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The Project Gutenberg eBook of Der Dunkelgraf
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Der Dunkelgraf
Author: Ludwig Bechstein
Release date: March 8, 2008 [eBook #24782]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/24782
Credits: Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
from scans of public domain material at Austrian Literature
Online.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER
DUNKELGRAF ***
Der Dunkelgraf.
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DUNKELGRAF ***
Der Dunkelgraf.
Page 4
Roman
von
Ludwig Bechstein.
Frankfurt a. M.
Ve r l a g v o n M e i d i n g e r S o h n & C o m p .
1854.
von
Ludwig Bechstein.
Frankfurt a. M.
Ve r l a g v o n M e i d i n g e r S o h n & C o m p .
1854.
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Erster Theil.
Der Jüngling.
Motto:
Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern,
Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschäft.
Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gespräche,
Aber Geringer Geschwätz führen die Winde dahin.
(Falbe nach Theogins.)
1. Der Sohn des Hauses.
Geheimnißvoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer
des friedlichen Busens, in welchen das Flüßchen J a h d e , vorüber rinnend
an den einzelnen Häusern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der
Jahdekirche, sich geräuschlos einsenkt, um dann als breite Stromfläche aus
dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem
Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergießen. Nur
wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit
Der Jüngling.
Motto:
Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern,
Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschäft.
Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gespräche,
Aber Geringer Geschwätz führen die Winde dahin.
(Falbe nach Theogins.)
1. Der Sohn des Hauses.
Geheimnißvoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer
des friedlichen Busens, in welchen das Flüßchen J a h d e , vorüber rinnend
an den einzelnen Häusern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der
Jahdekirche, sich geräuschlos einsenkt, um dann als breite Stromfläche aus
dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem
Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergießen. Nur
wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit
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Kaufmannsgütern befrachtet, oder auf Einschiffung solcher harrend; es sind
Schmakschiffe, die mit vierzig bis fünfzig Lasten die Erzeugnisse des
Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäfen zuführen, und
außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des
nächstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das
Land eingebettet, mehr einem großen Binnensee ähnlich, als einem
eigentlichen Meerbusen, vor Stürmen geschützt, wie vor heftiger Brandung
selbst bei höchster Fluth, ruht dieses Gewässer, und dabei befahrbar von
den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle
trefflichen Ankergrund darbietend.
Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich hoffnung-
und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher Vaterlandsfreunde richten;
auf dem die schwarz-weiße Flagge Preußens von stolzen Kriegsschiffen, die
hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem Winkel zwischen Land und
Meer dereinst vielleicht eine hohe geschichtliche Bedeutung verleihen wird.
Sechs Jahrzehnte zurück! Eine dunkle Frühlingsnacht und dichter
Märznebel schleiern all’ die Wellen und Wogen, die Geesten und Sielen ein;
kaum erreicht die dämmernde Helle der in den Häusern des Dorfes Jahde
brennenden Lichter den Deichdamm, der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber
das erstorbene flüsternde Schilf und Riethgras des vorigen Jahres in den mit
zahlreichen Wassergräben durchzogenen Sumpfstrecken um die Dörfchen
Jurgengrave und Moorhusen tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das
Städtchen Va r e l mit seinem stattlichen Herrenschloß und seiner
ummauerten Kirche; dunkel ragen durch den Nebel die Werke des Forts
C h r i s t i a n s b u r g und zwischen diesem und dem Ort spreitzen sich wie
ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei Windmühlen von bedeutender Größe.
Aber die gewaltigen Flügel rasten und ruhen wie eingeschlafen; Stille
schwebt über den Wassern, Stille weht mit Geisterhauchen über das trostlos
flache Gefilde. Nur ein ferner Ruderschlag plätschert noch, dem Ufer näher
kommend, durch das tiefe Schweigen.
An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjüngte
Leben der Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt
ein noch junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeschoß
wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen
Hühnerhunde, durch den Vareler Busch dem Städtchen zu. Der Jüngling
mochte das neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben; der
Schmakschiffe, die mit vierzig bis fünfzig Lasten die Erzeugnisse des
Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäfen zuführen, und
außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des
nächstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das
Land eingebettet, mehr einem großen Binnensee ähnlich, als einem
eigentlichen Meerbusen, vor Stürmen geschützt, wie vor heftiger Brandung
selbst bei höchster Fluth, ruht dieses Gewässer, und dabei befahrbar von
den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle
trefflichen Ankergrund darbietend.
Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich hoffnung-
und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher Vaterlandsfreunde richten;
auf dem die schwarz-weiße Flagge Preußens von stolzen Kriegsschiffen, die
hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem Winkel zwischen Land und
Meer dereinst vielleicht eine hohe geschichtliche Bedeutung verleihen wird.
Sechs Jahrzehnte zurück! Eine dunkle Frühlingsnacht und dichter
Märznebel schleiern all’ die Wellen und Wogen, die Geesten und Sielen ein;
kaum erreicht die dämmernde Helle der in den Häusern des Dorfes Jahde
brennenden Lichter den Deichdamm, der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber
das erstorbene flüsternde Schilf und Riethgras des vorigen Jahres in den mit
zahlreichen Wassergräben durchzogenen Sumpfstrecken um die Dörfchen
Jurgengrave und Moorhusen tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das
Städtchen Va r e l mit seinem stattlichen Herrenschloß und seiner
ummauerten Kirche; dunkel ragen durch den Nebel die Werke des Forts
C h r i s t i a n s b u r g und zwischen diesem und dem Ort spreitzen sich wie
ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei Windmühlen von bedeutender Größe.
Aber die gewaltigen Flügel rasten und ruhen wie eingeschlafen; Stille
schwebt über den Wassern, Stille weht mit Geisterhauchen über das trostlos
flache Gefilde. Nur ein ferner Ruderschlag plätschert noch, dem Ufer näher
kommend, durch das tiefe Schweigen.
An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjüngte
Leben der Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt
ein noch junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeschoß
wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen
Hühnerhunde, durch den Vareler Busch dem Städtchen zu. Der Jüngling
mochte das neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben; der
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Diener war nur einige Jahre älter und ein Sohn des Ortes, eine kräftige
friesische Gestalt, mehr stämmig als schlank, von munterem Blick und
einem Ausdruck von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere
Schnepfenarten, Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam
voranschreitender Gebieter war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch
größeren Wuchs verhieß. Die Gedanken des Jünglings schweiften zur
Ferne, aber nach einer unbestimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge
Brust voll Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich’s geheimnißvoll
regte im mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und
unaufhaltsam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte – wie jene Vögel,
von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwärts
strichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene Kranichzüge,
die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und Himmelsziegen, deren
gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer schrecken – und die alle nur
dem einen unumstößlichen Naturgesetze gehorsamten – so zog es auch den
Jüngling fort aus diesen einförmigen Gefilden, aus einem Kreise
einförmiger Thätigkeiten; er sehnte sich zu lernen, zu leben.
Während der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten
Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse
zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schloßnähe, soweit als möglich, eine
Jacht mit niederländischer Flagge genähert, und mehrere Männer waren im
Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepäck belud, aus dem Schiffe
in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das Land
betreten.
Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so daß der
Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch erschien.
Es war dies eine ungewöhnliche Erscheinung, denn meist stand das Schloß
unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen Kastellans. Das hohe
Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle Herrschaft Varel eigen
war, besaß der Schlösser und Güter viele, und die Glieder dieser berühmten
Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande jenes einigende schönste
Band mangelte, welches Liebe heißt.
Im Schlosse hastete Dienerschaft geschäftig umher. Der Erbherr war
angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es
schien, und nach einer durch Frühlingsstürme widerwärtigen Wasser-Reise.
friesische Gestalt, mehr stämmig als schlank, von munterem Blick und
einem Ausdruck von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere
Schnepfenarten, Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam
voranschreitender Gebieter war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch
größeren Wuchs verhieß. Die Gedanken des Jünglings schweiften zur
Ferne, aber nach einer unbestimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge
Brust voll Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich’s geheimnißvoll
regte im mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und
unaufhaltsam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte – wie jene Vögel,
von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwärts
strichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene Kranichzüge,
die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und Himmelsziegen, deren
gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer schrecken – und die alle nur
dem einen unumstößlichen Naturgesetze gehorsamten – so zog es auch den
Jüngling fort aus diesen einförmigen Gefilden, aus einem Kreise
einförmiger Thätigkeiten; er sehnte sich zu lernen, zu leben.
Während der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten
Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse
zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schloßnähe, soweit als möglich, eine
Jacht mit niederländischer Flagge genähert, und mehrere Männer waren im
Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepäck belud, aus dem Schiffe
in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das Land
betreten.
Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so daß der
Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch erschien.
Es war dies eine ungewöhnliche Erscheinung, denn meist stand das Schloß
unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen Kastellans. Das hohe
Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle Herrschaft Varel eigen
war, besaß der Schlösser und Güter viele, und die Glieder dieser berühmten
Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande jenes einigende schönste
Band mangelte, welches Liebe heißt.
Im Schlosse hastete Dienerschaft geschäftig umher. Der Erbherr war
angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es
schien, und nach einer durch Frühlingsstürme widerwärtigen Wasser-Reise.
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Sein fester Sporntritt erschütterte Fußboden und Fenster des Zimmers, in
welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst
zweiunddreißig Jahre zählend, aber sein Gesicht zeigte männliche Reife,
sein Bart und seine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges
erkennen.
An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten,
saßen zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die
einem Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe
und Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich
Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweißen
Seidenschnüren große Kapseln, und die Farben dieser Schnüre ließen
erkennen, daß es Lehenbriefe römischer Kaiser einestheils, anderntheils der
Könige Dänemarks seien, und daß jene Kapseln die Siegel umschlossen,
welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre volle Gültigkeit
gaben.
Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister
Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe!
Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch
die Zähne: Hat es sehr eilig, das ancien régime! – Dann sagte er laut:
Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein wenig Akt von dem, was der
Großbotschafter der chère grand Mère auszurichten und vorzubringen hat,
und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine Schreiberei
vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern Angelegenheiten darf
kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen. Es ist die höchste Zeit für
uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuse aus unsern Herrschaften davon
ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama anzunehmen und zu
sammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen.
Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des
Gebieters kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der
Diener öffnete dem Haushofmeister der alten Gräfin die Zimmerthüre. Der
Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Gruße ein; ein Mann von mittler
Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von Gesichtsfarbe blaß
und angegriffen aussehend, und äußerst fein gekleidet. Der Graf erwiederte
die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners nur mit einer leichten
welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst
zweiunddreißig Jahre zählend, aber sein Gesicht zeigte männliche Reife,
sein Bart und seine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges
erkennen.
An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten,
saßen zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die
einem Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe
und Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich
Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweißen
Seidenschnüren große Kapseln, und die Farben dieser Schnüre ließen
erkennen, daß es Lehenbriefe römischer Kaiser einestheils, anderntheils der
Könige Dänemarks seien, und daß jene Kapseln die Siegel umschlossen,
welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre volle Gültigkeit
gaben.
Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister
Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe!
Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch
die Zähne: Hat es sehr eilig, das ancien régime! – Dann sagte er laut:
Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein wenig Akt von dem, was der
Großbotschafter der chère grand Mère auszurichten und vorzubringen hat,
und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine Schreiberei
vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern Angelegenheiten darf
kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen. Es ist die höchste Zeit für
uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuse aus unsern Herrschaften davon
ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama anzunehmen und zu
sammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen.
Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des
Gebieters kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der
Diener öffnete dem Haushofmeister der alten Gräfin die Zimmerthüre. Der
Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Gruße ein; ein Mann von mittler
Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von Gesichtsfarbe blaß
und angegriffen aussehend, und äußerst fein gekleidet. Der Graf erwiederte
die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners nur mit einer leichten
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Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am Tische, welche bei seinem
Eintritt aufgestanden waren, grüßten ebenfalls ziemlich flüchtig, und
warfen stechende, lauernde Blicke auf den Haushofmeister.
Nun – Herr Windt – guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter
das Wort.
Zuvörderst, Excellenz! unterthänigsten Willkommengruß im edlen
Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und
gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in
gebückter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre Excellenz,
die verwittwete Frau Reichsgräfin lassen Höchstihnen durch mich
Hochdero Freude ausdrücken und Dank sagen, daß Excellenz auf
Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun
Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persönliche
Begegnen sich friedlich lösen und einen lassen.
Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft’ ich es auch,
müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten!
Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben
gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigst vorzutragen, oder befehlen Sie
eine andere Stunde?
Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte
der Graf im vornehm spöttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein, Sie
tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit Zuversicht, Sie
werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch dauert es
hoffentlich nicht allzulange?
Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich
gönne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir uns
alle, meine Herren; als gesetzte Männer werden wir ohne Zweifel den
Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes
und Factotums unserer geliebtesten Frau Großmutter um so standhafter
anhören. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und eröffnen wir
somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden vielen
Sitzungen.
Eintritt aufgestanden waren, grüßten ebenfalls ziemlich flüchtig, und
warfen stechende, lauernde Blicke auf den Haushofmeister.
Nun – Herr Windt – guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter
das Wort.
Zuvörderst, Excellenz! unterthänigsten Willkommengruß im edlen
Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und
gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in
gebückter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre Excellenz,
die verwittwete Frau Reichsgräfin lassen Höchstihnen durch mich
Hochdero Freude ausdrücken und Dank sagen, daß Excellenz auf
Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun
Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persönliche
Begegnen sich friedlich lösen und einen lassen.
Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft’ ich es auch,
müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten!
Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben
gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigst vorzutragen, oder befehlen Sie
eine andere Stunde?
Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte
der Graf im vornehm spöttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein, Sie
tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit Zuversicht, Sie
werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch dauert es
hoffentlich nicht allzulange?
Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich
gönne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir uns
alle, meine Herren; als gesetzte Männer werden wir ohne Zweifel den
Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes
und Factotums unserer geliebtesten Frau Großmutter um so standhafter
anhören. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und eröffnen wir
somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden vielen
Sitzungen.
Page 10
Der Haushofmeister achtete nicht auf den spöttischen stichelnden Ton
des jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefühl
im Benehmen gegen ältere Personen zu und dem Verdruß, durch ihn im
Auftrag seiner Gebieterin hierher bemüht worden zu sein, gerade zu einer
Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als persönlicher
Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen Sohnes, des
Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der Niederlande
gegen Frankreich beschäftigt war, anderseits die politischen Ereignisse in
Frankreich fast alle andern und selbst persönliche Angelegenheiten
einzelner Familien zurückdrängten und in Schatten treten ließen.
Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt,
und richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu
bemerken schien, daß er außer diesem noch zwei andere Zuhörer hatte:
Excellenz! Hochgnädigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der
Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen habsüchtige Anschläge
gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgeführt worden, so daß
es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich der
vielfache Verlust sein muß, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten. Einer
fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein halbes
Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und
Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im
neunundsiebenzigsten Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte,
welches diese traurige Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle
Seele hatte und stets haben muß, ebenso wenig vergessen gemacht werden,
als der wirklich erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist.
Erlauben Sie mir, Herr Windt – unterbrach der Graf: nur die eine
Anmerkung, daß in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Großmutter
das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre besser! Eben diese mütterliche
gefühlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte,
drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor denen
man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen, oft an
unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche
Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die
maaßlosen Täuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel – das ist’s,
das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein Zeuge, daß
ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein Bruder Johann
des jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefühl
im Benehmen gegen ältere Personen zu und dem Verdruß, durch ihn im
Auftrag seiner Gebieterin hierher bemüht worden zu sein, gerade zu einer
Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als persönlicher
Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen Sohnes, des
Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der Niederlande
gegen Frankreich beschäftigt war, anderseits die politischen Ereignisse in
Frankreich fast alle andern und selbst persönliche Angelegenheiten
einzelner Familien zurückdrängten und in Schatten treten ließen.
Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt,
und richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu
bemerken schien, daß er außer diesem noch zwei andere Zuhörer hatte:
Excellenz! Hochgnädigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der
Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen habsüchtige Anschläge
gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgeführt worden, so daß
es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich der
vielfache Verlust sein muß, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten. Einer
fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein halbes
Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und
Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im
neunundsiebenzigsten Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte,
welches diese traurige Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle
Seele hatte und stets haben muß, ebenso wenig vergessen gemacht werden,
als der wirklich erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist.
Erlauben Sie mir, Herr Windt – unterbrach der Graf: nur die eine
Anmerkung, daß in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Großmutter
das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre besser! Eben diese mütterliche
gefühlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte,
drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor denen
man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen, oft an
unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche
Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die
maaßlosen Täuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel – das ist’s,
das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein Zeuge, daß
ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein Bruder Johann
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Carl gern bereit sind, selbst mit Opfern i h r , die mit einem Fuß im Grabe
steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu gewinnen.
Der Graf sprach diese Worte mit ernster Männlichkeit, keine Spur mehr
in seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweise,
und sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden.
Dieser fuhr weich und mit Wärme fort: Wonnereich wird es für meine
angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verkünde, daß sie den Gedanken jetzt
billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer
werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es werde
endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatürlichen Rechtsstreit
ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch sie auf jede
Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften, unbeschreiblichen und
zahllosen Kränkungen großmüthigst zu vergessen, ihren Herren Enkeln ihre
ganze großmütterliche Liebe zu schenken, allen den beträchtlichen
Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, besonders in Bezug auf die
Anspruchsklage wegen der alleräußersten Beeinträchtigung zu entsagen,
jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding und nicht ohne denselben, daß
die hochgnädigen Herren Enkel auch ihrerseits billigere und den
Verhältnissen angemessene Gesinnungen gegenwärtig dadurch bethätigen,
daß sie ohne alle bisherige – in den vieljährigen Processen bis zum
Ueberfluß angewandten Ränke und Rechtsverdrehungen – die Forderungen
Ihrer Excellenz, anstatt der mit vollem Recht anzusetzenden, in das
Unermeßliche sich belaufenden, ganz unableugbaren Schäden und Kosten –
auf Treue und Glauben als richtig anerkennen, und wo nicht bei Heller und
Pfennig vergüten, dennoch eine annehmliche, beträchtliche
Abfindungssumme dafür bieten.
So! – warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte
wieder aus seinen Augen. Die Frau Großmama sind in der That gut berathen
und wahrhaft eine »weise Frau«. Wenn wir also thun, was sie wünscht und
befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein – wie aber dann,
Herr Windt, wenn wir das n i c h t thun an unserer theuersten Großmama?
Wenn i c h mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede gestatten darf
– nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit
einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne Farbe,
von stocksteifer Haltung und dabei spindeldürr: so dürften wohl um Wege
steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu gewinnen.
Der Graf sprach diese Worte mit ernster Männlichkeit, keine Spur mehr
in seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweise,
und sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden.
Dieser fuhr weich und mit Wärme fort: Wonnereich wird es für meine
angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verkünde, daß sie den Gedanken jetzt
billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer
werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es werde
endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatürlichen Rechtsstreit
ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch sie auf jede
Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften, unbeschreiblichen und
zahllosen Kränkungen großmüthigst zu vergessen, ihren Herren Enkeln ihre
ganze großmütterliche Liebe zu schenken, allen den beträchtlichen
Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, besonders in Bezug auf die
Anspruchsklage wegen der alleräußersten Beeinträchtigung zu entsagen,
jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding und nicht ohne denselben, daß
die hochgnädigen Herren Enkel auch ihrerseits billigere und den
Verhältnissen angemessene Gesinnungen gegenwärtig dadurch bethätigen,
daß sie ohne alle bisherige – in den vieljährigen Processen bis zum
Ueberfluß angewandten Ränke und Rechtsverdrehungen – die Forderungen
Ihrer Excellenz, anstatt der mit vollem Recht anzusetzenden, in das
Unermeßliche sich belaufenden, ganz unableugbaren Schäden und Kosten –
auf Treue und Glauben als richtig anerkennen, und wo nicht bei Heller und
Pfennig vergüten, dennoch eine annehmliche, beträchtliche
Abfindungssumme dafür bieten.
So! – warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte
wieder aus seinen Augen. Die Frau Großmama sind in der That gut berathen
und wahrhaft eine »weise Frau«. Wenn wir also thun, was sie wünscht und
befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein – wie aber dann,
Herr Windt, wenn wir das n i c h t thun an unserer theuersten Großmama?
Wenn i c h mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede gestatten darf
– nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit
einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne Farbe,
von stocksteifer Haltung und dabei spindeldürr: so dürften wohl um Wege
Page 12
des Friedens anzubahnen und der künftigen hocherwünschten Einigung
fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelblätter der Friedenstaube, welche der
Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben – nicht in
ätzendes Gift getaucht sein, und ihre grünen Zungen nicht zu spitzigen
Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Ränke und
Rechtsverdrehungen mit gebührendem Protest zurückweisen.
Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! versetzte der Graf; doch
mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen. Wir kennen unsere
hochgnädige, oft sehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut; wir wissen,
daß sie zwar sorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die Worte gegen ihre
nächsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist nicht Kriegsbrauch,
einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für das zu bestrafen, was
sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren Sie fort, Herr Windt: Sie
haben immer noch eine halbe Viertelstunde.
Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, – nahm er wieder das
Wort: wenn ich auch voraussehe, daß ich nicht im Stande sein werde, in
dieser kargen Frist zu Herzen Dringendes und völlig Ueberzeugendes
auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu
bitten mich erkühne, o h n e fremde Unterbrechung vorerst Folgendes
anführen. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als
Grundlage der späteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt sich in
dreizehn Punkten zusammen fassen.
Dreizehn? wiederholte der Graf spöttisch betonend: das ist eine sehr
mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch lassen Sie hören!
Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche
dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geschlossenen
Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath
siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine,
der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur
durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen
persönlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben.
Das Diplomatengesicht des Hofrath Brünings schien sich bei diesen
Worten in etwas zu verlängern, und seine Nase noch um ein merkliches
spitziger zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann
fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelblätter der Friedenstaube, welche der
Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben – nicht in
ätzendes Gift getaucht sein, und ihre grünen Zungen nicht zu spitzigen
Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Ränke und
Rechtsverdrehungen mit gebührendem Protest zurückweisen.
Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! versetzte der Graf; doch
mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen. Wir kennen unsere
hochgnädige, oft sehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut; wir wissen,
daß sie zwar sorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die Worte gegen ihre
nächsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist nicht Kriegsbrauch,
einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für das zu bestrafen, was
sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren Sie fort, Herr Windt: Sie
haben immer noch eine halbe Viertelstunde.
Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, – nahm er wieder das
Wort: wenn ich auch voraussehe, daß ich nicht im Stande sein werde, in
dieser kargen Frist zu Herzen Dringendes und völlig Ueberzeugendes
auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu
bitten mich erkühne, o h n e fremde Unterbrechung vorerst Folgendes
anführen. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als
Grundlage der späteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt sich in
dreizehn Punkten zusammen fassen.
Dreizehn? wiederholte der Graf spöttisch betonend: das ist eine sehr
mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch lassen Sie hören!
Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche
dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geschlossenen
Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath
siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine,
der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur
durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen
persönlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben.
Das Diplomatengesicht des Hofrath Brünings schien sich bei diesen
Worten in etwas zu verlängern, und seine Nase noch um ein merkliches
spitziger zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann
Page 13
sich unter Kopfschütteln zu räuspern und stampfte unwillig seine Feder auf.
Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt
meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anspruch, e r s t e n s das halb
ihrer hochfürstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de Moore
zu Amsterdam vermachte Kapital; z w e i t e n s den vollständigen Ertrag der
Güter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer Entsetzung von
denselben durch ungerechten Richterspruch und durch Gewalt, nebst
vollständiger Rechnungsablage; d r i t t e n s die Kammerzahlungen von den
Vareler Einkünften seit siebzehnhundert und siebenundvierzig, welche die
Dänen gewaltsam in Besitz genommen haben, auf w e s s e n Betrieb,
wissen Euere Excellenz am besten; v i e r t e n s die receßmäßige
Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau Reichsgräfin
Excellenz Ansprüche der Schadloshaltung zustehen, und von denen sie als
rechtmäßige Erbin, Eigenthümerin und Besitzerin durch das auf Schikane
begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden ist; ein Urtheil,
das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des entschiedensten
Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts zerfallen muß, weil bei
demselben die Frau Gräfin gar nicht gehört worden sind, und der
Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen geworfen wurde.
Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der
Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau Großmutter
haben das Wort.
F ü n f t e n s – fuhr Windt mit unerschütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre
Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend
Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen für ihre von dem hochseligen Herrn
Grafen versetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender,
edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen,
und nicht der erlauchten Frau Großmutter ferner ansinnen, aus ihrem
Kammervermögen auch noch fernerhin die für diese Schuldsummen
auflaufenden Zinsen zu bezahlen. S e c h s t e n s haben der Frau Gräfin
Wittwe Excellenz für die Summe von sechstausend fünfhundert Thaler von
ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum
wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbesserungen
verwendet, sonst wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden, sondern
wäre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche im Jahre
fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen in seinen
Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt
meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anspruch, e r s t e n s das halb
ihrer hochfürstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de Moore
zu Amsterdam vermachte Kapital; z w e i t e n s den vollständigen Ertrag der
Güter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer Entsetzung von
denselben durch ungerechten Richterspruch und durch Gewalt, nebst
vollständiger Rechnungsablage; d r i t t e n s die Kammerzahlungen von den
Vareler Einkünften seit siebzehnhundert und siebenundvierzig, welche die
Dänen gewaltsam in Besitz genommen haben, auf w e s s e n Betrieb,
wissen Euere Excellenz am besten; v i e r t e n s die receßmäßige
Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau Reichsgräfin
Excellenz Ansprüche der Schadloshaltung zustehen, und von denen sie als
rechtmäßige Erbin, Eigenthümerin und Besitzerin durch das auf Schikane
begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden ist; ein Urtheil,
das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des entschiedensten
Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts zerfallen muß, weil bei
demselben die Frau Gräfin gar nicht gehört worden sind, und der
Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen geworfen wurde.
Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der
Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau Großmutter
haben das Wort.
F ü n f t e n s – fuhr Windt mit unerschütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre
Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend
Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen für ihre von dem hochseligen Herrn
Grafen versetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender,
edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen,
und nicht der erlauchten Frau Großmutter ferner ansinnen, aus ihrem
Kammervermögen auch noch fernerhin die für diese Schuldsummen
auflaufenden Zinsen zu bezahlen. S e c h s t e n s haben der Frau Gräfin
Wittwe Excellenz für die Summe von sechstausend fünfhundert Thaler von
ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum
wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbesserungen
verwendet, sonst wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden, sondern
wäre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche im Jahre
fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen in seinen
Page 14
Schoos aufnahm. S i e b e n t e n s begehrt meine hochgnädige Herrin die
endliche Rückerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen Gütern
in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even;
a c h t e n s die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber
stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert
vierundfünfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbuße ist eine
schreckliche arithmetische Wahrheit. N e u n t e n s Erstattung aller bisher
aufgewendeten Proceßkosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen Ueberfall
geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu beklagen
sind. Z e h n t e n s haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem hochseligen
Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mütterliche Schenkungen von
achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten Hochdiese nicht ein
Recht beanspruchen dürfen, von so überreichlich begabten Enkeln die
Berücksichtigung billiger Wünsche zu erwarten? E i l f t e n s haben die Frau
Gräfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf Ersatz der höchst
bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf die Herrschaften,
Schlösser und Kammergüter verwendet worden sind. Dennoch will
Hochdieselbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur die unbedeutende
Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei zu Kniphausen
in Anspruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänig z w ö l f t e n s den
Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der hochselige Herr
Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen und zu
selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen
lassen. Endlich d r e i z e h n t e n s : wird die billige Denkungsart geliebtester
Enkel – gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile, welche diese
dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so eben erwähnten
Ansprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren wird – in der
Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, außer der Befriedigung
der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einsprüche auf letztwillige
Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu verzichten, auch alle
Vermächtnisse und Schenkungen – wie sie immer heißen mögen, und wie
die Hochgenannte über das, was ihr von dem Ihrigen verbleibt, verfügen
möge – unverbrüchlich zu halten und feierlichst und verbindlichst allen und
jeden Ansprüchen und Einsprüchen entsagen, ebenso der überlebenden
Dienerschaft nebst standesmäßigem Trauergeld ihre Jahresgehalte
fortzahlen. – Herr Graf, ich bin zu Ende.
endliche Rückerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen Gütern
in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even;
a c h t e n s die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber
stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert
vierundfünfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbuße ist eine
schreckliche arithmetische Wahrheit. N e u n t e n s Erstattung aller bisher
aufgewendeten Proceßkosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen Ueberfall
geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu beklagen
sind. Z e h n t e n s haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem hochseligen
Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mütterliche Schenkungen von
achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten Hochdiese nicht ein
Recht beanspruchen dürfen, von so überreichlich begabten Enkeln die
Berücksichtigung billiger Wünsche zu erwarten? E i l f t e n s haben die Frau
Gräfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf Ersatz der höchst
bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf die Herrschaften,
Schlösser und Kammergüter verwendet worden sind. Dennoch will
Hochdieselbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur die unbedeutende
Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei zu Kniphausen
in Anspruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänig z w ö l f t e n s den
Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der hochselige Herr
Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen und zu
selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen
lassen. Endlich d r e i z e h n t e n s : wird die billige Denkungsart geliebtester
Enkel – gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile, welche diese
dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so eben erwähnten
Ansprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren wird – in der
Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, außer der Befriedigung
der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einsprüche auf letztwillige
Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu verzichten, auch alle
Vermächtnisse und Schenkungen – wie sie immer heißen mögen, und wie
die Hochgenannte über das, was ihr von dem Ihrigen verbleibt, verfügen
möge – unverbrüchlich zu halten und feierlichst und verbindlichst allen und
jeden Ansprüchen und Einsprüchen entsagen, ebenso der überlebenden
Dienerschaft nebst standesmäßigem Trauergeld ihre Jahresgehalte
fortzahlen. – Herr Graf, ich bin zu Ende.
Page 15
Tandem tandemque! rief Hofrath Brünings und Secretär Wippermann
legte, tief Odem schöpfend, seine Feder aus der Hand.
Der Graf lächelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß
Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis zu
den Füßen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem
Marsyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich bitten,
mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch den
Kammerrath Melchers herauf bitten lassen.
Soeben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erbherrn,
Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer
Excellenz aufwarten zu dürfen.
Ach – das Großmuttersöhnchen! Mag kommen! – erwiederte der Graf,
mehr mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge
Jägersmann, der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach
dem Schlosse im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit
rascher, edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu,
und sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen
zugleich, Vetter Wilhelm! Die Großmama freut sich, gleich mir, wenn du
wohl bist.
Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle
Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge zu
haben schien, und die fast widerstrebend zurückgezogene Hand des Grafen
zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja nicht allein,
mein ungestümer Vetter!
Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte
sich grüßend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das
Zimmer zu verlassen.
Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf
Brünings und Wippermann sich in das anstoßende Zimmer zurückzogen,
Windt aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll
Theilnahme und Besorgniß auf den Jüngling fallen zu lassen.
Die beiden Söhne des hohen Hauses standen einander allein gegenüber.
legte, tief Odem schöpfend, seine Feder aus der Hand.
Der Graf lächelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß
Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis zu
den Füßen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem
Marsyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich bitten,
mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch den
Kammerrath Melchers herauf bitten lassen.
Soeben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erbherrn,
Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer
Excellenz aufwarten zu dürfen.
Ach – das Großmuttersöhnchen! Mag kommen! – erwiederte der Graf,
mehr mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge
Jägersmann, der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach
dem Schlosse im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit
rascher, edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu,
und sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen
zugleich, Vetter Wilhelm! Die Großmama freut sich, gleich mir, wenn du
wohl bist.
Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle
Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge zu
haben schien, und die fast widerstrebend zurückgezogene Hand des Grafen
zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja nicht allein,
mein ungestümer Vetter!
Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte
sich grüßend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das
Zimmer zu verlassen.
Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf
Brünings und Wippermann sich in das anstoßende Zimmer zurückzogen,
Windt aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll
Theilnahme und Besorgniß auf den Jüngling fallen zu lassen.
Die beiden Söhne des hohen Hauses standen einander allein gegenüber.
Page 16
Was fehlt dir, Vetter? du bist nicht wie sonst? fragte Ludwig mit der
biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch
wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und
erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht hast; ja, ich bin mißmuthig und
unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen übervolle Ursache. Von
meiner Laufbahn und meiner Thätigkeit werde ich hierher gezerrt, muß
widrige Kämpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier – wiederum noch
widrigere Kämpfe mit Wellen und W i n d t . Die Großmutter wälzt ganze
Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an
Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der äußersten
Rechtsverletzungen kein Ende. Wär’ ich doch beim Erbstatthalter
geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft
klägliche Rolle!
Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der
junge Herr.
So? du glaubst es nicht! So l ü g e ich wohl! fuhr der Erbherr wild und
zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute steigerte,
je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin
vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu
machen drohte.
Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem
Odem angesonnen wird, so könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen
Kindern, so könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den
Seinen zum Bettelstabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe
dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Großmutter und ihr
Pathchen, ihr Schoos- und Hätschelkindchen, du! Und das scheint der
überlangen Rede kurzer Sinn, daß w i r gehen sollen!
Dem Jüngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und
heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches
denken und sagen?
Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht?
Werdet i h r mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich lasse
mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte – du? Wer
bist denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das bist du! Ihre
biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch
wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und
erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht hast; ja, ich bin mißmuthig und
unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen übervolle Ursache. Von
meiner Laufbahn und meiner Thätigkeit werde ich hierher gezerrt, muß
widrige Kämpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier – wiederum noch
widrigere Kämpfe mit Wellen und W i n d t . Die Großmutter wälzt ganze
Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an
Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der äußersten
Rechtsverletzungen kein Ende. Wär’ ich doch beim Erbstatthalter
geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft
klägliche Rolle!
Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der
junge Herr.
So? du glaubst es nicht! So l ü g e ich wohl! fuhr der Erbherr wild und
zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute steigerte,
je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin
vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu
machen drohte.
Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem
Odem angesonnen wird, so könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen
Kindern, so könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den
Seinen zum Bettelstabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe
dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Großmutter und ihr
Pathchen, ihr Schoos- und Hätschelkindchen, du! Und das scheint der
überlangen Rede kurzer Sinn, daß w i r gehen sollen!
Dem Jüngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und
heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches
denken und sagen?
Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht?
Werdet i h r mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich lasse
mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte – du? Wer
bist denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das bist du! Ihre
Page 17
Puppe, ihr Spielzeug warst du als Kind, jetzt bist du ihr Münz-
Katalogschreiber, ihr Münzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du leimst
und kleisterst ihr die Pappkästchen zusammen, in der sie den alten Kram
einlegt, der oft so schmutzig ist, daß ich ihn nicht mit Fingern anfassen
möchte; kurz, du bist des Herrn Windt würdiger Schüler, der Großmama
würdiger Zögling und Günstling! Für dich und nur für dich sinnt sie täglich
und stündlich darauf, meinen Bruder und mich zu berauben!
Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich so
beschimpfst und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem
Herzen zu dir komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das ist schlecht
von dir, das ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann;
höchstens ein flämischer Bauer!
Was? Mir das! Mir – dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie
Graf Wilhelm außer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses,
du B a s t a r d !
Daß dich Gottes Donner treffe für dieses Wort! schrie, jetzt auch zur
heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen
flammten wie glühende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich
dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn
ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! – Du sollst nicht gehen, ich gehe
schon – aber dir und all’ deinen Häusern bleibe zum ewigen Fluche ewige
Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses Schimpfwort
auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst, so bin ich einer
von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch herabsteigen in
den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde zeugen in wüster,
wilder Ehe, und sollst verachtet von der Verwandtschaft deines stolzen
Hauses steigende Verarmung gewahren!
Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine – meine Großmutter! – das war
alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, daß Alles
klirrte und schütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen Pistole,
die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch lag; der
Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der
Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die
Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Geräusch durch das Zimmer,
Katalogschreiber, ihr Münzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du leimst
und kleisterst ihr die Pappkästchen zusammen, in der sie den alten Kram
einlegt, der oft so schmutzig ist, daß ich ihn nicht mit Fingern anfassen
möchte; kurz, du bist des Herrn Windt würdiger Schüler, der Großmama
würdiger Zögling und Günstling! Für dich und nur für dich sinnt sie täglich
und stündlich darauf, meinen Bruder und mich zu berauben!
Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich so
beschimpfst und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem
Herzen zu dir komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das ist schlecht
von dir, das ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann;
höchstens ein flämischer Bauer!
Was? Mir das! Mir – dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie
Graf Wilhelm außer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses,
du B a s t a r d !
Daß dich Gottes Donner treffe für dieses Wort! schrie, jetzt auch zur
heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen
flammten wie glühende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich
dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn
ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! – Du sollst nicht gehen, ich gehe
schon – aber dir und all’ deinen Häusern bleibe zum ewigen Fluche ewige
Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses Schimpfwort
auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst, so bin ich einer
von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch herabsteigen in
den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde zeugen in wüster,
wilder Ehe, und sollst verachtet von der Verwandtschaft deines stolzen
Hauses steigende Verarmung gewahren!
Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine – meine Großmutter! – das war
alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, daß Alles
klirrte und schütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen Pistole,
die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch lag; der
Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der
Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die
Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Geräusch durch das Zimmer,
Page 18
wich ein lebensgroßes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen
Thüröffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze
stand in längst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden
Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen,
aber verwitterten Zügen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend
gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den
feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer tiefen,
fast männlichen Stimme das Wort: H a l t ! Gegen den jungen Herrn
gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern Welt
völlig glich: Z u m i r !
Der Erbherr senkte den schon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm,
seiner Hand entsank die Waffe; von Grauen überrieselt, blickte er auf die
Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreßter Livree jeder
in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten.
2. Die alte Reichsgräfin.
Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thüröffnung in
das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle,
trennte die Herrin von ihren Dienern und schloß deren Zeugenschaft bei der
bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I, einen
von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen Tracht der
Kämpfer des dreißigjährigen Krieges.
Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte schützend die Rechte ihres
Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf
den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und mit
Eiseskälte: Wer bist du, Mensch, daß du es wagst, mit Bastarden um dich zu
werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen? Kennst du
d i e s e n , unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater? Auch e r
war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefällt, und sein Blut rinnt in
deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin ich, und wer bist du?
Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen Ursprung weit hinaus in der
Thüröffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze
stand in längst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden
Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen,
aber verwitterten Zügen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend
gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den
feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer tiefen,
fast männlichen Stimme das Wort: H a l t ! Gegen den jungen Herrn
gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern Welt
völlig glich: Z u m i r !
Der Erbherr senkte den schon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm,
seiner Hand entsank die Waffe; von Grauen überrieselt, blickte er auf die
Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreßter Livree jeder
in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten.
2. Die alte Reichsgräfin.
Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thüröffnung in
das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle,
trennte die Herrin von ihren Dienern und schloß deren Zeugenschaft bei der
bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I, einen
von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen Tracht der
Kämpfer des dreißigjährigen Krieges.
Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte schützend die Rechte ihres
Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf
den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und mit
Eiseskälte: Wer bist du, Mensch, daß du es wagst, mit Bastarden um dich zu
werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen? Kennst du
d i e s e n , unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater? Auch e r
war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefällt, und sein Blut rinnt in
deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin ich, und wer bist du?
Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen Ursprung weit hinaus in der
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Zeiten Frühe leitet, das den Ländern Dänemark, Schweden und Norwegen
seine Könige, Schleswig, Holstein und Oldenburg seine Herzoge gab und
dem Czaarenreiche Rußland seine Kaiser! Meine Großmutter brachte
unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine Mutter eine Landgrafenkrone.
Ich bin ein Abkömmling von Helden, welche die Geschichte mit dem
Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat; ich stamme väterlicher
Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp von Poitou ist mein
Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprüche auf den Thron von Neapel
und meine nächsten Verwandten sind Prinzen von Tarent. Von
urgroßmütterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die hohen
Ahnen der Sachsenfürsten aus thüringischem Stamme und der Kurfürsten
und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, i c h war die
verblendete Thörin, die all’ diesen Glanz und Hoheit hingab an einen Mann,
der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen – Jäger aus
Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum
deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst würde ich ihm meine Hand
sicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem
Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thörin ich, die ich
glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief, es
schlage in deiner Brust ein versöhnliches und dankbares Herz, das nur
irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein, du hast
ein böses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst reizest du den
harmlosen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge ist, weil du
glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden – durch giftige Stachelreden, und
dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan, morde ihn, morde
auch mich, deine Großmutter, und schaue dann vom Vareler Rabenstein
herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe der Grafen von
Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt!
Diese Rede der alten Herrin war lang genug, daß während ihrer Dauer die
stürmischen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwig’s sich legen
konnten, und sein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung
wich dem Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die
Erretterin seines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelm’s Herz aber fielen
die Worte der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die
dröhnenden Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte
glühende, funkensprühende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und
seine Könige, Schleswig, Holstein und Oldenburg seine Herzoge gab und
dem Czaarenreiche Rußland seine Kaiser! Meine Großmutter brachte
unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine Mutter eine Landgrafenkrone.
Ich bin ein Abkömmling von Helden, welche die Geschichte mit dem
Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat; ich stamme väterlicher
Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp von Poitou ist mein
Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprüche auf den Thron von Neapel
und meine nächsten Verwandten sind Prinzen von Tarent. Von
urgroßmütterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die hohen
Ahnen der Sachsenfürsten aus thüringischem Stamme und der Kurfürsten
und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, i c h war die
verblendete Thörin, die all’ diesen Glanz und Hoheit hingab an einen Mann,
der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen – Jäger aus
Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum
deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst würde ich ihm meine Hand
sicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem
Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thörin ich, die ich
glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief, es
schlage in deiner Brust ein versöhnliches und dankbares Herz, das nur
irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein, du hast
ein böses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst reizest du den
harmlosen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge ist, weil du
glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden – durch giftige Stachelreden, und
dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan, morde ihn, morde
auch mich, deine Großmutter, und schaue dann vom Vareler Rabenstein
herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe der Grafen von
Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt!
Diese Rede der alten Herrin war lang genug, daß während ihrer Dauer die
stürmischen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwig’s sich legen
konnten, und sein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung
wich dem Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die
Erretterin seines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelm’s Herz aber fielen
die Worte der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die
dröhnenden Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte
glühende, funkensprühende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und
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glühte in ihm; seinen Augen entsprühten die Funken, sein Herz hallte das
Klopfen der Hammerschläge nach, und dennoch fand er kein Wort
zornvoller Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn
einredete, war eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter
seines Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des stürmischen Kampfes in
seinem empfindlichen und höchst reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch
nach Fassung, und sprach: Also das sind die Friedenspräliminarien, Frau
Großmama? Das ist Ihre versöhnliche Gesinnung, die mit Forderungen an
mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm – wo soll
ich Anker werfen in diesem Sturme?
Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte
Reichsgräfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen
Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du
mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, daß ich nicht beabsichtige,
diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was
habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe
und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire?
Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen!
rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles – ich schwur zu gehen, und ich
gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln lassen, wie
einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht ahnen konnte
ich, so verhaßt zu sein, so sehr verachtet, daß man glaubt, man dürfe mich
wie einen Hund mit Füßen treten. Sie sollen, ja Sie müssen mir das Räthsel
meines Daseins lösen, mir Ihren Segen geben und mich dann ziehen lassen,
wohin Gott mich führt!
Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich
die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was ich
beschließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir schuldest! Vergiß nicht, wer
ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene Würde!
Die alte Reichsgräfin schlug in die Hände, Anton’s I. Bild rollte Raum
gebend zur Seite, und den geliebten Enkel – dessen Hand sie während
dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich
nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte – nachziehend, trat sie durch die
Thüröffnung in einen genügend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und in
Klopfen der Hammerschläge nach, und dennoch fand er kein Wort
zornvoller Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn
einredete, war eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter
seines Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des stürmischen Kampfes in
seinem empfindlichen und höchst reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch
nach Fassung, und sprach: Also das sind die Friedenspräliminarien, Frau
Großmama? Das ist Ihre versöhnliche Gesinnung, die mit Forderungen an
mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm – wo soll
ich Anker werfen in diesem Sturme?
Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte
Reichsgräfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen
Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du
mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, daß ich nicht beabsichtige,
diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was
habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe
und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire?
Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen!
rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles – ich schwur zu gehen, und ich
gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln lassen, wie
einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht ahnen konnte
ich, so verhaßt zu sein, so sehr verachtet, daß man glaubt, man dürfe mich
wie einen Hund mit Füßen treten. Sie sollen, ja Sie müssen mir das Räthsel
meines Daseins lösen, mir Ihren Segen geben und mich dann ziehen lassen,
wohin Gott mich führt!
Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich
die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was ich
beschließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir schuldest! Vergiß nicht, wer
ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene Würde!
Die alte Reichsgräfin schlug in die Hände, Anton’s I. Bild rollte Raum
gebend zur Seite, und den geliebten Enkel – dessen Hand sie während
dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich
nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte – nachziehend, trat sie durch die
Thüröffnung in einen genügend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und in
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ihrem Dienst ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der
Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen.
Alsbald, wie die Thüre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen
hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den längs
mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der Gräfin.
Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein
lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu
unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um
die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir
rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekränktes, liebes Kind!
Damit bot sie dem Jüngling die Hand, er legte stumm die seinige in die
ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern küßte Ludwig die ihm
huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut und
Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und ließ sich dann durch
seinen Diener nach seinen Gemächern vorleuchten. –
Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hände vor das
Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen
Stimmung verharrt. Die so überraschende Erscheinung der Greisin hatte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich nicht,
daß dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und schwerer Reue
ihn belastet haben würde, denn sein Charakter war von Natur weich und
empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet, wohl aber heftig und
rasch auflodernd.
In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen
war, entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings
und der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie
den laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm
Beben vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem
Gebieter beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der
Erbherr vermochte es nicht über sich, nach dem, was ihm gesagt worden
war, vor die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog
aus der Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot
sie dem Gefährten, nahm dann selbst eine Prise, und flüsterte leise zu dem
Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen.
Alsbald, wie die Thüre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen
hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den längs
mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der Gräfin.
Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein
lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu
unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um
die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir
rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekränktes, liebes Kind!
Damit bot sie dem Jüngling die Hand, er legte stumm die seinige in die
ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern küßte Ludwig die ihm
huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut und
Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und ließ sich dann durch
seinen Diener nach seinen Gemächern vorleuchten. –
Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hände vor das
Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen
Stimmung verharrt. Die so überraschende Erscheinung der Greisin hatte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich nicht,
daß dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und schwerer Reue
ihn belastet haben würde, denn sein Charakter war von Natur weich und
empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet, wohl aber heftig und
rasch auflodernd.
In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen
war, entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings
und der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie
den laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm
Beben vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem
Gebieter beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der
Erbherr vermochte es nicht über sich, nach dem, was ihm gesagt worden
war, vor die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog
aus der Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot
sie dem Gefährten, nahm dann selbst eine Prise, und flüsterte leise zu dem
Page 22
Secretär: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird
sich nicht an die Namen von Münster, Ryswik und Hubertusburg anreihen.
Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier
noch kein Friedensschluß zu Stande.
Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinstimmende
Prophezeihung.
Der Erbherr ließ die Herren durch seinen Jäger Jacob ersuchen, ihn zu
entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister
Windt heute ohne ihn zu speisen. –
Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu
seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich
in die Fremde, willst du mit?
Ob ich w i l l , mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich
nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen?
Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht – entgegnete Ludwig. Mein Weg
geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich selbst nicht,
wohin er führt. Du hast hier Aeltern, Angehörige, die siehst du nicht so
bald, vielleicht niemals wieder – ich kehre nie wieder in dieses Land
zurück. Ueberlege dir es wohl.
Junger gnädiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam
ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu Ihnen,
Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürschchen von fünfzehn; jetzt
bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben mich immer gut
behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich aus dem Wasser
gezogen, in das ein Unglück mich geworfen, und mir so mein Bischen
Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will immer Ihr
Diener bleiben. Was hätt’ ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod – nehmen Sie
mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und wenn’s bis an
der Welt Ende ging’.
Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; laß die
Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten wir
von dannen. Dann fare well, Varel!
sich nicht an die Namen von Münster, Ryswik und Hubertusburg anreihen.
Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier
noch kein Friedensschluß zu Stande.
Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinstimmende
Prophezeihung.
Der Erbherr ließ die Herren durch seinen Jäger Jacob ersuchen, ihn zu
entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister
Windt heute ohne ihn zu speisen. –
Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu
seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich
in die Fremde, willst du mit?
Ob ich w i l l , mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich
nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen?
Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht – entgegnete Ludwig. Mein Weg
geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich selbst nicht,
wohin er führt. Du hast hier Aeltern, Angehörige, die siehst du nicht so
bald, vielleicht niemals wieder – ich kehre nie wieder in dieses Land
zurück. Ueberlege dir es wohl.
Junger gnädiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam
ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu Ihnen,
Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürschchen von fünfzehn; jetzt
bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben mich immer gut
behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich aus dem Wasser
gezogen, in das ein Unglück mich geworfen, und mir so mein Bischen
Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will immer Ihr
Diener bleiben. Was hätt’ ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod – nehmen Sie
mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und wenn’s bis an
der Welt Ende ging’.
Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; laß die
Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten wir
von dannen. Dann fare well, Varel!
Page 23
Mit fester Haltung, bittere und zugleich tiefschmerzliche Empfindungen
gewaltsam in sich zurückpressend und in jugendlichen Trotz sich
verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit sich
nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack
packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und wählte unter
zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarsten und schärfsten; für sich
eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das Wappen der
Herzoge von Bouillon zeigte.
Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen
Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im
süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder
ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender Mißton
herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der vielleicht
das Loos über seine ganze Zukunft warf.
Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten
Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe,
eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft der
gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen,
den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern die
ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete dieselben
ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten Briefwechsel, dem
Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch nie die gewünschte
völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen über die
Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen Rechtsstreitigkeiten.
Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre, sie war derselben schon zu
sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche Gemüthsbewegungen auch
jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele war Alles klar, fest,
abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie ihr Sinn, und diese hohe
wichtige Errungenschaft fast völliger Leidenschaftlosigkeit war es eben, die
der alten Frau diese über das gewöhnliche menschliche Ziel
hinausreichende Lebensdauer erhielt und gleichsam sicherte.
Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem
Himmel frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke
hinausgingen, an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und
Schneeglöckchen sich blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten
gewaltsam in sich zurückpressend und in jugendlichen Trotz sich
verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit sich
nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack
packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und wählte unter
zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarsten und schärfsten; für sich
eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das Wappen der
Herzoge von Bouillon zeigte.
Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen
Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im
süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder
ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender Mißton
herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der vielleicht
das Loos über seine ganze Zukunft warf.
Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten
Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe,
eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft der
gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen,
den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern die
ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete dieselben
ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten Briefwechsel, dem
Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch nie die gewünschte
völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen über die
Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen Rechtsstreitigkeiten.
Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre, sie war derselben schon zu
sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche Gemüthsbewegungen auch
jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele war Alles klar, fest,
abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie ihr Sinn, und diese hohe
wichtige Errungenschaft fast völliger Leidenschaftlosigkeit war es eben, die
der alten Frau diese über das gewöhnliche menschliche Ziel
hinausreichende Lebensdauer erhielt und gleichsam sicherte.
Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem
Himmel frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke
hinausgingen, an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und
Schneeglöckchen sich blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten
Page 24
Zweige der Gebüsche erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth
angehaucht, Knospen öffneten sich schon, und melodische
Hainsängerstimmen, die Stimmen von Amseln und Drosseln, durchflöteten
mit schallendem Jubel die weitgedehnte Holzung, welche den Namen des
Vareler Busches führt.
Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug
der Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß,
an welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und
entfernte sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr,
daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine
Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame
weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und ihre
Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin von
den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige Persönlichkeit
zu lenken.
Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen,
Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder
überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da
und dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher,
das ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen
Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten,
sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da
stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag kein
Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein
gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher
stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem
Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das
Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.
Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und
der Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein
schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor
ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art
bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald jenes
Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach Befinden
länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein Genommene gleich
angehaucht, Knospen öffneten sich schon, und melodische
Hainsängerstimmen, die Stimmen von Amseln und Drosseln, durchflöteten
mit schallendem Jubel die weitgedehnte Holzung, welche den Namen des
Vareler Busches führt.
Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug
der Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß,
an welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und
entfernte sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr,
daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine
Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame
weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und ihre
Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin von
den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige Persönlichkeit
zu lenken.
Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen,
Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder
überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da
und dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher,
das ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen
Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten,
sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da
stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag kein
Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein
gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher
stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem
Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das
Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.
Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und
der Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein
schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor
ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art
bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald jenes
Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach Befinden
länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein Genommene gleich
Page 25
wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald nach einem andern zu
greifen.
Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes –
ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von
Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer Bernard-René-
Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den die rebellischen
Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der Bastille nicht die
Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste Haus übergeben –
Entwurf meines Testamentes – Wienerische Appellations-Sache –
Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich dem Großen – von
meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von Devonshire –
von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu
Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der
Großmutter.
Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth,
die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. S i e Großmutter einst –
sprach sie – i c h Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen Schuhen.
Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen
gebundener und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als
die Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff
nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein
Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn
Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese
Blätter hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl
geschlossen.
Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr
fort mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg!
– Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck –
von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern –
von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!
Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog,
entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese
Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen; ihre Blicke
vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des größten
greifen.
Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes –
ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von
Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer Bernard-René-
Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den die rebellischen
Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der Bastille nicht die
Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste Haus übergeben –
Entwurf meines Testamentes – Wienerische Appellations-Sache –
Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich dem Großen – von
meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von Devonshire –
von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu
Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der
Großmutter.
Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth,
die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. S i e Großmutter einst –
sprach sie – i c h Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen Schuhen.
Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen
gebundener und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als
die Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff
nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein
Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn
Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese
Blätter hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl
geschlossen.
Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr
fort mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg!
– Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck –
von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern –
von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!
Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog,
entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese
Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen; ihre Blicke
vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des größten
Page 26
Alterthumsforschers und Münzkenners seiner Zeit, und dieselben übten auf
die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte wieder und
wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl bisweilen
eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich heile.
Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem
Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr Tadel
als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin jedenfalls. Und
wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was kostet sie mich
nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich verantworten kann.
Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das
Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg
gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele
ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu
entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet.
»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? –
Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen
Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger
vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner
Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein so
ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich den
Verfasser nicht kenne.«
So Eckhel – und i c h habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und
ihn nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu
Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen
für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen
schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern,
den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der Platten
eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage
erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine
Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, m e i n Katalog,
das Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie
lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener
Rhadamanth?
die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte wieder und
wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl bisweilen
eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich heile.
Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem
Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr Tadel
als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin jedenfalls. Und
wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was kostet sie mich
nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich verantworten kann.
Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das
Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg
gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele
ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu
entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet.
»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? –
Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen
Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger
vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner
Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein so
ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich den
Verfasser nicht kenne.«
So Eckhel – und i c h habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und
ihn nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu
Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen
für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen
schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern,
den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der Platten
eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage
erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine
Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, m e i n Katalog,
das Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie
lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener
Rhadamanth?
Page 27
»Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine
Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand
macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in
keinem vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das
unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen
einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur ein
Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten durch
viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht e i n Stück
von den bosporischen Königen Ininthimeus, Te i r a n e s ,
T h o t o r s e s – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im
großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in
meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher
Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre
Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu
carta bianca hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von
diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der
Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen
Kenner nicht mißtrauisch machen?«
Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr
Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie
weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet sei das
bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte e i n z i g e Münzen
gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes Leben,
verbunden als commis de marine mit allen Konsuln der Levante – ein
gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und
Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen
Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein
Münzschlüssel. Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen –
und der Schluß?
»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein aufrichtiges
Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des Katalogs wollte
ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu beleidigen. Endlich faßte ich
mich, weil es meine Rechtschaffenheit von mir forderte und es mir zu arg
schien, daß sich schlaue Betrüger länger von der Habe edeldenkender und
für die Literatur eingenommener Personen nähren sollten. – Abbe
Eckhel.«[1]
Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand
macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in
keinem vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das
unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen
einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur ein
Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten durch
viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht e i n Stück
von den bosporischen Königen Ininthimeus, Te i r a n e s ,
T h o t o r s e s – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im
großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in
meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher
Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre
Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu
carta bianca hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von
diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der
Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen
Kenner nicht mißtrauisch machen?«
Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr
Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie
weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet sei das
bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte e i n z i g e Münzen
gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes Leben,
verbunden als commis de marine mit allen Konsuln der Levante – ein
gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und
Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen
Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein
Münzschlüssel. Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen –
und der Schluß?
»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein aufrichtiges
Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des Katalogs wollte
ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu beleidigen. Endlich faßte ich
mich, weil es meine Rechtschaffenheit von mir forderte und es mir zu arg
schien, daß sich schlaue Betrüger länger von der Habe edeldenkender und
für die Literatur eingenommener Personen nähren sollten. – Abbe
Eckhel.«[1]
Page 28
[1] Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.
Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich
dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und
kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und die
Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern – und das
Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein Genügen.
Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde.
Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur
Hand, und dann klingelte sie.
Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.
Ich lasse Herrn Windt bitten!
Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte
sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die
Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage
meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum letzten
Athemzuge. –
Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine
Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich
wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt:
Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?
Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt
und bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte
körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft.
Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort. Ich
wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu dem
sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen von dem
Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth nach
Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam über See und
Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn Sie mit mir
die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu sein. Bis
dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter. Aber ich
Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich
dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und
kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und die
Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern – und das
Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein Genügen.
Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde.
Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur
Hand, und dann klingelte sie.
Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.
Ich lasse Herrn Windt bitten!
Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte
sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die
Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage
meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum letzten
Athemzuge. –
Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine
Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich
wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt:
Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?
Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt
und bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte
körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft.
Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort. Ich
wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu dem
sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen von dem
Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth nach
Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam über See und
Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn Sie mit mir
die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu sein. Bis
dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter. Aber ich
Page 29
gestehe Ihrer Excellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in mir
fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des
Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn
Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend,
angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken
Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und
meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten
Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder
vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen.
Und ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur
eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich zwar
nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und natürlicher
Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur bitte ich um
Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe ich abreiste, in
Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der Kutsche, zwei Pferden,
drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam, um hierher
vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit angetragen; die
Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm Extrapost.
Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin.
Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich
mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig
entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber
Höchstihre persönliche Einmischung –
Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend.
Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen,
ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche Gesinnungen
gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da mußte ich den
Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt, zwei Secunden
vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel erschossen, und
dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit einer blutigen Unthat
befleckt.
Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt
wieder das Wort.
Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin.
fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des
Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn
Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend,
angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken
Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und
meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten
Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder
vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen.
Und ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur
eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich zwar
nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und natürlicher
Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur bitte ich um
Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe ich abreiste, in
Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der Kutsche, zwei Pferden,
drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam, um hierher
vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit angetragen; die
Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm Extrapost.
Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin.
Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich
mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig
entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber
Höchstihre persönliche Einmischung –
Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend.
Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen,
ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche Gesinnungen
gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da mußte ich den
Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt, zwei Secunden
vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel erschossen, und
dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit einer blutigen Unthat
befleckt.
Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt
wieder das Wort.
Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin.
Page 30
Ich gedenke das Beste für Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer
thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten wird;
ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken, aber
Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die
Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz
dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem
muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß, wenn
Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der Familie,
regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter ist, einen
Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der nächste Agnat,
hinein zu reden hat.
So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte
die Gräfin gespannt.
Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was
gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er
kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten
Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er
kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs
Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend Gulden
verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und sie
mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu gewährende
Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch jährlich an das
schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist. Wenn der Herr Graf
zu solchen Dingen sich verpflichten, so können Dieselben weder rechnen,
noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine Kinder vielleicht können
dereinst fürchterlich reich werden – er – wird Reichthum nie besitzen.
Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu haben, es ist gut und heilsam,
wenn die Güter ungetrennt beisammen bleiben. Ich bin überzeugt, daß der
Herr Graf redlich und im guten Glauben zu Werke gehen und noch edler
und großmüthiger handeln würde, wenn er es hätte, wie er es nicht hat.
Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit
schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was hat
Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja
gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer
tragischer Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig,
thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten wird;
ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken, aber
Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die
Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz
dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem
muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß, wenn
Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der Familie,
regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter ist, einen
Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der nächste Agnat,
hinein zu reden hat.
So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte
die Gräfin gespannt.
Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was
gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er
kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten
Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er
kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs
Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend Gulden
verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und sie
mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu gewährende
Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch jährlich an das
schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist. Wenn der Herr Graf
zu solchen Dingen sich verpflichten, so können Dieselben weder rechnen,
noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine Kinder vielleicht können
dereinst fürchterlich reich werden – er – wird Reichthum nie besitzen.
Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu haben, es ist gut und heilsam,
wenn die Güter ungetrennt beisammen bleiben. Ich bin überzeugt, daß der
Herr Graf redlich und im guten Glauben zu Werke gehen und noch edler
und großmüthiger handeln würde, wenn er es hätte, wie er es nicht hat.
Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit
schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was hat
Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja
gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer
tragischer Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig,
Page 31
der ja den Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause
Dinge und Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich
ist, denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit
meinem eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable
Geschichte, und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin,
Julius, Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst
ersonnenen Namen noch heißen mögen!
Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd
über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das nennen
sie licentiam poeticam – welches ich Hochgräflicher Gnaden, die besser
Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche.
Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es ist
sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern – ich
glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung durchlauchter
Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich verlange nur, die
Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft greifen, sollen nicht das
erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten beflecken, sondern diese da
spielen lassen, wo sie sich geschichtlich zugetragen haben, und sollen ihre
Nasen in die Stammbäume stecken und die Leute, die sie brauchen, beim
rechten Namen nennen. Des Herrn von Goethe allbewunderter Götz ist auch
so ein Ding, das im Nebel und Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen
Boden. Er läßt den fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit
sterben, während der alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in
aller Gemüthsruhe über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine
schlimmen Streiche selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie
mich nur an, lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte
Frau mich noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine
Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren
Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod
verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit
der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die
reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde
Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele,
mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmer advocatus diaboli!
Dinge und Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich
ist, denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit
meinem eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable
Geschichte, und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin,
Julius, Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst
ersonnenen Namen noch heißen mögen!
Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd
über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das nennen
sie licentiam poeticam – welches ich Hochgräflicher Gnaden, die besser
Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche.
Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es ist
sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern – ich
glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung durchlauchter
Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich verlange nur, die
Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft greifen, sollen nicht das
erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten beflecken, sondern diese da
spielen lassen, wo sie sich geschichtlich zugetragen haben, und sollen ihre
Nasen in die Stammbäume stecken und die Leute, die sie brauchen, beim
rechten Namen nennen. Des Herrn von Goethe allbewunderter Götz ist auch
so ein Ding, das im Nebel und Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen
Boden. Er läßt den fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit
sterben, während der alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in
aller Gemüthsruhe über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine
schlimmen Streiche selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie
mich nur an, lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte
Frau mich noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine
Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren
Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod
verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit
der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die
reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde
Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele,
mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmer advocatus diaboli!
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Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich hätte
noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen –
Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein
recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre
zähle – kindisch zu sein.
3. Der Abschied.
Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte.
Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu
bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu
Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der dramatischen
Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir bei der
Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine Windfahne?
Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht,
vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen,
daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber
– Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben.
Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes
vorgefallen sein möge, d a s darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth
des gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und
Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er äußerst
empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein
ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind
wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder wirft
und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und bleibt
redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt, geplündert und
von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil, er theilte mir
gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel wieder zu eigen
haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere Schulden und
dereinst meinen Kindern bleibt.
noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen –
Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein
recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre
zähle – kindisch zu sein.
3. Der Abschied.
Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte.
Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu
bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu
Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der dramatischen
Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir bei der
Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine Windfahne?
Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht,
vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen,
daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber
– Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben.
Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes
vorgefallen sein möge, d a s darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth
des gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und
Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er äußerst
empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein
ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind
wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder wirft
und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und bleibt
redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt, geplündert und
von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil, er theilte mir
gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel wieder zu eigen
haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere Schulden und
dereinst meinen Kindern bleibt.
Page 33
In der That – sehr gnädig! – spöttelte die Herrin und machte einen Knix,
aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.
Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten
Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage!
Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren
nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich
brauche wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu
erinnern.
Craignez honte! versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und
fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre.
Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im
Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles
anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würde
i c h der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung, ohne
Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie k ö n n e n nicht Wort halten. Ihre
Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen
entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch,
sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und der
Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte. Was ich
von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes Wort zu
erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art entzweit, daß sie nie
wieder einig wurden. Das kam so: In der unglücklichen Revolution hing
sein Leben im Haag jeden Augenblick an einem Zwirnsfaden, und
gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von Entschlossenheit. Um zu
seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine Partei machen, zu der er auch
geringe Bürger und Leute der niederen Klasse herbeizog. Diese wollten
aber unter keiner anderen Bedingung ihm anhängen, als daß er ihnen
gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so viel wie Grand Baillif zu
werden, denn das Volk war, wie das stets bei Revolutionen der Fall ist, mit
der Polizei und Gerechtigkeitspflege im Haag höchst unzufrieden und
suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab sein Wort, seine Partei gewann
die Oberhand, und das Volk rief ihn aus Dankbarkeit zu seinem Ober-
Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine Frau Mutter, die geborene
Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das Aeußerste, wie Ihre Excellenz
sich denken können.
aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.
Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten
Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage!
Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren
nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich
brauche wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu
erinnern.
Craignez honte! versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und
fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre.
Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im
Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles
anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würde
i c h der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung, ohne
Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie k ö n n e n nicht Wort halten. Ihre
Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen
entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch,
sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und der
Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte. Was ich
von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes Wort zu
erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art entzweit, daß sie nie
wieder einig wurden. Das kam so: In der unglücklichen Revolution hing
sein Leben im Haag jeden Augenblick an einem Zwirnsfaden, und
gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von Entschlossenheit. Um zu
seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine Partei machen, zu der er auch
geringe Bürger und Leute der niederen Klasse herbeizog. Diese wollten
aber unter keiner anderen Bedingung ihm anhängen, als daß er ihnen
gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so viel wie Grand Baillif zu
werden, denn das Volk war, wie das stets bei Revolutionen der Fall ist, mit
der Polizei und Gerechtigkeitspflege im Haag höchst unzufrieden und
suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab sein Wort, seine Partei gewann
die Oberhand, und das Volk rief ihn aus Dankbarkeit zu seinem Ober-
Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine Frau Mutter, die geborene
Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das Aeußerste, wie Ihre Excellenz
sich denken können.
Page 34
Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn die
alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau Mutter des
Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn er dem
Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin Edelmann
und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe. Die
Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb Ober-Amtmann.
So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die
Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte
Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch
mir schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner
Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich
wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!
Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den
schneidenden und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an
der empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen
berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar
unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen
sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische
Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei
war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichten g e g e n die letztere
zu wirken suchte, daß aber auch die niederländischen Republikaner
keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als Oberrichter stets
gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das wachsamste Auge,
daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er nur irgend helfen
kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und viele Unglückliche hat
er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so vertheidigt, daß sie
schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn anheim gefallen wären;
daher verdient sein Benehmen, als das eines Mannes von Wort und von
Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was endlich meine »elende
Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich auszudrücken beliebten, so gebe
ich dem Wunsche Worte, es möchte das ganze heilige römische Reich so
glücklich sein, lauter Demokraten meines Schlages zu besitzen, dann würde
überall Ruhe, Friede und Ordnung, und nirgend Empörung gegen Obere
sein. Aber jeder Mensch hat minder oder mehr Gefühl für die F r e i h e i t ;
wer dieses läugnet oder verläugnet, ist ein feiler Sclave, oder in seiner
eigenen Seele selbst ein Stück von einem Despoten; ich bin keins von
alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau Mutter des
Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn er dem
Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin Edelmann
und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe. Die
Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb Ober-Amtmann.
So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die
Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte
Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch
mir schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner
Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich
wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!
Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den
schneidenden und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an
der empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen
berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar
unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen
sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische
Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei
war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichten g e g e n die letztere
zu wirken suchte, daß aber auch die niederländischen Republikaner
keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als Oberrichter stets
gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das wachsamste Auge,
daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er nur irgend helfen
kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und viele Unglückliche hat
er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so vertheidigt, daß sie
schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn anheim gefallen wären;
daher verdient sein Benehmen, als das eines Mannes von Wort und von
Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was endlich meine »elende
Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich auszudrücken beliebten, so gebe
ich dem Wunsche Worte, es möchte das ganze heilige römische Reich so
glücklich sein, lauter Demokraten meines Schlages zu besitzen, dann würde
überall Ruhe, Friede und Ordnung, und nirgend Empörung gegen Obere
sein. Aber jeder Mensch hat minder oder mehr Gefühl für die F r e i h e i t ;
wer dieses läugnet oder verläugnet, ist ein feiler Sclave, oder in seiner
eigenen Seele selbst ein Stück von einem Despoten; ich bin keins von
Page 35
beiden. Derjenige jedoch, welcher an der gegenwärtigen, fanatischen,
wahnsinnigen französischen Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen
daran findet, ist ein Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich
auch nicht, sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.
Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die
Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer
Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie
seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.
Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig erschien,
unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig brachte
seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr Herz, so
fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die Fülle bitterer
und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem Andenken an die
Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und trauervoll nahte.
Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und
gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll an.
Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du
willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?
Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr
hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir wäre
besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird –
Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte
nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam
über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll.
Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich ein
Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –?
Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde i c h
dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und
Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu
führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht
beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß
das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war
gereizt, er wußte nicht, was er that.
wahnsinnigen französischen Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen
daran findet, ist ein Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich
auch nicht, sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.
Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die
Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer
Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie
seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.
Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig erschien,
unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig brachte
seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr Herz, so
fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die Fülle bitterer
und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem Andenken an die
Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und trauervoll nahte.
Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und
gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll an.
Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du
willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?
Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr
hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir wäre
besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird –
Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte
nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam
über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll.
Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich ein
Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –?
Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde i c h
dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und
Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu
führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht
beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß
das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war
gereizt, er wußte nicht, was er that.
Page 36
An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der
Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde
wieder röthete.
Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir nichts,
mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als
deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die Geheimnisse gewisser
Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die mit sieben Siegeln
verschlossen und mit den dichtesten Schleiern überhüllt sind. Aber etwas
Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es ist ein mächtiger Unterschied,
den aber die Befangenheit, Mangelhaftigkeit und Starrheit der
Gesetzgebung niemals anerkannt hat, zwischen den zur Welt gebrachten
Früchten böser Lust und wilder Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks
von dem Lebensbaume abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und
reiner Liebe, gegen deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse
unübersteigliche Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche
Sprößlinge uralte bedeutende Geschlechter, und die Welt hat deß kein Arg.
Du hörtest gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren
viele sagen. War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und
Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn
eines geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten
Stammes einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu
Sonneck – wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser
Abstammung von einer Ungnad mit uns allen sein! M e i n e Großmutter,
die Abkömmlingin von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite
Gemahlin; die erste, eine Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur
Töchter; meine Großmutter wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von
dem auch du ein Zweig bist. – König Alphons der Weise in Aragonien und
Sicilien zeugte, da seine Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des
Dritten in Castilien, ihn nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der
Ehe. Seinem erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem
Papst Eugen der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh,
hinterließ sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich
ward vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere
wurde der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren
Gemahl Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester
Sohn, Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war
Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde
wieder röthete.
Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir nichts,
mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als
deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die Geheimnisse gewisser
Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die mit sieben Siegeln
verschlossen und mit den dichtesten Schleiern überhüllt sind. Aber etwas
Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es ist ein mächtiger Unterschied,
den aber die Befangenheit, Mangelhaftigkeit und Starrheit der
Gesetzgebung niemals anerkannt hat, zwischen den zur Welt gebrachten
Früchten böser Lust und wilder Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks
von dem Lebensbaume abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und
reiner Liebe, gegen deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse
unübersteigliche Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche
Sprößlinge uralte bedeutende Geschlechter, und die Welt hat deß kein Arg.
Du hörtest gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren
viele sagen. War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und
Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn
eines geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten
Stammes einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu
Sonneck – wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser
Abstammung von einer Ungnad mit uns allen sein! M e i n e Großmutter,
die Abkömmlingin von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite
Gemahlin; die erste, eine Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur
Töchter; meine Großmutter wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von
dem auch du ein Zweig bist. – König Alphons der Weise in Aragonien und
Sicilien zeugte, da seine Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des
Dritten in Castilien, ihn nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der
Ehe. Seinem erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem
Papst Eugen der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh,
hinterließ sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich
ward vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere
wurde der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren
Gemahl Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester
Sohn, Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war
Page 37
mein Urgroßvater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und
verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von
Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der
Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der Landgrafen
zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu Sachsen, denn
meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs Bernhard zu
Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus diesen Beispielen
magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte Abstammung, die
vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten dürfte, je nachdem
des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet, noch lange kein
Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den Augen der
Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das an das alte
Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater kennt.«
Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen
auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln.
Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort. Längst
fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht der
Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der Gedanke,
daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist, bewältigte
meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig gegen mich
selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß dich von mir
lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich weiter an, und
vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes und glückliches
sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie ich auch
gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen worden bin,
arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und trotz herzoglich
oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch nicht machen können;
es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche Kaiser vermocht
worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld nicht alle hergeben
wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. – Da fast Alles von mir
kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von mir haben will, denn von
den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts gesehen, und die Lehengüter
im Mond tragen höchstens einmal einen Steinregen ein. Gleichwohl will ich
ihnen nichts vergeben, nicht auf’s Neue den Vorwurf unüberlegter
Schenkungen auf mich laden, wie ich allerdings gethan. Ich selbst bedarf
wenig mehr; ich werde keine Bücher, keine Münzen und Medaillen mehr
verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von
Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der
Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der Landgrafen
zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu Sachsen, denn
meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs Bernhard zu
Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus diesen Beispielen
magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte Abstammung, die
vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten dürfte, je nachdem
des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet, noch lange kein
Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den Augen der
Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das an das alte
Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater kennt.«
Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen
auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln.
Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort. Längst
fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht der
Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der Gedanke,
daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist, bewältigte
meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig gegen mich
selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß dich von mir
lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich weiter an, und
vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes und glückliches
sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie ich auch
gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen worden bin,
arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und trotz herzoglich
oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch nicht machen können;
es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche Kaiser vermocht
worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld nicht alle hergeben
wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. – Da fast Alles von mir
kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von mir haben will, denn von
den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts gesehen, und die Lehengüter
im Mond tragen höchstens einmal einen Steinregen ein. Gleichwohl will ich
ihnen nichts vergeben, nicht auf’s Neue den Vorwurf unüberlegter
Schenkungen auf mich laden, wie ich allerdings gethan. Ich selbst bedarf
wenig mehr; ich werde keine Bücher, keine Münzen und Medaillen mehr
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sammeln – ich werde nur für dich leben, so lange der Himmel mir noch
meine bereits gezählten Tage fristet.
O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief
auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben wurden,
um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen.
Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die
Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes
Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen
Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht,
baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es enthielt
nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie heraus und
legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr Platz
genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser wichtigen
Schriften andeutete.
Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem
Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin
Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter
betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als
Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von
vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr
eintausendsechshundertundachtundvierzig.
Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr
eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin
alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften, auch
andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer beiden
Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat sich
dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert.
Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche
von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die Summe
von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen
Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht
hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen
Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in Paris,
Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.
meine bereits gezählten Tage fristet.
O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief
auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben wurden,
um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen.
Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die
Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes
Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen
Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht,
baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es enthielt
nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie heraus und
legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr Platz
genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser wichtigen
Schriften andeutete.
Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem
Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin
Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter
betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als
Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von
vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr
eintausendsechshundertundachtundvierzig.
Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr
eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin
alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften, auch
andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer beiden
Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat sich
dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert.
Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche
von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die Summe
von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen
Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht
hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen
Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in Paris,
Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.
Page 39
Hier eine Schrift über die unserm Hause zustehende Baronie Vitré, deren
Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres
verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der
geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses
Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen.
Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an
fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria
Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.
Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins,
betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der
Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.
Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die
Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem
Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern
Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.
Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht
ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche
Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich Summa Summarum
zweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als
Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem
Stadthause zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich
angelegt sind, so daß sie eine Rente von
sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig Livres, die halbjährlich
ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen Hintritt meines in Gott
ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton des Zweiten, sind diese bis
zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt worden, und weder Krieg noch
Friede haben daran gekürzt. Diesen Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen
Reisen und deiner ferneren Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester
Enkel. Hier hast du die nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom
nächsten Monat an. Bedarfst du der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir
diese Briefe Credit in Hamburg beim Hause des Procurators,
Wechselsensals und Senators Egbertus Bernardus Den Tale, einer
niederländischen weltberühmten Firma, und ebenso beim Hause
Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der Valck, im Haag
bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater und Söhne.
Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres
verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der
geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses
Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen.
Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an
fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria
Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.
Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins,
betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der
Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.
Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die
Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem
Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern
Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.
Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht
ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche
Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich Summa Summarum
zweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als
Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem
Stadthause zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich
angelegt sind, so daß sie eine Rente von
sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig Livres, die halbjährlich
ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen Hintritt meines in Gott
ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton des Zweiten, sind diese bis
zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt worden, und weder Krieg noch
Friede haben daran gekürzt. Diesen Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen
Reisen und deiner ferneren Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester
Enkel. Hier hast du die nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom
nächsten Monat an. Bedarfst du der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir
diese Briefe Credit in Hamburg beim Hause des Procurators,
Wechselsensals und Senators Egbertus Bernardus Den Tale, einer
niederländischen weltberühmten Firma, und ebenso beim Hause
Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der Valck, im Haag
bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater und Söhne.
Page 40
Wie soll, wie kann ich Ihnen danken für so viele himmlische Güte! rief
Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich
überströmte.
Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank
bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir jetzt
bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg
gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken,
wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und
übernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und
Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es
gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich
auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind
eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile.
Gehe mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst
erwerben; verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz,
denn diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue
Freundschaft hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück,
wenn du dir Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht
im Geräusch der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit
wunderköstliche Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine
kriegerische Laufbahn, so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und
Menschenfreundlichkeit; sei hülfreich dem Unterdrückten, schütze
verfolgte Unschuld – sei das Beste, was du auf Erden werden kannst – ein
reiner, guter, edler Mensch!
Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie
empfunden, ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen
stürzten aus seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der
wunderbaren alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark
auf ihn einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll
Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens sich
von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte, was sie ohne
ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt auf ihn gehäuft,
hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre damit eine Bürgschaft
zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine Zukunft.
Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich
überströmte.
Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank
bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir jetzt
bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg
gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken,
wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und
übernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und
Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es
gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich
auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind
eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile.
Gehe mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst
erwerben; verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz,
denn diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue
Freundschaft hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück,
wenn du dir Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht
im Geräusch der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit
wunderköstliche Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine
kriegerische Laufbahn, so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und
Menschenfreundlichkeit; sei hülfreich dem Unterdrückten, schütze
verfolgte Unschuld – sei das Beste, was du auf Erden werden kannst – ein
reiner, guter, edler Mensch!
Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie
empfunden, ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen
stürzten aus seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der
wunderbaren alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark
auf ihn einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll
Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens sich
von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte, was sie ohne
ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt auf ihn gehäuft,
hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre damit eine Bürgschaft
zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine Zukunft.
Page 41
Noch einmal legte sie segnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr
knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille führe
dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung
gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die
Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur
mit Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist,
dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! –
Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese
Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte!
O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der
Jüngling mit schwärmerischem Blick.
Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit
dem alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein
mit dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht
eher an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende
Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In dieser
Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen Unterhalt
mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den Fall, daß die
blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen, vom Pariser
Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein Tollhaus und ein
Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt jetzt noch nicht nach
Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch Briefe meiner liebevollen
Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich ist, entreißen.
Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit
einem eigenthümlichen Erbangen.
Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf
Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird
dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen
unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.
O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt
den anderen von hinnen, und das Wort s c h e i d e n jagt wie ein Cherub mit
dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen
Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich dir
knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille führe
dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung
gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die
Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur
mit Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist,
dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! –
Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese
Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte!
O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der
Jüngling mit schwärmerischem Blick.
Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit
dem alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein
mit dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht
eher an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende
Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In dieser
Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen Unterhalt
mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den Fall, daß die
blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen, vom Pariser
Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein Tollhaus und ein
Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt jetzt noch nicht nach
Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch Briefe meiner liebevollen
Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich ist, entreißen.
Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit
einem eigenthümlichen Erbangen.
Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf
Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird
dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen
unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.
O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt
den anderen von hinnen, und das Wort s c h e i d e n jagt wie ein Cherub mit
dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen
Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich dir
Page 42
unbehändigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir zurückgelegt.
Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und theuer bleiben,
ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in die Ewigkeit
hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du sie treulich auf.
Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter, Charlotte Aemilie; sie
schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn, meinen Vater, nieder, und
meine in Gott ruhende Frau Mutter, die geborene Landgräfin, bemerkte dies
auf dem Titelblatt mit den Zügen ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt
sechsundfünfzig Jahre, von der Vermählung bis zum Tode.
Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten
reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich
erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies bisweilen
darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus einem
einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der Anatom aus
einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte, so wird
auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die Seele führen,
wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein Verhältniß zum
französischen, wie zum preußischen Königshause, meine Befreundung mit
Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt, deren Träger mir
mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen Abschnitt meines
Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches, vielleicht darf ich sagen:
der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht ein Verlust für die Welt, doch
einer für meine Familie! Du hast die letzten Blätter der alten, nicht mehr in
die Zukunft, sondern rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist
besser daran, wie jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana
Amalthea ihre Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und
nun, mein Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der
Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche
hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im
Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall
Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes
Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe zunächst,
wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht dort bietet;
außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt ist groß
und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und bleibe deutsch
gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit Gott! – Nun gehe –
Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und theuer bleiben,
ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in die Ewigkeit
hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du sie treulich auf.
Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter, Charlotte Aemilie; sie
schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn, meinen Vater, nieder, und
meine in Gott ruhende Frau Mutter, die geborene Landgräfin, bemerkte dies
auf dem Titelblatt mit den Zügen ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt
sechsundfünfzig Jahre, von der Vermählung bis zum Tode.
Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten
reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich
erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies bisweilen
darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus einem
einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der Anatom aus
einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte, so wird
auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die Seele führen,
wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein Verhältniß zum
französischen, wie zum preußischen Königshause, meine Befreundung mit
Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt, deren Träger mir
mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen Abschnitt meines
Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches, vielleicht darf ich sagen:
der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht ein Verlust für die Welt, doch
einer für meine Familie! Du hast die letzten Blätter der alten, nicht mehr in
die Zukunft, sondern rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist
besser daran, wie jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana
Amalthea ihre Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und
nun, mein Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der
Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche
hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im
Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall
Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes
Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe zunächst,
wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht dort bietet;
außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt ist groß
und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und bleibe deutsch
gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit Gott! – Nun gehe –
Page 43
sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem w o h l leben ist es
längst vorüber!
Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken,
sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kuß mit ihren kalten
Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein Nebenzimmer,
aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit, sie wollte keine
Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der Thränen längst versiegt
und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in ihrem bewegten Leben der
Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen mehr zu haben.
Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem
Zimmer, damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem
Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit
bestürztem Gesicht.
Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon,
und nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles
stände anders. Oleum et operam perdidi! Da – junger Herr, schauen Sie
hinab in den Schloßhof!
Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so
eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich hinten
aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß, und die
drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich schwangen –
wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und Secretär
Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil der
Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah, und
wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen, auf
und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft begleitet. –
Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten aus Hofrath
Brünings goldener Dose jeder eine Prise. – Adieu partie! rief Windt droben
mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem Aerger. Der kommt
sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast abgeschrieben, bin krank und
lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht und geschmachtet, bin
davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen Namen, nämlich dürr wie
ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle beschworen, den
regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen Vergleiches
längst vorüber!
Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken,
sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kuß mit ihren kalten
Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein Nebenzimmer,
aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit, sie wollte keine
Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der Thränen längst versiegt
und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in ihrem bewegten Leben der
Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen mehr zu haben.
Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem
Zimmer, damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem
Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit
bestürztem Gesicht.
Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon,
und nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles
stände anders. Oleum et operam perdidi! Da – junger Herr, schauen Sie
hinab in den Schloßhof!
Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so
eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich hinten
aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß, und die
drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich schwangen –
wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und Secretär
Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil der
Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah, und
wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen, auf
und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft begleitet. –
Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten aus Hofrath
Brünings goldener Dose jeder eine Prise. – Adieu partie! rief Windt droben
mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem Aerger. Der kommt
sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast abgeschrieben, bin krank und
lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht und geschmachtet, bin
davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen Namen, nämlich dürr wie
ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle beschworen, den
regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen Vergleiches
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hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem Halse geredet,
Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu bewegen, habe
auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die schändliche
Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder zurück nach
Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von dem schon
die alte gereimte Schulgeographie singt:
Over-Yssel, viel Morast,
Macht das ganze Land verhaßt –
und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und
durch die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle
tausend Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar
kleine deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts
und wieder nichts!
Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem
Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren
Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem
Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn ich
habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich
schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin
eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort.
Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.
Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen
sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche
mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl, und
bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste, redlichste Diener.
Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von
dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen
abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s
Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich
und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp
durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit
thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter
Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu bewegen, habe
auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die schändliche
Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder zurück nach
Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von dem schon
die alte gereimte Schulgeographie singt:
Over-Yssel, viel Morast,
Macht das ganze Land verhaßt –
und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und
durch die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle
tausend Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar
kleine deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts
und wieder nichts!
Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem
Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren
Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem
Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn ich
habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich
schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin
eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort.
Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.
Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen
sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche
mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl, und
bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste, redlichste Diener.
Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von
dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen
abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s
Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich
und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp
durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit
thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter
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hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den schmerzlichen
Abschiedsgruß.
4. Eine Lebensrettung.
Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die
frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß
seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn
zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter
ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem
heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht
kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen
und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer schlechtere
Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit, und störte
gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück. Es galt,
dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so zu lenken,
daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen traten. Hie und da
lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte Schneemassen, die
weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen vermochten, und so waren
Herr und Diener herzlich froh, als nach einem langsamen und
beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein Gehöft erreicht
wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen Clus führte;
es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine Schankwirthschaft.
Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern
die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in
seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe
des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem
und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf
des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue
Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so
viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel
wieder völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und
Abschiedsgruß.
4. Eine Lebensrettung.
Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die
frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß
seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn
zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter
ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem
heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht
kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen
und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer schlechtere
Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit, und störte
gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück. Es galt,
dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so zu lenken,
daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen traten. Hie und da
lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte Schneemassen, die
weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen vermochten, und so waren
Herr und Diener herzlich froh, als nach einem langsamen und
beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein Gehöft erreicht
wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen Clus führte;
es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine Schankwirthschaft.
Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern
die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in
seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe
des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem
und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf
des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue
Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so
viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel
wieder völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und
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Fernsicht nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie
frei! Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit
reichte es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen
ausgedehnten Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht
in diese sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern
erhebt nur eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur
Rechten streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis
Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort
am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der
Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab.
Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein
einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt
Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf
einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte
Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und zeichnete
seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die graue
Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den Fernblick
völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, Gedanken
düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.
Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben
hervor, und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten?
Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem
was vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige
unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:
»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns
darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die
gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber
vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und
widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein noch
unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu vernichten
trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört nicht mir allein,
es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren Zwecken, denen ich diene
und treu dienen werde, es gehört meinem Vaterlande. Eines nur will ich
aussprechen, und das allein ist der Zweck, weshalb ich überhaupt noch
einmal das schriftliche Wort ergreife. Die alte Frau – in ihrer stets
ungerechten und unbeugsamen Härte, in ihrem unermeßlichen Stolze auf
frei! Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit
reichte es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen
ausgedehnten Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht
in diese sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern
erhebt nur eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur
Rechten streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis
Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort
am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der
Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab.
Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein
einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt
Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf
einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte
Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und zeichnete
seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die graue
Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den Fernblick
völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, Gedanken
düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.
Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben
hervor, und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten?
Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem
was vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige
unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:
»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns
darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die
gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber
vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und
widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein noch
unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu vernichten
trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört nicht mir allein,
es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren Zwecken, denen ich diene
und treu dienen werde, es gehört meinem Vaterlande. Eines nur will ich
aussprechen, und das allein ist der Zweck, weshalb ich überhaupt noch
einmal das schriftliche Wort ergreife. Die alte Frau – in ihrer stets
ungerechten und unbeugsamen Härte, in ihrem unermeßlichen Stolze auf
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ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf das Empfindlichste die Ehre der
Familie angegriffen, der sie sich doch ohne Zwang verbunden hat. Wenn
nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen beliebte, wie in mir, das Blut jenes
Ahnherrn, den sie nannte, fließt, so wird derselbe nicht wollen und
wünschen, daß seine deutsche Abkunft wegwerfend behandelt und der
französischen untergeordnet werde. Auch wir haben Familienehre, auch wir
haben einen Namen von hellem Klang und guter Geltung, wenn wir auch
nicht voll aragonischer Arroganz mit Königskronen und Sternenmänteln
halbmythischer Personen prahlen. Nicht ererbter Glanz und hohe Namen
eines wälschen Geschlechtes, das auch in den Schoos seiner Verwandtschaft
eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern Thaten, Thaten des Muthes, der
Aufopferung und der Treue, haben u n s e r n Vorfahren die Wege zu Ruhm
und Ehre gebahnt. Jener berühmte William schwang sich durch seine Treue
und Einsicht von einem Leibpagen empor zum Baron von Cirenchester,
Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum Herzog von Portland, zum
Pair von England. Er war es, der Wilhelm den Dritten, Prinzen von Oranien,
auf den Königsthron Großbritanniens hob, er war es, der den
weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und zu Stande brachte,
und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern die Ruhe wieder
gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in weiblicher Linie
von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel abzustammen, dem
Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode gab. Meine
Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der Marine, sie
sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des Hauses
vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine mit einem
Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, u. s. w. Mein
Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland und
Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften in
Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören.
Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater trennte,
entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden deutschen
Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte Beraubung ist
nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene Hülfe
Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine
wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie
des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die
verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die
Familie angegriffen, der sie sich doch ohne Zwang verbunden hat. Wenn
nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen beliebte, wie in mir, das Blut jenes
Ahnherrn, den sie nannte, fließt, so wird derselbe nicht wollen und
wünschen, daß seine deutsche Abkunft wegwerfend behandelt und der
französischen untergeordnet werde. Auch wir haben Familienehre, auch wir
haben einen Namen von hellem Klang und guter Geltung, wenn wir auch
nicht voll aragonischer Arroganz mit Königskronen und Sternenmänteln
halbmythischer Personen prahlen. Nicht ererbter Glanz und hohe Namen
eines wälschen Geschlechtes, das auch in den Schoos seiner Verwandtschaft
eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern Thaten, Thaten des Muthes, der
Aufopferung und der Treue, haben u n s e r n Vorfahren die Wege zu Ruhm
und Ehre gebahnt. Jener berühmte William schwang sich durch seine Treue
und Einsicht von einem Leibpagen empor zum Baron von Cirenchester,
Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum Herzog von Portland, zum
Pair von England. Er war es, der Wilhelm den Dritten, Prinzen von Oranien,
auf den Königsthron Großbritanniens hob, er war es, der den
weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und zu Stande brachte,
und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern die Ruhe wieder
gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in weiblicher Linie
von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel abzustammen, dem
Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode gab. Meine
Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der Marine, sie
sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des Hauses
vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine mit einem
Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, u. s. w. Mein
Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland und
Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften in
Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören.
Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater trennte,
entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden deutschen
Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte Beraubung ist
nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene Hülfe
Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine
wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie
des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die
verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die
Page 48
so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam
bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten feierlich
vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die unaufhörlich ihre an
das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s Neue erhebt, und
wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt zeigt, in einem und
dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen, daß nur ihr Tod
diesen verwickelten Knoten lösen wird.
Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie
habe ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel
einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht
oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als S o h n des
Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen
wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan
ward. Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den
Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so
werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine
rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß
ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie
schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den
Weg, und zeichne
Wi l h e l m G u s t a v F r i e d r i c h ,
des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain
von In- und Kniphausen etc.
Schloß Varel, am 20. März 1794.«
Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang
hatte ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut
kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.
So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain
über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den
nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O
Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern
Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem
geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu
führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne
bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten feierlich
vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die unaufhörlich ihre an
das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s Neue erhebt, und
wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt zeigt, in einem und
dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen, daß nur ihr Tod
diesen verwickelten Knoten lösen wird.
Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie
habe ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel
einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht
oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als S o h n des
Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen
wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan
ward. Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den
Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so
werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine
rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß
ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie
schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den
Weg, und zeichne
Wi l h e l m G u s t a v F r i e d r i c h ,
des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain
von In- und Kniphausen etc.
Schloß Varel, am 20. März 1794.«
Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang
hatte ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut
kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.
So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain
über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den
nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O
Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern
Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem
geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu
führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne
Page 49
Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die
Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als
deinen Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil
– mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine
Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten
– so bin ich denn ein D u n k e l g r a f – Hahaha! Es ist gleich sehr
lächerlich, wie zum Verzweifeln!
Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den
trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das
Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus
gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön
und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie ein
heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle
hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und
glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; ohne
auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man ihm doch
eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, aber
Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und holländisch,
englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des Reitens,
Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des Weidwerkes im
Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht gespart
worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig entwickelte Mann
vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch stürmisch empörte
Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen an solchen Uebungen
der Kraft und Gewandtheit gefunden. –
Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp
den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und
diese Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer,
der nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste
führte, und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem
Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete;
doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine
Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt des
Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre Bemühung
lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände aufhielten.
Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als
deinen Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil
– mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine
Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten
– so bin ich denn ein D u n k e l g r a f – Hahaha! Es ist gleich sehr
lächerlich, wie zum Verzweifeln!
Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den
trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das
Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus
gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön
und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie ein
heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle
hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und
glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; ohne
auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man ihm doch
eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, aber
Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und holländisch,
englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des Reitens,
Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des Weidwerkes im
Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht gespart
worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig entwickelte Mann
vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch stürmisch empörte
Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen an solchen Uebungen
der Kraft und Gewandtheit gefunden. –
Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp
den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und
diese Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer,
der nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste
führte, und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem
Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete;
doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine
Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt des
Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre Bemühung
lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände aufhielten.
Page 50
Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und
selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und
des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an diese
Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen Plan, keinen
Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das Friesische
übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so sah sich der Graf
Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem fahrenden Ritter und
Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt. Er überdachte einige
Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog deren Schwere. »Nach
den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als Hauptgedanke fest, aber
welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen einförmigen über
Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der frischen Nordsee,
durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich Gelegenheit bot, zu Schiffe zu
gehen und die Welt zu durchfahren? Nordwärts lichtete sich der Himmel
und die Ferne, und die Bockhorner Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein
Spiel des Windes, rasch umdrehen; südwärts schleierte die stehende
Nebelwand alles ein, und so kam es, daß Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit
die abschreckende Schilderung einfiel, welche ihm vor wenigen Stunden
noch der Haushofmeister seiner Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege
gemacht, raschen Entschlusses auf seine Isabelle sich schwang und dem
Diener, der ein Gleiches auf seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf
der sandigen Haidestraße voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere
wieder im gemachsamen Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und
führte in schnurgerader Linie nach und durch Bockhorn, von da am
Blauhand Grod und an cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber,
bis fast nahe zu den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit
(soviel als Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die
Herrlichkeit Kniphausen.
Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche
alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf
dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber
auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts
liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort Nachtrast
halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit ihm auch
dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den Niederlanden
aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken des jungen
selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und
des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an diese
Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen Plan, keinen
Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das Friesische
übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so sah sich der Graf
Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem fahrenden Ritter und
Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt. Er überdachte einige
Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog deren Schwere. »Nach
den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als Hauptgedanke fest, aber
welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen einförmigen über
Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der frischen Nordsee,
durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich Gelegenheit bot, zu Schiffe zu
gehen und die Welt zu durchfahren? Nordwärts lichtete sich der Himmel
und die Ferne, und die Bockhorner Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein
Spiel des Windes, rasch umdrehen; südwärts schleierte die stehende
Nebelwand alles ein, und so kam es, daß Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit
die abschreckende Schilderung einfiel, welche ihm vor wenigen Stunden
noch der Haushofmeister seiner Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege
gemacht, raschen Entschlusses auf seine Isabelle sich schwang und dem
Diener, der ein Gleiches auf seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf
der sandigen Haidestraße voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere
wieder im gemachsamen Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und
führte in schnurgerader Linie nach und durch Bockhorn, von da am
Blauhand Grod und an cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber,
bis fast nahe zu den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit
(soviel als Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die
Herrlichkeit Kniphausen.
Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche
alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf
dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber
auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts
liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort Nachtrast
halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit ihm auch
dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den Niederlanden
aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken des jungen
Page 51
Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der Besitzungen der
Familie sich befand, in der er sich selbst von den ersten
Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser nicht
losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den jüngern Vetter,
den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen hatte, um in England
Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem älteren Bruder nie
recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite Sohn der Großmutter, in
englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort vermählt und eine jüngere
Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht gekannt; er war vor des
Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775 verstorben. –
Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus
dem Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu
fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft aber, bis
auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und grollendem
Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die Großmutter, als
gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt, sehnte er sich
wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu dem
unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher
Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der
Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann
durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen,
wo jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der
Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die
Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch
ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er
sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen
worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem
zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte,
übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach
Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des
bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse,
oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten
hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern
und wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche,
die Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit
dem gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend
Familie sich befand, in der er sich selbst von den ersten
Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser nicht
losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den jüngern Vetter,
den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen hatte, um in England
Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem älteren Bruder nie
recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite Sohn der Großmutter, in
englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort vermählt und eine jüngere
Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht gekannt; er war vor des
Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775 verstorben. –
Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus
dem Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu
fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft aber, bis
auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und grollendem
Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die Großmutter, als
gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt, sehnte er sich
wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu dem
unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher
Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der
Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann
durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen,
wo jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der
Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die
Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch
ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er
sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen
worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem
zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte,
übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach
Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des
bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse,
oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten
hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern
und wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche,
die Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit
dem gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend
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und fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth
wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu
machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer, weiter
und blühender Landstrecken wahr gemacht hat.
Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und
besser als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas
erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und
hohen Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den
Jahdebusen und seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war,
rollte der Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren
grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem
Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen, vor
Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern in der
Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick verfinsterte sich, als
er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff nicht segelfertig sei, und er
entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er vergessen hatte, dazu Befehl zu
geben, vielmehr wußten der Steuermann und die wenigen Matrosen, die der
Dienst des kleinen Schiffes erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde
mehrere Tage am Lande bleiben, daher auch sie sich an demselben nach
ihrer Art von der widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber
stieg der Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann
seines Schiffes mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben
nach der Jacht sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff
habe eine Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als
die Zeit eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne
große Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch
Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es
nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er mit
seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen konnte, so
blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, oder nach
einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn
angemesseneren Orte zu fahren.
Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein
schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte
daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer
Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke
wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu
machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer, weiter
und blühender Landstrecken wahr gemacht hat.
Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und
besser als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas
erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und
hohen Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den
Jahdebusen und seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war,
rollte der Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren
grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem
Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen, vor
Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern in der
Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick verfinsterte sich, als
er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff nicht segelfertig sei, und er
entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er vergessen hatte, dazu Befehl zu
geben, vielmehr wußten der Steuermann und die wenigen Matrosen, die der
Dienst des kleinen Schiffes erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde
mehrere Tage am Lande bleiben, daher auch sie sich an demselben nach
ihrer Art von der widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber
stieg der Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann
seines Schiffes mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben
nach der Jacht sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff
habe eine Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als
die Zeit eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne
große Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch
Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es
nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er mit
seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen konnte, so
blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, oder nach
einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn
angemesseneren Orte zu fahren.
Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein
schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte
daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer
Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke
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von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer
Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs des
sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs (Dammes)
bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am Ellenser
Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den Deichwall, um aus
dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter nordwärts zu eilen. Es
verging eine gute Anzahl Stunden, durch mancherlei Aufenthalt und der
Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das Oertchen A c c u m erreichte. –
Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse
gemachsamen Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier
Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief
Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte jetzt
auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der Wagen
gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und wankend wie
eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das Marschland
gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick umzustürzen
drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen zog und
zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen und Thiere
die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist ein Unglück!
die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in Galopp setzend,
dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das Werk eines
Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele seines
Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser Weise
fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar schmale, aber tiefe
Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg kreuzte. Mit einem
furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das Bette des Flüßchens,
und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit von jener übertreffen
lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den durchgehenden Pferden
entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll Schreck, welcher Gefahr
derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach seinem Rosse die Sporen noch
einmal in die Seite und überholte die Isabella, um mit kühner
Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu empfangen.
Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel
verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein
Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum
bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte
Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs des
sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs (Dammes)
bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am Ellenser
Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den Deichwall, um aus
dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter nordwärts zu eilen. Es
verging eine gute Anzahl Stunden, durch mancherlei Aufenthalt und der
Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das Oertchen A c c u m erreichte. –
Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse
gemachsamen Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier
Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief
Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte jetzt
auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der Wagen
gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und wankend wie
eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das Marschland
gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick umzustürzen
drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen zog und
zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen und Thiere
die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist ein Unglück!
die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in Galopp setzend,
dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das Werk eines
Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele seines
Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser Weise
fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar schmale, aber tiefe
Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg kreuzte. Mit einem
furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das Bette des Flüßchens,
und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit von jener übertreffen
lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den durchgehenden Pferden
entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll Schreck, welcher Gefahr
derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach seinem Rosse die Sporen noch
einmal in die Seite und überholte die Isabella, um mit kühner
Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu empfangen.
Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel
verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein
Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum
bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte
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Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern standen
zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch versuchend, sich
zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut furchtbar blutig
und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden hervor, wie durch ein
Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von unerhörter Anstrengung
schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, vom Bock, und suchte
seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker fester Bau, sonst wäre er
auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern her liefen einige Menschen
herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei den heftigen Stößen von ihrem
Sitz im hintern Halbtheil des Wagens herabgeschleudert worden waren. Der
Graf ritt rasch zum Schlage, – da lag ein marmorbleiches schönes
Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in regungsloser tiefer Ohnmacht, und
ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen drei und vier Jahren, umklammerte
mit seinen Händchen die Kniee der Mutter und barg sein blondes
Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls ohne sich zu regen; der Mutter
Arme und Hände waren um das Kind angstvoll geschlungen. Rasch
schwang sich der Graf vom Roß, riß den Schlag auf und hob das Kind
heraus.
Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen –
wir todt!
O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem
Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht
sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!
Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte.
Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe der
herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles
Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich
im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den
neu hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und
vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr
Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig
kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen gesättigten
geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser heißt, und kölnischer
Weingeist heißen sollte, die Schläfe.
zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch versuchend, sich
zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut furchtbar blutig
und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden hervor, wie durch ein
Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von unerhörter Anstrengung
schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, vom Bock, und suchte
seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker fester Bau, sonst wäre er
auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern her liefen einige Menschen
herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei den heftigen Stößen von ihrem
Sitz im hintern Halbtheil des Wagens herabgeschleudert worden waren. Der
Graf ritt rasch zum Schlage, – da lag ein marmorbleiches schönes
Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in regungsloser tiefer Ohnmacht, und
ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen drei und vier Jahren, umklammerte
mit seinen Händchen die Kniee der Mutter und barg sein blondes
Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls ohne sich zu regen; der Mutter
Arme und Hände waren um das Kind angstvoll geschlungen. Rasch
schwang sich der Graf vom Roß, riß den Schlag auf und hob das Kind
heraus.
Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen –
wir todt!
O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem
Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht
sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!
Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte.
Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe der
herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles
Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich
im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den
neu hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und
vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr
Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig
kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen gesättigten
geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser heißt, und kölnischer
Weingeist heißen sollte, die Schläfe.
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Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike
Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen
Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und
hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!
Da bin, Mama! rief das Kind.
O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor.
Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie
bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie
anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft
– doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort
stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde
stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war
eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch
wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!
Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte sich
zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit einem
schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend, blieb
sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und suchte ihre dahin
geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.
Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den
beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben Sie
Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die
Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne
daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich fuhr
daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt
brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das hintere Theil
verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze die Pferde fort
und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern
Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von dannen rannten. Wenn der
junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung
dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten sich
sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, auf die sie unaufhaltsam
zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei Gott beschwören! – Todt!
todt! rief schaudernd die junge, schöne, im vollen Leben reizend blühende
Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen
Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und
hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!
Da bin, Mama! rief das Kind.
O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor.
Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie
bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie
anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft
– doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort
stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde
stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war
eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch
wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!
Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte sich
zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit einem
schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend, blieb
sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und suchte ihre dahin
geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.
Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den
beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben Sie
Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die
Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne
daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich fuhr
daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt
brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das hintere Theil
verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze die Pferde fort
und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern
Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von dannen rannten. Wenn der
junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung
dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten sich
sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, auf die sie unaufhaltsam
zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei Gott beschwören! – Todt!
todt! rief schaudernd die junge, schöne, im vollen Leben reizend blühende
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Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine Marie! – Stehe auf, Klas – mir
schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr
hinauf und langte mit seinen Händchen nach der Hand der Mutter.
Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren
Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach
einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.
Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline.
Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?
Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf
dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein
glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und
ich danke diesem – aber –
Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren
Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein
anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie ich
angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen?
Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden –
und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft
Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres
Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener
folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie
einen bessern Rath?
Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu
besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen,
antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die
Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da
wolle.
Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem
Schlosse, das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und
dessen hohe zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache
Gegend zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden
hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind
sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne
schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr
hinauf und langte mit seinen Händchen nach der Hand der Mutter.
Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren
Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach
einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.
Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline.
Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?
Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf
dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein
glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und
ich danke diesem – aber –
Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren
Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein
anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie ich
angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen?
Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden –
und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft
Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres
Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener
folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie
einen bessern Rath?
Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu
besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen,
antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die
Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da
wolle.
Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem
Schlosse, das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und
dessen hohe zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache
Gegend zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden
hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind
sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne
Page 57
Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten
Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu schlichten,
und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, daß er nach
drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier eintreffen zu
können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer Siel beilegen,
dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei Tage hier
verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam antreten. Ohne
Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen Sie von meinem
lieben Mann?
Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade
liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten,
läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und Blässe
sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von Varel,
aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort
wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!
Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.
Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das
kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre!
nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir
flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich – gehe
– denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr Gemahl,
gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel – wahrscheinlich
um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die zwischen uns trat,
nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint er alles Angebahnte
abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich auf seine Jacht begeben,
doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einschlug.
Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich
Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt
und mich, was mir noch schwerer fällt zu tragen, verachtet.
Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden,
mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen
nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie
beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu
verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür
Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu schlichten,
und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, daß er nach
drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier eintreffen zu
können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer Siel beilegen,
dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei Tage hier
verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam antreten. Ohne
Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen Sie von meinem
lieben Mann?
Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade
liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten,
läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und Blässe
sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von Varel,
aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort
wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!
Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.
Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das
kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre!
nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir
flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich – gehe
– denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr Gemahl,
gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel – wahrscheinlich
um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die zwischen uns trat,
nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint er alles Angebahnte
abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich auf seine Jacht begeben,
doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einschlug.
Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich
Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt
und mich, was mir noch schwerer fällt zu tragen, verachtet.
Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden,
mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen
nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie
beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu
verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür
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kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich,
beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben
Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich an
ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.
5. Der Falk von Kniphausen.
Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und m i c h in
seinem Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen –
was hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung,
sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an
des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das
Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem
Himmel dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine
Fügung Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines
treuen Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal
nicht!
Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines Feindes
Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber Cousin, Sie
sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und Verweserin der
Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie sind jetzt mein mir auf
Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo wollten Sie denn nun auch
noch hin – da der Abend schon anbricht? Und Sie wissen ja, daß in unserm
Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt! Wie befindet sich denn unsere
noch lebende Ungnade, die Alte?
Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte
Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise verletzt,
welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so kann ich
berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes Alter mit
manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.
beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben
Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich an
ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.
5. Der Falk von Kniphausen.
Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und m i c h in
seinem Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen –
was hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung,
sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an
des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das
Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem
Himmel dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine
Fügung Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines
treuen Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal
nicht!
Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines Feindes
Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber Cousin, Sie
sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und Verweserin der
Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie sind jetzt mein mir auf
Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo wollten Sie denn nun auch
noch hin – da der Abend schon anbricht? Und Sie wissen ja, daß in unserm
Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt! Wie befindet sich denn unsere
noch lebende Ungnade, die Alte?
Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte
Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise verletzt,
welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so kann ich
berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes Alter mit
manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.
Page 59
Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und
wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch
haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch ist
sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht besser
mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine Frau von
neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.
Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige
Greisin gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte
Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und liebende
Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden – und das
eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich nicht
glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so furchtbar
gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.
Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein
lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten
Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken
lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich heiße Sie
von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.
Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen
zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie
ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, gebot
sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die größte
Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und verwundert, die
Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer Weile erst die
Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und abgehetzten Pferden,
von denen das eine sich im Stalle sogleich auf seine Streu legte und nach
einigen Stunden todt war.
Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem
prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr
ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen
Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er
von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das
Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch nichts
in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände
wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch
haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch ist
sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht besser
mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine Frau von
neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.
Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige
Greisin gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte
Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und liebende
Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden – und das
eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich nicht
glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so furchtbar
gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.
Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein
lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten
Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken
lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich heiße Sie
von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.
Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen
zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie
ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, gebot
sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die größte
Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und verwundert, die
Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer Weile erst die
Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und abgehetzten Pferden,
von denen das eine sich im Stalle sogleich auf seine Streu legte und nach
einigen Stunden todt war.
Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem
prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr
ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen
Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er
von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das
Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch nichts
in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände
Page 60
waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im
großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und
meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von
Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände.
Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der
Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden
Zimmer verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick
ungehemmt über die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des
Jahdestroms und jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine
Bezeichnung sandiger Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen.
Dahinter begrenzte das weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und
die Hügelwellen der Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser
Aussicht, welche Graf Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der
er sich befand, keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder
ab, ohne zu sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß
gefolgt, dem Schlosse sich rasch näherte.
Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen
Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von
kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen
Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht
aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner
neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth
dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand
mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem
Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich
geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus
Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die
Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht
zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden,
heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten Stellen des
Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der weißen Federn
vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen überkleidet, und die
schwarzen Klauen waren aus Labradorstein geschnitten und äußerst
natürlich eingefügt[2].
[2] Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt gewesene
bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene Kunstwerk ist in der
Londoner illustrirten Zeitung Vol. 19. Juli to Dec. 1851 S. 133 mit der
großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und
meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von
Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände.
Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der
Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden
Zimmer verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick
ungehemmt über die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des
Jahdestroms und jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine
Bezeichnung sandiger Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen.
Dahinter begrenzte das weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und
die Hügelwellen der Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser
Aussicht, welche Graf Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der
er sich befand, keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder
ab, ohne zu sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß
gefolgt, dem Schlosse sich rasch näherte.
Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen
Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von
kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen
Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht
aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner
neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth
dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand
mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem
Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich
geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus
Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die
Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht
zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden,
heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten Stellen des
Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der weißen Federn
vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen überkleidet, und die
schwarzen Klauen waren aus Labradorstein geschnitten und äußerst
natürlich eingefügt[2].
[2] Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt gewesene
bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene Kunstwerk ist in der
Londoner illustrirten Zeitung Vol. 19. Juli to Dec. 1851 S. 133 mit der
Page 61
Unterschrift: J e w e l l e d H a w k , e x h i b e d b y the Duke of
D e v o n s h i r e abgebildet und ausführlich beschrieben.
Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und
gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes
Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt
Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen
die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch
unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an
dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen
Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und
wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes Erbstück
der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung in derselben
nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von Kniphausen«.
Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels
zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen
Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem
edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als
die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich
emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend
an sich drückte.
Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten
Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von
Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich
bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die
ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie vergessen
soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem Gemahl,
meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten Ottoline. Ich
kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster Dankbarkeit und
lebenslänglicher Freundschaft.
Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der
Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher
ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre himmelvollen
Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im Vorsaal ein
D e v o n s h i r e abgebildet und ausführlich beschrieben.
Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und
gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes
Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt
Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen
die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch
unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an
dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen
Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und
wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes Erbstück
der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung in derselben
nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von Kniphausen«.
Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels
zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen
Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem
edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als
die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich
emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend
an sich drückte.
Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten
Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von
Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich
bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die
ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie vergessen
soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem Gemahl,
meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten Ottoline. Ich
kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster Dankbarkeit und
lebenslänglicher Freundschaft.
Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der
Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher
ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre himmelvollen
Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im Vorsaal ein
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starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen der Thür, und der
Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen nicht trauend, wie von
Eis übergossen.
Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an
seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr diese
Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er zurücktreten
zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen
setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf den Boden
gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten sein, und
sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen
Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich
darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige Kraft
zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um
Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du es
dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter haben,
daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank dargebracht
nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, muß ich deinem
Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es deiner würdig ist. –
Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, und trat einige Schritte
näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein
Echo der letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte
ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Kniphausen
reiche. Bin ich in der That so hoch verpflichteter Schuldner geworden, so
will ich jetzt nicht mit Worten danken, sondern später durch Thaten.
Niemand soll sagen, Schloß Kniphausen sei ein ungastliches Haus
geworden, also bis auf Weiteres einstweilen zwischen uns –
Waffenstillstand.
Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte
Ottoline zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s
Neue, hob ihn gegen den Gemahl und sprach: I c h habe den Pokal dem
Retter meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit
uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist
erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und
wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus
Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen nicht trauend, wie von
Eis übergossen.
Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an
seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr diese
Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er zurücktreten
zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen
setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf den Boden
gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten sein, und
sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen
Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich
darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige Kraft
zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um
Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du es
dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter haben,
daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank dargebracht
nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, muß ich deinem
Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es deiner würdig ist. –
Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, und trat einige Schritte
näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein
Echo der letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte
ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Kniphausen
reiche. Bin ich in der That so hoch verpflichteter Schuldner geworden, so
will ich jetzt nicht mit Worten danken, sondern später durch Thaten.
Niemand soll sagen, Schloß Kniphausen sei ein ungastliches Haus
geworden, also bis auf Weiteres einstweilen zwischen uns –
Waffenstillstand.
Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte
Ottoline zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s
Neue, hob ihn gegen den Gemahl und sprach: I c h habe den Pokal dem
Retter meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit
uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist
erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und
wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus
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Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein konnte, als
diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung streitender Glieder
einer getrennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt
doch nur dem Mein und Dein des irdischen Besitzthums, während wir
ungleich inniger danken sollten für ein höheres neugeschenktes Besitzthum.
Darum nicht Waffenstillstand, sondern – Versöhnung!
Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt
mich zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir
mehr als verdient, ja überschwänglich gedankt!
Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre
stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October 1791
mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und wie
tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre Aufforderung
verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und die Großthat des
jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen Groll aus ihres
Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er ihr eine Bitte
versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm schwer genug,
durch die politischen Verhältnisse und die Verpflichtungen, die er
übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr und seinen zarten Kindern
getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach Fassung, bewältigte sein
inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr – kennt meine Gesinnung.
Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so stehe ich zu Diensten. Ich
gehorche meiner romantischen Gemahlin und trinke aus diesem Falken von
Kniphausen. Möge sein Wein nicht die Eigenschaft jenes Getränkes haben,
das die Zauberjungfrau im berühmten Oldenburger Horn unserm Ahnherrn,
dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr trank und reichte den Pokal an
Ludwig.
Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen
Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und
sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen
und edeln Hauses!
»Drink al ut!« sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten
Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das
Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und
diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung streitender Glieder
einer getrennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt
doch nur dem Mein und Dein des irdischen Besitzthums, während wir
ungleich inniger danken sollten für ein höheres neugeschenktes Besitzthum.
Darum nicht Waffenstillstand, sondern – Versöhnung!
Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt
mich zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir
mehr als verdient, ja überschwänglich gedankt!
Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre
stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October 1791
mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und wie
tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre Aufforderung
verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und die Großthat des
jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen Groll aus ihres
Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er ihr eine Bitte
versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm schwer genug,
durch die politischen Verhältnisse und die Verpflichtungen, die er
übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr und seinen zarten Kindern
getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach Fassung, bewältigte sein
inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr – kennt meine Gesinnung.
Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so stehe ich zu Diensten. Ich
gehorche meiner romantischen Gemahlin und trinke aus diesem Falken von
Kniphausen. Möge sein Wein nicht die Eigenschaft jenes Getränkes haben,
das die Zauberjungfrau im berühmten Oldenburger Horn unserm Ahnherrn,
dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr trank und reichte den Pokal an
Ludwig.
Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen
Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und
sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen
und edeln Hauses!
»Drink al ut!« sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten
Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das
Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und
Page 64
begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal bis
zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das
Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des Erbgrafen
zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier Lieblichkeit und
Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte eines jungen
weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die Versöhnung für
vollkommen.
Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer
Blick sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er
wahrzunehmen glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu
umgarnen: der Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits
Entdeckungen zu machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der
heimathlichen Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des
Abends beim Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß
Ottoline, indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch
angegriffen fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend,
sprach sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen
wir uns alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der
Falk von Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe
Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!
Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen
– er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und
schied mit höflichem Wunsche.
Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das
von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.
Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in
seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth
umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm
mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach
Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er
doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten
werde, aber wie ungern schied er nun!
Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten
sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und
zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das
Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des Erbgrafen
zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier Lieblichkeit und
Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte eines jungen
weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die Versöhnung für
vollkommen.
Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer
Blick sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er
wahrzunehmen glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu
umgarnen: der Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits
Entdeckungen zu machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der
heimathlichen Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des
Abends beim Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß
Ottoline, indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch
angegriffen fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend,
sprach sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen
wir uns alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der
Falk von Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe
Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!
Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen
– er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und
schied mit höflichem Wunsche.
Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das
von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.
Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in
seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth
umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm
mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach
Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er
doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten
werde, aber wie ungern schied er nun!
Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten
sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und
Page 65
Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden – er hielt wieder den Falk
von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene
Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline
schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie küßte
ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute der Traum
die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm gegenüber mit der
tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die Großmutter, als ob sie lebe,
in der Glorie ihres starren Stolzes zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber
nicht Jenem galt ihr zürnendes, strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres
alten ahnenreichen Stammes sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete
sie ernste Worte mit tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig
schon einmal vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein
von allen unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und
Neigung und Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die
schmerzlichen Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen
hervor!« – Diese Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an
deren Stelle; lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte,
Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige
See – hohe Burgen und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine
dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab
hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles
Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück.
Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe
gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den Blick
vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage; aber sie
sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer Blick sie
erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du nicht froh?
Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu
erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen,
wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem
Menschen kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf
das Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer
entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen, ich
trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein
überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die
scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die Dienerschaft
von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene
Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline
schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie küßte
ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute der Traum
die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm gegenüber mit der
tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die Großmutter, als ob sie lebe,
in der Glorie ihres starren Stolzes zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber
nicht Jenem galt ihr zürnendes, strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres
alten ahnenreichen Stammes sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete
sie ernste Worte mit tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig
schon einmal vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein
von allen unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und
Neigung und Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die
schmerzlichen Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen
hervor!« – Diese Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an
deren Stelle; lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte,
Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige
See – hohe Burgen und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine
dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab
hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles
Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück.
Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe
gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den Blick
vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage; aber sie
sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer Blick sie
erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du nicht froh?
Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu
erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen,
wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem
Menschen kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf
das Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer
entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen, ich
trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein
überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die
scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die Dienerschaft
Page 66
erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß schon Alles – die Pferde wären
auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein Mann von
Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen.
O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er sich
doch entschieden weigerte! rief Ottoline.
So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug
– sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden
Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?
Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit
Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern.
Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte
das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient, aus
dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so hoch
würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir können
nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein Bewußtsein,
Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß sein wird, die
Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so mag er sich mit
der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und nicht von
Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen lassen.
Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener
Stimme Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht
ahnen, daß –
Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte
forschend der Graf.
Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu
begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß eine
unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht habe
verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du ihn
haßtest, ja verachtest.
Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm.
Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen, der
zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu widerrufen, aber
auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein Mann von
Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen.
O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er sich
doch entschieden weigerte! rief Ottoline.
So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug
– sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden
Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?
Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit
Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern.
Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte
das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient, aus
dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so hoch
würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir können
nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein Bewußtsein,
Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß sein wird, die
Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so mag er sich mit
der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und nicht von
Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen lassen.
Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener
Stimme Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht
ahnen, daß –
Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte
forschend der Graf.
Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu
begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß eine
unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht habe
verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du ihn
haßtest, ja verachtest.
Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm.
Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen, der
zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu widerrufen, aber
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was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In wahnsinniger Wuth fluchte er
mir, und mit mir dir, unsern Kindern, unserm ganzen Geschlecht. Ewigen
Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf uns herab! In seinen
blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen mußte, wie sehr ich dich
liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu einer Leibeigenen soll ich
herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist, soll ich mit ihr zeugen, die ganze
Verwandtschaft soll mich hassen und verabscheuen, und in steigender
Verarmung soll ich untergehen.
Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken
beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß einen
leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in dem sie
einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr vorhiniges
Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe – entsetzt sprang
der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes leidendes Weib. Mit
stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline den Gemahl von sich, und
er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter Wuth zur Klingel, welche
die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk, Alles was vorging und
folgte. –
Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des
Erbherrn Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das
Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei in
der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des
Unfalles, tödtlich erkrankt.
Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den
nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den
Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp
wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.
In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig
seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein
seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich
heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse
Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog,
als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf des
Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege von
mir, und mit mir dir, unsern Kindern, unserm ganzen Geschlecht. Ewigen
Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf uns herab! In seinen
blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen mußte, wie sehr ich dich
liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu einer Leibeigenen soll ich
herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist, soll ich mit ihr zeugen, die ganze
Verwandtschaft soll mich hassen und verabscheuen, und in steigender
Verarmung soll ich untergehen.
Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken
beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß einen
leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in dem sie
einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr vorhiniges
Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe – entsetzt sprang
der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes leidendes Weib. Mit
stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline den Gemahl von sich, und
er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter Wuth zur Klingel, welche
die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk, Alles was vorging und
folgte. –
Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des
Erbherrn Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das
Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei in
der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des
Unfalles, tödtlich erkrankt.
Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den
nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den
Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp
wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.
In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig
seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein
seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich
heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse
Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog,
als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf des
Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege von
Page 68
Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen über Accum stößt dort auf
den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen Gartens
erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine alte
Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener Anblick,
denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im Lande,
dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von
malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.
Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein
bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang.
Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines Rosses
dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das Heimathland
überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und wohlbekannt, hier
in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten Römer suchen, ich
war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.
Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu
besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch
nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem Schieferdach
gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr einen Blick auf die
Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in vollem Maaße.
Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem
er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes,
von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und
verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter
Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir
erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen
Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige
Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen
Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und
bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu
wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen.
Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe gut
erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so
sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen
Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in
den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen Gartens
erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine alte
Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener Anblick,
denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im Lande,
dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von
malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.
Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein
bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang.
Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines Rosses
dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das Heimathland
überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und wohlbekannt, hier
in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten Römer suchen, ich
war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.
Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu
besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch
nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem Schieferdach
gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr einen Blick auf die
Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in vollem Maaße.
Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem
er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes,
von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und
verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter
Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir
erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen
Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige
Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen
Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und
bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu
wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen.
Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe gut
erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so
sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen
Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in
Page 69
seinem Leben der Wunderstrahl des »ewig Weiblichen« berührt hatte, und
ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen Welt.
Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen, aber
doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten
Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen
Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln
stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen,
strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende
Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu
belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft
mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen
Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen, welches
sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made, auf
längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf kürzerem
ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu rinnen.
Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made erkennen,
einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am gestrigen
Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet war. Ein
Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und
schmerzlicher Traum.
Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der
Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige
Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr saß
und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in überreicher Fülle,
und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter den Farbentönen;
manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt mit dem trockenen
Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher sie enthalten; das
reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem Knaben noch nicht
aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem einstigen Schlosse, mit
diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in weiblicher Linie von
Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg, jene Maria, hatte als
Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie erreichte ein hohes Alter,
ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser Stelle das herrliche Schloß,
nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl V. als Herzog von Brabant und
Burgund die Herrschaft in Lehn genommen. Eigen und wunderbar war ihr
Walten; sie war eine Mutter des Landes und allgeliebt, und noch heute lebt
ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen Welt.
Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen, aber
doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten
Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen
Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln
stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen,
strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende
Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu
belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft
mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen
Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen, welches
sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made, auf
längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf kürzerem
ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu rinnen.
Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made erkennen,
einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am gestrigen
Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet war. Ein
Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und
schmerzlicher Traum.
Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der
Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige
Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr saß
und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in überreicher Fülle,
und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter den Farbentönen;
manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt mit dem trockenen
Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher sie enthalten; das
reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem Knaben noch nicht
aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem einstigen Schlosse, mit
diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in weiblicher Linie von
Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg, jene Maria, hatte als
Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie erreichte ein hohes Alter,
ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser Stelle das herrliche Schloß,
nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl V. als Herzog von Brabant und
Burgund die Herrschaft in Lehn genommen. Eigen und wunderbar war ihr
Walten; sie war eine Mutter des Landes und allgeliebt, und noch heute lebt
Page 70
ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar gesegnet fort und der
Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren gehalten; der von ihr
angelegte Siel führt noch ihren Namen.
Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr
Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie die
Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten,
Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft vererbte.
Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die
Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte
Ahnherrin und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr
Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in dessen
Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die Herrschaft Jever
und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen werth seien – und
der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch Zwist und Hader
erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum Erisapfel.
Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die Miterbschaft
ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig gemachten
Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise das schöne,
vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von Anhalt-Zerbst,
den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem 1793
aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an Auguste
Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses Anhalt-Zerbst,
welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne saß. Dadurch setzte
Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher Gebieter auf deutschen
Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich die Geschicke mancher
Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses Oldenburg und Delmenhorst,
Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande seiner Väter und Ahnen auf
einer russischen Warte. Die weitentfernten Besitzer hatten das Schloß nicht
erhalten können, nicht erhalten wollen, so war es verfallen, und fast nur die
Sage erzählte noch seine Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären
von der schönen Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht
minder schönen Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von
verschwiegener Liebe und von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von
Dingen und Thaten, mit denen sich viele Bücher füllen ließen.
Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren gehalten; der von ihr
angelegte Siel führt noch ihren Namen.
Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr
Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie die
Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten,
Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft vererbte.
Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die
Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte
Ahnherrin und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr
Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in dessen
Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die Herrschaft Jever
und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen werth seien – und
der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch Zwist und Hader
erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum Erisapfel.
Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die Miterbschaft
ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig gemachten
Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise das schöne,
vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von Anhalt-Zerbst,
den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem 1793
aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an Auguste
Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses Anhalt-Zerbst,
welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne saß. Dadurch setzte
Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher Gebieter auf deutschen
Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich die Geschicke mancher
Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses Oldenburg und Delmenhorst,
Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande seiner Väter und Ahnen auf
einer russischen Warte. Die weitentfernten Besitzer hatten das Schloß nicht
erhalten können, nicht erhalten wollen, so war es verfallen, und fast nur die
Sage erzählte noch seine Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären
von der schönen Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht
minder schönen Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von
verschwiegener Liebe und von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von
Dingen und Thaten, mit denen sich viele Bücher füllen ließen.
Page 71
Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schlosse
Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen
von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer tief
empfundener Abschied.
Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen
von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer tief
empfundener Abschied.
Page 72
6. Ein Geheimniß.
In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und
blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war
abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der
König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der
Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord und
Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der fanatisirten
Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer gefallen, und
Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind, auch der
allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte. Die
Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die
Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis es
der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent
anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit der
Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand aus
der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte neue, wie
aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und
verderbliche Miasmen ausdampfen.
In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von
Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen,
welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs
Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm 1.
Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den Erbstatthalter
von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die Wogen der
Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und Flandern,
während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues Volk
sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren der
gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen Zeiten ist
nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem treuen
Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen lästigen
In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und
blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war
abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der
König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der
Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord und
Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der fanatisirten
Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer gefallen, und
Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind, auch der
allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte. Die
Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die
Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis es
der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent
anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit der
Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand aus
der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte neue, wie
aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und
verderbliche Miasmen ausdampfen.
In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von
Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen,
welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs
Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm 1.
Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den Erbstatthalter
von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die Wogen der
Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und Flandern,
während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues Volk
sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren der
gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen Zeiten ist
nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem treuen
Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen lästigen
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Aufenthalt oder persönliche Gefahr das nächste Ziel seiner Reise,
Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen wäre,
den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast in
Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts auch
ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der Nordseeküste, das
Wangerland.
Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette,
und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der Ferne die
Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß kein Schiff
angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde aufzunehmen,
und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst am gestrigen Tage
sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der junge Graf jetzt um
keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er schon auf die
Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen mußte, daß er auf
einer so wechselnden Reise denselben bald genug einbüßen werde. Es war
daher der Hund einstweilen oder für immer dem Kammerdiener Weisbrod
zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter setzten ihren Ritt längs der
Küste Ostfrieslands noch eine kleine Strecke westwärts fort, und hatten bald
die Freude, in der Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu
erblicken, und nach kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben,
das nach der Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in
Stand gesetzt, schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu
können; der frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach
Westen, und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten
zwischen der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm,
sondern zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so
gewann es mit der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das
offene Meer, und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn
Angesichts der Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum
vorüber, nach Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und
spät dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle
auf die unermeßliche Nordsee niedergoß.
Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des
jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war
ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar
vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen eine
Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen wäre,
den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast in
Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts auch
ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der Nordseeküste, das
Wangerland.
Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette,
und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der Ferne die
Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß kein Schiff
angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde aufzunehmen,
und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst am gestrigen Tage
sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der junge Graf jetzt um
keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er schon auf die
Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen mußte, daß er auf
einer so wechselnden Reise denselben bald genug einbüßen werde. Es war
daher der Hund einstweilen oder für immer dem Kammerdiener Weisbrod
zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter setzten ihren Ritt längs der
Küste Ostfrieslands noch eine kleine Strecke westwärts fort, und hatten bald
die Freude, in der Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu
erblicken, und nach kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben,
das nach der Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in
Stand gesetzt, schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu
können; der frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach
Westen, und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten
zwischen der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm,
sondern zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so
gewann es mit der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das
offene Meer, und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn
Angesichts der Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum
vorüber, nach Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und
spät dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle
auf die unermeßliche Nordsee niedergoß.
Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des
jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war
ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar
vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen eine
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auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der Erstere etwas älter aussah und
auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder halten
können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener auffiel, so
schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän hatte um so
mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander vorzustellen; er
konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren derselben in dessen Paß
gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher diesen Namen mit großem
Fleiße geschnörkelt, das r im Namen Varel nicht r, sondern ı geschrieben
hatte, so war es nicht zu verwundern, daß der Kapitän statt Graf Varel –
Graf Vavel las, und unter diesem veränderten Namen ihn seinem Reisenden
vorstellte. Ludwig vernahm den Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt,
denselben zu berichtigen, um so mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit
ließ, sondern alsbald den Namen des Reisenden nannte: Herr Leonardus
Cornelius van der Valck, Sohn von Herrn Adrianus van der Valck,
berühmten Kauf- und Handelsherrn zu Amsterdam.
Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das
Wort: Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen
Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich den
Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube nicht zu
irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und gewiesen bin,
und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen Angelegenheiten mir zu
erbitten haben werde.
Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr
Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und mich
besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst bei
uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in Amsterdam
waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser großen und jetzt
noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer zu haben.
Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden
Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind.
Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der
ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber
prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu
verplaudern, welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein
auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder halten
können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener auffiel, so
schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän hatte um so
mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander vorzustellen; er
konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren derselben in dessen Paß
gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher diesen Namen mit großem
Fleiße geschnörkelt, das r im Namen Varel nicht r, sondern ı geschrieben
hatte, so war es nicht zu verwundern, daß der Kapitän statt Graf Varel –
Graf Vavel las, und unter diesem veränderten Namen ihn seinem Reisenden
vorstellte. Ludwig vernahm den Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt,
denselben zu berichtigen, um so mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit
ließ, sondern alsbald den Namen des Reisenden nannte: Herr Leonardus
Cornelius van der Valck, Sohn von Herrn Adrianus van der Valck,
berühmten Kauf- und Handelsherrn zu Amsterdam.
Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das
Wort: Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen
Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich den
Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube nicht zu
irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und gewiesen bin,
und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen Angelegenheiten mir zu
erbitten haben werde.
Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr
Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und mich
besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst bei
uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in Amsterdam
waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser großen und jetzt
noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer zu haben.
Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden
Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind.
Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der
ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber
prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu
verplaudern, welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein
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gegenseitiges näheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein
gut angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast
aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der neuen
Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch die
Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von dem
heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener
Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die
Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen
Thonpfeifen nicht ausgingen.
Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß
Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er führte,
hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van der
Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und Fluit
und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen Stande
der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen Tagen
verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können. Man hatte
nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen die
Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre
aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten gegen
die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam fort, ohne
daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen habe.
Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische Wesen uns
Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen, tausendfache
Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den Verkehr
untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen man
wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein schwerer
körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen, und
muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen, daß er
diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand, wie
Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und
dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn
meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen,
nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen
eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber dafür
den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen als
lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben.
gut angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast
aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der neuen
Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch die
Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von dem
heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener
Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die
Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen
Thonpfeifen nicht ausgingen.
Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß
Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er führte,
hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van der
Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und Fluit
und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen Stande
der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen Tagen
verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können. Man hatte
nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen die
Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre
aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten gegen
die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam fort, ohne
daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen habe.
Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische Wesen uns
Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen, tausendfache
Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den Verkehr
untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen man
wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein schwerer
körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen, und
muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen, daß er
diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand, wie
Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und
dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn
meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen,
nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen
eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber dafür
den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen als
lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben.
Page 76
Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf
Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren.
Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten
Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu
Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde
Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer
Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches
von Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene
Rechnung, noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige
mir unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von
Contrebanden, noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3],
es sei in oder außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf
meiner angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen,
daß ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest
benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem
Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht
gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre
gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am
wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord
nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender
Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«
[3] Mächte.
Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder
gar militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die
Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten
dar.
Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete der
Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach dann in
den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich die
Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre
Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie beide
selbst.
Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine
leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann
Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren.
Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten
Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu
Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde
Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer
Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches
von Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene
Rechnung, noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige
mir unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von
Contrebanden, noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3],
es sei in oder außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf
meiner angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen,
daß ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest
benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem
Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht
gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre
gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am
wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord
nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender
Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«
[3] Mächte.
Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder
gar militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die
Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten
dar.
Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete der
Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach dann in
den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich die
Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre
Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie beide
selbst.
Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine
leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann
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keine kaufmännische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen
charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des
Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber
verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das
Wort: vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht
zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas
Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes
hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete:
Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine
Freundschaft!
Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem
die entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte:
oder ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein
Gesicht betheiligt sieht?
Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus:
und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht
anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht
die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle,
Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts
Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht
nützlich werden.
Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. –
Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit
hinzu.
In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen
einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes
Wesen mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch
ich bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich
habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und
Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen.
Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes
Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl,
mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es
seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben,
charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des
Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber
verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das
Wort: vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht
zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas
Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes
hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete:
Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine
Freundschaft!
Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem
die entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte:
oder ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein
Gesicht betheiligt sieht?
Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus:
und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht
anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht
die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle,
Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts
Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht
nützlich werden.
Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. –
Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit
hinzu.
In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen
einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes
Wesen mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch
ich bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich
habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und
Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen.
Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes
Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl,
mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es
seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben,
Page 78
meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie stützen
und von ihnen reden könne.
Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän.
Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt habe;
und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann Manches
lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst unsere Kumme
und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung beginnen. –
Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig und dazu
gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare, sternenklare
Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die Unermeßlichkeit, und man
sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten, denn der Himmel warf
die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in die Wogentiefe, und die
goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf den silberkräuselnden
Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild millionenfach
gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die Inselflächen noch in
Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond scharf beleuchteter
Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die Orte und Gehöfte
darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen wie silberne,
riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im Mondstrahl
träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren. Nur wenig
leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben findet nur
unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist demselben
nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit einen schnell
verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber die hoch
empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das Schiff auf weite
Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im verklärenden
Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines morgenländischen
Märchens.
Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf
Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu
Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen
leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit
angeborener Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des
Lebens, und durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und
sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in
Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und
und von ihnen reden könne.
Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän.
Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt habe;
und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann Manches
lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst unsere Kumme
und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung beginnen. –
Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig und dazu
gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare, sternenklare
Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die Unermeßlichkeit, und man
sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten, denn der Himmel warf
die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in die Wogentiefe, und die
goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf den silberkräuselnden
Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild millionenfach
gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die Inselflächen noch in
Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond scharf beleuchteter
Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die Orte und Gehöfte
darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen wie silberne,
riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im Mondstrahl
träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren. Nur wenig
leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben findet nur
unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist demselben
nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit einen schnell
verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber die hoch
empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das Schiff auf weite
Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im verklärenden
Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines morgenländischen
Märchens.
Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf
Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu
Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen
leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit
angeborener Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des
Lebens, und durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und
sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in
Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und
Page 79
Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und
ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in
Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu
begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle
Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden
Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen
Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in Konstantinopel
und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein Vater gibt mir
selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann geworden sei. Ganz
anders aber und ungleich mißlicher steht es um die Erfüllung eines zweiten
Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten Herrn Vaters. Derselbe
sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein Herz zu wachen, keine
Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir kreuzt, sonst betrübst du
mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks. Denn wisse, mein guter
Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und zwar ein sehr liebes Kind,
jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber zur lieblichen Jungfrau
heranblühen wird. Es ist die Tochter meines besten Freundes, du kennst ihn,
kennst sie, sie ist die einzige Erbin, und deine Verbindung mit ihr wird der
glücklichste der Tage sein, welche ich noch zu erleben hoffe.
So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend,
kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und
unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst
zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt sie
zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf den
die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – –
Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen
Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert mich
vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!
Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch
erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung Ihrer
Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am
Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher
Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf
treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der
Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei
ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in
Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu
begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle
Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden
Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen
Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in Konstantinopel
und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein Vater gibt mir
selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann geworden sei. Ganz
anders aber und ungleich mißlicher steht es um die Erfüllung eines zweiten
Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten Herrn Vaters. Derselbe
sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein Herz zu wachen, keine
Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir kreuzt, sonst betrübst du
mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks. Denn wisse, mein guter
Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und zwar ein sehr liebes Kind,
jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber zur lieblichen Jungfrau
heranblühen wird. Es ist die Tochter meines besten Freundes, du kennst ihn,
kennst sie, sie ist die einzige Erbin, und deine Verbindung mit ihr wird der
glücklichste der Tage sein, welche ich noch zu erleben hoffe.
So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend,
kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und
unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst
zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt sie
zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf den
die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – –
Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen
Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert mich
vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!
Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch
erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung Ihrer
Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am
Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher
Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf
treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der
Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei
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Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger
thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der
erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede
kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne
zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.
Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich
bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns
schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde
bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der Nordsee
zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck sitzen
und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.
Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu
vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr
Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu leisten, so
rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr meiner Zeit,
und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin, auch in diesem
Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf.
Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten
Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht
führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun
beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im vorigen
Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen
Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und ist
es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher angelegte
Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der nichtsnutzen und
völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten. Ich vollbrachte mein
Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die Vendée den Unsinn der
Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte aber Mühe genug, nicht für
einen verkappten Franzosen gehalten und gezwungen zu werden, in
Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich wie ein Mann gegen die
Republik und ihre Menschenschlächter erhoben hatten, die Waffen zu
ergreifen. Es war im Monat September, und nach den glorreichsten Siegen
warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos über das unglückliche
Land und seine ihrem König und ihrem Glauben treuanhängliche
Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont noch einige dieser
thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der
erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede
kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne
zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.
Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich
bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns
schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde
bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der Nordsee
zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck sitzen
und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.
Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu
vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr
Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu leisten, so
rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr meiner Zeit,
und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin, auch in diesem
Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf.
Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten
Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht
führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun
beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im vorigen
Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen
Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und ist
es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher angelegte
Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der nichtsnutzen und
völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten. Ich vollbrachte mein
Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die Vendée den Unsinn der
Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte aber Mühe genug, nicht für
einen verkappten Franzosen gehalten und gezwungen zu werden, in
Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich wie ein Mann gegen die
Republik und ihre Menschenschlächter erhoben hatten, die Waffen zu
ergreifen. Es war im Monat September, und nach den glorreichsten Siegen
warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos über das unglückliche
Land und seine ihrem König und ihrem Glauben treuanhängliche
Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont noch einige dieser
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Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die Garnison, welcher die
Capitulation dieser Stadt eine anderweite Wirksamkeit versagte,
sechzehntausend Mann stark aus und marschirte gegen die Vendée, und
bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine Armee von sechzigtausend
Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch durch die Nationalgarde
aller Provinzen, durch die das Heer zog, vermehrt werden sollte. Es
erfolgten, wie bekannt ist, die allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte
ausgefegt werden, kein Alter, kein Geschlecht verschont bleiben, und also
geschah es. Doch ich will ja nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe
schildern, sondern ein unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine
wunderbare Weise in den Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht
nach der anderen nach le Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein
Kampfgenosse d’Autichamps waren bei einem Angriff auf Doué, an der
Spitze von fünfundzwanzigtausend Mann, geschlagen worden; ebenso vor
Thuars General Lescure mit zehntausend, und das Schrecklichste stand
bevor. Mit dem Gedanken an die Beschleunigung meiner Abreise
beschäftigt und überlegend, wie ich diese am geeignetsten einrichten wollte
und auf welchen Wegen ich am schnellsten und gefahrlosesten die nördliche
Küste gewinnen könne, gehe ich eines Abends gegen die Zeit der
Dämmerung auf dem reizenden Spaziergang, der den Namen le Greffier
führt, auf und ab, als ich einige laute Worte, hervorgestoßen von einer
rauhen Mannesstimme, vernehme, und dazwischen Schluchzen und
Stöhnen eines leidenden Weibes.
Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim
Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie
wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du
nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind getrennt
auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir!
Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr
mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um
des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen!
Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich
mich vergesse, ehe ich dich tödte!
Capitulation dieser Stadt eine anderweite Wirksamkeit versagte,
sechzehntausend Mann stark aus und marschirte gegen die Vendée, und
bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine Armee von sechzigtausend
Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch durch die Nationalgarde
aller Provinzen, durch die das Heer zog, vermehrt werden sollte. Es
erfolgten, wie bekannt ist, die allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte
ausgefegt werden, kein Alter, kein Geschlecht verschont bleiben, und also
geschah es. Doch ich will ja nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe
schildern, sondern ein unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine
wunderbare Weise in den Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht
nach der anderen nach le Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein
Kampfgenosse d’Autichamps waren bei einem Angriff auf Doué, an der
Spitze von fünfundzwanzigtausend Mann, geschlagen worden; ebenso vor
Thuars General Lescure mit zehntausend, und das Schrecklichste stand
bevor. Mit dem Gedanken an die Beschleunigung meiner Abreise
beschäftigt und überlegend, wie ich diese am geeignetsten einrichten wollte
und auf welchen Wegen ich am schnellsten und gefahrlosesten die nördliche
Küste gewinnen könne, gehe ich eines Abends gegen die Zeit der
Dämmerung auf dem reizenden Spaziergang, der den Namen le Greffier
führt, auf und ab, als ich einige laute Worte, hervorgestoßen von einer
rauhen Mannesstimme, vernehme, und dazwischen Schluchzen und
Stöhnen eines leidenden Weibes.
Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim
Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie
wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du
nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind getrennt
auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir!
Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr
mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um
des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen!
Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich
mich vergesse, ehe ich dich tödte!
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Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die
Kniee.
Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy –
diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief: Bist
du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott der
Liebe sendet dir einen Retter!
Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus
einem Munde.
Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie verloren,
und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich muß, um
Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß einschalten. Es war
im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte damals
dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland führte, wo ich
am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren Nachbarstädten
kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich in die Pfalz. In
Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen Kaufmannsfamilie,
Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein junges Mädchen
kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein ganzes Herz
hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde nicht mit einem
deutschen, sondern mit einem französischen Namen gerufen, getreu der in
Deutschland so häufig in vornehmen Häusern heimischen Unsitte, die
Muttersprache zu verachten und der fremdländischen zu huldigen. Ich liebte
das Mädchen heiß und innig, sie wurde das Ideal meiner
Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das gegebene Wort, doch
nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes Versprechen gegeben hätte.
Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein außerordentlich zartes,
schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner Erinnerungen. Angé’s
Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern gesehen haben, wenn ich
ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte, denn einmal gefiel ich
ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte, persönlich, und dann mochte ihr
kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß der Sohn des Hauses van der
Valck in Amsterdam keine ungeeignete Verbindung mit ihrem Hause in
Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu werden und das junge Glück unserer
seligen Liebe nicht selbst zu zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des
geliebten Mädchens an, daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über
Kniee.
Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy –
diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief: Bist
du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott der
Liebe sendet dir einen Retter!
Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus
einem Munde.
Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie verloren,
und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich muß, um
Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß einschalten. Es war
im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte damals
dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland führte, wo ich
am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren Nachbarstädten
kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich in die Pfalz. In
Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen Kaufmannsfamilie,
Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein junges Mädchen
kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein ganzes Herz
hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde nicht mit einem
deutschen, sondern mit einem französischen Namen gerufen, getreu der in
Deutschland so häufig in vornehmen Häusern heimischen Unsitte, die
Muttersprache zu verachten und der fremdländischen zu huldigen. Ich liebte
das Mädchen heiß und innig, sie wurde das Ideal meiner
Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das gegebene Wort, doch
nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes Versprechen gegeben hätte.
Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein außerordentlich zartes,
schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner Erinnerungen. Angé’s
Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern gesehen haben, wenn ich
ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte, denn einmal gefiel ich
ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte, persönlich, und dann mochte ihr
kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß der Sohn des Hauses van der
Valck in Amsterdam keine ungeeignete Verbindung mit ihrem Hause in
Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu werden und das junge Glück unserer
seligen Liebe nicht selbst zu zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des
geliebten Mädchens an, daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über
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meine Hand verfügen könne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu
drängte; daß aber Geduld und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen
würden. Ich genoß mein Glück und blieb so lange wie möglich in dem
schönen Zweibrücken, und als ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger
Briefwechsel zwischen Angés und mir verabredet, und die Aufschriften und
Bestimmungsorte der Briefe festgestellt.
Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und
wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen –
weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der Heimath
entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr den
Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden
geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn
in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich
viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein Franzose,
Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und verliebte
sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben gemacht hatte,
als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit der Pflege eines
zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand.
Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches
Erröthen auf die Wangen des Jünglings.
Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem
Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr viele
Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer macht.
Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind nicht
abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte Verhältnisse
nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und Angés, die
mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb widerstrebend und
unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere Macht, als durch den
Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es das ihr anvertraute
Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.
Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der
aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief, durch
den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb erzwungenen
Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein Mann, der
drängte; daß aber Geduld und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen
würden. Ich genoß mein Glück und blieb so lange wie möglich in dem
schönen Zweibrücken, und als ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger
Briefwechsel zwischen Angés und mir verabredet, und die Aufschriften und
Bestimmungsorte der Briefe festgestellt.
Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und
wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen –
weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der Heimath
entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr den
Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden
geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn
in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich
viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein Franzose,
Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und verliebte
sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben gemacht hatte,
als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit der Pflege eines
zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand.
Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches
Erröthen auf die Wangen des Jünglings.
Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem
Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr viele
Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer macht.
Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind nicht
abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte Verhältnisse
nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und Angés, die
mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb widerstrebend und
unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere Macht, als durch den
Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es das ihr anvertraute
Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.
Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der
aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief, durch
den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb erzwungenen
Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein Mann, der
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weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte diese Wendung vielleicht
nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst bestürzt und ich weinte
meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach. Je mehr ich Angé’s Brief
wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den Zeilen den Wunsch des
geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben, ihr nicht zu zürnen, und ich
schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu. Ich schrieb unter der
angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt auch bald darauf wieder
Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir ihr Leben, erwähnte auch
des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern ihres Mannes, ihres
Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen Verhältnisses; der Brief
überhaupt aber athmete so viele Wärme und so zärtliche Gefühle für den
ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß mein Herz immer aufs neue
befangen ward, und daß ich eine starke Sehnsucht empfand, Angés
wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht sträflich, nun so fand es
auch seine volle Strafe. Ich antwortete sogleich, sprach mich im
angedeuteten Sinne aus, erwiederte die Offenbarung der alten nie rostenden
und ersterbenden Neigung, und fragte an, ob es möglich sein werde, sie
wieder zu sehen, ohne ihr Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine
Antwort auf diesen Brief, bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem
ersichtlich war, daß Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie
klagte, daß ich sie ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es
sie tief schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.
Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief
verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in
Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches
Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben, wie
nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste nach
dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem
Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf
den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses
Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief, der
noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person dieses
Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht
erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden
zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in einem
Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur Weiterbeförderung nach
nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst bestürzt und ich weinte
meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach. Je mehr ich Angé’s Brief
wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den Zeilen den Wunsch des
geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben, ihr nicht zu zürnen, und ich
schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu. Ich schrieb unter der
angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt auch bald darauf wieder
Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir ihr Leben, erwähnte auch
des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern ihres Mannes, ihres
Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen Verhältnisses; der Brief
überhaupt aber athmete so viele Wärme und so zärtliche Gefühle für den
ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß mein Herz immer aufs neue
befangen ward, und daß ich eine starke Sehnsucht empfand, Angés
wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht sträflich, nun so fand es
auch seine volle Strafe. Ich antwortete sogleich, sprach mich im
angedeuteten Sinne aus, erwiederte die Offenbarung der alten nie rostenden
und ersterbenden Neigung, und fragte an, ob es möglich sein werde, sie
wieder zu sehen, ohne ihr Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine
Antwort auf diesen Brief, bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem
ersichtlich war, daß Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie
klagte, daß ich sie ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es
sie tief schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.
Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief
verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in
Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches
Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben, wie
nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste nach
dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem
Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf
den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses
Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief, der
noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person dieses
Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht
erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden
zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in einem
Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur Weiterbeförderung nach
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Zweibrücken sandte. Gleich darauf entfernte mich abermals eine lange
Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich keine Antwort vor;
wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die Einsicht der Eltern für
besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts Gutem führend, unbestellt zu
lassen. Ich betrauerte sie als verloren, konnte sie aber nimmer vergessen.
Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die
Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches Walten
die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres Lebens so
unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte Alles auf.
Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes das le
vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons statt Mans
gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so lange ohne
Kunde von einander blieben.
7. Angés.
Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine
scheidenden Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft
und unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.«
Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.
Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach
Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine
beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger
dem Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so
wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie ferner zu
unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und auf den
Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu begeben.
Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer
Antheil an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht,
und da er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr
sich sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl
Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich keine Antwort vor;
wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die Einsicht der Eltern für
besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts Gutem führend, unbestellt zu
lassen. Ich betrauerte sie als verloren, konnte sie aber nimmer vergessen.
Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die
Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches Walten
die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres Lebens so
unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte Alles auf.
Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes das le
vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons statt Mans
gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so lange ohne
Kunde von einander blieben.
7. Angés.
Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine
scheidenden Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft
und unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.«
Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.
Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach
Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine
beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger
dem Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so
wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie ferner zu
unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und auf den
Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu begeben.
Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer
Antheil an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht,
und da er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr
sich sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl
Page 86
Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes
mit jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn
verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.
Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer,
und das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in
tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.
Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom
Bord der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff
war schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen
das nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln,
um dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die
Küste gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die
Sonne aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob,
traten nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in
Sicht.
Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf
nicht versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s
Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge
aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der Kajüte
des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus ließ
sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht abgebrochenen
Erzählung bitten.
Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als
Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so
Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs
Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir
nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach mir,
nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und bald
hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und erzählte
mir Alles.
Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder
mit den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte,
vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann, sein
Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften eines
mit jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn
verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.
Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer,
und das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in
tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.
Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom
Bord der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff
war schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen
das nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln,
um dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die
Küste gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die
Sonne aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob,
traten nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in
Sicht.
Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf
nicht versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s
Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge
aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der Kajüte
des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus ließ
sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht abgebrochenen
Erzählung bitten.
Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als
Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so
Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs
Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir
nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach mir,
nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und bald
hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und erzählte
mir Alles.
Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder
mit den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte,
vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann, sein
Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften eines
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tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs auch sein
verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen seine
Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht war.
Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß das
Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen weder
Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine sah sich
unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines Gemüth zu
verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine maßlose
Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit Argusaugen
bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie sich einen
Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés ihren
ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen Schritt, und
wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte Menschen, an eine
freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die noch, wie die ganze
Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, ihr, der Deutschen, der
Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche Ansprache bot.
Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der
einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie,
zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung.
Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die
eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit
der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff er
in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand und las
Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, nach ihrer
Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie ein
unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu
verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies
selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen
stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der
Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem
kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée zuwälzenden
Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um jeden
Preis.
Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand
und die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies
alles mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen
verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen seine
Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht war.
Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß das
Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen weder
Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine sah sich
unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines Gemüth zu
verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine maßlose
Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit Argusaugen
bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie sich einen
Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés ihren
ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen Schritt, und
wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte Menschen, an eine
freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die noch, wie die ganze
Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, ihr, der Deutschen, der
Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche Ansprache bot.
Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der
einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie,
zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung.
Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die
eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit
der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff er
in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand und las
Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, nach ihrer
Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie ein
unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu
verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies
selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen
stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der
Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem
kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée zuwälzenden
Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um jeden
Preis.
Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand
und die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies
alles mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen
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werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar
vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und
verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung
möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber
das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig
betheuerte, nicht lassen.
Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten
Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten
mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés.
Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen
sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die
Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige
Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.
Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte
Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung aus
wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich war
ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes gequältes
Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen unbegrenzten
Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem Wohnhause
zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft
besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und
harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.
Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich
bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm,
was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das schon
schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm an,
anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde mit ihm
zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen ihrer auf der
Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer vermeinten Mutter
hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte Last auf meine Arme,
und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das nicht fern vom le Greffier
gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die Nacht war mondhell, ich ließ
den Kutscher anspannen, und sagte dem Wirth, daß eine nahe Verwandte
von mir mich begleiten werde. Einige Goldstücke über den Betrag meiner
Rechnung bewogen meinen gefälligen Wirth, sich zur Mairie zu begeben,
vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und
verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung
möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber
das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig
betheuerte, nicht lassen.
Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten
Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten
mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés.
Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen
sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die
Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige
Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.
Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte
Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung aus
wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich war
ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes gequältes
Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen unbegrenzten
Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem Wohnhause
zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft
besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und
harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.
Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich
bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm,
was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das schon
schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm an,
anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde mit ihm
zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen ihrer auf der
Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer vermeinten Mutter
hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte Last auf meine Arme,
und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das nicht fern vom le Greffier
gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die Nacht war mondhell, ich ließ
den Kutscher anspannen, und sagte dem Wirth, daß eine nahe Verwandte
von mir mich begleiten werde. Einige Goldstücke über den Betrag meiner
Rechnung bewogen meinen gefälligen Wirth, sich zur Mairie zu begeben,
Page 89
um für seine Verwandte, welche mit ihrem Bruder, der aus Amsterdam
gekommen sei, sie abzuholen, und mit ihrem Kinde nach Holland zu reisen
gedenke, einen Paß zu erbitten, und unser Abenteuer lief ganz glücklich ab;
wir waren, als die Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit
aus dem Weichbild der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel
und mich unter Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner
Bedingung eine solche That, als die meine war, die förmliche Entführung
einer verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber
hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und hatte
gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in der
bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner Herbstwitterung
begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden herabkommenden
Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens und Argentan, Falais
und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland. Ein kleines Schiff
führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters »vergulde Rose«, Kapitän
Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar zarte Lilien an Bord zu nehmen,
nebst mich und meinen Diener.
Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen
sehen, wie es enden wird!
Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag,
und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin
am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste Zukunft
unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals vielen
Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22.
September.
Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag
ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der meinige
auf denselben Tag fällt.
Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän.
Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden
Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten
Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den
Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für ein
Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter der
gekommen sei, sie abzuholen, und mit ihrem Kinde nach Holland zu reisen
gedenke, einen Paß zu erbitten, und unser Abenteuer lief ganz glücklich ab;
wir waren, als die Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit
aus dem Weichbild der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel
und mich unter Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner
Bedingung eine solche That, als die meine war, die förmliche Entführung
einer verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber
hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und hatte
gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in der
bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner Herbstwitterung
begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden herabkommenden
Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens und Argentan, Falais
und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland. Ein kleines Schiff
führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters »vergulde Rose«, Kapitän
Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar zarte Lilien an Bord zu nehmen,
nebst mich und meinen Diener.
Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen
sehen, wie es enden wird!
Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag,
und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin
am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste Zukunft
unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals vielen
Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22.
September.
Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag
ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der meinige
auf denselben Tag fällt.
Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän.
Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden
Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten
Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den
Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für ein
Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter der
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Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch zum
Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß,
werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch
tractiren.
Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine
Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um
alles Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand,
drückte sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That
wunderbar, wie viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil
werden läßt. Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für
das ganze uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von
unbegrenztem Vertrauen zu Euch!
Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die
Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor
falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein,
nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus, seine
Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue. Ludwig
bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung gerne beide
Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen hohen Begriff;
mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die Sprüche des großen
Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich: »Gerechte
Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut auf Erden, als
ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde! – Für Brüder
achten sollst wahrhafte Freunde du!«
Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend
in Ludwig’s Arme.
Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und
erwiderte den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens,
das sich bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte
nähren und aufrichten dürfen.
Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte
Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines
Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen
Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:
Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß,
werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch
tractiren.
Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine
Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um
alles Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand,
drückte sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That
wunderbar, wie viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil
werden läßt. Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für
das ganze uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von
unbegrenztem Vertrauen zu Euch!
Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die
Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor
falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein,
nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus, seine
Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue. Ludwig
bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung gerne beide
Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen hohen Begriff;
mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die Sprüche des großen
Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich: »Gerechte
Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut auf Erden, als
ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde! – Für Brüder
achten sollst wahrhafte Freunde du!«
Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend
in Ludwig’s Arme.
Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und
erwiderte den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens,
das sich bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte
nähren und aufrichten dürfen.
Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte
Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines
Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen
Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:
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Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen,
Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican
Mit meinem Blut sie tränken.
Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem
würdigen Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen
und zu beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher
Erinnerungen an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es
begann die heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und
wohlgesinnten Kapitäns.
Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren
nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der Watten
links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten mußte. Die
»vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten die Inseln
Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die friesländische Küste
aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken in Sicht, bis es dieser bei
dem sagenreichen Stavoren vorüber am nächsten kam.
Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in die
Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden
ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.
Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und
verwundert über diesen raschen Aufbruch.
Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr
Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald darauf
wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem
freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle
Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem
unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.
Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der
Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf,
erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr
Bruder!
Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican
Mit meinem Blut sie tränken.
Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem
würdigen Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen
und zu beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher
Erinnerungen an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es
begann die heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und
wohlgesinnten Kapitäns.
Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren
nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der Watten
links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten mußte. Die
»vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten die Inseln
Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die friesländische Küste
aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken in Sicht, bis es dieser bei
dem sagenreichen Stavoren vorüber am nächsten kam.
Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in die
Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden
ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.
Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und
verwundert über diesen raschen Aufbruch.
Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr
Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald darauf
wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem
freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle
Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem
unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.
Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der
Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf,
erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr
Bruder!
Page 92
Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie
darf? fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger
Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine liebenswürdige
Schwester gewinne ich dabei!
Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich
niederzulassen; sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich
selbst traulich anschmiegend an Leonardus Seite.
Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen
vollgeweidet, diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie
war von blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie
hatte ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in
Ringellocken um das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln
Augen, die man nur irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier
Jahre zählen, erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu
einem schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise
nippte Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien
edel, zart, zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe
des Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab.
Sie saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft
erröthend, viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der
allernächsten Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin,
denn es wurde allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.
Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er.
Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm
dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in Amsterdam
zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß, ich brauche
nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht bleiben, ohne
unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher vertraue ich sie
dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie unter deiner Obhut
wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine Schwester, nimm sie in
deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was du für sie und dieses
holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste Kind aufwendest, will ich
ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe fest, daß ich mich bald wieder
werde befreien können, und dann dich freigeben. Du botest mir deine
Dienste freiwillig an, guter Ludwig, zürne mir nun nicht, wenn ich die
darf? fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger
Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine liebenswürdige
Schwester gewinne ich dabei!
Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich
niederzulassen; sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich
selbst traulich anschmiegend an Leonardus Seite.
Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen
vollgeweidet, diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie
war von blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie
hatte ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in
Ringellocken um das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln
Augen, die man nur irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier
Jahre zählen, erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu
einem schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise
nippte Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien
edel, zart, zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe
des Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab.
Sie saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft
erröthend, viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der
allernächsten Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin,
denn es wurde allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.
Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er.
Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm
dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in Amsterdam
zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß, ich brauche
nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht bleiben, ohne
unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher vertraue ich sie
dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie unter deiner Obhut
wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine Schwester, nimm sie in
deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was du für sie und dieses
holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste Kind aufwendest, will ich
ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe fest, daß ich mich bald wieder
werde befreien können, und dann dich freigeben. Du botest mir deine
Dienste freiwillig an, guter Ludwig, zürne mir nun nicht, wenn ich die
Page 93
dargebotene Hand ergreife als den Rettungsanker meines sonst unfehlbar
sinkenden Lebensschiffes. O geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn
bitten!
O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit
Flötenlauten, und ihre Augen standen voll Thränen.
Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus
mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur
der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und ich
vollbringe es mit Freudigkeit.
O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und
Angés, und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem
einige Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem
Riethgras, und füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf
gutes Glück! – Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen!
riefen die andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd
und verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach
dem Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es
nippen, froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und
Freude zu verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.
Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der
Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach
Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der
»vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen
zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich
befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe einen
in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der Kapitän
dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit ihm gefeiert
zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, zum Steuerbord
hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich grüßend in ihre
abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem Lauf der
»vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner Schnellsegler,
und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!
Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.
sinkenden Lebensschiffes. O geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn
bitten!
O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit
Flötenlauten, und ihre Augen standen voll Thränen.
Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus
mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur
der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und ich
vollbringe es mit Freudigkeit.
O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und
Angés, und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem
einige Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem
Riethgras, und füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf
gutes Glück! – Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen!
riefen die andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd
und verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach
dem Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es
nippen, froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und
Freude zu verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.
Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der
Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach
Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der
»vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen
zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich
befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe einen
in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der Kapitän
dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit ihm gefeiert
zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, zum Steuerbord
hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich grüßend in ihre
abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem Lauf der
»vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner Schnellsegler,
und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!
Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.
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Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser
Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den Grund
segeln würde? fragte Ludwig.
Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die reichsgräfliche
Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der liebste und
thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien boven! Oranien
boven!
Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der Partei
des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete, war
zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer oranischen
Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch dort auf der
Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann Befehl, so viel
als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht das Fahrwasser
freizugeben.
Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines
Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte.
Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt
zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr
frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte
mit tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost
sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde
Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände
zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen
Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch
vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen
Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch
ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg
zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die
schöne Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte,
erfolgten die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch
zwei Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam
zu hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine einmastige
Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen langen und
fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes, blühendes Land
gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der Schiffer, wie über
Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den Grund
segeln würde? fragte Ludwig.
Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die reichsgräfliche
Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der liebste und
thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien boven! Oranien
boven!
Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der Partei
des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete, war
zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer oranischen
Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch dort auf der
Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann Befehl, so viel
als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht das Fahrwasser
freizugeben.
Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines
Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte.
Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt
zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr
frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte
mit tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost
sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde
Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände
zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen
Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch
vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen
Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch
ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg
zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die
schöne Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte,
erfolgten die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch
zwei Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam
zu hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine einmastige
Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen langen und
fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes, blühendes Land
gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der Schiffer, wie über
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diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine andere Gestalt
annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener See, oder im
günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches Rollen und
Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar, und es ist gar
kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das eines
Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der
versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört.
Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang
gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren
hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als trauriger
kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: al daar verdronken –
verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en zeventwintig, en
een duizend twee honderd en zeventachtig. – Dort breitete sich vor Stavoren
die lange weiße Düne, der Frauensand, auf dem ein junges Saatengrün oder
einst in das Meer geworfener Waizen als unfruchtbarer Dünenhafer
aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen, hemmte dem früher so
blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe. Jetzt lief die
»vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der Zuider-See. Der
Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht war, und als
abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, steuerte das
Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer Fahrt schier
phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch den Nebel
der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den Thürmen der
gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. Das Getön
war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es überlärmt vom
vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von tausend und
abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem Geschrei
der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe einer steten
Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden Abschied
von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen, und
Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen einen ortskundigen,
berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie überall in großen Städten
lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die unersättliche Habgier und das
Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein Ziel für die Beraubung sieht, in
tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was sich in solcher Absicht an die
Ausgeschifften herandrängte, stob von dannen, als Leonardus in derben
wohlverständlichen Lauten der Muttersprache das lungernde und lauernde
annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener See, oder im
günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches Rollen und
Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar, und es ist gar
kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das eines
Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der
versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört.
Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang
gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren
hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als trauriger
kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: al daar verdronken –
verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en zeventwintig, en
een duizend twee honderd en zeventachtig. – Dort breitete sich vor Stavoren
die lange weiße Düne, der Frauensand, auf dem ein junges Saatengrün oder
einst in das Meer geworfener Waizen als unfruchtbarer Dünenhafer
aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen, hemmte dem früher so
blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe. Jetzt lief die
»vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der Zuider-See. Der
Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht war, und als
abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, steuerte das
Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer Fahrt schier
phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch den Nebel
der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den Thürmen der
gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. Das Getön
war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es überlärmt vom
vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von tausend und
abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem Geschrei
der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe einer steten
Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden Abschied
von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen, und
Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen einen ortskundigen,
berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie überall in großen Städten
lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die unersättliche Habgier und das
Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein Ziel für die Beraubung sieht, in
tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was sich in solcher Absicht an die
Ausgeschifften herandrängte, stob von dannen, als Leonardus in derben
wohlverständlichen Lauten der Muttersprache das lungernde und lauernde
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Gesindel zurückdonnerte, und nun manch grollendes: Zy zyn geene
patrioten, zy zyn van den verdoemten voornaamsten – zy zyn Oranje äppels
– Gekken! und dazu ein dem Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit
großer Gewandtheit und Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein
zurückgeschlagener Wagen ward genommen für ihn, Ludwig, Angés und
Sophie, das wenige Gepäck ward untergebracht, Philipp bestieg den
Braunen und führte die schöne Isabella dem Wagen nach, die freudig
wieherte, als sie nach dem langen ermüdenden Stehen im Schiffsraum
wieder sichern Boden unter ihren Hufen fühlte. Und nun ging es bald
rascher, bald langsamer durch wimmelvolle Straßen und über geräuschvolle
Märkte, bis endlich das Gasthaus erreicht wurde, in welchem Leonardus
dem Freund und der Geliebten eine ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte.
Alles zu Ordnende ordnete sich leicht und rasch. Die Fremden mietheten
und bezahlten die ihnen nöthige Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus,
und fanden die trefflichste Einrichtung und die berühmte holländische
Reinlichkeit in sich selbst übertreffender Weise; Alles auf das
Wünschenswertheste, als sei es längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf
Gesimsen und Möbeln, jede Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn,
Papier, Oblaten und Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der
Kalender, nicht auf dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten
mit den allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und
Götzenbildern von Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte
und dem Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen
hauchten in ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus,
und in zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche
Erstlinge.
Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche
Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst
einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit
benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche
Amsterdam in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle
Herr Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu
gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen,
das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen,
der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne mit
einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte, aber
patrioten, zy zyn van den verdoemten voornaamsten – zy zyn Oranje äppels
– Gekken! und dazu ein dem Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit
großer Gewandtheit und Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein
zurückgeschlagener Wagen ward genommen für ihn, Ludwig, Angés und
Sophie, das wenige Gepäck ward untergebracht, Philipp bestieg den
Braunen und führte die schöne Isabella dem Wagen nach, die freudig
wieherte, als sie nach dem langen ermüdenden Stehen im Schiffsraum
wieder sichern Boden unter ihren Hufen fühlte. Und nun ging es bald
rascher, bald langsamer durch wimmelvolle Straßen und über geräuschvolle
Märkte, bis endlich das Gasthaus erreicht wurde, in welchem Leonardus
dem Freund und der Geliebten eine ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte.
Alles zu Ordnende ordnete sich leicht und rasch. Die Fremden mietheten
und bezahlten die ihnen nöthige Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus,
und fanden die trefflichste Einrichtung und die berühmte holländische
Reinlichkeit in sich selbst übertreffender Weise; Alles auf das
Wünschenswertheste, als sei es längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf
Gesimsen und Möbeln, jede Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn,
Papier, Oblaten und Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der
Kalender, nicht auf dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten
mit den allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und
Götzenbildern von Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte
und dem Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen
hauchten in ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus,
und in zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche
Erstlinge.
Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche
Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst
einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit
benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche
Amsterdam in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle
Herr Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu
gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen,
das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen,
der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne mit
einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte, aber
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als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr
zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem
Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und
hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache
Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem
geliebten Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu
entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem Augenblicke,
welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink Gottes hielt.
Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu überlegen bei der
Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte sich mir ein anderer
Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr Leonardus mich liebt, wie
sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so darf es ja nicht sein, da ich
noch nicht von meinem Manne geschieden bin, und wieder darf es nicht
sein, daß ich mich als Last an des edlen Freundes Fersen hänge, daß ich
zwischen ihn und seines Vaters Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück
seiner Zukunft an der Hand einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde,
mich dränge. Ich könnte nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür
möge der allmächtige Gott mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist
und was er wiegt im Leben der Familien; er ist wie ein fressendes
Krebsgeschwür, dem nicht Messer, nicht Salbe des Wundarztes völlig
Einhalt zu thun vermag.
Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch
so jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen
Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er
sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte
Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf
ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er
alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne
selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist
nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten
und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es
dennoch dargebracht würde.
Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot
Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem
Lächeln schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz
Vertrauen. Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns
zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem
Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und
hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache
Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem
geliebten Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu
entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem Augenblicke,
welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink Gottes hielt.
Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu überlegen bei der
Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte sich mir ein anderer
Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr Leonardus mich liebt, wie
sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so darf es ja nicht sein, da ich
noch nicht von meinem Manne geschieden bin, und wieder darf es nicht
sein, daß ich mich als Last an des edlen Freundes Fersen hänge, daß ich
zwischen ihn und seines Vaters Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück
seiner Zukunft an der Hand einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde,
mich dränge. Ich könnte nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür
möge der allmächtige Gott mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist
und was er wiegt im Leben der Familien; er ist wie ein fressendes
Krebsgeschwür, dem nicht Messer, nicht Salbe des Wundarztes völlig
Einhalt zu thun vermag.
Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch
so jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen
Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er
sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte
Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf
ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er
alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne
selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist
nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten
und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es
dennoch dargebracht würde.
Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot
Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem
Lächeln schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz
Vertrauen. Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns
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zuführte, und ich will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es
Leonardus, die zu fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er
auch Rath finden, jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung
von meinem Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm
scheiden, denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute
Sitte den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war
sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der
innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen, ich
fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann habe
ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein
Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine
Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.
8. Das Haus van der Valck.
Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit
seinen Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen
über dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche
Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer,
Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben
der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten
Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle
Vorhänge, herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten
ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle
prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und
innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau
gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins
diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der
niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten
Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder
Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und
Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare
rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen
Leonardus, die zu fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er
auch Rath finden, jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung
von meinem Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm
scheiden, denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute
Sitte den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war
sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der
innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen, ich
fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann habe
ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein
Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine
Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.
8. Das Haus van der Valck.
Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit
seinen Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen
über dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche
Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer,
Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben
der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten
Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle
Vorhänge, herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten
ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle
prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und
innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau
gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins
diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der
niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten
Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder
Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und
Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare
rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen
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mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru,
von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen
von blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei
lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches
Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende
Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks
solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend
wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser eben
vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz ungesucht
zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem Freunde das
Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast enges
Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem einige
Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer abgeschieden
war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube an einfachen
schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und Tafeln saßen.
Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem angebracht,
vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten Briefschaften,
Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der Geschäfte
erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus einem etwas
größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach ausgestatteten
Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der großen
Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von
Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.
Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig
aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine
Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach
kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er
bediente sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase
klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine
altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe
mit Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen.
Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich
Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um
möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben
üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte er
einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf prüfend an,
von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen
von blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei
lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches
Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende
Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks
solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend
wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser eben
vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz ungesucht
zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem Freunde das
Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast enges
Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem einige
Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer abgeschieden
war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube an einfachen
schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und Tafeln saßen.
Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem angebracht,
vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten Briefschaften,
Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der Geschäfte
erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus einem etwas
größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach ausgestatteten
Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der großen
Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von
Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.
Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig
aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine
Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach
kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er
bediente sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase
klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine
altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe
mit Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen.
Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich
Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um
möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben
üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte er
einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf prüfend an,
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und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut empfohlen, Herr Graf,
nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in Amsterdam willkommen.
Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher Weise kann unser Haus
Ihnen dienen?
Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von
keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen,
ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus
vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die
zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung
einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus
angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem
Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu
ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb selbst
nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu gehen
gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu abzuwarten sein.
Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und
machte indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach
Außen, indem er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem
sammtmanchesternen Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin:
Pariser Stadthaus, l’hôtel de ville, und weiter nichts, aber er begleitete diese
Rede mit einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf
seinem Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen
Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit
chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung
auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines
dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und schlug es
auf, indem er suchend murmelte: De la Tremouille, de la Tremouille. Halb
laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für sich, und sprach dann
laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Papiere zu zeigen?
– Ludwig reichte das Betreffende aus der von der Großmutter empfangenen
Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte nun lesend seine Brille fester
und schrieb von Zeit zu Zeit mit der wieder zur Hand genommenen Feder
auf die lederne Schreibunterlage rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß
er für dieselben noch Raum fand, so unendlich viele Zahlen waren schon in
ähnlicher Weise auf dieses alterbraune Leder geschrieben worden.
nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in Amsterdam willkommen.
Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher Weise kann unser Haus
Ihnen dienen?
Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von
keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen,
ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus
vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die
zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung
einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus
angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem
Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu
ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb selbst
nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu gehen
gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu abzuwarten sein.
Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und
machte indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach
Außen, indem er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem
sammtmanchesternen Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin:
Pariser Stadthaus, l’hôtel de ville, und weiter nichts, aber er begleitete diese
Rede mit einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf
seinem Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen
Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit
chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung
auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines
dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und schlug es
auf, indem er suchend murmelte: De la Tremouille, de la Tremouille. Halb
laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für sich, und sprach dann
laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Papiere zu zeigen?
– Ludwig reichte das Betreffende aus der von der Großmutter empfangenen
Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte nun lesend seine Brille fester
und schrieb von Zeit zu Zeit mit der wieder zur Hand genommenen Feder
auf die lederne Schreibunterlage rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß
er für dieselben noch Raum fand, so unendlich viele Zahlen waren schon in
ähnlicher Weise auf dieses alterbraune Leder geschrieben worden.
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Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei
für sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir
jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau Reichsgräfin
Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris belegten
zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den immerwährenden
Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und einundzwanzig
begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden Frankreichs dahin
privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben Kassen nach wie vor
bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur bei
Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug gebracht.
Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu
Paris angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die
Kapitalsumme der später geschaffenen Leibrenten, rentes viagères, aber nur
vier Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig
Millionen bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und
die zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im
Stande gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und
außer Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos
tolle Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen
Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in
Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille,
Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose
Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den
Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. –
Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein,
dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der Valck
entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg
erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein Schutzrecht
üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat keinen Gesandten
in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit diesen Geldern, fuhr er
fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang der Geschäfte. Eine
Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden sprengt, die, indem sie das
Staatsleben läutern will, den Staat in das tiefste Unglück stürzt, ist nicht
fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft für etwas Anderes zu geben, als für
ihren vaterlandsfeindlichen und verderblichen Wahnsinn. Vor einigen
Jahren wäre die günstige Zeit gewesen, daß die Interessenten der
für sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir
jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau Reichsgräfin
Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris belegten
zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den immerwährenden
Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und einundzwanzig
begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden Frankreichs dahin
privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben Kassen nach wie vor
bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur bei
Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug gebracht.
Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu
Paris angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die
Kapitalsumme der später geschaffenen Leibrenten, rentes viagères, aber nur
vier Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig
Millionen bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und
die zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im
Stande gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und
außer Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos
tolle Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen
Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in
Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille,
Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose
Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den
Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. –
Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein,
dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der Valck
entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg
erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein Schutzrecht
üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat keinen Gesandten
in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit diesen Geldern, fuhr er
fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang der Geschäfte. Eine
Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden sprengt, die, indem sie das
Staatsleben läutern will, den Staat in das tiefste Unglück stürzt, ist nicht
fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft für etwas Anderes zu geben, als für
ihren vaterlandsfeindlichen und verderblichen Wahnsinn. Vor einigen
Jahren wäre die günstige Zeit gewesen, daß die Interessenten der
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immerwährenden Renten ihre Contracte hätten verkaufen, und sich mit dem
gehobenen Gelde bei den Leibrenten betheiligen können. Aber auch dies
würde ohne namhafte Verluste nicht abgegangen sein. Im Jahr
siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours jener immerwährenden
Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch hatte er sich kurz vor der
Revolution wieder bis zu fünfzig Procent gehoben, was wäre das indeß
gewesen? Im günstigen Fall hätte ein Betheiligter statt zweihundert Livres
nur einhundert erhalten, und wäre der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig
gegangen. Gesetzt, das Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und
seinen Gläubigern Wort zu halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In
Lumpenpapieren, in Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der
Valck heiße, nicht einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!
Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über
dessen etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen;
indeß fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die
Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten
Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so gut
wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent über
fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also
schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent
lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn und
eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und bis an
ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht außerdem
noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des Nutznießers
Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben haben oder
nicht.
Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an
dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau
Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was
Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und
wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits
auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen
Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich
vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die
Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen belegt
bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der offenbarste
gehobenen Gelde bei den Leibrenten betheiligen können. Aber auch dies
würde ohne namhafte Verluste nicht abgegangen sein. Im Jahr
siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours jener immerwährenden
Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch hatte er sich kurz vor der
Revolution wieder bis zu fünfzig Procent gehoben, was wäre das indeß
gewesen? Im günstigen Fall hätte ein Betheiligter statt zweihundert Livres
nur einhundert erhalten, und wäre der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig
gegangen. Gesetzt, das Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und
seinen Gläubigern Wort zu halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In
Lumpenpapieren, in Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der
Valck heiße, nicht einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!
Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über
dessen etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen;
indeß fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die
Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten
Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so gut
wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent über
fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also
schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent
lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn und
eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und bis an
ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht außerdem
noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des Nutznießers
Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben haben oder
nicht.
Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an
dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau
Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was
Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und
wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits
auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen
Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich
vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die
Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen belegt
bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der offenbarste
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Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen und zu
erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf von Varel?
Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden
Wasserstürzen auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und
antwortete: Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen
Menschen, der Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen
Sie mich nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen,
römischen und barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und
Herrschernamen an den Fingern herzählen, ebenso die römischen
Consulares, Familiares und Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe
ich nichts. Ich weiß wohl den Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht
den Cours der Papiere, darum erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich
beginnen soll, mindestens zu versuchen, die angewiesenen Summen ganz
oder theilweise zu erheben?
Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name
und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau
Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen selbst
ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen, gebieten
Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das Haus
Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein
und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an,
verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige
Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und
sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? – Nein
mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern
mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –
Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf
ein Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre
geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte
betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, Herr
Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht
gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht, machen nur zu
oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu da, ihre Calcule
zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen Strich durch die
falschen Rechnungen zu machen.
erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf von Varel?
Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden
Wasserstürzen auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und
antwortete: Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen
Menschen, der Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen
Sie mich nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen,
römischen und barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und
Herrschernamen an den Fingern herzählen, ebenso die römischen
Consulares, Familiares und Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe
ich nichts. Ich weiß wohl den Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht
den Cours der Papiere, darum erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich
beginnen soll, mindestens zu versuchen, die angewiesenen Summen ganz
oder theilweise zu erheben?
Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name
und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau
Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen selbst
ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen, gebieten
Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das Haus
Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein
und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an,
verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige
Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und
sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? – Nein
mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern
mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –
Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf
ein Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre
geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte
betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, Herr
Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht
gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht, machen nur zu
oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu da, ihre Calcule
zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen Strich durch die
falschen Rechnungen zu machen.
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Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf
seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer
abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh war,
daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das Lüpfen
seines Käppchens diese Sitzung aufhob.
Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer,
umarmte ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz
herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie liebgewinnen,
ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!
Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu
müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes
Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es
war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er
mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf dich?
In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet,
es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt er
nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer
Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die Ferne.
– Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der ganze
Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar keine
Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den alljährigen
Zinsabfall derselben zu beziehen.
Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in
deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz
einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten hört
Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht sie der
Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei der Hälfte
ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der Welt, aber das
Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog über die
Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen Renten
hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, dessen
niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit in
Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, die
Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun verfolgte er
seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer
abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh war,
daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das Lüpfen
seines Käppchens diese Sitzung aufhob.
Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer,
umarmte ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz
herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie liebgewinnen,
ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!
Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu
müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes
Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es
war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er
mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf dich?
In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet,
es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt er
nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer
Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die Ferne.
– Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der ganze
Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar keine
Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den alljährigen
Zinsabfall derselben zu beziehen.
Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in
deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz
einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten hört
Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht sie der
Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei der Hälfte
ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der Welt, aber das
Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog über die
Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen Renten
hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, dessen
niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit in
Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, die
Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun verfolgte er
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seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird schwächlich, das
eigentliche einfache Hauptanliegen.
Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit.
Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so
heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in ein
Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden kann!
Was könnte denn d i r geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus
empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s
unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band zerreißen,
das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.
Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine
Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große Welt,
kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein Wunder, daß
Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht sicher bin über
mein Handeln.
Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.
Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater
bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet
wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe
einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm
Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?
Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da
herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle
Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.
Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte
Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es
Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben,
und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie ist
gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück deiner
Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr trenntet euch,
da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger Freundschaft. Sie konnte
sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie es selbst im glücklichsten
eigentliche einfache Hauptanliegen.
Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit.
Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so
heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in ein
Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden kann!
Was könnte denn d i r geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus
empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s
unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band zerreißen,
das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.
Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine
Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große Welt,
kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein Wunder, daß
Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht sicher bin über
mein Handeln.
Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.
Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater
bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet
wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe
einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm
Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?
Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da
herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle
Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.
Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte
Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es
Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben,
und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie ist
gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück deiner
Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr trenntet euch,
da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger Freundschaft. Sie konnte
sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie es selbst im glücklichsten
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Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier in Amsterdam seyn? Sie ist
Protestantin, ihr katholisch.
Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die
wahre Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele
Tausende solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen,
und gewiß die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes
Wesen uns fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige
Verhältniß in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und
noch mehr, Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser
Ueberzeugung vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen
Gottes.
Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés
mitkomme, sei deine Sorge.
Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen
Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch
so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt
Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch
einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom
ruhigen Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem
sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken,
Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll
Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die in
großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf
die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen,
Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich,
Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die
Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der Gebäude, die
Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von Windmühlen,
die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten, um dieser
unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu
verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast
alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der Neuzeit,
und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit anzugehören.
Protestantin, ihr katholisch.
Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die
wahre Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele
Tausende solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen,
und gewiß die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes
Wesen uns fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige
Verhältniß in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und
noch mehr, Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser
Ueberzeugung vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen
Gottes.
Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés
mitkomme, sei deine Sorge.
Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen
Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch
so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt
Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch
einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom
ruhigen Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem
sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken,
Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll
Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die in
großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf
die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen,
Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich,
Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die
Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der Gebäude, die
Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von Windmühlen,
die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten, um dieser
unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu
verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast
alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der Neuzeit,
und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit anzugehören.
Page 107
Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des
nordischen Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die
schiffebelebten Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer
noch voll unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner
Ordnung. Die schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit
35 Bogen über die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das
Palais des Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend
Säulen, der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde
flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes
wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets
verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig
freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre
Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im
Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen
und bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie
zum Küssen.
Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen
der reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der
Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.
An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen,
Hallen und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg
vorüber lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem
Ludwig und Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum
Abendbesuche im Hause des Herrn Adrianus van der Valck.
Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit
Absicht etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst
allein, ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen
möchten.
Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles
athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner
Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte Dienerschaft,
die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der Eltern, die ungemein
feierlich den Abendgästen entgegentraten, das Alles kündete
Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier seiner Rückkehr
nordischen Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die
schiffebelebten Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer
noch voll unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner
Ordnung. Die schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit
35 Bogen über die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das
Palais des Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend
Säulen, der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde
flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes
wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets
verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig
freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre
Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im
Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen
und bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie
zum Küssen.
Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen
der reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der
Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.
An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen,
Hallen und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg
vorüber lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem
Ludwig und Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum
Abendbesuche im Hause des Herrn Adrianus van der Valck.
Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit
Absicht etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst
allein, ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen
möchten.
Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles
athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner
Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte Dienerschaft,
die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der Eltern, die ungemein
feierlich den Abendgästen entgegentraten, das Alles kündete
Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier seiner Rückkehr
Page 108
in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich zwei-, höchstens
dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei welcher in dieser
Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck sich kundgeben
durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach, gab höchstens einmal
unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem der alte Herr
gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang anzuthun, und zu
welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden. Angés war tief
verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, daß ihr Anzug,
obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich gekleidet erschien, in
diese Räume und was dieselben erwarten ließen, nicht passe, und noch
verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem die Hausfrau sie
ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz anredete, sich
unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen, sie in seinem
geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle von Lob über
die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht der Täuschung,
daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte? Hielt der alte Mann
sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines seiner Vettern? Konnte,
durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen? Und mußte nicht das
beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor diesen würdigen,
hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige Lügnerin und Betrügerin
zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, und lauerte auf sie die
schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés diese Gefühle
kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria Johanna,
geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen Matrone,
vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen, als sie
Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als Ludwig
sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an: Aber
Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?
Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, min Vlugteling!
antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht
deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus van
der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das wird ein
wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer geheiligten Kirche!
Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein Herz mehr für die
holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?
dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei welcher in dieser
Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck sich kundgeben
durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach, gab höchstens einmal
unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem der alte Herr
gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang anzuthun, und zu
welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden. Angés war tief
verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, daß ihr Anzug,
obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich gekleidet erschien, in
diese Räume und was dieselben erwarten ließen, nicht passe, und noch
verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem die Hausfrau sie
ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz anredete, sich
unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen, sie in seinem
geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle von Lob über
die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht der Täuschung,
daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte? Hielt der alte Mann
sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines seiner Vettern? Konnte,
durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen? Und mußte nicht das
beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor diesen würdigen,
hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige Lügnerin und Betrügerin
zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, und lauerte auf sie die
schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés diese Gefühle
kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria Johanna,
geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen Matrone,
vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen, als sie
Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als Ludwig
sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an: Aber
Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?
Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, min Vlugteling!
antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht
deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus van
der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das wird ein
wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer geheiligten Kirche!
Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein Herz mehr für die
holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?
Page 109
Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch
alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?
St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen,
weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines
seligen Herrn Vaters Hause gerade so – eene goede opvooding hebben, ist
ryke huwelyks-gift – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich, mein
lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit
undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in
Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen
Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der
Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn Erbstatthalters,
wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand verderben, by niemand
in ongunst raaken.
Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen
Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen
Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre
Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln, sorgte
auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das Kind
einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und allerlei
Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus entfernte sich,
um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich wieder zu dem
alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und da noch Niemand
von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche Unterhaltung
begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn kundgab. Ludwig
konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die Pracht des Hauses,
die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen Räumen ihn umgab,
zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr Adrianus nur mit
einem tiefen Seufzer.
Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser:
Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf,
vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir
dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich aus
gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen Sohnes
sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will nicht
eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er ist mein
alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?
St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen,
weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines
seligen Herrn Vaters Hause gerade so – eene goede opvooding hebben, ist
ryke huwelyks-gift – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich, mein
lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit
undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in
Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen
Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der
Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn Erbstatthalters,
wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand verderben, by niemand
in ongunst raaken.
Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen
Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen
Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre
Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln, sorgte
auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das Kind
einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und allerlei
Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus entfernte sich,
um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich wieder zu dem
alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und da noch Niemand
von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche Unterhaltung
begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn kundgab. Ludwig
konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die Pracht des Hauses,
die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen Räumen ihn umgab,
zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr Adrianus nur mit
einem tiefen Seufzer.
Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser:
Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf,
vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir
dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich aus
gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen Sohnes
sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will nicht
eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er ist mein
Page 110
einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft golden machen,
denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.
Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare
verschwenderische Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen
bedeutende Häuser?
Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen
Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu meinem
Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all mein
Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem entsetzlichen
Fall.
Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes
Erschütterung.
Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist die
holländisch-ostindische Compagnie!
Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.
Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft:
Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer Fehler
– ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist leicht,
ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!
Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und
meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die
Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt das
Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische
Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr
Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere
Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten
dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit
den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der Engländer;
große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt Gesetze
vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und Ternate; sie
bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und in das
Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und verbrannten
Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet und erbaut,
denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.
Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare
verschwenderische Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen
bedeutende Häuser?
Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen
Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu meinem
Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all mein
Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem entsetzlichen
Fall.
Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes
Erschütterung.
Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist die
holländisch-ostindische Compagnie!
Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.
Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft:
Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer Fehler
– ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist leicht,
ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!
Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und
meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die
Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt das
Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische
Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr
Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere
Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten
dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit
den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der Engländer;
große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt Gesetze
vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und Ternate; sie
bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und in das
Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und verbrannten
Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet und erbaut,
Page 111
Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und zuletzt das
Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug jedes
Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald aber
standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig Procent.
Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert
Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen will,
ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für die
Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen, Kanäle,
Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die Compagnie ist ein
Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren ward, im Jahre
siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien fast auf
neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig auf
eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf,
eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher
eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also
eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich
einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la
Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen
gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon
von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt
stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der Vogel
Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die
Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft!
in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da,
Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu
bezahlen! Adieu bon esperançe! Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui! Ich
will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische
that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig
hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf
einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott
danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre
Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen
anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem
Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba
Geusen, das heißt B e t t l e r nennen. Unser Alba, der uns in den Staub tritt,
ist die Verarmung.
Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug jedes
Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald aber
standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig Procent.
Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert
Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen will,
ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für die
Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen, Kanäle,
Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die Compagnie ist ein
Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren ward, im Jahre
siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien fast auf
neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig auf
eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf,
eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher
eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also
eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich
einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la
Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen
gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon
von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt
stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der Vogel
Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die
Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft!
in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da,
Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu
bezahlen! Adieu bon esperançe! Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui! Ich
will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische
that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig
hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf
einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott
danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre
Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen
anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem
Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba
Geusen, das heißt B e t t l e r nennen. Unser Alba, der uns in den Staub tritt,
ist die Verarmung.
Page 112
Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß
eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge Mann
in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.
Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit
liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll
er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein
Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie
haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten,
auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit zur
Grube fahre!
9. Eine Abend-Gesellschaft.
In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen,
weibliche Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren
Stoffen. Herr Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die
Damen kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.
Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward
begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten
Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es
erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der
Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte, was
aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr
Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche,
während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war ihre
Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an Stoffen
der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit.
Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten
Bruders Petrus van der Valck, der schon im Jahre
siebenzehnhundertachtundachtzig starb, trauernde Wittwe. Sie ist die
eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge Mann
in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.
Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit
liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll
er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein
Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie
haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten,
auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit zur
Grube fahre!
9. Eine Abend-Gesellschaft.
In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen,
weibliche Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren
Stoffen. Herr Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die
Damen kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.
Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward
begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten
Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es
erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der
Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte, was
aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr
Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche,
während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war ihre
Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an Stoffen
der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit.
Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten
Bruders Petrus van der Valck, der schon im Jahre
siebenzehnhundertachtundachtzig starb, trauernde Wittwe. Sie ist die
Page 113
Tochter des Herrn Martinus von Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van
der Stoot.
Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser
kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister
anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit
jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.
Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider ebenfalls
schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn Theophilus
Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit schied, leider ohne
männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine Jungfrauen Töchter,
Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina Theodora.
Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß,
hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um
ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner junger
wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden Gesicht, ein
schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine frischen Wangen und
sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie schwer es ihm wurde,
ernst oder gar heilig auszusehen.
Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner
Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher Herr,
Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer heiligen
Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.
Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius
Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen ja,
wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre
Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer
dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche Ehre
mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde.
Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in
Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich –
Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s zu
hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder!
der Stoot.
Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser
kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister
anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit
jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.
Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider ebenfalls
schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn Theophilus
Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit schied, leider ohne
männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine Jungfrauen Töchter,
Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina Theodora.
Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß,
hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um
ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner junger
wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden Gesicht, ein
schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine frischen Wangen und
sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie schwer es ihm wurde,
ernst oder gar heilig auszusehen.
Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner
Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher Herr,
Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer heiligen
Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.
Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius
Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen ja,
wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre
Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer
dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche Ehre
mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde.
Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in
Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich –
Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s zu
hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder!
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Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, daß es so kommen
werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés.
Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von
noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich nach
den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren Bastille-
Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam gesendet,
kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes Gesicht, und war
nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich wohl hätte nahen
mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla Nikodema van
Swammerdam.
Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen
werde, und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin
gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der
Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und nach
mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter
und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres
war im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung
zu feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets
wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und
Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter den
silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit zarten
und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten, und
köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte
strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s
behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich
zutraulich an die Kleine schmiegte.
Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher
gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so unendlich
arm und so sehr verlassen.
Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für
meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte Ihr
Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum
Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.
werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés.
Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von
noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich nach
den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren Bastille-
Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam gesendet,
kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes Gesicht, und war
nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich wohl hätte nahen
mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla Nikodema van
Swammerdam.
Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen
werde, und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin
gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der
Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und nach
mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter
und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres
war im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung
zu feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets
wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und
Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter den
silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit zarten
und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten, und
köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte
strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s
behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich
zutraulich an die Kleine schmiegte.
Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher
gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so unendlich
arm und so sehr verlassen.
Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für
meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte Ihr
Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum
Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.
Page 115
Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit welchen
Blicken der junge Geistliche mich mustert?
Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu
verscheuchen.
O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs
Herz, das bange, sehr bange schlug.
Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer
Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee
ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die
Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg, verlegen,
die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen japanischen
Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier, in Berührung mit
den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen. Da schlug
plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes Gelächter auf,
und rief laut in die Gesellschaft: Ah – ah – ah – ahi – ahi! Voila! qu’elques
drôles caricatures – qu’elques bouffons!
Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés
erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was
hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des
Hauses Gäste meinte!
Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des
Hauses, welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief:
Voorwaar, voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!
Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein
Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die
Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so,
daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte.
Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der Grande
Opera zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten und
unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und
spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht
manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst
du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen
Blicken der junge Geistliche mich mustert?
Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu
verscheuchen.
O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs
Herz, das bange, sehr bange schlug.
Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer
Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee
ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die
Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg, verlegen,
die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen japanischen
Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier, in Berührung mit
den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen. Da schlug
plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes Gelächter auf,
und rief laut in die Gesellschaft: Ah – ah – ah – ahi – ahi! Voila! qu’elques
drôles caricatures – qu’elques bouffons!
Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés
erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was
hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des
Hauses Gäste meinte!
Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des
Hauses, welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief:
Voorwaar, voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!
Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein
Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die
Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so,
daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte.
Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der Grande
Opera zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten und
unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und
spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht
manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst
du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen
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Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrämten Mänteln,
ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und
Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von
Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen!
Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große Nation
jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten Köpfe
gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche diese
Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen; nur
Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. –
Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder
beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die Gracht
geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine gute
Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel ihrer
Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und
abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen
Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender
Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform
eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu
zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem eine
athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste war ein
schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig Jahre
zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie seine
Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn
einnehmen.
Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem
Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung
und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der alte
Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche Freude er
Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!
Ueberraschung auf jeden Fall, mein –
Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor der
Zeit offenbaren!
ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und
Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von
Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen!
Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große Nation
jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten Köpfe
gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche diese
Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen; nur
Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. –
Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder
beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die Gracht
geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine gute
Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel ihrer
Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und
abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen
Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender
Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform
eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu
zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem eine
athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste war ein
schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig Jahre
zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie seine
Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn
einnehmen.
Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem
Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung
und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der alte
Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche Freude er
Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!
Ueberraschung auf jeden Fall, mein –
Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor der
Zeit offenbaren!
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Ueberraschung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit schlecht
verhehltem Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn
dem Hause van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen
Besuches zu Theil wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es
Hochdenenselben gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem
Abendzirkel einen liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt
liebenswürdigen Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern,
und einem Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden,
welche beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs
Hamburg, Carolinen Siel à Amsterdam, hier eingelaufen sind.
In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort.
Wenn es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne
Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so
schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl
nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber Vetter, du
grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger
Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der
Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in
diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu
spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird er
schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das
Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu tragen.
Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische
Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu führen,
so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!
Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten
Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste
Begleiter.
Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken
hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu
schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so
beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so ätherisch
sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen Seraph erkläre,
eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist sehr gut für dich, sie
verhehltem Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn
dem Hause van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen
Besuches zu Theil wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es
Hochdenenselben gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem
Abendzirkel einen liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt
liebenswürdigen Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern,
und einem Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden,
welche beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs
Hamburg, Carolinen Siel à Amsterdam, hier eingelaufen sind.
In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort.
Wenn es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne
Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so
schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl
nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber Vetter, du
grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger
Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der
Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in
diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu
spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird er
schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das
Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu tragen.
Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische
Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu führen,
so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!
Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten
Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste
Begleiter.
Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken
hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu
schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so
beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so ätherisch
sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen Seraph erkläre,
eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist sehr gut für dich, sie
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hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich unter den Händen weg
voraus geflogen sein.
Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos und
handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste, beste
Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig
bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und
fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich
Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre
der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.
Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz
verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt
gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter,
übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen vier
oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser
Vorsprung war ein Leichtes.
Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu
entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und
deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.
Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das durch
die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere Bewegung
an. Jetzt war das Haus erreicht.
Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr
unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine
Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet
aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die Vorpostengefechte
beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf übermorgen sage ich das
Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein günstiger Friedensschluß den
Feind zur Unterwerfung nöthigt.
Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den
Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.
Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der
erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung
anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines
voraus geflogen sein.
Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos und
handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste, beste
Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig
bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und
fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich
Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre
der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.
Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz
verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt
gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter,
übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen vier
oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser
Vorsprung war ein Leichtes.
Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu
entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und
deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.
Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das durch
die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere Bewegung
an. Jetzt war das Haus erreicht.
Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr
unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine
Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet
aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die Vorpostengefechte
beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf übermorgen sage ich das
Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein günstiger Friedensschluß den
Feind zur Unterwerfung nöthigt.
Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den
Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.
Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der
erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung
anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines
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Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem
Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.
Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der
Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen,
Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine
Marie?
Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da,
aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe Sophie
rufen.
Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal
wieder ein starker error calculi meines hochgnädigen Herrn Vetters!
Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der
Eifersüchtige.
Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte
der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos ein
Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als
Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden
befinden.
Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß
am Ende der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht
ohne Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf
deren jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in
demselben Augenblick erklang von einem großen, in dem
Durchgangszimmer aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-,
Trompeten und Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem
Mondgeklingel, mit Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch
bewillkommend die Melodie der niederländischen Nationalhymne.
Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er,
während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob, diesen
Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? Se.
Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei Generale!
Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.
Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der
Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen,
Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine
Marie?
Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da,
aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe Sophie
rufen.
Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal
wieder ein starker error calculi meines hochgnädigen Herrn Vetters!
Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der
Eifersüchtige.
Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte
der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos ein
Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als
Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden
befinden.
Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß
am Ende der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht
ohne Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf
deren jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in
demselben Augenblick erklang von einem großen, in dem
Durchgangszimmer aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-,
Trompeten und Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem
Mondgeklingel, mit Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch
bewillkommend die Melodie der niederländischen Nationalhymne.
Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er,
während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob, diesen
Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? Se.
Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei Generale!
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Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von
Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und wahrhaftig,
der Andere ist William, der englische Vice-Admiral, ebenfalls mein Vetter.
O Leonardus!
Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen
begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern
Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den Vice-
Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die
Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und was
sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde des
Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der Valck
und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.
Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher
Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die
hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden:
Diese Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.
Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in
ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn
innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken
gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich
dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und Gereiztheit,
trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der Erbprinz zu
Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral mit wenig
verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst hineinmurmelte:
Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und darauf ein Gespräch
mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm Gustav Friedrich
seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und sprach zu ihm: Ludwig
Carl, kannst du vergessen?
Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig
offen zur Antwort.
Ich will es! entgegnete der Erbherr.
Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung
war besiegelt.
Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und wahrhaftig,
der Andere ist William, der englische Vice-Admiral, ebenfalls mein Vetter.
O Leonardus!
Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen
begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern
Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den Vice-
Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die
Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und was
sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde des
Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der Valck
und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.
Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher
Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die
hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden:
Diese Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.
Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in
ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn
innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken
gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich
dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und Gereiztheit,
trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der Erbprinz zu
Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral mit wenig
verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst hineinmurmelte:
Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und darauf ein Gespräch
mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm Gustav Friedrich
seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und sprach zu ihm: Ludwig
Carl, kannst du vergessen?
Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig
offen zur Antwort.
Ich will es! entgegnete der Erbherr.
Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung
war besiegelt.
Page 121
Aber sprich, wer ist diese Dame?
Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und
incognito! flüsterte er.
Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine
Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?
Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.
Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?
Die Pfalz.
Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz,
schöne Pfalz-Gräfin –?
Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen Ihres
hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.
Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser
einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne
genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus
ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren, wie
Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt, gewann
Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder blosstellen,
sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im scherzhaften
Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen denn das
Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere Verwandte
sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese Worte
machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht? nicht?
stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der junge Herr Graf
selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern, wie
konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der zu Scherz und Spott stark
geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie zweifeln? Die Verwandtschaft des
jungen Herrn ist erstaunlich groß, er hat ganz sicher sehr viele Vettern und
auch Mühmlein. Er ist ein Luft-, ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die
Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben,
Herr Adrianus, ich glaube, die Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie
des Goldes bedürftig, sehen Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.
Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und
incognito! flüsterte er.
Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine
Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?
Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.
Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?
Die Pfalz.
Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz,
schöne Pfalz-Gräfin –?
Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen Ihres
hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.
Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser
einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne
genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus
ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren, wie
Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt, gewann
Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder blosstellen,
sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im scherzhaften
Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen denn das
Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere Verwandte
sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese Worte
machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht? nicht?
stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der junge Herr Graf
selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern, wie
konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der zu Scherz und Spott stark
geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie zweifeln? Die Verwandtschaft des
jungen Herrn ist erstaunlich groß, er hat ganz sicher sehr viele Vettern und
auch Mühmlein. Er ist ein Luft-, ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die
Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben,
Herr Adrianus, ich glaube, die Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie
des Goldes bedürftig, sehen Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.
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Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine
Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts
lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein
Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld,
wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der
– Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu
wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur Steigerung
seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden Gespräch
erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt und der
Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von Swammerdam
eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den Weg und
fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene beginnen? Mache
daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das Sprichwort sagt:
waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld is, daar wil het
geld wezen.
Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache
einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient werden.
Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden die
Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren
Zuckerkuchen in den Thee.
In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel
jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter dieser
Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter angedeutet, und
brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte dahinter; aber Adrianus
hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und jene Dame, die er
eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den übrigen Gästen
blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis paßte, wie war seine
eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den Erbprinzen dazu eingeladen
zu haben?
Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute
Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst
brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser
Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht
unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu
Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts
lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein
Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld,
wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der
– Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu
wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur Steigerung
seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden Gespräch
erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt und der
Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von Swammerdam
eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den Weg und
fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene beginnen? Mache
daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das Sprichwort sagt:
waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld is, daar wil het
geld wezen.
Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache
einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient werden.
Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden die
Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren
Zuckerkuchen in den Thee.
In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel
jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter dieser
Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter angedeutet, und
brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte dahinter; aber Adrianus
hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und jene Dame, die er
eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den übrigen Gästen
blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis paßte, wie war seine
eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den Erbprinzen dazu eingeladen
zu haben?
Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute
Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst
brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser
Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht
unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu
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Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund’s hinab
erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit sich
selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends so
schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten
Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut
öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen salbungsvollen
Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander diese Verlobung in
der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die ehrbare Braut, fügsam
und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau ziemt, war Alles
zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam über sie
beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit Sehnsucht oder
zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt herbeizusehnen, dessen
doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.
Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an,
sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes umzugestalten,
was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu jugendlich munter,
um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter Heuchelei fest
einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere Jahre gehören.
Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange hagere Gestalt
der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den Mittelpunkt
vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule gleich, mit
niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von Leben gab,
als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und noch feiner
durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers aufschlug und
wieder zusammen klappen ließ.
Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei es
eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen Gäste
in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das jetzt einige
Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und flüsterte der
Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten. Sophie zeigte
mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder, die sich
vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies nur leise
flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so störte das nicht
im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der Valck jetzt vor dem
Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und deren Inhalt sich um die
unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang ein Männlein und ein
erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit sich
selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends so
schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten
Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut
öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen salbungsvollen
Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander diese Verlobung in
der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die ehrbare Braut, fügsam
und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau ziemt, war Alles
zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam über sie
beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit Sehnsucht oder
zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt herbeizusehnen, dessen
doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.
Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an,
sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes umzugestalten,
was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu jugendlich munter,
um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter Heuchelei fest
einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere Jahre gehören.
Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange hagere Gestalt
der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den Mittelpunkt
vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule gleich, mit
niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von Leben gab,
als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und noch feiner
durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers aufschlug und
wieder zusammen klappen ließ.
Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei es
eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen Gäste
in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das jetzt einige
Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und flüsterte der
Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten. Sophie zeigte
mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder, die sich
vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies nur leise
flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so störte das nicht
im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der Valck jetzt vor dem
Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und deren Inhalt sich um die
unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang ein Männlein und ein
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Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster Person geäußert habe, es
sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß folglich jeder Mensch, nämlich
Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn sei; daß ferner alles irdische
Glück, wonach auch alles Streben hauptsächlich ziele, in Erfüllung
göttlicher Weltordnung und der Gründung eines häuslichen Herdes gesucht
und gefunden werde. Auch sei durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine
heilige Kirche nur mit Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke,
die nach den Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und
Verwandten, und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung
über das irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.
Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van
der Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van
Swammerdam eine derartige Verabredung schon in früheren Jahren
getroffen worden, so soll dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so
verloben wir, ich, Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner
ehrsamen Hausfrau Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen
eheleiblichen Sohn Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr,
Herr Nepomuck Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame
Gemahlin, Frau Susanna Euphemia van Swammerdam, geborene van
Neriske, als Tochtereltern, ihre eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke«
Jufferouw Sibylla Nikodema zu einem rechten christlichen Brautpaar vor
diesen allseits achtbaren, hohen und höchsten Zeugen!
Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine
vorher leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen,
die er bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf
und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr
lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende Brust,
auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach Fassung. –
Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr Gehirn – nicht
den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er ist nicht dein,
wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht; du darfst nicht
Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch auf dich laden! –
Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im gewaltigen Kampfe zwischen
Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer vom Pfeil des Todesgottes
getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein antikes Bildwerk aus
cararischem Marmor.
sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß folglich jeder Mensch, nämlich
Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn sei; daß ferner alles irdische
Glück, wonach auch alles Streben hauptsächlich ziele, in Erfüllung
göttlicher Weltordnung und der Gründung eines häuslichen Herdes gesucht
und gefunden werde. Auch sei durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine
heilige Kirche nur mit Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke,
die nach den Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und
Verwandten, und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung
über das irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.
Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van
der Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van
Swammerdam eine derartige Verabredung schon in früheren Jahren
getroffen worden, so soll dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so
verloben wir, ich, Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner
ehrsamen Hausfrau Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen
eheleiblichen Sohn Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr,
Herr Nepomuck Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame
Gemahlin, Frau Susanna Euphemia van Swammerdam, geborene van
Neriske, als Tochtereltern, ihre eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke«
Jufferouw Sibylla Nikodema zu einem rechten christlichen Brautpaar vor
diesen allseits achtbaren, hohen und höchsten Zeugen!
Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine
vorher leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen,
die er bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf
und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr
lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende Brust,
auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach Fassung. –
Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr Gehirn – nicht
den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er ist nicht dein,
wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht; du darfst nicht
Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch auf dich laden! –
Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im gewaltigen Kampfe zwischen
Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer vom Pfeil des Todesgottes
getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein antikes Bildwerk aus
cararischem Marmor.
Page 125
Und Leonardus? – In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst,
Zorn, Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon
einen unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach
Brauch und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius
Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in diesem
Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt, und hinter
ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine Scene, stelle
deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus!
Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr
ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen
Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu
seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine Hand
legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz trotz der
dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern,
Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos
sank sie in sich zusammen.
Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl
erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des
Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten
Leonardus, er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief
außer sich, Alles um sich und sich selbst vergessend:
Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz
bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das
schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des
Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut die
Buchstaben entgegen: S. C. B. Er hob mit einem lauten jauchzenden Ausruf
die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!
Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah
das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer
Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit –
wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief
mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein –
Zorn, Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon
einen unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach
Brauch und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius
Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in diesem
Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt, und hinter
ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine Scene, stelle
deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus!
Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr
ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen
Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu
seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine Hand
legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz trotz der
dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern,
Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos
sank sie in sich zusammen.
Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl
erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des
Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten
Leonardus, er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief
außer sich, Alles um sich und sich selbst vergessend:
Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz
bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das
schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des
Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut die
Buchstaben entgegen: S. C. B. Er hob mit einem lauten jauchzenden Ausruf
die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!
Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah
das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer
Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit –
wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief
mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein –
Page 126
10. Ein Tag in Paris.
Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare,
unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter
einem hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an
allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe
und Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken
flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge
folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein,
denn das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.
Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott
glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der
Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize
und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch
übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der
von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von
der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen
der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere
Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?
Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit
dem vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte,
Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst
aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des
heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften
christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön,
obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25.
Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli
(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl
die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von
Oekonomiewerkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur
Dreschflegelführer und Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als
sie sich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer
haben? Diese Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten
Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare,
unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter
einem hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an
allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe
und Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken
flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge
folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein,
denn das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.
Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott
glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der
Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize
und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch
übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der
von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von
der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen
der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere
Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?
Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit
dem vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte,
Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst
aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des
heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften
christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön,
obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25.
Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli
(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl
die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von
Oekonomiewerkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur
Dreschflegelführer und Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als
sie sich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer
haben? Diese Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten
Page 127
sein, wie eine Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias
gutheißen und anerkennen konnte?
Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem
Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche
mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben
Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige
Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten,
kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel und
Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken rothe
Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß.
Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige Pistolengriffe
schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des Kleeblatts heraus.
Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in
dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes,
und zeigte sie so recht vollständig à la mode, denn solcher Gestalten und
Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren sogenannte Carmagnolen.
Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die
Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz
kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf
an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu
dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke
Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können.
Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl
durch, und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen
Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück,
Programmes de spectacle feil.
Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten
und für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten
wurde. Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das
Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen,
durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen,
Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen
tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen
beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte,
wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals
gutheißen und anerkennen konnte?
Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem
Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche
mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben
Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige
Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten,
kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel und
Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken rothe
Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß.
Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige Pistolengriffe
schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des Kleeblatts heraus.
Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in
dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes,
und zeigte sie so recht vollständig à la mode, denn solcher Gestalten und
Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren sogenannte Carmagnolen.
Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die
Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz
kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf
an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu
dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke
Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können.
Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl
durch, und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen
Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück,
Programmes de spectacle feil.
Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten
und für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten
wurde. Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das
Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen,
durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen,
Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen
tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen
beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte,
wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals
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schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen
wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die
Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl
feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese
tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der
großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den
Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen
würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit
Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt.
Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet
worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen
Schmuck zu leihen.
Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten
sich langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer
allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora und
der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, von
dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche sich
vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens erbaute
Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des ehemaligen
Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe Rednerbühne
emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum großen runden
Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und in dessen
Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe früher
geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war, zusammen
gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem
Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende
Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht,
der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete, daß
dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.
Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der
drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache, die
ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker verstanden
haben würde.
Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der
jungen Männer.
wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die
Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl
feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese
tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der
großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den
Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen
würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit
Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt.
Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet
worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen
Schmuck zu leihen.
Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten
sich langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer
allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora und
der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, von
dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche sich
vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens erbaute
Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des ehemaligen
Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe Rednerbühne
emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum großen runden
Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und in dessen
Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe früher
geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war, zusammen
gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem
Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende
Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht,
der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete, daß
dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.
Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der
drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache, die
ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker verstanden
haben würde.
Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der
jungen Männer.
Page 129
Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll
b l i n d e r Kinder.
Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von
einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu
lassen?
Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel,
welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.
Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel,
Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter
Monatstage; die neuen Heiligen!
Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten
Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft,
Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln stempelt
dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.
Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen
sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der
Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms vertheilt
waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen Fenstern
des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von Zuschauern und
noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine Gesellschaft, welche
dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der eine von den drei
aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn gedrängten
Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem abscheulichen
Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf entblößten
Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des
Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort
stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den
Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim
Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine
verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der sich
jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein
hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat stets
Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen. Vor
Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine sandte:
b l i n d e r Kinder.
Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von
einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu
lassen?
Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel,
welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.
Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel,
Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter
Monatstage; die neuen Heiligen!
Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten
Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft,
Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln stempelt
dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.
Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen
sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der
Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms vertheilt
waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen Fenstern
des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von Zuschauern und
noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine Gesellschaft, welche
dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der eine von den drei
aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn gedrängten
Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem abscheulichen
Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf entblößten
Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des
Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort
stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den
Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim
Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine
verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der sich
jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein
hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat stets
Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen. Vor
Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine sandte:
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Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine
Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen
Magen. Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum
Frühstück gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!
Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des
Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt harrende
Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf ihn harrt.
Sieh – er trinkt – rothen Wein!
Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.
O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst
überwunden.
Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.
Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –
Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten
harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge, theils
geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der Einheit
(früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah jenen
Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an seine
Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe schwarze Hüte
mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze Talare, darüber
breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder um die Brust mit
metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer Ordensbündnisse – alle Brüder
eines Todesbundes, der Menschenleben hinmordete, wie des Mähers Sense
die Wiesenblumen in Schwaden dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer
noch harrte die Menge, die Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer
fehlte, der vorhin doch da gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele
des Festes – er war nicht mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus
dem Zimmer gewankt war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn,
man fand ihn auch – es war der Repräsentant des französischen Volkes, den
man gesucht, den man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der
Anstand zu sagen; es war R o b e s p i e r r e , und Robespierre – war
betrunken.
Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen
Magen. Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum
Frühstück gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!
Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des
Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt harrende
Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf ihn harrt.
Sieh – er trinkt – rothen Wein!
Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.
O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst
überwunden.
Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.
Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –
Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten
harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge, theils
geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der Einheit
(früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah jenen
Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an seine
Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe schwarze Hüte
mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze Talare, darüber
breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder um die Brust mit
metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer Ordensbündnisse – alle Brüder
eines Todesbundes, der Menschenleben hinmordete, wie des Mähers Sense
die Wiesenblumen in Schwaden dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer
noch harrte die Menge, die Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer
fehlte, der vorhin doch da gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele
des Festes – er war nicht mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus
dem Zimmer gewankt war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn,
man fand ihn auch – es war der Repräsentant des französischen Volkes, den
man gesucht, den man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der
Anstand zu sagen; es war R o b e s p i e r r e , und Robespierre – war
betrunken.
Page 131
Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen,
etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen
Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin,
der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der
Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine
Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper so
klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das war die
körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die Gottesgeisel, die
sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher gesetzt, der es seinen
freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer, der es gewagt hatte, am
heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens anzuordnen.
Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte
Scheusal, und es hallte endlos und endlos Vive Robespierre! daß es ihn
ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die
Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht
zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und
Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von
glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei
und Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des
Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und
diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in
dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken und
Wünsche zu weihen.
Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem
Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren
der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile
verfallen sehen.
Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe
der Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser
mit einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste
glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein
Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.
Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder,
um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man
etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen
Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin,
der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der
Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine
Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper so
klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das war die
körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die Gottesgeisel, die
sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher gesetzt, der es seinen
freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer, der es gewagt hatte, am
heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens anzuordnen.
Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte
Scheusal, und es hallte endlos und endlos Vive Robespierre! daß es ihn
ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die
Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht
zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und
Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von
glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei
und Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des
Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und
diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in
dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken und
Wünsche zu weihen.
Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem
Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren
der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile
verfallen sehen.
Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe
der Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser
mit einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste
glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein
Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.
Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder,
um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man
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reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden
Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit Brennstoff
umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen, daß an die
Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild der Weisheit
in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte – aber wohl wälzte sich
unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf empor, wie
weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten die Bretter
und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der Atheismus
mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich kaum, sie
wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten Mechanismus
jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert wie ein
westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme stand als
Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der allegorischen
Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und heitern Stirn; bei
ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der Dankbarkeit aus
aller Augen.
Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des
Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie
zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches
Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das
kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die Tribüne
und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der Menge zu,
Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft die Könige, ihr
seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut fließe für die Sache
der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht das Opfer, welches wir
dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, du höchstes Wesen!
Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und
Comödianterie, und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die
Menge wälzte sich aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die
Eintrachtbrücke im dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.
Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.
Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen
uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte
mehrere auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein
Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit Brennstoff
umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen, daß an die
Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild der Weisheit
in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte – aber wohl wälzte sich
unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf empor, wie
weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten die Bretter
und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der Atheismus
mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich kaum, sie
wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten Mechanismus
jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert wie ein
westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme stand als
Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der allegorischen
Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und heitern Stirn; bei
ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der Dankbarkeit aus
aller Augen.
Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des
Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie
zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches
Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das
kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die Tribüne
und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der Menge zu,
Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft die Könige, ihr
seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut fließe für die Sache
der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht das Opfer, welches wir
dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, du höchstes Wesen!
Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und
Comödianterie, und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die
Menge wälzte sich aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die
Eintrachtbrücke im dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.
Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.
Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen
uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte
mehrere auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein
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Kerl in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch
und läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu
stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.
Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste
Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die jetzt, der
noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang schritten und
den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß vom Louvre
trennt.
Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern,
mit dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache,
in der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese
Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst
den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?
Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so viel
Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind, zutrauen,
daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie hier in die
Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.
Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und
mehr, mit einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der
ganze Garten, denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem
Marsfelde. Die Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen
Terrasse am Bord der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer
und über den Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die
Spur der zum Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von
welcher Seite eine vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.
Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter den
Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht, sondern schritt
gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der Balustrade der Terrasse
hin und pfiff sein Ç’a ira-Stückchen, indem er den Sprechenden näher kam
und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.
Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar
kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.
und läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu
stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.
Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste
Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die jetzt, der
noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang schritten und
den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß vom Louvre
trennt.
Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern,
mit dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache,
in der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese
Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst
den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?
Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so viel
Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind, zutrauen,
daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie hier in die
Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.
Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und
mehr, mit einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der
ganze Garten, denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem
Marsfelde. Die Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen
Terrasse am Bord der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer
und über den Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die
Spur der zum Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von
welcher Seite eine vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.
Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter den
Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht, sondern schritt
gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der Balustrade der Terrasse
hin und pfiff sein Ç’a ira-Stückchen, indem er den Sprechenden näher kam
und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.
Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar
kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.
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Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht
Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4]
Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4]
Page 135
[4] Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie liegen vorn. – Es ist
eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch sie.
Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht
zuschauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und
lauerte der Antwort entgegen.
Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward
ihm zur Antwort.
Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger?
fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.
Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie
nicht verstehst, Bürger!
Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch
ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.
Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker
Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im
Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in den
Wellen.
[5] Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!
Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und
bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit
seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen
verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem
Tuilerienschloß verunzierten.
[6] Nun in Gottes Namen vorwärts!
Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen
Bade und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein
möge, in welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche
erkannt, gesprochen hatten. –
In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer
ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, doch
eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch sie.
Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht
zuschauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und
lauerte der Antwort entgegen.
Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward
ihm zur Antwort.
Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger?
fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.
Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie
nicht verstehst, Bürger!
Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch
ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.
Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker
Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im
Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in den
Wellen.
[5] Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!
Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und
bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit
seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen
verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem
Tuilerienschloß verunzierten.
[6] Nun in Gottes Namen vorwärts!
Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen
Bade und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein
möge, in welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche
erkannt, gesprochen hatten. –
In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer
ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, doch
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etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und körperlicher
Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben und las sich
eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.
»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande
bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt
mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere,
und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube;
ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, daß von
meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben glauben
wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus schrieb ich
Ihrer Excellenz aux armes de la ville – der Herr Graf hatten kaum Zeit, an
die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn zu thun; den ganzen
lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er schrecklich beschäftigt mit
dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts- und anderen
Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten unzugänglich gefunden, im
Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die sich, wenn ich nach
Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache sehe, von
Doorwerth aus vollends ordnen lassen. Auch gegen den jungen Herrn
Grafen sind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der
Vice-Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn
umgestimmt. Uebrigens hat sich damals der junge Herr im Hause unseres
alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß
nicht durch was, in große Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande
gesetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er
hat ein genaues Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van
der Valck geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas
überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein
sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander zu
setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unsers
jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich mit
seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur
Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren
mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon
vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht
eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich gemacht
habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu
Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben und las sich
eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.
»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande
bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt
mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere,
und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube;
ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, daß von
meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben glauben
wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus schrieb ich
Ihrer Excellenz aux armes de la ville – der Herr Graf hatten kaum Zeit, an
die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn zu thun; den ganzen
lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er schrecklich beschäftigt mit
dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts- und anderen
Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten unzugänglich gefunden, im
Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die sich, wenn ich nach
Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache sehe, von
Doorwerth aus vollends ordnen lassen. Auch gegen den jungen Herrn
Grafen sind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der
Vice-Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn
umgestimmt. Uebrigens hat sich damals der junge Herr im Hause unseres
alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß
nicht durch was, in große Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande
gesetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er
hat ein genaues Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van
der Valck geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas
überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein
sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander zu
setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unsers
jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich mit
seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur
Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren
mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon
vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht
eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich gemacht
habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu
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abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen Berge zu finden,
die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider ist dazu die
Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun und ob etwas
zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in die Löwengrube
mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, sich
an mich anzuschließen und mich gleichsam zum Beschützer jener Dame
und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit Händen und Füßen
dagegen sträubte – aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb,
wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verstande einen
Rippenstoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen
Leute wagen sich in Begleitung Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die
Stadt, ich hoffe aber alle Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach
Doorwerth aufzubrechen so schnell als möglich, und die jungen Leute mit
dorthin zu nehmen, wo sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war
auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann
Carl; Hochdessen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und
dero Kinder, Gräfin Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der
kleine erst zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und
legen sich Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel
zur englischen Armee sich begeben.
Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo
dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum
abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier doch
von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen.
Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post wird
jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen übersteigt
alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier einpassirt, in
welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende Geschäfte gemacht
werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist vielleicht der einzige,
der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein
einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird Ihre Excellenz mit einem
Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich diesem Briefe eine
Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen Haare der
unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen die hellen
Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.
die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider ist dazu die
Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun und ob etwas
zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in die Löwengrube
mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, sich
an mich anzuschließen und mich gleichsam zum Beschützer jener Dame
und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit Händen und Füßen
dagegen sträubte – aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb,
wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verstande einen
Rippenstoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen
Leute wagen sich in Begleitung Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die
Stadt, ich hoffe aber alle Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach
Doorwerth aufzubrechen so schnell als möglich, und die jungen Leute mit
dorthin zu nehmen, wo sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war
auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann
Carl; Hochdessen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und
dero Kinder, Gräfin Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der
kleine erst zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und
legen sich Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel
zur englischen Armee sich begeben.
Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo
dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum
abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier doch
von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen.
Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post wird
jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen übersteigt
alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier einpassirt, in
welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende Geschäfte gemacht
werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist vielleicht der einzige,
der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein
einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird Ihre Excellenz mit einem
Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich diesem Briefe eine
Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen Haare der
unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen die hellen
Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.
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Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier
Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da dasselbe
beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen Rentenzinsen
für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen namhaften
Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben gewesen
sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen
verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu
kommen.
Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz
Hochdero getreuester
Paris, den 8. Juni 1794.
Windt.
Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar
treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig
ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den
Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald
nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder zu
Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem
stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken
sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das
war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch
so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn
Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns
wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.
Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt
hinzu; dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten
Ausflug gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner
ganzen Schönheit.
In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl
sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre
wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger
Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck,
unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin
zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin
Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da dasselbe
beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen Rentenzinsen
für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen namhaften
Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben gewesen
sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen
verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu
kommen.
Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz
Hochdero getreuester
Paris, den 8. Juni 1794.
Windt.
Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar
treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig
ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den
Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald
nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder zu
Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem
stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken
sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das
war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch
so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn
Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns
wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.
Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt
hinzu; dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten
Ausflug gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner
ganzen Schönheit.
In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl
sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre
wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger
Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck,
unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin
zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin
Page 139
nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben so hier
zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das ich reise,
glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die
Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr sie
hier aufzuthun.
Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich
alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr
einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den
holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem
Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch
schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von
guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und
manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von
hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir
guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés von
ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu dem
so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich drängen,
mit anzusehen.
Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den
vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der
Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine
einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem
tödtlichen Ausgang für sie alle führen.
Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten
schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis
dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, fanatisirt,
ça ira brüllend, theilweise auch die Farçe mit sarkastischer Lauge
kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann
dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reisenden
manches scharfe Wort. Hat sich anschreien lassen: Vive Robespierre! Tod
all’ diesen Schreiern! – War betrunken wie eine Kanone! – Will das höchste
Wesen selber sein! – Herunter mit ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut
bezahlt haben, der blutige Comödiant!
zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das ich reise,
glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die
Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr sie
hier aufzuthun.
Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich
alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr
einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den
holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem
Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch
schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von
guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und
manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von
hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir
guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés von
ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu dem
so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich drängen,
mit anzusehen.
Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den
vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der
Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine
einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem
tödtlichen Ausgang für sie alle führen.
Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten
schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis
dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, fanatisirt,
ça ira brüllend, theilweise auch die Farçe mit sarkastischer Lauge
kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann
dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reisenden
manches scharfe Wort. Hat sich anschreien lassen: Vive Robespierre! Tod
all’ diesen Schreiern! – War betrunken wie eine Kanone! – Will das höchste
Wesen selber sein! – Herunter mit ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut
bezahlt haben, der blutige Comödiant!
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Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz
geschlagen hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt
worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre
Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu
schreiben, machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das
theuere Kind und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben
gelobt hatte, so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie
freilich nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor
einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen
Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr
Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft zum
Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so völlig
dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf schönen
Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße hält.
Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und
ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre
Seele bebte.
Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel
schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.
11. Die Reisenden.
Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und
Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner
Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge,
als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige
stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt, um
sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die
Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen Herrenschlosse,
Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften, Oeconomiegebäuden,
mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen Feldflur, die ziemlich
frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der flachen Landschaft, die
geschlagen hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt
worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre
Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu
schreiben, machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das
theuere Kind und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben
gelobt hatte, so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie
freilich nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor
einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen
Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr
Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft zum
Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so völlig
dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf schönen
Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße hält.
Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und
ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre
Seele bebte.
Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel
schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.
11. Die Reisenden.
Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und
Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner
Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge,
als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige
stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt, um
sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die
Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen Herrenschlosse,
Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften, Oeconomiegebäuden,
mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen Feldflur, die ziemlich
frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der flachen Landschaft, die
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nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte Anhöhen, was man eben in
diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, doch nicht ohne
landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten, Tabaks- und Saatfelder,
noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte Wiesen, durchzogen von
zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs deren in malerischen
Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen, Ulmen und die
hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen. Wer je die
Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese Auen, der
muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die treueste
Wahrheit der Natur herrscht.
Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige
Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings
empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts
weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.
Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene
Kastell, dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der
wir so häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe
Bäume, Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der
Stämme, und deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die
ausgedehnten Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem
Töpferthon, in denen Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte
die Erde, andere waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende
Hand des Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern
der Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack,
Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete, oder
was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und
Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren.
Vom Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten
es wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine
Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer kaum
noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster
Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken
sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich
zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen;
es stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen
außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser
diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, doch nicht ohne
landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten, Tabaks- und Saatfelder,
noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte Wiesen, durchzogen von
zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs deren in malerischen
Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen, Ulmen und die
hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen. Wer je die
Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese Auen, der
muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die treueste
Wahrheit der Natur herrscht.
Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige
Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings
empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts
weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.
Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene
Kastell, dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der
wir so häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe
Bäume, Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der
Stämme, und deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die
ausgedehnten Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem
Töpferthon, in denen Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte
die Erde, andere waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende
Hand des Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern
der Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack,
Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete, oder
was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und
Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren.
Vom Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten
es wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine
Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer kaum
noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster
Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken
sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich
zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen;
es stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen
außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser
Page 142
einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert
Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth
durchschnitt die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von
Arnhem nach Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten
betretenen Fußweg; der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete
eine schöne Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach
Norden fort gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm
zum Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen
Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von
Doorwerth aus ein Wanderer in zwei »Uren Gaans«[7] erreichte.
[7] Gehe-Stunden.
Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein
Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere.
Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke,
zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und
in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten
Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei
Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der
Stadt zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei
raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und
Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen
Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige
Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und
sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr
ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel freute sie
fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel reifer Lauch
dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender Crocus.
Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als
diese wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster
niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen
Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band
am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber
von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie
trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und
das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war
Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth
durchschnitt die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von
Arnhem nach Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten
betretenen Fußweg; der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete
eine schöne Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach
Norden fort gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm
zum Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen
Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von
Doorwerth aus ein Wanderer in zwei »Uren Gaans«[7] erreichte.
[7] Gehe-Stunden.
Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein
Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere.
Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke,
zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und
in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten
Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei
Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der
Stadt zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei
raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und
Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen
Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige
Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und
sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr
ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel freute sie
fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel reifer Lauch
dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender Crocus.
Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als
diese wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster
niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen
Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band
am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber
von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie
trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und
das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war
Page 143
etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer,
dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht bedurfte,
war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und praktischer, als
der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene Bastillefächer von Paris, und
das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur Kühlung hervorgebracht werden
konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines Windmühlenflügels oder dem
Hauch eines Blasebalgs.
Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe der
schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so lauter,
als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald kommt?
Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht durch; die
ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt, Schloß, Wälle,
Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie, von der
Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal umgewendet,
und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was jetzt mit
zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden wieder
hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein Geld
haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die Hamster,
und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter, dy een hair in
vieren kloofen.
In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau blickte
scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr Gott von
Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas, dem Reiter
entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends abgestrickt,
Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in die Tiefe
des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.
Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in
kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in ihre
Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.
Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!
Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und
unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und
Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?
dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht bedurfte,
war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und praktischer, als
der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene Bastillefächer von Paris, und
das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur Kühlung hervorgebracht werden
konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines Windmühlenflügels oder dem
Hauch eines Blasebalgs.
Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe der
schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so lauter,
als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald kommt?
Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht durch; die
ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt, Schloß, Wälle,
Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie, von der
Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal umgewendet,
und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was jetzt mit
zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden wieder
hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein Geld
haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die Hamster,
und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter, dy een hair in
vieren kloofen.
In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau blickte
scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr Gott von
Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas, dem Reiter
entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends abgestrickt,
Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in die Tiefe
des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.
Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in
kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in ihre
Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.
Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!
Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und
unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und
Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?
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Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach
Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das ganze
Schloß voll Einquartierung.
Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast;
es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.
Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!
Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt all’
gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du doch
das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein Liebling,
hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen Freund mit und
dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun was ist es
weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken wird es ja
wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals glücklicher,
Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht viele Mäuler zu
sorgen hast.
Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in
höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann
kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er
denn?
Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde
den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld
und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute Wein-
Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.
Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich
einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.
Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte
Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand
des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.
Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und
das Kind, und eines für den fremden Herrn.
Und für unseren jungen gnädigen Herrn?
Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das ganze
Schloß voll Einquartierung.
Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast;
es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.
Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!
Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt all’
gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du doch
das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein Liebling,
hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen Freund mit und
dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun was ist es
weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken wird es ja
wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals glücklicher,
Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht viele Mäuler zu
sorgen hast.
Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in
höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann
kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er
denn?
Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde
den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld
und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute Wein-
Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.
Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich
einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.
Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte
Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand
des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.
Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und
das Kind, und eines für den fremden Herrn.
Und für unseren jungen gnädigen Herrn?
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Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch von
selbst.
Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau
Windt.
Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand
verrathen? gab Windt zur Antwort.
Du weißt es doch, ganz gewiß!
Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie
mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote,
liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner
wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch
ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete der?
Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.
Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er
antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!
Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim,
wenn du draußen herum gereist bist.
Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte
Schnurre wieder. –
Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende
Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der
Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der
Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und
verschmolzen, je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und
hülfreich zu sein, und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit
erschloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und
Angés das geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten.
Gern und freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger
Geleitsmann, sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit
und Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der
Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man
selbst.
Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau
Windt.
Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand
verrathen? gab Windt zur Antwort.
Du weißt es doch, ganz gewiß!
Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie
mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote,
liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner
wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch
ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete der?
Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.
Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er
antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!
Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim,
wenn du draußen herum gereist bist.
Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte
Schnurre wieder. –
Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende
Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der
Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der
Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und
verschmolzen, je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und
hülfreich zu sein, und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit
erschloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und
Angés das geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten.
Gern und freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger
Geleitsmann, sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit
und Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der
Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man
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war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen,
welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte
hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets
liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen hielt
und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem sie sich
viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen klugen und
treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt,
an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen Sehnsuchtsgefühl dachte,
besonders wenn der Anblick der endlosen Flächen, welche durchfahren
wurden, sie drückte.
O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses
Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll
lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern
der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und
Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche,
Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es kreischt
nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!
Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach
Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig in
Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns
finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der Menschen
Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend auf an
einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen alle
Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch nicht
allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in bergeumgürteter,
schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, reizlosen Flachland, das
zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.
Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit
grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize,
besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder
hinein zu tragen versteht.
Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser
gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war
sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische
welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte
hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets
liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen hielt
und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem sie sich
viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen klugen und
treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt,
an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen Sehnsuchtsgefühl dachte,
besonders wenn der Anblick der endlosen Flächen, welche durchfahren
wurden, sie drückte.
O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses
Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll
lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern
der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und
Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche,
Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es kreischt
nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!
Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach
Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig in
Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns
finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der Menschen
Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend auf an
einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen alle
Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch nicht
allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in bergeumgürteter,
schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, reizlosen Flachland, das
zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.
Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit
grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize,
besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder
hinein zu tragen versteht.
Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser
gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war
sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische
Page 147
und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein
Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich
dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch
sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden
wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen
zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von
Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und
den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der
Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das
vom Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur
Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen.
Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach
jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit
der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés
denselben plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut
gerufen: Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre
Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie
sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und unter
Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß dieses Kind
mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines Freundes Kind,
in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch sei, und was
immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so erkläre ich
hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen,
sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen
Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten sei und gesagt
habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze dieser Dame und
dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde
niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!
Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand
ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie
sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es
erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu
bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und dieses
Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der
gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen Sie
Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich
dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch
sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden
wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen
zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von
Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und
den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der
Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das
vom Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur
Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen.
Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach
jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit
der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés
denselben plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut
gerufen: Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre
Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie
sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und unter
Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß dieses Kind
mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines Freundes Kind,
in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch sei, und was
immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so erkläre ich
hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen,
sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen
Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten sei und gesagt
habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze dieser Dame und
dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde
niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!
Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand
ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie
sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es
erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu
bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und dieses
Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der
gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen Sie
Page 148
meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer
getrost und geradezu an mich.
Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von
Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß
zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer
gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.
Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine
Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel
gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst
einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen
können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter
William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist mit
meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn Letzterer ist
erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem
eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat
oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. Ich
verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, denn
ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und
erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder
für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur das Zeichen meiner
grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an
der Stelle meines ganz und gar bestürzten Leonardus zu handeln, und mich
unserer armen leidenden Angés und des Kindes in solcher Weise schützend
anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben
würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen
beiden Vettern zu Theil wurden.
Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus
ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das
drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging
auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich
dir mit meinem geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst;
außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in
den der heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann
verließ und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu
getrost und geradezu an mich.
Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von
Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß
zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer
gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.
Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine
Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel
gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst
einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen
können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter
William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist mit
meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn Letzterer ist
erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem
eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat
oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. Ich
verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, denn
ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und
erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder
für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur das Zeichen meiner
grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an
der Stelle meines ganz und gar bestürzten Leonardus zu handeln, und mich
unserer armen leidenden Angés und des Kindes in solcher Weise schützend
anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben
würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen
beiden Vettern zu Theil wurden.
Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus
ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das
drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging
auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich
dir mit meinem geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst;
außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in
den der heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann
verließ und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu
Page 149
haben, ihre Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter!
– Meine so eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van
Swammerdam, sagte zu mir: Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die
kost is te magtig voor my.[8]
[8] Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese Kost ist mir zu
ungenießbar!
Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit
starrem Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und
rief einmal über das anderemal: Gód wil dat den besten keeren![9]
[9] Möge Gott dies zum Besten lenken!
Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus
den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd und
bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann ich den
Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf mich
machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese unselige
Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was sollte, was
konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach so ruhig und
demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine
Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der
Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen
– nein – nie und nimmermehr.
Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als
Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich
gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut
für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich
die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die Hälfte des
Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die Hälfte deines
Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und allgerechten Gott
geschworen!
Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach
zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei dir,
mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich Trost,
Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.
– Meine so eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van
Swammerdam, sagte zu mir: Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die
kost is te magtig voor my.[8]
[8] Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese Kost ist mir zu
ungenießbar!
Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit
starrem Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und
rief einmal über das anderemal: Gód wil dat den besten keeren![9]
[9] Möge Gott dies zum Besten lenken!
Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus
den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd und
bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann ich den
Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf mich
machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese unselige
Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was sollte, was
konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach so ruhig und
demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine
Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der
Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen
– nein – nie und nimmermehr.
Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als
Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich
gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut
für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich
die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die Hälfte des
Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die Hälfte deines
Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und allgerechten Gott
geschworen!
Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach
zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei dir,
mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich Trost,
Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.
Page 150
Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen,
verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich dir
und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja
mich euere vereinte Verwünschung getroffen.
Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem
Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der
Weiterrede des Jünglings.
Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer
bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je durchlebt. Sie
entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, bester Freund
Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und
die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine dunkele
dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns umlauert, uns
belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre mitternachtdunkeln
Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo sie aufbewahrt
bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief
ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in der That so
ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung mich vor mir
selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht soll die Stunde
sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« Und siehe – in
derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir kündeten, mit
versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu
sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel Jüngeren und in jeder
Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerst und
zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, wie sehr
damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zornreden ihn
gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders handeln können, als
von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzuschlagen? So that ich denn,
was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde
gelegt, erfüllte sich und fiel auf euer schuldloses Haupt.
Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm
die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die in
Thränen schwammen.
verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich dir
und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja
mich euere vereinte Verwünschung getroffen.
Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem
Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der
Weiterrede des Jünglings.
Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer
bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je durchlebt. Sie
entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, bester Freund
Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und
die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine dunkele
dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns umlauert, uns
belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre mitternachtdunkeln
Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo sie aufbewahrt
bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief
ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in der That so
ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung mich vor mir
selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht soll die Stunde
sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« Und siehe – in
derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir kündeten, mit
versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu
sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel Jüngeren und in jeder
Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerst und
zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, wie sehr
damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zornreden ihn
gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders handeln können, als
von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzuschlagen? So that ich denn,
was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde
gelegt, erfüllte sich und fiel auf euer schuldloses Haupt.
Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm
die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die in
Thränen schwammen.
Page 151
Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie
so reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so
würde ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt
der Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der
Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla Nikodema
van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen
entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch
d a z u Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt
haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon
dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: Jacques le
fataliste et son maitre?
Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf
Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die neue
Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete
Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht
das philosophische?
Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen
Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn
zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß
diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die
Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube,
die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch
heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde von
der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich rede, gibt mir
mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!
Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr
Windt? fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz
entfernten Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den
Zweck und die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?
Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts
Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe, Weisheitslehre.
Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen umhangen umhertollt,
liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, lehrt sie nicht. Oder sollte
ich mich irren? Neu ist freilich die Sache nicht, das weiß ich; zu allen
so reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so
würde ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt
der Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der
Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla Nikodema
van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen
entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch
d a z u Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt
haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon
dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: Jacques le
fataliste et son maitre?
Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf
Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die neue
Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete
Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht
das philosophische?
Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen
Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn
zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß
diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die
Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube,
die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch
heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde von
der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich rede, gibt mir
mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!
Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr
Windt? fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz
entfernten Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den
Zweck und die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?
Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts
Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe, Weisheitslehre.
Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen umhangen umhertollt,
liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, lehrt sie nicht. Oder sollte
ich mich irren? Neu ist freilich die Sache nicht, das weiß ich; zu allen
Page 152
Zeiten hat es abgeschmackte und aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die
unter der Vorspiegelung, erhabene Lehren der Weisheit zu verbreiten, der
Welt die Schnurrpfeifereien ihres verbrannten Gehirns zum Besten gaben,
gerade so und um kein Haar anders, wie unsere jungen neumodischen
Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn dahin, keiner wandelte eine hohe
und erhabene Bahn, keiner nahm allbewunderten Geistesflug, auf elenden
Treckschuiten segelten sie zum Orkus und in das Meer der Vergessenheit,
ins Schlepptau genommen von den lahmen und zu Tode geschundenen
Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die
unaustilgbare Brut solchen Gewürms erzeugen, aber sein Loos wird
immerdar dasselbe sein, das Loos der Eintagsfliegen, die aus den ekeln
Larven im Morast entstehen, heute uns umschwärmen und morgen dahin
sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst glauben, Herr Graf, daß diese
nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich, diese blutige Harlekinade, dieser
Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die sammt und sonders in der
neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe? Ich glaube es nicht, und
ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin, noch zu erleben, daß diese
gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken nimmt, und daß Gott diesem
Frankreich einen Tyrannen mit einer Eisenfaust sendet, der ihm die Brust
zusammenschnürt mit allen Stricken und Ketten der Gewalt, damit es
wieder Buße thue im Sack und in der Asche, und die Kirchen wieder
aufthue, und nicht das höchste Wesen, welches ein ebenso haltloser und
einfältiger Begriff ist, als die französische Gottheit der Vernunft, sondern
Gott und seinen eingeborenen Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in
der Wahrheit.
Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm
und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast,
wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle
neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein
wenig zuzuneigen, zu allererst?
Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner
Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese
ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in Gestalt
moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts und der
Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung, der
Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der Zügellosigkeit, des
unter der Vorspiegelung, erhabene Lehren der Weisheit zu verbreiten, der
Welt die Schnurrpfeifereien ihres verbrannten Gehirns zum Besten gaben,
gerade so und um kein Haar anders, wie unsere jungen neumodischen
Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn dahin, keiner wandelte eine hohe
und erhabene Bahn, keiner nahm allbewunderten Geistesflug, auf elenden
Treckschuiten segelten sie zum Orkus und in das Meer der Vergessenheit,
ins Schlepptau genommen von den lahmen und zu Tode geschundenen
Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die
unaustilgbare Brut solchen Gewürms erzeugen, aber sein Loos wird
immerdar dasselbe sein, das Loos der Eintagsfliegen, die aus den ekeln
Larven im Morast entstehen, heute uns umschwärmen und morgen dahin
sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst glauben, Herr Graf, daß diese
nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich, diese blutige Harlekinade, dieser
Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die sammt und sonders in der
neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe? Ich glaube es nicht, und
ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin, noch zu erleben, daß diese
gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken nimmt, und daß Gott diesem
Frankreich einen Tyrannen mit einer Eisenfaust sendet, der ihm die Brust
zusammenschnürt mit allen Stricken und Ketten der Gewalt, damit es
wieder Buße thue im Sack und in der Asche, und die Kirchen wieder
aufthue, und nicht das höchste Wesen, welches ein ebenso haltloser und
einfältiger Begriff ist, als die französische Gottheit der Vernunft, sondern
Gott und seinen eingeborenen Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in
der Wahrheit.
Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm
und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast,
wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle
neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein
wenig zuzuneigen, zu allererst?
Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner
Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese
ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in Gestalt
moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts und der
Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung, der
Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der Zügellosigkeit, des
Page 153
Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel des Aufruhrs und der
Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den Staatsrath, nicht in die Kirche,
nicht auf die Lehrkanzel gehören, sondern – an den hellen lichten Galgen!
Punktum!
Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie
auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.
Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie
wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht haben,
ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder zugestehen, noch
ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat das Recht in der
Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der Gaukeltasche, die er gibt, wem
er will, sondern das Recht ist von Ewigkeit her zu Recht beständig, und das
Unrecht bleibt Unrecht, und wenn alle Nationen es für Recht ausschreien.
Lassen Sie mich nur noch, da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste
Frage einfach antworten, es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die
neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle?
Warum nicht; jede wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll
dies thun, eine neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die
Wahrheit ist keine Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an
ihr nicht neue Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und
Geographie, dort ein Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe
im stillen Ocean. Die Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da,
beide sind nichts Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und
Erkennen ein. Kein Philosoph der Welt kann einen neuen G o t t
verkündigen; was bei neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich
dargethan, als es seine Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin
vorstellen und vertreten ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die
Gottheit und ihr Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs
eine neue Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es
irgend einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter
mit Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris
Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!
Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden
sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise spalten sich, der
Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geschwister, »es
Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den Staatsrath, nicht in die Kirche,
nicht auf die Lehrkanzel gehören, sondern – an den hellen lichten Galgen!
Punktum!
Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie
auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.
Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie
wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht haben,
ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder zugestehen, noch
ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat das Recht in der
Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der Gaukeltasche, die er gibt, wem
er will, sondern das Recht ist von Ewigkeit her zu Recht beständig, und das
Unrecht bleibt Unrecht, und wenn alle Nationen es für Recht ausschreien.
Lassen Sie mich nur noch, da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste
Frage einfach antworten, es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die
neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle?
Warum nicht; jede wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll
dies thun, eine neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die
Wahrheit ist keine Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an
ihr nicht neue Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und
Geographie, dort ein Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe
im stillen Ocean. Die Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da,
beide sind nichts Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und
Erkennen ein. Kein Philosoph der Welt kann einen neuen G o t t
verkündigen; was bei neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich
dargethan, als es seine Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin
vorstellen und vertreten ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die
Gottheit und ihr Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs
eine neue Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es
irgend einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter
mit Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris
Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!
Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden
sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise spalten sich, der
Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geschwister, »es
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lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer Scheu«, und die besten
und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen zu maßlosen Reden,
wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und Zwietracht walten und
zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe des Gemüthes, der
heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer,
vielen Tausenden verloren.
Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von
solcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen
war – wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne
irgend eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten
Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn
sie stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man zuletzt
in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft dieser
langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast gehalten wurde
und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher seiner kleinen
Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen
Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne
ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf,
welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze
Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen
Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude erfüllt,
jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte gleich hinter
Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen dicht am Wege
sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, der seiner Form
und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es war ein in dieser
Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen
Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom
umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in
der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenso der Grund,
weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine
Strecke weiter davon einzeln stehende hochragende erratische Block der
Heimensteen.
Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf
den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen
Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze unsers
neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, daß nach
und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen zu maßlosen Reden,
wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und Zwietracht walten und
zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe des Gemüthes, der
heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer,
vielen Tausenden verloren.
Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von
solcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen
war – wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne
irgend eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten
Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn
sie stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man zuletzt
in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft dieser
langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast gehalten wurde
und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher seiner kleinen
Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen
Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne
ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf,
welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze
Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen
Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude erfüllt,
jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte gleich hinter
Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen dicht am Wege
sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, der seiner Form
und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es war ein in dieser
Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen
Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom
umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in
der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenso der Grund,
weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine
Strecke weiter davon einzeln stehende hochragende erratische Block der
Heimensteen.
Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf
den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen
Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze unsers
neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, daß nach
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so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun soll und
will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unser
übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser allseitiges
Hoffen in Erfüllung gehe!
Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen
rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß
Doorwerth zu.
12. Briefwechsel.
Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth,
welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein
Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit unruhiger
fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, Nachrichten und
Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren sie selten
erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja, sie waren
ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als Besorgnisse zu
zerstreuen, die immer drückender wurden.
Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von
früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern
dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es
wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und
die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den
Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die
Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen
wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe als
Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde still
und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften bei,
schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme dadurch,
daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach Arnhem zur
Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der Pariser Reise
will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unser
übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser allseitiges
Hoffen in Erfüllung gehe!
Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen
rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß
Doorwerth zu.
12. Briefwechsel.
Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth,
welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein
Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit unruhiger
fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, Nachrichten und
Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren sie selten
erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja, sie waren
ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als Besorgnisse zu
zerstreuen, die immer drückender wurden.
Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von
früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern
dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es
wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und
die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den
Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die
Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen
wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe als
Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde still
und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften bei,
schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme dadurch,
daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach Arnhem zur
Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der Pariser Reise
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bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth gesendet
worden.
Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so
ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu
unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen
hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges
aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig mittheilte.
Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte er die Mithülfe
der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien der Augenblick, in
welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner des Kastells
Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So war der 22.
September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen Freunde
feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt und dessen
Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und Leonardus beim
heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern Schiffskapitäns Richard
Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose« einige Becher geweiht.
War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s Geburtstag, der das innige
Band der Freundschaft um die Herzen von Ludwig, Leonardus und Angés
geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen und geeignetsten Tage sie zu
erneuen. Die Verbundenen waren still glücklich; ihre Freude war keine
lebhafte und laute, nur Frau Juliane Windt, des Schaumweins ungewohnt,
trank sich ein heiteres Räuschchen; Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll
Gedanken und Geschäfte, Verdruß und Aerger, als daß er hätte die
Empfindungen theilen können, welche seine jungen Freunde beseelten. Er
nahm daher, nachdem er der Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf
Aller Wohl, sein eignes, das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht
ausgenommen, wacker mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere
Unterhaltung mit dem zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil
bedrängte.
Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will
fort und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau
Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf
auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen,
der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun,
kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht.
Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich
worden.
Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so
ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu
unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen
hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges
aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig mittheilte.
Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte er die Mithülfe
der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien der Augenblick, in
welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner des Kastells
Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So war der 22.
September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen Freunde
feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt und dessen
Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und Leonardus beim
heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern Schiffskapitäns Richard
Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose« einige Becher geweiht.
War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s Geburtstag, der das innige
Band der Freundschaft um die Herzen von Ludwig, Leonardus und Angés
geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen und geeignetsten Tage sie zu
erneuen. Die Verbundenen waren still glücklich; ihre Freude war keine
lebhafte und laute, nur Frau Juliane Windt, des Schaumweins ungewohnt,
trank sich ein heiteres Räuschchen; Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll
Gedanken und Geschäfte, Verdruß und Aerger, als daß er hätte die
Empfindungen theilen können, welche seine jungen Freunde beseelten. Er
nahm daher, nachdem er der Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf
Aller Wohl, sein eignes, das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht
ausgenommen, wacker mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere
Unterhaltung mit dem zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil
bedrängte.
Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will
fort und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau
Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf
auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen,
der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun,
kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht.
Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich
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sicher wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm.
Sein Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei
Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen
weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll
immer leidend sein.
Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem
Gefühle.
Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider
Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns
vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von
Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten
Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren
Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der
Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner
Gewohnheit nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und
möchte rasend werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen
vierzehn Tagen hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz
Außerordentliches begegnet sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben,
was hilft es aber, wenn mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und
ihn nirgend findet? Und Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr
käme endlich, mit ihm unterhandeln werde!
Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert
haben, wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten
wäre.
Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.
Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte
lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät eingetroffen;
es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute rennen mit den
Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein Ameisenhaufen, habe es
nicht klein bekommen können, was es gibt, außer, daß man will in der
Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein Maul aufthue und frage,
so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir antwortet, so verstehe ich
auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu Lande, ich dächte doch, ich
spräche so gutes Deutsch, daß man mich verstehen könnte!
Sein Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei
Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen
weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll
immer leidend sein.
Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem
Gefühle.
Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider
Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns
vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von
Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten
Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren
Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der
Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner
Gewohnheit nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und
möchte rasend werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen
vierzehn Tagen hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz
Außerordentliches begegnet sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben,
was hilft es aber, wenn mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und
ihn nirgend findet? Und Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr
käme endlich, mit ihm unterhandeln werde!
Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert
haben, wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten
wäre.
Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.
Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte
lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät eingetroffen;
es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute rennen mit den
Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein Ameisenhaufen, habe es
nicht klein bekommen können, was es gibt, außer, daß man will in der
Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein Maul aufthue und frage,
so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir antwortet, so verstehe ich
auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu Lande, ich dächte doch, ich
spräche so gutes Deutsch, daß man mich verstehen könnte!
Page 158
Alle lachten. – Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nächstens bei den
Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so
rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als du
den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche und
trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur verdronken
wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen Herren gutes
Wohlsein!
Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit Freude
im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen Erbherrn!
Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an Sie, Dame
Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van der Valck;
halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine gute
Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen der
Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch
eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der
dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des
Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon
gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der
Vetter mir zu schreiben haben?
Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich
habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich
zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern
in dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher
antworten können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von
hier nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe
auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies
Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen
Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles
Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.
Wilhelm Gustav Friedrich.«
Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er
aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für mich
zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was
hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott
Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so
rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als du
den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche und
trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur verdronken
wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen Herren gutes
Wohlsein!
Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit Freude
im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen Erbherrn!
Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an Sie, Dame
Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van der Valck;
halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine gute
Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen der
Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch
eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der
dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des
Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon
gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der
Vetter mir zu schreiben haben?
Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich
habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich
zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern
in dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher
antworten können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von
hier nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe
auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies
Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen
Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles
Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.
Wilhelm Gustav Friedrich.«
Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er
aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für mich
zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was
hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott
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weiß, wie sehr ich dieser Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf ich fort?
Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht, daß man dort
weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne Patrioten das, die
den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es die Hunde von
Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten! Und wir hier? Vom
Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von Frankreich her die
Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee unter Anführung
des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die Engländer unter dem
Herzog von York, und da sollte ich von hier fortgehen? Ein schlechter
Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist meine Fahne! Ich bin
Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut anvertraut, ich werde es
hüten und halten!
Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen kann
in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und fragte:
Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter?
Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus
mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch
krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind ab,
und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten Dame
wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des Doctor
Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist. Räth mir
das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt einen
fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier aussieht –
sollte nur selbst kommen!
Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn
noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge,
dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim
Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf
Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern
vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im
Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser
Ansicht nur beipflichten.
Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten;
Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme
Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht, daß man dort
weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne Patrioten das, die
den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es die Hunde von
Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten! Und wir hier? Vom
Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von Frankreich her die
Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee unter Anführung
des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die Engländer unter dem
Herzog von York, und da sollte ich von hier fortgehen? Ein schlechter
Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist meine Fahne! Ich bin
Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut anvertraut, ich werde es
hüten und halten!
Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen kann
in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und fragte:
Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter?
Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus
mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch
krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind ab,
und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten Dame
wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des Doctor
Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist. Räth mir
das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt einen
fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier aussieht –
sollte nur selbst kommen!
Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn
noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge,
dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim
Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf
Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern
vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im
Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser
Ansicht nur beipflichten.
Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten;
Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme
Page 160
blickten endlich alle zunächst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen
Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem
und gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen,
dem aber ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie
auch zuerst wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen
Sie gute Nachrichten, verehrte Madame?
Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu
machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende,
allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau
hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn
mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte
doch, es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund
einer lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich
beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter
Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit allseitiger
Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger Empfindung
vernommen.
Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen
gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus seien
nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile
eingegangen.
Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie,
nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht und
suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich, mein
Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht ahnen
konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen mich
fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu mir in ihm
lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen lassen, so mag es
wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich doppelt elend fühlte. Er ist
noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee der Vendéer gegangen.
Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt
mir die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der
Familie ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die
kleine Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés,
Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem
und gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen,
dem aber ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie
auch zuerst wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen
Sie gute Nachrichten, verehrte Madame?
Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu
machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende,
allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau
hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn
mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte
doch, es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund
einer lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich
beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter
Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit allseitiger
Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger Empfindung
vernommen.
Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen
gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus seien
nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile
eingegangen.
Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie,
nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht und
suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich, mein
Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht ahnen
konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen mich
fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu mir in ihm
lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen lassen, so mag es
wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich doppelt elend fühlte. Er ist
noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee der Vendéer gegangen.
Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt
mir die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der
Familie ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die
kleine Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés,
Page 161
lichtet sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die
Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor
der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit, wo
noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen, einst an
der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das Erdenleben
zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen Herzen, die nur
ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr zu erröthen, fehlt
es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen Familie. Dir ist bekannt,
liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine Prinzessin, seine nachherige
Gemahlin, welche älter war als er, feurig liebte, und in früher Jugend
Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche Fall trat bei dem Sohne ein,
dem Kinde dieser flammenden und daher auch früh verrauchten und
verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria Therese Bathilde nicht
verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht richten, welche,
hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu ihr und von ihrer
heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht beiderseitiger
Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes wurde, zu dessen
Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit heiligem Eide.
Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit bei uns
verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas und
konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine Sophie
Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von ihrem Gatten
treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei Allem, was dir
heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche Sorgfalt
anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten bleibe, und gib
mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf welche mit aller
Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.«
Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus
und Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so
würde dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben.
Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte
heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter!
Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund
aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe
und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein
Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater Wort
Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor
der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit, wo
noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen, einst an
der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das Erdenleben
zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen Herzen, die nur
ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr zu erröthen, fehlt
es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen Familie. Dir ist bekannt,
liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine Prinzessin, seine nachherige
Gemahlin, welche älter war als er, feurig liebte, und in früher Jugend
Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche Fall trat bei dem Sohne ein,
dem Kinde dieser flammenden und daher auch früh verrauchten und
verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria Therese Bathilde nicht
verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht richten, welche,
hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu ihr und von ihrer
heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht beiderseitiger
Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes wurde, zu dessen
Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit heiligem Eide.
Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit bei uns
verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas und
konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine Sophie
Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von ihrem Gatten
treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei Allem, was dir
heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche Sorgfalt
anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten bleibe, und gib
mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf welche mit aller
Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.«
Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus
und Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so
würde dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben.
Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte
heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter!
Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund
aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe
und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein
Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater Wort
Page 162
gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem er
mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat.
Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und
das um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!
Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich
wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den
Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die
Flüche der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts
millionenfach. Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist
veränderlich. Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht
zu seinen und unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es
solle ein Theil des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu
Bochum in Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck,
der aus Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine
Tochter des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der
Sage nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift
Lüttich und den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen.
– Doch das werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar
wachsen; aber nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le
Mans, an das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und
freue dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du
bist frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde:
»ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier
wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte
als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée
unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11.
October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel
Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der
Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch
gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen
und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel
ihres einst blühenden Geschäftes.«
Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle
von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der beiden
Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein dunkler
mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat.
Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und
das um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!
Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich
wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den
Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die
Flüche der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts
millionenfach. Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist
veränderlich. Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht
zu seinen und unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es
solle ein Theil des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu
Bochum in Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck,
der aus Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine
Tochter des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der
Sage nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift
Lüttich und den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen.
– Doch das werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar
wachsen; aber nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le
Mans, an das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und
freue dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du
bist frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde:
»ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier
wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte
als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée
unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11.
October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel
Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der
Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch
gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen
und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel
ihres einst blühenden Geschäftes.«
Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle
von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der beiden
Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein dunkler
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Vorhang nieder und schließt einen, ach und wohl den traurigsten der Acte
meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum ist es
mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist diese
Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich kann auf
sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor ich nicht
die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe; aber, meine
lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich scheiden! Meine
Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses holde und liebe, mir
anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel Gefahren brachte ich’s,
ich will es der Heimath wieder zuführen, der es entstammt, ihm will ich
dort leben, und deine That, Leonardus, deine Liebe will ich ewig dankbar
segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will ich innig eingedenkt bleiben!
Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus, mußt zu deinem Vater
zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine Verzeihung erflehen. Er
wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich sein. Du, Ludwig, wirst auf
dem Felde der Ehre wandeln und eine selbstständige hohe Stellung dir
erringen, die dich völlig unabhängig macht von deinen Verwandten.
Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind
ehrenhaft, und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst
jetzt nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln
von Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in
Einem deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses
zarte Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten
Entschlüssen durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen,
setzte Ludwig hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem
Kinde, Angés, und reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen
Busch voll Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein
Krieger zu dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende
Wolke des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß,
vorüberbrausen, weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein
sichereres bieten und öffnen.
Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat
erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da man
nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre offen
stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen
meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum ist es
mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist diese
Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich kann auf
sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor ich nicht
die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe; aber, meine
lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich scheiden! Meine
Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses holde und liebe, mir
anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel Gefahren brachte ich’s,
ich will es der Heimath wieder zuführen, der es entstammt, ihm will ich
dort leben, und deine That, Leonardus, deine Liebe will ich ewig dankbar
segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will ich innig eingedenkt bleiben!
Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus, mußt zu deinem Vater
zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine Verzeihung erflehen. Er
wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich sein. Du, Ludwig, wirst auf
dem Felde der Ehre wandeln und eine selbstständige hohe Stellung dir
erringen, die dich völlig unabhängig macht von deinen Verwandten.
Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind
ehrenhaft, und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst
jetzt nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln
von Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in
Einem deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses
zarte Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten
Entschlüssen durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen,
setzte Ludwig hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem
Kinde, Angés, und reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen
Busch voll Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein
Krieger zu dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende
Wolke des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß,
vorüberbrausen, weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein
sichereres bieten und öffnen.
Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat
erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da man
nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre offen
stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen
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aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung genügt, so hörten Alle in
bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall.
Was ist es, lieber Herr Windt?
Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher
Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt
entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer kann!
Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine Frage. Halten
Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der Augenblick wird
kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das hiesige Archiv fährt, in
einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem; alle Papiere des gräflichen
Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich stelle sie unter den Schutz des
dortigen Magistrates. So wie eine Abtheilung der holländischen oder der
englischen Armee sich nähert, werden Sie, Herr Graf, zu deren
Befehlshaber zu reiten so gütig sein, und um Schutzwachen für Doorwerth,
Helsum, Rosendael und Wolfsheese bitten. Es geht bereits ganz lustig und
kunterbund zu, die Wege sind mit Flüchtlingen aus Brabant bedeckt,
Adelige, Geistliche und sonst vornehme Leute, in Arnhem sind schon
Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort packt Alles ein und hat sich
schrecklich beezig[10] und consternirt. Die Stadt wird stark befestigt. Etwas
Neues ist auch noch, daß der Graf Johann Carl schon einige Male durch
Helsum gekommen ist, ohne hier vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja
ohnlängst durchkamen, soll das englische Lazareth hingelegt werden. Im
Haag sogar, vernahm ich heute, wird eingepackt, leider ist die prinzliche
Partei die einpackende. Doch zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine
gute, erfreuliche. Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen
eine ganze Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende
Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der
unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu
überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf,
die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit
ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig. Die
Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst
erwürgt. –
[10] Rührig.
bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall.
Was ist es, lieber Herr Windt?
Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher
Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt
entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer kann!
Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine Frage. Halten
Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der Augenblick wird
kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das hiesige Archiv fährt, in
einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem; alle Papiere des gräflichen
Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich stelle sie unter den Schutz des
dortigen Magistrates. So wie eine Abtheilung der holländischen oder der
englischen Armee sich nähert, werden Sie, Herr Graf, zu deren
Befehlshaber zu reiten so gütig sein, und um Schutzwachen für Doorwerth,
Helsum, Rosendael und Wolfsheese bitten. Es geht bereits ganz lustig und
kunterbund zu, die Wege sind mit Flüchtlingen aus Brabant bedeckt,
Adelige, Geistliche und sonst vornehme Leute, in Arnhem sind schon
Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort packt Alles ein und hat sich
schrecklich beezig[10] und consternirt. Die Stadt wird stark befestigt. Etwas
Neues ist auch noch, daß der Graf Johann Carl schon einige Male durch
Helsum gekommen ist, ohne hier vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja
ohnlängst durchkamen, soll das englische Lazareth hingelegt werden. Im
Haag sogar, vernahm ich heute, wird eingepackt, leider ist die prinzliche
Partei die einpackende. Doch zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine
gute, erfreuliche. Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen
eine ganze Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende
Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der
unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu
überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf,
die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit
ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig. Die
Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst
erwürgt. –
[10] Rührig.
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Es kamen schlimme Tage für den treuen Windt, die seine Geduld, seinen
Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin
auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete
bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und
Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des
Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands
Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen
wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich
angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder
schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach
Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit
über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser,
welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten.
Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und
Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die Herrlichkeit
Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und prangenden
Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes Besitzthum zu
bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in nördlicher Richtung aus
dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem, Doesburg, Zuitphen wurden
leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und plünderte auf eigene Hand
und auf Rechnung der Soldaten.
Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe
von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und
ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich
abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er
sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme
gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich Briefe
nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich zahlreiche
Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft zu ihm
und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei
begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der
Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich hatte
Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus
bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen aus
guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die Dienerschaft
in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren verrammelt, das
Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin
auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete
bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und
Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des
Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands
Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen
wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich
angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder
schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach
Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit
über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser,
welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten.
Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und
Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die Herrlichkeit
Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und prangenden
Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes Besitzthum zu
bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in nördlicher Richtung aus
dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem, Doesburg, Zuitphen wurden
leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und plünderte auf eigene Hand
und auf Rechnung der Soldaten.
Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe
von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und
ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich
abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er
sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme
gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich Briefe
nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich zahlreiche
Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft zu ihm
und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei
begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der
Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich hatte
Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus
bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen aus
guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die Dienerschaft
in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren verrammelt, das
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Hauptthor bewacht, die Zugbrücke aufgezogen. Dieser Widerstand sollte
nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos Schutz gewähren
gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und bewachte Kastell
Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer strategischer Punkt, als
die kleine, unbedeutende und halb verfallene Dunenschanze, die in des
Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag. – Wieder war ein Tag
voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen Rentmeister entlassen
und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen Brief vom Hofrath Brünings
aus Varel erhalten, wo auch kein schönes Wetter war. Brünings äußerte sich
halb ironisch, voll Hoffnung, daß das »große Werk« nun wohl bald zu
Stande kommen werde und schrieb: »Man hört hier von Holland, in
Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere Gerüchte. Gott gebe, daß sie
ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des Jakobinismus noch gar nicht ab.
Die reichen Bauern wollen keine Steuern mehr zahlen, die armen können
nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind leer.«
Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber,
seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist
unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren
voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen
Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da
ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen
und Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und
Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu errichten.
Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der
Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen.
Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen
patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth
hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus
ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der
Dinge macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er
Zeit hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen
Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer
liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und
Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde,
weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig, die
verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden Schatzung
nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos Schutz gewähren
gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und bewachte Kastell
Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer strategischer Punkt, als
die kleine, unbedeutende und halb verfallene Dunenschanze, die in des
Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag. – Wieder war ein Tag
voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen Rentmeister entlassen
und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen Brief vom Hofrath Brünings
aus Varel erhalten, wo auch kein schönes Wetter war. Brünings äußerte sich
halb ironisch, voll Hoffnung, daß das »große Werk« nun wohl bald zu
Stande kommen werde und schrieb: »Man hört hier von Holland, in
Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere Gerüchte. Gott gebe, daß sie
ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des Jakobinismus noch gar nicht ab.
Die reichen Bauern wollen keine Steuern mehr zahlen, die armen können
nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind leer.«
Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber,
seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist
unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren
voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen
Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da
ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen
und Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und
Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu errichten.
Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der
Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen.
Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen
patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth
hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus
ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der
Dinge macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er
Zeit hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen
Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer
liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und
Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde,
weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig, die
verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden Schatzung
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von den gräflichen Häusern nach Arnhem liefern. Alles Unheil schlägt
zusammen, wie der Donner in die Töpfe!
Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein
Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer
Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt
nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie
sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!
Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend,
saß bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die
verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und
neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große
wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer
möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee
Eigenthum eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen
Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in
der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen
Reiche angehöre?
Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische
Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen
erst hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr
auf dem andern!
Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in
bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een
Rigsdaler« gekostet hat. Nos Christianus quintus his literis patentibus und
so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt mit dem Kongelige
Danske Cancellier Seigl.
Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie
immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht
abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe, so
ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch
mehr!
Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu
scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz
zusammen, wie der Donner in die Töpfe!
Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein
Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer
Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt
nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie
sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!
Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend,
saß bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die
verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und
neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große
wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer
möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee
Eigenthum eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen
Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in
der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen
Reiche angehöre?
Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische
Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen
erst hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr
auf dem andern!
Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in
bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een
Rigsdaler« gekostet hat. Nos Christianus quintus his literis patentibus und
so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt mit dem Kongelige
Danske Cancellier Seigl.
Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie
immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht
abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe, so
ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch
mehr!
Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu
scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz
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helfen jetzt weder deutsche noch dänische Grafendiplome, und wenn Karl
der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark.
Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die vis unita nicht nur, es ist
auch die vis unica, nicht die einige blos, sondern die alleinige mächtige
Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts, Rosendael liefert nichts, Varel
liefert auch nichts – und die gnädige Frau Großmutter Excellenz –
Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte
Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch
mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder
will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in
das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt, so
gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine Güter;
denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein schnelles
Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen den drei- bis
vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In alten
holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht nicht zu
borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher zehntausend
Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht einhundert Gulden
leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen habe und mit
Schepeln messen könne. Es sind einhundert Gulden baar nicht zu
bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte!
Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange
und ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze
Fülle seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den
Blick auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.
Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen
Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung
sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane.
Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein
werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe sie
in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung, die mein
Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh, dann bringst
du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer, als ich dir,
indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben einigermaßen zu
der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark.
Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die vis unita nicht nur, es ist
auch die vis unica, nicht die einige blos, sondern die alleinige mächtige
Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts, Rosendael liefert nichts, Varel
liefert auch nichts – und die gnädige Frau Großmutter Excellenz –
Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte
Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch
mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder
will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in
das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt, so
gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine Güter;
denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein schnelles
Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen den drei- bis
vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In alten
holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht nicht zu
borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher zehntausend
Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht einhundert Gulden
leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen habe und mit
Schepeln messen könne. Es sind einhundert Gulden baar nicht zu
bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte!
Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange
und ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze
Fülle seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den
Blick auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.
Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen
Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung
sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane.
Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein
werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe sie
in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung, die mein
Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh, dann bringst
du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer, als ich dir,
indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben einigermaßen zu
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sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist aufs Neue
geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn.
Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den
Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –?
Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr
bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da ich
mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück, denn
pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch wenn sie
in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen Verwandten und
Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall von mir, daß ich
fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er müsse nur
bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem Maaße
erwiedern zu können.
Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu
nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.
Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s.
Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen.
Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende.
Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.
Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.
Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt?
Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich.
Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene
starrten ihn an.
Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind
einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!
Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe
tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte
seine Seele mit hohem Entzücken.
geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn.
Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den
Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –?
Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr
bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da ich
mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück, denn
pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch wenn sie
in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen Verwandten und
Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall von mir, daß ich
fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er müsse nur
bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem Maaße
erwiedern zu können.
Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu
nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.
Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s.
Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen.
Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende.
Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.
Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.
Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt?
Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich.
Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene
starrten ihn an.
Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind
einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!
Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe
tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte
seine Seele mit hohem Entzücken.
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Page 171
Zweiter Theil.
Die Flüchtlinge.
Motto:
Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
Als mein flücht’ger Schatten Dir entschwebt?
Schiller.
1. Sophia Botta.
Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die
Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie
anders als »saubere Alliirte« nannte, drohten ein Lazareth in das Kastell zu
legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, sah den feurigen
Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener Magazine. Der
Herzog von York that mit seiner Armee sein Möglichstes, um Holland zu
decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte man täglich
ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts
Die Flüchtlinge.
Motto:
Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
Als mein flücht’ger Schatten Dir entschwebt?
Schiller.
1. Sophia Botta.
Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die
Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie
anders als »saubere Alliirte« nannte, drohten ein Lazareth in das Kastell zu
legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, sah den feurigen
Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener Magazine. Der
Herzog von York that mit seiner Armee sein Möglichstes, um Holland zu
decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte man täglich
ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts
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einschlugen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze jagten einander bald
verbürgt, bald unverbürgt. Grevecoeur, der Schlüssel zu dem Bosch
(Herzogenbusch) ist über, hieß es; dann sollte der Bosch auch über sein;
dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen
Donner des gröbsten Geschützes. »Die Carmagnolen haben fünf Brücken
über die Maas geschlagen – die Menge und Tapferkeit der Franken macht
jeden Widerstand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das
flüchtet – die Franken sind nahe vor Nymwegen – in die Werke von
Nymwegen haben sich sechstausend Engländer geworfen – die
zurückgedrängte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen – die
in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und
durch dasselbe mit der französischen Republik über Vertragsbedingungen
unterhandelt – die Franken sollen die Städte der neuen batavischen
Republik mit Truppen besetzen – die Regierungsform soll provisionell
bleiben, wie sie ist – die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre Stellen
einrücken – die Geflüchteten sollen zurückkehren – Holland soll die
französische Republik anerkennen, soll sein Bündniß mit England brechen,
sich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und Oesterreich
den Krieg erklären – des Statthalters und seiner Partei soll in keiner Weise
mehr gedacht werden.« – So drängten sich und wirrten die Nachrichten
durcheinander, als schon der October herbeigekommen war.
Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps
eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb in
Windt’s Schutz gestellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein großer
Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die ihr
manchen Beistand leistete.
Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu
schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche Zustand
sobald nicht enden werde. Man sah ihn häufig, von einem oder zwei
Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch die
Fluren und die nächstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte dem
redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt, halb
aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern hoffte, als
wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte – und überall war
Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau befolgt, die Bauern
liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister befreit, der sie gedrückt und
verbürgt, bald unverbürgt. Grevecoeur, der Schlüssel zu dem Bosch
(Herzogenbusch) ist über, hieß es; dann sollte der Bosch auch über sein;
dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen
Donner des gröbsten Geschützes. »Die Carmagnolen haben fünf Brücken
über die Maas geschlagen – die Menge und Tapferkeit der Franken macht
jeden Widerstand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das
flüchtet – die Franken sind nahe vor Nymwegen – in die Werke von
Nymwegen haben sich sechstausend Engländer geworfen – die
zurückgedrängte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen – die
in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und
durch dasselbe mit der französischen Republik über Vertragsbedingungen
unterhandelt – die Franken sollen die Städte der neuen batavischen
Republik mit Truppen besetzen – die Regierungsform soll provisionell
bleiben, wie sie ist – die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre Stellen
einrücken – die Geflüchteten sollen zurückkehren – Holland soll die
französische Republik anerkennen, soll sein Bündniß mit England brechen,
sich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und Oesterreich
den Krieg erklären – des Statthalters und seiner Partei soll in keiner Weise
mehr gedacht werden.« – So drängten sich und wirrten die Nachrichten
durcheinander, als schon der October herbeigekommen war.
Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps
eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb in
Windt’s Schutz gestellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein großer
Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die ihr
manchen Beistand leistete.
Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu
schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche Zustand
sobald nicht enden werde. Man sah ihn häufig, von einem oder zwei
Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch die
Fluren und die nächstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte dem
redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt, halb
aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern hoffte, als
wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte – und überall war
Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau befolgt, die Bauern
liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister befreit, der sie gedrückt und
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geschunden hatte, um sich zu bereichern, und weil Windt sie
menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast saß Windt am
Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in fliegender Hast und
Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und mußte Alles wissen.
Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt einen Theil ihrer noch
übrigen Lebenshoffnungen.
»Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!« schrieb Windt unter
Andern in seiner eigenthümlichen, raschen und keinerlei Umstände
machenden Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: »Gestern war ein
hoher Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehört, für
verwundete Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in
Helsum, Renkum und Velp[11] für Kranke in Besitz genommen, letztere
liegt bereits voll davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager
aufgeschlagen ist und alles Holzwerk, jung und alt, zerstört wird. Der
Offizier war genau unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehört, wie viele
Einwohner sie zählt; der Bürgermeister von Wageningen, wo auch Alles
voll liegt, hat ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll
diesem Bürgermeister, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald
ich hinüber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern
in der Stadt und sprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum
Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern
angehört hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau
machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst
verstehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt.
Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch
einmal, und dann kommt Arnhem noch lange nicht.«
[11] Renkum, niederländisch Renekom, Dorf zwischen Helsum und
Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.
»Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies
kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen muß, denn es ist
höchst gefährlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben; nichts
wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um sich bei
den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen sendete
ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht
fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die
Renten bis Petri des nächsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts
menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast saß Windt am
Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in fliegender Hast und
Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und mußte Alles wissen.
Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt einen Theil ihrer noch
übrigen Lebenshoffnungen.
»Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!« schrieb Windt unter
Andern in seiner eigenthümlichen, raschen und keinerlei Umstände
machenden Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: »Gestern war ein
hoher Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehört, für
verwundete Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in
Helsum, Renkum und Velp[11] für Kranke in Besitz genommen, letztere
liegt bereits voll davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager
aufgeschlagen ist und alles Holzwerk, jung und alt, zerstört wird. Der
Offizier war genau unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehört, wie viele
Einwohner sie zählt; der Bürgermeister von Wageningen, wo auch Alles
voll liegt, hat ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll
diesem Bürgermeister, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald
ich hinüber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern
in der Stadt und sprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum
Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern
angehört hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau
machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst
verstehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt.
Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch
einmal, und dann kommt Arnhem noch lange nicht.«
[11] Renkum, niederländisch Renekom, Dorf zwischen Helsum und
Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.
»Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies
kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen muß, denn es ist
höchst gefährlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben; nichts
wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um sich bei
den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen sendete
ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht
fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die
Renten bis Petri des nächsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts
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zurückgelassen, als für mehr als 1000 Gulden unbezahlter Rechnungen. Ich
bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne
Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug
sein, aber die geringste Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil
wird, nehme ich für mich als die höchste Beleidigung. Wenn er kommt,
lassen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt
bringen!«
»Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will,
weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trübsal, Mühe
und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt für ein wenig Silber
besorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme Schwester, die ängstlich
besorgt um mich ist, zu trösten. Es ist immer noch möglich, so gefährlich es
auch aussieht, daß wir diesseit des Rheines noch einige Zeit von den
Franken befreit bleiben, obgleich General Pichegru darauf gewettet haben
soll, den Winter in Nimwegen zuzubringen und seine Armee diesseits des
Rheines Winterquartiere aufschlagen zu lassen.«
»Heute habe ich den holländischen General-Quartiermeister von hier aus
bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht übel aus auf den
Straßen, es ist eine bitterböse Zeit; wo man hin hört und sieht, vernimmt
man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung, Mord und
Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in diesem so
butterreichen Lande 1 Gulden.«
»Gestern ist die Frau Landgräfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike
Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem
tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem
Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwägerin, der
trefflichen Fürstin Juliane.«
Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: »Rundum
uns her ist ein fürchterliches Getümmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends,
aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese
und längst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem
armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterstützt von meinen Leuten,
ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der sauberen
Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden aufgehenkt und ihre
bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne
Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug
sein, aber die geringste Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil
wird, nehme ich für mich als die höchste Beleidigung. Wenn er kommt,
lassen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt
bringen!«
»Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will,
weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trübsal, Mühe
und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt für ein wenig Silber
besorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme Schwester, die ängstlich
besorgt um mich ist, zu trösten. Es ist immer noch möglich, so gefährlich es
auch aussieht, daß wir diesseit des Rheines noch einige Zeit von den
Franken befreit bleiben, obgleich General Pichegru darauf gewettet haben
soll, den Winter in Nimwegen zuzubringen und seine Armee diesseits des
Rheines Winterquartiere aufschlagen zu lassen.«
»Heute habe ich den holländischen General-Quartiermeister von hier aus
bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht übel aus auf den
Straßen, es ist eine bitterböse Zeit; wo man hin hört und sieht, vernimmt
man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung, Mord und
Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in diesem so
butterreichen Lande 1 Gulden.«
»Gestern ist die Frau Landgräfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike
Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem
tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem
Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwägerin, der
trefflichen Fürstin Juliane.«
Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: »Rundum
uns her ist ein fürchterliches Getümmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends,
aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese
und längst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem
armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterstützt von meinen Leuten,
ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der sauberen
Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden aufgehenkt und ihre
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Häuser werden in Brand gesteckt. Die Irländer namentlich haben stets
Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und wenn diese Feinde der
Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe Spiel von den
Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der Pantomime,
höchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel bekommen.«
»Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank werden,
sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch jetzt, indem
ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin. Vorgestern kam der
Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu Hessen lag mit seinem
Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich dem gestrigen Treffen
bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge Schutz zu suchen; er
war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder hinüber und war so
glücklich, Sauvegarden für die Ortschaften von ihm zu erhalten, es wäre
auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und ich bin des Reitens und
ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht müde; ich spüre in allen meinen
Knochen einen Höllenschmerz.«
»Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz
schon unterthänig berichtete, so waren der gnädige Erbherr und ich nicht
weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind über das großmüthige
und räthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht, diesen
zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst der
Erbherr sträubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf Ludwig
entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger Verfügung; wie
könnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen Grundstück, welches
ich, da es doch einmal verwerthet werden soll, dadurch der Familie erhalte?
Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre und da wird ohne Zweifel
dieses Geld in den besten Händen sein. – Wahrlich Excellenz, ich schäme
mich nicht, es zu sagen, daß dieser Beweis eines wahrhaft edeln Herzens
und Charakters Hochihres jüngsten Enkels mich auf das Innigste rührte und
was im Gemüthe des Erbherrn vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen.
Wir beriethen nun die Sache ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth
einstweilen nur 25,000 Gulden anzahlen, und dafür eine Obligation auf
Varel erhalten, die anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch
annehmen und auf Rhoon versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade
haben, mir förmliche Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen
Schriftdocumente zu entwerfen, die Summe in Empfang zu nehmen und in
Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und wenn diese Feinde der
Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe Spiel von den
Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der Pantomime,
höchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel bekommen.«
»Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank werden,
sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch jetzt, indem
ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin. Vorgestern kam der
Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu Hessen lag mit seinem
Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich dem gestrigen Treffen
bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge Schutz zu suchen; er
war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder hinüber und war so
glücklich, Sauvegarden für die Ortschaften von ihm zu erhalten, es wäre
auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und ich bin des Reitens und
ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht müde; ich spüre in allen meinen
Knochen einen Höllenschmerz.«
»Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz
schon unterthänig berichtete, so waren der gnädige Erbherr und ich nicht
weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind über das großmüthige
und räthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht, diesen
zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst der
Erbherr sträubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf Ludwig
entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger Verfügung; wie
könnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen Grundstück, welches
ich, da es doch einmal verwerthet werden soll, dadurch der Familie erhalte?
Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre und da wird ohne Zweifel
dieses Geld in den besten Händen sein. – Wahrlich Excellenz, ich schäme
mich nicht, es zu sagen, daß dieser Beweis eines wahrhaft edeln Herzens
und Charakters Hochihres jüngsten Enkels mich auf das Innigste rührte und
was im Gemüthe des Erbherrn vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen.
Wir beriethen nun die Sache ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth
einstweilen nur 25,000 Gulden anzahlen, und dafür eine Obligation auf
Varel erhalten, die anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch
annehmen und auf Rhoon versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade
haben, mir förmliche Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen
Schriftdocumente zu entwerfen, die Summe in Empfang zu nehmen und in
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Hochdero Namen bündig zu quittiren, welche Quittung zugleich als
Interims-Verschreibung auf gedachte Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör
gelten solle, bis zu Ertheilung der förmlichen Obligation und Ausfertigung
des zur Sicherheit weiter Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte
ebenfalls unter beständigem fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der
auf Kundschaft ausgesandte Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im
vollen Jagen angesprengt und brachte die Nachricht, die Engländer seien
geschlagen, ein ganzes Regiment derselben an der Wahl gefangen
genommen, ein anderes völlig vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie
unter Graf Walmoden habe sich nach Nimwegen geworfen. Das nöthigte
den Erbherrn zum schleunigen Aufbruch und es blieb nur noch so viele
Zeit, zu verabreden, daß, wenn der Feind nicht über den Rhein käme,
demnächst wo möglich eine neue Zusammenkunft und Verhandlung
stattfinden solle. Einstweilen gebe ich Ihrer Excellenz anheim, mit den
nöthigen Papieren und Hochdero Zustimmung mich zu versehen, und bin zu
Füßen Hochdero unterthäniger Windt.« –
Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von
der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Ländern. Wittwen und
Waisen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in
zahllose Hütten, Häuser und Paläste, Glück nirgend hin, in kein einziges
Haus. So war es damals, war es früher, und so ist es immer noch; fort und
fort erneuen sich die Häupter dieser lernäischen Schlange. Der Mächtigen
Laune, oder Ländergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der Völker
Wahnsinn beschwören den Dämon des Krieges aus dem finstern Orkus
herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung
der Menschheit, und vermögen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen.
Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg
den Ländern, den Völkern schlägt, aber vergebens und immer vergebens
rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und
Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kämpfen weise
Männer unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen
den Krieg; dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Völker, die
beide in unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich
den Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna’s bei der
Pagode von Jagernaut zermalmen lassen.
Interims-Verschreibung auf gedachte Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör
gelten solle, bis zu Ertheilung der förmlichen Obligation und Ausfertigung
des zur Sicherheit weiter Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte
ebenfalls unter beständigem fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der
auf Kundschaft ausgesandte Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im
vollen Jagen angesprengt und brachte die Nachricht, die Engländer seien
geschlagen, ein ganzes Regiment derselben an der Wahl gefangen
genommen, ein anderes völlig vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie
unter Graf Walmoden habe sich nach Nimwegen geworfen. Das nöthigte
den Erbherrn zum schleunigen Aufbruch und es blieb nur noch so viele
Zeit, zu verabreden, daß, wenn der Feind nicht über den Rhein käme,
demnächst wo möglich eine neue Zusammenkunft und Verhandlung
stattfinden solle. Einstweilen gebe ich Ihrer Excellenz anheim, mit den
nöthigen Papieren und Hochdero Zustimmung mich zu versehen, und bin zu
Füßen Hochdero unterthäniger Windt.« –
Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von
der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Ländern. Wittwen und
Waisen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in
zahllose Hütten, Häuser und Paläste, Glück nirgend hin, in kein einziges
Haus. So war es damals, war es früher, und so ist es immer noch; fort und
fort erneuen sich die Häupter dieser lernäischen Schlange. Der Mächtigen
Laune, oder Ländergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der Völker
Wahnsinn beschwören den Dämon des Krieges aus dem finstern Orkus
herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung
der Menschheit, und vermögen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen.
Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg
den Ländern, den Völkern schlägt, aber vergebens und immer vergebens
rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und
Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kämpfen weise
Männer unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen
den Krieg; dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Völker, die
beide in unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich
den Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna’s bei der
Pagode von Jagernaut zermalmen lassen.
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Angés saß bei Frau Windt im stillen Zimmer, die Herbstsonne kämpfte
mit den schweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen
moorigen Brüche. Auch die kleine Sophie saß bei den Frauen, und übte mit
Eifer eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls üben sah, eine Arbeit, die der
Krieg aufdrängt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut
und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie.
Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angés
trübsinnig die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach
Leonardus hin, der es verschmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen,
während sein Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflückte.
Sie sah im Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine
liebevolle Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht
einmal wissen; am Besten, sie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das
Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wär’ auch ein guter
Gebrauch, besser als der, für den diese Leinwand bestimmt ist, nämlich
Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöschen bedroht ist.
Das Kind begann in dieser Zeit etwas Holländisch und etwas Deutsch
sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht so
eifrig und vortrefflich, daß bald sein Deutsch äußerst holländisch und sein
Holländisch äußerst deutsch klang, was manchen Anlaß zum Lachen gab.
Mit leiser, längst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser
traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen
auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von
dem schönen Kinde erzählen, meine Beste! Heute hätten wir Zeit; es ist
außen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in
Geschäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen,
den Mann, der sich für den künftigen König von Frankreich hält, aber
nichts thut, sein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf der
Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stündchen von
Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche
alle denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Königthum in Gedanken
mit sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch
die Wüste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois
gespeist; auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch
der Kurfürst von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und
mit den schweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen
moorigen Brüche. Auch die kleine Sophie saß bei den Frauen, und übte mit
Eifer eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls üben sah, eine Arbeit, die der
Krieg aufdrängt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut
und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie.
Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angés
trübsinnig die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach
Leonardus hin, der es verschmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen,
während sein Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflückte.
Sie sah im Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine
liebevolle Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht
einmal wissen; am Besten, sie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das
Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wär’ auch ein guter
Gebrauch, besser als der, für den diese Leinwand bestimmt ist, nämlich
Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöschen bedroht ist.
Das Kind begann in dieser Zeit etwas Holländisch und etwas Deutsch
sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht so
eifrig und vortrefflich, daß bald sein Deutsch äußerst holländisch und sein
Holländisch äußerst deutsch klang, was manchen Anlaß zum Lachen gab.
Mit leiser, längst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser
traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen
auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von
dem schönen Kinde erzählen, meine Beste! Heute hätten wir Zeit; es ist
außen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in
Geschäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen,
den Mann, der sich für den künftigen König von Frankreich hält, aber
nichts thut, sein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf der
Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stündchen von
Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche
alle denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Königthum in Gedanken
mit sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch
die Wüste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois
gespeist; auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch
der Kurfürst von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und
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berühmte Kriegsheld Graf von Clairfait. Man spricht davon, daß das
Hauptquartier der verbündeten niederländischen und holländischen Armee
nach Arnhem gelegt werden soll.
Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen,
welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder
schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr Etwas
mitzutheilen, was Angés bisher immer mit Aengstlichkeit zu verhüllen
gesucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Ansprüche auf Dank
sich Windt und dessen gutmüthige und liebevolle Frau um sie verdienten,
welch ein trauliches und gewiß auch sicheres Asyl sich ihr, der
Heimathlosen und Flüchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich, wie
wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren
Schicksal weit über die Grenzen Gelderns und höchstens wieder einmal in
die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde führen werde, irgend ihr
oder dem Kinde dereinst Schaden bringen könnte, zumal wenn sie jeden
Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur für berechtigt,
sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der
älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz
ohne Zagen:
Was Sie zu erfahren wünschen, beste Frau Windt, und was ich selbst
weiß und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schöner und höchst
liebenswürdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause faßte eine
glühende Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre älter ist als er
selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der
Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war.
Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch
Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte
trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schönen
Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes
nährte die wachsende Flammengluth der jungen stürmischen Herzen und riß
sie völlig hin.
Nichts hätte unter andern Verhältnissen den gegenseitig Ebenbürtigen im
Wege gestanden, sich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres
siebenzehnhundertundneunzig war nicht günstig für Freuden und
Hochzeiten der armen Flüchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, daß der
Hauptquartier der verbündeten niederländischen und holländischen Armee
nach Arnhem gelegt werden soll.
Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen,
welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder
schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr Etwas
mitzutheilen, was Angés bisher immer mit Aengstlichkeit zu verhüllen
gesucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Ansprüche auf Dank
sich Windt und dessen gutmüthige und liebevolle Frau um sie verdienten,
welch ein trauliches und gewiß auch sicheres Asyl sich ihr, der
Heimathlosen und Flüchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich, wie
wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren
Schicksal weit über die Grenzen Gelderns und höchstens wieder einmal in
die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde führen werde, irgend ihr
oder dem Kinde dereinst Schaden bringen könnte, zumal wenn sie jeden
Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur für berechtigt,
sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der
älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz
ohne Zagen:
Was Sie zu erfahren wünschen, beste Frau Windt, und was ich selbst
weiß und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schöner und höchst
liebenswürdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause faßte eine
glühende Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre älter ist als er
selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der
Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war.
Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch
Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte
trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schönen
Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes
nährte die wachsende Flammengluth der jungen stürmischen Herzen und riß
sie völlig hin.
Nichts hätte unter andern Verhältnissen den gegenseitig Ebenbürtigen im
Wege gestanden, sich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres
siebenzehnhundertundneunzig war nicht günstig für Freuden und
Hochzeiten der armen Flüchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, daß der
Page 179
Graf von Artois, dessen Sie, beste Frau Windt, vorhin erwähnten, wie auch
die Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac’s ihr Vaterland
gemieden hatten; man vernichtete, das heißt man hob in Frankreich alle
Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an
eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten
Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen
gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen
Liebe zurückkehrte sah sich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die
Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu
erobern.
Die Bestimmung – ja – aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau
Windt ein.
Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der
Prinzessin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zufluchtsort auf
deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die
Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens e i n e r
ganz vertrauten Person, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieser
Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor
wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie eines
Abends in der Dämmerung – ich war noch ein ganz junges Mädchen und
saß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zärtlichen
kosenden Gespräche – eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von
jugendlicher Haltung und schönem Wuchs, und mit einer zarten,
außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Französisch nach
meiner Mutter fragte. Ich verließ Leonardus und geleitete die Fremde zur
Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor ihrer
Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem
hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhältniß
gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurück und fragte
meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen könne, worauf
ich mich sogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine Mutter
in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: O ciel! O ma très chère gracieuse
Princesse! – Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen, schnell zu meinem
in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte kaum noch an die
Fremde, so sehr beschäftigt ein junges Mädchen seine Liebe und das Glück,
den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis erstere wieder aus dem
die Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac’s ihr Vaterland
gemieden hatten; man vernichtete, das heißt man hob in Frankreich alle
Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an
eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten
Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen
gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen
Liebe zurückkehrte sah sich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die
Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu
erobern.
Die Bestimmung – ja – aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau
Windt ein.
Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der
Prinzessin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zufluchtsort auf
deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die
Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens e i n e r
ganz vertrauten Person, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieser
Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor
wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie eines
Abends in der Dämmerung – ich war noch ein ganz junges Mädchen und
saß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zärtlichen
kosenden Gespräche – eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von
jugendlicher Haltung und schönem Wuchs, und mit einer zarten,
außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Französisch nach
meiner Mutter fragte. Ich verließ Leonardus und geleitete die Fremde zur
Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor ihrer
Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem
hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhältniß
gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurück und fragte
meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen könne, worauf
ich mich sogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine Mutter
in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: O ciel! O ma très chère gracieuse
Princesse! – Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen, schnell zu meinem
in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte kaum noch an die
Fremde, so sehr beschäftigt ein junges Mädchen seine Liebe und das Glück,
den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis erstere wieder aus dem
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Hause trat und von meiner Mutter unter ehrerbietigen Verbeugungen schied,
ohne daß beide dabei ein Wort wechselten. Meine Mutter weihte meinen
Vater in das Geheimniß ein, und endlich mit großer Vorsicht auch mich, das
heißt, sie sagte mir nur, was sie für mich nöthig hielt, von der Sache zu
wissen, weil auf meine Hülfe Rechnung gemacht werden mußte, um nicht
an noch andere Personen das Geheimniß hinzugeben. Ich hatte so ziemlich
die Größe der fremden Dame, von welcher ich vorerst nur erfuhr, daß sie
die Tochter einer Freundin meiner Mutter sei, daß sie Paris in Folge der
Revolution gleich Andern verlassen habe, und daß sie wohl nach einiger
Zeit wieder kommen, und eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch solle
davon nicht gesprochen werden. Es wurde ein von der Straße ganz
entlegenes stilles Zimmer unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen
Besuch aufzunehmen; ich erhielt einige neue Kleider und die Weisung,
bisweilen und nach und nach bei Ausgängen verschleiert zu gehen, so daß
die Einwohnerschaft gewohnt werde, mich so zu sehen. Ein neues
Dienstmädchen vom Lande wurde angenommen, welches an der
französischen Grenze bereits gedient hatte und ganz hübsch Französisch
sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie Botta; ihr Geburtsort hieß
Westbacherhof, vier Stunden von Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs
ihrer Vorgängerin und Sophiens Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem
unserer Stadt ganz nahen Dörfchen Ixheim, einem Vergnügungsort der
Zweibrückner vornehmen Welt, und hatte mir vorher genau meinen Anzug
bestimmt. Dort fanden wir jene fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle
Begleitung, und zwar genau so gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen
und sie liebgewinnen, war bei mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich
sie ohne Schleier sah; welche Huld, welche Güte, welche süße Verwirrung
und Scham strahlte aus diesen himmlischen dunkeln Augen, voll eines
Feuers, das nur durch unendliche Sanftmuth gemildert war, die über ihr
ganzes Wesen sich ergoß! – Diese Dame, sagte meine Mutter zu mir nach
den ersten Begrüßungen und dem Anknüpfen der Bekanntschaft, wird statt
deiner mit mir zurückfahren, liebe Angés, und du wirst dann die kleine
Wegstrecke als angenehmen Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete
sie mir die Straßen, durch welche ich gehen solle, und meinen Weg in das
elterliche Haus durch unsern an dessen Hintergebäude angrenzenden
Garten, zu dessen Thüre sie mir den Schlüssel behändigte. Es wurde mir
nun klar, daß die Fremde mit mir nur e i n e Person darstellen sollte, sie
kehrte mit der Mutter verschleiert als deren Tochter Angés nach Hause
ohne daß beide dabei ein Wort wechselten. Meine Mutter weihte meinen
Vater in das Geheimniß ein, und endlich mit großer Vorsicht auch mich, das
heißt, sie sagte mir nur, was sie für mich nöthig hielt, von der Sache zu
wissen, weil auf meine Hülfe Rechnung gemacht werden mußte, um nicht
an noch andere Personen das Geheimniß hinzugeben. Ich hatte so ziemlich
die Größe der fremden Dame, von welcher ich vorerst nur erfuhr, daß sie
die Tochter einer Freundin meiner Mutter sei, daß sie Paris in Folge der
Revolution gleich Andern verlassen habe, und daß sie wohl nach einiger
Zeit wieder kommen, und eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch solle
davon nicht gesprochen werden. Es wurde ein von der Straße ganz
entlegenes stilles Zimmer unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen
Besuch aufzunehmen; ich erhielt einige neue Kleider und die Weisung,
bisweilen und nach und nach bei Ausgängen verschleiert zu gehen, so daß
die Einwohnerschaft gewohnt werde, mich so zu sehen. Ein neues
Dienstmädchen vom Lande wurde angenommen, welches an der
französischen Grenze bereits gedient hatte und ganz hübsch Französisch
sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie Botta; ihr Geburtsort hieß
Westbacherhof, vier Stunden von Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs
ihrer Vorgängerin und Sophiens Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem
unserer Stadt ganz nahen Dörfchen Ixheim, einem Vergnügungsort der
Zweibrückner vornehmen Welt, und hatte mir vorher genau meinen Anzug
bestimmt. Dort fanden wir jene fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle
Begleitung, und zwar genau so gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen
und sie liebgewinnen, war bei mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich
sie ohne Schleier sah; welche Huld, welche Güte, welche süße Verwirrung
und Scham strahlte aus diesen himmlischen dunkeln Augen, voll eines
Feuers, das nur durch unendliche Sanftmuth gemildert war, die über ihr
ganzes Wesen sich ergoß! – Diese Dame, sagte meine Mutter zu mir nach
den ersten Begrüßungen und dem Anknüpfen der Bekanntschaft, wird statt
deiner mit mir zurückfahren, liebe Angés, und du wirst dann die kleine
Wegstrecke als angenehmen Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete
sie mir die Straßen, durch welche ich gehen solle, und meinen Weg in das
elterliche Haus durch unsern an dessen Hintergebäude angrenzenden
Garten, zu dessen Thüre sie mir den Schlüssel behändigte. Es wurde mir
nun klar, daß die Fremde mit mir nur e i n e Person darstellen sollte, sie
kehrte mit der Mutter verschleiert als deren Tochter Angés nach Hause
Page 181
zurück, ich kam in der Abenddämmerung durch das Hinterpförtchen in das
Haus, und konnte durch eine Treppe im Hofe alsbald in das obere
Stockwerk gelangen. Dieser Plan war außerordentlich leicht auszuführen,
und wurde auch eben so leicht ausgeführt. Das neue Dienstmädchen fand
bei seinem Antritt die Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehörte,
oder nicht? Es bediente daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine
Mutter und mich.
Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachsendem Erstaunen an, und
unterbrach dieselbe nur, um für einige Herzstärkungen zu sorgen, die ihr,
der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, ungleich mehr
Bedürfnis waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um die
Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzählung.
Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und fast flüsternd fort: gebar die
fremde bei uns wohnende Dame dieses schöne Kind. Die Sage-femme
wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mußte zum Schein
krank werden, das heißt, sie mußte die hohe Wöchnerin auf das Sorgsamste
warten und pflegen und ein anderes Mädchen versah indeß ihre Stelle. Die
guten Zweibrückner hörten zwar und glossirten nach deutscher Kleinstädter
Weise das Ereigniß, daß unsere junge Dienerin ziemlich bald ein
Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel Jedermann
zu bedanken pflegt, indeß war man so gütig, meine rechtlichen Aeltern und
auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und jetzt
wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen sah, und war ferner
so gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu schieben. Auch
dieses Reden wäre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind zeitig aus
dem Hause gebracht hätte, aber dagegen widersetzte sich die junge Mutter,
und da das Kind getauft werden mußte, so ließ sich diese Handlung nicht
außer dem Hause vornehmen. Ein schönes Stück Geld bewog leicht die
junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das Kind nach
seiner angeblichen Mutter, der kleinen französisch plaudernden
Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie
verließ dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach
einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus.
Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen
Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, besonders
Haus, und konnte durch eine Treppe im Hofe alsbald in das obere
Stockwerk gelangen. Dieser Plan war außerordentlich leicht auszuführen,
und wurde auch eben so leicht ausgeführt. Das neue Dienstmädchen fand
bei seinem Antritt die Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehörte,
oder nicht? Es bediente daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine
Mutter und mich.
Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachsendem Erstaunen an, und
unterbrach dieselbe nur, um für einige Herzstärkungen zu sorgen, die ihr,
der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, ungleich mehr
Bedürfnis waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um die
Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzählung.
Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und fast flüsternd fort: gebar die
fremde bei uns wohnende Dame dieses schöne Kind. Die Sage-femme
wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mußte zum Schein
krank werden, das heißt, sie mußte die hohe Wöchnerin auf das Sorgsamste
warten und pflegen und ein anderes Mädchen versah indeß ihre Stelle. Die
guten Zweibrückner hörten zwar und glossirten nach deutscher Kleinstädter
Weise das Ereigniß, daß unsere junge Dienerin ziemlich bald ein
Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel Jedermann
zu bedanken pflegt, indeß war man so gütig, meine rechtlichen Aeltern und
auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und jetzt
wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen sah, und war ferner
so gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu schieben. Auch
dieses Reden wäre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind zeitig aus
dem Hause gebracht hätte, aber dagegen widersetzte sich die junge Mutter,
und da das Kind getauft werden mußte, so ließ sich diese Handlung nicht
außer dem Hause vornehmen. Ein schönes Stück Geld bewog leicht die
junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das Kind nach
seiner angeblichen Mutter, der kleinen französisch plaudernden
Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie
verließ dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach
einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus.
Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen
Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, besonders
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wenn sie hübsch und wenn sie hülflos sind. Mein liebesehnsüchtiges Herz,
das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Fülle seiner Gefühle
diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem
Entzücken.
O Angés! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein
Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter
deren unendliche Güte. Ach, schon zerreißt der Gedanke an Trennung von
dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ich von ihm scheiden!
Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird sie
kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr
trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein Henri!
Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schönen
Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küssen und rief mit
einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, süße,
unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur
treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwöre ich Ihnen.
Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie
fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie
sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder
werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen
drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind sie
zu erfüllen und dauernd zu halten.
Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin.
Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich
es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von
Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.
Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den
rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so
glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus:
welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines
Dankgefühls?
Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich
bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!
das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Fülle seiner Gefühle
diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem
Entzücken.
O Angés! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein
Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter
deren unendliche Güte. Ach, schon zerreißt der Gedanke an Trennung von
dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ich von ihm scheiden!
Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird sie
kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr
trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein Henri!
Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schönen
Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küssen und rief mit
einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, süße,
unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur
treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwöre ich Ihnen.
Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie
fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie
sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder
werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen
drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind sie
zu erfüllen und dauernd zu halten.
Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin.
Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich
es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von
Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.
Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den
rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so
glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus:
welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines
Dankgefühls?
Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich
bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!
Page 183
Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes
meiner Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden,
vorerst vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus
anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft
täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen
Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht
von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der
Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie
erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich
vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die
Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag
verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit
einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig
nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht
anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es kann
ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann es anders
heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen auf Erden
an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit, gewiß nicht
für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene große Sonne
getreten ist.
Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer
gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im
kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie
zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses
Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland
erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der
freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau Windt
erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch mochte
sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort:
Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein
einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf
mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen glaubte,
da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen Seiten
wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der Bedingung,
daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter fragte
brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der Prinzessin nur mit,
meiner Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden,
vorerst vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus
anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft
täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen
Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht
von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der
Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie
erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich
vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die
Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag
verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit
einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig
nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht
anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es kann
ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann es anders
heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen auf Erden
an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit, gewiß nicht
für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene große Sonne
getreten ist.
Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer
gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im
kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie
zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses
Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland
erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der
freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau Windt
erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch mochte
sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort:
Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein
einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf
mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen glaubte,
da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen Seiten
wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der Bedingung,
daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter fragte
brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der Prinzessin nur mit,
Page 184
daß ich mich verheirathen würde und fest entschlossen sei, das Kind als
mein eigenes mit mir zu nehmen – und so willigte diese denn ein, sandte
reiche Geschenke und eine nicht unbedeutende Geldsumme zur
Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller seiner Bedürfnisse. Oh, sie
hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die kleine liebe Sophie, sie hat
zweimal an Kinderkrankheiten darniedergelegen, doch mein brünstiges
Gebet für ihre Erhaltung wurde erhört, auch aus der größten Noth half
Gottes allmächtige Hand, der ich nun hier in stiller Demuth vertraue, und
hoffe, daß er das Kind und mich wieder glücklich nach der Heimath führen
und geleiten werde. Dann werden Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit
lieblichem Lächeln: die lange getragene Doppellast los.
Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte
Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist
wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.
2. Rep en roer.
Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der
Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die
Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus einem
Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe
Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe
über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter
welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe,
blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger
offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche
Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich
unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit
einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen
die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug,
selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schloß anzugreifen,
mein eigenes mit mir zu nehmen – und so willigte diese denn ein, sandte
reiche Geschenke und eine nicht unbedeutende Geldsumme zur
Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller seiner Bedürfnisse. Oh, sie
hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die kleine liebe Sophie, sie hat
zweimal an Kinderkrankheiten darniedergelegen, doch mein brünstiges
Gebet für ihre Erhaltung wurde erhört, auch aus der größten Noth half
Gottes allmächtige Hand, der ich nun hier in stiller Demuth vertraue, und
hoffe, daß er das Kind und mich wieder glücklich nach der Heimath führen
und geleiten werde. Dann werden Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit
lieblichem Lächeln: die lange getragene Doppellast los.
Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte
Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist
wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.
2. Rep en roer.
Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der
Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die
Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus einem
Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe
Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe
über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter
welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe,
blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger
offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche
Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich
unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit
einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen
die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug,
selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schloß anzugreifen,
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an welchen Schlössern dieser geldern’sche und utrecht’sche Landstrich
außerordentlich reich ist.
Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit,
nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines
Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter auf
dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem Augenblick
ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch flog sein Blick
zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme herunter durch sein
Sprachrohr: Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van den Rhin!
Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und
gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei
Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne sich
um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche
Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer
voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem
vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der
Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr hülferufender
Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und Oosterbeck.
Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die Hand am
krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter waren
auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem Blick der
Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als Galgengesichter,
Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen gelungen war, den Latten
und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich zu entziehen.
Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an.
Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.
Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist
die Sauvegarde des Herzogs von York!
Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde!
Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das
Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer
sein mögt.
außerordentlich reich ist.
Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit,
nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines
Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter auf
dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem Augenblick
ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch flog sein Blick
zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme herunter durch sein
Sprachrohr: Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van den Rhin!
Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und
gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei
Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne sich
um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche
Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer
voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem
vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der
Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr hülferufender
Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und Oosterbeck.
Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die Hand am
krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter waren
auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem Blick der
Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als Galgengesichter,
Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen gelungen war, den Latten
und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich zu entziehen.
Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an.
Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.
Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist
die Sauvegarde des Herzogs von York!
Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde!
Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das
Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer
sein mögt.
Page 186
Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus! Der
Nase nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von
Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken
Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas
zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung
eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war,
aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben,
entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude selbst
war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in mancherlei
Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor undenklichen Zeiten
Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen sich nie eine
ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast bis unter das
Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig. Ein einziges,
aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete die geräumige und
einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach starrten einige schwarze
Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene Augen. Wohnlich sah es
nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön sah es gar nicht aus, dieses
Haus mit seiner Umgebung, welche völlig derjenigen glich, die auf
Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es war der Typus der meisten
Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte Windt den Schritt der Gäste
und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und Branntwein und was sonst
vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er ihm einen bedeutsamen Wink
gab. Der hungrige Haufe fiel über die aufgetragenen Nahrungsmittel her,
und in ganz kurzer Zeit verschwanden zahllose Häringe, Käse, Aepfel,
Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode und was irgend Eßbares sich
vorfand; inzwischen aber marschirte aus Helsum und aus Renkom und aus
Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter Schützen im Eilschritt nach
Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den Schnapphähnen gesetzt, aß und trank
auch, fragte Dieses und Jenes, ließ sich erzählen, und hörte mit großer
Geduld die Aufschneidereien der Marodeurs an, unter denen sich besonders
ein fadenscheinig gekleideter, hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem
Mundwerk stets voran war. Dieser war auch der, welcher mit seiner
Sättigung zuerst fertig wurde, aufsprang und bramarbasirend ausrief: Vive
Monsieur le Maire! Vive le Général! Nun gut Quartier in die Schloß für die
brav Einquartier!
Nase nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von
Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken
Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas
zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung
eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war,
aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben,
entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude selbst
war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in mancherlei
Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor undenklichen Zeiten
Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen sich nie eine
ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast bis unter das
Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig. Ein einziges,
aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete die geräumige und
einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach starrten einige schwarze
Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene Augen. Wohnlich sah es
nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön sah es gar nicht aus, dieses
Haus mit seiner Umgebung, welche völlig derjenigen glich, die auf
Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es war der Typus der meisten
Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte Windt den Schritt der Gäste
und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und Branntwein und was sonst
vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er ihm einen bedeutsamen Wink
gab. Der hungrige Haufe fiel über die aufgetragenen Nahrungsmittel her,
und in ganz kurzer Zeit verschwanden zahllose Häringe, Käse, Aepfel,
Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode und was irgend Eßbares sich
vorfand; inzwischen aber marschirte aus Helsum und aus Renkom und aus
Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter Schützen im Eilschritt nach
Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den Schnapphähnen gesetzt, aß und trank
auch, fragte Dieses und Jenes, ließ sich erzählen, und hörte mit großer
Geduld die Aufschneidereien der Marodeurs an, unter denen sich besonders
ein fadenscheinig gekleideter, hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem
Mundwerk stets voran war. Dieser war auch der, welcher mit seiner
Sättigung zuerst fertig wurde, aufsprang und bramarbasirend ausrief: Vive
Monsieur le Maire! Vive le Général! Nun gut Quartier in die Schloß für die
brav Einquartier!
Page 187
Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er
sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des
Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte
in ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke.
Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier finden,
aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner Zeche auf
den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher Doppelläufer, ließ die
Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu: Allons enfants pertues de la
patrie! Bezahlt, oder beim Satan! Ihr sollt, wie die Holländer, die Suppe
nach der Mahlzeit auslöffeln, die Prügelsuppe nämlich!
Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und
Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch
wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben,
denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle zugleich,
die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der Lärm, als er
plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward – draußen
Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden und
Bajonette blitzten.
Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige
suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und
suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg verstellt,
und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die Waffen!
Ergebt euch!
Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die
Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben
bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller
Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine
Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch
in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée!
Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann,
die Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser
Haufe, gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus
angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Männern werdend,
sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage, doch
sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des
Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte
in ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke.
Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier finden,
aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner Zeche auf
den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher Doppelläufer, ließ die
Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu: Allons enfants pertues de la
patrie! Bezahlt, oder beim Satan! Ihr sollt, wie die Holländer, die Suppe
nach der Mahlzeit auslöffeln, die Prügelsuppe nämlich!
Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und
Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch
wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben,
denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle zugleich,
die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der Lärm, als er
plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward – draußen
Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden und
Bajonette blitzten.
Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige
suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und
suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg verstellt,
und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die Waffen!
Ergebt euch!
Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die
Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben
bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller
Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine
Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch
in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée!
Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann,
die Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser
Haufe, gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus
angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Männern werdend,
sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage, doch
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ernstliche Gefahr für Windt’s Person, wie für das Häuflein seiner Getreuen
in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders kommen.
Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein,
Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs)
vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus,
sprengten auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen
aus den Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe
umritten, im Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein
Vortrab; es folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter
einem Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O
weh, wie wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern
vom Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und
höchsten Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der
Waffen, die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend.
Windt selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando
schnell alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen
machen; da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt!
Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt
beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen
Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau;
man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der
Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich
folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst
August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens
und Andere.
Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.
Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden
gar keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem
Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber eine
gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der Gardereiter mit
seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst fünfundzwanzig Pferden,
auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben! Das Hauptquartier kommt
nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas in die Herrlichkeit
legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer dieser Güter nicht in
in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders kommen.
Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein,
Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs)
vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus,
sprengten auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen
aus den Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe
umritten, im Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein
Vortrab; es folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter
einem Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O
weh, wie wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern
vom Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und
höchsten Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der
Waffen, die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend.
Windt selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando
schnell alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen
machen; da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt!
Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt
beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen
Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau;
man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der
Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich
folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst
August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens
und Andere.
Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.
Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden
gar keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem
Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber eine
gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der Gardereiter mit
seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst fünfundzwanzig Pferden,
auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben! Das Hauptquartier kommt
nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas in die Herrlichkeit
legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer dieser Güter nicht in
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die Sümpfe betten! Das Kastell muß jetzt, es geht nicht anders, denn ich gab
mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere aufnehmen.
Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied
stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die
Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die Luft,
und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die vorhin von
dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die Generale
Harcourt, Fox und Walmoden folgten.
Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den
Alleen mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes
Bild, und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der
Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein
gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den
Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter
dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der
Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches der
Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und bei
welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.
Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier
versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes
zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden
Worten flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den
Gefangenen werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht
auch noch füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit
einigen Reitern nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen
geleiten sollten, wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf
fühlbare Art die Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der
Abtheilung, welche die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß
auch Philipp sich an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen
Natur entwickelt hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen
bereiten Herzhaftigkeit an Tag legte.
Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger,
verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres
Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen
mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere aufnehmen.
Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied
stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die
Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die Luft,
und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die vorhin von
dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die Generale
Harcourt, Fox und Walmoden folgten.
Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den
Alleen mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes
Bild, und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der
Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein
gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den
Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter
dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der
Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches der
Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und bei
welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.
Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier
versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes
zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden
Worten flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den
Gefangenen werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht
auch noch füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit
einigen Reitern nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen
geleiten sollten, wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf
fühlbare Art die Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der
Abtheilung, welche die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß
auch Philipp sich an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen
Natur entwickelt hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen
bereiten Herzhaftigkeit an Tag legte.
Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger,
verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres
Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen
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Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der nichtsnutzen
Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an diesen Gesellen
heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache laut wurde. Ha
Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den Marodeur nicht mehr
aus den Augen.
Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth
anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es viele
und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der Reiter
auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen Philipp von
seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus zu halten
gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben bis hart an
den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten Uferbord folgte
und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf diesen losfuchteln
wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe war, seinen Fuß nach dem
Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit starker Hand am Kragen, riß ihn
zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig und rief ihm spöttisch zu: Bürger,
wenn ich nicht irre, so dürstet Euch wieder? He? Und seht so schmutzig
aus, Bürger! Habet lange kein Bad genommen! Nehmet man jarst diar jahn
üp! – und mit einem gewaltigen Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm
Philipp den Franzosen, hob ihn auf beiden Armen hoch in der Schwebe und
gab ihm einen Schwung, daß er einen Burzelbaum in der Luft schlug und
Kopfüber hinab in den Rhein schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es
sahen.
Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese That
gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in gutem
Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der
verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der Kerl!
– Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen
schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser
gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung
abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem
Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen
wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.
Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht
ohne Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu
Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an diesen Gesellen
heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache laut wurde. Ha
Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den Marodeur nicht mehr
aus den Augen.
Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth
anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es viele
und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der Reiter
auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen Philipp von
seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus zu halten
gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben bis hart an
den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten Uferbord folgte
und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf diesen losfuchteln
wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe war, seinen Fuß nach dem
Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit starker Hand am Kragen, riß ihn
zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig und rief ihm spöttisch zu: Bürger,
wenn ich nicht irre, so dürstet Euch wieder? He? Und seht so schmutzig
aus, Bürger! Habet lange kein Bad genommen! Nehmet man jarst diar jahn
üp! – und mit einem gewaltigen Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm
Philipp den Franzosen, hob ihn auf beiden Armen hoch in der Schwebe und
gab ihm einen Schwung, daß er einen Burzelbaum in der Luft schlug und
Kopfüber hinab in den Rhein schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es
sahen.
Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese That
gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in gutem
Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der
verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der Kerl!
– Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen
schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser
gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung
abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem
Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen
wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.
Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht
ohne Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu
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thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte
sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange
bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen Jenen
zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und
erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum vorläufig
ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte auf, das
Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine Bewirthung, zu
welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und Freunde eingeladen,
doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch keineswegs an Eß- und
Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine eines kleinen Saales
waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen berühmter Weine rasch
aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das freundliche Licht des Tages
gefördert, und es boten sich westphälische Schinken, hannoversche Würste,
holländische Käse, marinirte Fische, hamburger Rauchfleisch und
dergleichen gediegene Waaren in genügender Fülle zur Auswahl der Gäste
dar, die mit soldatischem Muth mörderlich einzuhauen und das edle Blut
der Reben zu vergießen begannen.
Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau
zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die
Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja
Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen ist
und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie Kraut und
Rüben.
Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so war
Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche
unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren gehörten
der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine
jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher Freund, blond,
herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit verkündete. Diese
beiden jungen Herren hatten sich ein wenig abgesondert, ohne daß es
auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem
Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt nur einem kleinen Kinde.
Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann,
die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.
sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange
bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen Jenen
zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und
erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum vorläufig
ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte auf, das
Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine Bewirthung, zu
welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und Freunde eingeladen,
doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch keineswegs an Eß- und
Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine eines kleinen Saales
waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen berühmter Weine rasch
aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das freundliche Licht des Tages
gefördert, und es boten sich westphälische Schinken, hannoversche Würste,
holländische Käse, marinirte Fische, hamburger Rauchfleisch und
dergleichen gediegene Waaren in genügender Fülle zur Auswahl der Gäste
dar, die mit soldatischem Muth mörderlich einzuhauen und das edle Blut
der Reben zu vergießen begannen.
Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau
zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die
Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja
Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen ist
und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie Kraut und
Rüben.
Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so war
Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche
unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren gehörten
der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine
jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher Freund, blond,
herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit verkündete. Diese
beiden jungen Herren hatten sich ein wenig abgesondert, ohne daß es
auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem
Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt nur einem kleinen Kinde.
Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann,
die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.
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Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete
der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir ungleich
Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines theueren
Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.
Hier? Und mir? Wie so, Oranien?
Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz:
jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer
Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch
nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner
angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten
zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen
Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter
liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse
dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir
Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein
Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und der
Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch die
süßeste Frucht tragen.
Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der Prinz,
hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.
Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter. In
Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen
Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes
Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse
Familienverhältnisse und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher
jene hübsche Frau von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich
mit ihr beschäftigte, suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben,
das erschrockene Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.
Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.
Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm
eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du
gegen mich Erwähnung gethan hast.
der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir ungleich
Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines theueren
Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.
Hier? Und mir? Wie so, Oranien?
Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz:
jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer
Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch
nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner
angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten
zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen
Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter
liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse
dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir
Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein
Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und der
Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch die
süßeste Frucht tragen.
Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der Prinz,
hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.
Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter. In
Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen
Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes
Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse
Familienverhältnisse und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher
jene hübsche Frau von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich
mit ihr beschäftigte, suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben,
das erschrockene Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.
Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.
Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm
eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du
gegen mich Erwähnung gethan hast.
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Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind – und in Amsterdam! Es ist ja
ganz undenkbar!
Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein
Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare
Weise.
Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns
Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!
Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich
Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen,
verbannt es uns und will nichts von uns wissen.
Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare
Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja wohl
noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte
Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von
meinem lieben Kinde!
Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin
– hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich, wie
ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der Valck
erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie den
Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und
kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem
Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen
Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller
Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses
Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s
Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche
Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht zu
denken ist.
Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte
nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere
Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.
Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu
fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem
ganz undenkbar!
Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein
Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare
Weise.
Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns
Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!
Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich
Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen,
verbannt es uns und will nichts von uns wissen.
Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare
Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja wohl
noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte
Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von
meinem lieben Kinde!
Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin
– hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich, wie
ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der Valck
erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie den
Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und
kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem
Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen
Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller
Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses
Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s
Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche
Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht zu
denken ist.
Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte
nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere
Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.
Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu
fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem
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Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher
gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte
Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten
Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der
französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren
Stühlen.
Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen
Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der
Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame
hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden.
Sie aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke
bei der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,
daß in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.
Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den
fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner
Züge eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine
Bedeutung beilegen sollte.
Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich
der Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.
Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.
Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die
Kleine mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln
Augen aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck
des Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem
Ausdruck der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als
daß ein irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.
Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des
Kleidchens empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die
Buchstaben und küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und
Freudenthränen und endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht
der Liebe aus: O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir
wärst, mit mir diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie!
Meine himmlische Sophie!
gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte
Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten
Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der
französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren
Stühlen.
Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen
Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der
Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame
hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden.
Sie aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke
bei der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,
daß in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.
Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den
fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner
Züge eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine
Bedeutung beilegen sollte.
Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich
der Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.
Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.
Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die
Kleine mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln
Augen aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck
des Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem
Ausdruck der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als
daß ein irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.
Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des
Kleidchens empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die
Buchstaben und küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und
Freudenthränen und endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht
der Liebe aus: O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir
wärst, mit mir diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie!
Meine himmlische Sophie!
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Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner
Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.
Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?
Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein
Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst wird Ihr
Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme schließen,
und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde jetzt diese
Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.
Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich
ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet zu
finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden
konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen
Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der
Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte.
Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und
beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken mußte,
wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel Nachricht von
Ihrer Hoheit, der Prinzessin?
Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige
Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen
Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des
Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für Alles;
nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu Ihrer
Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie sicher
durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren
unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes,
nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl finden
und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue verdient. Und
ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend möglich ist. –
Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an Sophie und an
Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler geharnischter
Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam hervorgegangen, als
angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das Erbieten des Prinzen
zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz entgegen, denn nach
Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.
Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?
Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein
Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst wird Ihr
Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme schließen,
und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde jetzt diese
Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.
Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich
ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet zu
finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden
konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen
Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der
Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte.
Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und
beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken mußte,
wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel Nachricht von
Ihrer Hoheit, der Prinzessin?
Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige
Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen
Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des
Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für Alles;
nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu Ihrer
Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie sicher
durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren
unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes,
nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl finden
und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue verdient. Und
ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend möglich ist. –
Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an Sophie und an
Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler geharnischter
Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam hervorgegangen, als
angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das Erbieten des Prinzen
zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz entgegen, denn nach
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der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten deutschen Heimath
sehnte sich ihr ganzes Herz.
Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt
aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen
beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig unbrauchbar
gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt bis zur
Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus ihnen in dem
Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch einmal Feuer zu
geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen Stücken, und
allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum Siege des
heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen habe. Er
empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller Chefs, die hier
versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie auch an keinem
sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an Ordres, lauten
und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend seine drei
Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und prinzlichen Gäste aus
dem Thor des Kastells geritten und über die Zugbrücke hinüber war.
Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell
Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der
Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die Befehle
von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach dem, was
vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja vielleicht auf
immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing, auf die sie hoffte,
oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie jedes Hinderniß ohne
Rücksicht brach.
Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, sein
Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des Krieges zu
entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft verbundene Herzen
die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei, und Alles, was den
Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés auf ihrer Reise mit
dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten, welche Reise sich von
Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf lenkte, und zwar so
weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu drohen schien. Dann reiste
Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in den Schutz erprobt tapferer
Krieger aus der Legion Rohan gestellt, völlig ungefährdet weiter, bis
sehnte sich ihr ganzes Herz.
Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt
aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen
beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig unbrauchbar
gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt bis zur
Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus ihnen in dem
Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch einmal Feuer zu
geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen Stücken, und
allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum Siege des
heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen habe. Er
empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller Chefs, die hier
versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie auch an keinem
sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an Ordres, lauten
und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend seine drei
Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und prinzlichen Gäste aus
dem Thor des Kastells geritten und über die Zugbrücke hinüber war.
Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell
Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der
Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die Befehle
von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach dem, was
vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja vielleicht auf
immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing, auf die sie hoffte,
oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie jedes Hinderniß ohne
Rücksicht brach.
Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, sein
Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des Krieges zu
entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft verbundene Herzen
die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei, und Alles, was den
Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés auf ihrer Reise mit
dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten, welche Reise sich von
Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf lenkte, und zwar so
weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu drohen schien. Dann reiste
Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in den Schutz erprobt tapferer
Krieger aus der Legion Rohan gestellt, völlig ungefährdet weiter, bis
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endlich nach langer Fahrt ein stilles Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes
sie in seinen Friedensschoos aufnahm, in dem jetzt keines Kriegers Waffe,
sondern nur zur Sommerzeit der Mäher Sense über den duftausströmenden
Waldeswiesen blinkte, und kein anderer Schuß fiel, als zu Zeiten der eines
heiteren Weidgesellen, der auf nichts weniger ausging, als auf
Menschenmord. Angés hatte mit festem Sinn die Gluth ihrer Liebe zu
Leonardus in sich verschlossen; mit starkem Frauensinn hatte sie sich
gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme
des geliebten Mannes zog, zu bewältigen, und sie ging als Siegerin aus
diesem Kampfe hervor, obschon nicht ohne eine tiefschmerzende
Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr Herz, und trübe Ahnungen
durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel wurde, als sich von selbst
verstehend, verabredet; Leonardus Briefe sollten alle auf der Post zu Lahr
liegen bleiben und von dort durch zuverlässige Boten abgeholt werden.
Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung
nie erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche
Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort und
fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein
Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische
Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg
gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets
kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort;
an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der
fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich
Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin schrieb
und ihr Bericht erstattete.
Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich
Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart
bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs
zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen
zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in
einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler
Weerd zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.
sie in seinen Friedensschoos aufnahm, in dem jetzt keines Kriegers Waffe,
sondern nur zur Sommerzeit der Mäher Sense über den duftausströmenden
Waldeswiesen blinkte, und kein anderer Schuß fiel, als zu Zeiten der eines
heiteren Weidgesellen, der auf nichts weniger ausging, als auf
Menschenmord. Angés hatte mit festem Sinn die Gluth ihrer Liebe zu
Leonardus in sich verschlossen; mit starkem Frauensinn hatte sie sich
gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme
des geliebten Mannes zog, zu bewältigen, und sie ging als Siegerin aus
diesem Kampfe hervor, obschon nicht ohne eine tiefschmerzende
Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr Herz, und trübe Ahnungen
durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel wurde, als sich von selbst
verstehend, verabredet; Leonardus Briefe sollten alle auf der Post zu Lahr
liegen bleiben und von dort durch zuverlässige Boten abgeholt werden.
Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung
nie erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche
Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort und
fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein
Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische
Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg
gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets
kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort;
an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der
fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich
Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin schrieb
und ihr Bericht erstattete.
Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich
Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart
bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs
zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen
zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in
einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler
Weerd zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.
Page 198
3. Der Spion.
Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz
wußte und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge
auf dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen
Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig
und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen
Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag
Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine
Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den
Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser
gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; dann
setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das linke
Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die
unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in die
weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt
erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen
die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum
Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut
wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die Freunde
mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende
Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige
Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und
furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran,
ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung
gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen
könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße
theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was sie
finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen Fall
nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.
Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz
wußte und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge
auf dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen
Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig
und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen
Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag
Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine
Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den
Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser
gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; dann
setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das linke
Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die
unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in die
weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt
erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen
die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum
Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut
wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die Freunde
mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende
Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige
Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und
furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran,
ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung
gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen
könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße
theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was sie
finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen Fall
nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.
Page 199
Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps
ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und
Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar
zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren
Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf
diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig
erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor
sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt,
wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege kreuzten,
als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er schon einmal
und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher Mensch eine
blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte Beinkleider; ein
breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser Mensch hatte scharf
nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt hinter Erlen und Weiden
nieder, die am Ufer eines Grabens standen.
Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch
nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer geschickten
Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem Menschen in
dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am Ufer befestigten
Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief rechts, da kam ihm
Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anschrei
entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser zurück, während er ein
Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp ritt stracks auf ihn zu, und
hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie
gesunken wäre und gerufen hätte: Mille pardon! mille pardon! während er
die Waffe aus der Hand warf.
Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und
Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der
Ça ira-Mann von der Balustrade!
Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu
thun?
Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem
an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll
ich ihn in die Wahl schmeißen?
ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und
Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar
zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren
Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf
diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig
erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor
sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt,
wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege kreuzten,
als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er schon einmal
und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher Mensch eine
blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte Beinkleider; ein
breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser Mensch hatte scharf
nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt hinter Erlen und Weiden
nieder, die am Ufer eines Grabens standen.
Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch
nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer geschickten
Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem Menschen in
dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am Ufer befestigten
Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief rechts, da kam ihm
Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anschrei
entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser zurück, während er ein
Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp ritt stracks auf ihn zu, und
hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie
gesunken wäre und gerufen hätte: Mille pardon! mille pardon! während er
die Waffe aus der Hand warf.
Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und
Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der
Ça ira-Mann von der Balustrade!
Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu
thun?
Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem
an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll
ich ihn in die Wahl schmeißen?
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Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend
Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich
nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.
Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder
Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das
Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte.
Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer
Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges Leben.
Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein
armer von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen,
was ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht
henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen
Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem
Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr war!
Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!
Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die
Hauptleute.
Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest,
Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist wie
ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines Pferdes.
Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer dicht hinter
ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu entwischen, haut
ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!
Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr
General! flehte der Franzose.
Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine
Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.
Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene
Franzose über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder
Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach,
bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt
wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.
Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich
nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.
Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder
Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das
Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte.
Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer
Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges Leben.
Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein
armer von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen,
was ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht
henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen
Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem
Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr war!
Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!
Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die
Hauptleute.
Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest,
Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist wie
ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines Pferdes.
Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer dicht hinter
ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu entwischen, haut
ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!
Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr
General! flehte der Franzose.
Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine
Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.
Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene
Franzose über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder
Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach,
bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt
wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.
Page 201
Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein
Vater war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war
Theaterschneider, das brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte
fleißig neugefertigte Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand,
daß sie mir herrlich zu Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte
von einer der zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern
über. Die Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden
zu sein, in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich
auch mit den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den
Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um
contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen.
Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker wie
der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast jeder von
seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft, mit der ich spielte,
das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste Mime, alle Collegen neben
mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich zeitig begann die
Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein Ziel wurde? Dort
gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem Vorstadttheater und trat in
gleicher Weise wie früher von einer Bühne zur andern; ich spielte indeß mit
sehr mäßigem Beifall, und gefiel zuletzt mir selbst noch weniger wie dem
Publikum, so daß ich mich doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle
den kleinen Bühnenkram zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh,
ein kleines Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die
Zeit, wo ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in
Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als Spione
des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu liefern. Die nicht
eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein Vorhaben und hatte für
mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen – befehligt, gleich mir, auch
auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein scharfes Augenmerk zu
richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine, blickte nach mir herüber und
sah mich plötzlich den unfreiwilligen Saltomortale herab in die Seine
machen. Er gab mich an, und ich wurde, nachdem man mich verhört hatte,
mit dem Prädicat eines grenzenlosen Dummkopfs und dem Rathe, ohne
Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris zu verlassen und es nie wieder
zu betreten, meines Aemtchens entsetzt, und hatte nun zu dem vielen
Wasser, das Sie mich hatten schlucken lassen, nicht einmal trockenes Brod.
Der Hunger mehr noch als der Durst trieb mich jetzt zur Armee, und so kam
Vater war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war
Theaterschneider, das brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte
fleißig neugefertigte Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand,
daß sie mir herrlich zu Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte
von einer der zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern
über. Die Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden
zu sein, in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich
auch mit den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den
Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um
contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen.
Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker wie
der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast jeder von
seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft, mit der ich spielte,
das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste Mime, alle Collegen neben
mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich zeitig begann die
Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein Ziel wurde? Dort
gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem Vorstadttheater und trat in
gleicher Weise wie früher von einer Bühne zur andern; ich spielte indeß mit
sehr mäßigem Beifall, und gefiel zuletzt mir selbst noch weniger wie dem
Publikum, so daß ich mich doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle
den kleinen Bühnenkram zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh,
ein kleines Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die
Zeit, wo ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in
Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als Spione
des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu liefern. Die nicht
eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein Vorhaben und hatte für
mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen – befehligt, gleich mir, auch
auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein scharfes Augenmerk zu
richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine, blickte nach mir herüber und
sah mich plötzlich den unfreiwilligen Saltomortale herab in die Seine
machen. Er gab mich an, und ich wurde, nachdem man mich verhört hatte,
mit dem Prädicat eines grenzenlosen Dummkopfs und dem Rathe, ohne
Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris zu verlassen und es nie wieder
zu betreten, meines Aemtchens entsetzt, und hatte nun zu dem vielen
Wasser, das Sie mich hatten schlucken lassen, nicht einmal trockenes Brod.
Der Hunger mehr noch als der Durst trieb mich jetzt zur Armee, und so kam
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ich in diese Gegend. Wie es den armen Soldaten geht, werden Sie wissen,
meine Herren, Hunger, Durst und Kälte und feindliche Kugeln, das sind die
ganzen Annehmlichkeiten, die heut zu Tage ein tapferer Franzose zu
erwarten und zu genießen hat, der für die glorreiche Republik kämpft. Ich
eignete mir eine Flasche Cognac zu, um eine Schutzwaffe gegen
zeitweiligen Durst und die unerträgliche Kälte zu haben, und der
Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß ich dies heimlich
gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die sich in meiner Tasche
fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar seine schändlichen Anklagen
zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese schlechten Hosen, welche ich hier
anhabe, seien auch die seinigen. Darauf hin war man so über alle Maßen
grausam, mich henken lassen zu wollen, und es kostete mir unsägliche
Mühe, bevor der Strick um meinen Hals wirklich zugezogen wurde, mich
einer so entehrenden Behandlung ganz zu entziehen, indem ich nämlich
durchging, eine Sache, in welcher meine theatralische Laufbahn mir jene
Ausbildung verliehen, welche meine Muttersprache mit dem trefflichen
Worte Routine bezeichnet. Ich ging zu einer andern Heeresabtheilung über,
bei der ich mich als Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen
war. Als solcher mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich
ohnlängst der Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu
begegnen, um die Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu
liefern. Mir fiel, bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern,
ich war der Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie
ich that, um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der
That nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle
möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der
gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der
Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört.
Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des
Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem
Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den
gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen,
mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch
wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions
mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und
haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee
meine Herren, Hunger, Durst und Kälte und feindliche Kugeln, das sind die
ganzen Annehmlichkeiten, die heut zu Tage ein tapferer Franzose zu
erwarten und zu genießen hat, der für die glorreiche Republik kämpft. Ich
eignete mir eine Flasche Cognac zu, um eine Schutzwaffe gegen
zeitweiligen Durst und die unerträgliche Kälte zu haben, und der
Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß ich dies heimlich
gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die sich in meiner Tasche
fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar seine schändlichen Anklagen
zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese schlechten Hosen, welche ich hier
anhabe, seien auch die seinigen. Darauf hin war man so über alle Maßen
grausam, mich henken lassen zu wollen, und es kostete mir unsägliche
Mühe, bevor der Strick um meinen Hals wirklich zugezogen wurde, mich
einer so entehrenden Behandlung ganz zu entziehen, indem ich nämlich
durchging, eine Sache, in welcher meine theatralische Laufbahn mir jene
Ausbildung verliehen, welche meine Muttersprache mit dem trefflichen
Worte Routine bezeichnet. Ich ging zu einer andern Heeresabtheilung über,
bei der ich mich als Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen
war. Als solcher mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich
ohnlängst der Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu
begegnen, um die Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu
liefern. Mir fiel, bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern,
ich war der Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie
ich that, um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der
That nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle
möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der
gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der
Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört.
Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des
Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem
Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den
gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen,
mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch
wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions
mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und
haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee
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oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung
sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in
Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die Yssel
in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde, dem
die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften.
Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine
Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn
ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen ich
zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen Strick
zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee, etwa
viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf den
Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit
empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur
wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten hatten,
wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel zwischen
Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß bilden, an
der östlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der größten Wuth
bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen. Die
holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl wird
das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs Schiffen,
drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen werden. Schon
rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer herunter; ich eilte den
Vorposten voraus, und wenn die Herren eine Stunde oder nur eine halbe
Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich gefangen nahmen, so säßen wir
jetzt Alle miteinander ganz sicherlich nicht hier.
Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich
unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden. Heute
mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen, wir
müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder ganz
zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz allen Siegen
– es fehlt am Besten!
An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie
wir vorhin hörten.
sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in
Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die Yssel
in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde, dem
die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften.
Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine
Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn
ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen ich
zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen Strick
zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee, etwa
viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf den
Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit
empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur
wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten hatten,
wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel zwischen
Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß bilden, an
der östlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der größten Wuth
bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen. Die
holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl wird
das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs Schiffen,
drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen werden. Schon
rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer herunter; ich eilte den
Vorposten voraus, und wenn die Herren eine Stunde oder nur eine halbe
Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich gefangen nahmen, so säßen wir
jetzt Alle miteinander ganz sicherlich nicht hier.
Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich
unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden. Heute
mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen, wir
müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder ganz
zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz allen Siegen
– es fehlt am Besten!
An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie
wir vorhin hörten.
Page 204
Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste – es
fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und das
bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt, desto
salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft ihr in
Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt!
Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen
wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte Salz in
Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht niederländische
Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden.
Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig.
Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich
bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es
wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen
schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen
zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines
geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen
Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die
englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.
Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das
Alles? fragte Windt barsch.
Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken
Sie mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten
Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war.
Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein!
Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener unter
komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein königlicher
Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott anders und besser
halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.
Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.
Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der
feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und
fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und das
bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt, desto
salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft ihr in
Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt!
Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen
wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte Salz in
Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht niederländische
Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden.
Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig.
Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich
bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es
wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen
schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen
zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines
geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen
Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die
englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.
Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das
Alles? fragte Windt barsch.
Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken
Sie mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten
Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war.
Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein!
Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener unter
komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein königlicher
Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott anders und besser
halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.
Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.
Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der
feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und
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niederländischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abbé und führt
ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten
Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller.
Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war er
auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn die
Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois bilden,
ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht
schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man
sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus: Ah! Nos affaires sont bien, le
Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.
Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube
kann Berge versetzen.
Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt
du nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man
im feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?
Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre
wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben
zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird
streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee
sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen
Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits wissen, daß
der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden und nach
England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis nach dem
Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste nehmen, da er
durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe steht. Das
hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der Graf von
Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum Theil
nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese das
Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles tapferen
Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen kann, sie ist
unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt plötzlich den
Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen Sie, wie viele
Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen werden?
Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.
ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten
Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller.
Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war er
auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn die
Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois bilden,
ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht
schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man
sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus: Ah! Nos affaires sont bien, le
Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.
Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube
kann Berge versetzen.
Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt
du nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man
im feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?
Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre
wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben
zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird
streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee
sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen
Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits wissen, daß
der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden und nach
England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis nach dem
Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste nehmen, da er
durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe steht. Das
hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der Graf von
Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum Theil
nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese das
Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles tapferen
Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen kann, sie ist
unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt plötzlich den
Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen Sie, wie viele
Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen werden?
Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.
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So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, daß ich neulich
nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu zechen,
sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen entledigt
habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen Schanzen zu
untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene Dünen- oder
Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue aufwerfen, eine Ihrem
Kastell gerade gegenüber.
Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus
beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da
wäre Alles verloren!
Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu
beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts
abzuwarten, aut Caesar, aut nihil!
Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm
Leonardus das Wort.
Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die
Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon
wissen.
Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.
In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in
Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach
Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen
unter dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen
Solde kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird
sich nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese
Ortsnamen leicht.
O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.
Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen
der Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde,
sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die
Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy.
nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu zechen,
sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen entledigt
habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen Schanzen zu
untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene Dünen- oder
Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue aufwerfen, eine Ihrem
Kastell gerade gegenüber.
Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus
beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da
wäre Alles verloren!
Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu
beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts
abzuwarten, aut Caesar, aut nihil!
Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm
Leonardus das Wort.
Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die
Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon
wissen.
Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.
In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in
Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach
Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen
unter dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen
Solde kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird
sich nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese
Ortsnamen leicht.
O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.
Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen
der Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde,
sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die
Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy.
Page 207
Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine
gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.
Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen
Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben
in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu
kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war, zu
fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und hielt
ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand gefangen
genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte, ihn den
Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm höchstwahrscheinlich
Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.
Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem
Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so
umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für
Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung
oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die
Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die
englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische
Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre Cantonnirung
angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps von Salm-
Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen,
Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß.
Dem erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen
ein Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte
Regiment englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden
war mit Truppen überschwemmt.
Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus
Arnhem herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den
Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein
Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich
genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag
wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben
konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und
Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone
gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde,
gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.
Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen
Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben
in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu
kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war, zu
fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und hielt
ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand gefangen
genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte, ihn den
Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm höchstwahrscheinlich
Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.
Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem
Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so
umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für
Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung
oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die
Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die
englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische
Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre Cantonnirung
angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps von Salm-
Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen,
Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß.
Dem erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen
ein Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte
Regiment englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden
war mit Truppen überschwemmt.
Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus
Arnhem herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den
Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein
Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich
genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag
wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben
konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und
Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone
gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde,
Page 208
forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend
auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem
zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter
diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte,
Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip den
Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich beisammen
saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte, auf die
bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal kann keine
Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern und Ländern
den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht dies noch lange
nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene kleine feine Waffe,
zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch der ganzen Faust,
sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß von Kenntnissen,
mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.
Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen,
erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu
nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu
leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber Vetter, ich
glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß du nicht für
den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du von Jugend auf
es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich möchte dich
glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir Alles danke. Was
soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er jetzt in diesem Lande
geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in denen ein junges
Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von Winterquartieren,
man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man ficht nicht mit
der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem Geschütz. Zum
Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und für was solltest
du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in Deutschland geboren,
weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin ich der Meinung, du
weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch so nutzlosen Getöse
der Waffen, sondern versuchst in einer andern Laufbahn dein Glück,
versuchst wenigstens in ihr den Grund einer zukünftigen ehrenvollen
Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein trefflicher, lieber,
edeldenkender Mann, ich schätze ihn außerordentlich, und seine Frau ist ja
überaus brav und rechtlich, allein beide sind doch auf die Dauer kein
auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem
zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter
diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte,
Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip den
Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich beisammen
saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte, auf die
bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal kann keine
Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern und Ländern
den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht dies noch lange
nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene kleine feine Waffe,
zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch der ganzen Faust,
sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß von Kenntnissen,
mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.
Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen,
erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu
nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu
leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber Vetter, ich
glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß du nicht für
den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du von Jugend auf
es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich möchte dich
glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir Alles danke. Was
soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er jetzt in diesem Lande
geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in denen ein junges
Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von Winterquartieren,
man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man ficht nicht mit
der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem Geschütz. Zum
Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und für was solltest
du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in Deutschland geboren,
weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin ich der Meinung, du
weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch so nutzlosen Getöse
der Waffen, sondern versuchst in einer andern Laufbahn dein Glück,
versuchst wenigstens in ihr den Grund einer zukünftigen ehrenvollen
Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein trefflicher, lieber,
edeldenkender Mann, ich schätze ihn außerordentlich, und seine Frau ist ja
überaus brav und rechtlich, allein beide sind doch auf die Dauer kein
Page 209
Umgang für dich; du mußt eintreten in höhere Lebenskreise. Dein Blick
muß geschärft, deine Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben
geläutert und festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet
werden durch höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?
Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als
erwache er aus einem Traume.
Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und
Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und
Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten
zertrümmern wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es
anders, erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das
gesellige Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am
heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle Lebenskreise
ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach Paris ab, und ist so
sehr gütig, dich als Attaché mit dorthin nehmen zu wollen. Bei wenig Mühe
wirst du leicht und sicher die Pflichten und Dienstleistungen, die dir dann
obliegen werden, das Abfassen mancher Correspondenzen und dergleichen,
dir aneignen, und hauptsächlich jene gesellige Gewandtheit, die ebenso fern
von unwürdiger Kriecherei als lächerlichem Hochmuth den gebildeten
Mann befähigt, sich mit Anstand und sittlicher Haltung in allen Kreisen des
Lebens zu bewegen.
Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den
Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden
Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein,
daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre, es
lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie ehrenvoll
dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen eine Last sein
werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu sein, um die
schwierige Bahn eines Diplomaten –
Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf,
unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage
in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren:
niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel.
Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern diplomatischen
muß geschärft, deine Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben
geläutert und festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet
werden durch höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?
Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als
erwache er aus einem Traume.
Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und
Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und
Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten
zertrümmern wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es
anders, erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das
gesellige Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am
heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle Lebenskreise
ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach Paris ab, und ist so
sehr gütig, dich als Attaché mit dorthin nehmen zu wollen. Bei wenig Mühe
wirst du leicht und sicher die Pflichten und Dienstleistungen, die dir dann
obliegen werden, das Abfassen mancher Correspondenzen und dergleichen,
dir aneignen, und hauptsächlich jene gesellige Gewandtheit, die ebenso fern
von unwürdiger Kriecherei als lächerlichem Hochmuth den gebildeten
Mann befähigt, sich mit Anstand und sittlicher Haltung in allen Kreisen des
Lebens zu bewegen.
Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den
Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden
Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein,
daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre, es
lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie ehrenvoll
dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen eine Last sein
werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu sein, um die
schwierige Bahn eines Diplomaten –
Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf,
unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage
in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren:
niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel.
Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern diplomatischen
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Geschichte der europäischen Länder und Höfe Sie bald befestigen; die
Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts werden Sie sich bald
aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris einen Cursus dieser
Wissenschaften an der Universität zu hören; vertrauen Sie mir nur, ich
werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen führen.
Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er
nachsinnend und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der
Erbherr seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit
Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt
vorhin zum Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird
gewiß nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in
den Weg tritt.
Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinne des
Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen darf! rief
Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein Verwandter
nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es bedarf nicht,
daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen, daß ich nicht
gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus der Welt
meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen Trennungen
schon zu viele erlebt.
Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn
plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die bittere
Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während der
Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an
Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege stehen,
uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer weiß, ob es
nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau anstellen, so
kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft stellen, er kann als
Volontair pro forma mit Ihnen arbeiten; Sie können ungetrübter, als
irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen Freundschaft genießen. Hier im
Getümmel der Waffen droht Ihnen unversehens vielleicht die
schmerzlichste Trennung.
Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts werden Sie sich bald
aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris einen Cursus dieser
Wissenschaften an der Universität zu hören; vertrauen Sie mir nur, ich
werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen führen.
Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er
nachsinnend und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der
Erbherr seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit
Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt
vorhin zum Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird
gewiß nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in
den Weg tritt.
Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinne des
Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen darf! rief
Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein Verwandter
nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es bedarf nicht,
daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen, daß ich nicht
gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus der Welt
meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen Trennungen
schon zu viele erlebt.
Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn
plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die bittere
Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während der
Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an
Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege stehen,
uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer weiß, ob es
nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau anstellen, so
kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft stellen, er kann als
Volontair pro forma mit Ihnen arbeiten; Sie können ungetrübter, als
irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen Freundschaft genießen. Hier im
Getümmel der Waffen droht Ihnen unversehens vielleicht die
schmerzlichste Trennung.
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Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir
äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da
mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab liegt,
da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an dem einen
Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will Leonardus, den ich
zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum letzten Athemzuge
meines Daseins.
Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus,
der des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn
auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die Nothwendigkeit
gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders war der jetzige
zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim ersten Abschied
galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar treue Diener der
alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher Kanzleimensch, ein
gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch seine Dauerbarkeit
empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig’s Achtung, ja in seiner
dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte sich der treue Mann
nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind erworben, und um Ludwig
selbst, ja auch um dieses Schloß, diese Herrschaft. Ludwig schenkte ihm
alle seine Waffen, nur die Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien
auf blauem Grunde am Griff behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner
blieb Windt zum Geschenke, und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen
Dienste, da einer von seinen Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau
weinten, als die Freunde schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen.
Der Erbherr wünschte aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger
als damals in seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung
und der heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die
Freunde.
Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann,
feingebildet, ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die
Freunde seine Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade
belehrend. Sie fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam
nach; der Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung.
Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in
Rheenen – um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen
äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da
mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab liegt,
da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an dem einen
Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will Leonardus, den ich
zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum letzten Athemzuge
meines Daseins.
Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus,
der des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn
auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die Nothwendigkeit
gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders war der jetzige
zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim ersten Abschied
galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar treue Diener der
alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher Kanzleimensch, ein
gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch seine Dauerbarkeit
empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig’s Achtung, ja in seiner
dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte sich der treue Mann
nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind erworben, und um Ludwig
selbst, ja auch um dieses Schloß, diese Herrschaft. Ludwig schenkte ihm
alle seine Waffen, nur die Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien
auf blauem Grunde am Griff behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner
blieb Windt zum Geschenke, und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen
Dienste, da einer von seinen Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau
weinten, als die Freunde schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen.
Der Erbherr wünschte aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger
als damals in seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung
und der heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die
Freunde.
Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann,
feingebildet, ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die
Freunde seine Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade
belehrend. Sie fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam
nach; der Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung.
Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in
Rheenen – um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen
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zu bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch
herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die
Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte
Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.
4. Drei Frauenherzen.
Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern
der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener
Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige
vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter sicherten
die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene riesige
Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der Thürflügel, die
mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform überdeckt waren,
wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche Karyatiden, und über
demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone, kunstvoll in Marmor
gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte Wappenschilde.
Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis
Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.
Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.
Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit
reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt,
und hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten
herrliche Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den
Gewächshäusern der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten
werden konnte. Die Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich
eingerichteten Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war,
dessen Sophas schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände
einige Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand
vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp
Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und
herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die
Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte
Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.
4. Drei Frauenherzen.
Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern
der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener
Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige
vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter sicherten
die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene riesige
Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der Thürflügel, die
mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform überdeckt waren,
wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche Karyatiden, und über
demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone, kunstvoll in Marmor
gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte Wappenschilde.
Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis
Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.
Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.
Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit
reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt,
und hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten
herrliche Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den
Gewächshäusern der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten
werden konnte. Die Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich
eingerichteten Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war,
dessen Sophas schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände
einige Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand
vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp
Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und
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Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten
Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern,
Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel
am Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:
»Interims-Quittung.
Für zwanzigtausend Mark Hamburger Banco, welche Uns von Seiten
Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich, Grafen
zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon und Pendrecht u. s. w., nach
Maßgabe der mit demselben in Betreff Unserer habenden und dargelegten
beträchtlichen Anforderungen sowohl, als wegen einer Cession Unserer
Herrlichkeit Doorwerth cum pertinentis geschlossenen Haupt-Conditionen
zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und Vollziehung durch die
inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher behindert worden) in Abschlag des
am 3. September jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten Terminis
von fünfzigtausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, reservatis
reservandis in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.
Charlotte Sophie.«
So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath
Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der
Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man solche
Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so geschrieben hätte,
ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und Gerichtshöfe leben und
streben die edelsten und berufensten Geister der deutschen Nation
vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache dringt kein Hauch von
Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein Blitz von Goethe. Ihre
»Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so peinlicher.
So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein
Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.
Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der
regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene
entfernte sich wieder.
Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre
Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß die Arrangements
Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern,
Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel
am Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:
»Interims-Quittung.
Für zwanzigtausend Mark Hamburger Banco, welche Uns von Seiten
Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich, Grafen
zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon und Pendrecht u. s. w., nach
Maßgabe der mit demselben in Betreff Unserer habenden und dargelegten
beträchtlichen Anforderungen sowohl, als wegen einer Cession Unserer
Herrlichkeit Doorwerth cum pertinentis geschlossenen Haupt-Conditionen
zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und Vollziehung durch die
inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher behindert worden) in Abschlag des
am 3. September jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten Terminis
von fünfzigtausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, reservatis
reservandis in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.
Charlotte Sophie.«
So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath
Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der
Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man solche
Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so geschrieben hätte,
ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und Gerichtshöfe leben und
streben die edelsten und berufensten Geister der deutschen Nation
vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache dringt kein Hauch von
Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein Blitz von Goethe. Ihre
»Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so peinlicher.
So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein
Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.
Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der
regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene
entfernte sich wieder.
Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre
Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß die Arrangements
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zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünschen übrig lassen. Vier
Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel mit der
Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit silbernen
Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs Gedecken. Dann
ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten, nur Perlen, die
schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten Trauerweidenzweigen von
Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren und der Theilnahme
einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein anderer Schmuck meinen
Jahren.
Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es
widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier
in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste
Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und
fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde Busch
und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle Mühe,
ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja sein
Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein
diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie besuchen,
mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich unglücklich in einem
solchen Kreise fühlen.
Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem
jüngeren Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es
trat eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte
Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen
Herkommens. Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle
ihrer Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer
Augen kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der
äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle
dauernder Schönheit entspringt.
Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin
jene Dame mit Herzlichkeit.
Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen
heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit
ist dahin – leider!
Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel mit der
Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit silbernen
Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs Gedecken. Dann
ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten, nur Perlen, die
schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten Trauerweidenzweigen von
Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren und der Theilnahme
einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein anderer Schmuck meinen
Jahren.
Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es
widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier
in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste
Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und
fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde Busch
und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle Mühe,
ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja sein
Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein
diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie besuchen,
mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich unglücklich in einem
solchen Kreise fühlen.
Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem
jüngeren Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es
trat eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte
Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen
Herkommens. Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle
ihrer Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer
Augen kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der
äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle
dauernder Schönheit entspringt.
Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin
jene Dame mit Herzlichkeit.
Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen
heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit
ist dahin – leider!
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Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind!
Altes Kind, das ich bin – ja wohl!
Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt,
spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist
Ludwig?
Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von
Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth
sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich denn
noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!
Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete
sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner herrischen
überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein drittes Anrecht,
ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen, nur wenige
Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den Gemahl schon
ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem Sturme eurer
Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles noch in das
rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der Großschatzmeister
von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein armer Sohn Johann
Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste, wurdest als heimlich
verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine traurige, aber eine süße
Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines Schutzes und meiner Liebe zu
nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und so fern von London, und du
warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und ich konnte unseres
Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst es, die dir anrieth,
deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen, dem Willen deines
Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes anzunehmen, der sich
mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten Schönheit Londons
bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer Herzogskrone dein Haupt
schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über alle Maßen schön, meine
theure Georgine, du warst auch klug, du bezwangst dein Herz, folgtest
meinem mütterlichen Rathe und bist noch immer, nachdem zwanzig Jahre
seit deiner Vermählung vergangen sind, eine schöne, bewunderte, beneidete
und eine glückliche Frau!
Altes Kind, das ich bin – ja wohl!
Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt,
spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist
Ludwig?
Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von
Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth
sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich denn
noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!
Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete
sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner herrischen
überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein drittes Anrecht,
ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen, nur wenige
Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den Gemahl schon
ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem Sturme eurer
Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles noch in das
rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der Großschatzmeister
von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein armer Sohn Johann
Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste, wurdest als heimlich
verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine traurige, aber eine süße
Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines Schutzes und meiner Liebe zu
nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und so fern von London, und du
warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und ich konnte unseres
Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst es, die dir anrieth,
deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen, dem Willen deines
Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes anzunehmen, der sich
mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten Schönheit Londons
bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer Herzogskrone dein Haupt
schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über alle Maßen schön, meine
theure Georgine, du warst auch klug, du bezwangst dein Herz, folgtest
meinem mütterlichen Rathe und bist noch immer, nachdem zwanzig Jahre
seit deiner Vermählung vergangen sind, eine schöne, bewunderte, beneidete
und eine glückliche Frau!
Page 216
O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen
danke, beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und
Ludwig? fragte sie leise, von Neuem erglühend.
Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst ihn
hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil an
ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück
sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier
zwei ältere und mein – uraltes.
Das ewig frisch und jung bleibt!
Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig
treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch dauert.
Nicht auch d r ü b e n , meine Mutter?
Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke
ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn es
hienieden sich und Andern treu war.
Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren,
sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von
den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.
Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.
Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht
zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust
kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in fieberhafter
Erregung.
Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte,
meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer es
für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach ist,
nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich.
Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren
jugendschöne aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist
da, wer so glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort
dafür, es ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir
danke, beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und
Ludwig? fragte sie leise, von Neuem erglühend.
Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst ihn
hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil an
ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück
sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier
zwei ältere und mein – uraltes.
Das ewig frisch und jung bleibt!
Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig
treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch dauert.
Nicht auch d r ü b e n , meine Mutter?
Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke
ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn es
hienieden sich und Andern treu war.
Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren,
sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von
den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.
Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.
Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht
zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust
kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in fieberhafter
Erregung.
Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte,
meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer es
für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach ist,
nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich.
Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren
jugendschöne aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist
da, wer so glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort
dafür, es ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir
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sie ungestört besitzen, wir denken kaum an sie, aber so bald sie uns verläßt,
ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit tausend Banden
die entfliehende halten und an uns fesseln.
Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer
geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so
zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und
Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des Vice-
Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig erwähnte,
dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran ergötzte,
wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein sanfter
Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend senkte. Da sie
nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich vermochte, auch nur einen
Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in ihr Geheimniß durchaus
nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos zu geben, so war Ottoline
fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte mit sanfter Theilnahme: Wie
geht es dem jungen Herrn und wo weilt er jetzt?
Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit
liegenden Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er
würde für diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er
sie ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.
In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.
Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser
Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.
O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und
Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat mir
bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht gegeben, von
dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu der neuesten
Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der Meerfahrt am Bord der
»vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des reichen Handelsherrn
Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter sich versöhnte.
Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und ich
mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der Männer,
daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin gebrochen.
ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit tausend Banden
die entfliehende halten und an uns fesseln.
Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer
geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so
zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und
Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des Vice-
Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig erwähnte,
dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran ergötzte,
wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein sanfter
Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend senkte. Da sie
nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich vermochte, auch nur einen
Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in ihr Geheimniß durchaus
nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos zu geben, so war Ottoline
fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte mit sanfter Theilnahme: Wie
geht es dem jungen Herrn und wo weilt er jetzt?
Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit
liegenden Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er
würde für diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er
sie ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.
In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.
Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser
Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.
O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und
Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat mir
bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht gegeben, von
dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu der neuesten
Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der Meerfahrt am Bord der
»vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des reichen Handelsherrn
Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter sich versöhnte.
Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und ich
mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der Männer,
daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin gebrochen.
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Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh geworden, seit
ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem Tranke lag gewiß
ein Zauber!
Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die
Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er
Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu
bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und
begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen
Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften
Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge um
dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen
flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen
Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers Barbarossa
zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers ruhen und
träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er
malt gut und treffend.
Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in
der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns verehrend
denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.
Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen.
Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:
»Meine theuerste, geliebteste Großmutter!
»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten
Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und
schönen Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in
Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen
Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden
Kinde zu geleiten.«
»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen
Gesandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß
diese Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und
Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei
Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm
ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem Tranke lag gewiß
ein Zauber!
Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die
Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er
Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu
bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und
begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen
Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften
Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge um
dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen
flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen
Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers Barbarossa
zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers ruhen und
träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er
malt gut und treffend.
Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in
der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns verehrend
denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.
Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen.
Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:
»Meine theuerste, geliebteste Großmutter!
»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten
Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und
schönen Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in
Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen
Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden
Kinde zu geleiten.«
»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen
Gesandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß
diese Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und
Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei
Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm
Page 219
Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau
Gemahlin, o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe
günstig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue
schmerzlich, daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie
vergönnt sein wird.«
Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin:
denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter Ludwig!
»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch
kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich
mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder
Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen
stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der
enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«
»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden
zu vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die
ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günstigen
Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles
aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann wird
wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch die
meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte sehr
für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der
treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den Erbprinzen zum Opfer
gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine Freiheit ist bedroht. Ihr
zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann Carl, ist zur Zeit, wo ich dies
schreibe, Statthalter in Utrecht – ich fürchte ebenfalls, daß diese
Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Der Vice-Admiral
soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg aufhalten; sollte dies der Fall
sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen wohnen, und dann bitte ich
gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist ein jovialer Mann, der mir
Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz seiner Neigung zu Spott und
Satyre.«
»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht
zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich heimlich
krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der spätherbstlichen
Gemahlin, o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe
günstig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue
schmerzlich, daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie
vergönnt sein wird.«
Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin:
denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter Ludwig!
»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch
kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich
mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder
Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen
stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der
enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«
»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden
zu vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die
ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günstigen
Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles
aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann wird
wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch die
meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte sehr
für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der
treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den Erbprinzen zum Opfer
gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine Freiheit ist bedroht. Ihr
zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann Carl, ist zur Zeit, wo ich dies
schreibe, Statthalter in Utrecht – ich fürchte ebenfalls, daß diese
Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Der Vice-Admiral
soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg aufhalten; sollte dies der Fall
sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen wohnen, und dann bitte ich
gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist ein jovialer Mann, der mir
Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz seiner Neigung zu Spott und
Satyre.«
»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht
zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich heimlich
krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der spätherbstlichen
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Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein Arzt, den ich auf
Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen befragte, sagte mir, ich
müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«
Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre
ich mich gesund baden würde!«
Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die
Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach
England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie ihn
in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.
In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.
Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will
ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner
Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.
Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam,
warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen Sie
sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer
Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres Vice-Admirals, und
besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich aber muß
unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste Herzogin! Sehen
Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See
gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? Mein Segeltuch heißt
Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz
über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief unseres Ludwig:
»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, fast
hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler meinerseits
gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die englische
Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter erzeugten
allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und friert jetzt. Die
Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen etwa so: ein Louisd’or
in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres werth, nämlich stets in
Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, eine Flasche Wein
zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein
Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen dreitausend Livres. Der
Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen befragte, sagte mir, ich
müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«
Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre
ich mich gesund baden würde!«
Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die
Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach
England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie ihn
in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.
In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.
Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will
ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner
Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.
Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam,
warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen Sie
sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer
Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres Vice-Admirals, und
besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich aber muß
unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste Herzogin! Sehen
Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See
gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? Mein Segeltuch heißt
Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz
über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief unseres Ludwig:
»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, fast
hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler meinerseits
gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die englische
Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter erzeugten
allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und friert jetzt. Die
Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen etwa so: ein Louisd’or
in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres werth, nämlich stets in
Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, eine Flasche Wein
zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein
Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen dreitausend Livres. Der
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Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so gütig, mir für seinen einzigen
Besuch nur sechshundert Livres abzunehmen. Silbergeld ist äußerst
willkommen, wer dessen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für
vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz kostet vierundzwanzigtausend
Livres. Da wir an Gold und Silber keinen Mangel haben, so kommen wir
leidlich durch, aber von Vergnügen, von geistvollen Kreisen, von jenen
schönen und angenehmen Vereinigungen gebildeter Menschen ist keine
Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und küsse meiner theuersten
Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich
durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erst recht, was es
sagen will, den Pardisesgarten, jener stillen und reinen Freuden hinter sich
zu haben.
Ihr ewig dankbarer Ludwig.«
Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt,
äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt,
wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen,
Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser
geschaffen sei.
Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die
Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe Schule
nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will es nur
eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein,
sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der Alterthumskunde –
ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte sie,
ohne an einer dieser Künste vorzugsweise Gefallen zu finden. Ich glaube,
daß er nie tanzen wird, musikalisch ist er auch nicht geworden, nur am
Malen fand er einige Freude, und am Lesen die meiste. Weil ich fühlte, wie
mangelhaft und unvollendet noch seine Erziehung sei, entschied ich mich
dafür, ihn reisen zu lassen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und er
durch das Leben sich selbst bilde. Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle
jenes heimathlichen Schlosses, das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch
schon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünscht habe.
Viel zu tief sah er im Beginn seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die
nun im Wachen und Träumen vor seiner Seele stehen und ihn zurückwinken
nach der kaum verlassenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein
Besuch nur sechshundert Livres abzunehmen. Silbergeld ist äußerst
willkommen, wer dessen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für
vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz kostet vierundzwanzigtausend
Livres. Da wir an Gold und Silber keinen Mangel haben, so kommen wir
leidlich durch, aber von Vergnügen, von geistvollen Kreisen, von jenen
schönen und angenehmen Vereinigungen gebildeter Menschen ist keine
Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und küsse meiner theuersten
Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich
durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erst recht, was es
sagen will, den Pardisesgarten, jener stillen und reinen Freuden hinter sich
zu haben.
Ihr ewig dankbarer Ludwig.«
Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt,
äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt,
wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen,
Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser
geschaffen sei.
Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die
Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe Schule
nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will es nur
eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein,
sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der Alterthumskunde –
ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte sie,
ohne an einer dieser Künste vorzugsweise Gefallen zu finden. Ich glaube,
daß er nie tanzen wird, musikalisch ist er auch nicht geworden, nur am
Malen fand er einige Freude, und am Lesen die meiste. Weil ich fühlte, wie
mangelhaft und unvollendet noch seine Erziehung sei, entschied ich mich
dafür, ihn reisen zu lassen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und er
durch das Leben sich selbst bilde. Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle
jenes heimathlichen Schlosses, das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch
schon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünscht habe.
Viel zu tief sah er im Beginn seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die
nun im Wachen und Träumen vor seiner Seele stehen und ihn zurückwinken
nach der kaum verlassenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein
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seltsames Verhältniß verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht
klar sehe. Er und Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel
läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen,
daß ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer
Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich
dies selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines Freundes
verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt
auseinanderging.
Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte
Ottoline mit mühsam errungener Fassung.
Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben
weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen Kampf. Ein
unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den Freund, wenn
der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit Entschiedenheit
abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s leicht und sieht sich
nach einer andern, vielleicht williger ihm entgegenkommenden Neigung
um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht in solche Labyrinthe
verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung einer edeln Frauenhand ihn
auf die Pfade des richtigen Lebensweges führen kann. Wie glücklich wäre
ich, wie sehr verdient um meinen Enkel würden Sie sich machen, Frau
Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach England dort in Ihre Kreise
einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir schon lange vor, doch wollte
ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei gewähren lassen und zusehen,
wohin seine Neigung ihn lenke.
Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die
Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen
wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr
Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn mir,
er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst als
Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir und
Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name
gemeinsam, der Name Cavendish.
Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen,
daß es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und
klar sehe. Er und Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel
läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen,
daß ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer
Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich
dies selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines Freundes
verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt
auseinanderging.
Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte
Ottoline mit mühsam errungener Fassung.
Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben
weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen Kampf. Ein
unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den Freund, wenn
der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit Entschiedenheit
abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s leicht und sieht sich
nach einer andern, vielleicht williger ihm entgegenkommenden Neigung
um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht in solche Labyrinthe
verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung einer edeln Frauenhand ihn
auf die Pfade des richtigen Lebensweges führen kann. Wie glücklich wäre
ich, wie sehr verdient um meinen Enkel würden Sie sich machen, Frau
Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach England dort in Ihre Kreise
einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir schon lange vor, doch wollte
ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei gewähren lassen und zusehen,
wohin seine Neigung ihn lenke.
Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die
Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen
wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr
Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn mir,
er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst als
Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir und
Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name
gemeinsam, der Name Cavendish.
Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen,
daß es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und
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Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief
Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem
Tuche. –
Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der
Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles
Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus
Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die Thüre
ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.
Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem
Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist
angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen
haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir
verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch,
bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser
ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen
und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu
Füßen, oder aux pieds. Außerdem überspringt er alle die läppischen
Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht, und
stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei hat er
einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die ihn umgeben.
Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels Brief. Wir
werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.
Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für
sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die
Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit
Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest
ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre Excellenz
bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule. Ich sah die
schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem himmlischen
Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist ein
Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein Alter
hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch, daß der junge
Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als Hauptleute waren
beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei mir fortwährend
eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage schlimmer. Ich sitze,
Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem
Tuche. –
Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der
Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles
Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus
Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die Thüre
ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.
Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem
Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist
angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen
haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir
verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch,
bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser
ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen
und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu
Füßen, oder aux pieds. Außerdem überspringt er alle die läppischen
Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht, und
stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei hat er
einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die ihn umgeben.
Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels Brief. Wir
werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.
Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für
sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die
Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit
Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest
ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre Excellenz
bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule. Ich sah die
schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem himmlischen
Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist ein
Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein Alter
hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch, daß der junge
Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als Hauptleute waren
beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei mir fortwährend
eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage schlimmer. Ich sitze,
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wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in einer Trophäe
zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und Hellebarten.«
5. Die Emigranten.
Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s
Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten
brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron
von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau absagen
zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie
unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen
können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet
an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem großen
Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit Ungeduld den
Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten Ergebenheit zu
wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.
Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen
alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt
doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl
mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige
Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen Welt.
Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen, besteht,
wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist, ohne daß
ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen ihnen, den
Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte mir selbst
untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das Wort meiner
Ueberzeugung:
Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s
Nie ein, den Fremden vorzuziehn;
Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,
Verachtet euch
zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und Hellebarten.«
5. Die Emigranten.
Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s
Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten
brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron
von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau absagen
zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie
unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen
können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet
an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem großen
Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit Ungeduld den
Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten Ergebenheit zu
wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.
Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen
alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt
doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl
mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige
Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen Welt.
Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen, besteht,
wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist, ohne daß
ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen ihnen, den
Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte mir selbst
untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das Wort meiner
Ueberzeugung:
Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s
Nie ein, den Fremden vorzuziehn;
Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,
Verachtet euch
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Weil ihr ihn vorzieht. –
Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich
immer noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«
Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?
Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete
Ottoline.
So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten
deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch,
starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.
Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder
auf und fuhr fort darin zu lesen.
»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir
erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, unter
dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben
werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit
Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen
sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen Vorschub
leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein Emigrantenfreund.
Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung und ihre
Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich habe sie
im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, diese
machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«
»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf
Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen,
daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben und
des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in Arnhem
in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach Osnabrück
begeben.«
»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein
Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den
Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie,
hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den
Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich
immer noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«
Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?
Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete
Ottoline.
So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten
deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch,
starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.
Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder
auf und fuhr fort darin zu lesen.
»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir
erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, unter
dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben
werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit
Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen
sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen Vorschub
leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein Emigrantenfreund.
Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung und ihre
Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich habe sie
im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, diese
machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«
»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf
Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen,
daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben und
des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in Arnhem
in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach Osnabrück
begeben.«
»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein
Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den
Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie,
hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den
Page 226
hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen
Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten
acht Todte und vierzehn Verwundete.«
Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander
selbst bekämpfen!
Die Reichsgräfin las weiter:
»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei
dem Feinde die vollste Eintracht herrscht.«
»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne
bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der
holländischen Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die
freundschaftlichsten Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus
allerlei Lebensmittel, ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der
Commandant der Jäger von Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus
Kurland, hat mir Büschings Erdbeschreibung in prächtigem Einband
verehrt; die Emigranten hingegen, die mir die meiste Last gemacht haben,
sind undankbare Menschen und drücken die Ohren auf den Hals. Um
unsere Truppen sieht es trübselig aus, sie stehen bis über die Kniee im
Morast und Eis, und Holland ist in Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«
»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht,
eine Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen,
daß es eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen.
Zum Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig
überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden.
Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden
Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe es!
Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die
Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes
haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben
Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt
gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden
bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser
brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung
gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde
Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten
acht Todte und vierzehn Verwundete.«
Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander
selbst bekämpfen!
Die Reichsgräfin las weiter:
»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei
dem Feinde die vollste Eintracht herrscht.«
»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne
bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der
holländischen Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die
freundschaftlichsten Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus
allerlei Lebensmittel, ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der
Commandant der Jäger von Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus
Kurland, hat mir Büschings Erdbeschreibung in prächtigem Einband
verehrt; die Emigranten hingegen, die mir die meiste Last gemacht haben,
sind undankbare Menschen und drücken die Ohren auf den Hals. Um
unsere Truppen sieht es trübselig aus, sie stehen bis über die Kniee im
Morast und Eis, und Holland ist in Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«
»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht,
eine Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen,
daß es eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen.
Zum Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig
überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden.
Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden
Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe es!
Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die
Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes
haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben
Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt
gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden
bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser
brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung
gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde
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unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz
um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«
»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn
Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der Feind
hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! Der
französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von
siebentausend Holländern und Brabantern, lauter P a t r i o t e n , die für den
Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest
zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und
den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz
Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er steht
an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und führt es
nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon einen
lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß ich
ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder verwundet
zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder
verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung an
der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben, oder es
müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein
Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr verstehe,
welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte sogleich, als
die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von Geldermaalseen aus
und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei Heersäulen
holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und hannoverscher
Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische Colonne kam zu
spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich sehe schon ihre
Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden ihre Kanonen unter
meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch schlimmer. Das
Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen; wenn ich
weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. Die Leute
sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen mit mir; so eben
geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes Brod und fünf Eier,
weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden. Solche Leute zu
verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu Füßen.«
Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den
beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin,
um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«
»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn
Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der Feind
hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! Der
französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von
siebentausend Holländern und Brabantern, lauter P a t r i o t e n , die für den
Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest
zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und
den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz
Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er steht
an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und führt es
nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon einen
lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß ich
ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder verwundet
zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder
verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung an
der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben, oder es
müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein
Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr verstehe,
welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte sogleich, als
die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von Geldermaalseen aus
und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei Heersäulen
holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und hannoverscher
Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische Colonne kam zu
spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich sehe schon ihre
Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden ihre Kanonen unter
meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch schlimmer. Das
Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen; wenn ich
weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. Die Leute
sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen mit mir; so eben
geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes Brod und fünf Eier,
weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden. Solche Leute zu
verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu Füßen.«
Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den
beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin,
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der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme Nachschrift,
die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie niedergeworfen. Hören Sie
die Hiobsbotschaft!
»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen
und dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im
Texel sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher
bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den
Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und
endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und
nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«
Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.
Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht,
mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées
grande Assemblée. –
Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein,
zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die
Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz
abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die
Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.
Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der
großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze
Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große
Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen
turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte
auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an
dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche
Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs
darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von einer
fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des weiblichen
Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein auffallender Gegensatz
zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben
selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und garnirt, doch herrschte in
ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen
Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters,
die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie niedergeworfen. Hören Sie
die Hiobsbotschaft!
»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen
und dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im
Texel sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher
bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den
Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und
endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und
nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«
Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.
Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht,
mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées
grande Assemblée. –
Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein,
zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die
Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz
abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die
Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.
Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der
großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze
Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große
Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen
turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte
auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an
dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche
Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs
darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von einer
fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des weiblichen
Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein auffallender Gegensatz
zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben
selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und garnirt, doch herrschte in
ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen
Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters,
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bei den Deutschen mehr einfach, bei den Franzosen mehr als je gesucht und
auffallend, als wolle man den guten Deutschen so recht bemerklich machen,
was Mode sei. Die Herzogin trug sich nach altenglischer Weise, sie trug
noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollste Taille, eine Büste zum
Anbeten, strahlte von Juwelen und überstrahlte alle, selbst die jüngsten
Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erscheinung. Viele
Französinnen blickten mit Neid auf die schöne Tochter Albions, und
Georgine schien in Wahrheit die ihr in Ueberfülle dargebrachten
Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee gleiche, die aus einer
andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt
ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.
In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen
der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze
Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland
Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp eines
regierenden Hofes – grand cortège – ein Heer von Kammerdienern voraus,
eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere – dann
nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend seine Nichte
Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von
Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angoulême, der
Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von
Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor Amadeus III.
von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph von Bourbon,
Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin Charlotte von
Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche
Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher Militärtracht, dem
ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem Waffenschmuck, aber mit
Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser Letztere war der nächste
Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joseph Herzog
von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er stand im Heere des
Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlassen hatte, und die
Abzeichen seiner Trauer galten seinem Vater, dem Herzog August Philipp,
dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher
Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten
hatte, endlich aber als Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen
Vendéer in Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus
auffallend, als wolle man den guten Deutschen so recht bemerklich machen,
was Mode sei. Die Herzogin trug sich nach altenglischer Weise, sie trug
noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollste Taille, eine Büste zum
Anbeten, strahlte von Juwelen und überstrahlte alle, selbst die jüngsten
Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erscheinung. Viele
Französinnen blickten mit Neid auf die schöne Tochter Albions, und
Georgine schien in Wahrheit die ihr in Ueberfülle dargebrachten
Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee gleiche, die aus einer
andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt
ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.
In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen
der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze
Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland
Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp eines
regierenden Hofes – grand cortège – ein Heer von Kammerdienern voraus,
eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere – dann
nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend seine Nichte
Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von
Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angoulême, der
Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von
Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor Amadeus III.
von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph von Bourbon,
Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin Charlotte von
Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche
Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher Militärtracht, dem
ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem Waffenschmuck, aber mit
Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser Letztere war der nächste
Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joseph Herzog
von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er stand im Heere des
Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlassen hatte, und die
Abzeichen seiner Trauer galten seinem Vater, dem Herzog August Philipp,
dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher
Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten
hatte, endlich aber als Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen
Vendéer in Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus
Page 230
mit dem Tode büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst
einherschritt, und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich
und Andere zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen
wie des Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.
Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und
förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche dasselbe
etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die Räume des
Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser von St.
Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier gesucht und
nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs Himmel in
das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer vermochte
dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? Man sprach,
man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging sich auch
zum Theil in hohlen Phrasen.
Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem
schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah
– la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.
Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf
und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund,
wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch
vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, meist
falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer
Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die
Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen
Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an die
man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an
baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents
ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose
Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen
baldigen Umschlags gedeutet.
Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen
herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein gefertigt
und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, erblickten die
einherschritt, und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich
und Andere zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen
wie des Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.
Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und
förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche dasselbe
etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die Räume des
Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser von St.
Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier gesucht und
nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs Himmel in
das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer vermochte
dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? Man sprach,
man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging sich auch
zum Theil in hohlen Phrasen.
Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem
schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah
– la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.
Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf
und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund,
wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch
vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, meist
falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer
Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die
Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen
Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an die
man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an
baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents
ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose
Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen
baldigen Umschlags gedeutet.
Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen
herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein gefertigt
und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, erblickten die
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um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem schwarzen schmalen
Seidenbändchen gebundener greiser Locken.
Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach die
Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich
nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht mit dem Blute
des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese Locken, die einst blond
waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß färbte. Eine treue Hand
setzte sich in den Besitz dieses Haares und übergab es der meinen, und die
meinige soll nicht weniger treu befunden werden. Sie alle, meine
hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren gemeinsame Abstammung
aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause Bourbon verbindet,
sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine dieser Locken zum
Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es ist
das Haar Marie Antoinettens von Frankreich!
Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen
zwei feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch
verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die
Chiffre MA und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber
der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu unterzeichnen
pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.
Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach
ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die
Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont
wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat,
bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten sich hingaben,
indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres Thomson mittheilen,
mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder irgend einem Würdigen
damit weh zu thun, das sei ferne; aber im Allgemeinen ist auf Ihre
geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet: »Wo
bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuschenden
Wünsche, wo seid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung,
Kummer und Gewissensbisse? Ach und dennoch, schwer niederbeugender
Gedanke! ist kaum ein Auftritt des gauklerischen Trugspiels abgespielt, so
erwacht aufs Neue der getäuschte Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt
Seidenbändchen gebundener greiser Locken.
Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach die
Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich
nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht mit dem Blute
des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese Locken, die einst blond
waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß färbte. Eine treue Hand
setzte sich in den Besitz dieses Haares und übergab es der meinen, und die
meinige soll nicht weniger treu befunden werden. Sie alle, meine
hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren gemeinsame Abstammung
aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause Bourbon verbindet,
sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine dieser Locken zum
Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es ist
das Haar Marie Antoinettens von Frankreich!
Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen
zwei feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch
verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die
Chiffre MA und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber
der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu unterzeichnen
pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.
Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach
ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die
Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont
wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat,
bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten sich hingaben,
indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres Thomson mittheilen,
mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder irgend einem Würdigen
damit weh zu thun, das sei ferne; aber im Allgemeinen ist auf Ihre
geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet: »Wo
bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuschenden
Wünsche, wo seid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung,
Kummer und Gewissensbisse? Ach und dennoch, schwer niederbeugender
Gedanke! ist kaum ein Auftritt des gauklerischen Trugspiels abgespielt, so
erwacht aufs Neue der getäuschte Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt
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von neuer Hoffnung, zu des schwindelvollen Kreislaufs abermaligem
Beginn.«
Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er
hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich noch
viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir aber, Frau
Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines französischen zu
antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle
fühlen, die wir im Unglück und aus unserem Vaterlande verbannt sind; es
ist Corneille, den ich meine. »Ein großes Herz kann einem Thron entsagen,
und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom
Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was sein Herz mit
flammender Liebe umfaßt, der ist ein Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was
unser aller Herzen mit flammender Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist
unser Frankreich, unser Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere
Vaterlandsliebe ist unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit
uns in Ferne und Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die
sichtbaren Bilder seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns
Franzosen diese Liebe, diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann
sind wir ganz vernichtet. Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann
verdienten wir, daß unsere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der
Geschichte.
Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die
allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen
ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und
berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig entsagt
hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich nicht
ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es geschehen
lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufrieden und
beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich bewahrt blieb, daß
Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor ihrer Vermählung
schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne gar nichts
schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes mütterliches
Erbtheil sein?
Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem
sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche
Beginn.«
Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er
hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich noch
viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir aber, Frau
Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines französischen zu
antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle
fühlen, die wir im Unglück und aus unserem Vaterlande verbannt sind; es
ist Corneille, den ich meine. »Ein großes Herz kann einem Thron entsagen,
und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom
Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was sein Herz mit
flammender Liebe umfaßt, der ist ein Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was
unser aller Herzen mit flammender Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist
unser Frankreich, unser Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere
Vaterlandsliebe ist unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit
uns in Ferne und Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die
sichtbaren Bilder seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns
Franzosen diese Liebe, diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann
sind wir ganz vernichtet. Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann
verdienten wir, daß unsere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der
Geschichte.
Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die
allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen
ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und
berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig entsagt
hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich nicht
ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es geschehen
lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufrieden und
beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich bewahrt blieb, daß
Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor ihrer Vermählung
schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne gar nichts
schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes mütterliches
Erbtheil sein?
Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem
sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche
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Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen
sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von
rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.
Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen:
Was Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle
Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller
Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da
wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden
Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich
wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum
Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die ich
meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den
erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem,
was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben!
Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu
übertreffen.«
Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von
Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese
Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß,
Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es
bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat
uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu
verlassen!
Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und
es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und
nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz
Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte:
Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe
Jedem das Seine!
Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und
gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner
nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein
Eintritt.
sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von
rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.
Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen:
Was Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle
Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller
Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da
wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden
Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich
wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum
Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die ich
meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den
erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem,
was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben!
Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu
übertreffen.«
Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von
Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese
Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß,
Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es
bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat
uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu
verlassen!
Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und
es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und
nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz
Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte:
Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe
Jedem das Seine!
Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und
gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner
nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein
Eintritt.
Page 234
Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so
unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt
Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer
Angelegenheiten gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der
Graf von Artois begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur
Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort
suchten ihr Asyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen
Freundin noch einige sehr wichtige Unterredungen, welche alle das
Lebensglück Ludwigs zum Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte
weibliche Hände den Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines
Lebensganges bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher
schwaches Mühen! Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts
läßt im Voraus sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand
des Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand,
diesen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher
Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind
lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche
völlig nachtschwarz.
Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen
Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach
England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei
der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise ziehen,
ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine glückliche
Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady zu
Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten treten,
und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der englischen
Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines Staatsmannes
beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm ein Landgut
kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. Glücklich sollte
er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und Lebensfreuden in
Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. Auch noch ein
Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf daß er ein neues
Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.
Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging
nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte
oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu
unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt
Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer
Angelegenheiten gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der
Graf von Artois begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur
Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort
suchten ihr Asyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen
Freundin noch einige sehr wichtige Unterredungen, welche alle das
Lebensglück Ludwigs zum Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte
weibliche Hände den Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines
Lebensganges bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher
schwaches Mühen! Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts
läßt im Voraus sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand
des Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand,
diesen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher
Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind
lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche
völlig nachtschwarz.
Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen
Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach
England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei
der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise ziehen,
ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine glückliche
Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady zu
Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten treten,
und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der englischen
Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines Staatsmannes
beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm ein Landgut
kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. Glücklich sollte
er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und Lebensfreuden in
Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. Auch noch ein
Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf daß er ein neues
Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.
Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging
nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte
oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu
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machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn
ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen
zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, deren
nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der
Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.
Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit
Doorwerth verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte
viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen
Geschäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache
Quittung, welche die Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend;
sie kalkulierten und spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz
ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben
durch beider Rathgeber überwiegende Gründe sich bewogen fand.
Additamentum zur Interims-Quittung
in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten
Termins von Fünfzig Tausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns,
reservatis reservandis, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang
genommen worden, daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen
nichts praejudicirliches eingeräumet sein soll, die gedachte Cession Unsrer
Herrlichkeit Doorwerth und übriger in der Provinz Geldern belegenen
Güter auch von selbst wegfallen würde, falls gedachter Unser Herr Enkel
die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem
völligen Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige
Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns
jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen ausgezahlte Summe
der Zwanzig Tausend Mark Hamburger Banco, nach desfalls zu nehmender
Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unseren aus den Gräflich
Aldenburgischen in Deutschland belegenen Gütern zu beziehenden Aliment-
und Jahresgeldern successive kürzen zu lassen.
Hamburg den 1. Februar 1795.
In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer
Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte
Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser Sache
ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden saß.
ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen
zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, deren
nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der
Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.
Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit
Doorwerth verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte
viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen
Geschäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache
Quittung, welche die Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend;
sie kalkulierten und spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz
ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben
durch beider Rathgeber überwiegende Gründe sich bewogen fand.
Additamentum zur Interims-Quittung
in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten gewesenen ersten
Termins von Fünfzig Tausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns,
reservatis reservandis, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang
genommen worden, daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen
nichts praejudicirliches eingeräumet sein soll, die gedachte Cession Unsrer
Herrlichkeit Doorwerth und übriger in der Provinz Geldern belegenen
Güter auch von selbst wegfallen würde, falls gedachter Unser Herr Enkel
die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem
völligen Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige
Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns
jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen ausgezahlte Summe
der Zwanzig Tausend Mark Hamburger Banco, nach desfalls zu nehmender
Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unseren aus den Gräflich
Aldenburgischen in Deutschland belegenen Gütern zu beziehenden Aliment-
und Jahresgeldern successive kürzen zu lassen.
Hamburg den 1. Februar 1795.
In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer
Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte
Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser Sache
ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden saß.
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Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.
6. Der Freunde Trennung.
Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in Scheveningen
eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee verlassen; Pichegru
war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter Soldaten, von denen
ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in Strohsocken leise schritt,
in Amsterdam eingezogen. Aber diese erbärmlich aussehenden Soldaten
waren Helden, die mit Muth für die Sache der Freiheit kämpften, für die sie
nun einmal begeistert waren, die mit eiserner Ausdauer Kälte und
Ungemach und jede Beschwerde eines Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit
solchen Truppen wären Welttheile zu erobern gewesen, warum nicht ein
Land, in welchem die Mehrzahl der Bevölkerung den Feind als Freund
begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und was einzig dasteht in der
Weltgeschichte, war geschehen; einige Geschwader, nicht Schiffe, sondern
leichte Reiter hatten Hollands stolze Flotte erobert. Denn die Flotte saß im
Eise fest und ließ sich nicht träumen, daß Cavallerie den Kampf mit
Schiffen unternehmen werde.
Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der
Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat der
einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine
vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr
Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel
der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was
dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu
ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben wollte,
raffte ihn dahin.
Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der
Hand trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist
gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine Mutter
ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin, werden
6. Der Freunde Trennung.
Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in Scheveningen
eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee verlassen; Pichegru
war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter Soldaten, von denen
ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in Strohsocken leise schritt,
in Amsterdam eingezogen. Aber diese erbärmlich aussehenden Soldaten
waren Helden, die mit Muth für die Sache der Freiheit kämpften, für die sie
nun einmal begeistert waren, die mit eiserner Ausdauer Kälte und
Ungemach und jede Beschwerde eines Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit
solchen Truppen wären Welttheile zu erobern gewesen, warum nicht ein
Land, in welchem die Mehrzahl der Bevölkerung den Feind als Freund
begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und was einzig dasteht in der
Weltgeschichte, war geschehen; einige Geschwader, nicht Schiffe, sondern
leichte Reiter hatten Hollands stolze Flotte erobert. Denn die Flotte saß im
Eise fest und ließ sich nicht träumen, daß Cavallerie den Kampf mit
Schiffen unternehmen werde.
Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der
Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat der
einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine
vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr
Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel
der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was
dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu
ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben wollte,
raffte ihn dahin.
Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der
Hand trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist
gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine Mutter
ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin, werden
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lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren Liebe
mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu sichern. Bei der
Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, und die vielleicht
binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich – am Ende auch du,
Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.
Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück,
auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an Frische
verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm das Wort
meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit dir von
hinnen ging!
Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite
nur Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des
Hauses Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des
Geschäfts; ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er
entließ den ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt
liegt mir ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe
immer noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner
Insel.
Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war
nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um
Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.
Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte
nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.
Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig
schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück!
Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im Dunkel
– oh – mein Schatten!
So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit
mir. Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb
schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann gehst
du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird. Ludwig, du
neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so jungen Jahren;
doch ich kenne diese innern Kämpfe.
mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu sichern. Bei der
Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, und die vielleicht
binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich – am Ende auch du,
Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.
Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück,
auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an Frische
verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm das Wort
meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit dir von
hinnen ging!
Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite
nur Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des
Hauses Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des
Geschäfts; ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er
entließ den ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt
liegt mir ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe
immer noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner
Insel.
Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war
nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um
Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.
Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte
nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.
Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig
schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück!
Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im Dunkel
– oh – mein Schatten!
So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit
mir. Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb
schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann gehst
du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird. Ludwig, du
neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so jungen Jahren;
doch ich kenne diese innern Kämpfe.
Page 238
»Wir müssen Alle ringen,
Des Kampfs bleibt keiner frei;
Doch soll ein Sieg gelingen,
Frag’ nicht, ob schwer er sei?«
Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich
nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der
Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große und
edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe eine
reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen zurückblicken
sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ sie ziehen, und nur
schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe. Aber darum doch kein
unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie der rastlose Schiffer,
immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang der Lebenswogen, mitten
durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich die Gefühle, und immer
muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine Selbständigkeit und
seine sittliche Freiheit.
Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu
und deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit
überwinden, die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel
soll meine Kraft sich aufrichten.
Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das
Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der
Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den
Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen
nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben;
so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer
für den Andern leben.
Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief
Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit.
Welchen großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein
anderes Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer
kleinen deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon
leidlich gut als unabhängiger Rentner leben könnte.
Des Kampfs bleibt keiner frei;
Doch soll ein Sieg gelingen,
Frag’ nicht, ob schwer er sei?«
Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich
nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der
Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große und
edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe eine
reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen zurückblicken
sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ sie ziehen, und nur
schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe. Aber darum doch kein
unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie der rastlose Schiffer,
immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang der Lebenswogen, mitten
durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich die Gefühle, und immer
muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine Selbständigkeit und
seine sittliche Freiheit.
Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu
und deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit
überwinden, die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel
soll meine Kraft sich aufrichten.
Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das
Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der
Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den
Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen
nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben;
so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer
für den Andern leben.
Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief
Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit.
Welchen großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein
anderes Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer
kleinen deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon
leidlich gut als unabhängiger Rentner leben könnte.
Page 239
Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen
Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit
Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir sagte:
werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut
rechnen!
Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig
ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum
kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den
ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine
Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.
Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn
Leonardus.
Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.
Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne
Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und das
und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich kenne
vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre mich an,
liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und mehr
rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche dir
ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die
Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die
Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die
vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu
verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, der
nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr Vetter.
Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit Schulden,
und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete dies
furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte, daß sie
ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend Reichsthaler
Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber Ludwig. Es soll
kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den letzten
Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat dies Alles
auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden Eindruck gemacht.
Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der Seinen und anderer
Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit
Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir sagte:
werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut
rechnen!
Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig
ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum
kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den
ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine
Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.
Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn
Leonardus.
Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.
Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne
Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und das
und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich kenne
vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre mich an,
liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und mehr
rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche dir
ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die
Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die
Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die
vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu
verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, der
nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr Vetter.
Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit Schulden,
und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete dies
furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte, daß sie
ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend Reichsthaler
Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber Ludwig. Es soll
kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den letzten
Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat dies Alles
auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden Eindruck gemacht.
Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der Seinen und anderer
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Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine Kirchenmaus, hülflos und
gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu helfen, als Etwas von ihm
zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber kommt, daß man für gewiß sagt,
daß die einhundert Millionen Gulden, welche Holland an Frankreich
bezahlen soll, aus den Gütern und Besitzungen des Statthalters und seiner
Anhänger genommen werden sollen; wir müssen daher Gott danken, daß in
des Erbherrn Papieren, welche durchzusehen man nicht ermangelt haben
wird, sich noch keine Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet,
denn dann wäre die Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum
einer deutschen und dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so
lange Doorwerth im Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch
nur scheinbar, bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem
ist noch Sorge getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als
totaliter verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß
sie als ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum
einer Abschätzung unterworfen werden wird.
Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.
Ich! erwiderte Leonardus.
Du? fragte Ludwig mit großen Augen.
Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu
Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr
leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten
Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten
waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth
so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in England
geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame Sache
zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß verköstigt; er
wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von
dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine solche vielleicht
wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst müssen bezeugen, daß
sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt
er sie auch nicht.
Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein
unseliger Fluch! rief Ludwig.
gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu helfen, als Etwas von ihm
zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber kommt, daß man für gewiß sagt,
daß die einhundert Millionen Gulden, welche Holland an Frankreich
bezahlen soll, aus den Gütern und Besitzungen des Statthalters und seiner
Anhänger genommen werden sollen; wir müssen daher Gott danken, daß in
des Erbherrn Papieren, welche durchzusehen man nicht ermangelt haben
wird, sich noch keine Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet,
denn dann wäre die Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum
einer deutschen und dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so
lange Doorwerth im Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch
nur scheinbar, bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem
ist noch Sorge getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als
totaliter verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß
sie als ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum
einer Abschätzung unterworfen werden wird.
Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.
Ich! erwiderte Leonardus.
Du? fragte Ludwig mit großen Augen.
Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu
Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr
leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten
Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten
waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth
so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in England
geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame Sache
zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß verköstigt; er
wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von
dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine solche vielleicht
wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst müssen bezeugen, daß
sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt
er sie auch nicht.
Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein
unseliger Fluch! rief Ludwig.
Page 241
Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß
Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der
beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.
Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit
untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren Eigensinn,
Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen benahm jenes
Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden Kaufmannsfrau. Vor
Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das Vermögen seiner Mutter
gegen das seines Vaters festzustellen, und die Erben in diejenigen Rechte
einzusetzen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen konnten. Als er mit
Ludwig und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden
war, sich gemeinschaftlich über seine Angelegenheiten unterhielt und der
Letztere äußerte: Du wirst doch, lieber Leonardus, nun bei uns bleiben,
wirst dein eigenes Geschäft beginnen und uns die Freude machen, dich in
unserer Verwandtschaft zu behalten und deine alte Mutter pflegen? – da
antwortete Leonardus: Ich werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr
Alle doch in Gottes Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr
bedürft meiner nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der
seinen Mantel theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll
mindestens keiner von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte
bekommt – ich will es machen wie mein Vater, will die nächsten
Verwandten hintansetzen und mir selbst einen Erben suchen, der mein
Mantelkind sein soll. Hier steht er, es ist mein Freund, mein Bruder, mein
Ludovicus.
O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich nicht
beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit
wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du schon für
mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht,
damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen konnte; mir zu
Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!
Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei
Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.
Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus
zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts
Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der
beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.
Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit
untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren Eigensinn,
Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen benahm jenes
Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden Kaufmannsfrau. Vor
Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das Vermögen seiner Mutter
gegen das seines Vaters festzustellen, und die Erben in diejenigen Rechte
einzusetzen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen konnten. Als er mit
Ludwig und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden
war, sich gemeinschaftlich über seine Angelegenheiten unterhielt und der
Letztere äußerte: Du wirst doch, lieber Leonardus, nun bei uns bleiben,
wirst dein eigenes Geschäft beginnen und uns die Freude machen, dich in
unserer Verwandtschaft zu behalten und deine alte Mutter pflegen? – da
antwortete Leonardus: Ich werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr
Alle doch in Gottes Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr
bedürft meiner nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der
seinen Mantel theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll
mindestens keiner von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte
bekommt – ich will es machen wie mein Vater, will die nächsten
Verwandten hintansetzen und mir selbst einen Erben suchen, der mein
Mantelkind sein soll. Hier steht er, es ist mein Freund, mein Bruder, mein
Ludovicus.
O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich nicht
beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit
wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du schon für
mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht,
damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen konnte; mir zu
Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!
Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei
Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.
Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus
zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts
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weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen
Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das
herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und
zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in
diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht,
Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen,
welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu
fertigen?
Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher
Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost des
Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost briet.
Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der
der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr mich gern ins Haus
schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, glaub’ ich euch
gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir erst noch ein und das
andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben
gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn ich denke es noch eine
hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du sollst auch stets Nachricht
von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr schreibe, so denke, daß ich
gestorben bin, und lies dann für meine arme Seele so viele heilige Messen,
als dir für mein unsterbliches Theil heilsam dünkt.
Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er
dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und
Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als
Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren
Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und
Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!
Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten
Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich
darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden Stichelreden
ruhig hin.
Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser mittheilte,
daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn Leonardus hatte sich
gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés vereinigt zu werden; er
Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das
herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und
zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in
diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht,
Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen,
welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu
fertigen?
Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher
Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost des
Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost briet.
Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der
der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr mich gern ins Haus
schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, glaub’ ich euch
gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir erst noch ein und das
andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben
gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn ich denke es noch eine
hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du sollst auch stets Nachricht
von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr schreibe, so denke, daß ich
gestorben bin, und lies dann für meine arme Seele so viele heilige Messen,
als dir für mein unsterbliches Theil heilsam dünkt.
Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er
dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und
Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als
Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren
Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und
Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!
Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten
Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich
darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden Stichelreden
ruhig hin.
Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser mittheilte,
daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn Leonardus hatte sich
gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés vereinigt zu werden; er
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wollte zunächst wieder eintreten in das diplomatische Corps, da er sich
volle Befähigung zu dieser Laufbahn zutraute und er zur Zufriedenheit des
Gesandten gearbeitet hatte; er hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß
ihm der Eintritt offen gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le
Mans reisen und nicht ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte
Ueberzeugung von Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er
diesen, falls er noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot
über nicht geringe Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf
seinen weiten Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom
Glück begünstigt worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr
Adrianus van der Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals
Ludwig glauben zu machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der
treuen Mutter für Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht
blos Großmuth, daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für
den Erbherrn hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft
auf einem der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine
Liebe, sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der
Erbherr sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher
war Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu
beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils anders
verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte, das
war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr Adrianus
so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf weitere
Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu verzichten.
Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris
zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich
Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie
seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes
Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth,
die in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden
konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den
Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen
Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach
England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im erneuten
Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der »vergulden Rose«,
welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem Tode des alten van
volle Befähigung zu dieser Laufbahn zutraute und er zur Zufriedenheit des
Gesandten gearbeitet hatte; er hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß
ihm der Eintritt offen gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le
Mans reisen und nicht ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte
Ueberzeugung von Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er
diesen, falls er noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot
über nicht geringe Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf
seinen weiten Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom
Glück begünstigt worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr
Adrianus van der Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals
Ludwig glauben zu machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der
treuen Mutter für Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht
blos Großmuth, daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für
den Erbherrn hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft
auf einem der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine
Liebe, sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der
Erbherr sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher
war Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu
beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils anders
verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte, das
war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr Adrianus
so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf weitere
Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu verzichten.
Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris
zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich
Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie
seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes
Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth,
die in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden
konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den
Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen
Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach
England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im erneuten
Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der »vergulden Rose«,
welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem Tode des alten van
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der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard Fluit zum
Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich so
unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen ließ,
dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der Sache.
O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei beim
kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch wieder
mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben Strich, den
wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit aller Seefahrerei
äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter einfällt, und dann hab’ ich
Frachten nach England, nicht nach Hamburg, muß nach Plymouth segeln!
Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden
Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours! Möchte
beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann nicht
sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er mit Euch
die Fahrt hinüber macht?
Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien
Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde Rose«
die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich meine
den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller, versteht sich.
Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich,
das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit
dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus steuern
soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in der
wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich ihn
einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.
Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils
was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich, die
Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen. Die
Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das Verderben über ihr
eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der Fall ist, wenn die
Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht eine verstandvolle
geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes lenkt, sondern ein Haufe
entflammter Schreier und selbstsüchtiger Volksmänner dem Volke seine
Beglückungsideen vorschwindelt. Die Franzosen, die Feinde waren es, die
Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich so
unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen ließ,
dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der Sache.
O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei beim
kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch wieder
mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben Strich, den
wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit aller Seefahrerei
äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter einfällt, und dann hab’ ich
Frachten nach England, nicht nach Hamburg, muß nach Plymouth segeln!
Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden
Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours! Möchte
beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann nicht
sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er mit Euch
die Fahrt hinüber macht?
Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien
Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde Rose«
die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich meine
den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller, versteht sich.
Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich,
das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit
dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus steuern
soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in der
wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich ihn
einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.
Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils
was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich, die
Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen. Die
Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das Verderben über ihr
eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der Fall ist, wenn die
Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht eine verstandvolle
geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes lenkt, sondern ein Haufe
entflammter Schreier und selbstsüchtiger Volksmänner dem Volke seine
Beglückungsideen vorschwindelt. Die Franzosen, die Feinde waren es, die
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der niederländischen Patriotenbrutalität selbst Schranken setzen mußten; die
Mannszucht der Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland
damals achtungswerth – Windt empfand dies im vollen Maße und sprach
sich darüber in seinen Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter
Unumwundenheit aus. Holland kam fast ganz um seine einst mit so großen
Opfern erkaufte Freiheit, es wurde wenig mehr, als eine französische
Provinz; es mußte den Schiffen Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen
gestatten, mußte 100 Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so
lange der Krieg dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung
verköstigen und kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient,
daß, wenn 25,000 Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne
Frankreich zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten,
die abermals gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf
diese Weise gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken
außerordentlich zu Gute kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht
minder hob sich der Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen
Volke und seinen politischen Gauklern das Spielwerk eigener
Constitutionen und unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die
ansteckende Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch
gegen die bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und
Silber und gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte
seinen blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die
Waffen, hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor
Holland den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung
und in Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische
Flotte; Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die
Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert
gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf
Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück,
welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und
Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem
Vaterlande bereitet hatten. –
Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr
beschenkt, und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen
Armen weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du
Mannszucht der Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland
damals achtungswerth – Windt empfand dies im vollen Maße und sprach
sich darüber in seinen Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter
Unumwundenheit aus. Holland kam fast ganz um seine einst mit so großen
Opfern erkaufte Freiheit, es wurde wenig mehr, als eine französische
Provinz; es mußte den Schiffen Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen
gestatten, mußte 100 Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so
lange der Krieg dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung
verköstigen und kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient,
daß, wenn 25,000 Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne
Frankreich zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten,
die abermals gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf
diese Weise gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken
außerordentlich zu Gute kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht
minder hob sich der Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen
Volke und seinen politischen Gauklern das Spielwerk eigener
Constitutionen und unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die
ansteckende Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch
gegen die bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und
Silber und gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte
seinen blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die
Waffen, hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor
Holland den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung
und in Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische
Flotte; Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die
Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert
gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf
Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück,
welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und
Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem
Vaterlande bereitet hatten. –
Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr
beschenkt, und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen
Armen weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du
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scheidest! O vergiß mich nicht, mein einziger Sohn, vergiß nicht deine alte
Mutter!
Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn
ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder Ihr
ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde, ich
muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von selbst
in den Schooß fällt.
Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber um
Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht ertrüge ich
nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.
Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte
Leonardus ihr zu.
Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna
van der Valck.
Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte
Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner
Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth und
Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten Seelen
des Menschengeschlechts hinanreichte. –
Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen,
die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst
nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und
dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit
lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er trat
in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands; er sah
sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es ihm fast
die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry Cavendish als
Vetter begrüßen, der später eine Königin von Großbritannien durch die
Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu verlassen und auf lange
Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; der zur Herrschaft eines
General-Gouverneurs von Indien sich emporschwang und von den
Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang, auf das Verbrennen ihrer
Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen stolzen Herzog William
Mutter!
Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn
ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder Ihr
ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde, ich
muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von selbst
in den Schooß fällt.
Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber um
Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht ertrüge ich
nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.
Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte
Leonardus ihr zu.
Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna
van der Valck.
Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte
Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner
Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth und
Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten Seelen
des Menschengeschlechts hinanreichte. –
Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen,
die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst
nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und
dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit
lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er trat
in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands; er sah
sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es ihm fast
die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry Cavendish als
Vetter begrüßen, der später eine Königin von Großbritannien durch die
Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu verlassen und auf lange
Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; der zur Herrschaft eines
General-Gouverneurs von Indien sich emporschwang und von den
Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang, auf das Verbrennen ihrer
Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen stolzen Herzog William
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Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der Opposition, wurde
Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen Unterhaltungen mit diesem
geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr Politik und mehr Einblick
in das höhere Staatsleben und die höhere Staatenlenkung, als mancher sehr
achtungswerthe Staatsmann durch sein ganzes Leben in seinen Kopf
zusammen zu bringen vermag. Entschiedener Gegner Pitts und Freund von
dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt der Herzog gegen Niemand
mit seiner politischen Ansicht zurück, und seine Gemahlin, die herrliche,
reizvolle Prachtgestalt, die Alles um sich fesselte, theilte die Gesinnung
ihres Gemahls und gab Proben ihrer eigenen thätig eingreifenden
Begeisterung für die Erreichung politischer Zwecke, welche die Welt in
Staunen setzten. Sie war es, diese allbewunderte Georgine, die einen Bund
gleichgesinnter Freundinnen gründete, der persönlich in die Wahlen sich
einmischte, als es galt, Charles James Fox die Stimme des Volkes für die
Stelle eines Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war
es, die auf offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine
Stimme für Fox zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend,
gebeten – ihm einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.
Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit der
zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war für den
jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte mußten
ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie ergründeten, was
dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein ernster Beruf und ein
entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn verstand. Und dies Herz fand
Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist den seinigen emporflügelte, die
ihm den Blick schärfte für die Geschicke der Länder, für den Gang der
Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen Flug der Gedanken zu fliegen und
zu lernen, daß doch so Vieles nichtig und unwesentlich, was Viele für so
groß und wichtig halten, wobei sie meist mit dem eigenen unbedeutenden
Ich beginnen.
Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der
holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so
sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war eben
mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es war jener
wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie das
Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines Rosengartens.
Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen Unterhaltungen mit diesem
geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr Politik und mehr Einblick
in das höhere Staatsleben und die höhere Staatenlenkung, als mancher sehr
achtungswerthe Staatsmann durch sein ganzes Leben in seinen Kopf
zusammen zu bringen vermag. Entschiedener Gegner Pitts und Freund von
dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt der Herzog gegen Niemand
mit seiner politischen Ansicht zurück, und seine Gemahlin, die herrliche,
reizvolle Prachtgestalt, die Alles um sich fesselte, theilte die Gesinnung
ihres Gemahls und gab Proben ihrer eigenen thätig eingreifenden
Begeisterung für die Erreichung politischer Zwecke, welche die Welt in
Staunen setzten. Sie war es, diese allbewunderte Georgine, die einen Bund
gleichgesinnter Freundinnen gründete, der persönlich in die Wahlen sich
einmischte, als es galt, Charles James Fox die Stimme des Volkes für die
Stelle eines Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war
es, die auf offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine
Stimme für Fox zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend,
gebeten – ihm einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.
Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit der
zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war für den
jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte mußten
ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie ergründeten, was
dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein ernster Beruf und ein
entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn verstand. Und dies Herz fand
Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist den seinigen emporflügelte, die
ihm den Blick schärfte für die Geschicke der Länder, für den Gang der
Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen Flug der Gedanken zu fliegen und
zu lernen, daß doch so Vieles nichtig und unwesentlich, was Viele für so
groß und wichtig halten, wobei sie meist mit dem eigenen unbedeutenden
Ich beginnen.
Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der
holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so
sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war eben
mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es war jener
wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie das
Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines Rosengartens.
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Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein höheres
Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit zartem Gefühl
ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder half sie ihm wählen,
deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen half, sie wandelte mit
ihm durch die Labyrinthe der speculativen Philosophie, sie berichtigte seine
Ansichten, verwarf oder bestärkte seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für
Unabhängigkeit, und wie der denkende Mensch nur durch strenge und
unausgesetzte Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung letztere sich
gewinnen könne. Georgine erzog Ludwig zum zweitenmale, und zwar
besser und in ungleich kürzerer Zeit, als die Großmutter diesen erzogen
hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit mit stillem Ernst paarend,
verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen Trübsinn, war auf
Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher praktisch-nützlichen
Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und erzählte ihm von der Pracht
der Schlösser, Parke und Berge der Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit
Sehnsucht erwartet, um dann durch die grünen Gefilde hinzuziehen zur
Lust, zur Jagd, zum Besuch der Schlösser mit der Fülle von tausend
Annehmlichkeiten und aufgehäuften Schätzen der Literatur und Kunst.
Wohin Ludwig nur immer seine Blicke wenden mochte, gab es Neues zu
beschauen, zu bewundern und zu lernen, und Albions milde Natur, früh
erwachend trotz des strengen Winters, unter dessen Härte andere Länder zu
klagen und zu leiden hatten, athmete reinen Hauch der Genesung, und in
mancher ländlichen Abgeschiedenheit meilenweiter Parke bot sich in
lieblichen Cottagen die süße Beschränkung eines idyllischen Friedens.
Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil es so in seinem Wesen, in
seiner Jugendbildung und in seiner Gemüthsrichtung lag; er war auf die
Dauer nicht für die Politik zu gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd,
noch viel weniger für Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit
Lächeln hörte er es an, als die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb
ausschalt und zu ihm sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher
Träumer!
Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes,
aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der
Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter gekannt,
nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine Lippen berührt
und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim Abschiede, ich
Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit zartem Gefühl
ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder half sie ihm wählen,
deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen half, sie wandelte mit
ihm durch die Labyrinthe der speculativen Philosophie, sie berichtigte seine
Ansichten, verwarf oder bestärkte seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für
Unabhängigkeit, und wie der denkende Mensch nur durch strenge und
unausgesetzte Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung letztere sich
gewinnen könne. Georgine erzog Ludwig zum zweitenmale, und zwar
besser und in ungleich kürzerer Zeit, als die Großmutter diesen erzogen
hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit mit stillem Ernst paarend,
verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen Trübsinn, war auf
Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher praktisch-nützlichen
Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und erzählte ihm von der Pracht
der Schlösser, Parke und Berge der Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit
Sehnsucht erwartet, um dann durch die grünen Gefilde hinzuziehen zur
Lust, zur Jagd, zum Besuch der Schlösser mit der Fülle von tausend
Annehmlichkeiten und aufgehäuften Schätzen der Literatur und Kunst.
Wohin Ludwig nur immer seine Blicke wenden mochte, gab es Neues zu
beschauen, zu bewundern und zu lernen, und Albions milde Natur, früh
erwachend trotz des strengen Winters, unter dessen Härte andere Länder zu
klagen und zu leiden hatten, athmete reinen Hauch der Genesung, und in
mancher ländlichen Abgeschiedenheit meilenweiter Parke bot sich in
lieblichen Cottagen die süße Beschränkung eines idyllischen Friedens.
Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil es so in seinem Wesen, in
seiner Jugendbildung und in seiner Gemüthsrichtung lag; er war auf die
Dauer nicht für die Politik zu gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd,
noch viel weniger für Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit
Lächeln hörte er es an, als die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb
ausschalt und zu ihm sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher
Träumer!
Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes,
aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der
Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter gekannt,
nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine Lippen berührt
und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim Abschiede, ich
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solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn mein Gehorsam so
blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in Frankreich und nicht in England
meine deutsche Natur zu verläugnen vermag? Daß ich nie ein Holländer,
nie ein Franzose und nie ein Brite werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn
mein Wunsch, meine Forderungen an das Leben nur bescheiden sind, wenn
ich höheren Zielen nachzustreben kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld
mit mir, der nur zu tief empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich
wie ich bin, oder heißen Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem
schönen Asyle, das in Ihrer Nähe sich mir aufgethan!
Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor
Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die hochstehende,
vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die
achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und
aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm zum
Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht der
weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer
unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu
ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele
verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.
Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit
aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der
Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde das
unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr zu
halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und zärtlichen
Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand so scheu, mit
so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte nicht, wie ihm
geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine Stirne küßte und mit
bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du klagst, daß nie ein
Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und geheiligt habe! Nun denn
so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! Ich bin deine Mutter!
7. Eine Rückkehr.
blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in Frankreich und nicht in England
meine deutsche Natur zu verläugnen vermag? Daß ich nie ein Holländer,
nie ein Franzose und nie ein Brite werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn
mein Wunsch, meine Forderungen an das Leben nur bescheiden sind, wenn
ich höheren Zielen nachzustreben kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld
mit mir, der nur zu tief empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich
wie ich bin, oder heißen Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem
schönen Asyle, das in Ihrer Nähe sich mir aufgethan!
Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor
Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die hochstehende,
vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die
achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und
aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm zum
Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht der
weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer
unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu
ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele
verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.
Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit
aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der
Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde das
unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr zu
halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und zärtlichen
Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand so scheu, mit
so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte nicht, wie ihm
geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine Stirne küßte und mit
bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du klagst, daß nie ein
Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und geheiligt habe! Nun denn
so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! Ich bin deine Mutter!
7. Eine Rückkehr.
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Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und
Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden.
Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth
gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr eine
bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner nicht
nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren Urlaub.
Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als
Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm
befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald
begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben
jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und
beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn
auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten
angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach der
Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den Fremden
zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse der
jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr, man hat
nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen Tausende
niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie Berthelmy
lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie suchen, soll
geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf räthselhafte
Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er nicht gehabt. Daß er
mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er blieb, ist nicht verbürgt.
Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben
lassen? fragte Leonardus.
Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig
fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst
wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu
nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn dennoch
unsere Zeitungen schwerlich erreichen.
Könnte er nicht für todt erklärt werden?
Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit
viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles?
Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden.
Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth
gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr eine
bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner nicht
nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren Urlaub.
Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als
Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm
befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald
begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben
jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und
beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn
auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten
angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach der
Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den Fremden
zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse der
jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr, man hat
nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen Tausende
niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie Berthelmy
lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie suchen, soll
geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf räthselhafte
Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er nicht gehabt. Daß er
mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er blieb, ist nicht verbürgt.
Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben
lassen? fragte Leonardus.
Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig
fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst
wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu
nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn dennoch
unsere Zeitungen schwerlich erreichen.
Könnte er nicht für todt erklärt werden?
Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit
viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles?
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Ich bin ein Verwandter von Berthelmy’s vormaliger Frau; sie hat
Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als bis
sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.
Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine
schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe hegt.
Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres General
Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und
demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des
Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir
haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin
Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu
freien, wann und wen sie will.
Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.
Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe
Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile, aber
unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise beglücken, wie
die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist, Bürger, so suche so
schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn die höllischen
Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu ihnen gehört, er
trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer Gesandtschaft an, oder
nicht. Diese Colonnen sind selbst eine Gesandtschaft – die des Todes.
Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In
tausend Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten,
gräuelvollsten Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben
bedrohten, hatte er sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens!
Was nun weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht
konnte er vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung
in einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an
geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten über
Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch nichts
hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen Vendéerheeres
spurlos verschwunden war?
Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem
und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen
Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als bis
sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.
Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine
schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe hegt.
Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres General
Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und
demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des
Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir
haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin
Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu
freien, wann und wen sie will.
Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.
Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe
Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile, aber
unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise beglücken, wie
die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist, Bürger, so suche so
schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn die höllischen
Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu ihnen gehört, er
trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer Gesandtschaft an, oder
nicht. Diese Colonnen sind selbst eine Gesandtschaft – die des Todes.
Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In
tausend Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten,
gräuelvollsten Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben
bedrohten, hatte er sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens!
Was nun weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht
konnte er vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung
in einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an
geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten über
Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch nichts
hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen Vendéerheeres
spurlos verschwunden war?
Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem
und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen
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sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wünschte
jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten, mit
Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und
Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm
entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er Paris
wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles erschien ihm
schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer lichten
Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner Sehnsucht,
unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held statt der Göttin
umarmte. –
Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er
ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie erfuhr auf
diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und sie oft
unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr Mann
jedoch keine Zeit fand.
Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt
zu seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin
geworden bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein,
mein Wippermann.
Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst noch
mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin alle
Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?
Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen,
kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere
gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’ es ihr
geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette geholt und
geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon kam,
wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit aufgezogenen
Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes Geld, meine
mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer Brunnenkur in
Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre stahlen. –
Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das Schönste
genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein haben die
Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was brauch’ ich
jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten, mit
Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und
Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm
entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er Paris
wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles erschien ihm
schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer lichten
Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner Sehnsucht,
unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held statt der Göttin
umarmte. –
Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er
ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie erfuhr auf
diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und sie oft
unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr Mann
jedoch keine Zeit fand.
Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt
zu seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin
geworden bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein,
mein Wippermann.
Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst noch
mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin alle
Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?
Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen,
kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere
gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’ es ihr
geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette geholt und
geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon kam,
wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit aufgezogenen
Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes Geld, meine
mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer Brunnenkur in
Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre stahlen. –
Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das Schönste
genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein haben die
Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was brauch’ ich
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Uhren? Ich armer geschlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es geschlagen
hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war?
O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau
Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du,
so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.
Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten
gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt;
und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch
gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen in
meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich im
Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das
Kastell um französischen Schutz zu betteln.
Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein
Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielgeprüften
Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle Feuerproben der
drangvollsten Erlebnisse bestanden.
Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen
und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist die
alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet werden, wie
es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser Zeit Schlösser am
Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, wie es gekommen
ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin
nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets ein Narr, der einen Rath
gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme
gutmüthige Narr.
Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch
und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes
Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten,
und brachte eine Flasche alten Port à Port daraus zum Vorschein.
Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther
Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie Lehmbrühe.
Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein
zu wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne
hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war?
O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau
Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du,
so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.
Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten
gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt;
und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch
gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen in
meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich im
Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das
Kastell um französischen Schutz zu betteln.
Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein
Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielgeprüften
Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle Feuerproben der
drangvollsten Erlebnisse bestanden.
Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen
und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist die
alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet werden, wie
es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser Zeit Schlösser am
Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, wie es gekommen
ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin
nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets ein Narr, der einen Rath
gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme
gutmüthige Narr.
Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch
und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes
Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten,
und brachte eine Flasche alten Port à Port daraus zum Vorschein.
Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther
Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie Lehmbrühe.
Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein
zu wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne
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deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und
begann zu lesen:
»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach
Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und
daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. Mir ist
von den französischen Generalen und Commandanten mit einer
Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen
meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie
genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die
von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben
französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner,
Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei
ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher
gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten,
während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als ich
Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. Doch
es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch sonst um
Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der hiesigen
Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, brauchen
nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden sie nicht
mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und
bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in
meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine Lage,
die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am
siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden Excellenz aus
den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Bestimmtheit
mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, fröhlich und guten
Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich selbst ihn
aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn
steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die Emigranten es hier
getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem derselben zu. Hätten
diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf
ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht so unglücklich, wie ich
jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten
leiden, wären es nicht.«
begann zu lesen:
»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach
Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und
daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. Mir ist
von den französischen Generalen und Commandanten mit einer
Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen
meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie
genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die
von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben
französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner,
Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei
ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher
gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten,
während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als ich
Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. Doch
es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch sonst um
Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der hiesigen
Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, brauchen
nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden sie nicht
mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und
bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in
meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine Lage,
die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am
siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden Excellenz aus
den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Bestimmtheit
mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, fröhlich und guten
Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich selbst ihn
aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn
steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die Emigranten es hier
getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem derselben zu. Hätten
diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf
ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht so unglücklich, wie ich
jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten
leiden, wären es nicht.«
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Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben
sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß der
Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie
sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und
voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der
sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war,
nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines
eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz schrieb,
ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie liebt und die
sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend ihren »alten
Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz recht, ich sage
immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen
Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine
Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort:
»Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu schreiben:
Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam. Ueber Amsterdam ist
und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum Pettschaft nehmen Sie
nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer Devise, sonst schmeißt die
Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam von Seiten der Municipalität
eine Commission ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen
offen eingeliefert werden müssen, ich schließe daher diesen meinen Brief
an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier gewesenen braven
Holländers Leonardus van der Valck ein und ersuche Excellenz,
Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen zu lassen, auch
wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse dieses Briefes nicht
wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen einer Herrlichkeit,
Seigneurie, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer Excellenz
Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine dänische Gräfin
sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der
französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es gibt für diese keinen
Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutschen
Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! zu sagen pflegt. Sehr lieb
ist mir, daß der Wechsel auf die zwanzigtausend Mark banko honorirt
wurde; im Uebrigen können Excellenz dieser Angelegenheit halber ruhig
sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß der
Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie
sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und
voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der
sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war,
nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines
eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz schrieb,
ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie liebt und die
sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend ihren »alten
Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz recht, ich sage
immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen
Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine
Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort:
»Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu schreiben:
Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam. Ueber Amsterdam ist
und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum Pettschaft nehmen Sie
nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer Devise, sonst schmeißt die
Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam von Seiten der Municipalität
eine Commission ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen
offen eingeliefert werden müssen, ich schließe daher diesen meinen Brief
an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier gewesenen braven
Holländers Leonardus van der Valck ein und ersuche Excellenz,
Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen zu lassen, auch
wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse dieses Briefes nicht
wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen einer Herrlichkeit,
Seigneurie, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer Excellenz
Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine dänische Gräfin
sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der
französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es gibt für diese keinen
Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutschen
Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! zu sagen pflegt. Sehr lieb
ist mir, daß der Wechsel auf die zwanzigtausend Mark banko honorirt
wurde; im Uebrigen können Excellenz dieser Angelegenheit halber ruhig
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schlafen. Sie sind noch zur Zeit durchaus an Nichts gebunden; das Ganze
war ein Werk meines vielleicht übertriebenen Diensteifers, ich machte in
der Stille mit dem Erbherrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn
Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um
Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil Sie dessen bedurften und Sie gleich
mir Emigranten zu verköstigen hatten; fast scheint mir, und die
Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als seien Glauben und
Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber
doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über welche
Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien so vieles Aufklärende geschrieben
hat.«
Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst
es zu arg, du beleidigst!
Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es war
Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir schriftlich
machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen
fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen diese
Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das liegt im
Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und rechnen
und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll Zahlen stehen,
sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht des gesunden
Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist einmal aus den
Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich bewegen
könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer Excellenz
hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke gesetzt, dann
wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, Blut und Leben,
Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz Herrlichkeit, so weit nur
in eines Menschen Kräften steht, zu schützen und zu schirmen. Wer auch
hier war von fremden Offizieren, Engländer, Holländer, Kaiserliche und
jetzt die Republikaner, keiner hat glauben wollen, daß ich nur ein Bedienter
sei, sondern Jeder meinte, daß ich ganz bestimmt der Herr oder Erbe von
Doorwerth selbst sein müsse. Alle Güter rings um die Herrlichkeit sind
totaliter devastirt, Doorwerth allein ist noch im leidlichen Zustand. Der
Strich von der hiesigen Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich;
von Arnhem bis Zuitphen kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen
Alleen sind über Bord, keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt
war ein Werk meines vielleicht übertriebenen Diensteifers, ich machte in
der Stille mit dem Erbherrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn
Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um
Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil Sie dessen bedurften und Sie gleich
mir Emigranten zu verköstigen hatten; fast scheint mir, und die
Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als seien Glauben und
Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber
doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über welche
Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien so vieles Aufklärende geschrieben
hat.«
Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst
es zu arg, du beleidigst!
Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es war
Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir schriftlich
machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen
fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen diese
Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das liegt im
Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und rechnen
und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll Zahlen stehen,
sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht des gesunden
Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist einmal aus den
Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich bewegen
könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer Excellenz
hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke gesetzt, dann
wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, Blut und Leben,
Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz Herrlichkeit, so weit nur
in eines Menschen Kräften steht, zu schützen und zu schirmen. Wer auch
hier war von fremden Offizieren, Engländer, Holländer, Kaiserliche und
jetzt die Republikaner, keiner hat glauben wollen, daß ich nur ein Bedienter
sei, sondern Jeder meinte, daß ich ganz bestimmt der Herr oder Erbe von
Doorwerth selbst sein müsse. Alle Güter rings um die Herrlichkeit sind
totaliter devastirt, Doorwerth allein ist noch im leidlichen Zustand. Der
Strich von der hiesigen Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich;
von Arnhem bis Zuitphen kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen
Alleen sind über Bord, keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt
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steht mehr, die größten und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder
Lazarethe, das Holz der Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder
seit Kurzem fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe
augenblicklich sechs Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen
Husaren. Im Dorfe liegt eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei,
und noch dreizehn Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten
der Herrschaft liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem
Hause. Nachdem ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen
der Alliirten, dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen
Andenkens, dann den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen
zur Nachtzeit hier einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte,
darauf wieder den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee,
welcher die Sambre- und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich
dies Alles vertragen und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer
Wassersnoth, wie sie seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in
Helsum Brücken schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein
Paar Scheuern abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst
hätte sie sich hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns
vollends mit Haut und Haar aufgefressen.«
»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun,
um meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen,
die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit
entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine
durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde
gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen,
denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft
auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht
beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben
bedeutende Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten
wahrhaft treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld
wirft Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich
danken.«
»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum
aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze
Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General
Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar
Lazarethe, das Holz der Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder
seit Kurzem fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe
augenblicklich sechs Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen
Husaren. Im Dorfe liegt eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei,
und noch dreizehn Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten
der Herrschaft liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem
Hause. Nachdem ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen
der Alliirten, dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen
Andenkens, dann den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen
zur Nachtzeit hier einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte,
darauf wieder den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee,
welcher die Sambre- und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich
dies Alles vertragen und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer
Wassersnoth, wie sie seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in
Helsum Brücken schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein
Paar Scheuern abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst
hätte sie sich hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns
vollends mit Haut und Haar aufgefressen.«
»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun,
um meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen,
die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit
entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine
durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde
gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen,
denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft
auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht
beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben
bedeutende Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten
wahrhaft treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld
wirft Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich
danken.«
»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum
aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze
Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General
Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar
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angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten
bestimmt. Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum,
Deventer, und ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und
überall sind Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur
Zeit noch unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen
Bäume, die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu
Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso
vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel.
Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser hiesiges
Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine Schwester
soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, schreiben, ihn
von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal Nachricht von
seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen entschuldigen
Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich wieder Zeit finde,
weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich her von Fremden
wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«
Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die
wackere Hausfrau.
Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die alte
Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.
Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen
Gestalt durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er
sich, indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den
Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter,
welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs
empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke
hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das
sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.
Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer schärfer
hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich das deuten?
Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger Rauchfleisch,
westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor Allem koche eine
Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner Verwunderung
und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt voll Hast aus
bestimmt. Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum,
Deventer, und ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und
überall sind Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur
Zeit noch unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen
Bäume, die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu
Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso
vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel.
Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser hiesiges
Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine Schwester
soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, schreiben, ihn
von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal Nachricht von
seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen entschuldigen
Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich wieder Zeit finde,
weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich her von Fremden
wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«
Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die
wackere Hausfrau.
Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die alte
Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.
Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen
Gestalt durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er
sich, indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den
Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter,
welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs
empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke
hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das
sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.
Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer schärfer
hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich das deuten?
Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger Rauchfleisch,
westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor Allem koche eine
Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner Verwunderung
und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt voll Hast aus
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dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen hinab, und
schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben eingelassenen Reiter
entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, abstieg und in Windts Arme
sank.
Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck?
Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher
Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange
und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der
meinen gleicht, so ist es mein Geist.
Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt
erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie
herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich
erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß Sie
es seien, der da geritten kam.
Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der
Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und als
ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau begrüßte,
saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf einem
Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob die
Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner jüngsten
Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.
In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes
Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler
ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in steter
Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange keine
Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben, dankerfüllt, und
ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem Kinde glücklich das
Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie sie schrieb, im
angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte Windt herzliche
Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren Aufenthaltsort nicht genannt,
»größerer Sicherheit halber«, schrieb sie, »da dieser Ort als Asyl nicht mein
Geheimniß allein ist, da politische Rücksichten dazu nöthigen, den
Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu verbergen.« Wer an sie schreiben
schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben eingelassenen Reiter
entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, abstieg und in Windts Arme
sank.
Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck?
Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher
Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange
und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der
meinen gleicht, so ist es mein Geist.
Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt
erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie
herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich
erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß Sie
es seien, der da geritten kam.
Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der
Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und als
ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau begrüßte,
saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf einem
Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob die
Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner jüngsten
Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.
In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes
Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler
ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in steter
Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange keine
Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben, dankerfüllt, und
ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem Kinde glücklich das
Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie sie schrieb, im
angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte Windt herzliche
Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren Aufenthaltsort nicht genannt,
»größerer Sicherheit halber«, schrieb sie, »da dieser Ort als Asyl nicht mein
Geheimniß allein ist, da politische Rücksichten dazu nöthigen, den
Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu verbergen.« Wer an sie schreiben
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wolle, möge die Firma ihres älterlichen Hauses benutzen und in diese
Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun Leonardus wieder gekommen und
konnte aus erster Hand die soeben anlangenden Briefe empfangen.
Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen
Friedens ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben
Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein ganzes
Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war nichts als
eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat mich mit
raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.
Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines Wesens.
Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden
wollen, sprach Leonardus.
Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses
Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.
Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager,
schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.
Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm
Frau Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb
ist, werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt
sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht, es ist
seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch nicht
anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses
Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern
Hause und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der
Kanonaden nicht wieder.
Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet,
und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu erholen.
O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich erlebte! Jetzt
kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert mich allzusehr. Lassen
Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe, seine Freundschaft wird ein
Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich mein Herz nach Nachricht von
ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an meiner Seite gewesen und
vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser geworden.
Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun Leonardus wieder gekommen und
konnte aus erster Hand die soeben anlangenden Briefe empfangen.
Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen
Friedens ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben
Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein ganzes
Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war nichts als
eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat mich mit
raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.
Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines Wesens.
Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden
wollen, sprach Leonardus.
Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses
Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.
Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager,
schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.
Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm
Frau Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb
ist, werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt
sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht, es ist
seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch nicht
anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses
Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern
Hause und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der
Kanonaden nicht wieder.
Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet,
und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu erholen.
O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich erlebte! Jetzt
kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert mich allzusehr. Lassen
Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe, seine Freundschaft wird ein
Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich mein Herz nach Nachricht von
ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an meiner Seite gewesen und
vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser geworden.
Page 261
Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das
Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle
Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den Geschäften
sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie unser junger
Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen Brief an Graf
Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, wenn ich über
ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen kann. Du, liebe
Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. –
Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin
zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in
demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt.
Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell
gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die Maas
hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht; ohne
Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an einzelnen
Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das mehr und
mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende Stunde drohte
sie noch größer zu machen.
Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth.
Schon war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden,
welche Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier
hatten sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft,
deren schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit
der Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in
Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen
Gärten und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der
Geschmack und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten
Menschen hier schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen,
seine liebe, treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich
naturgemäß entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen
Wunderblume, welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen.
Ach, das waren schöne Träume gewesen!
Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen
worden von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne
Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das
Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle
Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den Geschäften
sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie unser junger
Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen Brief an Graf
Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, wenn ich über
ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen kann. Du, liebe
Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. –
Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin
zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in
demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt.
Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell
gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die Maas
hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht; ohne
Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an einzelnen
Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das mehr und
mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende Stunde drohte
sie noch größer zu machen.
Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth.
Schon war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden,
welche Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier
hatten sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft,
deren schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit
der Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in
Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen
Gärten und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der
Geschmack und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten
Menschen hier schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen,
seine liebe, treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich
naturgemäß entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen
Wunderblume, welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen.
Ach, das waren schöne Träume gewesen!
Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen
worden von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne
Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das
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Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes
bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war
vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage
und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind
erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit
seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend
überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen
Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete
erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor
vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie
keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.
Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam
habe ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche
Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen
Papiere anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein
Inneres voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb
mit diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben
sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder
umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von
Plymouth an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut
unterzubringen und für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich
reiste tiefer in das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur
geschmückt, Park an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute
Aufnahme, fand geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise
gezogen, und fand endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie
gekannten Gefühlen erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden
mich vergessen machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde,
selbst meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur
mit leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare
Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«
Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird
er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken,
nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen
pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!
bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war
vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage
und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind
erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit
seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend
überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen
Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete
erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor
vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie
keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.
Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam
habe ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche
Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen
Papiere anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein
Inneres voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb
mit diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben
sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder
umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von
Plymouth an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut
unterzubringen und für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich
reiste tiefer in das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur
geschmückt, Park an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute
Aufnahme, fand geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise
gezogen, und fand endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie
gekannten Gefühlen erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden
mich vergessen machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde,
selbst meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur
mit leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare
Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«
Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird
er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken,
nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen
pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!
Page 263
»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich
nicht länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten
Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer
wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«
Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes
bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir ein
Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so sehr sie
gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht zuträglich, und
was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer Sinn, als der meine,
dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken Organismus
wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir nirgends
wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich immer noch,
trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen, die mir in
England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu Theil wurden.
Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das an, einem
deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt, welcher ein
berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt Jena ist.
Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen sächsischen Städten
und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren dort ihre Länder;
gründen, fördern und erhalten Anstalten für Wissenschaften und Künste;
legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen an und vergönnen deren
belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke; während, was hier die
Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben wird und ärger gehütet,
als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es mir sehr angenehm, einmal
in dieses Herzland des heiligen römischen Reiches zu reisen, ein Reich, von
dem wir keine rechte Idee haben. Hoffentlich wird mir dort wieder wohl,
und vielleicht finde ich den inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des
Glückes, noch mangelt. Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen
und Streben der Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt
und unangenehm berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich
ersehne, mein Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die
Großmutter mir beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit
wunderköstliche Stunden gewährt.«
nicht länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten
Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer
wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«
Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes
bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir ein
Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so sehr sie
gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht zuträglich, und
was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer Sinn, als der meine,
dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken Organismus
wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir nirgends
wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich immer noch,
trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen, die mir in
England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu Theil wurden.
Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das an, einem
deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt, welcher ein
berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt Jena ist.
Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen sächsischen Städten
und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren dort ihre Länder;
gründen, fördern und erhalten Anstalten für Wissenschaften und Künste;
legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen an und vergönnen deren
belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke; während, was hier die
Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben wird und ärger gehütet,
als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es mir sehr angenehm, einmal
in dieses Herzland des heiligen römischen Reiches zu reisen, ein Reich, von
dem wir keine rechte Idee haben. Hoffentlich wird mir dort wieder wohl,
und vielleicht finde ich den inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des
Glückes, noch mangelt. Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen
und Streben der Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt
und unangenehm berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich
ersehne, mein Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die
Großmutter mir beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit
wunderköstliche Stunden gewährt.«
Page 264
8. Die Gabe der Mutter.
Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser
theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in
Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die der
Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf
schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu
finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde mit
Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir so
recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu danken. Den
geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs von
Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich; er
ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus, ich werde
einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue. Möchte ich
doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines Vetters, des
Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie Alt-Englands schätzt
meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner treuen Anhänglichkeit an
den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden Prinzen, und ich freue
mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich ihn nur frei und in besseren
Verhältnissen; seine Lage macht mir schweren Kummer. Unser Windt wird
wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt lebt, und wie sie sich befindet.
Mein Gedanke sucht sie bei der Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat
das Geschick ihres Gemahls für sie einen anderen Wohnort zur Folge
gehabt. Noch werden die Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich
möchte wieder einmal dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach –
wo möchte ich nicht alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das
Schrankenlose hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes
Verweilen an einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als
das Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur
Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und
gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.«
Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser
theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in
Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die der
Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf
schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu
finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde mit
Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir so
recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu danken. Den
geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs von
Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich; er
ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus, ich werde
einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue. Möchte ich
doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines Vetters, des
Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie Alt-Englands schätzt
meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner treuen Anhänglichkeit an
den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden Prinzen, und ich freue
mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich ihn nur frei und in besseren
Verhältnissen; seine Lage macht mir schweren Kummer. Unser Windt wird
wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt lebt, und wie sie sich befindet.
Mein Gedanke sucht sie bei der Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat
das Geschick ihres Gemahls für sie einen anderen Wohnort zur Folge
gehabt. Noch werden die Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich
möchte wieder einmal dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach –
wo möchte ich nicht alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das
Schrankenlose hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes
Verweilen an einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als
das Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur
Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und
gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.«
Page 265
»Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke
macht, daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu
sein, und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten
herbeiführen ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu
rauben. Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich
bereits meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene
Frau, wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung
meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst
häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen.
Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche,
überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges Geräusch,
wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle, die Klänge
der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die Ueberreiztheit,
die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften Empfindlichkeit steigert, sich
ja wieder heben lassen, und ihr, meine Freunde, werdet Geduld mit dem
Halbkranken haben.«
»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben,
darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den
übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und
Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne
ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt
zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren
geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England
ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und unerschütterlich
beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England Kriege führt, da geht
stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die Theurung ist fühlbar,
freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise für alle Bedürfnisse nicht
gewöhnten Ausländer, als für den Inländer, der es nicht anders weiß, und
dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im geeigneten Verhältniß stehen.
Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem Ausländer, zumal dem
Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit hoher Achtung vor
seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner Betriebsamkeit. Die
Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem riesenhaften
Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit der Idee, auch
Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder, blos durch Dampf
getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles übertreffen und das
macht, daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu
sein, und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten
herbeiführen ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu
rauben. Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich
bereits meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene
Frau, wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung
meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst
häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen.
Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche,
überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges Geräusch,
wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle, die Klänge
der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die Ueberreiztheit,
die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften Empfindlichkeit steigert, sich
ja wieder heben lassen, und ihr, meine Freunde, werdet Geduld mit dem
Halbkranken haben.«
»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben,
darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den
übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und
Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne
ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt
zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren
geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England
ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und unerschütterlich
beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England Kriege führt, da geht
stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die Theurung ist fühlbar,
freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise für alle Bedürfnisse nicht
gewöhnten Ausländer, als für den Inländer, der es nicht anders weiß, und
dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im geeigneten Verhältniß stehen.
Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem Ausländer, zumal dem
Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit hoher Achtung vor
seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner Betriebsamkeit. Die
Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem riesenhaften
Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit der Idee, auch
Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder, blos durch Dampf
getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles übertreffen und das
Page 266
Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so schnell nicht gehen, die
Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber kann wissen, wohin der
Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist der Erfindung trägt?«
»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten
Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« –
Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit
einem Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach
Paris gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort
aus nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was
ist Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche
Ludwig’s zu entsprechen?
Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr und
Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an, Sie sind
kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein malade imaginaire.
Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle sein! Beim Kreuz! da
würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln gleich vergehen! Bin auch
krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber die Unruhe bei Tag und
Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der junge Herr nicht tüchtige
Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das Leben ertragen will. Gottes
Gnade hat mir im letzten Winter eine Gesundheit verliehen, für die ich nicht
genug danken kann, nie aber brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch
fange ich an mich unwohl zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch
kalfatert werden – eine Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach
Pyrmont, hat sich was! – Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig
abgepreßt, kann also nicht hin; auch brenne ich danach, das Geschäft
meiner Gebieterin mit ihren Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich
mich nicht ruhig niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen
miteinander nach Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf
Ludwig auch kommen, der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist
nach Muiden gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache;
die Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel,
der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind
Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten
sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam
oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald
Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber kann wissen, wohin der
Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist der Erfindung trägt?«
»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten
Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« –
Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit
einem Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach
Paris gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort
aus nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was
ist Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche
Ludwig’s zu entsprechen?
Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr und
Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an, Sie sind
kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein malade imaginaire.
Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle sein! Beim Kreuz! da
würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln gleich vergehen! Bin auch
krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber die Unruhe bei Tag und
Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der junge Herr nicht tüchtige
Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das Leben ertragen will. Gottes
Gnade hat mir im letzten Winter eine Gesundheit verliehen, für die ich nicht
genug danken kann, nie aber brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch
fange ich an mich unwohl zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch
kalfatert werden – eine Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach
Pyrmont, hat sich was! – Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig
abgepreßt, kann also nicht hin; auch brenne ich danach, das Geschäft
meiner Gebieterin mit ihren Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich
mich nicht ruhig niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen
miteinander nach Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf
Ludwig auch kommen, der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist
nach Muiden gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache;
die Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel,
der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind
Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten
sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam
oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald
Page 267
Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange
noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen
Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so
gut als ich mit den Franzosen zurecht.
Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein
Kurort? fragte Leonardus.
Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser
Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle
Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund,
Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt,
deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob
Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben
könnten!
Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie ihn
gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte, gegen die
Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er Einen von ihnen
oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung wider alles
Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.
Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine
fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die
Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie
konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten, sie
mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr
Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte
verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal
weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen.
Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine
Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der
schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer
geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals ganz
abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war meine
heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß, ihr
lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen; wohl
noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen
Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so
gut als ich mit den Franzosen zurecht.
Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein
Kurort? fragte Leonardus.
Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser
Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle
Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund,
Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt,
deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob
Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben
könnten!
Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie ihn
gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte, gegen die
Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er Einen von ihnen
oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung wider alles
Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.
Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine
fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die
Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie
konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten, sie
mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr
Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte
verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal
weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen.
Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine
Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der
schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer
geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals ganz
abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war meine
heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß, ihr
lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen; wohl
Page 268
möchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann und
darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres
Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten
offen Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren
möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von
Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er
würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen dir
kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein theurer
Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William noch
näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des Kaufes von
Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die Halmen
seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu schleudern, die
den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten können; übernimm
nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere gegenüber deinem
redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um das Seine bringt, damit
nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was die Großmutter noch für
dich thun kann, wird sie thun, ich aber bezweifle, daß es Viel sein wird, sie
hat schon gar zu viele Schenkungen gemacht, welche ihre dereinstige
Hinterlassenschaft bedeutend schmälern und wegen deren es an
langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich über ihrem Grabe so
endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe der Herbstspinnen
auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht glücklich zu machen, sie
dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen Renten zu. Die gute
Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen, sträubte sie sich doch
mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben, wie sie schon da war, sonst
hätte sie wohl früher einsehen lernen können, daß jenes ganze große Kapital
sammt allen Zinsen unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß
mein Sohn, der Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher
Schmerzen, leer und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe
gethan, was ich thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein
Ludwig, dieses Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn
ich darf mit Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist
mein Freund, seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den
Vornamen deiner Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt
dich in die Baronetage von England und ertheilt dir historisch den
Ritterschlag mit dem Zurufe: »Rise Sir!« Stehe auf, Herr! – Diese
Documente bestätigen dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag
darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres
Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten
offen Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren
möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von
Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er
würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen dir
kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein theurer
Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William noch
näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des Kaufes von
Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die Halmen
seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu schleudern, die
den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten können; übernimm
nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere gegenüber deinem
redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um das Seine bringt, damit
nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was die Großmutter noch für
dich thun kann, wird sie thun, ich aber bezweifle, daß es Viel sein wird, sie
hat schon gar zu viele Schenkungen gemacht, welche ihre dereinstige
Hinterlassenschaft bedeutend schmälern und wegen deren es an
langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich über ihrem Grabe so
endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe der Herbstspinnen
auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht glücklich zu machen, sie
dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen Renten zu. Die gute
Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen, sträubte sie sich doch
mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben, wie sie schon da war, sonst
hätte sie wohl früher einsehen lernen können, daß jenes ganze große Kapital
sammt allen Zinsen unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß
mein Sohn, der Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher
Schmerzen, leer und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe
gethan, was ich thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein
Ludwig, dieses Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn
ich darf mit Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist
mein Freund, seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den
Vornamen deiner Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt
dich in die Baronetage von England und ertheilt dir historisch den
Ritterschlag mit dem Zurufe: »Rise Sir!« Stehe auf, Herr! – Diese
Documente bestätigen dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag
Page 269
deine Zukunft sichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß
diese Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen
des edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und
geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben,
so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch
weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt von
jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es steht dir
ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden. Das Weib
deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus hohem, sei sie
aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu adeln, du wirst es sein,
der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger Familie ist. Frauen bedürfen in
Albion keiner namhaften Ahnen, weil – fügte Georgine lächelnd hinzu: der
Stammbaum einer jeden in den Himmel hineinreicht.
Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und
Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel
offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich
mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt.
O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete
Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend.
Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich
glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an
deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger selbsterwählter
Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo ich Mutter sein
darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung ahnet, wer
eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine Zeitlang bei dir weilt.
Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche
Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von Schmerz
fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit kräftigen Armen und
rief: Rise, Sir! E r h e b e d i c h , M a n n ! umschlang ihn noch einmal mit
aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch einmal und noch einmal,
dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. –
Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne
Tage, und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über
diese Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen
des edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und
geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben,
so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch
weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt von
jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es steht dir
ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden. Das Weib
deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus hohem, sei sie
aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu adeln, du wirst es sein,
der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger Familie ist. Frauen bedürfen in
Albion keiner namhaften Ahnen, weil – fügte Georgine lächelnd hinzu: der
Stammbaum einer jeden in den Himmel hineinreicht.
Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und
Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel
offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich
mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt.
O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete
Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend.
Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich
glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an
deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger selbsterwählter
Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo ich Mutter sein
darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung ahnet, wer
eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine Zeitlang bei dir weilt.
Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche
Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von Schmerz
fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit kräftigen Armen und
rief: Rise, Sir! E r h e b e d i c h , M a n n ! umschlang ihn noch einmal mit
aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch einmal und noch einmal,
dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. –
Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne
Tage, und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über
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Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer
keine dauernde war.
Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von
der braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten
wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.
Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht,
als die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des
schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der
wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den
herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die
niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des
Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte –
lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er denn
dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und der
Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel zu
setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des Krieges
sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen sterben wie
die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen wir
täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn es
nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre!
In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft
angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des
Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus
zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam
ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit
der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und
fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder
Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever?
Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder
ob er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um,
da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in
Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der
Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten Sammt-
Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so ächt
keine dauernde war.
Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von
der braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten
wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.
Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht,
als die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des
schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der
wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den
herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die
niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des
Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte –
lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er denn
dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und der
Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel zu
setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des Krieges
sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen sterben wie
die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen wir
täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn es
nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre!
In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft
angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des
Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus
zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam
ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit
der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und
fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder
Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever?
Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder
ob er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um,
da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in
Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der
Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten Sammt-
Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so ächt
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confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann, und
knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich herauswitterte,
grimmig an.
Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt:
ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.
O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden
sein hier, ich nicht werden sein hier, il est emigrée – sie sind gegangen fort.
Ich aben die Err su sein un Vivantier, si voulez vous de vin, ou si voulez vous
des liqueures. Von die slecht emigrées weißen ik nix.«
Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des
Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher
eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll
französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.
Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus
seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den
Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen
verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die
Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und suchte
die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen. Windt
besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der vormaligen
Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er zum
Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen vier
Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn
gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts
wisse.
Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal
der tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man
fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über die
Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so, daß
die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die
politischen Kannegießer sie prophezeiten.
Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte die
Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!
knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich herauswitterte,
grimmig an.
Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt:
ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.
O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden
sein hier, ich nicht werden sein hier, il est emigrée – sie sind gegangen fort.
Ich aben die Err su sein un Vivantier, si voulez vous de vin, ou si voulez vous
des liqueures. Von die slecht emigrées weißen ik nix.«
Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des
Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher
eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll
französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.
Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus
seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den
Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen
verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die
Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und suchte
die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen. Windt
besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der vormaligen
Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er zum
Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen vier
Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn
gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts
wisse.
Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal
der tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man
fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über die
Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so, daß
die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die
politischen Kannegießer sie prophezeiten.
Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte die
Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!
Page 272
Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.
Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles
verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!
Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.
Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den
Plan verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm
umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte
Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte
darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den
holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des
Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die
Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen,
Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, andere
Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor Muiden in
der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht entkam, aber ohne
die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um ihnen das Entwischen
schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein gottverdammter
Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus, ehe sie erfolgt
war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese Anzeige, die das Uebel
nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch strenger macht, und auf’s
Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da lesen Sie!
Leonardus nahm das Blatt und las:
»Bericht an das Publikum.«
»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten,
der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und
ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu
begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den Inhalt
eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet hat, und
worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen Gesandten
der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon, Ex-
Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit
wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu Woerden
oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand
Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles
verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!
Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.
Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den
Plan verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm
umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte
Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte
darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den
holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des
Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die
Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen,
Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, andere
Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor Muiden in
der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht entkam, aber ohne
die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um ihnen das Entwischen
schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein gottverdammter
Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus, ehe sie erfolgt
war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese Anzeige, die das Uebel
nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch strenger macht, und auf’s
Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da lesen Sie!
Leonardus nahm das Blatt und las:
»Bericht an das Publikum.«
»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten,
der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und
ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu
begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den Inhalt
eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet hat, und
worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen Gesandten
der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon, Ex-
Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit
wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu Woerden
oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand
Page 273
unterrichtet, und vollkommen versichert, daß diese Zeitung von allem
Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann,
und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes schroff
hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die
schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation
irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und
Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte und
deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen Handlungen
öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie zu schildern,
da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr anzufachen, die gute
Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen und sich, in Mitten
der Parteien und der Empörung, über die sie sich heimlich erfreuen, die
verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge zu Nutzen zu machen,
um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre eigene Größe auf den
Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu befestigen.«[12]
[12] Wörtlich: de verkeerde geestdrift van eene verblinde menigte ten nutte te
maken, om hun eerloos doel te bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de
puinhoopen van eene verbrysselte Republik te vestigen.
Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine
Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und darüber
können Sie sich ärgern? Was hätten diese Mannekins, wenn sie nicht fort
und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen absetzen
könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und ganz
Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris lieber
geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel und
Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch wieder
gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von einem
Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich entkommen
wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht solch ein
Geschrei erhebt?
Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt
verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht spreche,
weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln wird.
In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch an
demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem
Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann,
und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes schroff
hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die
schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation
irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und
Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte und
deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen Handlungen
öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie zu schildern,
da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr anzufachen, die gute
Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen und sich, in Mitten
der Parteien und der Empörung, über die sie sich heimlich erfreuen, die
verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge zu Nutzen zu machen,
um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre eigene Größe auf den
Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu befestigen.«[12]
[12] Wörtlich: de verkeerde geestdrift van eene verblinde menigte ten nutte te
maken, om hun eerloos doel te bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de
puinhoopen van eene verbrysselte Republik te vestigen.
Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine
Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und darüber
können Sie sich ärgern? Was hätten diese Mannekins, wenn sie nicht fort
und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen absetzen
könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und ganz
Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris lieber
geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel und
Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch wieder
gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von einem
Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich entkommen
wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht solch ein
Geschrei erhebt?
Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt
verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht spreche,
weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln wird.
In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch an
demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem
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Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide
Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche
Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.
Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits
angekommen und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und
Leonardus ein Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während
Windt darauf gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war,
sogleich Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein
Ziel schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der
Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht,
welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame
nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung, bei
der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer des
Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in Briefen an
die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn eine ziemliche
Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen Schuldner so
sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und ihm das
Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden erhob
große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei; Windt
lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame mit den
Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage den
Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.
An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s
hauptsächlichste Frage.
Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken,
ward ihm zur Antwort.
Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete
Windt mit Bestimmtheit.
Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach Gräfin
Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.
Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen
Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit
Geld zu Bestechungen versehen.
Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche
Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.
Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits
angekommen und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und
Leonardus ein Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während
Windt darauf gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war,
sogleich Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein
Ziel schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der
Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht,
welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame
nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung, bei
der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer des
Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in Briefen an
die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn eine ziemliche
Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen Schuldner so
sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und ihm das
Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden erhob
große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei; Windt
lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame mit den
Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage den
Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.
An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s
hauptsächlichste Frage.
Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken,
ward ihm zur Antwort.
Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete
Windt mit Bestimmtheit.
Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach Gräfin
Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.
Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen
Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit
Geld zu Bestechungen versehen.
Page 275
Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg
war, stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese
Herren hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel
vielen tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im
Auge war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem
er seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe
den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos
über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von
Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu
sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu
reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.
Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar
kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre
Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten
Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste
Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte
Erlaubnißkarte.
Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine
schreckliche. Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von
Oranien inne gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen
auf der Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu
ihm eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten
erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem
Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem
anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten
redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen
Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.
Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und
winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große
Tugenden besitzt.
Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf
dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren,
weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben
können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und das
war, stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese
Herren hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel
vielen tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im
Auge war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem
er seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe
den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos
über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von
Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu
sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu
reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.
Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar
kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre
Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten
Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste
Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte
Erlaubnißkarte.
Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine
schreckliche. Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von
Oranien inne gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen
auf der Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu
ihm eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten
erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem
Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem
anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten
redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen
Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.
Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und
winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große
Tugenden besitzt.
Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf
dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren,
weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben
können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und das
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ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit gutem
Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.
Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein
alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes
kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und
wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie
mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von
meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?
Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir
holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach Deutschland.
Zur Großmutter, kann mir’s denken!
Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist,
wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen
genesen.
Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles
leidend – Sympathie schöner Seelen!
Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage
fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder meine
Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab, während
ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande zu
erhalten.
Was wird es mit Doorwerth?
Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein
Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für Doorwerth
muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene unglückliche
Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.
Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller
Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann bin,
daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann. Richten
Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht ein. Ich habe
außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er betonend und
Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.
Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein
alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes
kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und
wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie
mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von
meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?
Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir
holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach Deutschland.
Zur Großmutter, kann mir’s denken!
Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist,
wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen
genesen.
Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles
leidend – Sympathie schöner Seelen!
Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage
fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder meine
Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab, während
ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande zu
erhalten.
Was wird es mit Doorwerth?
Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein
Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für Doorwerth
muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene unglückliche
Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.
Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller
Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann bin,
daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann. Richten
Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht ein. Ich habe
außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er betonend und
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mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die jetzt leidlich
scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht unmöglich, daß ich
dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz erschossen zu werden.
Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus ihnen würde man
vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein man untersucht sie
zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der National-Convent organisirt
ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird mich als einen Mann finden!
Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der
Haushofmeister.
Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht
hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!
O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund
schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer
deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte sagen,
theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten. Ich
schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten Respect!
So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu verstehen,
die in diesen Worten lag.
Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen;
gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in der
nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu
ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu
reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo
die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt bereits
in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr ohne
Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.
Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm
an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen,
abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen
Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert zu
haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher Unterhaltung
auf einem ihrer Zimmer.
scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht unmöglich, daß ich
dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz erschossen zu werden.
Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus ihnen würde man
vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein man untersucht sie
zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der National-Convent organisirt
ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird mich als einen Mann finden!
Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der
Haushofmeister.
Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht
hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!
O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund
schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer
deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte sagen,
theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten. Ich
schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten Respect!
So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu verstehen,
die in diesen Worten lag.
Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen;
gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in der
nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu
ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu
reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo
die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt bereits
in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr ohne
Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.
Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm
an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen,
abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen
Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert zu
haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher Unterhaltung
auf einem ihrer Zimmer.
Page 278
Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem
schuldig geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans
verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der
ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth
angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen
Plauderstunde für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen
Thonpfeifen, und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete,
begann Leonardus seine Erzählung.
9. Die Abenteuer des Leonardus.
Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und
unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz
vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei
ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen
Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege über
sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es mich hin,
und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal nicht
entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt,
daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund Windt, mir deßhalb die
Ehre nicht an, mich für einen neumodischen Philosophen zu halten, ich
habe nie ein philosophisches Buch gelesen, ach, es bedarf der Bücher nicht,
das Leben dictirt uns seine schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief
in die Seele hinein. Ich stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den
Rhein; ich war wieder Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in
Amsterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender
Compagnon, eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in
kriegerischer Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr,
besonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen
Zufuhren stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen
sich die alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen;
ich war daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen,
und gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer
schuldig geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans
verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der
ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth
angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen
Plauderstunde für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen
Thonpfeifen, und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete,
begann Leonardus seine Erzählung.
9. Die Abenteuer des Leonardus.
Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und
unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz
vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei
ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen
Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege über
sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es mich hin,
und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal nicht
entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt,
daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund Windt, mir deßhalb die
Ehre nicht an, mich für einen neumodischen Philosophen zu halten, ich
habe nie ein philosophisches Buch gelesen, ach, es bedarf der Bücher nicht,
das Leben dictirt uns seine schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief
in die Seele hinein. Ich stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den
Rhein; ich war wieder Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in
Amsterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender
Compagnon, eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in
kriegerischer Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr,
besonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen
Zufuhren stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen
sich die alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen;
ich war daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen,
und gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer
Page 279
noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende
Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr
billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake zu
einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine
Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu Statten.
Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den blutigsten und
grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, und obendrein
noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der Reaction
unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es auch an den
beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. Den Rhein
solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner Schönheit! Der
schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist freilich dagegen
nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur
Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe
mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz war Kriegsschauplatz geworden,
die ich so ganz verändert und von Heeren überschwemmt wiedersah. Mein
liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst Hand in Hand mit Angés das
süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens genossen hatte, war im
Spätherbst des vergangenen Jahres nach den Schlachten, welche die
Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachsen bei
Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des
geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend Mann verloren
hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, drängte es seine
Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich erschien im
Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische Besatzung
behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine
willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück
verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein
verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau
Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer
Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen eigenen
Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so weit
solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu
bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück
daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und
strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach
Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll
Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr
billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake zu
einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine
Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu Statten.
Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den blutigsten und
grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, und obendrein
noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der Reaction
unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es auch an den
beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. Den Rhein
solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner Schönheit! Der
schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist freilich dagegen
nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur
Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe
mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz war Kriegsschauplatz geworden,
die ich so ganz verändert und von Heeren überschwemmt wiedersah. Mein
liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst Hand in Hand mit Angés das
süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens genossen hatte, war im
Spätherbst des vergangenen Jahres nach den Schlachten, welche die
Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachsen bei
Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des
geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend Mann verloren
hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, drängte es seine
Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich erschien im
Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische Besatzung
behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine
willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück
verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein
verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau
Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer
Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen eigenen
Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so weit
solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu
bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück
daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und
strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach
Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll
Page 280
Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war’s, gewiß eine wunderbare, daß ich
ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage zu
werden.
Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür
zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre gleich
in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine so weite
Irrfahrt gemacht.
Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder
Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu
entgegen gefahren.
Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo
lebt jetzt Angés?
Ich weiß es nicht!
Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht,
verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu viel
weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter mein
ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im
Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.
Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie
mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés?
Ich komme von le Mans!
Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit
leuchtenden Augen.
Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer
gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr;
der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller
Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, Niemand
frage danach.
Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau.
Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns
ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage zu
werden.
Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür
zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre gleich
in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine so weite
Irrfahrt gemacht.
Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder
Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu
entgegen gefahren.
Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo
lebt jetzt Angés?
Ich weiß es nicht!
Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht,
verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu viel
weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter mein
ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im
Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.
Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie
mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés?
Ich komme von le Mans!
Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit
leuchtenden Augen.
Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer
gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr;
der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller
Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, Niemand
frage danach.
Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau.
Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns
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Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns
nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:
Eine feste Burg ist unser Gott,
Eine gute Wehr und Waffen,
Der hilft uns treu aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen!
Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!
Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu
beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern
einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie ganz
in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht,
seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal fragen, sie
und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird mein Loos
gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, ich flehe Sie
darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!
Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch,
das Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes
niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich
Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.
Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.
Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und
Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr
und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte
und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich
aufgenommen hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer
Bretterwand, und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im
anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei
Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in französischer
Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich
verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres Gespräches zu
erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich selbst berühren
würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher tagte es in mir, diese
eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang
nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:
Eine feste Burg ist unser Gott,
Eine gute Wehr und Waffen,
Der hilft uns treu aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen!
Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!
Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu
beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern
einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie ganz
in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht,
seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal fragen, sie
und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird mein Loos
gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, ich flehe Sie
darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!
Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch,
das Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes
niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich
Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.
Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.
Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und
Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr
und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte
und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich
aufgenommen hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer
Bretterwand, und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im
anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei
Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in französischer
Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich
verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres Gespräches zu
erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich selbst berühren
würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher tagte es in mir, diese
eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang
Page 282
gehört, und doch hatte er sich tief in meine Erinnerung eingeprägt. O ich
beklagenswerther Mann, die geliebte Angés suchte ich – war ihr schon nahe
– und fand – Berthelmy – und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen
seinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés sprach.
Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der
falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, wenn
sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das
Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die sich hier
auf deutschem Boden verborgen halten, zu schlingen, und denen sie sich
dienstbar gemacht hat noch obendrein!
Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner
eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen
hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns
lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein Schüler,
mußt mir gehorchen.
Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die
Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle Parteiung
und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht so gewesen,
wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!
Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du
bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine
gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst,
auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig
sein.
Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –
Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in
kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie
wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und
hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit
als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze
Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre Schritte zu
belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo diese
willkommen war und erwartet wurde.
beklagenswerther Mann, die geliebte Angés suchte ich – war ihr schon nahe
– und fand – Berthelmy – und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen
seinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés sprach.
Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der
falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, wenn
sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das
Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die sich hier
auf deutschem Boden verborgen halten, zu schlingen, und denen sie sich
dienstbar gemacht hat noch obendrein!
Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner
eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen
hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns
lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein Schüler,
mußt mir gehorchen.
Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die
Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle Parteiung
und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht so gewesen,
wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!
Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du
bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine
gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst,
auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig
sein.
Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –
Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in
kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie
wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und
hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit
als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze
Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre Schritte zu
belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo diese
willkommen war und erwartet wurde.
Page 283
Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen
an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor,
daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum
Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an
jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben
vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig
Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte,
wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt.
Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch
einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch
einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und
eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten
Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte,
überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr
abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt
gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann
wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines
zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte,
in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.
Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause,
wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren
noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher
Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht
nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer
Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte;
es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in
Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und
dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der
Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir
diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben,
hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am
Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands
wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein
solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas
entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und
die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei
an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor,
daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum
Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an
jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben
vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig
Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte,
wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt.
Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch
einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch
einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und
eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten
Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte,
überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr
abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt
gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann
wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines
zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte,
in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.
Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause,
wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren
noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher
Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht
nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer
Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte;
es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in
Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und
dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der
Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir
diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben,
hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am
Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands
wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein
solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas
entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und
die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei
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spähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde,
allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie
aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde
folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich
schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich
im Tagesglanze umherzuschweben.
Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah
ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen
Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der
vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen
Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes.
Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und
durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als
ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann,
der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden
Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen,
denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach
dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine
andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch
eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun
ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und
das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und
hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy?
Kennst du deinen Mann nicht mehr?
Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete
heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der
Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in
der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!
Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O
vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!
Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!
Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von
allen Bergwänden des Thales zurückhallte.
allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie
aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde
folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich
schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich
im Tagesglanze umherzuschweben.
Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah
ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen
Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der
vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen
Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes.
Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und
durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als
ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann,
der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden
Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen,
denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach
dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine
andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch
eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun
ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und
das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und
hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy?
Kennst du deinen Mann nicht mehr?
Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete
heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der
Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in
der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!
Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O
vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!
Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!
Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von
allen Bergwänden des Thales zurückhallte.
Page 285
Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu
tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten
Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich
sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem
Blick: Leonardus! Leonardus!
Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche
auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den
er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun
versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der
in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß
er nieder taumelte.
In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte
den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten
Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig
zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha!
das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu
Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde,
die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! –
Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.
Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung
Leonardus’ die Freunde aus.
Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und
drückte dem Freund bewegt die Hand.
Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der
schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er dann
fort:
Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich
in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und
blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein
verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern,
auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß
keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür
war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.
tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten
Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich
sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem
Blick: Leonardus! Leonardus!
Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche
auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den
er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun
versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der
in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß
er nieder taumelte.
In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte
den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten
Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig
zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha!
das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu
Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde,
die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! –
Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.
Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung
Leonardus’ die Freunde aus.
Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und
drückte dem Freund bewegt die Hand.
Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der
schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er dann
fort:
Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich
in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und
blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein
verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern,
auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß
keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür
war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.
Page 286
An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés
erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so wie
ich dies zu thun versuchte, kam Blut.
Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden,
am längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich
noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden
mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will,
ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.
Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte,
kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen
Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren
himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen
Thränen entquoll, der nicht enden wollte.
Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von
Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart
besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich
zu preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese
Seligkeit verdankte.
Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch
folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener,
welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes gehört, hatte
er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite gestoßen, und war
auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, erfaßte er das Kind,
hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war
ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen blutigen Kampf zwischen mir
und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten unter den entsetzlichsten
Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und Seelenangst auf sie zugleich ein,
und der Schreck warf sie machtlos nieder, da sie einen Moment später sehen
mußte, wie Berthelmy über und über im Gesicht blutend, taumelte, und
mich der tückische Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmensch mich auf
die Brust trat, gewahrte sie schon nicht mehr.
Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute
vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn
auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst
erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so wie
ich dies zu thun versuchte, kam Blut.
Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden,
am längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich
noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden
mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will,
ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.
Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte,
kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen
Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren
himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen
Thränen entquoll, der nicht enden wollte.
Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von
Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart
besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich
zu preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese
Seligkeit verdankte.
Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch
folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener,
welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes gehört, hatte
er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite gestoßen, und war
auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, erfaßte er das Kind,
hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war
ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen blutigen Kampf zwischen mir
und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten unter den entsetzlichsten
Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und Seelenangst auf sie zugleich ein,
und der Schreck warf sie machtlos nieder, da sie einen Moment später sehen
mußte, wie Berthelmy über und über im Gesicht blutend, taumelte, und
mich der tückische Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmensch mich auf
die Brust trat, gewahrte sie schon nicht mehr.
Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute
vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn
auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst
Page 287
gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite
niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen.
Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der
Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen
Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen
Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn
leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese
Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich
nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten
wir uns oft und wußten es nicht zu sagen.
Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy
fesselte, war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein
eigen sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie
lange hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir
unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth
geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in Furcht
und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und fort den
Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und nicht um
mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war eine
Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende göttliche
Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, ab und
gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch
auf dich, mein Leonardus.
Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe
dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen in
den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche
ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt sie zu
versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute des
Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen und
lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die
mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die
kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das
Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen
Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging in
jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und
schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen
niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen.
Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der
Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen
Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen
Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn
leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese
Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich
nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten
wir uns oft und wußten es nicht zu sagen.
Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy
fesselte, war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein
eigen sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie
lange hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir
unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth
geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in Furcht
und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und fort den
Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und nicht um
mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war eine
Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende göttliche
Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, ab und
gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch
auf dich, mein Leonardus.
Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe
dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen in
den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche
ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt sie zu
versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute des
Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen und
lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die
mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die
kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das
Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen
Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging in
jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und
schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen
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Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und
werde Angés niemals wiedersehen.
Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung
und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach
langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig
den Freund: Und du verließest Angés?
Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung,
durch die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege
befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das
Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte.
Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den Wäldern,
theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu Tränken
gepreßt Wunder an mir gethan.
Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in
glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener
Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres
Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der
verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf
Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch
einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im
treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur Vestaflamme,
die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine
Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem gealterten
Herzen wohlthut.
Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager
stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:
»Mein ewiggeliebter Leonardus!«
»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem
Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer
verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene
fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden
einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter
zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll dein
werde Angés niemals wiedersehen.
Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung
und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach
langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig
den Freund: Und du verließest Angés?
Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung,
durch die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege
befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das
Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte.
Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den Wäldern,
theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu Tränken
gepreßt Wunder an mir gethan.
Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in
glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener
Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres
Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der
verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf
Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch
einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im
treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur Vestaflamme,
die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine
Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem gealterten
Herzen wohlthut.
Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager
stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:
»Mein ewiggeliebter Leonardus!«
»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem
Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer
verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene
fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden
einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter
zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll dein
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Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine
treuverbundene
Angés.«
Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste
fort und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog,
wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch
ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt –
wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort, und
keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein Weh
getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand sprach
zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer
fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich so
schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.
Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch
denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So
niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so
hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich
mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und
unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den
ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen
hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich
wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war,
und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte
ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?
Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge,
und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit
seiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach
Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo
heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die
gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.
Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch
wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor
er eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück
wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen,
treuverbundene
Angés.«
Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste
fort und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog,
wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch
ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt –
wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort, und
keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein Weh
getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand sprach
zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer
fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich so
schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.
Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch
denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So
niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so
hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich
mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und
unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den
ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen
hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich
wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war,
und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte
ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?
Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge,
und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit
seiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach
Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo
heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die
gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.
Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch
wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor
er eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück
wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen,
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von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen
den Freunden folgen. –
Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das
Schleunigste vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu
ertheilen, traten die Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und
hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und
einen Abend mit ihm heiter zu verbringen.
Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war
keine erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen,
er sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch
nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe
gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland war
für den Kranken jetzt nicht zu denken.
Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes
gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, ein
Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die
Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja
regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die
Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog,
steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt werden,
um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder
an.
10. Der Abschied.
Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war
außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre
unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die
Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach dem
Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt
lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen
den Freunden folgen. –
Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das
Schleunigste vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu
ertheilen, traten die Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und
hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und
einen Abend mit ihm heiter zu verbringen.
Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war
keine erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen,
er sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch
nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe
gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland war
für den Kranken jetzt nicht zu denken.
Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes
gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, ein
Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die
Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja
regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die
Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog,
steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt werden,
um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder
an.
10. Der Abschied.
Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war
außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre
unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die
Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach dem
Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt
lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen
Page 291
hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden
geworfen.
Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll!
brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles
von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer
Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu
wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht
kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!
Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein
unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar
nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.
Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich Nattern!
Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und
sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!
Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.
A la Citoyenne Varel am Jungfernsteig à Hambourg, franco Amsterdam.
An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man
Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die
Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck
muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten
ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen?
Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel!
Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens,
und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die
Umschrift? Lesen Sie!
»Je suis libre!« las die zitternde Kammerfrau.
Je suis libre! fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée
will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will
ihm sein »je suis libre« anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie
mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in
Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den
Schlag zu kriegen!
geworfen.
Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll!
brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles
von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer
Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu
wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht
kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!
Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein
unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar
nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.
Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich Nattern!
Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und
sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!
Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.
A la Citoyenne Varel am Jungfernsteig à Hambourg, franco Amsterdam.
An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man
Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die
Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck
muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten
ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen?
Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel!
Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens,
und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die
Umschrift? Lesen Sie!
»Je suis libre!« las die zitternde Kammerfrau.
Je suis libre! fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée
will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will
ihm sein »je suis libre« anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie
mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in
Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den
Schlag zu kriegen!
Page 292
Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders
Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde
mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im
Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame:
Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser
Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert
ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu
schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen – wie ich eine
Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er
auch mit mir t h e i l e n ? Ich soll nicht mit meinem angeborenen und
angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort
Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren
Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht
wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht
närrisch ist diese Aufschrift – sie ist verrückt! Was die Herren französischen
Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In
Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten
gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor
deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit
kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar
gemacht werden wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr
Bruder sich Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die
Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam!
Schweigen Sie – ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur
unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche
Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn
dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!
Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb
die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie
ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von
einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen und
murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht
ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese
Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der
dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung,
wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine
Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde
mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im
Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame:
Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser
Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert
ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu
schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen – wie ich eine
Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er
auch mit mir t h e i l e n ? Ich soll nicht mit meinem angeborenen und
angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort
Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren
Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht
wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht
närrisch ist diese Aufschrift – sie ist verrückt! Was die Herren französischen
Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In
Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten
gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor
deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit
kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar
gemacht werden wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr
Bruder sich Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die
Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam!
Schweigen Sie – ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur
unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche
Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn
dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!
Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb
die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie
ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von
einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen und
murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht
ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese
Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der
dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung,
wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine
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Briefe setzen. Was ist das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen
setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier
spricht er wie Salomo der Weise. – Durch diesen Gedanken versöhnlicher
gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und
nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze
Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und
Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin von Lynden. Von der zahlreichen
Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80
Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich
bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt,
wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen le citoyen d’Autrefér –
denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich
habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so
viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In
diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins
Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern
unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach
Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne
Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von
Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum
einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den
Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest
bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast
täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das
Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag,
in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten
ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an
der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in
Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«
»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb
krank ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder
hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend Gulden
zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend Mark
Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung,
noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer
Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein
setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier
spricht er wie Salomo der Weise. – Durch diesen Gedanken versöhnlicher
gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und
nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze
Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und
Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin von Lynden. Von der zahlreichen
Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80
Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich
bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt,
wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen le citoyen d’Autrefér –
denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich
habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so
viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In
diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins
Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern
unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach
Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne
Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von
Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum
einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den
Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest
bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast
täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das
Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag,
in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten
ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an
der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in
Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«
»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb
krank ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder
hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend Gulden
zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend Mark
Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung,
noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer
Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein
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sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch, nirgend
recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt glücklich
zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen Lebens ganz
sicher gestellt sind.«
Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es
gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich schon
als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es gibt eine
Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne unsers Calvin,
aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren
Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, über die das irdische
Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden.
Aber sie sind selten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen
Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen! –
Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und
Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die Freunde
Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich endlich
vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit seinem
nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem fürstlichen
Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab er sich im
Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont verzichtete,
nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte lebten, wo
ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem Schooße
entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen kommen
ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die Nachrichten aus
Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg zu schreiben, und
kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und unermüdlichen
Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin und Herrin von
Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft Ausflüge in die
Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden, und die Luft
der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich hinziehender schön
bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in Verbindung mit dem so ganz
veränderten Klima höchst vortheilhaft auf Alle ein, selbst Leonardus fühlte
sich erleichtert und schöpfte wieder neue Lebenshoffnung.
Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin,
daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem
recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt glücklich
zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen Lebens ganz
sicher gestellt sind.«
Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es
gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich schon
als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es gibt eine
Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne unsers Calvin,
aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren
Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, über die das irdische
Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden.
Aber sie sind selten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen
Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen! –
Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und
Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die Freunde
Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich endlich
vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit seinem
nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem fürstlichen
Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab er sich im
Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont verzichtete,
nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte lebten, wo
ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem Schooße
entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen kommen
ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die Nachrichten aus
Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg zu schreiben, und
kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und unermüdlichen
Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin und Herrin von
Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft Ausflüge in die
Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden, und die Luft
der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich hinziehender schön
bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in Verbindung mit dem so ganz
veränderten Klima höchst vortheilhaft auf Alle ein, selbst Leonardus fühlte
sich erleichtert und schöpfte wieder neue Lebenshoffnung.
Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin,
daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem
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Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik aufs
Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die ihren
Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben
bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen auf
den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias. Auch
würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das
Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen wir
auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück
vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur von
Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach Holland
zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden, der ihm
alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In der
Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment
Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter
Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin
aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles
ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu Lande
leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern
Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren
Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei
Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche
Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt nicht
blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum Glück
wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten
nichtsnutzen Klubs, Societäten, Genoodschappen und dergleichen gänzlich
aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das allgemeine, wie für
das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise und edle Frau Fürstin
Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach Philippsthal, ihrer Heimath, um
dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen; ich habe derselben daher nicht
Ihrer Excellenz Grüße und meinen unterthänigsten Respect zu Füßen legen
können. Ihrer Excellenz Meinung, bezüglich des Verkaufes von Doorwerth,
Alles auf bessere Zeiten zu verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich
habe der Frau Gräfin Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn
geliehenen fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der
erste Termin vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei
den gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den
Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die ihren
Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben
bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen auf
den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias. Auch
würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das
Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen wir
auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück
vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur von
Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach Holland
zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden, der ihm
alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In der
Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment
Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter
Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin
aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles
ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu Lande
leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern
Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren
Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei
Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche
Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt nicht
blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum Glück
wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten
nichtsnutzen Klubs, Societäten, Genoodschappen und dergleichen gänzlich
aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das allgemeine, wie für
das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise und edle Frau Fürstin
Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach Philippsthal, ihrer Heimath, um
dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen; ich habe derselben daher nicht
Ihrer Excellenz Grüße und meinen unterthänigsten Respect zu Füßen legen
können. Ihrer Excellenz Meinung, bezüglich des Verkaufes von Doorwerth,
Alles auf bessere Zeiten zu verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich
habe der Frau Gräfin Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn
geliehenen fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der
erste Termin vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei
den gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den
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Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben,
allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa
fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin
Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so
bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte
Windt.«
Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch
Ludwig eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch
ungleich wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft
hängt an einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und
das Wohl und Wehe seiner Zukunft!
Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich, und
hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.
»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir
das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem
Maaß meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig
zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das
Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu
seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe,
wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch
einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit
Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und
Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich
dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich,
daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die
Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel
vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung,
Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas
Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben,
selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe
wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut
nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze
Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die
Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den
Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an
allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa
fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin
Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so
bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte
Windt.«
Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch
Ludwig eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch
ungleich wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft
hängt an einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und
das Wohl und Wehe seiner Zukunft!
Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich, und
hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.
»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir
das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem
Maaß meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig
zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das
Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu
seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe,
wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch
einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit
Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und
Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich
dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich,
daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die
Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel
vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung,
Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas
Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben,
selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe
wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut
nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze
Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die
Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den
Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an
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den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht
minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre
Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von
Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von
Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen
Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der
Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem
erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten
herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum
anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll
Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die
Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg
Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche die
Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und sprach ich
sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu Sachsen-
Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da Darmstadt
sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese Prinzessin
und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und Liebenswürdigkeit, und
wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja nicht, dich an dem
preußischen, mecklenburgischen, hessischen und sächsischen Höfen
vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir ohnehin
verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten von
Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu Sachsen-
Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut mit, und
reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man in dem
gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu schätzen
weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines Namens, um
dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen sehr
gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest
wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung
ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist
auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn
ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst,
der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für
Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«
minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre
Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von
Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von
Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen
Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der
Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem
erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten
herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum
anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll
Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die
Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg
Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche die
Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und sprach ich
sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu Sachsen-
Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da Darmstadt
sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese Prinzessin
und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und Liebenswürdigkeit, und
wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja nicht, dich an dem
preußischen, mecklenburgischen, hessischen und sächsischen Höfen
vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir ohnehin
verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten von
Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu Sachsen-
Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut mit, und
reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man in dem
gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu schätzen
weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines Namens, um
dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen sehr
gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest
wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung
ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist
auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn
ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst,
der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für
Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«
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Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin
von Preußen und las:
»Madame!
Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie
mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen legten.
Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an meinen Gemahl
zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun wird, um Ihnen
zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach Ihren
Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird
Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr
aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu haben.
Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Ihre ergebene Dienerin
Luise.«[13]
[13] Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.
Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte
herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der
angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen
deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt
dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.
Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen
Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen,
Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du
doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu
Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu
besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das
Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und
du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine
Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen
Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann
gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du
wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und ausgezeichnet
sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht eines dieser
von Preußen und las:
»Madame!
Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie
mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen legten.
Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an meinen Gemahl
zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun wird, um Ihnen
zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach Ihren
Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird
Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr
aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu haben.
Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Ihre ergebene Dienerin
Luise.«[13]
[13] Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.
Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte
herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der
angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen
deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt
dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.
Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen
Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen,
Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du
doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu
Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu
besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das
Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und
du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine
Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen
Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann
gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du
wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und ausgezeichnet
sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht eines dieser
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kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es steht dieser mein
Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei unserm Scheiden gab,
auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in Einsamkeit dein Glück
zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem Gefallen leben und bist,
wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst, von deinem Thun und
Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«
Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein
Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der Großmutter
Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber Leonardus –
wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo, ach wo sie
finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in züchtiger
Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach Leonardus,
welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem letzten
Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende – wir
scheiden!
Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den
auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und
dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!
Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus.
Ich fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben
ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde
mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein
Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam gerichtlich
bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein – geknüpft an meine letzte
Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet findest, für den Fall, daß mir
nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch mündlich an dein Herz zu legen. In
mir stirbt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam – in dir lebt
Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam fort – mindestens so
lange noch, als meine gute Mutter am Leben bleibt – ihr d a r f , ihr s o l l
der Sohn nicht sterben! Du schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch
bei dir wäre, du empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an
mich eingehenden Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die
Gleichheit unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so
mögen dann meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel
dessen eben noch vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles
Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei unserm Scheiden gab,
auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in Einsamkeit dein Glück
zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem Gefallen leben und bist,
wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst, von deinem Thun und
Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«
Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein
Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der Großmutter
Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber Leonardus –
wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo, ach wo sie
finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in züchtiger
Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach Leonardus,
welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem letzten
Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende – wir
scheiden!
Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den
auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und
dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!
Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus.
Ich fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben
ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde
mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein
Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam gerichtlich
bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein – geknüpft an meine letzte
Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet findest, für den Fall, daß mir
nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch mündlich an dein Herz zu legen. In
mir stirbt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam – in dir lebt
Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam fort – mindestens so
lange noch, als meine gute Mutter am Leben bleibt – ihr d a r f , ihr s o l l
der Sohn nicht sterben! Du schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch
bei dir wäre, du empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an
mich eingehenden Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die
Gleichheit unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so
mögen dann meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel
dessen eben noch vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles
Page 300
d e i n e n Erben ohne jede beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés –
siehst du sie, so sage ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth,
und diese käme zu deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine
Bitte auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht
mehr – meine Brust – zerspringt! –
Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang
den Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte.
Sprich, was kann ich für dich thun?
Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der
sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres
Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer
Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das
Schicksal – o Gott!
Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah noch
Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen Bruder
dahin gehen sehen?
Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward
versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen Wink
bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon
umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand
des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute
Nacht!
Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.
O Angés!
Dies war sein letzter Hauch.
Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm,
vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp
weinte.
Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig,
entschieden handelnd.
siehst du sie, so sage ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth,
und diese käme zu deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine
Bitte auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht
mehr – meine Brust – zerspringt! –
Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang
den Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte.
Sprich, was kann ich für dich thun?
Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der
sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres
Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer
Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das
Schicksal – o Gott!
Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah noch
Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen Bruder
dahin gehen sehen?
Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward
versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen Wink
bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon
umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand
des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute
Nacht!
Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.
O Angés!
Dies war sein letzter Hauch.
Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm,
vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp
weinte.
Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig,
entschieden handelnd.
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Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die
Weisung: » S o g l e i c h nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte
dies nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches
Gefühl.
Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur,
ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist Gesetz. Ich
habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund Wichtiges für den
Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu öffnen.
Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter fortleben
will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet. Ein Paß
liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich auf Reisen
bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein Todtenregister
geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck aus
Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn ein
solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam gelangen.
Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu werden,
ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer
Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines
letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«
Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun
kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den
Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber
überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.
Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der
Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte
hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen
dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder
lebend in dieses Zimmer eintreten werde.
Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu
sehen, doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl,
durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit
dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen
der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt.
Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein
Weisung: » S o g l e i c h nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte
dies nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches
Gefühl.
Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur,
ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist Gesetz. Ich
habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund Wichtiges für den
Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu öffnen.
Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter fortleben
will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet. Ein Paß
liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich auf Reisen
bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein Todtenregister
geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck aus
Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn ein
solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam gelangen.
Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu werden,
ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer
Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines
letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«
Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun
kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den
Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber
überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.
Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der
Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte
hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen
dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder
lebend in dieses Zimmer eintreten werde.
Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu
sehen, doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl,
durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit
dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen
der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt.
Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein
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fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt
und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer
Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller
Rechtsform aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer
Sprache, welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als
Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung
überflüssig.
In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus
eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte:
Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.
In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim
Ordnen von des Freundes nachgelassenen Papieren.
Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden
sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen und
in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden
Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der
besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend
holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als
Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp empfing
als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich ferner eine
kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die Leonardus die
Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu unschätzbar war. Von
dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, lagen Uebersichten vor,
es ergab dasselbe eine Jahresrente von fünftausend Gulden; diese hatte
Leonardus dadurch erworben, daß er sein einst zu erhoffendes Muttererbe
an seine Verwandten mit Zustimmung seiner Mutter käuflich abgetreten
hatte – um nach ihrem Tode, falls er denselben erlebte, aller Geschäfte dort
überhoben zu sein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte
sich dieser Rentenbezug um abermals fünftausend Gulden.
Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen
geeignet anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von
Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und
der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in
Ewigkeit nichts! Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in
und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer
Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller
Rechtsform aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer
Sprache, welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als
Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung
überflüssig.
In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus
eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte:
Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.
In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim
Ordnen von des Freundes nachgelassenen Papieren.
Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden
sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen und
in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden
Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der
besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend
holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als
Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp empfing
als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich ferner eine
kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die Leonardus die
Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu unschätzbar war. Von
dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, lagen Uebersichten vor,
es ergab dasselbe eine Jahresrente von fünftausend Gulden; diese hatte
Leonardus dadurch erworben, daß er sein einst zu erhoffendes Muttererbe
an seine Verwandten mit Zustimmung seiner Mutter käuflich abgetreten
hatte – um nach ihrem Tode, falls er denselben erlebte, aller Geschäfte dort
überhoben zu sein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte
sich dieser Rentenbezug um abermals fünftausend Gulden.
Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen
geeignet anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von
Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und
der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in
Ewigkeit nichts! Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in
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Händen haben, gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen,
dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem
aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach
Hamburg zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja
doch der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende
Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige sind,
welcher Doorwerth baar bezahlen kann!
Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit
Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel
meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes
selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte
haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am
letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein Güterbesitzer
davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als Gratification in
die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das gemahnt mich
gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute das Wort
Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare
geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre
Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit
Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und
schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre
eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Wasserschloß
besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen nicht. Ich werde
nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reisen, schlicht
und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés suchen! Ich will,
wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie theilt gewiß mit mir
die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide
wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen
Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, besonders
Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergessen Sie nicht, mein
braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältnissen des
Lebens einen wahren und treuen Freund haben.
11. Erlebnisse.
dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem
aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach
Hamburg zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja
doch der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende
Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige sind,
welcher Doorwerth baar bezahlen kann!
Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit
Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel
meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes
selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte
haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am
letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein Güterbesitzer
davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als Gratification in
die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das gemahnt mich
gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute das Wort
Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare
geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre
Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit
Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und
schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre
eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Wasserschloß
besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen nicht. Ich werde
nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reisen, schlicht
und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés suchen! Ich will,
wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie theilt gewiß mit mir
die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide
wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen
Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, besonders
Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergessen Sie nicht, mein
braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältnissen des
Lebens einen wahren und treuen Freund haben.
11. Erlebnisse.
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Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen
Diener begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln
ausgestattet, war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen.
Seine edle gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich zu
offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er
suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing
noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast
immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des Verstorbenen;
der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es war ja gleichviel,
wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die Spuren eines stillen
Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als er wirklich war. Graf
Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte überall ein offenes Auge für die
Reize der Natur, die Beschaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens, für den
Stand der Kultur in den verschiedenen deutschen Ländern, für die
Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und fühlte sich angezogen
vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst galt entweder für einen
Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes völlig fehlerfrei sich
ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch den längeren Aufenthalt in
den Niederlanden allerdings manche Eigenthümlichkeit dieser Nation an
ihm haften geblieben war, und um so lieber gab er sich für einen solchen
aus, wenn er als Leonardus Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner
Weise, sich schriftlich auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben
verstand, floß bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.
Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen
Reisen dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe
zerbrachen, wer und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr
stamme. Wenn Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und
Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen
seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für
wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft
genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei,
absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm-
und Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer
sein Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein
Diener begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln
ausgestattet, war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen.
Seine edle gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich zu
offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er
suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing
noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast
immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des Verstorbenen;
der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es war ja gleichviel,
wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die Spuren eines stillen
Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als er wirklich war. Graf
Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte überall ein offenes Auge für die
Reize der Natur, die Beschaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens, für den
Stand der Kultur in den verschiedenen deutschen Ländern, für die
Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und fühlte sich angezogen
vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst galt entweder für einen
Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes völlig fehlerfrei sich
ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch den längeren Aufenthalt in
den Niederlanden allerdings manche Eigenthümlichkeit dieser Nation an
ihm haften geblieben war, und um so lieber gab er sich für einen solchen
aus, wenn er als Leonardus Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner
Weise, sich schriftlich auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben
verstand, floß bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.
Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen
Reisen dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe
zerbrachen, wer und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr
stamme. Wenn Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und
Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen
seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für
wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft
genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei,
absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm-
und Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer
sein Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein
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Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß
sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein Herr
sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen auf
hundert Schritte an.
Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten
Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste
Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die
so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu
ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und einem
besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.
So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe,
überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er vorwies;
man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm Aufmerksamkeiten,
unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten Modesprache der Höfe; aber
da er nirgend lange verweilte, so ging seine Erscheinung gleich andern
flüchtig vorüber und wurde schnell wieder vergessen. Er aber gewann für
sein ganzes späteres Leben den Vortheil, manchen großen und berühmten
Mann persönlich kennen gelernt zu haben, auch Einblicke gethan zu haben
in manches Verhältniß, das glänzende Außenseiten zeigte und innerlich
morsch und zerrüttet war. Häufig trat dem Reisenden offen und unverhüllt
die Selbstsucht der Menschen entgegen, der gelehrte Dünkel, die
Schriftsteller-Eitelkeit, der Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil
Anmaßung und Rechthaberei gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht
in ihrer ganzen Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen
möglichen Larven.
Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie sehr
man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien wohl des
Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel, Verstand und
Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles Gemüth, für ein
sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise Melancholie in
seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz besonders in seinem
Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der aber sorgsam sich und
seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu Tage kam, wer der
gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter Armuth
sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein Herr
sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen auf
hundert Schritte an.
Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten
Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste
Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die
so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu
ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und einem
besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.
So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe,
überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er vorwies;
man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm Aufmerksamkeiten,
unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten Modesprache der Höfe; aber
da er nirgend lange verweilte, so ging seine Erscheinung gleich andern
flüchtig vorüber und wurde schnell wieder vergessen. Er aber gewann für
sein ganzes späteres Leben den Vortheil, manchen großen und berühmten
Mann persönlich kennen gelernt zu haben, auch Einblicke gethan zu haben
in manches Verhältniß, das glänzende Außenseiten zeigte und innerlich
morsch und zerrüttet war. Häufig trat dem Reisenden offen und unverhüllt
die Selbstsucht der Menschen entgegen, der gelehrte Dünkel, die
Schriftsteller-Eitelkeit, der Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil
Anmaßung und Rechthaberei gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht
in ihrer ganzen Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen
möglichen Larven.
Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie sehr
man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien wohl des
Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel, Verstand und
Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles Gemüth, für ein
sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise Melancholie in
seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz besonders in seinem
Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der aber sorgsam sich und
seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu Tage kam, wer der
gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter Armuth
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getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er
gewöhnlich schon abgereist.
Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war
entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets
leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen
bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen
gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.
»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren
Starke und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost
gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer
Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein
Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache.
Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die
Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine
Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu
untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und
Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste
Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er
ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält
sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten weiter
gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die Region des
Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle Ansprüche.
Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine wahrhaft
hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und Ihres
wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann,
Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern,
damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie glauben
nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern die Gelehrten
bezahlt werden; während manche Professuren und andere Stellen häufig als
Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit permanente Hungercuren
und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu sagen pflegt, zum Sterben
zu viel und zum Leben zu wenig.«
»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht:
Wa l l e n s t e i n , zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen
wird.«
gewöhnlich schon abgereist.
Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war
entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets
leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen
bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen
gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.
»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren
Starke und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost
gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer
Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein
Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache.
Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die
Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine
Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu
untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und
Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste
Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er
ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält
sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten weiter
gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die Region des
Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle Ansprüche.
Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine wahrhaft
hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und Ihres
wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann,
Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern,
damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie glauben
nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern die Gelehrten
bezahlt werden; während manche Professuren und andere Stellen häufig als
Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit permanente Hungercuren
und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu sagen pflegt, zum Sterben
zu viel und zum Leben zu wenig.«
»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht:
Wa l l e n s t e i n , zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen
wird.«
Page 307
»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und
Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach
Ihrem Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr
und mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle
Ansehen Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie
hatten vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen
sächsischen Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo
anders. Bei äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben
das Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen,
daher entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben
Alle nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich
unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin
über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte und
bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der
Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in
meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht,
Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht
angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich darin
gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus dem
Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu für
eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu sagen,
daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine Mutter
eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung, und
seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und
Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese Personen
schon früher geschildert haben.«
»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so
sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, aufwartete;
dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der für das Wohl
seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der mir die größte
Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken abnöthigte. Am
Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den trefflichen Sohn einer
ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin Luise Dorothea,
geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich Ihnen,
geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen und
Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im Briefwechsel
Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach
Ihrem Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr
und mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle
Ansehen Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie
hatten vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen
sächsischen Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo
anders. Bei äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben
das Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen,
daher entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben
Alle nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich
unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin
über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte und
bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der
Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in
meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht,
Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht
angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich darin
gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus dem
Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu für
eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu sagen,
daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine Mutter
eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung, und
seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und
Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese Personen
schon früher geschildert haben.«
»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so
sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, aufwartete;
dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der für das Wohl
seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der mir die größte
Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken abnöthigte. Am
Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den trefflichen Sohn einer
ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin Luise Dorothea,
geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich Ihnen,
geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen und
Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im Briefwechsel
Page 308
stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein Freund und
Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen Emigranten viele
Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte mir das herzogliche
Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft meine beste
Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden Genuß zu
theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit
besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin
verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das theuerste
Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada über die
orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen, deren
jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet hat.«
»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses
bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog
Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen
nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und
Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer Freiheit,
Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, diese auf seinen
Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen Kunstsammlungen
wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog
Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzessin zu
Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß lebt, ist für Gotha ganz
das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der Wissenschaften und
Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«
»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen
Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle
diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die
vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen
gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der Herzog,
ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende
Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus
Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die
Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit
unendlicher Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig
lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen
Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen Emigranten viele
Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte mir das herzogliche
Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft meine beste
Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden Genuß zu
theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit
besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin
verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das theuerste
Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada über die
orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen, deren
jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet hat.«
»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses
bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog
Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen
nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und
Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer Freiheit,
Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, diese auf seinen
Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen Kunstsammlungen
wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog
Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzessin zu
Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß lebt, ist für Gotha ganz
das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der Wissenschaften und
Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«
»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen
Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle
diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die
vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen
gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der Herzog,
ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende
Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus
Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die
Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit
unendlicher Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig
lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen
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kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels verwendete
Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines Thorschreibers.«
»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von
Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch
verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber er
ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern mittheilsam
über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter
keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen ist die
Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erscheinung; sie
singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt in jeder Osterwoche
in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen Kreise ihrer
Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu ertragen; durch
frühere üble Wirthschaft ist das Land in große Verlegenheiten gebracht
worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn starben bald
nach der Geburt, doch versprechen die leben gebliebenen Prinzen und
Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind schöne Kinder, drei Prinzen
und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des Hofes sind die
gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd auf nahen Jagd-
und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, Eishausen und
Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein stattlicher
spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und weit das Land
überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen erinnert nach
Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und es fehlen ihm
die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen
Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, geborene
Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des hiesigen
Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach Coburg
führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie geschaffen für die
Einsamkeit der Weltüberwinder.«
»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der
Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich nahen.
Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie
Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im
dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines
herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit
dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus
Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines Thorschreibers.«
»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von
Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch
verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber er
ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern mittheilsam
über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter
keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen ist die
Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erscheinung; sie
singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt in jeder Osterwoche
in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen Kreise ihrer
Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu ertragen; durch
frühere üble Wirthschaft ist das Land in große Verlegenheiten gebracht
worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn starben bald
nach der Geburt, doch versprechen die leben gebliebenen Prinzen und
Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind schöne Kinder, drei Prinzen
und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des Hofes sind die
gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd auf nahen Jagd-
und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, Eishausen und
Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein stattlicher
spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und weit das Land
überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen erinnert nach
Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und es fehlen ihm
die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen
Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, geborene
Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des hiesigen
Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach Coburg
führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie geschaffen für die
Einsamkeit der Weltüberwinder.«
»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der
Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich nahen.
Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie
Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im
dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines
herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit
dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus
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Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen
mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich
vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande
abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und
Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden
fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem Muth
einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe wird
ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«
Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen.
Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig
auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich
hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es brenne,
und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General
Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt
werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan, und
der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen, sonst so
friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich unter
ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden sollten, in
denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen Streite
zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große
Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten
Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort
zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort
schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den
Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in
diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom
nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des
Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher
nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und
außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen Scheußlichkeit,
die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.
Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und
sonst unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. –
Was meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig
die Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?
mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich
vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande
abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und
Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden
fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem Muth
einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe wird
ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«
Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen.
Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig
auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich
hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es brenne,
und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General
Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt
werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan, und
der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen, sonst so
friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich unter
ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden sollten, in
denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen Streite
zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große
Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten
Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort
zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort
schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den
Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in
diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom
nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des
Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher
nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und
außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen Scheußlichkeit,
die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.
Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und
sonst unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. –
Was meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig
die Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?
Page 311
Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte
bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend,
fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?
Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen,
gnädiger Herr!
Und Sie, Herr Grimm? –
Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen
Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf
erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich königlicher
Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die Reißaus-Armee, die
er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend Läufer«, wie der alte Fritz
sagte.
Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem
Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom
General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für
das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.
Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort
durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, das
noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die
eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der
Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus
diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde
mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten
bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem
fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern
an den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten
Muthwillen gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf
den Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern
wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte man
die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte der
rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht trank,
auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und den
Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall
einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine
bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend,
fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?
Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen,
gnädiger Herr!
Und Sie, Herr Grimm? –
Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen
Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf
erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich königlicher
Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die Reißaus-Armee, die
er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend Läufer«, wie der alte Fritz
sagte.
Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem
Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom
General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für
das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.
Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort
durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, das
noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die
eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der
Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus
diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde
mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten
bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem
fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern
an den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten
Muthwillen gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf
den Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern
wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte man
die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte der
rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht trank,
auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und den
Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall
einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine
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Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch ging
es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge berührten.
Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig
herrisch einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.
Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten,
die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der
Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch mit
Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war,
gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete
Kirche seltsam abstach.
Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur
liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag ganz
voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen allen
die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu braten,
Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das ganze Haus
füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte und die Frage
an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung nicht sprechen
könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus dem Hause, ein
Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf dem Fuße
folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem Bau, dabei
von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen; hinter diesen
schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von vielleicht fünfzig bis
sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. Ludwig und der
Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein Bürgergeneral!
begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf ich bitten, mir
einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit wem ich die
Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein Abgeordneter des
Herzogs von diesem Lande.
Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein
General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David.
Womit können wir dienen?
Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der
Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses
Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die dem
es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge berührten.
Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig
herrisch einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.
Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten,
die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der
Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch mit
Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war,
gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete
Kirche seltsam abstach.
Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur
liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag ganz
voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen allen
die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu braten,
Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das ganze Haus
füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte und die Frage
an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung nicht sprechen
könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus dem Hause, ein
Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf dem Fuße
folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem Bau, dabei
von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen; hinter diesen
schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von vielleicht fünfzig bis
sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. Ludwig und der
Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein Bürgergeneral!
begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf ich bitten, mir
einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit wem ich die
Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein Abgeordneter des
Herzogs von diesem Lande.
Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein
General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David.
Womit können wir dienen?
Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der
Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses
Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die dem
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Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus
Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese
Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein
Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem
herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die
Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht
geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen, Bürger-
General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!
D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan
eigenhändig unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf
und entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der
Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!
Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche
Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch
vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl
ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem
Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt haben,
daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt werden und
jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.
Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen
wir die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich Befehl,
Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll sich Keiner
unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu rauben oder
auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!
Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen
Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an
seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um
Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!
Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte,
trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören unsere
schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!
Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er
in der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte
Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese
Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein
Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem
herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die
Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht
geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen, Bürger-
General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!
D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan
eigenhändig unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf
und entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der
Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!
Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche
Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch
vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl
ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem
Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt haben,
daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt werden und
jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.
Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen
wir die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich Befehl,
Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll sich Keiner
unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu rauben oder
auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!
Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen
Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an
seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um
Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!
Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte,
trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören unsere
schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!
Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er
in der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte
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mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche
eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und theilte
auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden Soldaten so viele
und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut aufschrieen und schwuren,
in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.
Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David
und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine Viertelstunde,
so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle nachrückenden Truppen
mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der Kirche kam d’Hautpoule
sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und dem Beamten: Nichts wirkt
schneller und heftiger, wie Prügel. Diese Sprache verstehen die Hallunken
aller Völker, Prügel sind die wahre Weltsprache, und die Gelehrten werden
sich vergebens die Köpfe zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.
Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof
zurück; das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so
riesenhaft seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut
seines Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem
Grafen, dem Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen,
er meine es gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.
Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte stand,
welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den Besuch
aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil zu
nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die Bütte,
füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer dar und
rief lustig und froh gelaunt. A votre santé et bonheur! Alle andere Offiziere,
soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften ebenfalls und tranken;
man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General saß auf einem dreibeinigen
Schemel, Mortier und David hatten die Ofenbank besetzt. Der Koch brachte
mächtige Bratenstücke herein, der Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch
Messer und Gabeln waren vorhanden, man aß aus der Hand, nur der
General schnitt sein Fleisch mit einem Schnappbastelmesser. Die Bütte
Wein war bald geleert, eine zweite wurde aus dem Keller herauf geschafft,
dann erfolgte ein rascher Aufbruch, ein kurzes Adieu.
eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und theilte
auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden Soldaten so viele
und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut aufschrieen und schwuren,
in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.
Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David
und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine Viertelstunde,
so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle nachrückenden Truppen
mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der Kirche kam d’Hautpoule
sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und dem Beamten: Nichts wirkt
schneller und heftiger, wie Prügel. Diese Sprache verstehen die Hallunken
aller Völker, Prügel sind die wahre Weltsprache, und die Gelehrten werden
sich vergebens die Köpfe zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.
Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof
zurück; das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so
riesenhaft seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut
seines Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem
Grafen, dem Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen,
er meine es gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.
Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte stand,
welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den Besuch
aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil zu
nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die Bütte,
füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer dar und
rief lustig und froh gelaunt. A votre santé et bonheur! Alle andere Offiziere,
soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften ebenfalls und tranken;
man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General saß auf einem dreibeinigen
Schemel, Mortier und David hatten die Ofenbank besetzt. Der Koch brachte
mächtige Bratenstücke herein, der Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch
Messer und Gabeln waren vorhanden, man aß aus der Hand, nur der
General schnitt sein Fleisch mit einem Schnappbastelmesser. Die Bütte
Wein war bald geleert, eine zweite wurde aus dem Keller herauf geschafft,
dann erfolgte ein rascher Aufbruch, ein kurzes Adieu.
Page 315
Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber
siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die
Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General
richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig
entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs, auf
Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der Divisionsgeneral
Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach dem Schlosse
begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000 Mann stark, da
galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief
zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte;
was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch
unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe
gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es
gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen
waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider.
Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden
aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.
Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten
Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde
wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie
Teufel.
12. Das Wiedersehen.
Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage
nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu
leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten
Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der
berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher
Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so
weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten
Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und
siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die
Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General
richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig
entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs, auf
Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der Divisionsgeneral
Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach dem Schlosse
begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000 Mann stark, da
galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief
zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte;
was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch
unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe
gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es
gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen
waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider.
Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden
aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.
Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten
Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde
wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie
Teufel.
12. Das Wiedersehen.
Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage
nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu
leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten
Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der
berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher
Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so
weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten
Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und
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Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß
Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken
Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu
Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken
Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den
Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser
Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten
Landleute erhoben.
Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von
Hildburghausen aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen
Bemühen es so eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode,
womit ein Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der
Sprache zu befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles
Schreckliche, was er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin
kamen, daß die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den
Main herauf bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und
plünderten, zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren
kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister von
Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait und
Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes
Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, Tiroler
Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, Royal
Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale
suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und
Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das
kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main,
kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen
begannen. Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder
vergrabenen Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die
Pferde gefüttert; die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man
schlug die Zapfen aus den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen,
das gemahlene Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe
geschüttet, kurz, jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult,
Laval und Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf
Silber zu speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen
Städtchen nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging
Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken
Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu
Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken
Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den
Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser
Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten
Landleute erhoben.
Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von
Hildburghausen aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen
Bemühen es so eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode,
womit ein Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der
Sprache zu befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles
Schreckliche, was er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin
kamen, daß die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den
Main herauf bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und
plünderten, zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren
kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister von
Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait und
Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes
Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, Tiroler
Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, Royal
Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale
suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und
Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das
kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main,
kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen
begannen. Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder
vergrabenen Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die
Pferde gefüttert; die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man
schlug die Zapfen aus den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen,
das gemahlene Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe
geschüttet, kurz, jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult,
Laval und Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf
Silber zu speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen
Städtchen nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging
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es auf den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche,
Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.
General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern
zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die
schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten
könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser
Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen
Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz, und
nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren
und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo
es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in
Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die französischen
Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.
So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher
Ludwig dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen
Beweggründe, die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für
welches jetzt Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine
Anzahl gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren,
vom Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der
Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche
Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die
Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur
Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine
Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die
Etappenstraßen nicht verlassen.
Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig
nahm mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das
coburgische Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann
Bedeckung sich häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser
Leute Zuneigung. Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den
Weg durch heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.
Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem
eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und
hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße liegt,
Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.
General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern
zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die
schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten
könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser
Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen
Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz, und
nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren
und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo
es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in
Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die französischen
Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.
So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher
Ludwig dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen
Beweggründe, die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für
welches jetzt Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine
Anzahl gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren,
vom Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der
Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche
Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die
Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur
Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine
Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die
Etappenstraßen nicht verlassen.
Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig
nahm mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das
coburgische Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann
Bedeckung sich häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser
Leute Zuneigung. Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den
Weg durch heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.
Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem
eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und
hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße liegt,
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die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der Beamte
war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube niedergelassen;
Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute Kameradschaft
mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich beisammen,
während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie jene der
Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele Dorfjungen vor dem
Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu sehen, die zum Theil
vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein tranken. Ludwig ging
in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken schweiften weit in die
Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, nach der Großmutter,
nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach Paris, Amsterdam, dem
Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.
Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu
sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in dieser
eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das große,
schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen Republik
umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das bedeuten?
Wo ist er, und wie kommt er dorthin?
Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft, das
Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem
traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur.
Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige
Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges,
Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere geschlagen,
zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle strenge
Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder
heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!
Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen
Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine Extrapost
zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt. Die
Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen im
Chor ein französisches Liedchen:
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison!
war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube niedergelassen;
Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute Kameradschaft
mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich beisammen,
während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie jene der
Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele Dorfjungen vor dem
Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu sehen, die zum Theil
vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein tranken. Ludwig ging
in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken schweiften weit in die
Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, nach der Großmutter,
nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach Paris, Amsterdam, dem
Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.
Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu
sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in dieser
eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das große,
schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen Republik
umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das bedeuten?
Wo ist er, und wie kommt er dorthin?
Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft, das
Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem
traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur.
Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige
Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges,
Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere geschlagen,
zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle strenge
Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder
heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!
Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen
Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine Extrapost
zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt. Die
Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen im
Chor ein französisches Liedchen:
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison!
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Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
Pour combler mon amour
Faisons sur ma couchette
Ce que la nuit le jour
Chacun fait en cachette.
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison,
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:
Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie
den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten
Gassenhauer! sprach Ludwig.
Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte
Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein
Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit
ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht halten!
Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem Bock
wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.
Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß,
um die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das
schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen,
ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein
junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme:
»Oh mon Dieu! mon Dieu! Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell
Doorwerth.«
Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen
heraus schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon!
un Prince de Condé! und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft
zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im
gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht hinter
Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es war kein
Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als Freund des
Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte, derselbe, der,
wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind besucht hatte,
während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von Großbritannien und
Pour combler mon amour
Faisons sur ma couchette
Ce que la nuit le jour
Chacun fait en cachette.
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison,
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:
Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie
den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten
Gassenhauer! sprach Ludwig.
Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte
Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein
Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit
ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht halten!
Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem Bock
wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.
Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß,
um die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das
schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen,
ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein
junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme:
»Oh mon Dieu! mon Dieu! Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell
Doorwerth.«
Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen
heraus schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon!
un Prince de Condé! und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft
zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im
gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht hinter
Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es war kein
Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als Freund des
Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte, derselbe, der,
wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind besucht hatte,
während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von Großbritannien und
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Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit machte. Das Kind, das
Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen Augenblick gesehen,
dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben berührt, es war Sophie
gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche Sophie, Angé’s theuere
Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle diese Vorstellungen kaum
ausgedacht, so fuhr eine zweite Extrapostkutsche heran, neben dem
Kutscher saß ein Kammermädchen; aus dem Schlage wehte ein grüner
Schleier, ein Blick auf die im Wagen sitzende Dame und Ludwig schrie
Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!
Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb
stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig
vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den
Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O
Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr
drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im
Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten
Wagen nach.
Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend
auf und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem
Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die
Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte
der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher
mit einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte,
der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den Schlag,
und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es
wirklich?
Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie treffen
wir uns hier?
Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés?
Woher? Wohin?
Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in
Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin flieht,
ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner königlichen
Hoheit des Prinzen.
Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen Augenblick gesehen,
dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben berührt, es war Sophie
gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche Sophie, Angé’s theuere
Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle diese Vorstellungen kaum
ausgedacht, so fuhr eine zweite Extrapostkutsche heran, neben dem
Kutscher saß ein Kammermädchen; aus dem Schlage wehte ein grüner
Schleier, ein Blick auf die im Wagen sitzende Dame und Ludwig schrie
Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!
Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb
stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig
vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den
Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O
Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr
drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im
Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten
Wagen nach.
Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend
auf und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem
Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die
Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte
der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher
mit einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte,
der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den Schlag,
und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es
wirklich?
Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie treffen
wir uns hier?
Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés?
Woher? Wohin?
Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in
Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin flieht,
ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner königlichen
Hoheit des Prinzen.
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So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der Graf
erschüttert aus.
Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten
ihren Augen.
Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach
einer Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.
O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht
anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn
wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du mich
nicht so fragen!
Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach
einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann
unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?
Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre
Antwort.
Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein
Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und
dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen.
Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den
Augen zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend
seine Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich
Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht wahrhaft!
sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit hinzuopfern?
Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie schön ist sie noch!
Wie himmlisch, wie rührend schön!
Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, –
komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte
mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und
unablässig nach dir zu suchen.
Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem
Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte rastlose
erschüttert aus.
Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten
ihren Augen.
Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach
einer Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.
O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht
anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn
wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du mich
nicht so fragen!
Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach
einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann
unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?
Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre
Antwort.
Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein
Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und
dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen.
Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den
Augen zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend
seine Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich
Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht wahrhaft!
sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit hinzuopfern?
Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie schön ist sie noch!
Wie himmlisch, wie rührend schön!
Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, –
komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte
mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und
unablässig nach dir zu suchen.
Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem
Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte rastlose
Page 322
Reise sehr angriff, machte ein grämliches Gesicht, sie ließ also Ludwig
sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und Lächeln. –
Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus
einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf
einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der
Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug
durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln und
am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der
verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die
braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die
deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, damit
auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm gekleidete
herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der seinen Zopf
ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz Joseph Hollandinus
den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem Maler mannichfachen
Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher Gruppirung geboten.
Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit Zigeunern verkehrt
haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun, du schwarze Hexe!
Willst du mir nicht prophezeien?
Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in
deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte näher
heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im Dorfe
zerstreuen.
Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch
im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten, hast
viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht gram!
Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie, die ja
fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die Natur
hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel erleben!
Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr dienen! Sie
werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und geruhige Tage
haben, wirst steinalt werden.
Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll,
dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine
sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und Lächeln. –
Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus
einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf
einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der
Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug
durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln und
am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der
verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die
braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die
deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, damit
auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm gekleidete
herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der seinen Zopf
ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz Joseph Hollandinus
den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem Maler mannichfachen
Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher Gruppirung geboten.
Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit Zigeunern verkehrt
haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun, du schwarze Hexe!
Willst du mir nicht prophezeien?
Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in
deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte näher
heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im Dorfe
zerstreuen.
Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch
im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten, hast
viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht gram!
Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie, die ja
fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die Natur
hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel erleben!
Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr dienen! Sie
werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und geruhige Tage
haben, wirst steinalt werden.
Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll,
dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine
Page 323
Vogelscheuche und Nachteule!
Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die
Alte.
Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was
Gescheidtes! rief Grimm.
Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen
schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der
Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf!
Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer
weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter
ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, –
kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem
Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen,
Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt, das
Wort: Wir stammen aus Aegypten!
Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief
Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo
ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind,
geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland
Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß dir
wahrsagen!
Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand,
und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei
durchzumachen haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink
auf deinen Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das
Haus wird nicht dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand
kennt, der kann dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer
treu sein – treu wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig
Weiber können, ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!
Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.
Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.
Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die
Alte.
Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was
Gescheidtes! rief Grimm.
Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen
schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der
Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf!
Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer
weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter
ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, –
kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem
Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen,
Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt, das
Wort: Wir stammen aus Aegypten!
Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief
Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo
ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind,
geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland
Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß dir
wahrsagen!
Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand,
und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei
durchzumachen haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink
auf deinen Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das
Haus wird nicht dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand
kennt, der kann dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer
treu sein – treu wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig
Weiber können, ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!
Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.
Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.
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Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber
mach es kurz!
Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick
den ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und
bedeutungsvollen Ausdruck:
mach es kurz!
Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick
den ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und
bedeutungsvollen Ausdruck:
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Schweig und leid’ –
Es kommt die Zeit,
Da schweigen macht Leides queit! –
Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den
Endpunkt der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum
Wiesenthale der Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends
breitete sich zu Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779
neu erstandene herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig
und schön gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer
südlichen Seite das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein
Wasserspiegel wie Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die
sich durch die breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der
Landschaft.
Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick
entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben
gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie
bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren,
vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.
Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum
alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund, und
ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den Sie so
treulich pflegten!
Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr
verstimmt; Angés’ Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene
Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose
Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem
Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen
eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte
wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen
Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin
ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog?
Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht
und findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen
Es kommt die Zeit,
Da schweigen macht Leides queit! –
Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den
Endpunkt der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum
Wiesenthale der Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends
breitete sich zu Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779
neu erstandene herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig
und schön gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer
südlichen Seite das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein
Wasserspiegel wie Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die
sich durch die breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der
Landschaft.
Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick
entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben
gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie
bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren,
vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.
Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum
alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund, und
ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den Sie so
treulich pflegten!
Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr
verstimmt; Angés’ Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene
Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose
Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem
Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen
eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte
wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen
Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin
ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog?
Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht
und findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen
Page 326
gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in sich
selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und kräftig ihre
leuchtende Garbe in die Höhe treibt.
Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum
zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und ging
nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.
Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die
Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich
darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs
Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques
grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr Leonardus,
Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie sich so schnell
erholen würden. Waren doch recht herunter! Die verdammten Hunde die –
werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch nicht eine Spur von den
Canaillen zu entdecken gewesen!
Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor
gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter
ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an, –
hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes willen
vergeben müssen.
Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte der
Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte schmerzlich
über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen klopfte ängstlich
das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei diesem flüchtigen
Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht mittheilen? Sollte er ihr
dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg, wo sie Niemand hatte, der
mit freundlichen Worten des Trostes heilenden Balsam auf ihr wundes Herz
legte? – Aber durfte er es ihr denn verschweigen, durfte er die Grüße des
sterbenden Freundes, die ihm aufgetragen waren, unterschlagen? – Der
Kampf war bitter, der in ihm rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben:
Lieber Freund! Seine Hoheit, der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie –
die wäre hier nicht am Ort! Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!
Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft
eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich entgegen
selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und kräftig ihre
leuchtende Garbe in die Höhe treibt.
Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum
zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und ging
nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.
Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die
Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich
darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs
Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques
grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr Leonardus,
Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie sich so schnell
erholen würden. Waren doch recht herunter! Die verdammten Hunde die –
werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch nicht eine Spur von den
Canaillen zu entdecken gewesen!
Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor
gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter
ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an, –
hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes willen
vergeben müssen.
Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte der
Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte schmerzlich
über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen klopfte ängstlich
das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei diesem flüchtigen
Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht mittheilen? Sollte er ihr
dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg, wo sie Niemand hatte, der
mit freundlichen Worten des Trostes heilenden Balsam auf ihr wundes Herz
legte? – Aber durfte er es ihr denn verschweigen, durfte er die Grüße des
sterbenden Freundes, die ihm aufgetragen waren, unterschlagen? – Der
Kampf war bitter, der in ihm rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben:
Lieber Freund! Seine Hoheit, der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie –
die wäre hier nicht am Ort! Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!
Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft
eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich entgegen
Page 327
und verriegelte sogleich die Thüre.
Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil
wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles
Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen,
die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben
schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen Reise
aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde – darüber
können wir nichts berichten.
Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des
Prinzen trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine
Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso
rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés folgte,
drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte ihr nichts,
als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, seinen Sitz
einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie recht wohl,
mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl zu sehen! –
Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den Grund zurück,
Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem wehenden Tuche.
Ludwig stand wie betäubt.
Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe,
einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über seine
jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach Amsterdam
an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche Aufgabe, als deren
Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist des verklärten
Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen tiefempfundenen Brief
schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in England, die jetzt auf dem
Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine Stelle in diesem Briefe lautete:
»Mein Leben, o meine innigstverehrte Freundin, ist fast nichts als eine
Kette der schmerzlichsten Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich
fühle es, ein Stück vom Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich
nicht fürchten, am Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben
und den Menschen ein Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir
mein Herz so grausam nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon
so viel Leid tragen zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und
Jünglingsjahre flossen ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus
Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil
wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles
Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen,
die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben
schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen Reise
aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde – darüber
können wir nichts berichten.
Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des
Prinzen trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine
Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso
rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés folgte,
drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte ihr nichts,
als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, seinen Sitz
einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie recht wohl,
mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl zu sehen! –
Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den Grund zurück,
Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem wehenden Tuche.
Ludwig stand wie betäubt.
Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe,
einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über seine
jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach Amsterdam
an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche Aufgabe, als deren
Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist des verklärten
Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen tiefempfundenen Brief
schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in England, die jetzt auf dem
Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine Stelle in diesem Briefe lautete:
»Mein Leben, o meine innigstverehrte Freundin, ist fast nichts als eine
Kette der schmerzlichsten Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich
fühle es, ein Stück vom Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich
nicht fürchten, am Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben
und den Menschen ein Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir
mein Herz so grausam nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon
so viel Leid tragen zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und
Jünglingsjahre flossen ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus
Page 328
heiterem Himmel, die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit
herber Säure gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte.
Im Paradiese war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich
war aus ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an
meinen unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer
stehen vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das
Wohnzimmer der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das
eine, Schloß Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd
heimkehrender Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches
Gewimmel. Auch ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen
dorthin zurück, ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für
der Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der
theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem
Rücken an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben
Meister. Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und
zu Fuß, die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir
jener Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von
Kniphausen, des Wunderpokals, den i h r e Lippen für ewig weihten!
Dieses Kleinod möchte ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt,
nicht die Diamanten der reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt
es? Scheiden und Meiden.«
»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth,
von der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das
Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen Thürmen,
Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt es auf die
flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach der ihm
eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt am
Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine
Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort nicht
des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden von
Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«
»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen,
welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in
Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie umblühte es
der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten wandeln auf
diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den tiefsten Schmerz
herber Säure gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte.
Im Paradiese war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich
war aus ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an
meinen unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer
stehen vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das
Wohnzimmer der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das
eine, Schloß Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd
heimkehrender Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches
Gewimmel. Auch ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen
dorthin zurück, ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für
der Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der
theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem
Rücken an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben
Meister. Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und
zu Fuß, die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir
jener Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von
Kniphausen, des Wunderpokals, den i h r e Lippen für ewig weihten!
Dieses Kleinod möchte ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt,
nicht die Diamanten der reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt
es? Scheiden und Meiden.«
»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth,
von der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das
Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen Thürmen,
Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt es auf die
flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach der ihm
eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt am
Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine
Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort nicht
des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden von
Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«
»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen,
welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in
Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie umblühte es
der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten wandeln auf
diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den tiefsten Schmerz
Page 329
einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird es fortgehen, bis
ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich liebe, mehr um mich
haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben des Dunkelgrafen
verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug. Vom wackersten
Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten Freund mußte ich
begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich stets zittere, wenn
mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht wieder eine
Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt mich mein
dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein unseliger
Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und erst heute,
ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine Trennung sich
knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig leide ich mehr als
je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen würdigen und
erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir keinen schaffen,
das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung noch nicht
aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht weit suchen.«
»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich
erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus
der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten
Lebensweg Ihres
Ludwig.«
Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den
zehn Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem
Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete,
in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte
der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat mir
Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!
Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche
Abschiedskarten.
Graf Ludwig war abgereist.
Am nächsten Tage war er vergessen.
Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte
Schutzmannschaft, das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten
ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich liebe, mehr um mich
haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben des Dunkelgrafen
verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug. Vom wackersten
Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten Freund mußte ich
begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich stets zittere, wenn
mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht wieder eine
Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt mich mein
dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein unseliger
Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und erst heute,
ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine Trennung sich
knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig leide ich mehr als
je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen würdigen und
erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir keinen schaffen,
das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung noch nicht
aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht weit suchen.«
»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich
erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus
der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten
Lebensweg Ihres
Ludwig.«
Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den
zehn Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem
Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete,
in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte
der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat mir
Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!
Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche
Abschiedskarten.
Graf Ludwig war abgereist.
Am nächsten Tage war er vergessen.
Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte
Schutzmannschaft, das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten
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angerechnet, der den Grafen begleitet hatte, er empfing das volle
anerkennende Lob seines Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin,
wie einem treuen Diener ziemt.
Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen
Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie, wo er
Angés wiedergesehen hatte.
anerkennende Lob seines Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin,
wie einem treuen Diener ziemt.
Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen
Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie, wo er
Angés wiedergesehen hatte.
Page 331
Dritter Theil.
Das stille Schloß.
Motto:
Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
Der hier in dem Schlosse gehauset.
Goethe.
1. Eine Sterbestunde.
Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster
Monat, der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit
unheimlichen Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die
Schlösser erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten,
wurde zu Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der
Nordsee vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen.
Es regnete und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In
ihrem Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen,
Das stille Schloß.
Motto:
Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
Der hier in dem Schlosse gehauset.
Goethe.
1. Eine Sterbestunde.
Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster
Monat, der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit
unheimlichen Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die
Schlösser erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten,
wurde zu Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der
Nordsee vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen.
Es regnete und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In
ihrem Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen,
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aber immer noch körperkräftig und noch weniger verlassen von den Kräften
ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die sich
einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im leisen
Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen Mundes,
und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf
bewegten.
Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten
Salomo’s, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr
erkennen lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt.
Hier stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was
habe ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich
abgemüht, und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie
jener große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich
machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume
darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt
sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern den
Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das Land
beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für
dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch,
füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber
meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den
Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that auch
ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in Erz,
welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und was
wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen, werden
gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz
verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler,
wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles eitel,
ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte, und die
Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel und Jammer
und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O du hoher
Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte sah ich
verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes Besitzthum sah
ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit ich Andere
glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit, weit von mir
gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem jungen schönen
ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die sich
einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im leisen
Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen Mundes,
und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf
bewegten.
Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten
Salomo’s, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr
erkennen lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt.
Hier stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was
habe ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich
abgemüht, und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie
jener große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich
machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume
darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt
sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern den
Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das Land
beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für
dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch,
füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber
meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den
Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that auch
ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in Erz,
welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und was
wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen, werden
gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz
verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler,
wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles eitel,
ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte, und die
Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel und Jammer
und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O du hoher
Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte sah ich
verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes Besitzthum sah
ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit ich Andere
glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit, weit von mir
gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem jungen schönen
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Stern liebend nach, und drüben in Kniphausen bricht ein reines, edles Herz
an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer! Jammer! Und so werde ich
mit vollem Rechte sagen müssen mit dem Prediger: »Mich verdroß alle
meine Arbeit, die ich unter der Sonne hatte, daß ich dieselbe einem
Menschen lassen mußte, der nach mir sein soll. Denn wer weiß ob er weise
oder toll sein wird, und soll doch herrschen in aller meiner Arbeit!«
Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich
aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen, ist
auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die Gedanken
der Menschen, daß sie eitel sind.«
Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!
Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle
umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen
Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden
Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen ein;
es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär
Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel
hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte, wenig
paßte.
Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach
mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem Winke
Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die
Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns
heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue
aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte
Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die
wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des
regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten
ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich
gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen
zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel
und Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner
Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und hat
mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge
an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer! Jammer! Und so werde ich
mit vollem Rechte sagen müssen mit dem Prediger: »Mich verdroß alle
meine Arbeit, die ich unter der Sonne hatte, daß ich dieselbe einem
Menschen lassen mußte, der nach mir sein soll. Denn wer weiß ob er weise
oder toll sein wird, und soll doch herrschen in aller meiner Arbeit!«
Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich
aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen, ist
auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die Gedanken
der Menschen, daß sie eitel sind.«
Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!
Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle
umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen
Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden
Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen ein;
es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär
Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel
hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte, wenig
paßte.
Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach
mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem Winke
Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die
Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns
heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue
aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte
Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die
wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des
regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten
ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich
gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen
zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel
und Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner
Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und hat
mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge
Page 334
abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines
ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere
Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das
Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung
auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der
lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im
Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr
Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und
beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im
besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem
Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche
Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch,
meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu Stande
kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie zu
Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und mein
Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der
altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen
Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe
haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich fluthet
die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens dahin!
Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines
ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten
Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles
genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten
Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während
ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.
Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem
Zimmer in das anstoßende Gemach.
Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die
Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren
hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe
sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig
vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen,
wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen
künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei Lebzeiten
der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten werden,
ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere
Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das
Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung
auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der
lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im
Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr
Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und
beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im
besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem
Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche
Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch,
meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu Stande
kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie zu
Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und mein
Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der
altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen
Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe
haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich fluthet
die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens dahin!
Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines
ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten
Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles
genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten
Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während
ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.
Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem
Zimmer in das anstoßende Gemach.
Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die
Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren
hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe
sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig
vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen,
wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen
künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei Lebzeiten
der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten werden,
Page 335
dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht worden,
nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden Terminen,
14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem Tode der
Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen Güter
ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese Summe
solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei stehen,
ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch mit
Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen
Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde, damit
nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen
Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß
hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.
Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein
verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn
Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.
Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um
Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen,
daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des
regierenden Erbherrn.
Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel
einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung
alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die
Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz
übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt
ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des
hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und
vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und
übergeben, kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit
Doorwerth; auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine
Hochgeboren der regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als
Allodial-Güter handeln könne nach seinem Wohlgefallen.
Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der
Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu
Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt von
nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden Terminen,
14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem Tode der
Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen Güter
ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese Summe
solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei stehen,
ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch mit
Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen
Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde, damit
nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen
Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß
hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.
Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein
verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn
Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.
Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um
Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen,
daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des
regierenden Erbherrn.
Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel
einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung
alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die
Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz
übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt
ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des
hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und
vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und
übergeben, kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit
Doorwerth; auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine
Hochgeboren der regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als
Allodial-Güter handeln könne nach seinem Wohlgefallen.
Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der
Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu
Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt von
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mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus
nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig
anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten Stellen
wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht wirklich statt
der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco die
erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und baar
entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft bleibt doch
immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen oder kann
Hochderselbe nicht zahlen?
Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete
Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so
würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!
Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr
ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im
Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn
Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in
keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die
großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie es
verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren schon
vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir bestätigen
wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste Freund, Graf
Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von Portland? Und
nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen Herrn damals die
Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte, mit der dieser
ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen glaubte,
damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese Summe, die,
statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden, für politische
Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden können, denn sie wird
ja nicht einmal verzinst.
Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus,
die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und
Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?
Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon
ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu
nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig
anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten Stellen
wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht wirklich statt
der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco die
erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und baar
entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft bleibt doch
immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen oder kann
Hochderselbe nicht zahlen?
Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete
Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so
würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!
Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr
ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im
Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn
Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in
keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die
großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie es
verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren schon
vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir bestätigen
wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste Freund, Graf
Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von Portland? Und
nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen Herrn damals die
Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte, mit der dieser
ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen glaubte,
damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese Summe, die,
statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden, für politische
Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden können, denn sie wird
ja nicht einmal verzinst.
Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus,
die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und
Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?
Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon
ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu
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dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen
sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über
politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und will
die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne nenne
ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete, die der
Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne Ueberlegung
beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.
Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und
tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine Vaterlandsliebe,
keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das Herz in der Brust
unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf der geknechteten
Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um die hingemordete
Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des Vaterlandes!
Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College,
versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser
Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten keine
Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in toller
Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und diese
womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder waren es
Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte auf den
Köpfen behielten und einander den Titel B ü r g e r beilegten? Doch genug,
bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.
Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder
zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die
Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen
Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte
gährt und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als
wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also
sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die
Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung leisten
zu können?
Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau
Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend
Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung
sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über
politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und will
die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne nenne
ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete, die der
Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne Ueberlegung
beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.
Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und
tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine Vaterlandsliebe,
keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das Herz in der Brust
unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf der geknechteten
Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um die hingemordete
Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des Vaterlandes!
Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College,
versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser
Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten keine
Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in toller
Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und diese
womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder waren es
Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte auf den
Köpfen behielten und einander den Titel B ü r g e r beilegten? Doch genug,
bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.
Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder
zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die
Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen
Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte
gährt und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als
wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also
sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die
Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung leisten
zu können?
Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau
Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend
Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung
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und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit
Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco.
Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit
Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern
mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr,
innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit ist,
der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf
fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.
Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige
Herr sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese
Summe nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von
einem sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich
günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.
O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den
Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe in
der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun
Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! Bedenken
Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach sind Sie
nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist die Obligation
eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn? Auf welche
Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm
außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in
welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei,
und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen?
Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz hingearbeitet.
Dann sind wir die längste Zeit Herren in den Herrlichkeiten gewesen.
Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit Holstein.
Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle
erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt bedachter
Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich rathen, mit
dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und Alles einer
sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung anheim zu
geben.
Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco.
Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit
Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern
mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr,
innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit ist,
der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf
fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.
Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige
Herr sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese
Summe nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von
einem sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich
günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.
O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den
Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe in
der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun
Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! Bedenken
Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach sind Sie
nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist die Obligation
eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn? Auf welche
Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm
außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in
welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei,
und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen?
Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz hingearbeitet.
Dann sind wir die längste Zeit Herren in den Herrlichkeiten gewesen.
Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit Holstein.
Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle
erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt bedachter
Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich rathen, mit
dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und Alles einer
sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung anheim zu
geben.
Page 339
Concedo, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht’ es gleich, daß
wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige
Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie es
auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein Gerathewohl
hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen Schicht!
Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder
eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland,
Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden,
Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die
Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger
und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein einziges
Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich w i l l es meinem ältesten
Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum wird
nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?
Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es
völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen
stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und
verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des alten
Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der
Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung,
aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und über
triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.
O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung
ergriffen:
Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat
keinen Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten
anbefohlen, daß –
Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in
seiner Rede stockte.
Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre
Excellenz noch einmal zu sprechen.
Ottoline! Das arme Herz, ich hab’ es geahnt, sprach die Reichsgräfin
leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.
wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige
Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie es
auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein Gerathewohl
hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen Schicht!
Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder
eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland,
Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden,
Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die
Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger
und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein einziges
Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich w i l l es meinem ältesten
Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum wird
nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?
Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es
völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen
stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und
verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des alten
Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der
Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung,
aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und über
triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.
O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung
ergriffen:
Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat
keinen Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten
anbefohlen, daß –
Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in
seiner Rede stockte.
Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre
Excellenz noch einmal zu sprechen.
Ottoline! Das arme Herz, ich hab’ es geahnt, sprach die Reichsgräfin
leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.
Page 340
Aber Excellenz, rief Weißbrod bestürzt; das entsetzliche Wetter!
Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse
gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich
begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den Gefallen
zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene Quittung
mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der Haushofmeister es
vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen. Ihnen, meine
Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung ganz nach
Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu mit mir meinen,
aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst das hochweise
Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und weitschweifiger. Und
nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden, gar Nichts, nun will ich
nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir zu reden anfangen, ich
verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu, meine Herren!
Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen
Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu.
Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog
die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr
Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die
bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen
haben.
Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen
über Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach
Kniphausen dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die
hochbejahrte Frau, die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den
Wunsch einer dem Tode nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in
Schleier gehüllt und saß während der ganzen Fahrt still und regungslos im
Wagen. Vor ihr hatten Windt und dessen Schwester den Rücksitz
eingenommen. Da die Herrin nicht redete, wagten auch ihre Begleiter nicht
zu sprechen. Die Made war furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke
bedroht, jetzt zeigte sich formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß,
grau wie ein Gespensterhaus.
Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei
herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer
Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse
gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich
begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den Gefallen
zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene Quittung
mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der Haushofmeister es
vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen. Ihnen, meine
Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung ganz nach
Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu mit mir meinen,
aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst das hochweise
Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und weitschweifiger. Und
nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden, gar Nichts, nun will ich
nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir zu reden anfangen, ich
verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu, meine Herren!
Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen
Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu.
Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog
die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr
Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die
bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen
haben.
Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen
über Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach
Kniphausen dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die
hochbejahrte Frau, die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den
Wunsch einer dem Tode nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in
Schleier gehüllt und saß während der ganzen Fahrt still und regungslos im
Wagen. Vor ihr hatten Windt und dessen Schwester den Rücksitz
eingenommen. Da die Herrin nicht redete, wagten auch ihre Begleiter nicht
zu sprechen. Die Made war furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke
bedroht, jetzt zeigte sich formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß,
grau wie ein Gespensterhaus.
Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei
herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer
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sein Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde
und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des
Jahres 1799.
Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein trauriges
Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte, die
Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele hatten
verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche Sorge sehr
verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er hatte seine
Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und verletzendes
Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und ihrer idealen
Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem scharfen Blick
nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau, die erst während
seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und, obschon die Tochter
eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch ungemein viel
Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und unruhig machte. Es
war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.
Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab,
in welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand;
Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.
Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria
Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von
sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück
gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.
Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline
hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den
tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone
empor.
Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.
Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem
Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.
Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals
mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn
kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben Schwerter
und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des
Jahres 1799.
Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein trauriges
Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte, die
Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele hatten
verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche Sorge sehr
verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er hatte seine
Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und verletzendes
Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und ihrer idealen
Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem scharfen Blick
nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau, die erst während
seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und, obschon die Tochter
eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch ungemein viel
Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und unruhig machte. Es
war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.
Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab,
in welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand;
Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.
Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria
Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von
sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück
gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.
Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline
hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den
tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone
empor.
Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.
Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem
Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.
Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals
mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn
kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben Schwerter
Page 342
im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein Schwert der
Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der Hoffnungslosigkeit, ein
Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen – und nun – sind sie alle
von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz mehr – ich fühle mich
leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine Empfindung mehr.
Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin.
Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline: weil
ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle Banden
abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und sage es Ihnen,
und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn unendlich geliebt habe –
ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm, beste Großmutter – und er
soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so gern – ihm ein Andenken
geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus dem wir tranken – den ich
ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das wollte ich Ihnen sagen,
Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf Erden.
Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein
stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann
erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine
Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!
Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in
Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline
weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen männlichen
Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die Dienerschaft,
Alle still, leise schluchzend.
Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl
empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die ganze
Dienerschaft auf die Kniee sank.
Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie
verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln –
und über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst
sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte
sich der Friede Gottes.
Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der Hoffnungslosigkeit, ein
Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen – und nun – sind sie alle
von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz mehr – ich fühle mich
leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine Empfindung mehr.
Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin.
Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline: weil
ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle Banden
abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und sage es Ihnen,
und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn unendlich geliebt habe –
ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm, beste Großmutter – und er
soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so gern – ihm ein Andenken
geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus dem wir tranken – den ich
ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das wollte ich Ihnen sagen,
Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf Erden.
Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein
stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann
erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine
Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!
Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in
Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline
weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen männlichen
Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die Dienerschaft,
Alle still, leise schluchzend.
Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl
empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die ganze
Dienerschaft auf die Kniee sank.
Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie
verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln –
und über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst
sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte
sich der Friede Gottes.
Page 343
Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager
der Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über
sie schlug. –
Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer,
beide im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des
Schmerzes machen nicht gesprächig.
Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein.
Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!
Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr,
überrascht von diesem Worte.
Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und Beide
schwiegen wieder.
Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein.
Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte
Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.
Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?
Ich will meinen Falken mitnehmen!
Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die
Edelsteine Fideicommiß sind?
Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren
Verstorbenen desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines
Bruders Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient,
desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier, weil
er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre Freude hatte.
Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht mich und nicht
dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte, lieber Windt – das
Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen. Hier, mein guter Wilhelm!
Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung
über den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte,
Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem
der Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über
sie schlug. –
Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer,
beide im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des
Schmerzes machen nicht gesprächig.
Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein.
Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!
Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr,
überrascht von diesem Worte.
Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und Beide
schwiegen wieder.
Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein.
Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte
Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.
Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?
Ich will meinen Falken mitnehmen!
Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die
Edelsteine Fideicommiß sind?
Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren
Verstorbenen desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines
Bruders Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient,
desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier, weil
er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre Freude hatte.
Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht mich und nicht
dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte, lieber Windt – das
Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen. Hier, mein guter Wilhelm!
Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung
über den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte,
Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem
Page 344
Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen
Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger,
Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«.
Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken
mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.
2. Das Andenken.
Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen
Reisenden hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches
Vertrauen hatte ihn beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst
Sophie, das herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den
Herzog nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des
Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen, der
ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem
ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse kundigen
Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung seiner Lieben
an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze des Corps,
welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und dessen
Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der Präliminarfriede
von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die Verabschiedung
des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich nicht auflösen; da
erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine Einladung an das ganze
Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus. Der junge muthige
Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die Seele schwellte, blieb
als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze, leitete den Marsch durch
Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann stark, nach Volhynien, eilte nach
Petersburg, seine Angehörigen zu begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den
Grafen Ludwig für seine treue Anhänglichkeit und außergewöhnlichen
Dienstleistungen angemessen und durch eine entsprechende äußere Stellung
zu belohnen.
Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger,
Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«.
Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken
mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.
2. Das Andenken.
Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen
Reisenden hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches
Vertrauen hatte ihn beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst
Sophie, das herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den
Herzog nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des
Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen, der
ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem
ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse kundigen
Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung seiner Lieben
an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze des Corps,
welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und dessen
Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der Präliminarfriede
von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die Verabschiedung
des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich nicht auflösen; da
erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine Einladung an das ganze
Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus. Der junge muthige
Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die Seele schwellte, blieb
als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze, leitete den Marsch durch
Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann stark, nach Volhynien, eilte nach
Petersburg, seine Angehörigen zu begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den
Grafen Ludwig für seine treue Anhänglichkeit und außergewöhnlichen
Dienstleistungen angemessen und durch eine entsprechende äußere Stellung
zu belohnen.
Page 345
Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und sein Heer wieder unter die
Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische
Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben
und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und der
Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen
Lebens, hauptsächlich der Rücktritt des Kaisers Paul von Rußland von der
Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste, was
er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab
Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche
Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des
freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch
seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen
schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig
Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland zurück
und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die
Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen
zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller
Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr
doch auf die Dauer drückend geworden war.
Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und
blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung sich
gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr endlich
Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren noch
gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes
Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der Erinnerung
gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin anvertraut. Es war das
Bild der treuen Großmutter, der herrlichen Mutter, es war das Bild der
reizenden Ottoline und jenes der lieblichen Angés, es war der Kranz von
Bildern edler Menschen, die alle tiefen, wunderbaren und unvergänglichen
Eindruck auf sein Herz gemacht hatten, jede einzelne Persönlichkeit auf
verschiedene Weise, und alle einig in dem Bestreben, ihn zu beglücken.
Ottoline hatte ihn freilich so wenig mit reichen Gaben bedenken können,
wie Angés, aber sie hatte sein Herz mit hohen Empfindungen erfüllt; der
erste Strahl aus einem reinen Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine
Seele gefallen, hatte ihm seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem
fortan kein unreiner Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen
Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische
Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben
und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und der
Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen
Lebens, hauptsächlich der Rücktritt des Kaisers Paul von Rußland von der
Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste, was
er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab
Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche
Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des
freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch
seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen
schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig
Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland zurück
und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die
Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen
zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller
Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr
doch auf die Dauer drückend geworden war.
Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und
blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung sich
gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr endlich
Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren noch
gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes
Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der Erinnerung
gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin anvertraut. Es war das
Bild der treuen Großmutter, der herrlichen Mutter, es war das Bild der
reizenden Ottoline und jenes der lieblichen Angés, es war der Kranz von
Bildern edler Menschen, die alle tiefen, wunderbaren und unvergänglichen
Eindruck auf sein Herz gemacht hatten, jede einzelne Persönlichkeit auf
verschiedene Weise, und alle einig in dem Bestreben, ihn zu beglücken.
Ottoline hatte ihn freilich so wenig mit reichen Gaben bedenken können,
wie Angés, aber sie hatte sein Herz mit hohen Empfindungen erfüllt; der
erste Strahl aus einem reinen Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine
Seele gefallen, hatte ihm seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem
fortan kein unreiner Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen
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lernen, welchen Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in
ihr jenen wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus
alter Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen
unentweihten Gemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den
Gipfel reinster sittlicher Größe und Hoheit.
Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst den
herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu
bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren,
die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen sie
den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller innigen
Freundschaft den Andern liebte.
So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich
selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und ihren
Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser wie eine
Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung und
Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so getroffen,
daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin öffentlich erschien,
daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele den Antheil errathen
konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.
Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen
anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline;
er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und leicht
konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine würdige
Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete sogleich
in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich und seine
Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die Reichsgräfin
bedenklich erkrankt sei.
Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das
unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung.
Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach
Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen Schritt
weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach England
übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist. Derselbe hat mit
dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene Verträge
ihr jenen wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus
alter Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen
unentweihten Gemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den
Gipfel reinster sittlicher Größe und Hoheit.
Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst den
herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu
bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren,
die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen sie
den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller innigen
Freundschaft den Andern liebte.
So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich
selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und ihren
Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser wie eine
Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung und
Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so getroffen,
daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin öffentlich erschien,
daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele den Antheil errathen
konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.
Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen
anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline;
er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und leicht
konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine würdige
Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete sogleich
in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich und seine
Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die Reichsgräfin
bedenklich erkrankt sei.
Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das
unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung.
Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach
Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen Schritt
weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach England
übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist. Derselbe hat mit
dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene Verträge
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abgeschlossen für den zu erwartenden Todesfall der Frau Großmutter, und
geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen zuthut, so wird es
heißen: »Sie haben meine Kleider getheilt und um meinen Rock haben sie
das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben dies bereits gethan, denn
ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter uns gesagt, Herr Wippermann
hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen Austernkeller mitnahm und seine
sonst schwere Zunge mit Champagner löste; die Sache soll so abgekartet
sein, daß der Erbherr Varel und Kniphausen behält, so wie die Güter in
Holland, wenn er sie nämlich wieder bekommt, der Admiral aber die
Herrlichkeit Doorwerth mit allen ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen
und Weiden, Aeckern und Wiesen und auch ein hübsches Stück Busch;
dafür findet er den Grafen Johann Carl mit Geld ab und tritt in dessen
ganzes Erbrecht ein.
Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur
zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt er? wie
leben die Seinen? fragte Ludwig.
Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen,
Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich hatte
Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden.
Um Gott, welchen Fall?
Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin,
wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.
O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte
sein Gemüth.
Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben
durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat viel
und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre Frau
Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.
Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.
Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt,
wenn er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch
verdammen wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen,
geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen zuthut, so wird es
heißen: »Sie haben meine Kleider getheilt und um meinen Rock haben sie
das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben dies bereits gethan, denn
ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter uns gesagt, Herr Wippermann
hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen Austernkeller mitnahm und seine
sonst schwere Zunge mit Champagner löste; die Sache soll so abgekartet
sein, daß der Erbherr Varel und Kniphausen behält, so wie die Güter in
Holland, wenn er sie nämlich wieder bekommt, der Admiral aber die
Herrlichkeit Doorwerth mit allen ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen
und Weiden, Aeckern und Wiesen und auch ein hübsches Stück Busch;
dafür findet er den Grafen Johann Carl mit Geld ab und tritt in dessen
ganzes Erbrecht ein.
Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur
zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt er? wie
leben die Seinen? fragte Ludwig.
Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen,
Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich hatte
Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden.
Um Gott, welchen Fall?
Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin,
wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.
O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte
sein Gemüth.
Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben
durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat viel
und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre Frau
Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.
Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.
Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt,
wenn er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch
verdammen wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen,
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langes Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und
Seemannsnatur. – Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit
wird das Weitere lehren.
Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.
Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie, fünfundachtzig
Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen Hund aus der
Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den Wunsch der
sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer, nicht auf dem
Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner Schwester
auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden, reisten wir
hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause gekommen und
ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch nicht wieder über
dessen Pforte kommt.
Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster Windt!
seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein Hierherkommen, ich
wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder zuführen, die eine Verwandte
und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist, die auch schon hier war, und
jenes Kind, das Sie so liebevoll in Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie,
die jetzt eilf Jahre alt ist und noch Jemand.
Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie
gefunden, und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –?
Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich
gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit
Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte
mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief.
»Wir müssen alle ringen,
Des Kampfs bleibt Keiner frei;
Doch soll ein Sieg gelingen,
Frag’ nicht, ob schwer er sei.«
Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben
einander wie Bruder und Schwester.
Seemannsnatur. – Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit
wird das Weitere lehren.
Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.
Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie, fünfundachtzig
Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen Hund aus der
Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den Wunsch der
sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer, nicht auf dem
Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner Schwester
auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden, reisten wir
hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause gekommen und
ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch nicht wieder über
dessen Pforte kommt.
Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster Windt!
seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein Hierherkommen, ich
wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder zuführen, die eine Verwandte
und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist, die auch schon hier war, und
jenes Kind, das Sie so liebevoll in Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie,
die jetzt eilf Jahre alt ist und noch Jemand.
Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie
gefunden, und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –?
Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich
gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit
Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte
mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief.
»Wir müssen alle ringen,
Des Kampfs bleibt Keiner frei;
Doch soll ein Sieg gelingen,
Frag’ nicht, ob schwer er sei.«
Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben
einander wie Bruder und Schwester.
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Windt ließ die alte Reichsgräfin durch seine Schwester auf das
Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte
sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in der
That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und kräftigte; sie
konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit ihm zurufen: Sei
mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du heißersehnter
Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen alten
fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei, heilsamer als
Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich zusammenbrauen
läßt!
Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren
Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar
waren.
Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie
in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben
mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das
außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken
und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist?
Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste
Großmutter!
Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein
Lederfutteral herein.
Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und
Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu gönnen,
dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.
Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen
Kunstwerks strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr
vor Staunen.
Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.
Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft
werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach,
Ottoline!
Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte
sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in der
That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und kräftigte; sie
konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit ihm zurufen: Sei
mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du heißersehnter
Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen alten
fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei, heilsamer als
Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich zusammenbrauen
läßt!
Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren
Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar
waren.
Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie
in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben
mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das
außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken
und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist?
Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste
Großmutter!
Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein
Lederfutteral herein.
Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und
Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu gönnen,
dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.
Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen
Kunstwerks strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr
vor Staunen.
Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.
Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft
werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach,
Ottoline!
Page 350
Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es
dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und verschleudern,
wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und verschleudert
werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher verfügte. Dir – dir
hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!
Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel
Ludwig ein.
Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern
sollen ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du
– und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die
Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des
Vogels. Trinke dich gesund daraus, drink all ut!
Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen
griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch nicht,
vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.
Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob
der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen
Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war,
sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er ihr
von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch der
Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig, dann
sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir die Ehre
ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird mir dies
nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch gute Tage sah,
viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist wichtig. Sie wird
auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil ich ihren
Angehörigen Gutes erzeigte.
Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt
der Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von
Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen,
Ihnen das Kind zuzuführen.
Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und verschleudern,
wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und verschleudert
werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher verfügte. Dir – dir
hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!
Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel
Ludwig ein.
Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern
sollen ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du
– und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die
Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des
Vogels. Trinke dich gesund daraus, drink all ut!
Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen
griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch nicht,
vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.
Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob
der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen
Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war,
sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er ihr
von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch der
Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig, dann
sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir die Ehre
ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird mir dies
nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch gute Tage sah,
viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist wichtig. Sie wird
auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil ich ihren
Angehörigen Gutes erzeigte.
Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt
der Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von
Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen,
Ihnen das Kind zuzuführen.
Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
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Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war
Ludwig’s Antwort.
Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden
Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner
königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in einer
katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing.
Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu
bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die beiderseitigen Verhältnisse
sie sicherer stellen, und es sollen die nächsten Angehörigen nicht mehr
erfahren, als was sie bereits wissen, daß nämlich der Herzog und die
Prinzessin einander in untrennbarer Liebe angehören. Ueber die holde
Tochter soll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefste Schweigen
beobachtet werden.
Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so bitte
ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt
sie hier doch incognito?
Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte
Ludwig.
So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag
habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entferne
dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der Genius mir
die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte Großmutter, die dich
so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann bist du ganz
frei und die weite reiche Welt ist dein.
Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich
bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!
Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe
erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines
Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich sage
dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
Ludwig’s Antwort.
Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden
Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner
königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in einer
katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing.
Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu
bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die beiderseitigen Verhältnisse
sie sicherer stellen, und es sollen die nächsten Angehörigen nicht mehr
erfahren, als was sie bereits wissen, daß nämlich der Herzog und die
Prinzessin einander in untrennbarer Liebe angehören. Ueber die holde
Tochter soll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefste Schweigen
beobachtet werden.
Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so bitte
ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt
sie hier doch incognito?
Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte
Ludwig.
So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag
habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entferne
dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der Genius mir
die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte Großmutter, die dich
so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann bist du ganz
frei und die weite reiche Welt ist dein.
Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich
bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!
Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe
erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines
Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich sage
dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
Page 352
Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und
das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen
Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer
Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen
Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den
meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.
Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der
Wand geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein
schönes Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten
wandte sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem
Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite –
haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne
haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt
waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle!
Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann
führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen
noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die
Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu
besprechen, was keine Zeugen litt.
Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in
dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg
die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit Sophie
allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde Tochter,
küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne und erfülle,
was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!
Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne
eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.
Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende
Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst,
als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer
Olympierin. –
Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz
über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach: Wieder
das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen
Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer
Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen
Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den
meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.
Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der
Wand geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein
schönes Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten
wandte sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem
Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite –
haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne
haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt
waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle!
Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann
führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen
noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die
Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu
besprechen, was keine Zeugen litt.
Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in
dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg
die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit Sophie
allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde Tochter,
küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne und erfülle,
was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!
Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne
eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.
Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende
Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst,
als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer
Olympierin. –
Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz
über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach: Wieder
Page 353
eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich Katholik, so
würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um droben für
mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe und ehre, von
hinnen ziehn?
Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die
allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und
dich dennoch aufrecht halten müssen.
Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der
Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft blickte.
Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern, unter den
Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der Familien.
Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig, damit
nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll nicht
wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein Bruder
wider den anderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen, meine
lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch beschieden,
wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin, ohne erlebt zu
haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen Opfern und
Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; aber nein, die
wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse Feind die Saat
des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von Jever, Varel und
Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht Gewinn!
Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was
prophezeite sie sonst noch?
Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen
haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und
dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein
Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so
sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir
ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung.
Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im
achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein
einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«
würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um droben für
mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe und ehre, von
hinnen ziehn?
Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die
allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und
dich dennoch aufrecht halten müssen.
Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der
Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft blickte.
Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern, unter den
Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der Familien.
Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig, damit
nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll nicht
wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein Bruder
wider den anderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen, meine
lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch beschieden,
wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin, ohne erlebt zu
haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen Opfern und
Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; aber nein, die
wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse Feind die Saat
des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von Jever, Varel und
Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht Gewinn!
Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was
prophezeite sie sonst noch?
Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen
haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und
dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein
Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so
sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir
ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung.
Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im
achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein
einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«
Page 354
Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in
Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.
Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres,
herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war
Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der
edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
3. Das Gelübde.
Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen
und umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das
noch vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte.
Zum zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden
aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo
gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat
verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine
Wiederholung solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich
sicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten
Kirchenfürsten, der im Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester
und letzter vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz
aufgeschlagen hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten
Zeiten schon das Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt
hatte, Manchem eine gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte
und Freunde bei sich sah.
In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der
Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer und
Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige Landelin,
der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem Tode
Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben dem
Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der
Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.
Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres,
herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war
Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der
edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
3. Das Gelübde.
Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen
und umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das
noch vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte.
Zum zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden
aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo
gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat
verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine
Wiederholung solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich
sicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten
Kirchenfürsten, der im Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester
und letzter vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz
aufgeschlagen hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten
Zeiten schon das Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt
hatte, Manchem eine gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte
und Freunde bei sich sah.
In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der
Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer und
Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige Landelin,
der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem Tode
Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben dem
Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der
Page 355
Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das
große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von
den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt
gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg,
denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000
Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten
hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte
ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der
sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich mit
anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er nahte
Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen holden
Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals wieder
nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der Richtung
nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. Hier
begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das
fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war;
dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei
denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in
mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets
Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend
einer drohenden Gefahr umher.
Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er
liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland
zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine
Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des
Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und
ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser
führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der
Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England
begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn
jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen schützte
und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnessohn
fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein Verhängniß, und
er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens glücklichste Zeit,
füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem Vergnügen der Jagd aus, die
große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von
den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt
gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg,
denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000
Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten
hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte
ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der
sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich mit
anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er nahte
Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen holden
Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals wieder
nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der Richtung
nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. Hier
begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das
fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war;
dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei
denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in
mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets
Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend
einer drohenden Gefahr umher.
Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er
liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland
zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine
Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des
Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und
ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser
führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der
Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England
begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn
jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen schützte
und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnessohn
fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein Verhängniß, und
er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens glücklichste Zeit,
füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem Vergnügen der Jagd aus, die
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er leidenschaftlich liebte, gab sich der Lust am Gartenbau hin, unternahm
auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, kehrte aber stets mit neuer
Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein Denken und Empfinden geweiht war.
Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden
gekommen, dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte,
die dessen unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des
Herzogs besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein
noch größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt
hatte.
Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu
begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. So
sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so weniger
fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür
diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in
verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog war
so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte Arme
aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde durch
vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens umgewandelt.
Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und wie gern
verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen Fürsten.
In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur
ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als er
ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der tönende
Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die kleine
Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit und
Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren
ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne
schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß,
einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der
wie in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti
neigungweckende Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem
Herzen zum andern. Im Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich
dereinst zu sonnen, ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks,
dieser Gedanke bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den
äußeren Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen
auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, kehrte aber stets mit neuer
Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein Denken und Empfinden geweiht war.
Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden
gekommen, dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte,
die dessen unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des
Herzogs besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein
noch größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt
hatte.
Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu
begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. So
sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so weniger
fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür
diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in
verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog war
so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte Arme
aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde durch
vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens umgewandelt.
Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und wie gern
verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen Fürsten.
In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur
ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als er
ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der tönende
Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die kleine
Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit und
Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren
ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne
schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß,
einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der
wie in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti
neigungweckende Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem
Herzen zum andern. Im Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich
dereinst zu sonnen, ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks,
dieser Gedanke bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den
äußeren Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen
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beruhigend, vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte
unter günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen
werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem
Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen
war unermeßlich.
Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der
Habgier und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem
edlen und unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s
Meer herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen
des Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie
nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen
vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der
Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart?
Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein
unsichtbares Netz – sie hieß Verrath.
Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu
Wanstead in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.
Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten:
hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man
behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest,
Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein,
daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das Spiel
zu setzen.«
Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten
hinterbracht hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen
begann.
Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.
Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder
thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit liebevollster
Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den Gemahl in ihre
Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.
Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig:
Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn
unter günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen
werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem
Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen
war unermeßlich.
Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der
Habgier und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem
edlen und unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s
Meer herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen
des Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie
nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen
vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der
Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart?
Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein
unsichtbares Netz – sie hieß Verrath.
Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu
Wanstead in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.
Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten:
hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man
behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest,
Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein,
daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das Spiel
zu setzen.«
Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten
hinterbracht hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen
begann.
Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.
Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder
thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit liebevollster
Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den Gemahl in ihre
Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.
Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig:
Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn
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gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses,
verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und
es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine
Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit den
Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß ich
Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und völlig
lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! Wann war
England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich unterstützt
es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, die wir unser
geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das nicht fürchterlich? Mein
Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich besser. Er schreibt über den
ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht theile, aber daß die Gefahr mir
sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt er, »und vernachlässige keine
Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern, im Fall der erste Consul
beabsichtigten sollte, dich aufheben zu lassen.«
O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen
Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der Ufernähe des
Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!
Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch
weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die
Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen.
Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der
romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war,
sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler
des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den
Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut
Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.
An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und
Ludwig unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in
der Nähe von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer
von uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein
Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie
und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte
Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens,
die in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene
verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und
es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine
Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit den
Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß ich
Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und völlig
lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! Wann war
England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich unterstützt
es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, die wir unser
geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das nicht fürchterlich? Mein
Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich besser. Er schreibt über den
ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht theile, aber daß die Gefahr mir
sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt er, »und vernachlässige keine
Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern, im Fall der erste Consul
beabsichtigten sollte, dich aufheben zu lassen.«
O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen
Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der Ufernähe des
Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!
Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch
weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die
Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen.
Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der
romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war,
sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler
des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den
Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut
Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.
An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und
Ludwig unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in
der Nähe von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer
von uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein
Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie
und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte
Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens,
die in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene
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Verklärung, welche das erste Erwachen jungfräulicher Empfindungen
begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz
unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth
und Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge
dahin und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen
Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im
deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.
Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe,
doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte ihm
dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch schon ein
hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in seinem Schutz
dies Kleinod gern geborgen wissen.
Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen
Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell, von
dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen im
stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren
Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte
sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens
Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein
Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um
in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands
dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in
Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein
Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der
fromme Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock
beherrschte. Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als
Einsiedler nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon
kam zu Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die
neue Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann
zu ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.
Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres
Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so ergriff sie
diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die ihr selbst weiter
aufwärts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf erschreckte die Gefährten,
ja sie störte damit sogar die Andacht der Betenden, denn ein Paar Mönche
begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz
unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth
und Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge
dahin und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen
Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im
deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.
Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe,
doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte ihm
dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch schon ein
hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in seinem Schutz
dies Kleinod gern geborgen wissen.
Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen
Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell, von
dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen im
stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren
Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte
sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens
Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein
Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um
in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands
dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in
Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein
Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der
fromme Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock
beherrschte. Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als
Einsiedler nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon
kam zu Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die
neue Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann
zu ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.
Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres
Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so ergriff sie
diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die ihr selbst weiter
aufwärts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf erschreckte die Gefährten,
ja sie störte damit sogar die Andacht der Betenden, denn ein Paar Mönche
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in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr um; sie weckte auch Philipp’s
Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte, und mit raschen Schritten hinzu
trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig, in seiner Erzählung fortzufahren.
Philipp sah scharf nach den Mönchen, mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf
fuhr fort: An der Stelle, wo der fromme Landelin unter den Dolchen der
Meuchelmörder sein Leben verblutet hatte, entsprang ein Heilquell, welcher
Kranken zu wunderbarer Genesung verhalf. Die Gefährten des Märtyrers
trugen den entseelten Leichnam thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde
bestatteten. Die Stelle, wo Landelin starb, und die, wo er seine irdische
Ruhestätte gefunden hatte, wurden dem Volke bald heilig, des Blutzeugen
Märtyrtod und sein Wunder gewann den ganzen Gau für die Christuslehre.
Dieser Ort trägt von ihm den Namen Sanct Landelin, über dem
Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche, voll Gnadenbilder und
begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche siedelten sich hier an und
weilten in diesem Thale an den Ufern der Umlitz, wie der Thalbach in
früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten Hütten in der Nähe jenes
geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der Mönche erhielt der
allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und außerdem
entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem Wallfahrtsort das
Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den Gottesdienst in der
Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige Völkerkämpfe; die
Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und verheerten es, das
Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da geschah es, daß ein frommer
Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem Breisgau, im Jahr
siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde, und viel zur
Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag dazwischen
wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto, der Sohn
Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim gründete, durch
Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es, der Mönchszelle
aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen Landelin das
Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns in den
stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen Namen Etto als
Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto des Münsters erster Abt,
an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig Aebten, die durch gute und
böse Zeiten hindurch dieses Kloster regierten. Immer schlimmer wurden
indeß die bösen Zeiten und die guten hörten endlich ganz auf; der goldenen
und silbernen folgte die eiserne Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem
Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte, und mit raschen Schritten hinzu
trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig, in seiner Erzählung fortzufahren.
Philipp sah scharf nach den Mönchen, mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf
fuhr fort: An der Stelle, wo der fromme Landelin unter den Dolchen der
Meuchelmörder sein Leben verblutet hatte, entsprang ein Heilquell, welcher
Kranken zu wunderbarer Genesung verhalf. Die Gefährten des Märtyrers
trugen den entseelten Leichnam thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde
bestatteten. Die Stelle, wo Landelin starb, und die, wo er seine irdische
Ruhestätte gefunden hatte, wurden dem Volke bald heilig, des Blutzeugen
Märtyrtod und sein Wunder gewann den ganzen Gau für die Christuslehre.
Dieser Ort trägt von ihm den Namen Sanct Landelin, über dem
Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche, voll Gnadenbilder und
begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche siedelten sich hier an und
weilten in diesem Thale an den Ufern der Umlitz, wie der Thalbach in
früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten Hütten in der Nähe jenes
geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der Mönche erhielt der
allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und außerdem
entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem Wallfahrtsort das
Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den Gottesdienst in der
Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige Völkerkämpfe; die
Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und verheerten es, das
Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da geschah es, daß ein frommer
Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem Breisgau, im Jahr
siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde, und viel zur
Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag dazwischen
wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto, der Sohn
Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim gründete, durch
Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es, der Mönchszelle
aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen Landelin das
Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns in den
stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen Namen Etto als
Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto des Münsters erster Abt,
an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig Aebten, die durch gute und
böse Zeiten hindurch dieses Kloster regierten. Immer schlimmer wurden
indeß die bösen Zeiten und die guten hörten endlich ganz auf; der goldenen
und silbernen folgte die eiserne Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem
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Waffenlärm und ihrer Hab- und Raubsucht, wobei von den natürlichen
Schirm- und Schutzherrn, den Herren von Geroldseck einer nach dem
andern sich als Feinde des Klosters erwiesen und es mehr und mehr
verkürzten, bis mit dem Frieden von Lüneville dessen Aufhebung erfolgt
ist.
Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen
und wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und
keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung
die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der
Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch
umzusehen.
Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als
Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge
machte den Grafen betroffen.
Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.
Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da!
Ich hab’ ihn gesehen!
Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.
Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das
Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es gleich
wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden Mönche
war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die Geschichte von
dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der Kirche knieten. Wie
dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach Ihnen und den
Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer Schlange. Geben
Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten!
Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie
keineswegs leicht auf.
Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf; immer
wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du die
Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben, ich
werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd, ich
Schirm- und Schutzherrn, den Herren von Geroldseck einer nach dem
andern sich als Feinde des Klosters erwiesen und es mehr und mehr
verkürzten, bis mit dem Frieden von Lüneville dessen Aufhebung erfolgt
ist.
Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen
und wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und
keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung
die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der
Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch
umzusehen.
Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als
Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge
machte den Grafen betroffen.
Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.
Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da!
Ich hab’ ihn gesehen!
Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.
Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das
Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es gleich
wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden Mönche
war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die Geschichte von
dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der Kirche knieten. Wie
dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach Ihnen und den
Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer Schlange. Geben
Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten!
Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie
keineswegs leicht auf.
Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf; immer
wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du die
Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben, ich
werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd, ich
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werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung der
Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich an dir
kenne.
Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe
dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van
der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und
sollte es mich den Kopf kosten!
Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte
allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er
wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar
mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen
umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze
herübergeworfen wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch
warnte, an eine Gefahr nicht glaubte und nicht glauben wollte.
Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter,
daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die
leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und
betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement Aboncourt,
der Spion, gewesen sei.
Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden
Damen zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er
nach dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin
forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer
empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und
unumwunden nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners
mit, sondern brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von
andern Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und
gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß
französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale
verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein Schlag
gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite. Man
sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die in
diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen
Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten
Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich an dir
kenne.
Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe
dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van
der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und
sollte es mich den Kopf kosten!
Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte
allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er
wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar
mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen
umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze
herübergeworfen wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch
warnte, an eine Gefahr nicht glaubte und nicht glauben wollte.
Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter,
daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die
leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und
betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement Aboncourt,
der Spion, gewesen sei.
Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden
Damen zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er
nach dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin
forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer
empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und
unumwunden nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners
mit, sondern brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von
andern Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und
gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß
französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale
verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein Schlag
gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite. Man
sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die in
diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen
Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten
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Consuls den die Bourbons naturgemäß hassen mußten. Schon waren Thaten
geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht
an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich
glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor
sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.
Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren
flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für
denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von
Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es
sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung existire,
die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende zu machen
beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit verkleidet
zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche Ehren
erwiesen würden.
Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der
Stelle ihre Anstalten.
Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt, als
blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir auf
dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung vor aller
Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung das Vermögen
des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an dessen
rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig vom
Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies
durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt,
mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in
allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden handeln,
retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die Mutter, es für
Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist blind für die
Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln, Mutterpflicht
und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten sofort Alles zur
Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit Sophie, die ich nur
noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von Angés, Jacques und
Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort durchaus Herkunft und
Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den Herzog überzeugen und
bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und sich dem gefährlichen Netz
geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht
an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich
glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor
sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.
Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren
flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für
denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von
Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es
sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung existire,
die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende zu machen
beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit verkleidet
zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche Ehren
erwiesen würden.
Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der
Stelle ihre Anstalten.
Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt, als
blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir auf
dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung vor aller
Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung das Vermögen
des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an dessen
rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig vom
Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies
durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt,
mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in
allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden handeln,
retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die Mutter, es für
Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist blind für die
Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln, Mutterpflicht
und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten sofort Alles zur
Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit Sophie, die ich nur
noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von Angés, Jacques und
Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort durchaus Herkunft und
Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den Herzog überzeugen und
bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und sich dem gefährlichen Netz
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entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle herumspinnt. Säumen Sie nicht,
ich werde sogleich den Wagen senden und Sophie herüber holen lassen, für
die ich zittre. Ach, bester Graf, welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen
an! O, Himmel, und ich bin so ganz ohne Bürgschaft!
Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form
der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft!
Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle sie!
– Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee sank,
fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen Stunde zum
Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer Hoheit, ich jetzt
kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz eines deutschen Mannes,
und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut, meine Zukunft, mein
ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches Sie Ihre Tochter
nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich ernennen, wozu sie selbst
mich erwählt, Vater, Bruder, Freund, Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich
will um Sophien willen der Welt, ich will dem Leben entsagen, wenn dies
gefordert wird! Unter hundert Schleiern will ich sie verbergen, ihr
Geheimniß will ich bewahren, und wenn Sie, oder der erlauchte Vater es
nicht lösen, so soll keine Macht oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare
Macht des Todes das dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen
schließt. Ich weiß, Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin
unabhängig, bin durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und
– daß ich es sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht,
richten Sie nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!
Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre
Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot,
ihn emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten
Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und
festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir
Sophie, daß ich Sie Beide segne. –
Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in
seiner Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angés nach
der Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf
nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem
Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können.
ich werde sogleich den Wagen senden und Sophie herüber holen lassen, für
die ich zittre. Ach, bester Graf, welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen
an! O, Himmel, und ich bin so ganz ohne Bürgschaft!
Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form
der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft!
Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle sie!
– Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee sank,
fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen Stunde zum
Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer Hoheit, ich jetzt
kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz eines deutschen Mannes,
und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut, meine Zukunft, mein
ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches Sie Ihre Tochter
nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich ernennen, wozu sie selbst
mich erwählt, Vater, Bruder, Freund, Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich
will um Sophien willen der Welt, ich will dem Leben entsagen, wenn dies
gefordert wird! Unter hundert Schleiern will ich sie verbergen, ihr
Geheimniß will ich bewahren, und wenn Sie, oder der erlauchte Vater es
nicht lösen, so soll keine Macht oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare
Macht des Todes das dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen
schließt. Ich weiß, Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin
unabhängig, bin durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und
– daß ich es sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht,
richten Sie nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!
Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre
Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot,
ihn emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten
Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und
festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir
Sophie, daß ich Sie Beide segne. –
Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in
seiner Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angés nach
der Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf
nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem
Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können.
Page 365
Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Gefahr ihnen
Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter, ihr
Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von dem
liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es wolle,
ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde.
Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter
Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine
gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen wird,
werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne und
ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als ich noch
ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und zu Schloß
Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise nach Rußland
mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm so viel, daß
ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für alles Das zu
lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.
Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu
leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die
Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in
aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns
wieder! Gott gebe bald, recht bald!
Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im
Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.
Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war
still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und
Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch
höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war nebelgrau
umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der Stadt, als eile
er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde zu Felde zieht, seine
Mühlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wässernd zu befruchten. Alles
war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei Wagen sollten die
Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf, Sophie und Angés, im
zweiten die Dienerschaft fahren.
Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu
Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das
Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter, ihr
Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von dem
liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es wolle,
ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde.
Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter
Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine
gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen wird,
werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne und
ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als ich noch
ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und zu Schloß
Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise nach Rußland
mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm so viel, daß
ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für alles Das zu
lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.
Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu
leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die
Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in
aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns
wieder! Gott gebe bald, recht bald!
Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im
Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.
Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war
still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und
Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch
höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war nebelgrau
umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der Stadt, als eile
er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde zu Felde zieht, seine
Mühlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wässernd zu befruchten. Alles
war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei Wagen sollten die
Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf, Sophie und Angés, im
zweiten die Dienerschaft fahren.
Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu
Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das
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Rückwärtsfahren nicht gut zu vertragen, und was sie sonst für Vorwände zur
Hand nahm; der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte
Sophie jetzt einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten
Eltern der Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke
im Leben, wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte
stört.
Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie
eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten
Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo
nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter
Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden Aufschrei
überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen ausgestoßen
wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen durchdrang,
welche ihn vernahmen.
4. Katastrophen.
Der anbrechende Morgen war trüb und düster, und über der Straße, die
durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen schwere Nebel, die an
den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe
Stimmung, und der heutige entsprach außerdem noch so ganz der Lage der
Reisenden. Sophie war still und ergeben, sie fühlte sich geschützt, einer
drohenden Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre
Gedanken kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen
müssen; ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen
Wiedersehens.
Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte sich stolz
und mächtig gehoben in dem Gedanken, daß Sophie ihm nun so unerwartet
schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelübdes, und schwur
sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte,
ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der ersten Stunde seines Alleinseins
mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich für beide ziemte.
Hand nahm; der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte
Sophie jetzt einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten
Eltern der Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke
im Leben, wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte
stört.
Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie
eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten
Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo
nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter
Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden Aufschrei
überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen ausgestoßen
wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen durchdrang,
welche ihn vernahmen.
4. Katastrophen.
Der anbrechende Morgen war trüb und düster, und über der Straße, die
durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen schwere Nebel, die an
den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe
Stimmung, und der heutige entsprach außerdem noch so ganz der Lage der
Reisenden. Sophie war still und ergeben, sie fühlte sich geschützt, einer
drohenden Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre
Gedanken kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen
müssen; ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen
Wiedersehens.
Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte sich stolz
und mächtig gehoben in dem Gedanken, daß Sophie ihm nun so unerwartet
schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelübdes, und schwur
sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte,
ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der ersten Stunde seines Alleinseins
mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich für beide ziemte.
Page 367
Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, ist, daß Sie mir erlauben
wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unsere
vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der
späteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine
Königin, ich werde Sorge tragen, daß diese Ehrerbietung von Allen
ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie
nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort würde nur die argwöhnische
Neugier wecken. Sie müssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor
den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben
gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine große Last, die das Schicksal
einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche Lebensfreude, auf
welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anspruch haben, wird Ihnen versagt
bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel es möglich ist, zu
entschädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit diese Fessel auch wieder
von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der erlauchten Eltern wieder
in die Welt treten und die Huldigungen empfangen, welche Ihnen gebühren.
Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den,
mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies geschieht,
werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie mir
anbefehlen.
Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber
jede der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben.
Ihre Wünsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein
Vater oder meine Mutter dieselben mir an’s Herz legten. –
Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es
langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob
der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés
Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er hätte gerne ihre
Stimme gehört, sich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war ihm
nicht möglich, ganz ohne Befangenheit mit dem fürstlichen Kinde zu
sprechen, und sich gleich völlig in das ihm so neue Verhältniß hinein zu
finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so sehr
hielt die höchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab, Sophien schon
jetzt diese glühende Neigung zu offenbaren.
wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unsere
vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der
späteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine
Königin, ich werde Sorge tragen, daß diese Ehrerbietung von Allen
ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie
nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort würde nur die argwöhnische
Neugier wecken. Sie müssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor
den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben
gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine große Last, die das Schicksal
einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche Lebensfreude, auf
welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anspruch haben, wird Ihnen versagt
bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel es möglich ist, zu
entschädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit diese Fessel auch wieder
von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der erlauchten Eltern wieder
in die Welt treten und die Huldigungen empfangen, welche Ihnen gebühren.
Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den,
mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies geschieht,
werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie mir
anbefehlen.
Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber
jede der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben.
Ihre Wünsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein
Vater oder meine Mutter dieselben mir an’s Herz legten. –
Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es
langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob
der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés
Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er hätte gerne ihre
Stimme gehört, sich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war ihm
nicht möglich, ganz ohne Befangenheit mit dem fürstlichen Kinde zu
sprechen, und sich gleich völlig in das ihm so neue Verhältniß hinein zu
finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so sehr
hielt die höchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab, Sophien schon
jetzt diese glühende Neigung zu offenbaren.
Page 368
Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel
eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die
benachbarten Berggipfel erkennen ließ.
An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die
Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu
lassen, und da glücklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine
Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese
Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe.
Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden
Wagen verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und sie auf Sophiens
Wunsch zu ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen.
Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu
seiner Bestürzung, daß es eine völlig fremde Kutsche sei. Er rief den
Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepäck und vier Pferden
überholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmüthige Schwarzwälder
Physiognomie, schüttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt,
ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches einige
Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten.
Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener
zweite Wagen nicht nachkam – er sah die Zögerung des Postillons nicht
ungern, hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den
zurückgelegten Weg, so weit dieser sich überschauen ließ, und immer
vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter.
Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer
Aufenthalt – der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden
einstweilen frische Pferde für ihn bestellt und dem zurückreitenden
Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen.
So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen
um’s Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen räthselhaften Aufenthalt
veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig
so verheißungsreich begonnen, sank ihm sehr trübe, seine Verlegenheit
mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden über
Angés’ Laune, wie er es nannte, und mußte doch diesen Unwillen vor
eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die
benachbarten Berggipfel erkennen ließ.
An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die
Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu
lassen, und da glücklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine
Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese
Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe.
Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden
Wagen verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und sie auf Sophiens
Wunsch zu ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen.
Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu
seiner Bestürzung, daß es eine völlig fremde Kutsche sei. Er rief den
Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepäck und vier Pferden
überholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmüthige Schwarzwälder
Physiognomie, schüttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt,
ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches einige
Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten.
Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener
zweite Wagen nicht nachkam – er sah die Zögerung des Postillons nicht
ungern, hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den
zurückgelegten Weg, so weit dieser sich überschauen ließ, und immer
vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter.
Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer
Aufenthalt – der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden
einstweilen frische Pferde für ihn bestellt und dem zurückreitenden
Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen.
So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen
um’s Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen räthselhaften Aufenthalt
veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig
so verheißungsreich begonnen, sank ihm sehr trübe, seine Verlegenheit
mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden über
Angés’ Laune, wie er es nannte, und mußte doch diesen Unwillen vor
Page 369
Sophie unterdrücken, durfte die noch Ahnungslose nicht schrecken und mit
seinen Befürchtungen ängstigen.
Tübingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast
gehalten werden sollte, und Ludwig’s Verlegenheit wuchs mit jeder Minute.
Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie, die von
Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war?
Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet
werde, die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen
Reisebegleitung forschen und nöthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim
weiter befördert werden sollte, wenn keine Spur sich fände.
Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und
rief zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah,
daß der Wagen sogleich kommen werde.
Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut
des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der
langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestüm eilte Ludwig die
Treppe hinunter, um Angés selbst aus dem Wagen zu heben.
Philipp war bereits von seinem Außensitz herabgesprungen, sein sonst so
frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem
Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag, – Sophie Botta, die
Dienerin, stieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacques folgte – Angés
fehlte.
Was ist das? Wo ist Angés? fragte Ludwig erschrocken.
Philipp antwortete: Ach, bester gnädiger Herr! Ach das Unglück!
Kommen Sie in das Haus!
Der Graf eilte in raschen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp, ihm
sogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zimmers, in welches sie
abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein
Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist’s mit Angés? Wo habt ihr
sie gelassen?
seinen Befürchtungen ängstigen.
Tübingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast
gehalten werden sollte, und Ludwig’s Verlegenheit wuchs mit jeder Minute.
Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie, die von
Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war?
Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet
werde, die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen
Reisebegleitung forschen und nöthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim
weiter befördert werden sollte, wenn keine Spur sich fände.
Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und
rief zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah,
daß der Wagen sogleich kommen werde.
Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut
des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der
langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestüm eilte Ludwig die
Treppe hinunter, um Angés selbst aus dem Wagen zu heben.
Philipp war bereits von seinem Außensitz herabgesprungen, sein sonst so
frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem
Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag, – Sophie Botta, die
Dienerin, stieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacques folgte – Angés
fehlte.
Was ist das? Wo ist Angés? fragte Ludwig erschrocken.
Philipp antwortete: Ach, bester gnädiger Herr! Ach das Unglück!
Kommen Sie in das Haus!
Der Graf eilte in raschen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp, ihm
sogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zimmers, in welches sie
abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein
Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist’s mit Angés? Wo habt ihr
sie gelassen?
Page 370
Ach, erschrecken Sie nur nicht allzusehr, gnädiger Herr! stammelte
Philipp. Ach, der liebe gute Engel!
Angés! schrie der Graf: was ist’s mit ihr?
Sie ist nicht mehr – sie ist todt – schändlich ermordet!
Todt? Ermordet, sagst du?
Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp.
Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die
Prinzessin diese hörte, öffnete sie wieder die Thüre und ließ sie zu sich
eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer Nachricht
erschüttert, die ihr das Blut erstarren machte.
Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhängenden
Erzählung des Ereignisses von Seiten Philipp’s kam.
Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen
des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer saß bereits auf dem Rücksitze,
Angés wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch einen
Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den Kutschersitz
nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fuß auf die
Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, höre ich einen entsetzlichen
Schrei, sehe Angés sinken, während eine Gestalt wie ein Schatten um die
Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer fallen, schreie Jacques
zu: Helft dort! und stürze dem Schatten nach, dort prasselt ein aufgestellter
Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen auf mich – aber mich hält nichts
zurück, jetzt hart an der Ferse bin ich ihm – es war eine dunkle Gestalt – sie
will über einen Zaun – verfängt sich in der Kutte, wendet sich – ratz! reißt
die Kutte in Fetzen, und auf mich stürzt’s und ich hab’ einen wüthenden
Stich in der linken Schulter. Da pack’ ich die Hand und breche sie am
Gelenke ab, – sie kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch
gekrallt. – Ich trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoße
ihn gegen eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm
ausgeht. Nieder werf’ ich ihn, mit Füßen tret’ ich ihn, an den Haaren
schleif’ ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht – wo
Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und laut
um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Postillons springen von ihren
Philipp. Ach, der liebe gute Engel!
Angés! schrie der Graf: was ist’s mit ihr?
Sie ist nicht mehr – sie ist todt – schändlich ermordet!
Todt? Ermordet, sagst du?
Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp.
Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die
Prinzessin diese hörte, öffnete sie wieder die Thüre und ließ sie zu sich
eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer Nachricht
erschüttert, die ihr das Blut erstarren machte.
Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhängenden
Erzählung des Ereignisses von Seiten Philipp’s kam.
Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen
des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer saß bereits auf dem Rücksitze,
Angés wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch einen
Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den Kutschersitz
nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fuß auf die
Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, höre ich einen entsetzlichen
Schrei, sehe Angés sinken, während eine Gestalt wie ein Schatten um die
Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer fallen, schreie Jacques
zu: Helft dort! und stürze dem Schatten nach, dort prasselt ein aufgestellter
Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen auf mich – aber mich hält nichts
zurück, jetzt hart an der Ferse bin ich ihm – es war eine dunkle Gestalt – sie
will über einen Zaun – verfängt sich in der Kutte, wendet sich – ratz! reißt
die Kutte in Fetzen, und auf mich stürzt’s und ich hab’ einen wüthenden
Stich in der linken Schulter. Da pack’ ich die Hand und breche sie am
Gelenke ab, – sie kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch
gekrallt. – Ich trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoße
ihn gegen eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm
ausgeht. Nieder werf’ ich ihn, mit Füßen tret’ ich ihn, an den Haaren
schleif’ ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht – wo
Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und laut
um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Postillons springen von ihren
Page 371
Pferden, die Jungfer stürzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen herbei –
ach, was half das Alles? Angés war starr und kalt – von einem Dolchstoß
mitten ins Herz getroffen – der Mörder mußte sich hinter dem Wagen
versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst abgerissen
haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke seinen sicheren
Stoß geführt.
Das Unglück war da, das große, entsetzliche Unglück. Nach dem
Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd’armen wurde gerufen, die ganze
Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder – Angés
war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt – ach, wer hätte eine
solche Rückkehr geahnt! – Es wurde heller Tag – das Volk sah nicht die
ermordete Angés, den Mönch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist
erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde
abzuspannen. Jetzt sah ich erst, daß ich selbst beträchtlich blutete, es wurde
mir ganz elend – ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab. Ein
Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur – des
drängenden Volkes wurde immer mehr – sie wollten den Leichnam des
Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden
vernahm – da stieß ich den Bader zurück und schrie: Den Hund, den
Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger
gehört er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet ihr
euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut her! –
Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell genug, daß
jeder sehen konnte, daß der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein Pater? Ein
französischer Spion ist’s, wenn ihr’s wissen wollt!
Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschüttert
aus.
Nein, gnädiger Herr, – der war es nicht, aber der Spießgeselle, der mit
ihm ging, auf alle Fälle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus den
Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft – da man an mir Blut sah,
und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mörder des Mörders sein, –
und schlecht genug wär’ es mir auch sicherlich ergangen, wenn der Kerl
wirklich todt gewesen wäre; aber mit Einemmale fing er an, Gesichter zu
schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie eine Katze, die
man heute dreimal todt schlägt, und übermorgen läuft sie wieder auf dem
ach, was half das Alles? Angés war starr und kalt – von einem Dolchstoß
mitten ins Herz getroffen – der Mörder mußte sich hinter dem Wagen
versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst abgerissen
haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke seinen sicheren
Stoß geführt.
Das Unglück war da, das große, entsetzliche Unglück. Nach dem
Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd’armen wurde gerufen, die ganze
Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder – Angés
war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt – ach, wer hätte eine
solche Rückkehr geahnt! – Es wurde heller Tag – das Volk sah nicht die
ermordete Angés, den Mönch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist
erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde
abzuspannen. Jetzt sah ich erst, daß ich selbst beträchtlich blutete, es wurde
mir ganz elend – ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab. Ein
Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur – des
drängenden Volkes wurde immer mehr – sie wollten den Leichnam des
Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden
vernahm – da stieß ich den Bader zurück und schrie: Den Hund, den
Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger
gehört er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet ihr
euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut her! –
Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell genug, daß
jeder sehen konnte, daß der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein Pater? Ein
französischer Spion ist’s, wenn ihr’s wissen wollt!
Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschüttert
aus.
Nein, gnädiger Herr, – der war es nicht, aber der Spießgeselle, der mit
ihm ging, auf alle Fälle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus den
Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft – da man an mir Blut sah,
und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mörder des Mörders sein, –
und schlecht genug wär’ es mir auch sicherlich ergangen, wenn der Kerl
wirklich todt gewesen wäre; aber mit Einemmale fing er an, Gesichter zu
schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie eine Katze, die
man heute dreimal todt schlägt, und übermorgen läuft sie wieder auf dem
Page 372
First des höchsten Daches, als wäre ihr nichts geschehen. Er wurde sogleich
mit Stricken geschnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir wollten Ihnen nun
nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen – die Postillone spannten
wieder an, aber sie mußten dennoch zurück. Die Polizei bestand darauf, daß
wir mit nach der Stadt fuhren, um dem Gericht über Alles Aufschlüsse zu
geben. Daraus entstand der endlos lange Aufenthalt – da mußte Alles an den
Tag, wer wir seien, woher wir kämen, wohin wir wollten und wer den
Mörder so übel zugerichtet habe? – Ich sagte, daß er mich gestochen und
daß ich mich zur Wehre gesetzt habe. Was der Nichtswürdige aussagte,
habe ich nicht erfahren, ich drängte zur Eile – die Zofe lief von einem
Polizeisoldaten begleitet, zu einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir
freigelassen wurden und fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der
Vergeltung nicht entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um’s Herz über
der unschuldigen Frau Angés’ Tod, die wir noch einmal sahen, und die so
überirdisch schön da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem – so plötzlich
dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben!
Welch’ ein Schmerz für Ludwig wie für seine Schutzbefohlene!
Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit
dem heutigen Tage für Beide angebrochen war – das war eine schwere
Prüfung, eine finstere Vorbedeutung.
Der Graf ließ Philipp sogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war
übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart
und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber am
andern Morgen bei sehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den Befehlen
seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte sogleich mit
Extrapost zurückfahren und Angés’ Leichenbestattung in ehrenvoller
angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde vom
Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner Kindheit und
Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thränen nicht versagte, ja ganz
außer sich war über alle die Betrübniß, die auf sein Herz einstürmte.
Daß die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur
der Umstände; düstere Wehmuthschatten umwölkten die Stimmung der
Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und Sophie
bei diesem plötzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer gemeinsamen
mit Stricken geschnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir wollten Ihnen nun
nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen – die Postillone spannten
wieder an, aber sie mußten dennoch zurück. Die Polizei bestand darauf, daß
wir mit nach der Stadt fuhren, um dem Gericht über Alles Aufschlüsse zu
geben. Daraus entstand der endlos lange Aufenthalt – da mußte Alles an den
Tag, wer wir seien, woher wir kämen, wohin wir wollten und wer den
Mörder so übel zugerichtet habe? – Ich sagte, daß er mich gestochen und
daß ich mich zur Wehre gesetzt habe. Was der Nichtswürdige aussagte,
habe ich nicht erfahren, ich drängte zur Eile – die Zofe lief von einem
Polizeisoldaten begleitet, zu einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir
freigelassen wurden und fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der
Vergeltung nicht entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um’s Herz über
der unschuldigen Frau Angés’ Tod, die wir noch einmal sahen, und die so
überirdisch schön da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem – so plötzlich
dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben!
Welch’ ein Schmerz für Ludwig wie für seine Schutzbefohlene!
Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit
dem heutigen Tage für Beide angebrochen war – das war eine schwere
Prüfung, eine finstere Vorbedeutung.
Der Graf ließ Philipp sogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war
übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart
und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber am
andern Morgen bei sehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den Befehlen
seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte sogleich mit
Extrapost zurückfahren und Angés’ Leichenbestattung in ehrenvoller
angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde vom
Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner Kindheit und
Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thränen nicht versagte, ja ganz
außer sich war über alle die Betrübniß, die auf sein Herz einstürmte.
Daß die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur
der Umstände; düstere Wehmuthschatten umwölkten die Stimmung der
Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und Sophie
bei diesem plötzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer gemeinsamen
Page 373
Freundin empfanden, näherte ihre Herzen einander mehr, als die hellsten
Freudentage vermocht hätten.
Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst
zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen.
Die Fürstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war
abwesend, unsere Reisenden waren also auf sich allein beschränkt, die
äußerste Zurückhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens;
sie verließ, erschreckt und eingeschüchtert durch jenen schauderhaften
Mord an ihrer geliebten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es
sein, die der Dolch des Mörders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht
möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermögen
trachteten, mit Mörderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu
schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild mit
den düstersten Farben aus.
Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgesendet; für den
anderen kaufte er ein schönes Rossepaar und fuhr häufig mit der Prinzessin
spazieren, welche stets verschleiert neben ihm saß. Bisweilen lustwandelte
sie auch am Arm ihres Beschützers, ebenfalls tief verschleiert, und Alles an
ihnen ließ die Einwohner des Städtchens errathen, daß der fremde Herr wie
die fremde Dame den höchsten Gesellschaftskreisen angehörten. Die
Ingelfinger waren gerade so neugierig wie alle andern Kleinstädter im
lieben deutschen Vaterlande, zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer dieses
so geheimnißvolle Paar sein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas
über dasselbe zu erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und
Auskunft dafür, und bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über
das fremde Liebespaar.
Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig’s Herz sorgenbelastet und
schwer, denn er fühlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das Leben
so freundlich knüpft und in einander verschlingt. Wen hatte er denn noch
draußen in der Welt, seit auch Angés ihm entrissen war? Nur noch das Herz
einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die Verhältnisse verboten;
doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm aufrichtigen Antheil an
des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den eigenen Verwandten war
der Graf außer Verbindung gekommen, sie sahen seine Abwesenheit nicht
ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der Großmutter gefragt, ob Ludwig
Freudentage vermocht hätten.
Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst
zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen.
Die Fürstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war
abwesend, unsere Reisenden waren also auf sich allein beschränkt, die
äußerste Zurückhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens;
sie verließ, erschreckt und eingeschüchtert durch jenen schauderhaften
Mord an ihrer geliebten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es
sein, die der Dolch des Mörders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht
möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermögen
trachteten, mit Mörderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu
schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild mit
den düstersten Farben aus.
Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgesendet; für den
anderen kaufte er ein schönes Rossepaar und fuhr häufig mit der Prinzessin
spazieren, welche stets verschleiert neben ihm saß. Bisweilen lustwandelte
sie auch am Arm ihres Beschützers, ebenfalls tief verschleiert, und Alles an
ihnen ließ die Einwohner des Städtchens errathen, daß der fremde Herr wie
die fremde Dame den höchsten Gesellschaftskreisen angehörten. Die
Ingelfinger waren gerade so neugierig wie alle andern Kleinstädter im
lieben deutschen Vaterlande, zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer dieses
so geheimnißvolle Paar sein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas
über dasselbe zu erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und
Auskunft dafür, und bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über
das fremde Liebespaar.
Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig’s Herz sorgenbelastet und
schwer, denn er fühlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das Leben
so freundlich knüpft und in einander verschlingt. Wen hatte er denn noch
draußen in der Welt, seit auch Angés ihm entrissen war? Nur noch das Herz
einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die Verhältnisse verboten;
doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm aufrichtigen Antheil an
des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den eigenen Verwandten war
der Graf außer Verbindung gekommen, sie sahen seine Abwesenheit nicht
ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der Großmutter gefragt, ob Ludwig
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nicht auch Ansprüche oder Wünsche habe, und er selbst hielt sich in stolzer
Zurückhaltung von den Verhandlungen über das großmütterliche Erbe
ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Briefe Windt’s las,
die ihn in seiner Einsamkeit auffanden.
»Für mich gibt es jetzt,« schrieb ihm einst der alte Freund: »alle Hände
voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die
Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel ganz
gut verglichen; nur schade, daß sie nicht bei diesem Vergleich aus dem
Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und
betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so weit
die Erbherren denselben nicht für sich behalten wollen. Graf William ist
noch hier und überhäuft mich erschrecklich mit Schreibereien und
Uebersetzungen aus dem Deutschen und Holländischen, um sich
vollkommene Kenntniß in der Nachlaßsache zu verschaffen. Ich sitze bis
über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem
ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in
Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte nur
auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob und
wann es nöthig sei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth
gehe; das hält mich allein noch hier auf, sonst würde ich meine brave
Schwester zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der sie zu
sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich
müde. Denken Sie, daß ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben muß,
ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch keine
Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn und dem
Jammer ausgesetzt sein für sechsunddreißigjährige Dienste.«
Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestürzung. Das dürfen
wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie für den braven Mann,
der so treu an Ihnen hängt.
Wie erfreut und rührt mich Ihr schönes Gefühl, entgegnete Ludwig
bewegt. Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, daß
Windt so blosgestellt sein sollte. Hören wir weiter, was er mittheilt:
»Das Münzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es
Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein großes Räthsel, das sie
Zurückhaltung von den Verhandlungen über das großmütterliche Erbe
ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Briefe Windt’s las,
die ihn in seiner Einsamkeit auffanden.
»Für mich gibt es jetzt,« schrieb ihm einst der alte Freund: »alle Hände
voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die
Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel ganz
gut verglichen; nur schade, daß sie nicht bei diesem Vergleich aus dem
Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und
betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so weit
die Erbherren denselben nicht für sich behalten wollen. Graf William ist
noch hier und überhäuft mich erschrecklich mit Schreibereien und
Uebersetzungen aus dem Deutschen und Holländischen, um sich
vollkommene Kenntniß in der Nachlaßsache zu verschaffen. Ich sitze bis
über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem
ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in
Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte nur
auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob und
wann es nöthig sei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth
gehe; das hält mich allein noch hier auf, sonst würde ich meine brave
Schwester zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der sie zu
sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich
müde. Denken Sie, daß ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben muß,
ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch keine
Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn und dem
Jammer ausgesetzt sein für sechsunddreißigjährige Dienste.«
Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestürzung. Das dürfen
wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie für den braven Mann,
der so treu an Ihnen hängt.
Wie erfreut und rührt mich Ihr schönes Gefühl, entgegnete Ludwig
bewegt. Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, daß
Windt so blosgestellt sein sollte. Hören wir weiter, was er mittheilt:
»Das Münzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es
Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein großes Räthsel, das sie
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noch nach ihrem Tode mir zu lösen aufgibt, wie sie’s im Leben so oft
gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der
Buchhändler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction
verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die
Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil
der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlösser für Sie, Herr
Graf, ersteigern? Ich gönnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber alle drei
in natura. Das Silber, über sechshundert Pfund, hat die hochselige
Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen vermacht,
ein hübsches Andenken, die Herren Grafen sind wüthend darüber, können
aber nichts dagegen machen, höchstens es zurückkaufen.«
Habeant sibi! sprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der
Mensch nicht innerlich beglückt ist? Ich will dem braven Windt eine
lebenslängliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt
Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wäre himmelschreiend, wenn
er sich über Undank beklagen müßte!
Ein anderer Brief Windt’s, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein
las, begann:
»Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire, katastrire
wie närrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der Herr Vice-
Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im besten Stande finde;
dann heißt es bei mir: fahr’ zu, Kutscher, dann gehe ich nach Stadthagen,
setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und sehen von
Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer hätte das gedacht, daß
Alles so wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und nicht Graf
Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit übernähme, der doch erst Alles
daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten Lebenstagen der
hochseligen Frau Gräfin und bei der Anwesenheit dieses guten Grafen
William vielfach à la Cagliostro zu Werke gegangen worden, doch was geht
das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London gereist. Von Berlin aus ist
Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht verkauft würde; der Anfrager
soll ein berühmter Antiquarius sein, der dasselbe jedenfalls zu schätzen
weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird sich eine Weissagung der
Hochseligen erfüllen, welche dieselbe oft aussprach: Von diesen Münzen
gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der
Buchhändler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction
verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die
Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil
der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlösser für Sie, Herr
Graf, ersteigern? Ich gönnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber alle drei
in natura. Das Silber, über sechshundert Pfund, hat die hochselige
Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen vermacht,
ein hübsches Andenken, die Herren Grafen sind wüthend darüber, können
aber nichts dagegen machen, höchstens es zurückkaufen.«
Habeant sibi! sprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der
Mensch nicht innerlich beglückt ist? Ich will dem braven Windt eine
lebenslängliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt
Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wäre himmelschreiend, wenn
er sich über Undank beklagen müßte!
Ein anderer Brief Windt’s, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein
las, begann:
»Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire, katastrire
wie närrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der Herr Vice-
Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im besten Stande finde;
dann heißt es bei mir: fahr’ zu, Kutscher, dann gehe ich nach Stadthagen,
setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und sehen von
Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer hätte das gedacht, daß
Alles so wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und nicht Graf
Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit übernähme, der doch erst Alles
daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten Lebenstagen der
hochseligen Frau Gräfin und bei der Anwesenheit dieses guten Grafen
William vielfach à la Cagliostro zu Werke gegangen worden, doch was geht
das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London gereist. Von Berlin aus ist
Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht verkauft würde; der Anfrager
soll ein berühmter Antiquarius sein, der dasselbe jedenfalls zu schätzen
weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird sich eine Weissagung der
Hochseligen erfüllen, welche dieselbe oft aussprach: Von diesen Münzen
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und Medaillons, die ich mit Mühe und großen Opfern zusammengebracht,
wird es einst heißen: Gehet hin in alle Welt.«
»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die
Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein
Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.«
»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe
ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen
von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.«
»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die
ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir
gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle Liebe
der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau
der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu
Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die
Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge Mädchen
stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist, zwischen Varel
und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte zu den Hörigen
der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier Landbebauer. Was sagen
Sie dazu?«
Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war,
rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen
habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe
ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die Zwietracht,
die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten Punkt!
Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns,
des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war. Es
war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag
Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die
Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte,
dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine
Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie
ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren nicht,
was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser vornehme,
zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine Persönlichkeit in
wird es einst heißen: Gehet hin in alle Welt.«
»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die
Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein
Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.«
»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe
ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen
von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.«
»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die
ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir
gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle Liebe
der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau
der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu
Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die
Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge Mädchen
stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist, zwischen Varel
und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte zu den Hörigen
der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier Landbebauer. Was sagen
Sie dazu?«
Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war,
rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen
habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe
ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die Zwietracht,
die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten Punkt!
Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns,
des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war. Es
war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag
Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die
Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte,
dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine
Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie
ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren nicht,
was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser vornehme,
zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine Persönlichkeit in
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ihrer nächsten Nähe, sahen, daß ihm der Wein nicht minder mundete wie
ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die Ereignisse der Zeit
über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer Beziehung sich
äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft vertraut, der fremde
Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste Kaufmann von Ingelfingen. –
Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart ihres Kammermädchens, wenn
der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit leichter weiblicher Arbeit, oder
las gute französische Bücher, übte sich auch bisweilen im Deutschen, worin
jedoch ihre Fortschritte nur langsam waren; besonders fiel das Nachmalen
der deutschen Schrift ihr schwer. Manche stille Thräne weinte sie um die
dahingeschiedene Angés und die Trennung vom Mutterherzen, und
ängstlich vermied sie Jemanden zu begegnen; ein fremder Tritt auf der
Treppe oder im Vorsaal machte sie erbeben. Philipp ritt oder fuhr während
des Aufenthaltes in Ingelfingen fast wöchentlich einmal als Sendbote in das
badische Land; denn es wurde ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin
unterhalten.
Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit
Studien, zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den
meisten Anlaß bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der
pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz,
Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache
für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit
der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten
würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist
und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie.
Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie
die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher
Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt werden
können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die Asa
u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder
chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.
Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn
persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er sich
nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied absichtlich, als
Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß ihm die alte
Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige Regierung, daß er
ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die Ereignisse der Zeit
über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer Beziehung sich
äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft vertraut, der fremde
Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste Kaufmann von Ingelfingen. –
Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart ihres Kammermädchens, wenn
der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit leichter weiblicher Arbeit, oder
las gute französische Bücher, übte sich auch bisweilen im Deutschen, worin
jedoch ihre Fortschritte nur langsam waren; besonders fiel das Nachmalen
der deutschen Schrift ihr schwer. Manche stille Thräne weinte sie um die
dahingeschiedene Angés und die Trennung vom Mutterherzen, und
ängstlich vermied sie Jemanden zu begegnen; ein fremder Tritt auf der
Treppe oder im Vorsaal machte sie erbeben. Philipp ritt oder fuhr während
des Aufenthaltes in Ingelfingen fast wöchentlich einmal als Sendbote in das
badische Land; denn es wurde ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin
unterhalten.
Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit
Studien, zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den
meisten Anlaß bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der
pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz,
Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache
für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit
der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten
würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist
und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie.
Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie
die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher
Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt werden
können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die Asa
u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder
chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.
Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn
persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er sich
nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied absichtlich, als
Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß ihm die alte
Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige Regierung, daß er
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aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst verabscheue, als
ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.
Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu
wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige
muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst sei,
weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete, was
aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein
unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen
Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches
Ende.
Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und
verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’
Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der
diesem das Haar emporsträuben machte.
Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen
sichern Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier
weilen, ich muß weiter!
Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.
Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches
ist geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter
einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig gesiegelt
war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm: »Fliehen Sie, Graf,
fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen möglich ist! Retten Sie die
Tochter, da der Vater unrettbar verloren ist. In Verzweiflung schreibe ich
diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt, treu gewarnt, es war verabredet, daß
wir morgen oder übermorgen nach Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten,
vorher aber sollte eine feierliche Erklärung unserer Verbindung auch vor
dem Auge der Welt Geltung verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges
Geheimniß, daß von Seiten Frankreichs dem Herzog nachgestellt und
aufgelauert werde, Schaaren von Spionen trieben sich in dem Städtchen
herum, Alles war schon ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete
und statt zu fliehen, ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten
Tag erst wollte er die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so
entsetzlich schnell gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife
ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.
Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu
wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige
muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst sei,
weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete, was
aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein
unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen
Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches
Ende.
Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und
verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’
Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der
diesem das Haar emporsträuben machte.
Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen
sichern Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier
weilen, ich muß weiter!
Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.
Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches
ist geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter
einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig gesiegelt
war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm: »Fliehen Sie, Graf,
fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen möglich ist! Retten Sie die
Tochter, da der Vater unrettbar verloren ist. In Verzweiflung schreibe ich
diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt, treu gewarnt, es war verabredet, daß
wir morgen oder übermorgen nach Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten,
vorher aber sollte eine feierliche Erklärung unserer Verbindung auch vor
dem Auge der Welt Geltung verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges
Geheimniß, daß von Seiten Frankreichs dem Herzog nachgestellt und
aufgelauert werde, Schaaren von Spionen trieben sich in dem Städtchen
herum, Alles war schon ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete
und statt zu fliehen, ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten
Tag erst wollte er die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so
entsetzlich schnell gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife
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überhaupt Nichts, als daß wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde
Lärm in der Nacht, die ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der
scheuslichste Verrath ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner
Wohnung überfallen und gefangen genommen; der Kirchthurm war von
Bewaffneten besetzt, damit Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern
sah ich meinen geliebten Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren
vorüberfahren, von Wachen mit Gewehren und blitzenden Bajonetten
umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn zum Letztenmale! Es mußte ein
ganzes Bataillon französischer Soldaten vom Rhein herübergekommen sein,
um diesen Landfriedensbruch und gewaltsamen Menschenraub zu verüben.
Die Umgebung meines theueren Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch
einige Tage vielleicht, und unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf
mich in einen Wagen, folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte
meinen Gemahl sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn
nicht! Wo sie Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel
– der Löwe verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen
– mit Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet!
Ch.«
Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich
ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich muß
– ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht mitfühlen.
Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück,
das mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.
Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es um
jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon
gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel
abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide
waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte
mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den
Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor
Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich,
schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich aber
ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es mir zu,
Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine Hand
Lärm in der Nacht, die ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der
scheuslichste Verrath ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner
Wohnung überfallen und gefangen genommen; der Kirchthurm war von
Bewaffneten besetzt, damit Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern
sah ich meinen geliebten Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren
vorüberfahren, von Wachen mit Gewehren und blitzenden Bajonetten
umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn zum Letztenmale! Es mußte ein
ganzes Bataillon französischer Soldaten vom Rhein herübergekommen sein,
um diesen Landfriedensbruch und gewaltsamen Menschenraub zu verüben.
Die Umgebung meines theueren Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch
einige Tage vielleicht, und unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf
mich in einen Wagen, folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte
meinen Gemahl sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn
nicht! Wo sie Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel
– der Löwe verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen
– mit Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet!
Ch.«
Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich
ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich muß
– ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht mitfühlen.
Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück,
das mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.
Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es um
jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon
gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel
abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide
waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte
mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den
Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor
Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich,
schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich aber
ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es mir zu,
Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine Hand
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fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volk Etwas vorhabe, aber was,
darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der Nacht
des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem Versteck
plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die Wachen
umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den Ort
geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut gemerkt. Der
Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der Stadt vorbei, die
dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle trieb, rauschte stark
und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen Schneewasser des
Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen meines Vorhabens,
denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen Mann nicht
herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein, als wollten
sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt; denn auf einmal
blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister etwas zu ordnen.
Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das Mühlhaus geschleppt
worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm Damm, auf dem der Weg
hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine zu. Der Spion war in
meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit gehaltenen Schlinge, wie nach
einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck – und mein Mann stürzt’
rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s, vermaledeiter Satan und
Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er verdrehte die Augen, er
zappelte und schlug mit krampfhaft geballten Fäusten nach mir. Ich stieß
ihn in den brausenden Waldbach, und die Wellen thaten hohe
Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen Tornister warf ich
gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch einer seinen Lohn, denn
der blieb unten; ich lief eine Stunde dem Mühlenbach entlang, um zu sehen
ob er wieder auftauche, aber der wohlverdiente Strick hat ihn daran
verhindert.
Ludwig wandte sich schaudernd ab.
5. Verschiedene Nachrichten.
darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der Nacht
des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem Versteck
plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die Wachen
umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den Ort
geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut gemerkt. Der
Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der Stadt vorbei, die
dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle trieb, rauschte stark
und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen Schneewasser des
Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen meines Vorhabens,
denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen Mann nicht
herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein, als wollten
sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt; denn auf einmal
blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister etwas zu ordnen.
Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das Mühlhaus geschleppt
worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm Damm, auf dem der Weg
hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine zu. Der Spion war in
meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit gehaltenen Schlinge, wie nach
einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck – und mein Mann stürzt’
rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s, vermaledeiter Satan und
Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er verdrehte die Augen, er
zappelte und schlug mit krampfhaft geballten Fäusten nach mir. Ich stieß
ihn in den brausenden Waldbach, und die Wellen thaten hohe
Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen Tornister warf ich
gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch einer seinen Lohn, denn
der blieb unten; ich lief eine Stunde dem Mühlenbach entlang, um zu sehen
ob er wieder auftauche, aber der wohlverdiente Strick hat ihn daran
verhindert.
Ludwig wandte sich schaudernd ab.
5. Verschiedene Nachrichten.
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In der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen herrschte am 18. März
des Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der interessante Fremde,
den man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehört hatte, war
mit seiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spät am
Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frühen Sonntag von dannen
gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte
Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis
zum Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein
Geschenk gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die größte
Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische Säule
mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör. Für den
Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer großer
ächter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurückgelassen worden, und für
die übrigen Herren des Weinstübchens Kruggestellgläser mit silbernen
Deckeln, auf welchen das Wort »Andenken« stand und die Buchstaben
L. C. v. d. V. eingegraben waren.
Der Apotheker war eben bemüht, vor seinen Gästen die Säule
aufzubauen, die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast
eintrat und der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der
Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete
durch französische Gensd’armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte,
obschon diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war.
Es konnte nicht fehlen, daß die schnelle Abreise des Unbekannten mit
seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich aus
auf deutschem Boden verübten schändlichen Gewaltstreich in Verbindung
gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle Anwesenden fest
davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleichfalls ein geflüchteter
Bourbone gewesen sein müsse.
Vom Postmeister erfuhren auch noch nachträglich die Gäste, daß die
Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern
reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder
zurückgereist sei.
Ludwig und Sophie hatten an Angés’ Mutter gedacht, sie überlegten, was
diese gute Frau leiden müsse, wenn sie nichts Näheres über den Tod ihrer
des Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der interessante Fremde,
den man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehört hatte, war
mit seiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spät am
Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frühen Sonntag von dannen
gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte
Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis
zum Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein
Geschenk gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die größte
Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische Säule
mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör. Für den
Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer großer
ächter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurückgelassen worden, und für
die übrigen Herren des Weinstübchens Kruggestellgläser mit silbernen
Deckeln, auf welchen das Wort »Andenken« stand und die Buchstaben
L. C. v. d. V. eingegraben waren.
Der Apotheker war eben bemüht, vor seinen Gästen die Säule
aufzubauen, die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast
eintrat und der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der
Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete
durch französische Gensd’armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte,
obschon diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war.
Es konnte nicht fehlen, daß die schnelle Abreise des Unbekannten mit
seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich aus
auf deutschem Boden verübten schändlichen Gewaltstreich in Verbindung
gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle Anwesenden fest
davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleichfalls ein geflüchteter
Bourbone gewesen sein müsse.
Vom Postmeister erfuhren auch noch nachträglich die Gäste, daß die
Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern
reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder
zurückgereist sei.
Ludwig und Sophie hatten an Angés’ Mutter gedacht, sie überlegten, was
diese gute Frau leiden müsse, wenn sie nichts Näheres über den Tod ihrer
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Tochter erfahre; auch sehnte sich Sophie Botta nach ihrer geliebten Pfalz
zurück; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntniß abgefragt, und in
ihren Entschlüssen entschieden und von einem hohen selbständigen
Gefühle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklärt, sie wolle freiwillig auf
die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie könne ihre einfache
Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern Aufenthaltes erreicht
werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung nicht fehlen. Gleichwohl
trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne Wehmuth von der einstigen
Wärterin und Dienerin und entließ sie mit vielen Geschenken, gab ihr auch
Angés’ ganze Garderobe mit, mit dem Auftrag, den sämmtlichen Nachlaß
der armen Mutter ihrer unglücklichen Freundin zur Verfügung zu stellen,
nebst Allem was Angés sonst noch angehört hatte, selbst deren Bild nahm
Ludwig nicht wieder an sich; die Mutter sollte es gleichfalls haben. So
waren denn Ludwig, Sophie und der treue Philipp ohne weiteres dienendes
Gefolge abgereist; wohin? wußte Niemand. –
Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem
scheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen
Herzog hatte verüben lassen, und ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz
Europa über diese rasche blutige That auf Verdächtigungen hin, die jeder
Wahrheit entbehrten.
Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung
seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mußte auf das
Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu
verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn er
einen Brief der Herzogin in Händen hatte, von dem schrecklichen Vorfall
unterrichten wollte.
Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden
einige Zeit nach der Abreise der Fremden auf’s Neue und sehr lebhaft an
den geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister
ernster als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben
gewissermaßen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da
bringt unser Schwäbischer Merkur eine merkwürdige Nachricht, welche im
Auszug lautet, daß sicherem Vernehmen nach ein französischer Emigrant
von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen
aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so
zurück; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntniß abgefragt, und in
ihren Entschlüssen entschieden und von einem hohen selbständigen
Gefühle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklärt, sie wolle freiwillig auf
die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie könne ihre einfache
Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern Aufenthaltes erreicht
werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung nicht fehlen. Gleichwohl
trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne Wehmuth von der einstigen
Wärterin und Dienerin und entließ sie mit vielen Geschenken, gab ihr auch
Angés’ ganze Garderobe mit, mit dem Auftrag, den sämmtlichen Nachlaß
der armen Mutter ihrer unglücklichen Freundin zur Verfügung zu stellen,
nebst Allem was Angés sonst noch angehört hatte, selbst deren Bild nahm
Ludwig nicht wieder an sich; die Mutter sollte es gleichfalls haben. So
waren denn Ludwig, Sophie und der treue Philipp ohne weiteres dienendes
Gefolge abgereist; wohin? wußte Niemand. –
Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem
scheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen
Herzog hatte verüben lassen, und ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz
Europa über diese rasche blutige That auf Verdächtigungen hin, die jeder
Wahrheit entbehrten.
Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung
seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mußte auf das
Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu
verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn er
einen Brief der Herzogin in Händen hatte, von dem schrecklichen Vorfall
unterrichten wollte.
Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden
einige Zeit nach der Abreise der Fremden auf’s Neue und sehr lebhaft an
den geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister
ernster als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben
gewissermaßen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da
bringt unser Schwäbischer Merkur eine merkwürdige Nachricht, welche im
Auszug lautet, daß sicherem Vernehmen nach ein französischer Emigrant
von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen
aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so
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wird gemeldet, ein Mann von ungemein viel Liebenswürdigkeit im
Charakter und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig
bekannt mit hervorragenden Persönlichkeiten. Seiner äußern Gestalt nach
war er von Mittelgröße, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart,
erschien stets auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache
war meist die französische, doch ließ er bisweilen niederländische Accente
durch den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In
der deutschen Sprache drückte er sich mit vollkommener Reinheit aus.
Dieser Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und
gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen
nahenden Tod gefühlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere vernichtet
zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor, was irgend
einen Aufschluß über seine Persönlichkeit hätte geben können. – Der
Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Bürger zu Ingelfingen
wurde laut:
Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! – Schade um den
Mann! – Er hätte hier bei uns bleiben sollen, so wäre er vielleicht nicht
gestorben! – Zu Ingelfingen ist gut wohnen. – Er konnte sich hier ankaufen
– es stehen ja jetzt in dieser erbärmlichen Zeit gegen zehn Häuser zum
Verkauf ausgeboten. – Er konnte hier Bürger werden – wäre wohl in den
Stadtrath gewählt werden. – Wie viele französische Emigranten haben sich
nicht in den letzten Jahren in deutschen Städten und Städtchen
niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? – Schade um ihn!
Während Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen
für todt beklagt wurde, saß er mit Sophie gesund und wohlbehalten im
Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergoß die
schmerzlichsten Thränen – der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich
enthüllt worden. Die Mutter selbst hatte darüber an sie und ihren Begleiter
geschrieben. Ach, wie erschütternd waren die Einzelnheiten jener
schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das
Tiefste berührt, auf das Härteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem
Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen
verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in
blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich
beklagte der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die
Charakter und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig
bekannt mit hervorragenden Persönlichkeiten. Seiner äußern Gestalt nach
war er von Mittelgröße, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart,
erschien stets auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache
war meist die französische, doch ließ er bisweilen niederländische Accente
durch den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In
der deutschen Sprache drückte er sich mit vollkommener Reinheit aus.
Dieser Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und
gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen
nahenden Tod gefühlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere vernichtet
zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor, was irgend
einen Aufschluß über seine Persönlichkeit hätte geben können. – Der
Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Bürger zu Ingelfingen
wurde laut:
Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! – Schade um den
Mann! – Er hätte hier bei uns bleiben sollen, so wäre er vielleicht nicht
gestorben! – Zu Ingelfingen ist gut wohnen. – Er konnte sich hier ankaufen
– es stehen ja jetzt in dieser erbärmlichen Zeit gegen zehn Häuser zum
Verkauf ausgeboten. – Er konnte hier Bürger werden – wäre wohl in den
Stadtrath gewählt werden. – Wie viele französische Emigranten haben sich
nicht in den letzten Jahren in deutschen Städten und Städtchen
niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? – Schade um ihn!
Während Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen
für todt beklagt wurde, saß er mit Sophie gesund und wohlbehalten im
Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergoß die
schmerzlichsten Thränen – der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich
enthüllt worden. Die Mutter selbst hatte darüber an sie und ihren Begleiter
geschrieben. Ach, wie erschütternd waren die Einzelnheiten jener
schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das
Tiefste berührt, auf das Härteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem
Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen
verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in
blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich
beklagte der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die
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geliebte Vermählte! Welch hohes Glück hatte sie besessen und nun auf
immer und unersetzlich verloren!
Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübische Feigheit
eines Kammerherrn, der beständig um den unglücklichen Herzog war, jeden
Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen
Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war. Ein
Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der Häscher: Wer
von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren retten, und dies
Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den armseligen
Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener schwieg, und der
junge Fürst ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung wies er den feigen
Verräther zurück, als derselbe in Rheinau sich zu ihm in den Wagen setzen
wollte. In Straßburg wurde der Herzog von seiner Dienerschaft völlig
getrennt, seine Hände wurden in Fesseln gelegt. Fünf Tage lang dauerte mit
nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis nach Paris, der
Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte schon der Befehl, ihn
nach Schloß Vincennes zu senden. Die richterlichen Verhöre, die mit ihm
vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich mitgetheilt sind, brachten
keine Schuld heimlicher Verschwörung gegen das Leben des ersten Consuls
auf den Herzog, aber wer waren seine Richter? Werkzeuge in der Hand
eines Despoten! – Das ist der Inhalt jenes Justizmordes in nuce, was auch
Alles für und gegen ihn geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog
unterwegs an die Prinzessin, die er noch nicht öffentlich seine Gemahlin
nannte, zu schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen
unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen,
gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Condé’schen Corps mitgemacht zu
haben, sagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Pension beziehe,
um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des Herzogs darf
die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen, lauter
Offizieren von hohem Range, und ohne daß sie irgend vorbereitet waren,
ohne daß sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog zu
richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich getragen
zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimüthigkeit ein, und fügte
seinem Geständniß die Worte hinzu: »Nie kann ein Condé anders, als mit
den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.« Das Todesloos
fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger wurde der
immer und unersetzlich verloren!
Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübische Feigheit
eines Kammerherrn, der beständig um den unglücklichen Herzog war, jeden
Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen
Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war. Ein
Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der Häscher: Wer
von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren retten, und dies
Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den armseligen
Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener schwieg, und der
junge Fürst ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung wies er den feigen
Verräther zurück, als derselbe in Rheinau sich zu ihm in den Wagen setzen
wollte. In Straßburg wurde der Herzog von seiner Dienerschaft völlig
getrennt, seine Hände wurden in Fesseln gelegt. Fünf Tage lang dauerte mit
nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis nach Paris, der
Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte schon der Befehl, ihn
nach Schloß Vincennes zu senden. Die richterlichen Verhöre, die mit ihm
vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich mitgetheilt sind, brachten
keine Schuld heimlicher Verschwörung gegen das Leben des ersten Consuls
auf den Herzog, aber wer waren seine Richter? Werkzeuge in der Hand
eines Despoten! – Das ist der Inhalt jenes Justizmordes in nuce, was auch
Alles für und gegen ihn geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog
unterwegs an die Prinzessin, die er noch nicht öffentlich seine Gemahlin
nannte, zu schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen
unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen,
gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Condé’schen Corps mitgemacht zu
haben, sagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Pension beziehe,
um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des Herzogs darf
die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen, lauter
Offizieren von hohem Range, und ohne daß sie irgend vorbereitet waren,
ohne daß sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog zu
richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich getragen
zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimüthigkeit ein, und fügte
seinem Geständniß die Worte hinzu: »Nie kann ein Condé anders, als mit
den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.« Das Todesloos
fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger wurde der
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Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer,
gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein
gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein dürfte, da knallten
schon im Festungsgraben die tödtlichen Schüsse. Die Richter waren sehr
unglücklich – auf sie und nicht auf den Vollstrecker der übereilten
Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen gebildeten
Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es noch begründet
und in gesetzlicher Form bestätigt war. Der Herzog mußte sterben, denn er
war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und haßte, und war – ein
Bourbon!
Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine
Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden träufelt.
Das schöne thränennasse Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie Ludwig’s
Hände und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen Vater mehr!
Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als ein armes,
heimathloses Kind – ach eine Waise – o, wie schwer wiegt dieses Wort; ich
will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich meinem Vater, und
wenn ich fehle, so üben Sie Nachsicht mit meiner Unwissenheit und meiner
Schwäche!
Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze!
Sie glich einer prächtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche
Thränen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schönheit ist, die in
Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt.
Ein Gegensatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu diesem wahren
Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen,
und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der
andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber
nicht so herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte Frau
den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das verhüllte
Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck, geborene
van Moorsel, war nicht mehr.
Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben
geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung
seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die
gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein
gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein dürfte, da knallten
schon im Festungsgraben die tödtlichen Schüsse. Die Richter waren sehr
unglücklich – auf sie und nicht auf den Vollstrecker der übereilten
Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen gebildeten
Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es noch begründet
und in gesetzlicher Form bestätigt war. Der Herzog mußte sterben, denn er
war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und haßte, und war – ein
Bourbon!
Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine
Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden träufelt.
Das schöne thränennasse Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie Ludwig’s
Hände und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen Vater mehr!
Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als ein armes,
heimathloses Kind – ach eine Waise – o, wie schwer wiegt dieses Wort; ich
will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich meinem Vater, und
wenn ich fehle, so üben Sie Nachsicht mit meiner Unwissenheit und meiner
Schwäche!
Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze!
Sie glich einer prächtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche
Thränen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schönheit ist, die in
Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt.
Ein Gegensatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu diesem wahren
Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen,
und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der
andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber
nicht so herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte Frau
den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das verhüllte
Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck, geborene
van Moorsel, war nicht mehr.
Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben
geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung
seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die
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schmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte: »Ich komme so eben aus der
Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich für die Seele deiner guten
Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl
voraussetzen, daß du es gut heißest, wenn ich für die Seligentschlafene die
Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann nach
deren Vollendung das Laus Deo darüber einsende. Die Wohlselige hat noch
auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen Sterbesacramenten
als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft nach der Ewigkeit
versah, für dich gebetet und dir alles Glück gewünscht, auch läßt sie dir
noch innigst und herzlich für die lieben und guten Briefe danken, welche du
ihr von so verschiedenen Orten aus geschrieben hast; nur konnte die selige
Tante nie begreifen und ich konnte es derselben auch nicht begreiflich
machen, weshalb du dich eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein
Geschäft, welches doch die Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens
ist, in Deutschland herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut
mein Gebet für dich anschlägt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige
Rochus dich noch immer beschützt. Nach den Verträgen, die du mit den
Verwandten abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der
Valck eine Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fünftausend, und nun
nach dem Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftausend. Gratulire!
Ach, wie gern hätte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien
bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden.
Möchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren
besten Wunsch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz besonderen
Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre
Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirst wissen,
geliebter Leonardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der Augen
ist, und sie wird durch mein Gebet Fürsorge tragen, daß deine Augen stets
erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen nichts wie
Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefällt. Anliegende
versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab die Verblichene
mit dem ausdrücklichen Wunsche in meine Hände, dasselbe dir gleich nach
ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit nachkomme.
Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches enthalten!«
»Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden muß,
daß nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie zu
Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich für die Seele deiner guten
Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl
voraussetzen, daß du es gut heißest, wenn ich für die Seligentschlafene die
Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann nach
deren Vollendung das Laus Deo darüber einsende. Die Wohlselige hat noch
auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen Sterbesacramenten
als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft nach der Ewigkeit
versah, für dich gebetet und dir alles Glück gewünscht, auch läßt sie dir
noch innigst und herzlich für die lieben und guten Briefe danken, welche du
ihr von so verschiedenen Orten aus geschrieben hast; nur konnte die selige
Tante nie begreifen und ich konnte es derselben auch nicht begreiflich
machen, weshalb du dich eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein
Geschäft, welches doch die Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens
ist, in Deutschland herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut
mein Gebet für dich anschlägt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige
Rochus dich noch immer beschützt. Nach den Verträgen, die du mit den
Verwandten abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der
Valck eine Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fünftausend, und nun
nach dem Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftausend. Gratulire!
Ach, wie gern hätte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien
bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden.
Möchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren
besten Wunsch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz besonderen
Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre
Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirst wissen,
geliebter Leonardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der Augen
ist, und sie wird durch mein Gebet Fürsorge tragen, daß deine Augen stets
erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen nichts wie
Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefällt. Anliegende
versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab die Verblichene
mit dem ausdrücklichen Wunsche in meine Hände, dasselbe dir gleich nach
ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit nachkomme.
Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches enthalten!«
»Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden muß,
daß nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie zu
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beerben, als Leidtragende, sie zu bestatten, von allen Seiten herbeikamen.
Wir sind auf einmal äußerst reich – an lieben Verwandten geworden, und
der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr Aeste, als mir
bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in Deutschland, ja bis nach
Dahne im Königreich Preußen wohnen Menschenkinder, die unsere
Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte ich alle diese guten Seelen nur
auffordern, sich mit mir, oder falls ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu
trösten, und ihnen versprechen, daß ich sie in mein frommes Gebet
einschließen wolle, doch glaube ich fast, daß ihnen daran Nichts gelegen
ist, denn die gottlose Welt hat den rechten Glauben verloren.«
»Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit
mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerst
dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines wohlseligen
Herrn Vaters »vergulder Rose«; diese Pinke hat Herr Richard Fluit
verlassen, und statt der »vergulden Rose« eine guldene Herbstaster geentert,
mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes eingelaufen ist.
Ich selbst war das auserwählte Rüstzeug, wie deine selige Frau Mutter zu
sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein zu Sanct Ottilien das
traute Paar ehelich verband, und wer war die Braut? Wenn du das erräthst,
bester Leonardus, so heiße ich Jantjé und esse hundert Austern mit sammt
der Schale.«
»Vernimm und staune! Herrn Fluit’s Erwählte ist Niemand anders, als die
wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van
Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den
Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches du, geliebter
Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schön wird jene Flöte zu
dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tönen anfangen! Beide
lassen dich als alten Freund herzlich grüßen. Schicke ihnen ja ein schönes
Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft gewinnst, falls
die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit einander
gewinnen sollten.«
Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach
Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen
wollte, bei Seite.
Wir sind auf einmal äußerst reich – an lieben Verwandten geworden, und
der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr Aeste, als mir
bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in Deutschland, ja bis nach
Dahne im Königreich Preußen wohnen Menschenkinder, die unsere
Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte ich alle diese guten Seelen nur
auffordern, sich mit mir, oder falls ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu
trösten, und ihnen versprechen, daß ich sie in mein frommes Gebet
einschließen wolle, doch glaube ich fast, daß ihnen daran Nichts gelegen
ist, denn die gottlose Welt hat den rechten Glauben verloren.«
»Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit
mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerst
dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines wohlseligen
Herrn Vaters »vergulder Rose«; diese Pinke hat Herr Richard Fluit
verlassen, und statt der »vergulden Rose« eine guldene Herbstaster geentert,
mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes eingelaufen ist.
Ich selbst war das auserwählte Rüstzeug, wie deine selige Frau Mutter zu
sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein zu Sanct Ottilien das
traute Paar ehelich verband, und wer war die Braut? Wenn du das erräthst,
bester Leonardus, so heiße ich Jantjé und esse hundert Austern mit sammt
der Schale.«
»Vernimm und staune! Herrn Fluit’s Erwählte ist Niemand anders, als die
wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van
Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den
Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches du, geliebter
Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schön wird jene Flöte zu
dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tönen anfangen! Beide
lassen dich als alten Freund herzlich grüßen. Schicke ihnen ja ein schönes
Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft gewinnst, falls
die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit einander
gewinnen sollten.«
Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach
Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen
wollte, bei Seite.
Page 388
Hierauf enthüllte er das versiegelte Päckchen und fand eine zweite
Verpackung mit der Aufschrift: »An meinen lieben Sohn Leonardus
Cornelius, zu öffnen am ersten 22. September nach meinem Tode.« – Es
war dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt,
wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in
Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte
schweigend das Päckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschloß.
Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder
Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brief,
sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main
angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war,
bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses Paket
trug die Aufschrift: »Documente« und enthielt eine hohe
Werthbezeichnung.
Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam
Vergessenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu senden habe, öffnete
Ludwig.
»Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf,« schrieb Windt: »daß
Sie nicht ohnlängst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit in
der Herrlichkeit! Ich übersende Ihnen treu copirte und vidimirte Abschriften
mancher Actenstücke, aus denen Sie sich über den Stand der Dinge
ungleich besser unterrichten können und werden, als ich mit meinem
Geschreibsel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte
dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!«
»Unter A finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens
für Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel
geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von
Doorwerth; unter B einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen
Gebieterin, und unter C ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings
entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt
entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harnisch mit
Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses invita Minerva
entstandene Curiosum enthält, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.«
Verpackung mit der Aufschrift: »An meinen lieben Sohn Leonardus
Cornelius, zu öffnen am ersten 22. September nach meinem Tode.« – Es
war dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt,
wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in
Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte
schweigend das Päckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschloß.
Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder
Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brief,
sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main
angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war,
bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses Paket
trug die Aufschrift: »Documente« und enthielt eine hohe
Werthbezeichnung.
Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam
Vergessenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu senden habe, öffnete
Ludwig.
»Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf,« schrieb Windt: »daß
Sie nicht ohnlängst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit in
der Herrlichkeit! Ich übersende Ihnen treu copirte und vidimirte Abschriften
mancher Actenstücke, aus denen Sie sich über den Stand der Dinge
ungleich besser unterrichten können und werden, als ich mit meinem
Geschreibsel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte
dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!«
»Unter A finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens
für Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel
geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von
Doorwerth; unter B einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen
Gebieterin, und unter C ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings
entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt
entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harnisch mit
Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses invita Minerva
entstandene Curiosum enthält, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.«
Page 389
»Der junge Sohn aus der Gewissensehe, welche der Erbherr mit
Demoiselle Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-
Admiral Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast
der hochseligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William
Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem
ländlichen Garten von Bockhorn ist so schön, als immerhin eine andere im
Park eines reichsgräflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu
Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der
holdseligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch
Familienverhältnisse und aus andern Gründen zu einer anderweit
standesgemäßen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne
Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln
gedenke, und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner
verewigten Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger
Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche
Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner
zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu
einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.«
»Der Erbherr ist Souverän, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen ist
würdevoll und gütig, sie ist ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und Alles geht
seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in ihrem
Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die
Agnaten früher oder später dies thun, und es wird in der Folge wieder zu
Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus
dem Falken von Kniphausen beizulegen vermögen wird, posito sie hätten
den Falken.«
»Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd,
obschon ich todtmatt bin.«
»Aus der bereits erwähnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, daß
man nicht übel Lust hat, Ihnen die rara avis, den Falken, wieder abzulocken
und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach Kniphausen zu
bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschläge zu geben, ich aber wüßte
was ich thäte – ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den Augen.«
Demoiselle Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-
Admiral Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast
der hochseligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William
Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem
ländlichen Garten von Bockhorn ist so schön, als immerhin eine andere im
Park eines reichsgräflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu
Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der
holdseligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch
Familienverhältnisse und aus andern Gründen zu einer anderweit
standesgemäßen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne
Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln
gedenke, und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner
verewigten Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger
Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche
Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner
zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu
einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.«
»Der Erbherr ist Souverän, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen ist
würdevoll und gütig, sie ist ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und Alles geht
seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in ihrem
Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die
Agnaten früher oder später dies thun, und es wird in der Folge wieder zu
Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus
dem Falken von Kniphausen beizulegen vermögen wird, posito sie hätten
den Falken.«
»Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd,
obschon ich todtmatt bin.«
»Aus der bereits erwähnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, daß
man nicht übel Lust hat, Ihnen die rara avis, den Falken, wieder abzulocken
und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach Kniphausen zu
bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschläge zu geben, ich aber wüßte
was ich thäte – ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den Augen.«
Page 390
»Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und läßt gehorsamsten Respect
vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide
außerordentlich erschüttert. Sie war zu gut für diese Welt, und ihr ist wohl,
wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wäre. Sanft
ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!«
»Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode
entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Absonderliches mit mir vor
haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch hatte
ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag ertheilt, daß der
Consul Höfer meine Habseligkeiten und Papiere versiegeln sollte, und
ebenso hatte ich das Begräbniß in hiesigem Dom angeordnet. Gottes Gnade
hat mich abermals errettet, aber fort will ich von hier – muß fort, meine
Aufenthaltskosten übersteigen mein geringfügiges Legat. Ich habe mir
einen kleinen Wagen gekauft, darin will ich sobald als möglich mein Bette
anbringen, und gen Stadthagen segeln, möge es mir eine Stadt Hafen sein!
Ich bedarf dessen, ich sehne mich nach Ruhe; wer weiß wie bald bestürmt
Sie, mein gnädiger lieber Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen
unruhigen Briefen! Alles Glück sei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für
Ihre Aufträge in irgend einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen,
ich mag sein, wo ich immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch
selbst dort noch
Ihr ganz ergebenster W.«
Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und
sprach schmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß sich um mich
ein Schriften- und Actenwerk drängt, wie um die alte selige Großmutter; am
Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in’s Feuer.
Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom
Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhändig unterschriebener Vertrag
in französischer Sprache, welcher ins Deutsche übersetzt lautete:
Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf
von Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und
Herr von Doorwerth mit Zubehör (cum annexis) erklären und erkunden, daß
alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher zwischen
der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau zu Varel,
vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide
außerordentlich erschüttert. Sie war zu gut für diese Welt, und ihr ist wohl,
wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wäre. Sanft
ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!«
»Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode
entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Absonderliches mit mir vor
haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch hatte
ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag ertheilt, daß der
Consul Höfer meine Habseligkeiten und Papiere versiegeln sollte, und
ebenso hatte ich das Begräbniß in hiesigem Dom angeordnet. Gottes Gnade
hat mich abermals errettet, aber fort will ich von hier – muß fort, meine
Aufenthaltskosten übersteigen mein geringfügiges Legat. Ich habe mir
einen kleinen Wagen gekauft, darin will ich sobald als möglich mein Bette
anbringen, und gen Stadthagen segeln, möge es mir eine Stadt Hafen sein!
Ich bedarf dessen, ich sehne mich nach Ruhe; wer weiß wie bald bestürmt
Sie, mein gnädiger lieber Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen
unruhigen Briefen! Alles Glück sei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für
Ihre Aufträge in irgend einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen,
ich mag sein, wo ich immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch
selbst dort noch
Ihr ganz ergebenster W.«
Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und
sprach schmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß sich um mich
ein Schriften- und Actenwerk drängt, wie um die alte selige Großmutter; am
Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in’s Feuer.
Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom
Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhändig unterschriebener Vertrag
in französischer Sprache, welcher ins Deutsche übersetzt lautete:
Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf
von Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und
Herr von Doorwerth mit Zubehör (cum annexis) erklären und erkunden, daß
alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher zwischen
der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau zu Varel,
Page 391
In- und Kniphausen, geborene Gräfin von Aldenburg einerseits, und dem
obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem seligen
Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem Großvater
anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für immer
abgethan und verglichen sein sollen, so daß Wir, der regierende Graf und
Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Gräfin, unserer
Großmutter, im vollkommensten Einverständniß über Alles sind, was
Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und daß wir so wohl für
uns als für unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns verbunden haben,
niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu verletzen. Damit aber
unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche Vereinigung weder Zweifel
noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen gegenwärtigen Act
unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc.
Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in
einem gekrönten hermelinverbrämten Fürstenmantel, über dem Wappen
vier schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei
Löwen dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich
eine Bandrolle mit dem Wahlspruch: Craignez honte wand. Das Wappen
des Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem
Fürstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den
Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte.
Ja wirklich, Windt hat Recht, spöttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte
hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden
müssen, wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie.
Schade, daß sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten!
Die Auszüge aus dem Testament der Großmutter, welche Ludwig rasch
überflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfaßte so viele
Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen
war.
Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie
verwundert empor; sie war 22½ Seiten lang und von einer Advocatenhand
geschrieben. Dieselbe berührte die einem jungen Menschen zu dessen
Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, über die sich
ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines
obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem seligen
Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem Großvater
anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für immer
abgethan und verglichen sein sollen, so daß Wir, der regierende Graf und
Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Gräfin, unserer
Großmutter, im vollkommensten Einverständniß über Alles sind, was
Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und daß wir so wohl für
uns als für unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns verbunden haben,
niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu verletzen. Damit aber
unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche Vereinigung weder Zweifel
noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen gegenwärtigen Act
unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc.
Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in
einem gekrönten hermelinverbrämten Fürstenmantel, über dem Wappen
vier schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei
Löwen dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich
eine Bandrolle mit dem Wahlspruch: Craignez honte wand. Das Wappen
des Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem
Fürstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den
Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte.
Ja wirklich, Windt hat Recht, spöttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte
hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden
müssen, wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie.
Schade, daß sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten!
Die Auszüge aus dem Testament der Großmutter, welche Ludwig rasch
überflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfaßte so viele
Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen
war.
Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie
verwundert empor; sie war 22½ Seiten lang und von einer Advocatenhand
geschrieben. Dieselbe berührte die einem jungen Menschen zu dessen
Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, über die sich
ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines
Page 392
Testamentes, in welchem der Falk von Kniphausen ausdrücklich erwähnt
worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene
Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum
Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend über die vielen
Schenkungen, und vermißte in denselben die Anführung des werthvollen
Geräthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschätzbar sei. Da nun
»dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der
Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form
und Weise erhalten habe, so erscheine wünschenswerth, den dermaligen
Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo möglich zu
bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich über den
rechtmäßigen Besitz werde genügend ausweisen können, gegen eine
Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und
Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitiösem Wahn allerdings
keine Folge zu geben, daß an diesen Falken das Glück des hochgräflichen
Hauses so gebannet sei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene
Kleinode aus Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei
Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten
Kleinods sich mit ohngefähr vier- bis fünftausend Mark Hamburger Banco
zu Dank begnügen lassen, um so mehr, als der hochgnädige Erbherr die
frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle passiren lassen,
ohngeachtet ihm C. 32, Cod. de donationibus und die prononcirte Meinung
Schaumburgs in Comp. ff. ad tit. de donat. §. X, nebst andern mehr,
hinlänglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten.
Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen,
der bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hände zitterten,
während er dieses Memorandum las, bis er es plötzlich, wie es war, mit dem
Ausruf: Dänische Spinne! von oben bis unten zerriß und
zusammenknitterte.
Was sagte die selige Großmutter? rief er entschlossen. »Sie sollen ihn
nicht haben!« sprach sie. »Sie sollen nicht wieder daraus trinken!« Und die
Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses kunstvolle
und köstliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in der That
ganz unschätzbar – o es schließt Herzen unsichtbar in sich ein, theure edle
Herzen! Aber bedarf es für diese Herzen eines sichtbaren Andenkens? Nein,
bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich rasch mich
worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene
Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum
Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend über die vielen
Schenkungen, und vermißte in denselben die Anführung des werthvollen
Geräthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschätzbar sei. Da nun
»dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der
Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form
und Weise erhalten habe, so erscheine wünschenswerth, den dermaligen
Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo möglich zu
bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich über den
rechtmäßigen Besitz werde genügend ausweisen können, gegen eine
Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und
Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitiösem Wahn allerdings
keine Folge zu geben, daß an diesen Falken das Glück des hochgräflichen
Hauses so gebannet sei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene
Kleinode aus Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei
Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten
Kleinods sich mit ohngefähr vier- bis fünftausend Mark Hamburger Banco
zu Dank begnügen lassen, um so mehr, als der hochgnädige Erbherr die
frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle passiren lassen,
ohngeachtet ihm C. 32, Cod. de donationibus und die prononcirte Meinung
Schaumburgs in Comp. ff. ad tit. de donat. §. X, nebst andern mehr,
hinlänglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten.
Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen,
der bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hände zitterten,
während er dieses Memorandum las, bis er es plötzlich, wie es war, mit dem
Ausruf: Dänische Spinne! von oben bis unten zerriß und
zusammenknitterte.
Was sagte die selige Großmutter? rief er entschlossen. »Sie sollen ihn
nicht haben!« sprach sie. »Sie sollen nicht wieder daraus trinken!« Und die
Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses kunstvolle
und köstliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in der That
ganz unschätzbar – o es schließt Herzen unsichtbar in sich ein, theure edle
Herzen! Aber bedarf es für diese Herzen eines sichtbaren Andenkens? Nein,
bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich rasch mich
Page 393
scheiden von seinem Besitze, ehe List oder Uebereilung oder Raub oder
Bitte es mir abdringen.
Schnell war sein Entschluß gefaßt; in den nächsten Minuten saß er schon
am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine:
»Hochgnädigste mütterliche Freundin!
Aus der Hand meiner sterbenden Großmutter empfing ich das
beifolgende Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden
Wohnsitz macht es mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um
dieses mir doppelt heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die
Urkunde über meinen völlig rechtmäßigen Besitz ist dem Kunstwerke
beigegeben. Ich sende es Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt
bleibt; heben Sie mir diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben
zurückfordere. Geschieht dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der
unter keiner Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich
denselben wieder fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen
Familie und erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines
Glanzes und den Werth seiner Juwelen die spätesten Nachkommen. Gewiß,
Sie lassen mich keine Fehlbitte thun, edelste großmüthigste Freundin, und
bauen diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie
an mich und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender
Liebe ist und es bis zum letzten Hauche bleibt.«
Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp
klingelte. Wie sprach die Großmutter ferner? »Nur du – und die, welcher du
dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken.« So sprach sie, und auch
das erfülle sich!
Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine
Flasche des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf
das Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber.
Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an;
sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie verwundert,
als sie gewahrte, daß der Kopf des Vogels sich aufschlagen ließ, und das
Innere eine goldene Höhlung zeigte.
Bitte es mir abdringen.
Schnell war sein Entschluß gefaßt; in den nächsten Minuten saß er schon
am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine:
»Hochgnädigste mütterliche Freundin!
Aus der Hand meiner sterbenden Großmutter empfing ich das
beifolgende Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden
Wohnsitz macht es mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um
dieses mir doppelt heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die
Urkunde über meinen völlig rechtmäßigen Besitz ist dem Kunstwerke
beigegeben. Ich sende es Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt
bleibt; heben Sie mir diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben
zurückfordere. Geschieht dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der
unter keiner Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich
denselben wieder fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen
Familie und erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines
Glanzes und den Werth seiner Juwelen die spätesten Nachkommen. Gewiß,
Sie lassen mich keine Fehlbitte thun, edelste großmüthigste Freundin, und
bauen diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie
an mich und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender
Liebe ist und es bis zum letzten Hauche bleibt.«
Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp
klingelte. Wie sprach die Großmutter ferner? »Nur du – und die, welcher du
dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken.« So sprach sie, und auch
das erfülle sich!
Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine
Flasche des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf
das Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber.
Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an;
sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie verwundert,
als sie gewahrte, daß der Kopf des Vogels sich aufschlagen ließ, und das
Innere eine goldene Höhlung zeigte.
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Ludwig goß den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit
dem Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Geräth wurde mir
anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer
erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach
damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die,
welcher du dein Herz schenkst. – Sophie, ich stehe allein in der Welt, fast
Alle, denen ich früher mein Herz geschenkt hatte, sind mir gestorben, wem
sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie einzuladen,
Sophie, daß Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen weihen?
Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen:
Ich habe gelesen, daß bei den alten Ritterspielen edle Frauen und
Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als
Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist
Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch
und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! – Sie
schlug des Vogels Haupt zurück, führte mit fester Hand den schweren
Goldpokal zum Munde und flüsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf
Ludwig, und auf eine bessere, schönere Zukunft!
Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und dessen Wein
gekostet hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen
Hand zurück, und auch er trank mit einem vollen, überströmenden Gefühle,
das keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten
Gefäß, aus dem ich nun zweimal süßen Zauber getrunken, muß ich
entsagen; glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschluß, aber
ich will Sieger über mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst
gelobt habe.
Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post,
wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu reisen,
von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die ganze
reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von Künstlerhand, das
diesem an Pracht, Schönheit und Werth sich gleichstellen konnte.
dem Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Geräth wurde mir
anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer
erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach
damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die,
welcher du dein Herz schenkst. – Sophie, ich stehe allein in der Welt, fast
Alle, denen ich früher mein Herz geschenkt hatte, sind mir gestorben, wem
sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie einzuladen,
Sophie, daß Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen weihen?
Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen:
Ich habe gelesen, daß bei den alten Ritterspielen edle Frauen und
Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als
Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist
Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch
und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! – Sie
schlug des Vogels Haupt zurück, führte mit fester Hand den schweren
Goldpokal zum Munde und flüsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf
Ludwig, und auf eine bessere, schönere Zukunft!
Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und dessen Wein
gekostet hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen
Hand zurück, und auch er trank mit einem vollen, überströmenden Gefühle,
das keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten
Gefäß, aus dem ich nun zweimal süßen Zauber getrunken, muß ich
entsagen; glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschluß, aber
ich will Sieger über mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst
gelobt habe.
Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post,
wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu reisen,
von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die ganze
reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von Künstlerhand, das
diesem an Pracht, Schönheit und Werth sich gleichstellen konnte.
Page 395
6. Ein Tag in Wien.
Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der so sehr
nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von
Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll
Klagen, daß sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei,
mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie deren
Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe
durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge
Prinzessin nicht incognito auftreten, sie würde, wenn ihre Herkunft bekannt
geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle gespielt haben. Da fiel der
besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem hohen
Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und wenn diese
es wünschte, auch deren treuen Beschützer und Begleiter ein sicheres und
unnahbares Asyl zu gewähren. Prinzessin Charlotte hatte beim Aufenthalt in
Petersburg den Großfürsten Alexander kurz vor seiner Thronbesteigung
kennen gelernt. Die persönliche Liebenswürdigkeit dieses jugendlichen
Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte auch die
Prinzessin für ihn eingenommen.
Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermählung mit der
schönen Tochter des fürstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth,
wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an
ihn.
Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete:
»Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie von
mir wünschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer
Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an
dem Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung
des Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch
immer schaudert, als deutscher Reichsfürst Schritte gethan, daß
Genugthuung für die Gebietsverletzung des Kurfürstenthums gefordert
Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der so sehr
nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von
Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll
Klagen, daß sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei,
mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie deren
Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe
durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge
Prinzessin nicht incognito auftreten, sie würde, wenn ihre Herkunft bekannt
geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle gespielt haben. Da fiel der
besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem hohen
Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und wenn diese
es wünschte, auch deren treuen Beschützer und Begleiter ein sicheres und
unnahbares Asyl zu gewähren. Prinzessin Charlotte hatte beim Aufenthalt in
Petersburg den Großfürsten Alexander kurz vor seiner Thronbesteigung
kennen gelernt. Die persönliche Liebenswürdigkeit dieses jugendlichen
Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte auch die
Prinzessin für ihn eingenommen.
Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermählung mit der
schönen Tochter des fürstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth,
wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an
ihn.
Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete:
»Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie von
mir wünschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer
Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an
dem Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung
des Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch
immer schaudert, als deutscher Reichsfürst Schritte gethan, daß
Genugthuung für die Gebietsverletzung des Kurfürstenthums gefordert
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werde, allein welche Genugthuung wäre hinreichend, Ihrem Herzen zu
genügen. Kaum die, daß ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den
Krieg erklärt habe.«
»Reisen Sie, bester Graf,« schrieb die Prinzessin an Ludwig, »mit Sophie
zum Kaiser, hören Sie dessen Befehle, ich überlasse alles Weitere Ihrer
Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an mich
und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie nicht
säumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen Sie bald
eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während sie bereits um
ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!« –
Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthümlichen Vorschlag
keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr
er auch den persönlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung
zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten Familiengroll,
der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war, konnte es nie
verschmerzen, daß die russisch gewordene Herrschaft Jever – in ihr bestand
das deutsche Reichsfürstenthum Kaiser Alexanders I., an welches Ludwig
durch des Kaisers Brief erinnert wurde – die einst dem Hause gehört hatte,
jetzt von diesem abgerissen war, daß zwischen Jever und Kniphausen der
russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf nach Kniphausen, und
der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in diesem schlimmen und
starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden Herrlichkeiten zu
rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er der erhaltenen
Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich schon halb und halb
in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein reines Zukunftglück
versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur Hingabe an seine
Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes gemüthliches
Stillleben gewähren sollte.
Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick
Beider zu sehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunsche der Ersteren
seine eigene Neigung aufopfern müsse. Er theilte daher der jungen
Prinzessin den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fünfzehn
Jahre zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernst des
Lebens gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen
würdigen zu können.
genügen. Kaum die, daß ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den
Krieg erklärt habe.«
»Reisen Sie, bester Graf,« schrieb die Prinzessin an Ludwig, »mit Sophie
zum Kaiser, hören Sie dessen Befehle, ich überlasse alles Weitere Ihrer
Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an mich
und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie nicht
säumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen Sie bald
eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während sie bereits um
ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!« –
Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthümlichen Vorschlag
keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr
er auch den persönlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung
zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten Familiengroll,
der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war, konnte es nie
verschmerzen, daß die russisch gewordene Herrschaft Jever – in ihr bestand
das deutsche Reichsfürstenthum Kaiser Alexanders I., an welches Ludwig
durch des Kaisers Brief erinnert wurde – die einst dem Hause gehört hatte,
jetzt von diesem abgerissen war, daß zwischen Jever und Kniphausen der
russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf nach Kniphausen, und
der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in diesem schlimmen und
starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden Herrlichkeiten zu
rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er der erhaltenen
Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich schon halb und halb
in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein reines Zukunftglück
versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur Hingabe an seine
Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes gemüthliches
Stillleben gewähren sollte.
Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick
Beider zu sehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunsche der Ersteren
seine eigene Neigung aufopfern müsse. Er theilte daher der jungen
Prinzessin den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fünfzehn
Jahre zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernst des
Lebens gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen
würdigen zu können.
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Sie schlug das seelenvolle Auge zu Ludwig auf und sprach bewegt: Ich
habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge mich in
Demuth Allem, was über mich verhängt wird.
Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern,
obschon ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen.
Wenn auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und
Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel
auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern,
denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im
leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene, sondern
meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir nicht so
nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der Politik,
nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie nicht
willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen sagt und Ihr
Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und denke.
Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich will
mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube ich,
gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie
müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von
Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich mir
zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem Aufenthalt
im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder zuletzt gar in
einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür danke. So lebhaft
hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es mir selbst in Sanct
Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen könnte, in Rußland
meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland geboren, und wenn sich mir
auch für die Zukunft das Vaterland meiner Eltern verschließt, so will ich
doch ungleich lieber in Deutschland wohnen, als in irgend einem andern
Lande, denn Deutschland gefällt mir und ich liebe es.
Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl
Ihrer Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen,
eine dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist
nur die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit
Courierpferden vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und
Eile ist dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der
habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge mich in
Demuth Allem, was über mich verhängt wird.
Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern,
obschon ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen.
Wenn auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und
Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel
auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern,
denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im
leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene, sondern
meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir nicht so
nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der Politik,
nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie nicht
willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen sagt und Ihr
Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und denke.
Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich will
mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube ich,
gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie
müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von
Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich mir
zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem Aufenthalt
im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder zuletzt gar in
einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür danke. So lebhaft
hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es mir selbst in Sanct
Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen könnte, in Rußland
meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland geboren, und wenn sich mir
auch für die Zukunft das Vaterland meiner Eltern verschließt, so will ich
doch ungleich lieber in Deutschland wohnen, als in irgend einem andern
Lande, denn Deutschland gefällt mir und ich liebe es.
Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl
Ihrer Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen,
eine dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist
nur die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit
Courierpferden vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und
Eile ist dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der
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Kaiser Alexander in den nächsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch
diesem Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt
vergönnt.
Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und
habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder
Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben
anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie
wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin.
Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe
ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in weite
Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über mir.
Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien mich
schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß!
Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne,
einige Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und
ihr vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden.
Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch
Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken,
und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet
hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre.
Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg,
und von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe
war am folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die
Reisenden bei guter Zeit in Wien.
Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens
und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen
des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen
Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher Herablassung
zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten Nachbar! Wenn Sie
mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben sollten, so will ich
Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft sich in Kurzem lösen
wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever an Holland abzutreten,
und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen Nachbar.
diesem Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt
vergönnt.
Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und
habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder
Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben
anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie
wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin.
Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe
ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in weite
Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über mir.
Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien mich
schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß!
Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne,
einige Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und
ihr vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden.
Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch
Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken,
und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet
hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre.
Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg,
und von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe
war am folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die
Reisenden bei guter Zeit in Wien.
Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens
und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen
des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen
Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher Herablassung
zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten Nachbar! Wenn Sie
mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben sollten, so will ich
Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft sich in Kurzem lösen
wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever an Holland abzutreten,
und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen Nachbar.
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Diese Aeußerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig
einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern?
Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend
noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der
Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war
Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für
Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser
konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu
Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo
sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie dies
vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre
nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder
scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie selbst!
Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und Kniphausen vor
Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten Ansprüche und
Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr dringend, und
ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln als
Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich nicht
thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein aufrichtiges
Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse gebieterisch fordern,
die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und reichsfreiunmittelbaren deutschen
Standesherrn, da factisch das deutsche Reich aufhört, zu mediatisiren. –
Wollen Sie, Herr Graf, in meinen Militärdienst treten, so sollen Sie mir
willkommen sein.
Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke
Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar
Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir
dieser kaiserlichen Gnaden?
Allerunterthänigst muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken,
Eurer Majestät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten
Tone: ich bin körperlich zum Militärdienst untauglich. Die Prinzessin
Sophie wird die Huld Eurer Majestät zu würdigen wissen und sich für die
Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhöchst ihr anzubieten Eure
Majestät geruht haben. Majestät geruhen den Ausdruck unterthänigsten
Dankes im Voraus entgegen zu nehmen.
einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern?
Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend
noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der
Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war
Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für
Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser
konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu
Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo
sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie dies
vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre
nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder
scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie selbst!
Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und Kniphausen vor
Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten Ansprüche und
Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr dringend, und
ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln als
Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich nicht
thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein aufrichtiges
Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse gebieterisch fordern,
die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und reichsfreiunmittelbaren deutschen
Standesherrn, da factisch das deutsche Reich aufhört, zu mediatisiren. –
Wollen Sie, Herr Graf, in meinen Militärdienst treten, so sollen Sie mir
willkommen sein.
Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke
Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar
Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir
dieser kaiserlichen Gnaden?
Allerunterthänigst muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken,
Eurer Majestät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten
Tone: ich bin körperlich zum Militärdienst untauglich. Die Prinzessin
Sophie wird die Huld Eurer Majestät zu würdigen wissen und sich für die
Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhöchst ihr anzubieten Eure
Majestät geruht haben. Majestät geruhen den Ausdruck unterthänigsten
Dankes im Voraus entgegen zu nehmen.
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Der Kaiser nickte gnädig zum Zeichen der Entlassung, und bat Sophie
noch, ihre schöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prinzessin zitterte an
Ludwig’s Arme, als sie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit besternten
Kammerherren und hohen Militärchargen angefüllten Vorsäle, durch die
Schaar goldbetreßter Diener schritt; sie athmete tief auf, da sie endlich im
Wagen saßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren. Verwundert sahen die
Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine Prinzessin, wie man
sprach, zur Audienz beim Kaiser führte, im schlichten schwarzen
Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf der Brust!
Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern
und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für Annahme einer der mir
angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so?
Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich
konnte, nachdem ich für meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in Ihrem
Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen.
Und wünschten Sie, daß ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wünschen Sie
mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und
meinen Entschluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen?
O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf
freudig bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer
Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein
Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz
Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre
Frau Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen.
Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will
mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die Stille, auch
Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls nach ihr.
Ludwig war selig in seinem Gefühl – eine Vorahnung heiliger Stille,
süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun, wie
kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden Traum
seiner Zukunft ausmachten.
Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare
entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele Ordensinsignien
noch, ihre schöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prinzessin zitterte an
Ludwig’s Arme, als sie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit besternten
Kammerherren und hohen Militärchargen angefüllten Vorsäle, durch die
Schaar goldbetreßter Diener schritt; sie athmete tief auf, da sie endlich im
Wagen saßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren. Verwundert sahen die
Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine Prinzessin, wie man
sprach, zur Audienz beim Kaiser führte, im schlichten schwarzen
Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf der Brust!
Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern
und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für Annahme einer der mir
angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so?
Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich
konnte, nachdem ich für meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in Ihrem
Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen.
Und wünschten Sie, daß ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wünschen Sie
mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und
meinen Entschluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen?
O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf
freudig bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer
Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein
Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz
Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre
Frau Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen.
Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will
mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die Stille, auch
Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls nach ihr.
Ludwig war selig in seinem Gefühl – eine Vorahnung heiliger Stille,
süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun, wie
kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden Traum
seiner Zukunft ausmachten.
Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare
entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele Ordensinsignien
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auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in’s Herz, er wollte schnell mit
seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener vertrat ihm den Weg,
und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?
Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu
deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer
begleite.
Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle
Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er: nicht
übel! – Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der Kaiserstadt,
oder sollte das eine Fremde sein?
Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und
innigen Verhältniß Ludwig’s zu den hohen Frauen, die das Schicksal in jene
Asyle am Rhein geführt. – Da Windt Ludwig’s nie gedacht hatte, zumal der
Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte dieser auch
Nichts erfahren, und wenn Ludwig’s je einmal, wie es bei der Unterredung
bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung geschah, so
berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes Verhältniß.
Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß
jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander
gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden
Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr
Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu
feiern.
Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht
gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien
nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der
Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig’s Händen
wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig
von dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen
erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:
Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch
noch den Falken!
seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener vertrat ihm den Weg,
und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?
Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu
deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer
begleite.
Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle
Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er: nicht
übel! – Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der Kaiserstadt,
oder sollte das eine Fremde sein?
Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und
innigen Verhältniß Ludwig’s zu den hohen Frauen, die das Schicksal in jene
Asyle am Rhein geführt. – Da Windt Ludwig’s nie gedacht hatte, zumal der
Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte dieser auch
Nichts erfahren, und wenn Ludwig’s je einmal, wie es bei der Unterredung
bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung geschah, so
berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes Verhältniß.
Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß
jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander
gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden
Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr
Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu
feiern.
Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht
gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien
nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der
Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig’s Händen
wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig
von dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen
erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:
Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch
noch den Falken!
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Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde
rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.
Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht
verhehltem Aerger.
Nichts, antwortete Jener trocken.
Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der
Graf nach einer Pause.
Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit
scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den regierenden
Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn aufgebracht; doch
bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem Wort, Vetter: wir, der
Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder, überlass’ ihn uns, tritt ihn
uns käuflich ab, stelle deine Forderung, wir schaffen die Summe!
Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die
Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach, da
thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin, euren so
billigen Wunsch erfüllen zu können.
Warum nicht?
Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.
Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken
auf. Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie
theuer?
Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu
verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir!
Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in
ungeduldiger Spannung.
Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig’s ruhige Antwort.
Verschenkt! Hör’ ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich bitte
dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest?
rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.
Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht
verhehltem Aerger.
Nichts, antwortete Jener trocken.
Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der
Graf nach einer Pause.
Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit
scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den regierenden
Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn aufgebracht; doch
bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem Wort, Vetter: wir, der
Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder, überlass’ ihn uns, tritt ihn
uns käuflich ab, stelle deine Forderung, wir schaffen die Summe!
Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die
Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach, da
thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin, euren so
billigen Wunsch erfüllen zu können.
Warum nicht?
Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.
Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken
auf. Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie
theuer?
Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu
verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir!
Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in
ungeduldiger Spannung.
Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig’s ruhige Antwort.
Verschenkt! Hör’ ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich bitte
dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest?
Page 403
Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem
Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den
Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr
reichen Dame, die ich liebe.
Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es
klirrend zersplitterte.
Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit
einer Anspielung auf eine bekannte Sage.
Was ist’s mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und
hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.
Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig,
nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner bestellt
hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem Zimmer,
darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens vertrauerte
und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische Chronik, darin
ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem Grafenhause von
Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee gehörte, und »das
Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es existirte, sollte des Hauses
Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des Hauses von wildem Sinn wollte
das Glück versuchen, stieß das Glas auf, und da zerbrach es unter schrillem
Klang. Wie jener Becher zersprungen war, wich alles Glück vom Hause der
Lords von Edenhall, es spaltete sich die Familie, ein Unfriede herrschte
darin und Alles ging zu Grunde. Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke,
wenn Jemand mit Absicht oder auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht:
Fahr hin, Glück von Edenhall!
Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des
Reichsgrafen.
Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer
nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken
verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden?
Kannst du Gold machen?
Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust
war, den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton
Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den
Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr
reichen Dame, die ich liebe.
Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es
klirrend zersplitterte.
Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit
einer Anspielung auf eine bekannte Sage.
Was ist’s mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und
hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.
Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig,
nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner bestellt
hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem Zimmer,
darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens vertrauerte
und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische Chronik, darin
ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem Grafenhause von
Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee gehörte, und »das
Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es existirte, sollte des Hauses
Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des Hauses von wildem Sinn wollte
das Glück versuchen, stieß das Glas auf, und da zerbrach es unter schrillem
Klang. Wie jener Becher zersprungen war, wich alles Glück vom Hause der
Lords von Edenhall, es spaltete sich die Familie, ein Unfriede herrschte
darin und Alles ging zu Grunde. Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke,
wenn Jemand mit Absicht oder auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht:
Fahr hin, Glück von Edenhall!
Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des
Reichsgrafen.
Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer
nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken
verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden?
Kannst du Gold machen?
Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust
war, den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton
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gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte
Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche dieser
majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand der Natur
für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang, der
wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen
Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen
Ballade, davon lautete die letzte:
»O leide, leide, mein wackrer Falk,
Die Federn fallen dir aus!
O leide, leide, mein liebster Herr,
Seht blaß und elend aus!«
Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du, Vetter,
dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.
Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter
Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist
wohl sehr reich?
Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich
mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet!
Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte
betroffen der Reichsgraf.
Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften
verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und
Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.
Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.
Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.
Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir
herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung?
Niemand weiß etwas davon!
Willst du es durchaus wissen? – Ja! – Nun denn, der Kaiser von Rußland,
vorhin, als ich bei ihm war.
Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche dieser
majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand der Natur
für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang, der
wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen
Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen
Ballade, davon lautete die letzte:
»O leide, leide, mein wackrer Falk,
Die Federn fallen dir aus!
O leide, leide, mein liebster Herr,
Seht blaß und elend aus!«
Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du, Vetter,
dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.
Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter
Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist
wohl sehr reich?
Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich
mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet!
Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte
betroffen der Reichsgraf.
Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften
verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und
Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.
Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.
Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.
Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir
herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung?
Niemand weiß etwas davon!
Willst du es durchaus wissen? – Ja! – Nun denn, der Kaiser von Rußland,
vorhin, als ich bei ihm war.
Page 405
Beim Kaiser von Rußland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstörter
Zustand nunmehr Ludwig’s Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler
Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig
böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.
Ha! glaub’s wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.
Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen
und zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen
und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte ich
deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die
fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und lasse
dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt den
Zinsen von zwölf Jahren.
Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der
Reichsgraf.
Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so
unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.
Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du
zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die ärgste
Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich dich nicht so
wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest mich fordern und todt
schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem herben Weh, aber auch
zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen, darum nimm mich nun,
wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch warst du es, der als der
Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot; dein Edelmuth gewann dir
meine ganze volle Liebe, und nun von allen diesen Geschichten kein Wort
mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben Todten sollen leben!
Theuere Namen klangen durch Ludwig’s Erinnerung: Ottoline,
Leonardus, Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er
sprang auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort.
Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in
Wien. Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt
wieder, aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie
rasteten in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der
Zustand nunmehr Ludwig’s Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler
Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig
böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.
Ha! glaub’s wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.
Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen
und zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen
und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte ich
deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die
fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und lasse
dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt den
Zinsen von zwölf Jahren.
Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der
Reichsgraf.
Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so
unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.
Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du
zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die ärgste
Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich dich nicht so
wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest mich fordern und todt
schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem herben Weh, aber auch
zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen, darum nimm mich nun,
wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch warst du es, der als der
Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot; dein Edelmuth gewann dir
meine ganze volle Liebe, und nun von allen diesen Geschichten kein Wort
mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben Todten sollen leben!
Theuere Namen klangen durch Ludwig’s Erinnerung: Ottoline,
Leonardus, Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er
sprang auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort.
Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in
Wien. Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt
wieder, aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie
rasteten in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der
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schönsten Witterung begünstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu
bewundern. Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das
alte Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und
Coburg reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl
gegeben, dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die
Hauptstraße des Ortes.
Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er sie.
Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr zu
entsinnen, wann es war.
Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige
Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren
theueren Eltern nach Rußland reisten.
Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine
schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus
war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen erkannt
zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.
Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als
der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur
Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf
grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne
Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die
ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen
Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere
Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen
Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll
Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem
Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.
Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während
des Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in
Hildburghausen, nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu
ungleich längerem Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um
eine Audienz bei der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete
Fürstin, deren Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von
bewundern. Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das
alte Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und
Coburg reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl
gegeben, dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die
Hauptstraße des Ortes.
Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er sie.
Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr zu
entsinnen, wann es war.
Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige
Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren
theueren Eltern nach Rußland reisten.
Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine
schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus
war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen erkannt
zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.
Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als
der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur
Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf
grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne
Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die
ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen
Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere
Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen
Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll
Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem
Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.
Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während
des Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in
Hildburghausen, nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu
ungleich längerem Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um
eine Audienz bei der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete
Fürstin, deren Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von
Page 407
Stadt und Land fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer
Erinnerung.
Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang
hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich
suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste
Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den
Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein
Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür
Bürgschaft – ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so edlen
Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde.
Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin
lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie
nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie
sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich
den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr
Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren
Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen bei
uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien Sie zum
voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr Geheimniß
zu kommen, so werden’s andere Leute dafür um so eifriger sein. Mit einem
Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer guten
Residenzbewohner.
7. Das große Räthsel.
Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle
Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit
vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen
Tagen das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die
Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner
geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der
Neugierde.
Erinnerung.
Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang
hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich
suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste
Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den
Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein
Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür
Bürgschaft – ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so edlen
Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde.
Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin
lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie
nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie
sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich
den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr
Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren
Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen bei
uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien Sie zum
voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr Geheimniß
zu kommen, so werden’s andere Leute dafür um so eifriger sein. Mit einem
Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer guten
Residenzbewohner.
7. Das große Räthsel.
Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle
Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit
vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen
Tagen das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die
Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner
geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der
Neugierde.
Page 408
So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie
ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-, Tisch-
und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen der
Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden. Später
miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen zu
haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als
Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein
Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von einem
einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im eignen
eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich selbst
im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die allgemeinste
Bewunderung.
Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit Nachrichten
über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß die öffentliche
Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten hielt, war in den
Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet; darüber war man im
Allgemeinen einig – aber noch gar manches Andere blieb dafür um so
räthselhafter und spottete aller Nachforschungen.
Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die
erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und es
gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die Abenteuerlichkeiten
erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute umgingen.
Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im steten
Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel boten,
Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren. Beim
Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor, oder er
erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der Großmutter,
aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in England, so
daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte Prinzessin beschlich.
Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen Ton der Zeitblätter zu
würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die Zeit war schwer, viel
Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf Deutschland drückte lähmend wie
ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie Aeußerung, welche deutschen
Sinn athmete, wurde unterdrückt, und deutscher Vaterlandsliebe drohten
Fesseln und Kerker. Da mußten die einsamen ganz auf sich beschränkten
ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-, Tisch-
und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen der
Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden. Später
miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen zu
haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als
Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein
Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von einem
einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im eignen
eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich selbst
im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die allgemeinste
Bewunderung.
Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit Nachrichten
über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß die öffentliche
Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten hielt, war in den
Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet; darüber war man im
Allgemeinen einig – aber noch gar manches Andere blieb dafür um so
räthselhafter und spottete aller Nachforschungen.
Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die
erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und es
gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die Abenteuerlichkeiten
erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute umgingen.
Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im steten
Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel boten,
Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren. Beim
Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor, oder er
erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der Großmutter,
aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in England, so
daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte Prinzessin beschlich.
Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen Ton der Zeitblätter zu
würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die Zeit war schwer, viel
Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf Deutschland drückte lähmend wie
ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie Aeußerung, welche deutschen
Sinn athmete, wurde unterdrückt, und deutscher Vaterlandsliebe drohten
Fesseln und Kerker. Da mußten die einsamen ganz auf sich beschränkten
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Fremden in der kleinen Stadt noch zu einem andern Mittel greifen, um die
Stunden zu verkürzen und das Leben zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen
die Poesie. Mit Entzücken nahm Sophie den Geist deutscher Dichtung auf,
mit Begeisterung führte sie der Freund in die schöne Literatur ein.
Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch
einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim
Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd
öffnete er – ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!
Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in
seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf’s
Sopha.
Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf’s Heftigste und
bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren Schmerz
nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so tief
erschüttert?
Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt
von mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März,
neun und vierzig Jahre alt, und welche Frau!
Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach
Sophie bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine
theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern und
mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.
Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen
Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf’s Neue erkannte und segnete er
den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte. Auch
dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden.
Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg;
der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben
seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in
Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen
Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.
Stunden zu verkürzen und das Leben zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen
die Poesie. Mit Entzücken nahm Sophie den Geist deutscher Dichtung auf,
mit Begeisterung führte sie der Freund in die schöne Literatur ein.
Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch
einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim
Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd
öffnete er – ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!
Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in
seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf’s
Sopha.
Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf’s Heftigste und
bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren Schmerz
nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so tief
erschüttert?
Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt
von mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März,
neun und vierzig Jahre alt, und welche Frau!
Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach
Sophie bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine
theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern und
mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.
Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen
Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf’s Neue erkannte und segnete er
den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte. Auch
dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden.
Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg;
der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben
seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in
Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen
Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.
Page 410
In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich
die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer aus,
welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde. Dennoch
trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen veranlaßte,
die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein anderes Haus, in
der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von Emigranten angebaut
war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses unschlüssig, ob sie
den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das Geheimnißvolle ihrer
Personen und die vielen über sie umlaufenden Gerüchte und Mährchen
schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen Staatsbeamten, und als
eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich keiner Gefahr aussetzen,
und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin den geheimnißvollen
Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie geradezu, ob sie ihr
rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus aufzunehmen? Leicht
beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf mit seiner Begleiterin
und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk ihres Hauses Besitz.
Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den
Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und
brachte den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings,
während er doch nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser
völligen Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost
fand. Das Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur
verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit
Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei
eine Art Othello oder Ritter Blaubart.
Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen
Fremden durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl
an der Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten
Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf dem
Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in
Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben,
des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich
unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein
für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an das
Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als
gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht
die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer aus,
welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde. Dennoch
trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen veranlaßte,
die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein anderes Haus, in
der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von Emigranten angebaut
war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses unschlüssig, ob sie
den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das Geheimnißvolle ihrer
Personen und die vielen über sie umlaufenden Gerüchte und Mährchen
schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen Staatsbeamten, und als
eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich keiner Gefahr aussetzen,
und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin den geheimnißvollen
Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie geradezu, ob sie ihr
rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus aufzunehmen? Leicht
beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf mit seiner Begleiterin
und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk ihres Hauses Besitz.
Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den
Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und
brachte den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings,
während er doch nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser
völligen Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost
fand. Das Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur
verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit
Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei
eine Art Othello oder Ritter Blaubart.
Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen
Fremden durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl
an der Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten
Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf dem
Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in
Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben,
des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich
unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein
für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an das
Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als
gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht
Page 411
hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrängte die
andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe
verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten
Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen.
Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der
Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden
spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten schattigen
Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der Umfassungsmauer
hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in dem geräumigen
Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten Löcher in die
Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch, denn schon in die
Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne den Kindern, seinen
Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte verkündet, daß da drinnen
eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche keinen Mund habe; während
Andere behaupteten, die fremde verschleierte Dame habe einen Todtenkopf.
Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während
die liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des
Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen
Wand und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder
Abenteuersucht. Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und
die Löcher im Zaune wieder zunageln.
Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses
geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften
Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das
Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit, nach
Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung.
Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr
früher Morgenstunde vor dem Hause sein mußten; Philipp half dieselben
rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum
Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Köchin
noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, daß
die Erstere, welche einen Schlüssel zur Küche bei sich führte, bei einer
solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie
übersah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüsselloch gezogen war.
andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe
verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten
Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen.
Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der
Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden
spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten schattigen
Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der Umfassungsmauer
hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in dem geräumigen
Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten Löcher in die
Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch, denn schon in die
Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne den Kindern, seinen
Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte verkündet, daß da drinnen
eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche keinen Mund habe; während
Andere behaupteten, die fremde verschleierte Dame habe einen Todtenkopf.
Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während
die liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des
Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen
Wand und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder
Abenteuersucht. Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und
die Löcher im Zaune wieder zunageln.
Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses
geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften
Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das
Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit, nach
Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung.
Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr
früher Morgenstunde vor dem Hause sein mußten; Philipp half dieselben
rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum
Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Köchin
noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, daß
die Erstere, welche einen Schlüssel zur Küche bei sich führte, bei einer
solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie
übersah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüsselloch gezogen war.
Page 412
Als die Herrschaft zurückkehrte, wurde diese Köchin mit Belassung ihres
Gehaltes für den vollen Rest des Jahres auf der Stelle verabschiedet.
Wohin die Fremdlinge fuhren? – Jede nächste Poststation bot andere
Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach
welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein religiöses
Bedürfniß führe sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen Frankenlandes,
nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum Gipfel des
heiligen Kreuzbergs.
Dem in so geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben
der gesammten Umgebung ein so großes Räthsel war, kam ein wichtiger
Tag. Längst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, längst sich mit ihm
beschäftigt, zweierlei sollte den Mann überraschen, an den ihr Geschick sie
so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September des
Jahres 1808.
Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemüht,
Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel.
Noch nie war, außer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute
Du über die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der
französischen Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien
nicht minder fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen
so seltsam, daß sie bei sich beschloß, in dem Briefe, der ihre erste Uebung
im deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr
hin, daß es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet
stammelt.
So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte
Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben machte,
er sei, weil nicht nach den Regeln der großen deutschen Sprachschulmeister
Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und geschrieben, nur ein Zeugniß
von Mangel an Bildung oder von ganz untergeordneter Stellung jener
Persönlichkeit, die das Räthsel ihrer Existenz mit so dichten Schleierhüllen
umwob.
Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht
Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. – Du!
Gehaltes für den vollen Rest des Jahres auf der Stelle verabschiedet.
Wohin die Fremdlinge fuhren? – Jede nächste Poststation bot andere
Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach
welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein religiöses
Bedürfniß führe sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen Frankenlandes,
nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum Gipfel des
heiligen Kreuzbergs.
Dem in so geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben
der gesammten Umgebung ein so großes Räthsel war, kam ein wichtiger
Tag. Längst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, längst sich mit ihm
beschäftigt, zweierlei sollte den Mann überraschen, an den ihr Geschick sie
so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September des
Jahres 1808.
Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemüht,
Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel.
Noch nie war, außer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute
Du über die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der
französischen Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien
nicht minder fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen
so seltsam, daß sie bei sich beschloß, in dem Briefe, der ihre erste Uebung
im deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr
hin, daß es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet
stammelt.
So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte
Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben machte,
er sei, weil nicht nach den Regeln der großen deutschen Sprachschulmeister
Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und geschrieben, nur ein Zeugniß
von Mangel an Bildung oder von ganz untergeordneter Stellung jener
Persönlichkeit, die das Räthsel ihrer Existenz mit so dichten Schleierhüllen
umwob.
Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht
Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. – Du!
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klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es längst in der seinen
geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfräulich erbebende Herz
nach, da es sich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu sein als
Pflegbefohlene, mehr als Tochter.
Als der Graf an diesem 22. September früh nach seiner Gewohnheit das
Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat, lag
auf einem geschmückten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem eine
schöne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit, erhabene
Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei an der
Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten Lilien,
welche mit täuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von Silberlahn
gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem Kranze lag ein
Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft, dessen Abdruck in
einem kleinen ovalen Schildchen unter einer Königskrone drei
Wappenlilien zeigte.
Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich
theuern Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm
wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte still
seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie Alle,
nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem Leben
waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen war ein
Strahl gewesen, der sein Dasein geschmückt und verklärt hatte, jetzt waren
diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der ihm ein einzig
holder, ach! sein letzter Stern war.
Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las
nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutschen
Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den
heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele!
»Lieber guter Ludwig!
Ich wünsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glück und Segen! Der
Himmel erhalte dich gesund bis in das späteste Alter. Ach, lieber Ludwig, es
sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der Himmel segne
dich für Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir noch thust!
geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfräulich erbebende Herz
nach, da es sich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu sein als
Pflegbefohlene, mehr als Tochter.
Als der Graf an diesem 22. September früh nach seiner Gewohnheit das
Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat, lag
auf einem geschmückten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem eine
schöne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit, erhabene
Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei an der
Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten Lilien,
welche mit täuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von Silberlahn
gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem Kranze lag ein
Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft, dessen Abdruck in
einem kleinen ovalen Schildchen unter einer Königskrone drei
Wappenlilien zeigte.
Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich
theuern Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm
wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte still
seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie Alle,
nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem Leben
waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen war ein
Strahl gewesen, der sein Dasein geschmückt und verklärt hatte, jetzt waren
diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der ihm ein einzig
holder, ach! sein letzter Stern war.
Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las
nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutschen
Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den
heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele!
»Lieber guter Ludwig!
Ich wünsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glück und Segen! Der
Himmel erhalte dich gesund bis in das späteste Alter. Ach, lieber Ludwig, es
sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der Himmel segne
dich für Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir noch thust!
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Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, daß ich dir zu deinem
Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine
Kleinigkeit für dich gestickt, ich schäme mich, daß sie nicht besser ist. Aber
gewiß wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen Sophie
annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach, verzeihe
mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den Himmel,
daß er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Möchtest du doch mit mir
zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu thun, alles dir
angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß, daß meine Lage
schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel segne dich für
alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im Schutze Maria’s und
dem deinen.
Deine arme Sophie bis in’s Grab.
Den 22. September 1808.
[14] Dem holländischen Geboortedag nachgebildet. Der Brief ist, bis auf die
verbesserte Rechtschreibung, ganz urkundlich.
8. Der Geburtstag.
Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem
holden Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und
netzte mit seinen Thränen diese theuren Zeilen.
Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön, geschmückt,
in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend kleideten, eine
liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste Rose Irans, das
holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein verkörpertes Ideal
jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf. Sophie! Ludwig! – und
sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an Herz, und geschlossen
war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches, vollbeglücktes Leben.
Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen aller bisherige Zwang der
scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des Himmels standen sich die
Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine
Kleinigkeit für dich gestickt, ich schäme mich, daß sie nicht besser ist. Aber
gewiß wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen Sophie
annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach, verzeihe
mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den Himmel,
daß er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Möchtest du doch mit mir
zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu thun, alles dir
angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß, daß meine Lage
schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel segne dich für
alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im Schutze Maria’s und
dem deinen.
Deine arme Sophie bis in’s Grab.
Den 22. September 1808.
[14] Dem holländischen Geboortedag nachgebildet. Der Brief ist, bis auf die
verbesserte Rechtschreibung, ganz urkundlich.
8. Der Geburtstag.
Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem
holden Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und
netzte mit seinen Thränen diese theuren Zeilen.
Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön, geschmückt,
in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend kleideten, eine
liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste Rose Irans, das
holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein verkörpertes Ideal
jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf. Sophie! Ludwig! – und
sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an Herz, und geschlossen
war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches, vollbeglücktes Leben.
Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen aller bisherige Zwang der
scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des Himmels standen sich die
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edlen Gestalten gegenüber, froh bewußt ihrer Bestimmung, ihres Zieles, daß
sie nun einander angehörten für das Erdensein, für eine gemeinsame Bahn,
ein gemeinsames Streben. Der Tag war reizend angebrochen, es war
Herbstesanfang, während die Liebenden auf die Sonnenhöhe des Lebens
traten; die Morgensonne strahlte hell in die Zimmer, die Natur lachte noch
in voller Sommerfrische, und hatte das reiche Füllhorn mannichfaltiger
Blumenpracht über die Schöpfung geschüttet.
Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren
Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem
holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen zarten
Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck gelehrt?
Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern?
Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an
diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens vergessen,
welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus Mutter
ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte. Endlich
dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer wachsendem
Erstaunen.
»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten
Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen,
wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an einem
guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich
niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde
nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren
wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber Leonardus,
denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue bewiesen,
obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht dein Vater
ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für unsern Sohn
gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und seltsame
Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes Kind in
unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber erstaunen, doch
mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du dazu Ursache hast.«
»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte
ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London
sie nun einander angehörten für das Erdensein, für eine gemeinsame Bahn,
ein gemeinsames Streben. Der Tag war reizend angebrochen, es war
Herbstesanfang, während die Liebenden auf die Sonnenhöhe des Lebens
traten; die Morgensonne strahlte hell in die Zimmer, die Natur lachte noch
in voller Sommerfrische, und hatte das reiche Füllhorn mannichfaltiger
Blumenpracht über die Schöpfung geschüttet.
Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren
Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem
holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen zarten
Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck gelehrt?
Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern?
Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an
diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens vergessen,
welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus Mutter
ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte. Endlich
dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer wachsendem
Erstaunen.
»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten
Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen,
wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an einem
guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich
niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde
nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren
wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber Leonardus,
denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue bewiesen,
obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht dein Vater
ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für unsern Sohn
gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und seltsame
Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes Kind in
unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber erstaunen, doch
mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du dazu Ursache hast.«
»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte
ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London
Page 416
abzuschließen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes, liebten
uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung entschließen;
ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar dort nach einiger
Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den Namen Leonardus
Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten Säugling, und
mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt ein. Das große
Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser Eigenthum; mit uns
fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon bejahrte, wenigstens
fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch wiederum sehr gute und
außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein Mann sehr verehrte, sie
stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher er allerlei Geldgeschäfte
abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von einer jungen Dame, ihrer
Schwiegertochter, deren Gemahl in England zurückgeblieben war. Es war
zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber doch gütige Frau, welche,
gleich mir, auch in London geboren hatte, und ihr Kind von einer Amme
stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle Freundlichkeit und
Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere Kinder, fanden sogar ein
wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und theilten uns nach Frauenweise
unsere gegenseitige Herkunft und Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß
Reneira, und war die Tochter eines Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie
zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr Gemahl war der Reichsgraf Johann
Albert von Jever, Varel und Kniphausen, und eine ältere Schwester von ihr,
Maria Katharine van Tuyl zu Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren
Bruder verheirathet. Beide Männer waren die Söhne der Reichsgräfin,
welche sich mit auf unserem Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem
»Helder« und dem »Texel« hindurch waren, und die Insel Wiwingen in
Sicht hatten, sprang der Wind um, wuchs und wuchs und wurde zu einem
furchtbaren Sturme. Du kennst Seestürme aus eigener Erfahrung
hinlänglich, mein geliebter Leonardus, aber die Feder einer alten schwachen
Frau ist nicht vermögend, den zu schildern, der mit allen Schrecken der
empörten Elemente uns heimsuchte. Alles stürzte durcheinander, wir armen
Frauen, unsere Kinder, unsere Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst,
Nothschüsse, Gekreisch, Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn
unter Deck mußten alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um
Feuersgefahr zu verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit
furchtbar lang, es war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir
Frauen waren mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern
uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung entschließen;
ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar dort nach einiger
Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den Namen Leonardus
Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten Säugling, und
mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt ein. Das große
Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser Eigenthum; mit uns
fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon bejahrte, wenigstens
fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch wiederum sehr gute und
außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein Mann sehr verehrte, sie
stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher er allerlei Geldgeschäfte
abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von einer jungen Dame, ihrer
Schwiegertochter, deren Gemahl in England zurückgeblieben war. Es war
zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber doch gütige Frau, welche,
gleich mir, auch in London geboren hatte, und ihr Kind von einer Amme
stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle Freundlichkeit und
Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere Kinder, fanden sogar ein
wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und theilten uns nach Frauenweise
unsere gegenseitige Herkunft und Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß
Reneira, und war die Tochter eines Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie
zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr Gemahl war der Reichsgraf Johann
Albert von Jever, Varel und Kniphausen, und eine ältere Schwester von ihr,
Maria Katharine van Tuyl zu Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren
Bruder verheirathet. Beide Männer waren die Söhne der Reichsgräfin,
welche sich mit auf unserem Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem
»Helder« und dem »Texel« hindurch waren, und die Insel Wiwingen in
Sicht hatten, sprang der Wind um, wuchs und wuchs und wurde zu einem
furchtbaren Sturme. Du kennst Seestürme aus eigener Erfahrung
hinlänglich, mein geliebter Leonardus, aber die Feder einer alten schwachen
Frau ist nicht vermögend, den zu schildern, der mit allen Schrecken der
empörten Elemente uns heimsuchte. Alles stürzte durcheinander, wir armen
Frauen, unsere Kinder, unsere Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst,
Nothschüsse, Gekreisch, Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn
unter Deck mußten alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um
Feuersgefahr zu verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit
furchtbar lang, es war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir
Frauen waren mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern
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und Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen
Welle unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche
Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte
zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der
zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die
Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet
war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden die
Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu sinken
drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während dies
geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen Dame,
gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und verworrene
Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte ich das meinige
an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald trennten uns die
donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes Hand über uns,
und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes
gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein Schiff uns aufnahm.
Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm nachließ, gelang es den
weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu stopfen und das Schiff
wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu Hause angekommen, so fiel
ich in eine lange schwere Krankheit, in welcher mein Mann und alle die
Meinen um mein Leben zitterten, und von der ich erst nach vier Wochen
wieder genaß. Während dessen hatte mein Kind entwöhnt werden müssen,
das auch leidend geworden war, doch hatte Gott es mir und mich ihm
erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege meiner Schwägerin Adriane
van der Valck, welche damals noch unverheirathet war, wäre weder ich
noch das Kind mit dem Leben davon gekommen. Wer beschreibt aber mein
Gefühl, als, nachdem ich wieder außer Gefahr war, Adriane, die bei mir saß,
das Kind wiegte, und mich zu unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum
ist denn deinem kleinen Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen
worden, liebe Schwägerin, und von wem liehst du denn die feine, gestickte
Windel? – Adriane! entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst
feine Windeln genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde
Hemdchen.«
»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane;
ich wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken
lassen.«
Welle unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche
Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte
zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der
zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die
Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet
war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden die
Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu sinken
drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während dies
geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen Dame,
gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und verworrene
Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte ich das meinige
an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald trennten uns die
donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes Hand über uns,
und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes
gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein Schiff uns aufnahm.
Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm nachließ, gelang es den
weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu stopfen und das Schiff
wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu Hause angekommen, so fiel
ich in eine lange schwere Krankheit, in welcher mein Mann und alle die
Meinen um mein Leben zitterten, und von der ich erst nach vier Wochen
wieder genaß. Während dessen hatte mein Kind entwöhnt werden müssen,
das auch leidend geworden war, doch hatte Gott es mir und mich ihm
erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege meiner Schwägerin Adriane
van der Valck, welche damals noch unverheirathet war, wäre weder ich
noch das Kind mit dem Leben davon gekommen. Wer beschreibt aber mein
Gefühl, als, nachdem ich wieder außer Gefahr war, Adriane, die bei mir saß,
das Kind wiegte, und mich zu unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum
ist denn deinem kleinen Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen
worden, liebe Schwägerin, und von wem liehst du denn die feine, gestickte
Windel? – Adriane! entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst
feine Windeln genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde
Hemdchen.«
»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane;
ich wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken
lassen.«
Page 418
»Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich
aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine
gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem
Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war. Jetzt
packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar stand
Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte dumpf
vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die Wärterin
wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war noch ein
zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im Getümmel des
Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja todt – todt!«
»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind gerettet,
mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen Stunde, wo
uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten, verwechselt
worden.«
»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich
machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind
wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun
entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß,
diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser
William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.«
Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von
seinem Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der
Natur in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale
uns auf der »vergulden Rose« sahen.
Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den
Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.
Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von
einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder!
Doch lesen wir weiter.
»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind
bei mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe,
mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die
Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so
aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine
gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem
Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war. Jetzt
packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar stand
Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte dumpf
vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die Wärterin
wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war noch ein
zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im Getümmel des
Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja todt – todt!«
»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind gerettet,
mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen Stunde, wo
uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten, verwechselt
worden.«
»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich
machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind
wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun
entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß,
diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser
William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.«
Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von
seinem Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der
Natur in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale
uns auf der »vergulden Rose« sahen.
Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den
Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.
Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von
einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder!
Doch lesen wir weiter.
»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind
bei mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe,
mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die
Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so
Page 419
konnten die nöthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz
glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene Frau
hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden,
dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel herbe
Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind, dich,
mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so spätes
Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte ich
nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich
entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und
der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher Wille
hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in Demuth an.
Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche Weisheit des
Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie dieses Kind in der
Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.«
»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft
bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die
Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so
daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber
denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind der
vornehmen Dame, m e i n Kind – sei damals nur in der ersten Verwirrung
für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich heranzuwachsen.
Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich nun reden? Sollte
ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die damals die
Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des Kindes,
wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte jedenfalls die
anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und geschwiegen,
sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.«
»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem
Sohn, denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem
Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und
verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der
Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die
französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in
Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben
theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf
geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des
glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene Frau
hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden,
dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel herbe
Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind, dich,
mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so spätes
Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte ich
nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich
entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und
der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher Wille
hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in Demuth an.
Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche Weisheit des
Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie dieses Kind in der
Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.«
»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft
bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die
Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so
daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber
denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind der
vornehmen Dame, m e i n Kind – sei damals nur in der ersten Verwirrung
für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich heranzuwachsen.
Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich nun reden? Sollte
ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die damals die
Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des Kindes,
wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte jedenfalls die
anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und geschwiegen,
sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.«
»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem
Sohn, denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem
Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und
verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der
Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die
französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in
Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben
theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf
geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des
Page 420
gräflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth,
wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die
Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein
weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont,
an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus, unseres
Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter, obschon sie
nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so geliebt hat, und
dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen hofft, wenn du dieses
liest, für dich bitten wird.«
Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört.
Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar
bewegt, wenn du Leonardus wärst?
Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der
Graf feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles
Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand
diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich
mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu
frommen solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen
können sie, oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen
Ahnenreihen, Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines
ungetrübten innern Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was
gilt uns Condé? Du hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde
Sophie, indem du jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was
sollen uns die Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner.
Was sollte uns ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das
Sinnbild der Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.
Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer
noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.
Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau
Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von
Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben
lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von
Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel
wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die
Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein
weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont,
an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus, unseres
Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter, obschon sie
nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so geliebt hat, und
dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen hofft, wenn du dieses
liest, für dich bitten wird.«
Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört.
Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar
bewegt, wenn du Leonardus wärst?
Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der
Graf feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles
Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand
diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich
mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu
frommen solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen
können sie, oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen
Ahnenreihen, Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines
ungetrübten innern Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was
gilt uns Condé? Du hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde
Sophie, indem du jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was
sollen uns die Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner.
Was sollte uns ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das
Sinnbild der Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.
Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer
noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.
Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau
Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von
Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben
lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von
Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel
Page 421
und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen
bekleidet haben?
Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die
Stimme der Natur?
Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt
freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein
leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem
Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer eine
Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen
Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch
dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –
Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück
den Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu
gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen
Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des
Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.
Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er
unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu seiner
Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses Schloß,
früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen Liegenschaften
herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum, der einem
Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei Stockwerke
umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen schönen
geräumigen Saal.
In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und
ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen
Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der
herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des
Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines Geburtstages
still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.
Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem
wohlüberdachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den
einfachen ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz
bekleidet haben?
Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die
Stimme der Natur?
Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt
freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein
leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem
Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer eine
Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen
Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch
dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –
Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück
den Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu
gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen
Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des
Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.
Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er
unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu seiner
Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses Schloß,
früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen Liegenschaften
herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum, der einem
Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei Stockwerke
umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen schönen
geräumigen Saal.
In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und
ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen
Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der
herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des
Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines Geburtstages
still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.
Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem
wohlüberdachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den
einfachen ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz
Page 422
abweichend war, so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde
gelangte, bis in’s Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald
war auch hier der Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und
wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm
auszusetzen. Es erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der
Mann sich so abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem
Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er
durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten
erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie
stand in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als
in dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen
Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb.
Kluge und alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so
anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten
Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge
Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.
Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine
Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse.
Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem
lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem
Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer
Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender
Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart jenes
frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso gaben
die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher
Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld
speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig untersagte
seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den Bewohnern des
Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, die alles
Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und so
kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein Sonderling – ein
Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener Verbrecher – an der
Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen sprach. Alles was
Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen Eigenheiten hervortreten
ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das Lächerlichste und Boshafteste
verdreht und entstellt, wurde aufgetischt als Neuigkeit, wurde glossirt als
gelangte, bis in’s Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald
war auch hier der Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und
wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm
auszusetzen. Es erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der
Mann sich so abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem
Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er
durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten
erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie
stand in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als
in dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen
Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb.
Kluge und alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so
anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten
Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge
Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.
Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine
Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse.
Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem
lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem
Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer
Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender
Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart jenes
frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso gaben
die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher
Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld
speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig untersagte
seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den Bewohnern des
Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, die alles
Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und so
kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein Sonderling – ein
Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener Verbrecher – an der
Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen sprach. Alles was
Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen Eigenheiten hervortreten
ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das Lächerlichste und Boshafteste
verdreht und entstellt, wurde aufgetischt als Neuigkeit, wurde glossirt als
Page 423
Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, ohne jedoch dabei nur im Geringsten
den vielen vortrefflichen Eigenschaften der beiden Verbundenen die
geringste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
9. Ein alter Bekannter.
So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen.
Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu
Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem
gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich
geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß eintrat,
das wir hier erzählen wollen.
Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein
französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren
Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben
zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem
Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit
Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten,
die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer
über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem
Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die
armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise
und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas
Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu
erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm
fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte, einen
Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem französischen
Kapitän in’s Gesicht, faßte dabei krampfhaft des Verwalters Arm, ließ ihn
dann schnell wieder los und eilte davon. Auch der Franzose zeigte sich
plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp mit dem gleichen Schrecken
angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends hinunter und rief: C’est
impossible! Impossible!
den vielen vortrefflichen Eigenschaften der beiden Verbundenen die
geringste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
9. Ein alter Bekannter.
So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen.
Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu
Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem
gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich
geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß eintrat,
das wir hier erzählen wollen.
Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein
französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren
Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben
zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem
Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit
Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten,
die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer
über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem
Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die
armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise
und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas
Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu
erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm
fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte, einen
Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem französischen
Kapitän in’s Gesicht, faßte dabei krampfhaft des Verwalters Arm, ließ ihn
dann schnell wieder los und eilte davon. Auch der Franzose zeigte sich
plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp mit dem gleichen Schrecken
angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends hinunter und rief: C’est
impossible! Impossible!
Page 424
Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier
mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im
hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das Werk
weniger Minuten.
Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am
Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden
Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit rauher
Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an den
Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht
beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann
hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will
zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in eine
große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das Haus,
ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser befreite
sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des
Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was
schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu
trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager
obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt ihr,
es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat anno dreizehn
geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht’s euch nur! Hinauf
geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr schießt euch
todt wie einen tollen Hund, daß ihr’s wißt. Denkt ihr Lumpenhunde, wir
fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die Sturmglocke, schlagen
euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht mehr nach euch! – Der
französische Hauptmann gerieth bei dieser energischen Drohung in eine
kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es war, konnte sein Gesicht nicht
werden; grimmig schleuderte er das Glas, aus dem er getrunken, mit einem
wilden Fluche zur Erde, knirschte in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen,
rief seinen Leuten einige Worte auf Französisch zu und stürzte aus dem
Hause. Philipp stand in der Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd
am Zügel, seine Absicht war, nach Hildburghausen zu jagen,
Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort herbeizuholen und den Hauptmann
in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte ihn und jener hatte Philipp erkannt
– es war kein Anderer als Berthelmy, Angés’ verruchter Meuchelmörder.
Wie der treue Diener ihn aus dem Hause stürzen sah, ließ er das Pferd los
mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im
hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das Werk
weniger Minuten.
Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am
Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden
Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit rauher
Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an den
Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht
beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann
hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will
zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in eine
große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das Haus,
ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser befreite
sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des
Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was
schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu
trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager
obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt ihr,
es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat anno dreizehn
geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht’s euch nur! Hinauf
geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr schießt euch
todt wie einen tollen Hund, daß ihr’s wißt. Denkt ihr Lumpenhunde, wir
fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die Sturmglocke, schlagen
euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht mehr nach euch! – Der
französische Hauptmann gerieth bei dieser energischen Drohung in eine
kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es war, konnte sein Gesicht nicht
werden; grimmig schleuderte er das Glas, aus dem er getrunken, mit einem
wilden Fluche zur Erde, knirschte in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen,
rief seinen Leuten einige Worte auf Französisch zu und stürzte aus dem
Hause. Philipp stand in der Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd
am Zügel, seine Absicht war, nach Hildburghausen zu jagen,
Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort herbeizuholen und den Hauptmann
in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte ihn und jener hatte Philipp erkannt
– es war kein Anderer als Berthelmy, Angés’ verruchter Meuchelmörder.
Wie der treue Diener ihn aus dem Hause stürzen sah, ließ er das Pferd los
Page 425
und eilte Jenem nach. Berthelmy ging zwischen dem Dorf und dem Bach,
welcher sich rasch und rauschend ergoß, auf die Wiesenfläche –
augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner kritischen Lage irgend
einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in ohnmächtigem Grimme; es war,
das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr mit diesen deutschen Bauern zu
machen, die Erinnerung des Landvolkes an den Druck, an den Uebermuth
der Franzosen war noch zu neu und lebendig; überall mußten dies die
Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine empfinden, das Landvolk
besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen Flüchtlingen und
Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.
Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus
nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit hoher
Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach
nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm,
hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn es
sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.
Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an
einer Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte,
kehrte er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde
gewachsen und vertrat ihm den Weg.
Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit
der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her, die
man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein Bauernhaufe vor
dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und Dreschflegeln.
Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu, daß
sie nun suchen sollten davonzukommen.
Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt
vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den
Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen den
Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg einzuschlagen,
der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden nach Streifdorf
und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen Kernflüchen noch eine
Strecke weit das Geleite.
welcher sich rasch und rauschend ergoß, auf die Wiesenfläche –
augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner kritischen Lage irgend
einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in ohnmächtigem Grimme; es war,
das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr mit diesen deutschen Bauern zu
machen, die Erinnerung des Landvolkes an den Druck, an den Uebermuth
der Franzosen war noch zu neu und lebendig; überall mußten dies die
Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine empfinden, das Landvolk
besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen Flüchtlingen und
Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.
Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus
nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit hoher
Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach
nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm,
hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn es
sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.
Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an
einer Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte,
kehrte er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde
gewachsen und vertrat ihm den Weg.
Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit
der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her, die
man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein Bauernhaufe vor
dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und Dreschflegeln.
Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu, daß
sie nun suchen sollten davonzukommen.
Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt
vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den
Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen den
Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg einzuschlagen,
der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden nach Streifdorf
und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen Kernflüchen noch eine
Strecke weit das Geleite.
Page 426
Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut plaudernde
Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es wieder
ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen der Rodach
unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.
Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause
geschlichen, der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war
bleich wie der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd
mit gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er
mußte sogleich zu Bette gebracht werden.
Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp unter
heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem französischen
Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der Rodach,
begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den abscheulichen
Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe nicht lebend das
Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher vor seiner Seele. So
ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg, und warf sich mit einer
wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein kräftiger Mann, wehrte sich
verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die Rache Riesenstärke; bald war der
verruchte Mörder der herrlichen Angés völlig in seiner Gewalt, Philipp’s
Faustschläge betäubten ihn und obwohl es Jenem noch gelang, seinen
Angreifer mit einem Stilett tief in der rechten Seite zu verwunden, so
achtete Philipp dessen doch nicht, und auf Berthelmy’s Brust knieend,
drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis derselbe kein Glied mehr regte.
Dann schleifte er den Leichnam an den Haaren nach der nahen Rodach und
warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.
Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des
treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere
Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach
dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand des
Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem Aufkommen
zweifelte. Berthelmy’s Stilett hatte noch einmal, zum Letztenmal den Weg
zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter unsäglichen Schmerzen
gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst einige Wochen nach
seinem Tode fand man die Leiche des von ihm erdrosselten Berthelmy in
den Weidengebüschen der Rodach auf.
Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es wieder
ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen der Rodach
unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.
Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause
geschlichen, der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war
bleich wie der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd
mit gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er
mußte sogleich zu Bette gebracht werden.
Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp unter
heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem französischen
Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der Rodach,
begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den abscheulichen
Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe nicht lebend das
Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher vor seiner Seele. So
ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg, und warf sich mit einer
wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein kräftiger Mann, wehrte sich
verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die Rache Riesenstärke; bald war der
verruchte Mörder der herrlichen Angés völlig in seiner Gewalt, Philipp’s
Faustschläge betäubten ihn und obwohl es Jenem noch gelang, seinen
Angreifer mit einem Stilett tief in der rechten Seite zu verwunden, so
achtete Philipp dessen doch nicht, und auf Berthelmy’s Brust knieend,
drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis derselbe kein Glied mehr regte.
Dann schleifte er den Leichnam an den Haaren nach der nahen Rodach und
warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.
Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des
treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere
Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach
dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand des
Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem Aufkommen
zweifelte. Berthelmy’s Stilett hatte noch einmal, zum Letztenmal den Weg
zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter unsäglichen Schmerzen
gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst einige Wochen nach
seinem Tode fand man die Leiche des von ihm erdrosselten Berthelmy in
den Weidengebüschen der Rodach auf.
Page 427
10. Stillleben.
Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals
unberührt? Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich
erfüllten? Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das
Schloß von Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben
Geschicke nicht völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich;
der Himmel verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das
Unabwendbare zu ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So
schwanden ihnen die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer
Liebesbund alterten nicht.
Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat
Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter ironischen
Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath Wippermann,
früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so gütig ist, mir
zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir als neueste
Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen gefunden hat,
über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner mit Madame
Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch das
öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.
Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester
Ludwig?
Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben
sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer
nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer
Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche
reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«
Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.
Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt der
Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten
Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals
unberührt? Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich
erfüllten? Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das
Schloß von Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben
Geschicke nicht völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich;
der Himmel verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das
Unabwendbare zu ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So
schwanden ihnen die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer
Liebesbund alterten nicht.
Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat
Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter ironischen
Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath Wippermann,
früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so gütig ist, mir
zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir als neueste
Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen gefunden hat,
über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner mit Madame
Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch das
öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.
Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester
Ludwig?
Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben
sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer
nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer
Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche
reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«
Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.
Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt der
Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten
Page 428
Herkommens.
Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des
Hauses? Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie
weiter.
Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader
nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen, aber
ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher lautet: »Selig
ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret ist,
wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist treu und
beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen durch trotz aller
widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand hat ein Recht, ihn zu
tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der Frau, die er wahrhaft liebt,
daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch den letzteren selbst die Rechte
gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz sicherlich auf das Heftigste werden
angefochten und bestritten werden.
Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten
deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen
Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du
selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England ungleich
vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich herrscht für die
Herzen mehr edle Freiheit.
Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren
Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich selber.
Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, sondern nur
nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit und wird es
ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein reformatorischer Titane
von Gott berufen den ganzer Plunder des alten sogenannten römischen
Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen, Digesten, Glossen und wie
das Zeug weiter heißt, aus Deutschland hinausfegt, und an die Stelle der
Verdrehung, der wälschen Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und
Fälschung den Altar des einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen
Wahrheit errichtet. So lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe
zu klagen:
Es erben sich Gesetz’ und Rechte,
Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des
Hauses? Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie
weiter.
Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader
nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen, aber
ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher lautet: »Selig
ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret ist,
wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist treu und
beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen durch trotz aller
widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand hat ein Recht, ihn zu
tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der Frau, die er wahrhaft liebt,
daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch den letzteren selbst die Rechte
gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz sicherlich auf das Heftigste werden
angefochten und bestritten werden.
Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten
deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen
Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du
selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England ungleich
vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich herrscht für die
Herzen mehr edle Freiheit.
Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren
Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich selber.
Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, sondern nur
nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit und wird es
ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein reformatorischer Titane
von Gott berufen den ganzer Plunder des alten sogenannten römischen
Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen, Digesten, Glossen und wie
das Zeug weiter heißt, aus Deutschland hinausfegt, und an die Stelle der
Verdrehung, der wälschen Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und
Fälschung den Altar des einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen
Wahrheit errichtet. So lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe
zu klagen:
Es erben sich Gesetz’ und Rechte,
Page 429
Wie eine ew’ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.
so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden.
Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich in
diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die Processe
im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken sie nicht
sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher im
Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im Weiterschreiten
rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung raubt, alle Liebe
ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß der Sohn des Vaters
Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht wandelt diese Vernunft in
Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln, Formeln und Bedingungen das
Erbrecht an, und macht die Söhne der reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja
durch die Geburt schon im Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern.
»Wohlthat wird Plage.« Weißt du, daß Hofrath Brünings mir einen Proceß
an den Hals werfen wollte wegen des Falken von Kniphausen? Ich sollte
mein Recht auf dieses Geschenk der Großmutter sonnenklar documentiren,
sollte schwören, daß der Falke rechtlich mein sei, ich sollte mich vor
Gericht stellen, sollte in meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der
Verhandlungen mit Advocaten haben und durch diese Gabe der
unvergeßlichen Frau das centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s
empfinden:
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen
dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist, und
mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht verzichte,
»das mit mir geboren ist«.
Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten
mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.
so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden.
Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich in
diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die Processe
im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken sie nicht
sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher im
Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im Weiterschreiten
rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung raubt, alle Liebe
ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß der Sohn des Vaters
Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht wandelt diese Vernunft in
Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln, Formeln und Bedingungen das
Erbrecht an, und macht die Söhne der reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja
durch die Geburt schon im Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern.
»Wohlthat wird Plage.« Weißt du, daß Hofrath Brünings mir einen Proceß
an den Hals werfen wollte wegen des Falken von Kniphausen? Ich sollte
mein Recht auf dieses Geschenk der Großmutter sonnenklar documentiren,
sollte schwören, daß der Falke rechtlich mein sei, ich sollte mich vor
Gericht stellen, sollte in meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der
Verhandlungen mit Advocaten haben und durch diese Gabe der
unvergeßlichen Frau das centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s
empfinden:
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen
dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist, und
mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht verzichte,
»das mit mir geboren ist«.
Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten
mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in
Page 430
deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen will,
aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die
bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«
Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester
Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind
sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland
»ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach
zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des siebzehnten
Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton Günther, als der
letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und Delmenhorst. Es war der
Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem die Erbtochter von
Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und vererbte. Wenn sein
Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche Mannslehen waren –
mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an das
stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem
deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun
dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte
ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den
Reichsfreiherrnstand, er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu
Varel, und endlich erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde
eines Grafen des heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen
Begabungen und Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen
waren, zum großen Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von
Dänemark und des Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-
Plön, ja sogar das Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater
endlich in seinem vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn,
Reichsgraf Anton der Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die
Herrlichkeiten Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das
Amt Varel, über die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind
freieigene Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder
Familienfideicommisse. Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der
Großmutter meiner Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in
Hamburg kennen lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt
seines einzigen Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er
nur Töchter, welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen,
Bielcke und der Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während
aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die
bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«
Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester
Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind
sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland
»ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach
zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des siebzehnten
Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton Günther, als der
letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und Delmenhorst. Es war der
Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem die Erbtochter von
Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und vererbte. Wenn sein
Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche Mannslehen waren –
mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an das
stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem
deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun
dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte
ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den
Reichsfreiherrnstand, er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu
Varel, und endlich erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde
eines Grafen des heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen
Begabungen und Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen
waren, zum großen Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von
Dänemark und des Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-
Plön, ja sogar das Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater
endlich in seinem vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn,
Reichsgraf Anton der Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die
Herrlichkeiten Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das
Amt Varel, über die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind
freieigene Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder
Familienfideicommisse. Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der
Großmutter meiner Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in
Hamburg kennen lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt
seines einzigen Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er
nur Töchter, welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen,
Bielcke und der Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während
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die gräfliche Wittwe in Doorwerth residirte, Dänemark, Holstein und
Oldenburg verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren
abermaligem Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem
seine Rechte wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine
Ueberfülle, welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich
sein würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig
aus dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal
vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb ohne
Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war meine
selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die großmüthige
Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich dankbar segnen
werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag. Weil die
meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten dieselben
meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich mit einem in
Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz, unserer Angés
Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht in glücklicher
Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte, sich gegen
Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem, daß auch
mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu beitrugen,
ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen, Geist und
Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas im
Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte oft
lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am
Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten, und
hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener Zeit am
Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück ihres fast
ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste sie mit
dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von Preußen, oder
empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von Bayreuth; schon
ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer Menge Namen von
Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten; das wirrt
durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales.
Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti,
Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck,
Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter
auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des
jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter
Oldenburg verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren
abermaligem Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem
seine Rechte wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine
Ueberfülle, welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich
sein würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig
aus dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal
vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb ohne
Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war meine
selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die großmüthige
Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich dankbar segnen
werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag. Weil die
meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten dieselben
meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich mit einem in
Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz, unserer Angés
Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht in glücklicher
Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte, sich gegen
Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem, daß auch
mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu beitrugen,
ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen, Geist und
Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas im
Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte oft
lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am
Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten, und
hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener Zeit am
Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück ihres fast
ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste sie mit
dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von Preußen, oder
empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von Bayreuth; schon
ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer Menge Namen von
Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten; das wirrt
durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales.
Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti,
Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck,
Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter
auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des
jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter
Page 432
Anderem schrieb sie: »Tyrconel,« dies war der Name eines Gesandten,
»jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich
sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt es:
»Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von Bentheim-
Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken verursachte. Ich
versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.« An einer dritten
Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren, er mußte aber nach
Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde bei mir aufhalten.
Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte mich in Betreff des
Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen Läufer nach Potsdam; am
folgenden Tage kam derselbe mit guten Nachrichten vom König zurück.« –
So war ihr Leben ein außerordentlich bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre
Schlösser zurückzog, und auf diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der
Wissenschaft lebte. Ihr Enkel, der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja
größtentheils bereits kennst, mußte erleben, daß bereits in Folge des
Friedens von Campo Formio sein Lehensverband zwischen dem
Herzogthum Brabant und der Herrschaft Kniphausen sich löste, daß der
französische König von Holland alle seine Besitzungen und Herrschaften in
Ostfriesland militärisch besetzte, daß der Tilsiter Friede Jever, nachdem
Rußland es abgegeben, an Holland brachte, und daß Kaiser Napoleon
seinem Bruder, dem König von Holland, über Varel und Kniphausen die
Souveränetätsrechte verlieh, die dem rechtmäßigen Gebieter durch dessen
Mediatisirung entrissen worden waren. In dem Jahre 1811 verschlang das
nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es war, große Lande und kleine
Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und Kniphausen. Dafür bekam der
Graf den Union-Orden, der ihm, nach Vereinigung Hollands mit Frankreich,
in den Reunion-Orden umgewandelt wurde. Der Graf wünschte ganz andere
Wiedervereinigungen herbei, als das Verhängniß der Napoleonischen
Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein ein gewisses Vorhaben mißglückte
ihm; er wurde in Haft genommen und von Vandamme mit dem Tode
bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn rettete und schützte.
Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter die Confiscation
verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile hatte Oldenburg die
Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem Grafen nicht einmal die
Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber entstanden Prozesse, die
noch immer schweben und den Grafen der Verarmung mehr und mehr
zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der deutschen Sprache
»jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich
sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt es:
»Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von Bentheim-
Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken verursachte. Ich
versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.« An einer dritten
Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren, er mußte aber nach
Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde bei mir aufhalten.
Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte mich in Betreff des
Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen Läufer nach Potsdam; am
folgenden Tage kam derselbe mit guten Nachrichten vom König zurück.« –
So war ihr Leben ein außerordentlich bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre
Schlösser zurückzog, und auf diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der
Wissenschaft lebte. Ihr Enkel, der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja
größtentheils bereits kennst, mußte erleben, daß bereits in Folge des
Friedens von Campo Formio sein Lehensverband zwischen dem
Herzogthum Brabant und der Herrschaft Kniphausen sich löste, daß der
französische König von Holland alle seine Besitzungen und Herrschaften in
Ostfriesland militärisch besetzte, daß der Tilsiter Friede Jever, nachdem
Rußland es abgegeben, an Holland brachte, und daß Kaiser Napoleon
seinem Bruder, dem König von Holland, über Varel und Kniphausen die
Souveränetätsrechte verlieh, die dem rechtmäßigen Gebieter durch dessen
Mediatisirung entrissen worden waren. In dem Jahre 1811 verschlang das
nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es war, große Lande und kleine
Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und Kniphausen. Dafür bekam der
Graf den Union-Orden, der ihm, nach Vereinigung Hollands mit Frankreich,
in den Reunion-Orden umgewandelt wurde. Der Graf wünschte ganz andere
Wiedervereinigungen herbei, als das Verhängniß der Napoleonischen
Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein ein gewisses Vorhaben mißglückte
ihm; er wurde in Haft genommen und von Vandamme mit dem Tode
bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn rettete und schützte.
Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter die Confiscation
verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile hatte Oldenburg die
Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem Grafen nicht einmal die
Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber entstanden Prozesse, die
noch immer schweben und den Grafen der Verarmung mehr und mehr
zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der deutschen Sprache
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ruhen! Sie sagt nicht: ein Proceß sitzt, steht, liegt, nein, sie sagt: er
s c h w e b t , wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder Geier in den
Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf seine sichere
Beute blickt – und zuletzt – da r u h t der Proceß, wenn er endlich aus ist,
wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet aber, daß die
Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur in sich tragen
und immerdar s c h w e b e n werden, gleich bösen Nachtgeistern.
Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich,
daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen
Geschicken!
Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will
nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von
seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann Carl
hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren werden
die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch einen
Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit Schwertern,
sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen des
vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber
außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn längst
unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs gelandet
ist.
So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und
seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht daraus
lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig sehr viel,
und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie und
Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der Graf
habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses Höhe
sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher Mittel in
leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem Landbewohner
von großem Vortheil ist.
Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der
Kammergutspachter, und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die
Wahrheit des Dichterwortes:
Es kann der Beste nicht in Frieden leben
s c h w e b t , wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder Geier in den
Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf seine sichere
Beute blickt – und zuletzt – da r u h t der Proceß, wenn er endlich aus ist,
wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet aber, daß die
Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur in sich tragen
und immerdar s c h w e b e n werden, gleich bösen Nachtgeistern.
Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich,
daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen
Geschicken!
Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will
nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von
seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann Carl
hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren werden
die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch einen
Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit Schwertern,
sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen des
vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber
außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn längst
unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs gelandet
ist.
So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und
seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht daraus
lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig sehr viel,
und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie und
Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der Graf
habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses Höhe
sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher Mittel in
leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem Landbewohner
von großem Vortheil ist.
Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der
Kammergutspachter, und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die
Wahrheit des Dichterwortes:
Es kann der Beste nicht in Frieden leben
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Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt.
Wie sich bei Anwesenheit des flüchtigen französischen Hauptmanns und
seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks
von Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch
gegen jeden Andern. Der Geschäftsträger nannte ihn in Briefen an den
Grafen »Monsieur Grobian«, und der Graf selbst schrieb in einer seiner
häufigen Beschwerden, daß die Bauern diesen Mann nur den »kleinen
General« zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein
absolutistisches Commando auf seiner Pachtung führte. Obschon er von
dem Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn
und die Seinen stets gütig erwies, trat immer auf’s Neue die bäuerische
Grobheit und Habsucht in unverschämten Forderungen zu Tage. Des Grafen
Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden,
als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche
Bezahlung dafür noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht
zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die herrlichen
Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch schon dadurch
verstimmt, daß der nach Philipp’s Tode zum Kutscher angenommene junge
Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber nach wie vor
Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß nicht des Geldes halber
die Pferde abgeschafft seien, sondern daß man blos seiner Unverschämtheit
sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen sei.
Um sich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu
entschädigen, miethete der Graf einen großen Wiesengarten, dicht vor dem
Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem
Schloß und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg
überbrückt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rüstern friedeten
diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen ließ,
damit derselbe ihm und der Freundin künftig zu Spaziergängen diene; eine
Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um der
Außenwelt den Einblick in das schöne Geheimniß dieses friedlichen
Stilllebens zu wehren.
Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schöner Jahreszeit
Ludwig und Sophie sich täglich ergingen. Klösterlich abgeschlossen gegen
die Außenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst genügend, genossen sie
Wie sich bei Anwesenheit des flüchtigen französischen Hauptmanns und
seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks
von Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch
gegen jeden Andern. Der Geschäftsträger nannte ihn in Briefen an den
Grafen »Monsieur Grobian«, und der Graf selbst schrieb in einer seiner
häufigen Beschwerden, daß die Bauern diesen Mann nur den »kleinen
General« zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein
absolutistisches Commando auf seiner Pachtung führte. Obschon er von
dem Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn
und die Seinen stets gütig erwies, trat immer auf’s Neue die bäuerische
Grobheit und Habsucht in unverschämten Forderungen zu Tage. Des Grafen
Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden,
als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche
Bezahlung dafür noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht
zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die herrlichen
Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch schon dadurch
verstimmt, daß der nach Philipp’s Tode zum Kutscher angenommene junge
Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber nach wie vor
Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß nicht des Geldes halber
die Pferde abgeschafft seien, sondern daß man blos seiner Unverschämtheit
sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen sei.
Um sich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu
entschädigen, miethete der Graf einen großen Wiesengarten, dicht vor dem
Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem
Schloß und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg
überbrückt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rüstern friedeten
diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen ließ,
damit derselbe ihm und der Freundin künftig zu Spaziergängen diene; eine
Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um der
Außenwelt den Einblick in das schöne Geheimniß dieses friedlichen
Stilllebens zu wehren.
Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schöner Jahreszeit
Ludwig und Sophie sich täglich ergingen. Klösterlich abgeschlossen gegen
die Außenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst genügend, genossen sie
Page 435
die einfache Schönheit dieser ländlichen Einsamkeit. Eine Geißblattlaube,
von einem Fliederbaum überschattet, bot das trauliche Ruheplätzchen, wo
sich plaudern und lesen, arbeiten und ruhen ließ. Frieden murmelte der
Rodach leisere Welle, Frieden flüsterten der Weiden silbergraue
Blätterzungen, Frieden tönten der Aeolsharfe schwellendschwebende
Accorde vom hohen Hause in den Garten nieder, Frieden sangen die
lieblichen Kehlen munterer Vögel, Grasmücken, Weidenzeisige, Grünlinge
und Bachstelzen. Sophie blieb das schöne Wesen ihrer Kindheit und
Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben ihr aufdrückte,
gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von ihrer Mutter, diese
Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war nicht traurig darüber, ihr
Geheimniß so fern, so treu bewahrt zu wissen, Niemand lebte mehr, der ihr
eine Verlegenheit hätte bereiten können, außer Ludwig und Sophie, und zu
diesen fand Jene nie den Weg. Und so war es gut, denn alle Theile waren
zufriedengestellt. Was in Sophiens Innerem vorging, ob sie sich
hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als eine Gefangene fühlte, ob sie
heimlich einer ungenossenen Jugend nachweinte? Nur Ludwig war der
Vertraute ihrer Seele, keinem andern Herzen konnte ihr reiches und schönes
Gemüth sich je erschließen, doch war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet,
ein kindlich heiterer Sinn geblieben und ein tiefes Empfinden.
11. Der Freundin Tod.
Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber die
Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen glänzte die
alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am Altar ihrer
Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.
Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen
und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe von
fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig, doch
blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden
Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob
von einem Fliederbaum überschattet, bot das trauliche Ruheplätzchen, wo
sich plaudern und lesen, arbeiten und ruhen ließ. Frieden murmelte der
Rodach leisere Welle, Frieden flüsterten der Weiden silbergraue
Blätterzungen, Frieden tönten der Aeolsharfe schwellendschwebende
Accorde vom hohen Hause in den Garten nieder, Frieden sangen die
lieblichen Kehlen munterer Vögel, Grasmücken, Weidenzeisige, Grünlinge
und Bachstelzen. Sophie blieb das schöne Wesen ihrer Kindheit und
Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben ihr aufdrückte,
gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von ihrer Mutter, diese
Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war nicht traurig darüber, ihr
Geheimniß so fern, so treu bewahrt zu wissen, Niemand lebte mehr, der ihr
eine Verlegenheit hätte bereiten können, außer Ludwig und Sophie, und zu
diesen fand Jene nie den Weg. Und so war es gut, denn alle Theile waren
zufriedengestellt. Was in Sophiens Innerem vorging, ob sie sich
hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als eine Gefangene fühlte, ob sie
heimlich einer ungenossenen Jugend nachweinte? Nur Ludwig war der
Vertraute ihrer Seele, keinem andern Herzen konnte ihr reiches und schönes
Gemüth sich je erschließen, doch war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet,
ein kindlich heiterer Sinn geblieben und ein tiefes Empfinden.
11. Der Freundin Tod.
Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber die
Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen glänzte die
alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am Altar ihrer
Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.
Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen
und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe von
fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig, doch
blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden
Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob
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unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen
widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden,
belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu,
sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite wurde
die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange Jahre still
und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche derselbe
nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen der
nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht
gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der
unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder
persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie,
es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt.
Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich
zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig
wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere Kunst
verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im lauten
Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von Niemanden
geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht eine kleine
Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz Deutschland, ja, die
halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß episodisch heran. Es
war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über der Flur lag tiefes
Schweigen.
Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem
Dorfe hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit.
Bald darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.
Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem
Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein
Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er
nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar
hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein
junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine
Züge hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte
Reisemütze, und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die
Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus,
während die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig
widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden,
belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu,
sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite wurde
die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange Jahre still
und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche derselbe
nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen der
nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht
gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der
unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder
persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie,
es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt.
Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich
zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig
wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere Kunst
verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im lauten
Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von Niemanden
geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht eine kleine
Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz Deutschland, ja, die
halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß episodisch heran. Es
war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über der Flur lag tiefes
Schweigen.
Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem
Dorfe hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit.
Bald darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.
Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem
Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein
Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er
nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar
hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein
junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine
Züge hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte
Reisemütze, und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die
Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus,
während die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig
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umhersahen; diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses
hin, und hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben
bald stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem
Schlosse zu.
Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert
am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen
hinabschaute.
Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig.
Wenn mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen.
Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir
nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem
Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen?
Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein
Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück,
dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen
vollkommen glich.
Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend,
und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen
hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen
Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den
Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens.
Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin.
Das ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die
Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands. Sieh,
jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier, gehorsamer
Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige Aufmerksamkeit!
Reisen Sie recht glücklich!
Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem
Erstaunen.
Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge
Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte, so
hin, und hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben
bald stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem
Schlosse zu.
Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert
am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen
hinabschaute.
Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig.
Wenn mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen.
Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir
nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem
Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen?
Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein
Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück,
dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen
vollkommen glich.
Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend,
und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen
hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen
Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den
Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens.
Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin.
Das ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die
Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands. Sieh,
jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier, gehorsamer
Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige Aufmerksamkeit!
Reisen Sie recht glücklich!
Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem
Erstaunen.
Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge
Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte, so
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weit mir dieselbe aus den über ihn erschienenen Schriften bekannt
geworden ist, es ist Kaspar Hauser.
Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus.
Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische
Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit
und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die
öffentliche Sicherheit.
Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte
längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein ist es
unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden Augenblick vor
aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt, dessen Herkunft
die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne Zweifel in seinem
vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr hoch. Sein Freund ist
der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm Feuerbach zu
Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste angenommen hat und
noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft seines Schützlings
aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes Verdacht auch auf
uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem der arme Kaspar
Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick der hiesigen
Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings wach
würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein
einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der
Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten Schleier
gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe geboren
worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der junge
Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner früheren
Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere Ruhe
wäre dann auf das Aeußerste bedroht.
Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und
suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. –
In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen
Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter
Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und
erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur
geworden ist, es ist Kaspar Hauser.
Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus.
Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische
Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit
und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die
öffentliche Sicherheit.
Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte
längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein ist es
unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden Augenblick vor
aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt, dessen Herkunft
die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne Zweifel in seinem
vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr hoch. Sein Freund ist
der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm Feuerbach zu
Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste angenommen hat und
noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft seines Schützlings
aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes Verdacht auch auf
uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem der arme Kaspar
Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick der hiesigen
Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings wach
würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein
einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der
Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten Schleier
gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe geboren
worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der junge
Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner früheren
Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere Ruhe
wäre dann auf das Aeußerste bedroht.
Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und
suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. –
In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen
Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter
Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und
erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur
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ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch
großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und
wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares
Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das
Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte
nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung
seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so lieber
blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise, den nun
schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und Sophie die
traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger der Stadt
Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu sein, erwarb er
käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an dasselbe stoßenden
Garten und ließ auch noch einen an diesen angrenzenden Wiesengarten von
einem dritten Besitzer erkaufen. Bald umgab auch dieses Haus der Zauber
des Geheimnißvollen; hohe dichte Bretterumzäunungen friedigten das neue
Besitzthum, Hof und Gärten ein; Läden, welche stets verschlossen blieben,
verwehrten das Erdgeschoß gegen jeden zudringlichen Blick.
Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen
möblirt, auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von
Frankfurt verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten
Sophiens und Ludwig’s mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von
Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen
Fahrten wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße
genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in
die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach
Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des
Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an
eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf
ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder
eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in
einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich
erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben.
Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die
freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen
Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und
auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen
großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und
wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares
Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das
Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte
nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung
seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so lieber
blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise, den nun
schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und Sophie die
traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger der Stadt
Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu sein, erwarb er
käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an dasselbe stoßenden
Garten und ließ auch noch einen an diesen angrenzenden Wiesengarten von
einem dritten Besitzer erkaufen. Bald umgab auch dieses Haus der Zauber
des Geheimnißvollen; hohe dichte Bretterumzäunungen friedigten das neue
Besitzthum, Hof und Gärten ein; Läden, welche stets verschlossen blieben,
verwehrten das Erdgeschoß gegen jeden zudringlichen Blick.
Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen
möblirt, auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von
Frankfurt verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten
Sophiens und Ludwig’s mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von
Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen
Fahrten wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße
genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in
die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach
Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des
Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an
eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf
ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder
eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in
einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich
erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben.
Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die
freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen
Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und
auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen
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unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief
schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche
Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon
einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht
besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe.
Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so
mußte er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf
Erden. Ohne der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so
rascher Folge entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach
dem andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn
war. In des treuen Philipp’s Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener
einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun
zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach
einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige
hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu
ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den
Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur
tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief er
aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte! Fast will
mich bedünken, als lebe ich zu lang!
Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als
Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten
käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an das
seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht, deren
Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle Genius nahen
sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige Pflicht, vorsorglich zu
handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch kommen, wo er freiwillig oder
durch Kündigung der Miethe das Schloß verließ, dann war es gut, sogleich
ein Besitzthum zur Verfügung zu haben; war doch ohnehin des
Verwunderns darüber kein Ende, daß der Bewohner des stillen Schlosses in
demselben wohnen blieb und jährlich 500 Gulden Miethe zahlte, während
er ein recht geschmackvoll, obschon ohne Luxus eingerichtetes Haus mit
großem Garten sein Eigenthum nannte, und zumal in nächster Nähe der
Stadt, wo für den Verkehr mit der Post, mit Kaufleuten, mit dem
Geschäftsführer so ungleich größere Bequemlichkeiten sich darboten, als
auf einem anderthalb Stunden weit entlegenen Dorfe. Man hatte damit
schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche
Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon
einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht
besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe.
Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so
mußte er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf
Erden. Ohne der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so
rascher Folge entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach
dem andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn
war. In des treuen Philipp’s Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener
einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun
zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach
einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige
hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu
ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den
Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur
tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief er
aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte! Fast will
mich bedünken, als lebe ich zu lang!
Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als
Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten
käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an das
seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht, deren
Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle Genius nahen
sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige Pflicht, vorsorglich zu
handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch kommen, wo er freiwillig oder
durch Kündigung der Miethe das Schloß verließ, dann war es gut, sogleich
ein Besitzthum zur Verfügung zu haben; war doch ohnehin des
Verwunderns darüber kein Ende, daß der Bewohner des stillen Schlosses in
demselben wohnen blieb und jährlich 500 Gulden Miethe zahlte, während
er ein recht geschmackvoll, obschon ohne Luxus eingerichtetes Haus mit
großem Garten sein Eigenthum nannte, und zumal in nächster Nähe der
Stadt, wo für den Verkehr mit der Post, mit Kaufleuten, mit dem
Geschäftsführer so ungleich größere Bequemlichkeiten sich darboten, als
auf einem anderthalb Stunden weit entlegenen Dorfe. Man hatte damit
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abermals einen Grund mehr gefunden, den Grafen als Sonderling zu
bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder Uebelmeinen der Menge
spann sich das Leben im stillen Schlosse geräuschlos fort, unbewegt und
doch voll innerer Bewegung.
Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen
politischen Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen
berühren und erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein
Revolutionssturm los, bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen
von Artois, der als Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht
von vier leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine
Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele
erschreckte und nachdenklich machte.
Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange,
welcher theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin
enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle Ereignisse
der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich
lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische
Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in Italien
und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle diese
Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine Begebenheit,
welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt und niederbeugt.
Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod gebrochen, und welch’
ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer, meuchelmörderischer Tod
unter der schwärzesten Maske! Am 29. August dieses Jahres wurde Herzog
Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von Condé, auf seinem Landsitz zu
Chantilly am frühen Morgen in seinem Schlafzimmer an einem
Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach eines Selbstmordes auf
sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn zugleich nehmen mir
die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist eröffnet – lachende
Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und die gerechtesten
Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine Sophie! Du
bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine letzte
Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben
verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist
zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen
in das Grab nachgeworfen wurden!«
bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder Uebelmeinen der Menge
spann sich das Leben im stillen Schlosse geräuschlos fort, unbewegt und
doch voll innerer Bewegung.
Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen
politischen Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen
berühren und erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein
Revolutionssturm los, bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen
von Artois, der als Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht
von vier leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine
Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele
erschreckte und nachdenklich machte.
Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange,
welcher theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin
enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle Ereignisse
der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich
lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische
Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in Italien
und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle diese
Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine Begebenheit,
welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt und niederbeugt.
Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod gebrochen, und welch’
ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer, meuchelmörderischer Tod
unter der schwärzesten Maske! Am 29. August dieses Jahres wurde Herzog
Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von Condé, auf seinem Landsitz zu
Chantilly am frühen Morgen in seinem Schlafzimmer an einem
Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach eines Selbstmordes auf
sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn zugleich nehmen mir
die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist eröffnet – lachende
Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und die gerechtesten
Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine Sophie! Du
bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine letzte
Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben
verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist
zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen
in das Grab nachgeworfen wurden!«
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Laß doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe
eines Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste
ergriffen wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische
Habe, wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher
Habe, die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen
Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder
in einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.
Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge
wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem
erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl,
entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt
jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und
besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.
O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie
abwehrend.
Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und
streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder
färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, hat
mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es ist
geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf, treten
auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem unseligen Jahre
mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen offen vor das Auge der
Welt den Familienzwist, und die Kinder meines Vetters Johann Carl nennen
die Kinder meines Vetters, des regierenden Herrn aus der Ehe mit Sara
Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene – und so erfüllt sich mir zur
Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener verhängnißvoller Fluch! Ist das
nicht schrecklich? Soll das nicht jedes Herz erschüttern? Kaum traute ich
meinen Augen, als ich die öffentliche Ankündigung dieser Streitschriften in
den Zeitungen las. Und du weißt, liebe Sophie, was Alles vorherging, wie
der regierende Reichsgraf leiden mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als
Wilhelm Gustav Friedrich durch die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft
und Verbannung befreit war, sequestrirte Oldenburg immer noch seine
Güter, und es mußte erst ein abermaliger Berliner Vergleich zu Stande
kommen, zu welchem die Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland
die helfende Hand boten, daß ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß
eines Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste
ergriffen wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische
Habe, wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher
Habe, die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen
Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder
in einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.
Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge
wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem
erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl,
entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt
jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und
besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.
O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie
abwehrend.
Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und
streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder
färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, hat
mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es ist
geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf, treten
auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem unseligen Jahre
mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen offen vor das Auge der
Welt den Familienzwist, und die Kinder meines Vetters Johann Carl nennen
die Kinder meines Vetters, des regierenden Herrn aus der Ehe mit Sara
Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene – und so erfüllt sich mir zur
Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener verhängnißvoller Fluch! Ist das
nicht schrecklich? Soll das nicht jedes Herz erschüttern? Kaum traute ich
meinen Augen, als ich die öffentliche Ankündigung dieser Streitschriften in
den Zeitungen las. Und du weißt, liebe Sophie, was Alles vorherging, wie
der regierende Reichsgraf leiden mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als
Wilhelm Gustav Friedrich durch die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft
und Verbannung befreit war, sequestrirte Oldenburg immer noch seine
Güter, und es mußte erst ein abermaliger Berliner Vergleich zu Stande
kommen, zu welchem die Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland
die helfende Hand boten, daß ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß
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er die Regierung mit Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren
Rechte wieder zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse,
die ja nie glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt
wie eine Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne,
Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und ist
nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines
großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite
weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald
schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die
Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät
kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen
Schauplatz abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen
ich lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die
dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen! –
dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem
ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über
seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht
und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.
Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm
in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt aus
ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.
Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des
Kranken. Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie
im Fieber:
Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin
geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der Außenwelt
– o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth – und das ist
dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen Gute, ich
errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem Gelübde. Das
Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine Eigensucht hat nicht
daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden könnte!
Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen
Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine hohe,
dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten Lilie
Rechte wieder zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse,
die ja nie glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt
wie eine Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne,
Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und ist
nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines
großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite
weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald
schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die
Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät
kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen
Schauplatz abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen
ich lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die
dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen! –
dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem
ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über
seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht
und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.
Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm
in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt aus
ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.
Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des
Kranken. Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie
im Fieber:
Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin
geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der Außenwelt
– o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth – und das ist
dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen Gute, ich
errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem Gelübde. Das
Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine Eigensucht hat nicht
daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden könnte!
Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen
Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine hohe,
dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten Lilie
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glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit fort. Immer
sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, immer weiter und
weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde Ferne, wurde immer
kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem Dunkel der Ferne
verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und heller, je weiter
sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie nicht mehr sichtbar,
sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner Stern.
Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich
der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in einen
ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett hüten. Wie
er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande war, erhielt
der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand geschrieben, die ihn,
was nicht selten geschah, zu einer Unterredung nach Eishausen einluden.
Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing,
welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war
sehr krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich
habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, ersetzt.
Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich
gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen
Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde.
Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß
ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal nicht
liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten, Schreiber
– nur das nicht!
Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden
gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –
Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach ihn
Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe Ihnen im
voraus verbunden.
Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes:
»Nach dem gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame
erwähnten, hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie
wünschen Ihre hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen
Hochdieselben noch angeben werden, zu übertragen und diese als
sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, immer weiter und
weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde Ferne, wurde immer
kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem Dunkel der Ferne
verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und heller, je weiter
sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie nicht mehr sichtbar,
sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner Stern.
Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich
der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in einen
ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett hüten. Wie
er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande war, erhielt
der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand geschrieben, die ihn,
was nicht selten geschah, zu einer Unterredung nach Eishausen einluden.
Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing,
welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war
sehr krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich
habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, ersetzt.
Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich
gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen
Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde.
Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß
ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal nicht
liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten, Schreiber
– nur das nicht!
Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden
gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –
Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach ihn
Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe Ihnen im
voraus verbunden.
Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes:
»Nach dem gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame
erwähnten, hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie
wünschen Ihre hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen
Hochdieselben noch angeben werden, zu übertragen und diese als
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Eigenthümerin einzusetzen, damit diese Dame, bei einer Abreise, oder
Abwesenheit, oder dem Ableben von Euer Gnaden stets als solche verfügen
und handeln kann. Dieses wird sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht,
vielleicht auch ohne die persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen
machen lassen. Ich bin so frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden
derartigen Verfügung oder Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung
beizulegen.«
»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist
dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten
Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen
der Dame ausfertigen zu lassen.«
Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer
Betroffenheit.
»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form
einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine
Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist
und sagt: Ich nehme diese Schenkung an.«
»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und
Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber
diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart
von Gerichtspersonen geschieht.«
O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine
Hände zitterten.
»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben
wollten erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts
hinauskommen dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft
binnen drei Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige
Dispositionen schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur
Namen und Daten ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit
den Worten übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu
Protocoll. Das Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem
andern Zimmer, und es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument
zu Hochdero Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein,
Abwesenheit, oder dem Ableben von Euer Gnaden stets als solche verfügen
und handeln kann. Dieses wird sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht,
vielleicht auch ohne die persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen
machen lassen. Ich bin so frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden
derartigen Verfügung oder Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung
beizulegen.«
»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist
dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten
Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen
der Dame ausfertigen zu lassen.«
Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer
Betroffenheit.
»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form
einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine
Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist
und sagt: Ich nehme diese Schenkung an.«
»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und
Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber
diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart
von Gerichtspersonen geschieht.«
O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine
Hände zitterten.
»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben
wollten erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts
hinauskommen dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft
binnen drei Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige
Dispositionen schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur
Namen und Daten ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit
den Worten übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu
Protocoll. Das Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem
andern Zimmer, und es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument
zu Hochdero Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein,
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Assessor und Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen
Act wird bei einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig
gemacht und jeder obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige
Hinterlassenschaft vorgebeugt. –«
Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur
Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen.
Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe
von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute sich,
wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit,
aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt verblühte,
wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer Waldeinsamkeit,
wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger wurde ihre Haut,
ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren Glanze. Ein leises kurzes
Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den Wangen – das Alles sagte
genug und ließ ahnen, was kommen mußte.
So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr
fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen
könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die
süßen Wurzeln der Quecke und Althea.
So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat,
der das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das
Leichentuch zu weben beginnt.
Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit
all’ seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner
holdesten Gestalt!
Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne
Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und
Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine
weinende Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des
Trostes, wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger
weinender, alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für
sich.
Act wird bei einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig
gemacht und jeder obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige
Hinterlassenschaft vorgebeugt. –«
Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur
Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen.
Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe
von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute sich,
wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit,
aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt verblühte,
wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer Waldeinsamkeit,
wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger wurde ihre Haut,
ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren Glanze. Ein leises kurzes
Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den Wangen – das Alles sagte
genug und ließ ahnen, was kommen mußte.
So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr
fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen
könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die
süßen Wurzeln der Quecke und Althea.
So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat,
der das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das
Leichentuch zu weben beginnt.
Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit
all’ seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner
holdesten Gestalt!
Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne
Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und
Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine
weinende Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des
Trostes, wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger
weinender, alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für
sich.
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Ich sterbe gern, flüsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein
Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch
noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme Sophie
nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die Welt – begrabe
dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um meinetwillen hast
du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe viel entbehrt, was
das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber ich habe dich
gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren glücklich. Alles,
was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte, warst du mir – noch
einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke dir!
Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf
ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre letzten
Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf.
Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu
schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden
Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie sanft
in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen Schrei
des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag war
der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war
Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten
Genien des armen Grafen? –
Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls
geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell
herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war
ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie
marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und
alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!
Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz verloren
in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er auch mit
Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige Grab, und an
jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er letzteren einst im
Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und wie er – so wunderbar
ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die Grabeszelle! so stand der
Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch aus.
Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch
noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme Sophie
nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die Welt – begrabe
dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um meinetwillen hast
du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe viel entbehrt, was
das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber ich habe dich
gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren glücklich. Alles,
was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte, warst du mir – noch
einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke dir!
Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf
ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre letzten
Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf.
Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu
schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden
Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie sanft
in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen Schrei
des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag war
der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war
Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten
Genien des armen Grafen? –
Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls
geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell
herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war
ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie
marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und
alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!
Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz verloren
in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er auch mit
Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige Grab, und an
jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er letzteren einst im
Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und wie er – so wunderbar
ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die Grabeszelle! so stand der
Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch aus.
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Wortkarg, zurückhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da.
Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine
Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu
ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem
und darum doppelt unsäglichem Schmerz.
Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren
Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt über
Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam, vom
Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die lebend
nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das Kirchenbuch
mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath
eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig,
eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem
Geburtsort.
Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West –
Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus
Westphalen, schrieb der Küster nieder.
12. Sterben und Erben.
Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain.
Stille dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier
getrieben, denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so
hieß dieses Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle,
welche eine so lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen
gelebt und sich den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der
vertrauten Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.
Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge,
den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid von
schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie ein
Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich aber auch
Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine
Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu
ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem
und darum doppelt unsäglichem Schmerz.
Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren
Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt über
Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam, vom
Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die lebend
nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das Kirchenbuch
mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath
eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig,
eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem
Geburtsort.
Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West –
Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus
Westphalen, schrieb der Küster nieder.
12. Sterben und Erben.
Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain.
Stille dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier
getrieben, denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so
hieß dieses Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle,
welche eine so lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen
gelebt und sich den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der
vertrauten Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.
Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge,
den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid von
schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie ein
Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich aber auch
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keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus der
Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und
keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger
Schlummer.
So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit
schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o, so
unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den
Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung,
eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die, welche
einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser Verstorbenen
durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters, ihrer ohnlängst
verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen werthvollen
Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit, was sollten
Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß, die nur im
Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er gleichfalls unter
ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein kleines Kruzifix aus
Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune Haar, welches einst
so reizend blond das Haupt des schönen Kindes umwallte, schmückte ein
Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit einer Nadel, die eine große
Perle zierte.
Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung
des Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine
schöne Todte und wankte zur Klingel.
Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer
zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der
Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große
schweigsame Volksmenge.
Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit
Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.
Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.
Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster
stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der
sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch
Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und
keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger
Schlummer.
So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit
schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o, so
unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den
Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung,
eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die, welche
einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser Verstorbenen
durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters, ihrer ohnlängst
verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen werthvollen
Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit, was sollten
Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß, die nur im
Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er gleichfalls unter
ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein kleines Kruzifix aus
Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune Haar, welches einst
so reizend blond das Haupt des schönen Kindes umwallte, schmückte ein
Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit einer Nadel, die eine große
Perle zierte.
Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung
des Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine
schöne Todte und wankte zur Klingel.
Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer
zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der
Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große
schweigsame Volksmenge.
Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit
Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.
Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.
Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster
stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der
sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch
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Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar
werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die
Lichter, es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den
Brudersternen am ewigen Himmel.
Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die
dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle
Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter über
die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins sichtbar –
recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt erlosch auch dieses
und war fort, den andern nach. –
Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den
Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von
einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da hoben
die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran und hinter
dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die dunkle Nacht,
dem Berghain, dem Grabe zu.
Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der
Tochter so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe
finden sollte.
Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe,
hatte der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch
einmal zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde
Angesicht zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem
Schleier verborgen gehalten hatte.
Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die
marmorbleiche schöne Leiche.
Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den
Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. –
Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie
durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich
kommen mußte, die Einmischung der Behörden.
werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die
Lichter, es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den
Brudersternen am ewigen Himmel.
Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die
dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle
Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter über
die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins sichtbar –
recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt erlosch auch dieses
und war fort, den andern nach. –
Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den
Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von
einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da hoben
die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran und hinter
dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die dunkle Nacht,
dem Berghain, dem Grabe zu.
Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der
Tochter so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe
finden sollte.
Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe,
hatte der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch
einmal zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde
Angesicht zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem
Schleier verborgen gehalten hatte.
Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die
marmorbleiche schöne Leiche.
Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den
Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. –
Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie
durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich
kommen mußte, die Einmischung der Behörden.
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Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens
Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die
zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der
geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte Bericht
von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich über den
Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der Verstorbenen seit
länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande gelebt, daß noch von
keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine Beschwerde an und gegen
ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen habe und sich der Stadt und
der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht habe, als durch Wohlthun;
es seien weder Kinder noch sonst Jemand da, die Ansprüche an die
Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben berechtigt seien. So viel
Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um schonend und zart behandelt zu
werden, und ein Einschreiten der Civilbehörde v o r des Grafen Tode sei
wohl nicht rathsam, zumal derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende
milde Stiftung für die Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung
bei seiner Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein
werde. – Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten
die gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die
gewünschte Schonung versagen.
Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen
an. Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern,
doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen
des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war krank; der
Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren in die
Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, daß
dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der
Dienerschaft zugedacht sei.
Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der
Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer
den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.
Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von
Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen
Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen
Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in
Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die
zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der
geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte Bericht
von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich über den
Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der Verstorbenen seit
länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande gelebt, daß noch von
keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine Beschwerde an und gegen
ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen habe und sich der Stadt und
der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht habe, als durch Wohlthun;
es seien weder Kinder noch sonst Jemand da, die Ansprüche an die
Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben berechtigt seien. So viel
Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um schonend und zart behandelt zu
werden, und ein Einschreiten der Civilbehörde v o r des Grafen Tode sei
wohl nicht rathsam, zumal derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende
milde Stiftung für die Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung
bei seiner Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein
werde. – Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten
die gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die
gewünschte Schonung versagen.
Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen
an. Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern,
doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen
des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war krank; der
Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren in die
Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, daß
dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der
Dienerschaft zugedacht sei.
Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der
Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer
den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.
Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von
Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen
Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen
Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in
Page 452
diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand
sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie
sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie selbst,
ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste Schmuck,
wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk hervorgegangen war;
gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren Ringe, Armbänder und
dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am Meisten überraschend
aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge baaren Geldes, die in
verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit Perlen oder mit
Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene Ducaten von theurer
Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth geschenkt, sie waren nicht
ausgegeben worden, außerdem fanden sich Friedrichsd’or, Kronen-,
Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm gegen Zahlung der Taxe
den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das Gericht seiner Dienerschaft
aushändigen; die Summe, welche er zahlte, wurde beim Gericht hinterlegt,
und von einer dringlichen Aufforderung, Namen, Stand, Geburtsort und
Alter der Verstorbenen ganz genau anzugeben, um so mehr Umgang
genommen, als der Graf diese Auskunft zu geben sich entschieden weigerte
und fest erklärte, sofort das Land verlassen zu wollen, wenn die Behörde
darauf bestehen würde.
Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.
Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das Schloß
zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach sich oft mit
schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf ihn, auf seine
Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:
Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düst’ren Wolken zu scheinen,
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.
Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem
Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele
fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise
auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.
sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie
sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie selbst,
ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste Schmuck,
wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk hervorgegangen war;
gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren Ringe, Armbänder und
dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am Meisten überraschend
aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge baaren Geldes, die in
verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit Perlen oder mit
Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene Ducaten von theurer
Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth geschenkt, sie waren nicht
ausgegeben worden, außerdem fanden sich Friedrichsd’or, Kronen-,
Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm gegen Zahlung der Taxe
den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das Gericht seiner Dienerschaft
aushändigen; die Summe, welche er zahlte, wurde beim Gericht hinterlegt,
und von einer dringlichen Aufforderung, Namen, Stand, Geburtsort und
Alter der Verstorbenen ganz genau anzugeben, um so mehr Umgang
genommen, als der Graf diese Auskunft zu geben sich entschieden weigerte
und fest erklärte, sofort das Land verlassen zu wollen, wenn die Behörde
darauf bestehen würde.
Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.
Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das Schloß
zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach sich oft mit
schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf ihn, auf seine
Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:
Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düst’ren Wolken zu scheinen,
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.
Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem
Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele
fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise
auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.
Page 453
Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel
mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach
Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief
zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß,
sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch der
allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im Stande
wäre.
Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den
Worten: »Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte
Ehe; es ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen
Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich
lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen
meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände
meinem Geist. Das Haus ist wie verödet.«
Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie
geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach einander;
des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab gefüttert hatte, heulte
einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag er todt unter den
Fenstern des Schlosses.
Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen
mehr denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier
war die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser
Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig
lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen
und Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im stillen
Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und
in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und
Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein
Glück.
Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch war
seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben der
Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen
Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln.
mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach
Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief
zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß,
sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch der
allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im Stande
wäre.
Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den
Worten: »Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte
Ehe; es ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen
Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich
lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen
meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände
meinem Geist. Das Haus ist wie verödet.«
Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie
geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach einander;
des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab gefüttert hatte, heulte
einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag er todt unter den
Fenstern des Schlosses.
Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen
mehr denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier
war die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser
Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig
lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen
und Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im stillen
Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und
in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und
Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein
Glück.
Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch war
seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben der
Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen
Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln.
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Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm
noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens
Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja,
selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach
verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch
Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine Stelle
im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:
»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit
einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht
mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo nach
dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche Psalm
38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete täglich auf das
Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für dich, geliebter
Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu melden; daß dein
alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen menschliches
Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen Delphin
erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten damals oft an
dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften. Unsere Muhme
Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den Brauereibesitzer
Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine »bedroefde
weduwe«. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und deutungsvollen
Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen. Nenne mir doch
in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin sich der Schmerz
und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen Frau so ausgeprägt
zeigte, wie im Worte Weduwe! das ist: wee te wee! Weh zu Weh! – Unsere
anderen Muhmen, Cornelia’s Schwestern, Helena und Christina, können
leider noch nicht in den traurigen Fall kommen, betrübte Wittwen zu
werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind. Ich habe ihnen
dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie wollen nicht.«
»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn
sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules
denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung
trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch
viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf ich es
sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei fallen mir
alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine alten Tanten in
noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens
Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja,
selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach
verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch
Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine Stelle
im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:
»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit
einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht
mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo nach
dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche Psalm
38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete täglich auf das
Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für dich, geliebter
Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu melden; daß dein
alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen menschliches
Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen Delphin
erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten damals oft an
dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften. Unsere Muhme
Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den Brauereibesitzer
Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine »bedroefde
weduwe«. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und deutungsvollen
Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen. Nenne mir doch
in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin sich der Schmerz
und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen Frau so ausgeprägt
zeigte, wie im Worte Weduwe! das ist: wee te wee! Weh zu Weh! – Unsere
anderen Muhmen, Cornelia’s Schwestern, Helena und Christina, können
leider noch nicht in den traurigen Fall kommen, betrübte Wittwen zu
werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind. Ich habe ihnen
dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie wollen nicht.«
»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn
sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules
denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung
trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch
viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf ich es
sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei fallen mir
alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine alten Tanten in
Page 455
Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich vordessen auf deines
wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber vergeblich. Jene deutschen
Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein möchten, warten auch auf
deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den Gefallen, bald zu sterben, sondern
laß’ sie zappeln!«
»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich
habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d’rum und
d’ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glücklicherer Mensch auf Erden
als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint mir
viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch schon ein
Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu dürfen;
hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und kräftig, daß ich mein
Pensiönchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde ich
nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich
nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde;
sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen Einsiedlern
beten, daß ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich nennen darf
deinen unwandelbaren Vetter und Freund
Vincentius Martinus van der Valck,
Pastor an Sanct Agatha in Leiden.
Ludwigs trüber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor,
doch konnte er sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn er
daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachlaß
vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen solle.
Denn das war sein entschiedener und fester Wille, daß er die Spuren seines
Daseins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier so lange Jahre
verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften wolle. Der
abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm lieb
geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von allen
den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je daran,
einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen
einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimnisses.
Es war für ihn eine eigenthümliche schmerzliche Beschäftigung, die
Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches
wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber vergeblich. Jene deutschen
Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein möchten, warten auch auf
deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den Gefallen, bald zu sterben, sondern
laß’ sie zappeln!«
»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich
habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d’rum und
d’ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glücklicherer Mensch auf Erden
als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint mir
viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch schon ein
Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu dürfen;
hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und kräftig, daß ich mein
Pensiönchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde ich
nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich
nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde;
sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen Einsiedlern
beten, daß ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich nennen darf
deinen unwandelbaren Vetter und Freund
Vincentius Martinus van der Valck,
Pastor an Sanct Agatha in Leiden.
Ludwigs trüber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor,
doch konnte er sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn er
daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachlaß
vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen solle.
Denn das war sein entschiedener und fester Wille, daß er die Spuren seines
Daseins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier so lange Jahre
verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften wolle. Der
abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm lieb
geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von allen
den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je daran,
einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen
einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimnisses.
Es war für ihn eine eigenthümliche schmerzliche Beschäftigung, die
Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches
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theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mußte geschehen, denn
ungelöst sollte das Räthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach er
einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben Alles, was
sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn ich todt bin,
werden sie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den Grafen Vavel
fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem vergönnt sein, den
Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden sie es ihm doch
nicht glauben.
Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrührten, wie
jene Briefe von Angés an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch, welche
Leonardus und Angés an ihn geschrieben hatten, vernichtete er.
Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem Arzte
zu senden. Dieser verständige Mann zeigte sich menschlich theilnehmend,
nicht neugierig, und so geschah es, daß es wohl zuweilen im Laufe rascher
und geistvoller Gespräche schien, als wolle der Graf sich ihm mittheilen,
doch häufig unterbrach er sich dann plötzlich selbst und sprang schnell auf
einen andern Gegenstand über.
Das Alter macht geschwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme,
äußerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette
liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen
meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwärts
geht, ändern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das
Sprichwort, wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu
verschenken: es ist vor seinem Tode.
Sie haben sich allzusehr zurückgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es
war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehört zum Menschen, auch der
Geistreichste kann sich nicht immer selbst genügen: ja, er wird leicht durch
fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff und heftig.
Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte
aber nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf
heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung. Meine
ganze Jugendzeit verfloß in einsamen Schlössern, und da sah ich wenig von
der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu bewegt, die
Elemente zu gährend, so daß ich nicht zur Klarheit über mich selbst
ungelöst sollte das Räthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach er
einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben Alles, was
sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn ich todt bin,
werden sie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den Grafen Vavel
fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem vergönnt sein, den
Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden sie es ihm doch
nicht glauben.
Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrührten, wie
jene Briefe von Angés an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch, welche
Leonardus und Angés an ihn geschrieben hatten, vernichtete er.
Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem Arzte
zu senden. Dieser verständige Mann zeigte sich menschlich theilnehmend,
nicht neugierig, und so geschah es, daß es wohl zuweilen im Laufe rascher
und geistvoller Gespräche schien, als wolle der Graf sich ihm mittheilen,
doch häufig unterbrach er sich dann plötzlich selbst und sprang schnell auf
einen andern Gegenstand über.
Das Alter macht geschwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme,
äußerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette
liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen
meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwärts
geht, ändern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das
Sprichwort, wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu
verschenken: es ist vor seinem Tode.
Sie haben sich allzusehr zurückgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es
war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehört zum Menschen, auch der
Geistreichste kann sich nicht immer selbst genügen: ja, er wird leicht durch
fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff und heftig.
Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte
aber nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf
heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung. Meine
ganze Jugendzeit verfloß in einsamen Schlössern, und da sah ich wenig von
der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu bewegt, die
Elemente zu gährend, so daß ich nicht zur Klarheit über mich selbst
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gelangen konnte. Ich ward in eine Strömung hineingerissen; eigenthümliche
Verhältnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich nicht entringen
konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten wohl gezeigt, daß
der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er kann.
Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt.
Nun ja, ich sah Einiges von fremden Ländern, zum Beispiel von Holland,
Frankreich, England, Deutschland und Rußland, weiter kam ich nicht.
Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein
vielfach bewegtes, und die lesende Welt würde es Ihnen Dank wissen, wenn
Sie derselben Ihre Memoiren überliefern oder sie ihr doch dermaleinst
hinterlassen wollten.
Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath!
M e m o i r e n sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Küchenzetteln, das
sind meine Memoiren.
Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert.
Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit Ironie
zurück. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir kochen
lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor, daß
Küchenzettel ein schöneres Album bilden könnten, wie Recepte? Jedenfalls
stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte entstehen meist nur,
um das zu corrigiren, was die Küchenzettel verdorben haben.
Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich
beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken.
Ein solches Bemühen würde auch das Vergeblichste von der Welt sein,
versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthsel nicht aufgegeben, um es
in einer schwachen Stunde selbst zu lösen. Der schmerzlichste Verlust, den
ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verschlossener, mein Schweigen
nur um so tiefer. Gern hätte ich, als meine unvergeßliche Freundin dem
Grabe – nicht zuwelkte, sondern zublühte, Sie rufen lassen, Herr
Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin, meine
angebetete Herrin, und über Alles, was mein war. Sie wollte es nicht, sie
wollte von Ihnen nicht das Opfer.
Verhältnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich nicht entringen
konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten wohl gezeigt, daß
der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er kann.
Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt.
Nun ja, ich sah Einiges von fremden Ländern, zum Beispiel von Holland,
Frankreich, England, Deutschland und Rußland, weiter kam ich nicht.
Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein
vielfach bewegtes, und die lesende Welt würde es Ihnen Dank wissen, wenn
Sie derselben Ihre Memoiren überliefern oder sie ihr doch dermaleinst
hinterlassen wollten.
Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath!
M e m o i r e n sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Küchenzetteln, das
sind meine Memoiren.
Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert.
Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit Ironie
zurück. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir kochen
lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor, daß
Küchenzettel ein schöneres Album bilden könnten, wie Recepte? Jedenfalls
stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte entstehen meist nur,
um das zu corrigiren, was die Küchenzettel verdorben haben.
Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich
beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken.
Ein solches Bemühen würde auch das Vergeblichste von der Welt sein,
versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthsel nicht aufgegeben, um es
in einer schwachen Stunde selbst zu lösen. Der schmerzlichste Verlust, den
ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verschlossener, mein Schweigen
nur um so tiefer. Gern hätte ich, als meine unvergeßliche Freundin dem
Grabe – nicht zuwelkte, sondern zublühte, Sie rufen lassen, Herr
Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin, meine
angebetete Herrin, und über Alles, was mein war. Sie wollte es nicht, sie
wollte von Ihnen nicht das Opfer.
Page 458
Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das Wort. Ein
solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist
unsere erste Pflicht.
Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und
der anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine,
angenehmer, leichter und froher lebe sich’s doch, wenn ein Mensch keine
Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen
Sie nicht auch so?
Der Arzt lächelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr
gut. – Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewiß ist das auch Ihre
Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich
sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und Actuaren,
vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt mir nicht ein! Wenn ich meine
Augen schließe, so hören meine Geldquellen auf zu fließen, das ist längst so
geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben, verspricht sie
sich aber goldene Berge und Crösusschätze, so ist sie im Irrthum. Was ich
in der Nähe der Stadt besitze, das Haus, die Gärten, das Haus in Walrabs,
der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich gepflegt wissen will
neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhände fallen. Zu meiner
hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben melden, Einer davon
besonders wird am Meisten lachen, er ist ein geistlicher Herr katholischen
Glaubens.
Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage.
Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der ich
nicht bin.
Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere
Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm
so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so tausendfach
vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der Menschen in
innerster Seele klar. – Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau seines Hauses,
der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff mechanisch nach
demselben und sprach, indem er es aufschlug, gedankenvoll vor sich hin:
Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden aneinander reihen von
uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und so ganz begraben, so ganz
solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist
unsere erste Pflicht.
Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und
der anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine,
angenehmer, leichter und froher lebe sich’s doch, wenn ein Mensch keine
Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen
Sie nicht auch so?
Der Arzt lächelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr
gut. – Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewiß ist das auch Ihre
Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich
sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und Actuaren,
vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt mir nicht ein! Wenn ich meine
Augen schließe, so hören meine Geldquellen auf zu fließen, das ist längst so
geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben, verspricht sie
sich aber goldene Berge und Crösusschätze, so ist sie im Irrthum. Was ich
in der Nähe der Stadt besitze, das Haus, die Gärten, das Haus in Walrabs,
der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich gepflegt wissen will
neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhände fallen. Zu meiner
hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben melden, Einer davon
besonders wird am Meisten lachen, er ist ein geistlicher Herr katholischen
Glaubens.
Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage.
Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der ich
nicht bin.
Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere
Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm
so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so tausendfach
vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der Menschen in
innerster Seele klar. – Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau seines Hauses,
der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff mechanisch nach
demselben und sprach, indem er es aufschlug, gedankenvoll vor sich hin:
Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden aneinander reihen von
uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und so ganz begraben, so ganz
Page 459
vergessen zu sein! – Auch hier ist geschildert, was sich ewig erneut im
steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der Herzen unruhvolles
Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter gab mir dies
Buch – und ich – habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen könnte. Die
Großmutter meiner Großmutter schrieb dies Buch, und diese erzählte nun
wieder von i h r e r Großmutter. Welch’ eine Kette von Lebenden, die alle
zum ewigen Schlummer sich niederlegten! – Wie beginnt die alte Dame?
»Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewißheit der
Zeit des Todes hat mich den Entschluß fassen lassen, meinen Lebenslauf
aufzuzeichnen, weil derselbe ungewöhnlich genug gewesen ist, so daß ich
in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche Alles
zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.«
Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich
hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen.
Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein
gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für wen
sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?
»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten
meines Lebens, im ersten des deinigen.«
»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der
neuen Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde
im Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte
Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen
Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau
Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr
Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und
Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren
die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin
Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau
Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin
Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen, und
Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner
Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des
regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.«
steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der Herzen unruhvolles
Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter gab mir dies
Buch – und ich – habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen könnte. Die
Großmutter meiner Großmutter schrieb dies Buch, und diese erzählte nun
wieder von i h r e r Großmutter. Welch’ eine Kette von Lebenden, die alle
zum ewigen Schlummer sich niederlegten! – Wie beginnt die alte Dame?
»Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewißheit der
Zeit des Todes hat mich den Entschluß fassen lassen, meinen Lebenslauf
aufzuzeichnen, weil derselbe ungewöhnlich genug gewesen ist, so daß ich
in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche Alles
zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.«
Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich
hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen.
Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein
gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für wen
sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?
»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten
meines Lebens, im ersten des deinigen.«
»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der
neuen Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde
im Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte
Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen
Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau
Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr
Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und
Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren
die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin
Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau
Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin
Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen, und
Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner
Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des
regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.«
Page 460
[15] Thouars an der Thoye hat ein schönes Bergschloß, die ehemalige Residenz
der Herzoge de la Tremouille.
[16] Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton enthaupteten Jakob Stanislaus,
Grafen von Derby.
Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines
kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine
gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor
mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses
verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem
interessanten Buche gesessen haben!
»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner
Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine Erziehung
und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit der äußersten
Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich gründlich verzog. Ich
wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind, daß eine minder
geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter für mich war,
meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.«
Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach
Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und
Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters, als
zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der
Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu Theil
wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im Charakter
meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen gewesen?
Welch’ ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche – ein so
langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses Buch, so
wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung Preis zu
geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter Wilhelm Gustav
Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der Vice-Admiral, starb schon
1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen fern, bin ihnen fremd, wer
weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe erfreut würde! Auch für
Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten Werth haben, diese
Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu wickeln, welche die
Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der Einzige, Vincentius
Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte, leidet an Gesichtsschwäche,
der Herzoge de la Tremouille.
[16] Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton enthaupteten Jakob Stanislaus,
Grafen von Derby.
Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines
kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine
gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor
mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses
verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem
interessanten Buche gesessen haben!
»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner
Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine Erziehung
und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit der äußersten
Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich gründlich verzog. Ich
wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind, daß eine minder
geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter für mich war,
meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.«
Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach
Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und
Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters, als
zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der
Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu Theil
wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im Charakter
meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen gewesen?
Welch’ ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche – ein so
langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses Buch, so
wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung Preis zu
geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter Wilhelm Gustav
Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der Vice-Admiral, starb schon
1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen fern, bin ihnen fremd, wer
weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe erfreut würde! Auch für
Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten Werth haben, diese
Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu wickeln, welche die
Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der Einzige, Vincentius
Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte, leidet an Gesichtsschwäche,
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die heilige Ottilia rächt sich an ihrem Kirchlein, weil er ihr, wie ich große
Ursache zu glauben habe, meine ansehnliche Schenkung entzogen und sie
für sich selber behalten hat. Da würden diese altfranzösisch geschriebenen
Blätter ihm nur Mühe machen, sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse
es ganz dem Zufall, daß dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu
schätzen und zu übersetzen weiß.
Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden
enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen Hoflebens
und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten Verwandtschaft des alten
reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er das Buch zur Seite und sagte,
sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.
Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl
versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten
war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde
Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem
anderen; ferner Leonardus’ Testament und Schenkungen, alle Quittungen,
alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend: Du,
der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß?
Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner
Rechnung.
Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den
Dienst. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren,
aber er vermochte es nicht, er fühlte sich zu schwach dazu, und murmelte
nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann! Nun denn –
mag es sein!
Noch einige unzusammenhängende Phantasien von Testamenten – von
einer Dame, die aus weiter Ferne kommen werde – von einem Bruder, der
ermordet worden – von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle – von
Engeln, die seiner harrten – und die Seele Ludwig’s löste sich leise los vom
Erdenstaube. Er war »auf dem Sopha« – wie die Acten lauteten »sanft
eingeschlafen.«
Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt
und Land bewegte und allgemein die Neugier auf’s Höchste spannte. Nun
endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber
Ursache zu glauben habe, meine ansehnliche Schenkung entzogen und sie
für sich selber behalten hat. Da würden diese altfranzösisch geschriebenen
Blätter ihm nur Mühe machen, sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse
es ganz dem Zufall, daß dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu
schätzen und zu übersetzen weiß.
Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden
enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen Hoflebens
und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten Verwandtschaft des alten
reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er das Buch zur Seite und sagte,
sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.
Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl
versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten
war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde
Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem
anderen; ferner Leonardus’ Testament und Schenkungen, alle Quittungen,
alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend: Du,
der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß?
Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner
Rechnung.
Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den
Dienst. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren,
aber er vermochte es nicht, er fühlte sich zu schwach dazu, und murmelte
nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann! Nun denn –
mag es sein!
Noch einige unzusammenhängende Phantasien von Testamenten – von
einer Dame, die aus weiter Ferne kommen werde – von einem Bruder, der
ermordet worden – von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle – von
Engeln, die seiner harrten – und die Seele Ludwig’s löste sich leise los vom
Erdenstaube. Er war »auf dem Sopha« – wie die Acten lauteten »sanft
eingeschlafen.«
Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt
und Land bewegte und allgemein die Neugier auf’s Höchste spannte. Nun
endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber
Page 462
Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, versiegelten, öffneten und inventirten
den Nachlaß.
Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzählte, daß ihr
entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge
neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in
der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die
Bedingung: »Das oder die Gräber in dem geschenkten Garten stets zu
pflegen und zu bewachen.«
Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein
ausgemauertes Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hülle des
Dunkelgrafen auf. Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging
die ganze Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein
stiller Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren
Wohlthäter Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen
wurde er eingesenkt, dessen Hügel ein Denkstein schmückt, den Therese,
Bayerns Königin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen.
Dankbar hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln
menschenfreundlichen Verstorbenen hervor.
In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig’s fanden sich
zunächst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die
quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen
fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und den
Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen
erscheinen ließen. Es fand sich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück
Doppellouisd’or, eine Rolle einfache, gegen 200 holländische Ducaten
einschließlich einiger anderer Goldstücke, 576 Kronenthaler, 577
preußische Thaler, und über 150 Gulden sonstige Silbermünze, eine
Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlüsse über die
Verhältnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht
vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem Lapislazuli-
Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben waren; reiches
Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben Thermometer, drei
Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des Kapitels: Insgemein stand
auch trocken und klanglos: Nummer 112 »eine Windharfe« – verstimmte
Saiten! –
den Nachlaß.
Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzählte, daß ihr
entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge
neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in
der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die
Bedingung: »Das oder die Gräber in dem geschenkten Garten stets zu
pflegen und zu bewachen.«
Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein
ausgemauertes Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hülle des
Dunkelgrafen auf. Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging
die ganze Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein
stiller Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren
Wohlthäter Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen
wurde er eingesenkt, dessen Hügel ein Denkstein schmückt, den Therese,
Bayerns Königin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen.
Dankbar hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln
menschenfreundlichen Verstorbenen hervor.
In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig’s fanden sich
zunächst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die
quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen
fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und den
Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen
erscheinen ließen. Es fand sich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück
Doppellouisd’or, eine Rolle einfache, gegen 200 holländische Ducaten
einschließlich einiger anderer Goldstücke, 576 Kronenthaler, 577
preußische Thaler, und über 150 Gulden sonstige Silbermünze, eine
Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlüsse über die
Verhältnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht
vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem Lapislazuli-
Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben waren; reiches
Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben Thermometer, drei
Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des Kapitels: Insgemein stand
auch trocken und klanglos: Nummer 112 »eine Windharfe« – verstimmte
Saiten! –
Page 463
Da kein Testament und keine Erbnehmer vorhanden waren, so erfolgten
nun von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten,
in vielen deutschen und hauptsächlich rheinischen, sowie holländischen
Zeitungen, in denen ausgesprochen war, daß »fast ohne Zweifel«, wie aus
den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der
Valck geheißen habe, denn Leonardus’ Taufzeugniß war vorhanden; auch
daß er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in
Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen
gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels
unterzeichnet, »ohne Zweifel« an den Verstorbenen gerichtet, und die
Annahme zulassend, daß die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse zu
Eishausen verstorbenen Dame »vielleicht identisch« gewesen sein könne.
Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem
Haag, überreichten Vollmachten, Pässe und den Stammbaum des Herrn
Pastor Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau
Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu
Weerd (Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Christina
Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer
Rechtsansprüche einen Hildburghäuser Anwalt; sie legten auch die
Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den
Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und eine
Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römisch
katholischer Pastor emeritus, für sich und seine Muhmen die Beauftragten
an seiner Stelle zu handeln bevollmächtigte; bald flogen auch noch andere
»Falken« in Briefen herbei, um an der schönen Erbschaft Theil zu nehmen;
die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit
Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach die
Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und
seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand
abgesandten holländischen Bevollmächtigten, welche kamen, um die
Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar
ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht!
Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie
verschmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden
lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war noch
eine reichhaltige Briefsammlung, die zufällig unberührt geblieben war, das
nun von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten,
in vielen deutschen und hauptsächlich rheinischen, sowie holländischen
Zeitungen, in denen ausgesprochen war, daß »fast ohne Zweifel«, wie aus
den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der
Valck geheißen habe, denn Leonardus’ Taufzeugniß war vorhanden; auch
daß er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in
Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen
gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels
unterzeichnet, »ohne Zweifel« an den Verstorbenen gerichtet, und die
Annahme zulassend, daß die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse zu
Eishausen verstorbenen Dame »vielleicht identisch« gewesen sein könne.
Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem
Haag, überreichten Vollmachten, Pässe und den Stammbaum des Herrn
Pastor Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau
Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu
Weerd (Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Christina
Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer
Rechtsansprüche einen Hildburghäuser Anwalt; sie legten auch die
Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den
Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und eine
Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römisch
katholischer Pastor emeritus, für sich und seine Muhmen die Beauftragten
an seiner Stelle zu handeln bevollmächtigte; bald flogen auch noch andere
»Falken« in Briefen herbei, um an der schönen Erbschaft Theil zu nehmen;
die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit
Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach die
Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und
seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand
abgesandten holländischen Bevollmächtigten, welche kamen, um die
Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar
ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht!
Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie
verschmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden
lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war noch
eine reichhaltige Briefsammlung, die zufällig unberührt geblieben war, das
Page 464
alte Tagebuch und das jüngere Tagebuchbruchstück lagen auch darunter. Es
ist zu wünschen, daß alles Benutzbare davon nicht in allzuschlimme Hände
gefallen sein möge.
Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schloß des Dunkelgrafen
war zu Ende gespielt.
Wem vergönnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen
Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem
Grafen; da wird er hören, wie Ludwig’s Andenken noch immer in hohen
Ehren gehalten wird.
»Um den Mann sind viele Thränen geweint worden – der Mann hat unser
Dorf sehr glücklich gemacht – solch’ ein Mann kommt niemals wieder!«
das sind die einfachen Reden der schlichten Landleute.
Schön und würdig hatte Ludwig seine Sendung erfüllt. Was die
Großmutter einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm
zur Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der
Läuterung und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte
die Menschen. Er war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen
nur mit Wohlthaten – darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat,
sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht.
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1854 als Band III in »Deutsche Bibliothek – Sammlung
auserlesener Original-Romane« erschienenen Erstausgabe erstellt. Kleinere
Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die
nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 10: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig → siebzehnhundert
S. 11: Siebentes begehrt → Siebentens
S. 13: noch widrigerere Kämpfe → widrigere
S. 25: angstschweistreibender Pillen → angstschweißtreibender
ist zu wünschen, daß alles Benutzbare davon nicht in allzuschlimme Hände
gefallen sein möge.
Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schloß des Dunkelgrafen
war zu Ende gespielt.
Wem vergönnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen
Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem
Grafen; da wird er hören, wie Ludwig’s Andenken noch immer in hohen
Ehren gehalten wird.
»Um den Mann sind viele Thränen geweint worden – der Mann hat unser
Dorf sehr glücklich gemacht – solch’ ein Mann kommt niemals wieder!«
das sind die einfachen Reden der schlichten Landleute.
Schön und würdig hatte Ludwig seine Sendung erfüllt. Was die
Großmutter einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm
zur Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der
Läuterung und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte
die Menschen. Er war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen
nur mit Wohlthaten – darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat,
sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht.
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1854 als Band III in »Deutsche Bibliothek – Sammlung
auserlesener Original-Romane« erschienenen Erstausgabe erstellt. Kleinere
Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die
nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 10: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig → siebzehnhundert
S. 11: Siebentes begehrt → Siebentens
S. 13: noch widrigerere Kämpfe → widrigere
S. 25: angstschweistreibender Pillen → angstschweißtreibender
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S. 29: Herrn von Göthe → Goethe
S. 37: Paris, Straße Vaurigard → Vaugirard
S. 41: [vereinheitlicht] reichhaltigen Tagbüchern → Tagebüchern
S. 79: des Hauses van der Valk → Valck
S. 85: tn einem großen Bogen → in
S. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig → fünfundzwanzig
S. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, → Talmont, Theil hat,
S. 109: Vater hat das Alles so beohlen → befohlen
S. 110: [vereinheitlicht] was will das bischen Flitter sagen → Bischen
S. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig →
siebenzehnhundertsiebenundvierzig
S. 129: entblös’ten Armen → entblößten Armen
S. 132: Feierlich stieg Robespiere → Robespierre
S. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß → Louvre
S. 134: laßt siel iegen vorn. → sie liegen
S. 137: setzte Wind hinzu → Windt
S. 140: [Komma entfernt] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
S. 148: [Komma ergänzt] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere
aber
S. 160: sein rohe Benehmen → rohes
S. 168: [Ausrufezeichen ergänzt] immer mehr! rief der Erbherr.
S. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells → des Kastells
S. 177: [Anführungszeichen ergänzt] meinen Knochen einen
Höllenschmerz.«
S. 194: [Punkt ergänzt] Louise, der Tochter des Königs
S. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe → Inhalt
S. 203: Nicht uninterressant → uninteressant
S. 212: [Punkt ergänzt] in den alten Sprachen.
S. 214: Leonardus Reitknecht → Leonardus’
S. 214: [vereinheitlicht] Unterwegs peitschte der Postillion → Postillon
S. 221: [Punkt ergänzt] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
S. 222: [Komma entfernt] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
S. 223: [Anführungszeichen ergänzt] »Seeluft! Seeluft!
S. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick → Augenblick
S. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham → Hamm
S. 238: verfehlte Willam nicht → William
S. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe → einstweilen
S. 245: [Punkt ergänzt] mein Bruder, mein Ludovicus.
S. 250: General-Gouverneuers von Indien → Gouverneurs
S. 265: besprochen worden von den Freuden → Freunden
S. 270: malade imaginair → malade imaginaire
S. 279: sprach Gräfin Linden. → Lynden.
S. 293: [vereinheitlicht] auf Angés Leben einwirkte → Angés’ Leben
S. 293: [vereinheitlicht] Es war Angés Hand → Angés’ Hand
S. 295: [Punkt korrigiert] Schwester Windt’s, entlud, → entlud.
S. 295: [Komma korrigiert] weder diesen. noch den anderen → diesen,
noch
S. 303: gegen die Batatavische Republik → Batavische
S. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst → hältst
S. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig → Niemandem
S. 37: Paris, Straße Vaurigard → Vaugirard
S. 41: [vereinheitlicht] reichhaltigen Tagbüchern → Tagebüchern
S. 79: des Hauses van der Valk → Valck
S. 85: tn einem großen Bogen → in
S. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig → fünfundzwanzig
S. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, → Talmont, Theil hat,
S. 109: Vater hat das Alles so beohlen → befohlen
S. 110: [vereinheitlicht] was will das bischen Flitter sagen → Bischen
S. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig →
siebenzehnhundertsiebenundvierzig
S. 129: entblös’ten Armen → entblößten Armen
S. 132: Feierlich stieg Robespiere → Robespierre
S. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß → Louvre
S. 134: laßt siel iegen vorn. → sie liegen
S. 137: setzte Wind hinzu → Windt
S. 140: [Komma entfernt] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
S. 148: [Komma ergänzt] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere
aber
S. 160: sein rohe Benehmen → rohes
S. 168: [Ausrufezeichen ergänzt] immer mehr! rief der Erbherr.
S. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells → des Kastells
S. 177: [Anführungszeichen ergänzt] meinen Knochen einen
Höllenschmerz.«
S. 194: [Punkt ergänzt] Louise, der Tochter des Königs
S. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe → Inhalt
S. 203: Nicht uninterressant → uninteressant
S. 212: [Punkt ergänzt] in den alten Sprachen.
S. 214: Leonardus Reitknecht → Leonardus’
S. 214: [vereinheitlicht] Unterwegs peitschte der Postillion → Postillon
S. 221: [Punkt ergänzt] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
S. 222: [Komma entfernt] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
S. 223: [Anführungszeichen ergänzt] »Seeluft! Seeluft!
S. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick → Augenblick
S. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham → Hamm
S. 238: verfehlte Willam nicht → William
S. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe → einstweilen
S. 245: [Punkt ergänzt] mein Bruder, mein Ludovicus.
S. 250: General-Gouverneuers von Indien → Gouverneurs
S. 265: besprochen worden von den Freuden → Freunden
S. 270: malade imaginair → malade imaginaire
S. 279: sprach Gräfin Linden. → Lynden.
S. 293: [vereinheitlicht] auf Angés Leben einwirkte → Angés’ Leben
S. 293: [vereinheitlicht] Es war Angés Hand → Angés’ Hand
S. 295: [Punkt korrigiert] Schwester Windt’s, entlud, → entlud.
S. 295: [Komma korrigiert] weder diesen. noch den anderen → diesen,
noch
S. 303: gegen die Batatavische Republik → Batavische
S. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst → hältst
S. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig → Niemandem
Page 466
S. 306: Cornelius van der Valk → Valck
S. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht → klein- und
S. 314: [Anführungszeichen ergänzt] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
S. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog → Hollandinus
S. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte → Hautpoule
S. 321: 25000 Mann stark → 25,000
S. 322: [Komma entfernt] Schinken, Würste, die → Würste die
S. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt → Großbritannien
S. 326: [Punkt korrigiert] Wunderbar! rief Ludwig! → Ludwig.
S. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten → zurückzureiten
S. 332: [Fragezeichen korrigiert] ganz einsam zu werden. → werden?
S. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht → Kammerrath
S. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg → Straßburg
S. 368: [Punkt korrigiert] und nicht glauben wollte, → wollte.
S. 373: in dem Gedanken, das → daß
S. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung → sah
S. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald → zu thun, bald
S. 382: wer hätte das gedacht → Wer
S. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren → L. C. v. d. V.
S. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo → Sarskoe-Selo
S. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte → Buxton
S. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las → entsiegelte es, las
S. 423: [vereinheitlicht] die Söhne der Reichgräfin → Reichsgräfin
S. 425: [Anführungszeichen ergänzt] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
S. 429: er brachte keinen Störung → keine
S. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus → Vincentius
S. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe → Gewissensehe
S. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön → Holstein
S. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete → wozu
S. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde → Aeolsharfe
S. 447: [vereinheitlicht] von Coburg über Rodoch kommende → Rodach
S. 450: sequestrirte Oldenbnrg → Oldenburg
S. 454: o trit wieder hinaus in die Welt → tritt
Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 47, 397)
Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1854 as volume III in “Deutsche Bibliothek –
Sammlung auserlesener Original-Romane”. Minor spelling inconsistencies
have been maintained. The table below lists all corrections applied to the
original text.
p. 10: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig → siebzehnhundert
p. 11: Siebentes begehrt → Siebentens
p. 13: noch widrigerere Kämpfe → widrigere
p. 25: angstschweistreibender Pillen → angstschweißtreibender
S. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht → klein- und
S. 314: [Anführungszeichen ergänzt] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
S. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog → Hollandinus
S. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte → Hautpoule
S. 321: 25000 Mann stark → 25,000
S. 322: [Komma entfernt] Schinken, Würste, die → Würste die
S. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt → Großbritannien
S. 326: [Punkt korrigiert] Wunderbar! rief Ludwig! → Ludwig.
S. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten → zurückzureiten
S. 332: [Fragezeichen korrigiert] ganz einsam zu werden. → werden?
S. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht → Kammerrath
S. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg → Straßburg
S. 368: [Punkt korrigiert] und nicht glauben wollte, → wollte.
S. 373: in dem Gedanken, das → daß
S. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung → sah
S. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald → zu thun, bald
S. 382: wer hätte das gedacht → Wer
S. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren → L. C. v. d. V.
S. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo → Sarskoe-Selo
S. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte → Buxton
S. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las → entsiegelte es, las
S. 423: [vereinheitlicht] die Söhne der Reichgräfin → Reichsgräfin
S. 425: [Anführungszeichen ergänzt] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
S. 429: er brachte keinen Störung → keine
S. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus → Vincentius
S. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe → Gewissensehe
S. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön → Holstein
S. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete → wozu
S. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde → Aeolsharfe
S. 447: [vereinheitlicht] von Coburg über Rodoch kommende → Rodach
S. 450: sequestrirte Oldenbnrg → Oldenburg
S. 454: o trit wieder hinaus in die Welt → tritt
Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 47, 397)
Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1854 as volume III in “Deutsche Bibliothek –
Sammlung auserlesener Original-Romane”. Minor spelling inconsistencies
have been maintained. The table below lists all corrections applied to the
original text.
p. 10: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig → siebzehnhundert
p. 11: Siebentes begehrt → Siebentens
p. 13: noch widrigerere Kämpfe → widrigere
p. 25: angstschweistreibender Pillen → angstschweißtreibender
Page 467
p. 29: Herrn von Göthe → Goethe
p. 37: Paris, Straße Vaurigard → Vaugirard
p. 41: [normalized] reichhaltigen Tagbüchern → Tagebüchern
p. 79: des Hauses van der Valk → Valck
p. 85: tn einem großen Bogen → in
p. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig → fünfundzwanzig
p. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, → Talmont, Theil hat,
p. 109: Vater hat das Alles so beohlen → befohlen
p. 110: [normalized] was will das bischen Flitter sagen → Bischen
p. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig →
siebenzehnhundertsiebenundvierzig
p. 129: entblös’ten Armen → entblößten Armen
p. 132: Feierlich stieg Robespiere → Robespierre
p. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß → Louvre
p. 134: laßt siel iegen vorn. → sie liegen
p. 137: setzte Wind hinzu → Windt
p. 140: [extra comma] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
p. 148: [added comma] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere
aber
p. 160: sein rohe Benehmen → rohes
p. 168: [added exclamation mark] immer mehr! rief der Erbherr.
p. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells → des Kastells
p. 177: [added closing quotes] meinen Knochen einen Höllenschmerz.«
p. 194: [added comma] Louise, der Tochter des Königs
p. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe → Inhalt
p. 203: Nicht uninterressant → uninteressant
p. 212: [added period] in den alten Sprachen.
p. 214: Leonardus Reitknecht → Leonardus’
p. 214: [normalized] Unterwegs peitschte der Postillion → Postillon
p. 221: [added comma] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
p. 222: [extra comma] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
p. 223: [added opening quote] »Seeluft! Seeluft!
p. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick → Augenblick
p. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham → Hamm
p. 238: verfehlte Willam nicht → William
p. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe → einstweilen
p. 245: [added period] mein Bruder, mein Ludovicus.
p. 250: General-Gouverneuers von Indien → Gouverneurs
p. 265: besprochen worden von den Freuden → Freunden
p. 270: malade imaginair → malade imaginaire
p. 279: sprach Gräfin Linden. → Lynden.
p. 293: [normalized] auf Angés Leben einwirkte → Angés’ Leben
p. 293: [normalized] Es war Angés Hand → Angés’ Hand
p. 295: [fixed period] Schwester Windt’s, entlud, → entlud.
p. 295: [fixed comma] weder diesen. noch den anderen → diesen, noch
p. 303: gegen die Batatavische Republik → Batavische
p. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst → hältst
p. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig → Niemandem
p. 306: Cornelius van der Valk → Valck
p. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht → klein- und
p. 37: Paris, Straße Vaurigard → Vaugirard
p. 41: [normalized] reichhaltigen Tagbüchern → Tagebüchern
p. 79: des Hauses van der Valk → Valck
p. 85: tn einem großen Bogen → in
p. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig → fünfundzwanzig
p. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, → Talmont, Theil hat,
p. 109: Vater hat das Alles so beohlen → befohlen
p. 110: [normalized] was will das bischen Flitter sagen → Bischen
p. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig →
siebenzehnhundertsiebenundvierzig
p. 129: entblös’ten Armen → entblößten Armen
p. 132: Feierlich stieg Robespiere → Robespierre
p. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß → Louvre
p. 134: laßt siel iegen vorn. → sie liegen
p. 137: setzte Wind hinzu → Windt
p. 140: [extra comma] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
p. 148: [added comma] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere
aber
p. 160: sein rohe Benehmen → rohes
p. 168: [added exclamation mark] immer mehr! rief der Erbherr.
p. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells → des Kastells
p. 177: [added closing quotes] meinen Knochen einen Höllenschmerz.«
p. 194: [added comma] Louise, der Tochter des Königs
p. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe → Inhalt
p. 203: Nicht uninterressant → uninteressant
p. 212: [added period] in den alten Sprachen.
p. 214: Leonardus Reitknecht → Leonardus’
p. 214: [normalized] Unterwegs peitschte der Postillion → Postillon
p. 221: [added comma] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
p. 222: [extra comma] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
p. 223: [added opening quote] »Seeluft! Seeluft!
p. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick → Augenblick
p. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham → Hamm
p. 238: verfehlte Willam nicht → William
p. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe → einstweilen
p. 245: [added period] mein Bruder, mein Ludovicus.
p. 250: General-Gouverneuers von Indien → Gouverneurs
p. 265: besprochen worden von den Freuden → Freunden
p. 270: malade imaginair → malade imaginaire
p. 279: sprach Gräfin Linden. → Lynden.
p. 293: [normalized] auf Angés Leben einwirkte → Angés’ Leben
p. 293: [normalized] Es war Angés Hand → Angés’ Hand
p. 295: [fixed period] Schwester Windt’s, entlud, → entlud.
p. 295: [fixed comma] weder diesen. noch den anderen → diesen, noch
p. 303: gegen die Batatavische Republik → Batavische
p. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst → hältst
p. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig → Niemandem
p. 306: Cornelius van der Valk → Valck
p. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht → klein- und
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p. 314: [added closing quotes] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
p. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog → Hollandinus
p. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte → Hautpoule
p. 321: 25000 Mann stark → 25,000
p. 322: [extra comma] Schinken, Würste, die → Würste die
p. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt → Großbritannien
p. 326: [fixed period] Wunderbar! rief Ludwig! → Ludwig.
p. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten → zurückzureiten
p. 332: [fixed question mark] ganz einsam zu werden. → werden?
p. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht → Kammerrath
p. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg → Straßburg
p. 368: [fixed period] und nicht glauben wollte, → wollte.
p. 373: in dem Gedanken, das → daß
p. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung → sah
p. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald → zu thun, bald
p. 382: wer hätte das gedacht → Wer
p. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren → L. C. v. d. V.
p. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo → Sarskoe-Selo
p. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte → Buxton
p. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las → entsiegelte es, las
p. 423: [normalized] die Söhne der Reichgräfin → Reichsgräfin
p. 425: [added opening quotes] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
p. 429: er brachte keinen Störung → keine
p. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus → Vincentius
p. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe → Gewissensehe
p. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön → Holstein
p. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete → wozu
p. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde → Aeolsharfe
p. 447: [normalized] von Coburg über Rodoch kommende → Rodach
p. 450: sequestrirte Oldenbnrg → Oldenburg
p. 454: o trit wieder hinaus in die Welt → tritt
The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 47, 397)
p. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog → Hollandinus
p. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte → Hautpoule
p. 321: 25000 Mann stark → 25,000
p. 322: [extra comma] Schinken, Würste, die → Würste die
p. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt → Großbritannien
p. 326: [fixed period] Wunderbar! rief Ludwig! → Ludwig.
p. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten → zurückzureiten
p. 332: [fixed question mark] ganz einsam zu werden. → werden?
p. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht → Kammerrath
p. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg → Straßburg
p. 368: [fixed period] und nicht glauben wollte, → wollte.
p. 373: in dem Gedanken, das → daß
p. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung → sah
p. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald → zu thun, bald
p. 382: wer hätte das gedacht → Wer
p. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren → L. C. v. d. V.
p. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo → Sarskoe-Selo
p. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte → Buxton
p. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las → entsiegelte es, las
p. 423: [normalized] die Söhne der Reichgräfin → Reichsgräfin
p. 425: [added opening quotes] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
p. 429: er brachte keinen Störung → keine
p. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus → Vincentius
p. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe → Gewissensehe
p. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön → Holstein
p. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete → wozu
p. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde → Aeolsharfe
p. 447: [normalized] von Coburg über Rodoch kommende → Rodach
p. 450: sequestrirte Oldenbnrg → Oldenburg
p. 454: o trit wieder hinaus in die Welt → tritt
The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 47, 397)
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Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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Section 3. Information about the Project Gutenberg
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
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deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
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Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
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Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
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