicht des Mannes
ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam auf Teramichi zu, der,
unfähig ein Glied zu rühren, die Augen angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht
vor ihm angekommen neigte sie sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein
Weilchen ruhig an; dann sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch
und ihr Gesicht nahm freundlichere Züge an: „Deinen Kameraden habe ich
getötet, wie alles, das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los
teilen, doch bist du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei
verschont! Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du
schweigen kannst. Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen,
was du hier erlebtest, — sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter,
nicht Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier
geschah, — so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!“
Nach diesen Worten schwebte sie
langsam empor und verschwand durch
die Tür.
Jetzt wich der Bann von dem jungen
Manne, er sprang auf, eilte zur Tür und
verschloß sie fest. Dann wandte er sich
zu seinem Kameraden und rief ihn an;
doch dieser rührte sich nicht, er war steif
und starr, er war tot, sein Gesicht
verklärte ein glückliches Lächeln.
Endlich ließ der Sturm nach und der
Morgen brach an und der Fährmann, der
nun zurückkehrte, fand beide Männer in
seinem Häuschen und hielt sie für tot,
für erfroren; doch als er sie aufhob, tat
Teramichi einen tiefen Seufzer, schlug
die Augen auf und kam bald wieder zu
sich, während Nishikaze tot blieb und begraben wurde.
Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte
tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit der
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Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde, hatte.
So gingen zwei Jahre dahin.
Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts
wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so gefiel,
daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, daß es
Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, wo es
hoffe aufgenommen zu werden.
Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach dieser
zu dem Mädchen:
„Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in
meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das
meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst du
morgen früh deine Wanderung fortsetzen!“
Das Mädchen, das sich „Juki“ nannte, nahm dies Anerbieten an und
begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine
freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am andern
Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, es möge
doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt habe, der
es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr etwas zur Hand
gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon längst eine Stütze im Hause
gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu dem Mädchen in heißer Liebe
entbrannt war, sich den Bitten seiner Mutter anschloß, so schlug es ein und
blieb im Hause.
Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe
zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es auch
hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre Liebe erklärt
und Teramichi und Juki wurden ein Paar.
Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in
kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem Manne
und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten zehn
geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen heran;
keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück dieser Ehe,
die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.
So gingen zwei Jahre dahin.
Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts
wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so gefiel,
daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, daß es
Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, wo es
hoffe aufgenommen zu werden.
Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach dieser
zu dem Mädchen:
„Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in
meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das
meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst du
morgen früh deine Wanderung fortsetzen!“
Das Mädchen, das sich „Juki“ nannte, nahm dies Anerbieten an und
begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine
freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am andern
Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, es möge
doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt habe, der
es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr etwas zur Hand
gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon längst eine Stütze im Hause
gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu dem Mädchen in heißer Liebe
entbrannt war, sich den Bitten seiner Mutter anschloß, so schlug es ein und
blieb im Hause.
Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe
zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es auch
hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre Liebe erklärt
und Teramichi und Juki wurden ein Paar.
Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in
kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem Manne
und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten zehn
geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen heran;
keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück dieser Ehe,
die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.
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Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung
aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren
des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als eines
Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch beisammensaß,
wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der Mann
erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des Fährmannes
gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm schöner als je
erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine Ähnlichkeit mit der
Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen Jahren das Leben
schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher hervor, so daß er den
Ausruf nicht zurückhalten konnte: „Nein, du bist schöner!“
Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; ohne
zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das er mit der
Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: „Sie war
schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, natürlich schön!“
Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und größer
wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in lichtes Weiß
verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals die Schneefrau.
Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: „Ja du bist es doch,
verzeih, verzeih!“
Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:
„Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange
geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem
Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte Strafe,
daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! Denn sieh!“
— hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an — „als ich dich damals in
jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos vor mir sah, da tatest
du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte den Wunsch in mir, auch einmal
Menschenglück zu genießen, anstatt stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich
und nahte mich dir in menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre
ungetrübten Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in
mein kaltes Reich und du? — Ich gedenke des Glücks, das ich genossen
und der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch
aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren
des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als eines
Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch beisammensaß,
wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der Mann
erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des Fährmannes
gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm schöner als je
erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine Ähnlichkeit mit der
Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen Jahren das Leben
schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher hervor, so daß er den
Ausruf nicht zurückhalten konnte: „Nein, du bist schöner!“
Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; ohne
zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das er mit der
Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: „Sie war
schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, natürlich schön!“
Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und größer
wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in lichtes Weiß
verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals die Schneefrau.
Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: „Ja du bist es doch,
verzeih, verzeih!“
Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:
„Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange
geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem
Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte Strafe,
daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! Denn sieh!“
— hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an — „als ich dich damals in
jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos vor mir sah, da tatest
du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte den Wunsch in mir, auch einmal
Menschenglück zu genießen, anstatt stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich
und nahte mich dir in menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre
ungetrübten Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in
mein kaltes Reich und du? — Ich gedenke des Glücks, das ich genossen
und der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch
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den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein guter
Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!“
Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, wie
Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer durchtobte
das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam zurücklassend.
Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge war,
ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er lebte nur
seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf und als nach
vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm dieser die Seele
des Mannes mit und führte sie seiner „Juki-onna“ zu.
Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei
erfroren.
1. Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna = Schneefrau.
2. Sprich Nishikase.
Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!“
Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, wie
Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer durchtobte
das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam zurücklassend.
Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge war,
ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er lebte nur
seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf und als nach
vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm dieser die Seele
des Mannes mit und führte sie seiner „Juki-onna“ zu.
Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei
erfroren.
1. Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna = Schneefrau.
2. Sprich Nishikase.
Page 12
or vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda 1 der Sohn
eines Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen
Fuchs weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten,
aber Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der
Jagd beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche
Füchse mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt
werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der
Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, schlug
Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu töten. Yasuna
aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit den Jägern kämpfte
und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er doch mit dem Tiere
flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach er erschöpft
zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im Walde
verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha daher,
die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach Hause
geleitete.
Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren Eltern,
die in der Kumamoto-Provinz 2, weit entfernt von Shimoda, wohnten,
vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt hier befinde
und ihn im Walde gefunden habe.
Kuzunoha aber antwortete: „Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht Zeit,
dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles erfahren!“
Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich zu
haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf mit ihr
eines Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen
Fuchs weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten,
aber Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der
Jagd beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche
Füchse mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt
werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der
Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, schlug
Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu töten. Yasuna
aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit den Jägern kämpfte
und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er doch mit dem Tiere
flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach er erschöpft
zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im Walde
verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha daher,
die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach Hause
geleitete.
Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren Eltern,
die in der Kumamoto-Provinz 2, weit entfernt von Shimoda, wohnten,
vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt hier befinde
und ihn im Walde gefunden habe.
Kuzunoha aber antwortete: „Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht Zeit,
dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles erfahren!“
Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich zu
haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf mit ihr
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Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden und ein
herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte ihr Glück.
Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo 3 gegeben.
Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends
zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht, vor
der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die sich
lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte, warum sie nicht
in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.
Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß er
sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und jetzt
mit einem andern Weibe zusammenlebe.
Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch mehr
verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe machte. Er
öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein einzutreten. „Wir
können uns da drinnen weiter darüber unterhalten, was eure Vorwürfe
bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der Ort dazu!“ sagte er und
wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn im Zimmer saß seine Frau und
nähte! — Hier draußen stand aber auch seine Frau; die aber behauptete,
noch nicht seine Frau zu sein, sondern nur seine Verlobte! Wer war die
richtige, wer die falsche Kuzunoha? — Er schloß nun ganz lautlos die Tür,
trat zurück und sagte zu seinen Schwiegereltern: „Wartet hier einen
Augenblick, ich komme gleich zurück!“
Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: „Deine Eltern
sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde sind wir
wieder hier!“
Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging Yasuna
zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen Spaziergang zu
machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus führen.
Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen
befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei
und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit nichts habe
von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die weite Reise mit ihr zu
herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte ihr Glück.
Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo 3 gegeben.
Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends
zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht, vor
der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die sich
lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte, warum sie nicht
in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.
Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß er
sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und jetzt
mit einem andern Weibe zusammenlebe.
Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch mehr
verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe machte. Er
öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein einzutreten. „Wir
können uns da drinnen weiter darüber unterhalten, was eure Vorwürfe
bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der Ort dazu!“ sagte er und
wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn im Zimmer saß seine Frau und
nähte! — Hier draußen stand aber auch seine Frau; die aber behauptete,
noch nicht seine Frau zu sein, sondern nur seine Verlobte! Wer war die
richtige, wer die falsche Kuzunoha? — Er schloß nun ganz lautlos die Tür,
trat zurück und sagte zu seinen Schwiegereltern: „Wartet hier einen
Augenblick, ich komme gleich zurück!“
Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: „Deine Eltern
sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde sind wir
wieder hier!“
Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging Yasuna
zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen Spaziergang zu
machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus führen.
Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen
befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei
und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit nichts habe
von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die weite Reise mit ihr zu
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machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer großen Betrübnis sehen,
daß bereits eine andere Frau im Hause sei!
Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.
Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück und
gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag auf
seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den Knaben
auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe ihr einen
sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er bedeute. Er sagte
zur Kuzunoha: „Vorhin, als ich schlief, sagtest du zu mir, daß du gar kein
Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin seiest. Der Vater habe dir einmal
das Leben gerettet und deshalb habest du menschliche Gestalt angenommen
und seist ihm in Gestalt seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei
aber die wirkliche Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle
dies dem Vater erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein
dummer Traum, nicht wahr!“
Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die wirkliche
Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas und erzog
den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und tapfer
wurde.
Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.
1. Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei Yokohama.
2. Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe bei
Nagasaki.
3. Dokyo = Mut.
daß bereits eine andere Frau im Hause sei!
Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.
Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück und
gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag auf
seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den Knaben
auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe ihr einen
sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er bedeute. Er sagte
zur Kuzunoha: „Vorhin, als ich schlief, sagtest du zu mir, daß du gar kein
Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin seiest. Der Vater habe dir einmal
das Leben gerettet und deshalb habest du menschliche Gestalt angenommen
und seist ihm in Gestalt seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei
aber die wirkliche Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle
dies dem Vater erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein
dummer Traum, nicht wahr!“
Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die wirkliche
Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas und erzog
den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und tapfer
wurde.
Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.
1. Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei Yokohama.
2. Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe bei
Nagasaki.
3. Dokyo = Mut.
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Urashima Taro. 1
n einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor
vielen, vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro.
Als er eines Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht
zufrieden und guter Dinge war, weil er gute Beute gemacht hatte,
sah er am Strande eine Schar Knaben, die eine kleine Schildkröte
gefangen hatten und sie an einer an einem ihrer Vorderbeine befestigten
Schnur im Kreise herumschwangen und quälten 2. Urashima, der die Tiere
gern hatte und jede Quälerei harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt
wieder Mitleid mit dem armen Tierchen und ging auf die Kinder zu.
Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die Kinder.
„Was ist das für eine Bosheit“, rief er empört aus, „dieses schuldlose und
hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im Himmel solche böse
Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt einmal her, wem gehört
denn diese Schildkröte?“
„Dieses Tier gehört niemandem!“ entgegnete der älteste der Knaben und
fügte noch unverschämt hinzu: „Wir können machen, was wir wollen; und
wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser
freier Wille und geht keinen anderen etwas an!“
Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren
kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß;
er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder Stimme:
„Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös gemeint; aber diese
allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich möchte sie gern besitzen. Wollt
ihr euch in einen Handel mit mir einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das
Tier verkaufen würdet? Für Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch
bessere Freude machen, als daß ihr dieses Tier hier im Kreise
herumschleudert!“
Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen
Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte.
Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier
ins Meer, indem er sagte:
n einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor
vielen, vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro.
Als er eines Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht
zufrieden und guter Dinge war, weil er gute Beute gemacht hatte,
sah er am Strande eine Schar Knaben, die eine kleine Schildkröte
gefangen hatten und sie an einer an einem ihrer Vorderbeine befestigten
Schnur im Kreise herumschwangen und quälten 2. Urashima, der die Tiere
gern hatte und jede Quälerei harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt
wieder Mitleid mit dem armen Tierchen und ging auf die Kinder zu.
Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die Kinder.
„Was ist das für eine Bosheit“, rief er empört aus, „dieses schuldlose und
hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im Himmel solche böse
Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt einmal her, wem gehört
denn diese Schildkröte?“
„Dieses Tier gehört niemandem!“ entgegnete der älteste der Knaben und
fügte noch unverschämt hinzu: „Wir können machen, was wir wollen; und
wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser
freier Wille und geht keinen anderen etwas an!“
Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren
kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß;
er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder Stimme:
„Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös gemeint; aber diese
allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich möchte sie gern besitzen. Wollt
ihr euch in einen Handel mit mir einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das
Tier verkaufen würdet? Für Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch
bessere Freude machen, als daß ihr dieses Tier hier im Kreise
herumschleudert!“
Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen
Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte.
Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier
ins Meer, indem er sagte:
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„Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir die
Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin und sei
in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben Hände
fällst!“ Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden lächelnd der
schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis er sie nicht
mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und seine Fische und ging
wohlgemut in seine Hütte.
Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er
mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte,
hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen:
„Urashima sama!“ 3
Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme
ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals:
„Urashima sama!“
Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich
über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die er am
Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten Moment war
er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte: „Warst du es, die
mich rief?“
„Gewiß!“ antwortete das Tierchen. „Ich bin gekommen um euch meinen
Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine Freiheit
gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen! Habt ihr Lust,
so folget mir!“
Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare Tier
zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch nichts, es
will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die Freude nicht
verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte, fragte er doch
vorsorglich:
„Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe nicht
viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?“
„Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer
Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!“
Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin und sei
in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben Hände
fällst!“ Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden lächelnd der
schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis er sie nicht
mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und seine Fische und ging
wohlgemut in seine Hütte.
Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er
mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte,
hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen:
„Urashima sama!“ 3
Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme
ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals:
„Urashima sama!“
Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich
über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die er am
Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten Moment war
er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte: „Warst du es, die
mich rief?“
„Gewiß!“ antwortete das Tierchen. „Ich bin gekommen um euch meinen
Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine Freiheit
gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen! Habt ihr Lust,
so folget mir!“
Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare Tier
zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch nichts, es
will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die Freude nicht
verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte, fragte er doch
vorsorglich:
„Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe nicht
viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?“
„Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer
Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!“
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„Das ist ganz unmöglich“, erwiderte Urashima, „denn ich kann nicht so
schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich
die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb
nicht auf den Meeresgrund begleiten!“
„Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima“, entgegnete die Schildkröte,
„steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr sehen!“
„Aber mein Boot — —“ meinte Urashima bedenklich.
„Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!“ unterbrach ihn das Tier.
„Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!“ rief Urashima noch
immer bedenklich.
Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und
staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie die
gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:
„Nun? — Bin ich noch zu schwach für dich?“ Da schwanden Urashima alle
Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe
sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres
Platz.
„Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!“ Nach einiger Zeit rief die
Schildkröte: „Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht eher, als bis
ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an, es dauert nicht
lange!“
Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im Wasser
versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren; ängstlich
klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines sonderbaren
Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die Augen geschlossen
und hielt den Atem an.
Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf: „Jetzt!“
Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres, dessen
feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein riesiges
Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die Schildkröte mit
ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und standen vor einem
schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich
die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb
nicht auf den Meeresgrund begleiten!“
„Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima“, entgegnete die Schildkröte,
„steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr sehen!“
„Aber mein Boot — —“ meinte Urashima bedenklich.
„Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!“ unterbrach ihn das Tier.
„Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!“ rief Urashima noch
immer bedenklich.
Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und
staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie die
gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:
„Nun? — Bin ich noch zu schwach für dich?“ Da schwanden Urashima alle
Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe
sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres
Platz.
„Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!“ Nach einiger Zeit rief die
Schildkröte: „Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht eher, als bis
ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an, es dauert nicht
lange!“
Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im Wasser
versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren; ängstlich
klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines sonderbaren
Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die Augen geschlossen
und hielt den Atem an.
Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf: „Jetzt!“
Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres, dessen
feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein riesiges
Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die Schildkröte mit
ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und standen vor einem
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großen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen verziert war. Zwei große
unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore und glotzten Urashima mit
fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm ganz ängstlich wurde. Als die
Drachen aber die Schildkröte erblickten, ließen ihre drohenden Blicke nach
und sie versuchten freundlichere Gesichter zu machen.
„Nun steige ab und warte hier!“ sagte die Schildkröte und ging dann,
nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte,
durch das Tor.
Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er sich
auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch ganz
trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam ihm
sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde.
Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr folgte eine
große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben, wie sie der
Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in blauer Farbe, wie
ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie umringten Urashima, der sich
erhoben hatte, und begrüßten ihn durch Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.
Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid anhatten
aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid brachten und
ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen und mit dem
mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.
Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun bin ich
einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir sicherlich nicht
ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande bekleidet, den wird man
wohl nicht verschlingen.
Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt
waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und führte
ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in respektvoller
Entfernung in schönster Ordnung folgten.
Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine
Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem
Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier
angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der sich
unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore und glotzten Urashima mit
fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm ganz ängstlich wurde. Als die
Drachen aber die Schildkröte erblickten, ließen ihre drohenden Blicke nach
und sie versuchten freundlichere Gesichter zu machen.
„Nun steige ab und warte hier!“ sagte die Schildkröte und ging dann,
nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte,
durch das Tor.
Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er sich
auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch ganz
trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam ihm
sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde.
Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr folgte eine
große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben, wie sie der
Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in blauer Farbe, wie
ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie umringten Urashima, der sich
erhoben hatte, und begrüßten ihn durch Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.
Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid anhatten
aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid brachten und
ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen und mit dem
mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.
Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun bin ich
einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir sicherlich nicht
ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande bekleidet, den wird man
wohl nicht verschlingen.
Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt
waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und führte
ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in respektvoller
Entfernung in schönster Ordnung folgten.
Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine
Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem
Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier
angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der sich
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nun in einem großen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht seine
Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen die aus
Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge kostbarer
Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die Wände
waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten
Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein
diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie
die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron umgab
eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle in
kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an derartige
Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so blendend, daß er
nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor den andern setzte
und sich so dem Throne nahte, wo er sich ehrfurchtsvoll und demütig
niederwerfen wollte. Aber die Königin, die seine Ueberraschung und sein
Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln beobachtet hatte, erhob sich
schnell, ergriff Urashima bei der Hand und verhinderte so sein Niederfallen.
Mit einer Stimme, die dem Klange einer silbernen Glocke glich, süß und
rein, sagte sie zu ihm:
„Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser Weise
einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So war es mein
aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und dir meine
Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir eingeladen und ich
habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und der Gefahr nicht achtetest,
den Weg hierher zu unternehmen. Wer furchtlos ist, ist in der Regel auch
treu!“ Der junge Fischer wußte nicht, wie ihm geschah und er war so
verlegen und befangen, daß er auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte;
er machte nur eine stumme, sittsame Verbeugung.
Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht, auf
die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein elfenbeinernes
Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten Lackplatte
schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm sämtlich
unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern sprach den
Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren Sinne des
Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen Leben noch nie
derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals gekostet.
Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen die aus
Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge kostbarer
Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die Wände
waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten
Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein
diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie
die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron umgab
eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle in
kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an derartige
Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so blendend, daß er
nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor den andern setzte
und sich so dem Throne nahte, wo er sich ehrfurchtsvoll und demütig
niederwerfen wollte. Aber die Königin, die seine Ueberraschung und sein
Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln beobachtet hatte, erhob sich
schnell, ergriff Urashima bei der Hand und verhinderte so sein Niederfallen.
Mit einer Stimme, die dem Klange einer silbernen Glocke glich, süß und
rein, sagte sie zu ihm:
„Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser Weise
einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So war es mein
aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und dir meine
Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir eingeladen und ich
habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und der Gefahr nicht achtetest,
den Weg hierher zu unternehmen. Wer furchtlos ist, ist in der Regel auch
treu!“ Der junge Fischer wußte nicht, wie ihm geschah und er war so
verlegen und befangen, daß er auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte;
er machte nur eine stumme, sittsame Verbeugung.
Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht, auf
die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein elfenbeinernes
Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten Lackplatte
schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm sämtlich
unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern sprach den
Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren Sinne des
Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen Leben noch nie
derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals gekostet.
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Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Königin auf, sich den Palast
anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu Zimmer durch
alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht ausgestattet waren
und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit aufwiesen.
Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt, die
den vier Jahreszeiten entsprachen.
Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und Kirschbäume,
die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf einem saftigen
dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen zahlreiche
Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch ertönen ließen und
eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in dem Blütenmeere
erbaut.
Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen Birnen-
und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der herrlichsten Früchte
bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und Zikaden erfüllten die Luft mit
ihrem einförmigen und betäubenden Geschrei. Die große Hitze, die in
diesem Teile herrschte, wurde gemildert durch einen sanften, kühlenden
Wind.
Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz bedeckt
mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im Norden
befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich bedeckte und
Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So verbrachte
Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und wurde gar
nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen, die ihm täglich
gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche Schönheit Otohimes
vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein Weib und seine Kinder.
Aber eines Tages, als er wieder müßig umherschlenderte, kamen ihm diese
doch wieder in Erinnerung und ein tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte
schwer und sprach:
„Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie
unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten!
Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von den
Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!“
anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu Zimmer durch
alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht ausgestattet waren
und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit aufwiesen.
Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt, die
den vier Jahreszeiten entsprachen.
Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und Kirschbäume,
die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf einem saftigen
dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen zahlreiche
Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch ertönen ließen und
eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in dem Blütenmeere
erbaut.
Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen Birnen-
und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der herrlichsten Früchte
bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und Zikaden erfüllten die Luft mit
ihrem einförmigen und betäubenden Geschrei. Die große Hitze, die in
diesem Teile herrschte, wurde gemildert durch einen sanften, kühlenden
Wind.
Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz bedeckt
mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im Norden
befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich bedeckte und
Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So verbrachte
Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und wurde gar
nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen, die ihm täglich
gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche Schönheit Otohimes
vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein Weib und seine Kinder.
Aber eines Tages, als er wieder müßig umherschlenderte, kamen ihm diese
doch wieder in Erinnerung und ein tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte
schwer und sprach:
„Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie
unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten!
Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von den
Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!“
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Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Königin und bat, ihn zu den
Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause
abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden.
Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken
auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit sich in
ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes
Lackkästchen, indem sie sagte: „Ich habe keine Gewalt dich hier gegen
deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in
die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung an
mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn du den
Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen. Diesen
Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet bleibt. Also
beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und durch sonst
irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das Kästchen
verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre dein Tod und
nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück, so gehe mit dem
verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen Namen, so werde
ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich hergeleitet. Also beherzige
meine Worte und laß das Kästchen geschlossen, dein Leben liegt darin. Und
nun lebe wohl!“
Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier stand die
Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war sie mit ihm am
Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm Arm wollte er
schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem Wege
wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg, die Bäume
und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die Schildkröte
ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch war ihm dieses
oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich mit dem Gedanken
beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde des Meeres habe
seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt.
Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und
Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie gesehen
hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er auch jedem
ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken, auch die
Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause
abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden.
Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken
auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit sich in
ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes
Lackkästchen, indem sie sagte: „Ich habe keine Gewalt dich hier gegen
deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in
die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung an
mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn du den
Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen. Diesen
Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet bleibt. Also
beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und durch sonst
irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das Kästchen
verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre dein Tod und
nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück, so gehe mit dem
verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen Namen, so werde
ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich hergeleitet. Also beherzige
meine Worte und laß das Kästchen geschlossen, dein Leben liegt darin. Und
nun lebe wohl!“
Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier stand die
Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war sie mit ihm am
Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm Arm wollte er
schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem Wege
wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg, die Bäume
und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die Schildkröte
ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch war ihm dieses
oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich mit dem Gedanken
beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde des Meeres habe
seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt.
Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und
Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie gesehen
hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er auch jedem
ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken, auch die
Page 22
Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert anstarrten und
ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht mehr, was er
denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung aufrecht von den
Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung seiner Heimat
während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu erhalten. Doch je näher
er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war ihm zu Mute und große
Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er hören müssen?
Aber! o Schmerz! — Als er an die Stelle kam, da seine Hütte gestanden, da
war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit Unkraut überwucherter
Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine Spur von seinem Vater,
seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem, was ihm lieb und teuer war,
war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er weinend zu Boden, während in einiger
Entfernung die Leute und Kinder ihn umringten. Da trat aus der Menge ein
gebeugter Greis hervor und näherte sich Urashima mit der Frage:
„Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure Seele mit
Kummer und Schmerz?“
„Mein Alter“, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise,
„vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und
kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde
Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch nie
in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen? Wo sind
mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ? O bitte, löst
mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß ich sehen kann!“
„Ich verstehe euch nicht, junger Mann!“ entgegnete der Greis, „diese Stätte
ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch nicht; wer
seid ihr? Wie ist euer Name?“
„Ich bin Urashima Taro, der Fischer!“ rief Urashima.
„Urashima Taro? — —“ rief der Greis voller Erstaunen und wich
schreckerfüllt einige Schritte zurück. „Seid ihr ein Gespenst? — ein
Schattenbild? — Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die Sage
und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch oft an
dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor nun 700
Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück. Die Gräber
ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht mehr, was er
denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung aufrecht von den
Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung seiner Heimat
während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu erhalten. Doch je näher
er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war ihm zu Mute und große
Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er hören müssen?
Aber! o Schmerz! — Als er an die Stelle kam, da seine Hütte gestanden, da
war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit Unkraut überwucherter
Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine Spur von seinem Vater,
seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem, was ihm lieb und teuer war,
war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er weinend zu Boden, während in einiger
Entfernung die Leute und Kinder ihn umringten. Da trat aus der Menge ein
gebeugter Greis hervor und näherte sich Urashima mit der Frage:
„Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure Seele mit
Kummer und Schmerz?“
„Mein Alter“, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise,
„vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und
kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde
Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch nie
in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen? Wo sind
mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ? O bitte, löst
mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß ich sehen kann!“
„Ich verstehe euch nicht, junger Mann!“ entgegnete der Greis, „diese Stätte
ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch nicht; wer
seid ihr? Wie ist euer Name?“
„Ich bin Urashima Taro, der Fischer!“ rief Urashima.
„Urashima Taro? — —“ rief der Greis voller Erstaunen und wich
schreckerfüllt einige Schritte zurück. „Seid ihr ein Gespenst? — ein
Schattenbild? — Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die Sage
und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch oft an
dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor nun 700
Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück. Die Gräber
Page 23
seiner Angehörigen könnt ihr auf dem Friedhofe noch heute sehen,
allerdings zerfallen, verwittert!“ —
Urashima erblaßte, „siebenhundert Jahre?“ rief er verzweifelt aus und rang
die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles! Sieben Tage
im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe Traurigkeit
bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit stockender Stimme sein
Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ schwankenden Schrittes
wie ein Träumender das Haus; er wandte sich wieder dem Meere zu und
ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage bedenkend.
Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche und
schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder
zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte
aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er vergeblich
nach dem Tiere aus.
Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim Abschiede
gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand gelegt hatte.
„Was bedeutet dieses Kästchen?“ fragte er sich. Die schöne Königin hat
zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn ich
das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine Probe? Enthält
das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was ich heute erlebte,
nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich das Kästchen öffne?
Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet es? Bin ich jetzt nicht ein
Fremdling in meiner Heimat und habe niemanden, niemanden, der mich
allerdings zerfallen, verwittert!“ —
Urashima erblaßte, „siebenhundert Jahre?“ rief er verzweifelt aus und rang
die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles! Sieben Tage
im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe Traurigkeit
bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit stockender Stimme sein
Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ schwankenden Schrittes
wie ein Träumender das Haus; er wandte sich wieder dem Meere zu und
ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage bedenkend.
Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche und
schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder
zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte
aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er vergeblich
nach dem Tiere aus.
Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim Abschiede
gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand gelegt hatte.
„Was bedeutet dieses Kästchen?“ fragte er sich. Die schöne Königin hat
zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn ich
das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine Probe? Enthält
das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was ich heute erlebte,
nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich das Kästchen öffne?
Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet es? Bin ich jetzt nicht ein
Fremdling in meiner Heimat und habe niemanden, niemanden, der mich
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liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne Familie, ohne Bekannte, ohne
Freunde bin ich schlimmer daran als ein Heimatloser; da ist mir der Tod nur
ein Gewinn, er bietet mir etwas Besseres, als dieses unglückselige Leben!
So sprechend, löste er langsam die Schnur, die um das Kästchen
geschlungen war und öffnete ein wenig den Deckel.
Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete
sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der
Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand.
Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die
Arme aus, aber — ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper
und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein eisiger
Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig, war welk,
runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er auch wie sein Blut
erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß, die Haut zog sich in Falten,
der Herzschlag stockte, noch einmal schaute er ins Wasser, da spiegelte sich
ihm ein verrunzeltes graues Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar
entgegen, sein eigenes Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt
mumienhaft verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein
Häuflein grauen Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch
zurückgekehrt in wenigen Minuten zu Staub wurde. 4
Freunde bin ich schlimmer daran als ein Heimatloser; da ist mir der Tod nur
ein Gewinn, er bietet mir etwas Besseres, als dieses unglückselige Leben!
So sprechend, löste er langsam die Schnur, die um das Kästchen
geschlungen war und öffnete ein wenig den Deckel.
Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete
sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der
Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand.
Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die
Arme aus, aber — ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper
und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein eisiger
Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig, war welk,
runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er auch wie sein Blut
erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß, die Haut zog sich in Falten,
der Herzschlag stockte, noch einmal schaute er ins Wasser, da spiegelte sich
ihm ein verrunzeltes graues Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar
entgegen, sein eigenes Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt
mumienhaft verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein
Häuflein grauen Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch
zurückgekehrt in wenigen Minuten zu Staub wurde. 4
Page 25
1. Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro = ältester
Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene, der Ältere.
2. Derartige Tierquälereien kann man noch heute tagtäglich als
eine Belustigung der japanischen Jugend beobachten.
3. „sama“ auch „san“ = Herr, sama ist die höflichere Form als
san.
4. Die Schicksale Urashima’s sind urkundlich bestätigt. Die Zeit
seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird 477—825
n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die
verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000
Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten
japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe
Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die
Fischergeräte Urashima’s gezeigt. Urashima ist eine der
beliebtesten Märchenfiguren Japans.
Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene, der Ältere.
2. Derartige Tierquälereien kann man noch heute tagtäglich als
eine Belustigung der japanischen Jugend beobachten.
3. „sama“ auch „san“ = Herr, sama ist die höflichere Form als
san.
4. Die Schicksale Urashima’s sind urkundlich bestätigt. Die Zeit
seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird 477—825
n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die
verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000
Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten
japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe
Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die
Fischergeräte Urashima’s gezeigt. Urashima ist eine der
beliebtesten Märchenfiguren Japans.
Page 26
Wenn man mit
Kobolden tanzt!
n alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten
Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser
Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln,
wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen
hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das
Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann
konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung
des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.
Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor
Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich
Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und
sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in
verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem
der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie
genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der
Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake 1 zu
sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten,
denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.
Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen
Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber
zu: „Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!“ Und
gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.
Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm
nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.
War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.
Kobolden tanzt!
n alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten
Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser
Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln,
wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen
hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das
Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann
konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung
des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.
Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor
Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich
Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und
sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in
verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem
der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie
genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der
Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake 1 zu
sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten,
denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.
Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen
Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber
zu: „Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!“ Und
gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.
Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm
nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.
War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.
Page 27
Da sprachen die Kobolde: „Du hast uns durch deine Gesellschaft
hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!“
Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand
haben, daß er auch sicherlich käme. „Weißt du“, sagten sie zu ihm, „wir
werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann
morgen wieder bekommen.“
Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm
die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten
alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.
Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine
Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber
außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden
und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein
Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.
Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß
er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann,
welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber
kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein
Wiederkommen abgenommen hatten.
Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der
Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.
Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner
Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der
erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.
In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er
wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe
Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.
Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu
Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: „Unser Freund von gestern
scheint heute nicht zu kommen!“
Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: „Da bin
ich schon!“
hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!“
Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand
haben, daß er auch sicherlich käme. „Weißt du“, sagten sie zu ihm, „wir
werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann
morgen wieder bekommen.“
Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm
die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten
alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.
Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine
Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber
außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden
und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein
Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.
Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß
er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann,
welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber
kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein
Wiederkommen abgenommen hatten.
Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der
Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.
Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner
Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der
erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.
In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er
wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe
Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.
Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu
Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: „Unser Freund von gestern
scheint heute nicht zu kommen!“
Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: „Da bin
ich schon!“
Page 28
Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf
wieder seine Kunst zu zeigen.
Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake
vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd
umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne
zuzuschauen und so riefen sie: „Du bist heute nicht so geschickt wie gestern
und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort
kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine
Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!“
Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne
ins Gesicht, klitsch — klatsch — saß sie an der rechten Wange. Dann stieß
man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren. —
Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen
will, das andere genießen!
1. Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger Wein, der heiß
getrunken wird.
wieder seine Kunst zu zeigen.
Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake
vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd
umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne
zuzuschauen und so riefen sie: „Du bist heute nicht so geschickt wie gestern
und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort
kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine
Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!“
Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne
ins Gesicht, klitsch — klatsch — saß sie an der rechten Wange. Dann stieß
man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren. —
Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen
will, das andere genießen!
1. Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger Wein, der heiß
getrunken wird.
Page 29
Neid bringt Leid.
Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem
kleinen Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem
ganzen Leben jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut.
Deshalb hatten ihn auch alle Leute lieb, obgleich er arm war.
Gerade gegenüber dem Hause dieses guten alten Mannes
wohnte ein anderer alter Mann, der sehr reich war, aber nicht
gut, sondern habgierig und alles, was er sah, gern haben
wollte.
Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine
Verwandte und er hätte ganz einsam leben müssen, was er
nicht wollte; denn er wünschte auch in seinem Hause jemanden zu haben,
den er lieb haben könnte und der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich
ein allerliebstes kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald
seine große Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe
vergalt und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines
Herrn wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete.
Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an
ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle in der
Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu scharren, indem
es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte es sagen:
„Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!“ Der Alte verstand sein
Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle
nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein
Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener
Koban 1, worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und einen
großen Teil den Armen spendete.
Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem
kleinen Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem
ganzen Leben jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut.
Deshalb hatten ihn auch alle Leute lieb, obgleich er arm war.
Gerade gegenüber dem Hause dieses guten alten Mannes
wohnte ein anderer alter Mann, der sehr reich war, aber nicht
gut, sondern habgierig und alles, was er sah, gern haben
wollte.
Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine
Verwandte und er hätte ganz einsam leben müssen, was er
nicht wollte; denn er wünschte auch in seinem Hause jemanden zu haben,
den er lieb haben könnte und der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich
ein allerliebstes kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald
seine große Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe
vergalt und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines
Herrn wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete.
Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an
ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle in der
Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu scharren, indem
es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte es sagen:
„Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!“ Der Alte verstand sein
Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle
nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein
Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener
Koban 1, worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und einen
großen Teil den Armen spendete.
Page 30
Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie bisher,
hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.
Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren
hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das
Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo
goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen
nicht und wich nie von seines Herrn Seite.
Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen
konnte, wandte er Gewalt an, indem er das Hündchen, als
dieses ruhig vor dem Hause saß, ergriff und in sein Haus
schleppte; dann band er es mit einem Strick und führte es aufs
Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige. Das Hündchen
scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber immer,
wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im
Schweiße seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts
als stinkenden Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit
seiner Hacke erschlug und den Leichnam dem guten Alten in den Garten
warf.
Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter einen
Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter war, trug
er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die begangene Tat.
Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und
sagte zu ihm:
„Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen,
wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben bin,
um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser 2 und Schlegel!“
Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm,
welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi 3 und nahm kein
Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich;
denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den
Armen des Ortes reichlich abgeben.
Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu
Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben.
hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.
Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren
hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das
Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo
goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen
nicht und wich nie von seines Herrn Seite.
Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen
konnte, wandte er Gewalt an, indem er das Hündchen, als
dieses ruhig vor dem Hause saß, ergriff und in sein Haus
schleppte; dann band er es mit einem Strick und führte es aufs
Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige. Das Hündchen
scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber immer,
wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im
Schweiße seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts
als stinkenden Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit
seiner Hacke erschlug und den Leichnam dem guten Alten in den Garten
warf.
Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter einen
Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter war, trug
er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die begangene Tat.
Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und
sagte zu ihm:
„Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen,
wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben bin,
um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser 2 und Schlegel!“
Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm,
welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi 3 und nahm kein
Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich;
denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den
Armen des Ortes reichlich abgeben.
Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu
Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben.
Page 31
Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser
wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am andern
Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben und
ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus trug, ihn bis
obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber o Graus! Anstatt
schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und erfüllte mit seinem
Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte Mann eine Axt, hieb den
Mörser samt Schlegel in viele Stücke und verbrannte diese zu Asche.
Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers beraubte
Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens, das ihm
wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von dem Mörser
aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem Gefäße
sorgfältig auf.
wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am andern
Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben und
ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus trug, ihn bis
obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber o Graus! Anstatt
schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und erfüllte mit seinem
Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte Mann eine Axt, hieb den
Mörser samt Schlegel in viele Stücke und verbrannte diese zu Asche.
Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers beraubte
Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens, das ihm
wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von dem Mörser
aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem Gefäße
sorgfältig auf.
Page 32
Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl
waren, der Daimyo 4 mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause
unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte ergriff
nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf einen am Wege
stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter war, streute er
die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im ersten Augenblick
starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob solcher Freveltat und sie
wollten den Alten ergreifen.
Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen war,
grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter und Blüten
und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter Kirschblüten auf den
Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor Freude über solch ein
Wunder laut auf und die den Alten soeben noch züchtigen wollten,
umarmten ihn und priesen seine Wundertat.
Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte
dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die Geschichte
des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes Hündchen.
Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging er
wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas Asche
übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch tat.
Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem
Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als die
geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen Baum
zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt, streute der
Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt und keine Blüte
zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog dem Daimyo und
seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß ein jeder sich
voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig durchprügelte, dann in
Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er nach langen großen
Schmerzen verstarb. — So ergehe es allen Neidern und Habgierigen, die
dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an sich reißen möchten,
anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen!
waren, der Daimyo 4 mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause
unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte ergriff
nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf einen am Wege
stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter war, streute er
die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im ersten Augenblick
starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob solcher Freveltat und sie
wollten den Alten ergreifen.
Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen war,
grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter und Blüten
und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter Kirschblüten auf den
Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor Freude über solch ein
Wunder laut auf und die den Alten soeben noch züchtigen wollten,
umarmten ihn und priesen seine Wundertat.
Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte
dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die Geschichte
des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes Hündchen.
Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging er
wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas Asche
übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch tat.
Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem
Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als die
geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen Baum
zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt, streute der
Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt und keine Blüte
zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog dem Daimyo und
seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß ein jeder sich
voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig durchprügelte, dann in
Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er nach langen großen
Schmerzen verstarb. — So ergehe es allen Neidern und Habgierigen, die
dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an sich reißen möchten,
anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen!
Page 33
1. Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen hatten
länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588 zum
ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und ausgegeben.
2. Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.
3. Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei zerstampfter
Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird. Diese Kuchen
heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).
4. Daimyo = Fürst.
Der schlaue Polizist. 1
er frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei
eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte
und Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft
so ist. Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser
war recht ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei
kommen und machte ihm Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine
Leute und sagte, sie seien alle tüchtig und geschickt.
Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle Schliche
und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. Er werde
die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am anderen Morgen im
Palaste einfinden.
Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes versammelt
waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen Beutel haltend.
Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn mitten an der Decke
der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit der Hand erreichen
konnte.
länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588 zum
ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und ausgegeben.
2. Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.
3. Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei zerstampfter
Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird. Diese Kuchen
heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).
4. Daimyo = Fürst.
Der schlaue Polizist. 1
er frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei
eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte
und Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft
so ist. Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser
war recht ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei
kommen und machte ihm Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine
Leute und sagte, sie seien alle tüchtig und geschickt.
Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle Schliche
und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. Er werde
die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am anderen Morgen im
Palaste einfinden.
Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes versammelt
waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen Beutel haltend.
Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn mitten an der Decke
der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit der Hand erreichen
konnte.
Page 34
Dann sagte der Kaiser:
„Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine
Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel
binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so gehört
ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in meinen Diensten
bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, so jage ich euch alle
zum Teufel!“
Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die Polizisten
heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, weil der Kaiser
eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den Beutel Tag und Nacht
bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache mit Kopfabschlagen
gedroht.
So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an der
Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete sich zum
Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er wolle es versuchen
aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.
Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und
sagte: „Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück gelingt
euch doch nicht!“
„Das mag stimmen!“ erwiderte dieser, „und ich glaube selbst, daß nur ein
Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder in den
zwei Tagen ein!“ Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. „Gut, so soll es
sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!“ entschied er.
Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau und
prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause und fertigte
sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen Steinchen füllte.
Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner
Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, ob
das Wunder schon geschehen sei.
Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu
dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der Beutel
noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.
„Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine
Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel
binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so gehört
ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in meinen Diensten
bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, so jage ich euch alle
zum Teufel!“
Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die Polizisten
heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, weil der Kaiser
eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den Beutel Tag und Nacht
bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache mit Kopfabschlagen
gedroht.
So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an der
Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete sich zum
Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er wolle es versuchen
aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.
Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und
sagte: „Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück gelingt
euch doch nicht!“
„Das mag stimmen!“ erwiderte dieser, „und ich glaube selbst, daß nur ein
Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder in den
zwei Tagen ein!“ Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. „Gut, so soll es
sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!“ entschied er.
Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau und
prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause und fertigte
sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen Steinchen füllte.
Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner
Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, ob
das Wunder schon geschehen sei.
Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu
dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der Beutel
noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.
Page 35
Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen hatte,
fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu nehmen. Auch das
genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf eine Bank, stellte sich
darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn sich wieder an und steckte
ihn in den Ärmel, indem er sagte:
„Auf diese Weise würde es gehen!“
Der Kaiser erwiderte lachend: „So ginge es wohl, ist aber nicht erlaubt. Der
Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. Hänge ihn
also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du ihn nicht
ausführen kannst!“
Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den Beutel
wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den Beutel mit dem
Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm vorbereiteten
und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen aufgehangen,
während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich mit diesem
entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis zum anderen
Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.
Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte
die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen war.
Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle Polizisten
in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, sie für immer
ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn auch recht
unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen Polizisten, indem er
ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.
„Ich glaube ja!“, erwiderte dieser.
„Er ist total verrückt oder unverschämt frech!“ rief da der Kaiser. „Glaubt er
denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!“
„Ich sehe,“ erwiderte der Gescholtene, „daß dort wohl ein Beutel hängt, ob
es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!“
„Das ist denn doch zu stark!“ schrie der Kaiser. „Holt den Beutel herunter
und bringt ihn her!“ befahl er der Wache.
fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu nehmen. Auch das
genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf eine Bank, stellte sich
darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn sich wieder an und steckte
ihn in den Ärmel, indem er sagte:
„Auf diese Weise würde es gehen!“
Der Kaiser erwiderte lachend: „So ginge es wohl, ist aber nicht erlaubt. Der
Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. Hänge ihn
also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du ihn nicht
ausführen kannst!“
Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den Beutel
wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den Beutel mit dem
Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm vorbereiteten
und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen aufgehangen,
während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich mit diesem
entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis zum anderen
Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.
Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte
die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen war.
Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle Polizisten
in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, sie für immer
ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn auch recht
unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen Polizisten, indem er
ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.
„Ich glaube ja!“, erwiderte dieser.
„Er ist total verrückt oder unverschämt frech!“ rief da der Kaiser. „Glaubt er
denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!“
„Ich sehe,“ erwiderte der Gescholtene, „daß dort wohl ein Beutel hängt, ob
es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!“
„Das ist denn doch zu stark!“ schrie der Kaiser. „Holt den Beutel herunter
und bringt ihn her!“ befahl er der Wache.
Page 36
Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete,
aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem Beutel
fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der frühere
Beutel war.
„Kerl, wie hat er das fertig gebracht?“ fragte er den listigen Mann. Dieser
erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen dann in des
Kaisers Gegenwart vertauscht habe.
„Bist ein verteufelt schlauer Bursche!“ sagte dann der Kaiser. „Und da du
mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren Oberster sein und
ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine Leute ihre Pflicht tun
und dir nacheifern!“ Und so geschah es!
1. Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese Sammlung
mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde und
jetzt unter dem Namen „Chosen“ eine japanische Provinz ist.
Obige Erzählung erinnert an den „listigen Dieb“ aus „1001
Nacht.“
Der Abt des Klosters Yakushi.
ei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute
allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo 1 bekannt ist, obgleich sein alter
wirklicher Name „Yakushi-ji“ 2 ist.
aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem Beutel
fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der frühere
Beutel war.
„Kerl, wie hat er das fertig gebracht?“ fragte er den listigen Mann. Dieser
erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen dann in des
Kaisers Gegenwart vertauscht habe.
„Bist ein verteufelt schlauer Bursche!“ sagte dann der Kaiser. „Und da du
mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren Oberster sein und
ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine Leute ihre Pflicht tun
und dir nacheifern!“ Und so geschah es!
1. Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese Sammlung
mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde und
jetzt unter dem Namen „Chosen“ eine japanische Provinz ist.
Obige Erzählung erinnert an den „listigen Dieb“ aus „1001
Nacht.“
Der Abt des Klosters Yakushi.
ei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute
allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo 1 bekannt ist, obgleich sein alter
wirklicher Name „Yakushi-ji“ 2 ist.
Page 37
Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt,
der sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes
Beispiel zu geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern
verteilte die dem Kloster gemachten Geschenke und Gaben
wieder an die Armen und behielt keinen Sen für sich. So hoffte er,
wenn seine Todesstunde nahe, als gerechter Diener in Buddha’s Paradies
einziehen zu können. Als aber diese Stunde kam und er gottergeben des
Boten Buddha’s harrte, der ihn abrufen sollte, da sah er nicht diesen,
sondern einen feurigen Wagen nahen, der von allerlei buntfarbigen
Höllengeistern gezogen wurde. Der Abt war aufs tiefste erschrocken und
bat um Auskunft, was er, der sich keines Unrechts bewußt war, Böses
begangen habe, da anstatt Buddhas Bote Diener der Hölle kämen. Die
Antwort lautete:
„Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für
dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde
wegen harret deiner die Hölle!“
Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene
Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese
Bitte wurde ihm gewährt.
Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein Lager,
erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen unbedachten Schuld
geschwebt habe und sagte: „Nehmet alle meine geringe Habe, veräußert sie
und gebet den Erlös zum Klostergute, auf daß meine Schuld getilgt werde
und ich in Frieden sterben kann. Euch alle aber ermahne ich, laßt diese
Lehre nie aus eurem Herzen schwinden, denn wenn mir schon einer
einzigen Maß Reis wegen die Hölle drohte, wie mag es denen erst ergehen,
die sich bewußt am Klostergute vergreifen und Reichtümer zur Lust und
zum Wohlleben aufsammeln!“
Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen murmelten:
„Der Friedensbote naht!“ „Namida Butsu — Heiliger Buddha hilf!“ Ein
Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in das Paradies als
getreuer Diener des Herrn.
1. Hort des Westens, Nishi-Welt.
der sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes
Beispiel zu geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern
verteilte die dem Kloster gemachten Geschenke und Gaben
wieder an die Armen und behielt keinen Sen für sich. So hoffte er,
wenn seine Todesstunde nahe, als gerechter Diener in Buddha’s Paradies
einziehen zu können. Als aber diese Stunde kam und er gottergeben des
Boten Buddha’s harrte, der ihn abrufen sollte, da sah er nicht diesen,
sondern einen feurigen Wagen nahen, der von allerlei buntfarbigen
Höllengeistern gezogen wurde. Der Abt war aufs tiefste erschrocken und
bat um Auskunft, was er, der sich keines Unrechts bewußt war, Böses
begangen habe, da anstatt Buddhas Bote Diener der Hölle kämen. Die
Antwort lautete:
„Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für
dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde
wegen harret deiner die Hölle!“
Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene
Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese
Bitte wurde ihm gewährt.
Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein Lager,
erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen unbedachten Schuld
geschwebt habe und sagte: „Nehmet alle meine geringe Habe, veräußert sie
und gebet den Erlös zum Klostergute, auf daß meine Schuld getilgt werde
und ich in Frieden sterben kann. Euch alle aber ermahne ich, laßt diese
Lehre nie aus eurem Herzen schwinden, denn wenn mir schon einer
einzigen Maß Reis wegen die Hölle drohte, wie mag es denen erst ergehen,
die sich bewußt am Klostergute vergreifen und Reichtümer zur Lust und
zum Wohlleben aufsammeln!“
Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen murmelten:
„Der Friedensbote naht!“ „Namida Butsu — Heiliger Buddha hilf!“ Ein
Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in das Paradies als
getreuer Diener des Herrn.
1. Hort des Westens, Nishi-Welt.
Page 38
2. Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses Kloster
befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da letztere heute
teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und ihrem Umfang
verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt außerhalb der Stadt an
der Landstraße.
befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da letztere heute
teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und ihrem Umfang
verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt außerhalb der Stadt an
der Landstraße.
Page 39
List geht über Gewalt. 1
Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den
Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er
plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen
schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort.
Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die
Neugierde zu sehen, woher es komme.
Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin,
aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine
Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich
bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.
Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: „Was gaffst du mich an?
Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer
verborgen sind!“
„Daß ich dumm wäre!“ entgegnete der Mann. „Bist du frei, so frißt du mich
auf!“
„Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!“ versicherte der Tiger
und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ
und den Tiger befreite.
Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen
Befreier eine Weile an und sagte:
„Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen
Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer?
Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir die
Kosten des Begräbnisses.“
„Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?“ rief der Holzfäller.
„Ach was!“ sprach der Tiger. „Mit leerem Magen fühlt man keine
Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!“ So stritten sich
Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den
Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er
plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen
schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort.
Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die
Neugierde zu sehen, woher es komme.
Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin,
aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine
Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich
bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.
Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: „Was gaffst du mich an?
Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer
verborgen sind!“
„Daß ich dumm wäre!“ entgegnete der Mann. „Bist du frei, so frißt du mich
auf!“
„Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!“ versicherte der Tiger
und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ
und den Tiger befreite.
Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen
Befreier eine Weile an und sagte:
„Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen
Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer?
Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir die
Kosten des Begräbnisses.“
„Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?“ rief der Holzfäller.
„Ach was!“ sprach der Tiger. „Mit leerem Magen fühlt man keine
Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!“ So stritten sich
Page 40
die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen, hörte
den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.
Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber das
Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.
„Ganz recht, alter Onkel!“ sagte da der Hase. „Verspeise den Mann mit
gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch
Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. — Aber,
was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht
selbst befreien?“ sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die Falle
betrachtete. „Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!“
„Ich flunkern?“ rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in die
Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. „Seht! so ging ich, ohne
zu beachten, was es ist, hier in die Falle!“
„Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch
gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!“ lachte der Hase, sprang auf
die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß und der Tiger
wieder gefangen war.
„So!“ sagte der Hase zum Holzfäller,
„wenn es euch nun beliebt, den alten
Sünder da drinnen wieder zu befreien,
mag er euch mit vollem Recht
verspeisen; ich aber will nicht dabei
sein!“ So sprechend machte er ein
Männchen und sprang lustig in den Wald
hinein.
Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet
zu sehen, hütete sich natürlich, den Tiger
zum zweiten Male zu befreien und eilte
frohgemut zu seiner Arbeitsstätte zurück,
verfolgt von dem wütenden Gebrüll des
überlisteten alten Räubers.
So kommt man mit List weiter als mit
Gewalt und wer mehr seinem Magen folgt als seinem Verstande, geht
den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.
Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber das
Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.
„Ganz recht, alter Onkel!“ sagte da der Hase. „Verspeise den Mann mit
gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch
Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. — Aber,
was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht
selbst befreien?“ sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die Falle
betrachtete. „Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!“
„Ich flunkern?“ rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in die
Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. „Seht! so ging ich, ohne
zu beachten, was es ist, hier in die Falle!“
„Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch
gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!“ lachte der Hase, sprang auf
die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß und der Tiger
wieder gefangen war.
„So!“ sagte der Hase zum Holzfäller,
„wenn es euch nun beliebt, den alten
Sünder da drinnen wieder zu befreien,
mag er euch mit vollem Recht
verspeisen; ich aber will nicht dabei
sein!“ So sprechend machte er ein
Männchen und sprang lustig in den Wald
hinein.
Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet
zu sehen, hütete sich natürlich, den Tiger
zum zweiten Male zu befreien und eilte
frohgemut zu seiner Arbeitsstätte zurück,
verfolgt von dem wütenden Gebrüll des
überlisteten alten Räubers.
So kommt man mit List weiter als mit
Gewalt und wer mehr seinem Magen folgt als seinem Verstande, geht
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meistens zugrunde.
1. Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu „der schlaue Polizist“
Seite 27.
Die Kröte von Osaka
und die von Kyoto.
n Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt
war. Einmal hörte sie von Naniwa 1 und den dortigen
Kunstschätzen sprechen und sie bekam den Wunsch diese einmal
zu sehen.
Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise, die
sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen und
erfahren kann.
So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt
und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte
Berg Tenno ist, über den der Weg führt.
Da der Tenno yama 2 in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so
beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert hatte
Rast zu machen.
Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den
Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und
kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des
Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.
1. Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu „der schlaue Polizist“
Seite 27.
Die Kröte von Osaka
und die von Kyoto.
n Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt
war. Einmal hörte sie von Naniwa 1 und den dortigen
Kunstschätzen sprechen und sie bekam den Wunsch diese einmal
zu sehen.
Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise, die
sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen und
erfahren kann.
So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt
und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte
Berg Tenno ist, über den der Weg führt.
Da der Tenno yama 2 in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so
beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert hatte
Rast zu machen.
Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den
Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und
kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des
Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.
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Beide Kröten begrüßten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften üblich
ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.
Schließlich sagten sie: „Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise hinter
uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und Hüften
schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und Kyoto
sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen und jede den
Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise vermeiden wir weitere
Anstrengung und Schmerzen!“
So taten sie.
Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach
Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und betrachteten
aufmerksam die betreffende Stadt.
Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die
beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten stets
rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto sondern
Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto sah, jede also
die Stadt, von der sie hergekommen war.
Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: „Ich habe gehört,
daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe, sie ist gar
nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich heimzukehren!“
Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse
schnitt: „Und ich hörte, daß die Hauptstadt 3 die schönste Stadt des Landes
sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie vollständig Osaka
gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!“
Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in ihre
Heimatstadt zurück.
Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil gefällt
wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht weiß, wo man
sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen Kröten.
1. Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.
2. Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.
ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.
Schließlich sagten sie: „Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise hinter
uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und Hüften
schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und Kyoto
sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen und jede den
Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise vermeiden wir weitere
Anstrengung und Schmerzen!“
So taten sie.
Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach
Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und betrachteten
aufmerksam die betreffende Stadt.
Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die
beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten stets
rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto sondern
Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto sah, jede also
die Stadt, von der sie hergekommen war.
Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: „Ich habe gehört,
daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe, sie ist gar
nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich heimzukehren!“
Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse
schnitt: „Und ich hörte, daß die Hauptstadt 3 die schönste Stadt des Landes
sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie vollständig Osaka
gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!“
Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in ihre
Heimatstadt zurück.
Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil gefällt
wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht weiß, wo man
sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen Kröten.
1. Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.
2. Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.
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3. Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.
Der Affe und der Sake. 1
s wollte einmal ein Jäger einen Affen fangen. Da aber die Affen
sehr schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu
fangen.
Da fiel ihm plötzlich eine List ein. Er nahm eine große Schüssel,
füllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom Rande des
Waldes auf.
Der Affe hatte, hinter den Blättern eines Baumes versteckt, dem Jäger
zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und
wollte sehen, was in der Schüssel sei.
Er roch, daß es Sake sei.
„Aha!“ dachte er, „ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken bin,
will mich der Jäger fangen. Aber ich bin klüger als er denkt und werde von
dem Sake nichts trinken.“
Der Affe und der Sake. 1
s wollte einmal ein Jäger einen Affen fangen. Da aber die Affen
sehr schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu
fangen.
Da fiel ihm plötzlich eine List ein. Er nahm eine große Schüssel,
füllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom Rande des
Waldes auf.
Der Affe hatte, hinter den Blättern eines Baumes versteckt, dem Jäger
zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und
wollte sehen, was in der Schüssel sei.
Er roch, daß es Sake sei.
„Aha!“ dachte er, „ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken bin,
will mich der Jäger fangen. Aber ich bin klüger als er denkt und werde von
dem Sake nichts trinken.“
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Damit ging er zurück, blieb aber nach einem Weilchen stehen; denn der
Sake roch doch zu lieblich und verführerisch.
„Was kann es schaden“, setzte er sein Selbstgespräch fort, „wenn ich nur
davon nippe und einige Tropfen genieße! Das macht noch lange nicht
betrunken. Nur vorsichtig muß ich sein und darf nicht zu viel trinken!“
Zögernd ging er wieder zurück und näherte sich der Schüssel; dann
schlürfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten.
„Ein wenig mehr kann nichts schaden!“ dachte er weiter und nahm wieder
einige Tropfen zu sich.
„Ah, wie das wohl tut!“ sprach er mit dem Sake liebäugelnd, „nur noch
einen kräftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier“.
Er nahm nun einen recht großen Schluck und lief dann zum Walde zurück,
aber am Rande blieb er stehen.
„Noch bin ich nicht betrunken,“ meinte er, „und ich merke nichts weiter als
ein angenehmes Wohlgefühl. Zu stark scheint mir also der Sake nicht zu
sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte.
Übrigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schüssel ist noch
nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug getan.“
Auch dies geschah; aber der Zug war so kräftig, daß nur noch ein kleiner
Rest in der Schüssel blieb, den der Affe überlegend betrachtete und
schließlich auch noch leerte; „denn dieser kleine Rest,“ so philosophierte er,
„macht jetzt auch nichts mehr aus.“
So war die Schüssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen waren
voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr müde.
Er nahm daher die Schüssel, stülpte sie um und legte sie unter seinen Kopf;
dann schlief er ein, indem er noch dachte: „Was mag wohl aus dieser
Geschichte jetzt werden?“
Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jäger, band ihn und trug ihn nach
Hause.
Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Käfig und hatte
fürchterliche Schmerzen im Schädel.
Sake roch doch zu lieblich und verführerisch.
„Was kann es schaden“, setzte er sein Selbstgespräch fort, „wenn ich nur
davon nippe und einige Tropfen genieße! Das macht noch lange nicht
betrunken. Nur vorsichtig muß ich sein und darf nicht zu viel trinken!“
Zögernd ging er wieder zurück und näherte sich der Schüssel; dann
schlürfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten.
„Ein wenig mehr kann nichts schaden!“ dachte er weiter und nahm wieder
einige Tropfen zu sich.
„Ah, wie das wohl tut!“ sprach er mit dem Sake liebäugelnd, „nur noch
einen kräftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier“.
Er nahm nun einen recht großen Schluck und lief dann zum Walde zurück,
aber am Rande blieb er stehen.
„Noch bin ich nicht betrunken,“ meinte er, „und ich merke nichts weiter als
ein angenehmes Wohlgefühl. Zu stark scheint mir also der Sake nicht zu
sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte.
Übrigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schüssel ist noch
nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug getan.“
Auch dies geschah; aber der Zug war so kräftig, daß nur noch ein kleiner
Rest in der Schüssel blieb, den der Affe überlegend betrachtete und
schließlich auch noch leerte; „denn dieser kleine Rest,“ so philosophierte er,
„macht jetzt auch nichts mehr aus.“
So war die Schüssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen waren
voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr müde.
Er nahm daher die Schüssel, stülpte sie um und legte sie unter seinen Kopf;
dann schlief er ein, indem er noch dachte: „Was mag wohl aus dieser
Geschichte jetzt werden?“
Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jäger, band ihn und trug ihn nach
Hause.
Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Käfig und hatte
fürchterliche Schmerzen im Schädel.
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So geht es, wenn man lüstern ist und sich nicht zu beherrschen weiß. Wer
am Sake riecht, trinkt ihn dann auch.
1. Sake = Reiswein.
Die Auster.
uf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie
alle Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdächtiges
Geräusch ertönte, jedesmal fest schloß; denn dann konnte ihr, wie
sie glaubte, nie etwas Böses geschehen. Die Fische im Meere
beneideten sie deshalb und sagten zu ihr: „Frau Auster, Ihr habt
eine schöne Festung; wenn Ihr sie schließt, seid Ihr sicher und könnt daher
ein recht schönes Wohlleben führen!“
„Es ist nicht weit her,“ erwiderte die Auster bescheiden aber mit Stolz;
„wenn ich auch vor äußerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch nicht ohne
Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!“
In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine große Unruhe und das
Wasser wurde aufgerührt, flugs schloß die Auster ihre Schalen und dachte:
„Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder eine Angel.
Ich bin nur froh, daß ich in meiner Schale sicher bin! Ja, ja, man muß stets
vorsichtig sein!“
Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Geräusch verstummt war,
wollte sie sehen, was geschehen sei und öffnete vorsichtig die Schalen, aber
o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem stand: „Diese Auster
kostet 2 sen!“ 1
am Sake riecht, trinkt ihn dann auch.
1. Sake = Reiswein.
Die Auster.
uf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie
alle Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdächtiges
Geräusch ertönte, jedesmal fest schloß; denn dann konnte ihr, wie
sie glaubte, nie etwas Böses geschehen. Die Fische im Meere
beneideten sie deshalb und sagten zu ihr: „Frau Auster, Ihr habt
eine schöne Festung; wenn Ihr sie schließt, seid Ihr sicher und könnt daher
ein recht schönes Wohlleben führen!“
„Es ist nicht weit her,“ erwiderte die Auster bescheiden aber mit Stolz;
„wenn ich auch vor äußerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch nicht ohne
Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!“
In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine große Unruhe und das
Wasser wurde aufgerührt, flugs schloß die Auster ihre Schalen und dachte:
„Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder eine Angel.
Ich bin nur froh, daß ich in meiner Schale sicher bin! Ja, ja, man muß stets
vorsichtig sein!“
Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Geräusch verstummt war,
wollte sie sehen, was geschehen sei und öffnete vorsichtig die Schalen, aber
o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem stand: „Diese Auster
kostet 2 sen!“ 1
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Sie befand sich auf dem Ladentisch eines Fischhändlers.
Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor einer
Gefahr die Augen zu schließen.
1. Ein Sen, jetzige japanische Münze = 2 Pfennig.
Der Sperling mit abgeschnittener Zunge.
s lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll
und erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden.
Seine Frau war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig,
unzufrieden und rachsüchtig.
Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich einen
Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte. Den Mann
dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und trug es
behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel und bettete
den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte ausgepolstert hatte.
Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ,
heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder fliegen.
Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene
Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat der
Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings ganz
vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe, sich endlich
wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling kein Futter
hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.
Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem
Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade
Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor einer
Gefahr die Augen zu schließen.
1. Ein Sen, jetzige japanische Münze = 2 Pfennig.
Der Sperling mit abgeschnittener Zunge.
s lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll
und erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden.
Seine Frau war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig,
unzufrieden und rachsüchtig.
Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich einen
Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte. Den Mann
dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und trug es
behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel und bettete
den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte ausgepolstert hatte.
Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ,
heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder fliegen.
Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene
Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat der
Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings ganz
vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe, sich endlich
wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling kein Futter
hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.
Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem
Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade
Page 47
einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen und
seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu, als es sich
der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau ins Haus, holte
eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt ihm die Zunge ab und ließ
ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: „Warte ich will dich lehren, fremder
Leute Kleister zu fressen!“
Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde
verschwunden.
Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer
wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und sie
ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr betrübt,
setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme Tierchen zu suchen.
Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er überall fragte: „Habt Ihr
nicht einen Sperling mit abgeschnittener Zunge gesehen?“ Aber niemand
hatte ihn gesehen, niemand konnte Auskunft geben.
Endlich kam er an ein dichtes Gebüsch A, vor dem ein hübscher kleiner
Sperling wartete, der, als er den alten Mann sah, ihm entgegenhüpfte und
sich verneigte.
„Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast“, sagte er; „ich habe
beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater ist gesund
heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen gekommen, um
dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also, bitte, komm und folge
mir!“
Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden
Sperling.
Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem viele,
viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den der Alte
gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten und ließ ihn
Platz nehmen. Er sagte: „Dir braven Manne zu Ehren habe ich das heutige
Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir wohl sein; ich werde dir
zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein kann!“
Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische, Fleisch,
Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so schön und gut
seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu, als es sich
der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau ins Haus, holte
eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt ihm die Zunge ab und ließ
ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: „Warte ich will dich lehren, fremder
Leute Kleister zu fressen!“
Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde
verschwunden.
Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer
wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und sie
ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr betrübt,
setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme Tierchen zu suchen.
Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er überall fragte: „Habt Ihr
nicht einen Sperling mit abgeschnittener Zunge gesehen?“ Aber niemand
hatte ihn gesehen, niemand konnte Auskunft geben.
Endlich kam er an ein dichtes Gebüsch A, vor dem ein hübscher kleiner
Sperling wartete, der, als er den alten Mann sah, ihm entgegenhüpfte und
sich verneigte.
„Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast“, sagte er; „ich habe
beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater ist gesund
heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen gekommen, um
dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also, bitte, komm und folge
mir!“
Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden
Sperling.
Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem viele,
viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den der Alte
gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten und ließ ihn
Platz nehmen. Er sagte: „Dir braven Manne zu Ehren habe ich das heutige
Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir wohl sein; ich werde dir
zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein kann!“
Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische, Fleisch,
Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so schön und gut
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wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger denn gegessen hatte.
Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und muntere Sperlingweibchen
und Sperlingfräulein führten einen kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte
Mann kam aus dem Staunen garnicht heraus und glaubte im Himmel zu
sein, so schön erschien ihm dies alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert,
wohl aber kümmerlich in Not und Sorge gelebt hatte.
Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in der
Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen
Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der
Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein Zimmer
und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere klein, und sagte
ihm: „Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle dir einen dieser
beiden Kästen zur Erinnerung an mich!“
Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; „auch bin ich
alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.“
Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem er
dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und
Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und muntere Sperlingweibchen
und Sperlingfräulein führten einen kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte
Mann kam aus dem Staunen garnicht heraus und glaubte im Himmel zu
sein, so schön erschien ihm dies alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert,
wohl aber kümmerlich in Not und Sorge gelebt hatte.
Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in der
Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen
Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der
Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein Zimmer
und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere klein, und sagte
ihm: „Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle dir einen dieser
beiden Kästen zur Erinnerung an mich!“
Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; „auch bin ich
alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.“
Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem er
dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und
Page 49
genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein
Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des
Waldes verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er
dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun
seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer
schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in
Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er
gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er endlich
ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine Frau mit
Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.
Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie sehr
neugierig und beide öffneten den Kasten.
Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und
Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende. Der
Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die Frau hörte,
daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe, da wurde sie
ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an: „Du bist und
bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit ist mir noch
nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du einen großen
erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und holst den
größeren!“
„Dann wäre ich wirklich dumm“, erwiderte der Alte, „das, was wir jetzt
haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was sollen wir
mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden und glücklich!“
Da wurde die Frau noch böser und rief: „Dann sei du es, ich will aber den
großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!“
Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus und
auf dem Wege zum Sperlingsheim.
Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da.
„Führe mich zu deinem Vater!“ herrschte sie ihn an.
„Komm!“ erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran.
Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des
Waldes verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er
dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun
seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer
schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in
Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er
gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er endlich
ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine Frau mit
Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.
Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie sehr
neugierig und beide öffneten den Kasten.
Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und
Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende. Der
Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die Frau hörte,
daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe, da wurde sie
ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an: „Du bist und
bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit ist mir noch
nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du einen großen
erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und holst den
größeren!“
„Dann wäre ich wirklich dumm“, erwiderte der Alte, „das, was wir jetzt
haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was sollen wir
mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden und glücklich!“
Da wurde die Frau noch böser und rief: „Dann sei du es, ich will aber den
großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!“
Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus und
auf dem Wege zum Sperlingsheim.
Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da.
„Führe mich zu deinem Vater!“ herrschte sie ihn an.
„Komm!“ erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran.
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Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der
Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau und
sagte zu ihr: „Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze dich und
erhole dich von deinem Wege!“
Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr
allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln.
Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein
Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in jeder
war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen und in den
Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit Ekel und
Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde sie in das
Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine groß, der andere
klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen Kasten, nahm ihn auf
den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr noch nach: „Öffne den
Kasten nicht unterwegs!“ „Schon gut, schon gut!“ schrie die Alte zurück,
ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre Begierde gar nicht verbergen.
Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt
wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen es
nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten Stelle im
Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd hob sie den
Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen.
Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem
Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster, Geister,
Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck auf den
Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief, die Schar der
dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit Gebrüll hinter ihr
her.
Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren zu, um
das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick glaubte sie,
die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So rannte sie durch
den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die Stirne, während die
Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen ihre Kleider, Füße und
Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das Getöse leiser und
Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau und
sagte zu ihr: „Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze dich und
erhole dich von deinem Wege!“
Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr
allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln.
Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein
Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in jeder
war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen und in den
Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit Ekel und
Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde sie in das
Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine groß, der andere
klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen Kasten, nahm ihn auf
den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr noch nach: „Öffne den
Kasten nicht unterwegs!“ „Schon gut, schon gut!“ schrie die Alte zurück,
ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre Begierde gar nicht verbergen.
Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt
wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen es
nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten Stelle im
Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd hob sie den
Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen.
Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem
Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster, Geister,
Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck auf den
Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief, die Schar der
dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit Gebrüll hinter ihr
her.
Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren zu, um
das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick glaubte sie,
die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So rannte sie durch
den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die Stirne, während die
Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen ihre Kleider, Füße und
Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das Getöse leiser und
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verstummte endlich ganz, als sie erschöpft, zerschunden und zerschlagen
vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann
kam heraus, trug sie ins Haus und pflegte sie. Als sie endlich wieder die
Augen aufschlug und gesund wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war
still und geduldig und sagte kein böses Wort mehr.
Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven Frau
noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem Reichtum den
Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt wurden. Die
Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum Hause der alten
Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen Frau, die nun
vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war und den Tieren gern
Futter streute.
So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die
Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie
vergaß.
A. Ein paar Buchstaben sind hier ausgefallen:
Die geplagte Krabbe.
n uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten,
Häuser bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem
kleinen, sauberen Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge
und zwar an dessen Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird,
sondern immer hübsch kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben
vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann
kam heraus, trug sie ins Haus und pflegte sie. Als sie endlich wieder die
Augen aufschlug und gesund wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war
still und geduldig und sagte kein böses Wort mehr.
Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven Frau
noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem Reichtum den
Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt wurden. Die
Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum Hause der alten
Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen Frau, die nun
vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war und den Tieren gern
Futter streute.
So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die
Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie
vergaß.
A. Ein paar Buchstaben sind hier ausgefallen:
Die geplagte Krabbe.
n uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten,
Häuser bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem
kleinen, sauberen Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge
und zwar an dessen Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird,
sondern immer hübsch kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben
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lieben. Diese Krabbe war eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit
ihrer Hände Arbeit mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr
Häuschen stets in Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war.
Eines Tages nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause
bequem gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter
wanderte, ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die
Krabbe hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu
schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit auf Reis
hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den Reis zu teilen.
Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die Hälfte des Restes war
dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu befriedigen und so schlug
er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest des Reises geben, wofür er ihr
eine Hand voll Kakikerne geben wolle. Er hatte nämlich kurz vorher eine
rote, saftige Kaki 1 gegessen und die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe
war ein schlauer Patron und dachte die Krabbe zu überlisten.
Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in
Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte
und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die
Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr
wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe
entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen befand,
wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte dort die
Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei und goß
dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie tagtäglich, daß der
Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude zu sehen, daß aus einem
der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der
Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht kräftiger
Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie Ame 2 trug,
und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten spendeten.
So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser
Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll
herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit ausgesuchtester
Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme, wo doch früher
ihrer Hände Arbeit mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr
Häuschen stets in Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war.
Eines Tages nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause
bequem gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter
wanderte, ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die
Krabbe hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu
schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit auf Reis
hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den Reis zu teilen.
Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die Hälfte des Restes war
dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu befriedigen und so schlug
er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest des Reises geben, wofür er ihr
eine Hand voll Kakikerne geben wolle. Er hatte nämlich kurz vorher eine
rote, saftige Kaki 1 gegessen und die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe
war ein schlauer Patron und dachte die Krabbe zu überlisten.
Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in
Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte
und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die
Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr
wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe
entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen befand,
wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte dort die
Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei und goß
dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie tagtäglich, daß der
Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude zu sehen, daß aus einem
der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der
Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht kräftiger
Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie Ame 2 trug,
und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten spendeten.
So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser
Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll
herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit ausgesuchtester
Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme, wo doch früher
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nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzählte mit großer Befriedigung,
daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei, die sie vor Jahren von
dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe. „So, so!“ meinte da der Affe,
„dann wäre es ja eigentlich mein Baum und die Früchte wären ebenfalls
mein Eigentum!“
„Warum nicht gar!“ rief entrüstet die Krabbe; „du hast die Kerne in Tausch
gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren also nicht
mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen. Überdies ist
es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum großzuziehen,
du hast also gar keinen Anteil daran.“
„Na, seid nur nicht gleich so bös!“ entgegnete lachend der Affe, „ich habe
ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den schweren
Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe gerade etwas
Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder einmal gegessen!“
Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu bitten
verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom Baume zu
holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe. Auch mußte dieser
ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr herabzuwerfen, die andere
Hälfte könne er dann verzehren oder mitnehmen. Der Affe ließ sich dies
nicht zweimal sagen, sondern versprach der Krabbe ihren Wunsch zu
erfüllen, und kletterte schnell am Baum empor.
Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er suchte
sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller Gemütlichkeit. Die
arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe dachte nicht daran, ihr auch
nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie ihn endlich an Erfüllung seines
Versprechens mahnte. Der jedoch warf ihr jetzt lachend nur die Kerne ins
Gesicht und als die Krabbe darüber ärgerlich wurde und den Affen einen
Schwindler, Betrüger und Dieb nannte, da riß er unreife und harte Früchte
ab und schleuderte sie auf die Krabbe, die sich dem Bombardement nur
durch schleunigste Flucht entziehen konnte.
daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei, die sie vor Jahren von
dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe. „So, so!“ meinte da der Affe,
„dann wäre es ja eigentlich mein Baum und die Früchte wären ebenfalls
mein Eigentum!“
„Warum nicht gar!“ rief entrüstet die Krabbe; „du hast die Kerne in Tausch
gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren also nicht
mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen. Überdies ist
es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum großzuziehen,
du hast also gar keinen Anteil daran.“
„Na, seid nur nicht gleich so bös!“ entgegnete lachend der Affe, „ich habe
ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den schweren
Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe gerade etwas
Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder einmal gegessen!“
Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu bitten
verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom Baume zu
holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe. Auch mußte dieser
ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr herabzuwerfen, die andere
Hälfte könne er dann verzehren oder mitnehmen. Der Affe ließ sich dies
nicht zweimal sagen, sondern versprach der Krabbe ihren Wunsch zu
erfüllen, und kletterte schnell am Baum empor.
Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er suchte
sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller Gemütlichkeit. Die
arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe dachte nicht daran, ihr auch
nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie ihn endlich an Erfüllung seines
Versprechens mahnte. Der jedoch warf ihr jetzt lachend nur die Kerne ins
Gesicht und als die Krabbe darüber ärgerlich wurde und den Affen einen
Schwindler, Betrüger und Dieb nannte, da riß er unreife und harte Früchte
ab und schleuderte sie auf die Krabbe, die sich dem Bombardement nur
durch schleunigste Flucht entziehen konnte.
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Da sie nun einsah, daß sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig
würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam
zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten
Früchten gefüllt hatte:
„Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen
kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne
Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu
Zweig schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!“
„Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume
schlagen?“ schrie ganz empört der Affe. „Da schau her, du dummes Vieh!“
Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über
verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem
würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam
zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten
Früchten gefüllt hatte:
„Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen
kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne
Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu
Zweig schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!“
„Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume
schlagen?“ schrie ganz empört der Affe. „Da schau her, du dummes Vieh!“
Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über
verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem
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kräftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet; denn
beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen die
Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin, wo sie die
Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit brachte.
Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt
der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine
Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki auflas.
Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom Baume,
warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie halbtot
liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe aber
schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter großen
Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun hatte
aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem alten,
abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte. Diese sah,
wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und fragte, was denn
geschehen sei.
Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe sehr
empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu einigen
anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und hatte es
endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein Ei und ein
großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten den Affen zu
bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder gesund werden,
weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so vortrefflich
verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis auf eine kleine
Lähmung im rechten Vorderbein.
beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen die
Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin, wo sie die
Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit brachte.
Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt
der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine
Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki auflas.
Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom Baume,
warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie halbtot
liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe aber
schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter großen
Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun hatte
aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem alten,
abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte. Diese sah,
wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und fragte, was denn
geschehen sei.
Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe sehr
empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu einigen
anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und hatte es
endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein Ei und ein
großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten den Affen zu
bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder gesund werden,
weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so vortrefflich
verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis auf eine kleine
Lähmung im rechten Vorderbein.
Page 56
Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten. Die
Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch keine
Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen Bestrafung,
wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen, nichts wissen.
Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe um Verzeihung bitte
und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe zu unternehmen, ihm
verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm ans Leben gehen.
Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden
und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine
Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit
entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn anzutreffen.
Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer, wo der Affe bei
einem Fläschchen Sake 3 hockte 4.
„Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?“ fragte er.
„Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!“ entgegnete die Wespe und
richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: „Eure Drohung verlache ich,
wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da müssen doch
Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch keine
Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen Bestrafung,
wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen, nichts wissen.
Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe um Verzeihung bitte
und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe zu unternehmen, ihm
verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm ans Leben gehen.
Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden
und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine
Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit
entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn anzutreffen.
Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer, wo der Affe bei
einem Fläschchen Sake 3 hockte 4.
„Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?“ fragte er.
„Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!“ entgegnete die Wespe und
richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: „Eure Drohung verlache ich,
wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da müssen doch
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erst andre kommen als ihr winzigen Geschöpfe.“ „Seid nur nicht zu
übermütig“, sagte die Wespe, „so klein wir sind, haben wir doch unsre
Waffen!“
„Prahle nicht, dummes Vieh!“ rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte er das
gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte ihm einen
recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf und schrie:
„Ich komme, ich werde kommen!“
„Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen, du
entrinnst uns nicht!“ Mit diesen Worten flog die Wespe davon und
verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.
Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte
sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte sich
außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf den Herd
und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels, der in einer
dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es dauerte auch gar
nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen. Seine Nase war
infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das sah so komisch
aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast von seinem Platze
gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell festgehalten hätte. Der Affe sah
sich sorgfältig nach allen Seiten um; als er aber niemanden erblickte, kam
er näher und spähte durch die Tür ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen
sah. Nun kehrte sein Mut zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte
mit scheinheiliger Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit
leiser Stimme seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte
um Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder
zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen, vielmehr
erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff, indem er höhnisch
lächelnd sagte: „Du also bist eins von denen, die mir ans Leben wollen?
Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine Frechheit soll jetzt dich das
Leben kosten und dabei sollst du mir noch recht schön schmecken, denn
Eier esse ich zu gerne!“
„Hüte dich, Affe,“ rief warnend die Krabbe, „du weißt, was deiner wartet,
wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!“
übermütig“, sagte die Wespe, „so klein wir sind, haben wir doch unsre
Waffen!“
„Prahle nicht, dummes Vieh!“ rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte er das
gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte ihm einen
recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf und schrie:
„Ich komme, ich werde kommen!“
„Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen, du
entrinnst uns nicht!“ Mit diesen Worten flog die Wespe davon und
verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.
Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte
sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte sich
außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf den Herd
und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels, der in einer
dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es dauerte auch gar
nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen. Seine Nase war
infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das sah so komisch
aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast von seinem Platze
gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell festgehalten hätte. Der Affe sah
sich sorgfältig nach allen Seiten um; als er aber niemanden erblickte, kam
er näher und spähte durch die Tür ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen
sah. Nun kehrte sein Mut zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte
mit scheinheiliger Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit
leiser Stimme seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte
um Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder
zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen, vielmehr
erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff, indem er höhnisch
lächelnd sagte: „Du also bist eins von denen, die mir ans Leben wollen?
Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine Frechheit soll jetzt dich das
Leben kosten und dabei sollst du mir noch recht schön schmecken, denn
Eier esse ich zu gerne!“
„Hüte dich, Affe,“ rief warnend die Krabbe, „du weißt, was deiner wartet,
wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!“
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„Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung fürchte!“
sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen um es zu
backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich auf das Ei
niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch die heiße Glut
braun färbte, da platzte die Schale und die heißen Stücke flogen ihm in die
Augen und verbrannten ihm das Gesicht.
Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete
seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte,
unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem
Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben der
Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein; nun kam
auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf das Genick
des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und stach ihn tot.
Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem Spektakel zu.
So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen.
Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als
Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll.
Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in Ruhe
und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie auch
nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.
1. Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan die
Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen,
auch getrocknet nach Feigenart.
2. Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen bereiteter
Sirup, dem Honig entsprechend.
3. Sake = Reiswein.
4. Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen sondern
hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses
sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen um es zu
backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich auf das Ei
niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch die heiße Glut
braun färbte, da platzte die Schale und die heißen Stücke flogen ihm in die
Augen und verbrannten ihm das Gesicht.
Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete
seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte,
unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem
Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben der
Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein; nun kam
auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf das Genick
des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und stach ihn tot.
Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem Spektakel zu.
So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen.
Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als
Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll.
Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in Ruhe
und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie auch
nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.
1. Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan die
Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen,
auch getrocknet nach Feigenart.
2. Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen bereiteter
Sirup, dem Honig entsprechend.
3. Sake = Reiswein.
4. Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen sondern
hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses
Page 59
Buches zeigen.
Der kluge Hase.
ines schönen Tages schwamm der Fischkönig 1 in seinem Reiche
wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne
erhellte das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er
plötzlich vor sich einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar
appetitlich erschien und da er gerade einen kleinen Hunger
verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu, schnappte nach ihm und — ein
furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen Körper, denn er saß an einer
Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er zerrte und zerrte, und nach
heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen gelang es ihm endlich die
Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß zu schwimmen, wo er sich auf
sein Lager warf und die Leibärzte rufen ließ. Als diese am Bette des
Fischkönigs standen, erzählte er ihnen sein Ungemach, wie er an der Angel
festgesessen und wie es ihm endlich gelungen sei, sich durch Zerreißen der
Angelschnur zu befreien und sich davor zu bewahren, daß sein königlicher
Leib gewöhnlichen Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise
diene.
„Aber der verdammte Haken,“ schloß er seine Erzählung, „der sitzt hier fest
im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide furchtbare
Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich belohnen.“ Da
standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs und beratschlagten,
was zu tun sei.
Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm
den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen
Ehren versehen und reich belohnen.
Der kluge Hase.
ines schönen Tages schwamm der Fischkönig 1 in seinem Reiche
wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne
erhellte das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er
plötzlich vor sich einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar
appetitlich erschien und da er gerade einen kleinen Hunger
verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu, schnappte nach ihm und — ein
furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen Körper, denn er saß an einer
Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er zerrte und zerrte, und nach
heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen gelang es ihm endlich die
Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß zu schwimmen, wo er sich auf
sein Lager warf und die Leibärzte rufen ließ. Als diese am Bette des
Fischkönigs standen, erzählte er ihnen sein Ungemach, wie er an der Angel
festgesessen und wie es ihm endlich gelungen sei, sich durch Zerreißen der
Angelschnur zu befreien und sich davor zu bewahren, daß sein königlicher
Leib gewöhnlichen Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise
diene.
„Aber der verdammte Haken,“ schloß er seine Erzählung, „der sitzt hier fest
im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide furchtbare
Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich belohnen.“ Da
standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs und beratschlagten,
was zu tun sei.
Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm
den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen
Ehren versehen und reich belohnen.
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Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die
Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten, vom
Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft, aber sie
schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte sagen, wie
man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches entferne.
Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde
gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das
beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse
man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken
durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der
Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten,
erschien er gut.
Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: „Wer ein
Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also
Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in meinem
Reiche nicht mehr blicken lassen!“
„Gut!“ sagte die Schildkröte, „ich werde Euch einen Hasen herbeischaffen,
die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir gestatten mich zu
entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!“
Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg und
freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr zuteil
werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs Schloß zu
bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte einem Hügel zu,
auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen hatte. Sie hatte Glück;
denn als sie mühsam den Hügel erklettert hatte, sah sie den Hasen gerade
beim Frühstück sitzen; er hatte einen prachtvollen Krautkopf vor sich, an
dem er knabberte. Als der Hase das Geräusch der sich nähernden
Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den Krautkopf fallen und richtete sich
auf seinen Hinterbeinen empor, um zu sehen, wer da komme. Da er aber
sah, daß es nur die Schildkröte war, beruhigte er sich und begrüßte sie.
„Was verschafft mir denn die Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau
Schildkröte?“ fragte er.
Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten, vom
Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft, aber sie
schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte sagen, wie
man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches entferne.
Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde
gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das
beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse
man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken
durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der
Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten,
erschien er gut.
Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: „Wer ein
Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also
Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in meinem
Reiche nicht mehr blicken lassen!“
„Gut!“ sagte die Schildkröte, „ich werde Euch einen Hasen herbeischaffen,
die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir gestatten mich zu
entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!“
Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg und
freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr zuteil
werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs Schloß zu
bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte einem Hügel zu,
auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen hatte. Sie hatte Glück;
denn als sie mühsam den Hügel erklettert hatte, sah sie den Hasen gerade
beim Frühstück sitzen; er hatte einen prachtvollen Krautkopf vor sich, an
dem er knabberte. Als der Hase das Geräusch der sich nähernden
Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den Krautkopf fallen und richtete sich
auf seinen Hinterbeinen empor, um zu sehen, wer da komme. Da er aber
sah, daß es nur die Schildkröte war, beruhigte er sich und begrüßte sie.
„Was verschafft mir denn die Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau
Schildkröte?“ fragte er.
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„Nichts Besonderes, Herr Lampe!“ antwortete die Schildkröte, vom
Klettern noch ganz atemlos. „Man hat im Reiche des Fischkönigs die
wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin
ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet doch, daß
ich mich ein wenig umschaue!“
„Bitte, bitte!“ erwiderte der Hase.
Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten, schaute
nach rechts und schaute nach links, machte auch einige Schritte bald nach
dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie alles sorgfältig betrachtete,
dann meinte sie: „So etwas besonders Schönes kann ich nicht sehen, da hat
man diese Gegend mehr gerühmt als sie wert ist!“
„Ja, Frau Schildkröte,“ entgegnete der Hase, „auf dieser Seite des Hügels
gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf die andre
Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!“
„Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?“
„Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden, aber auf
der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so saftig, so delikat,
eine wahre Wonne!“ rief der Hase.
Die Schildkröte lachte und meinte: „Ihr seht die Sache mit dem Magen
anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust, Kraut- und
Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des Fischkönigs, da
gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle Wälder, herrliche Wiesen,
Täler, Höhen und Felder, auf denen die Krautköpfe viel größer und saftiger
sind als hier auf der trockenen Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine
Mühe und Anstrengung. Hier mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam
klettern, so daß ich fast den Atem verlor, während mich das Wasser überall
hinträgt, wohin ich will. Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da
gibt es keine Menschen und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure
ganze schöne Gegend und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich
lobe mir mein Reich und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg
machen!“
„Hm, Hm!“ machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. „Hört mal,
Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß ich
Klettern noch ganz atemlos. „Man hat im Reiche des Fischkönigs die
wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin
ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet doch, daß
ich mich ein wenig umschaue!“
„Bitte, bitte!“ erwiderte der Hase.
Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten, schaute
nach rechts und schaute nach links, machte auch einige Schritte bald nach
dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie alles sorgfältig betrachtete,
dann meinte sie: „So etwas besonders Schönes kann ich nicht sehen, da hat
man diese Gegend mehr gerühmt als sie wert ist!“
„Ja, Frau Schildkröte,“ entgegnete der Hase, „auf dieser Seite des Hügels
gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf die andre
Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!“
„Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?“
„Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden, aber auf
der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so saftig, so delikat,
eine wahre Wonne!“ rief der Hase.
Die Schildkröte lachte und meinte: „Ihr seht die Sache mit dem Magen
anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust, Kraut- und
Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des Fischkönigs, da
gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle Wälder, herrliche Wiesen,
Täler, Höhen und Felder, auf denen die Krautköpfe viel größer und saftiger
sind als hier auf der trockenen Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine
Mühe und Anstrengung. Hier mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam
klettern, so daß ich fast den Atem verlor, während mich das Wasser überall
hinträgt, wohin ich will. Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da
gibt es keine Menschen und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure
ganze schöne Gegend und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich
lobe mir mein Reich und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg
machen!“
„Hm, Hm!“ machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. „Hört mal,
Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß ich
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wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es nicht, denn
in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht leben. Könntet Ihr mir
nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich mal schicken oder
mitbringen?“
„Das geht leider nicht!“ entgegnete die listige Schildkröte, die bemerkte,
daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs mitzukommen.
„Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen tragen kann.
Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei Umstände
machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles gleich, das ist alles
nur Gewohnheit!“
„Das mag gut und schön sein, aber ich kann nicht schwimmen!“ sagte
betrübt der Hase.
„Das macht nichts!“ rief die Schildkröte, die kaum noch ihre Aufregung
und Freude unterdrücken konnte, „wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch
gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr steigt,
wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rücken, steckt Eure
Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich führe Euch
dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefällt, ebenso sicher wieder
zurück!“
Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine furchtbare
Angst vor dem Wasser, aber die Schildkröte stellte ihm die Reise ganz
ungefährlich dar und gab ihm schließlich sogar ihr Ehrenwort, daß ihm das
Wasser nicht das geringste tun werde.
Da war der Hase überwunden und er beschloß die Reise zu wagen. Als nun
beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rücken
der Schildkröte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der Kröte
fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch ungemütlich,
als er das kalte Wasser fühlte und als es ihm sogar über den Kopf ging, da
schloß er ängstlich die Augen. Dann öffnete er sie wieder und sah nun, daß
das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde machte. Er war ganz entzückt
von den Wundern unter dem Wasser, von denen er bisher keine Ahnung
hatte, er sah blühende Täler mit saftigen Wiesen, grünende Felder,
in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht leben. Könntet Ihr mir
nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich mal schicken oder
mitbringen?“
„Das geht leider nicht!“ entgegnete die listige Schildkröte, die bemerkte,
daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs mitzukommen.
„Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen tragen kann.
Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei Umstände
machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles gleich, das ist alles
nur Gewohnheit!“
„Das mag gut und schön sein, aber ich kann nicht schwimmen!“ sagte
betrübt der Hase.
„Das macht nichts!“ rief die Schildkröte, die kaum noch ihre Aufregung
und Freude unterdrücken konnte, „wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch
gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr steigt,
wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rücken, steckt Eure
Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich führe Euch
dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefällt, ebenso sicher wieder
zurück!“
Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine furchtbare
Angst vor dem Wasser, aber die Schildkröte stellte ihm die Reise ganz
ungefährlich dar und gab ihm schließlich sogar ihr Ehrenwort, daß ihm das
Wasser nicht das geringste tun werde.
Da war der Hase überwunden und er beschloß die Reise zu wagen. Als nun
beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rücken
der Schildkröte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der Kröte
fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch ungemütlich,
als er das kalte Wasser fühlte und als es ihm sogar über den Kopf ging, da
schloß er ängstlich die Augen. Dann öffnete er sie wieder und sah nun, daß
das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde machte. Er war ganz entzückt
von den Wundern unter dem Wasser, von denen er bisher keine Ahnung
hatte, er sah blühende Täler mit saftigen Wiesen, grünende Felder,
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schimmernde Berge, bewachsen mit Rosen und anderen Blumen, die er
nicht kannte.
Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwärmten ihn
und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche Fische
angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten. „Was sind
das für Tiere?“ fragte der Hase. „Das sind Diener des Königs!“ antwortete
die Schildkröte.
Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment,
beglückwünschten ihn, daß er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und
erzählten ihm, daß der König von seinem Besuche gehört habe und seinen
Mut bewundre. Der König wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade
ihn in sein Schloß ein.
Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die
Fische kehrten um und schwammen voran, während die Schildkröte mit
dem Hasen folgte.
Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und
wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich
einstweilen aus dem Staube machte.
Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den
Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz zu
nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am
leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute
Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl ihm
die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch sogleich vor
Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und überlegte, wie er sich
am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die ihm die Schildkröte gelegt
hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. „Hört, Ihr Herren!“ rief er, „ich hörte,
daß Ihr von meinen Augen sprachet. Was ist es damit, was wollt Ihr mit
meinen Augen?“
Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und
baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen freiwillig
hergeben solle!
nicht kannte.
Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwärmten ihn
und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche Fische
angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten. „Was sind
das für Tiere?“ fragte der Hase. „Das sind Diener des Königs!“ antwortete
die Schildkröte.
Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment,
beglückwünschten ihn, daß er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und
erzählten ihm, daß der König von seinem Besuche gehört habe und seinen
Mut bewundre. Der König wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade
ihn in sein Schloß ein.
Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die
Fische kehrten um und schwammen voran, während die Schildkröte mit
dem Hasen folgte.
Im Schlosse des Königs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und
wurde in das Krankenzimmer geführt, während die Schildkröte sich
einstweilen aus dem Staube machte.
Im Krankenzimmer waren nur die Ärzte um den König versammelt, die den
Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz zu
nehmen. Dann besprachen sich die Ärzte leise, wie man wohl am
leichtesten dem Hasen die Augen nehmen könne. Der Hase hatte aber gute
Ohren und so hörte er mit Entsetzen dieses leise Gespräch und obwohl ihm
die Haare klitschnaß am Leibe klebten, standen sie ihm doch sogleich vor
Angst zu Berge. Er verwünschte seine Neugier und überlegte, wie er sich
am besten aus dieser Schlinge ziehen könne, die ihm die Schildkröte gelegt
hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. „Hört, Ihr Herren!“ rief er, „ich hörte,
daß Ihr von meinen Augen sprachet. Was ist es damit, was wollt Ihr mit
meinen Augen?“
Die Ärzte erklärten ihm in höflicher Weise die ganze Angelegenheit und
baten, daß er, um das Leben des Königs zu retten, seine Augen freiwillig
hergeben solle!
Page 64
„Das ist aber dumm,“ sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und seine
Ohren hin und her bewegte, „ja, ja das ist dumm von der Schildkröte, daß
sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem König jetzt schon
geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und gelehrten Herren, daß
wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei natürliche und zwei aus
Bergkristall gefertigte. Diese letzteren tragen wir, um die natürlichen Augen
zu schonen, so bei staubigem oder Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter.
Da mir nun Eure Schildkröte nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so
steckte ich meine künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die
natürlichen Augen, mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir
wenig nützen würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese
natürlichen Augen habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große
Freude sein, sie Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts
weiter übrig,“ fügte er scheinheilig hinzu, „als daß Ihr die Schildkröte
wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!“ „Ja, wird denn die
Schildkröte die Augen auch finden?“ warf einer der Ärzte ein.
„Man muß sie fragen!“ sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte
wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei alles zu
Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als sie den Hasen
ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem Muschelsessel sitzen sah.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte und war höchst erstaunt, daß sie
Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte des Dankes. Man machte ihr
Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen Herrn nicht gleich gesagt habe,
was man von ihm wolle, sie habe dadurch die Heilung des Königs
verzögert.
„Das ist gut!“ dachte die Schildkröte, „aber das kommt davon her, wenn
man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig ist
es nie!“ Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue, die Augen
des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den Ort genau
beschreibe, wo er sie verborgen habe.
Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die Augen
zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant, denn sie verstehe
es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen sind, umzugehen. Am
besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole, hin und her wolle sie den
Ohren hin und her bewegte, „ja, ja das ist dumm von der Schildkröte, daß
sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wäre Eurem König jetzt schon
geholfen. Ihr müßt nämlich wissen, Ihr hohen und gelehrten Herren, daß
wir Hasen vier Augen haben, nämlich zwei natürliche und zwei aus
Bergkristall gefertigte. Diese letzteren tragen wir, um die natürlichen Augen
zu schonen, so bei staubigem oder Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter.
Da mir nun Eure Schildkröte nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so
steckte ich meine künstlichen Augen ein, weil ich glaubte, daß die
natürlichen Augen, mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir
wenig nützen würden oder sogar beschädigt werden könnten. Diese
natürlichen Augen habe ich daheim verborgen und es wird mir eine große
Freude sein, sie Eurem König zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts
weiter übrig,“ fügte er scheinheilig hinzu, „als daß Ihr die Schildkröte
wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset!“ „Ja, wird denn die
Schildkröte die Augen auch finden?“ warf einer der Ärzte ein.
„Man muß sie fragen!“ sagte ein anderer und so wurde die Schildkröte
wieder gerufen. Diese kam fröhlich herbei, denn sie glaubte nun sei alles zu
Ende und ihr Glück sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als sie den Hasen
ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem Muschelsessel sitzen sah.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte und war höchst erstaunt, daß sie
Scheltworte zu hören bekam, anstatt Worte des Dankes. Man machte ihr
Vorwürfe, daß sie einem so liebenswürdigen Herrn nicht gleich gesagt habe,
was man von ihm wolle, sie habe dadurch die Heilung des Königs
verzögert.
„Das ist gut!“ dachte die Schildkröte, „aber das kommt davon her, wenn
man Großen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig ist
es nie!“ Die Schildkröte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue, die Augen
des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den Ort genau
beschreibe, wo er sie verborgen habe.
Aber die Schildkröte erklärte, daß sie es wohl übernehmen wolle, die Augen
zu finden; sie aber herzubringen, das sei für sie zu riskant, denn sie verstehe
es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen sind, umzugehen. Am
besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole, hin und her wolle sie den
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Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase gern wollte, er tat aber so, als
ob das für ihn zuviel verlangt sei, auch der König wurde ärgerlich und
sagte:
„Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir
einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu
machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch
sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure Sache ist
es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!“
Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde, nahm
sich zusammen und entgegnete:
„Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht. Wenn
sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht richtig
umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind. Erlaubt also,
daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst überreiche. Dieser
kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe wäre, für Euch, edler
König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu groß!“
Alle waren erstaunt über solch großen Edelmut, sie schämten sich aber auch
zugleich, daß man den Hasen habe betrügen wollen, ihn, der so großmütig
war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem König einen Dienst
erweisen zu können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der
Schildkröte denn schließlich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen und
ihn ungefährdet mit den Augen wieder zum König zu führen.
Die Schildkröte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser höflichst
verabschiedet hatte, wieder auf den Rücken und trug ihn ans Land. Dort
angekommen, schüttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach
zur Schildkröte:
„Du listiges Vieh, beinahe hättest du mich überlistet, aber meine List war
besser als die deine und Eure Dummheit größer als die meine. Wenn du
Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen vorläufig
noch für mich. Lebt also wohl und grüßet Euren König recht schön von
mir!“
Sprach’s, sprang auf und eilte den Hügel hinan, die verdutzte Schildkröte
sprachlos zurücklassend.
ob das für ihn zuviel verlangt sei, auch der König wurde ärgerlich und
sagte:
„Ist es nicht genug, daß der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir
einem so liebenswürdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu
machen, bloß weil Ihr Schildkröte zu lässig waret? Nein! machet Euch
sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure Sache ist
es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!“
Der Hase, der Angst hatte, daß man ihn wirklich da behalten würde, nahm
sich zusammen und entgegnete:
„Verzeiht, edler König! Aber ich glaube Frau Schildkröte hat Recht. Wenn
sie die Augen auch findet, fürchte ich doch, daß sie damit nicht richtig
umgeht und sie verletzt, so daß sie für Euch ohne Nutzen sind. Erlaubt also,
daß ich die Schildkröte begleite und die Augen selbst überreiche. Dieser
kleine Weg ist keine Mühe, und selbst, wenn es Mühe wäre, für Euch, edler
König, um Euch zu helfen ist mir keine Mühe zu groß!“
Alle waren erstaunt über solch großen Edelmut, sie schämten sich aber auch
zugleich, daß man den Hasen habe betrügen wollen, ihn, der so großmütig
war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem König einen Dienst
erweisen zu können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der
Schildkröte denn schließlich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen und
ihn ungefährdet mit den Augen wieder zum König zu führen.
Die Schildkröte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser höflichst
verabschiedet hatte, wieder auf den Rücken und trug ihn ans Land. Dort
angekommen, schüttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach
zur Schildkröte:
„Du listiges Vieh, beinahe hättest du mich überlistet, aber meine List war
besser als die deine und Eure Dummheit größer als die meine. Wenn du
Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen vorläufig
noch für mich. Lebt also wohl und grüßet Euren König recht schön von
mir!“
Sprach’s, sprang auf und eilte den Hügel hinan, die verdutzte Schildkröte
sprachlos zurücklassend.
Page 66
Seit dieser Zeit geht der Hase einer jeden Schildkröte vorsichtig aus dem
Wege und die Schildkröte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem Lande,
denn im Wasser fürchtet sie den Fischkönig und auf dem Lande hofft sie
noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden.
1. Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild der Kraft
und Stärke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und selbst
Wasserfälle und Stromschnellen überwindet.
Maorigashima. 1
aorigashima war einst eine blühende Insel, deren Bewohner
glücklich und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum
Leben braucht, die Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen
vorzüglichen Ton, aus dem die Leute prachtvolle Töpfe und
Schalen bereiteten, die hochbezahlt wurden. Aus diesem
Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und Reichtum, arme Leute gab es
dort überhaupt nicht.
Die Insel lag im Süden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr
Herrscher war Pairuno, ein gottesfürchtiger und gerechter Fürst, der mit
großer Betrübnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die Sitten seiner
Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der Völlerei und dem
Nichtstun ergaben und die Lehren der Götter verachteten.
Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgefälligen, redlichen
Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima
wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurückzubringen; im
Gegenteil, die Laster nahmen überhand, selbst die Beamten, die sich bisher
noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich schließlich dem
Wege und die Schildkröte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem Lande,
denn im Wasser fürchtet sie den Fischkönig und auf dem Lande hofft sie
noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden.
1. Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild der Kraft
und Stärke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und selbst
Wasserfälle und Stromschnellen überwindet.
Maorigashima. 1
aorigashima war einst eine blühende Insel, deren Bewohner
glücklich und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum
Leben braucht, die Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen
vorzüglichen Ton, aus dem die Leute prachtvolle Töpfe und
Schalen bereiteten, die hochbezahlt wurden. Aus diesem
Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und Reichtum, arme Leute gab es
dort überhaupt nicht.
Die Insel lag im Süden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr
Herrscher war Pairuno, ein gottesfürchtiger und gerechter Fürst, der mit
großer Betrübnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die Sitten seiner
Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der Völlerei und dem
Nichtstun ergaben und die Lehren der Götter verachteten.
Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgefälligen, redlichen
Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima
wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurückzubringen; im
Gegenteil, die Laster nahmen überhand, selbst die Beamten, die sich bisher
noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich schließlich dem
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lasterhaften Leben und vernachlässigten ihre Pflichten. Als Pairuno sah, daß
alle seine guten Lehren nichts helfen wollten und daß ihm die Macht fehlte,
gewaltsam eine Besserung der Zustände herbeizuführen, weil ja die
Beamten selbst ein zügelloses Leben führten und nicht mehr gehorchten,
wandte er sich an die Götter und bat diese um Hilfe und Rettung.
Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrünstigem Gebete versunken, da
hörte er eine Stimme, die ihm zuraunte:
„Das Maß der Sünden Maorigashima’s ist voll und die Götter haben
beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein bist
ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der Insel
zu verkünden, auf daß andre sich daran ein Beispiel nehmen. Halte darum
ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem Strafgerichte zu
entziehen, das die Götter über Maorigashima und seine Bewohner verhängt
haben. Weil du gerecht bist und die Götter ehrst, sollst du die Stunde des
Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der Tempelwächter, die als Bildsäulen
am Eingang des Tempels stehen, rot sein werden, dann schiffe dich ein und
säume nicht; solange die Antlitze ihre weiße Farbe behalten, hat es keine
Gefahr!“
Pairuno dankte den Göttern für die Offenbarung und bat diese seinen
Untertanen bekannt geben zu dürfen, auf daß sich bekehren könne, wer es
wolle.
Die Götter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung, daß
ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und gerettet sein
werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast zurück. Er ließ alle
Beamten rufen und verkündete ihnen, was ihm die Götter offenbart hatten;
auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke bekannt zu geben.
Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten über
ihren Fürsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts heimlich zum
Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsäulen mit rotem Ton.
Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des Strafgerichts
gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein. Er forderte das
Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu kommen. Doch alle
verlachten ihn und der Spötter, der in der Nacht die Gesichter der
alle seine guten Lehren nichts helfen wollten und daß ihm die Macht fehlte,
gewaltsam eine Besserung der Zustände herbeizuführen, weil ja die
Beamten selbst ein zügelloses Leben führten und nicht mehr gehorchten,
wandte er sich an die Götter und bat diese um Hilfe und Rettung.
Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrünstigem Gebete versunken, da
hörte er eine Stimme, die ihm zuraunte:
„Das Maß der Sünden Maorigashima’s ist voll und die Götter haben
beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein bist
ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der Insel
zu verkünden, auf daß andre sich daran ein Beispiel nehmen. Halte darum
ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem Strafgerichte zu
entziehen, das die Götter über Maorigashima und seine Bewohner verhängt
haben. Weil du gerecht bist und die Götter ehrst, sollst du die Stunde des
Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der Tempelwächter, die als Bildsäulen
am Eingang des Tempels stehen, rot sein werden, dann schiffe dich ein und
säume nicht; solange die Antlitze ihre weiße Farbe behalten, hat es keine
Gefahr!“
Pairuno dankte den Göttern für die Offenbarung und bat diese seinen
Untertanen bekannt geben zu dürfen, auf daß sich bekehren könne, wer es
wolle.
Die Götter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung, daß
ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und gerettet sein
werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast zurück. Er ließ alle
Beamten rufen und verkündete ihnen, was ihm die Götter offenbart hatten;
auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke bekannt zu geben.
Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten über
ihren Fürsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts heimlich zum
Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsäulen mit rotem Ton.
Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des Strafgerichts
gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein. Er forderte das
Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu kommen. Doch alle
verlachten ihn und der Spötter, der in der Nacht die Gesichter der
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Bildsäulen beschmiert hatte, gestand seine Tat hohnlachend ein, indem er
erklärte, daß nicht die Götter, sondern er die Rotfärbung vorgenommen
habe.
Aber Pairuno entgegnete ernst:
„Die Götter haben mir nicht gesagt, daß sie selbst das Weiß der
Angesichter der Tempelwächter in Rot verwandeln werden,
sondern sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein
werde, dann sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die
Angesichter und an den Worten der Götter soll man nicht drehen
und deuteln. Wenn du Spötter den Göttern vorgegriffen hast,
umso schlimmer für dich!“
Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoßen und in angemessener
Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich die
Luft, ein Brausen ertönte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen sich hoch
auftürmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war, auf den
Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig wie immer,
ein azurblauer Himmel lächelte, aber von der blühenden Insel war nichts
mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und gab Kunde vom Ende
Maorigashima’s und seiner Bewohner.
Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nächten Fischer
über die Stätte fahren, da die Insel einst gestanden, können sie tief unten die
Straßen und Häuser erkennen; manchmal geschieht es auch, daß die Netze
das eine oder andere Stück der früher auf Maorigashima angefertigten
kostbaren Töpferwaren, eine Vase, eine Schale oder irgend einen Topf
enthalten. Solche Gegenstände sind sehr begehrt und werden hoch bezahlt,
deshalb wird ein jeder Fischer glücklich gepriesen, der ein solches Stück
findet. Viele hat es schon verlockt, nach solchen Gegenständen zu suchen,
doch nur, wer reinen Herzens ist und den nicht die Sucht nach Reichtum
treibt, den lassen die Götter einiges finden; alle übrigen aber müssen mit
leeren Händen und oftmals auch mit zerrissenen Netzen heimkehren.
1. Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die „Vineta“
Sage.
erklärte, daß nicht die Götter, sondern er die Rotfärbung vorgenommen
habe.
Aber Pairuno entgegnete ernst:
„Die Götter haben mir nicht gesagt, daß sie selbst das Weiß der
Angesichter der Tempelwächter in Rot verwandeln werden,
sondern sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein
werde, dann sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die
Angesichter und an den Worten der Götter soll man nicht drehen
und deuteln. Wenn du Spötter den Göttern vorgegriffen hast,
umso schlimmer für dich!“
Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoßen und in angemessener
Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich die
Luft, ein Brausen ertönte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen sich hoch
auftürmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war, auf den
Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig wie immer,
ein azurblauer Himmel lächelte, aber von der blühenden Insel war nichts
mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und gab Kunde vom Ende
Maorigashima’s und seiner Bewohner.
Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nächten Fischer
über die Stätte fahren, da die Insel einst gestanden, können sie tief unten die
Straßen und Häuser erkennen; manchmal geschieht es auch, daß die Netze
das eine oder andere Stück der früher auf Maorigashima angefertigten
kostbaren Töpferwaren, eine Vase, eine Schale oder irgend einen Topf
enthalten. Solche Gegenstände sind sehr begehrt und werden hoch bezahlt,
deshalb wird ein jeder Fischer glücklich gepriesen, der ein solches Stück
findet. Viele hat es schon verlockt, nach solchen Gegenständen zu suchen,
doch nur, wer reinen Herzens ist und den nicht die Sucht nach Reichtum
treibt, den lassen die Götter einiges finden; alle übrigen aber müssen mit
leeren Händen und oftmals auch mit zerrissenen Netzen heimkehren.
1. Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die „Vineta“
Sage.
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Der Hase und der Dachs.
Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes
Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich nährte.
Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das er
verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt. Während der
Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte das Haus
sauber.
Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines weißen
Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam es zu
einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen, unterhielten
sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu damaliger Zeit
Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes
Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich nährte.
Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das er
verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt. Während der
Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte das Haus
sauber.
Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines weißen
Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam es zu
einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen, unterhielten
sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu damaliger Zeit
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konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden sie sich auch oft zum
Essen ein und machten sich einander Geschenke.
Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs seinen
Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und ein Geizhals
dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit dem Menschen
und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise auseinander zu bringen und
zu entzweien. Aber alles, was er versuchte, blieb vergeblich, alle seine
Niederträchtigkeiten scheiterten an der festen Freundschaft. Als nun eines
Tages der Mann wieder den Hasen besuchte, brachte er ihm auch einige
Süßigkeiten mit, die die Frau gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem
Hasen unterhielt und ihm die Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der
Dachs hinzugeschlichen und sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich
und beschlossen, dem Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben
sich zu seinem Bau und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu
verzehren. Der Mann packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit
einem recht festen Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.
Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: „Der Kerl hat sich durch
seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn schlachten
und dann zu Mittag verspeisen!“ Mit diesen Worten hing er den Dachs an
einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging nochmals in den Wald,
um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu holen.
Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum
Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs
stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie sich
an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört hätte.
Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das Mitleid
der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen; als er aber sah,
daß alles Lamentieren nichts half, wurde er nachdenklich und besann sich
auf eine List, denn loskommen wollte er wenigstens und sei es auch nur auf
eine Minute. Die Dachse können sich nämlich in jede Gestalt verwandeln,
doch können sie das nur, wenn sie im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen
sind. Gefesselt vermögen sie ihre Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er
nun seinen Plan, um nicht nur frei zu kommen, sondern sich auch zu
rächen. Deshalb hörte er mit seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit
Essen ein und machten sich einander Geschenke.
Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs seinen
Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und ein Geizhals
dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit dem Menschen
und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise auseinander zu bringen und
zu entzweien. Aber alles, was er versuchte, blieb vergeblich, alle seine
Niederträchtigkeiten scheiterten an der festen Freundschaft. Als nun eines
Tages der Mann wieder den Hasen besuchte, brachte er ihm auch einige
Süßigkeiten mit, die die Frau gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem
Hasen unterhielt und ihm die Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der
Dachs hinzugeschlichen und sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich
und beschlossen, dem Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben
sich zu seinem Bau und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu
verzehren. Der Mann packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit
einem recht festen Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.
Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: „Der Kerl hat sich durch
seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn schlachten
und dann zu Mittag verspeisen!“ Mit diesen Worten hing er den Dachs an
einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging nochmals in den Wald,
um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu holen.
Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum
Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs
stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie sich
an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört hätte.
Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das Mitleid
der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen; als er aber sah,
daß alles Lamentieren nichts half, wurde er nachdenklich und besann sich
auf eine List, denn loskommen wollte er wenigstens und sei es auch nur auf
eine Minute. Die Dachse können sich nämlich in jede Gestalt verwandeln,
doch können sie das nur, wenn sie im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen
sind. Gefesselt vermögen sie ihre Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er
nun seinen Plan, um nicht nur frei zu kommen, sondern sich auch zu
rächen. Deshalb hörte er mit seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit
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sanftmütigster Stimme zu: „Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so
sehr! Das Reisstampfen ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen
Sie mich hinunter und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!“
„Ich danke,“ erwiderte die Frau, „bleibt nur hübsch da oben, denn helfen
würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir Euch
nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich
schlagen!“
„Aber seid doch nicht so ängstlich,“ sprach der Dachs mit
einschmeichelnder Stimme, „schließt doch alle Fenster und Türen, dann
kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer Mann
braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier wieder auf,
wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur Euch zu lieb,
weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer quälen zu sehen!“
Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte
nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß die
Frau — einfältig, wie sie war, — seinen Worten wirklich Glauben schenkte
und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und frei, so
stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die Kleider fort und legte sie
sich selbst an, sich so in die Frau verwandelnd. Dann schnitt er von der
toten Frau einige Stücke Fleisch ab, warf diese in den Mörser und
vermischte sie mit dem Reis. Die übrigen Teile des Leichnams warf er
hinter dem Hause auf einen Haufen. Nun kochte er ein schönes Gericht und
als der Mann zurückkam, bekam er es zum Essen vorgesetzt. Der Mann
glaubte natürlich, es sei seine Frau, die den Dachs während seiner
Abwesenheit geschlachtet hätte. Er freute sich sehr darüber und das Essen
schmeckte ihm vortrefflich, nur wunderte er sich, daß das Fleisch etwas
zähe und mager war.
Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente 1, auch etwas zum
Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles aufgegessen
hatte, zu diesem recht spöttisch:
„Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich, seine
eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst, und schaue,
was hinter dem Hause liegt!“
sehr! Das Reisstampfen ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen
Sie mich hinunter und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!“
„Ich danke,“ erwiderte die Frau, „bleibt nur hübsch da oben, denn helfen
würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir Euch
nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich
schlagen!“
„Aber seid doch nicht so ängstlich,“ sprach der Dachs mit
einschmeichelnder Stimme, „schließt doch alle Fenster und Türen, dann
kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer Mann
braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier wieder auf,
wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur Euch zu lieb,
weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer quälen zu sehen!“
Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte
nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß die
Frau — einfältig, wie sie war, — seinen Worten wirklich Glauben schenkte
und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und frei, so
stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die Kleider fort und legte sie
sich selbst an, sich so in die Frau verwandelnd. Dann schnitt er von der
toten Frau einige Stücke Fleisch ab, warf diese in den Mörser und
vermischte sie mit dem Reis. Die übrigen Teile des Leichnams warf er
hinter dem Hause auf einen Haufen. Nun kochte er ein schönes Gericht und
als der Mann zurückkam, bekam er es zum Essen vorgesetzt. Der Mann
glaubte natürlich, es sei seine Frau, die den Dachs während seiner
Abwesenheit geschlachtet hätte. Er freute sich sehr darüber und das Essen
schmeckte ihm vortrefflich, nur wunderte er sich, daß das Fleisch etwas
zähe und mager war.
Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente 1, auch etwas zum
Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles aufgegessen
hatte, zu diesem recht spöttisch:
„Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich, seine
eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst, und schaue,
was hinter dem Hause liegt!“
Page 73
Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause
hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und erblickte
hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau. Er brach darüber
in Tränen aus und war ganz untröstlich.
Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete
den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und den
Tod der Frau seines Freundes zu rächen.
Er nahm in der Küche etwas Miso 2 und mischte dieses mit gestoßenem
rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs
traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm das
Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau zuwanderte,
zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf den Rücken
gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel es nicht eher
herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war, durchgebrannt war,
natürlich war auch der Rücken des Dachses arg verbrannt. Scheinbar
hilfsbereit, sagte der Hase: „Jammere doch nicht, wie ein altes Weib. Ich
habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte still und laß dich
einreiben!“
hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und erblickte
hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau. Er brach darüber
in Tränen aus und war ganz untröstlich.
Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete
den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und den
Tod der Frau seines Freundes zu rächen.
Er nahm in der Küche etwas Miso 2 und mischte dieses mit gestoßenem
rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs
traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm das
Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau zuwanderte,
zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf den Rücken
gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel es nicht eher
herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war, durchgebrannt war,
natürlich war auch der Rücken des Dachses arg verbrannt. Scheinbar
hilfsbereit, sagte der Hase: „Jammere doch nicht, wie ein altes Weib. Ich
habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte still und laß dich
einreiben!“
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Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den
verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso
einzuschmieren.
Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß der
Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu
heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken begannen.
Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen Bau,
wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. „Hättest du
früher gewinselt, ginge es dir heute nicht s o schlecht!“ rief ihm der Hase
zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und diesem von der
Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.
Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit dieser
Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses als Sühne,
denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder gesund sei, er noch
weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete dies ein und er machte
einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu bringen: Er baute also
zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein größeres aus Ton. Nachdem diese
verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso
einzuschmieren.
Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß der
Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu
heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken begannen.
Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen Bau,
wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. „Hättest du
früher gewinselt, ginge es dir heute nicht s o schlecht!“ rief ihm der Hase
zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und diesem von der
Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.
Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit dieser
Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses als Sühne,
denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder gesund sei, er noch
weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete dies ein und er machte
einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu bringen: Er baute also
zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein größeres aus Ton. Nachdem diese
Page 75
fertig waren, besuchte er den Dachs um zu sehen, wie es ihm gehe. Bei
diesem war inzwischen die Wunde etwas geheilt, aber er litt furchtbaren
Hunger, hatte er doch während seines Krankseins nichts zu sich genommen.
Als er den Hasen erblickte, freute er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm
die schreckliche Salbe geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu
besorgen. Der Hase aber erwiderte: „Ich habe leider nichts hier, aber im
Flusse sah ich einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns
fangen.“ Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen
konnte, schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote
lagen. Der Hase fragte: „Welches willst du nehmen?“ „Natürlich das
große,“ entschied der Dachs, „ich bin einmal der Vornehmere und dann
auch schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!“
Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase, zufrieden
mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.
Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich kein
Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.
„Dort ist einer!“ rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich umwendete um
nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder und tat einen
kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich sofort in Stücke
sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser und wollte sich durch
Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem Boote schnell hinter ihm
her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei jedem Schlage ausrufend: „Das
ist für die ermordete alte Frau, das ist für die ermordete alte Frau!“
So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot war und
von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen, aufgefressen wurde.
Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und eilte
zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.
„Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!“ rief er schon
von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes angekommen,
diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das Boot zerschlagen
und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher von den Fischen
gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer noch Furcht hatte,
daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid zufügen werde, wieder
diesem war inzwischen die Wunde etwas geheilt, aber er litt furchtbaren
Hunger, hatte er doch während seines Krankseins nichts zu sich genommen.
Als er den Hasen erblickte, freute er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm
die schreckliche Salbe geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu
besorgen. Der Hase aber erwiderte: „Ich habe leider nichts hier, aber im
Flusse sah ich einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns
fangen.“ Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen
konnte, schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote
lagen. Der Hase fragte: „Welches willst du nehmen?“ „Natürlich das
große,“ entschied der Dachs, „ich bin einmal der Vornehmere und dann
auch schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!“
Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase, zufrieden
mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.
Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich kein
Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.
„Dort ist einer!“ rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich umwendete um
nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder und tat einen
kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich sofort in Stücke
sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser und wollte sich durch
Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem Boote schnell hinter ihm
her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei jedem Schlage ausrufend: „Das
ist für die ermordete alte Frau, das ist für die ermordete alte Frau!“
So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot war und
von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen, aufgefressen wurde.
Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und eilte
zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.
„Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!“ rief er schon
von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes angekommen,
diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das Boot zerschlagen
und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher von den Fischen
gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer noch Furcht hatte,
daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid zufügen werde, wieder
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frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das Grab seiner Frau zu
kommen.
Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau
noch lebe:
„Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist tot,
getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir
können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr schaden!“
Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen 3 und ging
mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein Essen, so
gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu beweisen.
Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu
wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne nicht
schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur schlafen im
Freien unter dem Dache des Himmels.
So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein
wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in den
Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle möglichen
Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch seinen Neid
und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe. War das Wetter
schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und brachte ihm stets
schöne Früchte mit.
So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft noch
viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber der weiße
Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und diese sie
wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag, wo sie
niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen werde und
sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn man mißgünstig die
Freundschaft anderer stören will.
1. In den japanischen Familien ist es noch vielfach Sitte, daß der
Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird. Sind Kinder
vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die Frau mit
den Töchtern später.
kommen.
Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau
noch lebe:
„Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist tot,
getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir
können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr schaden!“
Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen 3 und ging
mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein Essen, so
gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu beweisen.
Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu
wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne nicht
schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur schlafen im
Freien unter dem Dache des Himmels.
So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein
wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in den
Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle möglichen
Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch seinen Neid
und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe. War das Wetter
schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und brachte ihm stets
schöne Früchte mit.
So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft noch
viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber der weiße
Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und diese sie
wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag, wo sie
niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen werde und
sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn man mißgünstig die
Freundschaft anderer stören will.
1. In den japanischen Familien ist es noch vielfach Sitte, daß der
Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird. Sind Kinder
vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die Frau mit
den Töchtern später.
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2. Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche Brühe.
3. Japanische Sitte. In Japan wird jedes Familienereignis, Geburt,
Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen der Familie verkündet.
Schlauheit schützt nicht vor
Täuschung.
m japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen
Fugu 1 hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen
und sich zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken
und er warf zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese
ergriff es und eilte damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu
sehen, ob es ihr etwas schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen
gekrochen und kam nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.
Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu sich
genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen Fisch,
der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern unbedenklich
verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin und aß mit großem
Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war wirklich ein schlaues Tier;
denn auch ihr waren Bedenken gekommen und sie hatte deshalb das Stück
Fisch vorläufig versteckt um erst zu sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße.
Als sie nun sah, daß er ihn mit gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie
3. Japanische Sitte. In Japan wird jedes Familienereignis, Geburt,
Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen der Familie verkündet.
Schlauheit schützt nicht vor
Täuschung.
m japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen
Fugu 1 hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen
und sich zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken
und er warf zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese
ergriff es und eilte damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu
sehen, ob es ihr etwas schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen
gekrochen und kam nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.
Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu sich
genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen Fisch,
der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern unbedenklich
verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin und aß mit großem
Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war wirklich ein schlaues Tier;
denn auch ihr waren Bedenken gekommen und sie hatte deshalb das Stück
Fisch vorläufig versteckt um erst zu sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße.
Als sie nun sah, daß er ihn mit gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie
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zurück und ließ es sich schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das
Gift fing bald an zu wirken und Herr und Katze starben unter großen
Qualen. So sieht man, wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen
läßt.
1. Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der Tetrodon gehörig;
das Fleisch dieses Fisches ist giftig und daher ungenießbar. Er
wird nur gefangen um als Düngemittel verwendet zu werden.
Der bedächtige Reiher.
in Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf
und ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich
einen zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch
ein munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich
hüpfte ein Frosch auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen
Morgengesang an.
„Hei!“ dachte der Reiher, „das ist reiche Beute! Aber welchen von den
dreien nehme ich zuerst?“
Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten die
drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.
Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein
tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im
tiefsten Schlamm.
Gift fing bald an zu wirken und Herr und Katze starben unter großen
Qualen. So sieht man, wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen
läßt.
1. Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der Tetrodon gehörig;
das Fleisch dieses Fisches ist giftig und daher ungenießbar. Er
wird nur gefangen um als Düngemittel verwendet zu werden.
Der bedächtige Reiher.
in Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf
und ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich
einen zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch
ein munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich
hüpfte ein Frosch auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen
Morgengesang an.
„Hei!“ dachte der Reiher, „das ist reiche Beute! Aber welchen von den
dreien nehme ich zuerst?“
Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten die
drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.
Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein
tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im
tiefsten Schlamm.
Page 79
Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam, die
sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen. Er steht
noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer. So geht es allen
zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln vergessen.
Belohnte Kindesliebe.
or ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und
Harima gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein
Holzhacker, der nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und
mußten täglich ins Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot
mühsam und spärlich zu verdienen. Solange beide gesund und
kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren Lebensunterhalt zu gewinnen.
Aber der Vater wurde immer älter und immer steifer und ungelenkiger
wurden seine Glieder, sodaß schließlich der Sohn allein in den Wald gehen
mußte, während der Alte daheim blieb. Dem jungen Manne machte dies
keine große Sorge; kräftig und rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger
und war glücklich, wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen 1
mehr verdient hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake 2 kaufen zu
sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen. Er steht
noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer. So geht es allen
zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln vergessen.
Belohnte Kindesliebe.
or ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und
Harima gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein
Holzhacker, der nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und
mußten täglich ins Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot
mühsam und spärlich zu verdienen. Solange beide gesund und
kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren Lebensunterhalt zu gewinnen.
Aber der Vater wurde immer älter und immer steifer und ungelenkiger
wurden seine Glieder, sodaß schließlich der Sohn allein in den Wald gehen
mußte, während der Alte daheim blieb. Dem jungen Manne machte dies
keine große Sorge; kräftig und rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger
und war glücklich, wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen 1
mehr verdient hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake 2 kaufen zu
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können, den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat
und ihn kräftigte.
Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis
spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar, sodaß
der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und daher oftmals
seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte. Darüber war er
natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern, sie möchten doch dem
harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit Hilfe senden. Eines
Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last Holz in die Stadt bringen
können, und der Erlös reichte nicht einmal zu dem Nötigsten, geschweige
denn zu einem Fläschchen Sake für den Vater. Obgleich ihm der
Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte, wollte der junge Mann davon
nichts wissen, denn er gedachte des Sprichworts: „Schulden sind schlimmer
als Motten im Pelz!“ 3
So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur darüber
nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte. Am Fuße des
Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen auszuruhen,
aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so wandte er sich
wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.
und ihn kräftigte.
Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis
spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar, sodaß
der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und daher oftmals
seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte. Darüber war er
natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern, sie möchten doch dem
harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit Hilfe senden. Eines
Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last Holz in die Stadt bringen
können, und der Erlös reichte nicht einmal zu dem Nötigsten, geschweige
denn zu einem Fläschchen Sake für den Vater. Obgleich ihm der
Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte, wollte der junge Mann davon
nichts wissen, denn er gedachte des Sprichworts: „Schulden sind schlimmer
als Motten im Pelz!“ 3
So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur darüber
nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte. Am Fuße des
Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen auszuruhen,
aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so wandte er sich
wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.
Page 81
Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite des
Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake, erfüllte
die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes verschwunden, er
sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf aufstieg.
Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?
Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer Quell
hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge Mann
schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und kostete es.
Welch’ eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch nie getrunken.
„Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!“ rief er aus und füllte, nachdem
er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine Reiseflasche mit dem kostbaren
Naß.
Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake, erfüllte
die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes verschwunden, er
sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf aufstieg.
Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?
Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer Quell
hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge Mann
schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und kostete es.
Welch’ eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch nie getrunken.
„Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!“ rief er aus und füllte, nachdem
er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine Reiseflasche mit dem kostbaren
Naß.
Page 82
Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er
seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch
wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in seinen
Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so weit
gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur Quelle
wandern konnte. „Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken sein?“
fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser ein Bad
zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade seine
Gliederschmerzen nachließen.
Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach
kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn wieder in
den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte; infolgedessen
waren beide von aller Sorge befreit und konnten zufrieden und glücklich
leben.
Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich
schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um
Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde
von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der Richtigkeit
überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro 4 geben ließ, ja, er nannte sogar die
Zeitepoche von der Entstehung der Quelle „Yoro-Zeit.“ 5
Die Quelle — eine Mineralquelle — hat ihre Heilkraft bis auf den heutigen
Tag behalten. 6
1. Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.
2. Reiswein.
3. Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen „Borgen
macht Sorgen!“
4. Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro = Kräftigung
oder Pflege des Alters.
5. Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die Jahreszahl nicht
ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in Zeitepochen,
von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So haben die
seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch
wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in seinen
Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so weit
gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur Quelle
wandern konnte. „Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken sein?“
fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser ein Bad
zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade seine
Gliederschmerzen nachließen.
Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach
kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn wieder in
den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte; infolgedessen
waren beide von aller Sorge befreit und konnten zufrieden und glücklich
leben.
Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich
schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um
Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde
von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der Richtigkeit
überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro 4 geben ließ, ja, er nannte sogar die
Zeitepoche von der Entstehung der Quelle „Yoro-Zeit.“ 5
Die Quelle — eine Mineralquelle — hat ihre Heilkraft bis auf den heutigen
Tag behalten. 6
1. Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.
2. Reiswein.
3. Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen „Borgen
macht Sorgen!“
4. Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro = Kräftigung
oder Pflege des Alters.
5. Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die Jahreszahl nicht
ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in Zeitepochen,
von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So haben die
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Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr „45 Meiji“, d.h. „Aera
des wahren Friedens“.
6. Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki auch
Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.
Der bestrafte Tierquäler.
n Yedo 1 lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst
sehr gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte.
Auf einem Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger
ausgestellt und als er beobachtete, wie sich alles Volk in diese
Bude drängte und der Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er
auf den Gedanken gleichfalls auf den Märkten einen Tiger auszustellen.
Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte
er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er ein
Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und nähte
dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine wahre Gestalt
nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.
Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn solch
einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.
Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend
kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht
schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb zu
füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu Grunde ging.
des wahren Friedens“.
6. Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki auch
Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.
Der bestrafte Tierquäler.
n Yedo 1 lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst
sehr gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte.
Auf einem Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger
ausgestellt und als er beobachtete, wie sich alles Volk in diese
Bude drängte und der Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er
auf den Gedanken gleichfalls auf den Märkten einen Tiger auszustellen.
Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte
er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er ein
Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und nähte
dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine wahre Gestalt
nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.
Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn solch
einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.
Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend
kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht
schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb zu
füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu Grunde ging.
Page 84
Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn
Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht und
rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.
Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein
klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn der
Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem Tigerfell
und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem Blöken auf die
Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn mit Steinen und Unrat
bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte weder essen noch trinken
und starb endlich eines elenden Todes.
Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.
1. Das heutige Tokyo.
Rai-taro. 1
aiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große
Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von
Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in
den Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern
und die Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm-
und Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben
von schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit
krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus
seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch
blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses
Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht und
rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.
Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein
klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn der
Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem Tigerfell
und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem Blöken auf die
Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn mit Steinen und Unrat
bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte weder essen noch trinken
und starb endlich eines elenden Todes.
Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.
1. Das heutige Tokyo.
Rai-taro. 1
aiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große
Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von
Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in
den Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern
und die Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm-
und Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben
von schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit
krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus
seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch
blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses
Page 85
Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der
fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule schlägt;
zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, wo sie hinfällt,
Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen zerschmettert sie Berge und
zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen und Vieh zu Tode oder
zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer über den Schultern einen Sack,
der vier Öffnungen hat und in dem die Winde stecken. Hält er den Sack
geschlossen, dann herrscht Windstille auf Erden; aber die Schiffer auf dem
Meere bitten ihn doch den Sack ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute
Fahrt haben. Macht Futen eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein
Gewittersturm heraus; wehe, dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei
Stellen öffnet, denn dann kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen
Bereich Kommende vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan
„Tai-fu“ — großer Wind — Orkan. — Und nun will ich einmal von diesen
beiden Unholden ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß
sie nicht immer so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.
Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt
das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es ist
der Hakusan 2 auch „Shirayama“ genannt.
Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens
Bimbo 3, er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich
zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder
sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch in
einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter ab, da
ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er mit
seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der Erntesegen blieb
oft aus.
fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule schlägt;
zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, wo sie hinfällt,
Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen zerschmettert sie Berge und
zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen und Vieh zu Tode oder
zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer über den Schultern einen Sack,
der vier Öffnungen hat und in dem die Winde stecken. Hält er den Sack
geschlossen, dann herrscht Windstille auf Erden; aber die Schiffer auf dem
Meere bitten ihn doch den Sack ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute
Fahrt haben. Macht Futen eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein
Gewittersturm heraus; wehe, dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei
Stellen öffnet, denn dann kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen
Bereich Kommende vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan
„Tai-fu“ — großer Wind — Orkan. — Und nun will ich einmal von diesen
beiden Unholden ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß
sie nicht immer so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.
Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt
das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es ist
der Hakusan 2 auch „Shirayama“ genannt.
Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens
Bimbo 3, er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich
zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder
sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch in
einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter ab, da
ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er mit
seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der Erntesegen blieb
oft aus.
Page 86
Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große Sorgen,
denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen auf das
Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ sich
blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen Reisähren
hingen schlaff herab.
Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft,
warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus. Selbst
das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter, ein Kind,
war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft inbrünstig darum
gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und hatten jede Hoffnung
aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder verschönt zu sehen; sie hatten
sich darein ergeben, ein einsames Alter in Sorgen und Not zu haben; denn
auch jetzt wieder schien die Ernte durch den heißen, trocknen Sommer
vernichtet zu werden.
Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus,
ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen
bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und
betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am Horizonte ein
leichter Schleier zeigte.
„Wind — Sturm!“ rief der Bauer freudig aus, „das bringt Regen!“
denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen auf das
Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ sich
blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen Reisähren
hingen schlaff herab.
Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft,
warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus. Selbst
das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter, ein Kind,
war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft inbrünstig darum
gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und hatten jede Hoffnung
aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder verschönt zu sehen; sie hatten
sich darein ergeben, ein einsames Alter in Sorgen und Not zu haben; denn
auch jetzt wieder schien die Ernte durch den heißen, trocknen Sommer
vernichtet zu werden.
Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus,
ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen
bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und
betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am Horizonte ein
leichter Schleier zeigte.
„Wind — Sturm!“ rief der Bauer freudig aus, „das bringt Regen!“
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Er hatte sich nicht getäuscht.
Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die sich zu
dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer dichten
Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises Raunen,
dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die Vögel und die
Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und Sturmvögel
durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen den Bäumen, die
angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es los das Stöhnen,
Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und wie ein Heer wilder
Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein Weib achteten nicht
des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller Freude, denn dieser Sturm
bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der Ernte, sondern noch einen
andern Segen, den sie nicht erwarteten.
Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des
Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter
Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die Hand
seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl zwischen ihnen
zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein furchtbarer
Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. Als sie aus ihrer
Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter verzogen und die Sonne
lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur hernieder. Aber Bimbo und
seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu ihrem größten Erstaunen lag
neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein Knabe, genau an der Stelle, wo der
Blitz in den Erdboden gefahren war. Es lächelte gar lieblich und freundlich
und streckte seine rosigen Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten
entgegen.
Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die sich zu
dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer dichten
Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises Raunen,
dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die Vögel und die
Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und Sturmvögel
durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen den Bäumen, die
angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es los das Stöhnen,
Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und wie ein Heer wilder
Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein Weib achteten nicht
des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller Freude, denn dieser Sturm
bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der Ernte, sondern noch einen
andern Segen, den sie nicht erwarteten.
Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des
Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter
Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die Hand
seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl zwischen ihnen
zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein furchtbarer
Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. Als sie aus ihrer
Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter verzogen und die Sonne
lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur hernieder. Aber Bimbo und
seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu ihrem größten Erstaunen lag
neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein Knabe, genau an der Stelle, wo der
Blitz in den Erdboden gefahren war. Es lächelte gar lieblich und freundlich
und streckte seine rosigen Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten
entgegen.
Page 88
Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es
schützend unter seinem Strohmantel 4; dann eilte er mit seiner Frau heim
und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.
Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger
Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das sie
sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.
Wie sollte der Name sein?
Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.
„Das Kind hat uns Raiden geschenkt“, sagte er zu seiner Frau; „deshalb
wollen wir es Raitaro nennen!“
Und so geschah es.
Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz anders
geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein Vergnügen daran mit
den andern Kindern herumzutollen oder an ihren Spielen teilzunehmen. Am
liebsten begleitete er seinen Vater auf das Feld oder tummelte sich allein im
Walde umher oder lag oft stundenlang auf dem Rücken und verfolgte den
schützend unter seinem Strohmantel 4; dann eilte er mit seiner Frau heim
und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.
Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger
Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das sie
sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.
Wie sollte der Name sein?
Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.
„Das Kind hat uns Raiden geschenkt“, sagte er zu seiner Frau; „deshalb
wollen wir es Raitaro nennen!“
Und so geschah es.
Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz anders
geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein Vergnügen daran mit
den andern Kindern herumzutollen oder an ihren Spielen teilzunehmen. Am
liebsten begleitete er seinen Vater auf das Feld oder tummelte sich allein im
Walde umher oder lag oft stundenlang auf dem Rücken und verfolgte den
Page 89
Lauf der Winde und den Flug der Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in
Entzücken und beim Rollen des Donners brach er in ein lautes Jauchzen
aus.
Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses ihnen
auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben reichliche Ernte,
keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete mehr die Frucht
mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten, so daß er es bald
zu einem gewissen Wohlstand brachte.
Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag der
Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und fröhlichen
Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und vergeblich war die
Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend nahte und die
Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte seinen Eltern für
alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. „Meine Zeit ist um“, sagte er
zuletzt, „meine Absicht euch zu nützen ist gelungen, auch in Zukunft werde
ich über euch wachen. Lebt wohl!“
Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte
sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann erhob
sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe; der Platz
aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.
Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es gar
nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein sollten;
da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und sorgenfrei leben
konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und in stiller Wehmut
fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten noch viele Jahre und
starben endlich beide hochbetagt zur gleichen Stunde. Auf ihr Grab wurde
ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte Raitaro’s erzählt und dieser selbst
in Gestalt eines fliegenden Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch
heute vorhanden, doch hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein.
Wer sich aber Mühe gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die
Geschichte von Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier
wiedererzählt habe.
1. Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners, Donnersohn.
Entzücken und beim Rollen des Donners brach er in ein lautes Jauchzen
aus.
Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses ihnen
auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben reichliche Ernte,
keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete mehr die Frucht
mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten, so daß er es bald
zu einem gewissen Wohlstand brachte.
Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag der
Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und fröhlichen
Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und vergeblich war die
Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend nahte und die
Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte seinen Eltern für
alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. „Meine Zeit ist um“, sagte er
zuletzt, „meine Absicht euch zu nützen ist gelungen, auch in Zukunft werde
ich über euch wachen. Lebt wohl!“
Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte
sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann erhob
sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe; der Platz
aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.
Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es gar
nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein sollten;
da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und sorgenfrei leben
konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und in stiller Wehmut
fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten noch viele Jahre und
starben endlich beide hochbetagt zur gleichen Stunde. Auf ihr Grab wurde
ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte Raitaro’s erzählt und dieser selbst
in Gestalt eines fliegenden Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch
heute vorhanden, doch hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein.
Wer sich aber Mühe gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die
Geschichte von Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier
wiedererzählt habe.
1. Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners, Donnersohn.
Page 90
2. Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß. Also
„weißer Berg.“ Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und 2720
m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm,
man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7
Meter gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen
Kilometer hinauf im Winter undurchführbar war.
3. Bimbo = arm.
4. Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch bei
Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh,
gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein
solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter
lang.
Hotaru. 1
n einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine
Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.
Die letztere, „Klein-Hotaru“ genannt, war ein gar liebliches
Geschöpf. Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem
großen Lotosblatte spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.
Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche wohnten.
War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses strahlte ein so
himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond sich beschämt
verstecken mußte.
„weißer Berg.“ Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und 2720
m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm,
man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7
Meter gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen
Kilometer hinauf im Winter undurchführbar war.
3. Bimbo = arm.
4. Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch bei
Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh,
gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein
solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter
lang.
Hotaru. 1
n einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine
Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.
Die letztere, „Klein-Hotaru“ genannt, war ein gar liebliches
Geschöpf. Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem
großen Lotosblatte spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.
Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche wohnten.
War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses strahlte ein so
himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond sich beschämt
verstecken mußte.
Page 91
Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht ausbleiben,
daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte sich ihr
niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln saß, blieb
sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen Freier erblicken.
Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab es ein munteres
Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann flatterte, schwirrte und
surrte es; dann kamen sie alle, die die schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da
waren Falter, Käfer, Bienen, Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war
vertreten und zeigte seine Künste, um Gnade vor Hotaru’s Augen zu finden.
Diese aber blieb unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so
umschwärmt zu werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein
anfänglich großen Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende
Zudringlichkeit lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für
sich, in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie
beschloß sich all der Freier zu entledigen.
Deshalb sagte sie zu ihnen:
„Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden will,
muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie das meine!“
Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell auf den Weg ein
solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein jeder wollte der erste
sein, um Hotaru sicher zu erringen.
Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr
als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein Flügel
zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von einem
Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren, kurz, es
war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich ein Ende
nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.
Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu
erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der erste,
der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein Zimmer, wo ein
Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß, stieß und
verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder. Trotz der
Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht auf und
daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte sich ihr
niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln saß, blieb
sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen Freier erblicken.
Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab es ein munteres
Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann flatterte, schwirrte und
surrte es; dann kamen sie alle, die die schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da
waren Falter, Käfer, Bienen, Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war
vertreten und zeigte seine Künste, um Gnade vor Hotaru’s Augen zu finden.
Diese aber blieb unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so
umschwärmt zu werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein
anfänglich großen Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende
Zudringlichkeit lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für
sich, in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie
beschloß sich all der Freier zu entledigen.
Deshalb sagte sie zu ihnen:
„Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden will,
muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie das meine!“
Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell auf den Weg ein
solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein jeder wollte der erste
sein, um Hotaru sicher zu erringen.
Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr
als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein Flügel
zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von einem
Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren, kurz, es
war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich ein Ende
nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.
Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu
erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der erste,
der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein Zimmer, wo ein
Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß, stieß und
verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder. Trotz der
Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht auf und
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war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen; aber, o weh!
die Flamme versengte seine Flügel und zisch — zisch — der Falter war tot.
So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des
Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen sogar
den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue Scharen
durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und Hotaru
heimführen zu können.
Von all dem erfuhr auch Hitaro 2 und dachte bei sich, wenn so viele Freier
um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß sie sehr
schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg um Hotaru
zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt von der
Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt, daß er
schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler schickte, der
um ihre Hand anhalten mußte 3 und sie auch zugesagt erhielt, umsomehr,
als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn er hatte ja ein ebenso
liebliches Lichtlein wie sie selbst und war überdies ein schmucker Bursche.
Nachdem so alles in Ordnung war, wurde die Hochzeit mit großer Pracht
gefeiert. Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen
eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der
eines dieser Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen
müsse, wurde hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als
Familiengesetz.
Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren
und sich die Flügel verbrennen: „Das war Hotarus Freier“ oder auch:
„Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.“
1. Hotaru = Johanniswürmchen.
2. Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn = Leuchtkäfer.
3. Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung durch einen
dritten — Vermittler — erfolgt. Unschicklich wäre es, wollte der
Freier es selbst tun.
die Flamme versengte seine Flügel und zisch — zisch — der Falter war tot.
So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des
Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen sogar
den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue Scharen
durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und Hotaru
heimführen zu können.
Von all dem erfuhr auch Hitaro 2 und dachte bei sich, wenn so viele Freier
um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß sie sehr
schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg um Hotaru
zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt von der
Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt, daß er
schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler schickte, der
um ihre Hand anhalten mußte 3 und sie auch zugesagt erhielt, umsomehr,
als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn er hatte ja ein ebenso
liebliches Lichtlein wie sie selbst und war überdies ein schmucker Bursche.
Nachdem so alles in Ordnung war, wurde die Hochzeit mit großer Pracht
gefeiert. Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen
eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der
eines dieser Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen
müsse, wurde hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als
Familiengesetz.
Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren
und sich die Flügel verbrennen: „Das war Hotarus Freier“ oder auch:
„Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.“
1. Hotaru = Johanniswürmchen.
2. Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn = Leuchtkäfer.
3. Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung durch einen
dritten — Vermittler — erfolgt. Unschicklich wäre es, wollte der
Freier es selbst tun.
Page 93
Horaisan. 1
uf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht
ewiges Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz
noch Krankheit noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort
herrscht ewiger Frühling und ewige Pracht; kein Sturm, kein
Winter vernichtet die in ewiger Schönheit prangende Natur.
Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande
sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch keinem
Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu suchen,
gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt es von allen
bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der er ziehen muß,
um es zu finden; niemand kennt die Lage des hochgelobten Landes, nur die
Schwalben und Sommervögel, die im Winter Japan verlassen, kennen die
glückseligen Inseln und ziehen dorthin, wenn der Wintersturm Japan
durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist und nicht in der Absicht auszieht,
sich dem Kampfe des Lebens zu entziehen, wer nicht beabsichtigt in
Frieden und Glück zu leben, ohne vorher seine Pflichten gegen Gott und
Menschen zu erfüllen, dem kann es geschehen, daß ihn ein günstiger von
den Göttern gesandter Wind zu den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer
kehrt er dann zurück, denn gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch
befriedigt.
Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische
Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das große
Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo kehrte
zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja, es gelang
ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die Orange, die
vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der von Wasobiowo
mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.
uf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht
ewiges Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz
noch Krankheit noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort
herrscht ewiger Frühling und ewige Pracht; kein Sturm, kein
Winter vernichtet die in ewiger Schönheit prangende Natur.
Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande
sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch keinem
Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu suchen,
gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt es von allen
bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der er ziehen muß,
um es zu finden; niemand kennt die Lage des hochgelobten Landes, nur die
Schwalben und Sommervögel, die im Winter Japan verlassen, kennen die
glückseligen Inseln und ziehen dorthin, wenn der Wintersturm Japan
durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist und nicht in der Absicht auszieht,
sich dem Kampfe des Lebens zu entziehen, wer nicht beabsichtigt in
Frieden und Glück zu leben, ohne vorher seine Pflichten gegen Gott und
Menschen zu erfüllen, dem kann es geschehen, daß ihn ein günstiger von
den Göttern gesandter Wind zu den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer
kehrt er dann zurück, denn gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch
befriedigt.
Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische
Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das große
Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo kehrte
zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja, es gelang
ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die Orange, die
vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der von Wasobiowo
mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.
Page 94
Es wird erzählt, daß einst in China ein grausamer Kaiser regierte,
herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder
verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige sein, in
allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er beseitigen. Dieser
Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt, der hieß Jofuku. Das war
ein gar gelehrter Herr und außerordentlich klug, doch der Kaiser trachtete
ihm nach dem Leben, weil er des Arztes Klugheit fürchtete. Er konnte ihm
aber nichts anhaben, denn er wußte keinen besseren Arzt. Endlich aber
wurde der Arzt dieses Lebens in Furcht und Schrecken satt und er dachte
eine List aus, wie er es anstellen könne, aus dem Lande und aus dem
Bereiche des Kaisers zu flüchten.
Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages
zum Kaiser:
„Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens
erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von dort
heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für Euch holen
kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger Glückseligkeit leben, an
nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen Welt werden!“
Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere
Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur Abreise,
drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben
zurückkehren würde.
Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich ein. In
Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans Land
gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker lichten und
fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.
Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die Götter
gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer Sturm und trieb
das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging verloren, die
Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert und als
endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch allein auf dem
Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein tapferer Mann wie er,
verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die Götter und siehe da, als er
herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder
verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige sein, in
allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er beseitigen. Dieser
Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt, der hieß Jofuku. Das war
ein gar gelehrter Herr und außerordentlich klug, doch der Kaiser trachtete
ihm nach dem Leben, weil er des Arztes Klugheit fürchtete. Er konnte ihm
aber nichts anhaben, denn er wußte keinen besseren Arzt. Endlich aber
wurde der Arzt dieses Lebens in Furcht und Schrecken satt und er dachte
eine List aus, wie er es anstellen könne, aus dem Lande und aus dem
Bereiche des Kaisers zu flüchten.
Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages
zum Kaiser:
„Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens
erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von dort
heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für Euch holen
kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger Glückseligkeit leben, an
nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen Welt werden!“
Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere
Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur Abreise,
drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben
zurückkehren würde.
Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich ein. In
Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans Land
gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker lichten und
fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.
Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die Götter
gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer Sturm und trieb
das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging verloren, die
Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert und als
endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch allein auf dem
Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein tapferer Mann wie er,
verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die Götter und siehe da, als er
Page 95
sein Gebet vollendet hatte, wurde das Schiff in ruhiger Fahrt vorwärts
getrieben und landete endlich auf Horaisan.
Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank das
Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am Strande traf
er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm erklärte, wo er sich
befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht mehr daran, nach China
zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser unverdientes Glück zu bringen,
sondern er blieb auf Horaisan und niemand hat seitdem wieder etwas von
ihm gehört.
Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen
besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller
Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand
Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und er
konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um zu
angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten und zu
berechnen.
Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei
herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare, ruhige
Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er den Lauf
der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden Meeresodems.
Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er sich
seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der Himmel
überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war er
machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe des
Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit
unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin schoß
bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu verschlingen drohten.
Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es wurde heller Tag; aber
Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche, wogende Meer, nirgends ein
Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das ruhelos schweifende Auge einen
Anhalt gefunden hätte um sich zu orientieren.
Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der Stellung
der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde.
getrieben und landete endlich auf Horaisan.
Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank das
Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am Strande traf
er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm erklärte, wo er sich
befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht mehr daran, nach China
zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser unverdientes Glück zu bringen,
sondern er blieb auf Horaisan und niemand hat seitdem wieder etwas von
ihm gehört.
Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen
besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller
Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand
Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und er
konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um zu
angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten und zu
berechnen.
Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei
herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare, ruhige
Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er den Lauf
der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden Meeresodems.
Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er sich
seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der Himmel
überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war er
machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe des
Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit
unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin schoß
bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu verschlingen drohten.
Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es wurde heller Tag; aber
Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche, wogende Meer, nirgends ein
Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das ruhelos schweifende Auge einen
Anhalt gefunden hätte um sich zu orientieren.
Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der Stellung
der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde.
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Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem
Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war und
er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren,
umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte.
Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem
Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst
geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich
änderte.
Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den Fischen,
die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er kein Feuerzeug
bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich begannen sich im Wasser
Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam, immer dichter wurden; das Meer
verlor seine glänzende Farbe und ging endlich in einen dicht mit Pflanzen
aller Art bewachsenen Sumpf über, in dem das Boot nicht mehr weiter
konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht den Mut. Er ergriff die Pflanzen und
zog daran und siehe, sie hielten stand wie Stricke. Nun begann eine
mühselige Arbeit. Von Pflanze zu Pflanze greifend, zog er sich mit dem
Boote immer weiter durch dieses Pflanzengewirr, durch diesen Morast.
Über vierzig Stunden dauerte die Arbeit; todmüde, kraftlos und
halbverhungert war er, denn hier gab es auch nicht das kleinste Lebewesen,
das er als Nahrung verwenden konnte, als er endlich diese unheilvolle
Strecke überwunden hatte. Nun lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und
in einiger Entfernung schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis
zum Himmel reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan 2; doch
wußte Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute
sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem
Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und
Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem
Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung.
Da aber — o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine
Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise; er
fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl durchdrang
ihn.
Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war und
er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren,
umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte.
Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem
Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst
geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich
änderte.
Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den Fischen,
die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er kein Feuerzeug
bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich begannen sich im Wasser
Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam, immer dichter wurden; das Meer
verlor seine glänzende Farbe und ging endlich in einen dicht mit Pflanzen
aller Art bewachsenen Sumpf über, in dem das Boot nicht mehr weiter
konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht den Mut. Er ergriff die Pflanzen und
zog daran und siehe, sie hielten stand wie Stricke. Nun begann eine
mühselige Arbeit. Von Pflanze zu Pflanze greifend, zog er sich mit dem
Boote immer weiter durch dieses Pflanzengewirr, durch diesen Morast.
Über vierzig Stunden dauerte die Arbeit; todmüde, kraftlos und
halbverhungert war er, denn hier gab es auch nicht das kleinste Lebewesen,
das er als Nahrung verwenden konnte, als er endlich diese unheilvolle
Strecke überwunden hatte. Nun lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und
in einiger Entfernung schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis
zum Himmel reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan 2; doch
wußte Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute
sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem
Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und
Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem
Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung.
Da aber — o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine
Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise; er
fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl durchdrang
ihn.
Page 97
Da näherten sieh ihm weise, ehrwürdige Männer und schöne, edle Damen,
die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan
überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte auf.
Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets für ein
sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es existierte also
wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare Land gekommen und
als Bürger aufgenommen.
Wieder dankte er den Göttern.
Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden
und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu Jahrtausenden
und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit.
Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht,
keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken, kein
Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen Gesprächen,
bei anregenden Unterhaltungen, bei M u s i k , Gesang und Tanz streicht die
Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt vorüber.
Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war,
ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen
Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.
Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der
Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen
schlummernden Gedanken geweckt?
Wer vermag es zu sagen?
Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei der
Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch
Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim; deshalb
die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan
überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte auf.
Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets für ein
sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es existierte also
wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare Land gekommen und
als Bürger aufgenommen.
Wieder dankte er den Göttern.
Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden
und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu Jahrtausenden
und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit.
Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht,
keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken, kein
Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen Gesprächen,
bei anregenden Unterhaltungen, bei M u s i k , Gesang und Tanz streicht die
Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt vorüber.
Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war,
ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen
Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.
Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der
Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen
schlummernden Gedanken geweckt?
Wer vermag es zu sagen?
Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei der
Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch
Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim; deshalb
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konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst den Tod zu
geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht unter, vom Berge
konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft trug wie das Wasser, es
gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben zu nehmen. Nur ein
einziges Mittel gab es, das war: „Fort von Horaisan!“
Aber wie?
Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort
die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?
An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten
und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er auf
dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne.
Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn es
war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter diesen
war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug erschien,
Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können.
Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß der
Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog.
Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise anschickten,
da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten zusammen, von
denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er Horaisan verlassen
hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken. Vorher besprach er
sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn zur Mitreise ein, dieser
jedoch erwiderte:
„Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein Tor,
wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem
unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen
bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie
bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr ist
schwierig, sogar unmöglich!“
Wasobiowo sagte lächelnd: „Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie
bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger
Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend und
geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht unter, vom Berge
konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft trug wie das Wasser, es
gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben zu nehmen. Nur ein
einziges Mittel gab es, das war: „Fort von Horaisan!“
Aber wie?
Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort
die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?
An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten
und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er auf
dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne.
Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn es
war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter diesen
war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug erschien,
Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können.
Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß der
Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog.
Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise anschickten,
da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten zusammen, von
denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er Horaisan verlassen
hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken. Vorher besprach er
sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn zur Mitreise ein, dieser
jedoch erwiderte:
„Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein Tor,
wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem
unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen
bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie
bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr ist
schwierig, sogar unmöglich!“
Wasobiowo sagte lächelnd: „Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie
bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger
Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend und
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Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben für andere; habe ich für
meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich gewirkt!“
Hatte er Recht? Ich glaube es!
Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit
ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte
Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der
Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare Länder;
überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der Bewohner und
lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.
Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an, sein
Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert Jahre war er
fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf seinen Körper
meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich gewirkt!“
Hatte er Recht? Ich glaube es!
Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit
ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte
Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der
Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare Länder;
überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der Bewohner und
lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.
Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an, sein
Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert Jahre war er
fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf seinen Körper
Page 100
solchen Einfluß gehabt, daß es ihm nicht ging wie Urashima, dem Fischer,
sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war, als wäre er nur wenige
Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die er aus dem Lande des
ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur noch eine Orange mit.
Diese pflanzte er im Garten und sie trug tausendfältige Frucht und von ihr
stammen die heute in Japan wachsenden Orangen.
Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener Mann
und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von seiner Reise
auf dem Kranich.
Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr noch
oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten kehrte er
nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf hoher See
treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends eine Spur.
Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war?
Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen
Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach
Japan verpflanzte.
Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die
wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und
Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend, über
das Meer getragen wird.
1. Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann Name
eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler in
ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in
sinngemäßer Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.
2. Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge, nicht zu
verwechseln mit dem Fujisan in Japan.
sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war, als wäre er nur wenige
Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die er aus dem Lande des
ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur noch eine Orange mit.
Diese pflanzte er im Garten und sie trug tausendfältige Frucht und von ihr
stammen die heute in Japan wachsenden Orangen.
Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener Mann
und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von seiner Reise
auf dem Kranich.
Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr noch
oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten kehrte er
nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf hoher See
treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends eine Spur.
Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war?
Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen
Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach
Japan verpflanzte.
Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die
wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und
Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend, über
das Meer getragen wird.
1. Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann Name
eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler in
ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in
sinngemäßer Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.
2. Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge, nicht zu
verwechseln mit dem Fujisan in Japan.
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Die Wünsche des Steinhauers.
s lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines
Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch
da seine Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er
ohne Sorgen und zufrieden leben konnte.
Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine
losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu Türschwellen
oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen nun hauste ein
alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die Wünsche derjenigen, denen
er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte der Steinhauer einen großen
Gartenstein bei einem reichen Bürger abgeliefert und gesehen, wie wohl der
es sich sein lassen könne. Als er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend
wieder angekommen war und den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit
fortzusetzen, da erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und
wohllebend, daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen
brauchte wie er, der Steinhauer. „Ach,“ seufzte er, „wer es doch auch so gut
haben könnte!“
„Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!“ erschallte plötzlich eine dumpfe
Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.
Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung bei,
sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem Gerede
gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch glaubte er
nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein Schalk, der seine
Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.
Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein
besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend, lud sein
Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er bei seiner
Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand ein gar
s lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines
Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch
da seine Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er
ohne Sorgen und zufrieden leben konnte.
Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine
losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu Türschwellen
oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen nun hauste ein
alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die Wünsche derjenigen, denen
er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte der Steinhauer einen großen
Gartenstein bei einem reichen Bürger abgeliefert und gesehen, wie wohl der
es sich sein lassen könne. Als er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend
wieder angekommen war und den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit
fortzusetzen, da erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und
wohllebend, daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen
brauchte wie er, der Steinhauer. „Ach,“ seufzte er, „wer es doch auch so gut
haben könnte!“
„Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!“ erschallte plötzlich eine dumpfe
Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.
Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung bei,
sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem Gerede
gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch glaubte er
nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein Schalk, der seine
Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.
Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein
besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend, lud sein
Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er bei seiner
Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand ein gar
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stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem sorgenlosen,
behaglichen Wohlleben nötig war.
Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse, der
seinen Wunsch gehört und erfüllt habe.
Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und
ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes Bad
vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.
Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin, das
er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein böser
Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange zufrieden sein
können.
Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: „Auf einen Wunsch
folgen mehrere“ oder „wer Macht hat, will größere Macht“, so ging es auch
dem Steinhauer.
Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der Veranda
seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen wurde; eine
Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie trugen große,
prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung zufächelten. Ein
großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen warfen sich zu Boden und
grüßten in dieser Weise den Fürsten.
Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: „Ja, der Fürst hat es gut, der
braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig Kühlung
zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es ginge, möchte ich
auch so ein Fürst sein!“
Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: „Du hast es
gewünscht, drum sei es!“
Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür stand
ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen hin und her und
kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer Sänfte umhergetragen,
Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm Kühlung zu und alle Welt
verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm diese neue Veränderung viel
Vergnügen, bald aber ward er des ewigen Einerleis überdrüssig und dachte
behaglichen Wohlleben nötig war.
Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse, der
seinen Wunsch gehört und erfüllt habe.
Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und
ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes Bad
vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.
Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin, das
er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein böser
Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange zufrieden sein
können.
Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: „Auf einen Wunsch
folgen mehrere“ oder „wer Macht hat, will größere Macht“, so ging es auch
dem Steinhauer.
Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der Veranda
seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen wurde; eine
Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie trugen große,
prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung zufächelten. Ein
großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen warfen sich zu Boden und
grüßten in dieser Weise den Fürsten.
Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: „Ja, der Fürst hat es gut, der
braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig Kühlung
zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es ginge, möchte ich
auch so ein Fürst sein!“
Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: „Du hast es
gewünscht, drum sei es!“
Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür stand
ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen hin und her und
kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer Sänfte umhergetragen,
Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm Kühlung zu und alle Welt
verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm diese neue Veränderung viel
Vergnügen, bald aber ward er des ewigen Einerleis überdrüssig und dachte
Page 103
darüber nach, wie er noch besseres ersinnen könnte. Und als er sah, wie die
Sonne so glühend brannte, wie ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich
aber auch Feld und Flur verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern
sein Gesicht trotz Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß
die Sonne das allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so
rief er aus: „Wenn’s möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!“
„Du sollst sie sein!“ rief die Stimme und sogleich stand unser Steinhauer
oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten Vergnügen
seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf den Wiesen, die
Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an. Kurz, er trieb im
Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein Kind mit einem neuen
Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles überdrüssig wird, so auch der
Steinhauer und als sich ihm eine Wolke in den Weg stellte und seinem
Treiben Einhalt gebot, indem sie verhinderte, daß die Strahlen die Erde
trafen, da wurde er bitterböse und schrie:
„Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja
mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke
sein!“
„Es sei!“ hörte er die Stimme zu sich herauftönen.
Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich der
Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen auffing.
Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die überhitzte Erde
warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört auch Wasser, dachte
er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das prasselte und plätscherte! Er
freute sich königlich über das Treiben auf der Erde, wie die Menschen
rannten und sich zu schützen suchten, wie die Vöglein sich verbargen und
wie die Bäume sich beugten unter der Last des prasselnden Regens. Und
immer mehr ließ er es regnen, nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in
zerschmetternden Güssen, so daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge
nicht zu fassen vermochten und über die Ufer traten. Alles Land wurde
überschwemmt, Bäume entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den
Bergen stürzten die Wasser in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich
ihnen in den Weg Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand
ruhig und fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben;
Sonne so glühend brannte, wie ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich
aber auch Feld und Flur verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern
sein Gesicht trotz Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß
die Sonne das allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so
rief er aus: „Wenn’s möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!“
„Du sollst sie sein!“ rief die Stimme und sogleich stand unser Steinhauer
oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten Vergnügen
seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf den Wiesen, die
Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an. Kurz, er trieb im
Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein Kind mit einem neuen
Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles überdrüssig wird, so auch der
Steinhauer und als sich ihm eine Wolke in den Weg stellte und seinem
Treiben Einhalt gebot, indem sie verhinderte, daß die Strahlen die Erde
trafen, da wurde er bitterböse und schrie:
„Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja
mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke
sein!“
„Es sei!“ hörte er die Stimme zu sich herauftönen.
Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich der
Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen auffing.
Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die überhitzte Erde
warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört auch Wasser, dachte
er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das prasselte und plätscherte! Er
freute sich königlich über das Treiben auf der Erde, wie die Menschen
rannten und sich zu schützen suchten, wie die Vöglein sich verbargen und
wie die Bäume sich beugten unter der Last des prasselnden Regens. Und
immer mehr ließ er es regnen, nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in
zerschmetternden Güssen, so daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge
nicht zu fassen vermochten und über die Ufer traten. Alles Land wurde
überschwemmt, Bäume entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den
Bergen stürzten die Wasser in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich
ihnen in den Weg Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand
ruhig und fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben;
Page 104
stolz ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke
glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch
mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und goß
über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts; der Fels
wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft ihr Wüten
einstellen.
„So will ich denn ein Felsen sein!“ lautete nun sein Wunsch und wieder rief
ihm die Stimme Erfüllung zu.
Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich seiner
unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der strömende
Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der Steinhauer sein Ziel
erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde zu sein; denn niemand
vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von seiner Stelle zu bewegen.
Niemand!
Wirklich niemand?
Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße
hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges
Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom
Felsen losschlagen.
„Wenn das so weiter geht“, brummte er, „bleibt ja nichts von mir übrig.
Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente nicht
vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das darf
nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.“
„So sei, was du vordem warst!“ ertönte die Stimme des Berggeistes.
Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis
zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden
und glücklich war mit dem, was er hatte.
Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in
jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil es
auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.
glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch
mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und goß
über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts; der Fels
wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft ihr Wüten
einstellen.
„So will ich denn ein Felsen sein!“ lautete nun sein Wunsch und wieder rief
ihm die Stimme Erfüllung zu.
Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich seiner
unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der strömende
Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der Steinhauer sein Ziel
erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde zu sein; denn niemand
vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von seiner Stelle zu bewegen.
Niemand!
Wirklich niemand?
Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße
hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges
Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom
Felsen losschlagen.
„Wenn das so weiter geht“, brummte er, „bleibt ja nichts von mir übrig.
Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente nicht
vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das darf
nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.“
„So sei, was du vordem warst!“ ertönte die Stimme des Berggeistes.
Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis
zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden
und glücklich war mit dem, was er hatte.
Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in
jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil es
auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.
Page 105
Japanischer Glücksgott.
Page 106
Inhalts-Verzeichnis.
Seite
Zur Einführung 3
Juki-onna 5
Der weiße Fuchs 9
Urashima Taro 12
Wenn man mit Kobolden tanzt 21
Neid bringt Leid 24
Der schlaue Polizist 27
Der Abt des Klosters Yakhusi 30
List geht über Gewalt 32
Die Kröte von Osaka und die von Kyoto 34
Der Affe und der Sake 36
Die Auster 38
Der Sperling mit abgeschnittener Zunge 39
Die geplagte Krabbe 43
Der kluge Hase 49
Maorigashima 55
Der Hase und der Dachs 58
Schlauheit schützt nicht vor Täuschung 64
Der bedächtige Reiher 65
Belohnte Kindesliebe 66
Der bestrafte Tierquäler 69
Rai-taro 70
Hotaru 75
Horaisan 77
Seite
Zur Einführung 3
Juki-onna 5
Der weiße Fuchs 9
Urashima Taro 12
Wenn man mit Kobolden tanzt 21
Neid bringt Leid 24
Der schlaue Polizist 27
Der Abt des Klosters Yakhusi 30
List geht über Gewalt 32
Die Kröte von Osaka und die von Kyoto 34
Der Affe und der Sake 36
Die Auster 38
Der Sperling mit abgeschnittener Zunge 39
Die geplagte Krabbe 43
Der kluge Hase 49
Maorigashima 55
Der Hase und der Dachs 58
Schlauheit schützt nicht vor Täuschung 64
Der bedächtige Reiher 65
Belohnte Kindesliebe 66
Der bestrafte Tierquäler 69
Rai-taro 70
Hotaru 75
Horaisan 77
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Die Wünsche des Steinhauers 84
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE
MÄRCHEN ***
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Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.
Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including how
to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
newsletter to hear about new eBooks.
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