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Title: Experimentelle Psychologie

Author: Johannes Lindworsky

Release date: July 25, 2024 [eBook #74123]

Language: German

Original publication: München: Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-
G., 1923

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/74123

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

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EXPERIMENTELLE PSYCHOLOGIE ***

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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu
wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
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Inhaltsverzeichnis dagegen an den Anfang des Texts verschoben.
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Philosophische Handbibliothek
Band V

Page 6

PHILOSOPHISCHE
HANDBIBLIOTHEK

Herausgegeben von

Clemens Baeumker
Ludwig Baur
Max Ettlinger
unter Mitarbeit von

Matthias Baumgartner / Adolf Dyroff
Godehard Jos. Ebers / Josef Ant. Endres / Josef Geyser
Martin Grabmann / Johannes Lindworsky / Hans Meyer
Franz Sawicki / Josef Schwertschlager
Johann Peter Steffes / Michael Wittmann

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München
Verlagsabteilung

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Kempten

Page 8

EXPERIMENTELLE
PSYCHOLOGIE
von

Johannes Lindworsky S. J.

Dritte, durchgesehene Auflage

Band V
der Philosophischen
Handbibliothek

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München
Verlagsabteilung
Kempten

Page 9

Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck verboten

Made in Germany
*
Copyright 1923 by Josef Kösel & Friedrich Pustet, K.-G. München

Buchdruckerei des Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, Kommandit-Ges.
Zweigniederlassung Kaufbeuren

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Vorwort zur dritten Auflage
Ein doppeltes Ziel hatte sich diese Arbeit gesteckt: kurz und verlässig zu
berichten, was bisher über das Seelenleben des Erwachsenen erforscht war,
und die in diesem Bilde noch klaffenden Lücken sei es durch eigene
Untersuchungen, sei es durch Hypothesenbildung auszufüllen. Die günstige
Aufnahme, die das Buch gefunden — auch die zweite Auflage war vor
Ablauf eines Jahres vergriffen —, dürfte beweisen, daß jenes Doppelziel im
wesentlichen erreicht wurde.
In der dritten Auflage wurden die inzwischen gezeitigten
Forschungsergebnisse verwertet, insoweit sie dem Plane des Buches
entsprechen und eine gewisse Abgeschlossenheit erlangt haben.
Zwei Wünsche, die mir von geschätzter Seite vorgetragen wurden,
konnte ich nicht erfüllen. Zunächst durfte ich ob des beschränkten Raumes
nicht mit solcher Breite schreiben, daß das Buch m ü h e l o s von jedem
Gebildeten gelesen werden könnte. Wer es als Leitfaden neben den
Vorlesungen benützt — und für Hochschüler ist die „Philosophische
Handbibliothek“ in erster Linie gedacht — wird keine Schwierigkeiten
beim Studium finden. Andere Leser dürften bei etwas besinnlicher Lektüre
den Inhalt gleichfalls bewältigen und dann um so größeren Gewinn
davontragen. Zweitens wurde ein Abriß der Methoden, etwa als Anhang
gewünscht. Allein, was an Methodik für das Verständnis der Tatsachen
notwendig ist, wird stets an seinem Ort mitgeteilt. Im übrigen möchte ich
nicht der Täuschung Vorschub leisten, die Befähigung zu psychologischer
Forschungsarbeit lasse sich leichthin erwerben. Wer eine genauere
Einführung in die Anfangsgründe der Methodik wünscht, sei auf das
gediegene Werk von R. P a u l i , „Psychologisches Praktikum“ 3. Aufl. 1923,
verwiesen, das sich u. a. auch durch ausgedehnte Literaturnachweise
auszeichnet. Noch weiter führende Literaturangaben finden sich bei J.
F r ö b e s , „Lehrbuch der experimentellen Psychologie“ 2. Aufl. 1922/23. —

Page 12

Der S. 90 zitierte Aufsatz ist zwar schon seit geraumer Zeit gedruckt, wird
aber vielleicht erst im nächsten Jahr erscheinen.

K ö l n , im September 1923.

J o h a n n e s L i n d w o r s k y S. J.

Druckfehlerberichtigung:
S. 104 Zeile 2 von unten lies: „objektiven“ statt „subjektiven“.

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INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorwort V
Inhalt VII
Abkürzungen XII
Einleitung
1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie 1
2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie 2
3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie 6
4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie 10
5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen
Psychologie 15

I. B u c h .
P s y c h i s c h e E l e m e n t e u n d e l e m e n t a r e Ve r b i n d u n g e n

Erster Abschnitt: Die Empfindungen
1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen 16
2. Kap. Die höheren Empfindungen
A. Die Gesichtsempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen 20
2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren
Reizen 23
3. Die Gesetze der Farbenmischung 25
4. Der Simultankontrast 27
5. Die Umstimmung der Netzhaut 29
6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 30

Page 15

7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 31
8. Die Farbenblindheiten 32
9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens.
Duplizitätstheorie 33
10. Theorien des Farbensehens 35
B. Die Gehörempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen 38
2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren
Reizen 42
3. Die Theorie der Gehörempfindung 45
3. Kap. Die niederen Empfindungen
A. Die Geschmacksempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen 48
2. Reize und Organe des Geschmacksinnes 50
B. Die Geruchsempfindungen 51
C. Die Temperaturempfindungen 53
D. Die Druckempfindung 56
E. Die Schmerzempfindung 57
F. Die Organempfindungen 59
G. Die statischen Empfindungen 60
H. Die kinästhetischen Empfindungen 63
4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie 66
5. Kap. Die Psychophysik
1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik 69
2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz 72
Zweiter Abschnitt: Empfindungskomplexe
1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen
1. Die Tatsache der Tonverschmelzung 76
2. Gesetze der Tonverschmelzung 77
3. Die Erklärung der Konsonanz 78
2. Kap. Die optischen Raumeindrücke 79
A. Der optische Eindruck der Fläche

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1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus 80
2. Der blinde Fleck 83
3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche 83
4. Unvollkommenheiten des Einauges 84
B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge
1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung 85
2. Das Tiefensehen 87
C. Das Sehen mit beiden Augen
1. Doppeltsehen und Einfachsehen 89
2. Die Sehrichtung des Doppelauges 91
3. Das Tiefensehen mit zwei Augen 92
4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung 94
3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes
1. Der Raumsinn der Haut 96
2. Der Tastraum der Blinden 97
3. Theorie des Tastraumes 99
Dritter Abschnitt: Die absoluten Vorstellungen 102
Vierter Abschnitt: Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen
und Empfindungskomplexen 107
1. Die Synästhesien 107
2. Erscheinungsweisen der Farben 108
3. Die Sehgröße 110
4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden
a) Ortssinn und Lagewahrnehmung 112
b) Die Raumlokalisation im allgemeinen 115
Fünfter Abschnitt: Elementare Denkfunktionen
1. Die Beziehungserkenntnis 117
2. Das aktive Beziehen 119
3. Die Abstraktion 121
Sechster Abschnitt: Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den
Empfindungskomplexen

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1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung 123
2. Kap. Die Zeitwahrnehmung 125
3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung 131
Siebter Abschnitt: Elementare Gefühle
1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle 137
2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle 138
3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten 139
4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl 141
5. Verbindung und Lösung der Gefühle 142
6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle 144
7. Theorie der sinnlichen Gefühle 145
Achter Abschnitt: Das elementare Wollen 147
1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien 147
2. Die experimentelle Untersuchung des Willens 148
3. Das elementare Wollen nach den experimentellen
Ergebnissen 149

II. B u c h .
D i e Vo r s t e l l u n g s e r n e u e r u n g a l s G r u n d l a g e d e r h ö h e r e n p s y c h i s c h e n
Leistungen

Erster Abschnitt: Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung 152
Zweiter Abschnitt: Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion 158
1. Kap. Gehirn und Bewußtsein
1. Das Nervensystem 159
2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen
Funktionen 160
2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze
1. Die Methodik der Assoziationsforschung 163
2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung
a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der
Wiederholungen und der Assoziationsstärke 165

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b) Einfluß des Lernstoffes 167
c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens 168
d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen
Verhaltens 169
e) Nebenassoziationen 169
3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein
1. Die Konstellation 170
a) Die Hilfen 171
b) Die Hemmungen 171
2. Die Komplexbildung 172

III. B u c h .
Die höheren seelischen Leistungen des Einzelnen

Erster Abschnitt: Die höheren Erkenntnisleistungen
1. Kap. Die Vergleichung 176
2. Kap. Die Dingerfassung 179
3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung 180
4. Kap. Begriffe und Kategorien 183
5. Kap. Die Gewißheit 187
6. Kap. Das schlußfolgernde Denken 189
7. Kap. Das produktive Denken 193
8. Kap. Urteil, Annahme und Frage
1. Das Urteil 196
2. Die Annahme 199
3. Die Frage 200
9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen
1. Erinnerung und Wiedererkennen 201
2. Erinnerungstäuschungen 204
3. Die Aussage 207
10. Kap. Das Ichbewußtsein 208
Zweiter Abschnitt: Die höheren Gefühle
1. Eigenart der höheren Gefühle 214

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2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle 215
3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle 218
4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens 222
5. Die Beziehungen des Gefühls zu anderen Funktionen 224
Dritter Abschnitt: Das Willensleben
1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes 226
1. Das Wesen des Motives 226
2. Einteilung der Motive 227
3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven 228
2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes
1. Die determinierenden Tendenzen 229
2. Das Gesetz der speziellen Determination 232
3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent 233
3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes
1. Die äußere Willenshandlung 236
2. Die innere Willenshandlung
a) Die Aufmerksamkeitsbewegung 241
1. Begriff und Arten der Aufmerksamkeit 242
2. Eigenschaften der Aufmerksamkeit 243
3. Die Bedingungen der Aufmerksamkeit 246
4. Die Wirkungen der Aufmerksamkeit 247
5. Die Theorie der Aufmerksamkeit 248
a) Die bisherigen Theorien 248
b) Die genetische Aufmerksamkeitstheorie 249
b) Die Vorstellungsbewegung 253
1. Die gebundene Vorstellungsbewegung 254
2. Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie
a) Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung 255
b) Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie 256

IV. B u c h .
Die von der Gemeinschaft beeinflußten seelischen Leistungen

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Erster Abschnitt: Die Sprache
1. Die Leistungen der Sprache 261
2. Die Entstehung der Sprache 262
3. Die Sprachentwicklung 264
Zweiter Abschnitt: Die Sitte
1. Gebräuche 267
2. Die Konstanz der Kultur 268
3. Recht und Sittlichkeit 269
Dritter Abschnitt: Die Kunst 272
1. Das Schöne 272
2. Der ästhetische Eindruck 272
3. Die Entstehung und Entwicklung der Kunst 275
Vierter Abschnitt: Die Religion 277
1. Der Gottesglaube 277
2. Das Gebet 279
3. Religiöse Entwicklungen 280

V. B u c h .
Ausnahmezustände der Seele

Erster Abschnitt: Der Schlaf 282
Zweiter Abschnitt: Der Traum 287
Dritter Abschnitt: Die Hypnose 294

Namenregister 299
Sachregister 300

Page 21

Page 22

ABKÜRZUNGEN
APs: Archiv für die gesamte Psychologie.
CgEPs: Bericht über den ... Kongreß für experimentelle Psychologie.
FPs: Fortschritte der Psychologie
ZaPs: Zeitschrift für angewandte Psychologie.
ZPaPs: Zeitschrift für Pathopsychologie.
ZPs: Zeitschrift für Psychologie.

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Page 24

Einleitung

1. D i e E i g e n a r t d e r e x p e r i m e n t e l l e n
Psychologie

In diesem Buche wird von seelischen Vorkommnissen die Rede sein:
wie wir die Farben sehen und die Töne hören; wie unsere Phantasie arbeitet;
wie das Gedächtnis seine Schätze gewinnt und verliert; wie sich unser
Gemüt regt; wie das menschliche Denken von Erkenntnis zu Erkenntnis
vordringt und unser Wille seine Ziele verfolgt. Solche und ähnliche
Vorgänge zu beobachten, sie im e i n z e l n e n kennen zu lernen und ihre
Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, das ist, allgemein gesprochen, die
Forscheraufgabe des Experimentalpsychologen. Anders lauten die Fragen,
die sich der Philosoph über das Seelische stellt: Woher stammen die
seelischen Vorkommnisse? Was ist die Seele? Ist die Seele geistig,
unsterblich, mit Freiheit begabt? Wie verhalten sich Leib und Seele? Der
charakteristische Unterschied zwischen den Interessen des Philosophen und
des Experimentalpsychologen springt in die Augen. Dieser schaut auf die
seelischen Einzeltatsachen, auf das Wie der psychischen Erscheinungen.
Der Philosoph hingegen bemüht sich um ihre letzten Gründe: die Seele als
Urgrund der Bewußtseinserscheinungen ist sein eigentlicher
Forschungsgegenstand.
Der verschiedene Gesichtspunkt, von dem aus beide das nämliche
Seelenleben betrachten, bedingt die Entstehung zweier verschiedener
Wissenschaften. Weil aber der Experimentalpsychologe sich um
Einzeltatsachen kümmert, weil er nicht nach letzten Gründen und
allgemeinsten Gesetzen fragt, darum kann seine Wissenschaft nicht als

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Philosophie gelten. Sie steht aber im engsten Zusammenhang mit der
philosophischen Psychologie. Der Experimentalpsychologe muß
wenigstens einen Teil seiner Aufgabe gelöst haben, ehe der Philosoph die
seinige auch nur beginnen kann; wenigstens einige Einzeltatsachen des
Seelenlebens müssen festgestellt, beobachtet und beschrieben sein, ehe sich
Schlüsse auf die letzten Ursachen solcher Tatsachen ziehen lassen. Und
noch vor jeder genaueren Kenntnis beider Wissenschaften darf man
vermuten, daß die Schlußfolgerungen des Philosophen um so mannigfacher
und sicherer sein werden, je mehr Tatsachenmaterial der
Experimentalpsychologe zutage gefördert hat. Die experimentelle
Psychologie ist somit eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der
Philosophie.
Mit dieser vorläufigen Bestimmung ist auch schon die Eigenart der
Experimentalpsychologie kundgetan: sie muß ihrer ganzen Natur nach
darauf ausgehen, mit möglichst großer Sicherheit und in reichster Fülle
seelische Tatsachen festzustellen. Es stehen ihr zu dieser Aufgabe, wie wir
später noch im einzelnen sehen werden, mancherlei Methoden zu Gebote.
Von der idealsten dieser Methoden, dem Experiment, hat sie ihren Namen
erhalten. Diese Bezeichnung ist freilich ein Notbehelf; denn nicht alle
Probleme unserer Wissenschaft können durch das Experiment gelöst
werden. Gleichwohl sagt man besser experimentelle als empirische
Psychologie, da auch die philosophische Psychologie empirisch sein muß;
auch sie hat von Tatsachen auszugehen, wenn anders sie eine
wissenschaftliche Psychologie sein will.

2. D i e g e s c h i c h t l i c h e E n t w i c k l u n g d e r
experimentellen Psychologie

Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt
wurde, hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch
in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in dem
Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik schon
lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren nur die
experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die Mehrheit die

Page 26

reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen behandelt,
freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich zur klaren
Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine Geschichte der
experimentellen Psychologie noch nicht schreiben, so kann man doch die
Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem gegenwärtigen Stadium der
allmählichen Verselbständigung geführt hat.
Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt.
Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den
Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der
alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können, daß
selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der
Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen wäre,
psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und zoologische
Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und so blieb es auch in der
Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige leicht zugängliche
Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem sich alsbald das
spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen philosophisch-
psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu befremden. Denn dies
sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie Stellung nimmt, während die
psychischen Einzelerscheinungen eine solche Bedeutung zumeist nicht
beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit und engsten Zugehörigkeit zu
unserem Ich nicht einmal unsere Verwunderung erregen — die doch nach
Aristoteles allein den Anstoß zur Forschung gibt.
Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf die seelischen Prozesse zu
lenken, genügte die Abwendung D e s c a r t e s ’ von der herkömmlichen
Psychologie noch nicht, obwohl er in der Seele nicht mehr das Prinzip des
Lebens, sondern das des Bewußtseins sah; es bedurfte der Opposition der
englischen Aufklärungsphilosophie, die in ihrem tendenziösen Kampfe
gegen die grundlegenden Begriffe der Substanz und Kausalität die
Tatsachen der Assoziation in den Mittelpunkt der Betrachtung stellte. So
entstand die Assoziationspsychologie, begründet von L o c k e , H u m e und
H a r t l e y , erneuert von J. St. M i l l und zuletzt durch B a i n glänzend vertreten.
Mit ihrer Leugnung des Denkens und Wollens regte sie zu lebhaftem
Widerspruch an und sah sich auch selbst gezwungen, in stets erneuten
Versuchen die seelischen Erscheinungen allein durch Empfindung und
Vorstellung verständlich zu machen. So hat sie sich ohne Zweifel um das

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Studium der Bewußtseinsphänomene verdient gemacht. Sie stand jedoch
der tieferen Einsicht ins Seelenleben im Wege, wo immer sie jede
Erörterung über die seelischen Elemente in dogmatischer Befangenheit von
vorneherein ablehnte und die widerstrebenden Tatsachen mit der
Zwangsjacke sensistischer Terminologie vergewaltigte.
Eine zweite Wurzel der heutigen experimentellen Psychologie hat man
in der Anbahnung einer physiologischen Psychologie zu erblicken. Es
waren zunächst Theoretiker, die von der Physiologie wertvolle Aufschlüsse
erwarteten. Die extremsten unter ihnen waren allerdings auf dem besten
Wege, die Psychologie zugrunde zu richten. So schon der
Assoziationspsychologe P r i e s t l e y , der die psychologische Analyse durch
die Physik des Nervensystems abgelöst wissen wollte, und ähnlich C o m t e ,
der an jeder Selbstbeobachtung verzweifelnd, Physiologie und Phrenologie
an die Stelle der Psychologie setzte. Besonnener gingen L o t z e , H o r w i c z
und M a u d s l e y voran. Die eigentliche Befruchtung durch die Physiologie ist
aber den experimentierenden Physiologen wie H e l m h o l t z , W e b e r , H e r i n g
zu danken. Sie bildeten wichtige Methoden aus, deren sich später die
Psychologen bedienten.
Das Geburtsjahr der experimentellen Psychologie ist das Jahr 1860, wo
F e c h n e r s „Elemente der Psychophysik“ erschienen. Angeregt durch E. H.
W e b e r s Untersuchungen über den Tastsinn, hat Gustav Theodor Fechner
mit bewußter Absicht das Experiment zur Erzielung psychologischer
Erkenntnisse angewandt und die Grundlage zu der ausgedehnten
experimentellen Methodik geschaffen, deren sich heute die Psychologen
erfreuen. Mit stärkerer Heranziehung der Physiologie setzte W. W u n d t das
Werk Fechners fort und erwarb sich namentlich durch die Gründung des
ersten psychologischen Laboratoriums bleibende Verdienste um die neue
Wissenschaft. Seitdem hat sie, gepflegt von einer stattlichen Zahl
hervorragender Forscher und empfohlen durch die Fülle der von ihr in
kurzer Frist festgestellten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten, sich ihren
Platz im System der Wissenschaften gesichert. Ein Markstein in ihrer
Entwicklung wird durch den Namen O s w a l d K ü l p e bezeichnet, insofern
Külpe mit Entschiedenheit für die Verselbständigung der experimentellen
Psychologie als Einzelwissenschaft eintrat.
Gegenwärtig bahnt sich eine neue Entwicklung der Psychologie an. Wie
sich die Physik allmählich von der Naturphilosophie loslöste und zur

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Experimentalphysik wurde, dann aber eine theoretische Physik ausbildete,
der nicht zuletzt die großen Fortschritte der gesamten Physik zu danken
sind, so melden sich heute die Ansätze zu einer t h e o r e t i s c h e n Psychologie.
Während die experimentelle Psychologie die Haupterscheinungen des
Seelenlebens erforscht, sucht die theoretische auf Grund der
experimentellen Befunde die allgemeinsten Gesetze des Psychischen
aufzustellen, aus denen sich dann die Einzelerscheinungen begreifen und
ableiten lassen[1].
Hinsichtlich der bevorzugten Methoden lassen sich unter den heutigen
Psychologen drei Gruppen unterscheiden. Neben der großen Zahl der
prinzipiell experimentierenden Forscher finden sich solche, die wie L i p p s
und B r e n t a n o nur die schlichte Selbstbeobachtung heranziehen. Ihnen steht
die phänomenologische Richtung nahe, deren bedeutsamster Vertreter
H u s s e r l ist. Sie geht allerdings nicht auf die Herausstellung von
psychischen Einzeltatsachen aus, sondern bemüht sich, durch
„Wesensschauung“ den Kern, das Wesentliche der seelischen Erlebnisse
aufzuzeigen. Der besonnene Experimentalpsychologe wird weder die
schlichte Selbstbeobachtung noch die phänomenologische Wesensschauung
aus seiner Werkstätte verbannen. Namentlich die letztere kann ihm zur
Vorbereitung wie zur Kontrolle der experimentellen Forschung
schätzenswerte Dienste leisten. Jedoch der Erfolg dürfte schon heute dahin
entschieden haben, daß beide Methoden für sich allein kein ausreichendes
Fundament mehr abgeben für den weitauslagernden Bau der
Tatsachenpsychologie.
Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durch den
theoretischen Standpunkt hervorgerufene. Hier haben wir die „reinen“
Psychologen, die eine Ergänzung unseres psychologischen Wissens durch
die Physiologie ablehnen und nur auf die bewußten Prozesse das
psychologische Lehrgebäude errichten wollen. Dementsprechend verzichten
sie auch auf die Klärungen, die von der Physiologie zu erhoffen sind. Ihnen
gegenüber weist die größere Mehrzahl darauf hin, daß die Kette der
Bewußtseinserscheinungen nicht lückenlos ist und daß sich außerdem
gesetzmäßige Beziehungen zwischen physiologischen Zuständen und
gewissen Seelenvorgängen nachweisen lassen. Diese Gruppe heißt also
jeden Aufschluß willkommen, den die Physiologie zu geben vermag;
gleichwohl betont auch sie, je länger je mehr, daß die seelischen

Page 29

Erscheinungen in erster Linie zu beachten sind. Innerhalb dieser Gruppe
stehen sich nun wieder zwei oder drei Richtungen gegenüber. Die eine
bekennt sich rundweg zur Assoziationspsychologie und weigert sich vorerst
noch, elementare Denk- und Wollenserlebnisse anzunehmen. Die Schar
ihrer Anhänger lichtet sich mit jedem Jahr; ihr bedeutendster Vertreter ist
heute Th. Z i e h e n . Über sie suchte der angebliche Voluntarismus W u n d t s
hinauszukommen, ohne jedoch mit seiner Apperzeptionslehre außerhalb des
engsten Schülerkreises Anklang zu finden. Die dritte Gruppe endlich ging
namentlich aus der Schule K ü l p e s hervor. Wie sie jede wissenschaftliche
Methode auszunutzen gewillt ist, so sträubt sie sich auch nicht, neue
seelische Grundphänomene anzuerkennen, wenn anders sie durch
zuverlässige Beobachtungen verbürgt sind. Infolgedessen hat sie, von der
Wundtschen Richtung ausgehend, ihren Standpunkt bezüglich der Probleme
des Denkens und Wollens in stets neu aufgegriffenen Untersuchungen
allmählich wesentlich geändert und damit die Verbindung mit den von der
aristotelischen Philosophie herkommenden Forschern gewonnen.

Literatur
M. D e s s o i r , Abriß einer Geschichte der Psychologie. 1911.
O. K l e m m , Geschichte der Psychologie. 1911.

3. G e g e n s t a n d u n d A u f g a b e d e r
experimentellen Psychologie

Wir haben als den Gegenstand der experimentellen Psychologie schon
oben im allgemeinen die seelischen Vorkommnisse gekennzeichnet. Um ihn
schärfer zu umschreiben und gegen die Objekte anderer Wissenschaften,
namentlich der Naturwissenschaft, abzugrenzen, müssen wir von der naiven
Auffassung des Erwachsenen ausgehen.
Der von psychologischen und erkenntnistheoretischen Fragen noch
unberührte Erwachsene sieht sich einer Welt von äußeren Dingen
gegenübergestellt, die mit seinem Ich nichts zu tun haben. Seiner
Auffassung nach sind ihm nicht zuerst seine Bewußtseinserscheinungen
gegeben, sondern jene greifbaren Gegenstände, die er vor sich sieht.

Page 30

Erlebnisse wie Schmerz und Freude lenken ihn erst auf seine Innenwelt hin.
Hat er weiterhin Gelegenheit, festzustellen, daß ein anderer Dinge als rot
bezeichnet, die er etwa gelb nennt, so wird er auf den subjektiven Beitrag
aufmerksam, den jeder Mensch zur Wahrnehmung der äußeren Dinge
hinzubringt. Die Abhängigkeit vom Subjekt wird ihm noch deutlicher,
sobald er einmal beobachtet, wie er selbst den nämlichen äußeren
Gegenstand unmittelbar nacheinander, ohne daß sich an dem Objekt oder an
den äußeren Bedingungen der Wahrnehmung etwas ändert, bald so, bald
anders erblickt, wie er z. B. die Drehungsrichtung eines Windrades jetzt auf
sich zu-, jetzt von sich abgewandt sieht. Nimmt er noch hinzu, daß sich bei
geschlossenen Augen oder im Traum ganz ähnliche Ausblicke darbieten,
wie bei offenen Augen und im Wachzustand, dann wird ihm klar, daß die
Bilder der äußeren Gegenstände fast mehr von ihm stammen als von den
fremden Objekten. Trotzdem hören die äußeren Dinge nicht auf, dem
wahrnehmenden Ich wie etwas Fremdes, Getrenntes gegenüberzustehen,
und dieser Eindruck bliebe erhalten, auch wenn das Subjekt zur
Überzeugung käme, daß die Außenwelt in Wirklichkeit nicht bestünde.
Diese beiden Umstände: die relative Subjektivität von Schmerz, Freude,
Wahrnehmungen u. ä. einerseits und die unzerstörbare Gegensätzlichkeit
des betrachtenden Subjektes und der Außenwelt anderseits ermöglichen es,
den Gegenstand der experimentellen Psychologie scharf zu umschreiben.
A l l e s e e l i s c h e n Vo r k o m m n i s s e s i n d e i n e m S u b j e k t z u g e h ö r i g ; s i e a l l e
sind einem Bewußtsein immanent, so daß kein anderer Mensch ein
unmittelbares Wissen von ihnen hat. Diese Eigenart kommt nicht nur
meinen Bewußtseinsvorgängen, sondern allen zu, die es vielleicht gibt; sie
läßt sich aber in keiner Weise von den Dingen aussagen, die dem Ich fremd
gegenüberstehen; sie seien denn Erlebnisse eines anderen Bewußtseins.
Gegenstand der experimentellen Psychologie sind sonach alle jene
Phänomene, die ihrer Natur nach bewußtseinsimmanent und unmittelbar
nur für das erlebende Subjekt erfaßbar sind. Dabei sehen wir natürlich von
ihrer etwaigen Erfaßbarkeit durch höhere als menschliche Wesen ab. Alle
anderen Dinge, auf welche diese Kennzeichnung nicht zutrifft, bilden den
Gegenstand anderer Wissenschaften; die körperlichen unter ihnen
insbesondere geben das Objekt für die Naturwissenschaften ab.
Der Gegenstand der experimentellen Psychologie ist also nicht die substantielle Seele; denn zu
ihr gelangen wir nur unter der Führung der philosophischen Psychologie, die auf Grund der
Bewußtseinserscheinungen nachzuweisen hat, daß die psychischen Erlebnisse einen substantiellen

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Träger voraussetzen. Wir können aber auch nicht die gesamte Erfahrung als Gegenstand der
Psychologie bezeichnen, auch nicht mit der Einschränkung: insoweit die Erfahrung von unserem Ich
abhängig ist. Zu unserer Erfahrung gehören nämlich auch die Dinge außerhalb des Ich. Sie stehen
aber in unserer Auffassung, von der wir als Psychologen auszugehen haben, als etwas Wirkliches und
von dem Ich Unabhängiges vor uns. Auch die naive Auffassung unterscheidet, sobald sie nur einmal
darauf hingewiesen wird, sehr wohl zwischen dem Gesichtsbild des Tisches, das sich je nach dem
Standpunkt des Betrachtenden beständig ändert, und dem unverändert bleibenden Tisch, der diese
verschiedenen Gesichtsbilder bedingt. Die äußere Erfahrung und die Bewußtseinsinhalte sind somit
zwei ganz getrennte Gegenstandsgebiete. Wir wenden uns aber auch drittens gegen jene
Psychologen, die z. B. die Farben aus dem Stoffgebiete unserer Wissenschaft ausscheiden wollen.
Allerdings sprechen uns die Farben als objektive Eigenschaften der Außendinge an, und wir müssen
hier von diesem unmittelbaren Eindruck ausgehen. Es wird sonach eine Wissenschaft erforderlich
sein, die sich mit den Körperfarben befaßt. Allein wir stellen auch fest, daß es Farben als immanente
Bewußtseinsinhalte gibt, so immanent, daß die individuelle Verschiedenheit des Farbensehens sich
jahrhundertelang versteckt hielt und immer nur sehr indirekt nachgewiesen werden kann. Farben und
Töne gehören darum sehr wohl zu dem Forschungsgegenstand der experimentellen Psychologie.

Die A u f g a b e der experimentellen Psychologie deckt sich im
allgemeinen mit der einer jeden Tatsachenwissenschaft: sie heißt
Beschreiben, Gruppieren, Erklären. Die bewußtseinsimmanenten Erlebnisse
sind möglichst adäquat zu beschreiben. Was eine solche B e s c h r e i b u n g
voraussetzt und welchen Schwierigkeiten sie gerade in der Psychologie
begegnet, davon soll hier noch keine Rede sein. Die induktive Art unserer
Einführung wird sie uns noch oft fühlbar machen. Gelingt aber die
Beschreibung der Erlebnisse, so wird ein Vergleich dieser Beschreibungen
zeigen, ob immer wieder neuartige, voneinander verschiedene Phänomene
auftauchen — in diesem Falle müßte man an der Begründung einer
wissenschaftlichen experimentellen Psychologie verzweifeln — oder ob
sich gleiche bzw. verwandte Erlebnisse finden, die sich in fest umgrenzten
G r u p p e n a n o r d n e n lassen. Auch hier hat die Psychologie größere
Hindernisse zu überwinden als andere Einzelwissenschaften. Die Erlebnisse
als ganze gleichen einander sehr wenig, und es bedarf der Analyse, um zu
psychischen Einheiten oder gar zu psychischen Elementen vorzudringen,
die dann als gleich behandelt werden können. Endlich hat die
Experimentalpsychologie auch eine Erklärung der
Bewußtseinserscheinungen zu versuchen. Doch ist der Begriff dieser
Aufgabe des Erklärens kein einheitlicher. Im Sinne der positivistischen
Naturwissenschaft nennt man es eine Erklärung, wenn es gelingt, die
Gesetzmäßigkeiten der Erscheinungen aufzuweisen. Sobald diese bekannt
sind, ist man imstande, beim Auftreten eines bestimmten Phänomens die
Bedingungen anzugeben, die es herbeigeführt haben, wie man auch
umgekehrt, sobald gewisse Bedingungen erfüllt sind, voraussagen kann,

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welche Folge sich einstellen wird. Diese Art der Erklärung setzt also die
Beobachtung von Gesetzmäßigkeiten im psychischen Geschehen voraus.
Ob solche Gesetzmäßigkeiten überhaupt im Bewußtseinsleben vorliegen,
das kann erst die folgende Untersuchung lehren. Sie ohne weiteres und auf
allen Gebieten dieser Disziplin voraussetzen, wie dies z. B. J a m e s tut, nur
deshalb, weil sonst eine wissenschaftliche Psychologie unmöglich sei, das
kann nicht mehr als vorurteilslose Forschung gelten. Eine andere Art der
Erklärung greift über den Bereich der Bewußtseinstatsachen hinaus und
sucht z. B. in dem physikalischen Reiz und in der Beschaffenheit der
nervösen Substanz die Ursachen bzw. die Bedingungen der Empfindung.
Auch diese Art muß die Psychologie, wenn sie nicht reine, sondern
physiologische Psychologie ist, verwerten. In diesem Sinne wird oft nach
der Ursache einer psychologischen Gesetzmäßigkeit zu forschen sein; ob
z. B. die Gesetzmäßigkeiten des Farbenkontrastes letztlich auf seelische
oder auf körperliche Faktoren zurückzuführen sind.

4. Q u e l l e n u n d M e t h o d e n d e r e x p e r i m e n t e l l e n
Psychologie

Weil unser Forschungsgegenstand die Bewußtseinserscheinungen sind,
so erblicken wir in der B e w u ß t s e i n s w e l t , jener Welt, die in eigenartiger
Weise neben dem Reich der sichtbaren Dinge besteht, d i e n a t u r g e m ä ß e
u n d w e s e n t l i c h e Q u e l l e der psychologischen Wissenschaft. Wo immer
sich Bewußtsein findet, da kann der Psychologe versuchen, Kenntnisse zu
schöpfen. Der Bewußtseinswelten gibt es aber unzählbare: bei jedem
Menschen, jedem Tiere, und selbst die Bewußtseinswelten höherer Wesen
brauchen nicht notwendig von vorneherein unberücksichtigt zu bleiben.
Dieser erfreuliche Quellenreichtum wird nun leider in seinem Werte
dadurch vermindert, daß all diese Milliarden von Quellen bis auf eine
einzige fest ummauerte und versiegelte Quellen sind. Nur in sein eigenes
Bewußtsein eröffnet sich dem Forscher ein unmittelbarer, freier Einblick.
Wir sind jedoch zu der Annahme berechtigt, daß das Bewußtseinsleben in
einem mehr oder weniger eindeutigen Zusammenhang mit seinen
Äußerungen steht. Der Einzelne bemerkt auf jeden Fall, wie sich

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regelmäßig mit einem Erlebnis der Freude ein bestimmter, äußerlich
wahrnehmbarer Ausdruck verbindet; bei schmerzlichen Erlebnissen
hingegen stellt sich mit derselben Regelmäßigkeit ein merklich
verschiedener Ausdruck ein. Ähnliche Ausdruckserscheinungen gewahre
ich nun bei den andern Menschen und vielfach auch bei Tieren und gelange
so mit einem Analogieschluß dahin, auch bei diesen die gleichen oder
verwandte Bewußtseinserscheinungen anzunehmen. Richten wir unser
praktisches Verhalten zur Umwelt nach diesen Analogieschlüssen ein, so
gibt uns die Erfahrung recht. Unsere Überzeugung von dem Vorhandensein
und der Gestaltung des fremden Bewußtseins wird dann naturgemäß so
lebendig, daß wir unmittelbar in die fremde Seele zu schauen meinen und
die Mittelbarkeit unseres Wissens oft zum eigenen Nachteil vergessen.
Neben der primären Quelle psychologischer Forschung, dem
Bewußtsein, lernen wir also d i e Ä u ß e r u n g e n d e s B e w u ß t s e i n s a l s
s e k u n d ä r e Q u e l l e n kennen. Die Äußerungen des Bewußtseins sind
entweder fließende und begleiten einen gleichzeitig verlaufenden
psychischen Vorgang, oder sie verbleiben als dauernde Wirkungen früherer
Bewußtseinserscheinungen. Zu ersteren gehören die lebendige Sprache, die
willkürlichen Bewegungen, die unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen
u. a., zu letzteren die Sprachdenkmäler, die Erzeugnisse von Kunst,
Religion und Volksleben u. ä. m. Eine dieser sekundären Quellen, die
lebendige Sprache, namentlich wenn sie, durch Frage und Antwort
unterstützt, uns die Selbstbeobachtungen anderer mitteilt, gestattet uns
einen so klaren Einblick in das fremde Bewußtsein, daß man mit Grund die
Behauptung wagen kann: wenigstens innerhalb gewisser Grenzen handle es
sich da schon nicht mehr um eine sekundäre Quelle, sondern die mitgeteilte
Selbstbeobachtung eines Fremden sei der eigenen Selbstbeobachtung des
Forschers gleichwertig. Dieses Problem restlos zu lösen, ist Aufgabe der
speziellen Erkenntnistheorie.
Die M e t h o d e n der experimentellen Psychologie richten sich nach ihren
Quellen. Weil das Bewußtsein die primäre Quelle ist, ist folgerichtig die
S e l b s t b e o b a c h t u n g d i e p r i m ä r e M e t h o d e . Sie gewährt die unmittelbarste
Kenntnis der Seelenprozesse und bleibt letzten Endes der Schlüssel zum
Verständnis aller Ergebnisse, die durch andere Methoden erzielt werden.
Die Selbstbeobachtung kann beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein.
Unbeabsichtigt wird sie stets nur gelegentlich auftreten und darum nur

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spärliche Beiträge liefern. Die beabsichtigte Selbstbeobachtung wird nun
häufig w ä h r e n d des zu beobachtenden Erlebnisses angestellt. Dadurch wird
aber ihr Wert recht zweifelhaft. Man braucht zwar nicht wie manche
Autoren die absolute Unmöglichkeit einer gleichzeitigen Selbstbeobachtung
anzunehmen, aber das läßt sich auch experimentell nachweisen, daß die
gleichzeitige Beobachtung modifizierend, wenn auch nicht notwendig
fälschend auf das Erlebnis einwirkt. Die gelegentliche Beobachtung
hingegen stellt sich in der Regel nicht während, sondern unmittelbar nach
Ablauf des seelischen Vorganges ein. Man kann sich leicht davon
überzeugen, daß ein Bewußtseinsphänomen unmittelbar nach seinem
Ablauf nicht gänzlich unserem Wissen entschwunden ist. Es steht
gewissermaßen in seiner Gesamtheit noch vor uns, ohne daß wir es im
eigentlichen Sinne zu reproduzieren brauchten. Man lasse sich z. B. eine
mittelschwere Kopfrechnung vorlegen, löse sie schnell und frage sich, wie
man zur Lösung gelangt ist. Man wird dann leicht angeben können, ob man
einen rechnerischen Kunstgriff gebraucht hat, ob man die Zahlen im Geiste
gesehen oder sie sogar phantasiemäßig niedergeschrieben usw. Die
Zuverlässigkeit solcher Angaben wird für uns über jeden Zweifel erhaben
sein. Ebensowenig wird man befürchten, die rückschauende Beobachtung
könne nachträglich das Erlebnis umgestalten. Das vermag nicht einmal die
Absicht zur rückschauenden Beobachtung, wenigstens solange sie nicht
eine bestimmte Erwartung einschließt.
Die primäre wissenschaftliche Methode der experimentellen
P s y c h o l o g i e i s t s o m i t d i e r ü c k s c h a u e n d e S e l b s t b e o b a c h t u n g . Da aber
eine bloß gelegentliche Selbstbeobachtung nicht ausgiebig genug ist, um
auf sie eine ganze Wissenschaft aufzubauen, hat man sie zur systematischen
und experimentellen umgestaltet. Das Wesen des E x p e r i m e n t e s beruht nun
in der willkürlichen Herbeiführung eines Vorganges zum Zwecke der
wissenschaftlichen Beobachtung. Es macht den Forscher von der Gunst des
Zufalles unabhängig und ermöglicht eine wiederholte und darum
zuverlässige Beobachtung. Das psychologische Experiment, das sich
zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter abspielt, hat überdies den
Vorteil, daß der beobachtenden Versuchsperson die Absichten und
Erwartungen des Versuchsleiters verborgen bleiben können, wodurch ein
unvoreingenommenes Erleben und Beobachten seitens der Versuchsperson
möglich wird. Das psychologische Experiment kann nun einen doppelten
Zweck verfolgen: es kann darauf ausgehen, einen seelischen Prozeß

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überhaupt nur herbeizuführen, damit er genau beobachtet werde. In diesem
Falle ist es nach neuerer Terminologie (B a a d e ) ein
D a r s t e l l u n g s e x p e r i m e n t . Die eingehendste Selbstbeobachtung ist bei ihm
die Hauptsache. Der Forscher kann aber auch erkunden wollen, wie
verschiedene psychische (oder auch psychische und physische) Faktoren
aufeinander einwirken: wie z. B. das Lernen bei gleichzeitiger Ablenkung
der Aufmerksamkeit erfolgt — in diesem Falle bezeichnet man den Versuch
als K a u s a l e x p e r i m e n t . Auch dies ist ohne jede Selbstbeobachtung nicht
auszuführen. Aber sie tritt hier wesentlich zurück. Die Hauptsache ist hier
die Leistung der Versuchsperson, etwa die Bewältigung der Lernaufgabe
mit und ohne Störung. Auf diese Weise kann der Psychologe planmäßig den
verschiedenen Erlebnissen und Erlebnisseiten, wie auch dem kausalen
Nexus unter ihnen nachgehen und dadurch seine Beobachtung zu einer
systematischen machen. Dementsprechend ist beim Kausalexperiment die
Variation der Versuchsbedingungen wesentlich, beim
Darstellungsexperiment hingegen entbehrlich.
In einem umfassenderen Sinne läßt sich das psychologische Experiment folgendermaßen
einteilen. Hinsichtlich seines Z w e c k e s : Das P r ü f u n g s e x p e r i m e n t (Test) fragt nach dem
Gelingen einer Leistung. Das F o r s c h u n g s e x p e r i m e n t nach der Natur eines psychischen
Vorganges, und zwar als m e s s e n d e s (psychophysisches) nach dessen Größenverhältnissen, als
d a r s t e l l e n d e s nach dessen Beschaffenheit, als K a u s a l e x p e r i m e n t nach dessen
Abhängigkeit von verschiedenen Bedingungen. Eine zweite Teilung ergibt sich aus dem
Ve r h a l t e n d e r Ve r s u c h s p e r s o n (Vp). Je nachdem diese von dem Zweck und der Anlage
des Experimentes weiß, ist das Verfahren ein w i s s e n t l i c h e s , h a l b w i s s e n t l i c h e s oder
u n w i s s e n t l i c h e s . Je nachdem ferner die Vp an dem Zustandekommen des seelischen
Erlebnisses beteiligt ist, kann man das Experiment als ein a u s l ö s e n d e s (ein Sinnesreiz ruft ohne
weiteres eine Empfindung oder ein Gefühl hervor), ein a u s f ü h r e n d e s (die Vp bringt willkürlich
die gewünschte Erscheinung hervor, z. B. sie erinnert sich willkürlich) oder ein g e m i s c h t e s
nennen. Das ausführende Experiment ist entweder ein u n v o l l k o m m e n e s , wenn die Vp
willkürlich ein Erlebnis nachzumachen sucht (Schreibtischexperiment), oder ein
v o l l k o m m e n e s , wenn sie durch die Versuchsanordnung in eine Lage gebracht wird, in der sie
naturgemäß zu jenem Erlebnis gelangt.

Durch das Experiment ist nun die bloß gelegentliche Beobachtung nicht
völlig außer Kurs gesetzt. Gerade sie weist oft dem Psychologen neue
Probleme zur experimentellen Nachprüfung und sie bleibt der einzige
Zeuge für all jene Seelenvorgänge, die sich nicht willkürlich herbeiführen
lassen. Um nun auch die bloß gelegentlichen Selbstbeobachtungen der
Forschung dienstbar zu machen, ist man auf ihre planmäßige Sammlung
bedacht. Man verwendet dazu zweckmäßig den F r a g e b o g e n . Je genauer
dem Aussender eines solchen Bogens die Zuverlässigkeit der Beantworter

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bekannt ist, je zugänglicher die erfragten Erlebnisse einer
durchschnittlichen Beobachtungsgabe sind und je mehr die Fassung der
Fragen, frei von jeder Suggestion, den Beantworter zur Angabe von
Tatsachen anleitet, von theoretisierenden Äußerungen hingegen fernhält,
um so brauchbarer wird das Ergebnis einer solchen Rundfrage sein.
Insoweit die sekundären Quellen nicht eine Fixierung der
Selbstbeobachtung sind und somit zur primären Quelle hinleiten, können
sie alle als Wirkungen psychischer Prozesse gelten, Wirkungen, aus denen
sich mancherlei Schlüsse auf ihre Ursachen ziehen lassen. Sie sind fertige
geistige Produkte und demnach keinem experimentellen Eingriff mehr
zugänglich. Ihnen gegenüber sind nur noch die Methoden der Analyse, des
Vergleiches und der statistischen Verarbeitung möglich. Von besonderem
Werte ist dabei der Vergleich, der sich nach Aufstellung einer
Entwicklungsreihe des betreffenden psychischen Produktes, etwa der
Kinderzeichnungen, ausführen läßt.

Literatur
R. P a u l i , Psychologisches Praktikum. 3. Aufl. 1923.
W. S t e r n , Die differentielle Psychologie. 3. Aufl. 1921.

5. Ü b e r b l i c k ü b e r d i e v e r s c h i e d e n e n Z w e i g e
der experimentellen Psychologie

Wir geben im Anschluß an T i t c h e n e r einen Überblick über die verschiedenen Zweige der
experimentellen Psychologie.
I. Die Psychologie des normalen Seelenlebens.
A. Die individuelle Psychologie.

1. Die Psychologie des Menschen.
a. Allgemeine Psychologie: die Psychologie des Erwachsenen.
b. Die spezielle Psychologie der einzelnen Entwicklungsstadien (des Kindes, des Greises
u. ä.).
c. Die differentielle Psychologie; sie behandelt die psychischen Unterschiede der
Individuen.

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d. Die genetische Psychologie; sie erforscht die Entwicklung der Psyche im Laufe des
Lebens.
2. Die Tierpsychologie. Ihre Unterabteilungen ähnlich wie bei 1.
3. Die vergleichende Psychologie. Sie befaßt sich mit der Vergleichung der verschiedenen
Entwicklungsstufen der Seele bei Tier und Mensch.

B. Die kollektive Psychologie.

1. Die Völkerpsychologie schildert die Erscheinungsweise des Seelischen in der Gemeinschaft.
2. Die ethnologische Psychologie oder die differentielle Psychologie der verschiedenen Völker
und Rassen.
3. Die Klassenpsychologie oder die differentielle Psychologie der Gesellschaftsklassen und
Berufe.

II. Die Psychologie des kranken, anormalen Seelenlebens.
Diese Einteilung wählt das Subjekt der psychischen Vorgänge zum leitenden Gesichtspunkt. Sie
kann ergänzt werden durch zwei andere Einteilungen, die entweder die psychischen Funktionen oder
die Gegenstände der psychischen Funktionen berücksichtigen. Daraus ergibt sich eine Psychologie
der Vorstellung, des Willens usw. auf der einen Seite, und eine Sprach-, Kunst-, Religionspsychologie
auf der anderen. Die Einteilung nach Gegenständen führt theoretisch zu unbegrenzt vielen Zweigen
der Psychologie. Praktisch werden indes nur jene bestehen können, die sich auf einen bedeutsamen
Gegenstand beziehen oder eigenartige psychische Erscheinungen betreffen.
Wir besprechen im folgenden in erster Linie die Psychologie des normalen und gebildeten
Erwachsenen. Doch werden wir an gegebener Stelle auch die andern Zweige der Psychologie zu Rate
ziehen.

[1] Vgl. des Verfassers, „Umrißskizze zu einer theoretischen Psychologie“ 2.
Aufl. 1923.

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I. B u c h
PSYCHISCHE ELEMENTE UND
E L E M E N TA R E
VERBINDUNGEN

ERSTER ABSCHNITT
Die Empfindungen

1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen

Die Erlebnisse, die den Gegenstand der Psychologie bilden, zeigen sich
uns als eine so vielgestaltige, stets wechselnde Mannigfaltigkeit, daß es auf
den ersten Blick als unmöglich erscheinen möchte, sie wissenschaftlich zu
beherrschen. Wie soll man das kaleidoskopartige Geschehen festhalten,
beschreiben, benennen, in die Ordnung eines Systems bannen und gar noch
Gesetzmäßigkeiten bei ihm entdecken? Dazu kommt, daß die seelischen
Vorgänge vollendete Einheiten zu sein scheinen. Mehr oder weniger
selbständige Glieder, wie bei einem Organismus, oder gar abgeschlossene
Teile, wie die Bausteine eines Hauses, bieten sich dem ersten Blicke nicht
dar. Alles ist eng miteinander verwachsen, eines scheint kontinuierlich ins
andere überzugehen. Dennoch bleibt ein Weg, der, wenn auch mühsam,
durch das nahezu unentwirrbare Dickicht führt: Wir können gleiche,
ähnliche oder wenigstens verwandte Seiten der verschiedenen Erlebnisse
feststellen.

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Auf diesem Wege der Abstraktion gelangt schon das
vorwissenschaftliche Denken dazu, größere Gruppen seelischer Vorgänge
zusammenzufassen; es spricht von Erkennen, Wollen, Fühlen u. dgl. Wir
verwerten diese Absonderungen und suchen nunmehr in der Gruppe der
Erkenntnisvorgänge so weit mit der Abstraktion vorzudringen, als es
überhaupt möglich ist. Bei den Erkenntnisvorgängen läßt sich nun Inhalt
und Akt unterscheiden: sehe ich eine blaue Blume, so ist mein Sehen der
A k t , die blaue Blume der I n h a l t dieser Wahrnehmung. Unsere weitere
Abstraktion soll sich nur auf den Inhalt beziehen, und zwar in einer
einzigen Richtung. Wir beachten das eigenartige Blau der gesehenen
Blume. Ich finde diesen Inhalt bei anderen Individuen derselben Gattung,
vielleicht aber auch bei Blumen einer anderen Gattung und bei
Erzeugnissen der menschlichen Kunst. Der Inhalt „blau“ ist somit für sein
Bewußtwerden von seiner sonstigen Umgebung, von einer bestimmten
Gestalt u. ä. m. unabhängig. Er steht mir auch wieder vor der Seele, wenn
ich von ähnlichen Dingen träume. Vielleicht bin ich sogar imstande, bei
geschlossenen Augen die blaue Blume vor mir zu sehen. Der Inhalt „blau“
ist also auch unabhängig und loslösbar von dem Akt des Wahrnehmens,
Träumens oder Vorstellens. Damit ist nicht gesagt, daß wir den Inhalt
„blau“ außerhalb eines dieser Akte erleben könnten, es ist aber gezeigt, daß
er von einem jeden einzelnen dieser Akte relativ unabhängig ist. In
entsprechender Weise läßt sich dartun, daß jener Inhalt auch
bewußtseinsmäßig gegeben sein kann, ohne notwendig bestimmte andere
Inhalte bei sich zu haben, wie etwa den der räumlichen oder zeitlichen
Lokalisation. Wir stellen somit als eine charakteristische Eigenschaft dieses
Bewußtseinsinhaltes fest, daß er andern Inhalten gegenüber r e l a t i v
s e l b s t ä n d i g ist. Wir können das „blau“ nicht nur in unserer Auffassung von
solchen andern Inhalten unterscheiden, wie da sind ein bestimmter Träger
dieser Farbe, eine bestimmte Form u. ä., sondern er selbst kann
erlebnismäßig ohne einen bestimmten aus ihnen vorkommen. Wir können
nun in der Abstraktion noch weiter gehen und etwa den Farbenton blau von
seiner Ausdehnung unterscheiden. Allein dieser begrifflich bzw.
auffassungsmäßig möglichen Unterscheidung vermag die erlebnismäßige
Sonderung nicht zu folgen. Wo immer wir den Inhalt blau erleben: wir
finden ihn wenigstens an ein Minimum von Ausdehnung gekettet. Wir
bezeichnen darum die Ausdehnung als eine Eigenschaft dieses
Bewußtseinsinhaltes und stellen fest, daß wir mit der erlebnismäßigen

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Abstraktion an ein Ende gelangt sind: blau ist als ein e i n f a c h e s
Erlebniselement anzusehen. Vergleicht man sodann diesen Inhalt mit dem
Namen oder dem Begriff „blau“, so stellt sich heraus, daß der Name und
der Begriff als Prädikat der verschiedensten Blaunuancen anwendbar ist, er
hat eine gewisse Allgemeinheit. Das von mir erlebte Blau hingegen ist stets
etwas K o n k r e t e s , Individuelles, eine bestimmte Nuance, die mit keiner
andern verwechselbar ist. Es hat weiterhin eine Eigenart, die nur durch sich
selbst charakterisierbar ist: eine gewisse Greifbarkeit, A n s c h a u l i c h k e i t ,
verglichen mit der „Blässe des Gedankens“. Wenn wir ferner den
Bewußtseinsinhalt „blau“ mit einem Gefühlserlebnis vergleichen, so finden
wir, daß wir ihn gewissermaßen uns selbst gegenüberstellen und anschauen
können, ohne befürchten zu müssen, daß unsere Aufmerksamkeit ihn
zugrunde richtet, wie das bei Gefühlen und Willensakten der Fall zu sein
scheint: das Erlebnis besitzt eine gewisse Objektivität. Fassen wir all diese
Eigentümlichkeiten des Blau-Erlebnisses zusammen: die relative
Selbständigkeit, Einfachheit, Konkretheit, Anschaulichkeit und
Objektivität, und studieren die mannigfachen Seiten unserer
Gesamterlebnisse, so werden wir entdecken, daß eine überaus stattliche
Reihe von ihnen die genannten Eigenschaften aufweist. Wir fassen diese
Erlebniselemente unter dem gemeinsamen Namen der E m p f i n d u n g e n
zusammen. E i n e E m p f i n d u n g i s t s o m i t e i n r e l a t i v s e l b s t ä n d i g e r,
e i n f a c h e r, k o n k r e t e r, a n s c h a u l i c h e r, o b j e k t i v e r B e w u ß t s e i n s i n h a l t .

Ebenso wie die Blauempfindung lassen auch alle anderen
Empfindungen verschiedene Eigenschaften erkennen. Als allgemeine
E i g e n s c h a f t e n d e r E m p f i n d u n g zählt man gewöhnlich auf: Qualität,
Intensität, zeitliche Dauer und räumliche Ausdehnung. Die bedeutsamste
dieser Eigenschaften ist sicher die Qualität. Sie ist gewissermaßen der Kern
des Empfindungserlebnisses; sie ist das, was das Süß zum Süß, das Blau
zum Blau macht. Die Qualität einer Empfindung kann nicht geändert
werden, ohne daß zugleich die Empfindung selbst geändert wird, obwohl es
verschiedene Grade der Qualitätsänderung einer Erlebnisseite gibt. Statt des
einen bestimmten Blau kann eine andere Nuance eintreten: die neue
Empfindung ist der vorigen noch ähnlich. Es kann aber auch ein Rot
erscheinen: die neue Empfindung ist spezifisch verschieden. Oder die
Farbenempfindung wird durch eine Tonempfindung ersetzt: die neue
Empfindung ist zur früheren disparat. Nach der noch verbreiteten
Sprechweise von H e l m h o l t z wäre in dem vorletzten Falle eine neue

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Qualität, im letzten eine neue Modalität erschienen. Schon weniger
durchsichtig sind die Verhältnisse bei der zweiten Eigenschaft der
Empfindung, der Intensität. Von der Intensität irgendeines Vorganges zu
reden, scheint vielen nur dann einen Sinn zu haben, wenn dieser Vorgang
eine r e i n e I n t e n s i t ä t s ä n d e r u n g zuläßt, d. h. wenn seine Intensität sich
ändern kann, ohne daß sich gleichzeitig auch die Qualität verändert. Eine
solche reine Intensitätsänderung wird allgemein angenommen bei den
Tönen, hingegen bei den Farbenempfindungen vielfach angezweifelt,
weshalb auch die Intensität als allgemeine Eigenschaft der Empfindung
angefochten wird. Die Frage nach der zeitlichen Dauer, der dritten
allgemeinen Eigenschaft, darf nicht mit der Frage nach der Dauer des
Reizes verwechselt werden, die erforderlich ist, damit eine bestimmte
Empfindung im Bewußtsein hervorgerufen werden könne. Es fragt sich
vielmehr, ob die voll entfaltete Empfindung, deren Dauer bekanntlich sehr
verschieden sein kann, überhaupt erlebbar sei, wenn ihre zeitliche Dauer
auf Null reduziert würde und die Empfindung in einem unteilbaren Moment
erlebt werden müßte. Eine beweisbare Antwort wird sich auf diese Frage in
keinem Sinne geben lassen. Es bleibt darum auch fraglich, ob die zeitliche
Ausdehnung eine allgemeine Eigenschaft der Empfindung ist. Einer
Empfindungseigenschaft ist es nämlich wesentlich, daß sie nicht auf Null
gebracht werden kann, ohne daß damit die Empfindung selbst ihr Ende
erreicht. Daß endlich die räumliche Ausdehnung keine allgemeine
Eigenschaft der Empfindung ist, dürfte kaum bestritten werden. So wenig
die Farbenempfindung ohne eine räumliche Ausdehnung verwirklicht
werden kann, so wenig scheint die Tonempfindung ihrer zu bedürfen oder
auch nur fähig zu sein. Man erkennt hieraus, daß sich zwar die
Empfindungserlebnisse unter einen allgemeinen Begriff zusammenfassen
lassen, daß dieser Begriff aber noch sehr verschieden geartete
Bewußtseinserscheinungen einschließt. Als wirklich allgemeine Eigenschaft
dieser verschiedenen Erlebnisse läßt sich eben nur die Qualität und, in
einem erweiterten Sinne, die Intensität nennen.

Literatur
A. M e s s e r , Empfindung und Denken. 1908.
A. P f ä n d e r , Einführung in die Psychologie.² 1920.

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2. Kap. Die höheren Empfindungen

A. D i e G e s i c h t s e m p f i n d u n g e n

1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen

Unter den zahlreichen Inhalten, die wir als Empfindungen bezeichnen,
sondert sich leicht und scharf umgrenzt die umfangreiche Gruppe aus,
welche der Sprachgebrauch als F a r b e n zusammenfaßt. Eine rein
psychologische Beschreibung dieser Empfindungen läßt sich nicht geben.
Sie sind ein letztes Erlebnisdatum, das nur durch sich selbst hinreichend
gekennzeichnet wird. Für den Farbentüchtigen zerfallen sie in zwei
Hauptarten, in die farblosen Lichter, auch n e u t r a l e oder tonfreie Farben
genannt, und in die b u n t e n F a r b e n . Die farblosen Lichter lassen sich nach
ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit in eine kontinuierliche Reihe
(Qualitätenreihe) ordnen, an deren einem Ende das tiefste Schwarz, an
deren anderem Ende das blendendste Weiß zu stehen kommt, während die
verschiedenen Abstufungen des Grau beide Enden verbinden. Geometrisch
und symbolisch wäre diese Qualitätenreihe durch eine begrenzte Gerade
darzustellen. Prüfen wir die verschiedenen Abschnitte der Schwarz-
Weißreihe darauf, ob die betreffenden Inhalte der Definition der
Empfindung genügen, so erhebt sich nur die eine Schwierigkeit, ob wirklich
die Graunuancen als e i n f a c h e I n h a l t e anzusprechen sind. Weist doch eine
jede eine Ähnlichkeit sowohl mit Schwarz wie mit Weiß auf. Allein ähnlich
sein bedeutet noch nicht zusammengesetzt sein. Nur wo sich im erlebten
Inhalt Teile absondern, die als solche psychisch zu verwirklichen sind, da
liegt eine Mehrheit von Empfindungen vor. Dieser Gesichtspunkt gilt auch
für die noch zu besprechenden Abstufungen der bunten Farben.
Um die bunten Farben zu ordnen, denken wir uns, wir erlebten sie in
ihrer größtmöglichen Ausgesprochenheit. Zunächst sei ein reines Rot, ein
reines Gelb und zahlreiche Schattierungen von Orange gegeben. Bringt man
diese in eine Qualitätenreihe, so beginnt sie etwa mit Rot; dann folgen jene
Arten von Orange, die dem Rot ähnlicher sind als dem Gelb, dann ein

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Orange, das gleichviel Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb hat, weiter
Nuancen, die mehr dem Gelb als dem Rot verwandt sind, und endlich das
reine Gelb. Die beiden Enden der Reihe zeigen keine derartige Ähnlichkeit
miteinander, die Zwischenfarben hingegen haben Ähnlichkeit mit Rot wie
mit Gelb. Ausgehend vom Rot läßt sich feststellen, daß die Rotähnlichkeit
immer mehr ab- und die Gelbähnlichkeit immer mehr zunimmt. Ebenso wie
die Schwarz-Weißreihe wäre auch die Rot-Gelbreihe durch eine begrenzte
Gerade zu symbolisieren. Die nämliche Betrachtung wiederholt sich bei den
zwischen Gelb und Grün, Grün und Blau, Blau und Rot einzuschließenden
Farbentönen. Die geometrische Symbolisierung ergibt also vier Gerade,
deren Endpunkte je zwei Geraden gemeinsam sind und die darum ein
geschlossenes Viereck bilden. An seinen Endpunkten liegen die vier
Urfarben (H e r i n g ) Rot, Gelb, Grün, Blau. Sie weisen miteinander keine
Ähnlichkeit nach Art der Zwischenfarben auf und bedingen darum je einen
Richtungswechsel in der gesamten Farbenreihe: das von Rot bis an das
Gelb vorhandene Rotmoment hört mit dem Gelb auf und ist in der Gelb-
Grünreihe nicht mehr zu beobachten usf. Ob die Seiten des Farbenviereckes
als gleich lang anzunehmen sind, wäre davon abhängig, ob in jeder der vier
Farbenreihen gleichviel unterscheidbare Farbentöne erlebt werden können.
Wie von jeder Urfarbe zu ihren beiden Nachbarfarben, so gibt es auch
direkte Übergänge von den Urfarben und den eingeschlossenen Tönen zu
Weiß, zu Schwarz und zu sämtlichen Graunuancen. Dieser Tatsache verleiht
man einen passenden Ausdruck, indem man die Schwarz-Weißlinie zu
ungefähr gleichen Teilen nach oben und unten durch das Farbenviereck
gehen und somit die Längsachse eines Oktaeders bilden läßt. (Fig. 1.) In
diesem Farbenoktaeder haben alle erlebbaren Farben ihren bestimmten
Platz: die obere Spitze nimmt das Weiß, die untere das Schwarz ein,
während die Urfarben an den Ecken der mittleren Ebene liegen. Da aber das
Gelb dem Weiß ähnlicher ist als das Blau, so ist die Farbenebene nicht
senkrecht, sondern schräg zur Schwarz-Weißlinie einzuzeichnen.

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Fig. 1. Die Farbenpyramide.
Nach Titchener, Lehrbuch der
Psychologie S. 63. Leipzig 1910,
Barth.

Jede Farbe kann prinzipiell durch drei Momente bestimmt und in das
Farbenoktaeder eingeordnet werden: durch den Farbenton, d. h. durch ihre
Ähnlichkeit mit einer der vier Urfarben, durch ihre Helligkeit, d. h. durch
ihre Ähnlichkeit mit Weiß und durch ihre Sättigung, d. h. durch die
Deutlichkeit der Buntheit bzw. ihre Unähnlichkeit mit den Tönen der
Schwarz-Weißreihe.
Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der F a r b e n e m p f i n d u n g e n . Man
wird hier zweckmäßig zwei Fragen auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine
Intensitätss t e i g e r u n g ? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens e i n e Intensitätss t u f e
zuerkannt werden? War unsere Anordnung der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage
zu verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten der spezifischen Qualität,
der Helligkeit und der Sättigung; für eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn
irgendeine der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so geschieht das
nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre
Stelle tritt, mag diese andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch
Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie alle andern Farben erlebt und
draußen scharf umgrenzt vorgefunden, zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben
einer Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine Intensitätsreihe
angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen
Verwechslungen hüten. Ganz außerhalb der Erörterung hat die I n t e n s i t ä t d e s die Empfindung

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hervorrufenden R e i z e s zu bleiben, da es sich nur um die psychischen Inhalte handelt. Ferner darf
man die Intensität der Farbe nicht ihrer H e l l i g k e i t , d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen.
Auch die als E i n d r i n g l i c h k e i t bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung, die Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer
Empfindungseigenschaft gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei
gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können. Fassen wir diese Intensität als
Abstand von Null auf, so werden wir jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch
wenn es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität des Tones wie früher zu
verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man auch jeder Farbenempfindung eine gewisse
Intensitätsstufe zuerkennen müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen.
Neuerdings tritt S t u m p f für eine Intensitätsänderung der Farben innerhalb enger Grenzen ein.
(Vgl. S t u m p f , Die Attribute der Gesichtsempfindungen. 1917.)

2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen

Da die Empfindungen eine letzte psychische Gegebenheit sind, ist es
unmöglich, sie psychologisch zu erklären. Wir können aber über manche
ihrer Bedingungen Aufschlüsse gewinnen, wenn wir den rein
psychologischen Standpunkt verlassen und auf das körperliche Organ wie
auf die äußeren Reize achten, die an dem Zustandekommen der
Empfindungen beteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung ist geboten, weil
wir ohne sie gewisse Gesetzmäßigkeiten nicht verstehen können, die sich an
den Bewußtseinsinhalten selbst zeigen.
Das Organ, durch welches die Farbeninhalte erstmals in unserem
Bewußtsein geweckt werden, ist das Auge. Sein Bau wird hier als bekannt
vorausgesetzt. Als n o r m a l e R e i z e wirken auf das Auge die Ä t h e r w e l l e n
ein. Diese unterscheiden sich voneinander durch ihre verschiedene L ä n g e ,
ihre verschiedene I n t e n s i t ä t (Amplitude) und durch ihre größere oder
geringere R e i n h e i t . Im allgemeinen hängt der Farbenton von der
Wellenlänge, die Helligkeit von der Intensität und die Sättigung von der
Reinheit ab. Stellt man im Spektralapparat die reinen Farben her, so
beginnen diese mit Rot, dem eine mittlere Wellenlänge von rund 700 µµ
entspricht. Urgelb entfällt dann auf die Wellenlänge 580, Urgrün auf 500,
Urblau auf 480. Für ultrarote und ultraviolette Strahlen ist unser Auge nicht
empfänglich. Alle Farben, die nicht im Spektrum enthalten sind, müssen
durch die Zusammensetzung verschiedene Wellen erzeugt werden. So
namentlich Weiß und Purpur. Übrigens können auch jene bunten Farben,

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die im Spektrum eine eigene Wellenlänge haben, durch die Vereinigung
anderer Wellen hervorgerufen werden. Nur der Schwarzempfindung
entspricht kein äußerer Reiz. Gleichwohl kann man durch bloßes Schließen
der Augen oder durch den Aufenthalt in einem lichtleeren Kaum noch nicht
die tiefste Schwarzempfindung erzeugen. Diese entsteht vielmehr, wenn
man ein dunkles Grau durch den Kontrast mit einem umgebenden Weiß
vertieft.
Die Helligkeit der bunten Farben ist von zwei Faktoren abhängig.
Zunächst von der Wellenlänge; denn Gelb ist heller als Blau und Rot (die
spezifische Helligkeit der Farben). Sodann von der Intensität der Reize.
Nimmt die Intensität z. B. eines roten Lichtes zu, so wächst innerhalb
mittlerer Grenzen die Helligkeit (Weißlichkeit) des Rot. Müssen wir schon
diese Wirkung der mittleren Intensitätssteigerung als eine qualitative
Änderung der Farbenempfindung bezeichnen, so erst recht die bei größerer
Änderung der Intensität eintretende Änderung der Farbe: Eine starke
Vermehrung oder Verminderung der Intensität des Farbenreizes
beeinträchtigt auch den Farbenton. Rot und Grün werden mit zunehmender
Intensität des Lichtes direkt weiß; alle andern Töne nähern sich dem Gelb
oder Blau und gehen dann in Weiß über. Bei starker Intensitätsabnahme
hingegen dehnen sich im Spektrum Rot und Grün aus. Ebenso verschiebt
sich die Helligkeitsverteilung. Das Maximum der Helligkeit rückt von Gelb
nach Grün. Erscheint bei guter Beleuchtung eine rote Fläche heller als eine
blaue, so kehrt sich das Helligkeitsverhältnis um, sobald man die beiden
Farben sowie das Auge verdunkelt. (Purkinjesches Phänomen.) Setzt man
am Spektralapparat die Lichtintensität noch weiter herab, so schwinden alle
Farben, und es bleibt ein farbloses Band zurück mit dem
Helligkeitsmaximum an der Stelle, wo zuvor das Grün gestanden hat.
Zur bequemeren Besprechung der Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung mußten wir auf
die Farbenw a h r n e h m u n g übergreifen. Eine i s o l i e r t e E m p f i n d u n g ist ja im Grunde nur
ein Abstraktionsprodukt. Sie läßt sich einigermaßen annähernd veranschaulichen, doch nicht als
solche herstellen. (Vgl. W. B a a d e , Gibt es isolierte Empfindungen? 6. Kongreßbericht 1914.) —
Zum Studium der Farbenempfindungen eignen sich nicht die O b e r f l ä c h e n f a r b e n der
Gegenstände, da diese durch ihre Verbindung mit den Dingen und durch unser Wissen davon in ihrer
Erscheinungsweise beeinflußt werden. Tauglicher sind die von K a t z als F l ä c h e n f a r b e n
bezeichneten Eindrücke, wie sie am Spektralapparat oder bei Betrachtung einer farbigen Fläche
durch das Loch eines Schirmes erzielt werden. — D i e Ve r g l e i c h u n g b u n t e r F a r b e n
a u f i h r e H e l l i g k e i t ist auf direktem Wege nur sehr schwer möglich. Man hilft sich, indem
man versucht, jede der bunten Farben zwischen ein Grau aus einer Grauskala einzuschließen, das
sicher heller, und ein anderes, das sicher dunkler ist als die betreffende Farbe. Durch Übung kann

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man die Grenzen immer enger ziehen und gewinnt so indirekt einen Maßstab für die Helligkeit der
beiden Farben. Über andere Methoden siehe L a n g f e l d , Über heterochrome
Helligkeitsvergleichung ZPs 33. R. P a u l i , Grundfragen der Photometrie. (Die Naturwissenschaften
Heft 41, 1913.)

3. Die Gesetze der Farbenmischung

Wirken mehrere Töne auf das Ohr ein, so entsteht eine Tonverbindung,
aus der sich die Einzeltöne bei etwas Übung leicht heraushören lassen.
Wirken jedoch mehrere farbige Lichter gleichzeitig auf den Sehnerv ein, so
entsteht im Bewußtsein nur eine einzige einfache Empfindung. Nur die
Rücksicht auf ihre Entstehung berechtigt die psychologisch unzulässige
Bezeichnung solcher Farben als Mischfarben. Die Gesetze der
Farbenmischung bilden die Hauptgrundlage für jede Theorie der
Gesichtsempfindung. Sie wurden darum schon von älteren Forschern wie
N e w t o n , G r a ß m a n n , H e l m h o l t z eingehend behandelt.

Eine Mischfarbe läßt sich erzeugen, indem man auf einer farbigen
Kreisscheibe einen andersfarbigen Sektor anbringt und beide rotieren läßt.
Befestigt man darüber eine kleinere, konzentrische Scheibe, so hat man die
Möglichkeit, die am Rande erzeugte Mischfarbe mit der Farbe der inneren
Scheibe bequem zu vergleichen. Durch geeignete Wahl der farbigen
Scheiben ist es nun erreichbar, die Farbe des äußeren Ringes der der inneren
Scheibe gleichzumachen, d. h. eine F a r b e n g l e i c h u n g herzustellen. Sie wird
durch die Summe der Bogengrade der Mischfarben einerseits und durch die
verglichene Farbe anderseits ausgedrückt. Mischt man auf die besagte
Weise Rot mit Blau in bestimmter Nuancierung, so erhält man Purpur, eine
Farbe, die im Spektrum nicht vorkommt. Nimmt man dagegen zu Rot
Blaunuancen, die mehr nach Grün zu liegen, so wird die Mischung immer
ungesättigter — wie überhaupt die Mischfarben in der Regel weniger
gesättigt sind als ihre Komponenten — und dem Grau ähnlicher, bis bei
einem gewissen Grün eine tonfreie Farbe entsteht: Ein bestimmtes Rot, mit
einem bestimmten Grün gemischt, ergibt ein bestimmtes Grau. Es läßt sich
nun zeigen, daß für jede Farbe eine andere existiert, die, mit ihr gemischt,
Grau ergibt. (S a t z d e r k o m p l e m e n t ä r e n F a r b e n . ) Mischt man jedoch
zwei nichtkomplementäre Farben, so erhält man eine bunte Mischfarbe, und
zwar jene, die innerhalb des Farbenviereckes auf der kürzeren

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Verbindungsstrecke der beiden gemischten Farben liegt. (S a t z d e r
M i s c h f a r b e n . ) Wählt man darum drei Farben so aus, daß die
komplementäre einer jeden auf dem Farbenviereck oder dem Farbenkreis
zwischen den beiden andern liegt, so kann man durch passende
Mischungsverhältnisse alle Farbentöne hervorrufen. Um möglichst
gesättigte Mischfarben herzustellen, muß man gewisse nichtkomplementäre
Nuancen von Rot und Grün nebst Blauviolett als Mischfarben benutzen.
Auf Grund dieser Tatsachen ist endlich der d r i t t e S a t z verständlich, daß
gleich aussehende Farben, miteinander gemischt, gleich aussehende
Mischungen ergeben.
Über die verschiedenen Methoden zur Herstellung der Farbenmischungen vgl. F r ö b e s I 51 f.
Unstatthaft ist die Mischung von farbigen Pigmenten oder Flüssigkeiten. — Die Farbengleichungen
verschiedener Beobachter sind individuell etwas verschieden, weil die Netzhautmitte der einzelnen
Individuen eine verschieden starke Gelbpigmentierung aufweist.

4. Der Simultankontrast

Legt man auf einen roten Grund ein kleineres Stück graues Papier und
fixiert etwa dessen Mitte während 1–2 Sekunden, so erscheint das graue
Papier grün gefärbt. Wiederholt man den Versuch mit den verschiedensten
Farben, so ergibt sich der Satz, daß jede Farbe in ihrer Umgebung ihre
komplementäre Farbe induziert (F a r b e n k o n t r a s t ). Die Erscheinung wird
weit auffälliger, wenn man das bunte Umfeld und das graue Infeld mit
einem durchsichtigen Seidenpapier bedeckt (F l o r k o n t r a s t ). Entsprechend
wird ein mittelgraues Papier auf weißem Grund verdunkelt, auf schwarzem
Grund aufgehellt (H e l l i g k e i t s k o n t r a s t ). Ist das kontrastleidende Infeld
gleichfalls gefärbt, so entsteht nach den Gesetzen des vorigen Abschnittes
eine Farbenmischung. Da nun die Tendenz zur Induktion der Gegenfarbe
von jedem Teilstück einer farbigen oder hellen Fläche gilt, so läßt sich
leicht ableiten, daß die Sättigung bzw. Helligkeit innerhalb einer Fläche
geringer sein muß als am Rand (B i n n e n k o n t r a s t u n d R a n d k o n t r a s t ).
Dabei wird stets eine Fixation des Blickes während einiger Sekunden
vorausgesetzt. Der Simultankontrast entsteht momentan, ist anfangs am
deutlichsten und geht dann rasch zurück. Entfernt man die beiden
kontrastierenden Felder ein wenig voneinander oder trennt man sie durch

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eine schwarze Grenzlinie, so verringert sich der Kontrast oder verschwindet
ganz.
Der Simultankontrast könnte auf den ersten Blick als eine
Beeinträchtigung unseres Sehens erscheinen. In Wirklichkeit kommt er
diesem sehr zustatten. Ohne den Simultankontrast wären nämlich alle
unsere Gesichtswahrnehmungen arg verschwommen. Infolge der
verschiedensten Unregelmäßigkeiten der brechenden Medien entsteht
nämlich auf der Netzhaut eine sehr unscharfe Abbildung des äußeren
Gegenstandes, der auch nur ein Gesichtsbild mit sehr ungenauen Umrissen
entsprechen könnte. Durch die Induktion der Gegenfarbe werden nun die
schwächeren, über das wahre Bild hinausragenden „Verzeichnungen“ mehr
oder weniger aufgehoben. Vom Standpunkt der noch zu besprechenden
H e r i n g schen Farbentheorie beruht ein weiterer Vorteil des
Simultankontrastes darin, daß durch ihn die Netzhaut für die Aufnahme des
wandernden Farbeneindruckes gewissermaßen vorbereitet wird: die Stelle
der Netzhaut, die soeben infolge des Kontrastes zu einem roten Objekt grün
empfindet, ist in der besten Verfassung, um alsbald das rote Objekt
wahrzunehmen.
Die Tatsachen des S i m u l t a n k o n t r a s t e s erklärt man heute allgemein mit
H e r i n g , M a c h und älteren Forschern p h y s i o l o g i s c h . Man denkt sich die
benachbarten Stellen der Netzhaut oder eines andern Teiles des nervösen
Apparates in funktioneller Wechselwirkung zueinander stehend, ähnlich wie
die Wassersäulen in einer Manometerröhre: sinkt die eine Wassersäule, so
muß die Nachbarsäule steigen. Entspricht nun dem Sinken die Empfindung
der einen Gegenfarbe, so ist mit dem Steigen die der andern verbunden;
empfindet ein Netzhautelement rot, so muß darum das Nachbarelement
grün empfinden. H e l m h o l t z wollte die Kontrasterscheinungen
psychologisch als „Urteilstäuschung“ oder, wie man heute sagen müßte, als
Resultat der Auffassung deuten. Gegen diese nicht mehr haltbare
Anschauung sei nur ein durchschlagender Beweis von G. E. M ü l l e r
angeführt. Einem Grünblinden wurden zwei Hintergründe vorgelegt, ein
grüner und ein grauer, die er beide für gleich grau ansah. Auf beiden brachte
man nun ein kleineres graues Quadrat an. Während nun das Quadrat auf
dem grauen Hintergrunde seine Farbe nicht änderte, sah der Grünblinde das
Quadrat auf dem grünen Hintergrund in roter Farbe.

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Die Tatsachen, auf die sich H e l m h o l t z stützte, gehören zumeist in den Bereich der
Oberflächenfarben (s. S. 25), wo wirklich die Auffassung eine bedeutsame Rolle spielt, wie später
noch zu zeigen ist. Die hier besprochenen Gesetzmäßigkeiten werden aber in erster Linie stets von
den Flächenfarben verstanden. Die auffällige Erhöhung des Kontrastes durch die Überdeckung mit
einem (weißen oder schwarzen) Flor dürfte auch darin begründet sein, daß er die Farben als
Flächenfarben erscheinen läßt. — Andere beachtenswerte Anschauungen über den Kontrast von E. R.
J a e n s c h (6. Kongreßbericht 1914) und F. W. F r ö h l i c h („Grundzüge einer Lehre vom Licht
und Farbensinn“ 1921). — Übrigens leistet der heute freilich eingebürgerte Ausdruck des
Farbenk o n t r a s t e s einer Begriffsverwirrung Vorschub. Die Farbeni n h a l t e rot-grün, gelb-blau
besagen nämlich keinerlei Gegensatz; ebensowenig die physikalischen Reize.

5. Die Umstimmung der Netzhaut

Ein Lichtreiz, der auf eine bestimmte Stelle der Netzhaut einwirkt, ruft,
wie soeben geschildert, gleichzeitig eine Erregung der nicht unmittelbar
gereizten Netzhautteile hervor. Er verursacht aber auch, nachdem er selbst
schon vergangen ist, auf der unmittelbar gereizten Stelle eine nachdauernde
Erregung, der mannigfache Nachempfindungen entsprechen.
Blickt man für einen Moment in ein sehr helles Licht und schließt
alsbald das Auge, so sieht man für eine Weile noch das Bild des Lichtes.
(P o s i t i v e s N a c h b i l d . ) So erscheint auch ein im Dunkeln rasch bewegter
Funke nicht als wandernder Punkt, sondern als Lichtlinie. Fixiert man einen
farbigen Gegenstand etwa eine halbe Minute lang und schaut dann auf eine
helle Wand, so hat man das Bild des Gegenstandes in komplementärer
Farbe vor sich, und zwar um so lebhafter, je intensiver und anhaltender der
Reiz war. (N e g a t i v e s N a c h b i l d , s u k z e s s i v e r K o n t r a s t . ) Betrachtet man
eine Landschaft durch ein gelbes Glas, so schwindet allmählich die
gelbliche Färbung der Gegenstände; sie erscheinen nach und nach in ihrer
objektiven Belichtung. Die Netzhaut ist für Gelb ermüdet. Richtet man nach
Entfernung des gelben Glases das Auge auf eine farblose Fläche, so zeigt
sie das komplementäre Blau. Diese als U m s t i m m u n g d e r N e t z h a u t
bezeichnete Erscheinung ist ganz allgemein: jede Lichteinwirkung setzt die
Aufnahmefähigkeit für das einwirkende Licht herab und erhöht die für das
gegenfarbige Licht. Darum erscheint auch farbiges Lampenlicht nach
kurzer Zeit als weiß. (Vgl. jedoch S. 109.) Im Zusammenhange damit steht
die sog. g l e i c h s i n n i g e L i c h t i n d u k t i o n : Fixiert man eine farblose Scheibe
auf farbigem Grund, so läßt sie zuerst die Kontrastfarbe erkennen. Nach

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einiger Zeit aber tritt an die Stelle der Kontrastfarbe die komplementäre,
d. h. die Farbe des Umfeldes, so daß Grund und Scheibe in dem gleichen
Lichte erscheinen.
Die Erklärung der Umstimmungserscheinungen wird durchgängig auf
dem Gebiete der Physiologie gesucht. Sie ist je nach der allgemeinen
Farbentheorie, welche die einzelnen Autoren vertreten, verschieden. An
dieser Stelle genügt uns die schon bei dem Simultankontrast verwertete
Hilfsvorstellung der kommunizierenden Röhren. Lassen wir die
Farbenempfindung nicht nur von dem auf der einen Wassersäule ruhenden
Druck, sondern auch von der Menge des in der Röhre befindlichen Wassers
abhängig sein, so hat man eine Veranschaulichung dafür, daß mit der
Andauer des Reizes die geweckte Farbenempfindung schwächer werden
und die Disposition zur Empfindung der Gegenfarbe anwachsen muß. Eine
Ausnahme macht dann allerdings die Schwarz-Weißempfindung, deren
Verhalten die Zuhilfenahme neuer Hypothesen erfordert.

6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Exponiert man eine weiße Scheibe weniger als ⅒ Sekunde, so wird sie nicht als volles Weiß,
sondern als Grau gesehen. Exponiert man auf dieselbe Weise (tachistoskopisch) eine farbige Scheibe,
so erscheint sie farblos, und erst, wenn der farbige Reiz etwa ½ Sekunde lang auf das Auge einwirkt,
wird er richtig wahrgenommen. Man spricht hier von dem A n s t e i g e n d e r E m p f i n d u n g .
Der Reiz muß eine gewisse (zeitliche) Schwelle überschreiten, damit die Farbe nicht nur als Licht
(generelle Schwelle), sondern auch als Farbe (spezifische Schwelle) erscheine.
Hört der Lichtreiz auf, so schwindet damit noch nicht sofort die Lichtempfindung, sondern sie
klingt allmählich ab. Der schlichten Beobachtung scheint dieses Abklingen ein bloßes Nachlassen der
eigentlichen Empfindung zu sein. Genauere Untersuchungen lassen es als möglich erscheinen, daß
das A b k l i n g e n d e r E m p f i n d u n g mit dem positiven Nachbild zusammenfällt, daß aber
zwischen dem positiven Nachbild und der eigentlichen durch den Lichtreiz unmittelbar
hervorgerufenen Empfindung dem primären Bild, noch eine andere Erregung, das sekundäre Bild,
liegt. (Vgl. v. K r i e s , Die Gesichtsempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III. Bd. 8,
Seite 101 ff.) Auf das positive Nachbild folgt dann, wie oben beschrieben, das negative.
Wechseln auf einer rotierenden Scheibe weiße und schwarze Sektoren miteinander ab, so hat das
entstehende Grau die gleiche Helligkeit, wie wenn das Weiß seine Helligkeit der ganzen Scheibe
mitteilen müßte. Hat also der weiße Sektor den Umfang von 180°, und wäre der schwarze Sektor
absolut dunkel, so erscheint die rotierende Scheibe so hell, wie wenn die halbe Intensität der 180°
Weiß auf die ganze Scheibe verteilt wäre. (Ta l b o t s c h e s G e s e t z . ) Es verhält sich somit das
Auge in dieser Beziehung wie eine photographische Platte, die um so länger exponiert werden muß,
je schwächer die Beleuchtung ist, falls der gleiche Wirkungsgrad erzielt werden soll.

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Zu den zeitlichen Verhältnissen der Lichtreize können wir auch die merkwürdigen Erscheinungen
rechnen, die sich bei längerem Aufenthalt im Dunkeln oder im Hellen ergeben. Tritt man aus einem
hell erleuchteten Raum in einen dunkeln, so kann man zunächst in ihm nichts unterscheiden.
Allmählich wird jedoch das Auge für die schwachen Reize empfindlich, es herrscht die
D u n k e l a d a p t a t i o n oder das D ä m m e r u n g s s e h e n . Nach einem Aufenthalt von etwa 20
Minuten hat sich die Empfindlichkeit gegenüber dem Anfangszustand um das 8000fache vermehrt.
— Verläßt man nun den dunkeln Raum, so wird man von der Helle empfindlich geblendet und
vermag nichts zu sehen. Nach kurzer Zeit gewöhnt sich jedoch das Auge wieder an das Licht: es ist
helladaptiert.
Wie schon oben erwähnt, werden bei Dunkeladaptation keine Farben-, sondern nur noch
Helligkeitsverschiedenheiten empfunden. Dabei ruht das Helligkeitsmaximum nicht mehr im Gelb,
sondern im Grün; Blau erscheint heller als Rot. Aus diesem Grunde werden auch Farbengleichungen
für das dunkeladaptierte Auge unwahr. Nach den bisherigen Forschungen gilt letzteres indessen nicht
für den gelben Fleck, die Stelle des deutlichsten Sehens. Diese für die Theorie der
Lichtempfindungen höchst bedeutsame Ausnahme wird freilich von H e r i n g bestritten. (Archiv f.
Ophthalmologie Bd. 90, S. 1 ff.)

7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Das Auge ist nicht allein auf die Leistungsfähigkeit der Netzhautmitte angewiesen. Wieviel wir
dem Sehen mit den seitlichen und peripheren Teilen verdanken, können wir uns veranschaulichen,
wenn wir eine enge Röhre vor das Auge halten. Es läßt sich leicht ausmessen, wie weit die
Ausdehnung des nichteingeengten Gesichtsfeldes reicht. Man stelle einen halbkreisförmigen Reif so
vor das Auge, daß dieses sich im Kreiszentrum befindet und die Mitte des in der horizontalen Ebene
aufgestellten Ringes fixiert. Nähert man jetzt einen kleinen Gegenstand ruckweise vom äußeren Ende
den Ring entlang der Mitte, so findet man den Punkt, wo der Gegenstand erstmals gesehen wird.
Drückt man die Entfernung dieses Punktes von der Reifmitte in Bogengraden aus, so hat man die
seitliche Ausdehnung des Gesichtsfeldes nach innen bzw. nach außen gemessen. Dreht man alsdann
den Reif um 90°, so daß er in der Vertikalebene liegt, so kann man die obere und untere Grenze
ermitteln. Ein nach diesem Prinzip gebautes Instrument nennt man P e r i m e t e r .
Untersucht man nun mit Hilfe des Perimeters die H e l l i g k e i t s e m p f i n d l i c h k e i t d e r
N e t z h a u t b e i D u n k e l a d a p t a t i o n , so ergibt sich, daß diese an der Stelle des deutlichsten
Sehens am geringsten ist und innerhalb gewisser Grenzen nach der Peripherie zu ansteigt. Dazu
stimmt die Praxis der Astronomen, lichtschwache Sterne nicht zu fixieren, sondern durch
„Vorbeisehen“ zu betrachten. Bei H e l l a d a p t a t i o n besteht kein Unterschied der
Hellempfindlichkeit für die Mitte und die seitlichen Partien, dagegen zeigen sich überraschende
Ve r s c h i e d e n h e i t e n f ü r d i e F a r b e n e m p f i n d u n g e n . Bringt man bunte Scheibchen
der Reihe nach an verschiedenen Stellen des Perimeters an, so verschwinden in einer gewissen Zone
bestimmte Schattierungen von Rot und Grün, während andere in Gelb und Blau übergehen: die
Z o n e d e r R o t - G r ü n - B l i n d h e i t . Rückt man die Farbenscheibchen noch weiter hinaus, so
verschwinden alle Farben. Die N e t z h a u t p e r i p h e r i e ist t o t a l f a r b e n b l i n d . Dabei ist der
Umstand bedeutsam, daß die Helligkeitsverteilung auf dieser äußersten Zone mit der auf der
Netzhautmitte übereinstimmt. Also auch hier ist Gelb die hellste Empfindung, während bei der
Dunkeladaptation, wo gleichfalls die Farben in Grau übergehen, die größte Helligkeit an der Stelle
des Grün beobachtet wird. Auch das ist beachtenswert, daß ausgedehntere farbige Objekte ebenso

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wie intensiver beleuchtete weiter peripherwärts farbig erscheinen, als solche von geringerem Umfang
bzw. geringerer Intensität. Es entspricht endlich den bisher genannten Tatsachen, wenn die für die
Netzhautmitte hergestellten Farbengleichungen sich auch auf den seitlichen Teilen als gültig
erweisen. Auch dies ist ein für die Theorie bedeutsamer Gegensatz zu den Verhältnissen bei der
Dunkeladaptation.

8. Die Farbenblindheiten

Bevor sich eine Theorie der Gesichtswahrnehmungen versuchen läßt, müssen noch die Tatsachen
aufgezählt werden, die aus dem experimentum naturae bekannt geworden sind. Infolge angeborener
Mängel, seltener infolge von Krankheit (Vergiftung), stellen sich mannigfache Abnormitäten im
Farbensehen ein. Je leichter sich nun diese aus einer Theorie verständlich machen lassen, um so mehr
gewinnt die betreffende Theorie an innerer Wahrscheinlichkeit. Breitet man vor verschiedenen
Individuen eine Anzahl farbiger Wollbündel aus und greift man aus dieser Menge ein grünes
Wollbündel heraus mit der Aufforderung, alle gleichfarbigen neben das grüne zu legen, so werden
sich immer Individuen finden, die neben das grüne auch graue und braune Wollfäden legen. Diese
Individuen halten grau und grün für gleich, weil sie eben grün überhaupt nicht empfinden.
Wiederholt man den Versuch mit einer andern Farbe, so wird man bei einer hinreichend großen Zahl
von Prüflingen solche finden, die für andere Farben unempfänglich sind. Diese Anomalien des
Farbensehens, die Farbenblindheiten, wurden erst 1794 von D a l t o n entdeckt. Sie konnten so lange
unbekannt bleiben, weil die Farbenblinden in der Regel auch jene Farben richtig benennen, die sie als
solche gar nicht empfinden. Sie stützen sich dabei auf andere Merkmale und bezeichnen etwa ihr
helleres „Rot“ ebenso wie der Normale als Gelb.
Wie die fortschreitenden Untersuchungen ergeben, sind die A r t e n der
F a r b e n b l i n d h e i t e n sehr mannigfaltig. Zu einer ersten Orientierung genügt es indes, die drei
wichtigsten und verbreitetsten Klassen aufzuzählen: die Rot-Grün-Blindheit, die Gelb-Blau-Blindheit
und die totale Farbenblindheit. Die erste ist die häufigste. Sie findet sich bei nahezu 4% aller Männer;
bei Frauen jedoch sehr selten, obwohl sie durch die Mutter vererbt wird. Der Rot-Grün-Blinde sieht
an der Stelle des Spektrums, wo für den Normalen das Grün liegt, weiß. Links von dieser Stelle
erblickt er nur Gelbnuancen, rechts nur Abschattungen von Blau. Für die seltener anzutreffenden
Gelb-Blau-Blinden existieren nur die verschiedenen Arten von Rot und Grün. Den total
Farbenblinden endlich erscheint die Außenwelt grau in grau, ähnlich wie sich dem Normalen ein
photographisches Bild darstellt. Das Spektrum der total Farbenblinden weist nicht bei allen die
gleiche Helligkeitsverteilung auf. Manche haben, um nur die wichtigsten zu erwähnen, die gleiche
Helligkeitsverteilung wie das normale helladaptierte Auge, andere empfinden die
Helligkeitsabstufungen wie das dunkeladaptierte Auge.
Über verschiedene Abarten der Farbenanomalien, ihre Klassifikation und andere Methoden ihrer
Feststellung siehe F r ö b e s , I, 81 ff.

9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie

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Wir beginnen die Darstellung der Theorie der Gesichtsempfindung mit
jener theoretischen Anschauung, die an letzter Stelle ausgebildet wurde. Die
Endteile des in der Netzhaut sich aufspaltenden und ausbreitenden
Sehnerven sind in der Hauptsache zwei anatomisch verschieden gebaute
Organe: die spindelförmigen Stäbchen und die flaschenförmigen Zapfen.
(Fig. 2.) Sie sind nicht gleichmäßig über die Netzhaut verteilt, sondern die
Netzhautmitte (fovea) enthält auf der Stelle des deutlichsten Sehens (auf
einer Fläche von etwa ½ mm Durchmesser) nur Zapfen, während nach der
Peripherie hin die Zapfen immer spärlicher werden.
Die schon erwähnten Gesetzmäßigkeiten der Hell- und
Dunkeladaptation, insbesondere die verschiedene Helligkeitsverteilung im
Spektrum während dieser Zustände, die geringe Helligkeitsempfindlichkeit
der Netzhautmitte des dunkeladaptierten Auges, die totale Farbenblindheit
mit der Helligkeitsverteilung des Dunkelauges, die Tatsache, daß in der
Dämmerung ein fixierter weißlicher Fleck auf dunklem Grunde
verschwindet und umgekehrt ein schwarzer Fleck auf weißem Grunde ganz
ausfällt (K. L. S c h a e f e r ), alle diese Umstände führten zu der Annahme, daß
den anatomisch verschieden gebauten Endorganen auch eine verschiedene
Funktion zukomme: den Stäbchen die Wahrnehmung der Schwarz-
Weißreihe bei sehr schwacher Beleuchtung (der D ä m m e r u n g s a p p a r a t ),
den Zapfen die Wahrnehmung aller Farben bei hellem Licht (der
H e l l a p p a r a t ). Diese Theorie wurde von M. S c h u l t z e (1866) angedeutet
und durch P a r i n a u d und namentlich v. K r i e s ausgestaltet
(Duplizitätstheorie).

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Fig. 2. Schematischer Querschnitt durch die
Retina nach Ramon y Cajal. a und b
Stäbchen und Zapfen. c und d Zapfenzellen
und Stäbchenzellen. e und f bipolare Zellen.
g, h, i, j, k Ganglienzellen des Sehnerven. H
Optikusfasern. t Müllersche Stützfasern. s
zentrifugale Nervenfasern.
Nach Ebbinghaus, Grundzüge der
Psychologie I 3. Aufl. Seite 187. Berlin,
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger
Walter de Gruyter & Co.

Die D u p l i z i t ä t s t h e o r i e erhielt eine eigenartige Bestätigung in der
Entdeckung des Sehpurpurs. Diese Substanz findet sich nur bei den
Stäbchen. Vom Licht bestrahlt, zersetzt sie sich augenblicklich und bildet
sich aufs neue, wenn dem Auge das helle Licht entzogen wird. Es ließ sich
nun nachweisen, daß die Unterscheidungsfähigkeit des Dunkelauges in
genau dem gleichen Maße wächst, wie sich der Sehpurpur mit der Dauer
des Aufenthaltes im Dunkeln vermehrt. Nimmt man nun an, die Zersetzung
des Sehpurpurs rufe direkt oder indirekt die Weißempfindung hervor, so
werden die Adaptationserscheinungen leicht verständlich. Beim Eintritt in
das Dunkel ist noch kein Sehpurpur vorhanden, und da die Zapfen nur auf
starke Reize ansprechen, entbehrt man gewissermaßen jedes Organ zum
Sehen. Allmählich bildet sich der Sehpurpur; man unterscheidet langsam
die Gegenstände im schwach beleuchteten Raum. Tritt man nun ins Helle,
so ruft die lebhafte Zersetzung eine intensive Weißempfindung hervor,
durch die man wie geblendet und zum Erkennen der Dinge unfähig gemacht
ist. Sobald aber der Sehstoff aufgebraucht ist, hört die Blendung auf und der

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Hellapparat vermittelt die Farbenempfindungen. Die totale Farbenblindheit
mit dem Helligkeitsmaximum im Grün erklärt sich nach der
Duplizitätstheorie sehr einfach durch das Nichtfunktionieren des
Zapfenapparates.
Die Duplizitätstheorie gewann neue Stützen aus der Erforschung des Tierauges. So fand man
Nachttiere mit gut entwickeltem Stäbchenapparat und nachtblinde (hemeralope) Tiere, die wie die
Hühner wenig Stäbchen besitzen. Allein neben solchen Bestätigungen ergaben sich auch mancherlei
Schwierigkeiten. So will man bei den nachtblinden Hühnern (wie auch neuerdings bei der Fovea des
menschlichen Auges) das Purkinjesche Phänomen festgestellt haben, und die der Stäbchen
entbehrenden Schildkrötenaugen sollen Dunkeladaptation aufweisen.

10. Die Theorien des Farbensehens

Die ältere Yo u n g - H e l m h o l t z s c h e T h e o r i e nimmt im Sehnerven drei
Faserarten an, deren Erregung die Rot-, Grün- und Violett- bzw.
Blauempfindung vermittelt. Jeder Lichtreiz wirkt auf alle drei Fasern ein,
erregt aber je nach seiner Wellenlänge eine der drei Fasern besonders
lebhaft. Das langwellige Licht z. B. erregt gleichmäßig Rot-, Grün- und
Blaufasern, am stärksten jedoch die Rotfasern, weshalb bei seiner
Einwirkung Rot empfunden wird. So erklären sich sehr einfach die Gesetze
der Farbenmischung. Um den Farbenkontrast verständlich zu machen,
mußte Helmholtz, wie wir sahen, zu einer psychologischen Deutung
greifen, die nicht allen Tatsachen gerecht wird. Das negative Nachbild rührt
nach dieser Theorie von der Ermüdung her: Hat das Auge eine Zeitlang rot
empfunden, so waren zwar alle drei Faserarten tätig, aber die am stärksten
erregte Rotfaser wurde auch am meisten ermüdet. Wendet sich das Auge
nun auf einen weißlichen Hintergrund, so ist die Grün- und die Violettfaser
leistungsfähiger als die Rotfaser, weshalb ein komplementäres Grünblau
gesehen wird. Allein von einer solchen Ermüdung kann nach neueren
Untersuchungen nicht die Rede sein. Selbst nach zehnstündigem Aufenthalt
im Hellen ist das Auge nicht merklich ermüdet. Und doch stellt sich der
Kontrast schon nach kurzer Zeit ein.
Am wenigsten leistet die Helmholtzsche Theorie für die E r k l ä r u n g d e r
F a r b e n b l i n d h e i t e n . Man kann diese im allgemeinen zurückführen
entweder auf eine anormale Absorption: wie beim Normalen eine gelbe
Pigmentierung vor der Netzhaut liegt, so beim Anormalen eine andere

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Färbung, die gewisse Lichtstrahlen absorbiert; oder auf eine eigenartige
Änderung der Netzhaut- bzw. der Nervenprozesse; oder auf den Ausfall
bestimmter optischer Organe oder Funktionen. Ob eine anormale
Pigmentierung vorliegt, wird sich im Einzelfall feststellen lassen. Die große
Mehrzahl der Anomalien kann jedoch auf diese Weise nicht erklärt werden.
Man hat somit entweder eine Änderung der Funktionsweise oder den
Ausfall von Funktionen anzurufen. Vor der ersten Hypothese scheut jedoch
ein streng wissenschaftliches Denken zurück, da mit der Einführung
unkontrollierbarer neuer Faktoren schier alles erklärt werden kann. Wo
immer sich darum eine organische Änderung nicht unmittelbar feststellen
läßt, ist jene hypothetische Erklärung zu bevorzugen, welche die Anomalien
mit dem Ausfall schon bekannter Faktoren zu deuten vermag. Dazu ist nun
die Helmholtzsche Theorie nicht imstande, was hier jedoch im einzelnen
nicht nachgewiesen werden kann. (Vgl. F r ö b e s I, S. 87.) Ebensowenig
vermag sie die Frage zu beantworten, warum die Farbenempfindungen stets
paarweise einander zugeordnet sind.
Gerade von der paarweisen Gegensätzlichkeit der Farbenempfindungen
nimmt die H e r i n g s c h e T h e o r i e ihren Ausgang. Sie fordert drei
Sehsubstanzen: eine Weiß-Schwarz-, eine Rot-Grün- und eine Blau-
Gelbsubstanz. Reize, die auf diese Substanzen dissimilierend einwirken,
verursachen die Weiß-, die Rot- und die Blauempfindung; assimilierend
wirksame Reize hingegen rufen die Grün- und Gelbempfindung hervor. Auf
die Weiß-Schwarzsubstanz wirken die äußeren Reize jedoch nur
dissimilierend ein. Schwarz wird nur auf innere Reize hin empfunden. Jedes
farbige Licht besitzt auch eine Weißvalenz. Beachtet man nun, daß die
entgegengesetzten Prozesse der Dissimilation und Assimilation die Tendenz
haben, nach Aufhören der Reize ineinander umzuschlagen, wie wir das
schon an dem Bild des Manometers veranschaulicht haben, so ergibt sich
eine befriedigende Deutung der wichtigsten Tatsachen. So versteht man
leicht die Farbenmischung, das Bestehen von Komplementärfarben, deren
Mischung Weiß als Restphänomen bestehen läßt, sowie die Wendepunkte in
der Qualitätenreihe der Farben. Ebenso begreift sich, daß an der Peripherie
der Netzhaut die Gegenfarben gleichzeitig verschwinden und bei der
Intensitätssteigerung des äußeren farbigen Reizes auch paarweise in Weiß
übergehen. Wird eine der Sehsubstanzen fortdauernd dissimiliert, so wird
schließlich das dissimilierbare Material erschöpft, die betreffende
Farbenempfindung verblaßt und nähert sich dem Grau (Lokaladaptation).

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Hört nun der äußere Reiz auf, so setzt von selbst der umgekehrte Prozeß
ein, weshalb das negative Nachbild auftritt. Da aber durch die Dissimilation
der Assimilationsstoff auch in der Nachbarschaft der erregten Netzhautstelle
angehäuft wird und jede Anhäufung des Assimilationsmaterials den
Assimilationsprozeß zur Folge hat — Entsprechendes gilt von der
Dissimilation —, so beginnt alsbald neben jeder gereizten Netzhautstelle
der entgegengesetzte Prozeß, und wir erleben den Simultankontrast. Die
Farbenblindheiten erklären sich nach dieser Theorie im großen und ganzen
als Ausfallserscheinungen. Für gewisse Anomalien versagt indes die
Heringsche Theorie. G. E. M ü l l e r hat sie darum weiter ausgebaut, indem er
außer antagonistischen Netzhautprozessen noch innere Nervenerregungen
mit verschiedenen Valenzen annahm. (Vgl. F r ö b e s I, 61 ff. u. 81 ff.)

Literatur
E. H e r i n g , Grundzüge der Lehre vom Lichtsinne. Handbuch der ges. Augenheilkunde. 1905/13.
F. W. F r ö h l i c h , Grundzüge einer Lehre vom Licht- und Farbensinn. 1921.

B. D i e G e h ö r e m p f i n d u n g e n

1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen

Als wesentlich anderer Bewußtseinsinhalt steht übergangslos neben den
Farben das Reich der Schallwahrnehmungen. Wollen wir in ihm bis zu den
Empfindungen mit der Analyse vordringen, so scheidet sich die Menge
dieser Eindrücke leicht in zwei große Gruppen, in Klänge und Geräusche,
die schon das vorwissenschaftliche Denken als musikalische und
unmusikalische Eindrücke auseinanderhält. In der Analyse der Geräusche
ist man noch nicht weit fortgeschritten. Man unterscheidet Momentan- und
Dauergeräusche, schreibt ihnen die Eigenschaften der Stärke und Höhe zu,
ist aber noch nicht imstande, endgültig zu entscheiden, ob das Geräusch
stets ein zusammengesetzter Eindruck ist, oder ob es
Geräusche m p f i n d u n g e n gibt, und ob im ersteren Falle die Geräusche auf
Töne zurückführbar sind. Man kann allerdings durch Häufung kurz
dauernder Töne ein Geräusch erzeugen. Allein damit wird die Frage nicht

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entschieden, da die Verbindung solcher Empfindungen bzw. ihrer Reize
möglicherweise einen ganz neuen und andersartigen Bewußtseinsinhalt
bedingt. Eine Lösung dieser Frage kann nur durch den unmittelbaren
Vergleich des Geräuscheindruckes mit den Tonwahrnehmungen angestrebt
werden.
Bei den Klängen glaubt man jedoch sehr bald auf wahre Empfindungen
zu stoßen, an denen sich nur noch die bekannten Eigenschaften der Höhe,
der Stärke und der Klangfarbe beobachten ließen. Sieht man aber genauer
zu, so findet man, daß die Verschiedenheit des a der Violine von dem a der
Trompete, abgesehen von den Streich- und Blasegeräuschen, auch darauf
beruht, daß sich mit dem a der Violine andere Teiltöne verbinden als mit
dem der Trompete. Gelingt es, durch künstlich herbeigeführte
Interferenzwirkungen diese Teiltöne auszuscheiden, so verschwindet auch
die Klangfarbe als eine Empfindungseigenschaft, und es bleiben nur die
beiden andern übrig. Davon ist die To n s t ä r k e leicht erfaßbar: das gleiche a
einer Stimmgabel kann stärker und weniger stark ertönen. Die
verschiedenen Stärkegrade sind in einer eindimensionalen Geraden adäquat
darstellbar. Sehr viele Probleme birgt indes die zweite Eigenschaft der
To n h ö h e , die noch keineswegs befriedigend zu lösen sind.
Vorab ist die Bezeichnung Tonhöhe für die rein psychologische Betrachtung hinderlich. Wir
verbinden mit dem Wort „Höhe“ in der Regel den Begriff eines Maßes oder eines Vergleiches,
Bewußtseinsinhalte, die, wie später zu zeigen ist, in den Bereich der Gedanken, nicht der
Empfindungen gehören. Die Empfindung als solche liefert uns nur eine eigenartige Tonqualität, und
wenn mehrere Töne nacheinander geboten werden, eine Anzahl in sich verschiedener Tonqualitäten.
Von einem oben und unten, hoch und niedrig enthält die reine Empfindung nichts. Es fragt sich nun,
ist diese Tonqualität ein Letztes, Einheitliches? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die
mannigfachen uns bekannten Töne nebeneinander halten. Da stoßen wir auf die mißliche Tatsache,
daß die Sprache für das Reich der Töne keine Benennungen geschaffen hat außer allgemeinen, wenig
zweckdienlichen wie „hoch“ und „niedrig“. Die Musik, nicht die Psychologie, hat sich zu helfen
gesucht, indem sie aus der unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Töne gewisse herausgriff und mit
willkürlichen Namen a, b, c usw. belegte. Böte man nun einem normal hörenden, aber jede
musikalische Erfahrung entbehrenden Menschen eine größere Anzahl solcher Töne in bunter
Reihenfolge und ließe ihn eine Qualitätenreihe herstellen, wobei er die Töne, ähnlich wie zuvor die
Farben, nach ihrer qualitativen Zusammengehörigkeit zu gruppieren hätte, so könnten wir wohl zwei
Tatsachen feststellen: als zusammengehörig würden einmal jene Töne bezeichnet, wie sie auch von
der Musik innerhalb der Tonleiter aneinander gereiht werden; zweitens verriete sich die Neigung,
Töne als nächst ähnlich paarweise zusammenzufassen oder gar miteinander zu verwechseln, die in
der Musik als Oktaven oder Quinten bekannt sind. Es ergibt sich somit die merkwürdige
Erscheinung, daß derselbe Ton c′ sich von c in einer Hinsicht weiter entfernt hat als etwa a, in
anderer Hinsicht dem Grundton c näher liegt als a. Es muß also die Tonqualität eine doppelte Seite
aufweisen: eine, die sich gleichmäßig fortschreitend ändert, und eine, die nach dem Ausgangspunkt
zurückstrebt. Eine räumliche Darstellung beider Tendenzen in ihrer Vereinigung böte etwa eine auf

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einem Zylinder aufgezeichnete Schraubenlinie. Dringlicher indes als eine räumliche Symbolisierung
dieser Verhältnisse ist die psychologische Charakterisierung der beiden Seiten der sog. Tonhöhe. Man
hat für die geradlinig fortschreitende den Ausdruck Höhe im engeren Sinne oder besser „Helligkeit“,
für die periodisch wiederkehrende die Bezeichnung Qualität versucht. W. K ö h l e r machte auf die
unverkennbare Ähnlichkeit aufmerksam, welche die verschiedenen Töne mit den Vokalen haben: die
tiefen mit u, o, die hohen mit e, i und wollte die Töne allein durch ihre „Vokalität“ charakterisieren.
Aber vielleicht ist es richtiger, die Vokale durch die Töne zu charakterisieren; erhalten sie ihren
Charakter doch durch bestimmte Töne, die Formanten (S t u m p f , Die Struktur der Vokale, 1918).
Weil uns jedoch die Vokale geläufiger sind als die reinen Töne, hören wir in diese leichter Vokale
hinein, als umgekehrt die Töne aus den Vokalen heraus. Auch ist mit der Vokalität die ganze Eigenart
des Tones nicht erfaßt; namentlich die zwischen den Oktaven und Quinten zu dem Grundton
bestehende Ähnlichkeit bleibt unberücksichtigt. Wie auf den Vokalcharakter so hat man auch auf den
Raumcharakter der Töne hingewiesen: die tieferen Töne haben etwas Breites, Ausgedehntes, die
höheren etwas Spitzes an sich.

Obwohl Qualität und Höhe sich verschieden verhalten, in
pathologischen Fällen sogar getrennt voneinander auftreten sollen (G.
R é v é s z ), sind sie doch keine selbständigen Bewußtseinsinhalte und darum
auch nicht Empfindungen, sondern nur unselbständige Momente oder
Seiten der Tonempfindungen, ebenso wie der Farbenton und die Helligkeit,
die eine ungeteilte Farbenempfindung ausmachen. Wenn pathologisch in
der Parakusie oder normal in den Regionen der tiefsten und höchsten Töne
zwar das Steigen und Fallen noch erkannt wird, die Qualität hingegen
unbestimmbar ist, so liegen ähnliche Verhältnisse vor wie bei der
Farbenblindheit mit normaler Helligkeitsverteilung: es wird nicht die
Helligkeit allein empfunden, sondern verbunden mit einer bestimmten, sich
nahezu gleichbleibenden Qualität.
Die Qualitätenreihe der Töne, von der oben die Rede war, enthält eine
überaus große Mannigfaltigkeit von unterscheidbaren Einzeltönen.
Vergleicht man nun, von einem beliebigen Ton ausgehend, der Reihe nach
die aufeinanderfolgenden Töne mit dem Ausgangston, so findet man, daß
gewisse Töne so innig mit ihm verschmelzen, daß nur ein geübtes Ohr die
Zweiheit der Töne bemerkt, während bei dem Zusammenklingen anderer
die Zweiheit sofort hervortritt. Wir nennen nun den Tonabstand, bei dem die
innigste Verschmelzung eintritt, der Musiklehre folgend, eine Oktav, den
hinsichtlich des Verschmelzungsgrades nächstfolgenden eine Quint, der sich
die Quart, die große Terz, die Sext, die Sekunde und die Septim
anschließen. Der Zusammenklang der beiden letztgenannten Intervalle ist
für uns unlustbetont; wir sprechen von Dissonanzen, während die
erstgenannte Intervalle die wohlgefälligen Konsonanzen ergeben.

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Wie bei der Besprechung der Konsonanz, so überschreiten wir nochmals das enge Gebiet der
eigentlichen Empfindung, indem wir uns der K l a n g f a r b e zuwenden. Doch ist diese zweifache
Gebietsüberschreitung hier berechtigt, weil wir durch sie die Tonempfindung selbst näher kennen
lernen. H e l m h o l t z wies experimentell nach, daß mit den Tönen, die wir erzeugen, gewisse
„Obertöne“ verbunden sind, und zwar gesellt sich für gewöhnlich der nächste Oktavton, die Quint
von dieser Oktav, ferner die zweite Oktav usw. hinzu. Es sind immer nur ganz bestimmte Töne, die
sich mit dem Grundton vereinigen, aber nicht alle Obertöne sind in jedem Falle vorhanden und nicht
alle sind jedesmal in der nämlichen Stärke gegeben. Wegen dieser doppelten Variationsmöglichkeit
klingen gleich hohe Töne auf verschiedenen Instrumenten ganz verschieden. Mit Hilfe der
Helmholtzschen Resonatoren, metallener Hohlkugeln mit einer Öffnung zum Auffangen und einer
kleineren zur Abgabe des Tones in den Gehörgang, lassen sich die Teiltöne aus dem Klangganzen
heraushören. So gelangt man zu einer Charakteristik des einfachen Tones gegenüber dem
zusammengesetzten Klang. Der einfache Ton ist angenehm, ohne Rauhigkeit, unkräftig, in der Tiefe
weich und dumpf, in höheren Lagen hell und spitz. Der menschliche Mund beim Pfeifen und die
Flöte der Orgel erzeugen Klänge, die dem einfachen Ton sehr nahestehen. Verbindet sich mit dem
Grundton eine Anzahl niederer Obertöne, so ergibt sich ein reicher musikalischer Klang wie bei der
offenen Orgelpfeife. Ungeradzahlige Teiltöne machen den Klang hohl und bei größerer Anzahl
näselnd. Ist der Grundton zugleich der stärkste, so bezeichnen wir den Klang als voll, andernfalls als
leer. Werden endlich die jenseits des sechsten liegenden Obertöne sehr intensiv, so erhalten wir den
scharfen, rauhen Klang der Blechmusik.

2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen

Als allgemeiner Reiz für die Entstehung der Schallwahrnehmungen
gelten schwingende Luftmassen. Dem einfachen Ton entspricht die einfache
Sinusschwingung, und zwar wird die Gesamtqualität des Tones oder die
Tonhöhe durch die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen
und die Intensität des Tones durch die Amplitude bedingt. Für die
Intensitätsregel ist allerdings zu beachten, daß sie in dieser einfachen Form
nur für Töne gleicher Höhe gilt. Denn die lebendige Kraft, von der die
Stärke des Tones abhängt, richtet sich sowohl nach der Amplitude wie nach
der Schwingungszahl; je größer diese ist, um so geringer kann jene sein.
Darum klingt von zwei Tönen gleicher Amplitude der höhere lauter
(H e l m h o l t z ), weshalb z. B. eine Piccoloflöte oder ein guter Sopran ein stark
besetztes Orchester zu übertönen vermag.
Die Zahl der Luftschwingungen in der Sekunde bestimmt die Höhe des Tones. 435
Doppelschwingungen in der Sekunde ergeben z. B. den Wiener Kammerton a. Die Raschheit der
Schwingungen muß nun so groß sein, daß auf eine Sekunde wenigstens 15 Schwingungen kommen,
wenn überhaupt ein Ton gehört werden soll (E l l i s ). Als oberste Schwingungszahl, die auf uns noch
den Eindruck eines Tones macht, gibt man 20000 (K ö n i g ) oder 50000 (E d e l m a n n )
Schwingungen an. Im Alter rücken diese Grenzen ein wenig zusammen (Z w a a r d e m a k e r ).

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Wenn nun als untere Grenze 15 Schwingungen für die Sekunde genannt werden, so ist damit nicht
gesagt, daß tatsächlich wenigstens 15 Luftstöße unser Ohr treffen müßten, sondern es ist nur
ausgesprochen, m i t w e l c h e r G e s c h w i n d i g k e i t diese Stöße einander zu folgen haben,
damit überhaupt ein musikalischer oder doch ein akustischer Eindruck entsteht. Es genügen nach den
neueren Untersuchungen in Wirklichkeit schon zwei aufeinanderfolgende Luftstöße zur Erzeugung
einer Tonempfindung. Allerdings ist der Charakter dieser Tonempfindung noch nicht völlig bestimmt.
Aber schon mit 16 Schwingungen ist der höchste Grad der Bestimmtheit erreicht. Eine ähnliche
Feinheit zeigt das Ohr in dem mittleren Gebiet für die U n t e r s c h i e d e d e r
G e s c h w i n d i g k e i t der Luftstöße. Beträgt der Unterschied auch nur eine halbe Schwingung in
der Sekunde, so wird der Ton als ein qualitativ anderer erkannt, wenngleich die Bestimmung seiner
Höhe unsicher sein kann. Es lassen sich darum in einer mittleren Oktave über 1000 Töne
unterscheiden. Bei etwa 40 Schwingungen irrt man allerdings um eine ganze Schwingung und an den
oberen Grenzen vollends um Tausende bei der Bestimmung der Tonhöhen.
Höchst beachtenswert sind die Beziehungen, die zwischen den Schwingungszahlen jener Töne
bestehen, die wir oben rein psychologisch als mehr oder weniger miteinander verschmelzend, mehr
oder weniger konsonant herausgestellt haben. Die Schwingungszahl eines beliebigen Tones verhält
sich zu der seiner Oktav, seiner Quint, seiner Quart, großen Terz, kleinen Terz usw. wie 1 : 2, 2 : 3,
3 : 4, 4 : 5, 5 : 6 usf. Ähnlich einfache Verhältnisse finden sich bei den Schwingungszahlen des
Grundtones und der Obertöne. Diese verhalten sich der Reihe nach wie 1 : 2 : 3 : 4 : 5 usf. Aus
solchen Tatsachen darf man jedoch nicht den Schluß ziehen, unser Ohr fasse diese eigenartigen
Zahlenverhältnisse auf, oder ein konsonantes Intervall erscheine uns deshalb wohlgefällig, weil das
Verhältnis der Schwingungszahlen ein sehr einfaches sei. In dem Bewußtsein des über die Tonreize
nicht unterrichteten Menschen ist nichts vorhanden als der angenehme oder unangenehme
Zusammenklang zweier Töne. Dagegen besitzt unser Ohr eine merkwürdige Fähigkeit, die
kompliziertesten Luftwellen zu zerlegen. Ertönt eine Stimmgabel, so werden die benachbarten
Luftteilchen in Transversalschwingungen versetzt, die sich geometrisch als einfache
Sinusschwingungen nach ihren einzelnen Phasen wiedergeben lassen. Erklingt nun gleichzeitig eine
zweite Stimmgabel, so erfassen die von ihr ausgehenden Stöße das nämliche Luftteilchen. Auch sie
möchten ihm eine Sinusschwingung erteilen. Da es jedoch nunmehr beiden Antrieben folgen muß, so
wird seine Bewegung eine sehr eigenartige, und das Kurvenbild der Totalbewegung wird ein recht
kompliziertes, das mit der ursprünglichen Sinuskurve kaum noch eine Ähnlichkeit aufweist. Aber wie
sich mathematisch jede Kurve in Sinuskurven zerlegen läßt (F o u r r i e r 1822), so wird auch der
verwickelte Gesamtreiz im Ohr in seine einfachen Komponenten zerlegt. Und darum verschmelzen
zwei gleichzeitig erklingende Töne nicht zu einem Mischton wie zwei Farben zu einer Mischfarbe
verschmelzen, sondern jeder Ton bleibt für sich bestehen. Aus demselben Grunde macht es für das
Hören keinen Unterschied, ob zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander einsetzen, so sehr sich auch
die entstehende Gesamtkurve infolge einer Phasenverschiebung verändert.
Man hat den der Tonempfindung bzw. dem musikalischen Eindruck zugehörigen Reiz vielfach als
periodische Luftschwingung dem ein Geräusch verursachenden Reiz gegenübergestellt und diesen als
unperiodischen gekennzeichnet. Drückt man aber eine Anzahl benachbarter Klaviertasten gleichzeitig
nieder, so vernimmt man ein Geräusch, obwohl hier aus der Summe periodischer Teilreize wieder ein
periodischer Gesamtreiz entstehen muß. Anderseits hört man beim Ausklingen einer Sirene
zweifellos einen musikalischen Klang, und doch folgen sich hier nicht periodische Schwingungen, da
die Reize sich beständig ändern. Man wird also den musikalischen Reiz als den einfacheren
gegenüber dem sehr komplizierten Geräuschreiz zu betrachten haben, ohne vorerst eine scharfe
Grenzlinie ziehen zu können.

Bevor wir nun die Theorie der Gehörempfindungen darstellen können,
müssen wir noch zwei Tatsachengruppen besprechen, die über die

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Einzelempfindung hinausführen, die Schwebungen und die
K o m b i n a t i o n s t ö n e . Erklingen zwei benachbarte Töne gleichzeitig, so
bemerkt man rhythmische Intensitätsschwankungen: bei sehr nahe
zusammenliegenden Tönen ein allmähliches Ab- und Zunehmen der
Intensität, bei entfernteren vernimmt man abgegrenzte Stöße oder endlich
ein verworrenes Schwirren. Zählt man ab, wieviele Schwebungen auf die
Sekunde entfallen, so stellt sich heraus, daß die Zahl der Schwebungen
gleich der Differenz der Schwingungszahlen der beiden Töne ist. Je näher
also die Töne einander liegen, um so geringer ist die Zahl der
Schwebungen. Schwebungen bei hohen und bei niederen Tönen
unterscheiden sich durch die größere Rauhigkeit in den oberen Regionen.
Merkwürdigerweise ruft auch ein kräftiger Oberton Schwebungen mit dem
Grundton hervor, wodurch also ein neues, die Klangfarbe mitbestimmendes
Element gegeben ist.
Die Erklärung der Schwebungen möchte man zunächst bei den äußeren Reizen suchen. Vereinigt
man zwei wenig voneinander unterschiedene Sinuskurven, so ergibt sich eine neue Kurve, die
periodisch ein Maximum und ein Minimum der Amplitude aufweist. Es wird also wirklich die
Luftwelle durch Interferenz abwechselnd geschwächt und verstärkt. Allein diesem Deutungsversuch
widerspricht die oben mitgeteilte Tatsache, daß das Ohr von der durch Kombination der
Schwingungen entstandenen Form der Kurve unabhängig ist, da es aus dieser die ursprünglichen
Komponenten herausanalysiert. Somit müssen die Schwebungen im Ohr selbst entstehen. Die
Theorie der Gehörempfindungen hat dies verständlich zu machen.
In eigenartiger Weise geht unser Sinnesorgan über die objektiv vorhandenen Reize hinaus und
bleibt doch wiederum in streng gesetzmäßiger Beziehung zu den Reizen bei den sogenannten
K o m b i n a t i o n s t ö n e n . Wird gleichzeitig ein hoher (h) und ein tiefer (t) Ton geboten, so hört
man unter Umständen noch einen dritten Ton von der Schwingungszahl h−t, den D i f f e r e n z t o n .
Außerdem ist ein Ton von der Schwingungszahl h+t vernehmbar, der S u m m a t i o n s t o n .
Sorgfältige Beobachtungen ergaben nun, daß sich zwischen dem Ton t und dem tieferen Differenzton
h−t ein neuer Differenzton bildet von der Schwingungszahl t−(h−t) = 2t−h. Man nennt ihn den
zweiten Differenzton. Wie man sieht, lassen sich nach diesem Prinzip noch eine Reihe anderer
Kombinationstöne rein rechnerisch ableiten. Man will sie zum Teil auch beobachtet haben. Von
größerer Bedeutung sind indes nur die drei genannten Kombinationstöne. Zu ihrer einwandfreien
Feststellung hat namentlich S t u m p f eine exakte Methode ausgearbeitet, auf die wegen ihrer
vorbildlichen Sorgfalt hier wenigstens aufmerksam gemacht sei. (Stumpf, Beobachtungen über
Kombinationstöne ZPs. 55 [1910], S. 1 ff.)
Die Kombinationstöne, von denen hier die Rede ist, lassen sich nicht aus äußeren Reizen
erklären, die sich etwa infolge des Zusammenwirkens zweier Schallquellen bilden. Eine derartige
Entstehung eines neuen objektiven Reizes ist allerdings möglich, z. B. wenn man zwei Stimmgabeln
auf einer gemeinsamen Unterlage befestigt oder wenn im Harmonium zwei Pfeifen von einer
gemeinsamen Windlade aus gespeist werden. Die so entstehenden Kombinationstöne verlangen keine
weitere psychologische oder physiologische Erklärung. Sie sind daran als objektive Töne zu
erkennen, daß sie durch einen Helmholtzschen Resonator verstärkt werden, während der subjektive
Kombinationston gleich laut bleibt. Sind aber die Schallquellen sorgfältig getrennt, so kann sich ein
neuer äußerer Reiz nicht bilden, es sei denn, man setze besonders empfindliche und geeignete

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elastische Körper beiden Reizen aus. So fand man, daß auch bei getrennten Schallquellen
empfindliche Flammen, Telephonplatten und Membranen nach dem Muster des Trommelfelles mit
dem Kombinationston reagieren. Die Vermutung ist darum berechtigt, daß die Kombinationstöne auf
die nämliche Weise im Trommelfell entstehen. Wenn man nun auch nach Wegfall des Trommelfelles
Kombinationstöne gehört hat, so könnten sie in einer andern Membran des Mittelohres, etwa in dem
runden Fenster am Eingang der Schnecke, erzeugt worden sein.

3. Die Theorie der Gehörempfindung

Der äußere Gehörgang wird von dem Trommelfell, einer schräg
verlaufenden, trichterförmig nach innen eingezogenen Membran
abgeschlossen. Wie physikalische Untersuchungen lehren, sind Membranen
dieser Bauart am geeignetsten, die verschiedenartigsten Schwingungen der
umgebenden Medien aufzunehmen, ohne zu sehr in Eigenschwingungen zu
geraten, wodurch sie zur getreuen Vermittlung der fremden Schwingungen
untauglich würden. Innen liegt dem Trommelfell der Hammer an, der
einerseits dessen Eigenschwingungen zu dämpfen, anderseits die dem
Trommelfell von außen erteilten Schwingungen vermittels der beiden
andern Gehörknöchelchen, des Amboß und des Steigbügels, auf die
Membran des zum Vorhof führenden ovalen Fensters zu übertragen hat
(Fig. 3). Das innere Ohr ist mit einer Flüssigkeit erfüllt. Somit erzeugen die
Schwingungen am ovalen Fenster Flüssigkeitswellen, die sich durch das
ganze innere Ohr und namentlich durch die Schnecke fortpflanzen. Dort
teilen sie sich der mit Endolymphe angefüllten häutigen Schnecke mit und
erregen deren Grundmembran, auf welcher der Hörnerv endigt. Die
Grundmembran enthält etwa 20000 straff gespannte, zur Schneckenspindel
radiär verlaufende Fasern, deren Länge nach der Schneckenspitze hin
zunimmt.

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Fig. 3. Schema des Gehörorgans (nach Nagel). 1. der Hörnerv. 3. Utriculus. 4.
ein Bogengang. 5. Sacculus. 10. das knöcherne Labyrinth. 11. das Felsenbein.
12. das ovale, 13. das runde Fenster. 15, 16. der äussere Gehörgang. 17. das
Trommelfell. 18–20. Hammer, Amboß, Steigbügel. 21–23. Paukenhöhle und
Eustachische Röhre.
Aus Nagel, Handbuch der Physiologie des Menschen III, 2 S. 542.
Braunschweig, Vieweg & Sohn.

Nach der H e l m h o l t z s c h e n T h e o r i e soll nun jede dieser Fasern wie die
Saiten eines Klaviers auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein: die am
Ausgang der Schnecke liegenden kürzeren auf die höheren, die an der
Spitze liegenden längeren Fasern auf die tieferen Töne. Bei einer
rhythmischen Erregung der Endolymphe würden dann nur jene Fasern in
Schwingung geraten, die auf diese Wellenbewegung abgestimmt sind,
ähnlich wie beim Hineinsingen in ein Klavier nur die den gesungenen
Tönen entsprechenden Saiten mitschwingen. Die Schwingung der Hautfaser
reizt den auf ihr endigenden Hörnerven, wodurch schließlich im Gehirn ein
der Gehörempfindung entsprechender psychophysischer Prozeß
hervorgerufen wird. Diese Ansicht wird durch Tierexperimente bestätigt:

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Zerstörung der Schneckenspitze verursachte Taubheit für tiefe, Zerstörung
der Schneckenbasis Unempfänglichkeit für hohe Töne. Den Haupteinwand
gegen die Theorie, so winzige Fäserchen könnten nicht auf die tiefen Töne
abgestimmt sein, hat Helmholtz durch mathematische Untersuchungen
zurückgewiesen.
Die Resonanztheorie macht nun zunächst die To n l ü c k e n und
To n i n s e l n , d. h. den krankhaften Ausfall gewisser Partien der Tonreihe,
leicht verständlich. Es versagen da die entsprechenden Teile der
Grundmembran. Ferner erklärt die Theorie ganz einfach die Tatsache der
Klanganalyse: mag die Gesamtwelle wie immer gestaltet sein, sie kann nur
jene Teile des Resonators in Schwingung versetzen, die auch durch ihre
Komponenten erregt würden. Helmholtz nahm nun an, jeder Faser der
Grundmembran entspreche eine bestimmte Nervenfaser, die stets mit
demselben Ton antworte. Anderseits glaubte er, bei jeder Erregung würde
nicht nur eine isolierte Faser in Schwingung versetzt, sondern auch die ihr
zunächst anliegenden. Diese Annahmen vertragen sich nicht mit der
Tatsache, daß wir einfache Töne zu hören imstande sind (S t u m p f ). Man läßt
darum heute die gleiche Nervenfaser innerhalb enger Grenzen mit einer
veränderlichen Erregung reagieren. So versteht man auch die
Schwebungen. Beim Erklingen zweier benachbarter Töne werden nicht nur
zwei vereinzelte Fasern erregt, sondern auch die Nachbargebiete dieser
beiden Fasern. Greifen diese nun übereinander, so müssen die mittleren
Fasern, die beiden Antrieben unterliegen, der Interferenz zufolge bald ein
Maximum, bald ein Minimum der Erregung aufweisen. Die Dauergeräusche
sodann würden durch eine gleichzeitige Erregung größerer Strecken der
Grundmembran verständlich, wobei ein Tongewirre entstehen müßte,
verbunden mit mannigfaltigen Interferenzerscheinungen, die den Charakter
des Unruhigen und Rauhen bedingten. Die Momentangeräusche hingegen
würden durch Reize erzeugt, die kürzer sind als eine Schwingung und
darum keinen Ton hervorrufen.
Die Helmholtzsche Theorie hat sich trotz mancher inneren Schwierigkeiten bis heute zu
behaupten vermocht. Als einzige beachtenswerte Rivalin steht ihr heute die geistvolle T h e o r i e
v o n E w a l d gegenüber. Ewald läßt durch jeden Reiz die ganze Grundmembran in Schwingung
geraten, und zwar so, daß sie in eine Reihe stehender Wellen zerlegt wird. Die verschiedenen Reize
erregen sie aber in verschiedener Weise. Somit gehört zu jedem Klang ein ganz charakteristisches
Wellenbild. Können sich keine stehenden Wellen bilden, so vernehmen wir ein Geräusch. Ewald
konnte zeigen, daß eine von Wasser umgebene Membran nach Art der Grundmembran tatsächlich
solche Wellenbilder gibt. Gleichwohl wird diese Theorie von der Helmholtzschen durch die Zahl der

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erklärbaren Probleme übertroffen. Zuletzt sei noch erwähnt, daß manche Forscher zu der Annahme
eines besonderen Organs für die Wahrnehmung der Geräusche neigen.

Literatur
C. S t u m p f , Tonpsychologie 1883 u. 1890.

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3. Kap. Die niederen Empfindungen

A. D i e G e s c h m a c k s e m p f i n d u n g e n

1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen

Es bereitet keine Schwierigkeit, die Inhalte der Geschmacksempfindung
von denen der höheren Sinne, des Gesichtes und des Gehörs, zu sondern.
Durch das, was man gemeinhin Geschmack nennt, wird unser Bewußtsein
in ganz eigenartiger Weise bereichert. Die Verlegenheit beginnt erst, wenn
wir uns bemühen, aus den im Alltagsleben als Geschmäcke benannten
Eindrücken die eigentlichen Geschmacksempfindungen herauszulösen. Die
Spielarten des Geschmackes der Speisen und Getränke scheinen unbegrenzt
zu sein. Schaltet man jedoch den Geruchsinn beim Schmecken aus, so
schrumpft ihre Zahl schon beträchtlich zusammen. Bei zugehaltener Nase
läßt sich ein Stück Zwiebel von einem Stück Apfel nicht unterscheiden, und
auch die Blume des Weines verschwindet. Weiter läßt sich leicht erkennen,
daß Wärme und Kälte den einzelnen Geschmackseindruck mitbestimmen,
ohne selbst Geschmack zu sein. Auch das Beißende, Prickelnde, Stechende
mancher Geschmackserlebnisse verrät sich leicht als Bestand anderer
Empfindungen, da wir solche Eindrücke für sich allein, etwa auf unserer
Hand, erfahren können, wo wir niemals versucht sind, sie als Geschmäcke
zu beurteilen. Nach all diesen Ausscheidungen bleiben heute als allgemein
anerkannt n u n v i e r Q u a l i t ä t e n des Geschmackes übrig: s ü ß , s a u e r ,
salzig, bitter.
Daß hier noch ungelöste Probleme liegen, kann man sich durch die Frage zum Bewußtsein
bringen: Wodurch unterscheidet sich rein inhaltlich die Geschmacksempfindung von den Geruchs-
und den verschiedenen Arten der noch zu besprechenden Hautempfindungen? Dabei müssen wir den
Gedanken an die aufnehmenden Organe, an die verursachenden Reize und an die körperlichen
Begleit- oder Folgeerscheinungen (man denke an die Würgbewegungen bei „ekelhaften“
Geschmäcken) gänzlich beiseite lassen. Allerdings kann die Antwort auf obige Frage nur lauten: Sie
unterscheiden sich durch sich selbst. Es erhebt sich aber die weitere Frage: Ist dieser inhaltliche
Unterschied so groß, daß wir uns nicht einen Übergang zwischen den Qualitäten vorstellen können?
So versteht man auch, wie bis auf die Gegenwart über den Empfindungscharakter von metallisch und
alkalisch Zweifel herrschen konnte. Letztere betrachtet man heute nicht mehr als einfache
Geschmacksempfindungen.

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Die vier Geschmacksqualitäten haben keine Unterarten und stehen
unverbunden einander gegenüber. Graphisch wären sie vielleicht durch vier
isolierte Punkte darzustellen, von denen jedoch die Repräsentanten von
sauer, salzig und bitter näher beieinander liegen.[2] D i e M i s c h u n g d e r
G e s c h m ä c k e vergleicht man mit den Mischungen der Töne: Die beiden
Komponenten bestehen nebeneinander fort. Nur die Mischung von süß und
salzig soll den Mischgeschmack „fade“ ergeben. Es findet sich auch eine
der U m s t i m m u n g der Netzhaut vergleichbare Erscheinung: nach
Einwirkung von schwacher Natronlauge schmeckt destilliertes Wasser süß.

2. Reize und Organe des Geschmacksinnes

G e s c h m a c k s r e i z e sind gelöste Stoffe, Dämpfe und Gase. Jedoch ist es
noch ganz unklar, in welchem Zusammenhang die chemische
Beschaffenheit eines Stoffes mit seinem Geschmack steht. Vielleicht wird
die spätere Forschung verhältnismäßig einfache Beziehungen finden, auf
die sich alsdann eine Theorie der Geschmacksempfindung aufbauen läßt.
Als sogenannten inadäquaten Reiz bezeichnete man oft den elektrischen
Strom, da er an der Anode den Eindruck sauer, an der Kathode den
Eindruck bitter oder alkalisch hervorruft. Es scheint indes der elektrische
Strom nur mittelbar, durch die elektrolytische Zersetzung des Speichels
zum Geschmacksreiz zu werden.
Die O r g a n e d e s G e s c h m a c k s i n n e s befinden sich beim Erwachsenen
auf der Zunge, dem weichen Gaumen, der Rückseite des Gaumensegels und
im Schlund. Beim Kinde scheinen noch andere Partien des inneren Mundes
für die Aufnahme von Geschmacksreizen befähigt zu sein. Man
unterscheidet drei Arten der sogenannten Geschmacksknospen: hinten auf
der Zunge die größten und seltenen papillae circumvallatae, die besonders
für bitter empfänglich sind; an den seitlichen Rändern die papillae foliatae
und vorne die papillae fungiformes, die für süß empfindlich sind. Sauer und
salzig soll man besonders an den Rändern und an der Spitze der Zunge
empfinden. Zwischen den Geschmacksbechern liegen unempfindliche
Stellen. Nach neueren Untersuchungen soll bei Reizung der Nachbarstellen
eine ähnliche Ausfüllung der unempfindlichen Partien stattfinden wie auf

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dem blinden Fleck auf der Netzhaut. (P o n z o . Vgl. Zentralbl. für Psych. II,
Nr. 20.)

Literatur
W. N a g e l , Der Geschmackssinn, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.

B. D i e G e r u c h s e m p f i n d u n g e n

Die Geruchsempfindungen mischen sich leicht mit den Meldungen der
niederen, d. h. vorwiegend den vegetativen Funktionen dienenden Sinne. So
kennt der Sprachgebrauch s t e c h e n d e G e r ü c h e , die in Wahrheit e i n e
Ve r b i n d u n g v o n G e r u c h - u n d Ta s t e m p f i n d u n g e n sind. Pathologische
Erfahrungen (Anosmie) lehren beide auseinanderhalten, da der Geruch
ausfallen kann, während die stechende oder brennende Empfindung
bestehen bleibt. Ebenso redet man von s ü ß l i c h e m und s ä u e r l i c h e m
G e r u c h . Durch künstliche Eingriffe wie durch das experimentum naturae
wissen wir jetzt, daß diese Mischempfindungen durch die namentlich auf
der hinteren Seite des Gaumensegels ausgelösten
G e s c h m a c k s e m p f i n d u n g e n zustande kommen. Schließt man also die
begleitenden Druck-, Stich-, Temperatur- und Geschmacksempfindungen
aus, so steht man den reinen Geruchsempfindungen gegenüber, die auch
nach dieser Loslösung noch eine unübersehbare Mannigfaltigkeit darstellen.
Es wurden die verschiedensten Versuche unternommen, in die an immer
neuen Eindrücken reiche Welt der Gerüche eine beherrschende O r d n u n g
und E i n t e i l u n g zu bringen. Bis heute hat noch keiner dieser Versuche
allgemeine Anerkennung gefunden. Am bekanntesten ist die etwas einseitig
nach der Botanik orientierte Einteilung L i n n é s (1759), die neuerdings
Z w a a r d e m a k e r unter Hinzufügung von zwei weiteren Klassen wieder
aufgegriffen hat. Zwaardemaker teilt alle Gerüche in Nahrungs- und
Zersetzungsgerüche ein. Zu ersteren gehören vier Klassen: 1. Ätherische
Gerüche (Fruchtäther, Wachs, Äther); 2. Aromatische Gerüche (Kampfer,
Gewürze); 3. Blumengerüche (Reseda, Vanille); 4. Moschusgerüche
(Moschus, Ambra). Fünf weitere Klassen bilden die Zersetzungsgerüche: 1.
Lauchgerüche (Knoblauch, asa foetida); 2. Brenzliche Gerüche (Tabak,
Teer); 3. Bockgerüche (Käse, Schweiß); 4. Widerliche Gerüche (Wanzen);
5. Ekelhafte Gerüche (Aas, Faeces). — Die neueste Untersuchung

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(H e n n i n g ) gelangt zu sechs Grundklassen der Gerüche und ordnet sie
einem regelmäßigen trigonalen Prisma ein: würzig, harzig, brenzlich sind
die drei Ecken seiner Grundfläche; blumig, fruchtig, faulig die
entsprechenden der oberen Schnittfläche. Auf die Kanten und Flächen
dieses Geruchskörpers kommen Gerüche zu liegen, die in sich einfache
Empfindungen sind, jedoch Ähnlichkeit zu den verschiedenen
Nachbarpunkten zeigen. Von diesen unzerlegbaren Übergangsgerüchen sind
die analysierbaren Mischgerüche zu unterscheiden, die in dem
Geruchsprisma keine Stelle finden. Eine bestätigende Nachprüfung der
Henningschen Gruppierung bleibt abzuwarten.
Bei länger anhaltendem Geruchsreiz nimmt die Intensität der
Empfindung ab, und die Empfänglichkeit für andere Gerüche wird
gleichfalls herabgesetzt, doch ist die Erklärung dieser Tatsache keine
einheitliche, sondern teils in der Ermüdung des Endapparates, teils in der
Abstumpfung der Aufmerksamkeit zu suchen. Doch steigt die Ermüdung
nicht bis zur völligen Unempfindlichkeit für stärkere Gerüche, falls man
absieht von einer toxischen Lähmung der Riechschleimhaut, wie sie etwa
durch Chloroform herbeigeführt wird. Bei gleichzeitigem Einwirken
mehrerer Geruchsreize beobachtet man teils eine M i s c h u n g der
Komponenten von verschieden hohem Verschmelzungsgrad, teils einen
W e t t s t r e i t der Teilgerüche, teils eine wechselseitige A u f h e b u n g . Erfolgt
letztere wegen der physikalischen Paralysierung der Reize, so bietet sie kein
besonderes psychologisches Interesse. Es soll aber auch eine physiologische
bzw. psychologische Kompensation der Geruchsempfindungen
vorkommen, was indes von Henning entschieden verneint wird.
Als R e i z e kommen für den Geruchsinn die materiellen Teilchen in
Betracht, welche die riechende Substanz aussendet. Ob sie jedoch
notwendig in gasförmigem Zustand die Nervenendigung erreichen müssen,
der ob diese auch durch Flüssigkeiten unmittelbar erregt werden kann, ist
heute noch umstritten. Auch die Beziehungen zwischen der chemischen
Konstitution der Riechstoffe und den Gerüchen bildet noch ein offenes Feld
der Forschung. Obwohl Vertreter derselben chemischen Familie
verschieden, und solche verschiedener Familien ähnlich riechen können,
scheint doch die Ähnlichkeit des inneren Aufbaues auch eine Ähnlichkeit
des Geruches zu bedingen.

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Das O r g a n des Geruchsinnes ist die braungelbe Riechschleimhaut in
der obersten der drei Nasenmuscheln. Ihre Gesamtgröße beträgt nur etwa 5
qcm. Von hier aus führen die Riechnerven direkt durch die Öffnungen des
Siebbeins in die Schädelkapsel zu den lobi olfactorii, den Riechkolben. In
der Riechschleimhaut münden aber auch Trigeminusfasern, die Vermittler
der mit den Gerüchen verbundenen Tastempfindungen. — Zu einer Theorie
der Geruchsempfindungen sind kaum erste Ansätze vorhanden. Manche
Forscher nehmen an, daß ähnlich wie beim Farbensinn so auch hier
entweder verschiedene Fasern oder doch verschiedene Riechsinnsubstanzen
für die verschiedenen Klassen von Geruchsempfindungen vorhanden seien.
Anders und einfacher denkt sich Henning den Vorgang der
Geruchsauslösung. Der eigentliche Geruchsreiz besteht in der Aufspaltung
des Riechstoffmoleküls an der Oberfläche der Riechzelle. Nun entspricht
den sechs Grundgerüchen je eine besondere Art der molekularen Bindung
der Riechstoffe. Somit ergeben sich auch sechs verschiedene Arten der
Spaltungen oder sechs verschiedene Arten der Reizung ein und derselben
Nervenfaser.

Literatur
H. H e n n i n g , Der Geruch. 1916.

C. D i e Te m p e r a t u r e m p f i n d u n g e n

Kälte- und Wärmeeindrücke sind uns im allgemeinen ihrem Wesen nach
geläufig. Sie heben sich im Bewußtsein leicht von andern Empfindungen
wie Geruch, Geschmack, Druck, Schmerz ab. Ob wir nun Kälte und Wärme
als zwei gesonderte Empfindungsarten oder als Qualitäten einer
Empfindungsklasse ansehen sollen, ist für die rein psychologische
Betrachtung, die weder auf den verursachenden Reiz, noch auf dessen
einheitliche Messung durch das Thermometer, noch auf die empfänglichen
Organe oder die biologische Bedeutung dieser Eindrücke achten darf, nicht
leicht zu entscheiden. Sicher stehen beide Empfindungen einander näher als
alle anderen Modalitäten der Empfindung. Die Psychologie der
Alltagssprache hebt die Intensitätsstufen von warm und kalt hervor (lau,
warm, heiß, kühl, kalt, eisig) und weiß namentlich von den Extremen auch
Abarten anzugeben, wie „sengend heiß“, „schneidend kalt“. Man erkennt

Page 74

indes sehr leicht, daß solche Unterarten nur durch die Vereinigung von
Temperatur- und anderen Eindrücken zustande kommen. Somit gibt es b e i
w a r m u n d k a l t n u r d i e e i n d i m e n s i o n a l e I n t e n s i t ä t s s t e i g e r u n g . Ein
genaueres Studium der Temperaturempfindungen ist jedoch nur durch
gesonderte Reizung einzelner kleiner Hautstellen möglich. Dabei ergibt
sich, daß die Kälteempfindung nicht mit kühl, sondern mit kalt schlechthin
beginnt. Wird eine größere Fläche dem Kältereiz ausgesetzt, so hat man den
Eindruck „naß“, den man auch erfährt, wenn man die Stirne längere Zeit
von einem kalten Gegenstand berühren läßt und diesen alsdann entfernt.
Sonach scheint der Eindruck „naß“ Kälte ohne Berührung zu besagen, ein
Erlebnis, das wir in der Regel nur infolge Einwirkung einer Flüssigkeit
haben. Die Vorstellung „naß“ koppelt also für unser Bewußtsein die reine
Kälteempfindung mit der Vorstellung des sie bedingenden Reizes
zusammen. Sehr intensive Kältereize bewirken eine Mischempfindung von
Kälte und Schmerz. Die Steigerung der Wärmeempfindung endigt mit dem
Eindruck der H i t z e . Diese kann man jedoch nicht als eine Verbindung von
Wärme- und Schmerzempfindung auffassen; denn bei einer Temperatur von
36° redet man zwar von Hitze, nicht aber von Schmerz. Wie namentlich die
Untersuchungen von A l r u t z lehren, ist die H i t z e e m p f i n d u n g e i n e
Ve r s c h m e l z u n g d e r K a l t - u n d W a r m e m p f i n d u n g . Zum genaueren
Verständnis müssen wir die O r g a n e der Temperaturempfindungen
berücksichtigen.
Betastet man mit einem Bleistift der Reihe nach verschiedene
Hautstellen, so beobachtet man an gewissen Punkten ein augenblickliches
Aufblitzen der Kälteempfindung. Man ist auf einen „K ä l t e p u n k t “ gestoßen.
Untersucht man auf die gleiche Weise mit einem gleichmäßig warm
gehaltenen Metallstift, so entdeckt man andere Punkte, wo die Wärme
besonders verspürt wird; wenn auch die Wärmeempfindung nicht so jäh
ansteigt wie die Kälteempfindung. Es gibt somit besondere Nerven zur
Vermittlung der beiden Temperaturempfindungen. Ihre Aufnahmeorgane
liegen voneinander getrennt, und zwar kommen auf einen
Quadratzentimeter der Haut durchschnittlich 12–13 Kälte- und nur 1–2
Wärmepunkte. Die Kältepunkte liegen der Hautoberfläche näher als die
Wärmepunkte, was ebenso wie ihre größere Zahl der Erhaltung des
Organismus dient, dem die Kälte nachteiliger werden kann als die Wärme.
Läßt man nun auf einen Kältepunkt einen Wärmereiz von 35° einwirken, so
empfindet man nicht Wärme, sondern Kälte, die „paradoxe

Page 75

Kälteempfindung“. Eine paradoxe Wärmeempfindung zu erzeugen,
erscheint zwar als grundsätzlich möglich, läßt sich aber wegen der tiefen
Lage der Wärmepunkte nicht gut verwirklichen. Aus diesen Tatsachen
erklärt sich dann leicht, wie bei Einwirkung eines ausgedehnten
Wärmereizes höherer Temperatur die Hitzeempfindung als eine
Verschmelzung der beiden andern auftreten kann.
Als die n o r m a l e n R e i z e des Temperatursinnes bezeichnet man die
objektiven Temperaturunterschiede. In der Gegend von 28–29° liegt eine
Indifferenzzone, bei der weder kalt noch warm empfunden wird. Sie
schwankt übrigens je nach der Ausbildung der Endorgane an der einzelnen
Körperstelle und der augenblicklichen A d a p t a t i o n an eine Temperatur. Der
Indifferenzpunkt der Haut steigt nämlich oder sinkt, wenn auf dieselbe
Stelle längere Zeit eine höhere oder niedere Temperatur eingewirkt hat. Hält
man darum die eine Hand etwa eine Minute lang in kühles, die andere
gleichzeitig in warmes Wasser und taucht alsdann beide in Wasser mittlerer
Temperatur, so empfindet man an der ersten Wärme, an der andern Kälte.
— Die T h e o r i e der Temperaturempfindungen ist noch wenig geklärt. Die
Ansichten von W e b e r und H e r i n g kombinierend könnte man etwa sagen:
der Wärmeapparat reagiert nur auf Reize über, der Kälteapparat nur auf
Reize unter dem Indifferenzpunkt. Zunächst wird nur das Steigen und
Sinken der Temperatur gemeldet (Weber). Aber auch die absolute
(stationäre) Temperatur wird wahrgenommen (Hering), bis sich der
Indifferenzpunkt der Haut dem einwirkenden Reiz angeglichen hat.
Allerdings bleibt auch so noch ungeklärt, daß wir stundenlang Kälte oder
Hitze in einem Körperglied empfinden können. Die weitere Annahme
Herings, daß die Kälteempfindung auf assimilative, die Wärmeempfindung
auf dissimilative Vorgänge zurückführbar seien, ist nach der Entdeckung
der getrennten Sinnesorgane für beide Empfindungen nicht mehr haltbar.

Literatur
T. T h u n b e r g , Physiologie der Druck-, Temperatur- und Schmerzempfindungen, in Nagels
Handbuch der Physiologie III, 1905.

D. D i e D r u c k e m p f i n d u n g

Page 76

Die Druckempfindung scheint von einer einzigen Q u a l i t ä t zu sein. In
ihrem schwächsten Grade nennen wir sie Berührung. Auf einem einzelnen
Punkt der Körperhaut hervorgerufen, scheint sie doch immer eine gewisse
flächenhafte Ausdehnung zu besitzen und hat bei zunehmender Intensität
etwas Körniges an sich, als werde ein Sandkorn in die Haut gedrückt. Reine
Druckempfindungen sind selten zu beobachten. Spitz-stumpf, rauh-glatt,
hart-weich sind zusammengesetzte Eindrücke, die überdies von uns den
Gegenständen selbst beigelegt werden. Sehr umstritten ist die Frage,
welcher Empfindungsklasse der K i t z e l und das J u c k e n angehören. Die
meisten Forscher neigen dahin, ersteren zu den Druck-, letzteres zu den
Schmerzempfindungen zu rechnen.
Geringere Druckempfindungen dauern nicht lange an, auch wenn der
äußere Reiz fortwirkt. So gewöhnen wir uns rasch an den Druck der
Kleider, der Brille u. ä. Stärkere Empfindungen werden jedoch längere Zeit
erlebt. Merkwürdigerweise können diese den äußeren Reiz überdauern.
Als a d ä q u a t e r R e i z gilt der mechanische Druck oder richtiger das
durch Deformation der Haut bewirkte D r u c k g e f ä l l e . Je stärker dieses ist, je
rascher der Druckreiz einwirkt und je größer die von ihm betroffene Stelle
ist, um so stärker ist die Druckempfindung. Wird jedoch die dem Druckreiz
ausgesetzte Fläche zu groß, so tritt die Empfindung nicht auf, weil keine
Deformation der Haut entsteht. Darum empfinden wir im Bad den
Wasserdruck nicht, es sei denn an der Stelle der Haut, wo diese gleichzeitig
mit der Luft in Berührung tritt. Auf die Deformation der Haut infolge der
anhaltenden Verschiebung der Gewebeflüssigkeit ist wohl auch das
Druckbild zurückzuführen, wie man es z. B. nach Abnahme des
festeingepreßten Hutes noch eine Zeitlang haben kann.
Als O r g a n e d e s D r u c k s i n n e s lassen sich zurzeit die jeden Haarbalg
wie ein Korbgeflecht umgebenden Nerven und an den unbehaarten Stellen
die M e i ß n e r s c h e n Ta s t k ö r p e r c h e n nennen. Letztere findet man, wenn
man mit abgestumpften Pferdehaaren die Hautfläche abtastet.

Literatur
M. v. F r e y , Neuere Untersuchungen über die Sinnesleistungen der menschlichen Haut. FPs. II S.
201 ff. 1914.

Page 77

E. D i e S c h m e r z e m p f i n d u n g

Zur Aufstellung eigener Schmerzempfindungen reicht die einfache
Selbstbeobachtung nicht hin. Sie führte im Gegenteil zu der Annahme, der
Schmerz sei keine Empfindung, sondern ein Unlustgefühl, das sich bei den
höhere Intensitätsstufen aller Empfindungen einstelle. Die Pathologie
machte uns nun mit Fällen von Analgesie ohne Anästhesie bekannt, wo der
Druckreiz zwar verspürt wurde, aber auch bei großer Stärke nicht
schmerzte. Anderseits entdeckte die Physiologie eigene Schmerzorgane, die
mit den Druck-, Kälte- und Wärmepunkten nicht identisch sind. Betastet
man mit einer Nadel oder einem zugespitzten Pferdehaar die mit Seife
gewaschene und feucht gehaltene Haut, so empfindet man leichte Stiche,
die sich qualitativ nicht von schmerzenden Stichen unterscheiden. In
diesem Fall kann also der Schmerz nicht von einer zu heftigen Empfindung
oder einer Zerstörung der Organe herrühren. Anderseits bleibt er aus, wenn
man mit einer Nadel selbst tiefer in Temperaturpunkte einsticht.
Durch die Reizung der Schmerzpunkte ist man also in der Lage, die
Schmerzempfindung zu beobachten. E b b i n g h a u s charakterisiert sie als
Stichempfindung, die langsam anschwillt und langsam abklingt. Als
eigentliche S c h m e r z q u a l i t ä t e n nennt man allgemein den s t e c h e n d e n und
den d u m p f e n Schmerz. Den ersteren erlebt man bei oberflächlichen Reizen,
von dem letzteren kann man sich ein Bild machen, wenn man eine in die
Höhe gezogene Hautfalte zusammenkneift. B e c h e r will am sensiblen
Dentin eine von den genannten deutlich verschiedene Schmerzqualität
beobachtet haben. Die sonst oft erwähnten Arten des Schmerzes: der
stechende, brennende, schneidende Schmerz sind Verbindungen
verschiedenartiger Empfindungen. Der Schmerzempfindung ist es
eigentümlich, daß sie schon bei geringer Heftigkeit unlustvoll ist. Dennoch
ist die Unlust weder stets noch immer eindeutig mit ihr verbunden. Leichte
Stichempfindungen können indifferent oder auch lustbetont sein, während
anderseits die nämliche stärkere Schmerzempfindung bald höhere, bald
niedere Unlust mit sich bringt, je nachdem man das Steigen oder Abnehmen
des Schmerzes erwartet (Becher).
Schmerzerregend können bekanntlich die verschiedensten R e i z e
wirken: mechanische, thermische, elektrische und chemische. Die
s c h m e r z e m p f i n d l i c h e n P u n k t e scheinen alle andern Hautsinnespunkte an

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Zahl zu übertreffen. Ist so für den Schutz des Organismus gesorgt, so
verhindert die größere Latenzzeit, daß wir durch zu häufige
Schmerzempfindungen belästigt werden. Von den Hautsinnen wird nämlich
bei gleichzeitiger Reizung zuerst Druck, dann Kälte, dann Wärme und erst
an letzter Stelle Schmerz empfunden.

Literatur
T. T h u n b e r g , Physiologie der Druck-, Temperatur- und Schmerzempfindungen, in Nagels
Handbuch der Physiologie III, 1905.

F. D i e O r g a n e m p f i n d u n g e n

Bislang war es immer möglich, die besprochenen Empfindungen im
Bewußtsein auffindbar zu machen und bis zu einem gewissen Grade zu
isolieren. Das wird bei den sog. Organempfindungen seine beträchtlichen
Schwierigkeiten haben. Auch schwebte demjenigen, der den Namen
„Organempfindungen“ in die Psychologie einführte, keineswegs der streng
formulierte Empfindungsbegriff vor, wie wir ihn oben aufstellten. Man
versteht vielmehr unter diesem Worte die G e s a m t h e i t d e r s i n n l i c h e n
Eindrücke, die uns über den inneren Zustand des Organismus
unterrichten: Ermüdung und Frische, Hunger, Durst, Sättigung und
Übelkeit, Atemnot und Herzaffektionen, Empfindungen des Genitalsystems
u. ä. m. Wie man sieht, hat man es hier mit einem Komplex von
Empfindungen zu tun, demgegenüber die Psychologie z w e i A u f g a b e n zu
lösen hat: sie muß erstens feststellen, welche Teilempfindungen in die
einzelnen Komplexe eingehen; sie muß zweitens untersuchen, ob bei der
Analyse der genannten Gesamteindrücke neue Arten der Empfindung zu
entdecken sind. Beide Aufgaben sind noch kaum in Angriff genommen. Das
ganze Gebiet wird zurzeit noch fast ausschließlich von der Physiologie
beherrscht. Daß bei den meisten Organempfindungen Druck, Kitzel,
Schmerz und Temperaturempfindungen eine Komponente bilden, ist leicht
zu erkennen. Einen von diesen verschiedenen Sinnesinhalt konnte man
indes bis heute noch nicht mit Sicherheit aufzeigen.
Ebensowenig wie eine eigenartige Empfindung läßt sich ein besonderes
O r g a n d i e s e r E m p f i n d u n g e n nennen. Erwähnenswert ist vorerst nur die
vielumstrittene Frage, ob die inneren Organe überhaupt empfindungsbegabt

Page 79

seien. Manche chirurgische Erfahrungen sprachen dafür, daß z. B. die
Organe des Verdauungssystems völlig unempfindlich seien. Die großen
Schmerzen bei Darmerkrankungen schienen nur von der umgebenden
höchst empfindlichen Bauchwand herzurühren. Es dürften jedoch die
inneren Organe nur gegen eine bestimmte Art von äußeren Reizen
unempfindlich sein, während sie auf die ihnen entsprechenden inneren
Reize im normalen Zustande mit mäßigen Empfindungen, in entzündetem
Zustande mit heftigen Schmerzen reagieren.

Literatur
E. B e c h e r , Über die Sensibilität der inneren Organe, ZPs. 49 (1908), 341 ff.

G. D i e s t a t i s c h e n E m p f i n d u n g e n

War es bei den Organempfindungen wenigstens möglich, auf gewisse
Empfindungskomplexe hinzuweisen, so müssen wir hier, um einen
Anknüpfungspunkt zu gewinnen, Bewußtseinstatsachen heranziehen, die
weit das Gebiet der Empfindungen überschreiten. Wir sind imstande, mit
ziemlich großer Genauigkeit auch bei verschlossenen Augen die L a g e zu
beurteilen, d i e u n s e r G e s a m t k ö r p e r i m R a u m e e i n n i m m t . Dieses Urteil
gründet sich nicht auf die Druckempfindungen allein, die der Körper je
nach der Richtung der Schwerkraft erleidet. Denn einmal kann man die
Druckempfindungen möglichst ausschalten, und zum andern zeigt sich, daß
bei gewissen Erkrankungen trotz der vorhandenen Druckempfindungen
völlige Nichtorientierung herrscht. Zweitens wissen wir auch bei
geschlossenen Augen Bescheid über B e w e g u n g e n , die d e r K ö r p e r a l s
G a n z e s ohne Bewegung seiner Glieder macht, mag sie nun eine
geradlinige oder eine Drehbewegung sein. Allerdings muß die bedeutsame
Einschränkung hinzugefügt werden, daß wir immer nur die
B e s c h l e u n i g u n g der Geschwindigkeit und mit dieser auch die R i c h t u n g
der Bewegung wahrnehmen, während wir bei gleichmäßiger Bewegung
ohne derartige Wahrnehmungen bleiben und bei Verlangsamung leicht der
Täuschung einer scheinbar entgegengesetzten Bewegung verfallen. Wendet
man aber bei gleichförmiger Bewegung den Kopf oder den ganzen Körper,
so erkennt man augenblicklich die tatsächlich vorhandene
Bewegungsrichtung wieder. All diese Wahrnehmungen von der Lage des

Page 80

Körpers können nun gewiß nicht der Inhalt irgendwelcher Empfindung sein,
sondern schließen, wie später darzutun ist, sogar Denkprozesse ein; allein
es muß sich mit der Lage oder der Beschleunigung des Körpers w e n i g s t e n s
e i n e i n d e u t i g e r E m p f i n d u n g s k o m p l e x verbinden, auf den sich unser
Urteil stützt. Es stellt sich nämlich heraus, daß auch die Tiere sinnliche
Anhaltspunkte für die Körperlage besitzen, und anderseits geht der Verlust
des Lagebewußtseins parallel mit dem Verlust gewisser nervöser Organe.
Dieser n e r v ö s e A p p a r a t befindet sich neben der Gehörschnecke. Er
besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, den Bogengängen, die in drei
Ebenen nahezu senkrecht aufeinanderstehen. Diese Kanälchen sind mit
Flüssigkeit gefüllt und erweitern sich an ihren Enden zu den sog. Ampullen,
von deren Innenwand feine Härchen in die Flüssigkeit der Bogengänge
hineinragen. Unmittelbar neben den Bogengängen liegen die beiden
Säckchen, das elliptische und das runde, die gleichfalls mit Endolymphe
gefüllt sind und in denen feine Kalkplättchen, die sog. Otolithen, auf zarten
Härchen ruhen. In diese drei miteinander nicht kommunizierende Räume, in
die Bogengänge und die beiden Säckchen, mündet der nervus vestibularis.
Schneidet man nun diese Organe bei Tieren heraus, so werden diese gegen
ihre Körperlage gleichgültig: die Katze, die zuvor Schaukelbewegungen
nicht vertragen konnte, schläft jetzt ruhig in der Schaukel ein. Beseitigt man
nur einzelne Bogengänge oder reizt man sie künstlich, so erscheinen
Störungen in der Lageauffassung der betreffenden Ebene. In einem sehr
hübschen Tierexperiment wies K r e i d l die Bedeutung der Otolithen nach:
Krebse verlieren manchmal ihre Otolithen und erhalten neue aus dem
Material ihrer Umgebung. Kreidl richtete es nun so ein, daß Eisenteilchen
an Stelle der Otolithen traten. Brachte er dann einen Magneten von einer
Seite her in die Nähe des Tieres, so warf es sich auf die andere Seite,
offenbar weil es den Eindruck hatte, in die Richtung des Magneten zu
fallen. Wurden die Eisenteilchen jedoch nur außen an den Kopf des Tieres
geklebt, so blieb es gleichgültig gegen die Einwirkung des Magneten oder
wurde passiv angezogen. Endlich entbehren Taubstumme ohne Labyrinth
des Drehschwindels, der sich bei Normalen nach mehreren
Drehbewegungen einstellt, wie sie anderseits im Wasser untergetaucht, ihre
Körperlage nicht beurteilen können. All diesen Tatsachen sucht man in
folgender Auffassung gerecht zu werden.

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Beginnt der Kopf eine Bewegung in einer der drei Ebenen der
Bogengänge, so bleibt für den Anfang das Labyrinthwasser ein wenig
zurück und übt so einen Druck bzw. Zug auf die Härchen in den Ampullen
aus. Wird die Bewegung gleichförmig, so muß nach physikalischen
Gesetzen dieser Zug aufhören, um wieder einzusetzen, sobald die
Bewegung merklich langsamer wird oder plötzlich aufhört. Nimmt man nun
an, daß die Verbiegung der Sinneshaare in jeder Ebene eine
charakteristische Empfindung oder einen eigenartigen
Empfindungskomplex bedingen — die Drehung des Kopfes können sie
unmittelbar nicht melden —, so erklären sich leicht die oben aufgezählten
Wahrnehmungen der Körperbewegungen. Eine andere Aufgabe haben die
Otolithen. Sie drücken bei aufrechter Haltung nach unten. Wird der Körper
oder der Kopf für sich schief geneigt, so verbiegen sie die Haare, und diese
Verbiegung bleibt, im Gegensatz zu der Biegung der Haare in den
Ampullen, solange die schiefe Haltung eingenommen wird. Die Otolithen
dürften also die dauernden Lageempfindungen vermitteln.
Es scheint nun ziemlich sicher zu sein, daß die Reizungen des Vestibularnerven mancherlei
Reflexbewegungen auslösen, durch die sich die Sinneswesen gegen Lagestörungen schützen können.
Aber es ist noch umstritten, ob sie auch Empfindungen hervorrufen. Die meisten Forscher
entscheiden sich für letzteres und weisen auf die eigentümlichen Inhalte hin, die man hat, wenn man
sich nach längerer Drehung plötzlich ganz ruhig hält und auf die Eindrücke im Kopfe achtet. Gibt
man nun das Vorhandensein charakteristischer Eindrücke zu, so fragt es sich weiter, ob diese von den
Tastempfindungen verschieden sind oder nur eine besondere Qualität bzw. Verbindung von
Tastempfindungen darstellen. Letzteres hält W u n d t für wahrscheinlich, während N a g e l und
andere in ihnen eine neue Empfindungsart erblicken. Wie immer auch diese Frage zu beantworten ist,
so ist doch festzuhalten, daß die statischen Empfindungen aus sich weder einen räumlichen Charakter
besitzen, noch viel weniger unmittelbar eine Lage, eine Drehung u. ä. zu melden vermögen, da die
Inhalte „Lage“ und „Bewegung“ Relationen einschließen, die nur das Denken erfassen kann.

Literatur
A. K r e i d l , Die Funktion des Vestibularorgans, Ergebnisse der Physiologie V (1906), 572.

H. D i e k i n ä s t h e t i s c h e n E m p f i n d u n g e n

Die Bezeichnung „kinästhetische Empfindungen“ ist ein Sammelname
für jene Sinnesangaben, die uns von der L a g e und der B e w e g u n g d e r
verschiedenen K ö r p e r t e i l e z u e i n a n d e r Kunde geben. Im engeren Sinne
schließt er die Gesichtsempfindungen aus und läßt es dahingestellt, ob
neben den schon bekannten Hautempfindungen eine neue Art von

Page 82

Sinneseindrücken besonderen Anspruch auf diesen Namen erheben kann.
Die Aufstellung einer neuen Empfindungsklasse begegnet hier noch
größeren Schwierigkeiten als bei den statischen Empfindungen. Denn hier
ist es weder möglich auf bestimmte Bewußtseinserscheinungen noch auf ein
bestimmtes Organ hinzuweisen. Wir müssen darum von gewissen
Leistungen der Seele ausgehen und prüfen, ob sich diese mit dem bisher
gefundenen Empfindungsmaterial verständlich machen lassen.
Wir Erwachsene sind imstande, die L a g e d e r verschiedenen
K ö r p e r g l i e d e r zueinander auch ohne die Hilfe des Gesichtssinnes ziemlich
genau zu beurteilen. Daß dies nichts Selbstverständliches ist, offenbaren
uns Krankheitsfälle, wo der Patient bei geschlossenen Augen zwar seinen
Arm bewegen, aber nichts über dessen Haltung aussagen kann und ihn in
den unbequemsten Lagen beläßt, die ein anderer ihm gibt. Wir wissen
sodann von den a k t i v e n und p a s s i v e n B e w e g u n g e n unserer Glieder, und
zwar ist dieses Wissen ein recht genaues. Der an Ataxie Leidende hingegen
scheint gerade die feinere Kenntnis seiner Gliedbewegungen zu entbehren;
denn alle seine Bewegungen sind unvollkommen und schleudernd. Weiter
verspüren wir den W i d e r s t a n d elastischer und fester Gegenstände, ein
Erlebnis, das nicht allein durch die Druckempfindungen der Haut zu
erklären ist, da es auch bei Unempfindlichmachung der Haut bestehen
bleibt. Daß der Hautsinn hier nicht in Frage kommt, zeigt auch die von
G o l d s c h e i d e r beschriebene p a r a d o x e W i d e r s t a n d s e m p f i n d u n g . „Hält
man an einem Faden ein nicht zu leichtes Gewicht und macht damit eine
schnelle Abwärtsbewegung, so hat man im Augenblick des Auftreffens des
Gewichtes auf den Boden die Empfindung eines Widerstandes ... Es ist, als
ob man mit einem Stock aufstieße. Setzt man die Abwärtsbewegung weiter
fort, so hat man die Empfindung, als ob man eine Federkraft zu überwinden
habe.“ (F r ö b e s I, 155.) Endlich schätzen wir die Gewichte der von uns
gehobenen Körper und die von uns zum Ziehen oder Drücken verwendete
Kraft, weshalb man von S c h w e r e - , S p a n n u n g s - u n d K r a f t e m p f i n d u n g e n
redet. Es fragt sich nun, welchen Sinnesdaten sind alle diese Leistungen zu
verdanken?
Zweifellos tragen die H a u t e m p f i n d u n g e n einen Teil zu den genannten Kenntnissen bei.
Dennoch kann man sie nicht an erster Stelle dafür verantwortlich machen, wie es die ältesten
Erklärungen wollten, da bei künstlicher oder krankhafter Ausschaltung der Hautsinne die
kinästhetischen Wahrnehmungen nicht wesentlich beeinträchtigt werden. — Spätere Forscher, wie
B e l l und E. H. W e b e r , sahen in den s e n s o r i s c h e n M u s k e l n e r v e n die Quelle des hier
zu erklärenden Wissens: Entsprechend der verschieden starken Muskelspannung treten verschiedene

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Spannungsempfindungen auf und liefern so einen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Gliedlage.
Dagegen sprachen indes Fälle von Muskeldegeneration, in denen gleichwohl die Lage der Glieder
und der Unterschied von Gewichten angegeben werden konnte. Zudem hängt ja auch die Lage eines
Gliedes nicht eindeutig von der Kontraktion des Muskels ab: bei einer passiven Bewegung werden
die Muskeln überhaupt nicht kontrahiert, und dieselbe Lage eines Gliedes kann bei großer wie bei
geringer Muskelspannung eingehalten werden. — Ein dritter Erklärungsversuch führte die
I n n e r v a t i o n s e m p f i n d u n g e n ein: es soll uns der motorische Impuls bewußt werden, den
wir den Muskeln erteilen. Wird sich ja auch ein Kranker, der sein gelähmtes Bein bewegen will, einer
Kraftanstrengung bewußt, obwohl in dem Muskel selbst keinerlei Kontraktion erfolgt. Allein die
verspürte Kraftanstrengung kann auf andere, gleichzeitig miterregte Muskeln zurückzuführen sein
und verliert somit jede Beweiskraft. Dagegen werden die Innervationsempfindungen
unwahrscheinlich, da Kranke vielfach ihre Glieder richtig gebrauchen, sie also richtig innervieren,
ohne darum über die Lage und Bewegung ein Wissen zu erlangen. Daß wir von dem Impuls, den wir
unseren Bewegungen erteilen, nichts wissen, veranschaulicht eine bekannte Gewichtstäuschung:
Hebt man zwei gleich schwere, aber verschieden große Gewichte, indem man auf sie hinblickt, so
kann man sich von dem Eindruck nicht freimachen, das kleinste Gewicht sei das schwerste. Wir
heben nämlich unwillkürlich das größere Gewicht mit einem größeren Krafteinsatz. Käme uns nun
der erteilte Impuls zu Bewußtsein, so könnten wir ihn bei der Gewichtsvergleichung beachten und
uns so über die Täuschung hinweghelfen.
Nach Erledigung der Innervationsempfindungen erlangte die G o l d s c h e i d e r s c h e
T h e o r i e nahezu allgemeine Anerkennung: Die Gelenke sollen sehr dicht mit den Vater-
Paccinischen Tastkörperchen besetzt sein. Drehen sich nun bei einer Bewegung zwei Gelenkflächen
gegeneinander, so werden die Tastkörperchen stets an einer anderen Stelle gedrückt. Jeder Stellung
des Gliedes entspricht darum eine eigenartige Reizung der Vater-Paccinischen Körperchen. Somit
kann sich diese qualitativ eigenartige Empfindung eindeutig mit dem optischen Bild von der
Bewegung des Gliedes verbinden und so allmählich zu einer ausreichenden Kunde von der
gegenseitigen Stellung der Glieder werden. So erklärt sich auch leicht die Widerstandsempfindung
als ein Gelenkdruck. Zur Deutung der paradoxen Widerstandsempfindung aber ist noch zu beachten,
daß der Zug des Gewichtes eine gleichgroße entgegengerichtete Muskelspannung bedingt. Berührt
nun das herabgelassene Gewicht den Boden, so hört der Zug auf, während jene Muskelspannung
noch andauert, dadurch die Gelenke aneinander preßt und so denselben Eindruck wie ein äußerer
Widerstand hervorruft.
Auch diese Theorie, deren positive Beweise man schon bald angegriffen hat, wurde neuerdings
stark erschüttert, als es gelang, die freigelegten Gelenkflächen Operierter verschiedenen Reizen
auszusetzen. Dabei ergab sich, daß von den Gelenkf l ä c h e n aus überhaupt keine Empfindungen zu
wecken waren. Wenn darum die Gelenk-Organe überhaupt Träger von Bewegungsempfindungen
sind, so müssen diese in den die Gelenke umspannenden Gelenkk a p s e l n ausgelöst werden, die
allerdings reichlich mit Nerven versehen sind. Die eindeutige Zuordnung bestimmter
Empfindungskomplexe dieser Art zu bestimmten Lagen der Glieder wäre vielleicht auch hier
möglich. Indes die bestechende Einfachheit der alten Goldscheiderschen Auffassung ist dahin.

So ist also heute die Frage der kinästhetischen Empfindungen noch
ungeklärt. Die neuesten Untersuchungen S t ö r r i n g s lassen den Beitrag des
Drucksinnes der Haut für feinere Bestimmungen wieder bedeutsamer
erscheinen, während die Forschungen v. F r e y s den K r a f t s i n n aufs neue zu
Ehren bringen. Daß wir wirklich Muskel- oder Sehnenempfindungen haben,
die von dem aufgewandten Kraftmaß Kunde geben, beweist ein schlichter

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Versuch: Hat der steifgehaltene Arm ein aufgesetztes Gewicht zu heben, so
erscheint es schwerer, wenn es weiter von dem Drehgelenk entfernt
aufgelegt wird, als wenn näher. Hier sind die Gelenkempfindungen die
nämlichen, weil der Arm sich in beiden Fällen um gleichviel Grade hebt;
die Druckempfindungen, die das aufgesetzte Gewicht auf der Haut
hervorruft, können ausgeschaltet werden, und die inneren
Spannungsempfindungen, d. h. jene Empfindungen, die der Druck des
kontrahierten Muskels von innen auf die Haut auslöst, sind auch jedesmal
die gleichen. Verschieden ist nur die aufgewandte Kraft. Vorerst lassen sich
somit die kinästhetischen Empfindungen noch nicht ausschließlich oder
vorwiegend e i n e m Organ zuschreiben. Alle genannten Organe, die Haut,
die Gelenke und die Muskeln, sind in gewissem Grade befähigt, Lage- und
Bewegungsempfindungen zu vermitteln.
Über die Qualität dieser Empfindungen, ob sie untereinander gleich und
ob unter ihnen ganz neuartige Phänomene sind, läßt sich heute noch nichts
ausmachen. Aber auch hier ist zu betonen, daß der Inhalt dieser
Empfindungen in sich nichts von einer Lagebestimmung enthalten kann.

Literatur
Ebbinghaus-Bühler, Grundzüge der Psychologie I⁴ § 32. Die Kraft- und
Bewegungsempfindungen.

[2] Anders H. Henning, Der Geruch 1916 S. 491 ff., der ein
Geschmackstetraeder aufstellt.

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4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie

Läßt man einen Wärmereiz auf einen Kältepunkt einwirken, so entsteht,
wie wir sahen, eine paradoxe Kälteempfindung. Drückt man die hinter dem
Trommelfell herziehende Chorda tympani, die unter anderem Fasern des
Geschmacksnerven enthält, so erlebt man eine Geschmacksempfindung.
Das gleiche geschieht, wenn man diesen Nerv elektrisch oder chemisch
reizt. Der Sehnerv antwortet bei elektrischer, chemischer und mechanischer
Reizung mit einer Lichtempfindung. Solche und ähnliche Beobachtungen
führten zur Aufstellung des Satzes von den spezifischen Sinnesenergien
durch Joh. M ü l l e r (1826): D e r g l e i c h e R e i z r u f t i n v e r s c h i e d e n e n
S i n n e n v e r s c h i e d e n e E m p f i n d u n g e n h e r v o r, j e n a c h d e r N a t u r d e s
Sinnes; verschiedene Reize rufen in dem gleichen Sinne die gleiche
Empfindung hervor. Was besagt dieser Satz? Er besagt, daß der
Empfindungsinhalt, das Quale der Empfindung, aus dem empfindenden
Subjekt stammt. Es wird nicht eine Eigenschaft eines äußeren Gegenstandes
gleichsam durch die Sinne nur hindurchgeleitet zur wahrnehmenden Seele,
sondern die Seele antwortet in verschiedener Weise auf die einwirkenden
Gegenstände, je nach der Sinnespforte, bei der sie anklopfen. Ein
psychologisch und erkenntnistheoretisch höchst bedeutsamer Satz.
Man muß sich indes vor einer u n b e r e c h t i g t e n Ve r a l l g e m e i n e r u n g
dieses Satzes hüten. Er besagt nicht, daß unsere Seele oder ihre Sinne völlig
gleichgültig seien gegen die einwirkenden Reize, womit einem extremen
Subjektivismus Tür und Tor geöffnet wäre. Es sind nämlich n u r die einem
jeden Sinne entsprechenden, d i e a d ä q u a t e n R e i z e b e g ü n s t i g t . Vor den
inadäquaten Reizen sind die meisten Organe schon durch äußere
Schutzvorrichtungen für gewöhnlich bewahrt (E t t l i n g e r ). Außerdem
vermögen die inadäquaten Reize nur unabgestufte, unklare Eindrücke
hervorzurufen. Bei den adäquaten Reizen hingegen zeigt sich eine streng
gesetzmäßige Zuordnung von Reiz und Empfindung. Einen Beweis dafür
boten die Qualitäten des Farbensinnes, die ganz eindeutig an bestimmte
Wellenlängen gebunden sind. Andere Belege dafür wird uns die
Psychophysik liefern.
Weitere Probleme, die der Müllersche Satz aufwirft, sind von einer endgültigen Antwort noch
mehr oder weniger entfernt. So vor allem die Frage, was man sich unter der spezifischen Energie

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eines Sinnesnerven zu denken habe. Man wird da nicht an eine geheimnisvolle Kraft denken dürfen,
die in dem Nerven wohnt, sondern eher an einen eigenartigen physiologischen Zustand, der bewirkt,
daß der Nerv, wenn er überhaupt erregt wird, immer nur in eine bestimmte Art der Erregung versetzt
werden kann; wie etwa eine Klaviersaite oder ein Resonanzboden, wenn sie durch irgendwelchen
Druck oder Stoß überhaupt in eine selbständige Bewegung geraten, immer nur eine bestimmte Form
der Erschütterung aufweisen. — Allerdings steht es nicht fest, ob es der periphere Nerv ist, der, wie
wir soeben voraussetzten, in eine spezifische Erregung gerät, oder ob diese nur im Gehirn ausgelöst
wird, während der Nerv als indifferenter Leiter jeden Reiz zu übermitteln imstande ist. Für die
letztere Ansicht werden die Halluzinationen, subjektive Erregungen, die sicher im Gehirn entstehen,
geltend gemacht. Aber mit dem Bestand solcher zentraler Erregungen ist noch nichts für die
Beschaffenheit der peripheren Nerven entschieden. Für die spezifisch verschiedene Erregbarkeit der
Leitungsnerven hingegen bildet ihre mit Sicherheit festzustellende verschiedene Organisation ein
beachtenswertes Argument. — Endlich läßt sich die Frage, ob die spezifische Energie den Sinnen
angeboren oder erst im Laufe des Lebens erworben sei, nicht lösen. Die Erwerbung der spezifischen
Sinnesenergie im Verlauf des Lebens hat die Beobachtung für sich, daß bei Blinden oder Tauben,
denen von Geburt an diese Empfindungen abgehen, eine inadäquate Reizung der Nervenstränge
keine Licht- oder Schallempfindung bewirken. Es scheint somit, als müsse der adäquate Reiz, der
durch das äußere Organ leicht in den Sinnesnerven eintritt, diesen erst in seiner Weise bearbeiten und
disponieren, so daß er später auch auf inadäquate Reize nicht mehr anders als in dieser vorgebildeten
Art ansprechen kann. Wäre dies der Fall, dann käme den äußeren Reizen eine noch größere
Bedeutung zu, als wir ihnen soeben einräumten. Die Reize schüfen sich geradezu die Reaktion.
Sodann wäre die von manchen Entwicklungstheoretikern vertretene Hypothese glaubhafter, daß sich
nämlich die Vielheit der Sinne aus einem einzigen primitiven Sinne durch beständiges Einwirken der
verschiedenen äußeren Reize herausdifferenziert habe. Allein die genannte Beobachtung an Blind-
und Taubgeborenen ist kein durchschlagender Beweis, da ein Gehirnzentrum degenerieren kann,
wenn es nicht geübt wird.

Literatur
R. W e i n m a n n , Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895.
N. B r ü h l , Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller im Lichte der Tatsachen, 1915.

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5. Kap. Die Psychophysik

Zündet man in einem nur von e i n e r elektrischen Lampe dürftig
erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die
Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen
eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit zu
bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu
beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten
Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. W e b e r
(1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten
Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100 einen
solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied im Druck
überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der Stärke 200 ein
Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die Verstärkung des
Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis von Reizzuwachs, bei
dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum Anfangsreiz ist konstant
(¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für G. Th. F e c h n e r den Gedanken
nahe, von hier aus ein brauchbares Maß der Empfindung zu gewinnen. Und
es war ein Lieblingstraum von ihm, von diesen vielversprechenden
Anfängen aus das ganze psychische Leben mit der mathematischen Formel
zu beherrschen. Es sollte in Zukunft nicht mehr von Psychologie, sondern
von P s y c h o p h y s i k die Rede sein. Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht
erfüllt. Dagegen wurde er die gesegnete Quelle der meisten
psychologischen Forschungsmethoden und die Anregung, auch auf andere
Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen zu übertragen. Diese Methoden
verstehen wir jedoch im Folgenden nicht unter Psychophysik.

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik

Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung
bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine
Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht
eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von

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dem Reiz zu erreichende Größe die absolute S c h w e l l e der betreffenden
Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und
innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den
erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß
der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für ein
bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist seine
Empfindlichkeit.
Eine zweite Aufgabe liegt in der Ermittlung der U n t e r s c h i e d s s c h w e l l e .
Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende
Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung erkennbar
werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied der Reize bemerkt
wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen Empfindungsunterschied
herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in dieser Hinsicht verhalten usw.
Drittens sind die ä q u i v a l e n t e n R e i z e zu bestimmen. Die zu beantwortende
Frage lautet hier: Welche Reize lösen die gleiche Empfindung aus?
Erscheint z. B. der Abstand zweier Zirkelspitzen gleich groß, wenn der
Tastzirkel an verschiedenen Stellen aufgesetzt wird? Weiter sind die
ä q u i v a l e n t e n R e i z u n t e r s c h i e d e zu finden: gegeben sind zwei Paare
veränderlicher Reize und man soll erkunden, unter welchen Bedingungen
die von je zwei Reizen gebildeten Empfindungsunterschiede einander
gleich erscheinen. Endlich die Ermittlung gleichwertig erscheinender
R e i z v e r h ä l t n i s s e : zu drei gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b
gefunden werden, so daß A : B = a : b (B ü h l e r ).
Die M e t h o d e n zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach
E b b i n g h a u s ein in die Methoden der R e i z f i n d u n g und der U r t e i l s f i n d u n g ,
d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon bestimmt und es bleibt der
Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B. gesucht ist der Reiz, der eine
ebenmerkliche, übermerkliche, einer andern gleiche Empfindung bewirkt
— oder die Reize sind gegeben und das Urteil über sie wird erfragt, z. B.
gegeben sind drei Gewichte a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der
Schwereunterschied bei den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei
oder nicht. Die allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei
besonderen: d i e M e t h o d e d e r H e r s t e l l u n g u n d d i e G r e n z m e t h o d e . Bei
der ersteren hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen.
Er verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im
Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet der

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Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden Reiz dar,
indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher das festgesetzte
Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt, bei welcher
Spitzendistanz des Tastzirkels z w e i Punkte wahrgenommen werden. (Vgl.
S. 96.) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem Abstand der
Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen werden kann.
Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den Eindruck von
zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet man als die
untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem aufgesetzt,
und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die beträchtlich größer
ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp notwendig den
Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite in
gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder das
Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies
geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische Mittel
aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle schlechthin
angesehen. — Die Methode der Urteilsfindung ist nur in der sog.
K o n s t a n z m e t h o d e vertreten. Der Vl bereitet eine größere Anzahl von
Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt sich etwa zehn
Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald einen kleinen,
bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal beurteilen, ob eine
oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt jeder Abstand
wiederholt vor.
Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den
Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung der
verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch verlangt
sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen
Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden,
somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die
beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen
zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch
einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür aber
sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode ist
naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt die Vp
sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur sicheren
Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine Anzahl
von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und zeitlichen

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Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen
Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie für
die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die
einschlägige Fachliteratur verwiesen.

Literatur
G. Th. F e c h n e r , Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.
G. E. M ü l l e r , Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen Methodik, 1903.

2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz

Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von
Fechner aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen W e b e r s c h e s
G e s e t z versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft.
Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das
Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack
und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und
ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche
Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten,
wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen
Fällen die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der
Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster Linie
auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.
Für das Webersche Gesetz wurde eine d r e i f a c h e E r k l ä r u n g versucht.
Eine psychophysische von F e c h n e r : das Gesetz beruht auf dem Übergang
vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von W u n d t : die
Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen, aber bei der
vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt die Größenverschiebung
ein. Die Fechnersche Theorie muß als unbegründet fallen. Die Wundtsche
erklärt nicht, warum die Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen
Sinnesgebieten verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische
Deutung übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen
höheren Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie
eine stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um

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auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien
aus Physiologie und Chemie.

Fig. 4. Graphische Darstellung des
Fechnerschen Gesetzes.
Nach Titchner, Lehrbuch d. Psychologie
Fig. 27, S. 219, Leipzig, J. A. Barth.

Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung,
daß die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung
vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt, einander
gleich seien, hat Fechner eine „M a ß f o r m e l “ abgeleitet, die in ihrer
einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die Empfindungen
arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize in einer
logarithmischen Kurve an. (F e c h n e r s c h e s G e s e t z . ) (Fig. 4.) Mit dieser
Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die Empfindung zu
messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten Fechnerschen
Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit der
Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der
ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr
naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen dem
Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber doch
intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns wirklich stärker als

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der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit Sicherheit
zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen. Übrigens hat
das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der Psychologie keine
größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem energischen Versuch,
Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein Ziel, das die Psychologie
seither nicht aus dem Auge verloren hat und auch grundsätzlich festhalten
muß, will sie eine wahrhaft empirische Wissenschaft bleiben.
Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe mehr mit Erfolg zu
messen versucht. Die Messung der Willenskraft durch A c h muß als verfehlt gelten. (S. unten.).
Dagegen liefert die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges bzw. der von ihm
vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise
solcher Zahlenwerte kann hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung sei noch
kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht unmittelbar messen lassen, bleibt es doch
zumeist möglich, sie nach ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft sich
gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun Formeln erarbeitet, mit denen der
Grad der Beziehung berechnet werden kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale
zueinander stehen.

Literatur
R. P a u l i , Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.
W. B e t z , Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).

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ZWEITER ABSCHNITT
Empfindungskomplexe

Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des anschaulichen Erkennens auf, so
läßt sich die Frage aufwerfen, wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird sie
eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden bei dem Zusammensein von Empfindungen
neue Gesetzmäßigkeiten auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei der
Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen ausgehen, Empfindungskomplexe
aufsuchen und sie erforschen. Statt dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten
bietet, steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen schon die Beziehungen
zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen
den „stimulus-error“ (T i t c h e n e r ), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz und
psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch durch gleichzeitige Verwendung
mehrerer Reize Empfindungskomplexe hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr
Reize zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe einwirken. In manchen
Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern
erregen, wird wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle gehören nicht
hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch
hier zu berücksichtigen. Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes
noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen Sinnesempfindungen, wie der Gerüche
und Geschmäcke, wurde schon oben gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen
miteinander auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige nicht leicht zu
analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei einer einfachen Addition der Empfindungen zu
bleiben. Doch stehen genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen werden
durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize seelische Gebilde bedingt, die schon
immer die Aufmerksamkeit der Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von
diesen Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig die einfachsten:
fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen soll darum bei der Besprechung der
Empfindungskomplexe begonnen werden.

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1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung

Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so
verschmelzen gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein
neues einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich
wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung, die
Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene Qualität,
Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes sind doch nur
musikalisch weniger begabte Psychologen, wie F e c h n e r , für den
Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für Musiker
und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie H e l m h o l t z und S t u m p f , steht
es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine Mehrheit von
Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen Mischfarbe lassen
sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und zwar nicht nur
infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn ein geübter
Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm unbekannten
Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.
Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit und
Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er sich nicht
aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt. Solange ein
solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als Ganzem
unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen führt
jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern kommt
der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall ist der
Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und reicher. Die
Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich nach dem tiefsten
Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und bleibt dann der
Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob sich die Höhe des
Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber einen
überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei
Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem

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Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen,
sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne, wie
das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt, beweisen,
daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die dem
Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs-
und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später
erschlossen werden kann.

2. Gesetze der Tonverschmelzung

Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d. h. nicht alle nähern sich gleichviel dem
Einklang. Unter Ve r s c h m e l z u n g verstehen wir nämlich mit S t u m p f die A n n ä h e r u n g
a n d e n E i n k l a n g . Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales Ohr nicht
ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört
werden. Die genauere Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt
zunächst von der H ö h e der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit der Verschmelzung scheinen fünf
Stufen zu bestehen: Oktav, Quint, Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die
untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen. Die
Verschmelzungserscheinung ist sodann i n a l l e n To n l a g e n zu beobachten, extrem hohe und
tiefe Lagen vielleicht ausgenommen. Drittens gilt das E r w e i t e r u n g s g e s e t z : ein Intervall läßt
sich um eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen. Die Non hat darum die
gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad
u n a b h ä n g i g v o n d e r S t ä r k e w i e v o n d e r Z a h l d e r Te i l t ö n e . Die
Einheitlichkeit eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder einer von ihnen
stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.
K o n s o n a n z u n d D i s s o n a n z . Unter Konsonanz versteht der Sprachgebrauch sowohl
die innige Verbindung zweier Töne, wie auch die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung
eigen ist. Sieht man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je nach dem
Beurteiler, so kann man die Konsonanz der Verschmelzung in unserem Sinne gleichsetzen. Die
Stufenfolge in der Vollkommenheit der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat,
stimmt nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der Musiktheorie sind
Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen, Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern
Dissonanzen. Ein prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ sich jedoch
experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder
mehrerer Töne gelten. Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache, während
die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.

3. Die Erklärung der Konsonanz

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Eine kurze Besprechung der verschiedenen Erklärungsversuche wird
uns zugleich noch einzelne Faktoren kennen lehren, die den
Gesamteindruck mitbestimmen. Der älteste Erklärungsversuch beachtete
besonders die e i n f a c h e n Ve r h ä l t n i s s e , die zwischen den
Schwingungszahlen konsonanter Töne herrschen; einfache übersichtliche
Verhältnisse seien uns angenehm (L e i b n i z ). Allein die Konsonanz
empfindet auch derjenige, der von den mathematischen Verhältnissen der
Schwingungszahlen keine Ahnung hat. Ebensowenig wie von den
Schwingungszahlen entdecken wir etwas von der R h y t h m i k d e r
h a r m o n i s c h e n T ö n e (L i p p s ). Verständlicher ist die Erklärung, welche die
harmonischen Intervalle unmittelbar ein L u s t - , die unharmonischen
unmittelbar ein U n l u s t g e f ü h l hervorrufen läßt. In der Tat begleitet jene in
der Regel ein unmittelbares Lust-, diese ein unmittelbares Unlustgefühl.
Doch ist dieser Zusammenhang ein unauflöslicher. Im Altertum soll die
Oktav, im Mittelalter die Quint als angenehmstes Intervall gegolten haben,
während heute die Terz bevorzugt wird. Und wie die Lust, so kann auch die
Unlust wandern: Freunde moderner Musik können an dissonanten
Intervallen Gefallen finden. H e l m h o l t z hatte auf die große Bedeutung der
O b e r t ö n e für die Klänge hingewiesen. Ein gewisser Reichtum an
Obertönen scheint in Wirklichkeit den Gesamteindruck der Konsonanz zu
verstärken. Zwischen Obertönen und Grundtönen entstehen ferner, wie
oben gezeigt wurde, Differenztöne, die ihrerseits Schwebungen verursachen
können. Diese verleihen dem Gesamteindruck etwas Rauhes. Darum
erblickte Helmholtz das Wesen der Dissonanz in den Schwebungen, das der
Konsonanz in der Freiheit von solchen. Allein abgesehen von der
Mißlichkeit, daß der positive Eindruck der Annehmlichkeit, wie ihn etwa
die Terz gewährt, durch etwas rein Negatives verständlich gemacht werden
soll, verträgt sich diese bedeutsame Theorie nicht mit den Tatsachen. Denn
Stumpf gelang der Nachweis, daß es schwebungsfreie Dissonanzen und von
Schwebungen begleitete Konsonanzen gibt. Helmholtz versuchte noch eine
zweite Erklärung durch die K l a n g v e r w a n d t s c h a f t . Zwei Töne sind um so
ähnlicher, je mehr gemeinsame Obertöne sie haben. Nun sind gerade die
konsonantesten Töne auch die im genannten Sinne ähnlichsten. Konsonanz
ist darum als Ähnlichkeit der Töne zu verstehen. Indes, auch obertonfreie
Töne verschmelzen. Auf eine andere Art der Klangverwandtschaft machte
W u n d t aufmerksam und suchte sie zur Theorie der Konsonanz zu
verwerten: zwei Töne sind indirekt miteinander verwandt, wenn sie

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Obertöne desselben Grundtones sind. Tatsächlich wird auch bei einem
Zweiklang der Grundton als Differenzton mitempfunden. Auch diese
Theorie weist zwar neue Elemente auf, die bei dem Gesamteindruck
mitspielen, läßt jedoch das Grundphänomen unerklärt. Der gemeinsame
Grundton fügt zu den beiden andern nur einen dritten hinzu, besagt aber
noch nicht eine Konsonanz der Primärtöne. Nach Ablehnung all dieser
scharfsinnigen und für die Erkenntnis der Konsonanzerscheinungen
wertvollen Erklärungsversuche kommt schließlich S t u m p f dazu, in der
Ve r s c h m e l z u n g e i n e l e t z t e p s y c h o l o g i s c h e Ta t s a c h e zu erblicken, die
also psychologisch nicht weiter gedeutet werden kann und höchstens eine
weitere physiologische Erklärung zuläßt. Vermutlich entsprechen den
stärker verschmelzenden Tönen einheitlichere physiologische Vorgänge, die
darum auch einen einheitlicheren psychischen Vorgang bedingen.

Literatur
C. S t u m p f , Tonpsychologie. 2 Bde. 1883/1890.

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2. Kap. Die optischen Raumeindrücke

Eine Mehrheit optischer Reize, die gleichzeitig auf das Auge einwirken,
bedingen durch ihre Vielheit einen ganz anderen Eindruck als eine Mehrheit
akustischer Reize. Mögen noch so viele und vielartige Luftwellen unser Ohr
treffen, es entsteht niemals ein räumlich ausgedehnter Klang; der Klang
gewinnt niemals etwas Flächenhaftes. Das Auge hingegen empfängt den
unmittelbaren Eindruck einer sich in die Breite und Tiefe erstreckenden
Ausdehnung; wenigstens ist dies so bei dem normalen Erwachsenen, von
dem unsere Betrachtung stets ausgeht. Es wird sich empfehlen, zunächst
den optischen Eindruck der Fläche zu studieren.

A. D e r o p t i s c h e E i n d r u c k d e r F l ä c h e

1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus

Als erstes Problem drängt sich die Frage auf: Woher stammt das
Räumliche beim Zusammentritt mehrerer Gesichtsempfindungen, oder
genauer: bei der Reizung benachbarter Netzhautelemente? Bewirkt schon
die Reizung einer einzigen Optikusfaser einen flächenhaften Eindruck? Ein
solcher Versuch müßte wohl an einem Blindgeborenen angestellt werden,
um etwaige Einflüsse der Entwicklung auszuschließen; allein mit unseren
gegenwärtigen Mitteln ist er nicht ausführbar. Wir gehen darum besser von
der uns bekannten Gesichtsempfindung selbst aus, die wir uns zunächst mit
einem Raumwert ausgezeichnet vorstellen. Versuchen wir nun das
Flächenhafte eines Rot auf Null zu reduzieren, so leuchtet ein, daß damit
die Empfindung selbst verschwinden muß. Die Ausdehnung scheint somit
eine der Gesichtsempfindung ursprünglich zukommende Eigenschaft zu
sein.
Damit, daß das Empfindungselement von Haus aus flächenhaft
ausgedehnt ist, ist noch nicht verständlich gemacht, warum die Reizung
mehrerer nebeneinander liegender Netzhautelemente eine Summation der

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Flächeneindrücke ergibt, mit andern Worten, weshalb wir in diesem Falle
eine ausgedehntere Fläche wahrnehmen. Noch viel weniger ist damit
erklärt, wieso die räumliche Ordnung der Gesichtseindrücke der räumlichen
Anordnung der gereizten Netzhautelemente entspricht. Namentlich um
diese beiden letzten Fragen dreht sich auch heute noch der Streit zwischen
Empirismus und Nativismus.
Teils aus metaphysischen Gründen, mit Rücksicht auf die Einfachheit der Seele (H e r b a r t ,
L o t z e ), teils aus dem methodischen Gedanken heraus, mit möglichst wenigen Elementen des
Seelenlebens auszukommen (die englischen Assoziationspsychologen), erkennt der Empirismus der
ursprünglichen Gesichtsempfindung keine Ausdehnung zu. Die Entstehung der räumlichen Ordnung
des Gesichtsbildes suchte Lotze durch die geistvolle T h e o r i e d e r L o k a l z e i c h e n zu
erklären: Wird eine exzentrisch gelegene Netzhautstelle von einem Lichtreiz getroffen, so wendet das
Auge unwillkürlich die Netzhautmitte der Lichtquelle zu. Es führt dabei eine ganz bestimmte
Muskelbewegung aus, die immer nur dann vorhanden ist, wenn nach anfänglicher Reizung jener
bestimmten Stelle die Netzhautmitte dem Lichtreiz ausgesetzt werden soll. Werden andere
exzentrische Stellen getroffen, so erfolgen andere Bewegungen und dementsprechend andere
Muskelkontraktionen. Jede Muskelkontraktion ruft aber in der Seele eine eigenartige
Spannungsempfindung hervor. Somit verbindet sich mit der Reizung einer jeden Netzhautstelle eine
eigenartige Spannungsempfindung: dem System der Netzhautstellen entspricht ein System von
Spannungsempfindungen. Wie die Bücher einer Bibliothek durch ihre Etiketten, so sind die
qualitativen Erregungen der einzelnen Netzhautorte durch ihre Spannungsempfindungen
gekennzeichnet. Und genau so wie eine solche Bibliothek in beliebiger Ordnung verpackt und doch
in der früheren Ordnung in einem andern Raume wieder aufgestellt werden kann, so können auch in
der Nervenleitung die Erregungen einen beliebigen Weg nehmen: die Seele weiß dann doch die
ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen. — W u n d t baute diese Theorie zu der der komplexen
Lokalzeichen aus. Die Farbenqualitäten, die von dem gleichen Reiz auf verschiedenen Orten der
Netzhaut erregt werden, sind nicht gleich; bekanntlich verlieren sich nach der Peripherie zu sogar
einzelne Farbentöne. Für jeden Punkt der Netzhaut gibt es eine charakteristische lokale Färbung. Mit
dieser verbinden sich die gleichfalls charakteristischen Spannungsempfindungen. Und die
Verschmelzung beider ergibt in der Seele ein völlig neues Produkt: die Ausdehnung samt der
Ordnung. Allerdings soll sich dieser Vorgang nicht in der Entwicklung des Individuums, sondern in
der des Stammes vollzogen haben.

Allein die von den Empiristen vorgebrachten Gründe sind nicht
überzeugend, und anderseits stehen ihrer Erklärung die größten
Schwierigkeiten im Wege. Die Einfachheit der Seele kann diese sicher nicht
hindern, ein Ausgedehntes abzubilden. Hingegen ist es unbegreiflich, wie
die Summation unräumlicher Empfindungen jemals die Vorstellung einer
Fläche liefern soll. Auch bleibt unfaßbar, daß die Verschmelzung von Licht-
und Spannungsempfindungen das ganz anders geartete Produkt des
Räumlichen ergibt. Der methodische Vorteil, mit weniger Elementen eine
Erscheinung zu erklären, darf nicht durch die Einführung unbegreiflicher
Annahmen erkauft werden. Weiter, die Lokalzeichentheorie muß eine
Empfindlichkeit für kleinste Augenbewegungen ansetzen, die mit unseren

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sonstigen Erfahrungen nicht übereinstimmt. Überdies ist die Feinheit der
Lokalisation gerade bei d e r Stelle der Netzhaut am größten, die keine
Bewegungen zur Erreichung besserer Sichtbarkeit auszuführen braucht,
nämlich beim gelben Fleck. Aus diesen Gründen neigt darum heute die
Mehrzahl der Psychologen hinsichtlich der Flächenwahrnehmung dem
Nativismus zu: Es ist eine letzte, nicht weiter zu erklärende Tatsache, daß
der Reizung eines Netzhautelementes eine räumliche Lichtempfindung
entspricht. Es ist ferner eine letzte Tatsache, daß die von räumlich
getrennten Netzhautelementen erregten Empfindungen sich nicht über-,
sondern flächenhaft aneinanderlegen, und zwar in der gleichen Reihenfolge
und Richtung, in welcher die von den Lichtwellen getroffenen Nervenzellen
angeordnet sind. Jeder Reizung einer bestimmten Netzhautstelle entspricht
ein bestimmter Ortswert. Eine begünstigende Bedingung, nicht eine
Erklärung dafür, liegt in der Tatsache, daß das Linsensystem des Auges die
einzelnen Lichtstrahlen geordnet auf der Netzhaut verteilt, und daß die
isolierte Nervenleitung die einzelnen Erregungen gesondert zum Gehirn
weiterführt. Ist somit nach nativistischer Auffassung der Ortswert einer
Netzhauterregung von Anfang an mitgegeben, so kann doch die weitere
Entwicklung eine Verfeinerung der Ortsauffassung bewirken. Beides
veranschaulicht sehr hübsch die pathologische Erfahrung bei Loslösung und
Verschiebung der Netzhaut. Weil die Netzhautelemente ihren bestimmten
Ortswert haben, erscheint dem Kranken ein regelmäßig gezeichnetes Gitter
als verzerrt. Nach einiger Zeit soll sich jedoch wieder das normale Bild
einstellen, weil nunmehr die verschobene Netzhautpartie einen andern
Ortswert erlangt hat.
Die soeben dargestellte nativistische Auffassung muß sich heute wohl
einige Abstriche gefallen lassen. Die Annahme, daß die Erregungen des
einzelnen Sehnerven schon einen ausgebreiteten (das Wort „flächenhaft“
legt schon den Begriff des „ebenen“ nahe, der hier verfrüht ist; vgl. S. 87)
Eindruck bedingen, und die Tatsache, daß dank des dioptrischen Apparates
jedes Netzhautelement von einem vorbeiziehenden Objekt in jener
zeitlichen Reihenfolge gereizt wird, die dem objektiven Sachverhalt
entspricht, erklären die fraglichen Erscheinungen. Ohne Rücksicht auf den
weiteren Verlauf der Sehnerven oder deren Einstrahlung ins Sehzentrum
muß sich das Sehding ausgebreitet und richtig orientiert aufbauen[3]. Das
Nebeneinander, die Richtung und die Reihenfolge der „Flächenelemente“
ist keine letzte Tatsache, sondern eine notwendige Folge der beiden

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genannten Faktoren. Darum bedarf es auch keines angeborenen
„Ortswertes“, es genügt ein erworbener.

2. Der blinde Fleck

Die Sehsphäre im Gehirn erleidet mancherlei Unterbrechungen, so schon durch die
unempfindliche Stützsubstanz, die Neuroglia. Auch die Netzhaut enthält verschiedene
unempfindliche Stellen. Trifft das Bild kleinster Punkte auf sie, so verschwinden die Punkte; sie
tauchen gleichsam unter. Dennoch zeigt das anschauliche Gesichtsfeld selbst keinerlei
Unterbrechungen. Daraus ergibt sich das interessante Problem, wie solche Lücken von der Seele
ergänzt werden. Am meisten wurde dieses Problem am blinden Fleck untersucht. Blinder Fleck heißt
die unweit von der Netzhautmitte gelegene Eintrittsstelle des Sehnerven. Zeichnet man etwa 5 cm
voneinander entfernt zwei nahezu in einer Horizontalen liegende Kreuze und fixiert bei
geschlossenem linken Auge das links liegende aus etwa 17 cm Entfernung, so verschwindet das
rechts liegende, um bei geringer Verschiebung des Auges sofort aufzutauchen. Das rechts
angebrachte Kreuz kann auch durch einen Kreis von 1 cm Durchmesser ersetzt werden. Es ist also
eine beträchtliche Ausdehnung, die so zum Verschwinden gebracht wird. Was wir nun an dem
blinden Fleck sehen, möge der Leser durch eigene Versuche finden.

3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche

Eine linear angeordnete Reihe von Lichtreizen erzeugt das seelische Bild einer Lichtlinie. Es
fragt sich nun: wie ist die Zuordnung der einzelnen Netzhautelemente zu den Teilen des gesehenen
Bildes? Läßt man zwei getrennte Lichtreize auf eng benachbarte Netzhautstellen einwirken, so
erscheinen sie als zwei gesonderte Punkte, wenn sie den Gesichtswinkel von etwa 1′ bilden. Man
nimmt an, daß zwischen den beiden gereizten Elementen wenigstens ein anderes liegen und von
einem merklich verschiedenen Reiz getroffen werden muß, falls so nahe beieinanderliegende Punkte
„aufgelöst“ werden sollen. Doch steigt die Feinheit des A u f l ö s u n g s v e r m ö g e n s mit der
Stärke der einwirkenden Reize und mit der Größe des Helligkeitskontrastes zwischen den
leuchtenden Punkten und dem Grund, unter günstigen Bedingungen bis zu einem Auflösungswinkel
von 10″. Für diesen Fall würde allerdings die obige Annahme der Trennung zweier Eindrücke durch
ein dazwischen liegendes Netzhautelement nicht mehr ausreichen[4]. Die S e h s c h ä r f e wird noch
größer, wenn es sich darum handelt, die verschiedene Lage zweier Geraden zu erkennen; nach
H e r i n g deshalb, weil bei verschiedener Lage sofort eine andere Reihe von Netzhautelementen
erregt wird. Die Sehschärfe ist am größten in der Netzhautmitte; bei 20° Entfernung ist sie (nach
D o r ) nur ¹⁄₄₀, in 40° nur ¹⁄₂₀₀ von dieser.
Unter „A u g e n m a ß “ versteht man die Fähigkeit, Richtung und Größe einer Linie zu
beurteilen. Im Zusammenhang mit unserem Grundproblem interessiert uns vor allem der
G e r a d h e i t s e i n d r u c k , den eine objektiv gerade Linie hervorruft. Er ist keineswegs immer
vorhanden. Hält man ein Lineal so vor das Auge, daß man es fixiert und es gleichzeitig einen rechten
Winkel zur Blicklinie bilden läßt, so erscheint das Lineal gerade. Verschiebt man es jedoch gegen den

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Fixationspunkt, so zeigt es eine konkave Krümmung gegen diesen. Den Ursprung des
Geradheitseindruckes wollte H e l m h o l t z aus den Augenbewegungen erklären: bewegt man das
Auge einer geraden Linie entlang, so verschiebt sich das Netzhautbild in sich selbst, was bei einer
gekrümmten nicht der Fall ist. Bei der Geraden entsteht so eine Linie, bei der gekrümmten müßte ein
breites Band erzeugt werden. Allein wir erkennen die Gerade auch mit ruhendem Auge, und bei nicht
allzu schneller Bewegung läßt auch die krumme Linie kein Band entstehen (B ü h l e r ). Auch hier
wird man mit H e r i n g auf eine ursprüngliche Zuordnung bestimmt gelagerter Netzhautelemente zu
dem Eindruck der Geradheit schließen müssen.

4. Unvollkommenheiten des Einauges

Daß eine einäugig betrachtete, nicht fixierte Gerade als gebogen erscheint, und daß
dementsprechend eine aus hyperbolischen Kurven hergestellte Schachbrettfigur unter bestimmten
Bedingungen wie eine normale gesehen wird (H e l m h o l t z ), das sind Widersprüche zwischen der
gegenständlichen Welt und ihrem psychischen Abbild, Empfindungsinadäquatheiten, wie
österreichische Psychologen sich ausdrücken. Sie werden allerdings durch das zweiäugige Sehen und
durch andere Hilfsmittel zumeist ausgeglichen. Eine andere Empfindungsinadäquatheit stellt sich
heraus, wenn man eine Horizontale bei einäugiger Betrachtung nach dem Augenmaß teilen will. Der
nach der Körpermitte zu gelegene Teil der Linie wird dann zu klein gemacht. Er hat also für das Auge
einen größeren Wert als der andere Teil. Da aber sein Bild stets auf die nach auswärts gelegene Hälfte
der Netzhaut fällt, kann man auch sagen: die Breitenwerte wachsen auf der äußeren Hälfte der
Netzhaut rascher als auf der inneren. Ebenso wird bei Halbierung einer Vertikalen der obere
Abschnitt zu klein genommen. Die Höhenwerte wachsen also auf der unteren Netzhauthälfte rascher
als auf der oberen. In ähnlicher Weise fanden sich Richtungstäuschungen, so beim Herstellen einer
Vertikalen oder einer Horizontalen allein mit Hilfe e i n e s Auges und unter Ausschluß äußerer
Anhaltspunkte. Wie diese Erscheinungen, so sind auch einzelne geometrisch-optische Täuschungen
unmittelbar auf Unvollkommenheiten des Auges zurückzuführen. So erscheint ein weißes Quadrat
auf schwarzem Grund größer als ein schwarzes auf weißem Grund, wie überhaupt helle Flächen
gegenüber dunklen überschätzt werden. Offenbar ergreift da der Reiz durch Irradiation auch die
benachbarten Netzhautelemente, die nicht direkt von dem Lichtstrahl getroffen werden. Die Vertikale
wird gegenüber der Horizontalen überschätzt. Ein wirkliches Quadrat erscheint den meisten
Beurteilern als zu hoch. Bei dieser Täuschung könnten jedoch auch die verschieden großen
Bewegungsanstrengungen mitspielen, die man bei beiden Richtungen aufzuwenden hat, weshalb
manche Forscher hier von Assoziationstäuschungen sprechen. Dagegen dürfte es auf die vertikale
Teilungstäuschung hinauskommen, wenn uns die gedruckte 8 und das gedruckte S als symmetrisch
gebaut anspricht, während sich doch durch einfache Umkehrung die größere Ausdehnung des unteren
Teiles unschwer erkennen läßt. Andere geometrisch-optische Täuschungen als die genannten setzen
höhere geistige Prozesse voraus.

B. D i e E r f a s s u n g d e r d r e i D i m e n s i o n e n d u r c h d a s E i n a u g e

1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung

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Der Begriff „aufrecht“ besagt eine Beziehung der Lage eines Dinges zu
einem andern. Beziehungen (als solche) zu erfassen, ist aber nicht Sache der
Sinne — eine Tatsache, die wir später ausführlich nachzuweisen haben.
Wenn wir darum in der Empfindungslehre an die Frage herantreten, warum
wir a u f r e c h t s e h e n , ist es erforderlich, vorab darüber klar zu werden,
welcher anschauliche Tatbestand vorliegt, wenn wir die Lage irgendeines
Dinges als aufrecht bezeichnen. Da ergibt sich, daß aufrecht soviel bedeutet
wie der gewöhnlichen stehenden Lage unseres Körpers gleichgerichtet. Als
unten gelegen charakterisieren wir dabei jene Teile, die unseren Füßen und
dem Boden, auf dem wir stehen, am nächsten sind, während die
entgegengesetzt liegenden sich „oben“ befinden. Senkt sich der Blick, so
erscheint die Wurzel eines Baumes z. B. nahe bei unseren Füßen, die Krone
hingegen strebt, wie unser Haupt, dem Himmelsgewölbe zu. Treten wir
dagegen vor einen gefällten Baum hin, so erstreckt sich der gesehene Baum
horizontal. Seine Krone liegt jetzt vielleicht in der Nähe unserer rechten
Hand und sein Stamm in der Nähe unserer linken. Die Orientierung nach
diesen beiden Richtungen geschieht somit nach der Lage unseres eigenen
Körpers. Da sich nun die von unten und oben, von rechts und links
kommenden Lichtstrahlen im Knotenpunkt des Auges kreuzen und erst
nach dieser Kreuzung die Netzhaut treffen, so hat das Netzhautbild eine
andere Lage als der gesehene Baum: seine unteren Teile bilden sich auf der
oberen, seine rechten Teile auf der linken Hälfte der Netzhaut ab, und
umgekehrt.
Unsere Darlegung hält sich streng an die Bewußtseinstatsachen. Da nun unser Bewußtsein nichts
von der Existenz eines Netzhautbildes meldet, so gibt es für uns kein „Problem des Aufrechtsehens“.
Dieses entstand erst, als die Wissenschaft das Netzhautbild entdeckte, indes noch nicht echt
psychologisch denken gelernt hatte. Man versuchte die Lösung des vermeintlichen Problems durch
eine P r o j e k t i o n s t h e o r i e . Nach ihr verlegt das Auge dem Lichtstrahl rückwärts folgend, das
Objekt dorthin, woher der Strahl kommt. Allein diese Theorie ist ebenso überflüssig wie unhaltbar.
Denn einmal wissen wir nichts von einer solchen Rückverfolgung der einfallenden Lichtstrahlen.
Sodann gelangten wir auch dabei, wie die Ausführungen des vorigen Abschnittes zeigen, gar nicht
immer an die Orte der Lichtreize, da die einzelnen Regionen der Netzhaut nicht gleichwertig sind
und darum das „Sehding“ (H e r i n g ) dem wirklichen Ding nicht völlig entspricht. Einen andern
durchschlagenden Beweis gegen die Projektionstheorie werden wir später kennen lernen. Ebenso
unhaltbar sind die Vermutungen über eine Wiederumkehrung des Netzhautbildes auf dem Wege zum
Gehirn, und die über eine Korrektur des umgekehrten Bildes durch den Tastsinn. — Einen
experimentellen Beweis für den empirischen Ursprung der Lageauffassung erbrachte der Amerikaner
S t r a t t o n . Er hielt ein Auge verschlossen und versah das andere mit einer Linsenkombination, die
das Netzhautbild umkehrte. Anfangs erblickte er die Umgebung umgekehrt. Allein schon nach
wenigen Tagen verlor sich dieser Eindruck; die Dinge fingen an, denselben Eindruck des „aufrecht“
zu machen wie normal. Die Lage des Netzhautbildes ist also für unser Sehen im Grunde

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nebensächlich. Nur infolge der Gewöhnung bilden sich auch für die einzelnen Teile der Netzhaut
Lagewerte aus. Und darum erscheint bei Gebrauch einer das Netzhautbild umkehrenden Linse die
Außenwelt auf dem Kopf stehend. Diese Lagewerte sind indes nur durch Angewöhnung erworben
und können deshalb durch eine entgegengesetzte Gewöhnung überwunden und durch gegenteilige
ersetzt werden.

2. Das Tiefensehen

Größere Schwierigkeiten als die erörterten bereitet die Erklärung der
T i e f e n d i m e n s i o n . Auch der von Geburt aus Einäugige hat eine
anschauliche Tiefenwahrnehmung. Von einer Tiefene m p f i n d u n g kann man
hier nicht wohl sprechen; denn man wüßte beim Einauge keine
physiologische Erregung zu nennen, der diese Empfindung entspräche. Es
wird darum der empfindungsmäßige Flächeneindruck durch
Vorstellungselemente eine Ergänzung erfahren. Vielleicht kann man sich,
ehe experimentelle Untersuchungen zu Gebote stehen, den anschaulichen
Tiefeneindruck des Einäugigen folgendermaßen entstanden denken. Man
stelle sich einige Schritte vor eine Zimmerwand. Man sieht diese Wand als
eine Fläche in einer bestimmten Entfernung. Neigt man den Kopf zur Erde,
so erblickt man den Boden in der nämlichen Weise als Fläche wie zuvor die
Wand. Will der Einäugige nun einen in der Schnittlinie dieser beiden
Flächen befindlichen Gegenstand erreichen, so muß er sich zu ihm
hinbewegen. Hält er dabei den Kopf gesenkt, so gewinnt er ein
anschauliches Maß seiner Entfernung von der Wand (also der
Tiefendimension) durch die Flächenwerte, die sein zum Boden geneigtes
Auge erfaßt. Allerdings haben wir hier der leichteren Verständlichkeit
zulieb zwei nicht zutreffende Voraussetzungen gemacht: einmal, daß der
Einäugige Wand und Boden in einer bestimmten Entfernung sähe, — damit
besäße er ja schon die Tiefenwahrnehmung; sodann, daß er Wand und
Boden als ebene Flächen erblicke, — die Anschauung einer ebenen Fläche
ist auch nicht möglich ohne die sinnlich fundierte Erkenntnis, daß die
seitwärts des Blickpunktes liegenden Teile der Ebene weiter vom
Betrachtenden entfernt sind als die unmittelbar fixierten. Beide
Voraussetzungen lassen sich jedoch leicht entbehren. Es genügt, daß die
objektiven Flächen der Wand und des Bodens entfernungslos erscheinen,
wie etwa dichter Nebel, der das Auge umgibt, und ferner, daß sich aus

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dieser entfernungslosen, verschiedenfarbigen Fläche die Fixationspunkte
auf Wand und Boden sowie die Schnittlinie der beiden Flächen und der auf
ihr gelegene Gegenstand für das Auge abheben. Sieht nun auch der
Einäugige keine ausgedehnte Fläche vor sich, so erfaßt sein Blick doch
jeweils Flächenelemente, deren Summe eine anschauliche Wahrnehmung
der dritten Dimension ermöglicht. So oder ähnlich mag sich der Prozeß bei
dem einäugigen Kinde vollziehen. Die so anfänglich wahrgenommenen
Tiefendimensionen sind natürlich von sehr geringer Ausdehnung. Es genügt
indes, daß sie überhaupt wahrgenommen wird, um sich dann gleichzeitig
mit der Erfassung der beiden andern Dimensionen zu entwickeln. Ist einmal
der unmittelbare Tiefeneindruck auf diese oder ähnliche Weise gewonnen,
so bilden sich auch leicht die s e k u n d ä r e n F a k t o r e n d e r
T i e f e n w a h r n e h m u n g aus.
Als deren erster ist auch für das Einauge die W i n k e l v e r s c h i e b u n g (Parallaxe) zu nennen,
welche die Sehstrahlen erfahren, wenn sich das Auge vor den verschieden tief gelegenen
Gegenständen bewegt. Sodann gewöhnen wir uns daran, Dinge, die wir unter einem kleinen
G e s i c h t s w i n k e l sehen, die also ein kleines Bild auf der Netzhaut entwerfen, wenn anders uns
ihre wahre Größe bekannt ist, für entfernt zu halten. Weiter wird die Deutlichkeit der Umrisse zum
Kriterium der Nähe, die Verschwommenheit zum Kriterium der Ferne (L u f t p e r s p e k t i v e ).
Endlich vermittelt die gegenseitige Ve r d e c k u n g u n d B e s c h a t t u n g der Körper ein Wissen
von ihrer relativen Entfernung.
Nach neueren Untersuchungen ist die Tiefenwahrnehmung des Einäugigen besser als die
monokulare des Normalen. Dabei helfen dem Einäugigen weit weniger die Muskelempfindungen, die
durch die Akkomodation des Auges, d. h. durch die Einstellung auf die Nähe oder die Ferne bedingt
werden, als vielmehr die Kopfbewegungen. — Dank der sekundären empirischen Faktoren des
Tiefensehens können auch gemalte Bilder körperlich wirken. Um diesen Eindruck des Plastischen zu
steigern, betrachtet man sie durch eine enge Röhre, wodurch der störende Rand des Bildes
ausgeschaltet wird. Sehr schöne plastische Eindrücke liefert der Ve r a n t , eine eigenartig
geschliffene Linse, die, nahe vor das Einauge gebracht, die von einem dahinterliegenden Bilde
ausgehenden Strahlen so bricht, daß sie dasselbe Netzhautbild erzeugen, wie es auch von dem
wirklichen Gegenstand hervorgerufen würde. Vermittels des Veranten kann man sich davon
überzeugen, daß die Anschaulichkeit der Tiefenwahrnehmung des Einauges nicht hinter der des
Doppelauges zurückzustehen braucht, eine theoretisch bedeutsame Feststellung.

C. D a s S e h e n m i t b e i d e n A u g e n

1. Doppeltsehen und Einfachsehen

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Fig. 5 a

Fig. 5 b

Welche Bewußtseinsinhalte gewinnen wir, wenn wir mit zwei Augen
sehen? Hält man zwei Finger in einer Linie, aber in verschiedener
Entfernung vor beide Augen und fixiert den nächstgelegenen, so erscheint
der entferntere doppelt; richtet man jedoch den Blick auf den entfernteren,
so sieht man den näheren doppelt. Die vereinte Tätigkeit beider Augen kann
somit sowohl einfache wie doppelte Bilder liefern. Es fragt sich also: Wann
sehen wir einfach und wann sehen wir doppelt? Entwirft man eine
schematische Zeichnung von der Lage beider Augen und dem Gang der
Lichtstrahlen in den beiden genannten Fällen, so findet man: das Bild der

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fixierten Punkte fällt jedesmal auf den nämlichen Punkt der Netzhaut, auf
die Netzhautmitte. (Fig. 5.) Die Bilder der nicht fixierten Punkte treffen
nicht auf gleichgelagerte Stellen: wird der entferntere Finger fixiert, so
bildet sich der nähere in dem linken Auge links, in dem rechten Auge rechts
von der Netzhautmitte ab; wird der nähere fixiert, so fällt das Bild des
entfernteren in dem linken Auge rechts und in dem rechten links von der
Netzhautmitte. Richten wir beide Augen statt auf einen einzelnen Punkt auf
einen ausgedehnten Gegenstand, so sehen wir den ganzen Gegenstand
einfach. Das schematische Bild des Strahlenganges läßt erkennen, daß z. B.
die von dem rechten Ende eines Pfeiles ausgehenden Lichtstrahlen auf jeder
Netzhaut Punkte treffen, die in gleicher Richtung und in (ungefähr)
gleichem Abstand von der Netzhautmitte gelegen sind; es sind das
gleichgelagerte oder korrespondierende Punkte, auch identische oder
Deckpunkte genannt. Da ihre Erregung durch gleichfarbige Lichtstrahlen
dem Bewußtsein die nämliche Empfindungsqualität vermittelt, so kann nur
e i n Sehding bewußt sein[5]. Anders ist es bei der Reizung von
nichtkorrespondierenden Stellen der Retina. Bei gleicher
Empfindungsqualität haben sie doch einen verschiedenen Ortswert zu
melden und erzeugen darum ein doppeltes Bild. — Würde man rein
mathematisch die Gesamtheit der Schnittpunkte jener Linien aufsuchen, die
von korrespondierenden Netzhautpunkten ausgehen und je durch die
Knotenpunkte der beiden Augen geführt sind, so erhielte man die
Gesamtheit all jener Punkte, die bei einer bestimmten Augenstellung
einfach gesehen werden; es wäre dies der mathematische H o r o p t e r . Allein
wir haben oben schon gefunden, daß die beiden Netzhauthälften nicht ganz
gleichwertig sind. Da nun jeweils die innere Netzhauthälfte des einen Auges
zu der äußeren des andern Auges in Beziehung gebracht werden muß, so
werden weder die Deckpunkte exakt die gleiche Lage zur Netzhautmitte
haben, noch wird der mathematische mit dem empirischen Horopter ganz
übereinstimmen. Überhaupt ist festzuhalten, daß die Deckpunkte einen
gewissen Spielraum zulassen, innerhalb dessen noch einfach gesehen wird.
Da wir immer nur einen Teil des Sehfeldes fixieren können, so müßten wir nach dem Gesagten
immer Doppelbilder haben, von den Dingen, die vor dem Fixierpunkt, und von denen, die hinter ihm
liegen. Und doch bemerken wir für gewöhnlich nichts von ihnen. Woher dies? Wer das anfangs
erwähnte Experiment anstellt, wird finden, daß es eine gewisse Mühe macht, einen Punkt zu fixieren
und einen andern daneben zu beachten. In demselben Maße, wie es gelingt, die nicht fixierten Punkte
zu beachten, nimmt die Klarheit des Doppelbildes zu. Da wir nun im praktischen Leben immer nur
den fixierten Gegenständen die größere Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, so entwickeln sich die
Doppelbilder nicht zu merklicher Klarheit. Dazu kommt, daß wir unsere Fixation fortwährend

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wandern lassen und daß die von beiden Netzhäuten herrührenden Bilder häufig nicht gleich stark
sind, weshalb das schwächere von dem stärkeren verdrängt wird.
Werden die korrespondierenden Punkte von gleichartigen Reizen getroffen, so steht im
Bewußtsein nur e i n Bild. Man kann darum den Versuch machen, zwei Deckpunkte durch
v e r s c h i e d e n a r t i g e Reize zu erregen. Es erfolgt dann eine Mischung und Vereinigung beider
Eindrücke, wo diese leicht möglich ist. So verbindet sich eine Druckschrift bequem mit einem
weißen oder farbigen Hintergrund. Auch nichtkomplementäre Farben lassen häufig die entsprechende
Mischfarbe erkennen. Komplementäre ergänzen sich unter gewissen Bedingungen zu grau. Aber
namentlich bei ihnen zeigt sich gern der sogenannte Wettstreit der Sehfelder: es erscheint nicht die
Mischung beider, sondern abwechselnd bald die eine und bald die andere Farbe allein. Eine geringe
Verschiebung des gegenseitigen Stärkeverhältnisses oder auch die Bevorzugung des einen Reizes
durch die Aufmerksamkeit läßt diesen alsbald über den Konkurrenten obsiegen.

2. Die Sehrichtung des Doppelauges

Fixieren wir ein näher gelegenes Objekt, so konvergieren die Blicklinien beider Augen, d. h. die
Verbindungslinien des fixierten Punktes mit der Netzhautmitte eines jeden Auges bilden zusammen
einen Winkel, wie sich aus der schematischen Zeichnung ersehen läßt. (Fig. 5.) Es ergibt sich also
das Problem: In welcher Richtung sehen wir bei Verwendung beider Augen die Gegenstände, da doch
jedes Auge in eine andere Richtung weist? Man bringe an einer Fensterscheibe einen kleinen Fleck
an, schließe das linke Auge und fixiere mit dem rechten den Fleck auf der Scheibe und merke sich
gleichzeitig jenes Objekt der äußeren Umgebung, das man beim Fixieren des Fleckes miterblickt.
Darauf schließe man das rechte Auge und fixiere mit dem linken. Man sieht dann hinter dem Fleck
ein anderes äußeres Objekt, das von dem soeben wahrgenommenen beträchtlich nach rechts gelegen
ist. Nunmehr fixiere man den Fleck auf der Scheibe ein drittes Mal, aber jetzt mit beiden Augen.
Dann scheinen die beiden zuvor gesehenen Objekte nicht voneinander entfernt, sondern in derselben
Richtung hinter dem Fleck zu liegen. Alle Gegenstände, die auf der Sehrichtung des einen Auges
liegen, werden mit denen, die auf der zugehörigen Sehrichtung des andern Auges liegen, in eine
gemeinsame Sehrichtung vereinigt. Dies ist das G e s e t z der identischen
S e h r i c h t u n g e n (H e r i n g ). Das Doppelauge lokalisiert so, als ob es ein einziges, zwischen den
beiden Augen gelegenes wäre. (Das „Zyklopenauge“.) Durch diese Tatsache ist die oben erwähnte
Projektionstheorie endgültig erledigt.

3. Das Tiefensehen mit zwei Augen

Denkt man sich durch den Fixationspunkt senkrecht zur Blicklinie des
Zyklopenauges eine Ebene gelegt, so bilden sich außer dem Fixationspunkt
auch die auf dieser „Kernfläche“ befindlichen Punkte auf identischen
Netzhautstellen ab und werden somit einfach gesehen. Fixiere ich darum
von zwei Nadeln, die in der Kernfläche sind, die eine, so erhalte ich auch

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von der nicht fixierten ein einfaches Bild. Verschiebt man nun diese Nadel
ein wenig vor oder hinter die Kernfläche, so bleibt ihr optisches Bild
dennoch einfach, doch wird ihre Tiefenlage vor oder hinter der Kernfläche
wahrgenommen. Verschiebt man die Nadel jedoch etwas mehr aus der
Kernfläche heraus, so wird sie alsbald doppelt gesehen. Der Strahlengang
bei den drei erwähnten Lagen der nicht fixierten Nadel läßt sich sehr leicht
zeichnen. Aus dem schematischen Bild kann man nun unmittelbar
folgenden Satz ablesen: Das Einfachsehen nicht fixierter Punkte ist nicht
streng an die identischen Netzhautstellen gebunden; werden indes zwei nur
ungefähr identische Punkte der Netzhäute gereizt, so scheint das Objekt,
von dem diese Reizung ausgeht, vor bzw. hinter der Kernfläche zu liegen.
Die Gegenprobe und den vollen Beweis zu diesem Satz erbringt ein von H e r i n g angegebener
Versuch, in dem eine Reizung nahezu identischer Punkte ermöglicht wird, ohne daß sie, wie soeben,
von einem objektiv außerhalb der Kernfläche liegenden Ding bewirkt wird. Man zeichne auf zwei
Papiere je drei einander parallele und gleichweit abstehende Gerade und bringe beide Zeichnungen in
einem Stereoskop an Stelle der stereoskopischen Bilder symmetrisch an, so daß die Geraden
senkrecht von oben nach unten verlaufen. Fixiert man jetzt die mittleren Linien, so erblickt man statt
der sechs vorhandenen nur drei in einer Ebene liegende Gerade. Zeichnet man nun auf einem der
Papiere die mittlere Gerade ein wenig nach rechts oder links, so bildet beim Hineinschauen das eine
Auge die mittlere Gerade genau im mittleren Längskreise ab, während das andere sein Bild ein wenig
links oder rechts von der Netzhautmitte hat, — die Richtung beider Augen bleibt nämlich nach wie
vor dieselbe. Die psychische Wirkung dieser Reizungsart ist nun die, daß nunmehr nicht etwa vier
Striche gesehen werden, sondern daß nur drei Gerade erscheinen, deren mittlere jedoch vor oder
hinter den anderen zu liegen scheint.
Die zwei soeben geschilderten Versuche gestatten auch eine M e s s u n g d e r
T i e f e n s e h s c h ä r f e . Man rückt von drei in der Kernfläche befindlichen Nadeln die mittlere so
weit aus der Kernfläche, bis ihre verschiedene Tiefe eben bemerkt wird. Oder man mißt, wie weit bei
dem stereoskopischen Versuch die mittlere Senkrechte seitlich verschoben werden muß, bis ein
Tiefeneindruck entsteht. Es stellte sich heraus, daß das Tiefensehen durch die Übung die Feinheit der
Sehschärfe erreichen kann: eine Lagedifferenz der beiden Netzhautbilder von 10″ vermag schon
einen Tiefeneindruck zu bewirken. Je weiter die zu beurteilenden Dinge vom Auge entfernt sind, um
so größer muß ihr gegenseitiger Abstand sein, soll er noch als Tiefenunterschied erkannt werden: auf
1 m 0,4 mm, auf 50 m 1 m, auf 420 m 80 m, während über 2600 m kein Tiefenunterschied mehr
aufgefaßt wird. Der Sehraum entspricht somit auch in dieser Hinsicht nicht dem geometrischen
Raum.
Zu beachten ist noch, daß nur die feinen Lageunterschiede der Bilder auf den
Q u e r s c h n i t t e n der Netzhaut den Tiefeneindruck hervorrufen. Solche Bilder heißen
querdisparat, und die gekennzeichnete Lageverschiedenheit heißt Q u e r d i s p a r a t i o n . Die
Verschiebung der Netzhautbilder infolge ihrer Verrückung aus der Kernfläche führt auch den Namen
der b i n o k u l a r e n P a r a l l a x e .
Eine Anwendung der binokularen Parallaxe ist das S t e r e o s k o p . In geringem Abstand wird
jedem Auge ein eigenes Bild dargeboten. Durch eine Prismenkombination wird nun erreicht, daß die
nebeneinander liegenden Teilbilder auf die Deckpunkte beider Augen fallen. Diese Bilder wurden
hergestellt, indem man etwa denselben Gegenstand gleichzeitig durch zwei in Augenweite

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voneinander entfernte Kameras photographierte. Somit erhält jedes Auge ein eigenes Bild, das jedoch
nur wenig von seinem Gegenstück abweicht. Die solchermaßen gesicherte Querdisparation
verursacht den körperlichen Eindruck des gesehenen Bildes. Darum kann umgekehrt das Stereoskop
auch prüfen, ob zwei Bilder genau gleich oder auch nur um ein weniges voneinander verschieden
sind. Echte Banknoten z. B. stammen aus derselben Druckerpresse. Symmetrisch unter das
Stereoskop gebracht, müssen sie darum ein unkörperliches Bild ergeben. Springen jedoch einzelne
Buchstaben und Striche aus der Bildebene hervor, so ist die Ungleichheit der Bilder und damit der
verschiedenartige Ursprung der Drucke erwiesen.

4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung

An dieser Stelle kehrt die Streitfrage wieder, ob unsere
Tiefenwahrnehmung angeboren oder erworben sei. Nachdem wir schon
ausgeführt haben, daß und wie das Einauge eine vollkommene
Tiefenwahrnehmung erlangen kann, dürfen wir von der historischen
Entwicklung der Kontroverse absehen und können sogleich die Kernfrage
nennen, um die sich heute der ganze Streit dreht. Auch der Nativist gibt
heute zu, daß allein mit den Mitteln des Einauges tatsächlich eine
Tiefenwahrnehmung zu erzielen ist. Er behauptet jedoch, daß die
Querdisparation eine unmittelbare und wahre E m p f i n d u n g der Tiefe
vermittle, eine Empfindung, die uns zwar nicht die absolute Entfernung der
Dinge vom Auge unmittelbar kennen lehrt, die jedoch die Lage der
Gegenstände zu der Kernfläche zeigt. Aus diesem Grundkapital entwickle
sich die vollkommene Tiefenwahrnehmung des Erwachsenen, für den
schließlich die Querdisparation das feinste und eigentlichste Mittel zur
Erkennung der Tiefenunterschiede wird. Man braucht ja nur ein Auge zu
schließen, um alsbald eine beträchtliche Herabsetzung unseres
Körperlichsehens festzustellen.
Dem Nativismus stehen für seine Ansicht schwerwiegende Gründe zu
Gebote. Ihr wuchtigster dürfte der oben (S. 91 f.) beschriebene
Stereoskopversuch sein: die einfache Reizung querdisparater
Netzhautpunkte bewirkt ohne irgendwelche anderen objektiven oder
subjektiven Anhaltspunkte eine Tiefenwahrnehmung. Dazu kommt die
große Schwierigkeit, den unleugbar anschaulichen Charakter des
Tiefeneindruckes aus Vorstellungselementen verständlich zu machen. —
Indes durchschlagend sind diese Beweise nicht. Solange es nicht möglich
ist, bei einem operierten Blindgeborenen den Heringschen

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Stereoskopversuch mit Erfolg anzustellen, bleibt es erlaubt, den
Tiefeneindruck bei querdisparater Reizung aus der Erfahrung herzuleiten:
wie für den Einäugigen die monokulare Parallaxe, so entwickelt sich beim
Normalen die binokulare zum Kriterium des Tiefensehens. Die
Unmittelbarkeit des Tiefeneindruckes braucht dabei nicht zu überraschen.
Denn ebenso unmittelbar lokalisieren wir auch einen Tastreiz, was uns nur
auf Grund der Erfahrung möglich ist. Ferner glauben wir auch gezeigt zu
haben, wie der Einäugige zu dem anschaulichen Inhalt seiner
Tiefenwahrnehmung gelangt. Endlich dürfte noch zu beachten sein, daß die
Tiefenauffassung, wenigstens bei dem erwachsenen Menschen, nicht auf
die gleiche Stufe wie die Flächenwahrnehmung zu setzen ist. Wir möchten
sie vielmehr der Gestaltwahrnehmung (s. unten) nahebringen. Auch bei
dieser erleben wir unmittelbar und in gewissem Sinne anschauliche
Eindrücke, die aber gleichwohl nicht als Empfindungen angesprochen
werden können.
Die Empiristen berufen sich ihrerseits auf die vollkommene
Tiefenanschauung der Einäugigen, mit der gewiß die Notwendigkeit, aber
nicht eine etwa nachweisbare Tatsächlichkeit der Tiefenempfindung
auszuschließen ist. Es liegen aber aus der jüngsten Zeit verschiedene
Experimente vor, die den Empfindungscharakter querdisparater Erregungen
als zweifelhaft erscheinen lassen. So wies K a r p i n s k a nach, daß sich die
räumliche Auffassung bei stereoskopischer Betrachtung nur allmählich
ausbildet, somit auch mehr Zeit benötigt als die Gesichtsempfindungen; daß
sie an Schnelligkeit von der durch den Veranten vermittelten plastischen
Auffassung übertroffen wird, bei dem bekanntlich nur Erfahrungskriterien
wirksam sind; daß sie endlich durch die Einstellung des Subjektes ganz
unterdrückt werden kann. Das Pseudoskop ferner, das durch Vertauschung
der stereoskopischen Bilder das Relief der Dinge umkehrt, einen runden
Balken sonach als Hohlrinne erscheinen läßt, vermag diese Umkehrung bei
dem Bilde des menschlichen Gesichtes nicht zu erreichen; die
Erfahrungsmomente überwinden hier also die Querdisparation. Sodann läßt
sich der Effekt der Querdisparation an bloß einem Auge dadurch erzielen,
daß man die für die beiden Augen bestimmten stereoskopischen Bilder in
rascher Folge demselben Auge exponiert (S t r a u b ). Schließlich will
P o p p e l r e u t e r das flächenhafte, „malerische“ Sehen, das monokular leicht
zu bewerkstelligen ist, nach einiger Übung auch binokular erlernt haben. Es
lassen sich aber wohl Vorstellungen, nicht jedoch Empfindungen unter

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dergleichen Voraussetzungen unterdrücken. Nach dem Gesagten tragen wir
kein Bedenken, die Position des Empirismus als die zur Zeit günstigere
anzusehen.

Literatur
Über die nativistisch-empiristische Kontroverse und die ältere Literatur zu dieser vgl. F r ö b e s I, 2.
Aufl., S. 331 ff.

[3] Vgl. die S. 90 zitierte Arbeit.
[4] Eine Erklärungsmöglichkeit bietet die S. 90 zitierte Arbeit.
[5] Vgl. J. L i n d w o r s k y , Zur Theorie des binokularen Einfachsehens und
verwandter Erscheinungen. ZPs 1923.

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3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut

Die Reizung eines Druckpunktes oder einer beliebigen Hautstelle ruft
eine flächenförmig ausgedehnte Empfindung hervor. Wir können uns bei
dieser Feststellung nur auf den unmittelbaren Eindruck stützen, werden aber
die Richtigkeit dieser Beobachtung aus den alsbald zu nennenden Tatsachen
bestätigt finden. Was geschieht nun, wenn man g l e i c h z e i t i g m e h r e r e
S t e l l e n d e r H a u t r e i z t ? Setzt man die beiden Spitzen eines Zirkels (man
verwendet dazu eigens hergestellte Tastzirkel oder Ästhesiometer) nahe
beieinander auf die Haut, so verspürt man einen einfachen Druck, als wenn
nur ein einziger Punkt gereizt worden wäre. Rückt man nun die
Zirkelspitzen ein wenig auseinander und setzt sie von neuem auf, so wird
der wahrgenommene Punkt etwas breiter, dehnt sich zu einer Fläche, wird
dann eine Linie, und erst bei einer gewissen Zirkelweite hat man den
Eindruck, daß zwei getrennte Punkte der Haut gereizt worden sind. Eben
diesen Abstand, den zwei gleichzeitig einwirkende Tastreize wahren
müssen, um als zwei bemerkt zu werden, bezeichnet man als die
R a u m s c h w e l l e . Sie ist an verschiedenen Körperteilen verschieden groß: an
der Zungenspitze 1 mm, an der Fingerspitze 2 mm, am größten am Rücken
und an den Gliedmaßen, etwa 6 mm am Oberarm. Die Raumschwelle mißt
die Feinheit unseres R a u m s i n n e s , d. h. der „Fähigkeit, Form, Größe, Zahl,
Bewegung der unsere Hautoberfläche berührenden Gegenstände mittels der
Tastempfindung zu erkennen“. Je kleiner die Schwelle, um so feiner der
Raumsinn.
Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie wechselt auch bei den
einzelnen Individuen. Um die s i m u l t a n e Raumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die
beiden Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen. Sukzessive und ungleich
starke Berührung verkleinert die Schwelle. Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher,
während Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen Sinne wie diese Faktoren
wirken Übung und Ermüdung. Allerdings nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte,
das Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung auf die Unterscheidung der
beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man
vielfach eine außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn so
außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall eines Sinnes komme den

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übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der
Raumsinn der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der der Sehenden. Ebenso
scheint die Vergrößerung der Raumschwelle infolge der Ermüdung in erster Linie auf die
Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den
experimentierenden Pädagogen (G r i e s b a c h ) die Bestimmung der Raumschwelle zum Nachweis
der Ermüdung benutzen will, muß man die Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit
bestimmen, weil sonst die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.

2. Der Tastraum der Blinden

Es ist für den Sehenden sehr schwer, sich zu veranschaulichen, was eine
Mehrheit von Tastempfindungen ihm von der Außenwelt mitteilt. Will man
sich darüber Rechenschaft geben, so drängen sich stets die Angaben des
Gesichtsinnes dazwischen. Man wird darum besser die Blindgeborenen
befragen. Da ist nun entgegen vereinzelten Ansichten älterer Psychologen
vor allem festzustellen, daß die Blindgeborenen allmählich zu einer
Raumanschauung in demselben Sinne wie die Sehenden gelangen.
Operierte Blindgeborene sind nämlich durchaus nicht der Ansicht, daß sie
mit der nunmehr optisch vermittelten Raumanschauung etwas absolut
Neues in sich aufnähmen. Ebenso spricht dagegen die Existenz
blindgeborener Mathematiker, die sich ohne besondere Schwierigkeit die
doch aus dem anschaulichen Raum gewonnenen geometrischen Begriffe
aneignen. Auch die Modellier- und Schnitzleistungen Blindgeborener wären
ohne persönliche Raumanschauung kaum zu verstehen.
Mit der Raumanschauung ist nun zunächst gegeben, daß eine Vielheit
benachbarter Tastempfindungen einen flächenhaften Eindruck bewirkt.
Allerdings ist die simultane Erfassung der Flächen nicht sonderlich
entwickelt. Viel leichter ist die Erkennung punktförmiger Eindrücke,
weshalb auch die dem Blinden am meisten entsprechende (B r a i l l e sche)
Schrift punktförmige Reize verwertet, die in der Zahl von 1 bis 6 nach Art
der Dominofiguren angeordnet sind. Um die Form eines flächenhaften
Reizes, etwa eines Polygons aus Karton, zu erkennen, führt der Blinde
Tastzuckungen längs der Umrisse aus. Damit verwandelt er freilich die
simultane Auffassung in eine sukzessive und führt gleichzeitig höhere
psychische Prozesse ein, die wir jetzt noch nicht analysieren können.
Körperliche Objekte kleineren Umfanges lehrt ihn das umschließende

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Tasten kennen. Hier treten zu den Eindrücken des Hautsinnes diejenigen der
Bewegungssinne. Zweifellos vermag der Tastsinn allein eine Anschauung
von der dritten Dimension nicht zu geben. Ebenso sicher ist die Mitwirkung
des kinästhetischen Apparates. Wie jedoch im einzelnen die
dreidimensionale Raumanschauung des Blinden zustandekommt, ist uns
noch weniger durchsichtig, als es bei dem Gesichtssinn der Fall war. Zur
genaueren Untersuchung der räumlichen Verhältnisse dienen sodann bei
kleineren Maßen die Finger mit ihren Konvergenzbewegungen, bei
größeren die ebenso fungierenden Arme. Damit ist auch der Umfang des
vom Blinden leicht zu beherrschenden Anschauungsraumes gegeben.
Größere Räume kann er durch Schrittbewegungen in die Länge und Breite
sowie durch Steig- oder Kletterbewegungen in die Höhe oder Tiefe
ausmessen, doch vermag er diese Eindrücke nur schwer zu einem
geschlossenen anschaulichen Bild zu vereinigen. Der Tastsinn ist eben ein
Nahsinn. Der Blinde hilft sich deshalb mit der
„Tastraumzusammenziehung“. Er verkleinert in seiner Anschauung die
Objekte und stellt sie sich in ihren Proportionen nach Art der von Hand und
Arm unmittelbar erfaßten vor.

Literatur
Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J. F r ö b e s I, 2. Aufl., S. 361 ff.

3. Theorie des Tastraumes

Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem der
R a u m s c h w e l l e : Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch
genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier
Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine
bestimmte Entfernung haben?
E. H. W e b e r erdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie der
E m p f i n d u n g s k r e i s e . Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle
Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben
Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen
Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz
zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser
Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden
Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend

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kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst
entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden
Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten
gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von
Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich
für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens
psychologisch zu lösen (vgl. S. 81 f.). Gleiche Sinnesmeldungen bedingen
nur e i n psychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich benachbarten
Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum nicht mit
verschiedenartigen Eindrücken anderer Sinne verbinden kann (vgl. S.
111 ff.), bietet sie nicht die Grundlage zu einer Mehrheitsunterscheidung.
Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art die
elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen sich zuletzt
der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier streitet der extreme
Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die oben ausführlicher
dargestellte Theorie L o t z e s von den Lokalzeichen und ihre Abänderung
durch W u n d t wird mit nur geringen Variationen auf den Tastraum
angewendet. Nach ihnen enthält die elementare Tastempfindung nichts von
Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung hat je nach der
Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine charakteristische Abtönung
infolge der Mitempfindungen, die an jedem Teil des Körpers andere sind —
eine bis zu gewissem Grade zutreffende Annahme. Die Raumwerte
erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch die erfahrungsmäßige
Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen: bei Reizung einer
bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ charakteristische
Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die visuelle Vorstellung
von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem Wege könnten
Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung gelangen.
Wundt gesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen
Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die
Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den
Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider soll
dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere
Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht
geringer als beim Sehraum.

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Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen
Raumwahrnehmung ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen.
Die einzelne Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche
flächenhafte Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander
legen, und zwar in einer bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt
sich wie beim Auge (s. S. 83).
Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen
berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir zuvor
von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche bisher noch
nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten, sie gelegentlich
zu streifen: die Vorstellungen.

Literatur
C. S p e a r m a n , Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).
O. K l e m m , Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

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DRITTER ABSCHNITT
D i e a b s o l u t e n Vo r s t e l l u n g e n

Ohne jede erkenntnistheoretische Überlegung ist dem Bewußtsein auch
des primitiven Menschen oder des Kindes gegeben, daß zwischen den
äußeren Geschehnissen und unseren Eindrücken ein gewisser
Zusammenhang besteht: zündet man vor meinen Augen ein Streichholz an,
so sehe ich eine Flamme; setzt man ein Musikinstrument in Tätigkeit, so
vernehme ich Töne. Wir stellen aber auch fest, daß das
Gegenstandsbewußtsein bisweilen Inhalte erlebt, für deren Erscheinen sich
kein äußerer Reiz verantwortlich machen läßt. Es können uns auch bei
geschlossenen Augen und im Traum Dinge sichtbar erscheinen, oder wir
können Melodien hören, die allem Anschein nach nicht in der Außenwelt
erzeugt werden. Solche Erlebnisse des Gegenstandsbewußtseins, die nicht
unmittelbar von einem äußeren, oder genauer gesprochen von einem
peripheren Sinnesreiz abhängig sind, bezeichnet man als Vorstellungen. Um
jedoch auszudrücken, daß wir hier von diesen Erlebnissen sprechen,
insofern sie noch nicht von der Seele weiterhin bearbeitet sind, heißen wir
sie die a b s o l u t e n Vo r s t e l l u n g e n , ein Ausdruck, der erst später ganz
verständlich gemacht werden kann.
Um die Einteilung dieser Vorstellungen in Erinnerungs- und
Phantasievorstellungen kümmern wir uns hier ebensowenig wie um ihren
Ursprung. Nur das sei als allgemein zugestandene Erfahrungstatsache
erwähnt, daß zum wenigsten die Elemente dieser Vorstellungen
ursprünglich infolge peripherer Sinneserregung im Bewußtsein erweckt
worden sein müssen; denn Blindgeborene können sich von keinen Farben,
Taubgeborene von keinen Tönen eine Vorstellung machen. Im übrigen
beachten wir an dieser Stelle nur die inhaltlichen Eigenschaften.
Als c h a r a k t e r i s t i s c h e E i g e n s c h a f t pflegt man da zunächst die „B l ä s s e “ und
„M a t t i g k e i t “ der Vorstellungen zu betonen. Und im allgemeinen werden auch die unmittelbar von
dem äußeren Reiz abhängigen Eindrücke unvergleichlich lebhafter sein als die nur mittelbar
reizbedingten. Allein man hat diese Blässe doch zu sehr betont. Solange die Psychologie nur auf den
dürftigen Selbstbeobachtungen der Philosophen aufgebaut wurde, pflegte man allen Menschen so
matte Vorstellungen zuzuschreiben, wie sie den in abstrakten Gedankengängen sich bewegenden

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Philosophen eigen sind. Sobald man aber mit F e c h n e r und später mit G a l t o n auch Angehörige
anderer Berufe nach ihren Vorstellungen befragte, ergab sich, daß manchmal die Lebhaftigkeit der
Vorstellungen nicht geringer war als die der Wahrnehmungen. Insbesondere hatte man angezweifelt,
daß die in die Vorstellungen eingehenden Empfindungsinhalte in dem gleichen Sinne I n t e n s i t ä t
besäßen wie die reizbedingten Empfindungen. Man konnte das um so eher bezweifeln, als bei dem
gewöhnlichen Gebrauch der Vorstellungen der Empfindungsinhalt stark vernachlässigt wird. Sind uns
die schematischen Umrisse einer Vorstellung gegeben, so haben wir in der Regel genug für unsere
geistige Arbeit, zu der wir jene Vorstellungen benötigen. Es wäre Zeit- und Energievergeudung,
wollten wir noch die verschiedenen Empfindungsinhalte zur ursprünglichen Intensität ansteigen
lassen. Und je abstrakter unser Denken wird, um so mehr dürfen wir die Empfindungsinhalte
vernachlässigen, um so mehr wird uns aber auch die Befähigung zum intensiven anschaulichen
Vorstellen verloren gehen. Läßt man jedoch die Empfindungsinhalte der Vorstellungen sich
entwickeln, so zeigen sie die gleiche Art der Intensität wie die unmittelbar durch einen peripheren
Sinnesreiz hervorgerufenen. So ließ S c h a u b dargebotene Klänge vorstellen und dann die Intensität
dieser Vorstellungen mit der Intensität des zum zweiten Mal dargebotenen Reizes vergleichen. Die
Aufgabe wurde von allen Versuchspersonen gelöst, was nicht möglich wäre, ginge den Vorstellungen
eine wahre Intensität ab, und öfters wurde in der Vorstellung dieselbe Intensität erreicht wie in der
Wahrnehmung. Das stimmt auch ganz dazu, daß bei den anderen reizunabhängigen Erlebnissen, beim
Traum und in der Halluzination, vollste Intensität und Lebendigkeit erlebt wird.
Sodann macht man auf die F l ü c h t i g k e i t und Unbeständigkeit der Vorstellungen aufmerksam.
Die Standuhr auf meinem Schreibtisch bleibt in unveränderter Weise stehen. Solange ich sie
anblicke, habe ich den nämlichen klaren Eindruck. Anders, wenn ich den Blick abwende und die Uhr
vorstelle. Da wird das Bild gar bald verschwinden, um von einem andern verdrängt zu werden, oder
auch nach einer Zwischenzeit wieder aufzutauchen. Zweifellos ist die Unbeständigkeit eines der
gewöhnlichsten Kennzeichen der Vorstellung. Nur darf man nicht behaupten, jede Wahrnehmung sei
beständig und jede Vorstellung unbeständig. Namentlich Wahrnehmungen geringer Intensität — etwa
das Ticken einer vom Ohr entfernten Taschenuhr — schwanken außerordentlich, während anderseits
Vorstellungen eine geradezu belästigende Konstanz erlangen können. Namentlich gilt das von
krankhaft fixierten Vorstellungen. Ähnliches ist über die L ü c k e n h a f t i g k e i t dieser
Bewußtseinsinhalte zu sagen: für gewöhnlich sind die Vorstellungen inhaltsarm und unvollständig;
allein einen grundsätzlichen Unterschied gegenüber der Wahrnehmung bedingt das nicht. Denn jeder
einzelne Zug in dieser kann Inhalt einer Vorstellung werden. In der Tat findet man bei besonders
vorstellungsbegabten Individuen eine erstaunliche Fülle der inneren Bilder. So soll ein französischer
Porträtmaler imstande gewesen sein, nach einer halbstündigen Sitzung ein Porträt aus dem
Gedächtnis zu malen und auf diese Weise an 300 Bilder im Jahre ausgeführt haben. Noch
ausgesprochener begegnet man den naturgetreuen Vorstellungen im Traum und in der Halluzination.
Freilich täuscht sich der in der psychologischen Beobachtung Ungeschulte leicht über die
Ausführlichkeit seiner Vorstellungen, indem er anschaulich vorzustellen meint, was er in Wirklichkeit
nur unanschaulich über den Gegenstand weiß, oder indem er Surrogatvorstellungen für echte hält. So
vermeint mancher, einen Geruch vorzustellen, während er in Wirklichkeit nur weiß, wie das Objekt
riecht und gleichzeitig Schnüffelbewegungen ausführt. Oder man versucht, anschaulich Schmerz zu
erleben, stellt sich in Wahrheit aber nur Körperbewegungen vor, welche die Begleiterscheinung des
Schmerzes bzw. seine Ausdrucksbewegungen wären, oder macht gar Ansätze zu ihnen.
Die Vorstellungen sind ferner häufig von dem Bewußtsein der Anstrengung oder der T ä t i g k e i t
des Subjektes begleitet. Bemühen wir uns nicht um sie, so entstehen sie sehr oft nicht oder
verschwinden bzw. verändern sich gar bald. Aber wesentlich ist eine solche Tätigkeit dem
Vorstellungserlebnis nicht. Bekannt sind ja die Zwangsvorstellungen, die uns gegen unseren Willen
verfolgen, und dem rechten Künstler stehen die Kinder seiner Muse in der Regel ungerufen vor der

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Seele. Anderseits drängen sich auch die Wahrnehmungen uns nicht immer auf, sondern fordern,
namentlich wenn sie von geringer Intensität sind, die Anspannung der Aufmerksamkeit.
Lange Zeit hielt man es für ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal von Wahrnehmung und
Vorstellung, daß erstere im objektiven, letztere im subjektiven oder im Vo r s t e l l u n g s r a u m
lokalisiert sei. Sehr viele Menschen richten in der Tat die Aufmerksamkeit nach innen,
gewissermaßen in das Innere ihres Kopfes, wenn sie Vorstellungen erzeugen wollen. Auch scheinen
namentlich die Vorstellungen kleiner und vereinzelter Gegenstände umgebungslos in einem
nebelartigen Raum zu schweben, dem „Vorstellungsraum“. Indes sehen Vorstellungsbegabte häufig
die vorgestellten Dinge unmittelbar vor sich im objektiven Raum, können sie bei offenen Augen an
einen beliebigen Ort lokalisieren (die „Eidetiker“ J a e n s c h s ), und auch den weniger Begabten
gelingt es auf jeden Fall, ergänzende Teilvorstellungen mit dem wahrgenommenen Objekt zu
verbinden und auf diese Weise im wirklichen Raum vor sich zu sehen. Das Isolierterscheinen kleiner
Gegenstände dürfte nur auf einer unvollendeten Reproduktion beruhen.
Wie der Vorstellungsraum eingehender experimenteller Untersuchung gegenüber nicht standhält,
so muß auch das den Vorstellungen oft zugeschriebene Merkmal der B i l d h a f t i g k e i t
preisgegeben werden. Bei der normal entwickelten Vorstellung hat man durchaus nicht den Eindruck,
ein Bild vor sich zu haben, sondern man glaubt dem Ding selbst gegenüberzustehen.

So ergibt sich also, ganz im Gegensatz zu den früheren Anschauungen,
daß sich die Eindrücke, die unmittelbar durch periphere Sinnesreizung
hervorgerufen werden, in keinem Stücke prinzipiell von den nur mittelbar
reizbedingten unterscheiden. Es gibt k e i n e E i g e n s c h a f t d e r
W a h r n e h m u n g e n , d i e n i c h t a u c h a n d e n Vo r s t e l l u n g e n n a c h z u w e i s e n
w ä r e , u n d u m g e k e h r t findet sich keine Eigentümlichkeit der Vorstellung,
die nicht ebenso einer Wahrnehmung anhaften könnte. Die praktische
Scheidung beider Erlebnisse wird nun dadurch ermöglicht, daß gewisse
Züge bei der Wahrnehmung und andere bei der Vorstellung für gewöhnlich
stärker ausgeprägt sind. Das gilt freilich nur für die
Durchschnittswahrnehmungen und -vorstellungen. Gewisse schwächere
Wahrnehmungen können allein auf Grund ihres anschaulichen Inhaltes
nicht von den Vorstellungen, gewisse lebhaftere Vorstellungen nicht von
den Wahrnehmungen unterschieden werden. Hier helfen nur
verstandesmäßige Überlegungen. Wie wir später noch sehen werden, nimmt
übrigens die Seele die absoluten Wahrnehmungen und die absoluten
Vorstellungen in Arbeit und ermöglicht so ein leichtes und sicheres
Unterscheiden beider. Diese verarbeiteten Erlebnisse meint man in der
Regel, wenn man von Wahrnehmung und Vorstellung schlechthin spricht.
Die Fähigkeit, Vorstellungen in sich wachzurufen, ist nicht bei allen
Individuen gleich groß. Zu diesem Unterschied tragen ursprüngliche Anlage
und Übung bei. Wie J a e n s c h und K r o h fanden, ist die „eidetische“ Anlage
verhältnismäßig oft bei Jugendlichen anzutreffen, doch nicht in allen

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Gegenden gleich häufig. Außerdem differenzieren sich die Individuen noch
dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit nicht auf allen Sinnesgebieten gleich
mächtig ist. Einzelne sind imstande, mit Leichtigkeit Gesichtsvorstellungen
zu erzeugen, bei andern sind die inneren Gehöreindrücke gut ausgebildet,
andere wiederum stellen sich leicht Bewegungen vor. Je nachdem eines
dieser Sinnesgebiete einseitig entwickelt ist, spricht man von dem
v i s u e l l e n , dem a k u s t i s c h e n und dem m o t o r i s c h e n Ty p u s . Nur ganz
selten findet man Vertreter eines ausgesprochenen Typus, doch pflegt bei
den meisten Menschen eine der drei Seiten bevorzugt zu sein. Da, wie
erwähnt, auch die Übung von Bedeutung ist, versteht man, daß für das
Gebiet der Wortvorstellungen der akustische Typ, für die Sachvorstellungen
der optische vorherrscht. Auf dem Gebiete des Geruches, Geschmackes und
des Hautsinnes ist das Vorstellungsleben des Menschen nur sehr schwach
entwickelt, vielleicht sogar zurückgebildet. Es lohnt sich darum nicht, hier
nach besonderen Vorstellungstypen zu suchen.

Literatur
J. S e g a l , Über das Vorstellen von Objekten und Situationen. Münchener Stud. 4. Heft. 1916.
J. L i n d w o r s k y , Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).
O. K r o h , Subjektive Anschauungsbilder bei Jugendlichen. 1922.

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VIERTER ABSCHNITT
Ve r b i n d u n g d e r Vo r s t e l l u n g e n m i t
Empfindungen und Empfindungskomplexen

Ebensowenig wie eine systematisch durchgeführte Erforschung der
Empfindungskomplexe steht uns eine solche für die Verbindung von
Empfindungen und Empfindungskomplexen mit Vorstellungen zu Gebote.
Wir können darum nur an einzelnen Beispielen das Ergebnis einer solchen
psychischen Synthese veranschaulichen.

1. D i e S y n ä s t h e s i e n

Manche Personen berichten, daß ihnen beim Hören von Vokalen oder
auch beim Sehen von Schriftzeichen bestimmte Farben mitgegeben sind. So
erschien F e c h n e r der Vokal e gelb, a weiß, u schwarz, der Trompetenton
rot, der Flötenklang blau. Genauere Erhebungen über dieses sog.
Farbenhören ergaben die mannigfachsten Abarten dieser nicht allzu seltenen
Erscheinung. Es zeigt sich bei den verschiedenen mit ihr begabten
Persönlichkeiten keinerlei Konstanz der Paarung von Klängen und Farben.
Auch sieht der eine die Farben an dem Schriftbild, der andere an der
Tonquelle, ein dritter irgendwo im Außenraum. Auch die Deutlichkeit der
Farben ist wechselnd. In einem extremen Fall (L e m a i t r e ) sollen sie sogar
das Sehen der Umgebung gestört haben: wenn andere sprachen, konnte der
Betreffende sein Bild im Spiegel nicht sehen. Andere erblicken beim
Anhören musikalischer Gebilde charakteristisch wechselnde Figuren. In
den gleichen Zusammenhang gehören die sog. sekundären
Geschmacksempfindungen beim Sehen einer Speise, das Hören des Windes
beim Anblick eines im Gemälde dargestellten Sturmes u. dgl.
Man hat die E r k l ä r u n g d e r S y n ä s t h e s i e n früher mehr auf physiologischem Gebiet
gesucht. Eine enge Verbindung der den einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen
Zentralorgans sollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung begründen, in
benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu dieser allgemeinen Tendenz noch eine
individuelle Veranlagung zur leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da

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würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem so wäre, müßte sich doch eine
weit größere Übereinstimmung in der Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben
beobachten lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus der Erfahrung des
Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird,
die dem Instrument selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der Muttersprache
verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau so wie sonst die einfachen Vokale,
charakteristische Farben annehmen, dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar
nicht mehr die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der Verbindung jener
Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden Farben. In der Lebenserfahrung des
Individuums haben sich infolge besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge
mit der Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu besprechenden
Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung des Klanges die Vorstellung der damals
gleichzeitig gesehenen Farbe wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die
Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung erreicht, weshalb man ja auch
von Sekundär- oder Pseudoe m p f i n d u n g e n spricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht,
wir sahen ja schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der Empfindung
zurückbleiben muß.

Literatur
E. B l e u l e r , Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.
K. L e n z b e r g , Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur Bleulerschen Theorie im
besondern. ZaPs 21.

2. E r s c h e i n u n g s w e i s e n d e r F a r b e n

Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer mit buntem Papier
überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem Auge und das andere Mal durch einen
durchlochten Schirm derart, daß man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des
Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man einen namhaften Unterschied
gewahr werden. Bei freier Betrachtung hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie
etwas Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm gesehen, verliert sie die
bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an
Zartheit, tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt dem Blick, gewissermaßen
in sie einzudringen. K a t z , der diese Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von
verschiedenen E r s c h e i n u n g s w e i s e n der Farben und nennt die frei gesehenen
„Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da nicht mit anderen
Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens
der Vorstellungen. Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen Farbenempfindungen
abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch Betrachten mit einem Schirm auf die
Empfindungen des Farbenoktaeders zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie
sich nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen. Namentlich zeigen sie eine ganz
neue, bei den Empfindungen nicht zu entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die
nämliche Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von der Lichtquelle
gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit
verhüllt“. — Entsprechende Erscheinungsweisen hat K a t z bei den Tast- und H e n n i n g bei den
Geruchserlebnissen gefunden.

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Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr verschiedenartige Reize ins Auge
senden, erscheinen sie uns im allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne
erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß, und doch reflektiert ersteres vielleicht
mehr Licht als letzteres. Diese K o n s t a n z d e r F a r b e n suchte H e r i n g durch die
„Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen Dingen Standardvorstellungen,
und diese verbinden sich mit den objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere
Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und die Kontrastwirkung (s. S.
29).
Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde Beleuchtung gleichsam in
Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie nicht ganz. K a t z versuchte eine
Aufmerksamkeitstheorie, und B ü h l e r will neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts
von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine Entscheidung ist heute noch
nicht möglich. Nur andeutungsweise und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten
Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen: Wir „sehen“ nicht so sehr die
Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges
hinzu: was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die Einstellung des Subjektes.
In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt
dessen sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den Doppelschirm, verringert
wird, s. S. 154 f.), kommen die Empfindungen als solche zur Geltung. Die Geschwindigkeit der hier
stattfindenden Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.
Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet,
greift sie bei den soeben besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein, ergänzt
gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die
gleiche Rolle spielt die Vorstellung bei der I l l u s i o n : eine Wahrnehmung wird durch die
hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über den Gegenstand täuschen. Ein im
Finstern gesehener Baumstrunk erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit
Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung und zuverlässige
Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen
Menschen ergänzende Vorstellungen hinzutreten.
Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die Rolle der ergänzenden
Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende. In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus
fördernde. Wie man unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze leicht
erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die unvollkommenen Wahrnehmungen in der
Regel ganz im Sinne des objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis bei
den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere Wahrnehmungen beständig
begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen,
werden aber auf sie aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.

Literatur
D. K a t z , Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.
K. B ü h l e r , Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.

3. D i e S e h g r ö ß e

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Auch in die so rätselhaften Erlebnisse des Größeneindruckes kommt
Klarheit, wenn wir sie als Verschmelzungsprodukte von peripher bedingten
Empfindungskomplexen mit den absoluten Vorstellungen auffassen.
Unterscheiden wir zunächst die wirkliche, in Metern angebbare Größe eines
Gegenstandes von der geschätzten, d. h. der vermuteten wirklichen, und der
scheinbaren, der Sehgröße. Nur mit dieser haben wir es zu tun. So erscheint
uns der Mond am Horizont groß, im Zenit klein, obwohl die Entfernung
und der Sehwinkel beidemal unverändert bleiben. Einem tieferen
Verständnis dieser und ähnlicher Erlebnisse steht nun das Wort „Sehgröße“
im Wege. Größe als Erlebnis setzt immer Verhältniserfassungen, also
gedankliche Elemente voraus. Da aber die Tiere ähnliche
„Größeneindrücke“ zu haben scheinen, müssen wir uns nach einem andern
Terminus umsehen und sprechen statt von der Größe von der Mächtigkeit
einer Ausdehnung im Gesichtsfeld. Innerhalb desselben Raumes ist die
Mächtigkeit einer Ausdehnung um so größer, je größer der zugehörige
Sehwinkel ist.
In den ersten Jahren seines Lebens lernt nun das Kind ein Doppeltes: Es
lernt verschiedene Räume kennen, und zwar Räume von typischer
Verschiedenheit. Erlaubt man eine etwas krasse Typisierung, so könnte man
von einem Stubenraum, einem Straßenraum und einem Landschaftsraum
sprechen, ähnlich wie man von einem Finger-, Arm- und Schrittraum beim
Blinden redet. Zweitens lernt das Kind innerhalb eines jeden Raumes die
Mächtigkeit anschaulich kennen, die den einzelnen Teilen des
Gesichtsfeldes entspricht: die Türe hat eine andere Mächtigkeit als die
Wand, das Haus eine andere als die Straße. Dies „anders und anders“ besagt
jedoch keinen Vergleich, sondern nur, daß bald diese, bald jene
anschaulichen Vorstellungen geweckt werden, wie sie etwa beim Abtasten
und Abschreiten gewonnen wurden. Fügen wir nun hinzu, daß nach den
Assoziationsgesetzen durch die peripher bedingten Empfindungskomplexe
bald diese, bald jene Raumvorstellung geweckt wird und mit ebendiesen
Empfindungskomplexen verschmilzt, so haben wir die einfache Formel für
alle Größeneindrücke und -täuschungen gefunden, die uns mit den Tieren
gemeinsam sind.
Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände erscheinen im Nahraum nicht
kleiner, auch wenn sie sich entfernen und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im
Nahraum, wo ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der Wand durch einen
verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir
dasselbe Bild beim nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer, bald

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kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung, die mit Hilfe des vorgehaltenen
Rahmens geweckt wird. Aus demselben Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines
beleuchteten Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild auf eine
Häuserwand projiziert wird. v. S t e r n e c k hat darum das ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie
wir, doch mit der Annahme von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen
wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts. Die Referenzfläche ist eben nur ein
Bestandstück des vorgestellten Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende
Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in der senkrechten Richtung uns nicht
die nämlichen Raumvorstellungen liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-,
Straßen- und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben- und Haus- oder
Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum nur die Mächtigkeit, die seinem
Sehwinkel im zweiten Raum entspricht, während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes
erlangt. Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen Gegenständen. Ich sah den
zierlichen Adler vom Bismarcksturm am Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf
dem Kamm eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von diesem Hügel verdeckt
wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim
senkrechten Aufsteigen sammeln, vermindert?
Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach dem Gesagten muß die
Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die
Menschen, von der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als Puppen. Nun,
hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte Höhenrichtung, für die uns keine geläufige
Raumvorstellung zu Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die Vorstellung des
Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In
der horizontalen Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck solange nicht,
als wir nicht mit den Denkprozessen an die Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche
anstellen. Solche Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen sind
bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile, weil die Mächtigkeit eines Sehdinges
nur durch Einbeziehung in einen bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber
keine scharf begrenzte, objektive Größe ist.

Literatur
A. M ü l l e r , Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.

4. D i e n i c h t - o p t i s c h e R a u m a n s c h a u u n g d e s S e h e n d e n

a) O r t s s i n n u n d L a g e w a h r n e h m u n g

Werden wir an irgendeiner Körperstelle berührt, so können wir im
allgemeinen ziemlich genau den Ort der Berührung angeben. Man
bezeichnet diese Fähigkeit als den O r t s s i n n . Daß diese Leistung nicht mit
der des oben besprochenen Raumsinnes der Haut zusammenfällt, geht aus
pathologischen Tatsachen hervor, wo bei normalem Ortssinn die simultane
und selbst die sukzessive Raumschwelle abnorm hoch sind. In einem

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anderen Falle (S p e a r m a n ) wurde sehr gut lokalisiert, während selbst
sukzessive Reize an demselben Glied nicht auseinandergehalten werden
konnten. Dennoch darf man sich den Ortssinn nicht als eine einfache
seelische Fähigkeit denken. Er ist gewiß noch komplizierter als der
Raumsinn, der sich vielleicht noch aus einfachen anatomischen
Grundbedingungen verstehen läßt. Die Lokalisation eines Tastreizes erfolgt
meist so, daß die Tastempfindung von einem schematischen visuellen
Vorstellungsbild der betreffenden Körpergegend begleitet ist. Infolge der
unbeschränkt häufigen Erfahrung brauchen wir aber, gemäß einem noch zu
erwähnenden Assoziationsgesetz, nicht mehr bewußt auf die qualitative
Eigenart der Tastempfindung zu achten, sondern unmittelbar an die
betreffende Reizung schließt sich das visuelle Bild der gereizten
Körperstelle an. Darum hängt auch die Genauigkeit der Lokalisation und
selbst die Größenschätzung der von der Haut berührten Objekte von der
Güte der Visualisation ab: wer bessere optische Vorstellungen von den
berührten Körperteilen in sich erzeugen kann, lokalisiert besser und schätzt
die Größen richtiger.
Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als nahezu selbstverständlich
erscheinen und kein nennenswertes Problem einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese
relativ einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet werden mußten, um
allmählich die Auffassung von jener rätselhaften Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge
deren sie unmittelbar von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.
Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartige T ä u s c h u n g e n auf dem Gebiete des
Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann
gleichzeitig mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck, es sei der Bleistift
schräg geneigt (C z e r m a k ). Oder die bekannte a r i s t o t e l i s c h e Täuschung: kreuzt man Zeige-
und Mittelfinger und rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man deutlich zwei
Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschung wird um so stärker, je weniger man auf die
Lage der Finger achtet, und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen steht die
durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in Widerspruch mit dem wirklichen
Sachverhalt und bedingt so eine falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch
höhere Funktionen mitwirken.
Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so wird uns in der
L a g e w a h r n e h m u n g außerdem noch vermittelt, welche Stellung im Raum ein Körperteil in
dem Augenblick einnimmt, wo ihn ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen Analyse S p e a r m a n s
besagt jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes, an welcher Stelle des
Körpers der Reiz auftraf (die segmentale Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken
gebildeten Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der Zwischenglieder
(die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die
intermediäre Bestimmung wird durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt.
Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich wenn man sie mit Spearman auf
die Gelenkempfindungen zurückführt. Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen
Empfindungen gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen die

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vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen heranziehen müssen. Sie sind auch in
der Ruhelage der Glieder vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der Haltung
des Gliedes verbinden.
Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte sich immer eine große
Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage. Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen
Körperteile wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht würde. Daraus
schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation, die sich zwischen einer bestimmten
physiologischen Erregung der Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die
Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen allerdings verschiedene Tatsachen.
Allein die neueren Untersuchungen der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in
einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich viel zur Orientierung beitragen
können. In der Tat berichten auch die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien
konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in die Vorstellungen verlegte, war
man berechtigt, die Funktion bloß konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder
die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens anerkennt und sich darüber klar
ist, daß diese höhere Funktion bei der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man
auch die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile höher einschätzen müssen
und vermutlich eine physiologische Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und
Promptheit der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch bei ähnlich
gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu besprechenden Wortverständnis.

b) D i e R a u m l o k a l i s a t i o n i m a l l g e m e i n e n

Die Grundtatsache der Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen
macht nun ohne weiteres das a l l g e m e i n e L o k a l i s a t i o n s g e s e t z
verständlich: „Die Empfindung E wird an denjenigen Ort des
Gesichtsraumes lokalisiert, dessen visuelle Vorstellung V durch die
gegebene Empfindung E in das Bewußtsein eingeführt wird und mit ihr
verschmilzt, sei es weil beide in der Erfahrung sich miteinander assoziiert
haben, sei es weil V unter den gegebenen Umständen sich in einer
besonders hohen Bereitschaft befindet“ (F r ö b e s ).
Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie, demzufolge ein
Sinnesnerv stets mit der gleichen Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so
begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell ist die hinter diesem liegende
Chorda tympani einer unmittelbaren Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der
auch Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge zu schmecken. Ganz
allgemein verlegen wir innere Reize der Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten
Orte der peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen Projektion“ redet,
darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten
ihn dann wieder hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des Nerven taucht
das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses
Gesetz nur ein besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit erklären sich auch
einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die in den vielleicht schon Jahre lang
abgenommenen Gliedern noch Schmerz und Druck u. ä. zu empfinden meinen.

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Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die scheinbare
R a u m w a h r n e h m u n g a n d e r e r S i n n e . In Wirklichkeit bietet nur der Gesichts- und der
Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung
gelangen. Sie bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die richtige
Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize (wobei bemerkt sein mag, daß die
Lokalisation um so schärfer ist, je lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der
Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre beim Sehenden letztlich nur
der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns
über die Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt. Die besondere Aufgabe
der Forschung besteht hier nur darin, die empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im
einzelnen Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster Anhaltspunkt für die
Entfernung ist die Intensität des Reizes: je schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er
entfernt sein. Es besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße und der
Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen wie dort: ein leises Pochen an der Türe
erscheint als furchtbarer, doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt an
sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung oder die wirkliche Stärke des
Schallreizes falsch ansetzen. In Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis
eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden nicht notwendig in verschiedene
Entfernung lokalisiert. Zu dieser Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden
Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden darum je in verschieden weiter
Entfernung unhörbar: die niederen verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein
tatsächlich benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die Schätzung der Entfernung.
E r n s t M a c h hat das mit einem treffenden Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“
bezeichnet. Deshalb läßt sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der
Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für die Lokalisation ist die Richtung
der Aufmerksamkeit. Wird durch irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt,
das als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt, es als solche anzusprechen.
Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der Bauchredner.

Literatur
C. S p e a r m a n , Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen Vorstellungen. APs 8 (1906).
O. K l e m m , Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

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FÜNFTER ABSCHNITT
Elementare Denkfunktionen

1. D i e B e z i e h u n g s e r k e n n t n i s

Vergleichen wir zwei Linien, zwei Figuren oder sonstige Dinge
miteinander, so entdecken wir, daß sie entweder gleich oder ungleich,
verschieden oder ähnlich sind. Wir sprechen da von S a c h v e r h a l t e n . Der
Satz: A ist größer als B, bezeichnet einen Sachverhalt. Mit den Ausdrücken
gleichsein, größersein, oberhalb-, rechts davon sein u. ä. verbinden wir
einen ganz bestimmten Inhalt. Wir meinen damit etwas anderes als die
bloße Summe der beiden erkannten Dinge: wir meinen eben die zwischen
ihnen herrschende B e z i e h u n g . Die experimentelle Untersuchung hat
gezeigt, daß man an zwei Dinge denken, sie anschaulich vorstellen und
sogar beachten kann, ohne gleichzeitig und notwendig auch die Beziehung
zu erfassen, die zwischen ihnen obwaltet. Man kann z. B. zwei Figuren
unter mehreren sehen und beachten, die objektiv einander gleich sind, ohne
deren Gleichheit gewahr zu werden. Die Beziehungserkenntnis ist somit
mehr als die bloße bewußtseinsmäßige Erfassung der in Beziehung
stehenden Gegenstände: d a s R e l a t i o n s b e w u ß t s e i n e n t h ä l t m e h r a l s d i e
Te r m i n i d e r R e l a t i o n .

Der Beziehungsgedanke, wie wir kurz sagen wollen, ist aber zweitens
auch ein wahrer Bewußtseinsinhalt: wir sprechen keine leeren Worte aus,
wenn wir von Gleichheit, von Ähnlichkeit usw. reden, sondern meinen
damit etwas ganz Bestimmtes. Diese Tatsache bliebe bestehen, auch wenn
wir Gleichsein, Verschiedensein usw. überhaupt nicht denken könnten, ohne
gleichzeitig an Dinge zu denken, die gleich oder verschieden sind. Die
eingehendere Forschung machte uns jedoch mit Erlebnissen bekannt, wo
der Beziehungsinhalt als solcher im Mittelpunkt des Bewußtseins steht. Es
erwächst darum die Aufgabe, zu prüfen, ob sich diese Beziehungsgedanken
auf die bisher besprochenen Erkenntniselemente zurückführen lassen, oder
ob sie als neue Elemente anzusprechen sind, und wenn sich letzteres

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ergeben sollte, zu untersuchen, in welchem Verhältnisse diese neuen
Erkenntniselemente zu den schon bekannten stehen.
Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung,
Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen
Erkenntnisa k t und Erkenntnisi n h a l t und beschäftigen uns hier zunächst nur
mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein der Termini:
mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das Bewußtsein ihrer
Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben, braucht nach den
erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr widerlegt zu werden. Man
hat sodann hie und da geglaubt, solche Relationen seien nichts anderes als
die Worte oder die symbolischen Zeichen, mit denen wir sie zum
mündlichen oder schriftlichen Ausdruck bringen. Allein Worte wie Zeichen
sind weder Bedeutungen noch wesentlich mit solchen verknüpft. Wir
müssen ja die Bedeutung der Worte der Muttersprache wie der fremden
Sprachen eigens lernen. Ganz dasselbe gilt für irgendwelche
Körperbewegungen. Allerdings schütteln wir zuweilen den Kopf, um den
Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben geäußerten kundzutun. Aber das
Kopfschütteln als solches besagt doch nicht den Gegensatz. Das
Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur eine Anzahl von Spannungs-
und Bewegungsempfindungen, niemals aber die Bedeutung „nein!“,
„falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen bedeutet Kopfschütteln
„ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht zuvor selbständig diese
Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis verspüren, sie durch eine
Ausdrucksbewegung kundzugeben.
Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen
oder Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder
Abänderung ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen
Elementen ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen — und
ebenso den später zu besprechenden Gefühlen — versagt gewissermaßen
die Sprache, wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen.
Es ist darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die
bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt,
sondern auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit
Empfindungsmitteln wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie
wir sahen, die Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw.
haben etwas Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit,

Page 132

Gegensatz als Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind.
Empfindungen haben eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von
einer Intensität der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn:
Beziehungen werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt
ist etwas Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit,
Lagebeziehung sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch
wenn wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus
all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den
Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die
gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf
getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen
aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider als
eine w e s e n t l i c h e zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse der
höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der
vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise
auszeichnet.
Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten: das Entdecken von
Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten. Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich
erfasse zum ersten Mal eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie zuvor
erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung oder die E n t d e c k u n g einer
Beziehung vor. Finde ich dieselbe Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein
E r k e n n e n v o n S a c h v e r h a l t e n vorliegen: ich erlebe die Beziehung zwischen C und D
u n d erkenne sie als gleich mit der früher erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine
doppelte Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als die
Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.

2. D a s a k t i v e B e z i e h e n

Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden
Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten
Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man
uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von
Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden, dann
werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster in
Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei es, daß
wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen, sei es, daß wir
mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen, bald dem andern
Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen ist ein wirklicher

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Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den Denkexperimenten eine
hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner etwas ganz anderes als die zuvor
behandelte Beziehungserfassung. Denn diese kann aufleuchten, ohne daß
wir die Termini zuvor aktiv in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt
kann das aktive Beziehen vorgenommen werden, ohne daß sich unserem
Geiste ein Verhältnis zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am
meisten Ähnlichkeit hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung,
aber man kann auch bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des
Auges oder irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man
Begriffe wie Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen
ist auch nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man
in der Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen,
doch können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit
zuwenden, ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke
etwa an die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen
mehrere Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit
umspannt werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend
mit dem Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist
nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen
abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen, z. B. in
der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer
Körperbewegung u. dgl.
Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des aktiven Beziehens ohne
Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion. Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der
Beziehungserfassung mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt, so
kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden. Richten wir darum willkürlich mit
dem Wunsche, eine etwa vorhandene Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die
Gegenstände — wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen —, so üben wir das einfachste
aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem
Glied zum andern hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des aktiven
Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der Beziehungsinhalte, wie Gleichheit,
Ähnlichkeit, Verschiedenheit, vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine etwa
vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen Gesichtspunkte, ob Gleichheit,
Verschiedenheit usf., ersetzt.

3. D i e A b s t r a k t i o n

Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur
Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein

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unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit
Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so erhalten
wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander in Beziehung
bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die Verschiedenheit der
Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt; ein blauer Farbring, der
um einen gelben gelegt ist, hebt sich von selbst von diesem ab. Ganz gewiß
bedeutet die objektive Verschiedenheit der sinnlichen Eindrücke, der
Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das Herauslösen von Teileindrücken.
Bedenkt man indes, daß wir auch aus einer ganz gleichmäßig gefärbten
Fläche beliebige Partien allein durch die Beachtung herausgreifen können,
so legt das nahe, daß wir es mit einer anderen Funktion als dem rein
sinnlichen Erfassen zu tun haben; ganz abgesehen davon, daß sich dieses
Herausgreifen nicht notwendig auf Sinnesdinge erstrecken muß.
Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere Funktionen zurückführen, so daß von
den drei genannten nur die Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt. Zu
diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit sei eine psychische
Verhaltungsweise, die auch willkürlich eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der
Aufmerksamkeit haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum erstenmal die
Verschiedenheit eines blauen von einem gelben Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die
gelbe Farbe die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne Zutun unseres
zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen, so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das
wir nun auf jeden Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren gelernt.
Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung der Aufmerksamkeit auf einen
bestimmten Gegenstand. Neueste Untersuchungen (M. v. K u e n b u r g ) über die Abstraktion des
Kindes sind dieser Auffassung günstig.
Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen geschildert. Der Erwachsene
abstrahiert in der Regel, indem er einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der
Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt wirkt als antizipierendes Schema
(siehe unten S. 173), er gibt der Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die
Wahrnehmung der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in Bereitschaft setzt.
Über die L e i s t u n g der Abstraktion haben die Experimente schon mancherlei ergeben. K ü l p e
bot seinen Vpn verschiedenfarbige in einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn
hatten bald auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald auf deren Form zu
achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte p o s i t i v e A b s t r a k t i o n , das Herausgreifen der
zu beachtenden Teile, außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder nur sehr
wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten wußten, so konnten sie doch die
Gesamtanordnung sehr genau angeben und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden
Momenten kann auch willkürlich geschehen und heißt dann n e g a t i v e A b s t r a k t i o n . Sie
scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente, vermutlich handelt es sich dabei
um eine Unterdrückung oder Hemmung. Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei
Elemente miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben abstraktiv schwerer zu
trennen als Form und Gesamtanordnung.

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Literatur
J. L i n d w o r s k y , Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil, 4. Abschnitt: Beiträge zur
Psychologie der Beziehungserkenntnis.
F. S e i f e r t , Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung. ZPs 78 (1918).

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SECHSTER ABSCHNITT
D i e Ve r b i n d u n g d e r B e z i e h u n g s f u n k t i o n m i t
den Empfindungskomplexen

1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung

Die sensistische Richtung in der experimentellen Psychologie, die alle
Erlebnisse nur aus den sinnlichen Elementen verständlich machen will, ging
lange Zeit unachtsam an einer höchst geläufigen Erscheinung des Alltags
vorüber, die übrigens jeder Psychologenschule schwere Rätsel aufgibt. Es
ist das Verdienst Chr. v. E h r e n f e l s ’, nachdrücklich die Aufmerksamkeit auf
das Problem der Gestaltwahrnehmung gelenkt zu haben. Seit seinem
Aufsatz „Über Gestaltqualitäten“ (1890) ist die Erörterung dieses Problems
noch nicht zum Stillstand, aber auch noch nicht zu einer allseitig
befriedigenden Lösung gekommen. Betrachtet man vier Punkte in dieser
Anordnung ⁘, so kann man sie als Kreuz und als Quadrat auffassen. Die
Sinnesdaten sind in beiden Fällen die nämlichen, die sich ergebenden
Gestalten sind verschieden, und jede einzelne ist offenbar mehr als die
Summe der vier punktförmigen Eindrücke. Noch deutlicher wird das bei der
Melodie. Man kann ein Lied so transponieren, daß kein einziger Ton
derselbe bleibt, und doch erkennt jedermann sofort die alte Melodie wieder.
Die melodische Gestalt ist also offenbar etwas anderes als die Summe der
Einzeltöne.
Der Versuch einer A n a l y s e d e s G e s t a l t e i n d r u c k e s wird heute wohl
folgende Faktoren aufzählen können. Erste Voraussetzung ist eine Mehrheit
sinnlicher Daten, die im Raum oder in der Zeit verteilt sind. Ihre Qualität
und Intensität ist von untergeordneter Bedeutung, wie schon die
Transposition einer Melodie zeigt; auch die vier Punkte in obiger Figur
könnten eine beliebige Farbe haben, wenn auch zu beachten bleibt, daß
Qualität und Intensität auf die normale Gestaltbildung von Einfluß ist: ist
z. B. der letzte Ton eines Tonpaares höher, so werden die Töne in der Regel
in jambischer Gestalt aufgefaßt. Zweitens: Bei unseren vier Punkten wäre

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es möglich, daß die (früher erworbene) Vo r s t e l l u n g eines Rhombus, eines
Kreuzes, zweier Parallelen je nach ihrer Bereitschaft auftauchte und die
Auffassung der Punkte bestimmte. Allein damit ist das Problem nicht zu
lösen. Wir können ja den Einzeleindrücken völlig neue Gestalten
entnehmen, von denen wir noch keine Vorstellung haben.
Wichtiger als die Vorstellungen in Bereitschaft sind (drittens) die
a k t i v e n B e z i e h u n g s a k t e . Dieses aktive Beziehen oder Zusammenfassen
ist nicht mit der Aufmerksamkeitsbeachtung zu verwechseln. Das Beachten
eines jeden einzelnen Tones einer Tonfolge macht aus ihr keine Melodie,
sondern kann eine solche eher in ihre Teile wieder zerfallen lassen. Aus
dem aktiven Aufeinanderbeziehen ergibt sich (viertens) eine
B e z i e h u n g s e r f a s s u n g . Zwar besagt eine derartige Beziehungserfassung
nichts über das abstrakte Verhältnis der Längen zweier Geraden, der
Schwingungszahlen zweier Töne usw., aber wir erleben, wie die
anschaulichen Termini der Beziehung sich zueinander verhalten. Wäre der
Ausdruck nicht mißverständlich, so möchte man von anschaulichen
Beziehungen reden. Wir hören nicht bloß einen Ton und dann den anderen,
wir erfassen es vielmehr, wie nah oder wie fern die Qualität des zweiten zu
der des ersten steht. Zweifellos steigert solch bewußtes Erfassen der
Aufeinanderfolge von sinnlichen Eindrücken die Gefühlswirkung, die sich
ohnedies schon an eine Empfindungsfolge anschließt. Doch machen die
Gefühle nicht die Gestaltqualität aus: ein Fünfeck unterscheidet sich von
einem Sechseck nicht so sehr durch seine Gefühlswirkungen als eben durch
seine Gestalt.
Wir haben bisher die Faktoren aufzuzählen gesucht, die beim Auffassen einer n e u e n Gestalt
wirksam sind. Man hat früher gestritten, ob Gestalten analytisch oder synthetisch aufgefaßt würden.
Einzelne Autoren meinten, wir seien immer auf das synthetische Fortschreiten von den Teilen zum
Ganzen angewiesen. Die Experimente ergaben, daß beide Auffassungsweisen möglich sind. Doch
dürfte bei völlig neuen und zeitlich sich entwickelnden Gestalten, wie Rhythmus und Melodie, die
Synthese vorherrschen. Es ist das ein ganz eigenartiges Erlebnis, wenn etwa eine Folge von vier
Tönen, die anfangs ungeordnet und unübersehbar sind und darum wohl auch den Eindruck einer
größeren Anzahl machen, Gestalt annimmt. Eine lustbetonte Klarheit und Einfachheit tritt ein, und
man staunt über die geringe Zahl der Einheiten, die sich leicht beherrschen lassen: die vier Töne
waren eben nur die zweimalige Wiederholung der nämlichen Terz.
Ist die Gestaltauffassung mehr als der rein sinnliche Eindruck, dann werden wohl auch die
T ä u s c h u n g e n über die objektiv gegebenen Gestalten nicht ausschließlich auf Inadäquatheiten
der Sinnesfunktionen beruhen. Den sicher erweisbaren Anteil der Sinne an diesen Täuschungen
haben wir oben besprochen (S. 81 f.). Was durch die Unvollkommenheiten der Organe nicht erklärt
werden konnte — und es ist dies der größere und bedeutsamere Teil —, hat man durch
Assoziationstheorien, Augenbewegungstheorien, Aufmerksamkeits- und Urteilstheorien zu fassen

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gesucht, Theorien, die oft den Anspruch auf Alleinherrschaft machten. Ist unsere Analyse der
Gestaltwahrnehmung auch nur einigermaßen richtig, dann sind nahezu ebensoviel Faktoren bei der
Fälschung der Gestaltwahrnehmung, wie bei ihrer Entstehung am Werke. Die Wahrscheinlichkeit,
mit einer einzigen der genannten Theorien auszukommen, ist darum nicht groß. Eine systematische
Durchprüfung aller Wahrnehmungstäuschungen auf die einzelnen Faktoren mit dem Versuch einer
Variation derselben wäre noch anzustellen. Auf Einzelnes hat man indessen schon aufmerksam
gemacht, so auf die Verwechslung der Beziehungspunkte, namentlich beim Vergleich zweier
Gestalten: ein auf der Spitze stehendes Quadrat erscheint größer als ein liegendes, weil man statt der
Flächen die beiden von Punkten der Figuren begrenzten Senkrechten aufeinander bezieht
(S c h u m a n n ); erscheint länger als , weil man den von den Schrägen
eingeschlossenen Raum mit einbezieht (M ü l l e r - L y e r ).

Literatur
K. B ü h l e r , Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).
M. W e r t h e i m e r , Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol. Forschung (1922) I, S.
41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).

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2. Kap. Die Zeitwahrnehmung

Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie ist
eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den
Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des
„Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in der
Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem
Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben
nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese
o b j e k t i v e Z e i t erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt nur:
Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?
Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun
mancherlei. Wir sprechen von der Z e i t i m a l l g e m e i n e n und von
verschiedenen Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im
allgemeinen und von verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da
haben wir es mit der letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines
Erlebnisses zu tun: wir sind zur b e g r i f f l i c h e n Erfassung der Zeit
vorgedrungen, eine Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe
würdigen können. Wir beherrschen zweitens die z e i t l i c h e n B e z i e h u n g e n :
das Nacheinander, das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen
wir davon ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge
gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse
vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis, daß
wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung zu
erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache und
ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen der
Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach dem
Trinken kommt. Es ist dies eine B e z i e h u n g s e r f a s s u n g , die ohne
Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen
auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten, eine
so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung entgegen
dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der systematischen
Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir auch dem Tier die
Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der Gleichzeitigkeit
absprechen.

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Drittens nehmen wir unmittelbar die D a u e r wahr: das, was die Sinne
uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die Erlebnisse in uns,
das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden, tritt immer nur als ein
dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in a l l e n unseren Erlebnissen
gegeben, wie das Ausgedehntsein in den Erlebnissen des Gesichts- und
Tastsinnes gegeben ist. So verstanden, erlebt auch das Tier die Dauer.
Sobald man jedoch nur diese eine Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse
für sich betrachtet, hat man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir
das Tier nicht für fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite
individueller Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand
der Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die
Bezeichnung Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für
die Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn
anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen
Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der
Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie
geläufig war, stellte man dem Experiment z w e i H a u p t a u f g a b e n : die
Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für
das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen
nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die
Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.
Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei erkennt, die sich in einem
Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀ Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene
Netzhautpunkte von 10 σ (P a u l i ) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das Gehör
nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das zeitliche Auflösungsvermögen dieser
Sinne gefunden. Man weiß nun, wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu
lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann — an sich höchst bedeutsame
Ergebnisse. Hinsichtlich der D a u e r s c h w e l l e erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2
σ liegen muß.
Bei der Beurteilung von Z e i t s t r e c k e n empfiehlt es sich, d r e i H a u p t f ä l l e auseinander
zu halten: man beachtet die Dauer gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim
Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den Eintritt eines bestimmten
Ereignisses abwartend.
Zu dem ersten Hauptfall gehören namentlich die experimentellen Ve r g l e i c h u n g e n
z w e i e r Z e i t s t r e c k e n . Sind diese s e h r kurz, dann achtet man in Wirklichkeit nicht auf die
Dauer, sondern auf die Geschwindigkeit, mit der sich die die Zeitstrecke begrenzenden Reize folgen.
Bei l ä n g e r e n Zeitintervallen, etwa bis zu 3″, scheint ein unmittelbarer anschaulicher Vergleich
der Dauer möglich zu sein. Bei noch größerem Zeitabstand wird der unmittelbare Vergleich schwerer.
Der Beobachter muß die Grenzreize, z. B. die Metronomschläge, mit sichtlicher Bemühung
zusammenhalten, damit die Vergleichung zuverlässig bleibt. Das weist darauf hin, daß größere
Strecken überhaupt nur an den sie ausfüllenden Erlebnissen gemessen werden können. Das ist nach

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unserer Auffassung der Dauer als eines unselbständigen Momentes zu erwarten und ist im Grunde
auch bei dem Vergleich der kleineren Zeiten vorhanden. Nur daß hier die wenig ausgesprochenen
Erlebnisse des Allgemeinbefindens hinreichen, während bei längerer Dauer charakteristische Dinge,
wie aktives Bemühen, Nachkonstruieren der Zeitstrecke, Beachtung der Atembewegungen, der
wachsenden Spannung u. ä., zu Hilfe genommen werden. Als allgemeine Regel ergab sich bei diesen
Zeitvergleichungen: kleine Zeiten werden überschätzt, große werden unterschätzt; zwischen beiden
liegt eine Indifferenzzone von 1–2″, die nahezu richtig beurteilt wird. Auf den Zeitvergleich wirken
mancherlei Faktoren bestimmend ein: so die verschiedene Stärke der das Zeitintervall abgrenzenden
Signale; das intensivere Signal verkürzt das Intervall, wenn es an dessen Anfang steht, es verlängert
es, wenn es das Intervall abschließt. Doch gehören diese Dinge in die Psychologie des Vergleiches.
Erlebt man vielerlei während einer bestimmten Spanne objektiver Zeit und achtet gleichzeitig auf
die Dauer, so erscheint sie einem lang; achtet man hingegen nicht auf die Zeit, so wird man von dem
Ende der Zeitspanne überrascht. Daher auch der große Unterschied bei dem Vergleich von leeren und
ausgefüllten Zeitstrecken, der sich aber je nach der Aufmerksamkeitsrichtung des Beobachters anders
geltend macht. In der Erinnerung hingegen wird eine erlebnisreiche Zeitspanne größer erscheinen als
eine erlebnisarme. Da uns für die Wahrnehmung der Zeit kein besonderes Sensorium zur Verfügung
steht, und der absolute Eindruck des Langen oder Kurzen nur aus der Menge der durchschnittlich in
der Zeiteinheit erlebbaren Ereignisse entsteht, so begreift man auch, daß bei einer außergewöhnlichen
Steigerung des Vorstellungslebens, wie sie etwa der Haschischgenuß hervorruft, die Dauer geläufiger
Verrichtungen merkwürdig gesteigert zu sein scheint: das Passieren einer Straße will kein Ende
nehmen, weil außergewöhnlich viele Bilder durch den Geist des Gehenden ziehen.
Im dritten Hauptfall erwarten wir ein zukünftiges Ereignis. An sich verfließt uns da die Zeit nicht
langsamer als sonst, aber wir konstatieren immer wieder, daß unser Verlangen noch nicht erfüllt ist.
Damit verdrängen wir gleichzeitig Gedanken und Beschäftigungen, die uns zerstreuen könnten, und
es entsteht die Langeweile.
Offenbaren die genannten Verhältnisse die Relativität und Subjektivität unserer Zeitschätzung, so
zeigt die „Z e i t v e r s c h i e b u n g “ unsere Unfähigkeit, ein Jetzt zu fixieren, wenn es durch zwei
disparate Sinneseindrücke gekennzeichnet wird. Diese Tatsache ist unter dem Namen der
persönlichen Gleichung schon lange in der Astronomie bekannt: zwei Beobachter werden niemals in
übereinstimmender Weise angeben, an welcher Stelle des Fadenkreuzes der durchgehende Stern beim
Ertönen des Sekundenschlages stand. W u n d t prüfte dies genauer durch „Komplikationsversuche“.
Die Vp hat einen sich bewegenden Zeiger zu beobachten und festzustellen, wo der Zeiger stand, als
ein Glockensignal ertönte. Anfangs wird in der Regel eine Stellung vor der richtigen, später eine
solche hinter der zutreffenden genannt. Man hört also im Anfang gewissermaßen das Signal, bevor es
gegeben ist, und später scheinbar erst, nachdem es schon erklungen. Die Erklärung des Phänomens
ist noch umstritten. Man wird es nicht einfach mit Wundt auf die verschieden lange
Apperzeptionszeit der beiden Reize zurückführen können, sondern beachten müssen, auf welchen
Reiz der Beobachter jeweils eingestellt ist: die Auffassung jenes Sinnesreizes, den die Vp zunächst
erwartet, ist begünstigt und erfolgt darum vor der des anderen Reizes (M i c h o t t e ). Erhellt man die
Fensterreihe eines Schirmes gleichzeitig durch eine Geißlerröhre und läßt eines der Fenster beachten,
so scheint die Aufhellung von dieser Stelle auszugehen (B e t h e ).

Eine weitere Ungenauigkeit in der Zeitauffassung, die jedoch unserem
ganzen Denken und Leben zum Heile gereicht, begehen wir bei der
Auffassung des J e t z t . Das objektive Jetzt kann nur in einem unteilbaren
Augenblick bestehen, das subjektive Jetzt, die „p s y c h i s c h e P r ä s e n z z e i t “
hingegen umfaßt mehrere Sekunden. Das in dem punktförmigen Jetzt

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Erlebte entschwindet nämlich beim Gesunden nicht stracks dem
Bewußtsein. Es verweilt zwar nicht mehr im Mittelpunkt, es verliert auch je
länger, je mehr an Klarheit und Ausgeprägtheit, aber es steht doch noch so
vor unserem Geiste, daß wir es nicht zu reproduzieren, sondern nur zu
beachten brauchen, falls wir es noch einmal zu besehen wünschen, während
wir die Erlebnisse der früheren Vergangenheit überhaupt erst wieder ins
Bewußtsein zurückführen müssen. Der große Vorteil dieser Einrichtung
liegt auf der Hand und wird besonders gewürdigt, wenn krankhafte
Übermüdung des Gehirns den Faden der psychischen Kontinuität abreißen
läßt.
Das stufenweise Verblassen der eben dagewesenen Erlebnisse verleiht
diesen gewissermaßen Temporalzeichen, an denen ihre zeitliche Folge
erkennbar bleibt: je verblaßter der Bewußtseinsinhalt, um so älter ist er.
Vermittels dieser Temporalzeichen glaubte man eine streng empiristische
Z e i t t h e o r i e entwerfen zu können, ganz ähnlich wie L o t z e es beim Raum
versucht hatte: die Dauer würde nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern
entstünde erst aus den Bewußtseinsinhalten samt ihren Temporalzeichen.
Allein wenn wir den Übergang von dem Jetzt in die Vergangenheit oder
vielleicht auch nur von dem Sosein in das Anderssein nicht unmittelbar als
solchen erleben, werden wir aus den genannten Elementen ebensowenig die
Zeit integrieren, wie wir den Raum aus den Lokalzeichen gewinnen
konnten. Man muß darum auch bei der Zeit- bzw. der
Veränderungswahrnehmung ein geringes Anfangskapital im Sinne des
Nativismus voraussetzen. Alles weitere — und das ist das wichtigste
Ergebnis der Experimente — wird in der Erfahrung gewonnen.
Wie wir Abgrenzungen des Raumes zu Raumgestalten vereinigen, so fassen wir Abgrenzungen
der Zeit zu Z e i t g e s t a l t e n zusammen: zwei Zeitmarken (Taktschläge, Lichter, Berührungen)
bilden zusammen mit ihrem zeitlichen Intervall eine Zeitstrecke. Mehrere Zeitstrecken schließen sich
zu einer r h y t h m i s c h e n G e s t a l t zusammen. Dabei pflegt eine oder mehrere der Zeitmarken
durch die Beachtung betont zu werden. Diese Hervorhebung einzelner Zeitmarken kommt praktisch
einer Intensitätssteigerung gleich, ist mit ihr jedoch nicht identisch: sie kann ja auch den merklich
schwächeren Reizen zugewiesen werden.
Da viele unserer Bewegungen, namentlich unser Gang, rhythmisch gegliedert sind, lösen
rhythmische Eindrücke alsbald unwillkürliche Bewegungen aus. Darum meinte G. E. M ü l l e r , die
rhythmische Auffassung objektiv völlig gleichmäßiger Reize sei nur eine Folge früherer Erfahrungen.
K o f f k a versuchte diese Ansicht experimentell zu widerlegen: optische Eindrücke sollen mit
Ausschluß jeglicher Bewegungsimpulse dennoch rhythmisch erlebt werden können. Es wird schwer
sein, hierfür einen unanfechtbaren experimentellen Beweis zu liefern. Aber da der Gedanke G. E.
Müllers auf dem Gebiet der übrigen Gestaltwahrnehmungen versagt und das Rhythmuserlebnis den
gleichen Charakter wie die anderen Gestaltwahrnehmungen trägt, werden wir es wie diese in der

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Hauptsache auf das aktive Zusammenfassen und auf das Erleben der Beziehungen zwischen
anschaulichen Elementen zurückführen, während wir der subjektiven Betonung der objektiv
gleichmäßigen Zeitmarken nur eine vorbereitende Rolle zuteilen.

Literatur
V. B e n u s s i , Psychologie der Zeitauffassung. 1913.
H. W e r n e r , Über optische Rhythmik. APs 38 (1918).

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3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung

Ganz ähnlich wie bei der Zeitwahrnehmung läßt sich auch hier eine
begriffliche Sonderung vornehmen. Wir brauchen darum nur auf die obigen
Ausführungen zu verweisen. Die Hauptprobleme werden sich alsdann an
die unmittelbar wahrzunehmende Bewegung knüpfen und vor allem das
psychologische Wesen der Bewegungswahrnehmung zu ergründen haben.
Es empfiehlt sich für unsere Zwecke nicht, hier induktiv voranzugehen, wir
hätten der Tatsachen zu viele mitzuteilen, bevor der Leser imstande wäre,
sie zu würdigen und zu überschauen. Wir werden darum zuerst die T h e o r i e
d e r B e w e g u n g s w a h r n e h m u n g erörtern, um uns darauf mit eigenartigen
Fällen aus dem Gebiet der Bewegungswahrnehmung abzufinden.
Ältere Autoren versuchten die Bewegungswahrnehmung als einen S c h l u ß aus den
Wahrnehmungen der veränderten Lage desselben Körpers zu verstehen. In der Tat schließen wir bei
sehr langsamen Bewegungen (Gletscherbewegungen, Umlauf des Stundenzeigers) aus den
verschiedenen Lagen auf eine vorausgegangene Bewegung. Aber so läßt sich das Erlebnis der
gewöhnlichen Bewegungswahrnehmung nicht deuten. Denn nicht vergangene, sondern gegenwärtige
Bewegungen sehen wir da. Überdies wissen wir heute, daß ein Schluß uns immer nur Beziehungen
zwischen bekannten Gliedern mitzuteilen, niemals aber anschauliche Inhalte, die uns nicht schon die
Wahrnehmung geliefert hätte, vorzuführen vermag. Und etwas Anschauliches ist zweifellos in der
Bewegungswahrnehmung geboten.
Es lag daher nahe, eine besondere B e w e g u n g s e m p f i n d u n g anzusetzen (E x n e r ), oder
doch die Bewegung ein unselbständiges Moment der Empfindungen sein zu lassen, ähnlich wie die
Intensität (S c h u m a n n ). Mancherlei Tatsachen sprechen für solche Theorien.
Die Feinheit der Bewegungswahrnehmung ist in der Netzhautmitte etwa fünfmal so groß wie an
der Peripherie. Die Fähigkeit, zwei bewegte Objekte auseinander zu halten, ist auf dem gelben Fleck
ebenso groß wie die Sehschärfe, mit der zwei ruhende Punkte aufgelöst werden. An der Peripherie
hingegen werden die bewegten Sehdinge viermal besser unterschieden als die unbewegten. Doch
lassen sich diese Verhältnisse rein physiologisch verständlich machen (L a s e r s o h n ).
Außerdem widerstreitet den Empfindungstheorien dieses: Wo immer der adäquate Reiz für das
Auftreten einer Empfindung bzw. die Veränderung eines Empfindungsmomentes gegeben ist, tritt bei
normalen Verhältnissen auch die Empfindung bzw. die Veränderung des Empfindungsmomentes ein.
Der einzige adäquate Reiz — wir bleiben vorerst immer bei der optischen Bewegungswahrnehmung
— wäre hier nun die sukzessive Erregung benachbarter Netzhautstellen durch die gleichen
Lichtwellen. So oft sie statt hätte, müßte auch Bewegung gesehen werden. Dem ist jedoch nicht so.
Bewege ich mein Auge über einen Gegenstand hin, so nehme ich zumeist optisch keine Bewegung
wahr.
Andere Theorien verzichten auf die Einführung eines neuen psychischen Elementarvorganges. So
glaubt L i n k e (wir modifizieren ein wenig seinen Gedanken), die Wahrnehmung der jeweils anderen
Lage des bewegten Gegenstandes zu seiner Umgebung mache die Bewegungswahrnehmung aus.
Sinnlich wäre uns jeden Augenblick ein anderes Lagebild geboten. Dazu kämen zwei

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Beziehungserfassungen, die nur gedanklich zu leisten sind: einmal die Lageerfassung, sodann die
I d e n t i f i k a t i o n d e s objektiv bewegten G e g e n s t a n d e s i n d e n w e c h s e l n d e n
L a g e n . In Worte gefaßt, wäre also das Erlebnis: „Jetzt hier, jetzt da, jetzt dort! ...“ Man hat diese
Theorie mit untauglichen Waffen bekämpft. Der Identifikationsprozeß ist nichts „Logizistisches“.
Identifizieren ist ein wirkliches Erlebnis. Zwar geben wir es nicht immer durch Worte kund, ja wir
konstatieren es nicht einmal immer — wie wir auch die Verschiedenheit der vor uns ausgebreiteten
Farben geistig erfassen, ohne sie immer zu konstatieren. Auch sind wir bei Beobachtung eines
bewegten Gegenstandes hinreichend auf die Erfassung der Identität eingestellt. Daß es
Scheinbewegungen zwischen zwei nacheinander aufleuchtenden Grenzlinien gibt, ohne daß diese für
identisch gehalten werden (W e r t h e i m e r ), bedeutet keine unüberwindliche Schwierigkeit, da
dieses Erlebnis nur bei solchen beobachtet wird, die schon eine reiche Erfahrung im
Bewegungssehen hinter sich haben. Dagegen vermißt man eher eine Erklärung des anschaulichen
Überganges von einer Lage in die andere, der doch wirklich gesehen wird.

Am meisten befriedigt wohl eine in der Hauptsache von S t e r n
begründete Theorie. Stern nimmt eine u n m i t t e l b a r e W a h r n e h m u n g d e r
Ve r ä n d e r u n g an: wir sehen, wie ein Licht verblaßt, wie ein Abstand
zunimmt oder sich verkleinert. Voraussetzung einer solchen
Veränderungswahrnehmung ist einerseits das Erleben der sich
kontinuierlich ändernden Empfindungen, anderseits eine Art Identifikation,
die Dingerfassung. Bewegt sich nun ein Gegenstand auf einer sichtbaren
Strecke, so erkennen wir an den sinnlichen Daten nicht nur die Veränderung
der Lage, sondern auch unmittelbar das Zunehmen der einen und das
Abnehmen der andern Distanz auf der sichtbaren Strecke. Damit wäre wohl
auch der anschauliche Charakter der Bewegungswahrnehmung erklärt, ohne
daß neue Erkenntniselemente angesetzt werden müßten.
Gegen diese Theorie bedeutete die Wahrnehmung eines bewegten leuchtenden Punktes im
Dunkeln, also ohne unterscheidbare Anhaltspunkte für die Lageauffassung, erst dann eine
Schwierigkeit, wenn sie an einem Individuum ohne jede Erfahrung auf dem Gebiet des
Bewegungssehens oder gar der Bewegungswahrnehmung überhaupt festgestellt würde. Für den
Erwachsenen gewinnen nämlich die einzelnen Netzhautpunkte einen Ortswert (s. S. 81 f.), und
ebenso können die verschiedenen Phasen des Nachbildes, das der leuchtende Punkt hinterläßt, und
endlich die Bewegungen, die erforderlich sind, um ihm mit der Blickrichtung zu folgen, zu Kriterien
des Bewegungseindruckes werden. Übrigens muß die Bewegung im Dunkeln rascher verlaufen als
im Hellen, um wahrgenommen zu werden.
Da wir die Bewegungswahrnehmung in der Hauptsache auf höhere Prozesse zurückführen,
müssen wir sie folgerecht zu unserem Standpunkt dem Tier aberkennen. Es genügt aber auch zur
Erklärung der Tatsachen, wenn der kontinuierlich sich ändernde Gesichtseindruck, den z. B. die
Katze von der laufenden Maus erhält, das Tier in jedem Augenblick zu anderen zweckmäßigen
Bewegungen veranlaßt. — Aus dem Relativitätscharakter der Bewegungswahrnehmung ergibt sich
ferner, daß wir kein zwingendes sinnliches Merkmal dafür haben, ob sich der zufällig beachtete
Punkt oder der Hintergrund bewegt. Unsere allgemeine Erfahrung legt uns nahe, die Bewegung im
allgemeinen auf den kleineren Gegenstand zu beziehen und den größeren Hintergrund als ruhend
aufzufassen. Darum scheint uns der Mond, an dem zerrissene Wolken vorbeijagen, häufig in eiliger

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Bewegung begriffen. Im allgemeinen läßt sich sagen: der Träger der Bewegung wird durch
Erfahrungskriterien bestimmt; beim Widerstreit der Kriterien kann es zu Täuschungen kommen.
Wir haben uns nunmehr mit einer Reihe eigentümlicher Erscheinungen auf dem Gebiet des
Bewegungssehens auseinanderzusetzen. Verfolgen wir mit fixierendem Blick einen Vogel am
wolkenlosen Himmel, so nehmen wir die Bewegung wahr, ohne daß sich auf der Netzhaut die Reize
nennenswert ändern. In diesem Falle wird der Bewegungseindruck durch die gleichzeitigen
Bewegungen des Auges oder des Kopfes hervorgerufen. Aus der optischen Wahrnehmung unserer
bewegten Glieder gewinnen nämlich die kinästhetischen Empfindungen ihre Bedeutung als
Bewegungsempfindungen, während beim Blindgeborenen einfach an die Stelle der Netzhaut die
Tastorgane treten. — Beobachten wir ruhende Objekte mit bewegtem Auge, so erscheinen uns die
Dinge bald ruhend, bald bewegt, je nachdem unsere Augenbewegungen, einerlei ob sie aktiv oder
passiv sind, als Reproduktionsmotive für die Ruhe bzw. Bewegungsauffassung mit in Konkurrenz
treten. Es kann sogar gleichzeitig ein Teil des Gesamtbildes ruhend und ein anderer als bewegt
gesehen werden: lese ich z. B. einen gedruckten Anschlag, der dicht neben einem geschlossenen
Rolladen angebracht ist, so bleibt trotz der Lesebewegungen des Auges der Druck wie immer auf
derselben Stelle, während der Rolladen zur Seite in die Höhe zu steigen scheint. — Weiterhin kann
unter Umständen Bewegung wahrgenommen werden, ohne daß sich in der Außenwelt oder auf der
Netzhaut irgend etwas verändert. Wer bei gelähmten Augenmuskeln ein seitlich erblicktes Objekt
fixieren will, hat den Eindruck, daß es vor ihm flieht, und doch behielt das Objekt sowohl wie das
gelähmte Auge seine frühere Lage bei. Ähnliches erlebt man beim Drehschwindel. Es handelt sich
hier um eine sekundäre Bewegungstäuschung: wer sich erfolglos bemüht, ein Ding durch Bewegung
zu erreichen, weiß, daß es sich bewegt, und erlebt auch anschaulich einen Bewegungseindruck. Der
Gelähmte bemüht sich nun gleichfalls erfolglos um die optische Erreichung jenes Sehdinges und
erfährt darum den Eindruck des Fliehens.
Ein sehr sorgfältiges Studium hat man neuerdings einer anderen Klasse von
S c h e i n b e w e g u n g e n gewidmet. Läßt man zwei benachbarte Objekte, etwa parallele Striche
nacheinander sichtbar werden und steigert allmählich die Schnelligkeit der Sukzession, so scheint bei
einer gewissen Geschwindigkeit etwas von dem ersten Strich zum zweiten herüberzuspringen. Doch
vermeint man nicht, das nämliche Ding von der Ausgangs- zur Endlage kommen zu sehen, vielmehr
mutet einem der Vorgang eher wie eine Bewegung ohne Bewegtes an. Bei noch größerer
Geschwindigkeit, unter 30 σ verschwindet diese Scheinbewegung, und die beiden Striche werden
gleichzeitig und ruhend gesehen. W e r t h e i m e r versucht solche Scheinbewegungen vermittels
einer physiologischen Theorie zu erklären: Die den beiden Parallelen entsprechenden Erregungen im
Gehirn breiten sich allseitig aus. Infolgedessen treffen die Ausstrahlungen von beiden Erregungen
aufeinander, verstärken sich und erwecken den Eindruck einer Bewegung. Folgen die beiden Reize
zu langsam, so ist die Ausstrahlung des ersten schon abgeklungen, ehe die zweite einsetzt; folgen sie
zu schnell, so treten die Ausstrahlungen nahezu gleichzeitig auf, so daß sich keine Richtung der
Bewegung herausbilden kann. Diese physiologische „Querfunktion“ soll auch die Grundlage der
Gestaltauffassung sein. Innerhalb gewisser Grenzen mag diese geistvolle Theorie dem Sachverhalt
entsprechen. Es stehen ihr jedoch manche Tatsachen entgegen. Setzt man statt der parallelen Striche
parallele, aber entgegengesetzt gerichtete Pfeile, so scheint der erste Pfeil nicht nur
herüberzuspringen, sondern auch eine Wendung zu machen, was mit der Theorie nicht recht
verträglich ist. Auch wird die Erscheinung bei kurz dauernder und sehr intensiver Exposition der
einzelnen Reize weniger deutlich als bei sehr rascher und wenig intensiver Darbietung. Diese und
andere Umstände weisen darauf hin, daß nicht ausstrahlende Gehirnreize, sondern ergänzende
Vorstellungen die Grundlage der Scheinbewegungen sind. Eine genauere Begründung dieser Ansicht
kann indes hier nicht geboten werden.
Sehr viele Rätsel gibt das S t r o b o s k o p (Kinematograph) den Psychologen auf. Es sind viele
Bilder dargeboten, und doch wird nur e i n bewegtes Ding gesehen; es werden prinzipiell ruhende

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Bilder gezeigt, und doch nimmt man Bewegung wahr; es werden die Bilder von getrennten Phasen
der Bewegung vorgeführt, und doch erscheint eine zusammenhängende Bewegung. Eine allseitig
befriedigende Lösung der Probleme liegt noch nicht vor. In der Hauptsache sind jene höheren
Prozesse zu betonen, die auch bei der einfachen Bewegungswahrnehmung die erste Rolle spielen.
Dazu kommen ähnlich wie bei den Scheinbewegungen die ergänzenden Vorstellungen aus der
sonstigen Erfahrung, und endlich sind außer der Trägheit der Netzhautprozesse wohl auch die
positiven Nachbilder und die dem bewegten Bilde folgenden Blickbewegungen an dem
Gesamtergebnis beteiligt.
Noch merkwürdiger sind die a u t o k i n e t i s c h e n Bewegungen. Der Beobachter befindet sich
im Dunkelraum und fixiert einen Leuchtpunkt. Mit einemmal beginnt der Leuchtpunkt sich zu
bewegen, obwohl die Lichtquelle ihren Standort nicht verändert hat, und obwohl die meßbaren
Fixationsschwankungen des Beobachters so gering sind, daß sie für die wahrgenommene Bewegung
gar nicht in Frage kommen. Die Erklärung liegt auch hier bei den ergänzenden Vorstellungen. Der
Beobachter tritt mit einer gewissen Vorstellung von der Lage des umgebenden Raumes in das
Dunkelzimmer. Da er im Dunkeln keine Anhaltspunkte, „Verankerungen“ (Wertheimer), für diese
seine Vorstellung hat, kann sie unter Umständen durch eine andere verdrängt werden, was sehr leicht
geschieht, wenn etwa durch ein Geräusch am Boden die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt wird. Wie
nun die Lageveränderung zu dem gesehenen Raum, so wird auch die Lageveränderung zum
vorgestellten Raum als Bewegung aufgefaßt.
Blickt man eine Zeitlang auf einen Wasserfall, oder auf den Boden vor den Füßen beim Gehen
oder auf sonst einen bewegten großflächigen Gegenstand und richtet dann das Auge auf ein ruhendes
Objekt, so scheint dieses sich für Augenblicke im entgegengesetzten Sinne zu bewegen. Dieses
negative Bewegungsnachbild hat eine stattliche Reihe von experimentellen Untersuchungen
veranlaßt. Es dürfte nicht in allen Fällen auf die gleichen Bedingungen zurückzuführen sein.
Bisweilen werden unbeachtete Augenbewegungen, eine Nachwirkung des längeren Hinsehens auf die
bewegte Fläche (Nystagmus), der Grund sein. Doch nicht immer; so nicht bei dem an einer Spirale
gewonnenen Nachbild, das sich gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung auszudehnen und wieder
zusammenzuziehen scheint. Da dürften die abklingenden Netzhautprozesse eine Rolle spielen. In
anderen Fällen werden ergänzende Vorstellungen mitwirken, und endlich kann die einseitige
Muskelanspannung ähnlich wie bei dem Gelähmten eine Bewegung vortäuschen.

Literatur
W. L a s e r s o h n , Kritik der hauptsächlichsten Theorien über den unmittelbaren
Bewegungseindruck. ZPs 61 (1912).
M. W e r t h e i m e r , Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. ZPs 61 (1912).

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SIEBTER ABSCHNITT
Elementare Gefühle

1. A b g r e n z u n g d e r e l e m e n t a r e n o d e r s i n n l i c h e n G e f ü h l e

Was man mit dem Wort Gefühl oder Emotion meint, wird einigermaßen
verständlich, wenn man bekannte Erfahrungstatsachen zusammenstellt, wie
die Annehmlichkeit des Süßen, die Widrigkeit des Bitteren, die Wonne
idealer Begeisterung, die Ergriffenheit der Andacht, der Schmerz des
Verlustes, die Freude des Erfolges. Das sind freilich sehr komplexe
Erlebnisse, aber wenn wir in Gedanken alles an ihnen wegnehmen, was sie
von Sinneseindrücken, Vorstellungen und Gedanken einerseits, an
Absichten, Entschlüssen und Strebungen anderseits enthalten, so scheint es,
bleibt doch noch etwas übrig, was all diesen Bewußtseinsvorgängen
gemeinsam ist, nämlich die eigenartige Affektion des Erlebenden. Oder
stellen wir eine Bedeutungsanalyse der Begriffe angenehm und
unangenehm an, so finden wir nichts, was mit Recht als Erkenntnis oder als
Willensvorgang bezeichnet werden dürfte, und doch ist jeder Unbefangene
davon überzeugt, daß mit diesen Worten auf wirkliche Erlebnisse oder
Erlebnisbestandteile hingewiesen wird.
Es erscheint nun aussichtslos, alles, was in der Literatur und im Leben
als Gefühl genannt wird, miteinander vergleichen und aus diesem Vergleich
die elementaren Gefühle ableiten zu wollen. Dafür sind diese
Gesamterscheinungen viel zu verwickelt. Da nun normalerweise immer
e t w a s angenehm oder unangenehm ist, gehen wir zweckmäßiger von den
einfachsten Erkenntnisgegenständen, den Empfindungen, aus und
untersuchen, ob sich Gefühle an sie anschließen. Wir würden solche
Gefühle dann als sinnliche bezeichnen. Das Recht, von „sinnlichen oder
elementaren“ Gefühlen zu reden, kann uns eine solche Prüfung allerdings
nicht geben. Dazu müssen wir hier voraussetzen, was später glaubhaft
gemacht werden soll, daß diese Gefühle nicht weiter in Teilgefühle

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zerlegbar sind und daß sie auch die letzten Bestandteile der sog. höheren
Gefühle, wie der logischen, sozialen oder religiösen, bilden.

2. D i e E i g e n a r t d e r s i n n l i c h e n G e f ü h l e

Läßt man einen Sinneseindruck möglichst isoliert auf sich einwirken, so
wird man in vielen Fällen von einem solchen Eindruck angenehm oder
unangenehm berührt, und zwar nicht allein von den Erregungen der
niederen Sinne, wie B r e n t a n o meinte. Auch eine leuchtende Farbe, ein
süßer Ton kann bei der experimentellen Darbietung geradezu wonnig sein.
Man hat nun früher die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit als eine
E i g e n s c h a f t der Empfindung aufgefaßt; wie man Qualität, Dauer, Intensität
als Seiten der Empfindung kennt, so fügte man als weitere den Gefühlston
hinzu (Z i e h e n ). Der Irrtum rührt von der Schwierigkeit her, Erlebnisse wie
Annehmlichkeit zu beobachten. Unsere Auffassung verbindet nachträglich
zu gern die Wirkung eines Eindruckes mit diesem selbst: wir sehen es
scheinbar dem Zucker an, nicht nur, daß er süß, sondern auch, daß er gut
schmeckt. Bemüht man sich indes, das Erlebnis nicht in seiner
nachträglichen Verarbeitung, sondern in seiner gegenwärtigen Erscheinung
zu erfassen, so will es nicht gelingen, die Annehmlichkeit des Zuckers uns
ebenso gegenüberzustellen wie seine Süßigkeit. Dazu kommen noch die
beachtenswerten Einwände K ü l p e s gegen diese Auffassung: Das Gefühl
zeigt dieselben Eigenschaften wie die Empfindung, nämlich Qualität,
Intensität, Dauer; es kann also nicht selbst Eigenschaft der Empfindung
sein. Sodann können die anderen Eigenschaften der Empfindung nie zu null
werden, ohne daß die Empfindung selbst null würde; das Gefühl aber kann
ohne Beeinträchtigung der Empfindung verschwinden. Endlich ist die
Empfindung durch Qualität, Intensität und Dauer hinlänglich
charakterisiert; das Gefühl trägt zu ihrer Kenntnis nichts Neues bei, sondern
verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich wie eine zweite Empfindung, die zu
einer andern hinzutritt.
Eine andere Auffassung will in dem Gefühl nicht eine Eigenschaft einer
schon vorhandenen Empfindung erblicken, sondern eine neue oder
B e g l e i t e m p f i n d u n g , die sich mit der zunächst gegebenen verbindet. So
suchte schon J a m e s die Gefühle bei den Organempfindungen, und
neuerdings will S t u m p f , wenigstens für die sinnlichen Gefühle (zentrale)

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Mitempfindungen einführen. Schmerz und Wohlsein seien die einzigen
Qualitäten dieser Mitempfindungen, die sich zu den einzelnen
Empfindungen der anderen Sinne hinzugesellten. Dagegen spricht jedoch
außer dem ganz hypothetischen Charakter dieser Auffassung und der
Fremdartigkeit dieser „Sinne“, für die keine Organe nachzuweisen sind, vor
allem der Bewußtseinsbefund. S t u m p f läßt die höheren Gefühle, wie
Freude am Erfolg, als eine eigene Klasse neben den Erkenntnis- und
Willensvorgängen bestehen. Wenn man nun z. B. aus dem Erlebnis der
nichtsinnlichen Freude alle Erkenntnis- und Willensmomente hinwegnimmt
und auch die Mitempfindung des Wohlseins, die nach Stumpf auch solchen
Erlebnissen beigemischt ist, so fragt es sich, ob überhaupt noch ein
Erlebnisrest bleibt. Bleibt aber ein solcher, dann ist die erscheinungsmäßige
Verwandtschaft, die zwischen ihm und den „Mitempfindungen“ herrscht,
eine unvergleichlich engere als die zwischen den Mitempfindungen und den
eigentlichen Empfindungen. — Derselbe Gedanke entzieht auch der James-
Langeschen Theorie den Boden. Sind wir wirklich nur darum traurig, weil
wir weinen (J a m e s ), oder weil wir irgendwelche Organempfindungen
haben (L a n g e ), so bleibt unerklärt, wie denn das merkwürdige Moment des
Angenehmen oder Unangenehmen in unser Bewußtsein gelangen soll, da es
weder eine Empfindung noch eine Eigenschaft der Empfindung sein kann.
Ist doch auch das Gefühl in einer ganz anderen Weise subjektiv, als es
irgendwelche Empfindung sein kann.

3. D i e G e f ü h l s d i m e n s i o n e n u n d - q u a l i t ä t e n

Wie H e l m h o l t z bei den Empfindungen von Modalitäten (die
verschiedenen Sinne) und Qualitäten (die verschiedenen Empfindungen
desselben Sinnes) sprach, so redet man von verschiedenen Dimensionen der
Gefühle überhaupt und von den verschiedenen Qualitäten innerhalb der
Dimensionen. Die Zahl der Dimensionen ist nach einigen praktisch
unbegrenzt, da die Seele auf jeden Erkenntnisgegenstand anders reagiert.
W u n d t hingegen zählt drei Gefühlsdimensionen auf: Lust-Unlust,
Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung. Die Mehrzahl der Psychologen
aber bekennt sich zu der eindimensionalen oder der Lust-Unlusttheorie.
Innerhalb der Dimensionen nehmen nun manche Autoren eine Mehrheit von

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Qualitäten an, so namentlich W u n d t , während andere nur je eine Qualität
gelten lassen, wie K ü l p e .
Es wird genügen, hier die Gründe gegen die Dreidimensionalität anzuführen, weil sie gleichzeitig
gegen jede Mehrdimensionalität sprechen. Man leugnet nicht, daß es neben Lust-Unlust noch
Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung gibt, vermag aber in den beiden letzten Erlebnispaaren
nicht elementare Gefühlsvorgänge zu erblicken. Zweifellos herrschen bei diesen Zuständen
ausgesprochene Organempfindungen, wie sie schon durch die Beschleunigung und nachherige
Verlangsamung des Pulses, durch das Anhalten und nachfolgende Vertiefen des Atmens gegeben
sind. Auch gedankliche Momente können namentlich bei der Spannung vorhanden sein. Alle diese
Faktoren pflegen von leichten Lust-Unlustgefühlen begleitet zu sein. Sieht man davon ab, so scheint
für ein weiteres elementares Gefühl nichts übrigzubleiben.
Gegen die Mehrheit der Qualitäten aber spricht folgendes: Wenn die Gefühle etwa mit den
Empfindungen wechselten, so müßte es ihrer eine unglaublich große Zahl geben. Dann wäre es aber
schwer begreiflich, daß wir nur so wenige Qualitäten feststellen können, während wir doch bei den
ebenfalls sehr mannigfachen und nur wenig voneinander verschiedenen Farbentönen eine gar große
Zahl mit Sicherheit herausgreifen. Auch bereitet es keine Schwierigkeit, alle Arten der Lust direkt
miteinander zu vergleichen. Übrigens dürfte es auch biologisch hinreichen, wenn die Gefühle nur
bekunden, daß unsere Natur durch einen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt wird, da ja
die Mannigfaltigkeit der Eindrücke durch die Empfindungen ausgiebig zu Worte kommt (K ü l p e ).
So beachtenswert solche Gründe auch sind, so schließen sie die Möglichkeit nicht aus, daß einmal
durch einwandfreie Beobachtungen die Mehrdimensionalität der Gefühle erwiesen wird. Leider
stehen viele der bisher angestellten Versuche zu sehr unter der Herrschaft der Schule, der die
Beobachter angehören.

4. D i e B e z i e h u n g e n z w i s c h e n E m p f i n d u n g u n d G e f ü h l

Die Abhängigkeit der Gefühle von den Empfindungen wird experimentell durch die
E i n d r u c k s m e t h o d e geprüft: man läßt eine Empfindung auf die Vp einwirken und von ihr das
entstehende Gefühl beschreiben. Andere Methoden erlauben ein mehr objektives Verfahren. So die
M e t h o d e d e r H e r s t e l l u n g : die Vp hat etwa am Spektralapparat die ihr wohlgefälligste
Farbe einzustellen. Die M e t h o d e d e r W a h l : aus mehreren Gegenständen, die gleichzeitig
geboten sind, ist der wohlgefälligste oder mißfälligste herauszunehmen, oder alle Gegenstände sind
ihrer Wohlgefälligkeit nach in eine Rangordnung zu bringen. Endlich die R e i h e n m e t h o d e : aus
je einem Paar von Objekten ist das Gefälligere zu bestimmen; wenn dann jedes Objekt mit jedem
anderen gleich oft verglichen ist, so gibt die Häufigkeit der Vorzugsurteile für die einzelnen Objekte
einen gewissen Maßstab für die Lebhaftigkeit des durch sie geweckten Gefühles. Die objektiven
Methoden sind allerdings weniger rein und müssen durch die subjektive ergänzt werden, um die
Einflüsse der Erfahrung (den assoziativen Faktor) einigermaßen auszuschließen.
Nach den genannten Methoden läßt sich nun die Abhängigkeit des Gefühles von den
Eigenschaften der Empfindung, der Qualität, Intensität und Extensität und der Dauer bestimmen.
Welche Empfindungsqualitäten lustvoll, und welche unlustvoll sind, ist in der Hauptsache schon aus
dem Alltagsleben bekannt: das Süße, Glatte, Warme usw. ist uns angenehm, das Bittere, Kalte, Rauhe
eher unangenehm. Wichtiger ist, daß die niederen Sinne lebhaftere Gefühle hervorrufen als die
höheren. Ihre Meldungen sind ja auch im allgemeinen von größerer unmittelbarer Bedeutsamkeit für
das Leben, während die Gesichts- und Gehörempfindungen als Bausteine umfangreicherer
Erkenntnisse zurücktreten: ob das Automobil, das mich zu überfahren droht, rot oder gelb ist, ist mir

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zunächst gleichgültig. Es steigert sich darum auch die Gefühlswirkung der Farben und Töne, wenn
sie im Experiment isoliert geboten werden.

Die Abhängigkeit des Gefühles von der Empfindungsi n t e n s i t ä t hat
L e h m a n n genauer untersucht. Die Empfindung muß die „intensive
Schwelle“ übersteigen, d. h. sie muß eine gewisse Stärke erreichen, um
überhaupt gefühlsbetont zu sein. Mit wachsender Intensität steigt dann Lust
und Unlust. Während aber die Lust bei einem gewissen Intensitätsgrad
ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht, von dem aus sie abnimmt, um
schließlich zur Unlust zu werden, scheint diese nur einfachhin zuzunehmen.
Der Umschlag der Lust in Unlust brauchte aber nicht auf der
Intensitätszunahme als solcher zu beruhen. Es dürften vielmehr allmählich
andere Empfindungen hinzutreten, wie bei der Intensitätssteigerung des
Lichtes der Blendungsschmerz, die unangenehm sind. — Zu bemerken ist
noch, daß manche Empfindungsqualitäten, die im allgemeinen als
unlustvoll gelten, stark herabgesetzt, angenehm werden, so manche
Gerüche, während andere, die allgemein als lustvoll bekannt sind, bei
größerer Intensität unangenehm werden, so das Süß. Beide Tatsachen lassen
sich aber auch den soeben dargestellten Gesetzmäßigkeiten zwischen
Gefühl und Empfindungsintensität unterordnen, wenn man annimmt, daß
z. B. jene Gerüche sich für gewöhnlich in einem zu hohen Intensitätsgrade
befinden.
Ähnlich wie bei der Intensität verläuft die Gefühlskurve bei der Dauer.
Nachdem die Zeitschwelle überschritten ist, steigen die Gefühle an. Nach
einiger Zeit tritt Abstumpfung ein, jedoch bei der Unlust später als bei der
Lust. Der schließliche Wandel der Lust in Unlust scheint auch hier nur auf
indirektem Wege bewirkt zu werden.

5. Ve r b i n d u n g u n d L ö s u n g d e r G e f ü h l e

Wer mehrere Gefühlsdimensionen annimmt, kann ohne weiteres die Verbindung mehrerer
Gefühle aus verschiedenen Dimensionen einräumen: lustvolle Erregung, bange Spannung sind uns
aus der Erfahrung wohl bekannt. Umstritten ist jedoch die Vereinigung verschiedener Gefühle
derselben Dimensionen. W u n d t glaubt an eine solche Verbindung zu einem To t a l g e f ü h l .
Ähnlich wie nach ihm Empfindungen zu einem wesentlich neuen Eindruck verschmelzen, so
vereinigen sich nach dem Prinzip der Einheit der Gemütslage die Partialgefühle nicht wie
Summanden, sondern wie die Elemente einer chemischen Verbindung. Die Experimente deuten
jedoch eher darauf hin, daß wenigstens Lust und Unlust sich nicht einfachhin mischen. Sie wechseln
vielmehr ab, je nachdem der die Lust oder der die Unlust bedingende Eindruck beachtet wird.

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Dagegen dürfte eine Zusammensetzung von Teilgefühlen gleicher Qualität vorkommen, z. B. in dem
G e m e i n - oder L e b e n s g e f ü h l , das aus den verschiedenen Organempfindungen entspringt.

Von hoher Bedeutung für unser Willensleben ist die Ü b e r t r a g u n g d e r
G e f ü h l s t ö n e . Ein Ort, an dem wir Unwillkommenes erlebt, wird uns selbst
unlieb u. ä. m. Man hat diese Tatsache bisweilen nach dem Schema der
assoziativen Verbindung zu erklären versucht: wie sich eine Vorstellung a
mit der Vorstellung b assoziiert, wenn beide gleichzeitig im Bewußtsein
sind, so verknüpfe sich das anderweitig verursachte Gefühl mit der
Vorstellung, die zufällig gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich
das an der des Ortes. Allein die Gefühle sind nicht als derartig selbständige
Bewußtseinsinhalte zu erweisen. Im Gegenteil, die Unmöglichkeit, Gefühle
für sich allein oder überhaupt zu reproduzieren — wir können uns wohl
gedanklich daran erinnern, ein bestimmtes Gefühl verspürt zu haben, aber
wir können uns jenes Gefühl selbst nur dadurch wieder anschaulich
vergegenwärtigen, daß wir uns das veranlassende Erlebnis vorstellen —
zeigt das Gefühl als eine Folgeerscheinung, nicht als selbständigen
Vorgang. Auch die Theorie der Gefühle, zu denen die anderweitigen
Beobachtungen hindrängen, verträgt sich nur schwer mit dieser Erklärung.
Es dürfte vielmehr durch die Wahrnehmung des Ortes die Erinnerung an
jenes Erlebnis mit angeregt werden und aus dieser mehr oder weniger
bewußten Erinnerung das Gefühl stammen, das wir dann auf den Ort als
seine Quelle beziehen. Denn einerseits steht fest, daß die Gefühle dem
vollen Bewußtwerden der zugehörigen Vorstellungen vorauseilen, und
anderseits werden wir bei der Besprechung der Assoziationen sehen, wie
vielerlei Begleitvorstellungen jede Wahrnehmung wachruft. Es wäre
übrigens eine bedeutsame Aufgabe, festzustellen, wieviel nur übertragene
Gefühlstöne unsere Umwelt aufzuweisen hat und welches Lebensalter für
diese Übertragung am empfänglichsten ist.
Die sog. A n a l o g i e n d e r E m p f i n d u n g , das „schreiende“ Rot, das „düstere“ Schwarz, die
„freudigen“ Töne usw., beruhen primär nicht auf der Übertragung des Gefühlstones. Es gleichen sich
vielmehr die analogen Empfindungen in den Gefühlen, die sie in uns erwecken: düstere Farben und
tiefe Töne stimmen ernst, leuchtende Farben und hohe Töne erregen und heitern auf. Diese
ursprünglichen Wirkungen bedingen nun ihre zweckbewußte Verwendung, und erst dieser Umstand
läßt auch die Übertragung des Gefühlstones ins Spiel treten: Wir verwenden das Schwarz als Zeichen
der Trauer, weil es der Trauer entsprechende Stimmungen fördert, aber wegen dieser Verbindung des
Schwarz mit den Trauerfällen des Lebens vertieft sich durch Gefühlsübertragung der Stimmungswert
des Schwarz.

6. D i e p h y s i o l o g i s c h e n B e g l e i t e r s c h e i n u n g e n d e r G e f ü h l e

Page 154

Die Gefühle verschaffen sich auf mannigfache Weise in dem Verhalten des menschlichen Körpers
Ausdruck. Sie beeinflussen den Herzschlag (Puls), das Atmen, die Blutverteilung, die Muskelkraft.
Es bestand nun die frohe Hoffnung, an bestimmte Gefühle möchte in eindeutiger Weise eine
bestimmte physiologische Veränderung gebunden sein. Gelang es dann durch die unmittelbare
sinnliche Einwirkung (E i n d r u c k s m e t h o d e ) oder durch die willkürliche Erinnerung der Vp
(R e p r o d u k t i o n s m e t h o d e ), ein beliebiges Gefühl zu verursachen, so konnte man mit
Leichtigkeit die zugehörige körperliche Veränderung als das Symptom jenes Gefühles entdecken,
eine Entdeckung, die später den umgekehrten Weg von der Feststellung des Symptoms zur
Erkenntnis des herrschenden Gefühles eröffnet hätte. Der Herzschlag ließ sich durch den
Kardiographen, der Puls durch den Sphygmographen, die Atmung durch den Pneumographen und die
Blutverteilung durch den Plethysmographen nachweisen. Die drei ersten Apparate übertragen den
von den verschiedenen Organen ausgehenden Druck pneumatisch oder mechanisch auf einen Hebel,
dessen freies Ende mit einer Schreibfeder versehen ist, die einer rotierenden Papierschleife anliegt.
Der Plethysmograph ist im wesentlichen ein mit Wasser gefülltes Gefäß, in welches ein Körperglied
unter wasserdichtem Verschluß eingeführt wird. Bei manchen seelischen Erregungen drängt nun das
Blut in die Extremitäten hinein, bei andern zieht es sich aus ihnen zurück. Dadurch wird das Volumen
des Gliedes im Plethysmographen größer oder geringer, was nach außen durch das Fallen oder
Steigen des Wassers im Apparate bemerkbar ist. Weiter zeigt das Galvanometer einen Ausschlag,
wenn die im Stromkreis befindliche Vp lebhaftere Gefühle verspürt (psychogalvanisches Phänomen).
Die Muskelkraft endlich wird durch Hebeleistungen am Ergographen oder durch Druckleistungen am
Dynamometer gemessen.
Die Erwartungen, die man an diese Methoden geknüpft hatte, schienen zunächst durchaus erfüllt,
bei tieferem Eindringen aber völlig enttäuscht zu werden. Die Versuchsresultate widersprachen sich.
Je mehr indes die Selbstbeobachtung der Vp herangezogen wurde, um so mehr lösten sich die
Widersprüche. Zunächst sind die physiologischen Schwankungen nicht allein an die Gefühle
gebunden, sondern auch an die psychische Tätigkeit, insbesondere an die willkürliche Bewegung.
Außerdem ist das Verhalten der Vpn bei den in ihnen erzeugten Erlebnissen nicht immer das gleiche,
wodurch notwendig auch die äußere Reaktion eine andere werden muß. Berücksichtigt man diese
und andere Fehlerquellen, so ergibt sich doch eine verhältnismäßig hohe Übereinstimmung der
Versuchsresultate (L e s c h k e ). Es mag genügen, folgende zu erwähnen. Die Lust beschleunigt die
Atmung und macht sie flacher, erhöht und verlängert in der Regel auch den Puls; das Blut wird gegen
die Peripherie und zum Gehirn verschoben. Diese Veränderungen lassen sich als eine Tendenz zur
Erhaltung der Lust deuten; denn „die bessere Blutversorgung in Peripherie und Gehirn bewirkt eine
größere periphere wie zentrale Aufnahmefähigkeit für den lustbetonten Reiz“ (F r ö b e s ). Bei
Unlustreizen verhalten sich die Vpn verschieden, entweder abwehrend oder sich ergebend.
Demgemäß ist die Atmung entweder flach und gehemmt, oder nach anfänglicher Stockung tiefer und
langsamer. Die Pulse sind verkürzt und erniedrigt; das Armvolum sinkt; im Gehirn herrscht Anämie,
wodurch die Unlustreize schließlich unwirksam werden[6].

7. T h e o r i e d e r s i n n l i c h e n G e f ü h l e

Wir dürfen hier von jenen theoretischen Anschauungen absehen, die wie
die James-Langesche oder Stumpfsche Theorie die Gefühle überhaupt als
besondere Bewußtseinserscheinungen beseitigen. Auch die Bestimmung
älterer Philosophen, das Gefühl sei die Erkenntnis des Nutzens oder
Schadens eines Reizes, leugnet die Eigenart der sinnlichen Gefühle, indem

Page 155

sie diese zu Erkenntnisvorgängen macht. Man wird zwar behaupten können,
daß sich die Lust im allgemeinen an förderliche, die Unlust im allgemeinen
an schädliche Reize anschließe, aber darum ist das Gefühl noch keine
Erkenntnis dieser Zweckmäßigkeit. Dasselbe gilt von der Herbartschen
Meinung, das Gefühl sei das unmittelbare Innewerden der Hemmung oder
Förderung der Vorstellungen (N a h l o w s k y ). Auch diese Theorie ist nicht aus
der Beobachtung der Wirklichkeit geschöpft.
Der Grundgedanke der heutigen Theorien lautet: Lust ist Funktionslust,
Unlust ist Funktionsunlust, d. h. dem Gefühl entspricht nicht ein besonderer
physiologischer Vorgang, sondern eine bestimmte Weise jener
physiologischen Prozesse, die der Empfindung dienen. Und zwar kommen
dabei die zentralen, nicht die peripheren Prozesse in Betracht, da zwischen
den peripher und den zentral erregten Gefühlen kein Unterschied besteht. A.
L e h m a n n hat diese Theorie etwas weiter ausgebaut: Wird der
Energieumsatz durch den Stoffwechsel ausgeglichen, dann ist der
psychophysische Prozeß von Lust begleitet, andernfalls von Unlust.
Einzelne Psychologen schränken diesen Gedanken auf die
Organempfindungen ein: nicht etwa die Farbenempfindung selbst, sondern
die mit der Farbenempfindung vorhandene Organempfindung ist lust- oder
unlustvoll. Je nachdem man nun annimmt, daß die Seele nur auf die
Funktionsweise der der E m p f i n d u n g dienenden Prozesse mit einem Gefühl
reagiert, oder daß auch die Funktionsweise anderer Vorgänge ihren
Widerhall im Gefühl findet, wird man berechtigt sein, Gefühle ohne
Vorstellungsgrundlage anzuerkennen oder nicht. Die bisher beigebrachten
Beobachtungen von völlig grundlosen Gefühlen der Angst oder der Freude
schließen diffuse, wenig beachtete Organempfindungen nicht mit Sicherheit
aus, um so weniger, wenn man auch hier die Möglichkeit berücksichtigt,
daß die Gefühle früher klar bewußt werden als die Vorstellungen. Läßt man
sie nun gar (im pathologischen Zustand) die Bewußtseinsschwelle vor den
Empfindungen erreichen, dann hat man wohl den besten Ausgleich beider
Ansichten.

Literatur
A. L e h m a n n , Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens. 2. Aufl. 1914.
G. S t ö r r i n g , Psychologie des Gefühlslebens. 1916.

Page 156

[6] E. K ü p p e r s (Über die Deutung der plethysmographischen Kurve). ZPs 81
[1919] ordnet die Blutverschiebungen nicht den Gefühlen, sondern den
Verhaltungsweisen des Erlebenden zu.

Page 157

ACHTER ABSCHNITT
Das elementare Wollen

Seit alters drängte sich dem vorwissenschaftlichen Denken wie der
zünftigen Philosophie die Überzeugung auf, daß es im Seelenleben
Erscheinungen gibt, deren Kern auf keine der bisher besprochenen
Erlebnisformen zurückführbar ist, die darum als besondere Klasse unter den
psychischen Elementen aufgezählt werden müssen. Die Sprache hat für
diese Phänomene den Ausdruck Wollen oder Streben geschaffen. Während
nun in früheren Zeiten kein Zweifel gegen diese allgemeine Überzeugung
aufkommen konnte, legte man in der ersten Blütezeit der experimentellen
Psychologie keinen besonderen Wert auf diese allgemeine
Übereinstimmung, sondern schloß sich dem englischen Sensismus an, der
das Wollen als Elementarvorgang entschieden ablehnte. Heute, wo man
Wesen und Wert der Selbstbeobachtung inner- und außerhalb des
Experimentes wissenschaftlich erfaßt hat, trägt man Bedenken, einer so
allgemeinen Anschauung leichthin zu widersprechen, und das um so mehr,
als auch die experimentellen Untersuchungen in wichtigen Punkten zu der
vorexperimentellen Meinung zurückführen. Gleichwohl sind wir von einer
Einheitlichkeit der Lehre noch weit entfernt.

1. Ü b e r b l i c k ü b e r d i e v e r s c h i e d e n e n W i l l e n s t h e o r i e n

Kein Psychologe bestreitet das Vorhandensein von Erlebnissen, die als Ganzes den Namen von
Willensvorgängen verdienen. Sehr viele der neueren Psychologen hingegen glauben diese Vorgänge
auf Erkenntnis oder Gefühl zurückführen zu können. So meint S p e n c e r , die willkürliche
Handlung unterscheide sich nur dadurch von der unwillkürlichen, daß bei ihr die auszuführende
Bewegung zuvor vorgestellt wird; im übrigen aber sei jede Willenshandlung nichts anderes als eine
Folge von Vorstellungen, an die sich dank angeborener Dispositionen die äußere Handlung
anschließt. Wir werden später Tatsachen kennen lernen, die zugunsten einer solchen Auffassung
sprechen. Ganz ähnlich urteilt Th. Z i e h e n . Statt des Willensaktes nimmt er nur eine „intensive,
von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung“ an. Auch M e u m a n n gehört neben
E b b i n g h a u s , R i b o t und J a n e t zu dieser ersten Gruppe. Wenn Meumann auch von der
„Zustimmung“ als dem Ursprung der willkürlichen Handlung spricht, so will er damit doch kein
nichterkenntnismäßiges Element einführen. M ü n s t e r b e r g hingegen suchte das Charakteristische
der Strebevorgänge in den Spannungsempfindungen, die der erwarteten Bewegung vorausgehen. Als

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grundsätzlichen Gegner der Genannten betrachtet sich W u n d t . Er bezeichnet seine Psychologie mit
Vorliebe als voluntaristische, da erst sie der Eigenart des Wollens gerecht werde. Der Willensvorgang
ist nach ihm ein Affekt, der in seinem eigenen Verlauf seine Lösung findet. Es sind also Gefühle, in
die W u n d t das Wesen des Wollens verlegt. Eine letzte Gruppe endlich erklärt das Wollen als einen
von Vorstellungen und Gefühlen wesentlich verschiedenen Vorgang. So außer den Aristotelikern
namentlich L o t z e und von den neueren P f ä n d e r , S c h w a r z , A c h und M i c h o t t e .

2. D i e e x p e r i m e n t e l l e U n t e r s u c h u n g d e s W i l l e n s

So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen Wollens durch die überwiegende
Mehrheit der älteren Philosophen auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die
Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren Selbstbeobachtung, anderseits gewisse
Tatsachen kennen lernte, die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man beobachtete
nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein mechanisch ohne Dazwischenkunft eines
besonderen Willensaktes, ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte
Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der Form einfachster
Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem
Experiment unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem Willensakt erlebten. Die
fortschreitende Technik des psychologischen Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter
Fehler begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht während der gewollten
Handlung aufzutreten. A c h zeigte vielmehr, daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen
ausgehen, die den Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes sicherstellen.
Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des
Versuches, sondern bei der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte er
gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge mit von Haus aus einfachen
verwechselt: geläufige Fingerbewegungen enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen
Erlebnisse, sind also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet. A c h führte darum die
fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse einen möglichst ausgesprochenen
Willensakt zu veranlassen. Er ließ zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten
Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen, sondern eine beliebige andere
Silbe zu nennen bzw. zu der ersten einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf
ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden, bemühte sie sich, namentlich
wenn sie erfahren, wie die eingeprägte Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit
einem recht energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf die
Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir hier nicht einzugehen. Es war
jedenfalls insofern erfolggekrönt, als es A c h zum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich
beobachten zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahm M i c h o t t e . Er führte
experimentell einen W a h l a k t herbei, indem er seinen Vpn je zwei Zahlen bot mit der
Aufforderung, sich auf ernsthafte Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren
oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder dividieren wollten. Statt der
Ausführung der von den Vpn gewählten Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem
Morsetaster. So gewann er gegenüber A c h den Vorteil, den Willensakt in die sogen. Hauptperiode
des Versuches zu bekommen, während bei A c h der energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor
dem eigentlichen Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die Verwirklichung der
gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die
schwierige Beobachtung dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit des
Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die mit den Entschließungen des Alltags

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grundsätzlich vergleichbar war. Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen
mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer Verwirklichung des
Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und
beschreiben.

3. D a s e l e m e n t a r e W o l l e n n a c h d e n e x p e r i m e n t e l l e n E r g e b n i s s e n

Die Untersuchungen von M i c h o t t e sowie die von A c h und seinen
Schülern führten einhellig zu dem Resultat: es gibt ein eigentliches Erlebnis
des Wollens. Vorstellungen, Spannungsempfindungen und Gefühle können
es gelegentlich begleiten, sind ihm jedoch nicht wesentlich. Auch
unterscheidet sich dieses Erlebnis deutlich von jeder rein assoziativen Folge
von Vorstellungen oder Bewegungen. Seine Eigenart beruht darin, daß es
eine innere Tätigkeit ist, und zwar eine solche, die man nur dann richtig
beschreibt, wenn man das Ich als Subjekt oder Ausgangspunkt dieser
Tätigkeit nennt. Diese Betätigung des Subjektes ist durchaus nicht mit der
Konstatierung „ich will“ zu verwechseln. Sie ist vielmehr die
Stellungnahme des Subjektes zu einem Ziel, sie ist das, was wir als
„Streben“ bezeichnen. Es ist ihr aber nicht wesentlich, wie A c h meinte, daß
sie sich stets auf ein zukünftiges Tun bezieht; die Wahlentscheidungen bei
Michotte waren Willensakte, die ausschließlich die Gegenwart
berücksichtigten.
Man wird die genannten Verschiedenheiten des Wollens wohl kaum als
Q u a l i t ä t e n d e s W i l l e n s a k t e s auffassen dürfen. Als solche findet man
öfters Wollen und Widerstreben genannt. Leider kann sich diese
Unterscheidung vorerst noch nicht auf experimentelle Befunde stützen,
weshalb der Anerkennung eines negativen Wollens gleichmäßig seine
Verwerfung gegenübersteht, indem man behauptet, das Widerstreben sei nur
das Wollen eines andern Zieles.
Sehr geläufig ist dagegen der Alltagserfahrung die Unterscheidung
verschiedener I n t e n s i t ä t e n d e s W o l l e n s . Wir kennen energisches und
flaues Wollen. Auch A c h unterscheidet das ausgeprägte primäre und das
schwache Wollen. Allein die hier ganz wesentliche Frage, ob die gemeinhin
wahrzunehmende Steigerung des gesamten Willensaktes auch seinem
inneren Kern, nämlich dem elementaren Wollen beizulegen ist, oder ob nur
die Ausstaffierung des Willensaktes durch lebhaftere Gefühle, stärkere

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Spannungsempfindungen, lautere Beteuerungen eine Intensitätssteigerung
vortäuscht, ist heute noch nicht mit Sicherheit zu beantworten. Manche
Versuchsergebnisse deuten eher in die Richtung, daß der Willensakt nicht
intensiver, sondern nur unbedingter werden kann, d. h. daß er sein Ziel nicht
mit vermehrter Kraft, sondern um höheren Preis anstrebt.
Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die
Beobachtung M i c h o t t e s , die sich im Grunde auch bei A c h finden läßt, daß
das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art des Erlebens
gebunden ist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis des Wollens kann
vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten Prozesse bilden: Worte,
Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist bald ein willentlicher, bald
ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem sich das eigentliche Wollen mit
ihnen verbindet oder nicht. Anderseits sprechen gute Beobachtungen dafür,
daß es ein isoliertes Wollen, einen reinen Willensakt nicht gibt: wie die
Seele den Körper, so braucht der Willensakt eine Verhaltungsweise, in der
er sich kundgibt.
Das von A c h und M i c h o t t e untersuchte Wollenserlebnis ist zwar nicht
als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere
Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche
ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das
zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. Der
T r i e b ist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.

Literatur
N. A c h , Über den Willensakt und das Temperament. 1910.
A. M i c h o t t e et N. P r ü m , Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents
immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.
J. L i n d w o r s k y , Der Wille.³ 1923.

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II. B u c h
DIE
VORSTELLUNGSERNEUERUN
G ALS GRUNDLAGE DER
HÖHEREN PSYCHISCHEN
LEISTUNGEN
Verfügten wir nur über die bisher aufgezählten Fähigkeiten des
Seelenlebens, dann wäre ein nennenswerter Fortschritt nicht zu erreichen.
Ein ungefähres, aber längst nicht ausreichendes Bild von der Hilflosigkeit
eines solchen Geistes gibt uns der Zustand greisenhafter
Gedächtnisschwäche, bei der kein neuer Eindruck haften bleibt. Die
psychologische Tatsache also, die wir bei der Analyse und Erklärung der bis
jetzt beschriebenen Bewußtseinserscheinungen ganz oder fast ganz
unbeachtet ließen, die wir jedoch bei der Besprechung der höheren
Leistungen nicht mehr missen können, ist die Tatsache der
Vo r s t e l l u n g s e r n e u e r u n g . Wenn wir wie immer von dem unmittelbar
Gegebenen ausgehen, dann treffen wir bei dem Erwachsenen die
Überzeugung, daß uns früher Erlebtes wieder in den Sinn kommt. Die
erkenntniskritische Frage, ob diese Erinnerungen mit der tatsächlichen
Vergangenheit übereinstimmen, und die erkenntnispsychologische Frage,
wie es überhaupt zu dem Bewußtseinsinhalt „mein früheres Erlebnis“
kommt, darf an dieser Stelle ausgeschaltet werden.

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ERSTER ABSCHNITT
Die allgemeinen Gesetze der
Vo r s t e l l u n g s e r n e u e r u n g

1. Die Wiedervergegenwärtigung vergangener Erlebnisse ist eine
überaus mannigfache, allzu mannigfach, so möchte es scheinen, als daß sie
sich irgendwelchen Gesetzen einordnen ließe. Fragen wir uns aber zunächst
einmal nach den E r l e b n i s a r t e n , d i e s i c h r e p r o d u z i e r e n l a s s e n , so
vermissen wir darunter alsbald Willensakte und Gefühle. Wir erinnern uns
zwar an die Tatsache, daß wir einen Entschluß gefaßt haben und daß wir
traurig waren, ja bei dem Gefühl ist noch etwas mehr vorhanden: taucht die
Erinnerung an den Anlaß der früher erlebten Trauer auf, dann werden wir
aufs neue traurig, aber dieses Gefühl trägt nicht den Erinnerungscharakter,
wie die es veranlassende Vorstellung. Auch sind wir nicht imstande, ein
Gefühl unmittelbar und für sich wieder lebendig zu machen, sondern
müssen uns zuvor an seinen Anlaß erinnern. Diese Unmöglichkeit, sich des
Gefühles zu erinnern, stimmt auch ganz zu der theoretischen Auffassung,
die wir uns über das Wesen des Gefühls bildeten, ebenso wie es in der Natur
der Akte (des Erkennens und Wollens) liegt, nicht reproduzierbar zu sein.
Es bleiben somit für die Reproduktion übrig jene Eindrücke, die unmittelbar
von Empfindungen herrühren. Es hat sich aber bei Reproduktionsversuchen
gezeigt, daß nicht nur die s i n n l i c h e n E i n d r ü c k e wieder ins Bewußtsein
gerufen werden können, sondern auch die Beziehungen, die wir an ihnen
entdeckt haben: wir erinnern uns auch an S a c h v e r h a l t e . Oft ist es sogar
zunächst ein Sachverhalt, der sich bei der Bemühung um eine Reproduktion
einstellt: so besinnen wir uns auf einen Namen und finden zunächst, er sei
ganz ähnlich einem anderen. Es muß hier allerdings noch dahingestellt
bleiben, ob die Reproduktion eines Sachverhaltes gleich unmittelbar ist wie
die von sinnlichen Eindrücken.
2. Vorstellungen und Sachverhalte tauchen beim Besinnen oder
gelegentlich auch ungesucht in unserer Erinnerung auf. Sammelt man
solche Erinnerungserlebnisse in genügender Zahl, so offenbart sich trotz
aller Buntheit der Einfälle eine gewisse G e s e t z m ä ß i g k e i t , die zum Teil
schon A r i s t o t e l e s aufgefallen ist. Eine Wahrnehmung oder auch eine

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Vorstellung ist häufig von einer Reproduktion gefolgt, deren Gegenstand in
örtlicher oder z e i t l i c h e r B e r ü h r u n g mit dem Gegenstand der
vorausgehenden Wahrnehmung oder Vorstellung sich befand; der Anblick
einer Straße ist gefolgt von der Erinnerung an einen Unfall, der sich dort
abgespielt. Die Regelmäßigkeit, mit der unter solchen Bedingungen eine
Vorstellungserneuerung eintritt, und die eigenartige Erlebnisweise, die
manchmal dabei zu beobachten ist: die vorausgehende Wahrnehmung
berührt uns merkwürdig; ist inhaltsschwerer als andere; läßt uns nicht so
schnell los; wir spüren, wie in unserem Bewußtsein sich irgend etwas
herausarbeitet usw.; all dies bestimmt uns sehr bald, in der vorausgehenden
Wahrnehmung die Ursache jener Vorstellungserneuerung zu erblicken. Wir
sagen: jene Wahrnehmung erinnert mich an, wir bezeichnen sie als das
R e p r o d u k t i o n s m o t i v und behaupten, es gehe von ihr eine Te n d e n z aus, die
mit ihrem Gegenstand zeitlich und örtlich verknüpften Gegenstände ins
Bewußtsein zu rufen. Eine gleiche Tendenz entdeckte sodann Aristoteles
hinsichtlich der dem Wahrnehmungsgegenstand entgegengesetzten und
endlich der ihm ähnlichen Dinge: G e g e n s ä t z l i c h e s und Ä h n l i c h e s rufen
sich wechselseitig ins Bewußtsein.
Zu diesen drei fand man in unserer Zeit noch andere Reproduktionsfälle. Nicht nur Vorstellungen
von Gegenständen, die örtlich oder zeitlich mit andern Gegenständen verknüpft sind, werden zum
Reproduktionsmotiv für die Vorstellungen eben jener Gegenstände, auch Vorstellungen, die ersteren
nur inhaltlich ähnlich sind, rufen letztere herbei: Die Farbe blau ruft die Wortvorstellung blau ins
Bewußtsein, aber auch die Farbe violett soll von dem Kinde, das sie zum erstenmal sieht, blau
benannt werden; hier hätte also die Wahrnehmung violett dieselbe Vorstellung reproduziert, wie das
ihm ähnliche blau. Dieses Gesetz der S u b s t i t u t i o n ist natürlich nicht mit dem aristotelischen
Gesetz der Ähnlichkeit zu verwechseln. Weiterhin werden bisweilen Vorstellungen bewußt, ohne daß
eines der genannten vier Gesetze dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es sind das immer
Vorstellungen, die kurze Zeit zuvor erlebt wurden. Man spricht da von der
P e r s e v e r a t i o n s t e n d e n z (G. E. M ü l l e r ): eine Vorstellung, die einmal im Bewußtsein war,
hat die Neigung, bald wieder bewußt zu werden. Endlich treten hie und da Vorstellungen ins
Bewußtsein ohne jedes erkennbare Reproduktionsmotiv. Man nannte sie f r e i s t e i g e n d e
Vo r s t e l l u n g e n . Die Zahl der sicher erwiesenen Fälle von freisteigenden Vorstellungen ist indes
nicht so groß — zumeist hatte man das Reproduktionsmotiv übersehen oder wieder vergessen —,
daß durch sie die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Vorstellungserneuerung in Frage gestellt würde.
3. Man versuchte nun, die d r e i a r i s t o t e l i s c h e n G e s e t z e a u f e i n e s
z u r ü c k z u f ü h r e n . Zunächst das K o n t r a s t g e s e t z . Gegensätze finden sich bisweilen in der
Natur beieinander, so Berg und Tal, Festes und Flüssiges. Sodann machen Gegensätze einen starken
Eindruck auf den Erlebenden. Man wird darum eher auf sie aufmerksam und vereinigt so die
gegensätzlichen Inhalte im Bewußtsein, während nichtgegensätzliche Inhalte unter sonst gleichen
Bedingungen nur vereinzelt und getrennt aufgefaßt werden. Aus dem nämlichen Grunde stellt die
Sprache so häufig die Gegensätze nebeneinander: jung und alt, arm und reich. Es lassen sich also gar
manche Fälle der Kontrastreproduktion auf die Berührung in Raum und Zeit zurückführen. In andern
Fällen weisen die Gegensätze Ähnlichkeiten auf: schwarz und weiß sind darin einander verwandt,

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daß sie beide neutrale Farben sind und beide an einem Ende der neutralen Qualitätenreihe stehen.
Hier bleibt sonach eine Reduktion auf das Ähnlichkeitsgesetz möglich. Aus diesem Grunde läßt man
das Kontrastgesetz heute nicht mehr als ursprüngliches Reproduktionsgesetz gelten.
Auch das Ä h n l i c h k e i t s g e s e t z dürfte sich als nicht elementar erweisen. Die bis jetzt
bekannten Fälle, wo eine Vorstellung nicht eine mit ihr örtlich oder zeitlich verbundene, sondern eine
nur ähnliche Vorstellung weckt, zeigen alle eine p a r t i e l l e G l e i c h h e i t beider Vorstellungen:
Wenn die Silbe pön statt der gleichzeitig mit ihr gesehenen Silbe ref die Silbe lön ins Bewußtsein
ruft, so ist dem Reproduktionsmotiv pön und der reproduzierten Vorstellung lön der Teil ön
gemeinsam. Dieser Teil perseveriert aus der ersten Vorstellung und zieht nach dem Gesetz der raum-
zeitlichen Berührung den früher mit ön gleichzeitig gesehenen Bestandteil l nach sich (P e t e r s ).
Partielle Gleichheit kann vorhanden sein, auch wenn die Dinge nicht so einfach liegen wie in diesem
Fall. Es möge eine kleine schwarze Sicherheitsnadel die Vorstellung einer großen weißen
reproduzieren. Auch da haben wir außer der Zweckgleichheit die Gleichheit der Behandlungsweise
und der Gestalt. Endlich wird in vielen Fällen die Reproduktion zwischen ähnlichen Vorstellungen
keine unmittelbare sein, sondern durch die Reproduktion eines Sachverhaltes bedingt werden: an die
Wahrnehmung der Vorstellung eines Dinges schließt sich das Wissen an: hierzu gibt es etwas
Ähnliches. Überdies können, wie S e l z gezeigt hat, die meisten der bisher erwiesenen Fälle der
Ähnlichkeitsreproduktion aus dem später zu besprechenden Gesetz der Komplexergänzung erklärt
werden.
Somit bleibt von den drei aristotelischen Gesetzen n u r d a s B e r ü h r u n g s g e s e t z a l s
f u n d a m e n t a l e s übrig. Damit ist auch die Unebenheit ausgeglichen, daß die beiden ersten
Gesetze sich auf inhaltliche Momente stützen, während das letzte dem Inhalt gegenüber völlig
indifferent ist und nur auf das zufällige Zusammensein mehrerer Inhalte im Bewußtsein Bezug
nimmt. Auch dieses Gesetz hat man durch Ausscheidung des Raummomentes zu vereinfachen und
durch Ausweitung des Begriffes der zeitlichen Berührung jenen Tatsachen anzupassen gesucht, in
denen eine Reproduktion von aufeinanderfolgenden Vorstellungen beobachtet wurde. In der Tat ist
das Raummoment, wie leicht zu finden, überflüssig. Anderseits ist die Ausdehnung der zeitlichen
Berührung auf nahe zeitliche Folge unnötig. Wie wir gesehen haben, entfallen die Erlebnisse nicht
sofort dem Bewußtsein, sondern klingen langsam ab. Darum findet ein nach kurzer Pause
aufgenommener Eindruck die unmittelbar vorausgegangenen noch vor und wird mit ihnen zu
e i n e m Bewußtseinsinhalt vereinigt. Beachtet man zudem, wie sich bei freier Reproduktion die
Vorstellungen aneinanderschließen, so wird man sie nicht so sehr als einzelne für sich abgeschlossene
Bewußtseinsinhalte, denn vielmehr als Teile eines Gesamtbewußtseins betrachten und den Nachdruck
nicht auf die zeitliche Berührung, sondern auf die Zugehörigkeit zu einem Gesamtbild legen
(P o p p e l r e u t e r ). Wir kommen so zu dem einen H a u p t g e s e t z d e r R e p r o d u k t i o n : ein
bewußt gewordener Teil eines früheren Gesamtbewußtseins hat die Tendenz, die übrigen Teile jenes
Gesamtbewußtseins nach sich zu ziehen.
Es scheint nicht ausgeschlossen, auch die meisten P e r s e v e r a t i o n s e r s c h e i n u n g e n
diesem Hauptgesetz unterzuordnen. Die Tatsache, daß eine bestimmte Vorstellung immer wieder ins
Bewußtsein drängt, ist häufig durch die Reproduktion allein verständlich: im Hause des Verstorbenen
wird man beständig an den Toten erinnert. Hat gar ein Erlebnis starke Organempfindungen
hervorgerufen, so trage ich in den bekanntlich länger anhaltenden körperlichen Erregungen das
Reproduktionsmotiv für die Vorstellung jenes Erlebnisses im eigenen Leibe mit mir herum. Der
Vorgang kann aber auch anders verlaufen. Gewisse Vorstellungen mögen das Bewußtsein beschäftigt
haben und durch andere abgelöst worden sein. Läßt nun letzteren gegenüber die Aufmerksamkeit
nach, so kann wieder eine der früheren Vorstellungen bewußt werden, ohne im bisherigen Sinne
reproduziert zu sein. Nehmen wir nun an, diese Vorstellung sei nicht ganz aus dem Bewußtsein
geschwunden gewesen, sondern nur zurückgetreten, und ihr wende sich jetzt wieder die

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Aufmerksamkeit zu, so wäre sie eben der bevorzugte Bewußtseinsinhalt und würde sich als solcher
nach dem allgemeinen Reproduktionsgesetz wieder zu entfalten suchen. In manchen Fällen kann man
allerdings kaum voraussetzen, daß sich die frühere Vorstellung im Bewußtsein erhalten habe. Wir
müssen dann annehmen, die dem bewußten Phänomen entsprechende Gehirnerregung habe noch
fortbestanden und dank des Zurücktretens der anderen Bewußtseinsinhalte die
Vorstellungserneuerung veranlaßt.
In ähnlicher Weise deutet auch die S u b s t i t u t i o n auf die (partielle) Gleichheit
physiologischer Prozesse hin, wenn anders sie sich überhaupt bestätigt. Die bisher beigebrachten
Nachweise sind noch zu dürftig. Denn die sinnlosen Silben, an denen M ü l l e r und P i l z e c k e r sie
entdeckten, enthalten immer gleiche Elemente: wenn die Silbe pön eine zu lön gelernte Silbe
herbeiführt, so könnte dies daher kommen, daß nur der beiden Silben gemeinsame Teil ön für die
Reproduktion ausschlaggebend wird. Das gleiche gilt von der Reproduktion eines Liedtextes durch
eine transponierte Melodie. Gewiß mögen bei dieser alle Noten andere sein als die urspünglich mit
dem Text verbundenen, aber es bleibt noch die in beiden Fällen gleiche Gestalt, die Melodie, die
zweifellos für die Reproduktion des Textes verantwortlich ist. Als beweiskräftig erübrigt nur noch die
Substitution ähnlicher Farben und Gerüche. Leider ist nirgendwo ein exakter Beweis für eine solche
Substitution erbracht. Ein solcher hätte übrigens auch eine mittelbare Reproduktion (etwa infolge
gleicher Wirkungen auf den Organismus) auszuschließen.
Auch die kleine Zahl von wirklich f r e i s t e i g e n d e n Vo r s t e l l u n g e n muß wohl durch
eine besondere Konstellation physiologischer Prozesse erklärt werden. Wie man sich dies im
einzelnen zu denken hat, kann erst weiter unten besprochen werden.
Kann die Frage nach dem Hauptgesetz der Reproduktion, d. h. die Frage, welche Inhalte uns bei
der Vorstellungserneuerung bewußt werden, als gelöst gelten, so ist die weitere Frage nach dem W i e
d e r Vo r s t e l l u n g s e n t f a l t u n g noch kaum in Angriff genommen. Nur den einen Satz kann
man aufstellen: die Vorstellungsentfaltung vollzieht sich meist vom Allgemeinen zum Besondern.
Jedoch sind die Bedingungen noch aufzufinden, unter denen dieser Satz aus einer Regel zu einem
Gesetz wird.

Literatur
W. P o p p e l r e u t e r , Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25 (1912).
J. L i n d w o r s k y , Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42 (1921).

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ZWEITER ABSCHNITT
Die Assoziation als Grundlage der
Reproduktion

Die Tatsache, daß früher gewonnene Eindrücke wieder aufleben, nötigt
zur Annahme, solche Eindrücke oder Wahrnehmungen seien nicht
einfachhin verloren gegangen, sondern würden irgendwie in uns
unbewußterweise aufbewahrt. Die weitere Tatsache, daß das Bewußtwerden
eines Teiles einer früheren Wahrnehmung die Bedingung für das
Bewußtwerden des übrigen Teiles ist, beweist, daß zwischen den Teilen der
Gesamtwahrnehmung irgendwelche Ve r b i n d u n g besteht. In früheren
Zeiten, wo man diese Teile der Gesamtwahrnehmung als in sich
abgeschlossene Vorstellungen oder gar Ideen auffaßte, prägte man die
Bezeichnung „Vorstellungs-“ oder gar „Ideenassoziation“. Wir können den
Ausdruck Assoziation der Vorstellungen beibehalten, ohne deshalb die
einzelnen Vorstellungen fälschlich als in sich abgeschlossene Dinge zu
nehmen. Es fragt sich nunmehr: wie kommt jene Aufbewahrung der
früheren Eindrücke und die Verbindung ihrer Teile zustande? Sind sie dem
Untergrund des Bewußtseins, etwa der substantiellen Seele zuzuschreiben
oder den Gehirnvorgängen oder beiden? Eine endgültige Antwort auf diese
Frage kann die experimentelle Psychologie nicht geben. Sie kann aber das
Tatsachenmaterial vorlegen, auf das sich jeder verständige und
wissenschaftliche Lösungsversuch zu stützen hat. An dieser Stelle nun
dürfen wir die Berücksichtigung der körperlichen Vorgänge, die mit den
seelischen in Verbindung stehen, nicht länger umgehen.

1. Kap. Gehirn und Bewußtsein

1. D a s N e r v e n s y s t e m

Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt einen seelischen Eindruck.
Diese Sinnesorgane sind nun, wie die Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven,

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an das Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark und das Gehirn,
angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung macht das Auftreten einer Empfindung
unmöglich. Diese Verbindung der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene
Leitung, sondern setzt sich aus mehreren N e u r o n e n (Fig. 6) zusammen. Das Neuron besteht aus
einer Nervenzelle (Ganglienzelle) und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen
(Dendriten) und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der Ganglienzelle
fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die
sich manchmal wie ein korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen. Somit
scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte Leitung, sondern durch eine Art
Induktion zu erfolgen.

Fig. 6. Schema eines Neuron (nach
E. Becher, Gehirn u. Seele. C.
Winters Verlag. Heidelberg). K Kern
der Ganglienzellen, d Dendriten, n
Achsenzylinder, k seitliche
Fortsetzung, e Endbäumchen.
Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung bis zum Gehirn fortgeleitet.
Dringt sie z. B. durch die hintere (sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so
kann sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die vordere (motorische)
Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen, und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der

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sich alsbald bewegt, wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfache R e f l e x b o g e n (Fig. 7)
der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen. Sie funktionieren, auch wenn man
das Groß- und das Mittelhirn abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich
nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark auf ein höheres Niveau und
erregt dort einen motorischen Nerven. Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen
Gliedmaßen zu strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die stärksten
Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3–5 mm beim Menschen) Gehirnrinde. In ihr befinden sich
ungezählte Ganglienzellen, die ihr die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen
Leitungsfasern (Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen sie sich vereinigen,
ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die
sogenannten A s s o z i a t i o n s f a s e r n in Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht nur der
Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.

Fig. 7. Schema des Reflexbogens (nach
E. Becher, Gehirn und Seele C. Winters
Verlag, Heidelberg). w weiße Substanz,
gr graue Substanz des Rückenmarks, s
sensible, m motorische Nervenfasern, sg
Spinalganglien der sensiblen Faser, a
Achsenzylinder, k seitl. Fortsetzung, e
Aufsplitterung des Achsenzylinders, mz
motorische Ganglienzelle.

2. D i e Z u o r d n u n g e i n z e l n e r G e h i r n t e i l e z u p s y c h i s c h e n F u n k t i o n e n

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Die Sektionsbefunde nach geistigen Störungen, die Exstirpation einzelner Gehirnpartien an
lebenden Tieren, die Reizung zufällig bloßgelegter Gehirnteile, die anatomische Verfolgung der
nervösen Bahnen, die Vergleichung der Gehirnentwicklung in der gesamten Tierreihe, diese und
andere Methoden der Gehirnforschung ergeben ziemlich enge Beziehungen zwischen Gehirn und
Geistesleben. Je besser das Zentralorgan, namentlich die graue Hirnrinde ausgebildet ist, um so höher
steht das geistige Leben des Individuums. Man darf zwar weder das absolute Gewicht des Gehirns als
Maß der geistigen Bedeutung nehmen — es stünde dann der Elefant an der Spitze —, noch darf man
das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht allein berücksichtigen — dann überträfen die kleinen
Vögel den Menschen —, stellt man aber mit L e h m a n n beide Faktoren in Rechnung, so ergibt das
Produkt beider, H H/K = H²/K (H = Hirngewicht, K = Körpergewicht), ein ungefähres Maß der
geistigen Höhe.
Es zeigt sich zweitens, daß b e s t i m m t e G e b i e t e der grauen Hirnrinde ziemlich eng mit
bestimmten psychischen Vorgängen verbunden sind. (Fig. 8.) So dient der Hinterhauptslappen beider
Hirnhemisphären den Gesichtseindrücken, der Schläfenlappen dem Hören, ein Teil der dritten linken
Stirnwindung (B r o c a sches Zentrum) ist den Sprechbewegungen, ein Teil der ersten linken
Schläfenwindung (W e r n i c k e ) dem Sprachverständnis zugeordnet, während die Scheitelgegend
den Körperbewegungen zugehört. Manche Funktionen scheinen, wie die schon erwähnten der
Sprechbewegungen und des Sprachverständnisses, vorwiegend einseitig lokalisiert zu sein, bei
Rechtshändern links und umgekehrt bei Linkshändern rechts; andere, wie Sehen und Hören, sind
gleichmäßig auf beide Hälften der Hirnrinde verteilt, und zwar dient beim Sehen der linke
Hinterhauptslappen der linken Netzhauthälfte beider Augen und der rechte der rechten; ein Teil der
optischen Nerven verläuft also gekreuzt. Da aber beide Gehirnhemisphären miteinander durch
besondere Leitungswege verbunden sind und ein Teil der Nervenfasern auch direkt in die andere
Hälfte einmündet, so kann bei Versagen des einen Teiles der andere zur Not aushelfen und allmählich
ausgebildet werden.

Fig. 8. Schema der Gehirnwindungen (nach E. Becher, Gehirn und Seele. C. Winters Verlag,
Heidelberg).

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In der Beurteilung des Zusammenhanges von Gehirn und psychischen Funktionen hat man sich
vor zwei Extremen zu hüten. Es ist einerseits verkehrt, jede Zuordnung bestimmter Regionen zu
bestimmten Tätigkeiten zu bestreiten. Trotz mancher Schwankungen und Unklarheiten bestätigen
sich die genannten Beziehungen immer wieder. Die bisweilen zu beobachtende Stellvertretung
beschädigter Gehirnpartien durch andere ist nicht durch ein freies Wandern der psychischen
Funktionen über die Gehirnrinde, sondern dadurch zu erklären, daß die stellvertretenden Gebiete
auch schon früher, wenngleich schwächer, an der psychischen Funktion beteiligt waren. Die
Koppelung von Hirnvorgang und seelischer Erregung scheint vielmehr eine recht enge und scharf
umschriebene zu sein. Nur so versteht man, daß infolge gewisser Krankheiten sauber umgrenzte
Gebiete unseres Wissens, wie einzelne fremde Sprachen, ausfallen können. Das gleiche beweisen die
Abarten der A p h a s i e , bei denen teils nur das Selbstsprechen, teils nur das Nachsprechen oder das
Sprachverständnis gestört sein kann; ferner die Lesestörungen (A l e x i e ), wo nur das
Leseverständnis oder das laute Lesen, endlich die Schreibstörungen, wo infolge von Gehirndefekten
entweder nur das Spontanschreiben oder nur das Abschreiben oder nur das Diktatschreiben versagen
kann (A g r a p h i e ).
Anderseits darf man die Lokalisation der psychischen Vorgänge auch nicht übertreiben. Zunächst
ist es durchaus unpsychologisch, so komplizierte Dinge wie Freundschaft, Vaterlandsliebe u. dgl. an
umschriebene Gehirnteile bannen zu wollen, wie es G a l l s Phrenologie und später F l e c h s i g s
Theorien taten. Alle Erfahrungen weisen vielmehr auf eine Lokalisation nach E l e m e n t e n der
Bewußtseinserscheinungen hin. Man hat darum auch ganz die Anschauung fallen gelassen, als ob
sich die einzelnen Vorstellungen als Ganze in einzelne Zellen einschlössen. Es dürften vielmehr bei
der Erneuerung einer Vorstellung ebenso wie bei dem ersten Eindruck stets eine Reihe von
Hirnzellen, und zwar an entlegenen Teilen der Rinde, in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn
einmal vereinigen manche Vorstellungen sowohl optische wie akustische Elemente, die bekanntlich
an getrennte Regionen geknüpft sind; sodann können infolge von Erkrankungen auch einzelne
Elemente wieder ausfallen, so die Farben der Vorstellungen; endlich ist gar kein Grund abzusehen,
warum sich die zu den einzelnen Vorstellungen gehörigen Nervenerregungen bzw. die von diesen in
der Rinde zurückgelassenen Spuren nun gerade so gegeneinander abschließen sollten, wie es den
wahrgenommenen Gegenständen entspricht, — wir werden später sehen, daß die Dingauffassung
durchaus noch nicht mit dem sinnlichen Eindruck gegeben ist. Würde aber stets der optische oder
akustische Gesamteindruck in eine Zelle oder Zellgruppe lokalisiert, so wäre die
Reproduktionserscheinung, daß wir von einem Teil eines Gesamteindruckes auf andere
Gesamteindrücke geraten, die mit dem ersten sonst nichts zu tun haben, schwer verständlich. Was
endlich die Lokalisation der anschaulichen Elemente betrifft, so wird man zweckmäßigerweise
vorerst noch auf eine genauere Vorstellung verzichten. Auch von den heute bekannten
Bewegungszentren kann man nicht mehr behaupten, als daß sie von hoher Bedeutung für das
Zustandekommen der Bewegung sind und unversehrt sein müssen, damit diese erfolge.
Nach dem bisher Gesagten dürfen wir mit Sicherheit erwarten, daß der Vorstellungsverbindung,
auf die wir durch die Reproduktionsgesetze geführt wurden, zum wenigsten auch eine physiologische
Bindung jener nervösen Elemente im Gehirn entspricht, die bei dem ersten Eindruck erregt worden
sind. Das beweisen die pathologischen Fälle der Aphasie, Alexie, Agraphie, das stimmt zu dem
Hauptgesetz der Reproduktion, welches gegen den Sinn der Vorstellungen indifferent ist, das geht
endlich mit Wahrscheinlichkeit aus der völligen Mechanisierung eingeprägter Vorstellungsfolgen
hervor. Wir nehmen also an, ein erstmaliger Eindruck lasse im Gehirn eine Spur oder Disposition
zurück: die bei ihm erregten Zellen seien infolge der Erregung nicht mehr in demselben Zustand wie
zuvor — wir mögen uns diese Veränderung als Erhöhung ihrer Reizbarkeit denken —, außerdem
bestehe eine physiologische Verbindung zwischen den gleichzeitig einmal beanspruchten Zellen.
Diese Verbindung könnte durch eigentliche Leitungsbahnen wie auch rein dynamisch hergestellt sein;
der Vergleich mit der drahtlosen Telegraphie oder mit der indirekten Erregung von Stimmgabeln liegt

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nahe. Mit diesen Hilfsvorstellungen treten wir an die Untersuchung der besonderen Gesetze der
Reproduktion bzw. der Assoziation heran.

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2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze

1. D i e M e t h o d i k d e r A s s o z i a t i o n s f o r s c h u n g

Die inhaltliche Erforschung der aufeinander spontan folgenden
Vorstellungen ergab die drei bzw. fünf Reproduktionsgesetze, die sich auf
eines bzw. zwei zurückführen ließen. Die qualitative Erforschung des
Reproduktionsvorganges ist noch kaum in Angriff genommen, vielfach gar
nicht als besondere Aufgabe erkannt. Die quantitative Forschung hingegen
ist an dem Spezialfall der willkürlichen Einprägung ausgiebig untersucht
worden. Bahnbrecher war hier H. E b b i n g h a u s , während G. E. M ü l l e r das
Verdienst der kritischen Nachprüfung und allseitigen Ausgestaltung der
Ebbinghausschen Gedanken zukommt.
Ebbinghaus’ großer Gedanke war der, Maß und Zahl an die
Einprägungsvorgänge, durch die bekanntlich Assoziationen gestiftet
werden, heranzubringen. Der Versuch, dies bei der Erlernung von
Gedichten zu tun, zeigte alsbald, daß das Lernmaterial zu ungleich war, als
daß die einzelnen Lernversuche und ihre Ergebnisse miteinander hätten
verglichen werden dürfen. E b b i n g h a u s bildete darum aus je einem Vokal
und zwei Konsonanten sinnlose Silben (lap) und setzte sie zu Silbenreihen
zusammen. Später druckte man diese Silben untereinander auf einen
Streifen und ließ sie ruckweise hinter einem Lesespalt erscheinen. Bei
diesem Vorgang ist nun eine mannigfache Messung möglich. Desgleichen
sind die Aufgaben sehr verschieden, die man der Vp stellen kann. Aufgabe
und Messung charakterisieren nun die verschiedenen Methoden der
Assoziationsforschung.
Die E r l e r n u n g s m e t h o d e stellt als Methode des unmittelbaren Erlernens die Aufgabe, eine
Silbenreihe bis zum glatten Aufsagen zu erlernen. Dabei wird die ganze Silbenreihe stets auf einmal
gelesen und als ganze eingeprägt. Hier ist die Zahl der erforderlichen Wiederholungen sowie die
Schnelligkeit des einprägenden Lesens das quantitative Element. — Das E r s p a r n i s v e r f a h r e n
setzt einmal erlernte und teilweise wieder vergessene Reihen voraus und zählt, wieviele
Wiederholungen aufgewandt werden müssen, bis die Reihe wieder ohne Anstoß hergesagt werden
kann. Aus der Anwendung beider Methoden läßt sich etwa ermitteln, wie das Vergessen eines
eingeprägten Stoffes voranschreitet. Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß gleich lange Reihen
unter sonst gleichen Bedingungen durchschnittlich dieselbe Anzahl von Wiederholungen benötigen,
um erstmals eingeprägt zu werden. In der Tat gilt diese Voraussetzung: die Wiederholungszahlen der
verschiedenen Lernversuche scharen sich verhältnismäßig dicht um einen Hauptwert, etwa das

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arithmetische Mittel, ein Beweis, daß auf diesem Gebiete eine strenge Gesetzmäßigkeit herrscht. —
Will man die Reihe nicht vollständig auswendig lernen lassen, so bietet man nach einer gewissen
Zahl von Wiederholungen einzelne Silben der Reihe dar und läßt die auf sie folgende Silbe
aussprechen. Das Verhältnis der richtigen Treffer (daher der Name T r e f f e r m e t h o d e ) r zur Zahl
aller Prüfungen n, also r/n, gibt ein Maß der Assoziationsstärke. Auch die Geschwindigkeit, mit der
auf die vorgezeigte Silbe die zu ihr gehörige ausgesprochen wird, ist von Bedeutung. Natürlich erhält
man durch keine der genannten Messungen eine absolute Wertangabe für die Stärke der Assoziation,
sondern nur eine relative. Auch sind die Ergebnisse der Erlernungs- und der Treffermethode nicht
ohne weiteres miteinander vergleichbar, weil das subjektive Verhalten bei beiden nicht genau
dasselbe ist. A n d e r e M e t h o d e n , wie die der behaltenen Glieder und die der Hilfen, die
entweder die von einer Reihe behaltenen Glieder oder die Anzahl der Hilfen zählt, welche der Vl
gewähren muß, damit eine Reihe ganz aufgesagt werde, ebenso die Wiedererkennungsmethode, die
nach wenigen Wiederholungen einer Reihe deren Silben vorführt und angeben läßt, ob man sie als
Bestandteile der früheren Reihe wiedererkennt, sind von untergeordnetem Werte und nur für
bestimmte Versuchszwecke passend.
Die bis jetzt genannten Methoden erforschen nur die unter ganz bestimmten und bekannten
Bedingungen gestifteten Assoziationen, und zwar sowohl den Prozeß der Assoziationsstiftung, wie
auch den Grad der Assoziationsfestigkeit und deren Verfall. Andere Methoden untersuchen die Stärke
jener Assoziationen, die das Leben gestiftet hat: die A s s o z i a t i o n s r e a k t i o n e n . Bietet man
optisch oder akustisch einer Vp ein Wort dar mit der Anweisung, das nächst einfallende Wort
auszusprechen, und wiederholt diesen Versuch bei möglichst vielen Individuen, so stellt sich heraus,
daß ein hoher Prozentsatz der Vpn auf das nämliche Reizwort mit demselben Reaktionswort reagiert,
auf „Blitz“ wird die Mehrzahl der Erwachsenen mit „Donner“ antworten. Je mehr Individuen sich auf
die gleiche Reaktion einigen, um so stärker ist die Assoziation zwischen dem Reiz- und dem
Reaktionswort. An diesem Grundschema der Assoziationsreaktion lassen sich nun mannigfache
Variationen anbringen: Man kann die Reizvorstellung und die Art ihrer Darbietung verändern (Wort-
oder Sachvorstellung, akustische oder optische Darbietung); man kann ferner die Art der
Reaktionsvorstellung ganz in das Belieben der Vp stellen oder sie mehr und weniger einschränken,
indem man z. B. eine verwandte oder entgegengesetzte Vorstellung finden läßt; man kann statt einer
Vorstellung eine Reihe solcher sich entwickeln lassen. Bei all diesen Versuchen ist die Messung der
Reaktionszeiten lehrreich. Nur darf man sich nicht mit den Angaben der Reaktionsvorstellungen
begnügen, sondern muß auf Grund der rückschauenden Selbstbeobachtung jedesmal das ganze
Erlebnis schildern lassen. Sehr häufig ist nämlich das Reaktionswort gar nicht die erste durch die
Reizvorstellung ausgelöste Vorstellung, weil die Vp, ohne sich recht darüber klar zu sein, gewisse
Anforderungen an die Reaktionsvorstellungen heranbringt. Selbstverständlich kann man auch den
subjektiven Zustand der Vp variieren, indem man die Versuche entweder im frischen oder im
ermüdeten oder in einem durch Alkohol u. dgl. beeinflußten Zustand ausführt.

2. H a u p t e r g e b n i s s e d e r A s s o z i a t i o n s f o r s c h u n g

a) D i e B e z i e h u n g e n z w i s c h e n d e r Z a h l d e r W i e d e r h o l u n g e n u n d d e r
Assoziationsstärke

Ein einmaliges Bewußtwerden eines Erlebnisses kann bekanntlich dies
dauernd einprägen, falls das Vorkommnis sehr eindrucksvoll ist. Die

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einmalige Vorführung indifferenter Inhalte jedoch, wie sinnlose Silben,
Zahlen, zusammenhanglose Worte, ist nur dann von Erfolg, wenn es sich
um eine geringe Zahl solcher Inhalte handelt: 6–7 sinnlose Silben, 10–12
Zahlen oder Buchstaben können von Erwachsenen nach einmaligem Lesen
oder Hören aufgesagt werden; von sinnvollen oder gar
zusammenhängenden Worten kann ungleich viel mehr behalten werden. Wir
fassen eben die Wörter nicht nach ihren Elementen, den Buchstaben, und
die Sätze nicht nach ihren einzelnen Wörtern auf, sondern beachten und
behalten jedesmal die Einheiten. Indes wird durch einmaliges Darbieten
einer solchen kurzen Reihe keine bleibende Assoziation gestiftet. Die
wahrgenommenen Elemente verharren vielmehr im Sekundärerlebnis noch
eine kurze Zeitspanne, so daß die etwa dargebotenen sechs sinnlosen Silben
gleichzeitig im Bewußtsein stehen und darum nochmals wiedergegeben
werden können. Man spricht hier vom u n m i t t e l b a r e n B e h a l t e n . Wird
jedoch dessen Spannweite überschritten, werden statt sechs etwa neun
sinnlose Silben vorgeführt, dann werden nicht etwa sechs behalten und drei
vergessen, sondern von den neun lassen sich kaum zwei bis drei nennen.
Die Spannweite des unmittelbaren Behaltens ist nach Alter, Individuum und
Frische sehr verschieden.
Überschreitet die Silbenreihe eine gewisse Länge, so sind zu ihrer
Einprägung mehrere Wiederholungen erforderlich; für eine 12silbige Reihe
etwa 16 Wiederholungen. Es fragt sich nun: wie wächst die Zahl der zur
Einprägung notwendigen Wiederholungen, wenn die zu erlernende Reihe
vergrößert wird? Man könnte erwarten, daß die Zahl der Wiederholungen in
gleicher Weise steigen würde wie die der Silben. Anderseits wäre es aber
auch möglich, daß die Wiederholungszahl nicht anwüchse, da bei jeder
Reihenlänge doch immer nur die Assoziation zwischen je zwei Silben zu
stiften, somit die gleiche Leistung zu vollbringen ist. Aber keine dieser
Möglichkeiten verwirklicht sich, sondern die Wiederholungszahl steigt
anfangs sehr schnell, später langsamer. E b b i n g h a u s gibt folgende Zahlen
an: Anzahl der Silben: 7, 12, 16, 24, 36; notwendige Wiederholungen: 1,
16,6, 30, 44, 55. Eine ganz befriedigende Erklärung dieser
Gesetzmäßigkeiten gibt es noch nicht. Sicherlich ist die Erlernung von 36
Silben eine größere Leistung als die von drei Zwölferreihen, da im ersten
Fall 36, im letzten nur je 12 Silben am Ende der Reihe gleichzeitig gewußt
werden müssen.

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Schon die Alltagserfahrung besagte: je öfter man einen Lernstoff
wiederholt, um so tiefer prägt er sich ein. Die Experimente bestätigen diese
allgemeine Regel, zeigen aber auch, daß nicht einfachhin eine
Proportionalität zwischen der Anzahl und dem Einprägungswert der
Wiederholungen herrscht. Die erste Lesung hat bei sinnlosem Material den
größten Einprägungswert; bei sinnvollem gilt dies von der zweiten, da die
erste der Orientierung dient. Ist die Reihe einmal gelernt, so prägen die
überschüssigen Wiederholungen sie verhältnismäßig nicht viel mehr ein,
sind darum weniger zweckmäßig.

b) E i n f l u ß d e s L e r n s t o f f e s

Zunächst ist die Stellung der einzelnen Elemente von Bedeutung. Anfang und Ende einer
Silbenreihe werden zuerst behalten, die Mitte wird regelmäßig am schwersten gelernt. Unmittelbar
vorausgehende und unmittelbar nachfolgende Einprägungen scheinen einer weiteren
Assoziationsstiftung nachteilig zu sein. Je geläufiger sodann die einzelnen Silben einer Reihe oder
überhaupt die Elemente eines Lernstoffes sind, um so leichter prägen sie sich ein: eine Reihe, die aus
bekannten Silben aufgebaut ist, wird leichter erlernt als eine aus unbekannten. Das ist übrigens auch
ein Grund, weshalb die Einprägung längerer Reihen mehr Wiederholungen beansprucht als die
kürzerer. Je stärker ferner und je eindringlicher die Elemente dargeboten werden, um so besser
werden sie behalten. Das gilt in gewissem Sinne auch für die Dauer der Einwirkung: bleiben die
einzelnen Silben längere Zeit sichtbar, so vermehren sich die Treffer. Anderseits werden die Reihen
unter sonst gleichen Bedingungen aber doch schneller erlernt, wenn sie schneller gelesen werden.
Man hat dieses Paradox durch den Einfluß der Perseveration zu klären gesucht: bei dem
Trefferverfahren, das 5 Minuten nach der Darbietung einsetzt, spielt die Perseveration eine größere
Rolle als bei dem Erlernungsverfahren, wo die ganze Reihe unmittelbar nach der Einprägung
aufgesagt wird. Nun ist die Perseveration um so stärker, je länger der Eindruck währte. Sie kann also
bei langsamer Darbietung mehr zur Geltung kommen als bei schneller (E p h r u s s i ). Vielleicht kann
noch folgender Umstand berücksichtigt werden. Bei dem Trefferverfahren kommt es (auch subjektiv)
darauf an, nur je ein Silbenpaar einzuprägen, und dafür ist eine längere Darbietung vorteilhaft. Bei
dem Erlernungsverfahren hingegen soll immer die ganze Reihe behalten werden. Wenn nun wirklich,
wie wir oben annahmen, die Hauptbedingung für die Assoziationsstiftung in der gleichzeitigen
Vereinigung der Inhalte im Bewußtsein besteht, dann wird innerhalb gewisser Grenzen eine schneller
gelesene Reihe sich leichter zu einem Gesamtbewußtseinsinhalt vereinigen lassen als eine langsam
gelesene, und es ist zu erwarten, daß die Reproduktion der Teilinhalte eines Gesamtbewußtseins
gegenüber der Reproduktion mehrerer aufeinanderfolgender Bewußtseinszustände im Vorteil ist.

c) D i e G e s e t z m ä ß i g k e i t e n d e s Ve r g e s s e n s

Das Abnehmen der Assoziationsfestigkeit bestimmte zuerst
E b b i n g h a u s vermittels der Methode der Ersparnisse: Mehrere gleichartige
Reihen werden erlernt. Nach zwanzig Minuten wird eine von ihnen so oft

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wiederholt, bis sie wieder aufgesagt werden kann; nach einer Stunde wird
eine zweite auf die gleiche Weise wieder aufgefrischt; nach acht Stunden
eine dritte usf. Es stellte sich heraus, daß die erlernten Reihen — Ähnliches
gilt von allen anschaulichen Vorstellungsfolgen, z. B. auch von
Handfertigkeiten — anfangs sehr rasch und später sehr langsam vergessen
werden. Daraus ergibt sich unmittelbar: sind uns zwei Lernstoffe
augenblicklich gleich geläufig, so werden wir nach einiger Zeit denjenigen
von beiden besser wissen bzw. weniger vergessen haben, den wir zuerst
gelernt haben.
Da sich innerhalb gewisser Grenzen auch ein dauerndes Behalten erzielen läßt, das keine
Wiederholungen mehr erfordert, so kann eine bis zum eben Hersagen erlernte und jeden Tag bis zu
demselben Punkte wieder aufgefrischte Reihe nicht jedesmal gleichviel an ihrer Assoziationsstärke
verlieren. Somit werden alte Assoziationen durch gleich viele Wiederholungen mehr gestärkt als
junge (J o s t ). Das Experiment lehrt aber außerdem noch, daß das rasche Sinken der
Assoziationsstärke namentlich durch die erste Wiedererlernung aufgehalten wird (M e u m a n n ). Mit
dem Jostschen Satz hängt die wichtige Tatsache zusammen, daß es für die Einprägung vorteilhafter
ist, die Wiederholungen möglichst zu verteilen, als den Lernstoff auf einmal zu bewältigen. Von
besonders hohem Einprägungswert sind ferner jene Wiederholungen, die in Aufsageversuchen
bestehen. Rezitationen, die zwischen einfache Wiederholungen eingeschoben werden, ersparen eine
beträchtliche Zahl Wiederholungen. Die Aufsageversuche nämlich machen die schwachen Stellen
kenntlich, lenken somit bei weiteren Einprägungen die Aufmerksamkeit auf sie und leiten zur
Gruppenbildung an. Damit kommen wir zu neuen Lernbedingungen. die mit der Wiederholung als
solcher nichts gemein haben.

d) D i e B e d e u t u n g d e s a l l g e m e i n e n p s y c h i s c h e n Ve r h a l t e n s

Ein großes Hindernis der Einprägung bildet die geistige Ermüdung. Der
späte Abend eignet sich durchschnittlich ebensowenig wie die Zeit der
Verdauung zum Memorieren. Weiterhin stören Unlustgefühle gewaltig den
Lernprozeß, während eine nicht allzu lebhafte Freude fördert. Das Interesse
beschleunigt die Einprägung wohl in erster Linie wegen der
Aufmerksamkeitssteigerung, die es bedingt. Zwar läßt sich nicht behaupten,
ohne Aufmerksamkeit sei jegliches Behalten ausgeschlossen, aber im
Bereiche der willkürlichen Einprägung bildet die
Aufmerksamkeitskonzentration einen ausschlaggebenden Faktor, weshalb
auch die Gedächtnispädagogen in erster Linie zur Beherrschung der
Aufmerksamkeit erziehen. Ähnliches gilt von dem Willen zur Einprägung.
Ohne diesen bringen auch recht zahlreiche Wiederholungen nicht merklich
voran. Neuere Untersuchungen legen endlich nahe, daß es ein Behalten auf

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bestimmte Fristen gibt: was nur für einen bestimmten Termin eingeprägt ist,
scheint rascher vergessen zu werden als das für immer Gelernte. Doch
bedarf diese Frage noch weiterer Untersuchungen.
Die oben (S. 102 f.) erwähnten Vorstellungstypen machen sich auch für das Lernen geltend. Im
allgemeinen gilt: jene Darbietungsweise ist die günstigste, welche dem Vorstellungstypus des
Lernenden entspricht. Diese allgemeine Regel erleidet aber durch die besonderen Umstände
zahlreiche Ausnahmen. So wird der Visuelle eine Reihe römischer Zahlen akustisch einprägen, weil
ihm die akustischen Zahlvorstellungen geläufiger sind als die römischen Zahlbilder. Umgekehrt wird
der Akustiker sich des visuellen Gedächtnisses bedienen, wenn ihm mehrere optische Bilder
vorgeführt werden, für die er keinen Namen besitzt. Beides wegen des oben (S. 167) genannten
Gesetzes, daß sich eine Reihe aus bekannten Elementen leichter merken läßt als eine aus völlig neuen
gebildete.

e) N e b e n a s s o z i a t i o n e n

Außer der Assoziation, die von einem Teile der dargebotenen Reihe zum nächstfolgenden führt
und die sich als Hauptassoziation bezeichnen läßt, weil sie den Weg vorschreibt, den die
Reproduktion beim Aufsagen der Reihe in der Regel nimmt, entdeckte schon E b b i n g h a u s noch
andere Assoziationen. Es ist nicht nur die erste Silbe mit der zweiten, sondern auch die erste mit der
dritten, der vierten und sogar nachweislich mit der siebten Silbe verbunden (ü b e r s p r i n g e n d e
A s s o z i a t i o n e n ). Allerdings wird die Stärke der Assoziation um so geringer, je weiter der
ursprüngliche Abstand der Silben ist. Sodann fand sich eine r ü c k l ä u f i g e A s s o z i a t i o n : es
besteht auch eine Reproduktionstendenz von der nachfolgenden zur vorausgehenden Silbe. Endlich
die S t e l l e n a s s o z i a t i o n : man merkt sich außer der Silbe auch ihre Stelle in der Reihe,
entweder durch das Zahlwort: dritte Silbe, oder visuell: in der Mitte, oder akustisch, insofern als den
rhythmisch ausgesprochenen Taktteilen eine charakteristische Betonung zukommt. Alle diese
Nebenassoziationen verraten sich teils im Trefferverfahren, wenn man die falschen Reaktionen auf
ihre Herkunft untersucht, teils im Ersparnisverfahren, wenn man Reihen bildet, in denen entweder die
mittelbar aufeinanderfolgenden Silben oder die Stellenwerte erhalten bleiben. Übrigens stimmt die
Tatsache der Nebenassoziationen sehr gut zu der oben dargelegten Auffassung der
Simultanassoziation (S. 156), denn alle durch Nebenassoziation verbundene Glieder waren einmal
gleichzeitig im Bewußtsein. Somit wäre uns durch die überspringenden Assoziationen ein Maß für
den „sukzessiven“ Bewußtseinsumfang gegeben, und falls unsere Auffassung richtig ist, müßten bei
rascherem einprägendem Lesen die überspringenden Assoziationen sich weiter erstrecken als bei
langsamem.

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3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das
Gesamtbewußtsein

1. D i e K o n s t e l l a t i o n

Die willkürlich hergestellte Assoziation zwischen den Gliedern einer
Reihe gibt noch kein vollständiges Bild der Assoziationsverhältnisse im
Gesamtbewußtsein. Die Vorstellungen der Reihenelemente sind nur
künstlich isoliert und erhalten so eine stärkere Beachtung und assoziative
Verbindung; namentlich wird aber bei der Reproduktion nur ihnen
Beachtung geschenkt, wodurch sie besonders gefördert und andere
Vorstellungen, die gleichzeitig auftauchen möchten, vernachlässigt werden.
Die Vorstellungsverbindungen, welche das Leben stiftet, lassen sich nicht
durch das Kettenschema der Silbenreihen, sondern eher durch ein
Netzschema veranschaulichen. Es geht ja von jeder Teilvorstellung eine
assoziative Verbindung nach allen Seiten aus, wenn auch diese
Verbindungen nicht alle gleich stark sind. Dementsprechend strahlen von
einer Teilvorstellung auch nach allen Seiten Reproduktionstendenzen aus.
Nun ist unserem Bewußtsein aber niemals nur eine Vorstellung gegeben.
Stets ist eine Mehrheit an Vorstellungen vorhanden. Sehr viele von ihnen
haben wir schon früher einmal gehabt. Von ihnen gehen deshalb
gleichzeitig die verschiedenartigsten Reproduktionstendenzen aus, die sich
gegenseitig teils fördern, teils hemmen.

a) D i e H i l f e n

Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens zeigen, daß nichterneuerte Assoziationen zwar
geschwächt werden, aber nicht völlig verschwinden. Das läßt vermuten, daß ein erfolgloser
Reproduktionsversuch auch nicht gänzlich wirkungslos bleibe. In der Tat fällt einem ein gesuchter
Name bisweilen kurze Zeit darauf in einem anderen Zusammenhang ein. Der Reproduktionsversuch
hat diesen Namen in höhere Bereitschaft gestellt. Wenn nun nach dem gesuchten Namen nicht nur
von einer, sondern von mehreren Vorstellungen aus Reproduktionstendenzen hinstrahlen, so läßt sich
erwarten, daß er endlich ins Bewußtsein gehoben wird, auch wenn keine der verschiedenen
Reproduktionstendenzen für sich allein dies hätte vollbringen können. Die Reproduktion des Namens
gelingt infolge der K o n s t e l l a t i o n . So erteilt man in der Schule bisweilen Gedächtnishilfen: will
der Name Finsteraarhorn nicht einfallen, so fragt man nach dem dort entspringenden Fluß, der Aar.

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b) D i e H e m m u n g e n

Wie es die Reproduktion fördert, wenn von zwei Teilvorstellungen Reproduktionstendenzen auf
die zu erneuernde Vorstellung hinführen, so wird es umgekehrt der Reproduktion der Vorstellung b
durch die Vorstellung a hinderlich sein, wenn von a gleichzeitig zwei Reproduktionstendenzen
ausgehen, nach b und nach c. In der Tat läßt sich diese assoziative Hemmung experimentell
nachweisen, und zwar in doppelter Art: ist a schon mit b assoziiert und soll noch mit c verbunden
werden, so ist die Assoziation ac schwerer zu bilden als sonst (g e n e r a t i v e Hemmung); sodann
wird durch die neue Verknüpfung ac die ältere Assoziation ab geschwächt (e f f e k t u e l l e
Hemmung). Diese herkömmliche Ausdrucksweise ist allerdings ungenau, da wir streng genommen
nur von der Reproduktion etwas aussagen können, nämlich: die Reproduktionsmöglichkeiten des c
wie des b mit a als Reproduktionsmotiv sind herabgesetzt. Daß die Assoziation als solche nicht
beeinträchtigt ist, beweisen die später zu besprechenden Versuche über Komplexbildung, nach denen
beide Hemmungen nur unter bestimmten Bedingungen eintreten. Damit verschwindet auch das
Bedenken, unser ganzes Vorstellungsleben müsse unter diesen beiden Hemmungen leiden oder gar
unmöglich werden. Wo aber die assoziativen Hemmungen eingreifen, wo von einer Vorstellung
tatsächlich gleichzeitig verschiedene Reproduktionstendenzen ausgehen, da kommt es zur
Konkurrenz der assoziierten Vorstellungen, indem die überwertige obsiegt, oder es treten
Mischwirkungen zutage, wie „Kreuz und Rüben“ aus kreuz und quer und Kraut und Rüben.
Die r ü c k w i r k e n d e Hemmung ist jedoch den assoziativen nicht gleichzustellen. Läßt man
unmittelbar nach Einprägung einer Reihe eine intensive geistige Beschäftigung wie Memorieren oder
aufmerksames Betrachten von Bildern folgen, so wird von dem erlernten Stoff ungleich mehr
vergessen als ohne diese nachfolgende Tätigkeit. Hier werden wirklich die Assoziationen
geschwächt; denn die Reproduktion ist unter allen Bedingungen erschwert, auch dann, wenn die
Vorstellungen aus der nachfolgenden Beschäftigung nicht als störende Konkurrenten auftreten. Daher
die Bedeutung der Pausen nach dem Auswendiglernen. Die frisch gebildete Assoziation braucht Zeit,
um sich zu befestigen und — zu verstärken. Merkwürdigerweise verbessert sich nämlich unser
Gedächtniswissen im Verlauf der Zeit: in Versuchen von B o l d t war das Ergebnis der Prüfung nach
einem Tag besser als nach einer Viertelstunde, und da besser als nach 5 Minuten. E b b i n g h a u s
war diese Tatsache entgangen, weil er stets mehrere Reihen hintereinander lernen ließ, die sich
gegenseitig hemmten. Für diese auffallende Erscheinung ist einstweilen folgende
Erklärungsmöglichkeit vorhanden: Gleichzeitig mit dem eigentlichen Lernstoff werden eine Reihe
anderer Vorstellungen aus der gesamten Lernsituation miteingeprägt. Sie werden beim Hersagen der
Reihe ebenfalls in Bereitschaft gesetzt und hemmen darum den glatten Ablauf. Nun unterliegen beide
Vorstellungsreihen, die Haupt- wie die Nebenvorstellungen, dem Vergessen. Weil aber die
Nebenvorstellungen weniger beachtet waren, stand ihnen von Anfang an eine schwächere
Assoziation zu Gebote wie den Hauptvorstellungen. Somit erreicht bei ersteren die
Reproduktionstendenz bald den Nullpunkt, während sie für die letzteren noch wirksam bleibt.
Vielleicht hat man außer diesem Umstand noch ein Ausreifen der physiologischen Dispositionen zur
Erklärung heranzuziehen.

2. D i e K o m p l e x b i l d u n g

Teilt man eine Silbenreihe in Gruppen zu je drei Silben, läßt sie in
anapästischem Rhythmus ( ) lesen und bietet später der Vp eine der

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betonten Silben mit der Aufforderung, die nächsteinfallende Silbe
auszusprechen, so wird die zweitvorhergehende Silbe häufiger reproduziert
als die unmittelbar vorausgehende (i n i t i a l e R e p r o d u k t i o n s t e n d e n z ). Es
besteht sonach eine Tendenz, ausgehend von einem Glied des Komplexes,
den ganzen Komplex ins Bewußtsein zu heben. Läßt man eine Silbe aus
einem solchen Komplex in einer zweiten Reihe sich mit einer
komplexfremden Silbe assoziieren, so läßt sich die generative und
effektuelle Hemmung, die nach dem obigen zu erwarten wäre, an jener
Silbe nicht nachweisen, sobald sie innerhalb des Komplexes reproduziert
wird (F r i n g s ). Es wird also offenbar beim Aufsagen einer in Komplexe
eingeteilten Reihe nicht jede Silbe für sich reproduziert, sondern der
Komplex, in dem sie sich befindet, wird als Ganzes wieder erneuert.
Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei der freien und gebundenen
Reproduktion bedeutungshaltiger Vorstellungen. Wir müssen somit unsere
Auffassung der Assoziationen dahin erweitern, daß sich nicht nur an ein
einzelnes Element nach verschiedenen Richtungen hin andere Elemente
anschließen, sondern daß auch häufig eine Mehrheit von Elementen in
einem Komplex vereinigt sind und daß solche Komplexe ähnlich wie die
Elemente untereinander assoziativ verknüpft sind.
Einen Komplex hat man sich jedoch nicht wie eine eingeprägte
Silbenreihe zu denken, deren letzte Silbe man wieder mit der ersten
assoziiert hätte und deren Glieder umso fester miteinander verknüpft sind,
je häufiger sie wiederholt werden. Dem Komplex ist es vielmehr
charakteristisch, daß er als ein G a n z e s eingeprägt und als ein G a n z e s
reproduziert wird. Ist nun ein Te i l eines solchen Komplexes gegeben, so
geht die Reproduktion nicht so sehr auf den nächstfolgenden Te i l als
vielmehr auf den g a n z e n Komplex. Häufig ist uns jedoch nicht ein Teil,
sondern eine schematische Antizipation des Komplexes gegeben; wir haben
ihn gleichsam in Umrissen, ähnlich wie wir von einer entfernten Inschrift
nur die Umrisse der Wortbilder sehen. Ein solches antizipierendes Schema
hat nun gleichfalls die Tendenz, den zugehörigen Komplex zu
reproduzieren. So tritt uns bisweilen aus dem in seinen Einzelheiten nicht
erkannten Wortbild das Wort selbst ins Bewußtsein, ohne daß die
Buchstaben deutlich zu werden brauchen. (G e s e t z e der
K o m p l e x e r g ä n z u n g . ) So versteht man, daß unser Vorstellungsleben der
von der mannigfachen Verknüpfung der Elemente ausgehenden Hemmung
nicht unterliegt. So erklären sich auch die beim unmittelbaren Behalten

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erwähnten Tatsachen: wir prägen uns eine Anzahl Wörter fast ebenso leicht
ein wie die nämliche Anzahl Buchstaben. Gleichwohl sind die Elemente in
dem gesamten Reproduktionsvorgang nicht ohne Bedeutung: die von ihnen
ausgehenden Reproduktionstendenzen geben oft den Ausschlag, wenn
mehrere zu demselben antizipierenden Schema passende Komplexe
miteinander konkurrieren.
Die Einführung der Komplexe im soeben dargelegten Sinne stellt die Gedächtnisforschung vor
ganz neue Probleme. Vielleicht muß einmal die gesamte Gedächtnislehre auf diesem Begriff neu
aufgebaut werden, da wir unsere Eindrücke möglicherweise überhaupt nur in Komplexen
aufnehmen[7]. Wie dem auch sei, zwei Bedingungen lassen sich heute schon angeben, welche die
Bildung von Komplexen fördern. O h n e Z u t u n des Subjektes muß sich ein Komplex bilden,
wenn in der Menge wechselnder Eindrücke ein Empfindungsganzes häufig unverändert wiederkehrt.
So hebt sich für das junge Tier wohl allmählich das Bild des Futters, des Herrn usw. heraus. M i t
d e m Z u t u n des Subjektes entstehen Komplexe durch Zusammenfassung (s. S. 124). Ganz von
selbst teilen die Vpn eine Silbenreihe in einzelne Gruppen ab; die rhythmische Betonung bestimmter
Silben leistet dabei eine große Hilfe: die einfache Zusammenfassung wird zur Gestaltauffassung. Je
größer bei gleicher Übersichtlichkeit ein Komplex gemacht werden kann, um so leichter wird die
ganze Reihe erlernt.
Auch das s i n n v o l l e L e r n e n versteht man am besten als einen Sonderfall der
Komplexassoziation. Sinnvolles Lernen ist nämlich nur dadurch möglich, daß eine Beziehung
zwischen den beiden einzuprägenden Vorstellungen hergestellt und das so entstandene
Beziehungsganze eingeprägt wird. Allerdings kann man auch zwei Vorstellungen zu einer sinnvollen
Gesamtvorstellung vereinigen, Muster und Neffe zu Musterneffe; man bildet so durch einfache
Addition zweier Komplexe einen größeren, doch ist hier der Sinn des neuen Komplexes von
untergeordneter Bedeutung, lassen sich ja auch mit demselben Nutzen s i n n l o s e Verbindungen
dieser Art, wie „Kliometerthal“, verwerten. Sobald aber eine Beziehung zwischen den
einzuprägenden Vorstellungen gefunden ist, hat man einen S a c h v e r h a l t und damit einen
eigenartigen sinnvollen Komplex gewonnen. Dieser Komplex wird tatsächlich reproduziert. Es fragt
sich aber noch, ob der Beziehungsgedanke als solcher eingeprägt wird. Wäre dies der Fall, so hätte
man neben den Residuen anschaulicher Vorstellungen noch ein neues Gedächtniselement
anzuerkennen: die unanschaulichen Dispositionen unanschaulicher Gedanken. Die sachliche
Schwierigkeit dieser Annahme reicht nicht aus, sie a limine abzuweisen. Indes ist die Frage heute
noch nicht spruchreif. Es bleiben nämlich zur Erklärung der heute bekannten Tatsachen noch
mancherlei Möglichkeiten. Zunächst kann das Wissen um einen Sachverhalt vermittels eines Satzes
oder Wortes eingeprägt werden. Weiterhin kann der Beziehungsgedanke schon früher eine
anschauliche Repräsentation z. B. durch Schemata, wie Gleichheitszeichen u. ä., gefunden haben, so
daß es jetzt genügt, wenn die zwei Vorstellungen mit jenem geläufigen anschaulichen Symbol zu
einem assoziativen Komplex verbunden werden. Ferner kann die Sachverhaltserfassung die beiden
Vorstellungen bzw. ihre in Beziehung zueinander tretenden Seiten so hervorheben, daß bei ihrer
Reproduktion der früher erkannte Sachverhalt gar nicht mehr übersehen werden kann. Befinden sich
z. B. unter einer Anzahl gleichzeitig dargebotener Figuren zwei formgleiche, so kostet es anfangs
vielleicht Mühe, diesen Sachverhalt aufzufassen. Hebt man alsdann die gleichen Figuren durch
Verstärkung ihrer Umrisse heraus, dann wird man die Zeichnung kaum noch ansehen können, ohne
die Gleichheit jener Figuren geradezu unmittelbar wahrzunehmen. Es wäre nun möglich, daß infolge
der Sachverhaltserfassung die Gedächtnisspuren zweier Vorstellungen in ähnlicher Weise
herausgehoben würden, wie die Umrisse jener Figuren. Endlich mag in vielen Fällen die scheinbar
eingeprägte Beziehung beim Wiederauftauchen der Vorstellungen neu erfaßt werden. Erst wenn das

Page 183

Gebiet der eben bewußtwerdenden Vorstellungen näher bekannt ist, wird eine endgültige
Stellungnahme möglich sein. Wir wissen auf jeden Fall heute schon, daß die eben auftauchenden
Vorstellungen eine hohe Bedeutung im Seelenleben haben und daß aller Wahrscheinlichkeit nach
Beziehungen zwischen Vorstellungen erfaßbar sind, bevor diese selbst zur klaren Bewußtheit
gelangen.

Literatur
M. O f f n e r , Das Gedächtnis. 3. Aufl. 1913.
O. S e l z , Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs, 1913.
E. B e c h e r , Gehirn und Seele, 1911.
J. L i n d w o r s k y , Fordern die Reproduktionserscheinungen ein psychisches Gedächtnis? Phil.
Jahrbuch 1920.

[7] Vgl. meine Besprechung von O. S e l z , Zur Psychologie des produktiven
Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).

Page 184

Page 185

III. B u c h
DIE HÖHEREN SEELISCHEN
LEISTUNGEN DES EINZELNEN

ERSTER ABSCHNITT
Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung

Das Zusammenwirken von Gedächtnis und Erkenntnisfähigkeiten
ermöglicht die höheren Erkenntnisleistungen, deren wichtigste im
folgenden besprochen werden sollen. Die Vergleichung zweier unmittelbar
und gleichzeitig gegebener Bewußtseinsinhalte oder äußerer Gegenstände,
der sog. S i m u l t a n v e r g l e i c h , beansprucht allerdings fast gar nicht das
Gedächtnis, wenn wir von seinem sprachlichen Ausdruck etwa absehen. Er
scheint sogar vielen überhaupt nicht über die sinnliche Wahrnehmung
hinauszugehen: wenn das Auge nebeneinander rot und grün erblickt, so
meint man, müsse es auch notwendig die Verschiedenheit dieser Farben
auffassen. Die innere Unmöglichkeit dieser Anschauung haben wir schon
dargetan (S. 108 ff.). Hier betonen wir nur, daß auch bei einem so einfachen
Erlebnis eine Mehrheit von seelischen Funktionen, allerdings reduziert und
in ein einheitliches Phänomen verschmolzen, vorliegt. Die Experimente
lehren nämlich, daß zwei objektiv gleiche Gegenstände nicht nur im
Bewußtsein stehen, sondern sogar eigens beachtet werden können, ohne
darum als gleich erkannt werden zu müssen. Wenn sich auch die ersten und

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einfachsten Verschiedenheiten z. B. ohne weiteres aufdrängen werden, so ist
für gewöhnlich zum Zustandekommen eines Vergleiches vor allem der
Gesichtspunkt (die Aufgabe) notwendig, unter dem die zu vergleichenden
Gegenstände betrachtet werden müssen. Bisweilen ist sodann ein
wiederholtes Zusehen erforderlich. Hat man einmal den Gesichtspunkt der
vergleichenden Betrachtung geübt, so verharrt er häufig als Einstellung, und
unwillkürlich drängt sich alsdann auch bei anderen Wahrnehmungen die
objektiv bestehende Beziehung der Gleichheit, Ungleichheit, Ähnlichkeit,
Verschiedenheit usw. auf und bedingt die Täuschung, der Vergleichsakt sei
nichts Neues gegenüber der schlichten Wahrnehmung.
Ganz neue und schwierige Probleme enthüllte die experimentelle
Untersuchung des S u k z e s s i v v e r g l e i c h e s . Bislang glaubte man, wenn man
zwei nacheinander erlebte Eindrücke vergleiche, so stelle man der
Wahrnehmung des zweiten Reizes das Erinnerungsbild des ersten
gegenüber, und es wiederholten sich die Vorgänge des Simultanvergleiches.
Bei sehr schwierigen oder gestörten Vergleichen geht man bisweilen in der
Tat so voran. Aber nach den einstimmigen Befunden aller Forscher werden
die richtigsten und sichersten Vergleichsurteile dann gefällt, wenn die Vpn
gar nicht an den vorausgegangenen Eindruck denken, wenn sie ihn ganz
bestimmt nicht mehr im Bewußtsein gehabt zu haben erklären. Ist das
Gedächtnisbild des ersten Reizes vorhanden, so verbessert es nicht die
Vergleichsleistung. Ja, es kann sogar ein solches Gedächtnisbild vorhanden
sein und selbst als ungenau erkannt werden.
S c h u m a n n suchte das Problem durch die Verwertung der Nebeneindrücke zu lösen.
Tatsächlich begründen die Vpn manchmal ihr Vergleichsurteil mit dem Auftreten eines
Nebeneindruckes: die zu zweit gesehene Kreisfläche scheint zusammenzuschrumpfen und wird
darum als kleiner beurteilt; der dritte Schlag eines Schallhammers überrascht, und darum muß die
Zeitspanne zwischen dem zweiten und dritten Schlag kleiner sein als die zwischen dem ersten und
dem zweiten. Solche Nebeneindrücke seien bei den ersten Simultanvergleichen des Kindes
aufgetreten, hätten sich darum mit den Urteilen kleiner-größer verknüpft und dienten jetzt umgekehrt
zur Begründung dieser Urteile. Hie und da mag dem in der Tat so sein. Allein längst nicht bei allen
Sukzessivvergleichungen sind Nebeneindrücke bezeugt, und sehr viele der bezeugten
Nebeneindrücke sind beim eigentlichen Simultanvergleich ganz unmöglich, so das
Zusammenschrumpfen und Anschwellen einer Fläche u. a. B r u n s w i g glaubte darum, es genüge
die Erfassung des zweiten Eindruckes mit einer Richtung auf den ersten und einem latenten Wissen
von diesem. Eine beträchtliche Erklärung ist indes damit nicht geboten. Neuere Befunde dürften die
merkwürdige Erscheinung aufhellen. Unsere Bewußtseinsinhalte befinden sich auf verschiedenen
Stufen der Klarheit und Beachtung (W e s t p h a l ). Außerdem ist stets eine Gruppe von
Vorstellungen im Begriff, über die Schwelle des Bewußtseins zu steigen bzw. unter sie zu sinken;
schon eine geringe Veränderung der Konstellation kann sie unbewußt oder schwach bewußt machen.
Es ist nun, wie M i c h o t t e und der Verfasser selbst gefunden haben, eine Beziehungserkenntnis

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möglich, bevor die bezogenen Bewußtseinsinhalte klar erfaßt sind. So wird also der zweite Eindruck
nicht mit dem Gedächtnisbild, d. h. einer reproduzierten und als solcher bewußten Vorstellung der
ersten Wahrnehmung verglichen, sondern mit dem der Schwelle nahen und darum nicht mehr oder
noch nicht beachteten ersten Eindruck.
Läßt man paarweise Gewichte miteinander vergleichen, so wird bisweilen das zuerst gehobene
sofort als „schwer“ bzw. „leicht“ oder gar als schwerer, leichter beurteilt, noch bevor der
Vergleichsreiz gegeben ist. Maßgebend für ein solches Urteil ist der „a b s o l u t e E i n d r u c k “. Die
genauere Untersuchung ließ erkennen, daß in dergleichen Fällen durch die häufigen Hebungen eine
Vorstellung entweder des unveränderten Vergleichsgewichtes oder eine Vorstellung eines mittleren
Gewichtes in Bereitschaft gesetzt wurde. Diese tritt nun bei der Hebung des Gewichtes über die
Schwelle und ermöglicht in der nämlichen Weise, wie es bei dem Sukzessivvergleich beschrieben
wurde, die Einsicht: schwer. Dieser absolute Eindruck kommt auf den verschiedensten Gebieten vor
und ist für die Entwicklung unseres geistigen Lebens von allerhöchster Bedeutung. Es ist also im
Grunde der absolute Eindruck nur ein sehr abgekürzter Vergleich des neuen Reizes mit einem nicht
klar als solchen erkannten Durchschnittswert. Er wäre darum richtiger ein relativer Eindruck zu
nennen.

Was hier über die Vergleichung gesagt wurde, dürfte in der Hauptsache
von allen Beziehungserfassungen gelten. Auch bei den anderen Relationen
ist eine Beziehungserfassung möglich, schon bevor der zweite
Beziehungspunkt klar bewußt ist. Auch bei ihnen wird es absolute
Eindrücke geben, denen man allerdings heute noch nicht weiter nachgespürt
hat. Und endlich können alle Beziehungserfassungen zu einem
reproduzierbaren Beziehungs- oder Sachverhaltswissen werden.
Die Gesichtspunkte, mit deren Hilfe man eine Beziehung leichter findet, z. B. die Frage: sind a
und b einander gleich?, stammen natürlich aus früheren Beziehungserfassungen. Somit muß die
erstmalige Entdeckung einer Beziehung stets o h n e vorausgehenden Gesichtspunkt zustande
kommen. Aber wir würden diese erstmalige Entdeckung nicht leisten, blickten wir nicht „zufällig“ in
jener geistigen Sehrichtung auf die Dinge, die später willkürlich vermittels des Gesichtspunktes
herbeigeführt werden kann.
Übrigens erfassen wir nicht alle Beziehungen direkt an den Außendingen. Gleichheits- und
Lagebeziehungen z. B. „sehen“ wir unmittelbar in der Außenwelt. Die Relation der Ursächlichkeit
hingegen erfassen wir direkt nur bei unserer inneren Willenstätigkeit. Da wir nun vermittels einer
Gleichheitserfassung bemerken, daß Körper, die zueinander in räumliche Berührung kommen, unter
gewissen Bedingungen — schematisch gesprochen — sich so verhalten wie Willensentschluß und
Willenshaltung, so sehen wir nach dem Gesetz der Komplexergänzung (S. 173) unsere Tätigkeit in
die Dinge hinein und vermeinen fast, die Relation der Ursächlichkeit unmittelbar zu erfassen. Aber
diese Beziehungserfassung, deren Kerngedanke durch spätere Erfahrungen und Überlegungen
gerechtfertigt wird, ist nur eine indirekte.

Literatur
K. B ü h l e r , Die geistige Entwicklung des Kindes³ (1922), § 15: Das Vergleichen und die
Relationswahrnehmung.

Page 188

2. Kap. Die Dingerfassung

Wir müssen uns wohl an den Neugeborenen wenden, um etwas über die
Entstehung der Dingerfassung zu erfahren; uns Erwachsenen scheint es ja
eine ganz unmittelbare, unableitbare Gegebenheit zu sein, daß wir außer
uns nicht Eindrücke, sondern Dinge gewahren. Manche Philosophen lehrten
sogar, der Substanzbegriff sei das erste, unmittelbar Gegebene. Wenn es
aber gelingt, die Dingauffassung aus elementaren Funktionen verständlich
zu machen, so wäre unsere Anschauung bis auf weiteres gesichert.
Nach allem, was wir vom Neugeborenen wissen, ist ihm zunächst nur
eine bunte Mannigfaltigkeit von Eindrücken gegeben, ein „Zusammen“, das
weder Struktur noch „Undverbindung“ ist. Irgendwie kristallisiert sich aus
dieser Mannigfaltigkeit ein Ichbewußtsein primitivster Art heraus.
Genaueres läßt sich heute noch nicht darüber angeben, aber die
Unableitbarkeit des Ichbewußtseins überhaupt, die wir anderswo
aufzuzeigen haben, verlangt, daß es auch beim Kinde in irgendeiner Form
angenommen werde. Von diesem Ansatz aus läßt sich dann die
Dingauffassung leicht gewinnen. Das Kind hat ungezählte Gelegenheiten zu
beobachten, wie sich ein Teil seines Empfindungskomplexes anders verhält
als es selbst: gewisse Teile seines Empfindungskomplexes verändern sich,
andere bleiben. Dieser Erfassung des Gegensatzes dürfte die Erfassung
einer gewissen Gleichheit parallel gehen. In der Tat liegen ja viele
Gleichheitsbeziehungen vor: die Menschen der Umgebung vollführen
ähnliche Bewegungen wie das Kind, lassen ähnliche Laute vernehmen usf.
Finden wir nun schon beim Erwachsenen, daß er bei Feststellung etwaiger
Gleichheit stets geneigt ist, das Vorhandensein größerer Gleichheit
anzunehmen, d. h. dem zweiten in einer Hinsicht als gleich erkannten
Gegenstand noch weitere Züge des ersten beizulegen, so wird dies beim
Kinde auch zu erwarten sein. Das Kind wird hinter dem teils gleich-, teils
andersartigen Eindruck Züge seines eigenen Ich vermuten. Das Nächste,
was ihm seine Beziehungserfassungen liefern, sind also nicht Dinge,
sondern N e b e n - i c h e . Der animistische Zug, den die Kinderforscher immer
wieder feststellen, dürfte ein Rest davon sein. Allmählich schreitet nun die
Beziehungserfassung fort, entdeckt immer neue Verschiedenheiten von dem

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eigenen Ich, und auf dem Weg der später zu schildernden Begriffsbildung
wird aus dem Neben-ich ein sehr abstraktes „Ding“.

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3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung

Die peripher erregten Eindrücke unterscheiden sich, wie oben
ausgeführt wurde, von den zentral bedingten nur graduell. Es gibt kein
Charakteristikum, das nur der einen von beiden Erlebnisklassen eigen wäre.
Dennoch verwechseln wir im gesunden Zustande nur ganz selten
Wahrnehmung und Vorstellung. Im Gegenteil schreibt das
vorwissenschaftliche Denken der Wahrnehmung ganz andere Eigenschaften
zu als der Vorstellung: in der Wahrnehmung stehen wir dem Gegenstande
selbst gegenüber, in der Vorstellung nicht; die Wahrnehmung hat
Wirklichkeitscharakter, die Vorstellung gibt sich als bloßer Schein. Und
zwar unmittelbar, ohne besondere Überlegung. Es fragt sich also: wie
kommen solche Unterschiede zustande, wenn die inhaltlichen Merkmale bei
beiden Erlebnisklassen wesentlich die gleichen sind?
Wir haben oben schon bemerkt, daß gewisse inhaltliche Züge der Wahrnehmung, andere der
Vorstellung in höherem, ausgeprägterem Grade eignen: die Empfindungsintensität ist bei der
Wahrnehmung im allgemeinen größer als bei der Vorstellung; die Konstanz und Fülle der Inhalte
desgleichen; an die Wahrnehmung schließen sich bisweilen Erlebnisse an, die bei der Vorstellung
ausbleiben; wahrgenommenes Feuer brennt, vorgestelltes nicht. Diese graduelle Verschiedenheit der
Durchschnittswahrnehmung von der Durchschnittsvorstellung kann nun i n einem
b e z i e h e n d e n A k t e e r k a n n t werden: das Kind kann die Wahrnehmungseindrücke einer
brennenden Kerze mit den Vorstellungseindrücken vergleichen und deren Verschiedenheit erkennen.
Diese einmalige Einsicht vermag sich als S a c h v e r h a l t s w i s s e n (vgl. S. 178 f.) einzuprägen.
Vermittels einer weiteren Beziehungserfassung kann es, fußend auf dem genannten
Sachverhaltswissen, zu der Erkenntnis vordringen: Erlebnisse bei geschlossenen Augen
unterscheiden sich in bestimmter Weise von Erlebnissen bei offenen Augen. Es braucht jetzt nur von
seiner Umgebung einen Sammelnamen für beide Erlebnisarten zu erfahren, um dauernd zu wissen:
Wahrnehmungen unterscheiden sich in einer bestimmten Weise von Vorstellungen. Noch ein Moment
ist hinzuzufügen, um diese Erfahrung zu einer stets verwendbaren zu gestalten: Wir sahen, bei
wiederholten Vergleichungen bildet sich aus dem Durchschnitt der Erlebnisse ein unbemerkter
Maßstab heraus, an dem ein neuer Eindruck unwillkürlich gemessen wird; man hat dann den
absoluten Eindruck der Schwere, der Kälte usw. Dieser absolute Eindruck haftet scheinbar an dem
wahrgenommenen Gegenstand selbst, erscheint wie eine seiner Eigenschaften. In genau der gleichen
Weise kann sich auch bei den vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten Vergleichungen von
Erlebnissen der einen (Wahrnehmungs-) zu denen der andern (Vorstellungs-) Gruppe ein
a b s o l u t e r E i n d r u c k des Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsmäßigen herausbilden. Wir wissen
dann sofort, noch vor jeder Erinnerung und Vergleichung, ob wir es mit einer Wahrnehmung oder
Vorstellung zu tun haben.

Es ist also die entwickelte Wahrnehmung ebensowenig wie die
Vorstellung ein einfaches und von vornherein fertiges Erlebnis, sondern

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neue Relationserkenntnisse treten zu der Dingerfassung hinzu und machen
aus ihr entweder eine Wahrnehmung oder eine Vorstellung. Aus diesem
Grunde begreift sich nun einerseits, wie es nicht immer zu einer
Wahrnehmung oder Vorstellung kommen kann, z. B. wenn die Eindrücke
von den Durchschnittserlebnissen abweichen, indem etwa die
Wahrnehmung sehr schwach oder die zentral erregte Vorstellung sehr
lebhaft ist. Ein absoluter Eindruck kommt da nicht auf, und auch ein
absichtlicher Vergleich führt nicht immer zur Entscheidung darüber, ob wir
wahrnehmen oder vorstellen. Anderseits wird verständlich, daß es auch bei
ausgesprochenen Erlebnissen nicht immer zum Wahrnehmungserlebnis
kommen muß. Beziehungserkenntnisse können nämlich ausbleiben,
namentlich wenn der Gesichtspunkt für sie fortfällt. Ein Dichter hat
bisweilen durchaus nicht den Eindruck, daß er die Personen seiner Dichtung
und deren Handlungen nur vorstelle, und umgekehrt vermag der Inhalt des
Wahrgenommenen uns bisweilen so zu fesseln, daß wir uns fragen: wache
ich, oder träume ich? Und endlich versteht man so die Täuschungen über
Wahrnehmung und Vorstellung. Sind die Züge, die bei der Wahrnehmung
durchschnittlich stärker auftreten als bei der Vorstellung, infolge besonderer
Umstände einmal bei den zentral erregten Bewußtseinserscheinungen
stärker ausgebildet, dann stellen sich I l l u s i o n e n oder H a l l u z i n a t i o n e n ein.
Bei der Illusion wird die wirkliche Wahrnehmung durch nur Vorgestelltes
ergänzt: eine wirklich gesehene Klingel hören wir fälschlicherweise auch
tönen. Der Halluzinant hingegen glaubt Dinge im objektiven Raum
wahrzunehmen, die ganz und gar seiner subjektiven Vorstellungstätigkeit
entspringen.
Namentlich solche Täuschungen weisen uns darauf hin, daß unsere Wahrnehmungen den
C h a r a k t e r d e r W i r k l i c h k e i t tragen, die Vorstellungen den des „nur Eingebildeten“. In den
Wahrnehmungen vermeinen wir den wahrgenommenen Gegenstand selbst zu ergreifen, in den
Vorstellungen nicht so. Auch diese Züge sind keine den beiden Erlebnisweisen absolut zukommende.
Die Erfahrung lehrt uns vielmehr: bei Erlebnissen der einen Klasse, für die wir später den Namen
„Wahrnehmungen“ lernen, zeichnet sich der Gegenstand des Bewußtseins durch größere Dauer aus;
eine nähere Beschäftigung mit ihm hat auch andere Folgen als mit einem solchen der anderen
Erlebnisklasse: ein Berühren der Kerzenflamme in der Wahrnehmung verläuft anders als in der
Vorstellung. So gewinnen wir einen Einblick in einen besonderen Beziehungszusammenhang. Auch
diese Einsicht kann als Erfahrung dem Beziehungsgedächtnis anvertraut werden. Auch sie wird, was
allerdings durch die experimentelle Forschung noch eigens nachzuweisen bleibt, einen absoluten
Eindruck erzeugen. Auf diese Weise gestalten sich die peripher bedingten und die zentral bedingten
Eindrücke allmählich durch die Beziehungserfassungen, durch das Beziehungswissen und durch den
absoluten Eindruck zu verschiedenartigen Erlebnissen aus, die praktisch nur in seltenen Fällen
verwechselt werden können. Es empfiehlt sich darum, auch die Worte Wahrnehmung und Vorstellung
nur von den so ausgestalteten Erlebnissen zu gebrauchen und die noch nicht durch

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Relationserfassungen ergänzten Eindrücke als absolute Wahrnehmungen bzw. absolute Vorstellungen
zu bezeichnen. Unter Anwendung dieses Sprachgebrauches gilt dann: z w i s c h e n a b s o l u t e n
Wa h r n e h m u n g e n und absoluten Vo r s t e l l u n g e n besteht kein
w e s e n t l i c h e r U n t e r s c h i e d ; sie gehen unmerklich ineinander über — z w i s c h e n
Wa h r n e h m u n g e n und Vo r s t e l l u n g e n besteht ein wesentlicher
U n t e r s c h i e d ; sie sind durch eine übergangslose Kluft getrennt.

Literatur
J. L i n d w o r s k y , Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).

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4. Kap. Begriffe und Kategorien

A r i s t o t e l e s und nach ihm T h o m a s v o n A q u i n mit seiner Schule faßten
die Begriffe (Pferd, Seele, Gerechtigkeit) als species intelligibiles, als
einzelne unsinnliche Bewußtseinsinhalte, die uns das Wesen der Dinge
zeigen. Sie fußen auf der unbezweifelbaren Beobachtung, daß wir bei dem
Anhören solcher Begriffswörter einen ganz positiven Bewußtseinsinhalt
erleben. Die experimentellen und pathologischen Erfahrungen über das
Wortverständnis geben ihnen Recht: von der ungestalteten
Klangwahrnehmung geht es über die gestaltete Worterfassung zum
sinnvollen Verständnis, und jede dieser Stufen kann für sich versagen.
Außerdem betonten die Thomisten schon gegenüber den Nominalisten, die
Bedeutung der Begriffswörter gehe nicht nur über den Wortklang als
solchen hinaus, sie sei auch durch kein Phantasma wiederzugeben; denn
jedes Phantasma, jede anschauliche Vorstellung ist individuell, die Begriffe
hingegen sind wesentlich allgemein, ihr Inhalt kann unverändert auf jedes
Individuum angewandt werden. Damit hatten sie eigentlich den Streit
zwischen L o c k e und B e r k e l e y schon vorweggenommen. Die Erfahrung
lehrte sie aber auch die Unentbehrlichkeit der anschaulichen Vorstellungen
kennen. Sie vereinigten darum beide Erkenntnisse in der Lehre, der
Verstand könne im gegenwärtigen Zustand nur durch Hinwendung zu den
Phantasmata etwas erkennen. Hiermit war mit bewundernswerter Schärfe
herausgestellt, was eine Theorie der Begriffe zu leisten hat: es muß erklärt
werden, woher die allgemeingültigen, durch keine anschauliche Vorstellung
zu ersetzenden Bewußtseinsinhalte kommen und wie zu diesen Tatsachen
die Behinderung des Denkens infolge der Behinderung des Vorstellens paßt.
Den Allgemeinvorstellungen L o c k e s , den Typenbildern G a l t o n s sowie
allen Verdichtungs- und Möglichkeitstheorien war damit schon der Boden
entzogen. Die Klarheit der Begriffe erlaubt eben nicht, sie als eine
Zusammenziehung verschiedener Individualvorstellungen auszugeben; der
tatsächlich vorhandene Bewußtseinsinhalt widerspricht der Deutung, der
Begriff Pferd sei in der Möglichkeit beschlossen, zu dem Wort Pferd die
verschiedensten anschaulichen Vorstellungen zu reproduzieren: ein nur
möglicher Bewußtseinsinhalt kann mir nichts sagen. Anderseits weckte die
Lehre von der Unentbehrlichkeit der Phantasmen auch Zweifel an den

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Versuchsergebnissen B ü h l e r s , dessen Vpn absolut unanschauliche
Gedanken frei von jeder Vorstellung erlebt haben wollten. Dazu kamen die
Beobachtungen anderer Experimentatoren, die wenigstens bei länger
dauernden Vergegenwärtigungen von Begriffen stets die Entwicklung
anschaulicher Vorstellungen fanden (S c h w i e t e ). Aber auch die im übrigen
bestechende Theorie (W i t a s e k s ), wir beachteten nur das den verschiedenen
Individuen Gemeinsame und abstrahierten negativ von den
Verschiedenheiten, genügt nicht ganz. Welches anschauliche Gemeinsame
halten wir denn zurück, wenn wir aus verschiedenen Grünschattierungen
den Allgemeinbegriff grün gewinnen?
Die Lösung dieses Problems dürfte in dem Erlebnis der Beziehungserfassungen und in der
Fähigkeit zum Sachverhaltswissen ruhen. Im Umgang mit dem Pferde z. B. erfassen wir mancherlei
Sachverhalte, die sich auf es beziehen: es hat eine bestimmte Größe, vier Beine, einen langen
Schweif usw. Haben wir nun sechs Pferde kennen gelernt, so können wir eine Anzahl dieser
Sachverhalte auf alle anwenden, manche jedoch nur auf einen Teil. Die Summe jener Sachverhalte,
die von allen sechs Tieren gelten, ist dann unser Begriff vom Pferde. So erklärt sich wohl das meiste:
Die auf die sechs Pferde anwendbaren Sachverhalte sind ihrer Natur nach allgemein; wie sie auf
ungezählte Individuen anwendbar sind, so sind sie anderseits durch keine anschauliche Vorstellung
adäquat wiederzugeben. Dennoch sind sie weder erstmalig zu erlangen, noch später gedächtnismäßig
zu verwerten ohne Vorstellungen. Sachverhalte schließen ja Beziehungen ein. Beziehungen lassen
sich aber erstmalig nur an anschaulichen Inhalten abstrahieren, und niemals wird ein realer
Gegenstand restlos in Beziehungen aufgelöst und darum auch nicht durch Beziehungsinhalte allein
wiedergegeben werden können.
So erhellt ferner, wie unsere Begriffe einer beständigen Ergänzung und Berichtigung durch die
Erfahrung unterliegen. Weiter: setzt sich der Begriff aus einer Summe von Sachverhaltserfassungen
zusammen, so kann bei der Verwendung des Begriffes die Reproduktion von einzelnen Teilen dieser
Summe versagen und somit irrige Urteile verschulden, obwohl man sich zuvor den richtigen Begriff
angeeignet hat, eine Tatsache, die bei der Annahme einfacher geistiger Begriffsgrößen nur schwer zu
deuten ist. Auch die widersprechenden Ergebnisse B ü h l e r s und S c h w i e t e s sind nunmehr zu
vereinbaren: Wir wissen heute, daß Beziehungen erfaßbar sind, noch bevor die Fundamente der
Beziehungen klar im Bewußtsein stehen. Bei einer komplexen Denktätigkeit haben nun die einzelnen
anschaulichen Vorstellungen, die uns die Beziehungserkenntnisse liefern, keine Zeit, sich zu
entfalten; sie sinken alsbald wieder unter die Schwelle, und auch die beste Vp wird unter
gewöhnlichen Verhältnissen mit Sicherheit behaupten, der Gedanke sei jeglicher Vorstellungen bar
erlebt worden. Es gelang uns ja nur ganz zufällig, unter außer gewöhnlichen Bedingungen, die
anschaulichen Vorstellungen zu entdecken, die, kaum bewußt, die Grundlagen von
Beziehungserfassungen bilden. Bietet man den Vpn jedoch nur einzelne Wörter, so bleibt den
Vorstellungen Raum und Energie, sich zu entfalten. Ist endlich für solche Entwicklung keine volle,
sondern nur eine spärliche Möglichkeit belassen, so begreift man, wie sich infolge der zufällig
herrschenden Konstellation nur einzelne Teile der zugehörigen oder der mitangeregten Vorstellungen
höher über die Schwelle heben; möglicherweise sind diese Teile für das Wesentliche des Begriffes
ganz nebensächlich, und wir gelangen so zu der schon lang als Paraphantasie bekannten Erscheinung.

Von hier aus klärt sich auch das Erlebnis des E r k e n n e n s v o n
w a h r g e n o m m e n e n G e g e n s t ä n d e n . Man hat richtig hervorgehoben, es

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genüge zum Erkennen von Dingen nicht, ihr sinnliches Bild in uns
aufzunehmen, das Ausschlaggebende sei die zum Sinneseindruck
hinzukommende Bedeutung; derselbe Sinneseindruck vertrage sich etwa
mit der Auffassung Tonscherbe und Speckschwarte (S c h a p p ). Wir können
jetzt angeben, was diese geheimnisvolle B e d e u t u n g ist: nichts anderes als
das Wissen von den Beziehungen, in denen der sinnliche Eindruck zu
andern Dingen steht. Das sind zunächst jene allgemeinen Beziehungen, die
ihm den Charakter des Dinges, und zwar des wahrgenommenen Dinges,
verleihen. Dann etwa Beziehungen zu seiner Verwendung, seiner Herkunft
usw. Wenn aber solche Beziehungen überhaupt nicht vorhanden oder doch
von uns nicht gewußt wären? Dann hätten wir gleichwohl den Gegenstand
wahrgenommen, nur bliebe er uns unverständlich. Zur Wahrnehmung
gehört mithin wesentlich nur, daß der Eindruck als von einem unabhängig
von uns existierenden Dinge herrührend erkannt wird. Seine weitere
Bedeutung ermöglicht nur die verständnisvolle Erfassung. Und diese
Bedeutung schwebt nicht wie die platonischen Ideen irgendwo, sondern ist
assoziativ mit dem Sinneseindruck verbunden. Man darf auch nicht
behaupten, sie sei immer das Ausschlaggebende für den Sinneseindruck.
Normalerweise wird der Eindruck die mit ihm assoziativ verknüpften
Fundamente der Beziehungen und damit diese selbst ins Bewußtsein
ziehen. Es kann aber auch infolge der Konstellation z. B. infolge der
Erwartung die Bedeutung zuerst gegeben sein und so den undeutlichen
Sinneseindruck entweder richtig ergänzen oder wie in der Illusion
unzweckmäßig ausstaffieren oder abändern.
D e r B e g r i f f i s t e i n W i s s e n v o n S a c h v e r h a l t e n . Nach der Art, wie
Sachverhalte gewonnen sein können, lassen sich darum auch v e r s c h i e d e n e G r u p p e n v o n
B e g r i f f e n auseinanderhalten. Sachverhalte lassen sich gewinnen, indem man von dem
Gegenstand in möglichst allgemeinem Sinne ausgeht, ihn etwa als Ding auffaßt und nun seine
Beziehungen zu andern Dingen aufsucht, und zwar wiederum möglichst allgemeine Beziehungen. So
läßt sich ein Gegenstand eindeutig, aber indirekt bestimmen. Wir können dann von ihm reden, ganz
klare Urteile über ihn fällen, ohne auch nur die geringste Vorstellung zu haben, die uns sein
anschauliches Bild vorführte. So kann der Blindgeborene richtig von Rot sprechen, wenn er es als
einen im normalen Auge durch Ätherwellen von der Länge 762 bis 855 µµ bewirkten Eindruck
bezeichnet. Eine andere Art der Begriffsbildung ist folgende: Man stellt sich anschaulich eine ganz
bestimmte Schattierung des Rot vor und erklärt: rot sind jene Farben, die diesem individuellen Rot
qualitativ ähnlich sind. Das ist ein richtiger Allgemeinbegriff, aber wesentlich auf einen besonderen
Fall aufgebaut. Einen solchen Begriff kann nur der Sehende bilden. Endlich kann ich auch die
anschauliche Wirkung als Fundament jener Beziehung nehmen, die einen Gegenstand
charakterisieren soll. Auf diese Weise ist es möglich, sogar das Gefühl als Bestandstück in die
Begriffsbestimmung mit aufzunehmen. Definiert man z. B. das Schöne als das, was eine ästhetische
Wirkung ausübt, so kann ich diese Wirkung entweder durch die Beziehungen, die sie zu andern

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Erlebnissen oder andern Dingen überhaupt hat, mehr oder weniger abstrakt festlegen, ich kann sie
mir aber auch nach Kräften anschaulich vergegenwärtigen und erklären: schön ist das, was „so“ auf
mich wirkt, demgegenüber mir „so“ zumute ist. So stehen also den abstrakten Begriffen solche mit
anschaulichem Einschlag zur Seite. Für die wissenschaftliche Arbeit sind letztere wenig geeignet, da
sie verhältnismäßig viel Zeit und Kraft verbrauchen. In der künstlerischen und religiösen Betrachtung
hingegen spielen sie eine große Rolle.
Sollten nicht die K a t e g o r i e n , die allgemeinsten Begriffe von Gleichheit, Verschiedenheit, auf
diesem Wege in unser Geistesleben eingeführt worden sein? Der Umstand, daß statt einer erwarteten
Speise etwa eine andere kommt, bedingt Empfindungen ganz eigener Art, die keineswegs die
Beziehungserfassung der Andersartigkeit zur Grundlage zu haben brauchen. Unter günstigen
Verhältnissen läßt sich sehr deutlich beobachten, wie das Zusammentreffen eines neuen Eindruckes
mit einer fremdartigen Einstellung ausgesprochene innere Empfindungen hervorruft, die zumeist
auch von charakteristischen Gefühlen begleitet sind. Mit dieser anschaulichen Wirkung der
Verschiedenheit verbindet das Kind die von den Erwachsenen übernommene Bezeichnung „anders“,
„verschieden“ (dem Urmenschen mag die der gleichen Gefühlswirkung entsprechende gleichmäßige
Kundgabe allmählich zum Namen dieses Sachverhaltes geworden sein). „Anders“, „verschieden“ ist
also am Platze und stellt sich überdies assoziativ ein, wenn es „so tut“. Es tut aber so, wenn das nicht
kommt, was man bewußt oder unbewußt erwartete. So erlangt das Wort „verschieden“ dank der
wachsenden Erfahrung seinen abstrakten Sinn. Es würde zu weit führen, diesen Gedanken für alle
Kategorien auszuwerten.

Literatur
K. B ü h l e r , Die geistige Entwicklung des Kindes³. 1922.
J. L i n d w o r s k y , Zur Psychologie der Begriffe. Philos. Jahrbuch (1919) und Umrißskizze zu einer
theoret. Psychologie². 1923. S. 31 ff.
N. A c h , Über die Begriffsbildung. 1921.

Page 197

5. Kap. Die Gewißheit

Man hat die Gewißheit bisweilen als eine Eigenschaft der Erkenntnis,
bisweilen als ein besonderes Gefühl hingestellt. Tiefergehende empirische
Untersuchungen liegen darüber noch nicht vor. Wir beschreiten darum den
Weg der Synthese; zeigen, wie die uns bekannten Faktoren notwendig
wirken müssen, und prüfen, ob die Vereinigung dieser Faktoren ausreicht
die anderweitig bekannten Erscheinungen zu erklären. Nehmen wir an, es
gäbe kein elementares Gewißheitserlebnis, dann hätte ein denkendes
Individuum am Anfang seiner Denktätigkeit wohl etwa die Einsicht: A
größer als B, aber diese Einsicht wäre weder gewiß noch ungewiß, sondern
schlicht und unangefochten gegeben. Machte nun ein solcher Mensch die
Erfahrung, daß etwa bei flüchtigem Hinschauen Einsichten gewonnen
werden, die sich bei sorgfältiger Auffassung nicht bestätigen, so hätte er
eine neue Zusammenhangsbeziehung erkannt: flüchtiges Hinsehen ist
verbunden mit der Unbeständigkeit der so erlangten Einsichten, genaues
Hinsehen ist verbunden mit der Beständigkeit der Einsicht. Würde ihm nun
die Frage vorgelegt, ob seine Erkenntnis: A größer als B, auch gewiß, d. h.
von Bestand sei, so würde er prüfen, ob er flüchtig oder genau hingesehen
hatte, und mit dieser Beziehungseinsicht begründen, daß A wirklich größer
als B sei. Die Gewißheit bestände hier also in einer zweiten
Beziehungserfassung, die sich auf die Art und Weise, wie die erste
gewonnen wurde, erstreckt. Die fortschreitende Erfahrung lehrt noch andere
Umstände kennen, durch welche die Zuverlässigkeit einer
Beziehungserfassung in Frage gestellt werden kann. Sind solche
Hindernisse einer zuverlässigen Erkenntnis nicht zu entdecken, so herrscht
wieder Gewißheit. Erkenntnistheoretische Überlegungen werfen erst später
das Problem auf, ob denn die Dauerhaftigkeit einer Einsicht deren absolute
Richtigkeit verbürge; es wäre ja möglich, daß die bisher für gewiß
gehaltene Einsicht, nämlich die unmittelbare und ungehindert vollzogene
Beziehungserfassung, zwar die beste Erkenntnis sei, die uns Menschen
möglich ist, aber keine Gewähr biete, der absoluten Wirklichkeit zu
entsprechen. Mit andern Worten, die Zurückführung einer Erkenntnis auf
eine unmittelbare, ungestörte Beziehungserfassung gebe zwar eine
natürliche, aber keine philosophische Gewißheit. Dieses Problem ist durch

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erkenntnistheoretische Erwägungen zu lösen, deren Ergebnis entweder zur
Ergänzung der natürlichen durch die philosophische Gewißheit oder zum
Verzicht auf letztere führt.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen Sachverhaltserfassungen über die Art und
Weise, wie dieser als gewiß zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann
sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind entweder vorhanden oder nicht
vorhanden, wohl aber hinsichtlich der Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht
geirrt haben, pflegt aber auch von G e f ü h l e n begleitet zu sein, von Lust- und Tätigkeitsgefühlen,
wie sie den Wanderer überkommen, der sich davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen.
Diese Gefühle lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir zumeist, wenn wir
von Gewißheit sprechen.
Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden, kürzt sich auf die Dauer
dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich die
K r i t e r i e n eine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer Einsicht wird uns
z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das
Wissen darüber, vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ die Träger des
Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine subjektive Sicherheit erzeugen, über die man
im einzelnen nur schwer Rechenschaft ablegen kann.

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6. Kap. Das schlußfolgernde Denken

Nachdem sich uns der lang verborgene Vorgang des naturgemäßen
Schlußfolgerns enthüllt hat, ist es auch klar geworden, daß die
psychologische Erörterung dieses Prozesses nicht mit der Besprechung des
Syllogismus anheben darf. Der Syllogismus ist ein Kunstprodukt und
verlangt ein sehr eindringliches Studium und feinste Selbstbeobachtung, um
das in ihm verhüllte psychologische Rätsel zu lösen. Nur das eine offenbart
er uns leicht, was ein Schluß zu l e i s t e n hat: aus schon vorhandenem
Wissen wird ohne Zuhilfenahme der Wahrnehmung ein neues Wissen
erschlossen. Damit ist der Weg für die experimentelle Forschung gewiesen:
man veranlasse die Vpn, in freier Weise aus ihrem bisherigen Wissen zu
neuen Einsichten zu gelangen. Die mannigfaltigsten Aufgaben mußten
durchprobiert, aus der Fülle der Erlebnisse mußten alle rein reproduktiven
Vorgänge ausgeschieden werden, bis man endlich zu der unter
Vorstellungen und Gefühlen ganz vergrabenen Seele des Prozesses
vordrang. So ergab sich denn folgendes.
Der naturgemäße Schluß läßt sich als e i n e B e z i e h u n g s e r f a s s u n g a n
g e w u ß t e n S a c h v e r h a l t e n definieren. Er ist somit kein Elementarvorgang,
sondern setzt sich aus den schon bekannten Erscheinungen des
Relationswissens und der Relationserfassung zusammen. Das Vermittelte,
Abgeleitete des Schlusses beruht darin, daß die neue Beziehungserfassung
an dem schon vorhandenen Wissen erfolgt. Seine einfachste Form ist etwa
in folgendem Beispiel erkennbar: A liegt über B, das weiß ich, und ich
erfasse neu daran: also B unter A. Auf dieses Schema lassen sich alle
schlußmäßig gewonnenen Erkenntnisfortschritte, auch die innerhalb
verwickelter Aufgaben, zurückführen. Dabei kann man füglich drei
Hauptarten unterscheiden, in denen der naturgemäße Schluß auftritt.
Erstens: der gewußte Sachverhalt wird anschaulich dargestellt, und an
dieser anschaulichen Darstellung wird wie an einer Wahrnehmung eine
neue Beziehung erfaßt. A über B wird etwa wie auf einer Tafel geschrieben
gesehen, und an diesem inneren Bilde wird dann abgelesen: B unter A.
Dieselbe Beziehung kann aber auch ohne jede Veranschaulichung rein
begrifflich erfaßt werden. Und drittens kann sich rein assoziativ an den
ersten Satz bzw. an das „oberhalb“ das „unterhalb“ anschließen und als

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richtige Folgerung erkannt werden. Namentlich diese dritte Art ist sehr
häufig. Es bewahrheitet sich bei ihr das Dichterwort von der „gebildeten
Sprache, die für uns dichtet und denkt“. Aber gerade in solchen Fällen wird
unter den günstigen Bedingungen des Experimentes bisweilen handgreiflich
deutlich, daß der Schlußakt etwas anderes ist als die einfache assoziative
Folge von Subjekt und Prädikat. Ist nämlich die Beziehungserfassung „ist
gleich“ nicht erfolgt, dann erscheint die rein assoziativ dargebotene
Ergänzung wie ein Lösungsvorschlag, der erst geprüft werden muß, und aus
der Schlußaufgabe wird ein Begründungsvorgang.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Wissensmäßig ist uns ein
Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet
wurde. Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt „Gicht haben“ ist aber der
andere „mürrisch sein“ verbunden, doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein
beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist gichtig“, und ich erkenne: A ist
mürrisch. So angesehen, lassen sich zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes
ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die Beziehung zwischen dem
Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes
entfaltet sich erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich oder auch
begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich die Schlußfolgerung der einfachen
Wahrnehmung, im letzteren Fall verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen.
Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene Beziehungserkenntnis, dadurch
noch mehr zurücktreten, daß die Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich
mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten? In dieser Einstellung ist schon
das Schema „A ist ...“ angelegt. Es braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des
Sachverhaltes ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses auf die
Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung der Beziehung, obwohl ohne diese von
einem Erkenntnisfortschritt nicht die Rede sein kann.
Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens hat die
Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die Behauptung aufstellte: wir denken in
Enthymemen. Die experimentelle Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das
Enthymem nur e i n e der verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die Heraushebung
solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild von dem Wesen des Schlußvorganges zu
vermitteln. Denn einerseits hat sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung,
nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck auf das „also“. Logische
Erwägungen und die Art der Darstellung der Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des
Schlußerlebens stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der
Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment gezeigt hat. Das Wichtigste ist
für den Erlebenden die neue Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder wenn
er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“, wird der innere Zusammenhang zwischen
Voraussetzung und Folgerung hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen
Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei den
Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das (alleinige) Bestehen jenes
Zusammenhanges, der sich uns gerade dank der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem
Satz „A ist Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.
Es bedingt nun gar keinen Unterschied, ob der Ausgangssachverhalt durch einen oder mehrere
Sätze (oder Wahrnehmungen) beschafft wird. Zwischen der sog. unmittelbaren Folgerung A über B,

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also B unter A, und der mittelbaren Folgerung A über C, C über B, also B unter A, besteht gar kein
Wesensunterschied. Beidemal wird ein Sachverhalt in unser Wissen eingeführt, und an dem so
gewonnenen Sachverhaltswissen wird eine neue Beziehung erfaßt. Ähnlich verhält es sich mit dem
regelrechten S y l l o g i s m u s der Logik. Auch seine Prämissen dienen nur dazu, den
Gesamtsachverhalt vorzulegen. Das syllogistische Schließen unterscheidet sich von dem
naturgemäßen auf doppelte Weise. Hier ist häufig der Gesamtsachverhalt von Anfang an noch nicht
gegeben, die neue Seite des Sachverhaltes, auf die sich das beziehende Blicken richtet, ist noch nicht
entfaltet, und es bleibt oft der zufälligen Konstellation anheimgegeben, welche der verschiedenen
Seiten des Sachverhaltes sich darbieten werden. Dieser Zufälligkeit beugt der Syllogismus vor,
indem er durch einen der Vordersätze gerade jene Seite des Sachverhaltes bewußt macht, auf die der
Schluß gehen soll. Außerdem wird die Beziehungsrichtung durch die begünstigte Stellung von S und
P vorbereitet. Es kann nun auch beim Syllogismus der Schluß vermittels einer Beziehungserfassung
an einem anschaulich gegebenen Gesamtsachverhalt gewonnen werden, oder es können die
begrifflichen Beziehungen im Vordergrunde stehen, oder es kann die sprachliche Form besonders
betont sein. Daraus ergeben sich mannigfache, aber ziemlich gesetzmäßig sich bildende Variationen,
die hier im einzelnen nicht aufgezählt werden können. Doch sei noch folgende lehrreiche
Beobachtung erwähnt: Man kann an Hand der wohlverstandenen Prämissen zu dem Schlußergebnis
gelangen, ohne den oben geschilderten Prozeß durchzumachen. Die Beobachter erklären in solchen
Fällen einhellig, sie hätten kein Schlußerlebnis gehabt. Wenn nämlich der Mittelbegriff infolge des
Obersatzes prägnant wird, wenn z. B. in dem bekannten Syllogismus von dem sterblichen Menschen
das Wort Mensch im Untersatz „Cajus ist ein Mensch“ sich schon mit der Bedeutung „sterblich“
versehen darbietet, wird die Sterblichkeit des Cajus ohne jene neue Beziehungserfassung erkannt, in
der wir die Seele des Syllogismus und des Schlusses überhaupt erblicken.

Verwandt mit dem Schließen ist das B e g r ü n d e n . Nur ist hier das Ziel
der Denkarbeit in dem zu ermittelnden Sachverhalt schon gegeben. Der
Begründungsvorgang verläuft nun im allgemeinen so, daß der Denkende
durch eine Analyse des Sachverhaltes zu einem anderen, sicher
feststehenden Sachverhalt vorzudringen sucht, von dem aus er durch einen
eigentlichen Schluß den zu begründenden Sachverhalt wiedergewinnt.
Ähnlich wie bei dem Schlußprozeß das „also“, tritt hier das „denn“ in den
Hintergrund.

Literatur
G. S t ö r r i n g , Experim. Untersuchungen über einfache Schlußprozesse. ArPs 11, 1908.
J. L i n d w o r s k y , Das schlußfolgernde Denken. 1916.

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7. Kap. Das produktive Denken

Unter produktivem Denken verstehen wir hier ganz allgemein das
Denken im Dienste bestimmter Aufgaben. Solches Denken ist ganz
wesentlich eine Willenshandlung und muß unter diesem Gesichtspunkt
später noch eigens betrachtet werden. Hier berücksichtigen wir nur die
Erkenntnisvorgänge. Früher glaubte man, eine gestellte Aufgabe lasse alle
möglichen mit dem Aufgabewort assoziierten Vorstellungen auftauchen;
man ginge dann die einzelnen Vorstellungen durch, verwerfe die
unpassenden und greife die passende heraus. Nun hat aber S e l z gezeigt,
daß von einer solchen diffusen Vorstellungsreproduktion keine Rede sein
kann. Nicht unzusammenhängende Einzelvorstellungen tauchen auf,
sondern das methodische Verfahren, das wir zur Lösung der Aufgabe früher
erlernt haben, wird uns bewußt. Die Vorstellung des Verfahrens wirkt nun
als antizipierendes Schema und liefert uns gleichfalls keine diffusen,
sondern nur die mit ihm einen Komplex bildenden sachdienlichen
Vorstellungen. Sie werden mit der Aufgabe verglichen, und wenn durch
eine Beziehungserfassung ihre Übereinstimmung mit der Aufgabe erkannt
ist, werden sie angenommen, andernfalls wird methodisch weiter gesucht.
Wir fanden diese Ergebnisse auf einem von S e l z nicht untersuchten
Gebiet bestätigt. Unseren Vpn war die Aufgabe gestellt, Vergleiche zu
finden, z. B. was läßt sich mit einem Bügeleisen vergleichen? Es drängen
sich nun keineswegs alle möglichen mit „Bügeleisen“ assoziierten
Vorstellungen auf, sondern die Vpn fragen sich in der Regel: was tut das
Bügeleisen? Sie abstrahieren also einen bestimmten Sachverhalt, z. B. den
des Glättens. Dieser Zug dient nun als antizipierendes Schema für eine
weitere Komplexergänzung: was glättet auch? Der Komplex ergänzt sich
etwa durch die Vorstellung: sanfte Worte.
Allgemein gesprochen handelt es sich also bei der Lösung von
Aufgaben darum, Ziel und Mittel zusammen zu bringen. O. S e l z
unterscheidet hier vier mögliche Fälle. 1) Das zu erreichende Ziel und die
zum Ziel führenden Mittel können dem Denker bekannt und gegenwärtig
sein. Weiß er außerdem noch die Zuordnung jener Mittel im allgemeinen zu
dieser bestimmten Art von Zielen, so braucht er einfach diese anzuwenden.

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Ein Beispiel: Sind vielstellige Zahlen zu multiplizieren, so braucht man sich
nur an den Sachverhalt zu erinnern, daß eine bestimmte logarithmische
Rechnungsweise zum Ziel führt und sich jenes Verfahren selbst wieder zu
vergegenwärtigen und anzuwenden. Es sind also in der Hauptsache
Sachverhalts-, d. h. Komplexreproduktionen (S. 173), die hier in Frage
kommen. 2) Ist das Ziel gegeben, ein zweckdienliches Mittel jedoch noch
nicht bekannt, so werden ebenfalls vermittels Komplexreproduktionen
mannigfache Mittel ins Gedächtnis gerufen, die allenfalls in Frage kommen
könnten, und diese werden einzeln auf ihre Tauglichkeit geprüft. So hätte
man sich etwa zu fragen: sind Logarithmen zur Addition verwendbar? Hier
muß also zur Reproduktion noch die Beziehungserfassung der Geeignetheit,
wohl zumeist eine Erfassung der Gleichheit, hinzutreten. Dabei wird häufig
ein Schlußprozeß eingreifen. Jedes Mittel stellt nämlich für uns einen
Sachverhalt dar. Zeigt sich nun dieser Sachverhalt von einer Seite, die für
unsere Zwecke wertlos ist, so verwerfen wir es als ungeeignet. Durch
schlußfolgerndes Denken entdecken wir aber unter Umständen an diesem
Sachverhalt eine neue Beziehung, wie wir sie brauchen, und anerkennen
nun das Mittel als das erwünschte. Wir suchen z. B. nach einem Werkzeug,
das uns die Dienste einer Zange leistet. Wir finden eine Schere. Ihre
Geeignetheit zum Schneiden befriedigt uns nicht. Da entdecken wir, daß
sie, quergestellt, zum Packen und Heben verwendbar sei, und sind so zum
Ziele gelangt. Es befreit uns also der Schluß aus den Fesseln der
Assoziationen, wenngleich sein Zustandekommen gar häufig auch von
assoziativen Bedingungen abhängt. 3) Birgt aber unser Gedächtnis kein
taugliches Mittel, so sind wir auf die Gnade des Zufalls angewiesen. Dank
der Determination zur Lösung der uns vorschwebenden Aufgabe, von der
bei den Willenshandlungen noch die Rede sein wird, bleiben wir nämlich
auf das Entdecken eines geeigneten Mittels eingestellt und richten
gleichsam an alle Dinge, die uns begegnen, die Frage, ob sie nicht für
unsere Zwecke verwendbar seien. Der weitere Verlauf ist derselbe wie im
vorigen Falle: entweder wir erkennen die Untauglichkeit des Mittels oder
wir entdecken durch unmittelbare oder mittelbare Beziehungserfassung
seine Brauchbarkeit und rufen erfreut unser Heureka. 4) Endlich kann uns
ein Mittel und sein Erfolg als etwas Tatsächliches, aber von uns nicht
Erstrebtes zufällig dargeboten werden. So bemüht sich der Primitive, ein
Tongefäß in einem geflochtenen Korb zu formen, der Korb aber hinterläßt
ornamental wirkende Eindrücke in der Tonmasse. Eine dreifache

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Relationserfassung wird hier das schöpferische Denken ausmachen: die
regelmäßigen Eindrücke müssen als die Ursache des ästhetischen Genusses,
der Korb als Ursache der Toneindrücke und die Erzeugung solcher
Eindrücke als ein mögliches Ziel eigener Tätigkeit erkannt werden.
Komplexergänzung, Beziehungserfassung und Willensvorgänge sind die
drei Faktoren, die in das produktive Denken Richtung, Ordnung und
Abkürzung hineinbringen. Wollte man es ohne die beiden letzten Faktoren
oder gar einzig und allein mit Elementarassoziationen begreifen, so wäre
das ein ebenso aussichtsloses Beginnen, wie wenn man Goethes Faust aus
blindlings hingeworfenen Buchstaben zu erhalten hoffte.
Aus dem bisher Gesagten können wir leicht zwei Arten der Begabung
für das produktive Denken ableiten: die Begabung zum E n t d e c k e n und die
zum E r f i n d e n . Am vorgegebenen Inhalt müssen Beziehungen erfaßt
werden, das ist die Sache des Entdeckers; das nur wenig bestimmte
antizipierende Schema muß sich leicht mit einem bestimmteren Inhalt
füllen, das ist die Begabung des Erfinders. Man wird aber die Befähigung
des Entdeckers nicht im Gegensatz zu der des Erfinders auf dem Gebiet des
„Intellektes“, d. h. der Beziehungserfassung selbst zu suchen haben. Soweit
mein Beobachtungsmaterial reicht, beruht die Entdeckergabe nicht so sehr
darauf, daß man an z w e i schon vorliegenden Inhalten Beziehungen erfaßt,
als vielmehr darauf, daß der eine gegenwärtige Inhalt leicht einen zweiten
verwandten ins Bewußtsein ruft, anders gesagt: daß die allgemeineren Züge
eines gegebenen Vorstellungsinhaltes leicht die eines anderen
Vorstellungskomplexes miterregen. Die Beziehungserfassung folgt dann
nach und vollendet die Entdeckung. — Die Absicht und die Einstellung zu
erfinden oder zu entdecken ist für den Erfolg von höchster Bedeutung und
kann bis zu einem gewissen Grad die Begabung ersetzen. Aber nur selten
wird sich ohne diese Begabung Erfinderfreude und Entdeckereinstellung
ausbilden.

Literatur
O. S e l z , Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums. 1922.
J. L i n d w o r s k y , Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben. ZaPs 18 (1921).

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8. Kap. Urteil, Annahme und Frage

1. D a s U r t e i l

Der seelische Vorgang beim Urteilen ist noch keineswegs mit Sicherheit
erkannt. Man hat in den psychophysischen Experimenten die Vpn immer
und immer wieder urteilen lassen, freilich ohne den Urteilsvorgang als
solchen zum Gegenstand der rückschauenden Beobachtung zu machen, aber
auch als Nebenresultat haben diese Versuche für das psychologische Wesen
des Urteils kaum einen Ertrag gehabt. Die Untersuchung M a r b e s jedoch,
die unmittelbar dem Urteil als solchem gewidmet war und zum erstenmal
die systematische Selbstbeobachtung darauf anwendete, scheiterte an der
allzuweiten Bestimmung des Gegenstandes: jeder psychische Vorgang, auf
den das Prädikat richtig oder falsch sinngemäß anwendbar sei, sollte als
Urteil gelten. Das mußte notwendig zu M a r b e s Ergebnis führen: es gibt
kein für das Urteil charakteristisches Erlebnis. Überdies fehlte es den Vpn
Marbes damals noch an der erforderlichen Schulung in der
Selbstbeobachtung für diese überaus schwierige Aufgabe. Ergebnisreicher
war eine Arbeit von M e s s e r . Sie sicherte den erlebnismäßigen Unterschied
des Urteils von jeder rein assoziativ bedingten Wortfolge wie von der
attributiven Beziehung und ließ den aktiven Charakter des Urteils erkennen.
Seit dieser Zeit wurde der Urteilsakt nicht mehr experimentell erforscht, so
daß wir uns einstweilen noch mit einer phänomenologischen Analyse unter
Verwertung anderweitiger experimenteller Ergebnisse behelfen müssen.
Da die Sprachwissenschaft ebenso wie die Logik sich mit dem Urteil abgeben, erstreckt sich die
Bezeichnung „Urteil“ nicht auf gleichartige Erlebnisse: ein nachgesprochener Satz ist gewiß eine
andere Bewußtseinserscheinung als etwa ein „freventliches Urteil“. Was hier untersucht werden soll,
ist die ausgesprochenste Erlebnisweise, wie sie in dem „überzeugten“, dem „abschließenden“, dem
sittlich bewertbaren Urteil vorliegt. Von diesen Urteilen kann nun heute als feststehend gelten, daß
sie mehr sind als eine bloß assoziativ bedingte Wortfolge. Man kann sie ferner weder als eine
Verbindung zweier Vorstellungen, noch als die Zerlegung einer Gesamtvorstellung in ihre Teile
(W u n d t ) auffassen. Wir verweisen hier auf die scharfe Kritik, die F r a n z B r e n t a n o an den
alten, unzulänglichen Urteilstheorien geübt hat. Das haben ja auch die Vpn M e s s e r s deutlich
bekundet, und das ergibt sich aus der allgemein zugestandenen Tatsache, daß e i n U r t e i l i m m e r
e i n e n S a c h v e r h a l t b e t r i f f t . Auch die Impersonalien wie „Feuer!“, „es blitzt“ stellen uns
nicht Vorstellungen bzw. Dinge dar, sondern eigentliche Sachverhalte: der Vorgang selbst ist ein
Sachverhalt und enthält überdies noch mannigfache Beziehungen, so zu Raum und Zeit: es blitzt hier,
es regnet jetzt. Sachverhalte lassen sich aber, wie oben gezeigt wurde, bewußtseinsmäßig nicht mit

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Vorstellungen allein wiedergeben. Zu einem Urteil gehört somit auf jeden Fall eine Sachverhalts-,
eine Beziehungserkenntnis. Man wollte darum schon umgekehrt das Urteil der Beziehungserfassung
gleichsetzen.
Indes nicht jede Beziehungserfassung kann ein Urteil genannt werden. Lege ich jemand ein aus
verschiedenfarbigen Strichen hergestelltes Vieleck vor und lasse dessen Regelmäßigkeit beurteilen,
so kann auch die Verschiedenheit der Farben als solche erkannt werden. Wie nun die Untersuchungen
über Haupt- und Nebenaufgaben gelehrt haben, kann diese zweite Erkenntnis auf den
verschiedensten Bewußtseinsstufen erlangt werden, und zwar auf so tiefen, daß zwar noch eine
rechte Beziehungserfassung vorhanden, aber von dem charakteristischen Urteilserlebnis keine Spur
zu bemerken ist. Anderseits bedarf es zum Urteil keiner originalen Beziehungse r f a s s u n g ,
sondern es genügt das Verständnis der im Urteil ausgesprochenen Beziehung. Ohne eigene Einsicht
kann ich die Meinung eines anderen zu meinem Urteil machen oder ein früher gewonnenes Urteil
ohne Einblick in seine sachliche Begründung mit voller Überzeugung von neuem fällen.
Zu der wenigstens verstehenden Kenntnisnahme von einem Sachverhalt (er heiße
„Grundsachverhalt“) tritt aber in einem echten Urteil, wie schon von altersher bemerkt wurde, eine
persönliche Überzeugung oder wenigstens eine G e w i ß h e i t des Urteilenden. Das nur verstehende
Aussprechen eines Satzes ist kein Urteil. Da aber, wie eben bewiesen, die selbständige
Beziehungserfassung auch nicht das Wesen des Urteils ausmacht, so scheint nichts übrig zu bleiben
als die Gewißheit, die entweder auf eigener Einsicht oder auf fremder Autorität beruht. Wir haben
oben (S. 181 f.) gezeigt, wie Gewißheit zustandekommen und in welchen Erlebnissen sie bestehen
kann. Das alles ist zweifellos beim echten Urteil vorhanden. Aber ist damit das ganze Urteilserlebnis
erschöpft?
Die experimentelle Untersuchung hebt ein a k t i v e s M o m e n t beim Urteil als besonders
charakteristisch hervor. Dasselbe betonen fast alle Psychologen, die das Wesentliche des Urteils in
dem Bejahen und Verneinen erblicken. Nun liegt ja schon in der Beziehungserfassung etwas Aktives,
und man könnte meinen, die zwar nicht immer, aber doch häufig beim Urteil auftretenden originalen
Beziehungserfassungen machten, vielleicht im Verein mit dem aktiven Aussprechen, den Charakter
des Urteils aus. Allein Versuche mit Beziehungserfassungen lehrten, daß der Aktcharakter der
Beziehungen unter Umständen zurücktritt, bisweilen von den Vpn völlig verkannt wird. Er müßte
darum ganz verschwinden bei Urteilen, deren Grundsachverhalt ebenso wie ihre Gewißheit
(Begleitsachverhalt) in einem statischen Wissen und nicht in einem dynamischen Erfassen gegeben
sind. Und was die Entleihung des aktiven Charakters aus vorhandenen oder intendierten
Sprechmuskelbewegungen betrifft, so lassen sich diese herabsetzen, ohne daß der aktive Charakter
Einbuße leidet. Wir müssen darum nach weiteren Zügen des Urteilserlebnisses suchen.
Beachtet man, wie sich die Menschen bisweilen für eine bloße Behauptung ereifern können, so
kann man nicht daran zweifeln, daß für das Zustandekommen eines ausgeprägten Urteils das Wollen
von Bedeutung ist. Was will aber der Urteilende? Unterscheiden wir vorgreifend das Wollen als ein
Lieben und als ein Tunwollen. Das Objekt des Liebens braucht nicht der Grundsachverhalt zu sein;
man behauptet ja auch sehr unliebsame Grundsachverhalte. Es kann aber sehr wohl der
Begleitsachverhalt sein, nämlich daß wir die Wahrheit gefunden haben; denn das ist zweifellos ein
Wert. Aber auch das Tunwollen verlangt sein Objekt. Es ist nun ein erstrebenswertes Ziel, daß andere
erfahren und glauben, d a ß wir die Wahrheit gefunden und was wir als Wahrheit gefunden. Das
naturgemäße Mittel hierzu ist die sprachliche Äußerung von Grund- und Begleitsachverhalt, wobei
letzterer in der Regel nicht eigens formuliert, sondern nur durch die Art und Weise, wie wir den
Grundsachverhalt aussprechen, kundgegeben wird. Bezweifelt man die Richtigkeit unserer Aussage,
so heben wir den Begleitsachverhalt eigens hervor oder beweisen ihn. Diese Momente dürften für
Urteile, deren Grund- und Begleitsachverhalt uns evident erscheint, genügen. Bei andern hingegen,

Page 207

insbesondere bei Urteilen, die ich auf fremde Autorität hin fälle, vollendet erst der willkürliche Akt
des Zustimmens das eigentliche Urteilserlebnis.
Von diesem Standpunkt aus läßt sich nun mancherlei klar überschauen: Neben der erkannten
Gewißheit gibt es noch eine Sicherheit des Urteilens. Sie dürfte, abgesehen von den
Gefühlsmomenten, die sich aus der Gewißheit ergeben, wesentlich in der Entschiedenheit und
Unbedingtheit des Wollens liegen. Die verschiedenen Arten des Urteils, positives, negatives,
wahrscheinliches, existenziales und kategorisches Urteil, wären darnach nicht Abarten des
Urteilsaktes, sondern des Urteilsgegenstandes und darum in der Psychologie nicht zu erörtern[8].
Allerdings kann sich bei dem negativen Urteil ebensogut wie bei dem positiven ein Wollen auch auf
den Grundsachverhalt erstrecken und dem Urteilserlebnis noch eine besondere Färbung geben: „ich
habe gesiegt“, „ich bin nicht verloren“. Aber diese Beimischung hat mit dem Urteilscharakter als
solchem nichts zu tun, wie man sofort erkennt, wenn man die Grundsachverhalte umtauscht: „ich bin
verloren“, „ich habe nicht gesiegt“.

2. D i e A n n a h m e

Die Annahme wird häufig mit dem Urteil zusammengebracht, weil sich
ihre äußere Form, der Satz, mit der äußeren Form des Urteils teilweise
deckt. Wir erfassen sie indes wohl gründlicher, wenn wir sie mit der
selbsttätigen Beziehungserkenntnis vergleichen. Die letztere ist nur möglich
an einem vorgegebenen Sachverhalt und bedeutet eben ein Entdecken einer
in einem objektiven Sachverhalt steckenden Beziehung. Nachdem wir aus
solchen Beziehungserfassungen die weitere Beziehung abstrahiert haben,
daß es Beziehungen gibt, welches ihr allgemeines Schema ist und welches
ihre Bestandteile sind, sind wir in der Lage, in Gedanken Beziehungen
herzustellen. Wir brauchen dazu nur bestimmte Glieder gedanklich in ein
beliebiges Verhältnis zueinander zu bringen, wobei wir uns um die
objektive Verwirklichung dieser Beziehungen nicht kümmern. Die
Annahme ist also eine willkürlich in Gedanken hergestellte Beziehung
zwischen beliebigen Gegenständen. Ihren sprachlichen Ausdruck findet sie
in dem abhängigen Aussagesatz.

3. D i e F r a g e

Das psychologische Wesen der Frage bietet nunmehr keine
Schwierigkeit. Die eigentliche Frage ist offenbar der (geäußerte) Wunsch,
den herrschenden Sachverhalt kennen zu lernen. Das gilt für die allgemeine
Frage: Was gibt’s? Dieser Wunsch hat sich in der Sprache eine

Page 208

charakteristische Ausdrucksform geschaffen und ist mit dieser ebenso innig
verschmolzen wie das Wollen mit dem ausgeprägten Urteil. Wir stellen aber
auch spezielle Fragen: Regnet’s? Diese Art zu fragen wird uns nur durch die
Fähigkeit, Annahmen zu bilden, ermöglicht. Eine solche bestimmte Frage
ist ja nichts anderes als der geäußerte Wunsch, das Verhältnis des
tatsächlich bestehenden zu einem schlicht angenommenen Sachverhalt
kennen zu lernen. Dieser Frage nach dem Grundsachverhalt tritt die Frage
nach dem Begleitsachverhalt: „Wirklich?“ an die Seite
(Überzeugungsfrage).
Wie es scheinbare Urteile gibt, so gibt es auch s c h e i n b a r e F r a g e n . In solchen beobachten
wir die uns bekannte Verhaltungsweise des Fragenden, beabsichtigen aber damit nicht den erfragten
Sachverhalt kennen zu lernen, sondern verfolgen andere Zwecke: Der Examinator will die Beziehung
zwischen dem Wissen des Gefragten und dem in der Frage gemeinten Sachverhalt erfahren; andern
dient die Frage dazu, den Gefragten zu irgendwelchen Reaktionen zu veranlassen.

Literatur
F. B r e n t a n o , Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. 1911.
K. B ü h l e r , Die geistige Entwicklung des Kindes³, 1922, S. 341 ff.

[8] Damit wird die bekannte Schwierigkeit der negativen Urteile der Erklärung
der negativen Sätze zugeschoben. Die negativen Sätze lassen sich wohl am
einfachsten als der in der Sprachentwicklung herausgebildete Ausdruck für den
Sachverhalt der Andersartigkeit zwischen einem angenommenen und dem
tatsächlich bestehenden Sachverhalt auffassen.

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9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen

1. E r i n n e r u n g u n d W i e d e r e r k e n n e n

Aus der Erforschung der Reproduktionsvorgänge wissen wir, wie es
geschehen kann, daß etwa der Anblick eines Apfels mich an einen
Landaufenthalt erinnern oder, genauer gesprochen, die Vorstellung jenes
Landaufenthaltes wachrufen kann. Es weckt da nicht der Anblick des
gesehenen Apfels die Vorstellung eines anderen, damals gesehenen, und die
Vorstellung von diesem die mit ihr vereinigten Bilder der Umgebung jenes
früher gesehenen Apfels, sondern unmittelbar bringt der wahrgenommene
Apfel die gesamte Erinnerungsvorstellung ins Bewußtsein, nach jenem
allgemeinen Gesetz: eine Vorstellung hat die Tendenz, sich zur
Gesamtvorstellung zu ergänzen. Damit ist nun freilich wohl der
Reproduktionsvorgang, aber noch nicht die Gedächtnisleistung erklärt.
Denn jede Gedächtnisleistung besagt, daß ich das reproduzierte Bild als
m e i n f r ü h e r e s E r l e b n i s erkenne. Außer der Vorstellungserneuerung ist
also begreiflich zu machen, warum die reproduzierte Vorstellung als mein
Erlebnis und warum sie als mein früheres Erlebnis erscheint.
Das erste Problem ist nach den neueren Untersuchungen über die Vorstellungen gelöst bzw. auf
ein allgemeineres verschoben: da die absolute Vorstellung sich nicht von der absoluten
Wahrnehmung unterscheidet (S. 102 ff.), so finde ich mich in der Vorstellung auf dieselbe Weise
gegenwärtig wie in der Wahrnehmung. Und ebenso wie ich in der Wahrnehmung in der Regel eine
Beziehung auf mein Ich vorfinde, so auch in der Vorstellung. An diesem Umstande ändern auch die
zur absoluten Vorstellung hinzukommenden Beziehungserfassungen nichts. Wenigstens gilt dies für
die entwickelte Situationsvorstellung. Die Vorstellung eines vereinzelten Gegenstandes jedoch wird
entweder nicht als mein Erlebnis bewußt oder sie gewinnt diesen Zug aus anderen Kriterien, die die
Erfahrung uns als unseren Erlebnissen anhaftend kennen lehrte.

Schwieriger abzuleiten ist der andere Zug, das
Ve r g a n g e n h e i t s m o m e n t . Wie kommt überhaupt eine zeitliche Bestimmung
in das Vorstellungsbild hinein? Ein Bild ist doch an und für sich zeitlos; es
kann ebensogut ein niemals geschehendes, wie ein vergangenes,
gegenwärtiges oder zukünftiges Ereignis darstellen. Ein erster
Lösungsversuch berief sich auf ein Bekanntheitsgefühl oder eine
B e k a n n t h e i t s q u a l i t ä t , die früher wahrgenommenen Dingen ebenso
anhaftet wie vertrauten Vorstellungen früherer Erlebnisse (H ö f f d i n g ). In der

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Tat verspüren wir oft ein solches Gefühl, und es vermittelt uns wirklich und
scheinbar ohne weiteres die Sicherheit, einem alten Bekannten
gegenüberzustehen. Man erklärte dann dieses Gefühl dadurch, daß der
früher schon erlebte Eindruck lebhafter und allseitiger als nichterlebte die
Reproduktion der mit ihm verbundenen Vorstellungen anrege, was in uns
ein eigenartiges Gefühl des Angenehmen wecke. Die angeführte Tatsache
wie ihre weitere Deutung wird man gelten lassen müssen, aber wie daraus
der Vergangenheitscharakter entspringen soll, ist nicht einzusehen; es sei
denn, jenes Bekanntheitsgefühl erwecke unmittelbar auf Grund einer
apriorischen Zuordnung die angeborene Idee der Vergangenheit.
A. L e h m a n n zeigte experimentell, daß Gerüche als bekannt beurteilt wurden, wenn sie
assoziativ Vorstellungen früherer Erlebnisse wachriefen. Aber nehmen wir auch an, von dem Bild des
früheren Erlebnisses führe eine lückenlose Reihe anderer Erlebnisvorstellungen bis auf meine
gegenwärtige Situation, so hätte ich in dieser Vorstellungskette doch noch nicht das zeitliche
Moment, wenn es nicht von vornherein in jeder einzelnen Vorstellung wäre. Es könnte ja eine solche
Bilderreihe reine Phantasie sein, und wie soll man spontan auftretende Phantasiebilder von
Erinnerungen unterscheiden, wenn nicht gerade durch den zeitlichen Charakter? Darum hilft auch der
Lösungsversuch C l a p a r è d e s u. a. nichts, die Bekanntheit in der Verbindung mit dem Ich zu
suchen. Denn auch die Phantasievorstellungen können aufs innigste mit dem Ich des Bewußtseins
verbunden sein.

Das Rätsel des Sicherinnerns läßt sich lösen, wenn man zwei Faktoren
berücksichtigt, welche die bisherige Diskussion außer acht ließ: das
Beziehungswissen und das Zeiterleben. Lassen wir einen Ton für einen
Augenblick erklingen, so ist die in uns geweckte Tonempfindung nicht mit
dem Aufhören des physikalischen Reizes schon verschwunden; sie steht
noch im unmittelbaren Gedächtnis, und wir können ihr allmähliches
Verlöschen beobachten. Die einzelnen Stadien dieses Verlöschens sind uns
nicht diskontinuierlich wie mikroskopische Schnitte gegeben, sondern wir
erleben das Verlöschen des Klangbildes kontinuierlich mit: wir erleben es,
daß der Eindruck, der stark war, schwach wird (vgl. S. 130 f.). In solchen
anschaulichen Zeiterlebnissen erfassen wir die Zusammenhangsrelation: zu
einer Bewußtseinserscheinung von eigenartiger Schwäche, Verblasenheit
usw. gehört eine andere, lebhaftere, aus der jene schwache hervorging. Aus
der Verallgemeinerung dieser Erfahrungen werden Eigentümlichkeiten wie
die Verblasenheit von Bewußtseinserscheinungen zu einem Kriterium der
Zugehörigkeit zu einem anderen Eindruck, aus dem sie hervorgingen, d. h.
eben zu einem Kriterium der Vergangenheit.
Zu diesen F u n d a m e n t a l k r i t e r i e n treten im Verlauf der Entwicklung andere hinzu, die
sich in der Regel mit ihnen vereint finden. So die relative Festigkeit einer Erinnerungsvorstellung

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gegenüber einer Phantasievorstellung, die Möglichkeit, von der Erinnerungsvorstellung bis auf die
augenblickliche Lage des Subjektes eine geschlossene Bildreihe herzustellen, die Tatsache, daß
Erwartungen, die von Erinnerungsvorstellungen geweckt werden, sich durch die folgende
Wahrnehmung bestätigen, endlich das eigenartige Vertrautheitsgefühl, das Erinnerungsvorstellungen
häufig begleitet. G. E. M ü l l e r hat aus den Selbstbeobachtungen bei Gedächtnisversuchen eine
erstaunliche Menge derartiger Kriterien gesammelt. Die meisten dieser K r i t e r i e n dürften
s e k u n d ä r e r N a t u r sein. Es können also die verschiedenen älteren Erklärungsversuche
nebeneinander bestehen, nur weisen sie nicht auf den Kernpunkt, die Entstehung des Zeitmerkmales
in einer Vorstellung hin.

Das W i e d e r e r k e n n e n verhält sich zur Erinnerung ähnlich wie die
Begründung zum Schluß. Nehmen wir einen früher gesehenen Gegenstand
wahr, so weckt sein Bild vielleicht die Vorstellung von jener ersten
Wahrnehmung, und zwar erscheint nach dem Gesagten jene
Wahrnehmungssituation als mein früheres Erlebnis. Die Identität des
Gegenstandes ist uns dabei implizite gegeben, und wir wissen deshalb: der
in der Wahrnehmung vor mir stehende Gegenstand ist derselbe, mit dem ich
es schon einmal, und zwar bei jener Gelegenheit, zu tun hatte. Aus solchen
ausführlichen Wiedererkennungsvorgängen lernen wir die mit ihnen
regelmäßig verbundenen Begleiterscheinungen als K r i t e r i e n d e r
B e k a n n t h e i t kennen. Noch bevor die ausführliche Wiedererkennung
eintritt, verspüren wir die eigenartigen Zustände der einsetzenden
Reproduktion (man denke an den Zustand, den wir durchmachen, wenn uns
ein gesuchter Name „auf der Zunge liegt“), schwache Lustgefühle, eine
merkwürdige Steigerung unseres Interesses für jenen Gegenstand. Da
solche Erlebnisse in der Regel von dem Wiedererkennen gefolgt sind,
werden sie uns selbst zu den Symptomen der Bekanntheit
(B e k a n n t h e i t s q u a l i t ä t ). Aber nur darum, weil sich mit ihnen das
Beziehungswissen verbindet: solche Zustände sind die Wirkung bekannter
Eindrücke, vermitteln sie uns das Bekanntheitsbewußtsein. Ohne ein
solches Wissen käme es höchstens wie beim Tier zu einer besonderen Weise
der Reaktion, wie sie gewohnten und darum zumeist auch lustbetonten
Eindrücken gegenüber zu beobachten ist.
Nach unserer Darlegung müßte in der Entwicklung des Menschen zuerst die Erinnerung und dann
das Wiedererkennen auftreten. Es wird schwer sein, dies beim Kinde festzustellen, da zweifellos
beim Kinde die soeben genannten, auch beim Tier zu beobachtenden Reaktionsweisen gegenüber
gewohnten Dingen zuerst einsetzen und ein Wiedererkennen vorzutäuschen imstande sind.
Auch unsere Erklärung der Erinnerung wie des Wiedererkennens greift auf die
R e p r o d u k t i o n s v o r g ä n g e zurück. Das könnte bedenklich erscheinen, weil Reproduktion und
Erinnerung verschiedenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Allein die Leistung ist in beiden Fällen eine
ganz andere: die Reproduktion hat einen bestimmten Vorstellungsinhalt selbst vorzuführen; mit

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Stellvertretern, Symptomen u. dgl. ist ihr nicht gedient. Das Wiedererkennen hingegen hat ein
Beziehungswissen zu wecken und kann sich dazu mannigfacher Symptome bedienen. Und drittens
können diese Symptome — wohl nach einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Beziehungserlebnisse
(vgl. S. 178) — schon wirksam werden, wenn sie eben die Bewußtseinsschwelle überschritten haben,
während eine Reproduktionsaufgabe in diesem Zustande noch nicht als gelöst gelten kann.

2. E r i n n e r u n g s t ä u s c h u n g e n

Reproduktion früherer Eindrücke, anhebende Reproduktionen, Gefühle,
die durch letztere angeregt werden, Beziehungserfassungen, Reproduktion
eines Beziehungswissens und endlich, was bisher noch nicht genannt
wurde, Beurteilungen und Schlüsse auf Grund mannigfacher Kriterien
können zusammenwirken, um eine Vorstellung als Bild eines früheren
Erlebnisses oder einen neuen Eindruck als die Wahrnehmung eines
bekannten Gegenstandes erscheinen zu lassen. Von jedem einzelnen dieser
Faktoren wissen wir nun, daß er gelegentlich versagen kann, und dürfen
darum erwarten, daß aus solchem Versagen Erinnerungstäuschungen bzw.
Erinnerungsausfälle entstehen.
Klingen die Reproduktionstendenzen an, ist aber die vollständige Reproduktion behindert, so
erscheint uns ein Gegenstand bekannt, aber wir wissen nicht, „wo wir ihn hintun sollen“. Werden
auch die ersten Ansätze zur Reproduktion nicht lebendig, so halten wir den Gegenstand für neu. Wir
können aber anderswoher wissen, daß der betreffende Gegenstand uns doch bekannt sein muß, und
so mag das eigenartige F r e m d f i n d e n bedingt sein: spricht man ein geläufiges Wort der
Muttersprache oftmals rasch hintereinander aus, so klingt es mit einemmal merkwürdig fremd und
sinnlos. Vermutlich werden durch das rasche Aufsagen die mit dem Wort assoziierten Vorstellungen
nicht mehr angeregt, entsprechend dem allgemeinen Gesetz der Bahnung; das Wort besagt uns also
nichts mehr, während wir doch gleichzeitig wissen, daß es einen Sinn hat. Die sog. Entfremdung der
Wahrnehmungswelt dürfte jedoch damit nur teilweise erklärt sein.
Dem Ausfall der Erinnerung steht deren Fälschung gegenüber. Man könnte füglich eine teilweise
und eine vollständige unterscheiden. Bei der t e i l w e i s e n F ä l s c h u n g vermischen sich infolge
der Konstellation fremde Vorstellungselemente mit der Erinnerungsvorstellung. Tragen diese
eingeschobenen Elemente keine von der Erinnerungsvorstellung stark abweichenden Züge, so
werden auch sie als Bilder früherer Erlebnisse genommen, namentlich wenn die Gesamtvorstellung
unmittelbar als Erinnerung aufgefaßt wird. Findet eine eigentliche Beurteilung, ob wirklich erlebt
oder nicht, statt, so wird es unter anderem auch von der Begabung des Individuums abhängen, ob es
einer Erinnerungstäuschung verfällt oder nicht. Kinder unterliegen deshalb leichter diesen
Täuschungen als Erwachsene. Bei ihnen kommt auch die totale Erinnerungsfälschung in der Form
der Phantasielügen häufig vor: während sie am Erzählen sind, drängt sich ihnen das Phantasiebild mit
der gleichen Leichtigkeit und Klarheit wie das Erinnerungsbild auf und wird darum als solches
ausgegeben. Wegen ihrer reicheren Phantasiebegabung sind darum auch Frauen derartigen
Täuschungen mehr ausgesetzt als Männer.
Eine andere Art der Erinnerungsanomalie täuscht nicht hinsichtlich des Inhaltes, sondern des
A k t e s : ein neuer Eindruck erscheint fälschlich als bekannt. Namentlich in pathologischen Fällen

Page 213

wird die Bekanntheitsqualität durch neue Eindrücke ausgelöst, o h n e d a ß der Kranke von der
Neuheit der Eindrücke überzeugt ist. (Reduplizierende Paramnesie.) Anders bei dem oft
besprochenen d é j à v u : obwohl wir genau wissen, daß die Lage, in der wir uns augenblicklich
befinden, völlig neu ist, haben wir doch den überwältigenden Eindruck, genau das gleiche schon
einmal erlebt zu haben. Bekanntlich stützt sich die Lehre von der Seelenwanderung mit Vorliebe auf
solche Erlebnisse. Die allgemeine Erklärung dieser Erscheinung ist wohl folgende: Durch
irgendeinen Umstand wird der Bekanntheitseindruck hervorgerufen, während wir doch gleichzeitig,
auf andere Gründe gestützt, genau wissen, daß wir zum erstenmal dies erleben. Ist der
Bekanntheitseindruck von einem lebhaften Gefühl begleitet, so mag er durch einen ganz
nebensächlichen Zug an dem Erlebnis ausgelöst sein, er wird sich über das Gesamterlebnis ausbreiten
und dieses selbst als bekannt erscheinen lassen. Nach meinen bisherigen Beobachtungen möchte ich
zwei Arten des déjà vu unterscheiden: Bei der ersten regt ein (nebensächlicher) Zug der
Wahrnehmung eine Reproduktion an, die weiter nicht beachtet wird, aber das Bekanntheitsgefühl
auslöst, das fälschlich auf das Gesamterlebnis bezogen wird. Diese Fälle sind niemals so
überraschend wie die alsbald zu besprechenden. Es gelingt auch häufig, den Reproduktionsvorgang
rückschauend festzustellen. Dementsprechend zeigen sich allmähliche Übergänge von dem falschen
Wiedererkennen zu der ganz normalen Reproduktion im Anschluß an eine Wahrnehmung. Die andere
Art habe ich vor Jahren zum erstenmal auf Grund einer zuverlässigen Beobachtung beschrieben
(ArPs 15 [1909]) und kann sie heute durch neue Beobachtungen sicherstellen. Das Schema des
ganzen Vorganges ist dieses: Eine flüchtige Wahrnehmung wird unterbrochen oder eine alsbald
erfolgende Wahrnehmung wird in der Vorstellung vorweggenommen. Darauf tritt eine Ablenkung
ein, durch die der Bewußtseinszusammenhang bei dem ermüdeten oder psychasthenischen
Individuum für einen Augenblick abgebrochen wird. — Die nervöse Erschöpfung ist nach den
Untersuchungen H e y m a n s eine besonders günstige Vorbedingung des falschen Wiedererkennens,
weshalb auch diese Erscheinung in der Pubertätszeit besonders häufig ist. — Gleich nach der kurzen
Ablenkung wendet man sich wieder der Wahrnehmung zu. Da somit derselbe Bewußtseinsinhalt
wiederkehrt, der unmittelbar vor der Ablenkung uns beschäftigte, erscheint das Erlebnis als bekannt,
ohne daß wir den Bekanntheitseindruck erklären können, während wir anderseits sehr wohl wissen:
die Situation ist neu. Ein Beispiel. Ich gehe mit einigen Begleitern einen Gartenweg entlang. „Haben
Sie schon gehört ...“, beginnt einer von ihnen und kündigt eine mir sehr wohl bekannte Geschichte
an, die mir nunmehr als Ganzes im Bewußtsein steht. Weil sie mich aber langweilt, befasse ich mich
beim Weitergehen mit den Blumen am Wege. Als wir nun am Ende des Weges umkehren wollen,
erlebe ich ein ganz ausgesprochenes déjà vu, und zwar besagt es: genau diese individuelle Situation
mit all ihren Einzelheiten hast du schon erlebt. Da ich damals schon meine Theorie der Fausse
Reconnaissance veröffentlicht hatte, besinne ich mich darauf, wo eine Wiederholung eines Teiles der
Wahrnehmung vorliege, finde jedoch keine und stelle mit Bedauern fest, daß die Theorie hier
versage. Erst nach einiger Zeit kommt mir der Augenblick wieder zu Bewußtsein, wo die Erzählung
angekündigt worden war. Die Erklärung des Phänomens lag nun zutage. Bei der Ankündigung der
Erzählung hatte ich sie in der Vorstellung vorweggenommen. Dann wurde ich durch das Betrachten
der Blumenbeete abgelenkt. Als ich am Ende des Weges wohl oder übel wieder einen Teil der
Erzählung anhören mußte, wurde die Eingangssituation reproduktiv angeregt, konnte aber infolge
einer an diesem Tage sehr merklichen Schlaffheit, sowie wegen der unmittelbar vorausgegangenen
Ablenkung nicht hinreichend reproduziert werden, weshalb ein unerklärliches Bekanntheitsgefühl
verspürt wurde, das sich nach Art aller Gefühle auf die gesamte Lage verbreitete. Wegen der
augenblicklichen Reproduktionsstörung konnte natürlich auch die das ganze Erlebnis bedingende
Eingangslage nicht sofort wieder bewußt werden, die Theorie mußte für den Augenblick als
unzureichend erscheinen, wodurch eine ganz vorzügliche Kontrolle der Zuverlässigkeit der
Beobachtung gegeben war. Die wichtige Voraussetzung dieser Erklärung, daß durch die
vorstellungsmäßige Vorwegnahme einer Wahrnehmung schon ein Bekanntheitseindruck bedingt
wird, läßt sich übrigens experimentell nachweisen.

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Literatur
M. R o s e n b e r g , Über die Erinnerungstäuschungen usw. ZPaPs 1 (1912).

3. D i e A u s s a g e

Ein wichtiges Anwendungsgebiet unseres Problems hat eingehende experimentelle Untersuchung
erfahren, die Zeugenaussage. Man ließ Kinder und Erwachsene Bilder betrachten oder zuvor
verabredeten Begebenheiten beiwohnen und teils unmittelbar darauf, teils nach bestimmter Frist frei
über das Erfahrene berichten, sowie in einem sorgfältig vorbereiteten Verhör entsprechende Fragen
beantworten. Die Erinnerungstäuschungen, die hierbei unterliefen, waren nun überraschend
zahlreich. Allgemeingültige Zahlenwerte lassen sich begreiflicherweise nicht anführen, da die
Fehlermenge sich ebensowohl mit dem Subjekt wie mit dem Gegenstand wie endlich mit der Art der
Aussage ändert. Im allgemeinen gilt etwa folgendes: Ein Zeugnis ist niemals im ganzen zu bewerten,
da auch ein zuverlässiger Zeuge Erinnerungstäuschungen unterworfen ist. Der unbeeinflußte Bericht
kann bisweilen genau sein, von einem Verhör darf man das nie erwarten. Fragt man, wie in den
Versuchen, nach a l l e n Einzelheiten eines Erlebnisses, so darf man mit ungefähr einem Drittel
falscher Antworten rechnen. Die Fehlerzahl steigt, wenn die Fragen eine bestimmte Antwort
nahelegen (Suggestivfragen), namentlich bei Kindern. Kinderaussagen sind überhaupt nur mit
größter Vorsicht zu veranlassen und zu bewerten. Werden dieselben Fragen in einem Verhör
wiederholt, so wächst die Zahl der Antworten, aber auch die der Fehler. Hinsichtlich des zu
berichtenden Vorfalles gilt, daß Aussagen über Vorgänge nur dann zuverlässig sind, wenn die
Vorgänge mit Aufmerksamkeit und ohne zu große Gemütsbeteiligung beobachtet wurden. Aussagen
über Nebenumstände sind überhaupt von fraglichem Wert, namentlich über Farben, Zeit- und
Größenverhältnisse. Diese Versuche bestätigen sehr hübsch die theoretisch bedeutsame Tatsache, daß
uns keine gesonderten Erinnerungsvorstellungen zu Gebote stehen, sondern daß alle unsere
Vorstellungen zu Erinnerungen werden können, je nachdem sie sich mit den Kriterien der
Erinnerungen auszustatten vermögen.
D i e A u s s a g e ist aber mehr als eine Erinnerung. Sie ist e i n U r t e i l , das gleichzeitig über
den vorgestellten Sachverhalt abgegeben wird, daß man ihn eben erlebt habe. Es hängt darum die
Aussage nicht allein von den Erinnerungskriterien ab, die sich an die auftauchenden oder
nahegelegten Vorstellungen anschließen; es müssen diese Kriterien auch beurteilt werden. Da macht
sich nun stark die individuelle Urteilsbereitschaft geltend, ferner die Urteilseinstellung auf die
Behauptung, etwas erlebt zu haben, endlich alle die Beweggründe, die zu einem Urteil führen
können: das Interesse an dem Grundsachverhalt, das Interesse an dem Begleitsachverhalt, der
Gewißheit, und an dem Urteilsakt, wie etwa der Wunsch, ein ergiebiger Zeuge zu sein.

Literatur
W. S t e r n , Beiträge zur Psychologie der Aussage. 2 Bde. 1903/6.
W. und Cl. S t e r n , Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kindheit. 1909.

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10. Kap. Das Ichbewußtsein

Dem Worte Ich entsprechen mancherlei Bedeutungen. Wir greifen drei
von ihnen heraus und untersuchen, wie das Individuum zu den drei
Bedeutungserlebnissen gelangt. In dem Satze: ich heiße Müller und wohne
usw. bezeichnet „ich“ das g e s e l l s c h a f t l i c h e Ich, die ganze Persönlichkeit,
den Körper inbegriffen. Sagt jemand: ich bin ein Gemütsmensch, so denkt
er weniger an sein Äußeres, sondern vorab an seine Seele, an sein Inneres,
wie es regelmäßig mit einer Anzahl konstanter Eigenschaften verbunden
erscheint. Man könnte es das p e r s ö n l i c h e Ich nennen. In Sätzen wie „ich
denke“, „ich verlange“ hingegen sieht man auch von den dauernden
Eigentümlichkeiten des Innenmenschen ab und hat nur das Subjekt jener
seelischen Akte im Auge, von denen gerade die Rede ist. Wir können hier
von dem r e i n e n Ich sprechen.
Es läßt sich leicht verfolgen, wie die Bezeichnung „ich“ in der
Entwicklung des Individuums auftritt. Sie wird heute von der Umgebung
übernommen und zunächst für das gesellschaftliche Ich verwendet, und
zwar früher, wenn ältere Geschwister das Kind umgeben, als wenn sich die
Eltern allein mit dem Kinde befassen. Aber lange bevor der Gebrauch des
Wortes „ich“ erlernt ist, verrät sich schon deutlich ein ausgesprochenes
Ichbewußtsein, das dem reinen Ich näher steht als den beiden anderen. Ganz
entsprechend liegt auch die Schwierigkeit des Ichproblems in dem
Auftreten des reinen Ich. Es bildet den Kern der andern Ichbedeutungen, die
ohne diesen Kern als Inbegriff gewisser Wahrnehmungen an der eigenen
Persönlichkeit gelten könnten.
Hinsichtlich des reinen Ich sind nun drei Fragen möglich. Gibt es überhaupt einen erlebnismäßig
erfaßbaren Gegenstand, der dem Worte „ich“ entspricht, oder wird dieser Gegenstand erst durch
unser Denken geschaffen wie etwa eine Vierergruppe, die wir willkürlich und rein gedanklich aus
einer regelmäßigen Anordnung von Punkten herausgreifen? Zweitens: falls das Ich erlebbar ist,
erleben wir es ebenso unmittelbar und isoliert, wie es unsere Ausdrucksweise vermuten läßt? Und
drittens: wenn das Ich nicht unmittelbar und isoliert erlebt wird, wie wird dann das unmittelbar
Erlebte verarbeitet?
H u m e und einige Sensisten versuchten jedes unmittelbare Erleben des Ich zu leugnen: das Ich
sei nur ein Bündel von Vorstellungen. Aber ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, aus einem
solchen Bündel von Vorstellungen jene Einheit des Bewußtseins zu konstruieren, die wir tatsächlich
erleben — eine Unmöglichkeit, die Hume selbst eingestand —, widerspricht diese Auffassung den
einfachsten Beobachtungstatsachen. Es läßt sich kein Gedanke, kein Verlangen, keine Empfindung,

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kein Gefühl aufzeigen, das nicht m e i n Erlebnis wäre; es ist unmöglich, ein Erlebnis in sich
hervorzurufen oder in der rückschauenden Beobachtung zu entdecken, das nicht zugleich das
Erlebnis eines Bewußtseins, eines Subjektes wäre. Das wird heute auch nahezu allgemein zugegeben.
Anderseits kann aber auch niemand ein so isoliertes Ich in sich entdecken, wie es das begriffliche
Ich ist. Denn da kein einziger Bewußtseinsvorgang frei vom Ich bleibt, ist auch das Ich stets ein
anderes und ganz und gar durch die augenblicklichen Erlebnisse bestimmt, so daß man nicht leicht
bleibende Eigenschaften des reinen Ich aufzählen kann. Das Ich zeigt sich uns immer nur in den
Erlebnissen, wie etwa die Intensität oder die Ausdehnung sich nur an der Empfindung offenbart.
Kommen wir doch zu einem isolierten Ich, so liegt dies an unserer Fähigkeit, den immer
wiederkehrenden Ichzug aus den verschiedenen Erlebnissen herauszuheben. Es ist also die
Befähigung zur Abstraktion, d. h. letztlich zur Beziehungserfassung (vgl. S. 121 f.), die uns den
Ichzug unserer Erlebnisse erkennen läßt. Denken wir uns diese Fähigkeit hinweg, so haben wir wohl
ein erlebendes Subjekt, aber kein Ich; denn das Ich ist eben das herausgeschälte Subjekt. Dieser
Zustand verwirklicht sich nach unserer Auffassung beim Tier und dürfte daran schuld sein, daß Freud
und Schmerz bei ihm ganz wesentlich geringer sind als beim Menschen. — Wenn wir den
Ichcharakter unserer Erlebnisse mit der Intensität oder der Ausdehnung einer Empfindung verglichen
haben, so gilt das nur hinsichtlich seiner innigen Verschmelzung mit den Bewußtseinserscheinungen,
aber nicht hinsichtlich der Unterordnung dieser unselbständigen Momente. Das Ich erscheint nämlich
nicht immer so bescheiden im Hintergrund wie etwa bei einer Wahrnehmung, die uns ganz gefangen
hält. Es wird auffälliger bei den Gefühlszuständen, es gibt sich endlich als das tätige bei den
Willensakten. An ihnen gewinnen wir wohl zuerst die Auffassung von dem Ich als dem Träger
unserer Erlebnisse, als dem ersten soliden Etwas, das für uns der Prototyp eines Dinges wird.

Es bleibt nunmehr die normale E i n h e i t d e s I c h zu erklären. Greifen
wir einen Querschnitt des Seelenlebens heraus, so bildet die hier
herrschende Einheit des Ich in den gleichzeitig vorhandenen
Empfindungen, Gefühlen und Strebungen kein sonderliches Problem. Denn
alle diese Erlebnisse sind ja nur künstlich abstrahierte Züge eines
unteilbaren Gesamtzustandes des Ich. Wir haben darum nicht verständlich
zu machen, wieso das vor mir sichtbare Grün und Braun von demselben Ich
empfunden werden kann. Anders verhält es sich mit dem Längsschnitt der
Erlebnisse, mit den zeitlich sich folgenden Bewußtseinserscheinungen. Da
wiederholen sich nun die Erwägungen, die wir beim Zeitbewußtsein und bei
dem Problem der Erinnerung anstellten. Die unbefangene
Selbstbeobachtung lehrt uns ebenso wie andere Überlegungen, daß unser
Erlebnisstrom kein diskontinuierlicher, sondern ein stetig fließender ist, daß
wir den Übergang von einer lauten Tonwahrnehmung in eine leisere u. ä.
unmittelbar wahrnehmen. Da aber alle unsere Wahrnehmungen mit dem
Ichcharakter unzertrennlich verbunden sind, müssen wir auch unmittelbar
das Verharren des Ich von einem Zeitmoment zum andern wahrnehmen.
Wenn wir nun bei der Erinnerung an auseinanderliegende Erlebnisse zu der
Überzeugung kommen „mein früheres Erlebnis“, so setzen wir mittels des
uns geläufigen Schlußverfahrens den sich uns zunächst darbietenden

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Zusammenhang als den einzig möglichen an (S. 192). In der Erkenntnis
„mein früheres Erlebnis“ erfassen wir mit einem logisch noch nicht ganz
gesicherten Schluß die Identität unseres Ich mit dem Subjekt des früheren
Erlebnisses. Eine unmittelbare Evidenz kann dieser Schluß nicht bieten: es
könnte ja ein Wechsel des Subjektes stattgefunden haben, und dem neuen
Subjekt könnten die Erinnerungen des alten mitgeteilt sein. Indes
naheliegende philosophische Gründe rechtfertigen nachträglich den
naturgemäß vollzogenen Schluß.
Auch die S u b s t a n t i a l i t ä t des Ich erfassen wir nicht unmittelbar. Gewiß
ist für uns das Ich das Allersolideste, was wir kennen. Aber den Begriff der
Substanz bilden wir uns doch erst mit Hilfe unserer Erfahrungen an der
Außenwelt.
Unsere Erklärung des Ichbewußtseins läßt nun die A n o m a l i e n des Selbstbewußtseins leicht
verstehen. Auch hier gehen die normalen Zustände unvermerkt in die pathologischen über. Wir
sagten, das helle Ichbewußtsein ist das Ergebnis einer Beziehungserfassung. Beziehungserfassungen
und ebenso das aus ihnen sich herleitende Wissen, von dem wir hier absahen, sind nicht immer
aktuell, sondern können gelegentlich zurücktreten. Sie werden es in der Regel dann tun, wenn andere
Inhalte in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das ist kaum möglich bei
Gefühlserlebnissen, leichter bei Willenshandlungen und sehr wahrscheinlich, wenn wir uns wie in der
Wahrnehmung oder auch im Vorstellungsleben mit den Gegenständen befassen. In solchen Zuständen
sagen nicht nur die Dichter, sondern auch die Vpn in experimentell herbeigeführten Erlebnissen:
nicht ich denke, sondern es denkt in mir. Man muß nach derartigen Bewußtseinsvorgängen wieder
„zu sich kommen“. Natürlich war auch bei ihnen der Ichzug niemals vollständig verschwunden.
Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand die D e p e r s o n a l i s a t i o n , die Entfremdung
des Ich. Jeder einzelne ist an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen
und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dem begrifflichen Wissen von
unserem Ich und seiner Identität in der Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung,
das „persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das wird anders bei sehr
großartigen und überraschenden Wahrnehmungen. Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende
Landschaft, ein neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten
Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als andere Menschen, „wie
ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck wird erzielt, wenn die sonst konstanten
Körperempfindungen verändert werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon
eine Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen nach einiger Zeit
überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante Empfindungsmasse in höherem Grade, so
kommen wir uns selbst als andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch einen
Nebel. Man kann heute noch nicht angeben, w e l c h e Empfindungen insbesondere in
Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser Zustand eintritt. Man hat an die
Organempfindungen, an die uns stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im
Bewußtsein und namentlich an Gefühle (Ö s t e r r e i c h ) gedacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach
wird nicht die Alteration einer b e s t i m m t e n Empfindungs- oder Gefühlsgruppe die
Depersonalisation bewirken, sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung
der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“ Ich gewöhnt sind, muß in
irgendeiner Weise ein b e s t i m m t e s M a ß erreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.

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Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert — womit zugleich die
Reproduktion der früheren Zustände praktisch wegfiele —, so wäre zwar das substantielle Ich
dasselbe geblieben, das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten Zustandes
hingegen wäre ein v ö l l i g anderes geworden, ohne sich jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu
können. Lassen wir nun dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben ihm aber
im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren ihm die Reproduktion des früheren
Bewußtseinsinhaltes, so ist das persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun in
dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er ein anderer Mensch sein, eine
andere Rolle spielen. Und er wird sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm
irgendwelche Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen zu
verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich, sondern ein drei-, vier- und mehrfaches
Ich geben können. In der Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit die
Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues Bewußtseinsdasein, zumeist mit
völliger Erinnerungsunfähigkeit (Amnesie) für die Zeit vor der Erkrankung. Ähnliches läßt sich
durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder weniger freiwillige
Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so
geraten jene Kranken unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer Erfahrung, ihrer
Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist, doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler
sich jeden Augenblick auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge der
Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht ohne weiteres von einer Melodie
in eine beliebige andere übergehen kann.

Literatur
K. Ö s t e r r e i c h , Phänomenologie des Ich. I. 1910.

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ZWEITER ABSCHNITT
Die höheren Gefühle

1. Kap. Die Vergleichung

1. E i g e n a r t d e r h ö h e r e n G e f ü h l e

Als elementare Gefühle hatten wir Lust und Unlust kennen gelernt. Nur
wenige Psychologen setzen außer diesen beiden noch andere niedere
Elementargefühle an, und auch sie beschränken deren Zahl zumeist auf
einige wenige. An höheren Gefühlen dagegen werden immer eine fast
unübersehbare Menge aufgezählt: Liebe, Haß, Furcht, Vertrauen,
Kindesliebe, Elternliebe, Gottesliebe, ästhetische, logische, religiöse,
soziale Gefühle usw. So wenig es gelingt, diese Mannigfaltigkeit auf einige
Fundamentalgruppen zurückzuführen, so scharf lassen sie sich von den
niederen Gefühlen absondern: Lust und Unlust schließen sich völlig
grundlos an bestimmte Empfindungen an. Es hat innerhalb der
psychologischen Betrachtung keinen Sinn zu fragen, warum uns eine Farbe
angenehmer sei als eine andere, warum gewisse Klänge lustvoller sind als
andere. Das sind letzte Tatsachen. Auch die Zuträglichkeit eines Reizes gibt
dafür keine psychologische Erklärung, allenfalls eine teleologische; denn
vor jeder Einsicht in die Zuträglichkeit oder Unzuträglichkeit eines Reizes
und selbst wider eine solche Einsicht vermag er eine lust- oder
unlustbetonte Empfindung zu wecken. Anders bei den höheren Gefühlen.
Sie erscheinen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, immer als begründet.
Ihre Erscheinungsweise hat B a i n gegenüber den niederen Gefühlen
treffend gekennzeichnet. Sie steigen langsamer an als die sinnlichen
Gefühle; hängen stark von der herrschenden Stimmung ab; sind leichter
willkürlich zu unterdrücken; enthalten mehr Reproduktionen und sind
gewissermaßen ausgedehnter und unschärfer als jene, darum auch leichter
und länger zu ertragen. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen leuchtet sofort
ein, wenn man einen körperlichen mit einem seelischen Schmerz vergleicht.

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2. T h e o r i e u n d E i n t e i l u n g d e r h ö h e r e n G e f ü h l e

Eine befriedigende Theorie der höheren Gefühle sollte sich eigentlich
auf eine erschöpfende Aufzählung, Beschreibung, Gruppierung und Analyse
sämtlicher höheren Gefühle stützen. Dazu fehlen jedoch die Vorarbeiten.
Wir streben darum auf kürzerem Wege eine vorerst noch hypothetische
Auffassung der höheren Gefühle an, die uns zugleich ermöglicht, die
Mannigfaltigkeit der Gefühle zu überblicken.
Vor allem fragt es sich, o b e s h ö h e r e E l e m e n t a r g e f ü h l e g i b t , ähnlich
wie es höhere Erkenntnisleistungen elementarer Natur gibt. Wir verneinen
bis auf weiteres diese Frage. Denn bis heute ist es noch nicht gelungen,
solche höhere Gefühlselemente aufzuzeigen, ähnlich wie man Lust und
Unlust aufzeigen kann. Die Unmöglichkeit, eine befriedigende Einteilung
der Gefühle vom inhaltlichen bzw. qualitativen Gesichtspunkt aus zu
gewinnen, spricht auch dafür. Die Zahl der höheren Gefühle scheint
praktisch unbegrenzt zu sein, da fast jeder Sachverhalt ein besonderes
Gefühl nach sich zieht. Neben all den ästhetischen, religiösen, logischen
Gefühlen lassen sich mit ebensoviel Recht besondere Gefühle für jeden
Stand und jede Lebenslage finden: von einem Hochzeits- und
Begräbnisgefühl kann man ebensogut reden wie von einem Sextaner-,
Quintaner-Gefühl usw. Das beweist, daß das Charakteristische der höheren
Gefühle in der Regel in dem Sachverhalt liegt, auf den sie sich beziehen.
Und wären Gefühle, die weder der Einsicht dienen, noch — von Lust,
Unlust abgesehen — das Streben leiten sollen, nicht ein wahrer Luxus?
Auch die von B a i n genannten Eigentümlichkeiten der höheren Gefühle
deuten auf ihre Zusammensetzung und Ableitbarkeit hin. Endlich sprechen
dafür pathologische Fälle, bei denen die Einsicht in die Erfreulichkeit oder
Unerfreulichkeit eines Sachverhaltes klar erfaßt wurde, ohne daß ein
merkliches Gefühl zu beobachten war. Wie hier die körperliche Erkrankung,
so weist die Förderung und Hemmung auch höherer Gefühle durch Alkohol
oder Brom darauf hin, daß das emotionale Moment ebenso wie bei den
niederen Gefühlen in enger Berührung mit den physiologischen Vorgängen
steht. Es wird aber nicht angehen, sie einfachhin als eine Verbindung von
Sachverhaltserfassungen mit den sinnlichen Gefühlen anzusprechen. Dem
steht einerseits der bezeichnende Unterschied von Ernst- und
Phantasiegefühlen (der nur phantasierte Sachverhalt erweckt andere

Page 221

Gefühle als der wirklich erlebte), anderseits das scheinbare Vorkommen
höherer Gefühle, wie Furcht, Anhänglichkeit u. ä. bei Tieren, entgegen,
denen wir bekanntlich die Sachverhaltserfassung abstreiten. Wir müssen
also einen andern Weg versuchen.
Wir sahen, Empfindungen sind zumeist von einem stärkeren oder
schwächeren Gefühlston begleitet, und zwar faßten wir die Gefühlsreaktion
nicht als eine einsichtige Antwort der Seele auf die Empfindung, sondern
als den psychischen Parallelvorgang zu einem mit der sensorischen
Erregung irgendwie funktionell verbundenen Nervenprozeß auf. Es muß
darum auch die Summe von Empfindungen zu irgendwelcher, vielleicht
algebraischen Summe von Gefühlen führen. Zwischen den Empfindungen
und den Elementen der absoluten Vorstellung (S. 102 ff.) machten wir aber
keinen Unterschied. Es wird darum auch die Vorstellung eine
Gefühlssumme mit sich bringen. Und die Assoziation von Vorstellungen
wird auch die Vermehrung der Gefühlsmasse bedeuten. Wir glauben nun,
daß aus diesen Gefühlsreserven unser ganzes emotionales Leben gespeist
wird. Also jede Gefühlserregung hätte demnach die Mitarbeit des
Reproduktionsapparates zur Voraussetzung. Das wird weniger befremden,
wenn man bedenkt, daß bei all unserer geistigen Tätigkeit die Reproduktion
weit stärker beteiligt ist, als es die uns auffälligen Reproduktionsinhalte
vermuten lassen, und wenn man zweitens berücksichtigt, daß die zu einer
Reproduktion gehörigen Gefühle weit schneller in den Blickpunkt des
Bewußtseins treten als die sie auslösenden Vorstellungen: Sehr oft
überflutet uns ein scheinbar unbegründetes Gefühl, und wenn wir
rückschauend das Bewußtsein absuchen, finden wir bisweilen einen eben
angeklungenen Namen u. dgl., der das Lust- oder Unlustgefühl mit sich
gebracht hat. Die Bedeutung der Vorstellungen als Gefühlserreger wächst
nun beim Menschen beträchtlich durch seine Fähigkeit zur
Beziehungserfassung. Nehmen wir an, es seien ihm zwei Vorstellungen von
verschiedenen unlustvollen Sachverhalten gegenwärtig. Nur auf Grund
ihrer Gleichzeitigkeit in einem Bewußtseinszustand würden sie sich
vielleicht nicht allzu eng miteinander verknüpfen. Erfaßt das Individuum
aber ihre Ähnlichkeit oder sonstige Beziehungen zwischen den beiden
Sachverhalten, so werden sie fest miteinander assoziiert. Verknüpft sich mit
beiden noch der gemeinsame Name „Unglück“, so ist später dieses Wort
imstande, den Gefühlston beider Vorstellungen wachzurufen. So gleicht

Page 222

also das Gefühl einem Strome, der um so gewaltiger ist, je zahlreicher die
Flüsse und Bächlein sind, die in ihn münden.
Wenn wir keine elementaren höheren Gefühle anerkennen, sondern die Empfindungen die
Quellen, die Empfindungskomplexe die Staubecken aller Gefühle sein lassen, so ist damit auch die
E i n t e i l u n g aller Gefühle für uns gegeben: Die nur durch Empfindungskomplexe ausgelösten
Gefühle bezeichnen wir als niedere, während höhere Gefühle alle jene sind, bei denen eine
Beziehungserfassung ein neues Staubecken anschließt und eröffnet. So hat der Komplex „Mutter“
seine eigenen Gefühlsmassen. Ebenso der Komplex „Totsein“. Die Beziehungserfassung: Mutter ist
tot, bewirkt aber nicht nur eine Summierung beider Gefühlsmassen, sondern öffnet das Staubecken
„Verlust“. So denken wir uns, in grober Schematisierung dargestellt, das Zustandekommen der
höheren Gefühle.
Auch die höheren Gefühle zerfallen in qualitativer Hinsicht nur in die beiden Hauptgruppen der
Lust- und Unlustgefühle, an die sich allenfalls noch die gemischten Gefühle anreihen. Mustert man
die Beziehungserfassungen, durch welche eine Gefühlsmasse relaisartig angeschlossen wird, so
scheinen es nur zwei Arten zu sein: entweder erfaßt man die m ö g l i c h e Förderung bzw.
Beeinträchtigung des Subjektes durch einen Gegenstand, oder die t a t s ä c h l i c h e , sich
vollziehende oder schon erfolgte Förderung bzw. Beeinträchtigung. Die erste Art der
Beziehungserfassung begründet die W e r t - , U n w e r t g e f ü h l e , die zweite die G e w i n n - ,
Ve r l u s t g e f ü h l e , wie wir der Kürze halber sagen wollen. Man darf wohl annehmen, daß die
Erfahrung uns einen größeren Vorrat an Gefühlsmassen für die letztere Beziehungserfassung zu
Gebote stellt. Alle vier Gefühlsarten können nun aus Ursachen, die später zu besprechen sind,
vorübergehend oder dauernd sein. Weiterhin können sie durch untergeordnete, aber recht
charakteristische Begleiterscheinungen ausgestattet sein. Es können Empfindungen, insbesondere
Organempfindungen, und vasomotorische Veränderungen hinzutreten, ferner Instinktbewegungen,
unwillkürliches und willkürliches Streben, unwillkürliche und willkürliche Ausdrucksbewegungen.
Überdies können diese Begleiterscheinungen, insoweit sie nicht willkürlich sind, sich auch mit den
niederen Gefühlen verbinden. Es ergäbe sich also folgendes Schema:
Niedere Gefühle Höhere Gefühle
Lust aus Empfindungen Wert-, Unwertgefühle
Unlust und Empfindungs- Gewinn-, Verlustgefühle
Gemischte G. komplexen Gemischte Gefühle
1. miteinander
2. mit Organempfindungen
3. „ Instinktreaktionen

Verbinden 4. „ unwillkürl. Streben
sich 5. „ willkürlichem Streben
6. „ unwillkürlichen Aus­drucksbewegungen

7. „ willkürlichen Handlungen
8. „ Empfindungen bzw. Einsichten, die selbst nicht gefühlsbetont sind.[9]

3. B e m e r k e n s w e r t e A r t e n d e r G e f ü h l e

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Mit Recht stellt man Schein- oder Phantasie- und Ernstgefühle
gegenüber. Es ist nicht das gleiche, ob man sich über Ereignisse in der
Phantasiewelt oder über solche in der Wirklichkeit freut oder abhärmt. Es
kehren hier übrigens dieselben Betrachtungen wieder, die bei dem Problem
Wahrnehmung — Vorstellung angestellt wurden. Der ursprüngliche Zustand
ist weder Schein noch Wirklichkeit, sondern einfachhin die Gegebenheit.
Alle Gefühle, die diese Gegebenheiten auslösen, sind echt: der seelische
Schmerz im Traum des Erwachsenen übertrifft, da alle Hemmungen
wegfallen, den im Wachzustand erlebten oft ganz beträchtlich. Das Problem
der Schein- und Ernstgefühle besteht hier also noch nicht. Erst wenn wir
Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden gelernt haben, sind wir fähig,
Scheingefühle zu erleben. Die erkenntnismäßige Grundlage der
Ernstgefühle sind dann echte Beziehungserfassungen, die der Scheingefühle
nur Annahmen. Darum kann auch niemals ein Scheingefühl dem
Ernstgefühl gleichkommen, weil ihm der nur durch eine echte
Sachverhaltserfassung mögliche Anschluß neuer Gefühlsmassen versagt
bleibt. Und doch enthalten die Scheingefühle mehr als die algebraische
Summe der zugrunde liegenden Empfindungskomplexe. Woher dieser
Überschuß? Mit den höheren wie mit den niederen Gefühlen verbinden sich
gewisse Verhaltungsweisen: man senkt den Blick bei Trauer, erhebt das
Haupt bei Freude u. ä. m. Diese Verhaltungsweise lernen wir durch die
Erfahrung kennen und führen sie willkürlich ein, insoweit sie sich nicht rein
assoziativ von selbst einstellt. Diese Verhaltungsweise selbst aber ist
wiederum assoziativ mit Vorstellungen von demselben Gefühlston
verbunden: so oft wir diese oder jene Verhaltungsweise einschlugen,
beschäftigten uns ja fröhliche oder traurige Dinge.
Unter den Verhaltungsweisen, die sich an Lust oder Unlust anschließen, sind viele angeboren,
manche sind sogar eigentliche Instinkte, nur wenige sind anerzogen oder gar von dem Subjekt
absichtlich gewählt. Die Verbindung der Empfindungskomplexgefühle mit angeborenen
Verhaltungsweisen oder Instinkten täuschen nun die Wesensgleichheit gewisser höherer menschlicher
Gefühle mit denen der T i e r e vor: ein Hund scheint sich in gleicher Weise zu freuen und zu fürchten
wie ein Mensch. Und doch dürfen wir ihm nach unserer Sprechweise k e i n e h ö h e r e n
G e f ü h l e zuschreiben. Es fehlt ihm eben die Beziehungserfassung, welche Freude oder Trauer
begründet erscheinen läßt und darum dem Erlebnis neue Gefühlsströme zuleitet. Es ist darum auch
das Gefühlsleben der Tiere höchstwahrscheinlich weniger tief als das der Menschen, wenn schon die
zu Lust und Unlust gehörenden Instinkte sich hemmungsloser und darum auch lebhafter austoben als
beim Menschen. Das Kind nähert sich in dieser Beziehung mehr dem Tiere.

Starke Gefühle, verbunden mit einer Störung des normalen
Vorstellungsverlaufes und begleitet von merklichen körperlichen

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Veränderungen, nennt man A f f e k t e , die passiones der Alten. Der Affekt
setzt mit einem Gefühlsstoß ein, dann wird er zumeist stumm, die
Vorstellungen werden für Augenblicke gehemmt, um dann bei Lust rascher
zu verlaufen und bei Unlust gehemmt zu bleiben. Bei Lustgefühlen ist
sodann ein Steigen, bei Unlust ein Sinken der Pulse zu beobachten. Bei
manchen Affekten steigert sich die Muskelspannung (sthenische Affekte),
so beim Zorn, während sie beim Schreck gehemmt wird (asthenischer
Affekt). Bei sthenischen Affekten erhöht sich nach W u n d t das Volum der
Blutgefäße, die Pulse sind kräftig, die Atmung heftig und unregelmäßig. Im
asthenischen Affekt hingegen erscheint die Atembewegung beschleunigt
und flach, die Pulse herabgesetzt, das Gesamtvolumen der Gefäße
verringert. Einzelne Affekte haben zudem noch ganz charakteristische
Begleiterscheinungen, so die Furcht das Herzklopfen, starker Schreck die
Erschlaffung der Muskeln.
Zweifellos müssen diese organischen Begleiterscheinungen den Affekten ein ganz eigenartiges
Gepräge verleihen. Die J a m e s - L a n g e s c h e T h e o r i e der Affekte ging in ihrer Bewertung
sogar so weit, in ihnen das Wesen dieser Gemütsbewegungen zu sehen: wir weinen nicht, weil wir
traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Diese Theorie schoß in doppelter Hinsicht
über das Ziel hinaus. Zunächst übersah sie die von allen Organempfindungen wesentlich
verschiedenen Gefühlstöne der Lust und Unlust. Sodann beachtete sie nicht das
Begründungsverhältnis, das tatsächlich in jedem Affekt normalerweise vorhanden ist: wir sind uns
dessen bewußt, daß wir wirklich w e g e n des Verlustes traurig oder w e g e n des Gewinnes freudig
sind. Gleichwohl nähert sich unsere Auffassung der Affekte in beiden Rücksichten wieder mehr der
James-Langeschen Theorie. Da wir die unterscheidenden Merkmale der verschiedenen höheren
Gefühle nicht in spezifischen Gefühlsqualitäten, sondern in den sie begleitenden
Bewußtseinsvorgängen suchen, schreiben wir notwendig den organischen Erscheinungen beim Affekt
eine größere Bedeutung zu. Sodann erkennen wir zwar das Begründungsverhältnis des unbefangenen
Bewußtseins an: ich freue mich, weil ich Erfolg habe, aber wir teilen nicht die Ausweitung dieses
Zusammenhanges, die das naive Bewußtsein vornimmt. Dem naiven Menschen erscheint die
gefühlsmäßige Freude oder Trauer ebensosehr als die unmittelbare und notwendige Antwort der
Seele auf die Einsicht in den vorausgehenden Erfolg oder Mißerfolg, wie die Erkenntnis der
Gleichheit oder Ungleichheit die unmittelbare und notwendige Reaktion der Seele ist, wenn ihr zwei
gleiche oder verschiedene Inhalte mit der Aufgabe zu vergleichen gegeben sind. Es braucht aber nur
wenig kritischen Blick, um zu erkennen, daß zwischen den Inhalten „Erfolg“ und „Freude“
ebensowenig ein denknotwendiger Zusammenhang besteht wie zwischen einem Rot und dem mit
ihm kontrastierenden Grün. In der Tat kann ja auch infolge krankhafter Störungen die normalerweise
zu erwartende Gefühlsreaktion bei der Wahrnehmung eines Erfolges oder Mißerfolges ausbleiben.
Die Grundlage zu einer jeden Gefühlsreaktion bildet eben nicht ein logischer, sondern ein
physiologischer Zusammenhang, nämlich der zwischen Empfindung und Empfindungsgefühl.

Den Affekten stellt man die S t i m m u n g e n gegenüber. Während man
unter Affekt einen stärkeren, aber akuten Seelenzustand versteht, denkt man
bei Stimmung an eine mäßigere, aber dauernde Verfassung ähnlicher Art.
Dabei ist dem Affekt der Sachverhalt, um dessentwillen er sich entwickelt

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hat, gegenwärtig, während er der Stimmung wieder entschwunden sein
kann. Zumeist dürfte die Stimmung aus einem Affekt hervorgehen. Die
charakteristischen Organempfindungen pflegen nämlich länger
standzuhalten als die sie hervorrufenden Erkenntnisse, und da sie selbst
zumeist von ähnlichem Gefühlscharakter sind, rücken sie teils immer
wieder, sobald man sie beachtet, das betreffende Gefühl in den Vordergrund
des Bewußtseins, teils führen sie die Erinnerung an den die Stimmung
auslösenden Sachverhalt herbei.
Die L e i d e n s c h a f t e n sind nicht mehr den Gefühlen oder Affekten
beizuzählen. Unter Leidenschaft versteht der Sprachgebrauch vielmehr ein
vorherrschendes Interesse, das stark genug ist, um zu schwierigen,
gelegentlich auch zu wenig überlegten Handlungen anzutreiben.
Das Vorhandensein von G e f ü h l s d i s p o s i t i o n e n zeigt sich darin, daß einzelne Individuen
zu bestimmten Gefühlen mehr hinneigen als andere. Die Ursache hiervon wird an physiologischen
Zuständen liegen. Es läßt sich denken, daß die beiden Funktionsweisen des nervösen Apparates, an
welche Lust bzw. Unlust gebunden ist, nicht bei jedem Individuum gleich gut entwickelt seien.
Sodann können abnorme Körperzustände dauernd eine gewisse Menge einseitig gefühlsbetonter
Empfindungen liefern und somit eine Steigerung der Gefühle in der einen oder der anderen Richtung
veranlassen. So sind Schwindsüchtige mehr zur Heiterkeit, Diabetiker zur Verdrossenheit disponiert.
Endlich dürfen auch die psychischen Dispositionen nicht übersehen werden. Wer sehr viel Leid
erfahren hat, dem stehen mit diesen Erinnerungen ebensoviele Quellen zu Unlustgefühlen zur
Verfügung.

4. G e s e t z m ä ß i g k e i t e n d e s G e f ü h l s l e b e n s

Nach unserer Auffassung sind die höheren Gefühle etwas sehr
Kompliziertes. Man wird darum bei ihnen auch keine einfachen und klar
umschriebenen Gesetze erwarten dürfen. Außerdem werden sich diese
Gesetze häufiger auf den dem Gefühle zugrunde liegenden Sachverhalt als
auf das emotionale Moment beziehen.
Das K o n t r a s t g e s e t z : ein Gefühl wird durch sein Kontrastgefühl
gesteigert. Die Lust am warmen, erleuchteten Zimmer wird gesteigert durch
die Wahrnehmung des unfreundlichen Wetters; die Unlust über solches
Wetter, durch welches man marschieren muß, infolge des Anblickes einer
gemütlichen Wohnung. Man erkennt hier leicht, daß bei solchen Kontrasten
auch ganz neue Sachverhalte erfaßt werden, die dann ihrerseits den
Zuwachs des Lust- oder Unlustgefühles verschulden. — Der F o l g e s a t z :

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eine Reihe von Lust- oder Unlustgefühlen bedeutet nur dann eine merkliche
Steigerung des betreffenden Gefühles, wenn jedesmal ein stärkeres Gefühl
erzeugt wird. Der Satz gilt zweifellos nur im allgemeinen und ist in der
Hauptsache wohl psychologisch durch die Herabsetzung der Bewertung
häufig erscheinender Dinge zu erklären, wenn auch die Abstumpfung gegen
den Gefühlston, die er auch voraussetzt, physiologisch bedingt sein muß.
Noch wenig geklärt sind die G e s e t z e d e r g l e i c h z e i t i g e n Ve r b i n d u n g
m e h r e r e r G e f ü h l e . Gleichartige Gefühle scheinen sich irgendwie zu summieren. Doch nicht
in einfacher algebraischer Weise. Sie behalten stets eine gewisse Selbständigkeit. Ihre Vereinigung ist
um so inniger, je mehr die Erkenntnisgrundlagen miteinander verschmelzen. Das Gefühl wird eben
stärker, je mehr sich unsere Aufmerksamkeit dem Gefühlserreger zuwenden kann, was bei der
Abhängigkeit des Gefühls von seinen Reproduktionsgrundlagen leicht verständlich ist. Die
mannigfachen Reize eines Festmahles kann man nicht alle gleichzeitig in größter Intensität auf sich
einwirken lassen. Darum scheinen die von ihnen erweckten Gefühle eher nebeneinander zu stehen.
Bei einem Ornament hingegen kann Form und Farbe gleichzeitig und fast in vollster Intensität im
Blickpunkt der Beachtung stehen, und darum scheint es ein einheitliches Gefühl hervorzurufen. Aus
demselben Grunde will sich Lust und Unlust aus verschiedenen Quellen nicht recht mischen. Sie
treten vielmehr abwechselnd in den Vordergrund, je nachdem wir dem einen oder dem andern mehr
Beachtung schenken. Dennoch erscheinen sie nicht einfachhin voneinander getrennt, sondern die
Unlust verleidet uns die Freude, und die Lust läßt vermutlich das Leid nicht zur vollen Entwicklung
gelangen. Anders bei den sog. gemischten Gefühlen, wie dem Spannenden, Romantischen,
Tragischen, wo die Unlust eine notwendige Vorbedingung des angenehmen Gefühles ist. Allerdings
darf man hier nicht übersehen, daß diese vorausgehende Unlust eher ein Scheingefühl ist oder doch
wenigstens durch die bestimmte Erwartung des glücklichen Ausganges gemildert wird. Sonst zerfällt
das gemischte Gefühl in zwei gesonderte Phasen, der Unlust und der Lust.

Praktisch bedeutsam ist die z e i t l i c h e u n d g e g e n s t ä n d l i c h e
Ve r s c h i e b u n g d e s G e f ü h l e s . Zeitlich verschiebt sich das Gefühl, indem es
einer Erinnerungsvorstellung vorauszueilen scheint. Genauere Beobachtung
und der Vergleich mit erstmaligen Wahrnehmungen, die Gefühle wecken,
noch ehe sie selbst zur klaren Entfaltung gelangt sind, lehrt indes, daß diese
Verschiebung nur eine scheinbare ist. Es genügt aber eine gerade
überschwellige Reproduktion, damit schon ein merkliches Gefühl verspürt
werde. Dieses lenkt nun sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch dann
häufig die angefangene Reproduktion wieder versagt und das Gefühl als ein
völlig unbegründetes erscheinen läßt. Die gegenständliche Verschiebung ist
unter dem Namen der Gefühlsübertragung oder der Irradiation des
Gefühlstones bekannt und schon bei den elementaren Gefühlen besprochen
worden (S. 141 f.).
Ebenso stimmt es zu unseren theoretischen Anschauungen sehr wohl,
daß sich ein eigentliches G e f ü h l s g e d ä c h t n i s nicht nachweisen läßt. Ein
Gefühlserlebnis ist immer nur durch die Vergegenwärtigung seiner

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erkenntnismäßigen Grundlage zu erneuern. Dabei werden
bezeichnenderweise die einfacheren Gefühle schwerer reproduziert als die
zusammengesetzten: die Vergegenwärtigung der Lust an einer Speise ist
weit schwächer als die an einer Melodie oder an einem Erfolg. Die Lust an
einem Sinneseindruck gründet sich nämlich einzig auf diesen isolierten
Reiz, und dieser ist bekanntlich nicht mehr in gleicher Stärke zu
reproduzieren. Die Lust an einem Erfolg hingegen ist in der Hauptsache
eine Beziehungslust, die schon beim ersten Erleben nicht aus dem
unmittelbaren Sinneseindruck, sondern reproduktiv aus den
Gefühlsvorräten geschöpft wurde. Diese sind aber heute noch ebenso
reichhaltig wie beim ersten Erleben.

5. D i e B e z i e h u n g e n d e s G e f ü h l s z u a n d e r n F u n k t i o n e n

Gefühle schaffen Werte, sobald sie sich mit einem Gegenstand
verbinden, mag diese Verbindung eine ursprüngliche oder durch
Gefühlsübertragung entstandene sein. Dementsprechend beeinflussen sie
auch alle Werturteile, d. h. sie begründen W e r t u r t e i l e . Ebenso unmittelbar
ist ihr Einfluß auf das Streben, das ja stets auf einen Wert gerichtet ist.
Wenig geklärt ist jedoch ihre Bedeutung für die Entstehung eines
Entschlusses oder einer W i l l e n s h a n d l u n g , wenn die Gefühle sich nicht mit
dem Ziel des Strebens verbinden, sondern gewissermaßen das Milieu sind,
in dem die Willenshandlung geboren wird. Erregende Gefühle, Unlust
ebensowohl wie Lust, scheinen zum Entschluß und zur Handlung
anzutreiben, niederdrückende scheinen sie zu hemmen.
Deutlich ist die Einwirkung der Gefühle auf die Vo r s t e l l u n g e n .
Lustgefühle vermehren den Reichtum an Vorstellungen, Unlustgefühle
erschweren die Vorstellungsreproduktion, vermutlich deshalb, weil Lust die
Blutzufuhr nach dem Gehirn steigert, Unlust sie herabsetzt. Die Gefühle
wirken sodann stark konstellierend, d. h. sie bestimmen die Auswahl der
Vorstellungen. Ein Affekt läßt nur solche Vorstellungen aufkommen, die
ihm entsprechen: ein Unglück weckt traurige, ein Glücksfall fröhliche
Erinnerungen. Das erklärt sich teils aus der assoziativen Verbindung,
welche Vorstellungskomplexe gleicher Gefühlsbetonung eingehen, teils aus
den gleichartigen Affekten gemeinsamen Organempfindungen, die
ihrerseits wieder zu Reproduktionsmotiven der früheren Erlebnisse werden,

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teils daraus, daß uns in einem Affekt Erinnerungen bzw. Vorstellungen von
andersartigem Gefühlston unwillkommen sind und darum schon auf der
Schwelle unterdrückt werden.
Sodann sind die Gefühle bedeutungsvoll für die E r i n n e r u n g .
Erlebnisse, die gefühlsbetont sind, haben, wie experimentelle
Untersuchungen lehrten, größere Erinnerungsfestigkeit als indifferente,
vielleicht weil sie größere Aufmerksamkeit fanden, vielleicht weil man sich
willkürlich mehr mit ihnen beschäftigte. Dabei werden lustbetonte häufiger
erinnert als unlustbetonte (Erinnerungsoptimismus), wohl darum, weil wir
uns willkürlich von der aufsteigenden Erinnerung unlustvoller Erlebnisse
abwenden. Nur wenn das unliebsame Geschehnis von sehr großer
Bedeutung für den Erlebenden war, verschafft es sich eine bevorzugte Stelle
unter den Erinnerungen.

Literatur
Th. R i b o t , Psychologie der Gefühle. 1903.
G. S t ö r r i n g , Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 1916.
A. M o s s o , Die Furcht. 1899.

[9] Die besonderen Formen der Zusammensetzung dieser Inhalte berücksichtigt
die phänomenologische Einteilung S c h e l e r s , der sinnliche Gefühle,
Lebensgefühle (Gefahr), seelische Gefühle (Freude) und geistige Gefühle
(Seligkeit) unterscheidet. Vgl. Der Formalismus in der Ethik und die materiale
Wertethik.

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DRITTER ABSCHNITT
Das Willensleben

1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes

Während ein Akt der absoluten Wahrnehmung keinerlei Vorbereitung im
Bewußtsein voraussetzt, sondern theoretisch wenigstens ein erster
Bewußtseinsvorgang sein kann, ist ein Willensakt nicht denkbar, der nicht
ein gewisses Vorspiel in der Seele hätte. Von den Inhalten nun, die einem
Willensakt vorausgehen, scheinen einige in nur zufälliger, andere in
notwendiger Verbindung mit ihm zu stehen. Man nannte letztere die Motive
des Wollens.

1. D a s W e s e n d e s M o t i v e s

Die wenigen Forscher, die den Motivationsvorgängen experimentell
beizukommen suchten, konnten sich noch nicht auf eine
Begriffsbestimmung des Motivs einigen. Sie zählten darunter sowohl
verstandesmäßige Beweggründe, wie unwillkürliche Strebungen, Gefühle
und Bewegungsvorgänge. Vergleicht man jedoch die von ihnen als Motive
bezeichneten Erlebnisse miteinander, so stellt sich heraus, daß man die
Vorbedingungen der äußeren Willensh a n d l u n g , in der sich der Willensakt
kundgab, mit denen des inneren Willensa k t e s verwechselte und dabei die
Wirkursachen reproduktiver Vorgänge nicht von den Beweggründen des
Entschlusses unterschied. Führt man diese Unterscheidung durch, so ergibt
sich ein einheitlicher Begriff des Motives: M o t i v d e s W i l l e n s a k t e s i s t
alles, was sich der Seele als ein durch den Willensakt zu
v e r w i r k l i c h e n d e r W e r t v o r s t e l l t . Dabei verstehen wir unter Wert alles,
was für das betreffende Individuum vorteilhaft ist.
Diese Art Motive sind nun von verschiedener Gestaltung. Die niederste
Stufe von ihnen wird durch einfache Sinneseindrücke oder richtiger durch
einfachste, sinnlich wahrnehmbare Gegenstände gebildet. Sie müssen aber

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lustbetont sein, damit ihr Besitz als ein Vorteil für das Subjekt erscheinen
kann. Auf dieser Stufe ist das niedere Gefühl ausschlaggebend. Nicht als ob
das Gefühl als solches erstrebt würde, erstrebt wird immer nur der
gefühlsbetonte Gegenstand; aber würde dieser Gegenstand nicht ein
Lustgefühl wecken, wäre er nicht tatsächlich ein „Bringer der Lust“, so
hätten seine übrigen Eigenschaften keine Anziehungskraft. Andere
Gegenstände erwecken nicht unmittelbar als solche ein merkliches Gefühl,
und nur verstandesmäßig und mit einer gewissen Nüchternheit werden sie
als vorteilhafte Dinge erkannt. Allein entgegen den früheren Ansichten
reicht diese kühle Einsicht hin, das Verlangen nach ihnen auszulösen. So
erkennt man das Studium als eine dem Individuum zuträgliche Sache und
wendet sich ihm zu, auch wenn kein erkennbares Lustgefühl uns diese
Arbeit angenehm macht. Ebensowenig wie ein Gefühl ist eine besondere
Anschaulichkeit der Motivwerte erforderlich; auch ganz abstrakt erfaßte
Vorteile können entschiedene Willensentschlüsse hervorrufen.

2. E i n t e i l u n g d e r M o t i v e

Als n i e d e r e oder elementare Motive können wir solche bezeichnen, deren ganzer Wert in dem
unmittelbar von ihnen erregten Lustgefühl beruht. H ö h e r e Motive hingegen sind diejenigen, deren
Wert erst durch eine Beziehungserfassung erkennbar ist. Diese psychologische Einteilung deckt sich
natürlich nicht mit einer gleichlautenden aus der Ethik oder der Wertlehre: ein psychologisch hoher
Wert kann ein ethischer Unwert sein.
I n n e r e Motive sind solche, die dem Willensziel selbst entnommen sind, etwa die Schönheit
oder die Nützlichkeit der Ordnung, falls diese der Gegenstand des Entschlusses ist. Ä u ß e r e
Motive wären in diesem Falle die Rücksicht auf andere Menschen, der Wunsch, seiner bisherigen
Gewohnheit zur Ordnung nicht untreu zu werden, oder auch ein rein subjektives Verlangen, eine Art
Laune, jetzt einmal sich für die Ordnung zu entscheiden. Die bisher besprochenen Motive werden
von positiven Werten gebildet. Ein negativer Wert, ein Unwert hat keine Anziehungskraft. Es muß
aber vorerst die Frage noch offen bleiben, ob ein negativer Wert ein Motiv für ein negatives Streben
bilden kann. Die experimentellen Forschungen reichen noch nicht hin, die Tatsächlichkeit eines
besonderen negativen Strebens zu beweisen. Es könnte sein, daß die Flucht vor einem Unwert
psychologisch derselbe Vorgang wäre wie das positive Streben, dessen Richtung nur in unserer
Auffassung doppelt gekennzeichnet wäre, nämlich durch den Ausgangspunkt und durch den
Zielpunkt. Dann würde auch der zu meidende Unwert nicht als solcher willensbestimmend wirken,
sondern das Gut, der Vorteil, der in dieser Flucht vor dem Unwert enthalten ist.

3. Vo r b e d i n g u n g e n f ü r d i e W i r k s a m k e i t v o n M o t i v e n

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Als allgemeinste Vorbedingung ist das Bewußtwerden der Motive zu nennen. Werte, Vorteile sind
keine Wirkursachen, die sich geltend machen können, ohne selbst bewußt zu sein, wie das bei den
Reproduktionstendenzen der Fall ist. Diese gehören zu dem Mechanismus unseres geistigen Lebens,
sie wirken ohne selbst erkannt zu sein. In der Motivation hingegen treten die Inhalte vor die Seele.
Sie gehören also in eine ganz andere Gattung der seelischen Kräfte. Darum kann es streng genommen
keine unbewußten Motive geben. Doch kann der Wert oder Unwert in sehr verschiedener Weise
bewußt werden: Er wird z. B. vorstellungsmäßig im voraus verkostet, oder der Gedanke an ihn weckt
ein Gefühl, und dieses bleibt als Motiv stehen, während der Gedanke schwindet. Sehr häufig ist uns
jedoch ohne besondere Gefühle mehr oder weniger die Bedeutung des Zieles gedanklich
gegenwärtig; Gedanken, die freilich um so abstrakter werden, je häufiger sie wiederkehren. Bedenkt
man nun, daß uns verschiedene Seiten eines Wertes oder Unwertes gleichzeitig, und zwar auf
verschiedene Weise gegeben sein können, daß sich ferner diese gleichzeitigen Werterlebnisse häufig
auf verschiedenen Bewußtseinsstufen befinden, so versteht man die bisweilen festzustellende
Unklarheit über die eigenen Ziele und die „Lüge des Bewußtseins“, d. h. die Täuschungen über die
wirklich ausschlaggebenden Motive unseres Handelns.
Weitere interessante Einzelheiten über die Erschließung eines Wertes ergeben die
Untersuchungen von M i c h o t t e und P r ü m .
So ist es nicht gleichgültig, in welcher Reihenfolge mehrere werthaltige Gegenstände vorgelegt
werden, wenn es sich darum handelt, zwischen ihnen eine Wahl zu treffen. Und auch die Art und
Weise der Wertprüfung ist von Bedeutung. Sie kann nämlich entweder analytisch zergliedern oder
mehr großzügig aufs Ganze gehen. Trägt der zu prüfende Gegenstand seinen Wert ziemlich offen zur
Schau, so ist es im allgemeinen günstig, ihn an erster Stelle vorzulegen. Man entscheidet sich dann
leicht für ihn ohne eingehendere Prüfung. Will man dagegen, daß der Wählende sich für einen
Gegenstand von nicht offenkundigem Wert entschließe, so ist es ratsam, ihm zunächst einen anderen
mit offenkundigen Mängeln vorzuhalten. Er wird dann in der Regel diesen ersten nach einer
oberflächlichen Besichtigung ablehnen, den zweiten hingegen einer ins einzelne gehenden Prüfung
unterwerfen, bei der sich dann der Wert des zweiten deutlicher herausstellt.
Eine andere Vorbedingung für das Wirksamwerden der Motive ist die Erreichung einer
entsprechenden K r a f t . Soweit unser jetziges Wissen reicht, kann man nicht behaupten, daß
angesichts einer bestimmten Werthöhe notwendig ein Willensakt ausgelöst werde, aber daß nicht
jedes Motiv stark genug ist, unter allen Umständen uns zu einem bestimmten Entschluß zu
vermögen, das offenbarte sich auch schon in den Wahlversuchen. In solchen Fällen hilft dann die
gegenseitige Verstärkung der Motive über den toten Punkt hinweg. Die Vereinigung mehrerer Motive
kann nämlich einen Gesamtwert ergeben, angesichts dessen der Entschluß zustande kommt. Dabei
gewinnen die äußeren Motive ihre hervorragende Bedeutung. So namentlich die Rücksicht auf die
bisherige Gewöhnung. Damit eröffnet sich ein doppelter Weg zur Beeinflussung des Willens: ein
direkter durch unmittelbares Vorhalten der Motive und ein indirekter durch die Gewöhnung, der dann
ein äußeres Motiv entnommen werden kann, nämlich die Gleichförmigkeit des eigenen Handelns.

Page 232

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. D i e d e t e r m i n i e r e n d e n Te n d e n z e n

Das Wesen des Willensaktes wurde schon oben bei Darstellung der
elementaren Funktionen besprochen. Während nun die anderen seelischen
Elemente sich zu höheren Leistungen komplizieren können, scheint der
Willensakt als solcher stets der gleiche zu bleiben. Eine besondere
Ausgestaltung scheinen nur die Objekte des Wollens zu erfahren. Wir
wenden uns darum gleich den Wirkungen des Willensaktes zu.
In den verschiedenartigsten Reaktionsversuchen hatte es sich immer
deutlicher herausgestellt, daß der Verlauf des ganzen Erlebnisses in
eigenartiger Abhängigkeit stand von der A u f g a b e , welche die Vp
übernahm. Am auffälligsten wurde das in hypnotischen Versuchen. Da
erhält z. B. die Vp die Aufgabe, die ihr nach der Hypnose vorzulegenden
Zahlen zu multiplizieren. Aufgeweckt, erblickt sie das Zahlenpaar 5/7 und
spricht augenblicklich die Zahl 35 aus, ohne im geringsten angeben zu
können, was sie zum Aussprechen dieser Zahl veranlaßt hat. A c h wollte
diesem Vorgang durch die Aufstellung der determinierenden Tendenzen (im
folgenden det. T.) gerecht werden. Der in der Übernahme einer Aufgabe
liegende Willensakt erzeugt die det. T. zur Ausführung dieser Aufgabe.
Diese Tendenzen sind nach A c h weder mit den assoziativen noch mit den
perseverierenden Reproduktionstendenzen gleichzusetzen, sondern stellen
eine ganz neue Art von Tendenzen dar. Sie wirken im Unbewußten und
ziehen ein spontanes Auftreten der determinierten (d. h. von der Aufgabe
verlangten) Vorstellung nach sich. Nach A c h s Vorgang stellte später K o f f k a
eine ganze Reihe von det. T. auf, darunter auch solche, die nicht von einem
Willensakte, sondern von einem Gedanken ausgehen sollten.
Zweifellos haben A c h und die ihm nahestehenden Forscher eine wichtige Tatsache mit dem
Namen der det. T. gekennzeichnet. Die Zielstrebigkeit, die in unserem Denk- und Handlungsverlauf
herrscht, sobald ein bestimmter Willensentschluß gefaßt worden ist, ist derart, daß man nicht recht
glauben mag, sie könne durch die konstellierende Kraft einer Obervorstellung (L i e p m a n n )
bewirkt werden. Es muß eine ordnende Kraft in den Ausführungen unserer Entschlüsse herrschen. Es
ist aber nicht erwiesen, daß dies eine neuartige, von der Zielvorstellung ausgehende Tendenz sei.
Denn die Leistungen, die insbesondere dieser Tendenz zugeschrieben werden, lassen sich auch durch
die bekannten Reproduktionstendenzen verständlich machen. Die Aufgabe bildet nämlich als

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antizipierendes Schema (S. 173) ein Reproduktionsmotiv für das Erscheinen der determinierten
Vorstellungen, und die oft unvermittelt und ohne Erinnerung an die Aufgabe erscheinende richtige
Lösung findet ihre Parallele bei offenkundigen Reproduktionsvorgängen, die keiner Aufgabe
entsprungen sind.

Anderseits ist die Willkürhandlung doch nicht rein assoziativ bedingt.
Sie müßte sonst ebenso leicht entgleisen wie ausschließlich assoziativ
geleitete Reproduktionen. Den „Einfällen“, die uns die Assoziationen
liefern, ist es ja charakteristisch, daß sie sehr wenig vom Sinn beherrscht
sind und „vom Hundertsten ins Tausendste“ führen. Vor allem aber muß
dem in den Willensexperimenten beobachteten Erlebnis des „ich will“ seine
Stelle und Bedeutung in dem ganzen Vorgang werden. Wir müssen uns da
freilich noch mit Hypothesen begnügen und denken uns den einfachen
Willensvorgang folgendermaßen. Die Vp habe sich in der Vorperiode dazu
entschlossen, beim Erscheinen eines bestimmten Reizes den
niedergedrückten Taster loszulassen. Der Reiz erscheint, die Vp erkennt ihn
als das vereinbarte Zeichen und erblickt angesichts der Gesamtlage in dem
Loslassen des Tasters ein zu wollendes Ziel. Jetzt erfolge der eigentliche
Willensakt: die Vp will das Loslassen. Nehmen wir nun an, der Vp sei dabei
neben anderen Vorstellungen auch die zum Loslassen des Tasters
erforderliche Bewegungsvorstellung gegenwärtig, so ist zu erklären, warum
von den verschiedenen ihr gegenwärtigen Vorstellungen nur diejenige zum
Ausgangspunkt einer Reproduktion wird, die sich auf das Loslassen des
Tasters bezieht. Der Assoziationspsychologe behauptet hier: der
aufgetauchte Reiz reproduziert den in der Vorperiode gefaßten Vorsatz und
damit die Vorstellung des Loslassens, und so wird diese verstärkt und vor
allen anderen zum Reproduktionsmotiv. Wir bestreiten nun durchaus nicht,
daß ein solcher assoziativ bedingter Vorgang stattfindet und in gewissen
Fällen sogar die Bewegung herbeiführen kann. Aber das gilt doch nur für
jene Fälle, wo die Zielvorstellung auf diese Weise hinreichend intensiv
gemacht werden kann. Es erklärt aber nicht die Zielstrebigkeit unserer
Vorstellungen und Bewegungen, wie sie sich etwa auf einem Geschäftsgang
mitten durch die lebhaftesten Eindrücke einer Großstadt, und zwar bei
nahezu völligem Zurücktreten des Zielgedankens, zeigt. Ferner wird so
nicht verständlich, warum alle unsere Willenshandlungen von einer
B e d e u t u n g beherrscht sind, und endlich wäre der tatsächlich vorhandene
Willensakt in dieser Auffassung höchst überflüssig. Wir nehmen darum an,
das „ich will loslassen“ sei eine Hinwendung zu der Bewegungsvorstellung
und verstärke durch diese Hinwendung unmittelbar diese Vorstellung, so

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daß sie zu einem wirksamen Reproduktionsmotiv für die weiterhin
notwendigen Bewegungsvorstellungen werden kann. Die gleiche Leistung,
die unter anderen Bedingungen die assoziative Konstellation vollbringt,
schreiben wir also dem Willensakt zu. Wir stützen uns für diese Annahme
auf eine Reihe von Beobachtungen (von S t u m p f , G. E. M ü l l e r u. a.), nach
denen die willkürliche Beachtung einer Empfindung oder Vorstellung diese
verstärkt.
Bei z u s a m m e n g e s e t z t e n W i l l e n s h a n d l u n g e n wird der Beginn auf die nämliche
Weise von statten gehen. Ist dann eine gewisse Reihe von Vorstellungen abgelaufen, so stockt die
Willenshandlung. Rein reproduktiv taucht nun wieder die Aufgabe bzw. der Vorsatz auf und
reproduziert dadurch eine weitere Reihe von Vorstellungen, denen gegenüber sich der Willensakt wie
bei der einfachen Willenshandlung wiederholt. Geschieht dies nicht oder wird die Zielvorstellung
nicht aufs neue lebendig, so kommt es zu den merkwürdigen, rein assoziativ bedingten
Fehlhandlungen, oder man fragt sich verwundert: Was wollte ich doch? Ein Akt des Besinnens leitet
dann zur alten Fährte zurück. Der Wille verhütet also, daß unsere Handlungen nicht einzig von der
zufälligen Intensität der Vorstellungen abhängen. Er befreit uns darum aus dem Banne der
Assoziationen. Er sorgt auch dafür, daß unsere Willenshandlungen nicht beständigen Stockungen
unterliegen, wie das Aufsagen eines schlecht gelernten Gedichtes. Das Perseverieren der Aufgabe
oder ihre öftere Zurückführung ins Bewußtsein ermöglicht uns sodann, durch einen Vergleich unserer
Handlungsweise mit dem vorgesteckten Ziele deren Richtigkeit zu kontrollieren.

2. D a s G e s e t z d e r s p e z i e l l e n D e t e r m i n a t i o n

War den Vpn A c h s die Aufgabe gestellt, mit einer beliebigen Silbe zu
reagieren, so benötigten sie dazu in der Regel mehr Zeit, als wenn sie eine
Silbe auszusprechen hatten, die noch gewissen Bedingungen genügen
mußte; auf die dargebotene sinnlose Silbe mit einer Reimsilbe zu
antworten, war leichter, als irgendeine sinnlose Silbe auszusprechen. A c h
faßte diese Tatsachen in dem Gesetz der speziellen Determination
zusammen: Je spezieller die Determination, desto rascher und sicherer wird
die Verwirklichung erreicht.
Gegen dieses Gesetz hat man den einleuchtenden Einwand erhoben: es ist zweifellos leichter,
irgendeine Stadt Deutschlands zu nennen, als eine Stadt mit 85300 Einwohnern. Anderseits schien
sich die Beobachtung A c h s bei den verschiedensten Versuchen immer wieder zu bestätigen. Eine
genauere Betrachtung der betreffenden Versuchserlebnisse dürfte indes Klarheit schaffen. Da A c h in
den det. T. eigenartige Vorgänge erblickte, trug er kein Bedenken, so verschiedene Tätigkeiten, wie
das Aussprechen irgendeiner sinnlosen Silbe und das Reimen zu einer schon gegebenen Silbe,
unmittelbar miteinander zu vergleichen. Wir erkennen die Eigenart der det. T. nicht an, müssen
darum auf die verschiedenen Erlebnisse selbst eingehen. Da finden wir nun, daß die genannten zwei
Reaktionsweisen sehr verschiedene Erlebnisse sind: in dem einen Falle ist reproduktiv eine ganze
Silbe herbeizuschaffen, in dem andern braucht nur ein einziger Konsonant gefunden zu werden, der,

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als Anfangskonsonant in die schon gebotene sinnlose Silbe eingesetzt, unmittelbar die geforderte
Reimsilbe liefert. Es ist somit nicht zu verwundern, wenn diese speziellere Aufgabe rascher und
sicherer gelöst wird als die allgemeinere, mit irgendeiner Silbe zu antworten. Es können also nur
gleichartige Aufgaben miteinander verglichen werden, etwa die Aufgabe zu reproduzieren. Hier
bewährt sich nun das Achsche Gesetz sehr deutlich, während anderseits der obige Einwand in voller
Kraft bestehen bleibt. Beide Umstände lassen sich nun folgendermaßen in Einklang bringen, und
zwar ohne Verwertung von det. Tendenzen. Jede Aufgabe kann als antizipierendes Schema für einen
geforderten Reproduktionsprozeß gelten, muß ja doch wenigstens eine bestimmte Verhaltungsweise
reproduziert werden. Je spezieller nun eine Aufgabe ist, um so reichhaltiger ist das antizipierende
Schema, ein um so wirksameres Reproduktionsmotiv gewährt es für die Ausführung der Aufgabe.
Allerdings stellt auch jene besondere Seite der Aufgabe eine Bedingung, der die Lösung genügen
muß, und diese Bedingungen sind nicht immer gleich leicht zu erfüllen.

Berücksichtigt man alle diese Umstände, so läßt sich das Gesetz der
speziellen Determination folgendermaßen aussprechen: Die spezielle
Determination wird schneller und sicherer verwirklicht, insofern sie
induktionskräftige, konvergierende Reproduktionsmotive bietet und nicht
geläufigere Reproduktionen ausschließt. Es ist also im Grunde ein
Reproduktionsgesetz, nicht ein Willensgesetz. Da es aber namentlich für die
Willensleitung von besonderem Werte ist, findet es in dem Kapitel über den
Willen eine passende Stelle.

3. D i e M e s s u n g d e r W i l l e n s k r a f t . D a s a s s o z i a t i v e Ä q u i v a l e n t

A c h hatte den fruchtbaren Gedanken, der Verwirklichung einer Absicht
Hindernisse in den Weg zu legen und an der Überwindung dieser
Hindernisse die Willenskraft zu messen. Hat eine Vp ein Paar sinnloser
Silben fest eingeprägt, so geht von der ersten der erlernten Silben eine
starke Reproduktionstendenz zur zweiten. So oft die Vp die erste Silbe hört
oder ausspricht, ist sie versucht, auch die zweite auszusprechen. Hat sie nun
die Aufgabe übernommen, auf die zugerufene Silbe mit einem Reim oder
mit einer gänzlich neuen Silbe zu antworten, so werden, meinte A c h , zwei
Tendenzen miteinander in Widerstreit geraten. Die Reproduktionstendenz
sucht die hinzugelernte Silbe herbeizuführen, die aus der Aufgabe
stammende det. Tendenz hingegen sucht die Lösung der Aufgabe zu
bewirken. Die stärkere Tendenz von beiden wird siegen. Da man nun die
Reproduktionstendenz durch Häufung der Wiederholungen des
einzuprägenden Silbenpaares in beliebiger Stärke herstellen kann, so wird
sich ein Stärkegrad schaffen lassen, demgegenüber auch das energischste
Wollen versagt und die Aufgabe durch die obsiegende Reproduktion

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vereitelt wird: das assoziative Äquivalent der Determination bzw. der
Willenskraft ist erreicht, ein Maß für die Willenskraft ist somit gefunden. —
Der überaus einleuchtende Gedankengang A c h s schien durch die
Ergebnisse der Versuche bestätigt zu werden: in der Regel ließ sich durch
die Verstärkung der Assoziation eine so kräftige Reproduktionstendenz
erzeugen, daß der redlichste Vorsatz der Vpn an ihr zuschanden ward. Nur
einige wenige Vpn verstanden es, trotz stärkster Reproduktionstendenzen
ihren Willen durchzusetzen, und zwar merkwürdigerweise ohne besonders
energische Willensanstrengung.
Konnten wir schon die A c h sche Voraussetzung zur Messung der
Willensstärke, nämlich die Eigenart der det. Tendenz, nicht anerkennen, so
muß der zuletzt erwähnte Umstand uns erst recht skeptisch machen. Prüft
man darum das Verhalten der Vpn näher, so ergibt sich, daß man es in
beiden Fällen mit einem ganz verschiedenen Benehmen zu tun hat: die Vpn,
bei denen das assoziative Äquivalent erreicht wird, fassen in der Vorperiode
des Versuches ihren Vorsatz, bemühen sich dann aber nicht, ihn im
Bewußtsein zu halten, sondern überlassen sich dann ganz dem Eindruck der
Versuchssituation und den von ihr geweckten Reproduktionstendenzen;
andere hingegen halten ihren Entschluß, wenn auch noch so schwach,
bewußt und können darum die auftauchenden Reproduktionstendenzen
leicht unterdrücken. Wie neuere Untersuchungen (L e w i n , S i g m a r ) gelehrt
haben, kommen diese Reproduktionstendenzen trotz des Vorsatzes
überhaupt nicht auf, wenn es gelingt, die Vp abzulenken. Es mißt also das
assoziative Äquivalent gar nicht die Willenskraft, sondern höchstens das
Stärkeverhältnis zweier Reproduktionstendenzen, nämlich der von der
Einprägung bedingten und der von dem Vorsatz in derselben assoziativen
Weise grundgelegten Reproduktionstendenz.
S e l z hat den Versuchen A c h s gegenüber gemeint, die Willenskraft sei überhaupt auf einem
ganz anderen Gebiet zu erproben als auf dem der Ausführung eines Vorsatzes: die erstmalige Setzung
eines Entschlusses sei der Ort, wo sich die Willenskraft bewähre. In der Tat scheint es einen stärkeren
Willen zu erfordern, sich zu einer Arbeit oder gar zu einem Leiden zu entschließen, als zu einem
Vergnügen. Der erste Eindruck spricht allerdings dafür, daß in jenen Fällen eine größere
Willensintensität wirksam werde. Sieht man aber genauer zu, so rührt dieser Eindruck zum Teil
daher, daß man bei der Übernahme unlustvoller Dinge gern äußere Ausdrucksbewegungen von
größerer Intensität zuhilfe nimmt, wie krampfhafte Muskelbewegungen. Sie können gewiß den
inneren Willensakt nicht zu einem intensiveren gestalten und werden auch von rechten Künstlern des
Wollens lieber vermieden. Zum andern Teil rührt der Eindruck daher, daß nach dem einmaligen
Entschluß zum Opfer sich die unangenehme Seite immer wieder von neuem aufdrängt und zur
Zurücknahme des Entschlusses bewegen möchte, wie man sich auch umgekehrt einen solchen
Entschluß erleichtern kann, wenn man den Blick unverwandt auf den für das Opfer sprechenden

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Beweggrund richtet. Auf jeden Fall läßt sich auf die besagte Weise ein gewaltsamer Willensakt
umgehen. Versuche des Verfassers über den Entschluß zum Unliebsamen sprechen entschieden gegen
das Vorhandensein und die Bedeutung intensiver Willensakte. Unser Wollen scheint somit nicht
einem kräftigen Hammerschlag, sondern einer sicheren Weichenstellung oder einer Einschaltung
eines Kontaktes vergleichbar zu sein, wozu auch keine besondere Kraft benötigt wird. Die gesamte
Willensstärke dürfte in der Bereitstellung kräftiger Beweggründe und in einer geschickten Lenkung
der Aufmerksamkeit beruhen. Damit lassen sich manche Tatsachen befriedigend erklären. So der
Umstand, daß die Willensstärke keinem Alter oder Geschlecht allein vorbehalten bleibt, oder die
andere, daß Menschen, die auf einem Gebiet sehr willensstark sind, auf anderen völlig versagen:
nicht die vorhandene oder mangelnde Willensstärke, sondern die bereitstehenden oder fehlenden
Motive geben den Schlüssel zum Verständnis solch widerspruchsvollen Verhaltens.

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3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes

1. D i e ä u ß e r e W i l l e n s h a n d l u n g

Es war ein dornenvolles Problem für die Assoziationspsychologie, wie
auf den in Vorstellungen oder Gefühle aufgelösten Willensakt die
erwünschte äußere Bewegung folgen könnte. Da verrieten experimentelle
Untersuchungen, daß man kaum einen anschaulichen Gegenstand oder gar
eine Bewegung vorstellen könne, ohne völlig unbewußte Bewegungen
auszuführen, die dem vorgestellten Objekt entsprechen. Man stellte also den
Satz auf: jede Vorstellung hat die Tendenz, eine Bewegung hervorzurufen
oder gar das von ihr gemeinte Objekt zu verwirklichen. Das Problem wäre
dann nicht darin zu suchen, daß auf die Zielvorstellung eine Bewegung
folgt, sondern eher darin, warum nicht auf jede Vorstellung hin eine
Bewegung eintritt. Indes setzen alle Fälle einer durch eine Vorstellung
ausgelösten (ideomotorischen) Bewegung schon eine Übung in dieser
Bewegung voraus. Nur wenn eine Vorstellung häufig von einer Bewegung
gefolgt war, hat sie die Tendenz, eine solche wieder hervorzurufen. Es ist
das somit nur ein Sonderfall des allgemeinen Assoziationsgesetzes. Man
käme auch von diesem Standpunkt aus zu den merkwürdigsten
Folgerungen: Zunächst würde der tatsächlich vorhandene Willensakt
gänzlich bedeutungslos. Sodann müßte die innere Verbindung zwischen
Vorstellung und Handlung erklärt werden. Man hat dies durch eine
Ähnlichkeitsassoziation zu erreichen versucht. Aber worin soll die
Ähnlichkeit beider bestehen? Gewiß nicht in ihrer psychologischen Natur;
denn die Vorstellung einer Bewegung ist etwas ganz anderes als die
Bewegung selbst. Es bleibt also nur eine Ähnlichkeit zwischen dem Inhalt,
der Bedeutung der Vorstellung und der Handlung. Allein ganz abgesehen
davon, daß das Gesetz der Ähnlichkeitsassoziation so nicht zu verstehen ist,
erwächst so die neue Schwierigkeit, warum denn nicht jegliche Bedeutung
zur Verwirklichung dieser Bedeutung führt, warum insbesondere gewisse
einfachste Bewegungen auch beim entschiedensten Willen und bei
unversehrtem Bewegungsapparat nicht zu verwirklichen sind, man denke an
die willkürliche Bewegung der Ohren. Hier bliebe nur die Annahme einer
zuvor angelegten Verbindung zwischen Vorstellungen und Bewegungen

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möglich, womit dann freilich die wissenschaftliche Erklärung ihr Ende
erreicht hätte. Allerdings die eben genannte Tatsache, daß viele Menschen
gewisse Bewegungen, zu denen sie an sich befähigt sind, trotz besten
Willens nicht auszuführen vermögen, beweist anderseits, daß die
Willenshandlung mit dem bloßen Hinweis auf die bestehende
Willensabsicht nicht erklärbar ist.
Vor jedem Erklärungsversuch wird es sich empfehlen, eine Übersicht über d i e
v e r s c h i e d e n e n A r t e n d e r B e w e g u n g e n zu geben, die zu unserem Seelenleben in
Beziehung stehen. Zunächst sind die R e f l e x b e w e g u n g e n zu berücksichtigen. Einige von
diesen, wie die Verdauungs- und Herzbewegungen, vollziehen sich ganz unabhängig von unserem
Bewußtsein. Wir bemerken sie höchstens, wenn sie krankhaft gestört sind. Andere
Reflexbewegungen, wie das Niesen, der unwillkürliche Lidschluß, treten erst dann ein, wenn ein
entsprechender Reiz gewisse Empfindungen auslöst. Dennoch ist die Reflexbewegung in ihrem
Eintritt in der Regel von unserem Willen ganz unabhängig; höchstens können wir einzelne von ihnen
indirekt durch Einführung oder Beachtung anderer Reize hemmen. Alle Reflexbewegungen sind
angeboren. Schon beim kleinen Kind sind sie zu beobachten: bei Lichteinfall schließen sich
krampfhaft die Augenlider, bei Berührung des Handtellers ballt sich die Faust, süße Geschmacksreize
rufen Schlucken, bittere das Öffnen des Mundes oder gar das Ausstoßen der Reize hervor. Über den
Reflexbewegungen stehen die I n s t i n k t b e w e g u n g e n . Darunter „versteht man komplizierte
Bewegungen, die von Anfang an, d. i. ohne vorausgehende Übung, wohlgeordnet ausgeführt werden
und in hohem Grade den Stempel der objektiven Zweckmäßigkeit an sich tragen“ (B ü h l e r ). Solche
Instinktbewegungen sind uns aus dem Leben der Tiere sehr wohl bekannt: der Nestbau der Tiere, ihre
Verteidigungskünste u. ä. Auch der Mensch verfügt über Instinktbewegungen, doch sind sie bei ihm
verhältnismäßig gering an Zahl und einfach. Sie dienen hauptsächlich dem Ernährungs- und dem
Atmungsprozeß. Auch die Instinktbewegungen sind angeboren. Ihre Verbindung mit dem Bewußtsein
ist jedoch enger als die der Reflexe. Die Instinktbewegungen treten erst dann auf, wenn bestimmte
innere oder äußere Reize sich im Bewußtsein geltend machen. Das junge Entchen beginnt zu
schwimmen, sobald es zum Wasser kommt, und die Nahrungsaufnahme des Tieres wird beendet,
sobald sich die Sättigungsempfindungen einstellen. Die Instinkthandlungen sind auch dadurch vom
Bewußtsein abhängig, daß sie von dem erwachsenen Menschen leicht willkürlich unterdrückt und
beim Tier durch die Dressur gehemmt werden können[10].
Von beiden Gruppen sind die eigentlichen Willkürhandlungen wesentlich verschieden. Sie sind
vor allem nicht als solche angeboren, sondern müssen neu erlernt werden; sie liegen nicht in ihrem
Verlauf fest, so daß auf bestimmte Eindrücke hin eine bestimmte Bewegungsfolge erschiene.
Allerdings erlauben auch die Instinktbewegungen der Tiere, namentlich der höheren, eine gewisse
Anpassung: nicht nur ein fest umrissener Eindruck, sondern auch ein diesem nur ähnlicher vermag
innerhalb gewisser Grenzen den Instinkt auszulösen, und auch dieser hat eine gewisse
Variationsbreite. Gleichwohl herrscht doch eine unverkennbare Einförmigkeit der Handlungsweise.
Bei den gewollten Bewegungsfolgen aber wird für jede neue Lage ein anderes Verhalten
eingeschlagen. Wird endlich eine erlernte Bewegung durch ausgedehnte Übung sehr geläufig, so
entzieht sie sich wieder dem Bewußtsein mehr und mehr, sie wird automatisch.

Aus dieser Übersicht der Bewegungen geht hervor, daß das oben
aufgeworfene Problem: wie kommt es vom Willensakt zur gewollten
Bewegung, nur für die dritte Art der Bewegungen gilt. Die heute allgemein
angenommene Beantwortung des Problems ist nun diese: Von Geburt aus

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stehen dem Kind eine Anzahl von Reflex- und Instinktbewegungen zu
Gebote, die es auf einzelne Reize hin ausübt und dann aus Spielfreude
unzähligemale wiederholt. Jede Bewegung hinterläßt nun eine Vorstellung
von sich, und diese Vorstellung assoziiert sich physiologisch mit den
motorischen Erregungen, die zur Bewegung führen. Und zwar wird diese
Assoziation in beiden Richtungen ausgebildet: von der Bewegung zum
Bewegungsbild und umgekehrt. Dieses Bewegungsbild kann ein
kinästhetisches im engeren Sinne sein (S. 63) oder auch ein optisches Bild.
Sobald das Kind einmal die Vorstellung von seinen Bewegungen erlangt
hat, können diese Ziel seines Wollens werden. E s w i l l d i e B e w e g u n g , und
dieses innerliche Wollen, diese Hinwendung zur Bewegungsvorstellung
versetzt diese nach unserer Annahme in die Möglichkeit, den assoziativen
Prozeß von der Bewegungsvorstellung zur motorischen Erregung
einzuleiten. Soweit wäre die einfache und als solche schon angeborene
Bewegung verständlich. Die nichtangeborenen Bewegungen lassen sich nun
als Zusammensetzungen aus angeborenen auffassen. Sie werden dem Kinde
teils von seiner Umgebung beigebracht, teils mehr zufällig von ihm
erworben. Das Schema des Vorganges ist ganz das gleiche wie zuvor. Nur
daß wir statt einer einfachen eine zusammengesetzte Bewegungsvorstellung
oder, wenn man lieber will, die Vorstellung einer zusammengesetzten
Bewegung einführen müssen. So erklären sich die beiden wichtigen
Tatsachen: einmal die zum Teil recht mühsame Erlernung neuer
Bewegungen, die nur durch zahlreiche Wiederholungen geläufig werden
und sich in dieser Beziehung geradeso wie andere Gedächtnisleistungen
verhalten; sodann die Unmöglichkeit, gewisse einfache Bewegungen
auszuführen, zu denen zwar der motorische Apparat vorhanden wäre, die
aber als solche nicht angeboren sind. Es fehlt in letzterem Falle eben die
Bewegungsvorstellung, das assoziative Bindeglied zwischen Willensakt und
motorischer Erregung. Sobald dieses herbeigeschafft ist, und es läßt sich
herbeischaffen, werden auch solche Bewegungen erlernt.
Man hat nun heiß darüber gestritten, welchem Sinnesgebiet die
Bewegungsvorstellung angehöre. Zunächst glaubte man sie unter den im
engeren Sinne kinästhetisch zu nennenden Vorstellungen suchen zu müssen.
Die experimentelle Selbstbeobachtung entdeckte indes kaum etwas von
diesen Vorstellungen. Auch das optische Bild unserer Muskelbewegungen,
an das man an zweiter Stelle dachte, tritt nur verhältnismäßig selten auf,
zumeist nur, wenn es sich um ungewohnte Bewegungen handelt. Sehr

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häufig werden die äußeren Handlungen durch die Betonung dieser
Vorstellungen eher gehemmt, dagegen gelingen sie in der Regel am besten,
wenn man sich nur mit dem äußeren zu erreichenden Effekt befaßt. Manche
Autoren wollten darum überhaupt die Bedeutung der
Bewegungsvorstellungen anzweifeln. Allein da hat man mit ungeeigneten
Waffen gekämpft. Das steht auf jeden Fall fest, daß von der Vorstellung des
Endzieles zu seiner Verwirklichung kein direkter Weg führt. Sonst müßte
jeder Normale beliebig die Ohren bewegen können. Ferner darf man nicht
übersehen, daß alle diesbezüglichen experimentellen Untersuchungen an
Erwachsenen und deren geläufigen Bewegungen angestellt wurden.
Vielleicht geht man hier synthetisch sicherer voran. Zweifellos haben wir
kinästhetische Empfindungen und dementsprechend bei den verschiedenen
Bewegungen eindeutig verschiedene Komplexe solcher kinästhetischer
Empfindungen. Es liegt nun durchaus kein Grund vor, daß diese
kinästhetischen Empfindungskomplexe nicht ebenso wie alle anderen
Empfindungen später als Vorstellungen reproduzierbar seien. Außer diesen
kinästhetischen Vorstellungen erwerben wir aber auch die mit ihnen sich
assoziierenden optischen Bewegungsvorstellungen, die Vorstellungen von
den Namen dieser Bewegungen und die von der Wirkung, dem Ziel solcher
Bewegungen. Alle diese Bilder sind miteinander assoziativ verbunden. Soll
nun eine eingeübte Bewegung ausgeführt werden, so empfiehlt es sich, nur
das Endziel im Auge zu haben: der geschickte Tennisspieler denkt nicht an
den Schlag, den er demnächst ausführen will, sondern an die Stelle, wohin
er den aufgefangenen Ball senden muß. Die an die Vorstellung von dem
Endziel gebundenen weiteren Vorstellungen sind gut assoziiert und werden
sich ganz von selbst der Reihe nach einfinden; eine besondere
Aufmerksamkeitsrichtung auf sie könnte den Ablauf ebenso stören, wie es
das Aufsagen eines gut erlernten Gedichtes stört, wenn man auf die
Einzelheiten der Worte achtet. Dennoch sind die optischen und
kinästhetischen Vorstellungen, die sich an die Zielvorstellung anreihen,
nicht überflüssig. Denn wird die beabsichtigte Bewegung ein wenig gestört,
so kann sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden und die richtige
Weiterführung der Bewegung vermitteln. Vielleicht beruht aber die
Hauptbedeutung, namentlich der kinästhetischen Vorstellung, in folgendem.
Besitzen wir von irgendeiner Erscheinung geläufige Vorstellungen, so
werden diese ins Bewußtsein gerufen, sobald sich jene Erscheinung aufs
neue zeigt. Damit ist die Möglichkeit geboten, die wiederholte Erscheinung

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mit der Vorstellung von ihr zu vergleichen, oder wenigstens ein Abweichen
beider als etwas irgendwie Befremdliches zu verspüren. Durch diese
Differenzen, die wir gar nicht als solche zu erkennen brauchen, werden wir
also auf die Einzelheiten der Bewegung aufmerksam gemacht, sobald sich
ihre Ausführung von ihrer Vorlage entfernt, und können somit durch
Hinwendung unserer Aufmerksamkeit eine Entgleisung verhüten. Nach
dieser Auffassung dienen sonach die kinästhetischen Vorstellungen der
feinsten, die optischen der gröberen Korrektur der jeweils vollzogenen
Bewegungen.
Das wird bestätigt durch einige Beobachtungen aus der Pathologie. Sind die Lageempfindungen
gestört, so können bisweilen die Kranken das betreffende Glied nicht bewegen. Ein solcher Kranker
läßt z. B. Gegenstände, die er in der Hand hat, fallen, sobald er nicht auf seinen Arm schaut. Offenbar
können die kinästhetischen Vorstellungen, die zur entsprechenden motorischen Erregung hinleiten,
auf doppeltem Wege geweckt werden: durch die kinästhetischen Empfindungen und durch die
optischen Vorstellungen. Wären aber die kinästhetischen Vorstellungen überflüssig und könnte die
motorische Erregung ebenso leicht durch die optischen Vorstellungen ausgelöst werden, so verstünde
man nicht, wie bei der Ataxie der Ausfall oder die Störung der kinästhetischen Empfindungen die
wohlbekannte Bewegung so sehr beeinträchtigen könnte. Für die Auslösung der Bewegung wären sie
ja überflüssig. Sie könnten also nur noch der feineren Kontrolle dienen. Dann müßte aber das
optische Bild der Bewegung mit dem durch die jeweiligen Lageempfindungen erzeugten
kinästhetischen verglichen werden, ein Vorgang, der weder durch die Selbstbeobachtung bekundet
wird, noch der sonst herrschenden Zweckmäßigkeit des psychischen Lebens entspricht. Gegen die
kinästhetischen Vorstellungen darf man auch nicht geltend machen, sie ließen sich nicht ins
Gedächtnis zurückrufen. Neuere Beobachtungen haben uns Vorstellungen kennen gelehrt, die sich
nur wenig über die Bewußtseinsschwelle erheben und nur unter ganz besonderen Verhältnissen
überhaupt zu entdecken sind. Vermutlich gehören die kinästhetischen Vorstellungen zu ihnen: man
wird „den Faden finden“ müssen, um sie überhaupt ans Licht zu ziehen, ähnlich wie man oft die
Worte eines Liedes nur von der Melodie aus reproduzieren kann.

Literatur
H. L i e p m a n n , Die Störungen des Handelns bei Gehirnkranken. 1905.
J. L i n d w o r s k y , Der Wille. 3. Aufl. 1923.

2. D i e i n n e r e W i l l e n s h a n d l u n g

a) D i e A u f m e r k s a m k e i t s b e w e g u n g

Die Lehre von der Aufmerksamkeit ist trotz zahlreicher Untersuchungen
immer noch eines der unbefriedigendsten Kapitel der experimentellen
Psychologie. Wenn wir sie bei der Psychologie der Willenshandlung

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unterbringen, so glauben wir nicht, daß jede Aufmerksamkeitserscheinung
als innere Willenshandlung aufzufassen sei, wir hoffen aber von hier aus
einen sicheren Zugang zum Verständnis aller Aufmerksamkeitserlebnisse zu
gewinnen, da sich die wichtigsten von ihnen nur als Willensäußerungen
erklären lassen.
1) B e g r i f f u n d A r t e n d e r A u f m e r k s a m k e i t . Die Aufmerksamkeit spielt
eine so große Rolle im täglichen Leben, daß jedermann einen hinreichenden
Begriff von ihr besitzt. Die Inhalte, die wir mit Aufmerksamkeit bedenken,
werden der Mittelpunkt unseres Bewußtseinslebens. Ihr Gegenteil, die
Zerstreutheit, läßt keine innere Sammlung, kein Verharren bei dem
nämlichen Gegenstand aufkommen. Sie ist mit der berühmten Zerstreutheit
des Gelehrten nicht zu verwechseln, die in Wahrheit ein sehr hoher Grad der
Aufmerksamkeit zu sein pflegt, sich aber nicht auf jene Dinge richtet, mit
denen es der „Zerstreute“ gerade äußerlich zu tun hat. — Hinsichtlich des
Gegenstandes, dem sich die Aufmerksamkeit zuwendet, unterscheidet man
die sinnliche von der geistigen Aufmerksamkeit, eine Unterscheidung, die
in anderem Zusammenhang auch auf die sinnliche oder die geistige
Erkenntnisfähigkeit bezogen wird, die aufmerksam ist. Weit geläufiger und
bedeutsamer ist die Unterscheidung einer willkürlichen und einer
unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Die willkürliche wird bisweilen auch der
aktiven, die unwillkürliche der passiven Aufmerksamkeit gleichgesetzt,
womit allerdings der Theorie schon namhaft vorgegriffen ist.
Es wird die Untersuchung wesentlich erleichtern, wenn wir von vornherein Wesen, Hilfsmittel,
Folgen und Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit unterscheiden. Das W e s e n t l i c h e der
Aufmerksamkeit sieht schon der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch in einem gewissen
willkürlichen oder unwillkürlichen Verhalten des Individuums. Als H i l f s m i t t e l können
mancherlei Einstellungs- und Anpassungsbewegungen der Sinnesorgane gelten, so oft es sich um die
aufmerksame sinnliche Wahrnehmung handelt. Diese Hilfsmittel werden teils willkürlich angewandt,
teils treten sie durch angeborene Reflexe ins Spiel. Die Verwendung dieser Hilfsmittel erlaubt noch
keinen Schluß auf das Bestehen der Aufmerksamkeit; denn man kann willkürlich seine
Aufmerksamkeit einem ganz anderen Gegenstande zuwenden als dem, auf welchen man die
Sinnesorgane einstellt, und anderseits erscheinen schon beim Neugeborenen und beim jungen Tiere
Reflexbewegungen, die zwar der Aufmerksamkeit dienen können, ihr Vorhandensein indes nicht
wahrscheinlich machen. Dasselbe gilt von den wohl angeborenen Hemmungsmechanismen: das
schreiende Kind kommt plötzlich zur Ruhe, wenn ein starker Licht-, Schall- oder Druckreiz
unvermittelt einsetzt: der starke Reiz unterbricht da die begonnene Tätigkeit und verhindert andere
Reize bis zum Bewußtsein vorzudringen. Als F o l g e der Aufmerksamkeit gilt gewöhnlich die
größere Intensität oder auch die größere Klarheit eines mit Aufmerksamkeit bedachten
Bewußtseinsinhaltes. Beides kann aber auch durch andere Umstände wie die größere Intensität des
Reizes bedingt sein. Man wird darum die Klarheit und die Intensität der Bewußtseinsinhalte nicht
einfachhin dem Aufmerksamkeitszustande gleichsetzen dürfen. Kann es doch auch geschehen, daß

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die beachteten Inhalte trotz der größten Aufmerksamkeit nicht zu nennenswerter Klarheit und
Deutlichkeit zu erheben sind. Endlich darf man die B e g l e i t e r s c h e i n u n g e n der
Aufmerksamkeit, wie das Stirnrunzeln oder andere Muskelspannungen oder auch die bei der
Aufmerksamkeit häufig zu beobachtenden Puls- und Atmungserscheinungen (der Atem wird
schneller und oberflächlicher; das Blut drängt zum Gehirn) nicht mit dem Aufmerksamkeitszustand
selbst verwechseln. Es herrscht nicht einmal eine eindeutige Zuordnung beider Dinge. Im Gegenteil
können die körperlichen Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit oftmals hemmend im Wege
stehen.

2) E i g e n s c h a f t e n d e r A u f m e r k s a m k e i t . Sie lassen sich nach den
Gesichtspunkten der Extensität, der Intensität und der zeitlichen
Verhältnisse betrachten.
Unser Bewußtsein enthält stets eine Menge von Einzelinhalten, doch
nicht alle von ihnen sind gleichzeitig Gegenstand der Aufmerksamkeit. Es
scheint sogar, daß immer nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der
Bewußtseinsinhalte aufmerksam beachtet werden kann. (Die Enge des
Bewußtseins.) Dieser U m f a n g d e r A u f m e r k s a m k e i t ist nicht bei allen
Menschen und wohl auch nicht bei demselben Individuum zu allen Zeiten
gleich groß. Manche Hysterische sind zu keiner weiteren Wahrnehmung
mehr fähig, wenn man mit ihnen spricht. Es wurden die verschiedensten
Versuche angestellt, um den Umfang der Aufmerksamkeit zu messen. Ein
absolutes Maß läßt sich jedoch hier niemals gewinnen. Ein relatives Maß
erhält man, indem man der Vp eine Aufgabe stellt, die sie nur bei
aufmerksamer Beachtung der Reize lösen kann, und die in einer so kurzen
Zeit zu erledigen ist, daß Aufmerksamkeitswanderungen ausgeschlossen
sind. Ist dann die Leistung an sich den verschiedenen Vpn gleich geläufig,
so läßt der verschiedene Umfang der Leistung einen verschiedenen Umfang
der Aufmerksamkeit erkennen. So vermag der Erwachsene bei
tachistoskopischer Darbietung 4–6 unverbundene Buchstaben oder Striche
deutlich zu erkennen, während ein Kind von zwölf Jahren nur 3–4 auffassen
kann. Werden dagegen mehrere Teilinhalte zu Einheiten verbunden, so kann
eine unvergleichlich größere Menge von Teilinhalten beachtet werden; man
denke an die Fülle der Eindrücke, die bei einer Orchestermusik gleichzeitig
mit Aufmerksamkeit bedacht werden.
Als zweite Eigenschaft der Aufmerksamkeit kommt ihre I n t e n s i t ä t in
Betracht. Nach allgemeiner Auffassung steht der Umfang der
Aufmerksamkeit in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Intensität. Das
bestätigen im großen und ganzen auch die Experimente, solange wenigstens
unter der Aufmerksamkeit nichts anderes verstanden wird als die

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Hinwendung zum Bewußtseinsinhalt. Sobald aber außer der schlichten
Hinwendung auch noch besondere A u f f a s s u n g s p r o z e s s e in das
Aufmerksamkeitserlebnis mithineinbezogen werden, dürfte jenes
Reziprozitätsverhältnis nicht mehr gelten. Die Intensität oder die
Konzentration der Aufmerksamkeit kann nun eine verschieden hohe sein,
doch ist es nicht leicht, ein brauchbares Maß hierfür zu finden.
Die Aufmerksamkeitskonzentration läßt sich am wenigsten an den begleitenden
Spannungsempfindungen und anderen Ausdrucksbewegungen zuverlässig beurteilen. Sie bringen ja
sehr oft störende Inhalte ins Bewußtsein. Einwandfreier geben unter sonst gleichen Umständen die
erzielten Klarheitsgrade Auskunft über die Intensität der Aufmerksamkeit, durch die sie erreicht
wurden. Indes bleibt man hierbei auf die subjektive Schätzung angewiesen. Man suchte darum in
dem objektiven Ausfall einer Aufmerksamkeit erfordernden Leistung einen indirekten, aber
zahlenmäßigen Ausdruck zu gewinnen. Oder man führte Schwellenbestimmungen aus, während die
Vp sich aufmerksam mit einer andern Arbeit beschäftigte: je größer die Konzentration war, um so
größer fiel auch der Schwellenwert aus. Endlich hoffte man durch Störungsversuche die
Aufmerksamkeitsintensität messen zu können: je größer die Konzentration sei, um so größer müßte
auch der Störungsreiz ausfallen, bei dem die Ablenkung zuerst gelang. Da zeigte sich nun, daß längst
nicht jede Störung eine Verschlechterung der Leistung bedeutet. Oft gewöhnt man sich an den
Störungsreiz, oder er wird sogar der Antrieb zu größerer Hingabe an die Arbeit, so daß diese im
Gegenteil verbessert wird. Nur gegen unregelmäßige Störungsreize und solche, die an sich schon das
Interesse der Vp wecken, kann man sich schwer wehren. Übrigens fragt es sich noch, ob die
Ablenkbarkeit wirklich immer im umgekehrten Verhältnis zur Intensität der Aufmerksamkeit steht.
Es wäre ja möglich, daß jemand sowohl einer hohen Aufmerksamkeitsintensität wie einer großen
Ablenkbarkeit fähig wäre.
Die Ablenkbarkeit führt uns zu den Eigenschaften der Aufmerksamkeit, die der z e i t l i c h e n
O r d n u n g angehören: der Konstanz der Aufmerksamkeit, der Schnelligkeit der
Aufmerksamkeitswanderung bzw. Aufmerksamkeitsanpassung, und der
Aufmerksamkeitsschwankung. Ist die Aufgabe gestellt, bei dem einmal gegebenen Bewußtseinsinhalt
zu verharren, so machen sich die A u f m e r k s a m k e i t s s c h w a n k u n g e n bemerklich. Sie
zeigen sich hinsichtlich des Umfanges, hinsichtlich des Gegenstandes, der im Blickpunkt der
Aufmerksamkeit steht, und hinsichtlich der Klarheit des fixierten Objektes. Beachtet man sehr
schwache Empfindungen, so verschwinden diese in gleichmäßigen Zeitabschnitten, so das Ticken der
Taschenuhr bei größerem Abstand vom Ohr. Es ist noch umstritten, ob diese Schwankungen
vorwiegend zentraler oder peripherer Natur sind; vielleicht beruhen sie auf der periodisch
schwankenden Blutzufuhr nach dem Gehirn. Es ist aber auch nicht möglich, bei demselben
Gegenstand unbegrenzt lang mit der Aufmerksamkeit zu verharren. Diese Schwankungen werden
teils durch die Ermüdung, teils durch die Interesselosigkeit bedingt. Kinder, Kranke und
Geschwächte können nur schwer bei demselben Objekt länger verweilen, zweifellos wegen der
Schwäche des psychophysischen Apparates. Gesunden hingegen wird es schwer, demselben
einfachen Sinnesinhalte, etwa einer Farbe, längere Zeit ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Daß
sie von einer solchen Betrachtung nicht eigentlich ermüdet sind, geht aus der Leistungsfähigkeit
hervor, die sie unmittelbar darnach beweisen können. Offenbar übten andere Gegenstände, die sich
inzwischen der Wahrnehmung oder der Vorstellung anboten, eine größere Anziehungskraft aus.
Dementsprechend gelingt es, denselben Gegenstand um so länger zu beachten, je mehr Teilinhalte er
bietet, oder je mehr auf ihn bezügliche Vorstellungen er ins Bewußtsein ruft. Hauptsächlich aus dem
letzteren Grunde und nicht so sehr wegen der nervösen Ermüdung können sich Kinder weniger lang
mit der Betrachtung eines Bildes beschäftigen als Erwachsene. Handelt es sich aber darum, einem

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neuen Gegenstande die Aufmerksamkeit zuzuwenden, so erheben sich vor allem zwei Fragen: Wie
schnell kann überhaupt die Aufmerksamkeit wandern? Und: Gelingt es allen Menschen gleich
schnell, sich auf die Beachtung eines neuen Objektes einzustellen?
Früher setzte man die G e s c h w i n d i g k e i t d e s A u f m e r k s a m k e i t s s c h r i t t e s sehr
hoch an; genauere Versuche ergaben indes, daß er nicht kürzer als eine Drittel Sekunde ist. Die
A d a p t a t i o n s f ä h i g k e i t der Aufmerksamkeit kann man feststellen, indem man sonst gleich
guten Lernern einen schwierigen Memorierstoff vorlegt und zusieht, wieviel bei den ersten
Wiederholungen haften bleibt: Individuen mit guter Anpassung der Aufmerksamkeit werden mehr
behalten als solche mit geringer Einstellungsfähigkeit. Es wird sich hierbei wohl in erster Linie um
assoziative Faktoren handeln: je rascher die Vorstellungskomplexe bereitgestellt sind, die zur rechten
Auffassung und zum Überschauen des Lernstoffes benötigt werden, um so eher wird das Subjekt auf
den neuen Stoff eingestellt sein.

3) D i e B e d i n g u n g e n d e r A u f m e r k s a m k e i t . Die eine wesentliche
Bedingung der w i l l k ü r l i c h e n Aufmerksamkeit ist der Entschluß, auf einen
Gegenstand zu achten. Wie dieser Entschluß verwirklicht werden kann,
wird später zu untersuchen sein. Was immer dann Bedingung der
u n w i l l k ü r l i c h e n Aufmerksamkeit ist, kann auch die Erreichung der
willkürlichen fördern. Mehr disponierend und die Aufmerksamkeit nur
begünstigend sind die physiologischen Faktoren wie Frische oder Erregtheit
durch Reizmittel wie Tee. Auch die krankhafte Erregbarkeit der Nerven
kann die Aufmerksamkeit fördern. Man nennt sodann die Intensität und die
Wiederholung der Reize als Bedingungen der Aufmerksamkeit. Allein es ist
zu beachten, daß beide rein psychophysisch und ohne Vermittlung der
Aufmerksamkeit eine größere Intensität des psychischen Eindruckes
bewirken können: der starke und der wiederholte Reiz setzt sich besser
durch. Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß Intensität und Wiederholung
eines Reizes gelegentlich auch die Aufmerksamkeit fesseln. Allerdings
herrscht da kein einfaches Abhängigkeitsverhältnis: nicht immer erregen
diese Faktoren die Aufmerksamkeit. Ein Lehrer, der nur mit stärkster
Stimme seine Schüler anzureden pflegt, der immer dieselben Schreckmittel
wiederholt, findet schließlich keine Beachtung mehr. Ein ähnlicher
Gegensatz besteht zwischen Neuheit und Vertrautheit des Reizes, zwischen
dem Fehlen anderweitiger Vorstellungen und ihrem Gegebensein. Beides
kann, je nach den Umständen, sowohl die Aufmerksamkeit herausfordern,
als auch sie unberührt lassen, und so scheint die Aufmerksamkeit jeder
Regel zu spotten. Gleichwohl dürfte folgende Überlegung eine klare
Gesetzmäßigkeit erkennen lassen. Es gibt nur e i n e Bedingung für die
Erregung der unwillkürlichen Aufmerksamkeit: die Bedeutsamkeit des
wahrgenommenen Gegenstandes. Alle anderen Faktoren sind entweder nur

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disponierend oder haben rein psychophysisch die gleiche Wirkung wie die
Aufmerksamkeit, nämlich die Verstärkung des Eindruckes. Manche der
letzteren können nun, abgesehen von dieser psychophysischen Wirkung,
unter gewissen Umständen dem Wahrnehmungsgegenstand eine
Bedeutsamkeit verleihen: so ist im allgemeinen ein stärkerer Eindruck
bedeutsamer als ein schwacher. Haben wir aber einmal die
Unbedeutsamkeit eines Dinges trotz seiner Auffälligkeit erkannt, so wird
zwar die psychophysische Wirkung noch eintreten, aber das Bewußtsein
verschafft sich durch Nichtbeachtung gewissermaßen ein Ventil. So versteht
man, wie die entgegengesetzten Bedingungen die gleiche Wirkung haben
können: ein sehr leise ausgesprochenes Wort kann in demselben Maße die
Aufmerksamkeit erregen wie ein sehr laut gesprochenes. Und damit werden
wir darauf hingewiesen, daß wir das innerste Wesen der Aufmerksamkeit
nicht im Bereiche der physiologischen Wirkursachen, sondern in dem der
Bedeutungen zu suchen haben.
4) D i e W i r k u n g e n d e r A u f m e r k s a m k e i t . Nach zuverlässigen experimentellen
Beobachtungen werden schwache Empfindungen durch die Aufmerksamkeit verstärkt. Damit ist
noch nicht gesagt, daß auch starke merklich gesteigert werden müßten. Denn bestünde die Funktion
der Aufmerksamkeit darin, die vorhandene psychophysische Energie auf die beachteten Inhalte zu
konzentrieren, so könnte dadurch den Empfindungen nur ein beschränkter Zuwachs verliehen
werden, der bei höheren Intensitätsstufen der Empfindungen unbeachtet bleiben müßte. Sodann
beschleunigt die Aufmerksamkeit den Empfindungsprozeß, sie bahnt gewissermaßen den Reizen
einen Weg. Denn läßt man einem von zwei gleichzeitig auftretenden Reizen, etwa einem optischen
und einem akustischen, die besondere Aufmerksamkeit zuwenden, so tritt immer der jeweils
beachtete zuerst ins Bewußtsein (Komplikationsversuche S. 129). Fernerhin wird die Stiftung von
Assoziationen sowie die Reproduktion der Vorstellungen durch die Aufmerksamkeit begünstigt. Nur
die Gefühle scheinen durch sie nicht gefördert, sondern eher zerstört zu werden. Ein Affekt, den man
analysieren will, verschwindet. Das kann nach unserer Auffassung der Gefühle, auch der höheren,
nicht befremden. Wäre das Gefühl ein selbständiger Bewußtseinsvorgang, eine selbstherrliche
Reaktion der Seele auf einen Eindruck, dann verstünde man freilich nicht, warum es nicht willkürlich
aufrechterhalten werden könnte, trotz der darauf gerichteten Aufmerksamkeit. Wir faßten aber die
Gefühle als den Bewußtseinsreflex bestimmter Funktionsweisen der Vorstellungen auf. Ein Gefühl
kann es somit nur dann geben, wenn eine Vorstellung bewußt ist. Richtet sich darum die
Aufmerksamkeit auf das Gefühl, so muß naturnotwendig die Vorstellung und damit auch das durch
sie bedingte Gefühl aus dem Bewußtsein schwinden.

5) D i e T h e o r i e d e r A u f m e r k s a m k e i t . Die meisten der heutigen
Aufmerksamkeitstheorien setzen sich zur Aufgabe, zu erklären, wie die
Aufmerksamkeit einen Bewußtseinsinhalt zu größerer Klarheit erheben
kann. Dagegen achten sie weniger auf eine befriedigende Einordnung des
Erlebnisses in die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge und auf eine
einleuchtende Gruppierung und Deutung der Aufmerksamkeitsstörungen.

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Nach einem Überblick über die wichtigsten Aufmerksamkeitstheorien
werden wir versuchen, auch diese Aufgaben zu lösen.
a) D i e b i s h e r i g e n T h e o r i e n . Dürr unterscheidet recht übersichtlich Hemmungs-,
Unterstützungs- und Bahnungstheorien. Nach der H e m m u n g s t h e o r i e werden alle Inhalte
außer dem beachteten gehemmt. W u n d t weist diese Hemmungsaufgabe dem in dem Stirnhirn
lokalisierten Apperzeptionszentrum zu. Nun gibt es freilich eine wechselseitige Hemmung von
Bewußtseinsinhalten (vgl. S. 171 f.), allein man sieht nicht recht ein, warum nun gerade diese und
nicht andere oder gar alle Vorstellungen in gleicher Weise gehemmt werden. Auch die Einführung des
hypothetischen Apperzeptionszentrums gewährt keine größere Klarheit. Die ganze Theorie erscheint
nur als eine wenig glückliche Umschreibung der Tatsachen. — Von den
U n t e r s t ü t z u n g s t h e o r i e n bedarf die M a c h s , wonach die Aufmerksamkeit nichts weiter ist
als die Einstellung der Sinnesorgane, keine Widerlegung. R i b o t bildete eine motorische Theorie
aus: Die körperlichen Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit sind mehr als bloße Zugaben, sie
sind das Wesentliche der Aufmerksamkeit. Denn sie senden Bewegungsempfindungen ins
Bewußtsein und steigern so die bewußten Zustände. Unterdrückt man alle diese begleitenden
Bewegungen, so beseitigt man die Aufmerksamkeit selbst. Allein man versteht nicht, wie ein
Bewußtseinsinhalt durch Hinzufügung ganz verschiedenartiger Inhalte verstärkt werden kann. Die
Erfahrung beweist das Gegenteil, wenn man von einzelnen Grenzfällen absieht, wo gleichzeitige
Empfindungen eine gewisse Anregung zu geben scheinen. Verständlicher ist die zentrosensorische
Theorie von G. E. M ü l l e r . Beim Aufmerken auf einen Inhalt führt man jenen Zustand herbei, den
das Bewußtsein hatte, als es früher jenen Inhalt erlebte. Dadurch vereinigt sich die aus dem
gegenwärtigen Reiz stammende Erregung mit der aus der Vorstellung herrührenden, und die
Intensität des Eindruckes wächst. Damit ist zweifellos auf ein Hilfsmittel hingewiesen, das der
willkürlichen Aufmerksamkeit zu Gebote steht, namentlich wenn sie sich auf sinnliche und
anschauliche Objekte richtet. Es versagt aber in vielen Fällen der unwillkürlichen Aufmerksamkeit
und macht uns das charakteristische Verhalten bei der Aufmerksamkeit nicht verständlich. — Die
B a h n u n g s t h e o r i e (E b b i n g h a u s , D ü r r ) läßt durch wiederholte Erregung derselben
Gehirnpartien die Bahnen des Reizes immer geläufiger werden, so daß die Erregung sich immer
weniger seitlich verliert und ganz in der Hauptbahn verbleibt, wodurch der seelische Eindruck immer
klarer wird. Damit wird aber die Aufmerksamkeit in eine Abhängigkeit von der Übung gebracht, die
durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt wird. Wir können auch ungewohnten und schwächsten
Eindrücken unsere Aufmerksamkeit zuwenden und sie dadurch zu größerer Klarheit erheben.

b) D i e g e n e t i s c h e A u f m e r k s a m k e i t s t h e o r i e . Wir machen den
Versuch, außer den Wirkungen der Aufmerksamkeit auch das dieser
eigentümliche Verhalten zu verstehen. Gibt es ein erlernbares
Aufmerksamkeitsverhalten, dann bereitet die Erklärung der w i l l k ü r l i c h e n
Aufmerksamkeit keine besonderen Schwierigkeiten. Sie ist dann eben das
gewollte Aufmerksamkeitsverhalten. Das ganze Problem wird deshalb auf
die u n w i l l k ü r l i c h e Aufmerksamkeit zurückgeschoben. Versuchen wir nun
zunächst einmal, die Aufmerksamkeit als einen eigenartigen seelischen
Vorgang überhaupt entbehrlich zu machen, indem wir sie mit dem
spontanen Wollen identifizieren: die Seele gewahrt einen Wert und will ihn.
Von diesem Wollen mußten wir oben hypothetisch behaupten, es steigere
die Intensität eines Bewußtseinsinhaltes. Dazu berechtigte uns erstens die

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von den besten Beobachtern festgestellte Tatsache, daß es ein willkürliches
Steigern dieser Art gibt, wobei wir es dahingestellt sein ließen, ob es auf
Rechnung der Willenstätigkeit selbst oder der von ihr abhängigen
Aufmerksamkeit zu schreiben sei. Wir wurden zu dieser Annahme sodann
zweitens genötigt, weil nur so dem beobachteten Wollenserlebnis eine
gebührende Stelle eingeräumt und dem Sinn und der Bedeutung eine
entsprechende Rolle in unserem Leben zugewiesen werden konnte. Es
standen dieser Annahme auch keine metaphysischen Schwierigkeiten, etwa
aus der Vermehrung der Energie, im Wege; denn es genügt, daß durch
diesen Eingriff des Willens die vorhandene psychophysische Energie nur in
ihrer Bewegungsrichtung beeinflußt werde. Will also die Seele einen ihr
erscheinenden Wert, so wird diese Vorstellung gefördert und nimmt darum
auch an Klarheit zu. Damit dürfte aber auch das gegeben sein, was man
bildlich als eine Hinwendung der Seele zu einem Inhalt bezeichnet. Es wird
nämlich auf dasselbe hinauskommen, ob die Seele sich einem Inhalte eigens
zuwendet, oder ob sie ihn wollend klarer werden läßt. Der Sprachgebrauch
also, der ein Hinwenden der Aufmerksamkeit kennt, brauchte uns nicht irre
zu machen. Kommen wir aber im übrigen mit dem Wollen allein aus? Wenn
Aufmerken nichts anderes ist als einfaches Wollen, dann ist ein
willkürliches Aufmerken, das nicht zugleich ein Wollen des beachteten
Gegenstandes ist, unmöglich. Allein wir können unsere Aufmerksamkeit
willkürlich Dingen schenken, die wir ganz und gar nicht wollen. Es kann
somit das Aufmerken nicht einfachhin mit dem Wollen identisch sein.
Wir dürften nun auf das Rechte stoßen, wenn wir einen von der neueren
experimentellen Forschung aufgezeigten allgemeinen Zug des Seelenlebens
berücksichtigen. Fast überall läßt sich in unserem Bewußtsein Inhalt und
Form auseinanderhalten, und sehr häufig läßt sich die Form für sich ohne
den Inhalt seelisch verwirklichen. Und so will es uns scheinen, das Kind
kenne ursprünglich, von angeborenen Reflexbewegungen abgesehen, kein
Aufmerksamkeitsverhalten, weder ein willkürliches noch ein
unwillkürliches, sondern nur ein triebhaftes Wollen. Mit diesem Wollen
verwirklicht es aber jedesmal eine bestimmte Haltung der Seele, eben jenes
Hingegebensein an einen Gegenstand, das tatsächlich für das Erfassen des
Gegenstandes am vorteilhaftesten ist. So lernt es durch seine Willensakte
diese Haltung kennen. Sie läßt sich nun, wie so manche andere
Bewußtseinsform, für sich erzeugen, und das Kind wird sie darum später
auch willkürlich einnehmen, sobald sie ihm zu einem erstrebenswerten

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Willensziel geworden ist. Wir unterscheiden also bei der unwillkürlichen
Aufmerksamkeit deren Wirkung: das Klarerwerden des beachteten Inhaltes,
das durch jenes seelische Verhalten bedingt wird, und das
Aufmerksamkeitsverhalten selbst. Das nur äußerliche
Aufmerksamkeitsverhalten besteht in den angeborenen und den
angelernten, der inneren Aufmerksamkeit dienenden Bewegungen. Das
innere und eigentliche Aufmerksamkeitsverhalten besteht in der genannten
seelischen Haltung, die anfänglich mit dem triebhaften Streben zu einem
ungeteilten Akte verschmolzen ist, später für sich allein willkürlich
herbeigeführt wird. Im letzteren Falle ist sie in der Regel nicht Selbstzweck,
sondern nur Mittel zum Ziel. Die Aufmerksamkeitshaltung ist somit ein
aktiver Vorgang wie der Willensakt. Zwar redet man bisweilen von passiver
Aufmerksamkeit, von einem Hingerissenwerden, allein genau besehen liegt
hier doch immer ein triebhafter Willensakt vor. Die
Aufmerksamkeitshaltung braucht darum in solchen Fällen nicht eigens
hervorgebracht zu werden, da sie in dem Willensakt schon verwirklicht ist,
und so entsteht der charakteristische Unterschied zwischen willkürlicher
oder aktiver und unwillkürlicher oder passiver Aufmerksamkeit.
Die Verbindung der inneren Aufmerksamkeit mit den äußeren Aufmerksamkeitsbewegungen oder
auch mit jenen inneren Hilfsmitteln, die von den bisherigen Theorien mit Recht genannt wurden,
bedarf keiner besonderen Erörterung. Nur auf das A p p e r z e p t i o n s p r o b l e m sei noch
hingewiesen, da es mit dem der Aufmerksamkeit in engem Zusammenhange steht. Namentlich
H e r b a r t betonte die Apperzeption der Eindrücke durch die bereitstehenden Vorstellungsmassen:
der Mathematiker versteht das Wort „Wurzel“ anders als der Botaniker. H. M ü n s t e r b e r g zeigte,
wie man sogar den Sinneseindruck beeinflussen könne, je nachdem man eine andere
Vorstellungskonstellation erzeugt. Hat man einer Vp das Wort „Kummer“ zugerufen, so wird sie das
tachistoskopisch dargebotene Wort „Triest“ leicht als Trost lesen. Neben dieser anschaulichen
Apperzeption gibt es auch eine solche des Denkens. Legt man einer Vp statt einer Vorstellung einen
Gesichtspunkt, also eine Relation nahe, so wird sie die ins Bewußtsein tretenden Inhalte zumeist
unter diesem Gesichtspunkt auffassen und darum mehr an ihnen bemerken, als ohne diesen
Gesichtspunkt. So läßt sich etwa das Verhältnis zur sittlichen Ordnung, zum guten Geschmack, zur
Nützlichkeit als leitender Gesichtspunkt einfügen, und der Erlebende wird seine Eindrücke sehr oft
um die jenen Gesichtspunkten entsprechenden Beziehungserfassungen bereichern. Diese Erhöhung
der Leistung darf also nicht der Aufmerksamkeit als solcher zugeschrieben werden, wie es bisweilen
geschieht. Denn wenn auch diese gedankliche Apperzeption bei den beachteten Inhalten häufiger sein
wird als bei den nichtbeachteten, so hat doch die Apperzeption in dem üblichen Sinne nichts mit
Aufmerksamkeit zu tun. Nur W u n d t gebraucht die Ausdrücke „apperzipieren“ und „in den
Blickpunkt des Bewußtseins rücken“ als gleichbedeutend.
6) S t ö r u n g e n d e r A u f m e r k s a m k e i t . Von dem soeben gewonnenen theoretischen
Standpunkt aus wird sich auch ein einigermaßen befriedigender Überblick über die Störungen der
Aufmerksamkeit geben lassen. Wir sehen in der Aufmerksamkeit eine seelische Haltung, die in
bewußter oder unbewußter Abhängigkeit vom Willen eingenommen wird. Diese Haltung hat sodann
eine Lenkung der psychophysischen Energie zur Folge. Damit sind die Angriffspunkte für mögliche

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Schädigungen genannt. Sie befinden sich teils bei den den Willen beeinflussenden Motiven, teils bei
den nervösen Elementen, auf die sich die Einwirkung der Haltung erstreckt. Wir haben aber keinen
Anlaß, sie beim Willensakt oder bei der Aufmerksamkeitshaltung selbst zu suchen. Die willkürliche
Aufmerksamkeit wird gestört oder unmöglich gemacht, sobald das Individuum nicht über
ausreichende Motive verfügt, um die Aufmerksamkeitshaltung ihrer selbst willen oder als Mittel zu
einem fernerliegenden Ziele einzunehmen. So bei Kindern, vorausgesetzt, daß sie die
Aufmerksamkeitshaltung überhaupt schon erlernt haben, und bei kindisch Gewordenen. Diesem
Mangel läßt sich ein Übermaß zur Seite stellen, wenn etwa eine Phobie oder ein Verfolgungswahn zu
unablässiger Wachsamkeit treibt. Doch wird dieses Übermaß nicht so sehr als Fehler der
Aufmerksamkeit gelten wie der zuerst erwähnte Mangel. Deutlicher wird das Zuviel und das
Zuwenig bei der unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei stets, wie wir sahen, um ein
triebartiges Wollen. Der Mangel an überragenden Werten bedingt die Unrast und Unstetigkeit der
Kinder und der Idioten. Abnorm hohe Werte führen zu den bei fixen Ideen beobachteten
Aufmerksamkeitsstörungen. Die willkürliche wie die unwillkürliche Aufmerksamkeit kann nun durch
Mängel des nervösen Apparates beeinträchtigt werden. Eine allgemeine Verminderung der
psychophysischen Energie, wie sie bei Erschöpften und Kindern wahrscheinlich ist, könnte die
Aufmerksamkeitsleistung in jeder Hinsicht herabdrücken. Namentlich dürfte der
Aufmerksamkeitsumfang darunter leiden. Sodann pflegt sich die nervöse Ermüdung bei der
Perseveration wie bei der Reproduktion zu zeigen. Der Mangel an Perseveration zerreißt die
Kontinuität des Bewußtseins und muß darum die Konstanz der Aufmerksamkeit erschweren. Die
einseitig gesteigerte Perseveration hingegen erschwert den für das normale Geistesleben
erforderlichen Fluß der Aufmerksamkeit. Die Reproduktionshemmung ferner erlaubt nicht, daß sich
hinreichend schnell und leicht solche Vorstellungen einfinden, die mit der beachteten in einem
Bedeutungszusammenhang stehen. Der Erlebende sieht sich darum ganz dem Zwange der
Assoziationen preisgegeben; er „kann seine Gedanken nicht zusammenhalten“ und muß in der
Richtung des geringsten Widerstandes nachgeben. Eine abnorme Steigerung der Reproduktion
hingegen wird die Aufmerksamkeitsleistung nicht unmittelbar schädigen, sondern sie nur gefährden,
und zwar dadurch, daß ihr allzuviele lockende Ziele vorgehalten werden. Sind dann — um A c h s
prägnanten Ausdruck zu gebrauchen — die determinierenden Tendenzen zu schwach, so kommt es
zur Ideenflucht. Auf eine Störung des nervösen Apparates ist es auch zurückzuführen, wenn sich an
die Vorstellungen übermäßige Gefühle anschließen. Es treten dann die Anomalien auf, die wir oben
aus der Überhöhung der Werte ableiteten, und außerdem ist eine Einengung des Bewußtseins bzw.
des Aufmerksamkeitsfeldes zu erwarten, vermutlich darum, weil die in solchen Fällen ohnedies
beschränkte psychophysische Energie einseitig der gefühlsbetonten Vorstellung zugewandt wird.

Literatur
E. D ü r r , Zur Lehre der Aufmerksamkeit. 1907.
A. M a g e r , Die Enge des Bewußtseins. 1920.

b) D i e Vo r s t e l l u n g s b e w e g u n g

Die innere Willenshandlung gliche dem Vogel im Käfig, könnte sie sich
nur in der Aufmerksamkeitsbewegung verwirklichen, sie wäre dann stets
auf das unmittelbar Gegebene beschränkt. Es ist uns aber ermöglicht,
entsprechend unseren Absichten und Willenstrieben in unseren Gedanken

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und Vorstellungen voranzuschreiten, und zwar sowohl in gebundener wie in
freier Vorstellungsbewegung.
1) D i e g e b u n d e n e Vo r s t e l l u n g s b e w e g u n g . Unter einer gebundenen
Vorstellungsbewegung verstehen wir die u n t e r d e r L e i t u n g e i n e r A u f g a b e
stehenden Gedankengänge. Hier sind namentlich drei Fragen zu
beantworten: Woher der Fortschritt? Woher die Zielstrebigkeit? Woher die
Grenzen?
Die Ausgangsvorstellung bei der gebundenen Bewegung ist die
Aufgabe. Wir haben sie schon oben als antizipierendes Schema aufgefaßt.
Mit diesem antizipierenden Schema sind sowohl die Methoden zur Lösung
der Aufgabe wie auch jene Vorstellungen assoziiert, die das Material zur
Lösung bieten. So verbindet sich mit der Aufgabe, die Jahreszinsen von
1200 Mark zu 4% zu berechnen, die bekannte Methode der Regeldetri, und
mit der dabei verwendeten Vorstellungsgruppe 4. 12 ist die Vorstellung 48
zu einem Komplex verbunden. Es fragt sich nun: wie kommt es von dem
antizipierenden Schema der Aufgabe zur Reproduktion der zugehörigen
Methode? Die Antwort wurde schon bei der Behandlung des produktiven
Denkens (S. 191 f.) gegeben: Das antizipierende Schema entfaltet sich nach
den Gesetzen der Komplexergänzung, doch unter ganz wesentlichem
Einfluß der zielstrebigen Aufmerksamkeit, d. h. also des Willens, der die
Richtung der Vorstellungsentfaltung mitbestimmt. (Vgl. S. 229 ff.) Denn
nicht alle antizipierenden Schemata sind so eindeutig mit e i n e r erfüllenden
Vorstellung verknüpft wie die als Beispiel genannte Rechenaufgabe. Sind
mehrere erfüllende Vorstellungen mit demselben antizipierenden Schema
verbunden, so entscheidet die zufällige höhere Bereitschaft (Konstellation),
welche Komplexergänzung eintritt. Dank der kontrollierenden
Relationserfassung wird nun alsbald erkannt, ob die reproduzierte
Vorstellung der Lösung der Aufgabe dient, d. h. ob zwischen den
Forderungen der Aufgabe und den Eigenschaften des Lösungsvorschlages
Gleichheit besteht. Wenn dies nicht zutrifft, müssen Methoden zur
Abänderung auftauchen und gewählt werden, oder man beginnt die
Aufgabe von neuem. Der Fortschritt in der gebundenen
Vorstellungsbewegung kommt sonach von dem Willen zur Lösung, die
Zielstrebigkeit von der im Bewußtsein festgehaltenen Absicht, und die
Grenze der Vorstellungsreihe wird entweder mit dem die Lösung
begleitenden Erfüllungsbewußtsein erreicht oder mit der Einsicht, daß die

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zur Lösung erforderlichen Vorstellungen versagen, „es fällt einem nichts
mehr ein“ oder auch dadurch, daß die Absicht zur Aufgabelösung verlassen
wird oder gar dem Bewußtsein entfällt.

Literatur
O. S e l z , Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs. 1913.
J. L i n d w o r s k y , Das schlußfolgernde Denken, II. Teil, 1916.
O. S e l z , Zur Psychologie des produktiven Denkens. 1922.

2) Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie.
a) D i e G e s t a l t u n g d e r f r e i e n Vo r s t e l l u n g s b e w e g u n g . Auch wenn wir
keine Aufgabe übernommen haben, bleiben wir doch nicht bei ein und
derselben Vorstellung stehen. Es wechseln die Bilder und die Gedanken. Wo
aber sind die treibenden Kräfte in diesem Wechsel? Wahrscheinlich ist die
psychophysische Energie, die einen Teil des zentralen Apparates soweit
erregt, daß ein Bewußtseinsvorgang eintritt, sehr labil. Eine leichte
Ermüdung, eine Verminderung der Blutzufuhr kann den augenblicklichen
Bewußtseinszustand aufhören lassen und einem anderen das Feld frei
machen. Wäre dies die einzige Bedingung des Vorstellungswechsels, so
müßte sich dieser allein aus dem Assoziationsgesetz verstehen lassen. Wir
kennen in der Tat Bewußtseinsvorgänge dieser Art. Es sind das die
Vorstellungsreihen Ideenflüchtiger.
Man sieht aber sofort, wie wenig eine solche Vorstellungsbewegung mit
der freien Gedankenfolge eines Normalen zu tun hat. Wenn wir uns ohne
jede Zielsetzung planlos unseren Gedanken überlassen, ertappen wir uns
allerdings auf mancherlei Gedankensprüngen, über die wir uns bisweilen
recht belustigen können. Aber gerade dieser Eindruck, den sie auf uns
machen, beweist, daß das Sprunghafte, Unzusammenhängende auch bei
diesen Träumereien in gewissem Sinne eine Ausnahme bildet. Etwas „Sinn“
steckt immer hinter jenen Bildern; sie dürften sogar der geradeste Zugang
zum innersten Wesen eines Menschen sein. Diesen Erscheinungen
gegenüber bleibt also zu erklären, wieso bei ihnen ein Gedankenfortschritt
zustande kommt, wodurch dessen Richtung bestimmt wird und was die
Richtungsstörungen bedingt.
Gehen wir spazieren, so mag eine Zeitlang die äußere Umgebung und ihr Wechsel allein unser
Gegenstandsbewußtsein erfüllen. Sehr bald aber wird irgendein Sachverhalt, den wir in der

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Vorstellung weiter tragen, unser Interesse erregen. Wir wenden uns ihm aufmerkend oder sogar
strebend zu, und damit wird er zum Reproduktionsmotiv, das eine neue Vorstellung weckt. Vielleicht
bietet auch diese neue Vorstellung Anziehungspunkte und damit die Bedingung zu weiteren
Reproduktionen. Das Fortschreiten in den Vorstellungen kommt also von der unwillkürlich erregten
Aufmerksamkeit her, und die Triebfeder des Ganzen ist zumeist unreflektiertes Wollen. Da sich nun
die Gegenstände des jeweiligen Interesses nach der augenblicklichen Gesamtverfassung richten und
diese beim Gesunden nicht allzu sprunghaft wechselt, so wird innerhalb gewisser Grenzen auch eine
gewisse Gleichförmigkeit und Einheitlichkeit des Gedankenganges herrschen, ganz abgesehen von
der Einheitlichkeit, die oft durch die Entstehungsgeschichte unserer Assoziationen, namentlich der
Komplexe, bedingt ist. Bisweilen erhebt sich aber auch das triebhafte Wollen zum überlegten, und
wir stellen uns inmitten unserer Träumereien und um ihretwillen Zwischenaufgaben: wir besinnen
uns oder stellen uns ein Problem, und so wird der Gedankenzusammenhang auf eine weitere Strecke
verbürgt. Da aber jene Interessen in der Regel nicht allzu groß sind, unterliegen sie, sobald sich ein
stärkerer Konkurrent erhebt. Das Nichtvorhandensein oder die Geringwertigkeit der Zwischenziele
ist auch der Grund, weshalb sich in dem Gesamtverlauf die Spuren der Assoziationen bemerklich
machen. Anderseits verrät der aus dem triebhaften Wollen stammende Richtungsfaktor in der Tat,
welche Dinge das Interesse des betreffenden Menschen erwecken.

b) F r e i e Vo r s t e l l u n g s b e w e g u n g u n d P h a n t a s i e . Die Volkssprache
hat sich des Ausdruckes Phantasie bemächtigt, hat diese „Fähigkeit“ für
alles verantwortlich gemacht, was sie mit den populären Begriffen Verstand
und Gedächtnis nicht bewältigen konnte und damit diesem Wort einen so
mannigfach schillernden Sinn verschafft, daß die wissenschaftliche
Psychologie es kaum verwerten kann. Zur Klärung fragen wir zunächst,
welche psychischen Erscheinungen auf Rechnung der Phantasie gesetzt
werden, sodann, auf welchem Wege man diese Erscheinungen verständlich
zu machen sucht, um dann unsere eigene Stellung einzunehmen.
Einer besonderen Phantasiebegabung schreibt man es zu, wenn jemand
sehr anschauliche und lebhafte Vorstellungen erzeugen kann. Weiter ist es
die „kühne Seglerin Phantasie“, die ihre unerwarteten und jeglicher Regel
Hohn sprechenden Fahrten macht. Sodann ist sie die begnadete Schöpferin
großer Werke und Erfindungen, namentlich ästhetischer Natur. Bisweilen
wird sie einfachhin dem höchsten Denken gleichgesetzt.
Allein von den Leistungen und Eigenschaften, die man der Phantasie zuschreibt, kann nur die
relative Ungebundenheit und Regellosigkeit oder auch ihr Spielcharakter allgemeine Bedeutung
beanspruchen. Denn die große Lebhaftigkeit der Vorstellungen ist entbehrlich für den
mathematischen Denker und den technischen Erfinder, den man gemeinhin auch vorwiegend mit der
Phantasie arbeiten läßt. Auch die Schöpferkraft der Phantasie braucht nicht als übermäßig groß
angenommen zu werden. Denn auch die bescheidenste Ausmalung eines geträumten Erfolges zählt
man schon unter die Phantasieleistungen. Der Vorgang also, der zu erklären bleibt, ist die Erzeugung
von Gedanken und Vorstellungskomplexen, die als solche nicht der Erinnerung entnommen, aber
auch nicht durch methodische Denkschritte gewonnen sind. Und zwar sind es Vorgänge solcher Art,
daß sich bei ihnen gelegentlich lebhafteste Anschaulichkeit und überraschende Produktivität finden
kann.

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Die Leistungen der Phantasie sucht man bald durch eine besondere
Fähigkeit, bald durch eine besondere Funktionsweise der bekannten
Fähigkeiten zu erklären. Die allzu starre Auffassung, die man von der
„Erinnerungsfähigkeit“ hatte, verlangte eine neue psychische Kraft, um jene
Bilder zu verstehen, die keine Erinnerungen waren. Andere begnügten sich
mit einer freien Verwendung der aus der Erinnerung stammenden
Vorstellungselemente. So glaubte B e r k e l e y , die Erinnerungsvorstellungen
zersetzten sich im Laufe der Zeit und würden mit Elementen aus anderen
Erinnerungen durchdrungen. Andere sehen das Wesen der Phantasietätigkeit
in der Analogiebildung: aus der Vorstellung eines gewöhnlichen Menschen
wird das analoge Bild eines Riesen. Andere glaubten mit der
Ähnlichkeitsassoziation auszukommen.
Durchmustern wir nun diese Lösungsversuche. Wir haben die Erinnerung nicht einer
geschlossenen Erinnerungsfähigkeit zugeschrieben, sondern erklärten sie aus dem Zusammenwirken
der Vorstellungen mit der Beziehungserfassung. Die Vorstellungen sind somit für uns nicht
unzertrennlich an die Erinnerung gebunden, wir können sie ebensogut für die Phantasieleistungen
heranziehen. Allerdings mit einem bloßen Zerfall der früheren Erinnerungsvorstellungen und deren
Durchsetzung mit Elementen aus anderen Erinnerungen lassen sich die Phantasieleistungen nicht
verständlich machen. Nicht einmal mit der gewiß des öfteren wirksamen Analogiebildung. Denn der
schlichteste Wachtraum ist mehr als eine einfache Umformung alter Vorstellungen und auch mehr als
eine einfache Kombination aus ihnen. Noch viel weniger reicht die Ähnlichkeitsassoziation hin, etwa
die Phantasielüge eines Kindes zu erklären. Assoziationen allein bringen niemals den bei
Phantasiestücken beobachteten Sinn zustande. Aber auch die Gleichsetzung der Phantasie mit dem
höchsten produktiven Denken kann nicht befriedigen. Denn einmal kennen wir jetzt die wichtigsten
Faktoren und Gesetze des schöpferischen Denkens und wissen, daß sie sich auch in einem ganz
nüchternen und methodischen Gedankengang betätigen können, der mit Phantasie durchaus nichts
gemein hat. Anderseits ist die höchste Art des produktiven Denkens, wie wir sahen, durchaus kein
Wesenszug der Phantasie. Eine neue Auffassung der Phantasieleistung hat J. S e g a l versucht:
Phantasie sei „ein Denken, Fühlen und Wollen in vorgestellten Situationen mit Wirklichkeits- und
Gegenwartscharakter“. Eine sehr bestechende Definition. Aber dann „phantasiert“ der Klavierspieler
nicht, solange er sich seiner wirklichen Situation bewußt bleibt.

Vielleicht kommen wir zu einem wissenschaftlich brauchbaren Begriff,
wenn wir die Phantasietätigkeit als die A u s f ü l l u n g e i n e s n i c h t
v o l l s t ä n d i g s p e z i a l i s i e r t e n a n t i z i p i e r e n d e n S c h e m a s definieren. Diese
Definition läßt eine engere und eine weitere Betrachtungsweise zu. Im
e n g e r e n Sinne würde darunter die anschauliche Ausführung eines
einzelnen weniger determinierten Schemas verstanden. Dem Künstler ist
z. B. das Thema: „frische Rosen“ gegeben. Dieses Schema ist nach Zahl,
Maß, Farbe, Gestalt usw. unbestimmt. Ein nur technisch befähigter Maler
könnte es wegen dieser Vagheit nicht aus eigenem ausfüllen. Dem wahrhaft

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Phantasiebegabten, dem Erfinder (vgl. S. 195 f.) füllt sich das Schema von
selbst.
Im w e i t e r e n Sinne gestattet unsere Definition die P h a n t a s i e t ä t i g k e i t
mit der soeben beschriebenen freien Vo r s t e l l u n g s b e w e g u n g zu
identifizieren. In der freien Vorstellungsbewegung haben wir einen
Komplex scharf umschriebener Bedingungen, die sich sonst nirgendwo so
zusammenfinden: die erkennenden Funktionen außerhalb einer straffen
Gesamtaufgabe und unter dem Einfluß des triebhaften Wollens und der
Assoziationen. Damit ist, wie wir gezeigt haben, der spielhafte, teils
ungebundene, teils gebundene Gedankenfortschritt gegeben. Gebunden
wird er immer dann, wenn eine Zwischenaufgabe für den Augenblick zum
Willensziel wird, doch so, daß der ganze Vorstellungsverlauf nicht in feste
Regeln eingeschlossen ist. In der freien Vorstellungsbewegung ist auch
Gelegenheit zu Neubildungen. Zum kleineren Teil dürften diese aus den
Zufälligkeiten der assoziativ bedingten Reproduktionsvorgänge stammen.
Den größeren Teil liefern sicher die Relationserfassungen und die
Annahmen. Die letzteren werden als willkürliche Verbindungen beliebiger
Gegenstände zum antizipierenden Schema für die Reproduktion
anschaulicher Vorstellungen: wie ein gezeichnetes Stickmuster geben sie
den Ort im Bewußtsein an, wo sich die anschauliche Begabung des
Individuums auswirken kann. Unsere Auffassung läßt also die
Anschaulichkeit zu ihrem Rechte kommen. Wir begreifen jetzt aber auch,
daß man das produktive Denken in so enge Beziehung zur Phantasie
gebracht hat: Wie sich bei den Schlußuntersuchungen herausstellte, stehen
uns für das fortschreitende Denken, auch wenn es von einer ganz
bestimmten Aufgabe beherrscht wird, nur wenige spezialisierte Methoden
zur Verfügung. Darum muß auch das ernste Denken streckenweise
phantasiemäßig arbeiten, wie umgekehrt die Phantasie streckenweise
aufgabenmäßig vorgeht. Die außergewöhnlichen schöpferischen Leistungen
der großen Dichter und Künstler sind zwar der Phantasie nicht wesentlich,
gedeihen aber auf dem Boden der von uns genannten Bedingungen, sobald
noch die eine oder die andere Sonderbedingung hinzutritt. Große
Lebhaftigkeit der Vorstellungen, tiefes Gefühl und Raschheit der
Vorstellungsbewegung scheinen die wichtigsten davon zu sein, die bald
einzeln, bald zusammen das Phantasieleben des gottbegnadeten Künstlers
über das anderer Sterblicher hinausheben. Sehr oft wird diese Begabung
noch durch besondere Studien unterstützt. Man erzählt von manchen

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Dichtern, daß sie schon in früher Jugend sich in der Weltliteratur sehr wohl
auskannten, wodurch natürlich ihr Vorstellungsschatz mit einer Unzahl von
Motiven, Bildern und Wendungen bereichert war. Von Mozart ist es
nachgewiesen, wie sehr sein Schaffen durch die zeitgenössische Musik
befruchtet wurde. Was endlich die oft bewunderte geheimnisvolle
Entstehung so mancher künstlerischen Konzeption betrifft, die dem
Menschen eher eingegeben als von ihm selbst hervorgebracht zu sein
scheint, so sind uns heute doch schon die ersten Spuren dieser verborgenen
Wege des Genius sichtbar: Zumeist hat sich der Künstler schon längere Zeit
mit seinem Plan getragen, ohne daß ihm eine befriedigende Ausführung
kommen wollte. Doch die Arbeit war nur scheinbar vergebens. Er hat so
eine Menge von dienlichen Vorstellungen in Bereitschaft gesetzt, die je und
dann seinen Geist beschäftigten. Eines Tages blitzt ihm eine neue
Beziehungserfassung auf: eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit, ein Gegensatz
usf. Wir sahen, daß solche Beziehungserfassungen aufleuchten können,
noch bevor ihre anschaulichen Fundamente klar bewußt sind. Der
Erlebende kann darum auch nicht sagen, wie er auf den Gedanken kam.
Aber es bleibt nicht bei dem abstrakten Gedanken; er ist nur das
antizipierende Schema, in das jetzt mit Macht die anschaulichen
Vorstellungen drängen: kein dürres gedankliches Gerippe, sondern
lebendiges Fleisch und Blut steht vor der Seele. Nur selten wird es ob der
nachdrängenden Bilder gelingen, den einleitenden Beziehungsgedanken zu
erhaschen, und die eigene Schöpfung wird dem Meister wie ein gnädiges
Geschenk, eine köstliche Inspiration einer huldvollen Muse erscheinen.

Literatur
Th. R i b o t , Die Schöpferkraft der Phantasie. 1902.
R. M ü l l e r - F r e i e n f e l s , Psychologie der Kunst I, 1912.
H. H e n n i n g , Experimentelle Untersuchungen zur Denkpsychologie I. ZPs 81 (1919).

[10] Zur Auffassung der tierischen Instinkte vgl. m. „Umrißskizze zu einer
theoret. Psychologie“, S. 41 ff.

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IV. B u c h
DIE VON DER
GEMEINSCHAFT
BEEINFLUSSTEN
SEELISCHEN LEISTUNGEN
Die bisher besprochenen höheren seelischen Leistungen würden sich im
wesentlichen in gleicher Weise herausbilden, ob der Mensch nun vereinzelt
oder in Gemeinschaft lebte. Nicht so die noch höher stehenden
komplizierten Leistungen, von denen im folgenden die Rede sein soll. Sie
würden zwar auch beim Einzelnen nicht völlig ausbleiben; denn die
Einzelseele trägt die Befähigung zu ihnen in sich, und nichts ist törichter,
als ihr Entstehen einer phantastisch ersonnenen Gemeinseele
zuzuschreiben. Allein die frühzeitige Anregung, die wirksame Förderung
und die eigenartige Beeinflussung dieser Leistungen geht nur von der
Masse aus: so wie sie nun einmal sind und wurden, sind und wurden sie nur
durch das Zusammenwirken vieler Menschen. Sprache, Sitte, Kunst und
Religion sind die bedeutsamsten dieser Massenleistungen. Unsere
Darstellung muß sich darauf beschränken, die wichtigsten Probleme aus
diesen vier Gebieten zu nennen. Denn so umfangreich auch naturgemäß die
bisherigen Untersuchungen auf diesen Gebieten ausgefallen sind, so wenig
können diese jüngsten Zweige der Psychologie ausgereifte Früchte
darbieten.

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ERSTER ABSCHNITT
Die Sprache

1. D i e L e i s t u n g e n d e r S p r a c h e

Die Frage nach den Leistungen der Sprache ist kein ausschließlich
psychologisches Problem, auch der Biologe und der Philologe kann sie
aufwerfen. Sie muß aber zur allgemeinen Orientierung an die Spitze der
psychologischen Untersuchung gestellt werden, wie sich alsbald zeigen
wird. Die Sprache hat nach B ü h l e r s [11] trefflicher Unterscheidung eine
dreifache Aufgabe: k u n d z u g e b e n , was in der Seele des Sprechenden
vorgeht; a u s z u l ö s e n im Hörenden, was an seelischen Vorgängen der
augenblicklichen Lage entspricht, und Sachverhalte d a r z u s t e l l e n , die der
Sprechende erfaßt hat. Das Letztgenannte, die Erfassung des Sachverhaltes
durch den Sprechenden, halten wir für einen notwendigen Zusatz, um zu
einer Leistungsdefinition der Sprache zu kommen, die diese von den im
Effekt gleichen Leistungen eines mechanischen Apparates oder den
Dressurleistungen der Tiere unterscheidet.

2. D i e E n t s t e h u n g d e r S p r a c h e

Man hat es sich auf verschiedene Weise zurechtgelegt, wie der Mensch
aus einem sprachlosen Zustand in den sprachbegabten kommen könne.
Ganz unpsychologisch dachte zunächst die E r f i n d u n g s t h e o r i e an die
absichtliche Beschaffung von Darstellungsmitteln. Die
N a c h a h m u n g s t h e o r i e hingegen sah den Ursprung der Sprache in der
Nachahmung der Dinge durch die Worte, was natürlich nur für einen
verschwindend kleinen Teil der Worte zutreffen kann. Endlich die
N a t u r l a u t t h e o r i e glaubt, beim Anblick bestimmter Dinge seien zufällig
oder aus einem Gefühlsdrang heraus naturhafte Laute ausgestoßen worden;
diese hätten sich dann mit der Vorstellung jener Dinge fest assoziiert, so daß
diese Vorstellungen jene Laute und die Laute hinwiederum die
Vorstellungen ins Bewußtsein riefen.

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Man braucht solche Theorien über Vorgänge, von denen uns jede Kunde
für immer versagt bleibt und die man auch nicht, etwa durch die
Abschließung normaler Kinder von jeder sprachlichen Beeinflussung,
willkürlich herbeiführen wird, nicht für müßige Spielereien zu halten. Sie
haben Wert, wenn nicht nach dem tatsächlichen, historischen, sondern nach
dem psychologisch möglichen Verlauf gefragt wird. Läßt sich die
Entstehung der Sprache aus den uns bekannten Gesetzen und Funktionen
restlos ableiten? Die Unzulänglichkeiten, die sich bei der Beantwortung
dieser Frage vielleicht herausstellen, offenbaren dann die noch vorhandenen
Lücken unseres Wissens. Fragt man so, wie eben gesagt, dann wird man die
beiden methodischen Grundfehler der genannten Theorien vermeiden: Man
wird sich nicht auf e i n e psychische Funktion oder eine einzige
Gesetzmäßigkeit zur Lösung des Problems festlegen. Man wird zweitens
auch nicht einseitig die Darstellungsfunktion der Sprache ins Auge fassen.
Die E n t s t e h u n g d e r K u n d g a b e f u n k t i o n ist dann wohl an erster Stelle zu
besprechen. Wir finden ja diese Funktion bei den Tieren, die ihrer Freude, ihrer Furcht, ihrem
Schmerz, ihrer Erwartung usf. lebhaften und ziemlich eindeutigen Ausdruck geben können, ohne sich
einer wahren Sprache zu erfreuen. Die Kundgabe ist also das Einfachere und Frühere an der Sprache.
Ihre Mittel sind die A u s d r u c k s b e w e g u n g e n . Damit bezeichnet man zunächst unwillkürliche
Bewegungen, die sich bei Gemütsbewegungen von selbst einstellen, wie Freuden- und
Schmerzensrufe, die Mimik des Gesichtes, Bewegungen der Gliedmaßen und die Haltung des ganzen
Körpers. Viele der Ausdrucksbewegungen sind angeboren. Sie finden sich bei allen Menschenrassen
in der gleichen Weise. Andere sind ohne jede Absicht von der Umgebung übernommen und darum
oft nach Stämmen oder gar Familien verschieden. Wir teilen die Ausdrucksbewegungen ein in die
unmittelbaren oder reflektorischen und in die übertragenen. Die u n m i t t e l b a r e n , wie
Herzklopfen, Erröten, Bewegungsdrang und schließlich Hemmung der Funktionen, erklären sich am
einfachsten als Ausstrahlungen der durch den Affekt verursachten Erregung. Diese ist allen Affekten
gemeinsam ohne Rücksicht auf deren Qualität und bewirkt auch bei allen, wenn sie eine gewisse
Intensitätsstufe erreichen, eine Hemmung oder Lähmung der anderen Funktionen. Die
ü b e r t r a g e n e n Ausdrucksbewegungen sind ursprünglich zweckmäßige, aber für eine andere
Situation bestimmte Bewegungen, t e i l s a n g e b o r e n , wie das Mundspitzen beim süßen
Geschmack, das diesen möglichst auszukosten erlaubt, oder die Flucht- und Abwehrbewegungen
beim Tiere, t e i l s e r w o r b e n , wie das Ballen der Fäuste. Die angeborenen denkt man sich nun
auf assoziativem Wege übertragen: das gleiche wohlige Befinden führt assoziativ das nämliche
Mundspitzen herbei wie der süße Geschmack, der unangenehme Eindruck unlieber Erfahrungen das
Mundöffnen wie zum Ausstoßen des bitteren Reizes. Die erworbenen dagegen stellen sich teils
assoziativ, teils triebartig ein. Man befindet sich ja in einer Lage, wo solche Bewegungen sehr
angebracht sind. Daß diese Lage zumeist nur in der Vorstellung besteht, tut wenig zur Sache, und
außerdem bleibt, wenn z. B. das Niederschlagen des Gegners in Wirklichkeit nicht möglich ist, die
dazu führende Teilhandlung des Fäusteballens immer noch ein sehr wünschenswertes Ziel.
Die Ausdrucksbewegungen erfüllen nun sehr leicht die F u n k t i o n d e r A u s l ö s u n g .
Reflektorisch werden die Sinnesorgane auf sie eingestellt, und unwillkürlich richtet sich auch die
innere Aufmerksamkeit auf sie. Rein assoziativ können sodann gewisse angeborene Äußerungen
ihnen ähnliche und damit auch die zugehörige Stimmung beim Zuhörer oder Zuschauer auslösen: ein

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Hund oder ein kleines Kind, dem man weinerlich zuredet, fängt an zu winseln bzw. zu weinen.
Endlich vermöge seiner Relationserkenntnis erfaßt der Mensch die Gleichheit solcher Äußerungen
mit denen, die er selbst früher getan, und erschließt unschwer nach dem Verfahren bei
Zusammenhangsrelationen den seelischen Zustand in dem Mitmenschen oder im Tier. Sobald dieses
Verständnis einmal gewonnen ist, kann ein Verhalten willkürlich eingeschlagen werden, sowohl zum
Zwecke der Auslösung wie der D a r s t e l l u n g . Und das ist der berechtigte Kern der
Naturlauttheorie. Er schließt die Nachahmungstheorie für alle jene Fälle nicht aus, wo es überhaupt
möglich war, die Dinge durch Laute nachzuahmen, was der Mensch vor jeder Darstellungsabsicht
aus reiner Freude an der spielerischen Nachahmung üben konnte. Wichtiger und früher als die
Erfindung von Worten wird die Entdeckung von Darstellungsmitteln sein, wie sie uns die
Kinderpsychologie schildert: ein kleines Kind will mit einem Löffel im Sande einen geraden Strich
ziehen, wird aber wegen seiner schwachen Kräfte in die krumme Linie abgedrängt, kommt auf diese
Weise zufällig zu einem geschlossenen Oval und ruft plötzlich freudestrahlend aus: „agag“ — es hat
ein Darstellungsmittel für das Ding „Ei“ entdeckt (K r ö t z s c h ). Auch der Zufall wird gerade wie
bei der Entwicklung der Kindersprache eine bedeutsame Rolle spielen: P r e y e r s Kind schnappte
das Wort burtsa (Geburtstag) auf, ohne es natürlich zu verstehen, und verwandte dieses Wort fortan,
wo immer es etwas Freudiges gab. So kann auch der Urmensch Laute, die er beim erstmaligen
Anblick eines Dinges zufällig vernahm, willkürlich zum Namen dieses Dinges gemacht haben. Das
sind auf jeden Fall mögliche Wege der Sprachentstehung.

3. D i e S p r a c h e n t w i c k l u n g

Auch für diese Problemgruppe ist uns die Kinderpsychologie ein
besserer Führer als die Geschichte, wenigstens insoweit es sich um die
ersten Entwicklungsstufen handelt. Erscheinen zuerst die Worte oder die
Sätze? Der äußeren Form nach verwendet das Kind zuerst nur Worte, aber
seine Worte haben den Sinn von Sätzen, und zwar verwendet es bis in die
Mitte des zweiten Jahres mit bewunderungswürdiger Gleichförmigkeit nur
Einwortsätze, wie „tul“ (ich will auf den Stuhl); von da ab eine Zeitlang nur
Zweiwortsätze, bis es dann zu den Mehrwortsätzen übergeht. Ganz ähnlich
wird man sich die sprachlichen Anfänge der Menschheit zu denken haben,
nur daß das Bedürfnis zur Dingbenennung ein größeres war. Wenn wir so
den Satz an den Anfang der Entwicklung stellen, so bestimmen wir das
Wesen des Satzes nicht nach der eigenartigen Gliederung in Subjekt und
Prädikat, die er im weiteren Verlauf der Entwicklung gewinnt, sondern nach
seiner Leistung, indem wir uns das Wort B ü h l e r s zu eigen machen: „Sätze
sind die einfachen, selbständigen, in sich abgeschlossenen
Leistungseinheiten oder kurz die Sinneinheiten der Rede.“ Da aber die
Sätze zunächst wohl nur in einem einzigen Wort ihren Ausdruck finden, so
steht hinsichtlich der sprachlichen Form das Wort am Anfang der
Entwicklung.

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Für die weitere Entwicklung der Wörter geben uns die beim Kinde beliebten, oft sehr treffenden
und originellen Zusammensetzungen einen Fingerzeig. So bezeichnet ein Kind namens Hilda mit
„mama-bäh“ ein altes und mit „ilda-bäh“ ein junges Schaf. Die Gleichheit der Wortformen
bestimmter Gruppen versteht man aus der schon oben (S. 173) erwähnten Verselbständigung und
Loslösung des Wortschemas. Dieser Prozeß offenbart sich beim Kinde, wenn es Wörter bildet wie
„mappler“ (Bote mit Mappe), „die rauche“ (Zigarre), die „summe“ (Biene), oder die Komparative
„güter“, „vieler“, „hocher“, die es gewiß nicht von den Erwachsenen gehört hat.
Endlich ist das Problem der S p r a c h ä n d e r u n g zu nennen, und zwar der Wortlaut- wie der
Bedeutungsänderung, insofern beide nicht durch äußere Bedingungen, wie das Zusammentreffen mit
anderssprachigen Völkern, zu erklären sind. Der Lautwandel kann sich auf alle Teile des Wortes
erstrecken, auf die Vokale, Konsonanten, die Quantitäten, Tonhöhen und Akzente, und endlich auf die
Wortmelodie. Vorerst können wir jedoch nur auf einige psychologische Gesetzmäßigkeiten
hinweisen, die bei der Lautveränderung mitspielen. Die Perseveration der Vokale, die sogar bei der
Wortwahl in der geordneten Rede zu beobachten ist, wird daran schuld sein, daß in den ural-
altaischen Sprachen das Suffix denselben Vokal annimmt wie die Stammsilbe. Die enge Verbindung
des Lautbildes mit den motorischen Einstellungen bzw. den Sprechbewegungen, verbunden mit der
Tatsache, daß sich die Aufmerksamkeit einem späteren Wortbestandteil zuwendet, kann bewirken,
daß aus subcurro succurro, aus dem lateinischen octo das italienische otto wird; wenigstens finden
sich beim Verschreiben ganz analoge Fälle, die auf Grund der Selbstbeobachtung die genannte
Erklärung fordern. Die oft erwähnte Analogiebildung — nach dem regelmäßigen „des Tags“ wird das
grammatisch minder richtige „des Nachts“, nach septentrionalis meridionalis statt meridialis gebildet
— ist nichts anderes als die soeben genannte Loslösung des Schemas: je häufiger eine Wortform ist,
um so mehr sucht sie sich die weniger gebrauchten anzugleichen. Endlich die Kontamination (aus die
Fohle und das Füllen wird das Fohlen) ist uns schon als assoziative Mischwirkung (S. 172) bekannt.
Über den Lautwandel hingegen, wie ihn das Gesetz der germanischen Lautverschiebung ausspricht,
läßt sich noch nichts Überzeugendes sagen.
Die genannten beim Lautwandel wirksamen psychischen Faktoren sind individual-
psychologischer Natur, d. h. sie würden sich geltend machen, wenn auch die Umgebung nicht auf den
Sprecher einwirkte. Anders ist es beim B e d e u t u n g s w a n d e l . In der Regel geht der
abweichende Gebrauch eines Wortes wohl von einem einzelnen aus, wird dann aber von der
Umgebung übernommen, sei es, weil die dargebotene Neuheit gefällt oder einem oft gespürten
Bedürfnis entspricht, wenn etwa die Zeitverhältnisse einen neuen Begriff ausgebildet haben, für den
noch kein Wort besteht, sei es, weil die Neubildung Mode wird. Eine andere Frage indes ist die,
welche psychologischen Gesetze den Bedeutungswandel selbst regeln. Hier betont man besonders die
Ähnlichkeitsbeziehung und die Berührungsassoziation. Eine Ähnlichkeits- oder
Gleichheitsbeziehung wird erfaßt, wenn man von dem „Kopf“ des Salates, den „Augen“ des Würfels
spricht. Eine Berührungsassoziation hingegen ist am Werk gewesen, als die Münze von den Römern
moneta genannt wurde, weil die römische Münzstätte neben dem Tempel der Juno Moneta lag.
Freilich hat die Berührungsassoziation in solchen Fällen nur die Vorarbeit geleistet, indem sie die
Vorstellung des Tempels und seines Namens dem vom Geld Sprechenden nahelegte. Die Bedeutung
ist hier schon vorhanden; das Wort, das sie einfangen soll, muß gefunden werden. So gewinnen
bisweilen auch Synonyma einen verschiedenen Sinn, wenn ihre Bedeutung sich aufspaltet und nach
einer neuen Bezeichnung verlangt.

Literatur
W. W u n d t , Völkerpsychologie, Die Sprache. 1904.
C. u. W. S t e r n , Die Kindersprache. 1907.

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H. W e r n e r , Vom Ursprung der Metapher. 1920.

[11] Vgl. K. B ü h l e r , Kritische Musterung der neueren Theorien des Satzes.
Indog. Jahrbuch 1918, und: Vom Wesen der Syntax in „Idealistische
Neuphilologie“, 1922.

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ZWEITER ABSCHNITT
Die Sitte

1. G e b r ä u c h e

Gebräuche pflegt man mitzumachen, ohne sich über sie Rechenschaft
zu geben. Ein Beispiel: In einer protestantischen Kirche Norddeutschlands
war es Brauch, nach dem Empfang des Abendmahles nach einer
bestimmten Richtung hin eine Verbeugung zu machen. Kein Mensch hätte
einen vernünftigen Grund für diese Zeremonie angeben können, aber
niemand fragte auch nach einem solchen. Seit undenklichen Zeiten hatten
alle Glieder der Gemeinde diese Verbeugung mit der geziemenden
Ehrfurcht wiederholt. Was dem Psychologen daran auffallen muß, ist die
Irrationalität, die Gleichförmigkeit und die Dauerhaftigkeit dieser
Verhaltungsweise. Daß das menschliche Verhalten überhaupt irrational sei,
läßt sich aus solchen Vorkommnissen nicht schließen. Denn in der Regel
war es früher einmal recht zweckmäßig oder in sich begründet. Die
Irrationalität kommt nur dadurch hinein, daß ein früher angemessenes
Verhalten zur bleibenden Gewohnheit wird, auch wenn der begründende
Anlaß geschwunden ist. So entdeckte man bei einer Restauration jener
Kirche unter der Tünche ein Marienbild, und der Ursprung jener
eigentümlichen Sitte aus der vorreformatorischen Zeit lag offen zur Schau.
Aber warum hält man solche Gebräuche bei, auch wenn sie keinen Sinn
mehr haben? Zum Teil und anfangs ist die mechanische Gewohnheit schuld.
Der Kampf gegen eine äußere Gewohnheit ist unlustvoll. Außerdem wird
die Gewohnheit als solche, wie die Willensexperimente gezeigt haben, zu
einem wirklichen Beweggrund, einem äußeren Motiv: sich gleichförmig zu
bleiben ist ein eigentlicher Wert. Der neu Hinzukommende fügt sich dem
Brauch teils in gedankenloser Nachahmung, teils um nicht aufzufallen oder
anzustoßen, teils weil er sich sagt: wenn man mir auch keinen inneren
Grund anzugeben vermag — es wird schon seinen Grund haben. Dazu
kommt die relative Unwichtigkeit der Sache: es kostet in der Regel wenig
Mühe, sich einem Brauch zu fügen, und die eigenen Lebensinteressen

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lassen für den Kampf gegen solche Dinge keinen Raum. Es braucht also
einen außergewöhnlichen Anlaß oder einen allgemeinen Umsturz, um
irrationale Gepflogenheiten zu beseitigen. Doch nur ganz selten sind sie
völlig irrational. Sehr oft haftet ihnen wenigstens ein ästhetischer Wert an.
Und fast immer wird der Brauch zum Träger oder doch zum
Reproduktionsmotiv für gewisse festliche Stimmungen, und damit gewinnt
er ein Recht aufs Dasein trotz aller sonstigen Irrationalität.

2. D i e K o n s t a n z d e r K u l t u r

Das Verständnis für die Konstanz der Gebräuche läßt auch die
merkwürdige Tatsache begreiflicher erscheinen, daß ein Volk auf einer
verhältnismäßig niedrigen Kulturstufe stehen bleiben kann, obwohl es in
seiner geistigen Veranlagung das Prinzip zu immer weiterem Fortschritt in
sich trägt. Beispiele dafür bietet bei jeder Nation die bäuerliche
Bevölkerung, sodann namentlich das chinesische Volk, in ganz auffallender
Weise aber die sog. primitiven Völker. Alle die Faktoren, die wir soeben
nannten, sind auch hier am Werk. Nur darf man auch das niedere
Kulturleben nicht als irrational auffassen. Es verkörpert vielmehr eine
beträchtliche Menge ganz hervorragender Werte, die man erst dann würdigt,
wenn man es mit der Lebensweise der höchststehenden Tiere vergleicht.
Und diese Werte: auskömmliche Nahrung, Kleidung und Schutz, sowie die
Befriedigung der elementarsten seelischen Bedürfnisse sind der eigentliche
Grund, weshalb kein weiterer Fortschritt mehr gemacht wird: es liegt keine
Not, kein Bedürfnis vor, das zur Anstrengung der erfinderischen Gaben
zwänge. Kein Fortschritt sodann ohne Relationserfassung. Aber diese ist in
einem abgeschlossenen Kreise sehr bald nicht mehr möglich. Denn die
nächstliegenden Beziehungen sind schon alle erfaßt, und vor der Einsicht in
die entfernteren bewahrt die assoziative Bahnung, die durch die
Überlieferung der Einsichten anderer wie durch die Gewohnheiten und
Gebräuche geschaffen wurde. Je mehr solche Kreise durch die Natur oder
den eigenen Wunsch vom fremden Wissen abgeschlossen bleiben, je
seltener ihnen somit die Fundamente zu neuen Beziehungserfassungen
geboten werden, um so stabiler wird ihr Kulturzustand bleiben. Darum ist
auch der Gang der Kulturentwicklung selten ein rationaler, sondern durch
Zufälligkeiten bedingt: das zufällige Zusammentreffen mit Vertretern

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höherer Kulturkreise, nicht der innere Gang der Entwicklung, ist oft für die
Richtung des weiteren Fortschrittes maßgebend.
Ob damit auch der ethische Entwicklungsstillstand zu erklären ist? Die
Frage ist heute noch nicht spruchreif. Sollten nicht die sozialen Bedürfnisse
einerseits, die Zugeständnisse an die menschliche Schwachheit anderseits
häufig den Anstoß zur Bildung gewisser religiöser Meinungen gegeben
haben, die zwar jenen Bedürfnissen gerecht wurden, aber auch der sittlichen
Höherentwicklung den Riegel vorschoben?

Literatur
E. F r a n k e , Die geistige Entwicklung der Negerkinder. 1915.
C. u. W. S t e r n , Die Kindersprache. 1907.
A. V i e r k a n d t , Die Stetigkeit im Kulturwandel. 1908.

3. R e c h t u n d S i t t l i c h k e i t

In jeder Gemeinschaft von Menschen gelten gewisse Satzungen als das
R e c h t dieser Gemeinschaft. Man mag sie mit E b b i n g h a u s als
Zwangsbestimmungen auffassen, die die Gesellschaft zur Sicherung ihres
eigenen Bestandes getroffen hat. Damit ist das fundamentalste Interesse,
das der Psychologe an ihnen hat, erschöpft. Denn die psychischen Kräfte,
die zu solchen Bestimmungen führen, sind uns bekannt.
Beziehungserfassungen, die anfangs sehr unzulänglich sind und durch
beständige Korrekturen präzisiert und erweitert werden müssen, und der
Trieb zur Selbsterhaltung wie zur Erhöhung des Lebensgenusses reichen zu
ihrer Erklärung hin. Wichtiger jedoch sind folgende Tatsachen. Ganz
abgesehen von den Rechtsbestimmungen der Gemeinschaft, werden
gewisse Handlungen, und mögen sie auch nur innere Willensakte sein, für
e r l a u b t , andere für nicht erlaubt gehalten, und manche der erlaubten gelten
als g u t , während alle nicht erlaubten als b ö s e beurteilt werden. Und zwar
werden diese Urteile einschränkungslos gefällt. Ferner fühlen wir uns
bedingungslos zu gewissen guten Handlungen v e r p f l i c h t e t und von der
Vollbringung böser abgeschreckt. Über beides belehrt uns unser G e w i s s e n .
Die Stimme dieses Gewissens lautet wenigstens in seinen elementarsten
Forderungen bei allen Menschen aller Zeiten und aller Rassen gleich, in

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Einzelfällen jedoch kann dem einen eine Tat als sittlich erscheinen, die dem
anderen ein Greuel ist.
Mit den genannten Erscheinungen befaßte sich bisher vor allem die E t h i k , während sie
neuerdings von manchen Psychologen als zu ihrem Gebiet gehörig beansprucht werden.
Pflichtbewußtsein, Gewissen und Gewissensbisse, Befriedigung und Reue sind nun zweifellos
seelische Vorkommnisse, über deren Entstehung zunächst der Psychologe Auskunft geben muß. Aber
gehört auch das ganze System der ethischen Sätze in die Psychologie? Das wird wohl ganz von dem
Ursprung dieser Sätze abhängen. Sind sie in der Hauptsache von nicht-seelischen Sachverhalten
abstrahiert, so fallen sie außerhalb des Rahmens der Psychologie geradeso wie die Sätze der
Mathematik, der Völkerkunde, des Rechts. Sind sie aber nur aus dunklen Gefühlen, angeborenen
Instinkten und undurchsichtigen latenten Einstellungen hervorgegangen, dann muß die Psychologie
über jeden einzelnen von ihnen Rechenschaft geben, und die Ethik wäre höchstens eine
Zusatzwissenschaft der Psychologie, die gewissermaßen das Inventar dieser Sitze aufzunehmen und
über die zwischen ihnen obwaltenden Beziehungen zu spekulieren hätte. Trifft jedoch diese
Auffassung nicht das Richtige, dann hat der Psychologe nur die allgemeinen Quellen zu bezeichnen,
denen die ethischen Einsichten — denn das müssen sie in diesem Falle sein — entspringen, und die
auffallendsten Züge des sittlichen Lebens verständlich zu machen.
Es wäre nun mit keinerlei Tatsachen zu belegen, wollte man das sittliche Bewußtsein aus einem
apriorischen sittlichen Gefühl ableiten. Gefühle bauen sich ja immer auf Erkenntnisgrundlagen auf.
Schon eher könnte man etwa wegen der bei Tieren zu beobachtenden Anhänglichkeit zwischen Alten
und Jungen an Instinkte denken. Und zweifellos ist auch die menschliche Eltern- und Kindesliebe
von instinktiven Trieben stark gefördert. Allein der Instinkt — und dasselbe gälte von ererbten oder
anerzogenen Gewohnheiten und latenten Einstellungen — verleiht wohl eine triebhafte Neigung zu
einer bestimmten Verhaltungsweise, sowie eine gewisse Sicherheit und Gleichförmigkeit in ihr, aber
niemals das Bewußtsein der Verpflichtung. Hingegen lassen sich alle fundamentalen sittlichen
Gebote aus dem gegebenen Sachverhalt der Notwendigkeit zu leben und leben zu lassen als
Beziehungserkenntnisse gewinnen. Aber damit ist nur der Inhalt dieser Gebote, nicht der Charakter
a b s o l u t e r Ve r b i n d l i c h k e i t gegeben. Dieser erklärt sich hinreichend aus der allgemein
menschlichen Überzeugung von einer übernatürlichen, göttlichen Macht, deren Werk diese Welt
mitsamt der auf ihr lebenden Menschheit ist, eine persönliche, allwissende Macht, die es nicht duldet,
daß ihr Werk durch einen Frevler ungestraft gefährdet wird. So ist der tiefste G r u n d a l l e r
S i t t l i c h k e i t der absolute Wille zur Erhaltung der realsten Werte, und die E r k e n n t n i s q u e l l e
für die sittlichen Gebote ist darum keine andere als die von Gott geschaffene Natur. So erklärt sich
die Gleichförmigkeit des sittlichen Bewußtseins in den Grundanschauungen und die Abweichungen
gegenüber verwickelteren Verhältnissen. Das G e w i s s e n ist dann nichts anderes als das lebendige
Wissen von dem, was sittlich gut ist. Es spielt dieselbe Rolle wie die Aufgabe im psychologischen
Versuch und kann wie diese bald bewußt, bald dem Bewußtsein entschwunden, bald ganz, bald
teilweise bewußt sein. Die Erscheinungen der Reue und des guten Gewissens bedürfen von diesem
Standpunkt aus keiner besonderen Erklärung. Das Gefühlsmäßige an der Reue kann allerdings oft
höchst irrational sein. Das wäre nicht recht zu verstehen, wenn das Gefühl eine unmittelbare Antwort
der Seele auf die vorausgehende Einsicht wäre, begreift sich aber sehr leicht auf Grund der oben
dargelegten Theorie der höheren Gefühle, die der Zufälligkeit der assoziativen Verkettungen einen
beträchtlichen Spielraum zuweist. Darum kann es einen Menschen bis an sein Lebensende bitter
schmerzen, wenn er sich vielleicht einer durchaus entschuldbaren Härte gegen ein Tier erinnert,
während er schwerwiegender sittlicher Verfehlungen zwar mit Mißbilligung, doch höchst gelassenen
Gemütes gedenkt. Ein anderes irrationales Moment schleicht sich in unser sittliches Handeln dadurch
ein, daß die Güte oder die Verwerflichkeit einer Willenshandlung auf die äußere Tat bezogen wird
statt auf den inneren Willensakt. Die äußere Tat wird darum in diesem Falle entweder mit frommer

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Scheu beibehalten oder mit heiligem Entsetzen gemieden, auch wenn sie durch die veränderten
Umstände zwecklos oder sittlich gleichgültig geworden. Dabei trägt außer der falschen Beziehung
des sittlichen Charakters auf die äußere Handlung auch die aus der Gewöhnung stammende Lust
bzw. die mit der Verleugnung einer Gewöhnung verbundene Unlust ihren Teil der Schuld an der
Entstehung eines sittlich irrationalen Verhaltens.

Literatur
V. C a t h r e i n , Moralphilosophie⁵. 1911.

Page 270

DRITTER ABSCHNITT
Die Kunst

Vorbedingung und Quelle des Kunstschaffens ist der Kunstgenuß. Erst
wenn wir das Schöne und den Genuß des Schönen verstanden haben,
können wir die Frage nach der Entstehung der Kunst aufwerfen.

1. D a s S c h ö n e

Die Ansicht, daß es eine absolute Schönheit gebe, findet heute keine
Verteidiger mehr. Das braucht indes niemand zu erschrecken; denn es
handelt sich bei der Aufstellung dieses Satzes nicht darum, die Welt um
einen absoluten Wert ärmer zu machen, sondern um eine ganz schlichte
Bedeutungsanalyse des Wortes „schön“. „Schön“ besagt eben, wie F e c h n e r
richtig betonte, etwas wesentlich Relatives, geradeso wie „heilsam“. Es war
darum den Vertretern der absoluten Schönheit niemals möglich, diesen
Begriff zu bestimmen, ohne die Beziehung auf das genießende Subjekt
heranzuziehen. Wer den Versuch macht, greift gern nach dem Begriff
„vollkommen“, wird aber nicht geneigt sein, etwa eine vollkommene Kröte
schön zu finden. Schön ist also das, was gefällt, was einen „ästhetischen
Eindruck“ hervorruft.

2. D e r ä s t h e t i s c h e E i n d r u c k

Man ist sich darüber einig, daß das Schönheitserlebnis ein
uninteressiertes Gefallen ist, eine Freude an einem Gegenstand seiner selbst
wegen, die in sich eine gewisse Ruhe findet. Zu weiteren allgemein
anerkannten Bestimmungen ist die psychologische Analyse nicht
vorgedrungen. Versuchen wir tiefer zu graben, indem wir zunächst die
G e g e n s t ä n d e des ästhetischen Genießens aufzählen. Die einfachen
E m p f i n d u n g e n der Farben, Töne, Gerüche können einen ausgesprochenen
Schönheitseindruck hinterlassen, wie man in der Abgeschiedenheit des

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psychologischen Versuches immer wieder feststellen kann. Weiter die
Gestalten, d. h. aufeinander bezogene anschauliche Inhalte:
Farbenharmonien, Figuren, Rhythmen. Sie bilden die gewöhnliche Quelle
des ästhetischen Genusses, weshalb man oft das anschauliche Moment als
sein wesentliches Bestandstück genannt findet. Aber ist das Gefallen als
solches ein wesentlich anderes, wenn es sich auf Anschauliches, als wenn es
sich auf Unanschauliches bezieht? Mir scheint, die Freude, die ich an der
Eleganz eines wissenschaftlichen Verfahrens erlebe, ist keine andere als die
an der gelungenen Farbenharmonie. Also auch u n a n s c h a u l i c h e
B e z i e h u n g e n wie Eleganz und Normgemäßheit können schön sein. Andere
Gegenstände lassen sich nicht aufzeigen.
Es gibt somit keinen spezifisch ästhetischen Reiz, und das
Schönheitserlebnis muß mehr als andere durch das Verhalten des
Erlebenden bedingt sein. Aber dem Tier trauen wir kein Schönheitserlebnis
zu. Liegt das daran, daß das Tier nicht uneigennützig bei dem Gefallen
stehen bleibt, oder daran, daß in dem ästhetischen Genuß eine Denkleistung
verborgen ist, zu der das Tier unfähig ist? Das Erstere dürfte kaum den
Knoten lösen. Ist doch der Riechgenuß beim Tier wie beim Menschen
häufig die Endstation des Erlebnisses, und daß das Riechen dem Tier
lustvoll sein kann, ist ebenso gewiß wie, daß es dem Menschen ein wirklich
ästhetisches Gefallen zu bereiten vermag. Es muß also ein geistiger Akt im
Schönheitserlebnis stecken. In der Tat finden wir bei ihm eine doppelte
Beziehungserfassung: wir erkennen, daß wir eine Freude erleben (womit
nach unserer Gefühlstheorie eine neue Freude erregt wird, ohne jedoch
einen processus in infinitum einzuleiten), und wir erkennen die Quelle
unserer Freude. Erst diese doppelte Relationserfassung erlaubt es uns, uns
die Beschaffung einer Freude zum Willensziel zu machen und willkürlich
bei der Freude selbst stehen zu bleiben. D a s ä s t h e t i s c h e E r l e b n i s i s t a l s o
d i e b e w u ß t u n d u m i h r e r s e l b s t w i l l e n g e n o s s e n e F r e u d e . Der
Gegenstand, der sie erweckt, ist gleichgültig.
Aber dann wäre auch die Geschmacksfreude und der geschlechtliche Genuß einzubeziehen?
Grundsätzlich könnte man dies einräumen, wären nicht diese Erlebnisse derart mit Trieben und
Reflexen verkoppelt, daß ein ruhiges Stehenbleiben bei dem Genuß praktisch unmöglich ist. — Von
dem Standpunkt, den wir gewonnen, ist es nun leicht, zu heißumstrittenen Fragen Stellung zu
nehmen. Auf der E r l e b n i s s e i t e erweisen sich als u n w e s e n t l i c h die Einfühlung, die
Kontemplation, die innere Nachahmung, die ästhetische Illusion und was man sonst noch als die
Seele des ästhetischen Genusses bezeichnet hat. Ihre Bedeutsamkeit zur Vervielfältigung des
Schönheitseindruckes soll darum nicht bestritten werden. Mit der E i n f ü h l u n g denken wir uns

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z. B. selbst in die tragende Säule hinein und erleben ein freudiges Kraftbewußtsein.
K o n t e m p l a t i v e Wonnen treten hinzu, wenn der schöne Gegenstand eine Flut von Gedanken
anschwellen läßt. Die i n n e r e N a c h a h m u n g stellt sich beim Anblick des Diskuswerfers
unwillkürlich ein und reißt uns aus unserer eigenen Welt heraus. Auch die bewußte
S e l b s t t ä u s c h u n g erhöht vielleicht hie und da, insbesondere im Theater, den Genuß. Aber all
dies begründet nicht erstmals das ästhetische Erleben. — Weiter, bezüglich des G e g e n s t a n d e s
leuchtet nunmehr ein, daß es keinen Gegenstand gibt, der nicht dann und wann, für diesen oder jenen
den Eindruck des Schönen machen könnte. Denn einerseits verändert sich die subjektive Verfassung:
derselbe Reiz kann heute lustvoll, morgen unlustbetont sein. Anderseits kommt uns die Fähigkeit des
Abstrahierens zu Hilfe. An jedem Gegenstand lassen sich gar viele anschauliche Züge und geradezu
unzählige unanschauliche Beziehungen auffinden: unter diesen Momenten wird wenigstens eines
sein, das einen freuen kann. Und dieses eine kann ich für sich beachten. Darum kann selbst ein
Schurkenstreich durch seine Genialität Gefallen erwecken. Das Auffinden solcher Beziehungen und
ihre Loslösung muß freilich erlernt werden, und deshalb beobachten wir, daß gewisse ästhetische
Genüsse, wie die Freude an der Landschaft und gar an einer schaurigen Landschaft, verhältnismäßig
spät auftreten. — Sodann schlichtet sich der Streit um den P r i m a t v o n d e r F o r m o d e r
d e r I d e e . Beide können zu Quellen der ästhetischen Freude werden. Sie können darum auch
einzeln jedes für sich betont werden; achtet aber der Genießende auf beide zugleich, so wird ein
Mißverhältnis zwischen ihnen Unlust erregen und darum den ästhetischen Eindruck mindern. Ganz
ähnlich ist das Verhältnis des d i r e k t e n zu dem a s s o z i a t i v e n F a k t o r . Als direkten Faktor
bezeichnet Fechner den unmittelbar gegebenen Reiz, der den Gefälligkeitseindruck bewirkt, etwa die
Melodie; der assoziative Faktor besteht dann in den Vorstellungen und Gedanken, die durch die
Melodie geweckt werden. Beide tragen zu dem ästhetischen Gesamteindruck bei und haben darum
ihr gutes Recht. Gar manches Lied, das ohne den assoziativen Faktor uns nicht ansprechen würde,
gefällt wegen der trauten Erinnerungen, die es wachruft. — Endlich erhellt, daß an und für sich in
G e s c h m a c k s f r a g e n e i n o b j e k t i v , d. h. für den Normalmenschen gültiges U r t e i l wohl
m ö g l i c h ist. Die mannigfachen Abweichungen der ästhetischen Urteile rühren teils von der
verschiedenen augenblicklichen Verfassung des Individuums, teils von der verschieden großen
Empfänglichkeit für die anschaulichen Inhalte, teils von der ungleichen Fähigkeit, Beziehungen an
dem Objekte zu entdecken, teils von der größeren oder geringeren Menge von Gesichtspunkten, unter
denen das Kunstwerk betrachtet wird, teils — und das ist die Hauptsache — von der Verschiedenheit
dessen her, was am Gegenstand ins Auge gefaßt wird: das Ganze oder einzelne Züge, dieselben oder
verschiedene Züge. Je mehr sich zwei Beurteiler in den genannten Stücken gleichen, um so
einstimmiger wird das Geschmacksurteil ausfallen.

3. D i e E n t s t e h u n g u n d E n t w i c k l u n g d e r K u n s t

Es ist eine bedenkliche Einseitigkeit, wenn man die Kunst aus e i n e m
bestimmten Lebensbedürfnis, etwa aus der Religion, ableiten will, ein
Irrtum, der aus der unzulänglichen Auffassung des ästhetischen Erlebens
stammt. Es läßt sich vielmehr die Entstehung und Entwicklung der Kunst in
eine einzige a l l g e m e i n e F o r m e l einkleiden: d e r ä s t h e t i s c h e G e n u ß m u ß
e n t d e c k t u n d z u m Z i e l d e s W o l l e n s g e m a c h t w e r d e n . Der Mensch
mußte also erstens sich über einen Gegenstand freuen; zweitens diese
Tatsache bewußt auffassen; drittens die Bedingungen dieses Erlebnisses

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erkennen; viertens diese Bedingungen willkürlich herbeiführen, um jene
Freude wieder zu genießen. Das Grunderlebnis kann nun auf den
allerverschiedensten Gebieten liegen. Eine notwendige Geh- oder
Springbewegung kann ihn die Freude an Bewegungen und Rhythmus und
damit die Anfänge der Tanzkunst entdecken lassen; ein zufälliger Ruf, die
Nachahmung einer Tierstimme kann ihn zur Musik führen; die Abdrücke
eines Korbgeflechtes in der Tonerde, die er vermittels jenes Korbes zu
einem Gefäß zu formen suchte, ließ ihn die Elemente der Ornamentik
finden usf. Je häufiger nun der Mensch solche ästhetische Entdeckungen
machte, um so mehr steigerte sich sein Schönheitssinn. Denn es bilden sich
in der oben (S. 221 f.) beschriebenen Weise Gefühlsdispositionen für das
ästhetische Erleben aus, und es mehren sich die Gesichtspunkte, welche
seine ästhetische Betrachtung leiten und ihn zu häufigerem Genuß führen.
Das Kunstgenießen wie das Kunstschaffen bliebe aber auf einer
kümmerlichen Stufe stehen, wenn der Einfluß der Gesellschaft fehlte. Wie
wenige Bilder würden gemalt, wie wenige Lieder gesungen, wenn es nur
ein einziges Menschenwesen gäbe. Doch abgesehen von der Freude, die in
der Mitteilung des eigenen ästhetischen Genusses liegt, und von dem
Ansporn, der dem Ehrgeiz des Künstlers durch Lob und Tadel zuteil wird,
waren es die verschiedenen Bedürfnisse der Gesellschaft, die zur
Entstehung ausgesprochener Kunstzweige den wirksamsten Anstoß gaben.
Der Aberglaube brauchte Abbildungen von Menschen und Tieren, denen
man durch Bildzauber beizukommen hoffte — was man dem Bilde zufügte,
mußte der Abgebildete selbst erleiden —, und so entstand die bildende
Kunst als ein besonderer Zweig des Kunstschaffens. Die Gesellschaft
brauchte Wohnhäuser für die Familien und öffentliche Gebäude für die
Zwecke der Gemeinschaft: und so entstand die Baukunst. Und darum gilt
ganz allgemein, daß die Anfänge der Kunst ein mehr soziales Gepräge
tragen.

Literatur
G. Th. F e c h n e r , Vorschule der Ästhetik. 1876.
O. K ü l p e , Grundlagen der Ästhetik. 1921.

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VIERTER ABSCHNITT
Die Religion

Auch auf die Probleme der Religionspsychologie läßt sich heute nur erst
hinweisen. Die allseitige und möglichst exakte Behandlung dieser Fragen
bleibt der Zukunft vorbehalten.

1. D e r G o t t e s g l a u b e

Unterscheiden wir hier den Glauben an eine außerweltliche Macht von
dem an einen persönlichen Gott. Solange man den Problemen der
Denkpsychologie nicht näher nachgespürt hatte, wurde das Gefühl oder
auch die Phantasie für den Ursprung des Gottesglaubens im allgemeinen
verantwortlich gemacht. Wer indes auf dem Boden der Tatsachen bleibt,
begreift alsbald, daß die Überzeugung von einem oder mehreren jenseitigen
Wesen ein Erkenntnisinhalt ist. Erkenntnisse sind aber niemals unmittelbar
aus Gefühlen abzuleiten. Noch weniger ist mit der Herleitung aus der
Phantasie gedient. Ein regelloses, dem Zufall überlassenes Spiel der
anschaulichen Vorstellung — so und nicht anders verstand man in diesem
Zusammenhang die Phantasie — ergibt nicht jene Überzeugungen, die den
Grundstock einer jeden Religion ausmachen. Dagegen zeigt uns die
Beobachtung des schlußfolgernden Denkens bei Zusammenhangsrelationen
den geraden und einfachen Weg, auf dem selbst das primitivste Bewußtsein
zu der Annahme überirdischer Mächte gelangen kann. Die in der sichtbaren
Welt immer wieder erlebte Verbindung eines außergewöhnlichen, nicht mit
erkennbarer Regelmäßigkeit erfolgenden Geschehens mit einer willkürlich
handelnden Ursache zwingt geradezu zu dem Schluß von den
außergewöhnlichen Ereignissen, wie Gewitter, Erdbeben, auf einen
(unsichtbaren) Urheber. Wenn nun die Gesetzmäßigkeiten des Schließens
auch schon für den Primitiven gelten — und es liegt kein Grund vor,
weshalb sie nicht gelten sollen —, dann muß dieser Unsichtbare die Züge
des Menschen tragen. In der Tat bestätigen die Gebete der niedrigst
stehenden sowie der ältesten uns bekannten Erdbewohner, daß sie den

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Gottheiten durchaus menschliche Eigenschaften beilegen. Wenn nun auch
dasselbe Denken, das den Kulturmenschen leitet, den Primitiven zur
Annahme göttlicher Mächte geführt hat, so mag doch das Gefühl,
namentlich Furcht und Schrecken bei erschütternden Naturereignissen, ein
gewaltiger Ansporn gewesen sein, sich mit diesen Urhebern der
außergewöhnlichen Vorkommnisse eingehender zu befassen. Und bei der
gedanklichen Ausstattung dieser höheren Wesen mit Eigenschaften und
Erscheinungsformen werden die des öfteren als Phantasie bezeichneten
Funktionen des Bewußtseins ihre Dienste angeboten haben.
Ob jedoch die sich selbst überlassenen Urmenschen eher auf die Annahme e i n e s Gottes oder
einer Vielheit von Göttern gekommen wären, läßt sich auf Grund unserer sonstigen psychologischen
Kenntnisse kaum entscheiden. Es könnten für beide Möglichkeiten einleuchtende Gründe
vorgebracht werden. Die Ethnologen entschieden sich in früheren Jahren zumeist für einen
anfänglichen Polytheismus, der sich dann bei einigen erlesenen Rassen zum Monotheismus
emporgearbeitet habe. Man ging dabei von der Annahme aus, daß die uns bekannten, schon seit
Jahrtausenden auf derselben niederen Kulturstufe verweilenden Primitiven uns auch ein Bild der
Anfänge der menschlichen Kultur überhaupt zu liefern imstande wären. Diese schienen nun dem
Götzendienst zu huldigen, wenn sie überhaupt von Religion etwas erkennen ließen. Indes die
späteren Forscher, denen es gelang, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen, mußten feststellen,
daß sie niemals religionslos waren und daß bei den meisten über dem Götterhimmel noch ein
höchster Gott thronte, der Urvater. Er gilt zumeist als der Urheber der Welt und als der Hüter der
sittlichen Ordnung. Sein Bild trägt die würdigsten Züge, die dem Gottesbegriff der Kulturvölker sehr
nahekommen. Darum ist heute die Theorie des Urmonotheismus wieder zu Ehren gelangt. Einer
allseitig befriedigenden Lösung harrt jedoch noch das Problem, warum die Urväter in dem offiziellen
Kult der Primitiven eine verhältnismäßig geringe Rolle spielen und weshalb sich der Wilde nur in
den Augenblicken höchster persönlicher Not in spontanem Gebet an sie wendet.

2. D a s G e b e t

Aus demselben rationalen Ursprung, dem der Gottesglaube erwächst,
entspringt auch das Gebet. Überzeugt sein von der Existenz eines
überweltlichen höheren Wesens, in dessen Hand man mitsamt der Welt auf
Gnade und Ungnade gegeben ist, und sich bittweise an es wenden, das sind
zwei Dinge, die durchaus logisch zusammenhängen. Das Irrationale kommt
hier wie bei der Sitte erst dadurch hinein, daß die Gebetsweise sich nicht in
gleichem Schritt mit dem Gottesbegriff entwickelt, sondern wie alles in
anschauliche Formen Gekleidete und Fixierte jeder Abänderung größeren
Widerstand entgegensetzt. So glaubt man zwar allmählich an die
Allgegenwart des höchsten Wesens, vermeint aber mit lautem Rufen
wirkungsvoller zu beten. Auch die Zufälligkeiten der Assoziationen

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bedingen hier wie beim Denken überhaupt manch irrationales Moment: der
fortgeschrittene Gottesbegriff enthält zwar das Attribut der
Unveränderlichkeit, dem naiven Beter ist es aber oft so, als müsse er Gott
von einem vorgefaßten Entschluß erst abbringen.
Vom Gebet zum O p f e r ist nur ein kleiner Schritt, zu dem auch ganz
ähnliche Überlegungen und Affekte vermögen. Hier setzt aber auch der
soziale Faktor ein. Das gemeinsame Anliegen einer Familie eines Stammes
führt zu gemeinsamem Gebet und gemeinsamem Opfer. Damit erhält auch
die gemeinsame Überzeugung einen Ausdruck und eine Festlegung: die
Volksreligion entsteht und wird, wie jede andere Gewohnheit und Sitte, zur
maßgeblichen, die Allgemeinheit bestimmenden und zwingenden Norm, an
der man nicht rühren kann, ohne sich zugleich an den heiligsten Interessen
der Gesamtheit zu vergreifen.
Eine ganz andere Form als dieses jedem Menschen natürliche Bittgebet
samt dem naturgemäß zu ihm gehörenden Lob- und Dankgebet entwickelt
sich aus dem lebendigen Glauben an Gottes Nähe und aus dem lebendigen
Bewußtsein von dem überragenden Werte Gottes: das beschauliche oder
mystische Gebet. Es will uns nicht einleuchten, daß, wie E. L e h m a n n
meint, der Wunsch, an Gottes Kraft teilzuhaben, die Quelle aller Mystik sei.
Eher möchten wir diesen Wunsch und was damit zusammenhängt als einen
minder wertvollen Auswuchs aus der beschaulichen Vereinigung mit Gott
ansehen. Vom rein psychologischen Standpunkt aus ist die Beschauung das
aufmerksame liebevolle Verweilen bei dem als gegenwärtig geglaubten und
oft auch als gegenwärtig erlebten Gott. Das letztgenannte Phänomen läßt
sich in seinen Anfängen mit dem von J a s p e r s als l e i b h a f t i g e B e w u ß t h e i t
bezeichneten zusammenbringen: man ist aus irgendwelchen Gründen von
der Anwesenheit eines nicht wahrnehmbaren Wesens überzeugt, vermag es
zu lokalisieren und erlebt dabei die mit jener Lokalisation verbundenen
Spannungsempfindungen, die als solche zumeist nicht erkannt, deren
Realität aber häufig für die Realität der Anwesenheit jener Person
genommen wird. Das große Problem der Beschauung, soweit es überhaupt
psychologisch faßbar ist, ist nun dies: Unter welchen Voraussetzungen
vermag der Glaube an die unmittelbare Gegenwart Gottes die
Aufmerksamkeit in dem hohen Grade zu fesseln, den wir auch bei
nichtchristlichen Mystikern feststellen? Und unter welchen Bedingungen
kann das Durchdrungensein von Gottes Gegenwart die außergewöhnlichen

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Glückszustände der Beschaulichen, die oft mit den merkwürdigsten
körperlichen Begleiterscheinungen verbunden sind, hervorrufen? Eine
befriedigende, durch Tatsachen begründete Antwort läßt sich zurzeit noch
nicht geben.

3. R e l i g i ö s e E n t w i c k l u n g e n

An erster Stelle hat die religiöse Entwicklung des Jugendlichen Beachtung gefunden. Im
Zusammenhang mit der Pubertätsperiode setzt nach den Ermittlungen S t a r b u c k s teils ein regeres
religiöses Leben, teils eine Zeit der Zweifel ein. Der Tatbestand ist noch nicht allseitig und verlässig
genug herausgestellt, wenn er auch im großen und ganzen nicht angezweifelt werden darf. Seine
Erklärung wird sich nicht aus einer einzigen psychologischen Bedingung gewinnen lassen. Es sind
gewiß sehr verwickelte Verhältnisse, bei denen das im Reifeprozeß lebhafter ansprechende Gefühl
eine Hauptrolle spielt.
Ist die Periode des Zweifels ohne Verlust der religiösen Stimmung überwunden, dann vertieft sich
in der Regel die Religiosität mit zunehmendem Alter. Dabei gehen die Individuen nach
verschiedenen Richtungen auseinander. William J a m e s hat zuerst versucht, r e l i g i ö s e Ty p e n
herauszustellen. Er unterscheidet namentlich den optimistischen und den pessimistischen Typ.
Daneben läuft eine andere Einteilung, die sich durch die religiösen Berufe, namentlich durch die
verschiedenen Orden herausgebildet hat: die beschaulichen, mehr dem Gebet und der Betrachtung
zugewandten und die tätigen Frommen. Für diese Entwicklung ist erstlich der individuelle Charakter,
dann aber besonders der durch die Umgebung ausgeübte Einfluß maßgebend.
Ein genaueres Studium verlangt noch die Entwicklung zur H e i l i g k e i t . Hier fragt es sich
zunächst, welches sind die psychologischen Vorbedingungen dafür, daß die religiösen Werte bei
gewissen Menschen eine so viel höhere Geltung gewinnen als beim Durchschnitt. Das kann nicht am
Lebensalter, nicht am Geschlecht, nicht am Stand, nicht an der Umgebung usf. liegen. Es muß also
im Heiligen oder, wie man mit einer weiteren Fassung des Begriffes auch gerne sagt, im religiösen
Genie begründet sein. Auch hier gälte es wieder, nach den Typen der Heiligkeit und nach ihrem
Entwicklungsgang zu forschen. Es fehlen hier noch die empirischen Untersuchungen, die sich nicht
mit Stichproben und geistreichen Auffassungen genügen lassen, sondern in unverdrossenem
Sammeleifer, hauptsächlich nach den Methoden der Statistik und der Korrelationsrechnung,
wohlbegründete Ergebnisse anstreben.

Literatur
W. J a m e s , The varieties of religious experience. 13. Aufl. 1907.
A. R a d e m a c h e r , Das Seelenleben der Heiligen. 1917.
F. H e i l e r , Das Gebet. 2. Aufl. 1920.

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V. B u c h
AUSNAHMEZUSTÄNDE DER
SEELE

ERSTER ABSCHNITT
Der Schlaf

Der Schlaf ist zweifellos in erster Linie ein eigenartiger Zustand unseres
Organismus. Dennoch ist er, abgesehen von den unwesentlichen sichtbaren
Erscheinungen der veränderten Körperhaltung, Augenstellung, Atmung,
Blutverteilung, die wir hier nicht berücksichtigen, uns besser nach der
psychischen als nach der physiologischen Seite bekannt. Psychologisch
erscheint er uns als eine charakteristische Störung, Herabsetzung und
Unterbrechung der uns wohlbekannten Seelentätigkeit im Wachzustand,
und namentlich als eine weitgehende Ausschaltung der
Bewegungsfähigkeit. Der Schlaf wird herbeigeführt durch gewisse
Schlafreize, vorab durch Ermüdung, dann durch Ruhe, Dunkelheit und
gleichförmige Reize. Aber auch der Anblick des hergerichteten Lagers und
der Wille zu schlafen ruft ihn herbei, wie umgekehrt lebhafte Vorstellungen
und die Absicht, wach zu bleiben, den Schlaf verscheuchen. Nach einer
kurzen Spanne der Schläfrigkeit, die bei manchen Individuen von lebhaften
Schlummerbildern erfüllt ist — traumartige Gebilde, die häufig durch
äußere Reize ausgelöst werden —, überfällt uns der eigentliche Schlaf,
ohne daß wir den genauen Zeitpunkt seines Eintrittes erhaschen könnten.
Man hat den Verlauf des Schlafes, insbesondere seine Tiefe, mittels verschiedener Methoden
bestimmt. So suchte man zunächst nach der Weckschwelle: wie stark muß der Weckreiz sein, um den

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Schläfer nach verschiedenen Schlafzeiten zu wecken? Zweitens fragte man: wie schreitet die
Erholung für verschiedene Arbeiten, wie Addieren, Auswendiglernen, mit der Länge des Schlafes
voran? Endlich prüfte man verschiedene Funktionen: die Erschlaffung der Muskeln, die Erregbarkeit
für Reflexe. Das Verhalten des Schläfers ist in den verschiedenen genannten Beziehungen nicht
gleich. Hinsichtlich der Weckschwelle fand man zwei Typen: der Morgenarbeiter versinkt alsbald
(nach etwa einer Stunde) in den tiefsten Schlaf, während der Abendarbeiter erst nach zwei Stunden
oder später die größte Schlaftiefe erreicht. Die Erholung für leichte Arbeit wird sehr bald (½ Stunde),
für schwere Arbeit erst nach mehreren Stunden gewonnen. Die Muskelerschlaffung steigt allmählich
an und verbleibt in diesem Zustand bis zum Erwachen. Die Reflexe sind zu Beginn und Ende des
Schlafes unvermindert, in der mittleren Periode hingegen am meisten herabgesetzt.
Sehr umstritten ist die Frage, ob im Schlafe jemals das Bewußtsein gänzlich aussetze, mit andern
Worten, ob es einen völlig traumlosen Schlaf gebe. Die meisten Traumforscher sind geneigt, dies
abzulehnen. Wann immer sie sich wecken ließen, vermochten sie sich an ausführliche Träume zu
erinnern; am wenigsten freilich im Tiefschlaf. Wenn auch diese Beobachtungen größeres Gewicht
haben als z. B. die Aussagen L e s s i n g s , der von sich behauptete, er träume nie, so sind sie doch
nicht endgültig beweisend für die Frage, ob niemals wenigstens ein Teil des Schlafes traumlos sei.
Denn der Weckreiz könnte sehr oft die Veranlassung eines Traumes sein, und die Gewohnheit der
systematischen Traumbeobachtung dürfte die Disposition zum Träumen verstärken. Dagegen läßt die
Tatsache, daß der Schlaf das Bewußtsein um so mehr einschränkt, je tiefer er ist, die Möglichkeit
offen, daß er es in seiner tiefsten Periode ganz ausschaltet.

Eine befriedigende T h e o r i e d e s S c h l a f e s kann heute noch nicht
entworfen werden. Sie hat namentlich folgende scheinbar sich
widersprechende Tatsachen zu berücksichtigen. Der Schlaf hängt von
psychischen Faktoren ab; denn der Wille zu schlafen ist von sehr großem
Einfluß. Ferner tritt auch ohne körperliche Ermüdung Schlaf ein, wenn man
bei Tieren alle Sinnesreize ausschließt — etwas Ähnliches begegnete einem
an Anästhesie leidenden Kranken S t r ü m p e l l s : er schlief ein, sobald man
ihm seine einzigen Sinnespforten, die Augen, zuhielt. Andererseits sind die
physiologischen Faktoren nicht zu unterschätzen; denn großhirnlose Tiere,
also Tiere ohne Bewußtsein, wachen und schlafen mit großer
Regelmäßigkeit.
Die bisherigen Theorien widersprechen darum auch einander in vielen Stücken. Manche betonen
das Psychische auf Kosten des Physischen, andere begehen den umgekehrten Fehler. Von den
physiologischen Theorien lassen die einen den Schlaf auf Hyperämie, die andern auf Anämie, wieder
andere auf einer Vergiftung des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe, andere durch eine Lähmung der
Zellen infolge einer inneren Sekretion beruhen. Großen Anklang fand die Theorie C l a p a r è d e s .
Der Schlaf ist nach ihm eine positive Leistung der Seele, und zwar eine Instinkthandlung, mit der sie
sich vor Erschöpfung schützt. Die mannigfachen Ähnlichkeiten, die zwischen dem Schlaf und den
Instinkthandlungen bestehen, sollen diese Auffassung begründen. Wie der Instinkt, so ist der Schlaf
zweckmäßig, ohne daß wir ihn, zunächst wenigstens, seiner erkannten Zweckmäßigkeit wegen
aufsuchten. Er paßt sich ferner den Umständen an, läßt sich verschieben, wenn andere lebenswichtige
Interessen den Wachzustand fordern. Allein der bestechende Gedanke hält einer genaueren Prüfung
nicht stand. Der Schlaf hat wohl hinsichtlich seiner Zweckmäßigkeit mancherlei Ähnlichkeit mit den
Instinkthandlungen, indes das trifft auch auf viele vegetative Vorgänge zu: bei einer Verletzung der
Pflanze werden die Ernährungstätigkeiten zweckmäßig abgeändert, und alle Teile des Lebewesens

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steuern zur Heilung des verletzten Gliedes bei. Verständigerweise wird hier niemand von einem
Pflanzeninstinkt reden; denn es fehlt geradeso wie beim Schlaf das wichtigste Glied des Vergleiches,
die bewußte Tätigkeit. Instinkthandlungen sind b e w u ß t e T ä t i g k e i t e n . Der Schlaf erscheint
uns hingegen durchaus als ein Z u s t a n d , nicht als bewußte Tätigkeit. Die Vorbereitungen zum
Schlafen sind allerdings bei vielen Tieren Instinkthandlungen. Die Instinkttheorie empfiehlt sich auch
darum nicht, weil sie jedem tieferen Eindringen gar zu leicht im Wege steht. Sobald wir einen
Instinkt feststellen müssen, sind wir in der Regel bei einem letzten Datum angelangt. Fassen wir nun
den Schlaf als Instinkt, dann sind wir nicht wenig geneigt, so eigenartige Tatsachen wie das
Erwachen des Müllers beim Stehenbleiben der Mühle, das Erwachen zu einer vorausbestimmten
Stunde schlechtweg als Leistungen des Instinktes zu erklären.

Wir ziehen es darum vor, uns mit einer R a h m e n t h e o r i e d e s S c h l a f e s
zu begnügen, deren Ausfüllung wir der zukünftigen Forschung überlassen.
Die erste und normale Bedingung für den Eintritt des Schlafes ist die
Ermüdung. Die Natur läßt es aber nicht zu einer völligen Vergiftung des
Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe kommen, sondern sobald diese ein
gewisses Quantum erreicht haben, wirken sie als Reiz für einen
A u s s c h a l t u n g s m e c h a n i s m u s , der vor allem den am meisten Energie
verbrauchenden Bewegungsapparat zur Ruhe bringen soll. Die
Ausschaltung entzieht aber überhaupt den höheren Zentren des
Nervensystems die zur normalen Betätigung erforderliche psychophysische
Energie, und zwar um so mehr, je mehr das Individuum gerade
schlafbedürftig ist. Der kleine Rest von psychophysischer Energie, der in
den höheren Zentren verbleibt, reicht aus für das Traumleben, ist aber in der
Regel zu gering, um von den Sinneszentren nach den motorischen
überstrahlend diese wirksam zu erregen.
Den Ausschaltungsmechanismus kann man sich als eine vasomotorische Erregung denken, die
entweder Hyper- oder Anämie herbeiführt; man kann ihn aber auch in einer inneren Sekretion
bestehen lassen. Damit werden wir den physiologischen Erscheinungen gerecht. Der
Ausschaltungsmechanismus muß aber zweitens derart sein, daß sich zwischen ihm und den
Begleitumständen, in denen er für gewöhnlich in Tätigkeit versetzt wird, eine Assoziation
herausbilden kann. Eine solche Assoziation entsteht z. B. zwischen dem Erröten und den
Begleitumständen, in denen es erlebt wird. Ebenso zwischen mancherlei an sich rein physiologisch
bedingten Absonderungs- und Ausscheidungsprozessen und den bewußt gewordenen
Begleitumständen. Da nun der Ausschaltungsmechanismus in der Regel bei Dunkelheit, in der Nähe
der Lagerstätte usf. funktioniert, so bildet sich zwischen diesen Wahrnehmungen und der genannten
Funktion eine assoziative Verknüpfung, und darum werden wir schläfrig, sobald wir das aufgedeckte
Bett vor uns sehen. In derselben Weise erklärt sich das Einschlafen der Tiere, deren
Sinneswahrnehmungen man ausschließt. Das Erwachen beruht dann auf dem umgekehrten Prozeß.
Da der Energieverbrauch geringer ist als die Nahrungszufuhr, so erholt sich das Gehirn; es sammelt
psychophysische Energie. Ist sie hinreichend groß geworden, so vermag die durch einen kleinen Reiz
im Sensorium hervorgerufene psychophysische Erregung die Ausschaltung zu überwinden, indem sie
auf die motorischen Zentren überstrahlt. Ist das Gehirn jedoch noch wenig erholt, so reicht ein
schwacher Reiz dazu nicht hin, ein starker Reiz hingegen sammelt den trotz der Ausschaltung im
Gehirn verbliebenen Energierest und dringt mit ihm bis zu den motorischen Zentren vor. Die

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Intensität eines Reizes läßt sich nun durch seine Bedeutung oder richtiger durch die aus der
Bedeutung stammenden Dispositionen ersetzen. Hat uns eine Sache viel beschäftigt, so gehört zu ihr
ein Komplex wohlgebahnter Dispositionen, die eine rasche Sammlung der psychophysischen Energie
und eine leichtere Überleitung in die zugehörigen motorischen Zentren erlauben. Und darum dürfte
die neben dem Kind schlafende Mutter so schnell erwachen, wenn das Kind nur ein wenig unruhig
wird, während sie weit stärkere Geräusche unbeachtet läßt. — Das Aufwachen des Müllers, wenn die
Mühle stehen bleibt, und das Erwachen zur festgesetzten Stunde können wir jedoch erst erklären,
wenn wir den Traum besprochen haben.
Es bleibt noch der Einfluß des Willens auf das Einschlafen und das Wachsein verständlich zu
machen. Doch brauchen wir uns nur an das zu erinnern, was gelegentlich des assoziativen
Äquivalentes und der äußeren Bewegungen gesagt wurde. Wie dort, so hat der Wille auch hier keinen
unmittelbaren Einfluß. Soll das „ich will schlafen“ von Erfolg begleitet sein, so muß es sich solchen
Vorstellungen zuwenden, die wie die Begleitumstände des Einschlafens die physiologische
Assoziation zwischen diesen Vorstellungen und dem Ausschaltmechanismus wirksam werden lassen.
Und das „ich will wachbleiben“ nützt nur dann, wenn es zu Bewußtseinsinhalten führt, die sehr
lebhaft sind und darum vermöge ihrer Ausstrahlung nach den motorischen Zentren die Wirksamkeit
des Ausschaltungsmechanismus vereiteln.

Literatur
E. T r ö m n e r , Das Problem des Schlafes. 1912.

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ZWEITER ABSCHNITT
D e r Tr a u m

Wenn etwas das psychologische Interesse der Menschen wecken
konnte, dann war es der Traum: allen bekannt, jeden dann und wann aufs
tiefste erschütternd und doch für alle ein Rätsel. Die günstigsten
Bedingungen für die Entstehung einer Wissenschaft — wäre nur das Rätsel
nicht allzu dunkel! So stauten sich die Wogen des wissenschaftlichen
Interesses an diesem Wall, und da sie ihn weder zu übersteigen noch zu
durchbrechen vermochten, nahmen sie ihren Abfluß durch die Niederungen
des Aberglaubens und der Dichtung. Auch heute, wo wir im Begriffe sind,
die Traumrätsel zu lösen, hat sich in der F r e u d schen Traumdeutung noch
einmal die Phantastik ihrer bemächtigt. Doch sprechen wir zunächst von
den Eigentümlichkeiten des Traumes, um uns dann mit den
Erklärungsversuchen zu befassen.
Solange die Psychologen nur Gelegenheitsbeobachtungen über den
Traum sammelten, widersprachen die Angaben vielfach einander. Sobald
man jedoch begann, den Traum systematisch und experimentell zu
untersuchen, d. h. den Schlafenden häufig und zu den verschiedensten
Zeiten der Nacht zu wecken und ferner ihn während des Schlafes
mannigfachen Reizen auszusetzen, stimmten die Ergebnisse untereinander
und auch mit den älteren Gelegenheitsbeobachtungen überein. Der Traum
zeigt nämlich in der Tat die verschiedensten Seiten, je nach den
obwaltenden Umständen, und der Fehler der älteren Forscher hatte, wie so
oft, darin bestanden, daß sie ihre vereinzelten, nur unter bestimmten
Bedingungen gültigen Beobachtungen ohne weiteres verallgemeinerten.
Der Traum ist, im a l l g e m e i n e n besehen, zunächst das Urbild der Regellosigkeit und des
unvermittelten Wechsels. Die Szenerien wechseln bisweilen ebenso schroff wie im Kino. Die
Märchenforscher haben nicht mit Unrecht auf die Verwandtschaft zwischen Traum und Märchen in
diesem Punkte hingewiesen. Die Leitung des Traumes durch eine Aufgabe fehlt nach den
Beobachtungen H a c k e r s ganz, kommt jedoch nach denen K ö h l e r s bisweilen vor, ein
Widerspruch, der sich ausgleicht, wenn man beachtet, daß Hacker einen beträchtlich tieferen Schlaf
hatte als Köhler. Von manchen Träumen wird berichtet, daß sie unglaublich schnell verlaufen sein
müssen. So träumte W e y g a n d t von einem Spaziergang am Sonntag Morgen, einem Besuch auf
dem Friedhof an einer Kirche, dem sinnigen Betrachten dieser Kirche und des Kirchturmes, dessen

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Glocke mit einemmal zu läuten beginnt. Der Träumer erwacht und hört seinen Wecker läuten. Die
näheren Umstände machten es sehr wahrscheinlich, daß der ganze Traum von dem Läuten des
Weckers ausgelöst worden. Daneben, nicht dagegen, stehen andere Beobachtungen, nach denen der
Traum nicht schneller abläuft, als unsere gewöhnlichen Vorstellungen. Im allgemeinen herrschen die
„dummen“ Träume vor, doch berichtet man auch von außerordentlichen intellektuellen Leistungen
des Traumes.
Etwas eingehender hat man sich mit den T r a u m e l e m e n t e n befaßt. Unter den Vorstellungen
sind die optischen am häufigsten vertreten; doch stehen nicht allen Träumern bunte
Farbenvorstellungen zu Gebote. Weit seltener als optische und akustische Vorstellungen sind die
kinästhetischen und taktilen, am seltensten die von Geruch und Geschmack. Die Vorstellungen haben
zumeist halluzinatorischen Charakter. Die Forscher streiten aber darüber, ob sie die Empfindungen
des Wachzustandes an Intensität übertreffen. Die Rolle der Gedanken im Traum ist in einer kurzen
Formulierung nicht anzugeben. Es kommen sämtliche Denkfunktionen im Traum vor, sogar ein
sorgfältiges und richtiges Überlegen. Mir kam inmitten eines ganz andersartigen Traumes einmal die
Sorge, ob ich am Vortag einer gewissen Verpflichtung nachgekommen sei. Da erinnerte ich mich
während des Traumzustandes, daß ich an einem bestimmten Ort mit einem bestimmten Bekannten
zusammentraf, als ich mich anschickte, jener Verpflichtung zu genügen; es fiel mir weiter ein, wie
ich sie dann wirklich zu Ende geführt hatte, und dabei beruhigte ich mich. Anderseits ist der Traum
oft unglaublich töricht. Der Träumer nimmt mit der Urteilslosigkeit eines Geisteskranken die
ungereimtesten Dinge für bare Münze hin, ängstigt oder freut sich ihretwegen. Es ist aber eine feine
Beobachtung und ein Fingerzeig zur Lösung des ganzen Problems, wenn ein Traumforscher bemerkt,
wir seien nur für den Traumanfang, nicht aber für das neu Hinzukommende kritiklos. Das Regiment
scheinen im Traumablauf nicht die Gedanken, sondern die assoziativen Faktoren zu haben; denn man
kann bisweilen die Wendepunkte des Traumes herausheben und erhält dann eine Reihe rein
äußerlicher oder einfacher Klangassoziationen, ähnlich der Gedankenkette eines Ideenflüchtigen.
Hinwiederum sind aber auch oft die Gedanken an dem Auftauchen der Traumvorstellungen schuld.
Mir träumte jüngst, ich blute im Bette liegend aus der Nase. Ich spürte nur das Fließen, sah aber
nichts, denn ich lag im Dunkeln. Da regte sich der Zweifel, ob es denn wirklich Nasenbluten sei, und
alsbald sah ich auf dem weißen Kopfkissen eine gewaltige Blutlache und stellte mit Bedauern die
Tatsächlichkeit des Nasenblutens fest. Sehr merkwürdig verhält sich das Bedeutungsbewußtsein: bald
ist es vorhanden, bald fehlt es. Man glaubt bisweilen zu lesen oder gar mit einer andern Person in
einer fremden Sprache geläufig zu sprechen, oft mit sichtlicher Befriedigung, während man selbst
jene Sprache nur kümmerlich meistern, jene andere Person, deren Leistungen ja gleichfalls auf unser
Konto zu setzen sind, sie überhaupt nicht verwenden kann. Hier hängt sich an irgendwelchen
Wortsalat die Bedeutung einer fremden Sprache.
Die G e f ü h l e sind im allgemeinen schwächer als in der Wirklichkeit. Doch sind auch hier
auffällige Ausnahmen zu melden. Arg trockene Gesellen können im Traum in Tränen zerfließen und
Zustände der Rührseligkeit erleben, deren sie sich im Wachzustande nicht wenig schämen würden. In
derselben gegensätzlichen Weise zeigt sich der Wille manchmal wie ohnmächtig und läßt Taten
geschehen, die er im Wachzustande niemals verantworten möchte, während er in andern Fällen sich
energisch gegen solche Dinge sträuben kann. Die Beweglichkeit ist herabgesetzt. Die Träume im
Tiefschlaf lassen uns überhaupt nicht handelnd, sondern nur sehend auftreten. Im leichteren Schlaf
glauben wir fälschlich, unsere Glieder zu bewegen, und nur der eigenartige als Somnambulismus
bekannte Traumzustand erlaubt es dem Träumer, gewisse Bewegungen auch wirklich auszuführen.
Sehr rätselhaft ist die Auswahl des T r a u m g e g e n s t a n d e s . Die Ereignisse des Vortages
scheinen bevorzugt zu sein. Doch nicht die bedeutsamen: man träumt nicht von dem, wovon man
gern träumen möchte. Befindet sich der Schlafende an einem neuen Aufenthaltsort, so sollen die
Erlebnisse an jenem neuen Ort erst später im Traum auftauchen. Außerdem liegt nach H a c k e r der
Trauminhalt um so weiter zurück, je tiefer der Schlaf ist. Lange Zeit meinte man, alle Träume seien

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durch einen zufälligen Reiz verursacht, dem der Schlafende gerade unterliegt. In der Tat konnte man
den Traum experimentell durch solche Reize beeinflussen. Ist z. B. die Fußsohle unempfindlich
geworden, so meint der Träumende, er schwebe. Ebenso schließen sich an gewisse
Organempfindungen wie bei Atemnot, Herzbeklemmung charakteristische Träume an. Dennoch sind
nicht alle Träume Reizträume. Sehr viele sind Erinnerungsträume, die sich durch die zufälligen und
einförmigen Reize nicht erklären lassen.
Wie soll man nun dieses vielgestaltige, widerspruchsvolle Erlebnis, das wir Traum nennen,
auffassen? Ähnlich wie C l a p a r è d e den Schlaf, denkt sich F r e u d den Traum als eine positive
Leistung, und zwar des Unterbewußten. Im Unterbewußten schlummern die Wünsche, denen der
Wachende zumeist aus sittlicher Scheu kein Gehör schenken durfte. Sie verlangen nach Erfüllung.
Darum schickt sie das Unterbewußte während des Schlafes herauf ins Bewußtsein. Allein vor der
Schwelle des Bewußtseins da waltet die Zensur. Die würde diese Wünsche in ihrer unverfälschten
Natur die Schwelle des Bewußtseins nicht überschreiten lassen; sie sind ja zumeist sexueller Art.
Darum verkleidet das Unterbewußtsein die Wünsche in symbolische Formen und täuscht so die
Zensur. Und darum ist jeder Traum symbolisch zu verstehen, und jeder Traum ist eine
Wunscherfüllung; in der Regel die Erfüllung eines erotischen Wunsches aus der Kinderzeit. Diese
Begriffsdichtung einer ausschweifenden Phantasie hat in psychologisch ungeschulten Kreisen eine
ganz außergewöhnliche Verbreitung gefunden. Da sie frei ersonnen ist, brauchen wir sie nicht
besonders zu widerlegen. Doch mag sie uns auf einige Umstände aufmerksam machen, denen auch
unsere Traumtheorie genügen muß.

Unsere T r a u m t h e o r i e läßt sich mit einem Satze aussprechen. Der
Traum ist Phantasietätigkeit in dem oben (S. 258) von uns dargelegten
Sinne, die sich jedoch unter den besonderen Bedingungen des Schlafens
abspielt, nämlich unter der Wirkung des Ausschaltungsmechanismus mit
seiner Absperrung des motorischen Apparates und seiner Verminderung der
psychophysischen Energie im Zentralnervensystem. Daraus lassen sich alle
festgestellten Erscheinungen mitsamt ihren scheinbaren Widersprüchen
ableiten.
Die Regellosigkeit und den unvermittelten Wechsel hat der Traum mit der Phantasie gemein. Nur
sind beide noch bedeutend erhöht, weil das Versagen der psychophysischen Energie die längere
Verfolgung eines Motives unmöglich macht: ein äußerer Reiz mag das bißchen Energie auf eine
andere Bahn lenken, und das ganze Traumbild ist zerstört. Im allgemeinen steht die Phantasietätigkeit
nicht unter der Leitung einer Aufgabe, streckenweise und vorübergehend nimmt sie jedoch Aufgaben
in ihren Spielplan auf. Darum finden wir die Aufgaben gelegentlich im leichteren Schlaf, während sie
im tieferen, wo dem Zentralorgan nur ganz wenig Energie geblieben ist, nicht aufkommen können.
Die fabelhafte Schnelligkeit mancher Träume gewinnt durch Berücksichtigung folgender zwei
Umstände an Wahrscheinlichkeit. Zunächst ziehen die Vorstellungen nicht immer im Gänsemarsch
durchs Bewußtsein, sondern es kann ein ganzer Komplex mehr oder weniger gleichzeitig lebendig
werden (S. 172 ff.). Sodann sahen wir, daß Relationserfassungen erstehen können, noch bevor die
zugehörigen Fundamente klar ins Bewußtsein getreten sind. Wenn nun etwa die Weckuhr ertönt, so
kann zwischen diesem Reiz und einer in Bereitschaft stehenden Vorstellung eine Beziehung
hergestellt werden, die für die Aktualisierung eines ganzen Komplexes richtunggebend wird. Steht
nun der Komplex mit seinen verschiedenen Einzelheiten im Bewußtsein, so braucht nur die
Aufmerksamkeit darüber zu gleiten wie das Auge über ein Rundgemälde, und wir haben den
komplizierten, aber auffallend schnellen Traum. Daneben bleibt die normale Traumgeschwindigkeit
von dem Tempo unserer Phantasien ruhig bestehen.

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Noch weniger Schwierigkeiten bereitet die Erklärung der im Traum festgestellten E l e m e n t e .
Die relative Häufigkeit der verschiedenen Sinnesqualitäten dürfte mit deren Auftreten beim
Phantasieren übereinstimmen. Ihr halluzinatorischer Charakter ergibt sich aus dem, was wir über das
Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung ausgeführt haben (S. 102 ff.). Die Traumwelt ist eben
die einzige, die sich uns auftut. Wegen der geringen, dem Zentralorgan belassenen Energie werden
jene zahlreichen Begleitvorstellungen, auf die sich der absolute Eindruck des Unwirklichen stützen
könnte, nicht lebendig. Aber diese Reproduktionsschwäche ist keine absolute; sie ist bald größer,
bald geringer. Darum regen sich bisweilen doch Zweifel an der Echtheit des
Wahrnehmungscharakters der Traumerlebnisse. — Die außergewöhnliche Empfindungsintensität,
von der hie und da berichtet wird, erlaubt verschiedene Erklärungen. Manchmal, doch selten, mögen
außergewöhnlich starke Erregungen einzelner Teile des Nervensystems vorliegen. Sehr oft wird die
scheinbare Intensität ähnlich wie die Sehgröße (S. 110 ff.) und die Schallstärke (S. 115 f.) auf die
apperzipierenden Vorstellungen zurückzuführen sein. Endlich kann der Bericht von abnormen
Intensitäten auf einer falschen Beurteilung beruhen, sei es, weil die Vergleichsreize fehlten, sei es,
weil man die Intensität des Eindrucks nach dessen Wirkung oder dessen Begleiterscheinungen, dem
Erschrecken u. ä. bemaß.
Daß wir im Traum alle D e n k f u n k t i o n e n betätigen, ergibt sich nach unserer Theorie von
selbst, ebenso wie die Behinderung dieser Tätigkeiten durch den Ausfall und das Versagen der zu
ihnen erforderlichen Reproduktionen. Letztere erklären auch die Urteilslosigkeit im Traum, die wir
schon bei dem Wirklichkeitscharakter des Traumbildes besprachen. Aus unserer Auffassung folgt
aber auch notwendig die oben angeführte Beobachtung, daß wir zumeist nur gegenüber dem
Traumanfang, nicht gegenüber dem zum Traumbild Hinzukommenden kritiklos seien. Sodann ist es
nicht zu verwundern, daß der Traumablauf der Vorstellungsfolge bei Ideenflüchtigen noch näher steht
als die Phantasie im Wachzustand. Die Assoziationen sind vielfach ausschlaggebend, was indes einer
streckenweisen Leitung durch Gedanken nicht im Wege steht: der auftauchende Gedanke wird eine
neue Szene herbeiführen, falls der psychophysische Apparat ihn nicht im Stiche läßt. Die Leitung des
Vorstellungsverlaufes durch die Gedanken dürfte übrigens in sehr vielen Fällen an dem
unvermittelten Szenenwechsel schuld sein. Das merkwürdige Verhalten des Bedeutungsbewußtseins
darf nach der oben (S. 181 f.) dargelegten Anschauung nicht befremden. Die Bedeutung besteht in
einem Wissen von Beziehungen, das assoziativ angeschlossen ist einerseits an den Gegenstand,
anderseits an dessen Bezeichnung. Wie beim Verkennen eines Gegenstandes im wachen Zustande, so
wird auch im Traum das Bedeutungsbewußtsein lebendig, wenn nur ein Teil, nur ein Zug des ihm
zugehörigen Gegenstandes wahrgenommen wird: ein auf dem Wege liegender gebogener Zweig wird
aus der Ferne für eine Schlange gehalten.
Wenn unsere Theorie der höheren G e f ü h l e richtig ist (S. 214 f.), müssen sie im Traum wegen
der allgemeinen Reproduktionsschwäche sehr mäßig sein, bisweilen sogar gänzlich ausfallen.
Insofern sie aber auf einer gleichzeitigen Organempfindung beruhen, die, wie Atembeschwerden,
Herzbeklemmung u. ä. m., durch einen zufälligen Reiz hervorgerufen werden und wegen des
Schlafzustandes nicht zu beseitigen sind, müssen sie das gewohnte Durchschnittsmaß überschreiten.
Der Wille endlich benimmt sich im Traum geradeso wie in der Phantasietätigkeit. Er wendet sich
dem ihm Angenehmen zu und bedingt durch diese Zuwendung eine Entwicklung der Vorstellungen in
der betreffenden Richtung, wenn anders die zu Gebote stehende psychophysische Energie es zuläßt.
Er vermag sogar zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen. Aber von einer verantwortlichen Wahl
kann keine Rede sein, weil ihm wegen der beschränkten Reproduktion nur ein Teil der Motive
vorgeführt wird. Eine Willenslähmung braucht man hier nicht anzunehmen. Der Wille funktioniert
ganz intakt, nur gleicht er einem Feldherrn mit unzulänglichen Truppenmassen und mangelhaftem
Meldedienst. So und nicht anders ist auch die Bewegungslosigkeit im Schlaf und Traum zu
verstehen. Der Wille tut das Seinige. Allein der Zugang zum motorischen Apparat ist versperrt. Nur

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wenn ein partieller Defekt in dem Ausschaltungsmechanismus vorhanden ist, gelingen größere
Bewegungen, und wir haben den Somnambulen vor uns.
Die A u s w a h l d e s T r a u m g e g e n s t a n d e s bereitet in unserer Auffassung auch keine
besonderen Schwierigkeiten mehr. Nach dem, was wir über die Assoziationen wissen, können die
bedeutsamen Ereignisse des Vortages für gewöhnlich nicht den Traumgegenstand abgeben. Läßt man
nämlich Vpn (Kinder) eindrucksvolle Erlebnisse durchmachen und bietet ihnen am folgenden Tag im
Assoziationsversuch unter indifferenten auch auf diese Erlebnisse bezügliche Reizwörter, so werden
sie fast gar nicht mit Wörtern reagieren, die sich auf jene Erlebnisse beziehen (H. S a e d l e r ). Die
neuen Erlebnisse bilden eben abgeschlossene Komplexe für sich, von denen noch keine gangbaren
Bahnen zu jenen Reizwörtern führen. Aus demselben Grunde werden die bedeutsameren zu einem
Komplex zusammengeschlossenen Ereignisse des Vortages im Traum nicht reproduziert werden
können, falls nicht außergewöhnliche Perseverationserscheinungen auftreten. Da ferner unter sonst
gleichen Verhältnissen die älteren Assoziationen vor den jüngeren begünstigt sind (S. 168), so
werden im allgemeinen im tieferen Schlaf die älteren Erlebnisse auftauchen.

Aus dem Gesagten erhellt auch, welche Grundgedanken der
Psychoanalytiker richtig sind: Der Traum läßt unter Umständen körperliche
Dispositionen, auch Krankheiten erkennen. Er verrät, welche Vorstellungen
ein gewisses Übergewicht in dem Bewußtsein haben und zu welchen
Dingen eine spontane Willensneigung besteht. Bisweilen greift er auch in
die Kindheit zurück; ist manchmal der Ausdruck eines gerade herrschenden
Wunsches; findet hie und da auf dem Wege der Assoziation Vorstellungen,
die dem augenblicklichen Zustand analog sind: so wenn der an
Herzbeschwerden Leidende träumt, in einer unangenehmen Lage zu sein.
Aber die ganze Phantastik der willkürlichen symbolischen Ausdeutung des
Trauminhaltes auf sexuelle oder andere Wünsche, die Auffassung eines
jeden Traumes als die Erfüllung eines Wunsches usw. entbehrt jeder
wissenschaftlichen Begründung.
Endlich können wir auch an das Problem des infolge des Stillstehens der Mühle erwachenden
Müllers und des Erwachens zur vorgenommenen Stunde herantreten. Beides wird im Tiefschlaf wohl
nicht vorkommen. Im leichteren Schlaf aber wird, wie so manches andere, auch das Aufhören des
Mühlengeräusches samt den Übergangsempfindungen, die es begleiten, wahrgenommen. Aber das
Stehenbleiben einer Pendeluhr im Schlafzimmer hat keine Bedeutung für den Müller; es schließt sich
darum auch kein Vorsatz an diese Wahrnehmung, und wenn er vielleicht auftauchte, so fehlte ihm die
Kraft, den Ausschaltungsmechanismus zu überwinden. Anders der Vorsatz, nach dem Rechten zu
schauen, wenn das Mühlengeklapper verstummt. Die Bedeutung der Sache und die Gewohnheit, in
diesem Falle tätig einzugreifen, haben bevorzugte Dispositionen geschaffen. Dem Traumwillen, hier
etwas zu tun, stellt sich darum die genügende Energiemenge zur Verfügung und strahlt in die
motorischen Zentren über: der Schlafende öffnet die Augen. Ähnlich steht es mit dem Erwachen zur
festgesetzten Stunde. Daß dieser Vorsatz einen unruhigen Schlaf verursachen kann, in dem man des
öfteren nach der Uhr schaut, bedürfte keiner Erklärung. Wenn man aber nach einem verhältnismäßig
ruhigen Schlaf nur einmal und gerade zur rechten Zeit erwacht, dann müssen Anhaltspunkte
vorhanden sein, die im Traum erkannt werden und zum Erwachen führen. Als solche Anhaltspunkte
könnte eine gewisse Helligkeit, ein Uhrschlag, vielleicht sogar ein gewisses körperliches Befinden
dienen.

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Literatur
Fr. H a c k e r , Systematische Traumbeobachtungen. APs 21 (1911).
M. Vo l d , Über den Traum. 2 Bde. 1910–1912.

Page 289

DRITTER ABSCHNITT
Die Hypnose

Den hypnotischen Zustand führte man früher durch mancherlei äußere
Manipulationen, durch Bestreichen mit Magneten u. ä. herbei. Später ließ
man glänzende Gegenstände längere Zeit fixieren, bis man endlich
erkannte, daß die Wirksamkeit all dieser Mittel nur daher stammte, daß man
dem Individuum die Überzeugung beibrachte, es werde dem hypnotischen
Schlaf verfallen. Deshalb bemüht man sich heute direkt, diese Überzeugung
in dem Patienten hervorzurufen und bedient sich der äußerlichen Mittel nur,
um die Entstehung dieser Überzeugung zu begünstigen.
Der Hypnotisierte steht dann unter dem Banne des Hypnotiseurs. Bringt
dieser die Glieder der Vp in die verdrehtesten Stellungen und erklärt, sie
seien gelähmt, so kann sie der Hypnotisierte nicht mehr in ihre natürliche
Lage zurückbewegen. Man reicht ihm eine rohe Kartoffel, bezeichnet sie als
einen Apfel, und er verspeist die Kartoffel mit sichtlichem Genuß. Gegen
Schmerzen kann er unempfindlich gemacht werden, die vor ihm stehenden
Dinge kann man seinen Blicken entziehen. Innerhalb der Hypnose erinnert
er sich unter Umständen leichter und getreuer an frühere Erlebnisse. An die
Vorgänge in der Hypnose selbst hat er jedoch nach dem Erwachen keine
Erinnerung. Die Verstandestätigkeit ist erhalten, aber ähnlich wie im Traum
beschränkt. Der Wille ist bis zu einem gewissen Grade in die Hand des
Hypnotiseurs gegeben. Man hat heftig über die Frage gestritten, ob der
Hypnotisierte auch zu Verbrechen benützt werden könnte, die er im
Wachzustande ganz und gar verabscheuen würde. Heute wird man mit M o l l
sagen können: je mehr eine Handlung dem Charakter der Vp widerstrebt,
um so mehr wird diese sich gegen die Ausführung sträuben und unter
Umständen infolge dieses Sträubens aus der Hypnose erwachen. Die
verschiedenen Individuen verhalten sich hierin verschieden, und zwar ist
die Abhängigkeit vom Hypnotiseur um so größer, je häufiger jemand
hypnotisiert wurde. Französische Psychiater haben früher eine ganze Reihe
von Stufen der Hypnose unterschieden. Es waren das aber, wie sich später
herausstellte, nur Kunstprodukte, die sie, ohne es zu wollen, durch ihre

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Suggestionen hervorgerufen hatten. A. F o r e l nennt heute drei Stufen: die
Somnolenz, die durch Schlaffheit und angenehme Ruhe gekennzeichnet
wird, die Hypotaxie, bei der die Vp sich den Befehlen des Hypnotisators
fügt, und den Somnambulismus oder den tiefen Schlaf, der mit
Erinnerungslosigkeit verbunden ist. Sehr geheimnisvoll muten die
posthypnotischen Suggestionen oder Termineingebungen an: der Vp wird in
der Hypnose ein Auftrag erteilt, den sie nach dem Erwachen auszuführen
hat, bisweilen mit Angabe eines entfernten Termines, nach so und so viel
Stunden oder Tagen. Ist der Augenblick gekommen, dann schickt sich die
Vp an, den Auftrag zu erledigen, ohne sich an die frühere Hypnose zu
erinnern; sie glaubt vielmehr aus eigenem Antrieb zu handeln.
Um ein wenig hinter die Geheimnisse der Hypnose zu kommen, muß man die Einschläferung der
Vp und die infolge dieser Einschläferung entstehende Befehlsautomatie auseinanderhalten. Die
Einschläferung ist eine eigenartige Einwirkung auf die noch wachende Vp, sie ist darum der
W a c h s u g g e s t i o n gleichzusetzen. Mit ihr haben wir uns zunächst zu befassen. Die Verkennung
des namhaften Unterschiedes zwischen Denken und anschaulichem Vorstellen ließ keine rechte
Klarheit in dieser Frage aufkommen. Wenn ich jemandem suggeriere: dort auf dem Boden liegt eine
Münze, und der Betreffende daraufhin eine Münze sieht und sie mir im einzelnen beschreibt, so
liegen da zwei ganz verschiedene Prozesse vor: die Überzeugung von dem Vorhandensein der Münze
und deren anschauliche Vorstellung. Beide können unabhängig voneinander erzeugt werden. Ein
Individuum von scharfen Sinnen, aber schwacher Vorstellungsbegabung oder abgelenkter
Einstellung, wird vielleicht meinen Worten glauben, weil es gar keinen Grund hat, an ihnen zu
zweifeln, wird aber antworten: ich kann sie nicht entdecken. Anderseits kann ich die
Vorstellungskonstellation einer Vp wenigstens grundsätzlich so leiten, daß sie, wenn ich sie später
auf einen Gegenstand hinweise und sie ohne jede Suggestion befrage: was sehen Sie dort? antwortet:
eine Münze. Die Erzeugung einer nur subjektiv bedingten Vorstellung ist also etwas anderes als die
Suggestion. Erstere ist prinzipiell auch bei einem Tiere möglich, letztere nicht. D i e S u g g e s t i o n
s e t z t s t e t s e i n e E i n s i c h t v o r a u s : einmal, weil sie dem Subjekt einen Sachverhalt
beibringt, der, wie oben gezeigt wurde, nur mittels des Denkens zu erfassen ist; zweitens, weil sie zu
einer nicht einfachhin unbegründeten Überzeugung führt. Die suggestiv beeinflußte Person stützt sich
zum wenigsten auf die Autorität des Sprechenden. Die Suggestion wird darum begünstigt durch alles,
was die Autorität des Suggerierenden erhöht, sowie durch alles, was eine kritische Haltung der Vp
ausschließt. Darum sind Kinder, Frauen und Ungebildete leichter suggestiv zu behandeln als an
kritisches Denken gewöhnte Erwachsene. Die bekannte Definition der Suggestion als der Einführung
einer kritiklos aufgenommenen Vorstellung, die sich unbehindert auswirken kann, legt darum eine
irrige Anschauung nahe. Es handelt sich nicht um die Erzeugung von Vorstellungen, sondern um die
von Gedanken, von Überzeugungen, allerdings unter Ausschaltung der Kritik. Der suggerierte Inhalt
lebt sich sodann nicht, einem eingeführten Bazillus vergleichbar, automatisch aus, sondern das
Individuum benimmt sich ganz rational der erworbenen Überzeugung gemäß. Dabei unterstützen sich
Überzeugung und anschauliche Vorstellung gegenseitig. Die Überzeugung von dem Vorhandensein
einer Münze veranlaßt das illusionsartige Auftreten der anschaulichen Vorstellung der Münze, und
dies hinwiederum bekräftigt die Überzeugung.
Anders ist wohl folgende Suggestionswirkung zu verstehen. Der Arzt hebt den Arm eines
Kranken hoch mit den Worten: Ihr Arm ist ja gelähmt, und der Kranke vermag den Arm nicht mehr
herabzulassen. Hier wird auch eine Überzeugung in dem Patienten geweckt. Indes nach all unserem

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Wissen hat eine Überzeugung keinen unmittelbaren Einfluß auf das Können oder Nichtkönnen. Hier
haben wir es wohl mit einer Störung des assoziativen Ablaufes zu tun. Auch die best erlernte Reihe
kann durch eine gründliche Ablenkung gestört werden: Der Geistliche, der sein Vaterunser schon
tausendemal für sich und hundertemal laut vor der Gemeinde gebetet hat, wird stecken bleiben, wenn
ihm während des Betens ernsthaft die Sorge kommt, ob er die Worte wohl richtig aufsagen werde.
Die intensive Ablenkung der Aufmerksamkeit, namentlich wenn sie mit stärkeren Gefühlen
verbunden ist, leitet die psychophysische Energie, so müssen wir es uns im Einklang mit allem
Früheren denken, von den betreffenden Vorstellungsbahnen ab und sammelt sie auf einen anderen
Punkt. Der Glaube an die Worte des Arztes, verbunden mit dem nicht geringen Schreck, läßt den
Patienten seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Mitteilung richten und entzieht ihm die zur
Armbewegung benötigte psychophysische Energie.

Die Einleitung der Hypnose bedient sich nun zunächst der eigentlichen
Suggestion: Sie werden müde werden und einschlafen. Dann sucht sie aber
auch die zum Schlafkomplex gehörigen anschaulichen Vorstellungen zu
wecken: die Vp muß sich bequem hinlegen; sie muß die hochgehaltenen
Finger des Hypnotiseurs fixieren und dadurch ihre Augenmuskeln ermüden;
sie folgt dann den unbemerkt sich senkenden Fingern mit den Augen,
wodurch ein Zufallen der Augenlider aus Schläfrigkeit vorgetäuscht und
andere zum Einschlafen gehörige Vorstellungen reproduziert werden. Dies
alles stärkt natürlich die Überzeugung von der suggestiven Macht des
Hypnotisators. Ganz ähnlich wie der Mittagsschlaf gelingt auch der
hypnotische nach mehreren Wiederholungen besser. Die Erscheinungen im
hypnotischen Schlaf werden nun im wesentlichen begreiflich, wenn wir uns
ihre Bedingungen vergegenwärtigen. D i e H y p n o s e i s t e i n S c h l a f z u s t a n d .
Es gilt also alles, was über Schlaf und Traum gesagt wurde. Sie ist jedoch
kein voller aus der Ermüdung stammender Schlaf, sondern ein a s s o z i a t i v
h e r b e i g e f ü h r t e r . Somit wird dem Zentralorgan nur ein Teil seiner Energie
entzogen, und die Ausschaltung des motorischen Apparates ist keine
vollständige. Weiterhin ist es ein Schlaf, in welchem die Bewußtseinsinhalte
einer s y s t e m a t i s c h e n L e i t u n g v o n a u ß e n unterliegen. Und endlich ein
Zustand, bei dem die S u g g e s t i o n im eigentlichen Sinne wirksam bleibt.
Vielleicht ist es gerade aus dem letztgenannten Grunde so wichtig, daß die
Hypnose nicht durch irgendwelche Einschläferungsmittel, sondern durch
die Einsicht der Vp, daß sie einschlafen werde, eingeleitet wird. Aus den
aufgezählten Bedingungen wird man nun die verschiedenen Erscheinungen
der Hypnose ohne Schwierigkeit ableiten können. Nur auf einzelne Fragen
sei noch kurz eingegangen.
Es schien, als ob die Vpn auch gegen ihren Willen hypnotisierbar seien;
denn trotz ihres entschiedenen Widerwillens verfielen sie dem hypnotischen

Page 292

Schlaf. Erinnern wir uns an die Ausführungen über das assoziative
Äquivalent, so wird uns weder diese Tatsache noch die entgegengesetzte
Behauptung wundernehmen. Das bloße „ich will nicht“ nützt eben nichts,
wenn nicht auch die Verhaltungsweise bereit steht, durch die es in die Tat
umgesetzt wird. Wer nicht hypnotisiert sein will, muß eben ein Verhalten
annehmen, das der Einschläferung durch einen fremden Willen
widerstreitet: er darf nicht an die Versicherung des Hypnotisators, er, der
Patient, werde bald einschlafen, glauben und darf jene seelische und
körperliche Haltung nicht annehmen, die man zum Zwecke des
Einschlafens aufsucht. Daran lassen es solche fehlen, die gegen ihren
Willen hypnotisiert werden. Eine eigentliche Willenslähmung in der
Hypnose selbst brauchen wir ebensowenig anzusetzen wie beim Traum.
Nur sind ähnlich wie dort die zu einer besonnenen Wahl erforderlichen
Reproduktionen eingeengt. Auch die posthypnotischen Suggestionen lassen
die Willenskraft des Individuums unangetastet. In der Hypnose wird
nämlich der spätere Zeitpunkt assoziativ mit der auszuführenden Handlung
bzw. der ihr zugehörigen Zielvorstellung verknüpft. Naht dann der
Augenblick, so steigt in der Vp jene Zielvorstellung wie ein Einfall auf, und
sie verspürt eine Neigung zu jener Handlung. Dieser Neigung gibt sie nach,
falls die Handlung ihr nicht gar zu sehr widerstrebt. Eine Behinderung der
persönlichen Freiheit und Verantwortlichkeit liegt darin nicht. Denn der
Hypnotisator hat ihr nur den Gedanken und eine gewisse Neigung zur
Ausführung beigebracht; nur kennt die Vp den Ursprung dieser Neigung
nicht. Die Ausführung hingegen liegt ganz bei ihr, gerade so, wie wenn sie
im Wachzustand von einem Dritten zu einer bestimmten Handlung
überredet werden soll. Übrigens gelingt die Termineingebung nicht bei allen
Individuen. Verlangt aber die posthypnotische Suggestion eine sehr
umständliche Handlung, so sollen manche Individuen von selbst in den
hypnotischen Zustand zurückfallen.

Literatur
A. F o r e l , Der Hypnotismus (1911).

Page 293

Page 294

NAMENVERZEICHNIS
Ach 141 ff., 187, 231 ff., 253
Alrutz 54
Aristoteles 3, 183

Baade 13, 25
Bain 3, 211 f.
Becher 58, 60, 151 ff., 175
Bell 64
Benussi 131
Berkeley 183, 257
Bethe 129
Betz 74
Boldt 172
Braille 98
Brentano 5, 138, 197, 200
Broca 161
Brühl 68
Brunswig 177
Bühler 66, 70, 84, 109, 110, 125, 179, 181 ff., 200, 237, 262, 265

Page 295

Cathrein 271
Claparède 202, 284, 289
Comte 4
Czermak 113

Dalton 33
Descartes 3
Dessoir 6
Dor 84
Dürr 249, 253

Ebbinghaus 34, 58, 66, 70, 148, 163, 161 f., 249, 269
Edelmann 42
Ehrenfels 123
Ellis 42
Ephrussi 167
Ettlinger 67
Ewald 48
Exner 131, 133

Fechner 4, 69, 72, 76, 107, 272, 274, 276
Forel 295, 298
Fourrier 43
Franke 269
Freud 286, 289
Frey, M. v. 57, 65
Frings 173

Page 296

Fröbes VI, 27, 31 f., 64, 96, 99, 115, 145
Fröhlich 29, 38

Gall 162
Galton 184
Goldscheider 64
Graßmann 26
Griesbach 97

Hacker 281 f., 289, 293
Haenel 112
Hartley 3
Heiler 281
Helmholtz 4, 19, 26, 28, 35, 41 f., 47, 76, 78, 84
Henning 49, 51 f., 109, 260
Herbart 81, 251
Hering 4, 21, 28, 38, 56, 84, 86, 92, 109
Heymans 206
Höffding 202
Horwicz 4
Hume 3, 209
Husserl 5

Jaensch 29, 104, 105
James 9, 139, 145, 220, 281
Janet 148
Jaspers 280

Page 297

Jost 168

Karpinska 95
Katz 25, 109, 110
Klemm 6, 101, 116
Köhler 287
König 42
Koffka 130, 230
Kreidl 61, 63
Kries, v. 31, 34
Krötzsch 264
Kroh 105, 106
Kuenburg, M. v. 132
Külpe 4, 6, 122, 138, 140, 276

Lange 139, 220
Lasersohn 132, 136
Langfeld 25
Leibniz 78
Lehmann, A. 141, 141 f., 160, 202
Lehmann, E. 279
Lemaitre 107
Lenzberg 108
Leschke 145
Lessing 283
Lewin 235
Liepmann 230, 241

Page 298

Lindworsky 5, 81 f., 90, 106, 122, 151, 157, 175, 178, 183, 187, 193,
196, 206, 238, 241, 255
Linke 132
Linné 51
Lipps 5, 78
Locke 3, 181 f.
Lotze 4, 81, 100, 130, 148

Mach 28, 116, 249
Mager 253
Marbe 197
Maudsley 4
Meißner 57
Messer 20, 197
Meumann 148, 168
Michotte 129, 141 ff., 178, 228
Mill 3
Moll 294
Mosso 225
Müller-Freienfels 260
Müller, G. E. 28, 34, 38, 72, 130, 154, 157, 163, 202, 232, 249
Müller, J. 67
Müller-Lyer 125
Münsterberg 148, 252

Nagel 46, 50, 59, 62
Nahlowsky 145

Page 299

Newton 26

Oesterreich 211 f.
Offner 175

Parinaud 34
Pauli V, 14, 25, 74, 127
Pfänder 20, 148
Pilzecker 157
Poppelreuter 96, 156, 157
Preyer 264
Priestley 4
Prüm 151, 228

Rademacher 281
Ramon y Cajal 34
Révész 40
Ribot 148, 225, 249, 260
Rosenberg 207

Saedler 292
Schaefer 34
Schapp 186
Scheler 218
Schultze 34
Schumann 125, 131, 177
Schwarz 148
Schwiete 148, 185

Page 300

Segal 106, 258
Seifert 122
Selz 174 f., 191 f., 235, 255
Sigmar 235
Spearman 101, 111 f., 116
Spencer 147
Starbuck 280
Stern, W. 14, 132, 208
Stern, W. u. C. 208, 266
Sterneck, v. 111
Störring 65, 146, 193, 225
Stratton 87
Straub 96
Strümpell 283
Stumpf 23, 40, 41 ff., 71 ff., 139, 145, 232

Thomas von Aquin 183
Thunberg 56, 59
Titchener 15, 22, 75, 111 f.
Trömner 286

Vierkandt 269
Vold 293

Weber 4, 56, 64, 69, 99
Weinmann 68
Werner 131, 266

Page 301

Wernicke 161
Wertheimer 125, 131 ff.
Westphal 178
Weygandt 288
Witasek 184
Wundt 4, 6, 62, 73, 79, 81, 100, 129, 142, 148, 197, 220, 248, 252, 266

Young 35

Ziehen 6, 138, 147
Zwaardemaker 42, 51

Page 302

Page 303

SACHREGISTER
Abstraktion 121 ff.
negative 122
positive 122
Achsenzylinder 159
Adaptation 34
Adaptationsfähigkeit 246
Aehnlichkeitsgesetz 155
Aequivalent, assoziatives 231 ff.
Aesthesiometer 96
Aesthetischer Eindruck 271
assoz. und direkter Faktor 274
Aetherwellen 23
Affekte 219,
sthenische, asthenische 220
— Begleiterscheinungen 220
— Theorie 220
Agraphie 162
Alexie 162
Allgemeinvorstellungen 183
Amnesie 211
Amplitude 24, 42

Page 304

Analyse 14
Annahme 199
Anomalien des Selbstbewußtseins 211
Anosmie 51
Antizipierendes Schema 122, 173, 193, 230, 254, 258, 307
Aphasie 162
Apperzeption 251
Assimilation, Dissimilation der Sehsubstanz 37
Assoziationen, überspringende 170
— Nebenassoziationen 161 ff.
Assoziationsfasern 160
Assoziationsforschung, Methodik der 161 ff.
Assoziationsgesetze, besondere 161 ff.
— -reaktionen 165
— -täuschung 85
Assoziative Mischwirkung 172, 266
Aufgabe u. det. Tendenz 229
Aufmerksamkeit 169
— Arten der 242
— Bedingungen der 241 ff.
— Begleiterscheinungen der 243
— -bewegung 241 ff.
— Eigenschaften 243
— und Gefühl 248
— Geschwindigkeit 246
— Hilfsmittel 242

Page 305

— Konzentration 244
— Schwankungen 245
— Störungen 251 ff.
— Theorie 241 ff.
— Wirkungen 243, 247
— Umfang 243
Auflösungsvermögen 84
Aufrechtsehen 81 ff.
Aufsageversuche 168
Augenmaß 84
Ausdrucksbewegung 261 f.
Aussage 201 ff.
Ausschaltmechanismus 284

Bahnungstheorie 249
Begriffe 181 ff.
— Arten der 186
— Bedeutung 185
— mit anschaulichem Einschlag 186
Begründen 192
Behalten, unmittelbares 166
Bekanntheit, Kriterien der 203
— von Sachverhalten 153
Bekanntheitsqualität 202, 204
Bericht 201 f.
Berührungsgesetz 155

Page 306

Beschreibung der Erlebnisse 8
Bewegung 62
— Arten der 237
— aktive, passive 63
— Scheinbewegungen 134
— autokinetische 135
— Bewegungsempfindung 131
— -Nachbild, negatives 136
— -Wahrnehmung 131 ff.
— Feinheit der 133
— Theorie der 131
Bewußtheit, leibhafte 280
Bewußtsein 10, 151 ff.
— Form 251
— Inhalt 251
Beziehen, aktives 111 ff.
Beziehungserfassung 117, 171 f.
— und Urteil 191 ff.
Binnenkontrast 27
Blendung 35
Blinde 91 ff.
— Zone der Rot-grün-Blindheit 32
Bogengänge 61
Brocasches Zentrum 161

Dämmerungsapparat 34

Page 307

Dauer 125
Dauerschwelle 127
Deckpunkte 90
déjà vu 205
Dendriten 159
Denken 119
— produktives 191 ff.
— schlußfolgerndes 181 ff.
Depersonalisation 211
Determination, spezielle 231 ff.
Differenzton 44
Dingerfassung 171 ff.
Dissonanz 41, 71 ff.
Doppeltsehen 89
Drehschwindel 62
Druckempfindung 56
Druckgefälle 57
Dunkeladaptation 31, 32
Duplizitätstheorie 33
Dynamograph 144

Eidetiker 101 ff.
Einauge 81 ff., 87
— Unvollkommenheiten des 81 ff.
Eindringlichkeit 23
Eindruck, absoluter 178, 181

Page 308

— aesthetischer 271 ff.
Eindrucksmethode 141, 144
Einfachsehen 81 f.
Einprägung, Wille zur 169
Elemente 16
Empfindung 16
— Abklingen der 31
— Ansteigen der 30
— Analogien der 143
— Akt 17
— Ausdehnung 19
— Dauer 19
— Definition 18
— Eigenschaften 18
— höhere 20
— niedere 48
— Inadäquatheiten 84
— Inhalt 17
— isolierte 25
— kinästhetische 63
— Komplexe 71 ff.
— Qualität 18
— Schmerz- 57
— statische 61 ff.
Empfindungskreise 99
Empirismus 81 ff., 95

Page 309

Endbäumchen 159
Entdecken 191 f.
— von Sachverhalten 119
Enthymem 191
Entschluß 233
Entwicklungen, religiöse 280
Erfinden 191 f.
Ergograph 144
Erinnerung 201 ff.
— Fälschung der 205
— Kriterien der 201 f.
Erinnerungsoptimismus 225
Erlernungsmethode 164
Erkennen von Sachverhalten 119
— von wahrgenommenen Gegenständen 185
Erkenntnisleistungen, höhere 171 ff.
Ermüdung 97, 169
Ersparnisse, Methode der 164, 168
Ethik 270
Experiment 12
— ausführendes 14
— auslösendes 14
— darstellendes 13
— Forschungs- 13
— gemischtes 14
— halbwissentliches 14

Page 310

— wissentliches, unwissentliches 14
— Kausal- 13
— messendes 13
— Prüfungs- 13
— Schreibtisch- 14
— vollkommenes 14
— unvollkommenes 14

Farben 20
— Auffassung der 28
— bunte, neutrale 20
— Farbenblindheit 32
— periphere, totale 32
— Erklärung der Farbenblindh. 36
— Intensität der 22
— Erscheinungsweisen der 101 ff.
— Flächenfarben 25, 108
— Gedächtnisfarben 109
— Oberflächenfarben 25, 28, 108
— -gleichung 26
— Helligkeit der 21 ff.
— komplimentäre 26
— -konstanz 109
— -kontrast 27, 29
— -mischung 25
— Mischfarben 26

Page 311

— -ton 24
— -oktaeder 22
— Theorien des Farbensehens 35, 109
— -viereck 21
— Sättigung der 24
— Urfarben 21
Fausse Reconnaissance 201 f.
Fechnersches Gesetz 71 ff.
Fläche, optischer Eindruck der 81 ff.
Fleck, blinder 83, 132
Florkontrast 27
Folgesatz 220
Fovea 34
Frage 201 ff.
— -bogen 14
— Sachverhalts- 200
— Schein- 200
— Suggestivfragen 208
— Überzeugungsfragen 200
Fremdfinden 205
Funktionslust 145

Ganglienzelle 159
Gebet 271 ff.
Gebräuche 261 ff.
Gedächtnis, psychisches 171 ff.

Page 312

Gefühle 131 ff.
— und Aufmerksamkeit 248
— Arten der 211 ff.
— Begleiterscheinungen der 144
— Beziehungen zu andern Funktionen 221 ff.
— und Denken 189
— -dimensionen 131 ff.
— Dreidimensionalität der 140
— Eigenart der sinnlichen 131 ff.
— Eigenart der höheren 211 ff.
— und Empfindung 141
— Einteilung der höheren 211 ff.
— Erinnerung an 153
— und Erinnerung 225
— Ernst- 216, 218
— Erscheinungsweisen der höheren 214
— -gedächtnis 223
— Gemein- 142
— Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens 221 ff.
— Gewinn-, Verlust- 217
— höhere 211 ff.
— Methode der Herstellung 141
— Methoden der Gefühlsforschung 141
— Kontrastgesetz 222
— Lebens- 142
— Lösung der 142

Page 313

— Phantasie- 216, 218
— Gefühlsqualitäten 131 ff.
— Reihenmethode 141
— Reproduktionsmethode 144
— Schein- 218
— Theorie der sinnlichen 141 ff.
— Theorie der höheren 211 ff.
— Tiere, höhere G. der 219
— -ton 138
— Übertragung d. Gefühlstöne 142
— Total- 142
— Verbindung der 142, 211 ff.
— Verschiebung, gegenständliche u. zeitliche 223
— Unlustgefühle 169
— Vorstellung und 146, 224
— Wert-, Unwert- 217
— und Willenshandlung 224
Gehirn 151 ff.
— Methoden der G.forschung 160
— Stellvertretung beschädigter Gehirnpartien 161
Gehörempfindung 38
— Qualität der 40
— Theorie der 45
Gelenkflächen 65
— -kapseln 65
Gemeinschaft 261 ff.

Page 314

Geradheitseindruck 84
Geräusche 38
Geräuschreiz 43
Geruchsempfindung 51
— Reize der 52
— Theorie der 52
— Geruchskörper 52
— Mischung der 52
— Aufhebung der Teilgerüche 52
— Wettstreit der Teilgerüche 52
Geschmacksempfindung 48
— Mischung der Geschmäcke 49
— Geschmacksknospen 50
— Qualitäten des Geschmacks 48
— Geschmacksreize 50
— Umstimmung des Geschmacks 50
Gesichtsempfindung 20
Gesichtspunkte 122, 171 f.
Gestalt, rhythmische 130
— -wahrnehmung 121 ff.
Gewißheit 181 ff.
Gewissen 270
Gewöhnung 229
Gottesglaube 271 ff.
Grenzmethode 70

Page 315

Halluzination 182
Haschischgenuß 128
Hautempfindung 64
Heiligkeit 281
Helladaptation 31 f.
Hellapparat 34
Helligkeitsempfindlichkeit 32
— -kontrast 27
— Maximum der Helligkeit 24, 31
Hemmung, effektuelle, generative 171 f.
— rückwirkende 172
Hemmungstheorie 248
Herstellung, Methode der 70
Hilfen (Konstellation) 171
Hilfen- Methode der (Assoziation) 164
Hitze 54
Horopter 90
Hypnose 291 ff.

Ichbewußtsein 201 ff.
— Doppel- 212
— gesellschaftliches, persönliches 208, reines 209
— Spaltung des 212
— Substantialität des 211
Ideenassoziation 158
Illusion 110, 182

Page 316

Indifferenzpunkt der Haut 55
Innervationsempfindung 64
Instinktbewegung 237
Inspiration 260
Intensität 19
— -änderung, reine 19
— der Aufmerksamkeit 244
Irradiation 85, 223
Irrationalität 267

Jetzt 129
Jucken 56

Kälteempfindung, paradoxe 55
— -punkt 55
Kardiograph 144
Kategorien 181 ff., 187
Kinematograph 135
Kitzel 56
Klangfarbe 41
Klangverwandtschaft 79
Körperbewegung 161
Kombinationstöne 44
Komplexbildung 171 ff.
— -ergänzung 171 f., 179
Komplexe, Entstehung der 171 ff.
Komplikationsversuche 129, 248

Page 317

Konsonanz 41, 43, 71 ff.
Konstanzmethode 71
Konstanz der Farben 109
Konstellation 171 ff.
Kontrastgesetz 222
— sukzessiver Kontrast 29
Korrelation 254
Kraft (Motiv) 229
Kraftempfindung 64
Kraftsinn 65
Kriterien 189
— der Bekanntheit 204
Kultur, Konstanz der 261 f.
Kunst 271 ff.
— Entstehung der 271 ff.
— Entwicklung der 271 ff.

Lage 62
— Körper- 60
— der Körperglieder 63
— -wahrnehmung 111 ff.
Leidenschaften 221
Lernen, sinnvolles 174
Lernstoff, Einfluß des 167
Lichtinduktion, gleichsinnige 30
Lokalisation, allgemeines Gesetz 114

Page 318

— der Schallreize 115
— der Tastreize 112
Lokalzeichen 81
Luftperspektive 88
— für Töne 115
Lüge des Bewußtseins 228

Mark, verlängertes 159
Maßformel 73
Meißnersche Tastkörperchen 57
Methoden 11 ff.
— Lösungsmethode 251 f.
Mittel, arithmetisches 72
Monotheismus 278
— Urmonotheismus 278
Motiv, Wesen 226
— Arten 221 f.
— Wirksamkeit von 221 f.
Muskelempfindung 279

Nachbild, negatives, positives 29
Naßeindruck 54
Nativismus 81 ff., 94
Naturwissenschaft 8
Nebeneindruck 177 (Vergleichung)
Nervensystem 151 ff.
nervus vestibularis 61

Page 319

Netzhaut 34
— Umstimmung der 29
— örtliche Verschiedenheiten 31 f.
Neuronen 159
Nystagmus 136

Ohr 41 f.
Opfer 279
Organe 57
— Empfindlichkeit der inneren 60
— -empfindungen 59
Ortssinn 112
Ortswert 81 f.
Otolithen 61

Parakusie 40
Parallaxe 88
— binokulare 93
Paramnesie, reduplizierende 205
Paraphantasie 185
Perimeter 32
Perseveration 151 ff.
Phänomenologie 5
Phantasie 256
— im engeren Sinn 258
— im weiteren Sinn 251 ff.
— Eigenschaften der 257

Page 320

— Leistungen der 251 ff.
— -lügen 205
— Theorie 251 f.
Phobie 252
Polytheismus 278
Plethysmograph 141 f.
Pneumograph 144
Präsenzzeit, psychische 129
Projektionstheorie 86, 92
Pseudoempfindung 109
Punkte, identische 90
— korrespondierende 90
Psychoanalyse 293
Psychologie, Aufgabe der 6, 9
— Arten 15
— Assoziations- 3, 6
— Eigenart der experimentellen 6
— Geschichte d. experimentellen 2
— Methoden der 11 ff.
— Quellen der 10
— theoretische 5
Psychophysik 68
— Aufgaben der 69
— Methoden der 61 ff.
Purkinjesches Phänomen 25

Page 321

Qualitätenreihe 20
Querdisparation 93

Raumlokalisation 115
Raumschwelle 96
— Bestimmung der 96, 99
Raumsinn 97
— der Haut 96
Randkontrast 27
Recht 261 ff.
Rechtshänder 161
Reize, äquivalente 70
Reiz, äußerer 23
Reizverhältnisse 70
Reizfindung, Methode der 70
Reflexbewegung 237
Reflexbogen 159
religiöse Entwicklungen 281 ff.
Reproduktion 151 ff.
— Hauptgesetz der 156
— -tendenz 154, 235
Resonatoren 41
Richtigkeit, logische 191
Rückenmark 159
Rückenmarksreflexe 159

Sachverhalt 117

Page 322

— Entdecken und Erkennen 119
— Gedächtnis von 153, 171 f., 181
Schema, antizipierendes, 122, 173, 193, 230, 254, 258, 307
Schlaf 281 ff.
— Tiefe des 282
— Theorie des 281 ff.
— traumloser 283
Schluß, naturgemäßer 181 ff.
Schmerzpunkte 58
Schmerzqualitäten 58
Schöne, das 272
Schwebungen 44, 78
Schwelle 69
Schwereempfindung 64
Seele, substantielle 8
Sehfelder, Wettstreit der 91
— -größe 111 ff.
— -purpur 34
— -richtungen, Gesetz der identischen 92
— -richtung des Doppelauges 91 ff.
— -schärfe 84, 132
— -substanz, Dissimilation der 37
Selbstbeobachtung 11
— rückschauende 12
Silbenreihe, Länge einer 166
Sicherheit des Urteilens 199

Page 323

Simultankontrast 27
— -vergleich 176
Sinnesenergie, Gesetz der spezifischen 66
Sinusschwingung 42
Sitte 261 ff.
Sittlichkeit 261 ff.
Spannungsempfindung 64
Sphygmograph 144
Sprache, Änderung 165
— Auslösung 261 ff.
— Bedeutungswandel 266
— Darstellung 262
— Entstehung 261 ff.
— Entwicklung 261 ff.
— Kundgabe 262
— Leistungen 261 f.
— Theorie 262
— -Verständnis 162
Sprechbewegungen 163
Stäbchen 34
Statistik 14
Stereoskop 93
Stimmungen 221
Stimulus-error 75
Streben, negatives 227
— unwillkürliches 151, 251 f.

Page 324

Stroboskop 135
Substanzbegriff 179
Substitution 154, 156
Suggestion 291 f.
— posthypnotische 298
Summationston 45
Sukzessivvergleich 177
Syllogismus 189
Synästhesien 101 ff.

Täuschung (Gestaltwahrnehmung) 125
— des Tastsinnes 113
— aristotelische 113
Talbotsches Gesetz 31
Tastraum der Blinden 91 ff.
— Theorie des 99
— -zusammenziehung 99
Tastzirkel 96
Temperaturempfindung 53
— Theorie der 55
Temporalzeichen 55, 130
Tendenz, determinierende 221 ff.
Termineingebung 297
Test 13
Tiefensehen des Einäugigen 87
— des Doppelauges 92

Page 325

Tiefensehschärfe 93
Tiefenwahrnehmung, Ursprung der binokularen 91 ff.
— sekundäre Faktoren der 88
Tierauge 35
Tonempfindung, Reize der 42
— Helligkeit der 40
— Theorie der 45
Tonhöhe 39
— Grenzen der 42
— -formanten 40
— -inseln 47
— -lücken 47
— Ober- 71, 78
— -stärke 39
— -verschmelzung 41, 43, 71 ff.
Traum 281 ff.
— Denkfunktion im 291
— Eigenschaften des 287
— Empfindungen im 291
— Gefühle im 289, 292
— Gegenstand 292
— Theorie 281 ff.
Treffermethode 164
Trieb (Aufmerksamkeit) 151, 251
Typenbilder Galtons 183
Typen, religiöse 281

Page 326

Unterschiedsschwelle 70
Unterstützungstheorie (Aufmerksamkeit) 248
Ursächlichkeit 179
Urteil 191 ff.
— Arten des 197
— aktives Moment beim 198
— -findung, Methode der 70
— Theorien 191 ff.
— Wollen beim 198
— Vergangenheits- 181 f., 201, 201 f.
— Urvater 278

Verant 89
Vergangenheitsmoment 201
Vergessen 161 ff.
Vergleich 14
Vergleichung 176
Verhör 207
Verlustgefühle 217
Vokalität der Töne 40
Voluntarismus 6
Vorstellung 180
— absolute 101 ff., 181, 183
— freisteigende 154, 157
— -assoziation 158
— Bewegungs- 231 ff.

Page 327

— -bewegung, freie 251 f., gebundene 251 f.
— Eigenschaften der 103
— -entfaltung 157
— -erneuerung 151 ff.
— und Gefühl 146, 224
— Ober- 230
— -reproduktion, diffuse 193
— -typen 106, 109
— und Wahrnehmung 181 ff.

Wachsuggestion 295
Wärmepunkte 55
Wahlakt 149
Wahrnehmung 181 ff.
— Eigenschaften 105
— der Veränderung 132
— Wirklichkeitscharakter der 181 f.
Webersches Gesetz 71 ff.
Werturteil 224
Widerstandsempfindung, paradoxe 61 f.
Wiedererkennen 201 ff.
— falsches 201 f.
— -methode 164
Wiederholungen 161 ff.
Willensbeeinflussung 229
Willenshandlung, äußere 231 ff.

Page 328

— innere 241 ff.
— zusammengesetzte 232
— und Bedeutung 231
— Bewegung, ideomotorische 236
— und Gefühl 224
— und Relation 179
Willkürhandlungen 238
Willenskraft, Messung der 231 ff.
Willensakt, Qualitäten des 150
— -stärke 231 ff.
— Theorien 141 ff.
— -vorgang, einfacher 231
— Wirkungen des Willensaktes 221 ff.
— Untersuchung, experimentelle 141 ff.
Willenszug 151
Wollen 141 ff.
— elementares 151
— isoliertes 151
— Intensität des 150
Wissen, latentes 178
Winkelverschiebung 88
Wortverständnis 183

Zapfen 34
Zeitgestalten 130
— -schwelle 127

Page 329

— -sinn 125
— -strecken, Vergleichung der 127
— -theorie 130
— -verschiebung 129
— -wahrnehmung 121 ff.
Zentralwert 72
Zeugnis 207
Zyklopenauge 92
Zusammenfassung (Komplexe) 174
Zweifaktorentheorie 109

Ferner erschienen in der

PHILOSOPHISCHEN
HANDBIBLIOTHEK
Band I

Einleitung in die Philosophie
von Professor Dr. Josef Anton Endres
8° Seiten 195 (G) geh. M. 4.50, in Halbleinen M. 6.30
„D e r Ta g “: Das Endressche Werk stellt sich als eine philosophische Enzyklopädie dar,
die nicht nur die Aufgabe der Philosophie, ihre Begriffe und ihre Einteilung, ihre
Richtungen, Schulen, Ziele und Methoden schildert, sondern, was besonders wichtig, bei
allen ihren Darlegungen den Einblick in die geschichtliche Entwicklung der einzelnen
Fragestellungen, Begriffsbildungen, Ausdrücke, Disziplinen und Methoden übersichtlich
erschließt.

Page 330

Band II

Geschichtsphilosophie
von Professor Dr. Franz Sawicki
8° 305 Seiten (G) geh. M. 7.20, in Halbleinen 9 M.
„H a m b u r g i s c h e K o r r e s p o n d e n t “: Sawickis Geschichtsphilosophie gibt nicht
eine Konstruktion des Geschichtsverlaufs, wie etwa Hegel oder Spengler. Sie untersucht
vielmehr die Faktoren der Geschichte (Mensch, Natur, kulturelles Milieu,
übergeschöpfliche Faktoren), die historischen Gesetze, den Sinn der Geschichte und die
Prinzipien des historischen Erkennens. Der Nachweis der Zielstrebigkeit der Geschichte
ist, dem aristotelischen Geist entsprechend, ein Grundzug des Werks, das mit seiner Fülle
klarer Gedankenführungen sehr anregend wirkt, denn alle aktuellen Fragen, wie die nach
der Bedeutung des Wirtschaftslebens, nach dem Verhältnis von Individuum und Masse,
nach dem Wert der Arbeit, nach der Objektivität der historischen Erkenntnis werden hier in
sorgfältiger und gründlicher Weise berücksichtigt und klargelegt.

Band III/IV

Philosophie der Natur
von Professor Dr. J. Schwertschlager
1. Teil: 8° 317 Seiten (G) geh. M. 7.20, in Halbleinen M. 8.80, in
Ganzleinen M. 9.60
2. Teil: 8° 276 Seiten (G) geh. M. 6.50, in Halbleinen M. 8.10, in
Ganzleinen M. 8.90
„A r c h i v f ü r P h i l o s o p h i e “: Das Werk stellt gewissermaßen eine systematische
Enzyklopädie der gesamten Naturwissenschaften in einheitlicher Behandlung des Inhalts
und einheitlicher Durchführung der von vornherein angelegten Gesichtspunkte dar.
Angelegt und durchgeführt im Sinne einer Naturphilosophie, die betreffs des rein
naturwissenschaftlichen Inhalts durchaus auf modernem Standpunkt steht und den Stempel
vorurteilsfreier Wissenschaftlichkeit an sich trägt, stellt sich das Werk in seinem
philosophischen Gehalt auf den Standpunkt eines kritischen Realismus und behandelt in
eingehender geschichtlicher und systematischer Darstellung sowohl die allgemeinen
naturwissenschaftlichen Begriffe, Grundsätze und Anschauungen als im einzelnen das
Weltsystem und seine Entwicklung sowie insonderheit den Bereich des Lebens mit all den
vielen schwerwiegenden, tiefen Problemen, die in ihm enthalten sind.

Page 331

(G) = Grundzahl × Teuerungszahl = Verlagsmarkpreis
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

Page 332

Ferner erschienen in der

PHILOSOPHISCHEN
HANDBIBLIOTHEK
Band VI

Metaphysik
von Professor Dr. Ludwig Baur
8°, 502 Seiten, (G) geheftet M. 11.35, in Halbleinen 13 Mark
N e u e P r e u ß i s c h e ( K r e u z - ) Z e i t u n g : Dieses Werk bietet tatsächlich einen
Überblick über die wichtigsten Probleme der gesamten Philosophie. Daß dieser Überblick
in sehr übersichtlicher, klarer Gliederung erfolgt, ist ein weiterer Vorzug des Werkes, das in
vier Hauptteile zerfällt, von denen der erste Teil die allgemeine Metaphysik (Ontologie),
der zweite metaphysische Fragen der Natur, der dritte die metaphysischen Fragen der
Psychologie und der vierte das absolut Seiende (natürliche Gotteslehre) behandelt. Das
Werk erscheint als eine moderne Scholastik, modern insofern, als sie sich auch mit den
mannigfachen Fragen auseinandersetzt, die erst die neuere Philosophie aufgeworfen hat.
M ü n c h n e r N e u e s t e N a c h r i c h t e n : Ein tüchtiges klares Lehrbuch ist Ludwig
Baurs „Metaphysik“. Der Scholastik-Unkundige wird überrascht sein, wie weiten
Spielraum das thomistische System auch dem empiristisch gebundenen Denken verstattet.
Ein Beispiel ist etwa die behutsame Erörterung über die räumliche Endlichkeit oder
Unendlichkeit der Schöpfung. Das übersichtlich gegliederte, an der dialektischen Methode
des Aquinaten geschulte Werk überholt nach Inhalt und Form die früheren deutschen
Lehrbücher über diesen Gegenstand.

Band VII

Ethik
von Professor Dr. Michael Wittmann
(G) geheftet M. 8.20, in Halbleinen 10 Mark

Page 333

Der Verfasser stellte sich die Aufgabe, die Tatsache des sittlichen Bewußtseins mit Hilfe
eines analytisch-induktiven und zugleich eines historisch-kritischen Verfahrens zu
ergründen. Als Ausgangspunkt dient demgemäß nur der Inbegriff der sittlichen Tatsachen
selbst. Das zergliedernde Denken will diese Tatsachen in ihre Bestandteile auflösen und so
auf ihre Voraussetzungen zurückführen. Dies geschieht an Hand einer möglichst
umfassenden geschichtlichen Orientierung. Als methodische Forderung gilt zur
Behandlung philosophischer Probleme vor allem, die Bemühungen der Vergangenheit auf
ihren Wert zu prüfen, in jeder Frage wenigstens die bedeutsameren Lösungsversuche alter
und neuer Zeit zu würdigen, die notwendigen Gesichtspunkte also durch eine historisch-
kritische Auseinandesetzung zu gewinnen und über die Vergangenheit hinauszustreben,
soweit immer deren Bestimmungen unzulänglich erscheinen. Das Endergebnis dieser
Untersuchung zeigt, daß die Sittlichkeit als Hintergrund eine bestimmte Weltanschauung
fordert, daß unsere sittliche Gedankenwelt nur aus einer theistischen Weltbetrachtung
verständlich zu machen ist; auf jedem anderen Hintergrunde verlieren die sittlichen
Begriffe ihren Sinn und ihren Halt und treten in einen Prozeß der Auflösung ein.

(G) = Grundzahl × Teuerungszahl = Verlagsmarkpreis
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

Page 334

IM VERLAG JOHANN AMBROSIUS
BARTH / LEIPZIG 265
erschien von

Dr. J. Lindworsky

DER WILLE
seine Erscheinung und seine Beherrschung
nach den Ergebnissen der experimentellen Forschung
VI, 282 Seiten / 3., erweiterte Auflage / 1923 / Gz. 7

*
Die dritte, stark erweiterte Auflage bringt an neuem Stoff u. a. Berichte über schwer
zugängliche Zeitschriften-Literatur, insbesondere amerikanischen Ursprungs, sodann über
Untersuchungen von O. Selz, K. Lewin und dem Verfasser selbst. Diese neueren Arbeiten
ermöglichen es, nunmehr so zentrale Fragen wie die nach der Erlebnisweise der Motive,
dem Ursprung des Willensaktes, der Kraft des Entschlusses, sowie eine Theorie der
Willenshandlung vom empirischen Standpunkt aus anzugreifen. Außerdem findet sich ein
völlig neuer Abschnitt: „Die Willensdefekte vom Standpunkte der Normalpsychologie“
und ein Anhang: „Grundsätzliches zur Willensprüfung“, der namentlich das Interesse der
Psychotechniker berührt.

„D e u t s c h e R e i c h s z e i t u n g “: Die Bedeutung dieser Arbeit liegt darin, daß der
Verfasser hier erstmalig die neuere experimentelle Willensforschung aufarbeitet. Die
Ergebnisse dieses knapp zwei Jahrzehnte alten modernsten Zweiges der Psychologie
werden gründlich überprüft und in ihrem bleibenden Gehalt zusammengetragen,
Literaturhinweise geleiten sie sicher durch die Wege der Forschung. Nächst dem
Psychologen wird der Erzieher dem Verfasser danken, daß er sorgsam die Gesichtspunkte
entwickelt, unter denen die Charaktererziehung als wichtigster Teil der Pädagogik auf die
Seelenforschung sich gründen und von ihr aus weiterkommen kann und muß.
Seelenerkenntnis und Seelenführung schließen einen engen Arbeitsbund. — Für die
Kernaufgabe der Pädagogik, die Charakter- und Willensbildung, ist hier ein Grundwerk
gegeben; es gehört in die Bibliothek auch des Erziehers, des Geistlichen, der Seminare
usw.

Page 335

„K a t h o l i s c h e S c h u l b l ä t t e r “: Darum darf eine solche tiefgründige Studie von
vornherein darauf rechnen, beachtet zu werden. Eine Arbeit, die, wie Lindworskys, ein
vollständiges Bild der experimentellen Willensforschung bietet und so scharf ihr bisheriges
Ergebnis herausstellt, gab es bisher noch nicht. Dieses ist auch beachtenswert, ja bedeutend
genug, um hier mitgeteilt zu werden.

*
Inlandpreis: Grundzahl × jeweils geltende Buchhandelsschlüsselzahl
Auslandpreis: Grundzahl 1 = Schweizer Franken 1.25
Lieferungsmöglichkeit vorbehalten

Page 336

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK
EXPERIMENTELLE PSYCHOLOGIE ***

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Page 342

you may choose to give you a second opportunity to receive the work
electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you
may demand a refund in writing without further opportunities to fix the
problem.

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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
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www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
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Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
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Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
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in machine-readable form accessible by the widest array of equipment

Page 344

including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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