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The Project Gutenberg eBook of Gesammelte Werke in fünf
Bänden — 1. Band
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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Title: Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Author: Bjørnstjerne Bjørnson
Editor: Julius Elias
Translator: Max Bamberger
Ludwig Fulda
Cläre Greverus Mjöen
Christian Morgenstern
Roman Woerner
Release date: July 16, 2004 [eBook #12921]
Most recently updated: October 28, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/12921
Bänden — 1. Band
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Title: Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Author: Bjørnstjerne Bjørnson
Editor: Julius Elias
Translator: Max Bamberger
Ludwig Fulda
Cläre Greverus Mjöen
Christian Morgenstern
Roman Woerner
Release date: July 16, 2004 [eBook #12921]
Most recently updated: October 28, 2024
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Credits: E-text prepared by Juliet Sutherland and Project Gutenberg
Distributed Proofreaders
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE
WERKE IN FÜNF BÄNDEN — 1. BAND ***
BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON GESAMMELTE WERKE IN FÜNF BÄNDEN
EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE
ERSTER BAND
GEDICHTE UND ERZÄHLUNGEN
HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS
1911
INHALT
VORWORT
GEDICHTE[1]:
Distributed Proofreaders
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE
WERKE IN FÜNF BÄNDEN — 1. BAND ***
BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON GESAMMELTE WERKE IN FÜNF BÄNDEN
EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE
ERSTER BAND
GEDICHTE UND ERZÄHLUNGEN
HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS
1911
INHALT
VORWORT
GEDICHTE[1]:
Page 5
[1] Die Gedichte mit B sind von Max Bamberger, die mit F sind
von Ludwig Fulda, die mit Mj sind von Cläre Mjöen, die mit Mo
sind von Christian Morgenstern und die Gedichte ohne Zeichen
sind von Roman Woerner übersetzt.
Nils Finn
Lied der Jungfrauen (B)
Die Taube (B)
Vaterlandsweise (Mo)
Ein Lied für Norwegen (Mo)
Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus
Johan Ludvig Heiberg (B)
Das Meer
Allein und in Reue
Die Prinzessin
Vom Monte Pincio (F)
Ach, wüßtest du nur! (F)
Die Engel des Schlafes (B)
Das Mädchen am Strand (F)
Heimliche Liebe (Mo)
Olav Trygvason (Mo)
Seufzer (F)
An ein Patenkind
Bergliot (Mj)
An meine Frau (Mo)
In einer schweren Stunde (F)
Frida (Mo)
An Bergen (Mo)
P.A. Munch (Mj)
König Friedrich der Siebente (B)
Als Norwegen nicht helfen wollte (B)
von Ludwig Fulda, die mit Mj sind von Cläre Mjöen, die mit Mo
sind von Christian Morgenstern und die Gedichte ohne Zeichen
sind von Roman Woerner übersetzt.
Nils Finn
Lied der Jungfrauen (B)
Die Taube (B)
Vaterlandsweise (Mo)
Ein Lied für Norwegen (Mo)
Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus
Johan Ludvig Heiberg (B)
Das Meer
Allein und in Reue
Die Prinzessin
Vom Monte Pincio (F)
Ach, wüßtest du nur! (F)
Die Engel des Schlafes (B)
Das Mädchen am Strand (F)
Heimliche Liebe (Mo)
Olav Trygvason (Mo)
Seufzer (F)
An ein Patenkind
Bergliot (Mj)
An meine Frau (Mo)
In einer schweren Stunde (F)
Frida (Mo)
An Bergen (Mo)
P.A. Munch (Mj)
König Friedrich der Siebente (B)
Als Norwegen nicht helfen wollte (B)
Page 6
An den Danebrog (Mj)
Der Norrönastamm (F)
Gesang der Puritaner
Jagdlied (B)
Taylors Lied
Hochzeitslied I. (F)
Lektor Thåsen
Auf einer Reise durch Schweden (Mo)
Stelldichein (F)
Lied des Studentengesangvereins (Mj)
An den Buchhändler Johann Dahl (Mj)
Die Spinnerin (B)
Die weiße und die rote Rose
In der Jugend (Mj)
Das blonde Mädchen (Mo)
Mein Monat (Mo)
Hochzeitslied II. (F)
Norwegisches Seemannslied (Mo)
Halfdan Kjerulf (Mj)
Vorwärts (Mo)
Wie man sich fand (Mj)
Norwegische Natur (F)
Ich reiste vorüber
Mein Geleit (F)
An meinen Vater (F)
An Erika Lie (Mj)
An Johan Sverdrup (Mj)
Das Kind in unsrer Seele (F)
Der alte Heltberg
Für die Verwundeten (Mj)
Der Norrönastamm (F)
Gesang der Puritaner
Jagdlied (B)
Taylors Lied
Hochzeitslied I. (F)
Lektor Thåsen
Auf einer Reise durch Schweden (Mo)
Stelldichein (F)
Lied des Studentengesangvereins (Mj)
An den Buchhändler Johann Dahl (Mj)
Die Spinnerin (B)
Die weiße und die rote Rose
In der Jugend (Mj)
Das blonde Mädchen (Mo)
Mein Monat (Mo)
Hochzeitslied II. (F)
Norwegisches Seemannslied (Mo)
Halfdan Kjerulf (Mj)
Vorwärts (Mo)
Wie man sich fand (Mj)
Norwegische Natur (F)
Ich reiste vorüber
Mein Geleit (F)
An meinen Vater (F)
An Erika Lie (Mj)
An Johan Sverdrup (Mj)
Das Kind in unsrer Seele (F)
Der alte Heltberg
Für die Verwundeten (Mj)
Page 7
Land in Sicht
An H.C. Andersen
Bei einer Ehefrau Tode (Mo)
An der Bahre des Kirchensängers A. Reitan (Mj)
Das Lied (F)
Auf N.F.S. Grundtvigs Tod
Aus der Kantate für N.F.S. Grundtvig (Mj)
Bei einem Fest für Ludv. Kr. Daa (B)
Nein, wo bleibst du doch?
Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden—Der "vereinigten Linken"
Offne Wasser
Freiheitslied—An "die vereinigte Linke" (B)
An Molde (Mj)
Die reine norwegische Flagge (Mj)
An den Missionar Skrefsrud in Santalistan
Post festum (B)
Romsdalen (Mj)
Holger Drachmann (F)
Wiedersehen
Des Dichters Sendung (B)
Psalmen (F)
Frage und Antwort
Wecklied an die norwegische Schützengilde (Mj)
Arbeitermarsch (B)
Der Zukunft Land (Mj)
Ein junges Völkchen kerngesund (Mj)
Norge, Norge (F)
Meistern oder gemeistert werden
Im Walde (F)
Der siebzehnte Mai (Mj)
An H.C. Andersen
Bei einer Ehefrau Tode (Mo)
An der Bahre des Kirchensängers A. Reitan (Mj)
Das Lied (F)
Auf N.F.S. Grundtvigs Tod
Aus der Kantate für N.F.S. Grundtvig (Mj)
Bei einem Fest für Ludv. Kr. Daa (B)
Nein, wo bleibst du doch?
Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden—Der "vereinigten Linken"
Offne Wasser
Freiheitslied—An "die vereinigte Linke" (B)
An Molde (Mj)
Die reine norwegische Flagge (Mj)
An den Missionar Skrefsrud in Santalistan
Post festum (B)
Romsdalen (Mj)
Holger Drachmann (F)
Wiedersehen
Des Dichters Sendung (B)
Psalmen (F)
Frage und Antwort
Wecklied an die norwegische Schützengilde (Mj)
Arbeitermarsch (B)
Der Zukunft Land (Mj)
Ein junges Völkchen kerngesund (Mj)
Norge, Norge (F)
Meistern oder gemeistert werden
Im Walde (F)
Der siebzehnte Mai (Mj)
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Frederik Hegel (Mj)
Unsere Sprache (Mo)
In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Björnson aus den Erzählungen
und Dramen eine Reihe von Liedern übernommen, die hier mit den Stellen,
wo sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden
sollen:
Synnöves Lied (Mo)
Der Fuchs und der Hase (F)
Lied der Mutter (Mo)
Das Böcklein (Mo)
Das Lied vom Schneider Nils (Mo)
Venevil (Mo)
Über die hohen Berge (Mo)
Der sonnige Tag (Mo)
Ingerid Sletten (Mo)
Der Baum (Mo)
Der Ton (Mo)
Lockruf (B)
Abendstimmung (Mo)
Marits Lied (B)
Lieb' deinen Nächsten
Öyvinds Lied (B)
Liebeslied (F)
Berglied (F)
Die erste Begegnung (F)
Morgengruß
Vaterlandsweise (Mo)
Frederik Hegel (F), Band III.
Wann wird es Morgen (Mj), Band III.
Unsere Sprache (Mo)
In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Björnson aus den Erzählungen
und Dramen eine Reihe von Liedern übernommen, die hier mit den Stellen,
wo sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden
sollen:
Synnöves Lied (Mo)
Der Fuchs und der Hase (F)
Lied der Mutter (Mo)
Das Böcklein (Mo)
Das Lied vom Schneider Nils (Mo)
Venevil (Mo)
Über die hohen Berge (Mo)
Der sonnige Tag (Mo)
Ingerid Sletten (Mo)
Der Baum (Mo)
Der Ton (Mo)
Lockruf (B)
Abendstimmung (Mo)
Marits Lied (B)
Lieb' deinen Nächsten
Öyvinds Lied (B)
Liebeslied (F)
Berglied (F)
Die erste Begegnung (F)
Morgengruß
Vaterlandsweise (Mo)
Frederik Hegel (F), Band III.
Wann wird es Morgen (Mj), Band III.
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Kåres Lied (Mo) ("Sigurd Slembe"'2, A. III, 1. Sz.), Band IV.
Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV.
Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV.
Sünde, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV.
Sie haben einander gefunden (F) (D. König, 3. Zwischenspiel), Band IV.
ERZÄHLUNGEN:
Thrond (1856)
Die gefährliche Freite (1856)
Synnöve Solbakken (1857)
Arne (1858)
Ein fröhlicher Bursch (1859)
Der Vater (1859)
Das Fischermädel (1868)
*****
Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV.
Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV.
Sünde, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV.
Sie haben einander gefunden (F) (D. König, 3. Zwischenspiel), Band IV.
ERZÄHLUNGEN:
Thrond (1856)
Die gefährliche Freite (1856)
Synnöve Solbakken (1857)
Arne (1858)
Ein fröhlicher Bursch (1859)
Der Vater (1859)
Das Fischermädel (1868)
*****
Page 10
VORWORT
Nicht erst Björnstjerne Björnsons Heimgang hat den Plan geformt und
gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke
vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und
eigensten Wünsche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und
entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Bestätigung seiner
feurigen Persönlichkeit dienen konnte. Björnsons Todestag (26. April 1910)
jährt sich, da dieses Gegenstück der volksmäßigen Ibsenausgabe ans Licht
tritt, und der Herausgeber kann ein Gefühl der Wehmut nicht unterdrücken,
daß der Dichter die Verwirklichung dessen nicht mehr gesehen hat, was wir
gemeinsam ersonnen haben.
Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl,
allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Björnsons
Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen
erschöpfend zusammenfaßt. Hierdurch unterscheidet sie sich von der
bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine
eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung,
Buch an Buch in Einzelbänden reiht. Der von Björnson befürwortete
Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner
literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im künstlerischen und
geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Völker überhaupt Epoche
gemacht hat, mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiten, die in seinem
Nicht erst Björnstjerne Björnsons Heimgang hat den Plan geformt und
gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke
vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und
eigensten Wünsche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und
entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Bestätigung seiner
feurigen Persönlichkeit dienen konnte. Björnsons Todestag (26. April 1910)
jährt sich, da dieses Gegenstück der volksmäßigen Ibsenausgabe ans Licht
tritt, und der Herausgeber kann ein Gefühl der Wehmut nicht unterdrücken,
daß der Dichter die Verwirklichung dessen nicht mehr gesehen hat, was wir
gemeinsam ersonnen haben.
Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl,
allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Björnsons
Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen
erschöpfend zusammenfaßt. Hierdurch unterscheidet sie sich von der
bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine
eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung,
Buch an Buch in Einzelbänden reiht. Der von Björnson befürwortete
Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner
literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im künstlerischen und
geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Völker überhaupt Epoche
gemacht hat, mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiten, die in seinem
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eigenen Leben Epoche machten, d.h. als Dokumente seiner menschlichen
und dichterischen Entwicklung gelten können. Ein zwiefacher Maßstab
also: der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich
auf natürliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus
seinem Gesamtwirken geschöpften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse
eines Persönlichkeitswachstums; die großen und kleinen Erzählungen,
sowie die beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die
wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als
auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten können: sie füllen zwei Bände
aus, während die Gedichte und Prosastücke in drei Bänden vereinigt
werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine
chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten
Band, durch die Verkoppelung der voluminösen Romane, zum Schaden des
stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen.
Die künstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, hätte ohne das
verständnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfüllt
werden können; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie
haben uns alles zur Verfügung gestellt, was den Wert und die Fülle dieser
Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundsätzen der
Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Maßstab gesetzt hat:
einen ebenso formkräftigen, wie sprachlich reinen und alles
Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck
anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer Entscheidung.
Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche Änderungen aus der Langenschen
Sammlung in unsere Ausgabe über, nur mit dem Unterschied, daß einerseits
eine, übrigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist, die in engstem
Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits—um doppelten
Abdruck zu vermeiden—28 Lieder in der Sammlung selbst unterdrückt
wurden, weil sie später in den Prosastücken und Dramen als lyrische
und dichterischen Entwicklung gelten können. Ein zwiefacher Maßstab
also: der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich
auf natürliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus
seinem Gesamtwirken geschöpften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse
eines Persönlichkeitswachstums; die großen und kleinen Erzählungen,
sowie die beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die
wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als
auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten können: sie füllen zwei Bände
aus, während die Gedichte und Prosastücke in drei Bänden vereinigt
werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine
chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten
Band, durch die Verkoppelung der voluminösen Romane, zum Schaden des
stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen.
Die künstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, hätte ohne das
verständnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfüllt
werden können; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie
haben uns alles zur Verfügung gestellt, was den Wert und die Fülle dieser
Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundsätzen der
Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Maßstab gesetzt hat:
einen ebenso formkräftigen, wie sprachlich reinen und alles
Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck
anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer Entscheidung.
Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche Änderungen aus der Langenschen
Sammlung in unsere Ausgabe über, nur mit dem Unterschied, daß einerseits
eine, übrigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist, die in engstem
Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits—um doppelten
Abdruck zu vermeiden—28 Lieder in der Sammlung selbst unterdrückt
wurden, weil sie später in den Prosastücken und Dramen als lyrische
Page 12
Intermezzi wiederkehren: nach dem übersichtlichen Tableau des
Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden.
Als maßgebender Originaltext wurde die elfbändige Volksausgabe
"Samlede Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die Übersetzungen
der Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache
stilistische Umformung der älteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter der
rührigen Mitwirkung von Elsa Glawe, Gertrud J. Klett und Max Bamberger
eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbständig anzusprechen ist.
Damit wird das Verdienst zumal Cläre Mjöens, unserer lyrischen
Mitarbeiterin, die besonders für die vier reichen Bände der "Gesammelten
Erzählungen" auf der ersten Etappe der deutschen Björnsonpropaganda
Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht beeinträchtigt. Von besonderer
Bedeutung wurde es für die Neugestaltung der Texte, daß Ludwig Fulda
seine feine und starke Verskunst in den Dienst unserer Sache stellte. Von
ihm stammen die lyrischen Nachdichtungen in den Erzählungen "Arne" und
"Das Fischermädel", soweit die Fassungen nicht durch die Sammlung der
"Gedichte" vorgeschrieben waren. Er hat hier und in vielen anderen
Winkeln unseres verzweigten Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und
tatkräftig, daß wir uns ihm zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fühlen.
Von Ludwig Fulda stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen
Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der König", während
man Roman Woerner für die nachschaffende Übertragung des Versstücks
"Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist.
Die neue und von allen Vorbildern unabhängige Übersetzung der zehn
Prosadramen hat sich der Herausgeber allein vorbehalten. Er trägt auch
die zusammenfassende Studie über Björnson—das Werk und den
Menschen—bei, die im fünften Bande die Ausgabe abschließt.
Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden.
Als maßgebender Originaltext wurde die elfbändige Volksausgabe
"Samlede Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die Übersetzungen
der Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache
stilistische Umformung der älteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter der
rührigen Mitwirkung von Elsa Glawe, Gertrud J. Klett und Max Bamberger
eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbständig anzusprechen ist.
Damit wird das Verdienst zumal Cläre Mjöens, unserer lyrischen
Mitarbeiterin, die besonders für die vier reichen Bände der "Gesammelten
Erzählungen" auf der ersten Etappe der deutschen Björnsonpropaganda
Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht beeinträchtigt. Von besonderer
Bedeutung wurde es für die Neugestaltung der Texte, daß Ludwig Fulda
seine feine und starke Verskunst in den Dienst unserer Sache stellte. Von
ihm stammen die lyrischen Nachdichtungen in den Erzählungen "Arne" und
"Das Fischermädel", soweit die Fassungen nicht durch die Sammlung der
"Gedichte" vorgeschrieben waren. Er hat hier und in vielen anderen
Winkeln unseres verzweigten Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und
tatkräftig, daß wir uns ihm zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fühlen.
Von Ludwig Fulda stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen
Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der König", während
man Roman Woerner für die nachschaffende Übertragung des Versstücks
"Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist.
Die neue und von allen Vorbildern unabhängige Übersetzung der zehn
Prosadramen hat sich der Herausgeber allein vorbehalten. Er trägt auch
die zusammenfassende Studie über Björnson—das Werk und den
Menschen—bei, die im fünften Bande die Ausgabe abschließt.
Page 13
Die "Gesammelten Werke" Björnsons sollen nicht in die Welt ziehen,
ohne daß in dankbarer Gesinnung der wertvollen Unterstützung gedacht
wäre, mit der Halvdan Koht, Kr. Collin, W.P. Sommerfeldt, Max Bernstein,
Max Dreyer und die Universitätsbibliothek zu Kristiania in so mancherlei
Beziehungen das Werk gefördert haben. In der Frage des Korrekturlesens
erwies sich, wie so oft schon, Theodor Poppe als tätiger Freund.
Berlin, 13. März 1911.
Julius Elias.
*****
ohne daß in dankbarer Gesinnung der wertvollen Unterstützung gedacht
wäre, mit der Halvdan Koht, Kr. Collin, W.P. Sommerfeldt, Max Bernstein,
Max Dreyer und die Universitätsbibliothek zu Kristiania in so mancherlei
Beziehungen das Werk gefördert haben. In der Frage des Korrekturlesens
erwies sich, wie so oft schon, Theodor Poppe als tätiger Freund.
Berlin, 13. März 1911.
Julius Elias.
*****
Page 14
GEDICHTE
*****
*****
Page 15
NILS FINN
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Und der kleine Nils Finn wollte flugs über Land;
Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band.
—"Das ist schlimm!" sagt' es drunten.
Nils stieß mit dem Fuße: "Wo bist du denn—du?
Verdammter Kobold! nun laß mich in Ruh'!"
—"Hi—ho—ha!" sagt' es drunten.
"Da siehst du ein Hexenstück!" schrie Nils und hob
Seinen Stab und schlug in den Schnee, daß es stob.
—"Hit—li—hu!" sagt' es drunten.
Ein Fuß stak im Schnee; mit kräftigem Zug
Riß Nils daran, bis er hintüber schlug.
—"Zieh doch fest!" sagt' es drunten.
Nils weinte und stampfte und stach und hieb—
Und sank immer tiefer, je toller er's trieb.
—"Das ging gut!" sagt' es drunten.
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Und der kleine Nils Finn wollte flugs über Land;
Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band.
—"Das ist schlimm!" sagt' es drunten.
Nils stieß mit dem Fuße: "Wo bist du denn—du?
Verdammter Kobold! nun laß mich in Ruh'!"
—"Hi—ho—ha!" sagt' es drunten.
"Da siehst du ein Hexenstück!" schrie Nils und hob
Seinen Stab und schlug in den Schnee, daß es stob.
—"Hit—li—hu!" sagt' es drunten.
Ein Fuß stak im Schnee; mit kräftigem Zug
Riß Nils daran, bis er hintüber schlug.
—"Zieh doch fest!" sagt' es drunten.
Nils weinte und stampfte und stach und hieb—
Und sank immer tiefer, je toller er's trieb.
—"Das ging gut!" sagt' es drunten.
Page 16
Und die Birken, die tanzten, es bogen sich krumm
Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum.
—"So bekannt?!" sagt' es drunten.
Und es lachte der Berg, daß der Schnee nur so flog;
Nils ballte die Faust und schwor, daß er log.
—"Nun gib acht!" sagt' es drunten.
Und der Schneehang gähnte, der Himmel fiel ein;
Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein.
—"Ist er weg?" sagt' es drunten.
Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher,
Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr.
—"Wo ist Nils?" sagt' es drunten.
Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum.
—"So bekannt?!" sagt' es drunten.
Und es lachte der Berg, daß der Schnee nur so flog;
Nils ballte die Faust und schwor, daß er log.
—"Nun gib acht!" sagt' es drunten.
Und der Schneehang gähnte, der Himmel fiel ein;
Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein.
—"Ist er weg?" sagt' es drunten.
Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher,
Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr.
—"Wo ist Nils?" sagt' es drunten.
Page 17
LIED DER JUNGFRAU
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Guten Morgen, Sonne in grünem Laub!
Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde,
Lächeln seinem finstern Munde,
Himmelsgold dem Allweltenstaub!
Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schloß!
Lockst seine Jungfraun aus den Hallen;
Leuchtsternlein zünde den Herzen allen,—
Kläre das Leid, das der Nacht entsproß.
Guten Morgen, Sonne am Felsengrat!
Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken;
Laß deine Wärme sie baden, sich recken
Dem Tage entgegen, der dort naht!
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Guten Morgen, Sonne in grünem Laub!
Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde,
Lächeln seinem finstern Munde,
Himmelsgold dem Allweltenstaub!
Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schloß!
Lockst seine Jungfraun aus den Hallen;
Leuchtsternlein zünde den Herzen allen,—
Kläre das Leid, das der Nacht entsproß.
Guten Morgen, Sonne am Felsengrat!
Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken;
Laß deine Wärme sie baden, sich recken
Dem Tage entgegen, der dort naht!
Page 18
DIE TAUBE
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Eine Taube sah ich zittern
In eines Sturmwirbels Toben;
Sie ward von Ungewittern
Jäh über die Hochflut gehoben.
Ich hörte sie nicht klagen,
Nicht stöhnen und nicht flehen,—
Die Schwingen fühlt' sie versagen,
Da mußte sie untergehen.
(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")
Eine Taube sah ich zittern
In eines Sturmwirbels Toben;
Sie ward von Ungewittern
Jäh über die Hochflut gehoben.
Ich hörte sie nicht klagen,
Nicht stöhnen und nicht flehen,—
Die Schwingen fühlt' sie versagen,
Da mußte sie untergehen.
Page 19
VATERLANDSWEISE
(1859)
Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee,
Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See.
Wohl trägt es dem Landmann nur kärglichen Lohn,
Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn.
Sie nahm auf den Schoß uns, dieweil wir noch klein,
Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein.
Wir lasen—. Das Auge ward feucht und groß.
Die Alte saß lächelnd und nickte bloß.
Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt
Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand;
Sie stand da, noch älter, und träumte stumm,
Und Steingräber lagen im Kreis ringsum.
Sie nahm bei der Hand uns und führt' uns gemach
Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach,
Wo demütig beugten die Väter ihr Knie,
Und mütterlich sprach sie: tut ihr wie sie!
(1859)
Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee,
Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See.
Wohl trägt es dem Landmann nur kärglichen Lohn,
Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn.
Sie nahm auf den Schoß uns, dieweil wir noch klein,
Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein.
Wir lasen—. Das Auge ward feucht und groß.
Die Alte saß lächelnd und nickte bloß.
Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt
Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand;
Sie stand da, noch älter, und träumte stumm,
Und Steingräber lagen im Kreis ringsum.
Sie nahm bei der Hand uns und führt' uns gemach
Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach,
Wo demütig beugten die Väter ihr Knie,
Und mütterlich sprach sie: tut ihr wie sie!
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Sie deckte die bergschroffen Hänge mit Schnee,
Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See,
Sie gab ihren Söhnen des Schneeschuhes Hast
Und rief ihre Söhne zu Ruder und Mast.
Sie rief ihre Töchter in Reih' und in Glied
Und hieß sie uns spornen mit Lächeln und Lied.
Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht
In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht.
Da scholl ein Vorwärts durch Norwegen hin
In Väterzunge, mit Vätersinn!
Für Freiheit und nordische Art hurra!
Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra!
Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal,
Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl,
Da stand über Gipfeln ein flammendes Haupt,
Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt.
Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See,
Sie gab ihren Söhnen des Schneeschuhes Hast
Und rief ihre Söhne zu Ruder und Mast.
Sie rief ihre Töchter in Reih' und in Glied
Und hieß sie uns spornen mit Lächeln und Lied.
Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht
In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht.
Da scholl ein Vorwärts durch Norwegen hin
In Väterzunge, mit Vätersinn!
Für Freiheit und nordische Art hurra!
Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra!
Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal,
Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl,
Da stand über Gipfeln ein flammendes Haupt,
Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt.
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EIN LIED FÜR NORWEGEN
(1859)
Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedräut,
Ihrer Berge Stamm und Äste
Wind und Wolken beut.
Lieben ihre tausend Hütten,
Ihres Meeres Zorn,
Und, den kein Meer kann verschütten,
Ihrer Saga Born.
Harald hat ihr Volk verflochten,
Daß kein Feind sie zwang,
Håkon hat für sie gefochten,
Während Öjvind sang.
Olav malt' auf ihre harte
Stirn ein Kreuz von Blut,
Sverre brach von ihrer Warte
Romas Übermut.
Bauern ihre Äxte schliffen,
Wo ein Feind sich wies;
(1859)
Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedräut,
Ihrer Berge Stamm und Äste
Wind und Wolken beut.
Lieben ihre tausend Hütten,
Ihres Meeres Zorn,
Und, den kein Meer kann verschütten,
Ihrer Saga Born.
Harald hat ihr Volk verflochten,
Daß kein Feind sie zwang,
Håkon hat für sie gefochten,
Während Öjvind sang.
Olav malt' auf ihre harte
Stirn ein Kreuz von Blut,
Sverre brach von ihrer Warte
Romas Übermut.
Bauern ihre Äxte schliffen,
Wo ein Feind sich wies;
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Tordenskjold mit seinen Schiffen
Ihn wie Spreu zerblies.
Weiber sah man kühn sich einen
Mit der Männer Hauf;
Andre konnten nichts als weinen;
Doch die Saat ging auf!
Waren unser auch nicht viele,
Waren doch genug,
Als das Land stand auf dem Spiele,
Da die Stunde schlug.
Lieber mocht's in Flammen stehen,
Eh' es kam zu Fall;
Denkt nur dessen, was geschehen
Einst in Fredrikshall!
Tragen galt es Not und Plage,
Gott verstieß uns ganz;
Doch in schlimmster Drangsal Tage
Glomm der Freiheit Glanz.
Das gab Kraft für alles Schwere,
Hunger, Krieg und Pest,
Gab dem Tod selbst seine Ehre—
Und dem Zwist den Rest.
Unser Feind zerbrach den Degen,
Auf fuhr das Visier:
Brüder flogen sich entgegen;
Denn das waren wir!
Schamrot eilten wir hernieder
Übern Öresund:
Ihn wie Spreu zerblies.
Weiber sah man kühn sich einen
Mit der Männer Hauf;
Andre konnten nichts als weinen;
Doch die Saat ging auf!
Waren unser auch nicht viele,
Waren doch genug,
Als das Land stand auf dem Spiele,
Da die Stunde schlug.
Lieber mocht's in Flammen stehen,
Eh' es kam zu Fall;
Denkt nur dessen, was geschehen
Einst in Fredrikshall!
Tragen galt es Not und Plage,
Gott verstieß uns ganz;
Doch in schlimmster Drangsal Tage
Glomm der Freiheit Glanz.
Das gab Kraft für alles Schwere,
Hunger, Krieg und Pest,
Gab dem Tod selbst seine Ehre—
Und dem Zwist den Rest.
Unser Feind zerbrach den Degen,
Auf fuhr das Visier:
Brüder flogen sich entgegen;
Denn das waren wir!
Schamrot eilten wir hernieder
Übern Öresund:
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Und da schlossen wir, drei Brüder,
Einen ewigen Bund.
Volk Norwegens, deinem Gotte
Dank' in Hütt' und Haus!
Ließ dich werden nicht zum Spotte,
Sah's auch düster aus.
Müttersorgen, Väterstreiten,
Durch Geschlechter hin,
Wußt' Er still zum Ziel zu leiten:
Unsres Rechts Gewinn.
Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedräut,
Ihrer Berge Stamm und Äste
Wind und Wolken beut.
Und wie Väterkampf beschieden,
Freiheit ihr und Macht,
Ziehn auch wir für ihren Frieden,
Wenn es gilt, auf Wacht.
Einen ewigen Bund.
Volk Norwegens, deinem Gotte
Dank' in Hütt' und Haus!
Ließ dich werden nicht zum Spotte,
Sah's auch düster aus.
Müttersorgen, Väterstreiten,
Durch Geschlechter hin,
Wußt' Er still zum Ziel zu leiten:
Unsres Rechts Gewinn.
Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedräut,
Ihrer Berge Stamm und Äste
Wind und Wolken beut.
Und wie Väterkampf beschieden,
Freiheit ihr und Macht,
Ziehn auch wir für ihren Frieden,
Wenn es gilt, auf Wacht.
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NORWEGENS ANTWORT
(auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860)
Hörst, jung Norge, du mit Schweigen,
Was der Schwede sagt?
Siehst du's aus der Tiefe steigen,
Wo der Grenzfels ragt?
Schatten sind's gefallner Ahnen,
Die da winken, die da mahnen,
Wenn der Hohn den Streit entfacht,
Die da fordern treue Wacht.
Hör' den Schweden, hör' ihn grollen:
Norges Flaggenrot,
Das aus Wunden reich gequollen
Einst bei Magnus' Tod;
Das ob Haldens Zinnen schwebte,
Adlers Kraft zum Sieg belebte,—
Durch dies Rot im Flaggenfeld
Sei sein Blau und Gelb entstellt.
Hör' den Schweden: nichtig seien
Norges Ruhm und Glanz;
(auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860)
Hörst, jung Norge, du mit Schweigen,
Was der Schwede sagt?
Siehst du's aus der Tiefe steigen,
Wo der Grenzfels ragt?
Schatten sind's gefallner Ahnen,
Die da winken, die da mahnen,
Wenn der Hohn den Streit entfacht,
Die da fordern treue Wacht.
Hör' den Schweden, hör' ihn grollen:
Norges Flaggenrot,
Das aus Wunden reich gequollen
Einst bei Magnus' Tod;
Das ob Haldens Zinnen schwebte,
Adlers Kraft zum Sieg belebte,—
Durch dies Rot im Flaggenfeld
Sei sein Blau und Gelb entstellt.
Hör' den Schweden: nichtig seien
Norges Ruhm und Glanz;
Page 25
Ehre sollten wir entleihen
Seinem Strahlenkranz.
Ruhmlos, eignen Herd zu schützen!
Ziehn wir denn hinab nach Lützen,
Schleppen auch im Wanderschritt
Urahns alten Armstuhl mit.
Laßt ihn stehn. Der "dürftige Krempel"
Wird von uns verehrt;
Seines Alters würdiger Stempel
Macht ihn doppelt wert.
Drinnen saß durch lange Zeiten
Mancher, groß in Rat und Streiten,—
Sverre und sein Heldenschlag,—
Der wohl hier noch spuken mag.
Hört den Schweden: nur sein Ringen
Hätte uns befreit,
Beißen könnten Schwedenklingen
Noch in heutiger Zeit!
Dünkt uns das wohl sehr gefährlich?
Vorsicht raten wir ihm ehrlich;
Will er sprengen unser Tor,
Fallen einige zuvor.
Hört doch nur: wir waren Knaben,
Ihm gehorsam-still
Mit der Schleppe nachzutraben
Stets, wohin er will.
Hei, was sagten wohl dem Kecken
Christie und die alten Recken,
Seinem Strahlenkranz.
Ruhmlos, eignen Herd zu schützen!
Ziehn wir denn hinab nach Lützen,
Schleppen auch im Wanderschritt
Urahns alten Armstuhl mit.
Laßt ihn stehn. Der "dürftige Krempel"
Wird von uns verehrt;
Seines Alters würdiger Stempel
Macht ihn doppelt wert.
Drinnen saß durch lange Zeiten
Mancher, groß in Rat und Streiten,—
Sverre und sein Heldenschlag,—
Der wohl hier noch spuken mag.
Hört den Schweden: nur sein Ringen
Hätte uns befreit,
Beißen könnten Schwedenklingen
Noch in heutiger Zeit!
Dünkt uns das wohl sehr gefährlich?
Vorsicht raten wir ihm ehrlich;
Will er sprengen unser Tor,
Fallen einige zuvor.
Hört doch nur: wir waren Knaben,
Ihm gehorsam-still
Mit der Schleppe nachzutraben
Stets, wohin er will.
Hei, was sagten wohl dem Kecken
Christie und die alten Recken,
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Stünden die, das Schwert gewetzt,
Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt?
Groß war Schweden oft im Prahlen,
Wir, wir waren klein;
Galt's mit Eisen zu bezahlen—
Nun, wir hieben drein.
Wessel und Norwegens Knaben,
In dem Kutter nur, die haben
Schwedens Flaggschiff unverzagt
Übers Kattegatt gejagt.
Laßt den Schwedenadel schwingen
Karls des Zwölften Hut!
Mit ihm raten, mit ihm ringen
Wir, ihm gleich an Mut.
Will er Streit vom Zaune brechen,
Wird ein Torgny für uns sprechen—:
Einst dann überm Norden loht
Unsrer Flagge Freiheitsrot.
Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt?
Groß war Schweden oft im Prahlen,
Wir, wir waren klein;
Galt's mit Eisen zu bezahlen—
Nun, wir hieben drein.
Wessel und Norwegens Knaben,
In dem Kutter nur, die haben
Schwedens Flaggschiff unverzagt
Übers Kattegatt gejagt.
Laßt den Schwedenadel schwingen
Karls des Zwölften Hut!
Mit ihm raten, mit ihm ringen
Wir, ihm gleich an Mut.
Will er Streit vom Zaune brechen,
Wird ein Torgny für uns sprechen—:
Einst dann überm Norden loht
Unsrer Flagge Freiheitsrot.
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JOHAN LUDVIG HEIBERG
(1860)
Nun geleiten sie zum Grabe
Ihn, den alten, muntren Gärtner;
Nun gehn Kinder mit der Gabe,
Die sein eigen Beet ihm zog.
Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen;
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht fürder sitzt.
Leer der Platz. Im schwarzen Kleide
Wandelt eine Frau jetzt einsam
Dort umher in stillem Leide,
Wo sein helles Lachen klang.
Die als Kind erstaunt, voll Sehnen
Durch das Gitter draußen blickte,
Dankt mit großen, schweren Tränen
Nun, daß ihr der Einlaß ward:
(1860)
Nun geleiten sie zum Grabe
Ihn, den alten, muntren Gärtner;
Nun gehn Kinder mit der Gabe,
Die sein eigen Beet ihm zog.
Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen;
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht fürder sitzt.
Leer der Platz. Im schwarzen Kleide
Wandelt eine Frau jetzt einsam
Dort umher in stillem Leide,
Wo sein helles Lachen klang.
Die als Kind erstaunt, voll Sehnen
Durch das Gitter draußen blickte,
Dankt mit großen, schweren Tränen
Nun, daß ihr der Einlaß ward:
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Märchen-, Saga-, Geistesflammen
Rauschten um ihn her im Laube;
Leise schwebt sie, sucht zusammen
Jeden Funken für ihr Weh.
Einstmals drang er fern zur Weite,
Dieser alte Herr, der muntre;
Wer gelauscht an seiner Seite,
Hat so manches wohl gelernt.
Denn ihn führten Leben, Schriften
Auf zu dem, was wenige schauen;
Kaum ein Platz in Geistestriften,
Der nicht seine Spuren weist.
Schutz war er in Mannesjahren
Allem Großen, allem Schönen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott.
Denkt ihr noch, die alt nun worden,
Wie die "Neujahrs"-Glocken dröhnten?
Wie sie Kämpfer rings im Norden
Sammelten der großen Zeit?
Denkt ihr noch an ihn, der sprengte
Frisch voraus mit hellem Hornruf
Und das Niedre abseits drängte,
Daß dem Großen frei die Bahn?
Kinder, Faunen als Begleiter,—
Lachen, Geistesspiel und Tränen,—
Rauschten um ihn her im Laube;
Leise schwebt sie, sucht zusammen
Jeden Funken für ihr Weh.
Einstmals drang er fern zur Weite,
Dieser alte Herr, der muntre;
Wer gelauscht an seiner Seite,
Hat so manches wohl gelernt.
Denn ihn führten Leben, Schriften
Auf zu dem, was wenige schauen;
Kaum ein Platz in Geistestriften,
Der nicht seine Spuren weist.
Schutz war er in Mannesjahren
Allem Großen, allem Schönen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott.
Denkt ihr noch, die alt nun worden,
Wie die "Neujahrs"-Glocken dröhnten?
Wie sie Kämpfer rings im Norden
Sammelten der großen Zeit?
Denkt ihr noch an ihn, der sprengte
Frisch voraus mit hellem Hornruf
Und das Niedre abseits drängte,
Daß dem Großen frei die Bahn?
Kinder, Faunen als Begleiter,—
Lachen, Geistesspiel und Tränen,—
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Hinter ihm der Freiheit Scheiter,
Langsam aus sich selbst entflammt.
Worten kam der Ruhe Segen,
Tönen kam der Herzensfrieden;
Mächtig fuhr es allerwegen
Durch das Land wie Ahnungschor.
Schutz war er in Mannesjahren
Allem Großen, allem Schönen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott,
Oder ging in Nordens Garten,
Wie ein alter, muntrer Gärtner,
Saat der Ewigkeit zu warten,
Die des Volkes Lenz ihm gab.
Bald voll Ernst und bald voll Laune,
Pflanzte er und rückte höher,—
Saß dann abends, wo die braune
Buche gab der Seele Licht.
Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen,
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht fürder sitzt.
Langsam aus sich selbst entflammt.
Worten kam der Ruhe Segen,
Tönen kam der Herzensfrieden;
Mächtig fuhr es allerwegen
Durch das Land wie Ahnungschor.
Schutz war er in Mannesjahren
Allem Großen, allem Schönen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott,
Oder ging in Nordens Garten,
Wie ein alter, muntrer Gärtner,
Saat der Ewigkeit zu warten,
Die des Volkes Lenz ihm gab.
Bald voll Ernst und bald voll Laune,
Pflanzte er und rückte höher,—
Saß dann abends, wo die braune
Buche gab der Seele Licht.
Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen,
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht fürder sitzt.
Page 30
DAS MEER
(Aus "Arnljot Gelline")
Meerwärts verlangt es mich, ja zum Meere,
Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit.
Nebelgebirge, lastende, tragend,
Wandert es ewig sich selbst entgegen.
Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Küste,
Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen.
Klagend wälzet es seine Sehnsucht
In Sommernächten, in Winterstürmen.
Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere,
Das fern dort erhebet die kalte Stirne.
Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten
Und spiegelt flüsternd hinab ihren Jammer.
Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne
Und spricht ihm munter von Lebensfreuden.
Eisig, schwermütig-ruhig doch immer
Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer.
Der Vollmond saugt—, der Sturm reißt es an sich,
Doch kein Griff packt, und die Wasser strömen.
(Aus "Arnljot Gelline")
Meerwärts verlangt es mich, ja zum Meere,
Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit.
Nebelgebirge, lastende, tragend,
Wandert es ewig sich selbst entgegen.
Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Küste,
Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen.
Klagend wälzet es seine Sehnsucht
In Sommernächten, in Winterstürmen.
Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere,
Das fern dort erhebet die kalte Stirne.
Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten
Und spiegelt flüsternd hinab ihren Jammer.
Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne
Und spricht ihm munter von Lebensfreuden.
Eisig, schwermütig-ruhig doch immer
Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer.
Der Vollmond saugt—, der Sturm reißt es an sich,
Doch kein Griff packt, und die Wasser strömen.
Page 31
Hinabwirbelt Tiefland, Berge hinschmelzen:
Zeitlos bespült es der Ewigkeit Ufer.
Was es erfaßt, geht mit ihm die Wege;
Was einmal sinket, das steiget nimmer.
Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen,
Und der Wogen Sprache kann niemand deuten.
Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere,
Das Versöhnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer!
Allem, was seufzet, ist es Erlöser,
Doch weiter schleppt es das eigne Rätsel.
Fühl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode:
Ihm alles zu geben—sich selbst nur nimmer.
Mich führt, o Meer, deine große Schwermut
Und streift zu Boden die matten Pläne
Und läßt entfliegen die bangen Wünsche:
Dein kalter Atem kühle die Brust mir!
Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern:
Wir würfeln ums Leben noch ein Weilchen!
Noch reiß' ich Stunden weg deiner Raublust,
Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend,
Du sollst nur bauschig füllen mein Segel
Mit deinen sausenden Todesorkanen,
Nur eilender trage der Woge Rasen
Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern.
Ob einsam und düster auch am Steuer,
Verlassen von allen, gestundet vom Tode,
Wenn fremde Segel von ferne winken
Und andere nächtens vorbei mir streichen:
Zeitlos bespült es der Ewigkeit Ufer.
Was es erfaßt, geht mit ihm die Wege;
Was einmal sinket, das steiget nimmer.
Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen,
Und der Wogen Sprache kann niemand deuten.
Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere,
Das Versöhnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer!
Allem, was seufzet, ist es Erlöser,
Doch weiter schleppt es das eigne Rätsel.
Fühl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode:
Ihm alles zu geben—sich selbst nur nimmer.
Mich führt, o Meer, deine große Schwermut
Und streift zu Boden die matten Pläne
Und läßt entfliegen die bangen Wünsche:
Dein kalter Atem kühle die Brust mir!
Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern:
Wir würfeln ums Leben noch ein Weilchen!
Noch reiß' ich Stunden weg deiner Raublust,
Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend,
Du sollst nur bauschig füllen mein Segel
Mit deinen sausenden Todesorkanen,
Nur eilender trage der Woge Rasen
Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern.
Ob einsam und düster auch am Steuer,
Verlassen von allen, gestundet vom Tode,
Wenn fremde Segel von ferne winken
Und andere nächtens vorbei mir streichen:
Page 32
Den Unterton zu belauschen der Strömung
—Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet—
Und der Welle Kleingang gen das Gebälke
—Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut.
Da spülen die Wünsche langsam hinüber
In der Allnatur meerestiefe Schmerzen,
Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch
Rüstet fürs Reich des Todes die Seele.
Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen
Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Wölbung
Das Schifflein schnauft und legt seine Seite
Mit Wollust hinab in die kalten Wogen,
Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen,
Das Segel zu richten, auf daß es schwelle,
Und die Gedanken, wie müde Vögel,
Doch ruhlosen Fluges, umschwärmen die Raaen…
Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar!
Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken
Im Vordersteven für König Olav!
Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken,
Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lüftchen.
Mit des Todes Finger hinten am Steuer,
Mit des Himmels Klarheit vorn über den Bahnen!
Und dann einmal, in der letzten Stunde,
Zu fühlen, die Nägel lösen sich langsam,
Und es drückt der Tod auf das Plankengefüge,
Daß vom Kiel die erlösende Flut heraufschwillt!
Dann hingestreckt in den feuchten Segeln
—Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet—
Und der Welle Kleingang gen das Gebälke
—Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut.
Da spülen die Wünsche langsam hinüber
In der Allnatur meerestiefe Schmerzen,
Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch
Rüstet fürs Reich des Todes die Seele.
Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen
Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Wölbung
Das Schifflein schnauft und legt seine Seite
Mit Wollust hinab in die kalten Wogen,
Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen,
Das Segel zu richten, auf daß es schwelle,
Und die Gedanken, wie müde Vögel,
Doch ruhlosen Fluges, umschwärmen die Raaen…
Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar!
Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken
Im Vordersteven für König Olav!
Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken,
Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lüftchen.
Mit des Todes Finger hinten am Steuer,
Mit des Himmels Klarheit vorn über den Bahnen!
Und dann einmal, in der letzten Stunde,
Zu fühlen, die Nägel lösen sich langsam,
Und es drückt der Tod auf das Plankengefüge,
Daß vom Kiel die erlösende Flut heraufschwillt!
Dann hingestreckt in den feuchten Segeln
Page 33
Und still hinüber ins ewige Schweigen.—
In großen, mondscheinklaren Nächten
Strandwärts roll' meinen Namen die Woge!
In großen, mondscheinklaren Nächten
Strandwärts roll' meinen Namen die Woge!
Page 34
ALLEIN UND IN REUE
(An einen abgeschiedenen Freund)
Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht
Hör' ich oft seinen Gruß: Gott mit dir!
Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht,
Dann tritt er am liebsten zu mir.
Er hat kein Wort, das mich kränken will,
Denn er selbst kennt Sünde und Leid.
Er heilt mit Blicken und wartet still,
Bis ich ausgekämpft meinen Streit.
Und schafft mir Kummer, was ich getan,
So bekennt er sich selbst dazu.
Er faßt meinen Glauben so handweich an,
Und bringt den Schmerz zur Ruh.
Stieg jubelnd die Hoffnung—er folgte ihr,
Und verzagte nicht, wenn sie sank.
Jetzt wieder—mild steht er neben mir—:
Mein Aufschwung werde sein Dank!
(An einen abgeschiedenen Freund)
Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht
Hör' ich oft seinen Gruß: Gott mit dir!
Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht,
Dann tritt er am liebsten zu mir.
Er hat kein Wort, das mich kränken will,
Denn er selbst kennt Sünde und Leid.
Er heilt mit Blicken und wartet still,
Bis ich ausgekämpft meinen Streit.
Und schafft mir Kummer, was ich getan,
So bekennt er sich selbst dazu.
Er faßt meinen Glauben so handweich an,
Und bringt den Schmerz zur Ruh.
Stieg jubelnd die Hoffnung—er folgte ihr,
Und verzagte nicht, wenn sie sank.
Jetzt wieder—mild steht er neben mir—:
Mein Aufschwung werde sein Dank!
Page 35
DIE PRINZESSIN
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Ein Bürschlein ging unten und blies die Schalmei.
"Du Kleiner, was bläst du am Abend?—sei still!
Das hält meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Das Bürschlein blies länger nicht auf der Schalmei.
"Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still?
Das trägt meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Das Bürschlein nun wiederum blies die Schalmei.
Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual:
"O sagt doch, was fehlt mir?—Mit einem Mal
Ist die Sonne fort."
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Ein Bürschlein ging unten und blies die Schalmei.
"Du Kleiner, was bläst du am Abend?—sei still!
Das hält meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Das Bürschlein blies länger nicht auf der Schalmei.
"Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still?
Das trägt meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."
Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei,
Das Bürschlein nun wiederum blies die Schalmei.
Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual:
"O sagt doch, was fehlt mir?—Mit einem Mal
Ist die Sonne fort."
Page 36
VOM MONTE PINCIO
Der Abend bricht an, die Sonne steht rot,
Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen;
Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen
Verklärt das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod.
Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten
Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten,
Ruhn drüber gleichwie das Vergessen zuvor:
Dies Tal deckt tausendjähriger Flor.
Abend so rot und warm,
Lärmenden Volkes Schwarm,
Glutende Hornmusik,
Blumen und Feuerblick!—
Rings stehen in stummen Marmor gebannte
Heroen der Vorzeit, kaum gekannte.
Wie Opferdampf in errötender Luft
Hat Vespergeläut' die Schwingen entfaltet;
Die heilige Dämmrung der Kirchen waltet,
Gebete zittern in Wort und in Duft.
Hell glühn die Sabiner, die lichtumflirrten,
Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten,
Und Romas Lichter, sie glitzern sacht
Der Abend bricht an, die Sonne steht rot,
Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen;
Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen
Verklärt das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod.
Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten
Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten,
Ruhn drüber gleichwie das Vergessen zuvor:
Dies Tal deckt tausendjähriger Flor.
Abend so rot und warm,
Lärmenden Volkes Schwarm,
Glutende Hornmusik,
Blumen und Feuerblick!—
Rings stehen in stummen Marmor gebannte
Heroen der Vorzeit, kaum gekannte.
Wie Opferdampf in errötender Luft
Hat Vespergeläut' die Schwingen entfaltet;
Die heilige Dämmrung der Kirchen waltet,
Gebete zittern in Wort und in Duft.
Hell glühn die Sabiner, die lichtumflirrten,
Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten,
Und Romas Lichter, sie glitzern sacht
Page 37
Wie Sagen durch der Geschichte Nacht.
In den Dämmerschein
Steigen Raketen hinein;—
Fröhlicher Menschen viel
Lachen beim Morraspiel,
Und jeder Gedanke versucht in Tönen
Und Farben sich mit dem All zu versöhnen.
Das Licht unterlag in lautlosem Kampf;
Es wölbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel,
Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel,
Die Erde versinkt in Nebel und Dampf.
Nun wendet sich stadtwärts der Augen Flug:
Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug;
Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag
Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag.
Zechen und Mönchsgesang,
Tanz, Mandolinenklang
Werden betäubt zugleich
Kräftig vom Zapfenstreich;—
Durch pochender Träume lebendiges Schwanken
Mitschimmert das Taglicht im Gedanken.
Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau,
Läßt unter seinen unendlichen Räumen
Sowohl von Vergangnem wie Künftigem träumen—
Unsicheres Blinken im brütenden Grau.
Doch geben wird Roma das Flammenzeichen,
Weit sichtbar rings in Italiens Reichen:
Mit Glockengeläut' und Kanonengedröhn
Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Höhn!—
In den Dämmerschein
Steigen Raketen hinein;—
Fröhlicher Menschen viel
Lachen beim Morraspiel,
Und jeder Gedanke versucht in Tönen
Und Farben sich mit dem All zu versöhnen.
Das Licht unterlag in lautlosem Kampf;
Es wölbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel,
Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel,
Die Erde versinkt in Nebel und Dampf.
Nun wendet sich stadtwärts der Augen Flug:
Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug;
Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag
Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag.
Zechen und Mönchsgesang,
Tanz, Mandolinenklang
Werden betäubt zugleich
Kräftig vom Zapfenstreich;—
Durch pochender Träume lebendiges Schwanken
Mitschimmert das Taglicht im Gedanken.
Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau,
Läßt unter seinen unendlichen Räumen
Sowohl von Vergangnem wie Künftigem träumen—
Unsicheres Blinken im brütenden Grau.
Doch geben wird Roma das Flammenzeichen,
Weit sichtbar rings in Italiens Reichen:
Mit Glockengeläut' und Kanonengedröhn
Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Höhn!—
Page 38
Köstlich tut Sängermund
Hoffnung und Glauben kund,
Bringt einem jungen Paar
Ständchen zur Laute dar.
Die stärkere Sehnsucht ruht süß im Hafen;—
Die mindere lächelt und will nicht schlafen.
Hoffnung und Glauben kund,
Bringt einem jungen Paar
Ständchen zur Laute dar.
Die stärkere Sehnsucht ruht süß im Hafen;—
Die mindere lächelt und will nicht schlafen.
Page 39
ACH, WÜSSTEST DU NUR!
Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun,
Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun;
Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen,
Muß immer dort auf und nieder gehen.
Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur
Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur!
Ach, wüßtest du nur!
Als festgewurzelt ich Wache hier stand,
Hast oft du spröde dich abgewandt;
Doch seit ich seltner den Weg genommen,
Nun dünkt mich, du wartest auf mein Kommen.
Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur;
Weh dem, der ihren Zauber erfuhr!
Ach, wüßtest du nur!
Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht,
Daß ich hier unten ersann ein Gedicht,
Das just auf Flügeln wollte gelangen
Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen!
Doch hörst du ihn nie, den verstohlenen Schwur.
Leb' wohl; dir lächle des Glückes Azur!
Ach, wüßtest du nur!
Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun,
Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun;
Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen,
Muß immer dort auf und nieder gehen.
Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur
Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur!
Ach, wüßtest du nur!
Als festgewurzelt ich Wache hier stand,
Hast oft du spröde dich abgewandt;
Doch seit ich seltner den Weg genommen,
Nun dünkt mich, du wartest auf mein Kommen.
Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur;
Weh dem, der ihren Zauber erfuhr!
Ach, wüßtest du nur!
Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht,
Daß ich hier unten ersann ein Gedicht,
Das just auf Flügeln wollte gelangen
Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen!
Doch hörst du ihn nie, den verstohlenen Schwur.
Leb' wohl; dir lächle des Glückes Azur!
Ach, wüßtest du nur!
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DIE ENGEL DES SCHLAFES
Als rosig das Kind
In Schlummer fiel,
Nahten ihm Engel
Mit Lachen und Spiel.
Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte:
"Wie schön mein Kleines im Schlafe lachte!".
Zu Gott ging sie bald,
Weg gab man das Kind;
Einschlief's in der Fremde,
Vom Weinen schier blind;
Doch Kosen und Mutterwort hellten die Räume:
Denn die Engel lachten ihm kindliche Träume.
Heran wächst das Kind,
Die Träne erstarrt;
Einschläft's mit Gedanken;
Die lasten so hart!
Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen:
"Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!"
Als rosig das Kind
In Schlummer fiel,
Nahten ihm Engel
Mit Lachen und Spiel.
Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte:
"Wie schön mein Kleines im Schlafe lachte!".
Zu Gott ging sie bald,
Weg gab man das Kind;
Einschlief's in der Fremde,
Vom Weinen schier blind;
Doch Kosen und Mutterwort hellten die Räume:
Denn die Engel lachten ihm kindliche Träume.
Heran wächst das Kind,
Die Träne erstarrt;
Einschläft's mit Gedanken;
Die lasten so hart!
Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen:
"Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!"
Page 41
DAS MÄDCHEN AM STRAND
Sie ging am Strande so jung dahin,
Sie dachte an nichts in ihrem Sinn.
Da kam ein Maler geschritten heran,
Der im Schatten sodann,
In des Meeres Bann,
Den Strand und sie zu malen begann.
Langsamer im Kreise ging sie dahin;
Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn:
Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand,
Wo sie selber stand,
Sie selber am Strand,
Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.
Es trieb, es zog ein Traum sie dahin;
Sie dachte an vieles in ihrem Sinn:
Weit, weit übers Meer und doch so nah
Zum Strand, den sie sah,
Zum Mann allda—
Ei, was für ein sonniges Wunder geschah!
Sie ging am Strande so jung dahin,
Sie dachte an nichts in ihrem Sinn.
Da kam ein Maler geschritten heran,
Der im Schatten sodann,
In des Meeres Bann,
Den Strand und sie zu malen begann.
Langsamer im Kreise ging sie dahin;
Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn:
Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand,
Wo sie selber stand,
Sie selber am Strand,
Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.
Es trieb, es zog ein Traum sie dahin;
Sie dachte an vieles in ihrem Sinn:
Weit, weit übers Meer und doch so nah
Zum Strand, den sie sah,
Zum Mann allda—
Ei, was für ein sonniges Wunder geschah!
Page 42
HEIMLICHE LIEBE
Er saß im Winkel allein;
Sie schwang sich lustig im Reihn.
Sie scherzte, sie lachte
Mit einem, mit zwein…
O, daß sie ihm das tun mußte!
Doch niemand war, der davon wußte.
Sie hofft' auf den Abend ein Wort.
Er sagte Lebwohl und—ging fort.
Sie weinten, ein jedes,
Sie hier und er dort,
Ob eines Lebens Verluste.
Doch niemand war, der davon wußte.
Er sah von der Erde ein Stück.
Doch Heimweh trieb ihn zurück.—
Sein Bild war geblieben
Ihr einziges Glück,
Bis daß sie zu Gott gehen mußte.
Doch niemand war, der davon wußte.
Er saß im Winkel allein;
Sie schwang sich lustig im Reihn.
Sie scherzte, sie lachte
Mit einem, mit zwein…
O, daß sie ihm das tun mußte!
Doch niemand war, der davon wußte.
Sie hofft' auf den Abend ein Wort.
Er sagte Lebwohl und—ging fort.
Sie weinten, ein jedes,
Sie hier und er dort,
Ob eines Lebens Verluste.
Doch niemand war, der davon wußte.
Er sah von der Erde ein Stück.
Doch Heimweh trieb ihn zurück.—
Sein Bild war geblieben
Ihr einziges Glück,
Bis daß sie zu Gott gehen mußte.
Doch niemand war, der davon wußte.
Page 43
OLAV TRYGVASON
Weiß von Segeln die Nordsee blitzt;
Hoch am Steuer im Morgen sitzt
Erling Skjalgsson von Sole,—
Späht übers Meer gen Dänemark:
Wo bleibt Olav Trygvason?
Sechsundfünfzig füllten den Plan,
Harrende Drachen; gen Dänemark sahn
Sonnbraune Mannen;—da scholl es:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"
Doch als beim nahenden Morgengraun
Noch kein Mast am Himmel zu schaun,
Schwoll der Ruf wie ein Sturm an:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"
Stille, stille zur selben Stund
Alle standen: von Meeres Grund
Stieg's empor wie ein Seufzen:
"Längst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."
Weiß von Segeln die Nordsee blitzt;
Hoch am Steuer im Morgen sitzt
Erling Skjalgsson von Sole,—
Späht übers Meer gen Dänemark:
Wo bleibt Olav Trygvason?
Sechsundfünfzig füllten den Plan,
Harrende Drachen; gen Dänemark sahn
Sonnbraune Mannen;—da scholl es:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"
Doch als beim nahenden Morgengraun
Noch kein Mast am Himmel zu schaun,
Schwoll der Ruf wie ein Sturm an:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"
Stille, stille zur selben Stund
Alle standen: von Meeres Grund
Stieg's empor wie ein Seufzen:
"Längst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."
Page 44
Alle hundert Jahre seither
Raunt um Norwegens Schiffe das Meer
Dumpf in mondigen Nächten:
"Längst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."
Raunt um Norwegens Schiffe das Meer
Dumpf in mondigen Nächten:
"Längst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."
Page 45
SEUFZER
Abendsonnenfunkeln
Nie durch meine Scheiben bricht,
Auch die Morgensonne nicht;—
Stets bin ich im Dunkeln.
Sonne, sprich, wann gleitet
In die Kammer mir dein Schein?
Fällt kein Strahl ins Herz hinein,
Das im Finstern streitet?
Meinem Kindersehnen,
Morgensonne, bist du gleich;
Wenn du spielst so rein und weich,
Quellen mir die Tränen.
Abendsonnenfrieden,
Ach, du gleichst des Weisen Ruh;
Meinem Fensterlein wirst du
Künftig sein beschieden.
Morgensonnenklingen,
Ach, du bist die Phantasie,
Abendsonnenfunkeln
Nie durch meine Scheiben bricht,
Auch die Morgensonne nicht;—
Stets bin ich im Dunkeln.
Sonne, sprich, wann gleitet
In die Kammer mir dein Schein?
Fällt kein Strahl ins Herz hinein,
Das im Finstern streitet?
Meinem Kindersehnen,
Morgensonne, bist du gleich;
Wenn du spielst so rein und weich,
Quellen mir die Tränen.
Abendsonnenfrieden,
Ach, du gleichst des Weisen Ruh;
Meinem Fensterlein wirst du
Künftig sein beschieden.
Morgensonnenklingen,
Ach, du bist die Phantasie,
Page 46
Die der Welt Verklärung lieh.
Könnt' ich dich erringen!
Abendsonnenmilde,
Du bist mehr als Weisheitsruh',
Christenglaube bist mir du:
Leucht' auf mein Gefilde!
Könnt' ich dich erringen!
Abendsonnenmilde,
Du bist mehr als Weisheitsruh',
Christenglaube bist mir du:
Leucht' auf mein Gefilde!
Page 47
AN EIN PATENKIND
(1861)
Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde
die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik.
Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde—
Unter ihr ist dein Lichtlein erglüht!—
Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde
Des Gedankens nun strahlet und sprüht.
Was künden sie dir? Wir wissen es nicht.
Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht,
Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.—
Erst laß sie dich führen,
Doch trenne dich dann,—
Mußt tasten und spüren
Dich selber voran.
(1861)
Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde
die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik.
Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde—
Unter ihr ist dein Lichtlein erglüht!—
Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde
Des Gedankens nun strahlet und sprüht.
Was künden sie dir? Wir wissen es nicht.
Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht,
Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.—
Erst laß sie dich führen,
Doch trenne dich dann,—
Mußt tasten und spüren
Dich selber voran.
Page 48
BERGLIOT
(In der Herberge)
Nun wird König Harald
Wohl Tingfrieden geben;
Denn Ejnar sammelte
Fünfhundert Bauern.
Die Burg umschließet
Ejndride, der Jüngling,
Dieweil sein Vater
Redet zum König.
Nun hoffe ich, Harald
Bedenkt, daß Ejnar
Zween Könige schon
Für Norge geküret—
Und schenkt uns Versöhnung
Auf Grund der Gesetze;
So war sein Gelübde,
Heiß wünscht es das Volk.
(In der Herberge)
Nun wird König Harald
Wohl Tingfrieden geben;
Denn Ejnar sammelte
Fünfhundert Bauern.
Die Burg umschließet
Ejndride, der Jüngling,
Dieweil sein Vater
Redet zum König.
Nun hoffe ich, Harald
Bedenkt, daß Ejnar
Zween Könige schon
Für Norge geküret—
Und schenkt uns Versöhnung
Auf Grund der Gesetze;
So war sein Gelübde,
Heiß wünscht es das Volk.
Page 49
Wie auf den Wegen
Sandwolken stieben,
Und Lärm wacht auf!—
Schau' nach, mein Knappe.
—Es war wohl der Wind nur!
Denn unwirtlich ist's hier
Am offnen Fjord
In den niedren Bergen.
Seit früher Kindheit
Kenn' ich die Stätte;
Der Wind hetzt die grimmen
Hunde hierher.
—Doch tausendstimmig
Entfacht sich Getöse,
Durch Stahlklang wachsend
Zu kampfroter Flamme.
Ja, das ist Schildlärm!
Und sieh, welch Staubmeer,
Speerwogen turmhoch
Um Tambarskelve.
In Not ist Ejnar!—
Treuloser Harald.
Deinem Tingfried entsteigen
Die Totenvögel.
Fahrt zu mit dem Wagen.
Ich muß zum Kampfe,—
Sandwolken stieben,
Und Lärm wacht auf!—
Schau' nach, mein Knappe.
—Es war wohl der Wind nur!
Denn unwirtlich ist's hier
Am offnen Fjord
In den niedren Bergen.
Seit früher Kindheit
Kenn' ich die Stätte;
Der Wind hetzt die grimmen
Hunde hierher.
—Doch tausendstimmig
Entfacht sich Getöse,
Durch Stahlklang wachsend
Zu kampfroter Flamme.
Ja, das ist Schildlärm!
Und sieh, welch Staubmeer,
Speerwogen turmhoch
Um Tambarskelve.
In Not ist Ejnar!—
Treuloser Harald.
Deinem Tingfried entsteigen
Die Totenvögel.
Fahrt zu mit dem Wagen.
Ich muß zum Kampfe,—
Page 50
Jetzt müßig sitzen,—
Nicht um das Leben!
(Auf dem Wege)
O Bauern, bergt ihn
In schirmendem Kreise!
Ejndride, nun schütze
Den alten Vater!
Baut ihm eine Schildburg
Und reicht ihm den Bogen;
Mit Ejnars Pfeilen
Pflügt ja der Tod!
Und du, Sankt Olav!
O denk deines Sohnes,
Und bitte für Ejnar
In Gimles Hallen.
(Näher)
Kampflose Mengen— …
In wirrem Drängen…
Gleich Wellen,
Den schnellen,
Zum Strande nun fliehn
Mit bebenden Knien
Und starren zurück.
Verließ uns das Glück?
Mit trauernden Zeichen
Halten die Scharen;
Nicht um das Leben!
(Auf dem Wege)
O Bauern, bergt ihn
In schirmendem Kreise!
Ejndride, nun schütze
Den alten Vater!
Baut ihm eine Schildburg
Und reicht ihm den Bogen;
Mit Ejnars Pfeilen
Pflügt ja der Tod!
Und du, Sankt Olav!
O denk deines Sohnes,
Und bitte für Ejnar
In Gimles Hallen.
(Näher)
Kampflose Mengen— …
In wirrem Drängen…
Gleich Wellen,
Den schnellen,
Zum Strande nun fliehn
Mit bebenden Knien
Und starren zurück.
Verließ uns das Glück?
Mit trauernden Zeichen
Halten die Scharen;
Page 51
Sie pflanzen die Lanzen
Im Kreis um zwei Leichen.
Und Harald darf fahren?
Welch dumpfes Gedränge
Beim Tinghause dort!
Stumm wendet die Menge
Sich schaudernd fort.
Wo ist Ejndride!——
Angstvolle Blicke,
Wohin ich sehe,
Wollen mich meiden…
Nun weiß ich's, wehe,
Tot sind die beiden.
——Platz. Ich muß sehen.
Weh mir, sie sind es.
Konnt' es geschehen?
Ja, sie sind es.
Gefallen ist Nordens
Herrlichster Helde,
Norriges bester
Bogen zerbarst.
Gefallen ist Ejnar
Tambarskelve,
Der Sohn ihm zur Seite,—
Ejndride.
Ermordet im Finstern,
Er, der dem Magnus
Mehr als ein Vater,
Im Kreis um zwei Leichen.
Und Harald darf fahren?
Welch dumpfes Gedränge
Beim Tinghause dort!
Stumm wendet die Menge
Sich schaudernd fort.
Wo ist Ejndride!——
Angstvolle Blicke,
Wohin ich sehe,
Wollen mich meiden…
Nun weiß ich's, wehe,
Tot sind die beiden.
——Platz. Ich muß sehen.
Weh mir, sie sind es.
Konnt' es geschehen?
Ja, sie sind es.
Gefallen ist Nordens
Herrlichster Helde,
Norriges bester
Bogen zerbarst.
Gefallen ist Ejnar
Tambarskelve,
Der Sohn ihm zur Seite,—
Ejndride.
Ermordet im Finstern,
Er, der dem Magnus
Mehr als ein Vater,
Page 52
Knuds, des Reichen,
Söhnen ein Freund.
Meuchlings ermordet
Der Schütze von Svolder,
Der springende Löwe
Der Lyrskogheide.
Tückisch geschlachtet
Der Bauern Häuptling,
Der Trönder Heide
Tambarskelve.
Mit weißen Haaren
Den Hunden zur Beute,—
Der Sohn ihm zur Seite,
Ejndride!
Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen.
Doch er, der ihn fällte, er lebt.
Kennt ihr mich nicht? Bergliot,
Tochter des Håkon von Hjörungavaag:
Nun bin ich Tambarskelves Witwe.
Euch rufe ich an, Heerbauern,
Mein greiser Mann ist gefallen.
Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar.
Auf euer Haupt mög' es kommen,
Wenn es erkaltet, eh' ihr es rächt.
Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr,
Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne,
Söhnen ein Freund.
Meuchlings ermordet
Der Schütze von Svolder,
Der springende Löwe
Der Lyrskogheide.
Tückisch geschlachtet
Der Bauern Häuptling,
Der Trönder Heide
Tambarskelve.
Mit weißen Haaren
Den Hunden zur Beute,—
Der Sohn ihm zur Seite,
Ejndride!
Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen.
Doch er, der ihn fällte, er lebt.
Kennt ihr mich nicht? Bergliot,
Tochter des Håkon von Hjörungavaag:
Nun bin ich Tambarskelves Witwe.
Euch rufe ich an, Heerbauern,
Mein greiser Mann ist gefallen.
Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar.
Auf euer Haupt mög' es kommen,
Wenn es erkaltet, eh' ihr es rächt.
Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr,
Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne,
Page 53
Eurer Kinder Märchen, eures Landes Held,—
Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht rächen?
Meuchlings ermordet, im Königshause,
Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet,
Ermordet vom obersten Manne des Rechts!
Des Himmels Blitz zermalme das Land,
Läutert sich's nicht in der Lohe der Rache!
Stoßt die Langschiffe ab!
Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier,
Laßt sie die Rache zu Harald tragen.
O stündest du hier, Håkon Ivarson,
Stündest hier auf der Höhe, mein Blutsfreund,
Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Mörder,—
Nicht müßt' zu euch, Feigen, ich flehn!
O Bauern, hört mich, mein Mann ist gefallen,
Meines Denkens Hochsitz durch fünfzig Jahre!
Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite
Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen!
Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen—
Kann ich betend sie je noch erheben?
Wohin auf Erden soll ich mich wenden?
Zieh' ich von hinnen zu fremden Stätten,—
Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt.
Aber wende ich mich heimwärts,—
Ach! sie selbst vermisse ich dann.
Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht rächen?
Meuchlings ermordet, im Königshause,
Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet,
Ermordet vom obersten Manne des Rechts!
Des Himmels Blitz zermalme das Land,
Läutert sich's nicht in der Lohe der Rache!
Stoßt die Langschiffe ab!
Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier,
Laßt sie die Rache zu Harald tragen.
O stündest du hier, Håkon Ivarson,
Stündest hier auf der Höhe, mein Blutsfreund,
Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Mörder,—
Nicht müßt' zu euch, Feigen, ich flehn!
O Bauern, hört mich, mein Mann ist gefallen,
Meines Denkens Hochsitz durch fünfzig Jahre!
Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite
Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen!
Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen—
Kann ich betend sie je noch erheben?
Wohin auf Erden soll ich mich wenden?
Zieh' ich von hinnen zu fremden Stätten,—
Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt.
Aber wende ich mich heimwärts,—
Ach! sie selbst vermisse ich dann.
Page 54
Odin in Walhall darf ich nicht suchen;
Den verließ ich ja schon in der Kindheit.
Und der neue Gott in Gimle?——
Der hat mir ja alles genommen!
Rache?—Wer spricht von Rache?—
Kann Rache meine Toten erwecken?
Kann sie mich wärmen, wenn fröstelnd ich bebe?
Gibt sie mir traulichen Witwensitz,
Trost einer Mutter ohne Kind?
Geht mit eurer Rache! Laßt mich in Frieden!
Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn,
Kommt, wir geleiten sie heim.
Der neue Gott in Gimle, der fürchterliche, der alles nahm,
Laßt ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er,
Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,—
Und wir kommen früh genug heim.
Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,—
Sie winseln und heulen mit hängendem Schwanz.
Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren,
Froh der Stalltür entgegenwiehernd,
Lauschend auf Ejndrides Stimme.
Doch nimmer ertönt sie mehr,—
Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur,
Der allen kündet: steht auf, ihr Leute,
Jetzt kommt euer Häuptling!
Die großen Stuben will ich schließen,
Fortschicken all unsre Leute;
Den verließ ich ja schon in der Kindheit.
Und der neue Gott in Gimle?——
Der hat mir ja alles genommen!
Rache?—Wer spricht von Rache?—
Kann Rache meine Toten erwecken?
Kann sie mich wärmen, wenn fröstelnd ich bebe?
Gibt sie mir traulichen Witwensitz,
Trost einer Mutter ohne Kind?
Geht mit eurer Rache! Laßt mich in Frieden!
Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn,
Kommt, wir geleiten sie heim.
Der neue Gott in Gimle, der fürchterliche, der alles nahm,
Laßt ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er,
Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,—
Und wir kommen früh genug heim.
Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,—
Sie winseln und heulen mit hängendem Schwanz.
Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren,
Froh der Stalltür entgegenwiehernd,
Lauschend auf Ejndrides Stimme.
Doch nimmer ertönt sie mehr,—
Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur,
Der allen kündet: steht auf, ihr Leute,
Jetzt kommt euer Häuptling!
Die großen Stuben will ich schließen,
Fortschicken all unsre Leute;
Page 55
Vieh und Pferde will ich verkaufen,
Von hinnen ziehn und einsam leben.
Fahrt langsam!
Denn wir kommen früh genug heim.
Von hinnen ziehn und einsam leben.
Fahrt langsam!
Denn wir kommen früh genug heim.
Page 56
AN MEINE FRAU
(Mit einem Satz römischer Perlen)
Nimm diese Perlen!—als späten Reim
Auf die, so geschmückt einst mein Jugendheim!
Der tausend Stunden stilles Glück,
Da du drin geatmet, es blieb zurück
Ein Haufe Perlen schimmernd hell,
Die der junge Gesell
Um die Brust sich hing
Und ums Haupt sich band—
Daß aller Welt zu lesen stand,
Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing:
Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand!
(Mit einem Satz römischer Perlen)
Nimm diese Perlen!—als späten Reim
Auf die, so geschmückt einst mein Jugendheim!
Der tausend Stunden stilles Glück,
Da du drin geatmet, es blieb zurück
Ein Haufe Perlen schimmernd hell,
Die der junge Gesell
Um die Brust sich hing
Und ums Haupt sich band—
Daß aller Welt zu lesen stand,
Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing:
Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand!
Page 57
IN EINER SCHWEREN STUNDE
Wohl dem, der ernster Fährnis
Dankt seiner Kraft Bewährnis:
Je ferner das Ziel,
Desto schwerer das Spiel,
Doch herrlicher auch das Gelingen!
Zerbricht dein Stab in Stücke,
Und wird aus Freundschaft Tücke,
Ei, das geschieht,
Damit man sieht,
Du brauchest keine Krücke.
Wen Gott auf Erden
Allein gestellt,
Dem wird er selbst zur Stütze werden.
FRIDA [Symbol: gestorben]
Frida, ich wußte, du wolltest nicht leben.
Bloßen Gedanken schon war es gegeben,
Dich zu entgeistern, als wären in ihnen
Engel erschienen.
Wohl dem, der ernster Fährnis
Dankt seiner Kraft Bewährnis:
Je ferner das Ziel,
Desto schwerer das Spiel,
Doch herrlicher auch das Gelingen!
Zerbricht dein Stab in Stücke,
Und wird aus Freundschaft Tücke,
Ei, das geschieht,
Damit man sieht,
Du brauchest keine Krücke.
Wen Gott auf Erden
Allein gestellt,
Dem wird er selbst zur Stütze werden.
FRIDA [Symbol: gestorben]
Frida, ich wußte, du wolltest nicht leben.
Bloßen Gedanken schon war es gegeben,
Dich zu entgeistern, als wären in ihnen
Engel erschienen.
Page 58
Wie deine Augen, die staunenden, klaren,
Fern dann und fremd allem Irdischen waren:
Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen
Fort dich getragen.
Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange;
War's doch, als ob Blick und Stimme verlange,
Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen,
Der mir nicht eigen.
Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen,
Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen;
Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend
Über dein Strahlen.
Oder wie konntest du bitter dich grämen!
Alles zerfloß gleich zu Schatten und Schemen,
Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde,
Himmel und Erde.
Da, o, da sah ich: dein Glück, deine Schmerzen
Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen.
Dort winkte Weite!—Doch hier blieb ein Schweigen
Wunderlich eigen.
Fern dann und fremd allem Irdischen waren:
Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen
Fort dich getragen.
Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange;
War's doch, als ob Blick und Stimme verlange,
Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen,
Der mir nicht eigen.
Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen,
Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen;
Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend
Über dein Strahlen.
Oder wie konntest du bitter dich grämen!
Alles zerfloß gleich zu Schatten und Schemen,
Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde,
Himmel und Erde.
Da, o, da sah ich: dein Glück, deine Schmerzen
Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen.
Dort winkte Weite!—Doch hier blieb ein Schweigen
Wunderlich eigen.
Page 59
AN BERGEN
Wie du dasitzt stumm,
Hochgebirg ringsum,
Meer um deinen Fuß und vor dir deine Schären,
Sinnest du wohl auf
Saga, deren Lauf
Noch einmal die Welt erstaunen soll!
Stadt, dir selber treu,
Bergen, "niemals neu",
Unverwüstlich, echt, wie deines Holberg Laune.
Vormals Königswacht,
Später Handelsmacht,
Sitz sodann des ersten Freiheittings!
Wie die Sonne oft
Hell und unverhofft
Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier,
Kamst du uns mit Rat
Oder rascher Tat,
Wann uns Nacht am dunkelsten umfing.
Tief aus Volkesgrund,
Witzig, kerngesund,
Wie du dasitzt stumm,
Hochgebirg ringsum,
Meer um deinen Fuß und vor dir deine Schären,
Sinnest du wohl auf
Saga, deren Lauf
Noch einmal die Welt erstaunen soll!
Stadt, dir selber treu,
Bergen, "niemals neu",
Unverwüstlich, echt, wie deines Holberg Laune.
Vormals Königswacht,
Später Handelsmacht,
Sitz sodann des ersten Freiheittings!
Wie die Sonne oft
Hell und unverhofft
Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier,
Kamst du uns mit Rat
Oder rascher Tat,
Wann uns Nacht am dunkelsten umfing.
Tief aus Volkesgrund,
Witzig, kerngesund,
Page 60
Sproßten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf,
Trotzig, blaugeäugt,
An der Brust gesäugt
Deiner düstern, mächtigen Natur.
Deine Berge kahl
Malte unser Dahl,
Träumend wandelte an deinem Strand Welhaven,
Und auf deiner Flut
Kreuzte hochgemut
Ole Bull vor Flaggen aller Welt.
Deine Nordsee wacht
Treulich deiner Macht,
Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern,
Strömst du Glück in dein
Nordisch Land hinein,—
Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich!
P.A. MUNCH [Symbol: gestorben]
(1863)
Viele Formen hat das Große.
Er, der von uns ging, er trug es,
Wie wir einen Zweifel tragen,
Der den Schlaf uns raubt, doch endlich
Offenbarung uns gewähret,—
Wie ein höheres Sehvermögen
Trotzig, blaugeäugt,
An der Brust gesäugt
Deiner düstern, mächtigen Natur.
Deine Berge kahl
Malte unser Dahl,
Träumend wandelte an deinem Strand Welhaven,
Und auf deiner Flut
Kreuzte hochgemut
Ole Bull vor Flaggen aller Welt.
Deine Nordsee wacht
Treulich deiner Macht,
Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern,
Strömst du Glück in dein
Nordisch Land hinein,—
Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich!
P.A. MUNCH [Symbol: gestorben]
(1863)
Viele Formen hat das Große.
Er, der von uns ging, er trug es,
Wie wir einen Zweifel tragen,
Der den Schlaf uns raubt, doch endlich
Offenbarung uns gewähret,—
Wie ein höheres Sehvermögen
Page 61
Leidend über Unsichtbares,—
Einen Flug durch schwere Arbeit
Vom Gedachten zum Gewissen,
Vom Gewissen zum Geahnten,
Der in ruhelosem Drängen,
Gotterfüllt und ewig wechselnd
Unsre Welt im Sturm durchkreuzet,
Ihrer Zweifel und Gedanken
Last ihr von den Schultern nehmend,
Und sie abwirft, und sie aufhebt,
Nimmer matt—doch ewig rastlos.
Still! Nur ein einziger Zufluchtsort
Wußte ihn sanft zu versöhnen:
Seiner Familie lichtmilder Hort,
Schmeichelnd in Farben und Tönen.
Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel
Unter der Birken Schleier
Mitten in duftender Blumen Gewühl
Ein in des Walddomes Feier,—
Kamen die Töchter dann lieblich und leis
In ihrer Unschuld Klarheit,
Fächelten Kühlung der Stirne heiß,
Sprachen von kindlicher Wahrheit,—
War er bald mitten in Spiel und Lied
Zärtlich von Tönen umfangen,
Wolken zerrannen, und hoch im Zenit
Jubelnd Millionen sangen.
Einen Flug durch schwere Arbeit
Vom Gedachten zum Gewissen,
Vom Gewissen zum Geahnten,
Der in ruhelosem Drängen,
Gotterfüllt und ewig wechselnd
Unsre Welt im Sturm durchkreuzet,
Ihrer Zweifel und Gedanken
Last ihr von den Schultern nehmend,
Und sie abwirft, und sie aufhebt,
Nimmer matt—doch ewig rastlos.
Still! Nur ein einziger Zufluchtsort
Wußte ihn sanft zu versöhnen:
Seiner Familie lichtmilder Hort,
Schmeichelnd in Farben und Tönen.
Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel
Unter der Birken Schleier
Mitten in duftender Blumen Gewühl
Ein in des Walddomes Feier,—
Kamen die Töchter dann lieblich und leis
In ihrer Unschuld Klarheit,
Fächelten Kühlung der Stirne heiß,
Sprachen von kindlicher Wahrheit,—
War er bald mitten in Spiel und Lied
Zärtlich von Tönen umfangen,
Wolken zerrannen, und hoch im Zenit
Jubelnd Millionen sangen.
Page 62
Doch wie in des Herbstes stiller,
Traumhaft schwerer Abenddämmrung
Wetterleuchten die Gedanken
Schreckhaft auf Gewitter lenket,—
Oder wie ein Schlag im Boote,
Das in stiller zarter Mainacht
Schläfrig zwischen Felsen gleitet,—
Nur ein einziges leises Plätschern,—
Doch das Echo jagt es weiter,
Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel
Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn,
Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen,
Steine rollen, wach wird alles:
Hunde heulen, Glocken gellen,
Weckend all des Tages Lärmen,—
Also könnt' ihm ein Erinnern,
Daunweich nur im Spiel gefallen,
Wecken der Gedanken Heerschar.
Und dann jagte es durchs Weltall,
Und dann flammt's in seiner Seele,
Doch es ward zu Licht für andre.
Rassenursprung, Wortverzweigung,
Namenquell, Gesetzverwandtschaft,
Groß und Klein in gleichen Qualen,
Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele.
Wo nur Steine andre sahen,
Sah er's glitzern, sah er's funkeln,
Sprengte er den Schacht zum Bergwerk.
Und wo andre vor dem sichern
Traumhaft schwerer Abenddämmrung
Wetterleuchten die Gedanken
Schreckhaft auf Gewitter lenket,—
Oder wie ein Schlag im Boote,
Das in stiller zarter Mainacht
Schläfrig zwischen Felsen gleitet,—
Nur ein einziges leises Plätschern,—
Doch das Echo jagt es weiter,
Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel
Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn,
Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen,
Steine rollen, wach wird alles:
Hunde heulen, Glocken gellen,
Weckend all des Tages Lärmen,—
Also könnt' ihm ein Erinnern,
Daunweich nur im Spiel gefallen,
Wecken der Gedanken Heerschar.
Und dann jagte es durchs Weltall,
Und dann flammt's in seiner Seele,
Doch es ward zu Licht für andre.
Rassenursprung, Wortverzweigung,
Namenquell, Gesetzverwandtschaft,
Groß und Klein in gleichen Qualen,
Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele.
Wo nur Steine andre sahen,
Sah er's glitzern, sah er's funkeln,
Sprengte er den Schacht zum Bergwerk.
Und wo andre vor dem sichern
Page 63
Funde des Jahrhunderts standen,
Griff ihn Zweifel, und er wühlte
Tag und Nächte bis zum Grunde,
Grub—und sah den Fund versinken.
Doch es ließ sein rastlos Wollen,
Das so vielen Kraft gespendet,
Oftmals übers Ziel ihn schießen.
Klarheit, die er ändern schenkte,
Trog ihn selbst als neue Ahnung.
Darum: wo er schon gewesen,
Kehrte er nur ungern wieder.
Stoff so oft wie Arbeit wechselnd,
Floh er vor dem eignen Denken.
Das Gedachte aber hielt ihn,
Folgte, wuchs gleich einem Brande,
In Brasiliens Wald geschleudert,
Prasselnd vor der Windsbraut fliehend.
Wo kein Menschenfuß gegangen,
Fraß sich's Weg für Millionen.
Nordens Reich streckt seinen Busen
In des Eismeers frostige Nebel,
Finsternis der Wintermonde
Lastet schwer auf Meer und Bergen.
Und den Landen gleich, erstreckt sich
Auch des Volkes tiefste Wurzel
Weit hinein in Nacht und Nebel.
Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm,
Doch wie Nordlicht durch Polarnacht
Griff ihn Zweifel, und er wühlte
Tag und Nächte bis zum Grunde,
Grub—und sah den Fund versinken.
Doch es ließ sein rastlos Wollen,
Das so vielen Kraft gespendet,
Oftmals übers Ziel ihn schießen.
Klarheit, die er ändern schenkte,
Trog ihn selbst als neue Ahnung.
Darum: wo er schon gewesen,
Kehrte er nur ungern wieder.
Stoff so oft wie Arbeit wechselnd,
Floh er vor dem eignen Denken.
Das Gedachte aber hielt ihn,
Folgte, wuchs gleich einem Brande,
In Brasiliens Wald geschleudert,
Prasselnd vor der Windsbraut fliehend.
Wo kein Menschenfuß gegangen,
Fraß sich's Weg für Millionen.
Nordens Reich streckt seinen Busen
In des Eismeers frostige Nebel,
Finsternis der Wintermonde
Lastet schwer auf Meer und Bergen.
Und den Landen gleich, erstreckt sich
Auch des Volkes tiefste Wurzel
Weit hinein in Nacht und Nebel.
Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm,
Doch wie Nordlicht durch Polarnacht
Page 64
Blinkte leuchtend sein Gedanke.
Zärtlich wie nach seines Vaters
Angedenken frug er eifrig,
Forschend nach des Volkes Wegen.
Namen, Gräber, rostige Waffen,
Steine brachten ihm die Antwort.
Über Asiens Urwaldberge,
Wüstensand und öde Steppen
Sah er Karawanenspuren
Unterm Moder von Äonen
Heimatsuchend nordwärts deuten.
Wie einst sie den Flüssen folgten,
Folgte ihnen all sein Denken,
Das so reich ins Weltall strömte.—
Sieh, es war ja nur Versöhnung,
Was sein rastlos Schaffen wollte,
Doch die fand er nicht;—statt dessen
Fand er neue Wunderdinge,
—Ganz wie jene Alchymisten,
Die im Suchen nach dem Golde
Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden,
Die noch heut die Welt bewegen.
Tief im Grunde barg sein Wesen
Eine Kraft des Gegensatzes,
So daß Töne, angeschlagen
Von des Nordens hehrer Saga,
Mild harmonisch weiterklangen
In der Sehnsucht nach dem Süden.
Und es war des Auges Flamme,
Zärtlich wie nach seines Vaters
Angedenken frug er eifrig,
Forschend nach des Volkes Wegen.
Namen, Gräber, rostige Waffen,
Steine brachten ihm die Antwort.
Über Asiens Urwaldberge,
Wüstensand und öde Steppen
Sah er Karawanenspuren
Unterm Moder von Äonen
Heimatsuchend nordwärts deuten.
Wie einst sie den Flüssen folgten,
Folgte ihnen all sein Denken,
Das so reich ins Weltall strömte.—
Sieh, es war ja nur Versöhnung,
Was sein rastlos Schaffen wollte,
Doch die fand er nicht;—statt dessen
Fand er neue Wunderdinge,
—Ganz wie jene Alchymisten,
Die im Suchen nach dem Golde
Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden,
Die noch heut die Welt bewegen.
Tief im Grunde barg sein Wesen
Eine Kraft des Gegensatzes,
So daß Töne, angeschlagen
Von des Nordens hehrer Saga,
Mild harmonisch weiterklangen
In der Sehnsucht nach dem Süden.
Und es war des Auges Flamme,
Page 65
Des Gedankens Blitz verwandt dem
Feuer des Improvisators
In dem heißen Land der Trauben.
Und sein leichter Stimmungswechsel
Und der Feuergeist, der Frondienst
Tat den lieben langen Winter,
Doch die Frucht oft spielend wegwarf,—
Jener unermessene Reichtum,
Drin Gedanken, Launen, Töne,
Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn
Unaufhörlich glitzernd spielten,—
Das war wie ein Tag im Süden.
Eine Reise war sein Leben
Unaufhaltsam drum gen Süden,
Durch das Nebelland des Ahnens,
Aus dem Dunkeln in das Klare,
Aus dem Kalten in das Warme,—
Und sein Wirken war die Brücke
Über Berg und Meeresströmung.
——O, und dann des Glückes Stunde,
Da mit Weib und Spielgefährten,
Seinen kindlich frischen Töchtern,
Er dort stand, wo Abendsonne
Kapitol und Forum grüßte,—
Wo aus tiefem Grund der Weltstadt
Weisheit und Erkenntnis sprudeln;—-
Wo jetzt Klarheit, ätherreine,
Die Jahrtausende erleuchtet,
Die zur Ruhe hier gegangen;—
Feuer des Improvisators
In dem heißen Land der Trauben.
Und sein leichter Stimmungswechsel
Und der Feuergeist, der Frondienst
Tat den lieben langen Winter,
Doch die Frucht oft spielend wegwarf,—
Jener unermessene Reichtum,
Drin Gedanken, Launen, Töne,
Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn
Unaufhörlich glitzernd spielten,—
Das war wie ein Tag im Süden.
Eine Reise war sein Leben
Unaufhaltsam drum gen Süden,
Durch das Nebelland des Ahnens,
Aus dem Dunkeln in das Klare,
Aus dem Kalten in das Warme,—
Und sein Wirken war die Brücke
Über Berg und Meeresströmung.
——O, und dann des Glückes Stunde,
Da mit Weib und Spielgefährten,
Seinen kindlich frischen Töchtern,
Er dort stand, wo Abendsonne
Kapitol und Forum grüßte,—
Wo aus tiefem Grund der Weltstadt
Weisheit und Erkenntnis sprudeln;—-
Wo jetzt Klarheit, ätherreine,
Die Jahrtausende erleuchtet,
Die zur Ruhe hier gegangen;—
Page 66
Wo dem Forscher aus dem Norden
War, als sei er allzulange
Irr im Nebel nur gerudert
Auf den tiefen, breiten Fjorden;—
Stand, wo Tote ihre Gräber
Sprengen und als Zeugen schreiten
In der schweren Marmortoga;
Wo die Göttinnen von Delos
In die Freskensäle tanzen
Wie einst vor zweitausend Jahren;—
Wo der Erde wachsend Werden
Pantheon und Kolosseum
Stolz in ihrem Schoße bargen;—
Wo ein Hermes dort am Eckstein
Cato würdig schreiten sah als
Pontifex im Priesterzuge,—
Nero als Apollon schaute,
Opferrauchumhüllten Wahnes,—
Gregor schaute, zornig reitend
Als der Geisterscharen Herrscher
Über alle Erdenreiche,—
Cola di Rienzi schaute,
Huldigend der Freiheitsgöttin
Bei des Römervolkes Jauchzen,—
Sah der Kirche Geistesfürsten,
Leo, sich statt Christus wählen
Aristoteles und Plato;—
Sah dann die katholische Kirche
Stärkre Zeiten neu errichten,
Bis der Franzmann sie zertrümmert,
War, als sei er allzulange
Irr im Nebel nur gerudert
Auf den tiefen, breiten Fjorden;—
Stand, wo Tote ihre Gräber
Sprengen und als Zeugen schreiten
In der schweren Marmortoga;
Wo die Göttinnen von Delos
In die Freskensäle tanzen
Wie einst vor zweitausend Jahren;—
Wo der Erde wachsend Werden
Pantheon und Kolosseum
Stolz in ihrem Schoße bargen;—
Wo ein Hermes dort am Eckstein
Cato würdig schreiten sah als
Pontifex im Priesterzuge,—
Nero als Apollon schaute,
Opferrauchumhüllten Wahnes,—
Gregor schaute, zornig reitend
Als der Geisterscharen Herrscher
Über alle Erdenreiche,—
Cola di Rienzi schaute,
Huldigend der Freiheitsgöttin
Bei des Römervolkes Jauchzen,—
Sah der Kirche Geistesfürsten,
Leo, sich statt Christus wählen
Aristoteles und Plato;—
Sah dann die katholische Kirche
Stärkre Zeiten neu errichten,
Bis der Franzmann sie zertrümmert,
Page 67
Und Natur zur Gottheit wurde,—
Sah aufs neu' die alten Frommen
Dann in Prozessionen wallen
Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!—
All das sah der kleine Hermes
Dort am Eckstein hinterm Tempel,
Und es sah der nordische Weise
Ihn und seine Visionen.—
—Ja, als er in der Geschichte
Hehrer Klarheit Rom erblickte,
Und sein Auge sinnend streifte
Abendsonnumflammte Höhen,—
Flossen seiner Sehnsucht Strahlen
Über in entzückte Ahnung.
Und—er sah in eine Kirche,
Größer als der Dom des Weltalls,
Und ein Friede sank hernieder,
Über alles Jetzt erhaben.—
Und als er zum zweiten Male
Dorthin kam, durch langer Tage
Müh' und Fleiß—als gält's Erlösung,—
Da ging Gott ihm selbst entgegen,
Führte ihn hinauf und sagte:
"Friede mit dir, du bist Sieger!"
Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "Wenn
ich rufe, wer darf sagen, Der Berufne sei nicht fertig?"
Er, der stirbt, er war hier fertig!
Sieh, das glauben wir im Schmerze.
Sah aufs neu' die alten Frommen
Dann in Prozessionen wallen
Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!—
All das sah der kleine Hermes
Dort am Eckstein hinterm Tempel,
Und es sah der nordische Weise
Ihn und seine Visionen.—
—Ja, als er in der Geschichte
Hehrer Klarheit Rom erblickte,
Und sein Auge sinnend streifte
Abendsonnumflammte Höhen,—
Flossen seiner Sehnsucht Strahlen
Über in entzückte Ahnung.
Und—er sah in eine Kirche,
Größer als der Dom des Weltalls,
Und ein Friede sank hernieder,
Über alles Jetzt erhaben.—
Und als er zum zweiten Male
Dorthin kam, durch langer Tage
Müh' und Fleiß—als gält's Erlösung,—
Da ging Gott ihm selbst entgegen,
Führte ihn hinauf und sagte:
"Friede mit dir, du bist Sieger!"
Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "Wenn
ich rufe, wer darf sagen, Der Berufne sei nicht fertig?"
Er, der stirbt, er war hier fertig!
Sieh, das glauben wir im Schmerze.
Page 68
Und daß Er, der allen Forschern
Jene Ruhelosigkeit gegeben
(Die Kolumbus trieb und Newton),
Weiß, wann Ruhe kommen soll.
Aber jenen Geistesscharen,
Die verklärt zur Heimat wallen,
Blicken starr wir nach und fragen:
Wer soll abermals sie sammeln?
Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte,
Strömten sie von allen Ländern:
Schweden, Dänemark und England
Und von Frankreich her zusammen;
Übers Meer die Schiffe flogen
Seinem Banner rasch entgegen.
Die gewaltige Königsflotte
Lag vor Anker hier am Strande,
Und es ward uns zur Gewohnheit,
Sie zu sehn und zu befragen
Nach Eroberung und Fahrten.
Was sie uns gewann, bleibt ewig.
Doch sie selbst darf nun zur Heimat.
Fest vereint, sehn wir entschwinden
Überm Meer das letzte Segel,
Wenden uns und fragen leise:
Wer wird abermals sie sammeln?
Jene Ruhelosigkeit gegeben
(Die Kolumbus trieb und Newton),
Weiß, wann Ruhe kommen soll.
Aber jenen Geistesscharen,
Die verklärt zur Heimat wallen,
Blicken starr wir nach und fragen:
Wer soll abermals sie sammeln?
Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte,
Strömten sie von allen Ländern:
Schweden, Dänemark und England
Und von Frankreich her zusammen;
Übers Meer die Schiffe flogen
Seinem Banner rasch entgegen.
Die gewaltige Königsflotte
Lag vor Anker hier am Strande,
Und es ward uns zur Gewohnheit,
Sie zu sehn und zu befragen
Nach Eroberung und Fahrten.
Was sie uns gewann, bleibt ewig.
Doch sie selbst darf nun zur Heimat.
Fest vereint, sehn wir entschwinden
Überm Meer das letzte Segel,
Wenden uns und fragen leise:
Wer wird abermals sie sammeln?
Page 69
KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben]
(1863)
Nun schied unserm König ein wahrer Freund!
Und es senkt bei dem Schlag
Sein Banner der Norden und folgt vereint
Am Begräbnistag.
Doch, Dänemark! dein sind die tiefsten Schmerzen:
Nun brach dir das wärmste, das größte der Herzen,
Nun brach deine beste
Landesfeste,
Nun dehnt sich ein Schrei ob des Königs Tod
Wie aus tiefster Not!
Ihn, der geboren zu Dänemarks Glück,
Traf des Todes Los.
Jung stießen sie ihn vom Hofe zurück—
In des Volkes Schoß.
Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen
Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren.
Selbst hat ihm das Leben
Die Schule gegeben—:
Als fertig die Schlinge für Dänemark,—
War er lebensstark.
Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm,
Wo ein Kniff sich fand;
Der Verräter feinste List schlug um
Vor dem schlichten Verstand.
Er kannte ja nur des Volkes Gedanken,
(1863)
Nun schied unserm König ein wahrer Freund!
Und es senkt bei dem Schlag
Sein Banner der Norden und folgt vereint
Am Begräbnistag.
Doch, Dänemark! dein sind die tiefsten Schmerzen:
Nun brach dir das wärmste, das größte der Herzen,
Nun brach deine beste
Landesfeste,
Nun dehnt sich ein Schrei ob des Königs Tod
Wie aus tiefster Not!
Ihn, der geboren zu Dänemarks Glück,
Traf des Todes Los.
Jung stießen sie ihn vom Hofe zurück—
In des Volkes Schoß.
Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen
Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren.
Selbst hat ihm das Leben
Die Schule gegeben—:
Als fertig die Schlinge für Dänemark,—
War er lebensstark.
Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm,
Wo ein Kniff sich fand;
Der Verräter feinste List schlug um
Vor dem schlichten Verstand.
Er kannte ja nur des Volkes Gedanken,
Page 70
Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken;
Dem Ganzen war hold er—
Nicht teilen wollt' er,
Und hielt eine Rede, nur kurz, die hieß:
"Nicht geschehn wird dies!"
Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer
Standfest und klar!
Größeres Lob war nicht sein Begehr.
Wir bringen's ihm dar!
Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde,
Dem wahren, sicheren Ankergrunde;—
Rings sprach im Reiche
Bald jeder das gleiche:
"So dumm ist der wohl nimmer; seht,
Wie trefflich es geht."
Auf Deck rief er eben die Männer all:
Sturmsegel gesetzt!
"Land", klang es vom Mast beim Wogenprall
Jetzt, eben jetzt,—
Da entglitt das Steuer den treuen Händen,
Tot sank er hin—das Schiff will wenden…
Wenden? Nimmer!
Sein Kurs bleibt immer;
Ihr kennt ihn, Dänen, Mann für Mann,—
Sein Kurs heißt: Voran!
In Reih' und Glied allzeit bereit,
Als Wahlspruch er kor.
Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit
Dem Ganzen war hold er—
Nicht teilen wollt' er,
Und hielt eine Rede, nur kurz, die hieß:
"Nicht geschehn wird dies!"
Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer
Standfest und klar!
Größeres Lob war nicht sein Begehr.
Wir bringen's ihm dar!
Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde,
Dem wahren, sicheren Ankergrunde;—
Rings sprach im Reiche
Bald jeder das gleiche:
"So dumm ist der wohl nimmer; seht,
Wie trefflich es geht."
Auf Deck rief er eben die Männer all:
Sturmsegel gesetzt!
"Land", klang es vom Mast beim Wogenprall
Jetzt, eben jetzt,—
Da entglitt das Steuer den treuen Händen,
Tot sank er hin—das Schiff will wenden…
Wenden? Nimmer!
Sein Kurs bleibt immer;
Ihr kennt ihn, Dänen, Mann für Mann,—
Sein Kurs heißt: Voran!
In Reih' und Glied allzeit bereit,
Als Wahlspruch er kor.
Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit
Page 71
Den andern vor.
Sie ernten die Frucht: geübte Soldaten,
Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten!
Das Schiff kann nicht schlingern:
In vielen Fingern
Liegt fest das Steuer geborgen an Bord;
Hurra gen Nord!
Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang:
Ausharren voll Pflicht,
Wachthalten im Dunkel, nicht blaß, nicht bang,—
Gott ist unser Licht!
Hier ist's dumpf, ist es still, drückt die Sehnsucht nieder,
Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,—
Hier sind Wartezeiten,——
Bis die Himmelsweiten
Rosig erhellt uns künden: es naht
Der Tag zur Tat!
Sie ernten die Frucht: geübte Soldaten,
Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten!
Das Schiff kann nicht schlingern:
In vielen Fingern
Liegt fest das Steuer geborgen an Bord;
Hurra gen Nord!
Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang:
Ausharren voll Pflicht,
Wachthalten im Dunkel, nicht blaß, nicht bang,—
Gott ist unser Licht!
Hier ist's dumpf, ist es still, drückt die Sehnsucht nieder,
Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,—
Hier sind Wartezeiten,——
Bis die Himmelsweiten
Rosig erhellt uns künden: es naht
Der Tag zur Tat!
Page 72
ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE
(Osterabend 1864)
Und segelst im Kattegatt du umher
Und durch den Belt,
Du findest die Dänenfregatte nicht mehr
Mit rotweißem Feld;
Hörst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang
Vom Kommandowort,
Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang,
Den frischen, an Bord,
Du hörst kein Lachen, du siehst keinen Tanz
Unterm Segelweiß,
Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz,
Der Künste Preis.
Denn alles, was unser war, ertrank
Auf dem Meeresgrund,
Jedwedes Erinnerungsbild versank
Im nächtlichen Schlund,—
In der Winternacht, da bei Sturmeswut
Unter Norwegens Strand
Notschüsse krachten und brandende Flut
Tang anwarf und Sand;
(Osterabend 1864)
Und segelst im Kattegatt du umher
Und durch den Belt,
Du findest die Dänenfregatte nicht mehr
Mit rotweißem Feld;
Hörst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang
Vom Kommandowort,
Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang,
Den frischen, an Bord,
Du hörst kein Lachen, du siehst keinen Tanz
Unterm Segelweiß,
Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz,
Der Künste Preis.
Denn alles, was unser war, ertrank
Auf dem Meeresgrund,
Jedwedes Erinnerungsbild versank
Im nächtlichen Schlund,—
In der Winternacht, da bei Sturmeswut
Unter Norwegens Strand
Notschüsse krachten und brandende Flut
Tang anwarf und Sand;
Page 73
Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus,
Doch wandt' es in Hast,—
Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus
Mit zertrümmertem Mast!
Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord,
Mit Stumpf und Stiel,—
Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort,
Ein Wellenspiel!
Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm,
Durch Alter so grau,—
Er ward zerstückt; ein zerschossener Turm,
Lag das Schiff zur Schau.
Sie flickten es wieder, sie machten es klar
Am deutschen Strand;
Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar,
Wo der Löwe stand.
Wir segeln im Kattegatt; wie leer,
Wie still ist es nun!
Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer
Vor Schonen ruhn.
Doch wandt' es in Hast,—
Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus
Mit zertrümmertem Mast!
Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord,
Mit Stumpf und Stiel,—
Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort,
Ein Wellenspiel!
Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm,
Durch Alter so grau,—
Er ward zerstückt; ein zerschossener Turm,
Lag das Schiff zur Schau.
Sie flickten es wieder, sie machten es klar
Am deutschen Strand;
Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar,
Wo der Löwe stand.
Wir segeln im Kattegatt; wie leer,
Wie still ist es nun!
Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer
Vor Schonen ruhn.
Page 74
AN DEN DANEBROG
(als Düppel fiel)
Danebrog, in alten Tagen,
Schneeweiß, rosenrot
Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen
Über Nacht und Not,
Reif wie schwere Fruchtgehänge,
Hehr wie Heldengrabgesänge,
Frei, mit Geistes Wandervögeln
Durch die Welt dich segeln.
Danebrog, ach, heute steigst du
Todbleich, blutigrot,
Wund wie eine Möwe neigst du
Dich, verletzt zu Tod.
Heiligen Blutes Purpurlache
Zeugt für die gerechte Sache.
Fallend Volk, nun trag die schwere
Kreuzeslast der Ehre!
(als Düppel fiel)
Danebrog, in alten Tagen,
Schneeweiß, rosenrot
Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen
Über Nacht und Not,
Reif wie schwere Fruchtgehänge,
Hehr wie Heldengrabgesänge,
Frei, mit Geistes Wandervögeln
Durch die Welt dich segeln.
Danebrog, ach, heute steigst du
Todbleich, blutigrot,
Wund wie eine Möwe neigst du
Dich, verletzt zu Tod.
Heiligen Blutes Purpurlache
Zeugt für die gerechte Sache.
Fallend Volk, nun trag die schwere
Kreuzeslast der Ehre!
Page 75
DER NORRÖNASTAMM
(4. November 1864)
Es zog Norrönas Söhne
Zum freien Meergestad';
Ihr Ziel war Kampfgedröhne
Und hehre Mannestat.
Ihr Geist, in Surtrs Feuer
Sich senkend wurzelfest,
Trieb Schossen ungeheuer
Zu Ygdrasils Geäst.
Ging zu der Brüder Schaden
Oft jeder eigne Spur,
Gab's auf getrennten Pfaden
Doch eine Ehre nur.
Die Zeit schuf Platz für jeden:
Erst Norge, Dänemark;
Kam auch danach erst Schweden,
So wuchs es doppelt stark.
Vom Stern des dänischen Drachen
War Ost und West entbrannt;
(4. November 1864)
Es zog Norrönas Söhne
Zum freien Meergestad';
Ihr Ziel war Kampfgedröhne
Und hehre Mannestat.
Ihr Geist, in Surtrs Feuer
Sich senkend wurzelfest,
Trieb Schossen ungeheuer
Zu Ygdrasils Geäst.
Ging zu der Brüder Schaden
Oft jeder eigne Spur,
Gab's auf getrennten Pfaden
Doch eine Ehre nur.
Die Zeit schuf Platz für jeden:
Erst Norge, Dänemark;
Kam auch danach erst Schweden,
So wuchs es doppelt stark.
Vom Stern des dänischen Drachen
War Ost und West entbrannt;
Page 76
Normannengeists Erwachen
Drang bis zum heiligen Land.
Sowie von Sveas Stamme
Die Polnacht ward erhellt,
Gibt Lützens Siegesflamme
Noch Licht der halben Welt.
Es schweißten harte Tage
Norges und Dänmarks Band;
Den größern Sinn der Saga
Hat kleine Zeit verkannt.
Dann trat, sich zu verbinden,
Norge zu Schweden hin,
Und nie mehr soll verschwinden
Der Saga größrer Sinn.
Der Volksgeist birgt im Schoße
Weissagung wundersam:
Die Zukunftstat, die große,
Eint den Norrönastamm.
Ein jedes Fest entfache
Des heiligen Schwures Klang:
Für unsres Blutes Sache
Sieg und nicht Niedergang.
Drang bis zum heiligen Land.
Sowie von Sveas Stamme
Die Polnacht ward erhellt,
Gibt Lützens Siegesflamme
Noch Licht der halben Welt.
Es schweißten harte Tage
Norges und Dänmarks Band;
Den größern Sinn der Saga
Hat kleine Zeit verkannt.
Dann trat, sich zu verbinden,
Norge zu Schweden hin,
Und nie mehr soll verschwinden
Der Saga größrer Sinn.
Der Volksgeist birgt im Schoße
Weissagung wundersam:
Die Zukunftstat, die große,
Eint den Norrönastamm.
Ein jedes Fest entfache
Des heiligen Schwures Klang:
Für unsres Blutes Sache
Sieg und nicht Niedergang.
Page 77
GESANG DER PURITANER
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Gib mir Stärke, reich' mir Waffen,
Halt meinem Notschrei den Himmel offen!
Herre, ist sie dein, mein' Sach',
Schenk' ihr du den Siegestag!
Stürz' deine Feinde!
Stürz' deine Feinde!
Roll' vor dein Zorngewölk, schmettre hinab sie,
In ihrer Sünden Abgrund begrab' sie,
Seng' ihre Saat,
Zertritt ohne Gnad'!
Dann laß auf schneeweißen Taubenschwingen
Dem Gläubigen Tröstung herniederbringen,
Das Ölblatt des Friedens, der deinem Frommen
Nach der Strafen Sündflut dereinst wird kommen!
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Gib mir Stärke, reich' mir Waffen,
Halt meinem Notschrei den Himmel offen!
Herre, ist sie dein, mein' Sach',
Schenk' ihr du den Siegestag!
Stürz' deine Feinde!
Stürz' deine Feinde!
Roll' vor dein Zorngewölk, schmettre hinab sie,
In ihrer Sünden Abgrund begrab' sie,
Seng' ihre Saat,
Zertritt ohne Gnad'!
Dann laß auf schneeweißen Taubenschwingen
Dem Gläubigen Tröstung herniederbringen,
Das Ölblatt des Friedens, der deinem Frommen
Nach der Strafen Sündflut dereinst wird kommen!
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JAGDLIED
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Hinter uns steigt Heidedampf,
Heidedampf,
Vor uns fliegt der Falk zum Kampf,
Vor zum Kampf.
Birkenduft erfüllt den Hang,
Füllt den Hang,
Felswärts stürmt der Hörnerklang,
Hörnerklang.
Durch die klare Luft dahin!
Durch! Dahin!
Voran eilt sie! Die Königin!
Königin!
Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut!
Jagd voll Glut!
Nach—bis in die Todesflut!
Todesflut!
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Hinter uns steigt Heidedampf,
Heidedampf,
Vor uns fliegt der Falk zum Kampf,
Vor zum Kampf.
Birkenduft erfüllt den Hang,
Füllt den Hang,
Felswärts stürmt der Hörnerklang,
Hörnerklang.
Durch die klare Luft dahin!
Durch! Dahin!
Voran eilt sie! Die Königin!
Königin!
Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut!
Jagd voll Glut!
Nach—bis in die Todesflut!
Todesflut!
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TAYLORS LIED
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Auf Erden jede Freudenstund
Bezahlest du mit Sorg',
Und wird dir mehr als eine, glaub',
Du hast sie nur auf Borg.
Bald fordert eine Schmerzenszeit
In Seufzern streng zurück
Für jedes Lächeln Zinseszins,
Abschlag für jedes Glück.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
Du, hätt' ich dich nicht lächeln sehn,
Müßt' ich nicht weinend stehn.
Gott helfe dem, der's nicht vermag,
Zu geben halb sein Herz;
Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz
Er nehmen muß den Schmerz.
Gott helfe dem, der nicht vergißt,
Daß er so froh einst war;
Gott helfe dem, dem alles bricht,
(Aus dem Drama "Maria Stuart")
Auf Erden jede Freudenstund
Bezahlest du mit Sorg',
Und wird dir mehr als eine, glaub',
Du hast sie nur auf Borg.
Bald fordert eine Schmerzenszeit
In Seufzern streng zurück
Für jedes Lächeln Zinseszins,
Abschlag für jedes Glück.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
Du, hätt' ich dich nicht lächeln sehn,
Müßt' ich nicht weinend stehn.
Gott helfe dem, der's nicht vermag,
Zu geben halb sein Herz;
Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz
Er nehmen muß den Schmerz.
Gott helfe dem, der nicht vergißt,
Daß er so froh einst war;
Gott helfe dem, dem alles bricht,
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Dem nur der Geist blieb klar.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
All, was ich je gepflanzt, erfror,
Nun, da ich dich verlor.
Mary Anne, Mary Anne,
Mary Anne, Mary Anne,
All, was ich je gepflanzt, erfror,
Nun, da ich dich verlor.
Page 81
HOCHZEITSLIED
Du standest vorm Altar in weißem Kleide,
Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide;
Dein banges Denken schwebte
Um ihren tiefen Grund,
Und was dein Herz durchbebte,
Das betete dein Mund.
Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben,
Denn deine Mutter betete dort oben
Mit dir zugleich.
Nun fühltest du, die Hand, die dir gegeben,
Festhalten werde sie fürs ganze Leben;
Dir wurde leichter, freier,
Dein Herz schlug nicht mehr bang;
Du sahst durch Tränenschleier
Die Zukunft hell und lang!
Betaut von milden Liebestränen deuchte
Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte;
Du faßtest Mut.
Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen
Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen.
Sein Werk war nun geschehen:
Du standest vorm Altar in weißem Kleide,
Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide;
Dein banges Denken schwebte
Um ihren tiefen Grund,
Und was dein Herz durchbebte,
Das betete dein Mund.
Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben,
Denn deine Mutter betete dort oben
Mit dir zugleich.
Nun fühltest du, die Hand, die dir gegeben,
Festhalten werde sie fürs ganze Leben;
Dir wurde leichter, freier,
Dein Herz schlug nicht mehr bang;
Du sahst durch Tränenschleier
Die Zukunft hell und lang!
Betaut von milden Liebestränen deuchte
Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte;
Du faßtest Mut.
Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen
Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen.
Sein Werk war nun geschehen:
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Du standest froh verklärt
Und, wie's ersehnt sein Flehen,
Warst deiner Mutter wert.
Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben,
Und Dank schien ihm zu tönen von dort oben,
Dank für sein Werk.
Von den Geschwistern, denen Kinderpflege,
Selbst Kind, du gönntest, scheiden deine Wege.
Den besten Lohn von allen,
Sie geben heut ihn drein;
Einst in die Wage fallen
Wird er am Tag der Pein!
Dank und Gebet ist deines Glücks Geleite,
Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite,
Dank und Gebet!
LEKTOR THÅSEN [Symbol: gestorben]
Von einer Blume las ich einst, die stand,
Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand;
Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft
Gab sparsam Saft
Und kaum noch Farbe.
Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn;
Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn!
In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort
Und, wie's ersehnt sein Flehen,
Warst deiner Mutter wert.
Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben,
Und Dank schien ihm zu tönen von dort oben,
Dank für sein Werk.
Von den Geschwistern, denen Kinderpflege,
Selbst Kind, du gönntest, scheiden deine Wege.
Den besten Lohn von allen,
Sie geben heut ihn drein;
Einst in die Wage fallen
Wird er am Tag der Pein!
Dank und Gebet ist deines Glücks Geleite,
Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite,
Dank und Gebet!
LEKTOR THÅSEN [Symbol: gestorben]
Von einer Blume las ich einst, die stand,
Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand;
Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft
Gab sparsam Saft
Und kaum noch Farbe.
Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn;
Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn!
In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort
Page 83
Ein fruchtbar Lebenswort
Für viele werden!
Als er sie samt dem Erdreich hebt und hält,
Blinkt's seltsam ihm entgegen,—denn ihm fällt
Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand:
Die Blume stand
Auf reichen Gruben.
Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar
Zur Wunderstätte—und sie wird gewahr:
Hier liegt des Landes Zukunftsschacht;
Ein Blick in Nacht
Von Gott war die Blume.
Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam—
Als ihn der Herr des Lebens sänftlich nahm
Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn,
Dort aufzugehn
In ewiger Wärme.
Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt,
Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt
Dem Weisheitshort entgegen, der da reich,
Goldadern gleich,
Ruht in den Tiefen.
Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht
Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht.
Gedankenschatz der Vorzeit glänzt herauf,
Und es blitzt auf
Der Zukunft Reichtum.
Für viele werden!
Als er sie samt dem Erdreich hebt und hält,
Blinkt's seltsam ihm entgegen,—denn ihm fällt
Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand:
Die Blume stand
Auf reichen Gruben.
Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar
Zur Wunderstätte—und sie wird gewahr:
Hier liegt des Landes Zukunftsschacht;
Ein Blick in Nacht
Von Gott war die Blume.
Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam—
Als ihn der Herr des Lebens sänftlich nahm
Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn,
Dort aufzugehn
In ewiger Wärme.
Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt,
Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt
Dem Weisheitshort entgegen, der da reich,
Goldadern gleich,
Ruht in den Tiefen.
Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht
Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht.
Gedankenschatz der Vorzeit glänzt herauf,
Und es blitzt auf
Der Zukunft Reichtum.
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Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt,
Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt.
—Euch gilt die Botschaft! Schürft es aus dem Grund!
Ihm ward's nur kund
In Sehnsuchtsträumen.
Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt.
—Euch gilt die Botschaft! Schürft es aus dem Grund!
Ihm ward's nur kund
In Sehnsuchtsträumen.
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AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN
Von Kind auf war ich dir verschrieben,
Denn Größe lehrtest du mich lieben,—
Und rufe laut als Mann dir zu:
Des Nordens Sache führe du!
So reich an Land und Gaben bist du,
Doch deines großen Ziels vergißt du.
Eh' du den Norden nicht geeint,
Bleibst du dir selber fremd und feind!
Es webt ein Sehnen und ein Singen
Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen.
Wohl stehst du da, vor vielen stark,
Doch deinen Taten fehlt das Mark.
Zu vieles wird von dir begonnen,
Zu viele Kraft zu Wind versponnen;—
An Herzensfülle mangelt's nicht,
Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht.
Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen,
Ein Sinn muß deine Tage weihen,
Von Kind auf war ich dir verschrieben,
Denn Größe lehrtest du mich lieben,—
Und rufe laut als Mann dir zu:
Des Nordens Sache führe du!
So reich an Land und Gaben bist du,
Doch deines großen Ziels vergißt du.
Eh' du den Norden nicht geeint,
Bleibst du dir selber fremd und feind!
Es webt ein Sehnen und ein Singen
Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen.
Wohl stehst du da, vor vielen stark,
Doch deinen Taten fehlt das Mark.
Zu vieles wird von dir begonnen,
Zu viele Kraft zu Wind versponnen;—
An Herzensfülle mangelt's nicht,
Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht.
Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen,
Ein Sinn muß deine Tage weihen,
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Ein heldisch Wollen, daß die Welt
Vor Schwedens Namen inne hält.
Aus Eignem wirst kein Glied du rühren,
Der Ehre Stern muß dich verführen,
Aus Taten wird dir erst und Mühn
Die rechte Freudigkeit erblühn.
Denn deines großen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu
brechen. So schmiede denn des Nordens Glück! Er gibt es doppelt dir
zurück!
Du kannst kein größer Werk beginnen,
Kein heiliger Gebot ersinnen:
Dies Werk schließt deine Zukunft ein
Und macht dich aller Sünden rein!
Du Volk von Schwärmern und Propheten,
Du Volk von Träumern und Poeten!
Der Unkraft lähmend Joch zerbrich!
Des Nordens Fahne harrt auf dich!
Vor Schwedens Namen inne hält.
Aus Eignem wirst kein Glied du rühren,
Der Ehre Stern muß dich verführen,
Aus Taten wird dir erst und Mühn
Die rechte Freudigkeit erblühn.
Denn deines großen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu
brechen. So schmiede denn des Nordens Glück! Er gibt es doppelt dir
zurück!
Du kannst kein größer Werk beginnen,
Kein heiliger Gebot ersinnen:
Dies Werk schließt deine Zukunft ein
Und macht dich aller Sünden rein!
Du Volk von Schwärmern und Propheten,
Du Volk von Träumern und Poeten!
Der Unkraft lähmend Joch zerbrich!
Des Nordens Fahne harrt auf dich!
Page 87
STELLDICHEIN
Still ist der Abend;
Selbst sich begrabend,
Rollen die Stunden und scheidet das Licht.
Nur die Gedanken
Lauschen und schwanken:
Ob sie heut kommt oder nicht?
Frostiges Dämmern;
Wolken gleich Lämmern
Ziehen vorüber; der Sterne Heer
Zaubert im Glänzen
Liebe und Lenzen;
Kennt sie den Weg denn nicht mehr?
Sehnsuchtsleise
Unter dem Eise
Seufzt das Meer in wegmüder Ruh.
Schiffe vor Anker—
Ach, und ein Kranker
Fragt: wo verweilest du?
Schneeflocken stieben,
Bergwärts getrieben,
Still ist der Abend;
Selbst sich begrabend,
Rollen die Stunden und scheidet das Licht.
Nur die Gedanken
Lauschen und schwanken:
Ob sie heut kommt oder nicht?
Frostiges Dämmern;
Wolken gleich Lämmern
Ziehen vorüber; der Sterne Heer
Zaubert im Glänzen
Liebe und Lenzen;
Kennt sie den Weg denn nicht mehr?
Sehnsuchtsleise
Unter dem Eise
Seufzt das Meer in wegmüder Ruh.
Schiffe vor Anker—
Ach, und ein Kranker
Fragt: wo verweilest du?
Schneeflocken stieben,
Bergwärts getrieben,
Page 88
Märchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain;
Nachtvögel schwirren,
Schlagschatten irren;
War das ihr Schritt?—Ach nein!
Bist du so feige?
Sehnende Zweige
Starren von Reif; du wurdest verhext.
Doch ich bin stärker,
Sprenge den Kerker,
Wo du dich träumend versteckst.
Nachtvögel schwirren,
Schlagschatten irren;
War das ihr Schritt?—Ach nein!
Bist du so feige?
Sehnende Zweige
Starren von Reif; du wurdest verhext.
Doch ich bin stärker,
Sprenge den Kerker,
Wo du dich träumend versteckst.
Page 89
LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS
Auf, Brüder, stimmt an ein Lied!
Im Lichtgeleit dahin es zieht,
Hell flammt es in Liebessonne,
Voran eilt des Sieges Wonne,
Und ringsum träufelt Blütensaat
Auf junger Willenskräfte Pfad!
Weithin unser Sang schon fuhr,
Und ruhmreich leuchtet seine Spur
In Fahnen und Freundschaftsspenden,
In Kränzen aus Frauenhänden,
In Festen voller Jugendschaum,
In Volkes Vorzeit, Volkes Traum.
Nach Halden ging unser Zug,
Die Fahne hing zerfetzt genug;
Sie wehte durch unsre Sänge,
Sie mahnte durch Liederklänge,
Erglühend in dem mächtigen Brand
Des Heldentods fürs Vaterland.
Gen Arendal die Sommerfahrt
Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt.
Auf, Brüder, stimmt an ein Lied!
Im Lichtgeleit dahin es zieht,
Hell flammt es in Liebessonne,
Voran eilt des Sieges Wonne,
Und ringsum träufelt Blütensaat
Auf junger Willenskräfte Pfad!
Weithin unser Sang schon fuhr,
Und ruhmreich leuchtet seine Spur
In Fahnen und Freundschaftsspenden,
In Kränzen aus Frauenhänden,
In Festen voller Jugendschaum,
In Volkes Vorzeit, Volkes Traum.
Nach Halden ging unser Zug,
Die Fahne hing zerfetzt genug;
Sie wehte durch unsre Sänge,
Sie mahnte durch Liederklänge,
Erglühend in dem mächtigen Brand
Des Heldentods fürs Vaterland.
Gen Arendal die Sommerfahrt
Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt.
Page 90
Inmitten der Flotte zogen
Wir Sänger auf blauen Wogen
Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,—
Da sangen wir den Jubelchor.
In Bergen, am Meeresstrand,
Wo Altes sich mit Neuem band,
Von Lurklang die Berge hallen;
Held Sverre lebt noch bei allen;
Doch frisch und voll von Lebenslust
Entstieg das Lied der Volkesbrust.
Upsala, Kopenhagen, Lund, Wie zündend klingt's aus Herz und Mund!
Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem
Chor zum Himmel klang Norrönastammes Einheitssang.
Frischauf in die Welt hinaus!
Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus.
Im Lied unsre Zukunft winket,
Im Lied die Vorzeit nicht versinket,—
Wir wandern weiter Hand in Hand,
Und singen Sommer unserm Land.
Wir Sänger auf blauen Wogen
Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,—
Da sangen wir den Jubelchor.
In Bergen, am Meeresstrand,
Wo Altes sich mit Neuem band,
Von Lurklang die Berge hallen;
Held Sverre lebt noch bei allen;
Doch frisch und voll von Lebenslust
Entstieg das Lied der Volkesbrust.
Upsala, Kopenhagen, Lund, Wie zündend klingt's aus Herz und Mund!
Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem
Chor zum Himmel klang Norrönastammes Einheitssang.
Frischauf in die Welt hinaus!
Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus.
Im Lied unsre Zukunft winket,
Im Lied die Vorzeit nicht versinket,—
Wir wandern weiter Hand in Hand,
Und singen Sommer unserm Land.
Page 91
AN DEN BUCHHÄNDLER JOHAN DAHL
(Zu seinem sechzigsten Geburtstag)
Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht!
—"Hurra!"
Doch während wir singen, so gebt fein acht!
—"Ja ja!"
Zuerst müßt von schrecklichen Leiden ihr wissen,
Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen
Zu Adlern und Schären,
Zu Wergelands Bären,
—Au ja!
Er kam als ein unschuldig Lämmelein,
—O je,
So niedlich, appetitlich und sauber und rein
Wie Schnee.
Das köstliche Fleisch ließ zu Füllsel man hacken
Und später in Teig von Herrn Wergeland backen
Und munter zerbeißen,
Die Knochen verschleißen
Im Ramsch.
(Zu seinem sechzigsten Geburtstag)
Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht!
—"Hurra!"
Doch während wir singen, so gebt fein acht!
—"Ja ja!"
Zuerst müßt von schrecklichen Leiden ihr wissen,
Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen
Zu Adlern und Schären,
Zu Wergelands Bären,
—Au ja!
Er kam als ein unschuldig Lämmelein,
—O je,
So niedlich, appetitlich und sauber und rein
Wie Schnee.
Das köstliche Fleisch ließ zu Füllsel man hacken
Und später in Teig von Herrn Wergeland backen
Und munter zerbeißen,
Die Knochen verschleißen
Im Ramsch.
Page 92
Doch hei! wie ein Böcklein des göttlichen Tor
Er sprang,
Und stieß ihnen kräftiglich hinter das Ohr,—
Das klang!
Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen:
"Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen,"
Und balde war keiner
Beliebter und feiner
Als Dahl.
Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen
Das Land.
Dort hat sich gar mancher zum Spießgesellen
Bekannt;
Dort machte man Mode und kritische Normen,
Und wollt' ein gut Stückchen Norwegen formen.
Das wird die Geschichte
Schon bringen zum Lichte
Dereinst!
Für das, was du littest, entflammtest und strebtest,
Hab' Dank!
Für alle die Kraft, die du freudig belebtest,
Hab' Dank!
Für all dein gutmütig Eifern und Zanken,
Dein goldnes Gemüt, deine Freundschaft, wir danken,
Du seltsamer Falter,
Du Lieber, du Alter,
Hab' Dank!
Er sprang,
Und stieß ihnen kräftiglich hinter das Ohr,—
Das klang!
Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen:
"Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen,"
Und balde war keiner
Beliebter und feiner
Als Dahl.
Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen
Das Land.
Dort hat sich gar mancher zum Spießgesellen
Bekannt;
Dort machte man Mode und kritische Normen,
Und wollt' ein gut Stückchen Norwegen formen.
Das wird die Geschichte
Schon bringen zum Lichte
Dereinst!
Für das, was du littest, entflammtest und strebtest,
Hab' Dank!
Für alle die Kraft, die du freudig belebtest,
Hab' Dank!
Für all dein gutmütig Eifern und Zanken,
Dein goldnes Gemüt, deine Freundschaft, wir danken,
Du seltsamer Falter,
Du Lieber, du Alter,
Hab' Dank!
Page 93
DIE SPINNERIN
Ach, was fragte er mich,
Eh' er jetzt vom Fenster schlich?
"Du, ein Band, das knüpf' ich still,
An den Tag soll's im April.
Traust du dich?—dann gib mir dein
Gespinst hinein."
Wie soll ich's wohl verstehn?
Wer hat je ihn weben sehn?
Und mein Gespinst so rein,
Will er in sein Band hinein?
Und so eilig webt er's hin,—
Bis—Lenzbeginn?
Und wie lacht' er dabei!
Ach! Stets treibt er Narretei.
Gebe mein Gespinst ich hin,
Ihm, der also leicht von Sinn?—
Füge du es, Gottes Hand,
Fest zum Band!
Ach, was fragte er mich,
Eh' er jetzt vom Fenster schlich?
"Du, ein Band, das knüpf' ich still,
An den Tag soll's im April.
Traust du dich?—dann gib mir dein
Gespinst hinein."
Wie soll ich's wohl verstehn?
Wer hat je ihn weben sehn?
Und mein Gespinst so rein,
Will er in sein Band hinein?
Und so eilig webt er's hin,—
Bis—Lenzbeginn?
Und wie lacht' er dabei!
Ach! Stets treibt er Narretei.
Gebe mein Gespinst ich hin,
Ihm, der also leicht von Sinn?—
Füge du es, Gottes Hand,
Fest zum Band!
Page 94
DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE
Die weiße und die rote Rose,
So hießen der Schwestern zwei—ja, so!
Die weiße, die war stumm und still,
Die rote allzeit froh.
Doch umgekehrt ging's seither, ja,
Da kamen die Freier weit her, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Der, den die rote liebte,
Den wollt' der Vater nicht han, nicht han.
Doch den die weiße liebte,
Den nahm er glattweg an.
Die rote, ach, bleicht in Tränen, ja,
Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Da, Wetter, wird dem Alten bang,
Er rückt heraus mit: ja doch—ja!
Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang
Und Böllerschuß, hurra!
Bald kamen auch Röschen nun, o ja,—
Die weiße und die rote Rose,
So hießen der Schwestern zwei—ja, so!
Die weiße, die war stumm und still,
Die rote allzeit froh.
Doch umgekehrt ging's seither, ja,
Da kamen die Freier weit her, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Der, den die rote liebte,
Den wollt' der Vater nicht han, nicht han.
Doch den die weiße liebte,
Den nahm er glattweg an.
Die rote, ach, bleicht in Tränen, ja,
Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja.
Die weiße ward so rot, so rot,
Die rote ward so weiß.
Da, Wetter, wird dem Alten bang,
Er rückt heraus mit: ja doch—ja!
Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang
Und Böllerschuß, hurra!
Bald kamen auch Röschen nun, o ja,—
Page 95
Röschen in Strümpfen und Schuhn, o ja.
Die der roten waren weiß, doch—hm!—
Die der weißen alle rot.
Die der roten waren weiß, doch—hm!—
Die der weißen alle rot.
Page 96
IN DER JUGEND
Jugendmut,
Jugendmut,
Wie der Falke kühn und leicht
Hebt er sich im Blau und steigt,
Bis er alle Höhn erreicht.
Jugendblut,
Jugendblut,
Braust wie Dampf durch Meer und Nacht,
Sprengt das Stromeis, daß es kracht,
Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht.
Jugendtraum,
Jugendtraum,
Schleicht sich wie ein Schelm hinein
In schön Mägdleins Kämmerlein;
Aller Duft und Glanz des Lenzen
Seine leichten Wellen kränzen.
Jugendlust,
Jugendlust,
Sprudelt aus der Felsenbrust,
Schleudert noch im Sturz zum Grabe
Lachend seine Strahlengabe.
Jugendlust,
Jugendmut,
Jugendmut,
Wie der Falke kühn und leicht
Hebt er sich im Blau und steigt,
Bis er alle Höhn erreicht.
Jugendblut,
Jugendblut,
Braust wie Dampf durch Meer und Nacht,
Sprengt das Stromeis, daß es kracht,
Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht.
Jugendtraum,
Jugendtraum,
Schleicht sich wie ein Schelm hinein
In schön Mägdleins Kämmerlein;
Aller Duft und Glanz des Lenzen
Seine leichten Wellen kränzen.
Jugendlust,
Jugendlust,
Sprudelt aus der Felsenbrust,
Schleudert noch im Sturz zum Grabe
Lachend seine Strahlengabe.
Jugendlust,
Page 97
Jugendtraum,
Jugendblut,
Jugendmut
Streun auf unsern Erdenwegen
Singend ihren goldnen Segen.
Jugendblut,
Jugendmut
Streun auf unsern Erdenwegen
Singend ihren goldnen Segen.
Page 98
DAS BLONDE MÄDCHEN
Ich weiß, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich—:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
Ich liebe deiner Augen Träume:
So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
Und tastet sich durch steile Bäume
Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.
Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Fülle kaum gewahr.
Ich liebe dieses Haar, sich drängend
Aus seines Netzes strengem Band:
Voll kleiner Liebesgötter hängend,
Verlockt es Auge mir und Hand.
Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
Ich liebe diesen Fuß, dich tragend
Ich weiß, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich—:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
Ich liebe deiner Augen Träume:
So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
Und tastet sich durch steile Bäume
Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.
Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Fülle kaum gewahr.
Ich liebe dieses Haar, sich drängend
Aus seines Netzes strengem Band:
Voll kleiner Liebesgötter hängend,
Verlockt es Auge mir und Hand.
Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
Ich liebe diesen Fuß, dich tragend
Page 99
In deiner Herrlichkeit und Kraft,
Durchs muntre Land der Jugend wagend
Den Weg zur ersten Leidenschaft.
Ich liebe diese Lippen, Hände,
In Amors eifersüchtiger Pacht;
Des Würdigsten als Siegesspende
Gewärtig und für ihn bewacht.
Ja, schürze nur die schönen Brauen
Und wende dich zur Flucht und sprich:
Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen.
Ich liebe dich! Ich liebe dich!
Durchs muntre Land der Jugend wagend
Den Weg zur ersten Leidenschaft.
Ich liebe diese Lippen, Hände,
In Amors eifersüchtiger Pacht;
Des Würdigsten als Siegesspende
Gewärtig und für ihn bewacht.
Ja, schürze nur die schönen Brauen
Und wende dich zur Flucht und sprich:
Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen.
Ich liebe dich! Ich liebe dich!
Page 100
MEIN MONAT
Ich lobe mir April,
In dem das Alte fällt,
Das Neue Kraft erhält;
Wohl liebt er Friede selten,—
Doch soll wohl Friede gelten?
Nein: daß man etwas will.
Ich lobe mir April,
Weil er, der Stürmer, Feger,
Der Eis- und Herzbeweger,
Weil er, der Kräftereger,
Des Sommers Kommen will!
Ich lobe mir April,
In dem das Alte fällt,
Das Neue Kraft erhält;
Wohl liebt er Friede selten,—
Doch soll wohl Friede gelten?
Nein: daß man etwas will.
Ich lobe mir April,
Weil er, der Stürmer, Feger,
Der Eis- und Herzbeweger,
Weil er, der Kräftereger,
Des Sommers Kommen will!
Page 101
HOCHZEITSLIED
(Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868)
Blick' auf, o Braut, er naht
An Freundeshand zum Buchtgestad',
Ein wenig kahl und träg',
Doch frisch und herzensreg'.
Hier kommt er treu und grad'—
Der alte braune Kreuzeraar,
Erprobt in Sturmgefahr,
Mit Augen kindlich klar.
Er war ein Bursch so keck,
Lag gern auf seines Boots Verdeck
Und ließ vom Wogenschaum
Sich wiegen in den Traum.
Der Segel breite Last
Schlug sonnbeschienen an den Mast,
Und ohne Ruder glitt
Der Kiel im Strome mit.
Doch als er müßig da
Sein Bild im tiefen Blau besah,
(Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868)
Blick' auf, o Braut, er naht
An Freundeshand zum Buchtgestad',
Ein wenig kahl und träg',
Doch frisch und herzensreg'.
Hier kommt er treu und grad'—
Der alte braune Kreuzeraar,
Erprobt in Sturmgefahr,
Mit Augen kindlich klar.
Er war ein Bursch so keck,
Lag gern auf seines Boots Verdeck
Und ließ vom Wogenschaum
Sich wiegen in den Traum.
Der Segel breite Last
Schlug sonnbeschienen an den Mast,
Und ohne Ruder glitt
Der Kiel im Strome mit.
Doch als er müßig da
Sein Bild im tiefen Blau besah,
Page 102
Getrieben ward sein Kahn
Zum offnen Ozean.
Hei, wie er munter sprang
Zum Steuer unter Flutgesang;
Die erste harte Not
War ihm wie Morgenrot.
Er kehrte nicht nach Haus,—
Fuhr in der Freiheit Reich hinaus,
Wo alles ringsumher
Unendlich wie das Meer.
Hinaus ins Flutgetos,—
Und ward das Boot auch steuerlos,
Hat kühne Manneskraft
Ihm doch den Sieg verschafft!
Da draußen stand er frisch;
Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch.
Sein Deck zerbarst; doch ihn
Konnt' es nicht niederziehn.
Nach oben kam er leicht,
Wie übers Meer ein Vogel streicht,
Dieweil manch stolzes Schiff
Zertrümmert ward am Riff.
Sein Kahn schwamm flott dahin,
Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,—
Der Sturm blieb ohne Macht:
Denn Jugend war die Fracht.
Und ein unbändiger Klang
Von Schüssen, Feuerwerk und Sang
Zum offnen Ozean.
Hei, wie er munter sprang
Zum Steuer unter Flutgesang;
Die erste harte Not
War ihm wie Morgenrot.
Er kehrte nicht nach Haus,—
Fuhr in der Freiheit Reich hinaus,
Wo alles ringsumher
Unendlich wie das Meer.
Hinaus ins Flutgetos,—
Und ward das Boot auch steuerlos,
Hat kühne Manneskraft
Ihm doch den Sieg verschafft!
Da draußen stand er frisch;
Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch.
Sein Deck zerbarst; doch ihn
Konnt' es nicht niederziehn.
Nach oben kam er leicht,
Wie übers Meer ein Vogel streicht,
Dieweil manch stolzes Schiff
Zertrümmert ward am Riff.
Sein Kahn schwamm flott dahin,
Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,—
Der Sturm blieb ohne Macht:
Denn Jugend war die Fracht.
Und ein unbändiger Klang
Von Schüssen, Feuerwerk und Sang
Page 103
War immerzu an Bord
Mit Echo über Nord.
Ein wenig müd' zuletzt,
Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt,
Lag wieder friedlich-mild
Und sah sein Spiegelbild.
Er sah, der Schelm, er sah—
Sein eignes nicht, nein ihres da,
Als seiner Sehnsucht Fund
Lächelnd im Wellengrund.
Zum zweiten Mal zieht aus
Sein Leben in den Wogenbraus,
Und Sturm soll seinem Kahn
Zum zweiten Male nahn!
Zum zweiten, zweiten Mal hinfort
Soll tönen Schuß und Sang an Bord;
Denn diesmal mit ihm fährt
Der Glaub' an Weibes Wert!
Mit Echo über Nord.
Ein wenig müd' zuletzt,
Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt,
Lag wieder friedlich-mild
Und sah sein Spiegelbild.
Er sah, der Schelm, er sah—
Sein eignes nicht, nein ihres da,
Als seiner Sehnsucht Fund
Lächelnd im Wellengrund.
Zum zweiten Mal zieht aus
Sein Leben in den Wogenbraus,
Und Sturm soll seinem Kahn
Zum zweiten Male nahn!
Zum zweiten, zweiten Mal hinfort
Soll tönen Schuß und Sang an Bord;
Denn diesmal mit ihm fährt
Der Glaub' an Weibes Wert!
Page 104
NORWEGISCHES SEEMANNSLIED
(Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868)
Norwegisch Seevolk ist
Ein derber Schlag voll Kraft und List;
Wo Schiffszeug schwimmen kann,
Da ist es vorne dran.
Auf Meerfahrt und zu Haus,
Im Sund und bei den Schären draus,
Vertraut es Gottes Schutz
Und beut den Wogen Trutz.
Hier müht ein Volk sich ab
Fürs Leben ruhlos bis zum Grab,—
Des Todes Sense mäht
Sich Opfer früh und spät.
Was Tag um Tag geschieht,
Bewahrt nur selten Wort und Lied,
Und von so manchem Stück
Kehrt keiner mehr zurück.
Ja, schlichter Fischer Kiel,
Von Mut und Witz geführt zum Ziel,
(Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868)
Norwegisch Seevolk ist
Ein derber Schlag voll Kraft und List;
Wo Schiffszeug schwimmen kann,
Da ist es vorne dran.
Auf Meerfahrt und zu Haus,
Im Sund und bei den Schären draus,
Vertraut es Gottes Schutz
Und beut den Wogen Trutz.
Hier müht ein Volk sich ab
Fürs Leben ruhlos bis zum Grab,—
Des Todes Sense mäht
Sich Opfer früh und spät.
Was Tag um Tag geschieht,
Bewahrt nur selten Wort und Lied,
Und von so manchem Stück
Kehrt keiner mehr zurück.
Ja, schlichter Fischer Kiel,
Von Mut und Witz geführt zum Ziel,
Page 105
Hat Werke viel erschaut,
Die niemals wurden laut.
Und manches Seemanns Haupt
Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt,
Statt daß ihn goldnes Reis
Gekränzt im Heldenkreis.
Des Olavkreuzes Ruhm
Hätt' manches Lotsen Heldentum
Verdient, der Schar um Schar
Gerettet aus Gefahr.
Und manchem Bürschchen auch,
Das heimritt auf der Jolle Bauch,
Stand Vater hoch an Bord,
Gebührte wohl ein Wort.
Doch Norges Küste ist
Des Landes Mutterbrust und mißt
Ihm Nahrung zu, wenngleich
Oft Nahrung tränenreich.
Sie hütet und bewacht,
Was ihre Söhne je vollbracht,
Vom großen Hafurstag
Bis auf das letzte Wrack.
Das fühlte, wer sein Land
Nach langem Fernsein wiederfand;
Das fühlte, wer es ließ,
Wann er vom Ufer stieß.
Das fühlten, die weit fort:
Der Heimat Glück war mit an Bord:
Die niemals wurden laut.
Und manches Seemanns Haupt
Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt,
Statt daß ihn goldnes Reis
Gekränzt im Heldenkreis.
Des Olavkreuzes Ruhm
Hätt' manches Lotsen Heldentum
Verdient, der Schar um Schar
Gerettet aus Gefahr.
Und manchem Bürschchen auch,
Das heimritt auf der Jolle Bauch,
Stand Vater hoch an Bord,
Gebührte wohl ein Wort.
Doch Norges Küste ist
Des Landes Mutterbrust und mißt
Ihm Nahrung zu, wenngleich
Oft Nahrung tränenreich.
Sie hütet und bewacht,
Was ihre Söhne je vollbracht,
Vom großen Hafurstag
Bis auf das letzte Wrack.
Das fühlte, wer sein Land
Nach langem Fernsein wiederfand;
Das fühlte, wer es ließ,
Wann er vom Ufer stieß.
Das fühlten, die weit fort:
Der Heimat Glück war mit an Bord:
Page 106
Der weißen Segel Fleiß
Gewann uns Macht und Preis.
***
Hurra, wer immer heut
Zur See sich unsrer Flagge freut!
Hurra, der Lotse brav,
Der sie zuerst heut traf!
Hurra, der Fischer, der
Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer!
Hurra, im Schärenkranz
Die Küste unsres Lands!
HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben]
(1868)
Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft,
Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft
Rettete sich in dem leidenden Stamme.
Hochsommer bracht' ihm der Blütezeit Flamme,
Spätherbst gab reifender Früchte Prangen,—
Wenige, doch süß und mit rosigen Wangen.
Sein ward die Frucht—und wird ewig gesät,
Da, wo man ewig im Sommer steht.
Er allein fand
Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand.
Gewann uns Macht und Preis.
***
Hurra, wer immer heut
Zur See sich unsrer Flagge freut!
Hurra, der Lotse brav,
Der sie zuerst heut traf!
Hurra, der Fischer, der
Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer!
Hurra, im Schärenkranz
Die Küste unsres Lands!
HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben]
(1868)
Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft,
Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft
Rettete sich in dem leidenden Stamme.
Hochsommer bracht' ihm der Blütezeit Flamme,
Spätherbst gab reifender Früchte Prangen,—
Wenige, doch süß und mit rosigen Wangen.
Sein ward die Frucht—und wird ewig gesät,
Da, wo man ewig im Sommer steht.
Er allein fand
Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand.
Page 107
Weiter kämpft' er mit Winter und Eis,
Kämpft' um den Sommer, des Sängers Preis,
Kämpfte im Sinken, noch demütig schön
In brünstigem Flehn.
Hat ihn der Sommer auch wirklich gefällt,—
Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn,
Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn,
Einzugsfeier er hält.
Er ist der Dichtkunst mächtiges Bild.
Winterlich herb und doch sommerlich mild.
Gleichwie die Lüfte in zitterndem Schein,
Rosige Gipfel und laubfrischer Hain,
Bäche, die blumige Wiesen durchgleiten,
Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten,
So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',—
Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,—
Mächtig sich dehnen,
Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen.
Kämpft' um den Sommer, des Sängers Preis,
Kämpfte im Sinken, noch demütig schön
In brünstigem Flehn.
Hat ihn der Sommer auch wirklich gefällt,—
Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn,
Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn,
Einzugsfeier er hält.
Er ist der Dichtkunst mächtiges Bild.
Winterlich herb und doch sommerlich mild.
Gleichwie die Lüfte in zitterndem Schein,
Rosige Gipfel und laubfrischer Hain,
Bäche, die blumige Wiesen durchgleiten,
Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten,
So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',—
Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,—
Mächtig sich dehnen,
Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen.
Page 108
VORWÄRTS
"Vorwärts! vorwärts!"
Scholl der Ahnen Losungswort.
"Vorwärts! vorwärts!"
Pflanzen wir den Schlachtruf fort!
Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heißt,
Auch uns, die Enkel, vorwärts reißt
In ihrem Geist.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer gern haust als freier Mann.
"Vorwärts! vorwärts!"
Freiheit ewiglich voran!
Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag,
Wer weiß noch vom empfangnen Schlag
Am Siegestag?
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer da traut des Volkes Kraft.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer am Werk der Väter schafft.
Schätze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoß:
Die lege treuer Spatenstoß
Von neuem bloß!
"Vorwärts! vorwärts!"
Scholl der Ahnen Losungswort.
"Vorwärts! vorwärts!"
Pflanzen wir den Schlachtruf fort!
Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heißt,
Auch uns, die Enkel, vorwärts reißt
In ihrem Geist.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer gern haust als freier Mann.
"Vorwärts! vorwärts!"
Freiheit ewiglich voran!
Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag,
Wer weiß noch vom empfangnen Schlag
Am Siegestag?
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer da traut des Volkes Kraft.
"Vorwärts! vorwärts!"
Wer am Werk der Väter schafft.
Schätze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoß:
Die lege treuer Spatenstoß
Von neuem bloß!
Page 109
WIE MAN SICH FAND
(Zum Studententag 1869)
Träume, die zu Träumen drängen,
Finden bald ihr Reich;
Herzen, die sich suchen, sprengen
Alles lenzstrahlgleich.
Und je tiefre Leiden binden
Ihren jungen Drang,
Desto heller beim Sichfinden
Braust der Jubelsang.
Jeder von den Hochgemuten
Spornt zwar hundert an,
Doch wenn tausend auch verbluten,
Wär's doch nicht getan.
Nein, erst wenn der Volkslenz brausend
Stürmt durch Wald und Land,
Weckend all die Hunderttausend,—
Dann erst man sich fand.
Heil nun Norges jungem Tage,
Fern in Dunst versteckt.
(Zum Studententag 1869)
Träume, die zu Träumen drängen,
Finden bald ihr Reich;
Herzen, die sich suchen, sprengen
Alles lenzstrahlgleich.
Und je tiefre Leiden binden
Ihren jungen Drang,
Desto heller beim Sichfinden
Braust der Jubelsang.
Jeder von den Hochgemuten
Spornt zwar hundert an,
Doch wenn tausend auch verbluten,
Wär's doch nicht getan.
Nein, erst wenn der Volkslenz brausend
Stürmt durch Wald und Land,
Weckend all die Hunderttausend,—
Dann erst man sich fand.
Heil nun Norges jungem Tage,
Fern in Dunst versteckt.
Page 110
Mit dem Dämmergrauen jage
Weg, was uns erschreckt.
Und des Schlachthorns hohle Lieder,
Tränen, Schmach und Blut,
Die beseelten immer wieder
Uns erst recht mit Mut.
Aus des Volkes Geist und Werken
Wächst er Tag für Tag,
Niederlagen ihn nur stärken
Zum Entscheidungsschlag.
Frühlingsahnen ist entglommen,
Spricht das Jubelwort
Von dem Lenz, der einst wird kommen,
Heil dir, Volk im Nord!
Weg, was uns erschreckt.
Und des Schlachthorns hohle Lieder,
Tränen, Schmach und Blut,
Die beseelten immer wieder
Uns erst recht mit Mut.
Aus des Volkes Geist und Werken
Wächst er Tag für Tag,
Niederlagen ihn nur stärken
Zum Entscheidungsschlag.
Frühlingsahnen ist entglommen,
Spricht das Jubelwort
Von dem Lenz, der einst wird kommen,
Heil dir, Volk im Nord!
Page 111
NORWEGISCHE NATUR
(Auf Ringerike während des Studententages 1869)
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Laßt stille den Ton sich ranken,
Wie Farben vorüberschwanken
Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur
Und Wald im Borne der Natur.
Die Glut in des Volkes Drang,
Die tiefe Kraft in seinem Sang,
Hier hebt sie zu dir die Augen,
Um deine Schönheit zu saugen,
Und daß du dich vor ihr enthüllt,
Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfüllt.
Hier kam die Geschichte zur Welt,
Hier träumte Halvdan als ein Held.
Er sah in Nebelgestalten
Das ganze Reich sich entfalten,
Und Nore stand und gab ihm Mut,
Und in die Weite wies die Flut.
(Auf Ringerike während des Studententages 1869)
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Laßt stille den Ton sich ranken,
Wie Farben vorüberschwanken
Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur
Und Wald im Borne der Natur.
Die Glut in des Volkes Drang,
Die tiefe Kraft in seinem Sang,
Hier hebt sie zu dir die Augen,
Um deine Schönheit zu saugen,
Und daß du dich vor ihr enthüllt,
Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfüllt.
Hier kam die Geschichte zur Welt,
Hier träumte Halvdan als ein Held.
Er sah in Nebelgestalten
Das ganze Reich sich entfalten,
Und Nore stand und gab ihm Mut,
Und in die Weite wies die Flut.
Page 112
Hier führe des Liedes Chor
Der Heimat ganzes Bild uns vor!
Es brause der Sturm in der Stille;
Ins Milde soll dringen der Wille:
Wenn sich das Land zusammenschart,
Erkennt ein jeder unsre Art.
Was immer als erstes sie will,
Sind hundert Häfen im April.
Da hebt sich das Herz zum Gotte,
Wenn Anker lichtet die Flotte;
Norges Gebete segeln fort
Mit sechzigtausend Mann an Bord.
Schau' felsigen Küstenhang
Mit Möwen, Walen, Platz zum Fang,
Fahrzeugen im Inselschutze,
Doch Boten im Wogentrutze
Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund—
Von Rogen weiß den ganzen Grund.
Im wilden Lofotenschwarm
Umschlingt den Fels der Meeresarm;
Die Höhen hält Nebel umzogen,
Doch am Fuße keuchen die Wogen,
Und alles dunkelt, schreckt und droht;
Jedoch im Strudel Boot an Boot.
Den Eismeerfahrer dort schau'
Hinziehn durch Schnee und Dämmergrau.
Laut schallen Kommandoworte;
Durchs Eis wird gebrochen die Pforte,
Der Heimat ganzes Bild uns vor!
Es brause der Sturm in der Stille;
Ins Milde soll dringen der Wille:
Wenn sich das Land zusammenschart,
Erkennt ein jeder unsre Art.
Was immer als erstes sie will,
Sind hundert Häfen im April.
Da hebt sich das Herz zum Gotte,
Wenn Anker lichtet die Flotte;
Norges Gebete segeln fort
Mit sechzigtausend Mann an Bord.
Schau' felsigen Küstenhang
Mit Möwen, Walen, Platz zum Fang,
Fahrzeugen im Inselschutze,
Doch Boten im Wogentrutze
Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund—
Von Rogen weiß den ganzen Grund.
Im wilden Lofotenschwarm
Umschlingt den Fels der Meeresarm;
Die Höhen hält Nebel umzogen,
Doch am Fuße keuchen die Wogen,
Und alles dunkelt, schreckt und droht;
Jedoch im Strudel Boot an Boot.
Den Eismeerfahrer dort schau'
Hinziehn durch Schnee und Dämmergrau.
Laut schallen Kommandoworte;
Durchs Eis wird gebrochen die Pforte,
Page 113
Und Schuß auf Schuß die Seehundsjagd,
Doch Leib und Seele unverzagt.
Dann kommen wird abends zu Gast,
Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast,
Wo Kühe man melkt auf den Matten
In des dräuenden Felshangs Schatten,
Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut
Natur die Antwort anvertraut.
Doch müssen wir weiter im Flug;
Denn unser wartet noch genug,—
Das Bergwerk, drin Erze wuchten,
Die Renntierjagd in den Schluchten,
Der schäumend weiße Strom, der stolz
Zu Tale trägt des Flößers Holz.
Und weilen wir wieder hier,
Die breiten Dörfer lieben wir,
Wo Bauern in treuem Walten
Hoch unsere Ehre halten;
Von ihrer Ahnen Glanz umloht
War unsres Aufgangs Morgenrot.
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Uns leiht unser Wirken Flügel,
Es grüßt uns die Vorzeit vom Hügel,
Und unsre Zukunft werd' erbaut
So stark wie Gott, dem sie vertraut.
Doch Leib und Seele unverzagt.
Dann kommen wird abends zu Gast,
Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast,
Wo Kühe man melkt auf den Matten
In des dräuenden Felshangs Schatten,
Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut
Natur die Antwort anvertraut.
Doch müssen wir weiter im Flug;
Denn unser wartet noch genug,—
Das Bergwerk, drin Erze wuchten,
Die Renntierjagd in den Schluchten,
Der schäumend weiße Strom, der stolz
Zu Tale trägt des Flößers Holz.
Und weilen wir wieder hier,
Die breiten Dörfer lieben wir,
Wo Bauern in treuem Walten
Hoch unsere Ehre halten;
Von ihrer Ahnen Glanz umloht
War unsres Aufgangs Morgenrot.
Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
Uns leiht unser Wirken Flügel,
Es grüßt uns die Vorzeit vom Hügel,
Und unsre Zukunft werd' erbaut
So stark wie Gott, dem sie vertraut.
Page 114
ICH REISTE VORÜBER
—Ich reiste vorüber im Morgenrot:
Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht,
Und wie die Scheiben brennen in Blut,
Loht auf in der Seele erloschene Glut:—
In Frühjahrsstunden
Dort war ich gebunden
Von lächelnden Lippen und feinen Händen,
Und das Lächeln mußte in Tränen enden.
Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand,
Schaut' ich hinüber, unverwandt.
Alles Vergangne erglänzte rein,
Alles Vergessne ward wieder mein:—
Gedanken wandern
Nun auch zu andern
Frühlingstagen, und Wonnen und Fehle
Wogen vor und zurück in der Seele.
Freudvoll damals und freudvoll nun,
Schmerzen damals und Schmerzen nun.
Sonne im Tau: wie das funkelt und weint—
Tränen und Lächeln verklärt und vereint.
Wenn Erinnerungswellen
—Ich reiste vorüber im Morgenrot:
Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht,
Und wie die Scheiben brennen in Blut,
Loht auf in der Seele erloschene Glut:—
In Frühjahrsstunden
Dort war ich gebunden
Von lächelnden Lippen und feinen Händen,
Und das Lächeln mußte in Tränen enden.
Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand,
Schaut' ich hinüber, unverwandt.
Alles Vergangne erglänzte rein,
Alles Vergessne ward wieder mein:—
Gedanken wandern
Nun auch zu andern
Frühlingstagen, und Wonnen und Fehle
Wogen vor und zurück in der Seele.
Freudvoll damals und freudvoll nun,
Schmerzen damals und Schmerzen nun.
Sonne im Tau: wie das funkelt und weint—
Tränen und Lächeln verklärt und vereint.
Wenn Erinnerungswellen
Page 115
Flutend erst schwellen
Über die Seele und ebben dann wieder,
Grünt sie und sprengt die Knospen der Lieder.
Über die Seele und ebben dann wieder,
Grünt sie und sprengt die Knospen der Lieder.
Page 116
MEIN GELEIT
Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut
In Sonntagsstille mit Glockengeläut.
Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Mücken,
Will alles alliebend, allsegnend beglücken.
Ich sehe das Volk in die Kirche wallen,
Hör' Psalmen aus offener Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur galt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
Ich habe das herrlichste Reisegeleit—
Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit;
Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden,
So war's, weil mehrere mit mir verbunden,
Und hörtest du meinen gedämpften Gesang,
Sie saßen schaukelnd in jedem Klang.
Mir folgt eine Seele von solcher Macht,
Daß alles sie mir zum Opfer gebracht;
Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen,
Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen,
In deren weißen Arm ich geruht,
Erwärmt von des Lebens und Glaubens Glut.
Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut
In Sonntagsstille mit Glockengeläut.
Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Mücken,
Will alles alliebend, allsegnend beglücken.
Ich sehe das Volk in die Kirche wallen,
Hör' Psalmen aus offener Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur galt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
Ich habe das herrlichste Reisegeleit—
Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit;
Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden,
So war's, weil mehrere mit mir verbunden,
Und hörtest du meinen gedämpften Gesang,
Sie saßen schaukelnd in jedem Klang.
Mir folgt eine Seele von solcher Macht,
Daß alles sie mir zum Opfer gebracht;
Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen,
Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen,
In deren weißen Arm ich geruht,
Erwärmt von des Lebens und Glaubens Glut.
Page 117
Seht, hierin bin ich von Schneckenart:
Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt,
Und wer da glaubt, daß die Bürde mich drücke,
Der sollte nur wissen, wie hold es beglücke,
Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar
Sie steht unter lachender Kinderschar.
Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen
So hohe Wölbung, so tiefen Bronnen,
Wie von der himmlischen Liebe der Schein
Hinabdringt bis in die Wiege hinein.
Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind,
Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind.
Wer nimmer die Liebe gekannt für das Kleine,
Dem winkt nicht die große, die allgemeine.
Wer nicht sein eigenes Haus kann baun,
Wird auch seine Türme zertrümmert einst schaun;
Und zwingt er ganz Europa ins Joch,
Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch.
Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstätte;
Dann weiß auch dein Nächster, wohin er sich rette.
Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen,
Birgt diese Festung so starke Waffen,
Daß heil sie bleibt in Kampf und Gefahr
Und Mut verleiht einer ganzen Schar.
Ein einzelnes Heim trug oft ein Land,
Wenn dessen Retter es ausgesandt,
Und wieder viel tausend Heime trug
Das Land erlöst aus dem Kriegeszug;
Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt,
Und wer da glaubt, daß die Bürde mich drücke,
Der sollte nur wissen, wie hold es beglücke,
Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar
Sie steht unter lachender Kinderschar.
Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen
So hohe Wölbung, so tiefen Bronnen,
Wie von der himmlischen Liebe der Schein
Hinabdringt bis in die Wiege hinein.
Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind,
Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind.
Wer nimmer die Liebe gekannt für das Kleine,
Dem winkt nicht die große, die allgemeine.
Wer nicht sein eigenes Haus kann baun,
Wird auch seine Türme zertrümmert einst schaun;
Und zwingt er ganz Europa ins Joch,
Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch.
Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstätte;
Dann weiß auch dein Nächster, wohin er sich rette.
Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen,
Birgt diese Festung so starke Waffen,
Daß heil sie bleibt in Kampf und Gefahr
Und Mut verleiht einer ganzen Schar.
Ein einzelnes Heim trug oft ein Land,
Wenn dessen Retter es ausgesandt,
Und wieder viel tausend Heime trug
Das Land erlöst aus dem Kriegeszug;
Page 118
So trägt es auch auf des Friedens Wegen
Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen.
Trotz all dem Feinen im fremden Duft,
Ganz lauter allein ist die Heimatluft.
Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein
Und wird von der Stirn dir geküßt der Schein.
Zur Heimat dort oben stehn offen die Türen;
Denn von dorten kam's, und dahin wird es führen.
Du Kirchenpilger, drum freue dich;
Du betest für deine, für meine ich;
Denn das Gebet läßt uns aufwärts wandern
Ein Stück von dem einen Heim zum andern.—
Ihr bieget hinein; im Weiterwallen
Hör' ich den Psalm aus der Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur gilt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen.
Trotz all dem Feinen im fremden Duft,
Ganz lauter allein ist die Heimatluft.
Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein
Und wird von der Stirn dir geküßt der Schein.
Zur Heimat dort oben stehn offen die Türen;
Denn von dorten kam's, und dahin wird es führen.
Du Kirchenpilger, drum freue dich;
Du betest für deine, für meine ich;
Denn das Gebet läßt uns aufwärts wandern
Ein Stück von dem einen Heim zum andern.—
Ihr bieget hinein; im Weiterwallen
Hör' ich den Psalm aus der Pforte hallen.—
Sei fröhlich! Nicht mir nur gilt dein Gruß,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß.
Page 119
AN MEINEN VATER
(Als er Abschied nahm)
Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage.
Noch in geräumigen Weilern und auf breiten
Gehöften sitzt es; doch in harten Zeiten
Ward unser Zweig gebeugt in andre Lage.
Nun reckt er wieder sich zum Licht empor,
Und frische Knospen sprießen draus hervor:
Du stärktest ihn; dein Abend sieht aufs neue
Ihn blühn, gelabt vom Quickborn deiner Treue.
Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen
In seines Wesens Tiefe, still geschäftig
Dort einzusaugen, was erlösungskräftig
Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen—
So konnt' ich fühlen noch in dir die Spur
Der dumpfen, ungezügelten Natur;
Sie war so stark, daß ihre dunklen Mächte
Fortwirken bis zum spätesten Geschlechte.
Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen
Der Mutter, und der Bund, der euch beglückte,
(Als er Abschied nahm)
Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage.
Noch in geräumigen Weilern und auf breiten
Gehöften sitzt es; doch in harten Zeiten
Ward unser Zweig gebeugt in andre Lage.
Nun reckt er wieder sich zum Licht empor,
Und frische Knospen sprießen draus hervor:
Du stärktest ihn; dein Abend sieht aufs neue
Ihn blühn, gelabt vom Quickborn deiner Treue.
Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen
In seines Wesens Tiefe, still geschäftig
Dort einzusaugen, was erlösungskräftig
Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen—
So konnt' ich fühlen noch in dir die Spur
Der dumpfen, ungezügelten Natur;
Sie war so stark, daß ihre dunklen Mächte
Fortwirken bis zum spätesten Geschlechte.
Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen
Der Mutter, und der Bund, der euch beglückte,
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Wird, wie er segnend euer Alter schmückte,
Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen.
Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild
Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt,
Des Glaubens und der Liebe stilles Walten,
Dann soll's auch euch für immer lieb behalten.
Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben
Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken,
Genannt,—muß, Vater, man auch dein gedenken:
Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte.
Und wenn das treue Weib, das ich gemalt,
Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt,
Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen,
Daß meine gute Mutter sie erspähen.
Und nun in Abendrast mögt ihr verweilen
Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen,
Mögt euch erzählen von entschwundnen Tagen,
Von manchem müden Schritt die tausend Meilen—
Wie über Winterschnee der Sonnenschein
Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein,
Umwebend einstiges Leid mit goldner Hülle,
Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fülle.
Doch niemand ist, der wärmer für euch betet
Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben
Gehegt vom ersten leisen Flügelheben,
Für dessen Wohl zu Gott ihr täglich flehtet.
Wißt, wenn das Blut zu wild mir schoß durchs Hirn,
War mir, als rührten Hände meine Stirn;
Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen.
Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild
Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt,
Des Glaubens und der Liebe stilles Walten,
Dann soll's auch euch für immer lieb behalten.
Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben
Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken,
Genannt,—muß, Vater, man auch dein gedenken:
Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte.
Und wenn das treue Weib, das ich gemalt,
Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt,
Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen,
Daß meine gute Mutter sie erspähen.
Und nun in Abendrast mögt ihr verweilen
Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen,
Mögt euch erzählen von entschwundnen Tagen,
Von manchem müden Schritt die tausend Meilen—
Wie über Winterschnee der Sonnenschein
Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein,
Umwebend einstiges Leid mit goldner Hülle,
Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fülle.
Doch niemand ist, der wärmer für euch betet
Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben
Gehegt vom ersten leisen Flügelheben,
Für dessen Wohl zu Gott ihr täglich flehtet.
Wißt, wenn das Blut zu wild mir schoß durchs Hirn,
War mir, als rührten Hände meine Stirn;
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Und pochte Reue still an meine Schläfen,
War mir, als ob wir uns beim Höchsten träfen.
Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden
(Fürs Leben werden wir uns neu begegnen,
Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen),
Um einen heitern Abend euch zu spenden!
O laß die Enkel, wenn dein Arm sie hält,
Im Abend schaun die morgendliche Welt!
So wird einst tröstlich ihnen noch im Sterben
Das Morgenrot die blassen Häupter färben.
War mir, als ob wir uns beim Höchsten träfen.
Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden
(Fürs Leben werden wir uns neu begegnen,
Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen),
Um einen heitern Abend euch zu spenden!
O laß die Enkel, wenn dein Arm sie hält,
Im Abend schaun die morgendliche Welt!
So wird einst tröstlich ihnen noch im Sterben
Das Morgenrot die blassen Häupter färben.
Page 122
AN ERIKA LIE
Wer in Töne bände
Nordische Gelände,
Zeigte nicht nur rauhe Bergeswände,
Nein, auch ebne Auen,
Die gen Morgengrauen
Glitzerperlen frisch betauen.
Wälder, traumumflogen,
Die in schweren Bogen
Wie ein Meer das Glommental durchwogen,—
Lieblich grüne Weiten,
Die von allen Seiten
Leicht und licht zusammengleiten.
All den feinen, klaren
Reiz uns offenbaren
—Nordlands sonnbeglänzte Vogelscharen.
Und die Purpurspende
Ferner Nordlichtbrände—
Sieh, das müssen Mädchenhände.
Deine Hände schlagen
Töne an und jagen
Wer in Töne bände
Nordische Gelände,
Zeigte nicht nur rauhe Bergeswände,
Nein, auch ebne Auen,
Die gen Morgengrauen
Glitzerperlen frisch betauen.
Wälder, traumumflogen,
Die in schweren Bogen
Wie ein Meer das Glommental durchwogen,—
Lieblich grüne Weiten,
Die von allen Seiten
Leicht und licht zusammengleiten.
All den feinen, klaren
Reiz uns offenbaren
—Nordlands sonnbeglänzte Vogelscharen.
Und die Purpurspende
Ferner Nordlichtbrände—
Sieh, das müssen Mädchenhände.
Deine Hände schlagen
Töne an und jagen
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Bilder auf aus langentschwundnen Tagen,
Die in Sehnsuchtstiefen
Unsrer Dichtkunst schliefen,
Bis dann deine Hände wach sie riefen.
Bald in leichten Ringen
Sehn wir blinkend schwingen
Funken, die aus Vaters Frohsinn springen;
Bald erhabnes Schauern,
Heiliges Bedauern
Aus der Mutter Wehmutsauge trauern.
Kinderseele, klinge
Reingestimmt und dringe
Gläubig durch das Sein und alle Dinge,
Rein wie Melodien,
Festsaalharmonien
Dich, du Kind des Glommentals, umziehen.
Die in Sehnsuchtstiefen
Unsrer Dichtkunst schliefen,
Bis dann deine Hände wach sie riefen.
Bald in leichten Ringen
Sehn wir blinkend schwingen
Funken, die aus Vaters Frohsinn springen;
Bald erhabnes Schauern,
Heiliges Bedauern
Aus der Mutter Wehmutsauge trauern.
Kinderseele, klinge
Reingestimmt und dringe
Gläubig durch das Sein und alle Dinge,
Rein wie Melodien,
Festsaalharmonien
Dich, du Kind des Glommentals, umziehen.
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AN JOHAN SVERDRUP
Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke,
Daß deines Namens Wunderstärke
Ich mir zum Losungswort erkor.
Kein Gassenkampf kränkt unser Ohr!
Soll denn der Dichtkunst Opferhain
Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,—
Ist das das Neue, was sie treiben,
Dann mag ich nicht der ihre sein.
Dann sage ich, wie Ejnar sagte,
Als er um seinen König klagte
Und Harald mit Verheerung droht':
"Ich folge eher Magnus tot
Als Harald lebend;—" ja fürwahr,
Dann mache ich mein Langschiff klar.
Auch darum senkte nicht vor dir
Mein Lied sein flatterndes Panier,
Weil ich bei dir Erlösung wähnte
Für alles, was mein Herz ersehnte.
Nein, wo die größten Fragen brennen,
Da eben ist's, wo wir uns trennen—
Von des Gedankens Ursprung an,
Bis er sich formt zu Ziel und Plan.
Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke,
Daß deines Namens Wunderstärke
Ich mir zum Losungswort erkor.
Kein Gassenkampf kränkt unser Ohr!
Soll denn der Dichtkunst Opferhain
Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,—
Ist das das Neue, was sie treiben,
Dann mag ich nicht der ihre sein.
Dann sage ich, wie Ejnar sagte,
Als er um seinen König klagte
Und Harald mit Verheerung droht':
"Ich folge eher Magnus tot
Als Harald lebend;—" ja fürwahr,
Dann mache ich mein Langschiff klar.
Auch darum senkte nicht vor dir
Mein Lied sein flatterndes Panier,
Weil ich bei dir Erlösung wähnte
Für alles, was mein Herz ersehnte.
Nein, wo die größten Fragen brennen,
Da eben ist's, wo wir uns trennen—
Von des Gedankens Ursprung an,
Bis er sich formt zu Ziel und Plan.
Page 125
Ich steh' auf Kinderglaubens Grund—
Er muß dem Volk die Freiheit geben,
Durch ihn kann es nach Gleichheit streben,
Nach freier Brüdervölker Bund.
Wohl heißest du gleich mir ein Christ,
Doch ist die Kluft so tief geblieben,
So tief, wie wir verschieden lieben
Dies Land, das uns gleich teuer ist.
Heut mögen wir am Sieg uns freun,—
Das Morgen wird uns neu entzwein.
Doch darum dich mein Sang erkor,
Weil eben das, was uns jetzt gilt,
Von allen dich am stärksten füllt,
Du hältst im Kampf es hoch empor.
Wenn graue Nebel uns umschlingen,
Nach Licht das trübe Auge lechzt,
Die Erde schlummermüde ächzt,
Und ängstlich wir nach Atem ringen,—
Dann weicht von dir die Erdenschwere,
Dann regt dein Geist die Donnerflügel,
Dann packt dein Blitz die Wolkenheere,
Und sonnenklar stehn Berg und Hügel.
Du bist der frische Regenguß
In unsres Alltags trägem Muß;
Du bist die Salzflut, die so wild
In unsre schwülen Fjorde quillt.
Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgänge,
Wo Erz erglänzt in Felsenenge;
In deines Seherauges Flammen
Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen.
Er muß dem Volk die Freiheit geben,
Durch ihn kann es nach Gleichheit streben,
Nach freier Brüdervölker Bund.
Wohl heißest du gleich mir ein Christ,
Doch ist die Kluft so tief geblieben,
So tief, wie wir verschieden lieben
Dies Land, das uns gleich teuer ist.
Heut mögen wir am Sieg uns freun,—
Das Morgen wird uns neu entzwein.
Doch darum dich mein Sang erkor,
Weil eben das, was uns jetzt gilt,
Von allen dich am stärksten füllt,
Du hältst im Kampf es hoch empor.
Wenn graue Nebel uns umschlingen,
Nach Licht das trübe Auge lechzt,
Die Erde schlummermüde ächzt,
Und ängstlich wir nach Atem ringen,—
Dann weicht von dir die Erdenschwere,
Dann regt dein Geist die Donnerflügel,
Dann packt dein Blitz die Wolkenheere,
Und sonnenklar stehn Berg und Hügel.
Du bist der frische Regenguß
In unsres Alltags trägem Muß;
Du bist die Salzflut, die so wild
In unsre schwülen Fjorde quillt.
Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgänge,
Wo Erz erglänzt in Felsenenge;
In deines Seherauges Flammen
Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen.
Page 126
Solang' du Sverres Klinge schlägst,
Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern;
Solang' wir dich als Führer wittern,
Du Sieg auf Sieg von hinnen trägst.
Sie weichen unter deinen Hieben,
Verkriechen sich in scheuer Kluft,
Doch frei in des Gedankens Luft
Ist unversehrt dein Haupt geblieben.
Wir lieben deinen Löwenmut,
Der vor der Fahne kämpft voll Glut,
Die Fähigkeit, die unverzagt
Den eignen Stahl zu schmieden wagt,
Die wachsame Verwegenheit
In Not, Verachtung, Krankheit, Leid.
Wir lieben dich, weil alles du
Hingabst für uns—Ruhm, Zukunft, Ruh;
Wir lieben dich trotz Haß und Groll:
Du glaubtest an uns allezeit.
Wer wagt's, noch rückwärts jetzt zu zeigen?
Nein, aufwärts Jahr für Jahr wir steigen,
Aufwärts in Freiheit und in Sang
Und froh-norwegischem Eigenleben;
Wer wagt es noch, zu widerstreben
Befreitem hundertjährigen Drang?
Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht;
Ob Kriegstumult, ob Friedensstille,
Nur einer Freiheit Ehrenwacht,
Ein Volk nur und ein einziger Wille.
Der Geist, dem unsres Morgens Graun
Den Traum von freien Göttern brachte,
Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern;
Solang' wir dich als Führer wittern,
Du Sieg auf Sieg von hinnen trägst.
Sie weichen unter deinen Hieben,
Verkriechen sich in scheuer Kluft,
Doch frei in des Gedankens Luft
Ist unversehrt dein Haupt geblieben.
Wir lieben deinen Löwenmut,
Der vor der Fahne kämpft voll Glut,
Die Fähigkeit, die unverzagt
Den eignen Stahl zu schmieden wagt,
Die wachsame Verwegenheit
In Not, Verachtung, Krankheit, Leid.
Wir lieben dich, weil alles du
Hingabst für uns—Ruhm, Zukunft, Ruh;
Wir lieben dich trotz Haß und Groll:
Du glaubtest an uns allezeit.
Wer wagt's, noch rückwärts jetzt zu zeigen?
Nein, aufwärts Jahr für Jahr wir steigen,
Aufwärts in Freiheit und in Sang
Und froh-norwegischem Eigenleben;
Wer wagt es noch, zu widerstreben
Befreitem hundertjährigen Drang?
Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht;
Ob Kriegstumult, ob Friedensstille,
Nur einer Freiheit Ehrenwacht,
Ein Volk nur und ein einziger Wille.
Der Geist, dem unsres Morgens Graun
Den Traum von freien Göttern brachte,
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Der groß von allem Großen dachte,
Wird nimmer dem Unechten traun.
Der Geist, der Wikingschiffe baute,
Als er dem Königswort mißtraute,—
Der sich, bedroht, gen Island schwang
Auf Heldenruf und Heldensang,
Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,—
Den macht ihr nicht so leicht mehr zahm.
Der Geist, dem einst am Hjörungsunde
Schlug langersehnter Freiheit Stunde,
Der keines Königs Macht gescheut,
Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut,
Der selbst in seiner Schwachheit Stunde
Frei saß auf freier Väter Grunde,
Und sich gewehrt mit Mund und Hand,
Wo fremdes Herrentum ihn band,—
Der Wessel führte Hand und Degen,
Der Holbergs Witz zu wetzen wagte
Und der Gedanken Funkenregen
Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,—
Der durch des Glaubens Machtgebot
Die Brücke über Odin spannte
Im Baldurmythus auf zu Gott,—
Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel
Zu Gimles Klarheit durchgerungen,
Als Papstesspruch wie Mönchsgemunkel
Ihm allerwärts den Weg verrannte,—
Und abermals dann Brückenbogen
Zu sonnigen Freiheitshöhn gezogen,
So daß, als rings für Luthers Lehre
Wird nimmer dem Unechten traun.
Der Geist, der Wikingschiffe baute,
Als er dem Königswort mißtraute,—
Der sich, bedroht, gen Island schwang
Auf Heldenruf und Heldensang,
Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,—
Den macht ihr nicht so leicht mehr zahm.
Der Geist, dem einst am Hjörungsunde
Schlug langersehnter Freiheit Stunde,
Der keines Königs Macht gescheut,
Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut,
Der selbst in seiner Schwachheit Stunde
Frei saß auf freier Väter Grunde,
Und sich gewehrt mit Mund und Hand,
Wo fremdes Herrentum ihn band,—
Der Wessel führte Hand und Degen,
Der Holbergs Witz zu wetzen wagte
Und der Gedanken Funkenregen
Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,—
Der durch des Glaubens Machtgebot
Die Brücke über Odin spannte
Im Baldurmythus auf zu Gott,—
Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel
Zu Gimles Klarheit durchgerungen,
Als Papstesspruch wie Mönchsgemunkel
Ihm allerwärts den Weg verrannte,—
Und abermals dann Brückenbogen
Zu sonnigen Freiheitshöhn gezogen,
So daß, als rings für Luthers Lehre
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Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte,
Im Norden, an der Freiheit Wehre,
Nur eine Wand zu fallen brauchte,—
Der Geist, der auch die finstern Stunden,
Da man den Glauben abgeschafft,
Durch Brun und Hauge überwunden,
Und der mit unbeirrter Kraft
In pietistischer Nebelnacht
Bei Kerzenschein am Altar wacht,——
Glaubt ihr, den bringt man in die Mode
Durch die neumodische Synode?
Der ließe sich in Stücke feilen
Und in politische "Kammern" teilen,
Der ließe sich wie Schmugglerwaren
Über die Grenze heimlich fahren?
Und eben jetzt, da auf den Höhen
Die Feuerzeichen flammend rauchen,
Da Schulen für das Volk erstehen
Und nicht um Platz zu kämpfen brauchen,
Wo Mut und Sinne sich verjüngen,
Dieweil wir hören, glauben, singen;—
Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht
Sich Wellen aus der Tiefe heben,
Und drüber hell wie Nordlichtpracht
Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,—
Jetzt, da der Geist allüberall
Die alte, starre Form verschmähte,
Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete
Der junge Wille stürmt den Wall!
Im Norden, an der Freiheit Wehre,
Nur eine Wand zu fallen brauchte,—
Der Geist, der auch die finstern Stunden,
Da man den Glauben abgeschafft,
Durch Brun und Hauge überwunden,
Und der mit unbeirrter Kraft
In pietistischer Nebelnacht
Bei Kerzenschein am Altar wacht,——
Glaubt ihr, den bringt man in die Mode
Durch die neumodische Synode?
Der ließe sich in Stücke feilen
Und in politische "Kammern" teilen,
Der ließe sich wie Schmugglerwaren
Über die Grenze heimlich fahren?
Und eben jetzt, da auf den Höhen
Die Feuerzeichen flammend rauchen,
Da Schulen für das Volk erstehen
Und nicht um Platz zu kämpfen brauchen,
Wo Mut und Sinne sich verjüngen,
Dieweil wir hören, glauben, singen;—
Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht
Sich Wellen aus der Tiefe heben,
Und drüber hell wie Nordlichtpracht
Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,—
Jetzt, da der Geist allüberall
Die alte, starre Form verschmähte,
Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete
Der junge Wille stürmt den Wall!
Page 129
Kampfgroße Zeit! Und wir mittinnen!
Der Erde Größtes ist's: zu sein,
Wo Kräfte gärend sich befrein
Und Formen und Gestalt gewinnen;
Von eignen Feuers Überfluß
Zu opfern für den großen Guß,
Den Abdruck seiner eignen Form
Zu sehn als der Geschlechter Norm,—
Zu hauchen in den Mund der Zeit
Den Geist, den Gott in uns geweiht.
***
Das war's, was ich dir sagen mußte,—
Just dir, der wach zu jeder Frist
Die Werkstatt seiner Zeit durchmißt
Und stets, was kommen würde, wußte;
Dir, der des Volkes Herz geweiht
Zu diesem neuen Freiheitsleben,—
Und dem dies Volk dafür gegeben
Sein Schöpfertum samt seinem Leid.
Der Erde Größtes ist's: zu sein,
Wo Kräfte gärend sich befrein
Und Formen und Gestalt gewinnen;
Von eignen Feuers Überfluß
Zu opfern für den großen Guß,
Den Abdruck seiner eignen Form
Zu sehn als der Geschlechter Norm,—
Zu hauchen in den Mund der Zeit
Den Geist, den Gott in uns geweiht.
***
Das war's, was ich dir sagen mußte,—
Just dir, der wach zu jeder Frist
Die Werkstatt seiner Zeit durchmißt
Und stets, was kommen würde, wußte;
Dir, der des Volkes Herz geweiht
Zu diesem neuen Freiheitsleben,—
Und dem dies Volk dafür gegeben
Sein Schöpfertum samt seinem Leid.
Page 130
DAS KIND IN UNSRER SEELE
Zum Herrn im Himmelsraume
Blickt auf ein Knabe unschuldstraut,
Wie wenn zum Weihnachtsbaume,
Ins Mutteraug' er schaut.
Doch schon im Sturm der Jünglingsbahn
Trifft ihn der Edenschlange Zahn,
Und seines Glaubens Schranken,
Sie wanken.
Da winkt voll Sonnenschimmer
Sein Kindertraum im Myrtenkranz;
Im Liebesblick malt immer
Sich frommer Himmelsglanz.
Wie einst im Mutterarm so gern,
Preist wieder stammelnd er den Herrn
Und löst sein betend Sehnen
In Tränen.
Wenn dann zum Lebensstreite
Er zweifelnd eilt in jähem Lauf,
Steht lächelnd ihm zur Seite
Sein Kind und weist hinauf.
Mit Kindern wird er wieder Kind;
Zum Herrn im Himmelsraume
Blickt auf ein Knabe unschuldstraut,
Wie wenn zum Weihnachtsbaume,
Ins Mutteraug' er schaut.
Doch schon im Sturm der Jünglingsbahn
Trifft ihn der Edenschlange Zahn,
Und seines Glaubens Schranken,
Sie wanken.
Da winkt voll Sonnenschimmer
Sein Kindertraum im Myrtenkranz;
Im Liebesblick malt immer
Sich frommer Himmelsglanz.
Wie einst im Mutterarm so gern,
Preist wieder stammelnd er den Herrn
Und löst sein betend Sehnen
In Tränen.
Wenn dann zum Lebensstreite
Er zweifelnd eilt in jähem Lauf,
Steht lächelnd ihm zur Seite
Sein Kind und weist hinauf.
Mit Kindern wird er wieder Kind;
Page 131
Wohin sein Herz auch trägt der Wind,
Gebet wird ihn vereinen
Den Seinen.
Der größte Mann auf Erden,
Das Kind in sich verlier' er nicht,
Und selbst in Sturmbeschwerden
Erlausch' er, was es spricht!
Oft, wenn ein Kämpe fiel mit Scham,
Das Kind war's, das als Retter kam;
Es läßt von allen Wunden
Gesunden.
Was Großes ward ersonnen,
Ist Werk des Kinderfreudenstrahls;
Was Starkes ward gesponnen,
Das Kind in uns befahl's.
Was schönheitsvoll in Herzen fiel,
Lebt in des Kindes Unschuldspiel,
Und Klugheit vollgewichtig
Wird nichtig.
Wohl dem, der sich hienieden
Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn;
Denn dieses nur gibt Frieden
Des Kindes mildem Tun.
Uns alle, die des Lebens Schlacht
Verhärtet hat und müd' gemacht,
Wird Kinderlachens Tönen
Versöhnen.
Gebet wird ihn vereinen
Den Seinen.
Der größte Mann auf Erden,
Das Kind in sich verlier' er nicht,
Und selbst in Sturmbeschwerden
Erlausch' er, was es spricht!
Oft, wenn ein Kämpe fiel mit Scham,
Das Kind war's, das als Retter kam;
Es läßt von allen Wunden
Gesunden.
Was Großes ward ersonnen,
Ist Werk des Kinderfreudenstrahls;
Was Starkes ward gesponnen,
Das Kind in uns befahl's.
Was schönheitsvoll in Herzen fiel,
Lebt in des Kindes Unschuldspiel,
Und Klugheit vollgewichtig
Wird nichtig.
Wohl dem, der sich hienieden
Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn;
Denn dieses nur gibt Frieden
Des Kindes mildem Tun.
Uns alle, die des Lebens Schlacht
Verhärtet hat und müd' gemacht,
Wird Kinderlachens Tönen
Versöhnen.
Page 132
DER ALTE HELTBERG
Ich besucht' eine Schule—klein, doch geziert
Mit allem, was Kirche und Staat approbiert.
Sie drehte sich fügsam und honett
In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren,
Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett.
Jedoch eine andre gab's dort mit nichten:
Und so mußten wir denn ins Geschirr vor den Karren,
Aber statt zu ziehn—las ich Snorres Geschichten.
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein
In die Köpfe paukt ohne Wanken und Schwanken,
—Denn dies befohlne System allein
Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schüler nur zielen!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die einen machen aus noch so vielen,
Der auf einem Bein seine Lektion absurrt,
Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken
Von Mandal bis Hammerfest—(ja, wie mit Planken
Umschließt uns der Staatspferch, darin alle feinen,
Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die
nämlichen Bücher, die gleichen Gedanken
Ich besucht' eine Schule—klein, doch geziert
Mit allem, was Kirche und Staat approbiert.
Sie drehte sich fügsam und honett
In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren,
Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett.
Jedoch eine andre gab's dort mit nichten:
Und so mußten wir denn ins Geschirr vor den Karren,
Aber statt zu ziehn—las ich Snorres Geschichten.
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein
In die Köpfe paukt ohne Wanken und Schwanken,
—Denn dies befohlne System allein
Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schüler nur zielen!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken,
Die einen machen aus noch so vielen,
Der auf einem Bein seine Lektion absurrt,
Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!—
Dieselben Bücher, dieselben Gedanken
Von Mandal bis Hammerfest—(ja, wie mit Planken
Umschließt uns der Staatspferch, darin alle feinen,
Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die
nämlichen Bücher, die gleichen Gedanken
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Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei,
Ich trotzt' mit der Schüssel und machte mich frei,
Froh überhüpfend der Heimat Schranken.
Was mir draußen begegnet und was ich dachte,
Was die neue Stätte mir Neues brachte,
Wo die Zukunft lag,—darauf will ich verzichten,
Um von der "Studentenfabrik" zu berichten.
Bärtige Gesellen, oft über die Dreißig,
Auf jedes Wort hungrig, büffelten fleißig
Neben mausigen Bürschlein von siebzehn Jahren,
Die sorglos närrisch wie Spatzen waren;—
Teerjacken, einst ins Abenteuerland
Keck aus der Schule durchgebrannt,
Dann reuig wieder und sehr erpicht,
Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;—
Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult
Mit den Büchern liebelten, bis die Geduld
Ihrer Gläubiger riß, und auf Pump jetzt studierten;—
Salonlöwen, faule, die hier noch sich zierten!—
Junge, halb ausgebackne Juristen
Und predigtlüsterne Seminaristen;—
Kadetten mit Schäden an Arm oder Bein,
Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspät ein:—
Was andre in fünf Jahren nicht verschlingen
An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.—
Sie hingen über die Bänke, lehnten gegen die Wand,
Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer prüfte just am Rand
Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide.
So füllten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide.
Ich trotzt' mit der Schüssel und machte mich frei,
Froh überhüpfend der Heimat Schranken.
Was mir draußen begegnet und was ich dachte,
Was die neue Stätte mir Neues brachte,
Wo die Zukunft lag,—darauf will ich verzichten,
Um von der "Studentenfabrik" zu berichten.
Bärtige Gesellen, oft über die Dreißig,
Auf jedes Wort hungrig, büffelten fleißig
Neben mausigen Bürschlein von siebzehn Jahren,
Die sorglos närrisch wie Spatzen waren;—
Teerjacken, einst ins Abenteuerland
Keck aus der Schule durchgebrannt,
Dann reuig wieder und sehr erpicht,
Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;—
Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult
Mit den Büchern liebelten, bis die Geduld
Ihrer Gläubiger riß, und auf Pump jetzt studierten;—
Salonlöwen, faule, die hier noch sich zierten!—
Junge, halb ausgebackne Juristen
Und predigtlüsterne Seminaristen;—
Kadetten mit Schäden an Arm oder Bein,
Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspät ein:—
Was andre in fünf Jahren nicht verschlingen
An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.—
Sie hingen über die Bänke, lehnten gegen die Wand,
Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer prüfte just am Rand
Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide.
So füllten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide.
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Lang und hager, im Halbtraum, auf der äußersten Linie
Saß vor sich hinbrütend A.O. Vinje.
Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen,
Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen.
Ich, der jüngste, war damals noch nicht von der Partie,
Bis ein neuer Schub einrückte mit Jonas Lie.
Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch,
Heltberg war von allen der schnurrigste doch!
In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht
Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht,
Den Riesen), doch barg uns die Pelzmütze nicht
Seine Stirne, das klassische Adlergesicht.
Nun schmerzgekrümmt, nun besiegend, was widrig,
Warf er starke Gedanken—und er warf sie nicht niedrig.
Kam der Schmerz unbändig und stieß zusammen
Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief
Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen
Und die Hände sich ballen, als schämt' er sich tief
Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug
Das Große im Kampfe! Und jeder trug
Ein Bild mit sich fort jener stürmischen Zeiten,
Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd,
Welch ein Spiel der Kräfte im Toben und Streiten.
In der Kraft welch ein Wille unverzagt!
Nun stand er verlassen, der einzige noch,
Vergessen in seinem Winkel—und war ein Häuptling doch!
Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht,
Sein Eigen war die Lehre, seine Führung Geistesflucht,
Persönlich all sein Wesen: höchst ungeniert-anarchisch
Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch
Saß vor sich hinbrütend A.O. Vinje.
Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen,
Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen.
Ich, der jüngste, war damals noch nicht von der Partie,
Bis ein neuer Schub einrückte mit Jonas Lie.
Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch,
Heltberg war von allen der schnurrigste doch!
In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht
Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht,
Den Riesen), doch barg uns die Pelzmütze nicht
Seine Stirne, das klassische Adlergesicht.
Nun schmerzgekrümmt, nun besiegend, was widrig,
Warf er starke Gedanken—und er warf sie nicht niedrig.
Kam der Schmerz unbändig und stieß zusammen
Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief
Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen
Und die Hände sich ballen, als schämt' er sich tief
Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug
Das Große im Kampfe! Und jeder trug
Ein Bild mit sich fort jener stürmischen Zeiten,
Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd,
Welch ein Spiel der Kräfte im Toben und Streiten.
In der Kraft welch ein Wille unverzagt!
Nun stand er verlassen, der einzige noch,
Vergessen in seinem Winkel—und war ein Häuptling doch!
Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht,
Sein Eigen war die Lehre, seine Führung Geistesflucht,
Persönlich all sein Wesen: höchst ungeniert-anarchisch
Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch
Page 135
War sein Grimm über Fehler;—zwar legte er sich bald
Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt,
Das in Selbstverhöhnung sich löste wieder
Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.—
So führt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust
Das klassisch schöne Land,—wo wir verdammt gehaust!
Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust
Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just
Vorüber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug,
Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug.
Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweißt,
Wenn er ihn schwang, da sprühte Flammen der nordische Geist.
Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin,
In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn.
Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht,
Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht.
Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte,
Zu Wundern und zu Taten erschloß er uns die Pforte
Und schärft' uns, zu erobern, zu stürmen, den Mut,
Was unberührt gestanden in altersheiliger Hut.
Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft
Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft.
Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schöpferdrang,
Sein Witz war Stärkeprobe und stählte zum Waffengang;
Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Großem schied,
Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glüht!
Wie sehnte der kranke Kämpe sich aus dem Winkel vor,
Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor,
Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schülern gab.
Tagtäglich hißt' er die Segel, doch niemals stieß er ab.
Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt,
Das in Selbstverhöhnung sich löste wieder
Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.—
So führt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust
Das klassisch schöne Land,—wo wir verdammt gehaust!
Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust
Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just
Vorüber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug,
Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug.
Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweißt,
Wenn er ihn schwang, da sprühte Flammen der nordische Geist.
Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin,
In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn.
Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht,
Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht.
Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte,
Zu Wundern und zu Taten erschloß er uns die Pforte
Und schärft' uns, zu erobern, zu stürmen, den Mut,
Was unberührt gestanden in altersheiliger Hut.
Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft
Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft.
Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schöpferdrang,
Sein Witz war Stärkeprobe und stählte zum Waffengang;
Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Großem schied,
Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glüht!
Wie sehnte der kranke Kämpe sich aus dem Winkel vor,
Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor,
Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schülern gab.
Tagtäglich hißt' er die Segel, doch niemals stieß er ab.
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Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land,
Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Bücher bannt.
Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort,
Bedurft' es der Druckerschwärze? Es dauerte schaffend fort!
Aus seiner Seele strömt' es so mächtig, so warm,
Das Leben von tausend Büchern, wie scheint es dagegen arm!
In einer Schar von Männern, selbständig und stark,
Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark.
In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken,
Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,—
Und immer behält ihr Walten einen freien, starken Zug,
Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Höhen trug.
Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Bücher bannt.
Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort,
Bedurft' es der Druckerschwärze? Es dauerte schaffend fort!
Aus seiner Seele strömt' es so mächtig, so warm,
Das Leben von tausend Büchern, wie scheint es dagegen arm!
In einer Schar von Männern, selbständig und stark,
Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark.
In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken,
Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,—
Und immer behält ihr Walten einen freien, starken Zug,
Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Höhen trug.
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FÜR DIE VERWUNDETEN
(1871)
Ein stiller Zug bewegt
Sich durch des Kampfs Getöse,
Das Kreuz am Arm er trägt.
Sein Flehn in tausend Zungen klingt,
Und den gefallnen Kriegern
Er Friedenskunde bringt.
Nicht nur auf blutigem Feld
Des Kriegs ist er zu Hause,—
Nein, in der ganzen Welt.
Was in der Welt an Liebe glüht
Aus edlen, guten Herzen,
Andächtig-still hier kniet.
Es ist der Arbeit Scheu
Vor Kriegesmord, die betet
Um Schutz vor Barbarei,
's sind alle, die das Leid durchwühlt,
Die ihrer Brüder Qualen
Je seufzend mitgefühlt.
(1871)
Ein stiller Zug bewegt
Sich durch des Kampfs Getöse,
Das Kreuz am Arm er trägt.
Sein Flehn in tausend Zungen klingt,
Und den gefallnen Kriegern
Er Friedenskunde bringt.
Nicht nur auf blutigem Feld
Des Kriegs ist er zu Hause,—
Nein, in der ganzen Welt.
Was in der Welt an Liebe glüht
Aus edlen, guten Herzen,
Andächtig-still hier kniet.
Es ist der Arbeit Scheu
Vor Kriegesmord, die betet
Um Schutz vor Barbarei,
's sind alle, die das Leid durchwühlt,
Die ihrer Brüder Qualen
Je seufzend mitgefühlt.
Page 138
Es ist das Schmerzgestöhn
Der Kranken und der Wunden,
Der Christen frommes Flehn,
Ist der Verlassnen bleiche Qual,
Ist der Bedrückten Klage,
Der Toten Hoffnungsstrahl;—
Der Wolken Nacht durchbricht
Als Friedensregenbogen
Des Heilands Glaubenslicht:
Daß über Leidenschaft und Streit
Die Liebe triumphiere,
So wie Er prophezeit.
Der Kranken und der Wunden,
Der Christen frommes Flehn,
Ist der Verlassnen bleiche Qual,
Ist der Bedrückten Klage,
Der Toten Hoffnungsstrahl;—
Der Wolken Nacht durchbricht
Als Friedensregenbogen
Des Heilands Glaubenslicht:
Daß über Leidenschaft und Streit
Die Liebe triumphiere,
So wie Er prophezeit.
Page 139
LAND IN SICHT
Und das war Olav Trygvason,
Den sein Kiel durch die Nordsee trug
Heimwärts zu seinem jungen Reiche,
Wo noch kein Herz für ihn schlug.
Scharf späht' er aus nach dem Lande:
Dort—sind das Mauern am Meeresrande?
Und das war Olav Trygvason;
Wallgleich hob es sich himmelan;
All seine jungen Königswünsche
Wollten zerschellen daran,—
Bis ein Skald, wo der Nebel braute,
Türme und blasse Zinnen erschaute.
Und das war Olav Trygvason,
Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf
Altersgrau ragende Tempelmauern,
Schneeweiße Kuppeln darauf.
Sehnt' er sich, wie sie herüber sehen,
Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen.
Und das war Olav Trygvason,
Den sein Kiel durch die Nordsee trug
Heimwärts zu seinem jungen Reiche,
Wo noch kein Herz für ihn schlug.
Scharf späht' er aus nach dem Lande:
Dort—sind das Mauern am Meeresrande?
Und das war Olav Trygvason;
Wallgleich hob es sich himmelan;
All seine jungen Königswünsche
Wollten zerschellen daran,—
Bis ein Skald, wo der Nebel braute,
Türme und blasse Zinnen erschaute.
Und das war Olav Trygvason,
Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf
Altersgrau ragende Tempelmauern,
Schneeweiße Kuppeln darauf.
Sehnt' er sich, wie sie herüber sehen,
Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen.
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AN H.C. ANDERSEN
(Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871)
Willkommen hier am lichten Sommertag,
Da Kinderträume heimisch uns geworden
Und blühen, singen, spiegeln, schweben, fliehn;
Den sie umziehn,
Ein Märchen ist nun unser hoher Norden
Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund,
Und danket, jubelt, flüstert Mund zu Mund.
Und Engelslaut
Von Kinderherzen traut
Trägt dich empor für kurze Frist,
Wo unsrer Träume Born und Ursprung ist.
Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung
Und steht im Märchenalter noch, dem schönen,
Das träumend eine Zukunft wirken kann.
Der geht voran,
Der fügsam hört den Ruf des Herrn ertönen.
Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand,
Botschaft vom Größten bringt er unserm Land:
Der Zauberstab,
(Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871)
Willkommen hier am lichten Sommertag,
Da Kinderträume heimisch uns geworden
Und blühen, singen, spiegeln, schweben, fliehn;
Den sie umziehn,
Ein Märchen ist nun unser hoher Norden
Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund,
Und danket, jubelt, flüstert Mund zu Mund.
Und Engelslaut
Von Kinderherzen traut
Trägt dich empor für kurze Frist,
Wo unsrer Träume Born und Ursprung ist.
Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung
Und steht im Märchenalter noch, dem schönen,
Das träumend eine Zukunft wirken kann.
Der geht voran,
Der fügsam hört den Ruf des Herrn ertönen.
Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand,
Botschaft vom Größten bringt er unserm Land:
Der Zauberstab,
Page 141
Den Phantasie dir gab,
Hat spielend uns den Weg befreit,
Den wir entgegenwandeln großer Zeit.
Hat spielend uns den Weg befreit,
Den wir entgegenwandeln großer Zeit.
Page 142
BEI EINER EHEFRAU TODE
Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag,
Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Füßen lag;
Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied,
Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid;
Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor:
Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor!
Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach
Sie schmerzlich: O, ich wußte, das Schwerste käme noch nach.
Sie dachte, ihn, ihn hätte gewählt des Schöpfers Grimm,
Und stemmte ihre Hände wider den Boten schlimm
Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis,
Ihn schirmen, ihren Helden—und gab sich selbst so preis.
Sie lächelte so selig: ihr Urteil war gefällt,
Ihr Opfer angenommen,—gerettet war ihr Held.
Bewundrung, Liebe wölbten ein strahlend Sternenzelt
Von Glück zu ihren Häupten in ihrer letzten Stund,
Bis schneeweiß sie entschwebte fort in der Engel Rund.
Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust
Die Seelen mit sich, die sie umfängt voll Opferlust.
Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag,
Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Füßen lag;
Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied,
Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid;
Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor:
Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor!
Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach
Sie schmerzlich: O, ich wußte, das Schwerste käme noch nach.
Sie dachte, ihn, ihn hätte gewählt des Schöpfers Grimm,
Und stemmte ihre Hände wider den Boten schlimm
Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis,
Ihn schirmen, ihren Helden—und gab sich selbst so preis.
Sie lächelte so selig: ihr Urteil war gefällt,
Ihr Opfer angenommen,—gerettet war ihr Held.
Bewundrung, Liebe wölbten ein strahlend Sternenzelt
Von Glück zu ihren Häupten in ihrer letzten Stund,
Bis schneeweiß sie entschwebte fort in der Engel Rund.
Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust
Die Seelen mit sich, die sie umfängt voll Opferlust.
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AN DER BAHRE DES KIRCHENSÄNGERS A.
REITAN
(1872)
Sein lachend Auge durfte sich
An Land und Himmel weiden;
Denn beider Bildnis in ihm glich
Den ewigen Jubelfreuden.
Als "Quellchen" sprang
Sein Wort, sein Sang
Durch Täler grün und eng und lang,
Und fruchtbar sprießt's am Rande.
Beim armen Volk im Winter dann
Da litt er und da fror er.
Und doch stieg als der frohste Mann
Zur Orgel dann empor er.
"Die Achse, seht,
Um die sich's dreht,
Auch durch das ärmste Dörflein geht."
So sang vom hohen Chor er.
REITAN
(1872)
Sein lachend Auge durfte sich
An Land und Himmel weiden;
Denn beider Bildnis in ihm glich
Den ewigen Jubelfreuden.
Als "Quellchen" sprang
Sein Wort, sein Sang
Durch Täler grün und eng und lang,
Und fruchtbar sprießt's am Rande.
Beim armen Volk im Winter dann
Da litt er und da fror er.
Und doch stieg als der frohste Mann
Zur Orgel dann empor er.
"Die Achse, seht,
Um die sich's dreht,
Auch durch das ärmste Dörflein geht."
So sang vom hohen Chor er.
Page 144
Ach, und als Krankheit jahrelang
Kam, um sein Lied zu prüfen,
Und all die Kleinen hilflos bang
Zutraulich nach ihm riefen,
Mit leisem Klang
Dem Staub entrang
Sich Äolsharfen gleich sein Sang
Den dumpfen Erdentiefen.
Sein Leben sagte uns voraus:
Wenn wir uns Gott ergeben,
Dann wird in Kirche, Schule, Haus
Das Volk im Liede leben:
In Volksgesang,
In Lustgesang,
Im Abglanz von des Herrn Gesang
Hoch überm Weltenweben.
Mein Land, o denk der Kleinen auch,
Die er ans Herz dir legte,
Und ärmer, als ein Rosenstrauch,
Selbst noch im Sterben pflegte.—
Ein Herz wie er
Darf nimmermehr
Dies Land verlassen freudenleer,
Das er so treulich hegte.
Kam, um sein Lied zu prüfen,
Und all die Kleinen hilflos bang
Zutraulich nach ihm riefen,
Mit leisem Klang
Dem Staub entrang
Sich Äolsharfen gleich sein Sang
Den dumpfen Erdentiefen.
Sein Leben sagte uns voraus:
Wenn wir uns Gott ergeben,
Dann wird in Kirche, Schule, Haus
Das Volk im Liede leben:
In Volksgesang,
In Lustgesang,
Im Abglanz von des Herrn Gesang
Hoch überm Weltenweben.
Mein Land, o denk der Kleinen auch,
Die er ans Herz dir legte,
Und ärmer, als ein Rosenstrauch,
Selbst noch im Sterben pflegte.—
Ein Herz wie er
Darf nimmermehr
Dies Land verlassen freudenleer,
Das er so treulich hegte.
Page 145
DAS LIED
Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen
Werktage gießt es Verklärung hin.
Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen
Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn.
Das Lied hat Dauer; drum was vergangen
Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz,
Entzündet in dir unendlich Verlangen
Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.
Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden
Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang;
Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden
Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang:
Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen!
Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg
Stets höher und höher, empor zu dem Einen,
Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg.
Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange
Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor;
Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange
Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr.
Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter
Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen
Werktage gießt es Verklärung hin.
Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen
Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn.
Das Lied hat Dauer; drum was vergangen
Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz,
Entzündet in dir unendlich Verlangen
Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.
Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden
Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang;
Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden
Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang:
Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen!
Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg
Stets höher und höher, empor zu dem Einen,
Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg.
Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange
Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor;
Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange
Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr.
Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter
Page 146
Und tummelt sein Leben im tönenden Wort;
Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter,
Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.
Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter,
Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.
Page 147
AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD
(1872)
Gleichwie der Urzeit Wala hehr
Aufstieg über den Wassern der Sagen,
Kündend, was Himmel verbarg und Meer,
Dann, wieder sinkend hinabgetragen,
Ließ die Kunde zu Lehr' und Ehr'
Spätesten Tagen:
Also ließ uns, der unser war,
Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden,
Die noch schweben, leuchtend und klar,
Sonnenwolken ob Meer und Landen,
Unsern Ausblick auf tausend Jahr'
Hell zu umranden.
(1872)
Gleichwie der Urzeit Wala hehr
Aufstieg über den Wassern der Sagen,
Kündend, was Himmel verbarg und Meer,
Dann, wieder sinkend hinabgetragen,
Ließ die Kunde zu Lehr' und Ehr'
Spätesten Tagen:
Also ließ uns, der unser war,
Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden,
Die noch schweben, leuchtend und klar,
Sonnenwolken ob Meer und Landen,
Unsern Ausblick auf tausend Jahr'
Hell zu umranden.
Page 148
AUS DER KANTATE FÜR N.F.S. GRUNDTVIG
(1872)
Sein Lebenstag, der größte, den Norden je gekannt,
Der mitternächtigen Sonne war wunderbar verwandt.
Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war,
Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar.
Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab,
Als Geistesschritt auf Erden, hoch über Zeit und Grab.
Im Licht von Gottes Frieden hat er der Väter Bahn,
Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan.
Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit
Dem Volke, wo es baute, der großen Geister Streit.
Im Licht von Gottes Frieden Aufklärungsmacht er sah,—
Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blühten da.
Im Licht von Gottes Frieden stand für ganz Dänemark
Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark.
Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll
Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll.
(1872)
Sein Lebenstag, der größte, den Norden je gekannt,
Der mitternächtigen Sonne war wunderbar verwandt.
Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war,
Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar.
Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab,
Als Geistesschritt auf Erden, hoch über Zeit und Grab.
Im Licht von Gottes Frieden hat er der Väter Bahn,
Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan.
Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit
Dem Volke, wo es baute, der großen Geister Streit.
Im Licht von Gottes Frieden Aufklärungsmacht er sah,—
Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blühten da.
Im Licht von Gottes Frieden stand für ganz Dänemark
Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark.
Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll
Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll.
Page 149
Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum
Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm.
Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein,
Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versöhnungswein.
Im Licht von Gottes Frieden gehn über Meer und Land
Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt.
Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort,
Umglänzte still sein Leben—: so lebt er in uns fort.
Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm.
Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein,
Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versöhnungswein.
Im Licht von Gottes Frieden gehn über Meer und Land
Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt.
Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort,
Umglänzte still sein Leben—: so lebt er in uns fort.
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BEI EINEM FEST FÜR LUDV. KR. DAA
Junge Freunde im innigen Kreis,
Alte Feinde kommen;
Fühle dich sicher, denn freundschaftsheiß
Sind dir die Herzen entglommen.
Wieder gab's hier einen ernsten Tag,
Wieder schlugst du mit Reckenschlag:
Jeder bekam wie stets seinen Hieb,
Doch jetzt sei lieb!
Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht,
Noch mit Sektglasklingen,—
"Alter Forscher", herzenschlicht
Wollen wir Dank dir bringen.
Ziehen die Wasser in stillem Lauf,
Steigt unser Lotse selten hinauf,
Türmt sie zu Wellen des Sturmes Braus,
Segelt er aus!
—Segelt er aus als Bergungspilot,
(Gekannt ist das Auge des Alten),
Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht
Und zagend die anderen halten.
Dank trug er nicht, das weiß ich, nach Haus;
Junge Freunde im innigen Kreis,
Alte Feinde kommen;
Fühle dich sicher, denn freundschaftsheiß
Sind dir die Herzen entglommen.
Wieder gab's hier einen ernsten Tag,
Wieder schlugst du mit Reckenschlag:
Jeder bekam wie stets seinen Hieb,
Doch jetzt sei lieb!
Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht,
Noch mit Sektglasklingen,—
"Alter Forscher", herzenschlicht
Wollen wir Dank dir bringen.
Ziehen die Wasser in stillem Lauf,
Steigt unser Lotse selten hinauf,
Türmt sie zu Wellen des Sturmes Braus,
Segelt er aus!
—Segelt er aus als Bergungspilot,
(Gekannt ist das Auge des Alten),
Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht
Und zagend die anderen halten.
Dank trug er nicht, das weiß ich, nach Haus;
Page 151
Denn er schimpfte die Schiffer aus,
Wandte den Rücken, ging heim voll Kraft,
Das Werk war geschafft!
Er hat erprobt, was es heißt, zu gehn
Gehaßt, bis die Wahrheit am Tage;
Er hat erprobt, was es heißt, zu stehn
Nach beiden Seiten dem Schlage.
Er hat erprobt, was es kostet an Leid,
Voranzuschreiten seiner Zeit,
Er, den so Hohes wir wirken sahn,
Ward in Bann getan!
Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht
Jenen Helden gewähren,
Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht
Nachzuhinken den Heeren?
Soll es denn immer so kläglich gehn,
Wollen wir stets um das Kleine uns drehn,
Stilliegen, spähn, bis ein Fehler erkannt?—
Nein, Segel gespannt!
Segel zu größrer Fahrt gespannt,
Wozu uns die Kräfte gegeben—
Leben, dem Alltag nur zugewandt,
Das ist nicht wert, es zu leben;
Leben, dem höheren Kampf geweiht,
In Gottvertrauen und Einigkeit,
Von Ehren und Sangesflagge umweht,—
Seht: das besteht!
Wandte den Rücken, ging heim voll Kraft,
Das Werk war geschafft!
Er hat erprobt, was es heißt, zu gehn
Gehaßt, bis die Wahrheit am Tage;
Er hat erprobt, was es heißt, zu stehn
Nach beiden Seiten dem Schlage.
Er hat erprobt, was es kostet an Leid,
Voranzuschreiten seiner Zeit,
Er, den so Hohes wir wirken sahn,
Ward in Bann getan!
Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht
Jenen Helden gewähren,
Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht
Nachzuhinken den Heeren?
Soll es denn immer so kläglich gehn,
Wollen wir stets um das Kleine uns drehn,
Stilliegen, spähn, bis ein Fehler erkannt?—
Nein, Segel gespannt!
Segel zu größrer Fahrt gespannt,
Wozu uns die Kräfte gegeben—
Leben, dem Alltag nur zugewandt,
Das ist nicht wert, es zu leben;
Leben, dem höheren Kampf geweiht,
In Gottvertrauen und Einigkeit,
Von Ehren und Sangesflagge umweht,—
Seht: das besteht!
Page 152
NEIN, WO BLEIBST DU DOCH?
(1872)
Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht,
Zu zertreten dies Lügengezwerg,
Das mein Haus mir umlagert und tückisch bewacht
Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht,
Und bricht mir nun ein,
Zu belauern voll Haß
Meinen Sinn, zu entweihn
Mir jedes Gelaß
Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich saß.
Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Troß
Besudelt, dem Volk mich entstellt;
Lügennebel umhüllt meiner Dichtung Schloß,
Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloß,
Und ein Halbtier, ein Faun
Bin ich selbst, den mit Graus
Die "Gebildeten" schaun—
Oder ziehn weidlich aus
Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauß.
(1872)
Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht,
Zu zertreten dies Lügengezwerg,
Das mein Haus mir umlagert und tückisch bewacht
Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht,
Und bricht mir nun ein,
Zu belauern voll Haß
Meinen Sinn, zu entweihn
Mir jedes Gelaß
Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich saß.
Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Troß
Besudelt, dem Volk mich entstellt;
Lügennebel umhüllt meiner Dichtung Schloß,
Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloß,
Und ein Halbtier, ein Faun
Bin ich selbst, den mit Graus
Die "Gebildeten" schaun—
Oder ziehn weidlich aus
Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauß.
Page 153
Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich";
Wenn ich spreche—ist's Eitelkeit.
Wenn ich zimmre und baue fürs Bühnenreich,
Mein Dünkel nur führt jeden Hammerstreich.
Und schlag' ich mich treu
Für altheimische Art
Auf der Väter Bastei,
Umtobt und umschart,—
Kämpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart.
Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun
Dies umstrickende Lügengewirr—
Der verjagt aus den Köpfen dies krankhafte Graun
Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun—
Und hat Trost für den Mut,
Der in Frost und in Nacht
Seine Waffenpflicht tut
Und die Runde macht,
Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht.
Komm, Volksgeist, du, gottgeboren—entstammt
Dem riesenbezwingenden Tor.
Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt,
Daß die Furcht dies Gezüchte zum Schweigen verdammt;
Du kannst wecken im Land
Die schlummernde Kraft,
Du kannst stärken das Band,
Das in Blutsbrüderschaft
Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft.
Wenn ich spreche—ist's Eitelkeit.
Wenn ich zimmre und baue fürs Bühnenreich,
Mein Dünkel nur führt jeden Hammerstreich.
Und schlag' ich mich treu
Für altheimische Art
Auf der Väter Bastei,
Umtobt und umschart,—
Kämpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart.
Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun
Dies umstrickende Lügengewirr—
Der verjagt aus den Köpfen dies krankhafte Graun
Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun—
Und hat Trost für den Mut,
Der in Frost und in Nacht
Seine Waffenpflicht tut
Und die Runde macht,
Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht.
Komm, Volksgeist, du, gottgeboren—entstammt
Dem riesenbezwingenden Tor.
Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt,
Daß die Furcht dies Gezüchte zum Schweigen verdammt;
Du kannst wecken im Land
Die schlummernde Kraft,
Du kannst stärken das Band,
Das in Blutsbrüderschaft
Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft.
Page 154
Hab' Dank, unser Volksgeist!—denk' ich nur dein,
Wird alles zum Nichts, was ich litt.
Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein,
Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein,
Und erfleh' einen Sang,
Du liedreicher Mund,
Daß in Not und Drang,
In entscheidender Stund'
Ich dir Kämpen erweck' auf der Väter Grund.
Wird alles zum Nichts, was ich litt.
Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein,
Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein,
Und erfleh' einen Sang,
Du liedreicher Mund,
Daß in Not und Drang,
In entscheidender Stund'
Ich dir Kämpen erweck' auf der Väter Grund.
Page 155
WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM
NORDEN
Der "vereinigten Linken"
(Tirol 1874)
Verachtet von den Großen, nur von den Kleinen geliebt,
Den Weg geht alles Neue,—sag', ob's einen andern gibt?
Von denen, die schützen sollten, verraten und gehetzt,—
Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt?
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und wächst zu einem Brausen hin über Wald und Hag,—
Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort
Und alles überdröhnet, dies Wort, dies Losungswort.
Im Gotenkampfe nordwärts verschlagen wurden wir;
"Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier.
Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn:
In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn!
Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn,
Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.—
NORDEN
Der "vereinigten Linken"
(Tirol 1874)
Verachtet von den Großen, nur von den Kleinen geliebt,
Den Weg geht alles Neue,—sag', ob's einen andern gibt?
Von denen, die schützen sollten, verraten und gehetzt,—
Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt?
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und wächst zu einem Brausen hin über Wald und Hag,—
Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort
Und alles überdröhnet, dies Wort, dies Losungswort.
Im Gotenkampfe nordwärts verschlagen wurden wir;
"Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier.
Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn:
In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn!
Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn,
Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.—
Page 156
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und geht nun schon als Brausen hin über Wald und Hag.
Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt,
Mit Donner in seiner Stimme weit über Meer und Land.
Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde größte Kraft,
Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft.
Und geht nun schon als Brausen hin über Wald und Hag.
Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt,
Mit Donner in seiner Stimme weit über Meer und Land.
Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde größte Kraft,
Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft.
Page 157
OFFNE WASSER
Offne Wasser, offne Wasser!
Sehnsucht,—bange, winterlange,—
Wird nun gar zum heftigen Drange.
Blaut ein Streifchen kaum im Sunde,
Dehnt zum Monat sich die Stunde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sonne lächelt, nascht vom Eise
Schamlos bald nach Prasserweise.
Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde
Trotzig härtet's neu die Rinde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sturm muß her!—er kommt, der Wandrer,
Bringt herauf vom Sommer andrer
Freie Wogen, starke Wellen,—
Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.
Offne Wasser, offne Wasser!
Wieder Luft und Berg sich spiegelt,
Schiffen ist die Bahn entriegelt:
Botschaft braust herein von draußen—
Kampffroh steuern wir nach außen.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sehnsucht,—bange, winterlange,—
Wird nun gar zum heftigen Drange.
Blaut ein Streifchen kaum im Sunde,
Dehnt zum Monat sich die Stunde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sonne lächelt, nascht vom Eise
Schamlos bald nach Prasserweise.
Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde
Trotzig härtet's neu die Rinde.
Offne Wasser, offne Wasser!
Sturm muß her!—er kommt, der Wandrer,
Bringt herauf vom Sommer andrer
Freie Wogen, starke Wellen,—
Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.
Offne Wasser, offne Wasser!
Wieder Luft und Berg sich spiegelt,
Schiffen ist die Bahn entriegelt:
Botschaft braust herein von draußen—
Kampffroh steuern wir nach außen.
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Offne Wasser, offne Wasser!
Sonnengluten, kühlem Regen
Jauchzt die Erde nun entgegen:
Seele tönet mit und zittert—
Neugeschaffen, kraftumwittert.
Sonnengluten, kühlem Regen
Jauchzt die Erde nun entgegen:
Seele tönet mit und zittert—
Neugeschaffen, kraftumwittert.
Page 159
FREIHEITSLIED
An "die vereinigte Linke"
(1877)
Freiheit! bist der Volkskraft Kind,
Zorn und Sang dir Mutter sind!
Kämpenstark als Junge schon
Rangst du früh um Kampfeslohn;
Warst umkreist allermeist
Von Gesang und Witz und Geist;
Freudig ist dein Tun, voll Macht
So beim Pflug wie in der Schlacht.
Feinde stets und überall
Lauerten auf deinen Fall;
Fanden dich zu grob bei Tag,
Führten, als du schliefst, den Schlag;
Banden sacht dich bei Nacht.
Du sprangst auf,—die Fessel kracht…
Weiter schrittst du froh und stark,
Du hast Schwung und du hast Mark!
An "die vereinigte Linke"
(1877)
Freiheit! bist der Volkskraft Kind,
Zorn und Sang dir Mutter sind!
Kämpenstark als Junge schon
Rangst du früh um Kampfeslohn;
Warst umkreist allermeist
Von Gesang und Witz und Geist;
Freudig ist dein Tun, voll Macht
So beim Pflug wie in der Schlacht.
Feinde stets und überall
Lauerten auf deinen Fall;
Fanden dich zu grob bei Tag,
Führten, als du schliefst, den Schlag;
Banden sacht dich bei Nacht.
Du sprangst auf,—die Fessel kracht…
Weiter schrittst du froh und stark,
Du hast Schwung und du hast Mark!
Page 160
Wo du wandelst, blüht der Pfad,
Schwillt aus deinem Mut die Tat,
Facht Gedanken deine Glut:
Doppelst Kraft in Hirn und Blut.
Landesrecht ist dein Knecht;
Selber schufst du's, wahrst es echt.
Nicht durch "wenn" und "ach" beschränkt,
Fällst du jeden, der es kränkt.
Freiheitsgott, bist Lichtesgott,—
Nicht der Knechte Schreckensgott,—
Liebe, Gleichheit, Vorwärtsdrang,
Frühlingsbotschaft sät dein Sang.
Freiheitshort! Friedensport
Winkt den Völkern durch dein Wort:
"Einer nur ist Herre hier;
Keine Götter neben mir!"
Schwillt aus deinem Mut die Tat,
Facht Gedanken deine Glut:
Doppelst Kraft in Hirn und Blut.
Landesrecht ist dein Knecht;
Selber schufst du's, wahrst es echt.
Nicht durch "wenn" und "ach" beschränkt,
Fällst du jeden, der es kränkt.
Freiheitsgott, bist Lichtesgott,—
Nicht der Knechte Schreckensgott,—
Liebe, Gleichheit, Vorwärtsdrang,
Frühlingsbotschaft sät dein Sang.
Freiheitshort! Friedensport
Winkt den Völkern durch dein Wort:
"Einer nur ist Herre hier;
Keine Götter neben mir!"
Page 161
AN MOLDE
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang,
Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken,
Farbige Bilder, die spielend sich ranken
Um meines Lebens Gang.
Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend
An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend,
Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln,
Ja, deine Inseln!
Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz,
Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz.
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang
Summst du auf meinem Gang.
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Häuslein im Gärtchen, Freunde dort weilen!
Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen,
Steh' ich im Rosenschutz dort.
Heiß brennt die Sonne auf Berglands Weite,
Fort muß der Mann zum ernsten Streite.
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang,
Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken,
Farbige Bilder, die spielend sich ranken
Um meines Lebens Gang.
Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend
An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend,
Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln,
Ja, deine Inseln!
Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz,
Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz.
Molde, Molde,
Treu wie ein Sang
Summst du auf meinem Gang.
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Häuslein im Gärtchen, Freunde dort weilen!
Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen,
Steh' ich im Rosenschutz dort.
Heiß brennt die Sonne auf Berglands Weite,
Fort muß der Mann zum ernsten Streite.
Page 162
Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen
Und mich verstehen—
Kampf schlichtet einzig der Tod allein,—
Hier sei dem Denken ein heiliger Hain!
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Kindheiterinnerungs-Hort.
Und wenn einmal
Im letzten Kampf ich liege,
Mein Heimattal,
In deinem tiefen Abendrot
Lag meiner Gedanken Wiege,—
Dort nahe ihnen der Tod.
Und mich verstehen—
Kampf schlichtet einzig der Tod allein,—
Hier sei dem Denken ein heiliger Hain!
Molde, Molde,
Blumiger Ort,
Kindheiterinnerungs-Hort.
Und wenn einmal
Im letzten Kampf ich liege,
Mein Heimattal,
In deinem tiefen Abendrot
Lag meiner Gedanken Wiege,—
Dort nahe ihnen der Tod.
Page 163
DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE
I
Dreifarbig reines Panier,
Norwegens schwer errungne Zier!
Tors Eisenhammer hält
Im Bann das christlich weiße Feld.
Und unser Herzensblut
Strömt hin als rote Flut.
Hoch über der Erdenschwere
Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere;
Der Freiheit Lenzkraft gewähre
Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund
Fahr hin übers Erdenrund!
II
"Die reine Flagge ist Torheit",
So raunen die "Weisen" allhier.
Nein, Poesie ist die Flagge,
Und die Toren, ihr Guten, seid ihr.
I
Dreifarbig reines Panier,
Norwegens schwer errungne Zier!
Tors Eisenhammer hält
Im Bann das christlich weiße Feld.
Und unser Herzensblut
Strömt hin als rote Flut.
Hoch über der Erdenschwere
Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere;
Der Freiheit Lenzkraft gewähre
Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund
Fahr hin übers Erdenrund!
II
"Die reine Flagge ist Torheit",
So raunen die "Weisen" allhier.
Nein, Poesie ist die Flagge,
Und die Toren, ihr Guten, seid ihr.
Page 164
Es schwingt in der Poesie sich
Der Volksgeist himmelan,
Als Führer geht die Fahne
Ihm unsichtbar lenkend voran.
Und was er erkämpft und errungen,
Und was ihn an Sorgen bewegt,
Das tönt jetzt in ewigen Liedern,
Die Flagge den Takt dazu schlägt.
Wir halten sie hoch, umbrauset
Von Sehnsucht, meersturmgleich,
Von vollen Erinnerungschören,
Von Worten, so flüsternd weich.
Sie kann nicht schwedisch plappern,
Wie ein zierlicher Schwadroneur,
Sie kann sich nicht sperren und spreizen,
Drum weg mit der fremden Couleur.
III
Die Sünden, die wir begangen,
Die gab's in der Flagge nicht,
Denn die Flagge das Ideal ist
In ewig harmonischem Licht.
Die besten Taten der Vorzeit,
Der Gegenwart bestes Gebet
Umhüllt sie und trägt sie weiter,
Daß vom Vater zum Sohn es geht.
Trägt es rein und ehrlich
Und nicht mit Versuchers List,
Der Volksgeist himmelan,
Als Führer geht die Fahne
Ihm unsichtbar lenkend voran.
Und was er erkämpft und errungen,
Und was ihn an Sorgen bewegt,
Das tönt jetzt in ewigen Liedern,
Die Flagge den Takt dazu schlägt.
Wir halten sie hoch, umbrauset
Von Sehnsucht, meersturmgleich,
Von vollen Erinnerungschören,
Von Worten, so flüsternd weich.
Sie kann nicht schwedisch plappern,
Wie ein zierlicher Schwadroneur,
Sie kann sich nicht sperren und spreizen,
Drum weg mit der fremden Couleur.
III
Die Sünden, die wir begangen,
Die gab's in der Flagge nicht,
Denn die Flagge das Ideal ist
In ewig harmonischem Licht.
Die besten Taten der Vorzeit,
Der Gegenwart bestes Gebet
Umhüllt sie und trägt sie weiter,
Daß vom Vater zum Sohn es geht.
Trägt es rein und ehrlich
Und nicht mit Versuchers List,
Page 165
Denn unserem jungen Willen
Sie Führer und Schirmer ist.
IV
"Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge",
So rufen sie allerwärts,
Doch Norge hat nimmer versprochen
Einer andern Braut sein Herz.
Es teilt mit keinem sein Wohnhaus,
Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr',
Sein Bräutigam ist sein Willen,
Selbst herrscht es auf Feld und Meer.
Es ehrt unser Bruder im Osten
Die Kraft, die nach Freiheit ringt,
Er weiß, daß sie alleine
Uns Ruhmeskränze erzwingt.
Er weiß, warum unsrer Flagge
Der Pomp seiner Farben nicht steht:
Weil unsre eigene Ehre
Uns über die seine geht.
Und niemand, der Ehre im Leib hat,
Nennt andre Freundschaft ein Glück.
Wir opfern ihm gern unser Leben,
Doch von unsrer Flagge kein Stück.
V
An Schweden
Sie Führer und Schirmer ist.
IV
"Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge",
So rufen sie allerwärts,
Doch Norge hat nimmer versprochen
Einer andern Braut sein Herz.
Es teilt mit keinem sein Wohnhaus,
Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr',
Sein Bräutigam ist sein Willen,
Selbst herrscht es auf Feld und Meer.
Es ehrt unser Bruder im Osten
Die Kraft, die nach Freiheit ringt,
Er weiß, daß sie alleine
Uns Ruhmeskränze erzwingt.
Er weiß, warum unsrer Flagge
Der Pomp seiner Farben nicht steht:
Weil unsre eigene Ehre
Uns über die seine geht.
Und niemand, der Ehre im Leib hat,
Nennt andre Freundschaft ein Glück.
Wir opfern ihm gern unser Leben,
Doch von unsrer Flagge kein Stück.
V
An Schweden
Page 166
Voll Ehrerbietung ich nahe,—
Ich weiß, du trägst hohen Sinn,—
Und lege in schlichten Worten
Vor dich meine Sache hin.
Wärst du der Kleinere, Schweden,
Und jüngst erst durch Freiheit beglückt,
Und trüg' deine Flagge ein Zeichen,
Das dich tiefer und tiefer drückt,
Und behauptete, du seist der Kleine,
An des Größeren Tisch gesetzt,
(Denn also deuten die Völker
Dies Flaggenzeichen jetzt)—
Und wäre deine Freiheit
Nicht alt,—nein—wie unsre jung,
Und hundertjährige Ohnmacht
In deine Erinnerung
Mit frischen Furchen gegraben
Von altem Unrecht und Blut,
Von ziellosen Sehnsuchtsklagen,
—Ja wüßtest du, wie das tut,
Und solltest dein Volk erziehen
Zu neuer Freiheit Ehr',
Zu neuen Freiheitsgedanken,
Und die Flagge dein Dolmetsch wär',
Ob du dir wohl ließest rauben
Aus der Flagge das eine Feld?
Ob du wohl ertrügst das Zeichen,
Das die Freiheit dir vorenthält?
Ob du dir nicht selber sagtest:
Ich weiß, du trägst hohen Sinn,—
Und lege in schlichten Worten
Vor dich meine Sache hin.
Wärst du der Kleinere, Schweden,
Und jüngst erst durch Freiheit beglückt,
Und trüg' deine Flagge ein Zeichen,
Das dich tiefer und tiefer drückt,
Und behauptete, du seist der Kleine,
An des Größeren Tisch gesetzt,
(Denn also deuten die Völker
Dies Flaggenzeichen jetzt)—
Und wäre deine Freiheit
Nicht alt,—nein—wie unsre jung,
Und hundertjährige Ohnmacht
In deine Erinnerung
Mit frischen Furchen gegraben
Von altem Unrecht und Blut,
Von ziellosen Sehnsuchtsklagen,
—Ja wüßtest du, wie das tut,
Und solltest dein Volk erziehen
Zu neuer Freiheit Ehr',
Zu neuen Freiheitsgedanken,
Und die Flagge dein Dolmetsch wär',
Ob du dir wohl ließest rauben
Aus der Flagge das eine Feld?
Ob du wohl ertrügst das Zeichen,
Das die Freiheit dir vorenthält?
Ob du dir nicht selber sagtest:
Page 167
"Je älter des ändern Rang,
Je größer der Ruhm seiner Farben,
Um so lockender ist sein Sang.
Versuche nicht den, der gefallen
Und der jüngst sich erst wieder befreit.
Mit reinen Zeichen deute.
Empor zur Unsterblichkeit."
So sprächest du, alter Recke,
Wenn du wohntest in unserm Land,
Denn dir sind die Pfade der Ehre
Von altersher wohlbekannt.
Seit achtzehnhundertvierzehn
Und bis auf den heutigen Tag,
So oft unsre Freiheitssehnsucht
Qualvoll in Fesseln lag.
Gab es Männer in deiner Mitte,
Die trotz deiner Halsstarrigkeit
Für unsere Sache sprachen,
Wie Torgny in alter Zeit.
VI
Antwort an den alten Ridderstad
Im Kampf um die reine Flagge
Schwatzt du von "Ritterpflicht"?
Mein Bester, ich achte dich höchlich,
Doch wisse, die schert dich nicht.
Denn grade weil uns Verleumdung
Je größer der Ruhm seiner Farben,
Um so lockender ist sein Sang.
Versuche nicht den, der gefallen
Und der jüngst sich erst wieder befreit.
Mit reinen Zeichen deute.
Empor zur Unsterblichkeit."
So sprächest du, alter Recke,
Wenn du wohntest in unserm Land,
Denn dir sind die Pfade der Ehre
Von altersher wohlbekannt.
Seit achtzehnhundertvierzehn
Und bis auf den heutigen Tag,
So oft unsre Freiheitssehnsucht
Qualvoll in Fesseln lag.
Gab es Männer in deiner Mitte,
Die trotz deiner Halsstarrigkeit
Für unsere Sache sprachen,
Wie Torgny in alter Zeit.
VI
Antwort an den alten Ridderstad
Im Kampf um die reine Flagge
Schwatzt du von "Ritterpflicht"?
Mein Bester, ich achte dich höchlich,
Doch wisse, die schert dich nicht.
Denn grade weil uns Verleumdung
Page 168
Bewirft mit Ruß und Dreck,
Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge
Zu wischen den Anfechtungsfleck.
Die Gleichheit, die dieser predigt,
Die lügt er mit frechem Gesicht;
Ein großskandinavisches Schweden,
Das nämlich mögen wir nicht.
Nein, "Ritterpflicht" ist's für den Kleinen,
Zu sagen: "ich bin kein Teil,
Ich will das Selbständigkeitszeichen
Ganz haben zu eignem Heil."
Und "Ritterpflicht" ist's für den Großen,
Zu sagen: "der falsche Schein
Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre,
Der soll meine Waffe nicht sein."
Und "Ritterpflicht" ist's für beide,
In streitender Völker Gemisch,
Zu sein mit gereinigtem Banner
Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch.
Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge
Zu wischen den Anfechtungsfleck.
Die Gleichheit, die dieser predigt,
Die lügt er mit frechem Gesicht;
Ein großskandinavisches Schweden,
Das nämlich mögen wir nicht.
Nein, "Ritterpflicht" ist's für den Kleinen,
Zu sagen: "ich bin kein Teil,
Ich will das Selbständigkeitszeichen
Ganz haben zu eignem Heil."
Und "Ritterpflicht" ist's für den Großen,
Zu sagen: "der falsche Schein
Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre,
Der soll meine Waffe nicht sein."
Und "Ritterpflicht" ist's für beide,
In streitender Völker Gemisch,
Zu sein mit gereinigtem Banner
Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch.
Page 169
AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN
SANTALISTAN
Ich ehre dich, weil du, verschmäht, geschändet,
Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft,
Und neuer Lästrung Antwort nur gesendet
Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft.
Ich ehre dich, weil du nur stets gedürstet
Nach Gottes Taten unter Not und Streit;
Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefürstet,
Der Heimat bester Mann in deiner Zeit.
Ich teile nicht dein glaubensstarkes Träumen,
Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt;
Was groß und edel strebt zu höhern Räumen,
Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt.
SANTALISTAN
Ich ehre dich, weil du, verschmäht, geschändet,
Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft,
Und neuer Lästrung Antwort nur gesendet
Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft.
Ich ehre dich, weil du nur stets gedürstet
Nach Gottes Taten unter Not und Streit;
Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefürstet,
Der Heimat bester Mann in deiner Zeit.
Ich teile nicht dein glaubensstarkes Träumen,
Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt;
Was groß und edel strebt zu höhern Räumen,
Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt.
Page 170
POST FESTUM
Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis,
Stand einstmals auf am Eismeerstrande,
Da schallte laut durch alle Lande
Des Riesenrecken Lob und Preis.
Ein König klomm zu ihm hinan
Und reicht' ihm gnädig seinen Orden:
"Den tragen die, die groß geworden!"
"Stopp!" knurrte ihn der Recke an.
Der König wich verblüfft, entsetzt
Zurück mit bänglichem Gesichte:
"Mein Orden wird nach der Geschichte
Verschmäht von just den Größten jetzt.
"Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schön,
Laß mich nicht in der Patsche stecken;
Du wirst mehr Größe ihm erwecken,
Uns, die ihn tragen, miterhöhn!"
Zu gut war unser Eismeerheld,
Wie oftmals Recken, will mir scheinen;
Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis,
Stand einstmals auf am Eismeerstrande,
Da schallte laut durch alle Lande
Des Riesenrecken Lob und Preis.
Ein König klomm zu ihm hinan
Und reicht' ihm gnädig seinen Orden:
"Den tragen die, die groß geworden!"
"Stopp!" knurrte ihn der Recke an.
Der König wich verblüfft, entsetzt
Zurück mit bänglichem Gesichte:
"Mein Orden wird nach der Geschichte
Verschmäht von just den Größten jetzt.
"Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schön,
Laß mich nicht in der Patsche stecken;
Du wirst mehr Größe ihm erwecken,
Uns, die ihn tragen, miterhöhn!"
Zu gut war unser Eismeerheld,
Wie oftmals Recken, will mir scheinen;
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Die Narren werden sie der Kleinen,—
Er nahm ihn,—Hohngelächter gellt.
Da krochen alle Könige hin
Mit ihren Orden, sie zu heben
Und ihnen neuen Glanz zu geben:
Für arme Ritter zum Gewinn.
Honny soit … et caetera—
Bespickt mit Orden stand er da;
Doch größer ward der Orden keiner,
Der Recke nur verteufelt kleiner.
Er nahm ihn,—Hohngelächter gellt.
Da krochen alle Könige hin
Mit ihren Orden, sie zu heben
Und ihnen neuen Glanz zu geben:
Für arme Ritter zum Gewinn.
Honny soit … et caetera—
Bespickt mit Orden stand er da;
Doch größer ward der Orden keiner,
Der Recke nur verteufelt kleiner.
Page 172
ROMSDALEN
Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,—
Ob ich das Land wohl erkennen kann?
Sieh, wie die Inseln die Köpfe recken,
Frischgrün und felsig; Salzfluten lecken,
Mutwillig plätschernd, den steinernen Fuß.
Seevögel flattern mit kreischendem Gruß,
Heben sich, senken sich, geistergleich.
Hier ist ein Reich
Voll Sturmeserinnrung,—ganz für sich.
Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn!
Draußen—erzählt der Kapitän—am Riffe
Drängt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe
Schwärmen just eben von dort herein;—
Der Fang war fein!
Wahrlich,—ich habe euch gleich erkannt,
Knorrige Leute von Romsdalland,—
Ja, ihr könnt segeln, wenn es gilt.
Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild!
———Beim ersten Blick
Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,—
Ob ich das Land wohl erkennen kann?
Sieh, wie die Inseln die Köpfe recken,
Frischgrün und felsig; Salzfluten lecken,
Mutwillig plätschernd, den steinernen Fuß.
Seevögel flattern mit kreischendem Gruß,
Heben sich, senken sich, geistergleich.
Hier ist ein Reich
Voll Sturmeserinnrung,—ganz für sich.
Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn!
Draußen—erzählt der Kapitän—am Riffe
Drängt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe
Schwärmen just eben von dort herein;—
Der Fang war fein!
Wahrlich,—ich habe euch gleich erkannt,
Knorrige Leute von Romsdalland,—
Ja, ihr könnt segeln, wenn es gilt.
Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild!
———Beim ersten Blick
Page 173
Wirft's Blitze zurück,
So mächtig war's in der Erinnerung nicht.
Wohin auch meine Augen wandern,
Ein Bergesriese über dem andern,
Des einen Brust an des andern Lende,
Bis an des Himmels äußerste Säume.
Wir harren auf Donner und Weltenende;
Die ewige Stille weitet die Räume.
Blau sind die einen, andere weiß,
Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken,
Andere packen
Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis.
Den riesigen Berg dort heißt man das "Hemd",
Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde,
Von Größen der Urzeit, erhaben und fremd.
Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde
Tat oft ich die Frage, und immer wieder
Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz.
Auf meine Lieder
Fällt majestätisch sein weißer Glanz.
——Wie groß das ist! Ich werde nicht fertig.
Die größten Gedanken aus Leben und Sage
Strömen herbei, meines Winks gewärtig,
Mit all dem Großen sich eifrig zu messen,—
Dantes Hölle, indische Sagen,
Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen,
Äschylos' Donnerwolken ziehen,
Beethovens mächtige Symphonien,—
So mächtig war's in der Erinnerung nicht.
Wohin auch meine Augen wandern,
Ein Bergesriese über dem andern,
Des einen Brust an des andern Lende,
Bis an des Himmels äußerste Säume.
Wir harren auf Donner und Weltenende;
Die ewige Stille weitet die Räume.
Blau sind die einen, andere weiß,
Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken,
Andere packen
Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis.
Den riesigen Berg dort heißt man das "Hemd",
Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde,
Von Größen der Urzeit, erhaben und fremd.
Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde
Tat oft ich die Frage, und immer wieder
Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz.
Auf meine Lieder
Fällt majestätisch sein weißer Glanz.
——Wie groß das ist! Ich werde nicht fertig.
Die größten Gedanken aus Leben und Sage
Strömen herbei, meines Winks gewärtig,
Mit all dem Großen sich eifrig zu messen,—
Dantes Hölle, indische Sagen,
Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen,
Äschylos' Donnerwolken ziehen,
Beethovens mächtige Symphonien,—
Page 174
Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen:
—Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack
Und Ameisenfleiß;—umsonst euer Plagen!
Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack
Die Berge zum Tanze zu bitten wagen.
Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin,
Dann wirst du spüren,
Wie all die Großen zum Größern dich führen.
Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt,
Dem sagen sie: eines ist doch das Größte.
Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt;
Und denke, wie einst er vom Urfels sich löste
Und sich durch Eis und Klippen biß,
Um den Riesenleib zu durchfeilen.
Anfangs ein Ganzes, mußt' er sich teilen,
Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;—
Doch Jahrmillionen verflossen,
Eh' der Gigant zerriß.
Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein,
Lüpft den Südwester mit keckem Gruße.
Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fuße,
Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,—
Der Fjord gehört nicht zu den höflichsten Herrn.
Ihm entgegen mit schaumweißem Kuß
Eilen Quelle, Gießbach und Fluß,
Das Lärmen der Sippe will nicht enden.
Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt,
Sperrt ihm den Weg, daß er halten muß.
—Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack
Und Ameisenfleiß;—umsonst euer Plagen!
Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack
Die Berge zum Tanze zu bitten wagen.
Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin,
Dann wirst du spüren,
Wie all die Großen zum Größern dich führen.
Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt,
Dem sagen sie: eines ist doch das Größte.
Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt;
Und denke, wie einst er vom Urfels sich löste
Und sich durch Eis und Klippen biß,
Um den Riesenleib zu durchfeilen.
Anfangs ein Ganzes, mußt' er sich teilen,
Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;—
Doch Jahrmillionen verflossen,
Eh' der Gigant zerriß.
Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein,
Lüpft den Südwester mit keckem Gruße.
Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fuße,
Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,—
Der Fjord gehört nicht zu den höflichsten Herrn.
Ihm entgegen mit schaumweißem Kuß
Eilen Quelle, Gießbach und Fluß,
Das Lärmen der Sippe will nicht enden.
Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt,
Sperrt ihm den Weg, daß er halten muß.
Page 175
Wie eine Muschel mit nassen Händen
Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm
Frisch an den Mund und bläst darauf
Mit Westwindlungen—juchhei, pass' auf!
Dann heult es und tutet's, daß Gott erbarm'.
—Schwarzgrau ein Fjord die Küste jetzt teilt,
Schnell unser Boot ihn durcheilt;
Gießbäche donnern zu beiden Seiten.
Am Bergeskamm
Dampfende Regenwolken gleiten,
Voll wie ein Schwamm.
Ob Sonne, ob Sturm—das urewige Streiten.
Das ist des Romsdals trutzig Land!
Jetzt bin ich daheim.
Hier liegt des Volkes tiefster Keim.
Hier hat es Stimme und Herz und Verstand.
Jedweden Mann ich hier richtig deute:
Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute.
Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht;
Ein anderer ist er in Sommerpracht,
In Mittsommersonne,
Wenn still er träumt in seliger Wonne,—
Was er nur sieht,
Innig und warm an sein Herz er zieht,
Spiegelt es, schaukelt es,—
War' es so arm wie das Moos am Fels,
Flüchtig wie Schaumesperlen des Quells.
Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm
Frisch an den Mund und bläst darauf
Mit Westwindlungen—juchhei, pass' auf!
Dann heult es und tutet's, daß Gott erbarm'.
—Schwarzgrau ein Fjord die Küste jetzt teilt,
Schnell unser Boot ihn durcheilt;
Gießbäche donnern zu beiden Seiten.
Am Bergeskamm
Dampfende Regenwolken gleiten,
Voll wie ein Schwamm.
Ob Sonne, ob Sturm—das urewige Streiten.
Das ist des Romsdals trutzig Land!
Jetzt bin ich daheim.
Hier liegt des Volkes tiefster Keim.
Hier hat es Stimme und Herz und Verstand.
Jedweden Mann ich hier richtig deute:
Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute.
Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht;
Ein anderer ist er in Sommerpracht,
In Mittsommersonne,
Wenn still er träumt in seliger Wonne,—
Was er nur sieht,
Innig und warm an sein Herz er zieht,
Spiegelt es, schaukelt es,—
War' es so arm wie das Moos am Fels,
Flüchtig wie Schaumesperlen des Quells.
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Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig
Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt,
Was er verbrach und bereute so innig!
Allen den Bergen in Demut er huldigt,
Spiegelt so kosend
Wider im Spiel ihr erhabenes Bild.
—Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht;
Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht;
Ist reicher als andre, ist nimmer falsch,
Nur rücksichtslos, launisch und—eben "romsdalsch".
Berge! Ihr wißt das. Ihr kennt das Geschlecht,
Ihr saht sich's plagen,
Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen.
Ihr saht es ringen
Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen,
Roden und hauen und pflügen und pflanzen,
In Moor und Geröll mit den Gäulen schanzen;
Maßlos zu Zeiten,
Trunkene Flegel,
Sich raufen und streiten,
Doch nimmer weichen,—zu Topp die Segel!
Weiler wechseln; doch tief gekerbt
In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche,
Singende Tiefe—die wellengleiche:
Windboenfjord hat den Sinn euch gefärbt.
Wikinggeschlecht, ich grüße dein Nest!
Tief liegt dein Grundstein, die Wölbung ist fest,
Sonnennebel erfüllt deine Halle,
Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt,
Was er verbrach und bereute so innig!
Allen den Bergen in Demut er huldigt,
Spiegelt so kosend
Wider im Spiel ihr erhabenes Bild.
—Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht;
Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht;
Ist reicher als andre, ist nimmer falsch,
Nur rücksichtslos, launisch und—eben "romsdalsch".
Berge! Ihr wißt das. Ihr kennt das Geschlecht,
Ihr saht sich's plagen,
Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen.
Ihr saht es ringen
Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen,
Roden und hauen und pflügen und pflanzen,
In Moor und Geröll mit den Gäulen schanzen;
Maßlos zu Zeiten,
Trunkene Flegel,
Sich raufen und streiten,
Doch nimmer weichen,—zu Topp die Segel!
Weiler wechseln; doch tief gekerbt
In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche,
Singende Tiefe—die wellengleiche:
Windboenfjord hat den Sinn euch gefärbt.
Wikinggeschlecht, ich grüße dein Nest!
Tief liegt dein Grundstein, die Wölbung ist fest,
Sonnennebel erfüllt deine Halle,
Page 177
Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle.
Wikinggeschlecht, so sei mir gegrüßt!
Wo uns so hohe Wölbung umschließt,
Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen—
Nicht allen wollte das leider gelingen—
Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben
Aus wollüstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben,
Kampf kostet's;—doch der, der es wagt, wird Mann.
Ich weiß, daß er's kann.
Wikinggeschlecht, so sei mir gegrüßt!
Wo uns so hohe Wölbung umschließt,
Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen—
Nicht allen wollte das leider gelingen—
Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben
Aus wollüstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben,
Kampf kostet's;—doch der, der es wagt, wird Mann.
Ich weiß, daß er's kann.
Page 178
HOLGER DRACHMANN
Lenzbote, sei gegrüßt! Kommst du vom Walde?
Denn du bist naß im Haar, belaubt, bestaubt…
Hast an deine Kraft geglaubt?
Schlugst dich auf der Halde?
Der Lärm um dich von fesselloser Flut,
Die deiner Ferse folgt—sei auf der Hut:
Sie spritzt nach dir!—schlugst du dich seinetwegen?
Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren,
Wo diese Wintergreise längst verdorren.
Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen?
Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan!
Sie schrien wohl unheilkündend, wie besessen?
Sie nannten es wohl Raub, was du getan?
In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen.
Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe
Hat sich's gelöst, sucht kräuselnd deine Gunst.
Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst
Zur Dämmerzeit an einem Wikinggrabe.
Doch von dem Arme der Natur umschlungen
Hörst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben,
Lenzbote, sei gegrüßt! Kommst du vom Walde?
Denn du bist naß im Haar, belaubt, bestaubt…
Hast an deine Kraft geglaubt?
Schlugst dich auf der Halde?
Der Lärm um dich von fesselloser Flut,
Die deiner Ferse folgt—sei auf der Hut:
Sie spritzt nach dir!—schlugst du dich seinetwegen?
Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren,
Wo diese Wintergreise längst verdorren.
Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen?
Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan!
Sie schrien wohl unheilkündend, wie besessen?
Sie nannten es wohl Raub, was du getan?
In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen.
Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe
Hat sich's gelöst, sucht kräuselnd deine Gunst.
Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst
Zur Dämmerzeit an einem Wikinggrabe.
Doch von dem Arme der Natur umschlungen
Hörst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben,
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Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben
Nach Norden hin;—dein Name ist erklungen.
So zwischen zweien dich erschöpfest du:
Den Freiheitskämpfern, stolz geschart zum Streite,
Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh';
Die ersten mahnen, und es lockt die zweite.
Bald tönt dein Lied wie Hörnerklang vorm Feind,
Bald zärtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran.
Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann,
Und noch hast du die Hälften nicht vereint.
Jedoch wie du auch spielst und selber seist
(Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord
Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist—
Trägst du die Tür auch mit der Angel fort.
Das eben war's, wonach wir uns gesehnt:
Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der üble Duft
Von Königsweihrauch und von Mönchstabak,
Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack
Preßt wie Moral die Lungen: frische Luft!
Weit lieber venetianischen Gesang,
Des Südens Üppigkeit und Farbenwunder,
Lieber "zwei Schüsse" (machen sie auch bang),
Als all den marklos faden Bildungsplunder!
Gegrüßt, Lenzbote von dem schlanken Wald,
Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren!
Wenn oft dein Lied ein wenig lässig hallt—
Nach Norden hin;—dein Name ist erklungen.
So zwischen zweien dich erschöpfest du:
Den Freiheitskämpfern, stolz geschart zum Streite,
Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh';
Die ersten mahnen, und es lockt die zweite.
Bald tönt dein Lied wie Hörnerklang vorm Feind,
Bald zärtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran.
Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann,
Und noch hast du die Hälften nicht vereint.
Jedoch wie du auch spielst und selber seist
(Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord
Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist—
Trägst du die Tür auch mit der Angel fort.
Das eben war's, wonach wir uns gesehnt:
Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der üble Duft
Von Königsweihrauch und von Mönchstabak,
Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack
Preßt wie Moral die Lungen: frische Luft!
Weit lieber venetianischen Gesang,
Des Südens Üppigkeit und Farbenwunder,
Lieber "zwei Schüsse" (machen sie auch bang),
Als all den marklos faden Bildungsplunder!
Gegrüßt, Lenzbote von dem schlanken Wald,
Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren!
Wenn oft dein Lied ein wenig lässig hallt—
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Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen.
Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel,
Ich liebe dich; du bist von eignem Adel.
WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben]
… Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin;
Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin
Zwischen zarten Birken und Tannen.
Die Tannen grübelten einzeln; weiß
Und fröhlich lachte das Birkenreis:—
Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen.
Und die Luft so harsch und frei und leicht,
Weil alles Schwere aus ihr weicht,
Das fächelt der Schnee von hinnen;
Und lebhaft hinterm dünnen Flor
Schimmert die Landschaft, drüber empor
Steigen beschneite Zinnen.
Doch:—wie unter braunweißem Mützenrand—
Wohin ich blicke—: unverwandt——
Wer ist's nur—wer schaut mir entgegen?
Flink starr' ich unter den Haubenschild—
In ein Schneegeflimmer, toll und wild;—
Ist jemand auf meinen Wegen?
Ein Sternchen fiel auf den Handschuh … da
Und da wieder … jedes verschieden ja,…
Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel,
Ich liebe dich; du bist von eignem Adel.
WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben]
… Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin;
Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin
Zwischen zarten Birken und Tannen.
Die Tannen grübelten einzeln; weiß
Und fröhlich lachte das Birkenreis:—
Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen.
Und die Luft so harsch und frei und leicht,
Weil alles Schwere aus ihr weicht,
Das fächelt der Schnee von hinnen;
Und lebhaft hinterm dünnen Flor
Schimmert die Landschaft, drüber empor
Steigen beschneite Zinnen.
Doch:—wie unter braunweißem Mützenrand—
Wohin ich blicke—: unverwandt——
Wer ist's nur—wer schaut mir entgegen?
Flink starr' ich unter den Haubenschild—
In ein Schneegeflimmer, toll und wild;—
Ist jemand auf meinen Wegen?
Ein Sternchen fiel auf den Handschuh … da
Und da wieder … jedes verschieden ja,…
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Wollen die Rätsel spielen?
Und wie Lächeln durchglänzt es die Luft ringsum
Von guten Blicken … ich seh' mich um…
Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen?
Dies Sterngespinst, dies Filigran—
Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann?
Ich fühl's nach mir tasten und greifen…
Du feine Birke, du Luft so rein,
Du muntrer Schnee,—wer haucht euch ein
Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen
Sein Bild in den Zügen der Natur,
In diesem Behagen auf schneeiger Flur,
Im Flockenspiel, daß er mich necke,—
In diesem weißen, sanften Glanz,
In diesem schweigenden Rhythmentanz?
Nein, das bist du, Hans Brecke!
Und wie Lächeln durchglänzt es die Luft ringsum
Von guten Blicken … ich seh' mich um…
Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen?
Dies Sterngespinst, dies Filigran—
Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann?
Ich fühl's nach mir tasten und greifen…
Du feine Birke, du Luft so rein,
Du muntrer Schnee,—wer haucht euch ein
Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen
Sein Bild in den Zügen der Natur,
In diesem Behagen auf schneeiger Flur,
Im Flockenspiel, daß er mich necke,—
In diesem weißen, sanften Glanz,
In diesem schweigenden Rhythmentanz?
Nein, das bist du, Hans Brecke!
Page 182
DES DICHTERS SENDUNG
Dem Dichter ward Prophetenamt;
Zumal in Not und Gärungszeiten,
Wenn alle, die da leiden, streiten,
Sein Glauben stärkt, erhebt, entflammt.
Ein auferstandner Vorzeitheld,
Führt neuen Heerbann er ins Feld,
Und ihn umzieht
In weitem Raum
Mit Seherlied
Der Zukunft Traum;
Des Volkes ewige Frühlingssäfte
Macht frei das Lied durch seine Kräfte.
Er straft das Volk um eitlen Wahn
Und Heidentum und Molochschrecken,
Sieht unter herbstlich grauen Decken
Der Gotterkenntnis Triebe nahn.
Befreit pflanzt sich ihr Blütenschoß,
Gleich lichtem Kraft- und Liebessproß,
Dem Volke ein,
Erwärmt sein Herz,
Trägt Heil hinein
Dem Dichter ward Prophetenamt;
Zumal in Not und Gärungszeiten,
Wenn alle, die da leiden, streiten,
Sein Glauben stärkt, erhebt, entflammt.
Ein auferstandner Vorzeitheld,
Führt neuen Heerbann er ins Feld,
Und ihn umzieht
In weitem Raum
Mit Seherlied
Der Zukunft Traum;
Des Volkes ewige Frühlingssäfte
Macht frei das Lied durch seine Kräfte.
Er straft das Volk um eitlen Wahn
Und Heidentum und Molochschrecken,
Sieht unter herbstlich grauen Decken
Der Gotterkenntnis Triebe nahn.
Befreit pflanzt sich ihr Blütenschoß,
Gleich lichtem Kraft- und Liebessproß,
Dem Volke ein,
Erwärmt sein Herz,
Trägt Heil hinein
Page 183
Und Zorn und Schmerz,
Läßt Mut und Klarheit kund ihm geben:
Wißt, Gott ist offenbart im Leben!
Den Königsmantel reißt er fort,
Um Volkesschultern ihn zu breiten,
Daß blind sich dies nicht lasse leiten
Von fremder Hoheit Wink und Wort,
Daß es als eigne Majestät
In eignen Amt und Würden steht,
Von Sagaruhm,
Von Mut entflammt,
Mit Heldentum
Ihm selbst entstammt,
Mit ungebrochner Willensstärke,
Mannhaft beim Worte, wie beim Werke.
Er zwingt das Volk zur Buße hin,
Ein grimmer Lug- und Trugverhöhner,
(Kein Sonntagsheld, ein Tagelöhner,
Dem seine Kühnheit kein Gewinn).
Aus trägem Frieden, Geistesnacht,
Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht;
Nicht Volkessinn,
Nicht Königsdank
Lenkt seinen Gang:
Frei zieht er hin;
Und wankt er, Schmerzen fühlt er gären,
Sein Herz durch läuternd Leid zu klären.
Läßt Mut und Klarheit kund ihm geben:
Wißt, Gott ist offenbart im Leben!
Den Königsmantel reißt er fort,
Um Volkesschultern ihn zu breiten,
Daß blind sich dies nicht lasse leiten
Von fremder Hoheit Wink und Wort,
Daß es als eigne Majestät
In eignen Amt und Würden steht,
Von Sagaruhm,
Von Mut entflammt,
Mit Heldentum
Ihm selbst entstammt,
Mit ungebrochner Willensstärke,
Mannhaft beim Worte, wie beim Werke.
Er zwingt das Volk zur Buße hin,
Ein grimmer Lug- und Trugverhöhner,
(Kein Sonntagsheld, ein Tagelöhner,
Dem seine Kühnheit kein Gewinn).
Aus trägem Frieden, Geistesnacht,
Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht;
Nicht Volkessinn,
Nicht Königsdank
Lenkt seinen Gang:
Frei zieht er hin;
Und wankt er, Schmerzen fühlt er gären,
Sein Herz durch läuternd Leid zu klären.
Page 184
Er ist der Schwachen Hort und Held,
Kein Ritter dient den Frauen treuer.
Er führt des zagen Neulings Steuer,
Bis rechter Wind sein Segel schwellt.
Er wächst, halb wollend, halb verdammt,
Durch sein ihm auferlegtes Amt
Und fleht am Ziel:
"O Herr vergib!
Ich war nicht viel.
Ein bessrer Trieb
Aus reicherm Seelenfrühling mehre
Nach mir des Volks wie deine Ehre!"
Kein Ritter dient den Frauen treuer.
Er führt des zagen Neulings Steuer,
Bis rechter Wind sein Segel schwellt.
Er wächst, halb wollend, halb verdammt,
Durch sein ihm auferlegtes Amt
Und fleht am Ziel:
"O Herr vergib!
Ich war nicht viel.
Ein bessrer Trieb
Aus reicherm Seelenfrühling mehre
Nach mir des Volks wie deine Ehre!"
Page 185
PSALMEN
I
Ich fühl' in mir
Den Drang nach dir,
Du Harmonie, im All entfaltet.
Bin ich verbannt?
Hast du erkannt,
Daß ich mein Eigen schlecht verwaltet?
Denn ohne Kraft,
Bald feig erschlafft,
Bald in Verzweiflung sieh mich beten,
Daß Trost und Gnad',
Ein Ruf, ein Rat
Mich aufhebt, wo du mich zertreten.
Gott, hör' mein Wort!
Stoß mich nicht fort
Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben!
Mein Stern lischt aus;—
Von nächtigem Graus
Sind meine Schritte nun umgeben.
Im öden Sinn
Wogt her und hin
I
Ich fühl' in mir
Den Drang nach dir,
Du Harmonie, im All entfaltet.
Bin ich verbannt?
Hast du erkannt,
Daß ich mein Eigen schlecht verwaltet?
Denn ohne Kraft,
Bald feig erschlafft,
Bald in Verzweiflung sieh mich beten,
Daß Trost und Gnad',
Ein Ruf, ein Rat
Mich aufhebt, wo du mich zertreten.
Gott, hör' mein Wort!
Stoß mich nicht fort
Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben!
Mein Stern lischt aus;—
Von nächtigem Graus
Sind meine Schritte nun umgeben.
Im öden Sinn
Wogt her und hin
Page 186
Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern.
Ihr, oft verjagt,
Was wollt ihr, sagt?
Nur heut kann ich sie nicht bemeistern.
Ach, Friede, komm!
Laß glaubensfromm
Des Lebens starkes Band mich tragen!
Laß nicht nach mir
Vergebens hier
Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen!
II
Ehre dem ewigen Frühling im Leben,
Der alles durchweht!
Kleinstem wird Auferstehung gegeben,
Die Form nur vergeht.
Geschlecht auf Geschlecht
Müht sich empor zu schreiten;
Art bringt Art hervor
In unendlichen Zeiten;
Welten gehn unter und steigen empor.
Nichts ist so klein, daß nicht Kleinres bestünde
Unsichtbar.
Nichts ist so groß, daß nichts Größres bestünde
Ferne von ihm.
In der Erde der Wurm
Ist Berge zu bauen imstand'.
Der Staub im Sturm
Ihr, oft verjagt,
Was wollt ihr, sagt?
Nur heut kann ich sie nicht bemeistern.
Ach, Friede, komm!
Laß glaubensfromm
Des Lebens starkes Band mich tragen!
Laß nicht nach mir
Vergebens hier
Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen!
II
Ehre dem ewigen Frühling im Leben,
Der alles durchweht!
Kleinstem wird Auferstehung gegeben,
Die Form nur vergeht.
Geschlecht auf Geschlecht
Müht sich empor zu schreiten;
Art bringt Art hervor
In unendlichen Zeiten;
Welten gehn unter und steigen empor.
Nichts ist so klein, daß nicht Kleinres bestünde
Unsichtbar.
Nichts ist so groß, daß nichts Größres bestünde
Ferne von ihm.
In der Erde der Wurm
Ist Berge zu bauen imstand'.
Der Staub im Sturm
Page 187
Oder der rinnende Sand,
Reiche hat er gegründet einst.
Unendlich das All, und Großes und Kleines
Verschmelzen darin.
Kein Auge wird schauen das Ende—keines
Sah den Beginn.
Der Ordnung Gebot
Hat lebenerhaltend das All beseelt;
Furcht und Not
Zeugen einander; was uns quält,
Wird zum Born, der die Menschheit stählt.
Ewigkeitssamen sind wir, die leben.
Im Schöpfungstage
Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben,
Antwort wie Frage,
Saatenvoll,
Über dem ewigen Grunde;
Frohlocken drum soll,
Wer in einer schwindenden Stunde
Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit.
Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blüte
Im Frühlingsrain;
Genieße, preisend des Ewigen Güte,
Dein kurzes Sein.
Füg' auch du
Schaffend dein Scherflein hinzu;
Klein und zag,
Reiche hat er gegründet einst.
Unendlich das All, und Großes und Kleines
Verschmelzen darin.
Kein Auge wird schauen das Ende—keines
Sah den Beginn.
Der Ordnung Gebot
Hat lebenerhaltend das All beseelt;
Furcht und Not
Zeugen einander; was uns quält,
Wird zum Born, der die Menschheit stählt.
Ewigkeitssamen sind wir, die leben.
Im Schöpfungstage
Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben,
Antwort wie Frage,
Saatenvoll,
Über dem ewigen Grunde;
Frohlocken drum soll,
Wer in einer schwindenden Stunde
Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit.
Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blüte
Im Frühlingsrain;
Genieße, preisend des Ewigen Güte,
Dein kurzes Sein.
Füg' auch du
Schaffend dein Scherflein hinzu;
Klein und zag,
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Atme, soviel deine Kraft vermag,
Einen Zug in den ewigen Tag!
III
Chor
Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen
Mit tausend Namen genannt?
Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen,
Warst Hoffnung den Vätern ins Joch gebannt;
Warst Ängsten des Todes der nachtdunkle Gast,
Warst Lebensfesten der Sonnenglast.
Noch bilden wir alle verschieden dein Bild,
Noch nennen wir jedes Offenbarung,
Und jedem seins für das wahre gilt—
Bis daß es zerbricht in bittrer Erfahrung.
Solo
Ach, wer du auch seist,
In mir ist dein Geist;
Meiner Seele ewiger Ruf—das bist du!—
Nach Licht und nach Recht,
Nach Sieg im Gefecht
Für den kommenden Tag, das bist du, das bist du!—
Ein jedes Gebot,
Das ins Aug' uns loht,
Oder das nie uns bewußt, das bist du!—
Mein Leben ruht
Einen Zug in den ewigen Tag!
III
Chor
Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen
Mit tausend Namen genannt?
Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen,
Warst Hoffnung den Vätern ins Joch gebannt;
Warst Ängsten des Todes der nachtdunkle Gast,
Warst Lebensfesten der Sonnenglast.
Noch bilden wir alle verschieden dein Bild,
Noch nennen wir jedes Offenbarung,
Und jedem seins für das wahre gilt—
Bis daß es zerbricht in bittrer Erfahrung.
Solo
Ach, wer du auch seist,
In mir ist dein Geist;
Meiner Seele ewiger Ruf—das bist du!—
Nach Licht und nach Recht,
Nach Sieg im Gefecht
Für den kommenden Tag, das bist du, das bist du!—
Ein jedes Gebot,
Das ins Aug' uns loht,
Oder das nie uns bewußt, das bist du!—
Mein Leben ruht
Page 189
In schirmender Hut,
Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du!
Chor
Da nimmer wir können dein Wesen erreichen,
Erdachten wir uns Vermittler von dir;
Sie alle ließ ein Jahrtausend erbleichen,
Und wieder stehen wir weglos hier.
Sind krank wir geworden und klammern uns an?
Wo winkt uns ein Trost für den Traum, der zerrann?
Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen,
Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer,
Soll's weichen in schauderndem Todesbangen,
Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer?
Solo
Er, der mich durchhaucht,
Nein, nimmer er braucht
Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du!
Ist mein Ewigkeitsflug
Sein Wille, und trug
Mich zur Taufe sein Geist—bist es du, bist es du.—
Werd' ich teilhaft, ich Nichts,
Des ewigen Lichts?
In Demut mich beug' ich; denn ich weiß, das bist du!
Still wart' ich und fromm:
Erwecker, o komm,
Wenn du willst, wie du willst—das bist du, das bist du!
Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du!
Chor
Da nimmer wir können dein Wesen erreichen,
Erdachten wir uns Vermittler von dir;
Sie alle ließ ein Jahrtausend erbleichen,
Und wieder stehen wir weglos hier.
Sind krank wir geworden und klammern uns an?
Wo winkt uns ein Trost für den Traum, der zerrann?
Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen,
Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer,
Soll's weichen in schauderndem Todesbangen,
Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer?
Solo
Er, der mich durchhaucht,
Nein, nimmer er braucht
Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du!
Ist mein Ewigkeitsflug
Sein Wille, und trug
Mich zur Taufe sein Geist—bist es du, bist es du.—
Werd' ich teilhaft, ich Nichts,
Des ewigen Lichts?
In Demut mich beug' ich; denn ich weiß, das bist du!
Still wart' ich und fromm:
Erwecker, o komm,
Wenn du willst, wie du willst—das bist du, das bist du!
Page 190
FRAGE UND ANTWORT
Das Kind
Du, Vater! Ich sah mich im Walde um,
War alles stumm,
Kein einziger Vogel sang ringsum.
Der Vater
Er flog gen Süd übers Meer hinab,
Der Lieder uns gab;
Kann sein, er findet dort sein Grab.
Das Kind
Der Arme; warum denn blieb er nicht?
Der Vater
Er suchte mehr Wärme und mehr Licht.
Das Kind
Das Kind
Du, Vater! Ich sah mich im Walde um,
War alles stumm,
Kein einziger Vogel sang ringsum.
Der Vater
Er flog gen Süd übers Meer hinab,
Der Lieder uns gab;
Kann sein, er findet dort sein Grab.
Das Kind
Der Arme; warum denn blieb er nicht?
Der Vater
Er suchte mehr Wärme und mehr Licht.
Das Kind
Page 191
Du, Vater, ist das auch recht getan?
Er denkt nicht dran,
Daß wir andern hier bleiben und frieren dann.
Der Vater
Ein neuer Frühling will neuen Sang
Aus Herzensdrang;
Den bringt er uns mit, es währt nicht lang.
Das Kind
Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen?
Der Vater
So kommen wohl seine Weggesellen.
Er denkt nicht dran,
Daß wir andern hier bleiben und frieren dann.
Der Vater
Ein neuer Frühling will neuen Sang
Aus Herzensdrang;
Den bringt er uns mit, es währt nicht lang.
Das Kind
Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen?
Der Vater
So kommen wohl seine Weggesellen.
Page 192
WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE
SCHÜTZENGILDE
(1881)
Zu den Fahnen, zu den Fahnen,
Junger Freiheit Chor!
Eure Fahnen, eure Fahnen,
Schützen, hebt empor!
Hinterm Stutzenringe
Unsrer jungen Schar
Soll der Greis im Tinge
Reden fest und klar.
In dem frischen
Kugelzischen
Liegt ein muntrer Klang;
Freiheitkündend,
Führt er zündend
Uns zum Königsrang.
In die Tingesrunde
Klingt aus Talesgrunde
Hell und freudig "ja" auf "ja",
Daß aus Stutzenröhren
SCHÜTZENGILDE
(1881)
Zu den Fahnen, zu den Fahnen,
Junger Freiheit Chor!
Eure Fahnen, eure Fahnen,
Schützen, hebt empor!
Hinterm Stutzenringe
Unsrer jungen Schar
Soll der Greis im Tinge
Reden fest und klar.
In dem frischen
Kugelzischen
Liegt ein muntrer Klang;
Freiheitkündend,
Führt er zündend
Uns zum Königsrang.
In die Tingesrunde
Klingt aus Talesgrunde
Hell und freudig "ja" auf "ja",
Daß aus Stutzenröhren
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Wir das Echo hören
Als ein tausendfältiges Hurra.
Hurra,
Hurra, hurra, hurra, hurra.
Mutter Norge lauscht so heiter
Auf des Widerhalles Töne,
Und durch ihre jungen Söhne
Erbt das Freiheitsgut sich weiter.
Als ein tausendfältiges Hurra.
Hurra,
Hurra, hurra, hurra, hurra.
Mutter Norge lauscht so heiter
Auf des Widerhalles Töne,
Und durch ihre jungen Söhne
Erbt das Freiheitsgut sich weiter.
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ARBEITERMARSCH
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Formt aus vielen, vielen Einen,
Hebt den Mut der bangen Kleinen,
Läßt das Schwerste leicht erscheinen,
Zeigt die Ziele uns, die reinen,
Näher, schärfer ohne Schatten,
Als wir auf dem Korn sie hatten.
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Das ist mehr als halbe Macht.
Nahn im Takt wir einige hundert,
Ist da keiner, der sich wundert;
Nahn im Takt wir einige tausend,
Wird sein Ohr schon mancher recken;
Nahn im Takt wir hunderttausend,—
Ja, dies Dröhnen wird sie wecken!
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Wenn in solchem Takt wir schreiten
Fest von Norges Uferweiten
Bis zum höchsten Katarakte,—
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Formt aus vielen, vielen Einen,
Hebt den Mut der bangen Kleinen,
Läßt das Schwerste leicht erscheinen,
Zeigt die Ziele uns, die reinen,
Näher, schärfer ohne Schatten,
Als wir auf dem Korn sie hatten.
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Das ist mehr als halbe Macht.
Nahn im Takt wir einige hundert,
Ist da keiner, der sich wundert;
Nahn im Takt wir einige tausend,
Wird sein Ohr schon mancher recken;
Nahn im Takt wir hunderttausend,—
Ja, dies Dröhnen wird sie wecken!
Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Wenn in solchem Takt wir schreiten
Fest von Norges Uferweiten
Bis zum höchsten Katarakte,—
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Kommen alle wir im Takte,—
Schwinden Herren, schwinden Knechte,
Helfen jedem wir zum Rechte!
Schwinden Herren, schwinden Knechte,
Helfen jedem wir zum Rechte!
Page 196
DER ZUKUNFT LAND
(Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888,
zugeeignet)
Zukunftsland!
Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,—
All unser Seufzen, das ziellos verklingt,
Formt sich zu Bildern in Wolkenrot
Jenseits der Not,—
Alles, was aus unserm Glauben sprießt,
Selig uns grüßt
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen
Wächst in Geschlechtern, die nach uns kommen.
Sammelt für sie in verjüngendem Drang,
Was uns gelang;
Trägt voller Kraft unser Werk hinein,
Unfehlbar hinein
Ins Zukunftsland.
(Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888,
zugeeignet)
Zukunftsland!
Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,—
All unser Seufzen, das ziellos verklingt,
Formt sich zu Bildern in Wolkenrot
Jenseits der Not,—
Alles, was aus unserm Glauben sprießt,
Selig uns grüßt
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen
Wächst in Geschlechtern, die nach uns kommen.
Sammelt für sie in verjüngendem Drang,
Was uns gelang;
Trägt voller Kraft unser Werk hinein,
Unfehlbar hinein
Ins Zukunftsland.
Page 197
Zukunftsland!
Tränen, vergossen um all das Schlechte,
Blutschweiß vom Kampfe für höhere Rechte
Salben die Kraft, die den Sieg verspricht.
Uns es zwar bricht,
Schlechtes doch hindert es, Gutes es sät,
Das aufersteht
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
Dämmert in Farben und Melodien,
Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen,
Schimmert im Auge des Kindes und weht
Durch dein Gebet.
Siegen wir—und ist der Sieg gesund,
Stehn wir zur Stund
Im Zukunftsland.
Tränen, vergossen um all das Schlechte,
Blutschweiß vom Kampfe für höhere Rechte
Salben die Kraft, die den Sieg verspricht.
Uns es zwar bricht,
Schlechtes doch hindert es, Gutes es sät,
Das aufersteht
Im Zukunftsland.
Zukunftsland!
Dämmert in Farben und Melodien,
Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen,
Schimmert im Auge des Kindes und weht
Durch dein Gebet.
Siegen wir—und ist der Sieg gesund,
Stehn wir zur Stund
Im Zukunftsland.
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EIN JUNGES VÖLKCHEN KERNGESUND
Ein junges Völkchen kerngesund
Wächst überquellend frisch empor
In Spiel und Sang und Blumenflor
Auf unsres Vätererbes Grund;
Es träumt von dem, was schon errungen,
Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen.
Ein junges Völkchen kerngesund,
Des ganzes Volkes Ehrenpreis,
Des Lebensfrühlings Edelreis,
Ein Osterfest auf Vätergrund
Für alle Alter. Neu entfalten
Im Lenz der Jungen sich die Alten.
Ein junges Völkchen kerngesund
Ist unser Können, doppelt stark,
Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,—
Aus des Charakters tiefem Grund
Wächst unsrer Väter Geist auf Erden
Empor zu immer höherm Werden.
Ein junges Völkchen kerngesund
Wächst überquellend frisch empor
In Spiel und Sang und Blumenflor
Auf unsres Vätererbes Grund;
Es träumt von dem, was schon errungen,
Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen.
Ein junges Völkchen kerngesund,
Des ganzes Volkes Ehrenpreis,
Des Lebensfrühlings Edelreis,
Ein Osterfest auf Vätergrund
Für alle Alter. Neu entfalten
Im Lenz der Jungen sich die Alten.
Ein junges Völkchen kerngesund
Ist unser Können, doppelt stark,
Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,—
Aus des Charakters tiefem Grund
Wächst unsrer Väter Geist auf Erden
Empor zu immer höherm Werden.
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NORGE, NORGE
Norge, Norge,
Blauend empor aus dem graugrünen Meer,
Inseln ringsum gleich Vogeljungen,
Fjorde in Zungen
Dorthin, wo Stille sich breitet umher.
Ströme, Täler;
Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern
Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen,
Seen und Flächen,
Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn.
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
Norge, Norge,
Schneeschuhlaufes leuchtendes Land,
Teerjackenhafen und Fischgehege,
Des Flößers Wege,
Bergecho der Hirten und Gletscherbrand.
Äcker, Wiesen,
Norge, Norge,
Blauend empor aus dem graugrünen Meer,
Inseln ringsum gleich Vogeljungen,
Fjorde in Zungen
Dorthin, wo Stille sich breitet umher.
Ströme, Täler;
Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern
Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen,
Seen und Flächen,
Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn.
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
Norge, Norge,
Schneeschuhlaufes leuchtendes Land,
Teerjackenhafen und Fischgehege,
Des Flößers Wege,
Bergecho der Hirten und Gletscherbrand.
Äcker, Wiesen,
Page 200
Runen im Waldboden, Klüfte versprengt,
Städte wie Blumen, Flüsse verschäumend,
Wo sich bäumend
Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drängt!
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
Städte wie Blumen, Flüsse verschäumend,
Wo sich bäumend
Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drängt!
Norge, Norge,
Hütten und Häuser und keine Burgen,
Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.
Page 201
MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN
Dieses Land, das trotzig schaut,
Meerumbrandet, bergumbaut,
Winterkalt und sommerbleich,
Kurzes Lächeln, niemals weich,—
Ist der Riese, der, gemeistert,
Fördern soll, was uns begeistert.
Er soll hämmern, er soll tragen,
Er soll singen, er soll sagen,
Er soll malen Glanz und Gischt:—
Was da donnert, tost und zischt
Zwischen Fjord und Bergeswacht,
Schaff' uns eine Schönheitsmacht.
Dieses Land, das trotzig schaut,
Meerumbrandet, bergumbaut,
Winterkalt und sommerbleich,
Kurzes Lächeln, niemals weich,—
Ist der Riese, der, gemeistert,
Fördern soll, was uns begeistert.
Er soll hämmern, er soll tragen,
Er soll singen, er soll sagen,
Er soll malen Glanz und Gischt:—
Was da donnert, tost und zischt
Zwischen Fjord und Bergeswacht,
Schaff' uns eine Schönheitsmacht.
Page 202
IM WALDE
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;
Was immer er sah in den einsamen Stunden,
Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,
Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;
Was immer er sah in den einsamen Stunden,
Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,
Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.
Page 203
DER SIEBZEHNTE MAI
(1883)
Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai
Grüßte der Festzug. Und als die letzten,
Männer im Takt,
Frauen mit Blumen in ihrer Mitten,
Schritten die Bauern, die Bauern schritten.
Österdalswaldes mächtiger Häuptling
Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen,
Über dem Purpur
Sich ein Gedanke in Tausenden malte:
Das ist die Alte, das ist die Alte!
Noch trug nicht fremden Volks Krone der Löwe,
Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten,
Zukunft erschien mir,
Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen
Bauern sich drängen, Bauern sich drängen.
Von den vergangnen Verlusten das Meiste,
Von dem Errungenen, von dem Ersehnten,
(1883)
Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai
Grüßte der Festzug. Und als die letzten,
Männer im Takt,
Frauen mit Blumen in ihrer Mitten,
Schritten die Bauern, die Bauern schritten.
Österdalswaldes mächtiger Häuptling
Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen,
Über dem Purpur
Sich ein Gedanke in Tausenden malte:
Das ist die Alte, das ist die Alte!
Noch trug nicht fremden Volks Krone der Löwe,
Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten,
Zukunft erschien mir,
Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen
Bauern sich drängen, Bauern sich drängen.
Von den vergangnen Verlusten das Meiste,
Von dem Errungenen, von dem Ersehnten,
Page 204
Ja, meist von allem:
Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre
Tragen der Bauern, der Bauern Heere.
Bitter sie sühnten, was einst gesündigt.
Doch sie erheben sich. Jüngst erst im Tinge
Kämpften sie mannhaft.
Von Süd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen
Alle die Bauern, die Bauern erstanden.
Halten die Beute, da weiter sie wollen;
Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke!
Alle wir wissen's:
Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen,
Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen.
Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre
Tragen der Bauern, der Bauern Heere.
Bitter sie sühnten, was einst gesündigt.
Doch sie erheben sich. Jüngst erst im Tinge
Kämpften sie mannhaft.
Von Süd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen
Alle die Bauern, die Bauern erstanden.
Halten die Beute, da weiter sie wollen;
Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke!
Alle wir wissen's:
Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen,
Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen.
Page 205
FREDERIK HEGEL
Die Lüfte liebe ich, die kühlen,
Erhaben rein,
Im Hoheitsschein,
Die mich wie Freiheitsflut umspülen.
Im Walde mich's am liebsten leidet,
Wenn Phantasie
Mit Herbsts Genie
Ihn malt, nicht wenn ihn Grünschmuck kleidet.
Ich kannte einen: seine Reinheit
War herbstlich mild,
Sein Ebenbild
War Herbsteshimmels Farbenfeinheit.
Sein Bild ist wie—wenn in frostigem Tanz
Des Winters Graus
Umstürmt das Haus,—
Meines Herdes erster erwärmender Glanz.
Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende,
Wenn Sommers Lied
Die Lüfte liebe ich, die kühlen,
Erhaben rein,
Im Hoheitsschein,
Die mich wie Freiheitsflut umspülen.
Im Walde mich's am liebsten leidet,
Wenn Phantasie
Mit Herbsts Genie
Ihn malt, nicht wenn ihn Grünschmuck kleidet.
Ich kannte einen: seine Reinheit
War herbstlich mild,
Sein Ebenbild
War Herbsteshimmels Farbenfeinheit.
Sein Bild ist wie—wenn in frostigem Tanz
Des Winters Graus
Umstürmt das Haus,—
Meines Herdes erster erwärmender Glanz.
Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende,
Wenn Sommers Lied
Page 206
Nach innen zieht,
Hat Freundschaft Tempelsonnenwende.
Hat Freundschaft Tempelsonnenwende.
Page 207
UNSERE SPRACHE
(1900)
Nordischer Berge Widerhall,
Wiegengesang am dänischen Sunde,
Feuerglocke bei Fredrikshall,
Lerchenjubel aus Kindermunde,—
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Holbergs flüsternder Geisterchor,
Heim den Dichter und morgenwärts ladend,
Schärfend das Schwert ihm, hebend empor
Schätze, in klingendem Lachen sie badend,—
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
(1900)
Nordischer Berge Widerhall,
Wiegengesang am dänischen Sunde,
Feuerglocke bei Fredrikshall,
Lerchenjubel aus Kindermunde,—
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Holbergs flüsternder Geisterchor,
Heim den Dichter und morgenwärts ladend,
Schärfend das Schwert ihm, hebend empor
Schätze, in klingendem Lachen sie badend,—
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Page 208
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
Kierkegaard warst du ein tiefes Meer,
Da er die Segel nach Gott hin spannte.
Wergeland warst du ein Adler hehr,
Der sich vor vielen zur Sonne wandte.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier
Für den Frühling der Freiheit im Norden.
Durch deine Lieder ist unser Panier
Weit auf Erden Sieger geworden.
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
Über die Wogen rollst du als Weg
Deinen Blumenteppich, es schreiten
Freunde zu Freunden auf diesem Steg,
Fühlen Himmel und Glaube sich weiten.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Wir lieben dich!
Kierkegaard warst du ein tiefes Meer,
Da er die Segel nach Gott hin spannte.
Wergeland warst du ein Adler hehr,
Der sich vor vielen zur Sonne wandte.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier
Für den Frühling der Freiheit im Norden.
Durch deine Lieder ist unser Panier
Weit auf Erden Sieger geworden.
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
Über die Wogen rollst du als Weg
Deinen Blumenteppich, es schreiten
Freunde zu Freunden auf diesem Steg,
Fühlen Himmel und Glaube sich weiten.
Du Herz der Herzen,
Mein norwegisch Wort,
Page 209
Für Freuden und Schmerzen
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Der beste Freund, den ich fand, warst du;
Im Aug' der Mutter harrtest du meiner.
Und wer mich am letzten verläßt, bist du;
Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner!
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
*****
Als Burg uns gebautes,
Du Gott vertrautes,—
Wir lieben dich!
Der beste Freund, den ich fand, warst du;
Im Aug' der Mutter harrtest du meiner.
Und wer mich am letzten verläßt, bist du;
Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner!
Du Heim der Bedrohten,
Mein norwegisch Wort!
Hier grüßen die Toten
Die Lebensroten,
Die Zukunftsboten,—
Wir lieben dich!
*****
Page 210
ERZÄHLUNGEN
*****
*****
Page 211
THROND
Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbürger große Hoffnungen
setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft überlegen. Doch
als dieser Mann dreißig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte
sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stück Land urbar.
Manche wunderten sich, daß er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt,
aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges
Mädchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das
Mädchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Fröhlichste gewesen
war.
Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf
vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er
sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus
ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich
auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um
ein Kind über die Taufe zu halten.
Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs,
sprachen sie des öfteren davon, sie müßten eine Hilfe haben, und da sie
nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie
eine halbwüchsige, wie sie sich ausdrückten, ins Haus: ein vierzehnjähriges
Mädchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem
Felde waren.
Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbürger große Hoffnungen
setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft überlegen. Doch
als dieser Mann dreißig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte
sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stück Land urbar.
Manche wunderten sich, daß er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt,
aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges
Mädchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das
Mädchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Fröhlichste gewesen
war.
Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf
vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er
sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus
ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich
auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um
ein Kind über die Taufe zu halten.
Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs,
sprachen sie des öfteren davon, sie müßten eine Hilfe haben, und da sie
nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie
eine halbwüchsige, wie sie sich ausdrückten, ins Haus: ein vierzehnjähriges
Mädchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem
Felde waren.
Page 212
Sie war freilich ein bißchen einfältig, und der Junge merkte bald, daß
alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, während das, was
Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er
hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mußte alles
mäuschenstill sein.
Einmal an einem Weihnachtsabend—auf dem Tisch brannten zwei
Lichte, und der Vater trank aus einer weißen Flasche—packte der Vater den
Jungen, nahm ihn auf den Schoß, sah ihm streng in die Augen und rief:
"Buh, Junge!" Dann fügte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n
Angsthase; möchtest Du ein Märchen?" Der Junge antwortete nicht,
sondern sah den Vater groß an. Der aber erzählte ihm von einem Mann aus
Vaage, welcher "der Blessommer" hieß. Er war in Kopenhagen, dieser
Mann, um des Königs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozeß, den er
führte, und das zog sich so in die Länge, daß ihm der Weihnachtsabend über
den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er
so durch die Straßen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen
wuchtigen Kerl in einem weißen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so
schnell", sagte der Blessommer.—"Hab's weit bis nach Haus heut abend",
sagte der Mann.—"Wo willst Du hin?"—"Nach Vaage", sagte der Mann und
schritt aus.—"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin
möchte ich auch."—"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen",
antwortete der Mann und bog in eine Querstraße ein, wo sein Schlitten
stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der
sich auf die Kufen stellte. "Du mußt Dich festhalten", sagte er. Der
Blessommer tat es, und es war auch nötig; denn es ging nicht etwa immer
auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fährst übers Wasser", sagte der
Blessommer.—"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie.
Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als führen sie nicht
mehr übers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.—"Ja, das
tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam
alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, während das, was
Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er
hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mußte alles
mäuschenstill sein.
Einmal an einem Weihnachtsabend—auf dem Tisch brannten zwei
Lichte, und der Vater trank aus einer weißen Flasche—packte der Vater den
Jungen, nahm ihn auf den Schoß, sah ihm streng in die Augen und rief:
"Buh, Junge!" Dann fügte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n
Angsthase; möchtest Du ein Märchen?" Der Junge antwortete nicht,
sondern sah den Vater groß an. Der aber erzählte ihm von einem Mann aus
Vaage, welcher "der Blessommer" hieß. Er war in Kopenhagen, dieser
Mann, um des Königs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozeß, den er
führte, und das zog sich so in die Länge, daß ihm der Weihnachtsabend über
den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er
so durch die Straßen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen
wuchtigen Kerl in einem weißen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so
schnell", sagte der Blessommer.—"Hab's weit bis nach Haus heut abend",
sagte der Mann.—"Wo willst Du hin?"—"Nach Vaage", sagte der Mann und
schritt aus.—"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin
möchte ich auch."—"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen",
antwortete der Mann und bog in eine Querstraße ein, wo sein Schlitten
stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der
sich auf die Kufen stellte. "Du mußt Dich festhalten", sagte er. Der
Blessommer tat es, und es war auch nötig; denn es ging nicht etwa immer
auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fährst übers Wasser", sagte der
Blessommer.—"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie.
Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als führen sie nicht
mehr übers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.—"Ja, das
tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam
Page 213
dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so bekannt vor. "Mir
scheint, das ist Vaage", sagte er.—"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der
Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schönen
Dank für die Fahrt", sagte er.—"Gleichfalls!" sagte der Mann und fügte
hinzu, während er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht
weiter nach mir um!"—"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte
sich über die Höhen heimwärts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Dröhnen
und Getöse, als wolle der ganze Berg einstürzen, und ein Leuchten ging
über das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weißen
Mantel durch krachende Feuersäulen hindurch in den offnen Berg
einfahren, der sich wie ein Tor über ihm wölbte. Dem Blessommer wurde es
etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte,
und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf saß, so blieb
er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht
mehr umdrehen können.
So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehört. Er getraute sich nicht
den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frühe fragte er
die Mutter, ob sie keine Märchen wisse. Doch, sie wußte welche, aber die
handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen
saßen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hörte und
las, lebe in seiner nächsten Nähe.
Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde
Mensch bei ihnen durch die Tür trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte
Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein;
Thrond wurde die Sache ängstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am
Herd. Die Mutter nötigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da faßte sie
ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.
—"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, daß ich auf Deiner Hochzeit
spielte."—"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit
scheint, das ist Vaage", sagte er.—"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der
Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schönen
Dank für die Fahrt", sagte er.—"Gleichfalls!" sagte der Mann und fügte
hinzu, während er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht
weiter nach mir um!"—"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte
sich über die Höhen heimwärts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Dröhnen
und Getöse, als wolle der ganze Berg einstürzen, und ein Leuchten ging
über das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weißen
Mantel durch krachende Feuersäulen hindurch in den offnen Berg
einfahren, der sich wie ein Tor über ihm wölbte. Dem Blessommer wurde es
etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte,
und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf saß, so blieb
er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht
mehr umdrehen können.
So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehört. Er getraute sich nicht
den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frühe fragte er
die Mutter, ob sie keine Märchen wisse. Doch, sie wußte welche, aber die
handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen
saßen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hörte und
las, lebe in seiner nächsten Nähe.
Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde
Mensch bei ihnen durch die Tür trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte
Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein;
Thrond wurde die Sache ängstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am
Herd. Die Mutter nötigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da faßte sie
ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.
—"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, daß ich auf Deiner Hochzeit
spielte."—"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit
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her?"—"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite des Berges gespielt.
Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich mußte hier einkehren, um
mich auszuruhen."
Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte
aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehört hatte. Als
er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "laßt
mich jetzt ein klein bißchen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in
Thronds Bett gesteckt.
Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror
ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm
fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß
lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald
gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte
in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause
gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große
Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster;
heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine
Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"—und wachte
auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den
Arm.
Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und
er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen
Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden,
die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in
Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher
ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder
heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten
und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick
Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich mußte hier einkehren, um
mich auszuruhen."
Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte
aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehört hatte. Als
er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "laßt
mich jetzt ein klein bißchen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in
Thronds Bett gesteckt.
Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror
ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm
fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß
lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald
gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte
in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause
gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große
Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster;
heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine
Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"—und wachte
auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den
Arm.
Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und
er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen
Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden,
die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in
Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher
ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder
heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten
und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick
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und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins
Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der
kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie
ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen
Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den
kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?"
fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und
sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah
etwas Leichtes, Feines darin liegen.—"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er
tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder
zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der
ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin
und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war
so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."
Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.
Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten
Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her,
und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er
nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz
blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in
die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht
daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite,
die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor
der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der
Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters
Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der
in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied
war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen
Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und
Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der
kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie
ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen
Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den
kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?"
fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und
sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah
etwas Leichtes, Feines darin liegen.—"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er
tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder
zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der
ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin
und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war
so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."
Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.
Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten
Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her,
und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er
nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz
blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in
die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht
daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite,
die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor
der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der
Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters
Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der
in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied
war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen
Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und
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hüpfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen
schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den
Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein
anderer es sieht.
Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die
Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein
kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der
Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und
den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die
Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch
früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so
entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat.
Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen
Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten
wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte
ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter
wieder in der Küche stand.—"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie
ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist
noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche
gesehen".—"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er
auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber
zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte
sie, "hat noch kein Kind gespielt", und—der Bursch wurde angenommen.
Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er
und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über
die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter
nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen
Geschichte nichts wissen.
schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den
Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein
anderer es sieht.
Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die
Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein
kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der
Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und
den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die
Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch
früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so
entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat.
Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen
Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten
wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte
ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter
wieder in der Küche stand.—"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie
ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist
noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche
gesehen".—"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er
auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber
zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte
sie, "hat noch kein Kind gespielt", und—der Bursch wurde angenommen.
Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er
und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über
die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter
nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen
Geschichte nichts wissen.
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Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied über
die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und
die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen.
Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's
ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor
die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das
erstemal, daß er von Hause fortzog.
Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und
blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da
ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging
ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und
schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte
hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort,
deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging.
Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge
dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern
glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als
er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn
vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte
nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel
voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele
hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?"
fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich
sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du
sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er
spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!
Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch
vor der jenseitigen Bergwand lag. Er ließ das Auge zurückschweifen über
die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und
die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen.
Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's
ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor
die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das
erstemal, daß er von Hause fortzog.
Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und
blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da
ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging
ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und
schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte
hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort,
deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging.
Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge
dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern
glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als
er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn
vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte
nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel
voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele
hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?"
fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich
sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du
sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er
spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!
Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch
vor der jenseitigen Bergwand lag. Er ließ das Auge zurückschweifen über
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grüne Wiesen und große Häuser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte;
das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Häuser wurden
immer größer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an
der einen Seite lagen ungeheuer große, rote Häuser, vor denen Pferde
angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hügel,
Hunde saßen dabei und sahen zu. Aber über allen den Menschen und
Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschütterte, daß alles,
was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er
plötzlich ein großes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel
hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten
funkelten hundert Fenster in der Sonne, daß das Haus wie in einer Lohe
stand. Das muß die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muß der Ton
kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und
alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in
Verbindung und fühlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht
gemischte Achtung. Jetzt muß ich spielen, dachte Thrond und setzte den
Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tönte ja nicht mehr.—Da muß an
den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann
muß es daran liegen, daß ich nicht fest genug aufdrücke", und er drückte
auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm für das Lied, das die
Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein
Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fühlte, wie ihm der kalte
Schweiß übers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die
hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schön
spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei
Dank, daß Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er
vor sich hin, während er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,—
aber da—da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und
mehr zurück. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze
den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib
das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Häuser wurden
immer größer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an
der einen Seite lagen ungeheuer große, rote Häuser, vor denen Pferde
angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hügel,
Hunde saßen dabei und sahen zu. Aber über allen den Menschen und
Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschütterte, daß alles,
was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er
plötzlich ein großes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel
hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten
funkelten hundert Fenster in der Sonne, daß das Haus wie in einer Lohe
stand. Das muß die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muß der Ton
kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und
alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in
Verbindung und fühlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht
gemischte Achtung. Jetzt muß ich spielen, dachte Thrond und setzte den
Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tönte ja nicht mehr.—Da muß an
den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann
muß es daran liegen, daß ich nicht fest genug aufdrücke", und er drückte
auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm für das Lied, das die
Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein
Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fühlte, wie ihm der kalte
Schweiß übers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die
hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schön
spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei
Dank, daß Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er
vor sich hin, während er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,—
aber da—da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und
mehr zurück. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze
den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib
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wieder her!" rief er, lachte und streckte die Arme aus, und die Turmspitze
ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die
Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief
davon, weg von der Menschenschar, von den Häusern fort, über Wiesen und
Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank.
Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich
umdrehte, hörte und sah er bloß Gottes unendlichen Himmel, der über ihm
stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, daß er sich
wieder zur Erde umdrehen mußte. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein
Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der
Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie
an.—"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich
selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten müssen
herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und
schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt
weiter. "Au!" sagte die nächste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!"
sagte die dritte düster,—und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes
Weh faßte ihn; die vierte Saite,—die Saite, der er nie einen Namen zu geben
gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung,
es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen können.
Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause
zu nehmen. Aber nur noch größere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an
den zerschnittenen Saiten in die Höhe, stand auf und rief zu ihr hinunter:
"Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das
spielen kann, was ich heut gesehen habe."
*****
ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die
Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief
davon, weg von der Menschenschar, von den Häusern fort, über Wiesen und
Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank.
Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich
umdrehte, hörte und sah er bloß Gottes unendlichen Himmel, der über ihm
stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, daß er sich
wieder zur Erde umdrehen mußte. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein
Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der
Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie
an.—"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich
selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten müssen
herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und
schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt
weiter. "Au!" sagte die nächste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!"
sagte die dritte düster,—und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes
Weh faßte ihn; die vierte Saite,—die Saite, der er nie einen Namen zu geben
gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung,
es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen können.
Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause
zu nehmen. Aber nur noch größere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an
den zerschnittenen Saiten in die Höhe, stand auf und rief zu ihr hinunter:
"Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das
spielen kann, was ich heut gesehen habe."
*****
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DIE GEFÄHRLICHE FREITE
Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden:
denn dort rauften und prügelten sich Nacht für Nacht die stattlichsten
Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann
legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen
und ohne einen Birkenknüttel.—"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so
will ich sie auch behüten", sagte der Husebyer.
Tore Naesset war nur ein Häuslersohn; und doch gab es Leute, die
behaupteten, er komme am häufigsten zu der Bauerntochter von Huseby.
Dem alten Knut paßte das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er
habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins Fäustchen
und meinten, hätte er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich mit den Kerlen
zu beschäftigen, die auf dem Hof und auf der Diele herumkrakeelten, so
hätte er Tore schon gefunden.
Der Frühling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm.
Wenn dann der Tag heiß auf dem Tal lastete, und die Berge sich kühl über
dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schäferhund
bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn blies,—
dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten, das Herz
schwer. Und den nächsten Samstagabend liefen sie um die Wette hinauf.
Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der Alm
stand ein Bursch hinter der Tür und nahm alle Besucher in Empfang und
Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden:
denn dort rauften und prügelten sich Nacht für Nacht die stattlichsten
Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann
legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen
und ohne einen Birkenknüttel.—"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so
will ich sie auch behüten", sagte der Husebyer.
Tore Naesset war nur ein Häuslersohn; und doch gab es Leute, die
behaupteten, er komme am häufigsten zu der Bauerntochter von Huseby.
Dem alten Knut paßte das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er
habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins Fäustchen
und meinten, hätte er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich mit den Kerlen
zu beschäftigen, die auf dem Hof und auf der Diele herumkrakeelten, so
hätte er Tore schon gefunden.
Der Frühling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm.
Wenn dann der Tag heiß auf dem Tal lastete, und die Berge sich kühl über
dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schäferhund
bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn blies,—
dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten, das Herz
schwer. Und den nächsten Samstagabend liefen sie um die Wette hinauf.
Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der Alm
stand ein Bursch hinter der Tür und nahm alle Besucher in Empfang und
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verwichste sie so gründlich, daß sie nachher immer an die Worte dachten,
womit er sie begrüßt hatte: "Wenn Du 'n andermal wiederkommst—kriegst
Du noch mehr."
Soviel sie wußten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Fäuste hatte,
und das mußte Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernsöhne fanden, es
gehe doch über den Spaß, daß solch ein Häuslerbock dort oben auf der
Huseby-Alm so um sich stoßen dürfe.
Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hörte, und er fügte
hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen könnte, dann wollten er
und seine Söhne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber
trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem ältesten Sohn bisweilen eine
kleine Boxerei, wenn es bei einem fröhlichen Gelage gar zu still wurde.
Zur Huseby-Alm hinauf führte nur ein Weg, und der ging direkt über den
Hof. Am nächsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich
über den Hof; leichten Fußes und ahnungslos war er schon glücklich bis zur
Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst Du
von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, daß es nur so krachte. "Das
wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn am
Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und ging
ihm zu Leibe.
Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine
Weidengerte und teilte Hiebe aus, daß es nur so sauste; er duckte sich und
wand sich; wo die Schläge fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten,
kriegten sie welche. Seine Prügel freilich bekam er schließlich auch, und
das gründlich, aber der alte Knut sagte später oft, mit einem handfesteren
Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis Blut floß; da aber
sagte der Husebyer: "Halt!" und fügte hinzu: "Kommst Du nächsten
womit er sie begrüßt hatte: "Wenn Du 'n andermal wiederkommst—kriegst
Du noch mehr."
Soviel sie wußten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Fäuste hatte,
und das mußte Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernsöhne fanden, es
gehe doch über den Spaß, daß solch ein Häuslerbock dort oben auf der
Huseby-Alm so um sich stoßen dürfe.
Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hörte, und er fügte
hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen könnte, dann wollten er
und seine Söhne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber
trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem ältesten Sohn bisweilen eine
kleine Boxerei, wenn es bei einem fröhlichen Gelage gar zu still wurde.
Zur Huseby-Alm hinauf führte nur ein Weg, und der ging direkt über den
Hof. Am nächsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich
über den Hof; leichten Fußes und ahnungslos war er schon glücklich bis zur
Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst Du
von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, daß es nur so krachte. "Das
wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn am
Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und ging
ihm zu Leibe.
Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine
Weidengerte und teilte Hiebe aus, daß es nur so sauste; er duckte sich und
wand sich; wo die Schläge fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten,
kriegten sie welche. Seine Prügel freilich bekam er schließlich auch, und
das gründlich, aber der alte Knut sagte später oft, mit einem handfesteren
Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis Blut floß; da aber
sagte der Husebyer: "Halt!" und fügte hinzu: "Kommst Du nächsten
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Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, dann soll das
Mädchen Dein sein!"
Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwärts, und als er zu Hause
war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel über die Prügelei auf Huseby
gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"—Eine gab's, die das
nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so sehnlich
erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was für eine Geschichte sich zwischen ihm
und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich hin und weinte und
sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann habe ich keinen frohen
Tag mehr auf der Welt."
Tore blieb den Sonntag über liegen, und am Montag merkte er, daß er
noch länger liegen müsse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher
Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und grün, das
Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von den
Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;—hätte die Mutter nicht
in der Stube gesessen, er hätte heulen können vor Ungeduld.
Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er
wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde; am
Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte, gut in
Erinnerung: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und
seinen Jungens aus, so ist das Mädel Dein." Er schaute einmal ums andere
nach Huseby hinüber.—"Ich bekomme da doch bloß meine Prügel", dachte
Tore.
Zur Huseby-Alm hinauf führte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein
tüchtiger Kerl mußte doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade
den richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum,
und dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall
hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, daß die Geiß nur mit knapper
Mädchen Dein sein!"
Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwärts, und als er zu Hause
war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel über die Prügelei auf Huseby
gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"—Eine gab's, die das
nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so sehnlich
erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was für eine Geschichte sich zwischen ihm
und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich hin und weinte und
sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann habe ich keinen frohen
Tag mehr auf der Welt."
Tore blieb den Sonntag über liegen, und am Montag merkte er, daß er
noch länger liegen müsse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher
Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und grün, das
Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von den
Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;—hätte die Mutter nicht
in der Stube gesessen, er hätte heulen können vor Ungeduld.
Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er
wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde; am
Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte, gut in
Erinnerung: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und
seinen Jungens aus, so ist das Mädel Dein." Er schaute einmal ums andere
nach Huseby hinüber.—"Ich bekomme da doch bloß meine Prügel", dachte
Tore.
Zur Huseby-Alm hinauf führte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein
tüchtiger Kerl mußte doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade
den richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum,
und dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall
hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, daß die Geiß nur mit knapper
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Not weiden konnte, und die pflegt doch im Gebirge nicht gerade ängstlich
zu sein.
Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag draußen herum;—
die Sonne lachte, daß es in den Büschen sproßte, und in einem fort jodelte
und lockte es von den Bergen her. Er saß noch vor der Tür, als es auf den
Abend ging und ein dampfender Nebel an den Hängen emporkroch. Er
blickte nach oben,—dort war es still; er blickte nach Huseby hinüber,—und
dann stieß er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge herum.
Auf der Alm saß Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore
könne diesen Abend gewiß nicht kommen; statt seiner werde aber wohl
manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schäferhund los und sagte
niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, daß sie das Tal überschauen
konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich auch nicht,
hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach. Sie ging also
weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern Seite des Bergs.
Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See hinaus. Der senkte ihr
Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See hinaus. Da kam ihr die
Lust, zu singen; sie wählte ein Lied mit lang schwingenden Tönen, und der
Klang ging weit in die stille Nacht hinaus. Es machte ihr selbst Vergnügen,
und deshalb sang sie noch einen Vers. Aber da war's ihr, als antworte
jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was kann das sein?" dachte Aslaug; sie
ging bis an den Abhang und schlang die Arme um eine schwanke Birke, die
sich zitternd nach unten neigte. Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der
Fjord lag still da und ruhte; kein Vogel strich darüber hin. Aslaug setzte sich
wieder und sang weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton,
näher als das erstemal. "Da muß doch was los sein"! Aslaug sprang auf und
beugte sich hinüber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das
hier angelegt hatte; und so tief unten lag es, daß es aussah wie eine kleine
Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und erspähten eine rote Mütze
zu sein.
Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag draußen herum;—
die Sonne lachte, daß es in den Büschen sproßte, und in einem fort jodelte
und lockte es von den Bergen her. Er saß noch vor der Tür, als es auf den
Abend ging und ein dampfender Nebel an den Hängen emporkroch. Er
blickte nach oben,—dort war es still; er blickte nach Huseby hinüber,—und
dann stieß er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge herum.
Auf der Alm saß Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore
könne diesen Abend gewiß nicht kommen; statt seiner werde aber wohl
manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schäferhund los und sagte
niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, daß sie das Tal überschauen
konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich auch nicht,
hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach. Sie ging also
weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern Seite des Bergs.
Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See hinaus. Der senkte ihr
Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See hinaus. Da kam ihr die
Lust, zu singen; sie wählte ein Lied mit lang schwingenden Tönen, und der
Klang ging weit in die stille Nacht hinaus. Es machte ihr selbst Vergnügen,
und deshalb sang sie noch einen Vers. Aber da war's ihr, als antworte
jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was kann das sein?" dachte Aslaug; sie
ging bis an den Abhang und schlang die Arme um eine schwanke Birke, die
sich zitternd nach unten neigte. Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der
Fjord lag still da und ruhte; kein Vogel strich darüber hin. Aslaug setzte sich
wieder und sang weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton,
näher als das erstemal. "Da muß doch was los sein"! Aslaug sprang auf und
beugte sich hinüber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das
hier angelegt hatte; und so tief unten lag es, daß es aussah wie eine kleine
Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und erspähten eine rote Mütze
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und darunter einen Burschen, der die fast senkrechte Bergwand
hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, ließ die Birke
los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu
beantworten, denn sie wußte ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die
Halde und packte das Gras mit beiden Händen, als sei sie Tore und dürfe
nicht loslassen. Aber die Graswurzeln lösten sich aus dem Erdboden,—sie
schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmächtigen, Tore zu helfen. Aber
da schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit seinem
Tun, und deshalb könne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine Mal", betete
sie, und sie faßte den Hund um, als sei es Tore, den sie festhalten müsse; sie
rollte mit ihm über die Halde hin, und die Zeit schien ihr endlos. Aber da riß
sich der Hund los. "Wau, wau!" kläffte er den Berg hinunter und wedelte
mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu Aslaug und sprang mit den
Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder den Berg hinunter—und da
tauchte eine rote Mütze über dem Bergrand auf, und Tore lag an ihrer Brust.
Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein Wort über seine Lippen zu
bringen, und das, was er schließlich sagte, hatte nicht Sinn noch Verstand.
Doch als der alte Knut Huseby dies hörte, da sagte er etwas, das Sinn und
Verstand hatte; er sagte nämlich: "Der Bursch hat sie verdient; der soll das
Mädel haben."
*****
hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, ließ die Birke
los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu
beantworten, denn sie wußte ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die
Halde und packte das Gras mit beiden Händen, als sei sie Tore und dürfe
nicht loslassen. Aber die Graswurzeln lösten sich aus dem Erdboden,—sie
schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmächtigen, Tore zu helfen. Aber
da schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit seinem
Tun, und deshalb könne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine Mal", betete
sie, und sie faßte den Hund um, als sei es Tore, den sie festhalten müsse; sie
rollte mit ihm über die Halde hin, und die Zeit schien ihr endlos. Aber da riß
sich der Hund los. "Wau, wau!" kläffte er den Berg hinunter und wedelte
mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu Aslaug und sprang mit den
Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder den Berg hinunter—und da
tauchte eine rote Mütze über dem Bergrand auf, und Tore lag an ihrer Brust.
Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein Wort über seine Lippen zu
bringen, und das, was er schließlich sagte, hatte nicht Sinn noch Verstand.
Doch als der alte Knut Huseby dies hörte, da sagte er etwas, das Sinn und
Verstand hatte; er sagte nämlich: "Der Bursch hat sie verdient; der soll das
Mädel haben."
*****
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SYNNÖVE SOLBAKKEN
Erstes Kapitel
In unsern weiten Tälern ragt wohl manchmal eine größere Anhöhe
empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen
Tag über bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuß der Felsen und auf
sonnenärmeren Plätzen wohnen, nennen solche Anhöhe: Solbakken, d.h.
Sonnenhügel. Das Mädel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf
solchem Sonnenhügel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort
blieb der Schnee im Herbst am spätesten liegen und schmolz im Frühling
am zeitigsten.
Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt,
weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleißigten, die Bibel zu lesen.
Der Mann hieß Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der
starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der
Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern
nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheißen, und sie
wurde Synnöv getauft, weil sie nichts ähnlicher Klingendes finden konnten.
Aber die Mutter sagte immer "Synnöve": sie hatte nämlich, als das Kind
noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein "mein"
hinzuzufügen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von der Zunge,
Erstes Kapitel
In unsern weiten Tälern ragt wohl manchmal eine größere Anhöhe
empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen
Tag über bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuß der Felsen und auf
sonnenärmeren Plätzen wohnen, nennen solche Anhöhe: Solbakken, d.h.
Sonnenhügel. Das Mädel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf
solchem Sonnenhügel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort
blieb der Schnee im Herbst am spätesten liegen und schmolz im Frühling
am zeitigsten.
Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt,
weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleißigten, die Bibel zu lesen.
Der Mann hieß Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der
starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der
Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern
nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheißen, und sie
wurde Synnöv getauft, weil sie nichts ähnlicher Klingendes finden konnten.
Aber die Mutter sagte immer "Synnöve": sie hatte nämlich, als das Kind
noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein "mein"
hinzuzufügen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von der Zunge,
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gleichviel—als das Mädchen größer wurde, hieß sie bei allen so wie bei
ihrer Mutter: Synnöve. Und es gab nur eine Stimme; seit
Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mädchen
aufgewachsen, wie Synnöve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter
nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in
die Kirche, obgleich Synnöve zunächst nicht mehr verstand, als daß der
Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel
sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,—"damit sie sich daran
gewöhne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen könne,
wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepaßt würde". Fing auf dem
Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkümmern an,
erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnöve geschenkt, und
von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte
nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgültig, wem es gehörte
wenn es nur gedieh".
Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof,
der Granliden, d.i. Tannwald, hieß, weil er mitten in einem großen
Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgroßvater des
jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft befunden,
die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten, und hatte
von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwürdiger Samensorten
mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im Lauf der Zeit war
ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den Tannäpfeln, die
wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren, erstand ein dichter
Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten beschattete. "Der Holsteinfahrer"
hatte Thorbjörn nach seinem Großvater geheißen, und sein ältester Sohn
wieder nach seinem Großvater: Sämund, und in der Folge trugen die
Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen: Thorbjörn und Sämund—seit
schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die Sage, nur immer der in der
Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden Glück, und zwar kein
ihrer Mutter: Synnöve. Und es gab nur eine Stimme; seit
Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mädchen
aufgewachsen, wie Synnöve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter
nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in
die Kirche, obgleich Synnöve zunächst nicht mehr verstand, als daß der
Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel
sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,—"damit sie sich daran
gewöhne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen könne,
wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepaßt würde". Fing auf dem
Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkümmern an,
erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnöve geschenkt, und
von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte
nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgültig, wem es gehörte
wenn es nur gedieh".
Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof,
der Granliden, d.i. Tannwald, hieß, weil er mitten in einem großen
Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgroßvater des
jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft befunden,
die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten, und hatte
von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwürdiger Samensorten
mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im Lauf der Zeit war
ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den Tannäpfeln, die
wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren, erstand ein dichter
Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten beschattete. "Der Holsteinfahrer"
hatte Thorbjörn nach seinem Großvater geheißen, und sein ältester Sohn
wieder nach seinem Großvater: Sämund, und in der Folge trugen die
Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen: Thorbjörn und Sämund—seit
schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die Sage, nur immer der in der
Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden Glück, und zwar kein
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"Thorbjörn". Als dem jetzigen Besitzer Sämund ein Sohn geboren wurde,
kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht den Mut, sich gegen den
Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind wieder Thorbjörn. Er
sann, ob der Junge nicht so erzogen werden könne, daß er um den Stein des
Anstoßes, den ihm das Gerede in den Weg gelegt hatte, glatt herumkomme.
Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu bemerken, daß der Bengel ein
Hitzkopf sei. "Das wollen wir ihm schon austreiben", sagte Sämund zu
seiner Frau, und als Thorbjörn drei Jahr alt war, saß sein Vater manchmal
mit der Rute in der Hand bei ihm und zwang ihn, die zerstreuten Holzspäne
auf ihren richtigen Platz zu tragen, den Tassenkopf, den er
heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze, die er gekniffen hatte, zu
streicheln. Währenddessen ging die Mutter meistens aus der Stube.
Sämund wunderte sich sehr, daß er immer mehr an dem Jungen zu
verbessern fand, je größer der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen
an und nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die
Mutter hatte ein großes Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie
konnte nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu
streicheln und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den
Feiertagen, da sie Zeit für einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjörn
aber dachte sich, wenn er Prügel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet,
oder wenn ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu
hauen, womit ihn sein Vater schlug: "Es ist doch merkwürdig, daß ich es so
schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!"
Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm
reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal, als
sie gerade mit dem nassen Heu beschäftigt waren, entfuhr ihm doch eine
Frage: "Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und
eingebracht, wenn es bei uns noch naß draußen liegt?"—"Weil sie dort
mehr Sonne haben als wir."—Da merkte er zum ersten Male, daß der
kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht den Mut, sich gegen den
Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind wieder Thorbjörn. Er
sann, ob der Junge nicht so erzogen werden könne, daß er um den Stein des
Anstoßes, den ihm das Gerede in den Weg gelegt hatte, glatt herumkomme.
Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu bemerken, daß der Bengel ein
Hitzkopf sei. "Das wollen wir ihm schon austreiben", sagte Sämund zu
seiner Frau, und als Thorbjörn drei Jahr alt war, saß sein Vater manchmal
mit der Rute in der Hand bei ihm und zwang ihn, die zerstreuten Holzspäne
auf ihren richtigen Platz zu tragen, den Tassenkopf, den er
heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze, die er gekniffen hatte, zu
streicheln. Währenddessen ging die Mutter meistens aus der Stube.
Sämund wunderte sich sehr, daß er immer mehr an dem Jungen zu
verbessern fand, je größer der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen
an und nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die
Mutter hatte ein großes Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie
konnte nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu
streicheln und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den
Feiertagen, da sie Zeit für einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjörn
aber dachte sich, wenn er Prügel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet,
oder wenn ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu
hauen, womit ihn sein Vater schlug: "Es ist doch merkwürdig, daß ich es so
schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!"
Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm
reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal, als
sie gerade mit dem nassen Heu beschäftigt waren, entfuhr ihm doch eine
Frage: "Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und
eingebracht, wenn es bei uns noch naß draußen liegt?"—"Weil sie dort
mehr Sonne haben als wir."—Da merkte er zum ersten Male, daß der
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Sonnenglanz, an dem er sich oft erfreut hatte, für die drüben sei, und er
eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er häufiger als früher nach
Solbakken hinüber. "Sitz nicht so da und reiße den Mund auf," sagte der
Vater und versetzte ihm einen Puff; "hier müssen alle rackern, die Großen
wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen."
Als Thorbjörn sieben oder acht Jahr alt war, nahm Sämund einen neuen
Jungknecht an; er hieß Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon weit
in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder
schon im Bett, aber wie Thorbjörn am nächsten Morgen am Tisch vor
seinem Lesebuch saß, schlug einer die Stubentür mit einem Fußtritt auf, wie
ihn Thorbjörn noch nie gehört hatte—und das war Aslak, der nun mit einem
großen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem
Schwung auf die Diele warf, daß sie nur so herumflogen. Dann hopste er in
die Höhe, um den Schnee abzuschütteln, und rief bei jedem Hopser: "Kalt
ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Gürtel im Eis steckte!" Der Vater
war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen und trug ihn, ohne ein
Wort zu sagen, hinaus.—"Nach was glotzt Du denn?" fragte Aslak den
Thorbjörn. "Nach nichts", sagte der Junge, denn er hatte Angst. "Hast Du
schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch gesehen?"—"Ja."—"Wenn's
Buch zu ist, sind auch 'ne Menge Hühner um ihn herum,—hast Du das auch
schon gesehen?"—"Nein."—"Na, dann sieh mal nach."—Der Junge tat's.
—"Schafskopf!" sagte Aslak zu ihm.—Aber von dieser Stunde an hatte
keiner soviel Macht über ihn wie Aslak.
"Du kannst gar nichts", sagte eines Tages Aslak zu Thorbjörn, als der wie
gewöhnlich hinter ihm herstapfte.—"Ja, ich kann schon alles bis zur vierten
Seite."—"Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom Troll
gehört, der mit dem Mädchen solange tanzte, bis die Sonne aufging, und
dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!" So große
Kenntnisse hatte Thorbjörn noch nie auf einmal gehört. "Wo war das?"
eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er häufiger als früher nach
Solbakken hinüber. "Sitz nicht so da und reiße den Mund auf," sagte der
Vater und versetzte ihm einen Puff; "hier müssen alle rackern, die Großen
wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen."
Als Thorbjörn sieben oder acht Jahr alt war, nahm Sämund einen neuen
Jungknecht an; er hieß Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon weit
in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder
schon im Bett, aber wie Thorbjörn am nächsten Morgen am Tisch vor
seinem Lesebuch saß, schlug einer die Stubentür mit einem Fußtritt auf, wie
ihn Thorbjörn noch nie gehört hatte—und das war Aslak, der nun mit einem
großen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem
Schwung auf die Diele warf, daß sie nur so herumflogen. Dann hopste er in
die Höhe, um den Schnee abzuschütteln, und rief bei jedem Hopser: "Kalt
ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Gürtel im Eis steckte!" Der Vater
war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen und trug ihn, ohne ein
Wort zu sagen, hinaus.—"Nach was glotzt Du denn?" fragte Aslak den
Thorbjörn. "Nach nichts", sagte der Junge, denn er hatte Angst. "Hast Du
schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch gesehen?"—"Ja."—"Wenn's
Buch zu ist, sind auch 'ne Menge Hühner um ihn herum,—hast Du das auch
schon gesehen?"—"Nein."—"Na, dann sieh mal nach."—Der Junge tat's.
—"Schafskopf!" sagte Aslak zu ihm.—Aber von dieser Stunde an hatte
keiner soviel Macht über ihn wie Aslak.
"Du kannst gar nichts", sagte eines Tages Aslak zu Thorbjörn, als der wie
gewöhnlich hinter ihm herstapfte.—"Ja, ich kann schon alles bis zur vierten
Seite."—"Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom Troll
gehört, der mit dem Mädchen solange tanzte, bis die Sonne aufging, und
dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!" So große
Kenntnisse hatte Thorbjörn noch nie auf einmal gehört. "Wo war das?"
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fragte er.—"Wo das war? Das war dort drüben in Solbakken."—"Hast Du
denn schon von dem Mann gehört, der sich dem Teufel für ein paar alte
Stiefel verschrieben hat?"—Thorbjörn erstaunte dermaßen, daß er vergaß zu
antworten.—"Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in
Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der
Christenlehre hapert's noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht mal
von Kari Baumrock gehört?"—"Nein"; von der hatte er noch nicht gehört.
Und während Aslak nun arbeitete, erzählte er immer schneller von Kari
Baumrock, von der Mühle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom
Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm
festsaß, von den sieben grünen Jungfrauen, die aus Schützenpeters Wade
die Haare zupften, während er schlief und gar nicht aufwachen konnte,—
und das war alles in Solbakken passiert.—"Lieber Gott, was ist denn heute
in den Jungen gefahren?" sagte die Mutter am nächsten Tage, "er kniet
schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach Solbakken
'rüber."—"Ja, heute strengt er sich an", sagte der Vater, der seine Glieder
reckte und sich den ganzen Sonntag über ausruhte. "Er hat sich mit
Synnöve Solbakken versprochen, erzählen die Leute," meinte Aslak,—"die
Leute erzählen ja soviel", setzte er hinzu. Thorbjörn verstand das nicht
recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als Aslak darauf
aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank, nahm seinen
Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. "Tröste Dich nur mit Gottes
Wort," sagte Aslak, "Du kriegst sie ja doch nicht."
Gegen Ende der Woche dachte Thorbjörn: nun haben die anderen die
Sache vergessen,—und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er
schämte sich ein bißchen): "Du, wer ist denn Synnöve Solbakken?"—"Ein
kleines Mädchen, dem mal Solbakken gehören wird."—"Hat sie auch einen
Baumrock an?" Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. "Was sagst Du
da?" Er merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. "Ein
hübscheres Kind hat noch keiner gesehen," fügte die Mutter hinzu, "und die
denn schon von dem Mann gehört, der sich dem Teufel für ein paar alte
Stiefel verschrieben hat?"—Thorbjörn erstaunte dermaßen, daß er vergaß zu
antworten.—"Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in
Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der
Christenlehre hapert's noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht mal
von Kari Baumrock gehört?"—"Nein"; von der hatte er noch nicht gehört.
Und während Aslak nun arbeitete, erzählte er immer schneller von Kari
Baumrock, von der Mühle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom
Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm
festsaß, von den sieben grünen Jungfrauen, die aus Schützenpeters Wade
die Haare zupften, während er schlief und gar nicht aufwachen konnte,—
und das war alles in Solbakken passiert.—"Lieber Gott, was ist denn heute
in den Jungen gefahren?" sagte die Mutter am nächsten Tage, "er kniet
schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach Solbakken
'rüber."—"Ja, heute strengt er sich an", sagte der Vater, der seine Glieder
reckte und sich den ganzen Sonntag über ausruhte. "Er hat sich mit
Synnöve Solbakken versprochen, erzählen die Leute," meinte Aslak,—"die
Leute erzählen ja soviel", setzte er hinzu. Thorbjörn verstand das nicht
recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als Aslak darauf
aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank, nahm seinen
Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. "Tröste Dich nur mit Gottes
Wort," sagte Aslak, "Du kriegst sie ja doch nicht."
Gegen Ende der Woche dachte Thorbjörn: nun haben die anderen die
Sache vergessen,—und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er
schämte sich ein bißchen): "Du, wer ist denn Synnöve Solbakken?"—"Ein
kleines Mädchen, dem mal Solbakken gehören wird."—"Hat sie auch einen
Baumrock an?" Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. "Was sagst Du
da?" Er merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. "Ein
hübscheres Kind hat noch keiner gesehen," fügte die Mutter hinzu, "und die
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Hübschheit hat ihr unser Herrgott zum Lohn beschert, weil sie immer artig
und brav ist und sehr fleißig beim Lernen." Nun wußte er's und konnt' es
beherzigen.
Sämund hatte einmal mit Aslak im Feld zusammen gearbeitet; am Abend
desselben Tages sagte er zu Thorbjörn: "Daß Du mir nicht mehr mit dem
Knecht zusammensteckst!" Aber Thorbjörn achtete nicht darauf. Einige Zeit
darauf hieß es wieder: "Find' ich Dich noch mal bei ihm, dann geht's Dir
schlecht!"—Da schlich der Junge Aslak nach, wenn es der Vater nicht sah.
Der überraschte sie, als sie wieder beisammensaßen und plauderten;
Thorbjörn bekam Prügel und wurde in die Stube gejagt. Später wartete er
auf die Gelegenheit, wenn sein Vater im Felde zu tun hatte.
An einem Sonntag, da der Vater in der Kirche war, machte Thorbjörn zu
Hause dumme Streiche. Aslak und er warfen sich mit Schneebällen. "Nein,
Du tust mir weh,—wir wollen nach was anderem werfen", bat Thorbjörn.
Aslak war sofort bereit, und so warfen sie zuerst nach der dünnen Tanne
beim Vorratsschuppen, dann nach dem Schuppentor und endlich nach dem
Fenster.—"Nicht nach den Scheiben, sondern nach dem Rahmen", sagte
Aslak. Aber Thorbjörn traf eine Scheibe; er wurde ganz blaß. "Schadet
nichts, wer hat's denn gesehen? wirf nochmal und besser!" Thorbjörn traf
wieder eine Scheibe. "Jetzt will ich nicht mehr." Im selben Augenblick trat
seine älteste Schwester, die kleine Ingrid aus dem Hause. "Du, wirf nach
der mal!" Und Thorbjörn tat, wie ihm geheißen; das Mädchen weinte, die
Mutter kam heraus und sagte dem Jungen, er solle aufhören. "Wirf, wirf",
flüsterte Aslak. Thorbjörn—aufgeregt und in Hitze—warf.—"Du bist wohl
nicht mehr richtig im Kopf", sagte die Mutter und lief auf ihn zu. Da rannte
er fort, sie hinterdrein; Aslak lachte, die Mutter drohte; endlich faßte sie den
Jungen vor einem Schneehaufen und hob schon die Hände, um ihn
ordentlich durchzubläuen.—"Ich haue wieder," rief er, "das ist hier so
Sitte." Die Mutter ließ ganz betroffen die Hände sinken und sah ihn an.
und brav ist und sehr fleißig beim Lernen." Nun wußte er's und konnt' es
beherzigen.
Sämund hatte einmal mit Aslak im Feld zusammen gearbeitet; am Abend
desselben Tages sagte er zu Thorbjörn: "Daß Du mir nicht mehr mit dem
Knecht zusammensteckst!" Aber Thorbjörn achtete nicht darauf. Einige Zeit
darauf hieß es wieder: "Find' ich Dich noch mal bei ihm, dann geht's Dir
schlecht!"—Da schlich der Junge Aslak nach, wenn es der Vater nicht sah.
Der überraschte sie, als sie wieder beisammensaßen und plauderten;
Thorbjörn bekam Prügel und wurde in die Stube gejagt. Später wartete er
auf die Gelegenheit, wenn sein Vater im Felde zu tun hatte.
An einem Sonntag, da der Vater in der Kirche war, machte Thorbjörn zu
Hause dumme Streiche. Aslak und er warfen sich mit Schneebällen. "Nein,
Du tust mir weh,—wir wollen nach was anderem werfen", bat Thorbjörn.
Aslak war sofort bereit, und so warfen sie zuerst nach der dünnen Tanne
beim Vorratsschuppen, dann nach dem Schuppentor und endlich nach dem
Fenster.—"Nicht nach den Scheiben, sondern nach dem Rahmen", sagte
Aslak. Aber Thorbjörn traf eine Scheibe; er wurde ganz blaß. "Schadet
nichts, wer hat's denn gesehen? wirf nochmal und besser!" Thorbjörn traf
wieder eine Scheibe. "Jetzt will ich nicht mehr." Im selben Augenblick trat
seine älteste Schwester, die kleine Ingrid aus dem Hause. "Du, wirf nach
der mal!" Und Thorbjörn tat, wie ihm geheißen; das Mädchen weinte, die
Mutter kam heraus und sagte dem Jungen, er solle aufhören. "Wirf, wirf",
flüsterte Aslak. Thorbjörn—aufgeregt und in Hitze—warf.—"Du bist wohl
nicht mehr richtig im Kopf", sagte die Mutter und lief auf ihn zu. Da rannte
er fort, sie hinterdrein; Aslak lachte, die Mutter drohte; endlich faßte sie den
Jungen vor einem Schneehaufen und hob schon die Hände, um ihn
ordentlich durchzubläuen.—"Ich haue wieder," rief er, "das ist hier so
Sitte." Die Mutter ließ ganz betroffen die Hände sinken und sah ihn an.
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"Das hast Du von einem andern", sagte sie darauf, nahm ihn still bei der
Hand und führte ihn in die Stube. Sie sprach kein Wort mehr mit ihm,
beschäftigte sich mit seinen kleinen Geschwistern und erzählte ihnen, Vater
komme bald aus der Kirche nach Hause. Da begann es tüchtig heiß in der
Stube zu werden. Aslak bat um Erlaubnis, einen Verwandten zu besuchen,
und durfte gleich gehen; aber Thorbjörn wurde viel kleiner, als Aslak
gegangen war. Er hatte schauderhaftes Magendrücken und so feuchte
Hände, daß er damit Flecke in sein Buch machte. Wenn Mutter nur Vater
nichts sagen wollte, wenn er käme; aber sie darum zu bitten, das kriegte er
nicht fertig. Es wurde ihm ganz grün vor den Augen—und die Uhr an der
Wand sagte: "Klaps, klaps". Er mußte zum Fenster hin und nach Solbakken
sehen. Das lag still wie immer und verschneit da und glänzte wie
perlenbedeckt in der Sonne: das Haus lachte aus allen Fensterscheiben, und
von denen war gewiß keine entzwei; der Rauch zog höchst vergnügt aus
dem Schornstein und sagte Thorbjörn, daß auch dort für die Kirchgänger
gekocht wurde; Synnöve sah bestimmt nach ihrem Vater aus und würde
nicht ein bißchen Prügel kriegen. Der Junge wußte nicht mehr recht, was er
anfangen sollte, und wurde mit einemmal schrecklich zärtlich mit seinen
Schwestern. Gegen Ingrid war er besonders gut und schenkte ihr sogar
einen blanken Knopf, den er von Aslak bekommen hatte. Sie schlang ihre
Arme um seinen Hals, und er umarmte sie auch. "Liebes Ingridchen, bist
Du mir böse?"—"Nein, liebes Thorbjörnchen, Du kannst mich soviel
schneeballen, wie Du willst." Aber da schüttelte sich jemand mit
Auftrampeln draußen auf dem Flur den Schnee ab. Und richtig,—das war
Vater. Er schien in sanfter und guter Stimmung zu sein; und das war noch
schlimmer. "Na", sagte er und sah sich um;—es war merkwürdig, daß die
Wanduhr nicht auf die Diele rasselte. Die Mutter brachte das Essen. "Wie
geht's, wie steht's?" fragte der Vater, setzte sich hin und nahm seinen Löffel.
Thorbjörn sah seine Mutter an; die Tränen kamen ihm dabei in die Augen.
"So lala", sagte sie unglaublich langsam, und er merkte wohl, daß sie noch
Hand und führte ihn in die Stube. Sie sprach kein Wort mehr mit ihm,
beschäftigte sich mit seinen kleinen Geschwistern und erzählte ihnen, Vater
komme bald aus der Kirche nach Hause. Da begann es tüchtig heiß in der
Stube zu werden. Aslak bat um Erlaubnis, einen Verwandten zu besuchen,
und durfte gleich gehen; aber Thorbjörn wurde viel kleiner, als Aslak
gegangen war. Er hatte schauderhaftes Magendrücken und so feuchte
Hände, daß er damit Flecke in sein Buch machte. Wenn Mutter nur Vater
nichts sagen wollte, wenn er käme; aber sie darum zu bitten, das kriegte er
nicht fertig. Es wurde ihm ganz grün vor den Augen—und die Uhr an der
Wand sagte: "Klaps, klaps". Er mußte zum Fenster hin und nach Solbakken
sehen. Das lag still wie immer und verschneit da und glänzte wie
perlenbedeckt in der Sonne: das Haus lachte aus allen Fensterscheiben, und
von denen war gewiß keine entzwei; der Rauch zog höchst vergnügt aus
dem Schornstein und sagte Thorbjörn, daß auch dort für die Kirchgänger
gekocht wurde; Synnöve sah bestimmt nach ihrem Vater aus und würde
nicht ein bißchen Prügel kriegen. Der Junge wußte nicht mehr recht, was er
anfangen sollte, und wurde mit einemmal schrecklich zärtlich mit seinen
Schwestern. Gegen Ingrid war er besonders gut und schenkte ihr sogar
einen blanken Knopf, den er von Aslak bekommen hatte. Sie schlang ihre
Arme um seinen Hals, und er umarmte sie auch. "Liebes Ingridchen, bist
Du mir böse?"—"Nein, liebes Thorbjörnchen, Du kannst mich soviel
schneeballen, wie Du willst." Aber da schüttelte sich jemand mit
Auftrampeln draußen auf dem Flur den Schnee ab. Und richtig,—das war
Vater. Er schien in sanfter und guter Stimmung zu sein; und das war noch
schlimmer. "Na", sagte er und sah sich um;—es war merkwürdig, daß die
Wanduhr nicht auf die Diele rasselte. Die Mutter brachte das Essen. "Wie
geht's, wie steht's?" fragte der Vater, setzte sich hin und nahm seinen Löffel.
Thorbjörn sah seine Mutter an; die Tränen kamen ihm dabei in die Augen.
"So lala", sagte sie unglaublich langsam, und er merkte wohl, daß sie noch
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mehr sagen wollte. "Ich habe Aslak erlaubt, auszugehen", sagte sie.—"Für
diesmal bin ich durch", dachte Thorbjörn—und fing mit Ingrid zu spielen
an, als ob nichts andres seine Gedanken beschäftige. So lange hatte Vater
sich noch nie beim Essen aufgehalten, und Thorbjörn suchte ihm jeden
Bissen nachzuzählen, aber als er bis zum vierten gekommen war, wollte er
ausprobieren, wie weit er zwischen dem vierten und fünften zählen könne,
und da geriet er ganz aus der Ordnung. Endlich stand der Vater auf und ging
hinaus. Die Scheiben, die Scheiben klirrten in des Jungen Ohren, und er sah
nach, ob sie ganz seien, die in der Stube. Ja, die waren alle ganz. Aber jetzt
ging Mutter dem Vater nach. Thorbjörn nahm die kleine Ingrid auf den
Schoß und sagte so sanft, daß sie ihn ganz erstaunt ansah: "Wollen wir nicht
beide 'Goldkönigin auf der Wiese' spielen, Du und ich?" Ja, das wollte sie
gern. Und nun sang er, während die Beine unter ihm zitterten:
Feine Blume,
Wiesenblume,
Höre mir jetzt zu!
Und willst Du meine Liebste sein,
Dann kriegst Du einen Mantel fein,
Mit Gold in Hauf
Und Perlen darauf;
Bimmel, Bammel, Bimmel,
Wie lacht die Sonne vom Himmel!
Da antwortete sie:
Goldkönigin,
Perlenkönigin,
Höre mir jetzt zu:
Mag nicht Deine Liebste sein,
Mag nicht Deinen Mantel fein,
diesmal bin ich durch", dachte Thorbjörn—und fing mit Ingrid zu spielen
an, als ob nichts andres seine Gedanken beschäftige. So lange hatte Vater
sich noch nie beim Essen aufgehalten, und Thorbjörn suchte ihm jeden
Bissen nachzuzählen, aber als er bis zum vierten gekommen war, wollte er
ausprobieren, wie weit er zwischen dem vierten und fünften zählen könne,
und da geriet er ganz aus der Ordnung. Endlich stand der Vater auf und ging
hinaus. Die Scheiben, die Scheiben klirrten in des Jungen Ohren, und er sah
nach, ob sie ganz seien, die in der Stube. Ja, die waren alle ganz. Aber jetzt
ging Mutter dem Vater nach. Thorbjörn nahm die kleine Ingrid auf den
Schoß und sagte so sanft, daß sie ihn ganz erstaunt ansah: "Wollen wir nicht
beide 'Goldkönigin auf der Wiese' spielen, Du und ich?" Ja, das wollte sie
gern. Und nun sang er, während die Beine unter ihm zitterten:
Feine Blume,
Wiesenblume,
Höre mir jetzt zu!
Und willst Du meine Liebste sein,
Dann kriegst Du einen Mantel fein,
Mit Gold in Hauf
Und Perlen darauf;
Bimmel, Bammel, Bimmel,
Wie lacht die Sonne vom Himmel!
Da antwortete sie:
Goldkönigin,
Perlenkönigin,
Höre mir jetzt zu:
Mag nicht Deine Liebste sein,
Mag nicht Deinen Mantel fein,
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Mit Gold in Hauf
Und Perlen darauf;
Bimmel, Bammel, Bimmel,
Wie lacht die Sonne vom Himmel!
Doch als das Spiel im besten Gange war, trat der Vater wieder in die
Stube und sah Thorbjörn groß an. Der drückte sich fester an Ingrid und fiel
nicht mal vom Stuhl herunter. Der Vater drehte sich um und sagte nichts;
eine halbe Stunde verging, und er hatte immer noch nichts gesagt,—und der
Junge war schon fast beruhigt und wäre beinahe vergnügt geworden; aber
das traute er sich doch nicht. Er wußte gar nicht mehr, was er denken sollte,
als ihm der Vater selbst beim Ausziehen half; er fing wieder an, etwas zu
zittern; da tätschelte ihm der Vater den Kopf und streichelte ihm die
Backen; das war Thorbjörn nicht passiert, so lange er denken konnte, und
deshalb wurde ihm so warm um das Herz und im ganzen Körper, daß seine
Furcht zerrann, wie Eis im Sonnenstrahl. Er wußte nicht, wie er in das Bett
kam, und da er weder singen noch laut reden durfte, faltete er still die
Hände, betete ganz leise sechsmal das Vaterunser vorwärts und rückwärts
und fühlte, während er einschlief, daß er doch niemand auf Gottes grüner
Erde so lieb habe wie seinen Vater.
Als er am nächsten Morgen im Halbschlaf dalag, empfand er einen
schrecklichen Angstdruck: er sollte Prügel kriegen, wollte schreien, konnte
aber nicht. Da er die Augen aufschlug, merkte er zu seiner großen
Erleichterung, daß er nur geträumt, aber er merkte auch bald, daß ein
anderer Prügel kriegen sollte, nämlich Aslak. Sämund ging in der Stube auf
und ab—und was solcher Gang zu bedeuten hatte, das wußte Thorbjörn
genau. Der etwas kleine, doch stämmige Mann sah unter den buschigen
Augenbrauen manchmal derart Aslak an, daß der hinlänglich spürte, was in
der Luft lag; Aslak selbst saß auf dem Bodenrand einer umgekippten großen
Tonne und ließ seine Beine herunterbaumeln oder zog sie über Kreuz in die
Und Perlen darauf;
Bimmel, Bammel, Bimmel,
Wie lacht die Sonne vom Himmel!
Doch als das Spiel im besten Gange war, trat der Vater wieder in die
Stube und sah Thorbjörn groß an. Der drückte sich fester an Ingrid und fiel
nicht mal vom Stuhl herunter. Der Vater drehte sich um und sagte nichts;
eine halbe Stunde verging, und er hatte immer noch nichts gesagt,—und der
Junge war schon fast beruhigt und wäre beinahe vergnügt geworden; aber
das traute er sich doch nicht. Er wußte gar nicht mehr, was er denken sollte,
als ihm der Vater selbst beim Ausziehen half; er fing wieder an, etwas zu
zittern; da tätschelte ihm der Vater den Kopf und streichelte ihm die
Backen; das war Thorbjörn nicht passiert, so lange er denken konnte, und
deshalb wurde ihm so warm um das Herz und im ganzen Körper, daß seine
Furcht zerrann, wie Eis im Sonnenstrahl. Er wußte nicht, wie er in das Bett
kam, und da er weder singen noch laut reden durfte, faltete er still die
Hände, betete ganz leise sechsmal das Vaterunser vorwärts und rückwärts
und fühlte, während er einschlief, daß er doch niemand auf Gottes grüner
Erde so lieb habe wie seinen Vater.
Als er am nächsten Morgen im Halbschlaf dalag, empfand er einen
schrecklichen Angstdruck: er sollte Prügel kriegen, wollte schreien, konnte
aber nicht. Da er die Augen aufschlug, merkte er zu seiner großen
Erleichterung, daß er nur geträumt, aber er merkte auch bald, daß ein
anderer Prügel kriegen sollte, nämlich Aslak. Sämund ging in der Stube auf
und ab—und was solcher Gang zu bedeuten hatte, das wußte Thorbjörn
genau. Der etwas kleine, doch stämmige Mann sah unter den buschigen
Augenbrauen manchmal derart Aslak an, daß der hinlänglich spürte, was in
der Luft lag; Aslak selbst saß auf dem Bodenrand einer umgekippten großen
Tonne und ließ seine Beine herunterbaumeln oder zog sie über Kreuz in die
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Höhe. Er hatte wie gewöhnlich die Hände in die Hosentaschen gesteckt und
die Mütze auf dem Kopf leicht hintenüber gedrückt, so daß das schwarze
Haar in vollen Büscheln unter dem Schirm hervorquoll. Sein etwas schiefer
Mund war noch schiefer gezogen, den Kopf hielt er halb schräg und blickte
durch seine halbgeschlossenen Augenlider von der Seite nach Sämund hin.
"Ja, Dein Junge ist verrückt," sagte er, "aber schlimmer ist, daß Dein Pferd
den Teufel im Leibe hat." Sämund blieb stehen: "Du bist ein Flaps", sagte er
so, daß die Stube dröhnte, und Aslak die Lider noch dichter schloß. Sämund
nahm seinen Gang wieder auf; Aslak saß eine Weile still da. "Ja, richtig den
Teufel im Leibe", wiederholte er und schielte nach seinem Herrn, um zu
sehen, was für eine Wirkung seine Worte hätten. "Waldscheu ist der Gaul",
rief Sämund im Gehen, "einen Baum hast Du über ihm gefällt und jetzt will
er nicht mehr ruhig an den Bäumen vorbei." Aslak hörte das mit an und
erwiderte nach einer kurzen Pause: "Du kannst ja glauben, was Du willst;
Glauben macht selig; aber daß Du damit Dein Pferd wieder gesund machst,
das glaube ich nicht"—im selben Augenblick jedoch drückte er sich tiefer
in die Tonne und deckte sein Gesicht mit der Hand. Sämund war fest auf
ihn zugegangen und sagte halblaut, aber in recht unheimlichem Ton: "Du
niederträchtiger…" "Sämund", erklang eine Stimme vom Herde. Ingebjörg,
seine Frau war es, die rief und ihn beruhigen wollte, wie sie ihr Jüngstes
beruhigte, das auf ihrem Schoß saß, bange war und schreien wollte. Zuerst
wurde das Kind still, dann schwieg auch Sämund, aber er hielt die für einen
so stämmigen Mann etwas kleine Faust Aslak dicht unter die Nase, während
er sich vor ihm aufpflanzte und ihm mit lodernden Blicken förmlich das
Gesicht zu versengen suchte. Dann ging er, wie vorher, auf und ab, sah ihn
aber wiederholt hastig an. Aslak war ganz blaß, lachte jedoch mit dem
halben Gesicht Thorbjörn zu, während die andere, Sämund zugewandte
Hälfte ganz stramm blieb. "Schenk' uns Geduld, lieber Gott im Himmel",
sagte er nach kurzer Stille, machte aber flugs den Ellbogen krumm, wie, um
einen Schlag abzuwehren. Sämund war ihm gegenüber stehen geblieben,
die Mütze auf dem Kopf leicht hintenüber gedrückt, so daß das schwarze
Haar in vollen Büscheln unter dem Schirm hervorquoll. Sein etwas schiefer
Mund war noch schiefer gezogen, den Kopf hielt er halb schräg und blickte
durch seine halbgeschlossenen Augenlider von der Seite nach Sämund hin.
"Ja, Dein Junge ist verrückt," sagte er, "aber schlimmer ist, daß Dein Pferd
den Teufel im Leibe hat." Sämund blieb stehen: "Du bist ein Flaps", sagte er
so, daß die Stube dröhnte, und Aslak die Lider noch dichter schloß. Sämund
nahm seinen Gang wieder auf; Aslak saß eine Weile still da. "Ja, richtig den
Teufel im Leibe", wiederholte er und schielte nach seinem Herrn, um zu
sehen, was für eine Wirkung seine Worte hätten. "Waldscheu ist der Gaul",
rief Sämund im Gehen, "einen Baum hast Du über ihm gefällt und jetzt will
er nicht mehr ruhig an den Bäumen vorbei." Aslak hörte das mit an und
erwiderte nach einer kurzen Pause: "Du kannst ja glauben, was Du willst;
Glauben macht selig; aber daß Du damit Dein Pferd wieder gesund machst,
das glaube ich nicht"—im selben Augenblick jedoch drückte er sich tiefer
in die Tonne und deckte sein Gesicht mit der Hand. Sämund war fest auf
ihn zugegangen und sagte halblaut, aber in recht unheimlichem Ton: "Du
niederträchtiger…" "Sämund", erklang eine Stimme vom Herde. Ingebjörg,
seine Frau war es, die rief und ihn beruhigen wollte, wie sie ihr Jüngstes
beruhigte, das auf ihrem Schoß saß, bange war und schreien wollte. Zuerst
wurde das Kind still, dann schwieg auch Sämund, aber er hielt die für einen
so stämmigen Mann etwas kleine Faust Aslak dicht unter die Nase, während
er sich vor ihm aufpflanzte und ihm mit lodernden Blicken förmlich das
Gesicht zu versengen suchte. Dann ging er, wie vorher, auf und ab, sah ihn
aber wiederholt hastig an. Aslak war ganz blaß, lachte jedoch mit dem
halben Gesicht Thorbjörn zu, während die andere, Sämund zugewandte
Hälfte ganz stramm blieb. "Schenk' uns Geduld, lieber Gott im Himmel",
sagte er nach kurzer Stille, machte aber flugs den Ellbogen krumm, wie, um
einen Schlag abzuwehren. Sämund war ihm gegenüber stehen geblieben,
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stampfte nun mit dem Fuß auf den Boden und schrie dabei mit aller Kraft:
"Lästre seinen Namen nicht, Du—" Ingebjörg sprang auf, kam mit dem
Säugling heran und legte sanft die eine Hand auf den erhobenen Arm ihres
Mannes. Er sah sie nicht an, ließ aber den Arm sinken. Sie setzte sich, er
ging wieder auf und ab; keiner sprach ein Wort. Nach einiger Zeit ließ es
Aslak keine Ruhe: "Ja, der dort oben hat 'ne Menge zu tun in Granliden."
"Sämund, Sämund", rief Ingebjörg leise und ängstlich, aber bevor er es
noch gehört hatte, war er zu Aslak hingerast. Der streckte seinen Fuß vor;
diesen beiseite schlagen, am Fuß und am Kragen den Burschen packen, ihn
hochheben und gegen die geschlossene Tür schleudern, daß die Füllung in
Stücke ging und der ganze Kerl kopfüber hinausflog, war für Sämund das
Werk weniger Augenblicke. Seine Frau, Thorbjörn, alle Kinder, schrien und
baten; das ganze Haus war ein Jammer. Aber Sämund dem Aslak nach;
ohne die Tür richtig aufzumachen, nur die Holzstücke und Splitter
fortstoßend, packte er den Knecht zum zweiten Male, trug ihn durch den
Flur, hinaus in den Hof, hob ihn wieder hoch und warf ihn mit aller Macht
zu Boden. Und als er merkte, daß zu viel Schnee dalag, um den Fall
wuchtig genug zu machen, kniete er auf die Brust Aslaks hin, schlug ihm in
das Gesicht, hob ihn zum dritten Male hoch, trug ihn zu einer
schneefreieren Stelle wie der Wolf einen erjagten, zerfleischten Hund, warf
ihn wieder hin, kniete wieder auf ihm—und, wer weiß, welches Ende es
genommen hätte, wenn sich nicht Ingebjörg, den Säugling auf dem Arm,
zwischen die beiden geworfen hätte.—"Mach' uns nicht unglücklich!"
schrie sie.
Eine Weile darauf saß Ingebjörg in der Stube; Thorbjörn zog sich an, der
Vater ging auf und ab und trank hin und wieder einen Schluck Wasser; aber
die Hand zitterte ihm so dabei, daß das Wasser manchmal über den
Tassenrand auf die Diele spritzte. Aslak kam nicht herein, und Ingebjörg
machte kurz darauf Miene, hinauszugehen. "Bleib", sagte Sämund, mit
einem Ton, als wenn er gar nicht zu ihr spräche; und sie blieb. Bald jedoch
"Lästre seinen Namen nicht, Du—" Ingebjörg sprang auf, kam mit dem
Säugling heran und legte sanft die eine Hand auf den erhobenen Arm ihres
Mannes. Er sah sie nicht an, ließ aber den Arm sinken. Sie setzte sich, er
ging wieder auf und ab; keiner sprach ein Wort. Nach einiger Zeit ließ es
Aslak keine Ruhe: "Ja, der dort oben hat 'ne Menge zu tun in Granliden."
"Sämund, Sämund", rief Ingebjörg leise und ängstlich, aber bevor er es
noch gehört hatte, war er zu Aslak hingerast. Der streckte seinen Fuß vor;
diesen beiseite schlagen, am Fuß und am Kragen den Burschen packen, ihn
hochheben und gegen die geschlossene Tür schleudern, daß die Füllung in
Stücke ging und der ganze Kerl kopfüber hinausflog, war für Sämund das
Werk weniger Augenblicke. Seine Frau, Thorbjörn, alle Kinder, schrien und
baten; das ganze Haus war ein Jammer. Aber Sämund dem Aslak nach;
ohne die Tür richtig aufzumachen, nur die Holzstücke und Splitter
fortstoßend, packte er den Knecht zum zweiten Male, trug ihn durch den
Flur, hinaus in den Hof, hob ihn wieder hoch und warf ihn mit aller Macht
zu Boden. Und als er merkte, daß zu viel Schnee dalag, um den Fall
wuchtig genug zu machen, kniete er auf die Brust Aslaks hin, schlug ihm in
das Gesicht, hob ihn zum dritten Male hoch, trug ihn zu einer
schneefreieren Stelle wie der Wolf einen erjagten, zerfleischten Hund, warf
ihn wieder hin, kniete wieder auf ihm—und, wer weiß, welches Ende es
genommen hätte, wenn sich nicht Ingebjörg, den Säugling auf dem Arm,
zwischen die beiden geworfen hätte.—"Mach' uns nicht unglücklich!"
schrie sie.
Eine Weile darauf saß Ingebjörg in der Stube; Thorbjörn zog sich an, der
Vater ging auf und ab und trank hin und wieder einen Schluck Wasser; aber
die Hand zitterte ihm so dabei, daß das Wasser manchmal über den
Tassenrand auf die Diele spritzte. Aslak kam nicht herein, und Ingebjörg
machte kurz darauf Miene, hinauszugehen. "Bleib", sagte Sämund, mit
einem Ton, als wenn er gar nicht zu ihr spräche; und sie blieb. Bald jedoch
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ging er selbst. Er kam nicht wieder. Thorbjörn las fortwährend, ohne
aufzublicken, obgleich er nicht imstande war, den kleinsten Satz
zusammenzubringen.
Weiterhin am Vormittag war das Haus in gewohnter Ordnung, obgleich
allen zumute war, wie nach dem Besuche eines noch nie dagewesenen
Fremden. Thorbjörn wagte endlich auf den Hof zu gehen, und der erste, den
er dort traf, war Aslak, der alle seine Habseligkeiten auf einen Schlitten—
Thorbjörns Schlitten—geladen hatte. Thorbjörn starrte ihn an, er sah
gräßlich aus. Sein Gesicht war mit Blut beklebt und beschmiert; er hustete
und faßte sich oft an seine Brust. Erst blickte er den Jungen stumm an und
stieß darauf hart die Worte hervor: "Ich kann Deine Augen nicht leiden,
Bengel"; dann setzte er sich mit gespreizten Beinen auf den Schlitten und
fuhr bergab. "Du kannst zusehen, wie Du Deinen Schlitten wiederkriegst",
rief er, während er sich noch einmal umdrehte und lang die Zunge
herausstreckte. Dann zog er weiter. In der nächsten Woche kam der
Gerichtsdiener nach Granliden; der Vater ging öfter fort; die Mutter weinte
und war auch ein paarmal fort. "Wo geht Ihr denn immer hin?" "Ach, Aslak
hat uns was Tüchtiges eingebrockt."
Einige Tage darauf wurde die kleine Ingrid ertappt, wie sie sang:
"O Du holdselige Erden
Kannst mir gestohlen werden;
Das Mädel reckt und streckt sich weit;
Der Junge ist nicht recht gescheit;
Die Wirtin kocht nur Sudelbrei,
Der Wirt ist faul und sauft dabei;
Die Katze ist die einzig kluge,
Sie leckt den Milchrahm aus dem Kruge."
aufzublicken, obgleich er nicht imstande war, den kleinsten Satz
zusammenzubringen.
Weiterhin am Vormittag war das Haus in gewohnter Ordnung, obgleich
allen zumute war, wie nach dem Besuche eines noch nie dagewesenen
Fremden. Thorbjörn wagte endlich auf den Hof zu gehen, und der erste, den
er dort traf, war Aslak, der alle seine Habseligkeiten auf einen Schlitten—
Thorbjörns Schlitten—geladen hatte. Thorbjörn starrte ihn an, er sah
gräßlich aus. Sein Gesicht war mit Blut beklebt und beschmiert; er hustete
und faßte sich oft an seine Brust. Erst blickte er den Jungen stumm an und
stieß darauf hart die Worte hervor: "Ich kann Deine Augen nicht leiden,
Bengel"; dann setzte er sich mit gespreizten Beinen auf den Schlitten und
fuhr bergab. "Du kannst zusehen, wie Du Deinen Schlitten wiederkriegst",
rief er, während er sich noch einmal umdrehte und lang die Zunge
herausstreckte. Dann zog er weiter. In der nächsten Woche kam der
Gerichtsdiener nach Granliden; der Vater ging öfter fort; die Mutter weinte
und war auch ein paarmal fort. "Wo geht Ihr denn immer hin?" "Ach, Aslak
hat uns was Tüchtiges eingebrockt."
Einige Tage darauf wurde die kleine Ingrid ertappt, wie sie sang:
"O Du holdselige Erden
Kannst mir gestohlen werden;
Das Mädel reckt und streckt sich weit;
Der Junge ist nicht recht gescheit;
Die Wirtin kocht nur Sudelbrei,
Der Wirt ist faul und sauft dabei;
Die Katze ist die einzig kluge,
Sie leckt den Milchrahm aus dem Kruge."
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Da fragten die Eltern, von wem sie das schöne Lied gelernt habe. "Ja,
von Thorbjörn." Der Junge bekam einen großen Schreck und stotterte, daß
er es von Aslak habe. Nun wurde ihm unter Androhung gehöriger Prügel
verboten, je wieder solche Lieder zu singen oder sie Ingrid zu lehren. Kurz
darauf fluchte die kleine Ingrid. Thorbjörn mußte wieder vor das Gericht,
und Sämund meinte, das beste sei, wenn er als Anstifter gleich die Rute
kriege; aber er weinte und gab das hochheilige Versprechen, es nie wieder
tun zu wollen; so kam er für diesmal noch davon.
Am Sonntag darauf sagte der Vater zu ihm: "Damit Du zu Hause keine
dummen Streiche machst, sollst Du heute mit mir in die Kirche."
Zweites Kapitel
Die Kirche stellt der Bauer in seinen Gedanken auf einen hohen Platz,
auf einen Platz für sie allein; er sieht sie in Heiligkeit, umgeben vom
feierlichen Ernst der Gräber, erfüllt von der frischen Lebenskraft des
Gottesdienstes. Sie ist das einzige Haus, bei dessen Bau er Pracht entfaltet
hat, und deshalb ragt ihre Turmspitze für seine Anschauung weit höher, als
sie in der Tat ist. Ihre Glocken grüßen ihn am klaren Sonntagsmorgen den
ganzen Weg entlang auf dem Gange zu ihr, und er zieht immer den Hut vor
ihnen ab, als wollte er sagen: "Dank für das vorige Mal!" Es ist ein
geheimes Band zwischen ihm und den Glocken. In den frühesten
Lebensjahren stand er wohl im offenen Haustor und lauschte ihrem Klang,
während unten auf dem Wege die Kirchgänger still vorbeizogen; Vater
schloß sich an, er selbst war noch zu klein. Damals verband er so manche
verschiedenartige Vorstellungen mit diesem schweren, starken Schall, der
ein oder zwei Stunden zwischen den Felsen dröhnte und sich von einem
von Thorbjörn." Der Junge bekam einen großen Schreck und stotterte, daß
er es von Aslak habe. Nun wurde ihm unter Androhung gehöriger Prügel
verboten, je wieder solche Lieder zu singen oder sie Ingrid zu lehren. Kurz
darauf fluchte die kleine Ingrid. Thorbjörn mußte wieder vor das Gericht,
und Sämund meinte, das beste sei, wenn er als Anstifter gleich die Rute
kriege; aber er weinte und gab das hochheilige Versprechen, es nie wieder
tun zu wollen; so kam er für diesmal noch davon.
Am Sonntag darauf sagte der Vater zu ihm: "Damit Du zu Hause keine
dummen Streiche machst, sollst Du heute mit mir in die Kirche."
Zweites Kapitel
Die Kirche stellt der Bauer in seinen Gedanken auf einen hohen Platz,
auf einen Platz für sie allein; er sieht sie in Heiligkeit, umgeben vom
feierlichen Ernst der Gräber, erfüllt von der frischen Lebenskraft des
Gottesdienstes. Sie ist das einzige Haus, bei dessen Bau er Pracht entfaltet
hat, und deshalb ragt ihre Turmspitze für seine Anschauung weit höher, als
sie in der Tat ist. Ihre Glocken grüßen ihn am klaren Sonntagsmorgen den
ganzen Weg entlang auf dem Gange zu ihr, und er zieht immer den Hut vor
ihnen ab, als wollte er sagen: "Dank für das vorige Mal!" Es ist ein
geheimes Band zwischen ihm und den Glocken. In den frühesten
Lebensjahren stand er wohl im offenen Haustor und lauschte ihrem Klang,
während unten auf dem Wege die Kirchgänger still vorbeizogen; Vater
schloß sich an, er selbst war noch zu klein. Damals verband er so manche
verschiedenartige Vorstellungen mit diesem schweren, starken Schall, der
ein oder zwei Stunden zwischen den Felsen dröhnte und sich von einem
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zum andern schwang; aber eine Vorstellung war ihm unzertrennbar davon:
saubere Röcke und Hosen, Frauen in ihrem besten Schmuck und Staat,
geputzte Pferde mit blankem Geschirr.
Und wenn dann die Glocken sein eigenes Glück einläuten, wenn er selbst
im funkelnagelneuen, aber etwas für ihn zu großen Anzug wichtig an Vaters
Seite zur Kirche geht,—welcher Jubel tönt da aus ihrem Klang! Da können
sie wohl alle Tore sprengen zu dem, was er schauen soll! Und wenn sie
dann auf dem Rückweg über seinem Kopf lärmen, der noch schwer, noch
von den Gesängen, Gebeten, Pastorsworten, die sich darin wiegen und
kreuzen, wirr ist, wenn alle die früher nie gesehenen Bilder: Altargemälde,
Trachten, Personen, vor seinen Augen auf- und abjagen—dann wölbt auch
ihr Geläute für immer das Dach über die gesammelten Eindrücke und weiht
die kleine Kirche ein, die er fortan im Herzen trägt.
Ist er etwas älter geworden, dann muß er zu Berg und das Vieh hüten;
aber wenn er an einem schönen, taufrischen Sonntagsmorgen auf einem
Stein zwischen seiner Herde sitzt, und die Kirchenglocken die Schellen der
Tiere übertönen, dann wird er schwermütig. Denn aus den Glockentönen
klingt etwas Lustiges, Leichtes, Lockendes von dort unten herauf; sie
wecken die Erinnerung an Bekannte vor und in der Kirche, an die Freude,
dort zu sein, an die vielleicht noch größere, dort gewesen zu sein, zu Hause
gutes Essen, die Eltern, die Geschwister zu finden,—sie erzählen vom Spiel
auf den Grasflecken am vergnüglichen Sonntagsabend,—und dann gerät
das kleine Herz des Jungen in Aufruhr. Aber schließlich: es sind doch die
Kirchenglocken, die erklingen; und so sucht und findet er doch in seinem
Kopf das Bruchstück eines Gesangbuchliedes, das er zur Not auswendig
weiß, und er singt es mit gefalteten Händen und blickt weit dabei ins Tal
hinunter, spricht ein kurzes Gebet, springt auf und stößt in sein Hirtenhorn,
daß die Töne gegen die Bergwände schmettern.
saubere Röcke und Hosen, Frauen in ihrem besten Schmuck und Staat,
geputzte Pferde mit blankem Geschirr.
Und wenn dann die Glocken sein eigenes Glück einläuten, wenn er selbst
im funkelnagelneuen, aber etwas für ihn zu großen Anzug wichtig an Vaters
Seite zur Kirche geht,—welcher Jubel tönt da aus ihrem Klang! Da können
sie wohl alle Tore sprengen zu dem, was er schauen soll! Und wenn sie
dann auf dem Rückweg über seinem Kopf lärmen, der noch schwer, noch
von den Gesängen, Gebeten, Pastorsworten, die sich darin wiegen und
kreuzen, wirr ist, wenn alle die früher nie gesehenen Bilder: Altargemälde,
Trachten, Personen, vor seinen Augen auf- und abjagen—dann wölbt auch
ihr Geläute für immer das Dach über die gesammelten Eindrücke und weiht
die kleine Kirche ein, die er fortan im Herzen trägt.
Ist er etwas älter geworden, dann muß er zu Berg und das Vieh hüten;
aber wenn er an einem schönen, taufrischen Sonntagsmorgen auf einem
Stein zwischen seiner Herde sitzt, und die Kirchenglocken die Schellen der
Tiere übertönen, dann wird er schwermütig. Denn aus den Glockentönen
klingt etwas Lustiges, Leichtes, Lockendes von dort unten herauf; sie
wecken die Erinnerung an Bekannte vor und in der Kirche, an die Freude,
dort zu sein, an die vielleicht noch größere, dort gewesen zu sein, zu Hause
gutes Essen, die Eltern, die Geschwister zu finden,—sie erzählen vom Spiel
auf den Grasflecken am vergnüglichen Sonntagsabend,—und dann gerät
das kleine Herz des Jungen in Aufruhr. Aber schließlich: es sind doch die
Kirchenglocken, die erklingen; und so sucht und findet er doch in seinem
Kopf das Bruchstück eines Gesangbuchliedes, das er zur Not auswendig
weiß, und er singt es mit gefalteten Händen und blickt weit dabei ins Tal
hinunter, spricht ein kurzes Gebet, springt auf und stößt in sein Hirtenhorn,
daß die Töne gegen die Bergwände schmettern.
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Hier in den stillen Felsentälern hat die Kirche noch für jedes Lebensalter
ihre besondere Sprache, für jedes Auge ihr besonderes Aussehen.
Erwachsen und fertig steht sie vor dem Konfirmanden,—mit aufwärts
gerecktem Finger, halb drohend, halb winkend, vor dem Jüngling, der seine
Wahl getroffen hat,—breitschultrig und stark vor dem sorgenden Mann,—
geräumig und mild vor dem müden Greise. Mitten im Gottesdienst werden
die jüngst geborenen Kinder hereingetragen und getauft und, wie bekannt,
ist während dieser Feier die Andacht am größten.
Man kann deshalb nie ein richtiges Bild von den norwegischen Bauern,
von verderbten oder unverdorbenen, wiedergeben, ohne an irgendeiner
Stelle die Kirche als Hintergrund heranzuziehen. Dadurch entsteht eine
gewisse Einförmigkeit; aber das ist nicht das Schlimmste. Dies sei hier ein
für allemal hervorgehoben, und nicht nur mit Bezug auf den Kirchgang, von
dem jetzt berichtet werden soll.
Thorbjörn war sehr vergnügt über den Gang und alles Neue; merkwürdig
viele Farben spielten in sein Auge draußen vor der Kirche; in ihrem Inneren
fühlte er den Druck der Stille, der auf allen und allem schon vor Beginn des
Gottesdienstes lag; und obgleich er beim Vorlesen des Gebetes vergessen
hatte, den Kopf zu senken, war es ihm doch, als beuge der Anblick von den
mehreren hundert gesenkten Köpfen auch den seinen. Der Gesang setzte
ein; alle um ihn her sangen mit einemmal; ihm wurde fast ängstlich zumute.
So versunken saß er da, daß er wie aus einem Traum auffuhr, als die Tür
sacht geöffnet wurde und ein Mann neben Vaters Sitz trat. Wie das Lied zu
Ende war, gab Vater dem Hereingekommenen die Hand und fragte: "Wie
geht's in Solbakken?"
Thorbjörn schlug die Augen auf, aber so genau er hinsah und suchte, eine
Verbindung zwischen dem Mann und Trollen oder irgend welcher Hexerei
konnte er nicht finden. Der Mann hatte ein sanftes Gesicht, blondes Haar,
ihre besondere Sprache, für jedes Auge ihr besonderes Aussehen.
Erwachsen und fertig steht sie vor dem Konfirmanden,—mit aufwärts
gerecktem Finger, halb drohend, halb winkend, vor dem Jüngling, der seine
Wahl getroffen hat,—breitschultrig und stark vor dem sorgenden Mann,—
geräumig und mild vor dem müden Greise. Mitten im Gottesdienst werden
die jüngst geborenen Kinder hereingetragen und getauft und, wie bekannt,
ist während dieser Feier die Andacht am größten.
Man kann deshalb nie ein richtiges Bild von den norwegischen Bauern,
von verderbten oder unverdorbenen, wiedergeben, ohne an irgendeiner
Stelle die Kirche als Hintergrund heranzuziehen. Dadurch entsteht eine
gewisse Einförmigkeit; aber das ist nicht das Schlimmste. Dies sei hier ein
für allemal hervorgehoben, und nicht nur mit Bezug auf den Kirchgang, von
dem jetzt berichtet werden soll.
Thorbjörn war sehr vergnügt über den Gang und alles Neue; merkwürdig
viele Farben spielten in sein Auge draußen vor der Kirche; in ihrem Inneren
fühlte er den Druck der Stille, der auf allen und allem schon vor Beginn des
Gottesdienstes lag; und obgleich er beim Vorlesen des Gebetes vergessen
hatte, den Kopf zu senken, war es ihm doch, als beuge der Anblick von den
mehreren hundert gesenkten Köpfen auch den seinen. Der Gesang setzte
ein; alle um ihn her sangen mit einemmal; ihm wurde fast ängstlich zumute.
So versunken saß er da, daß er wie aus einem Traum auffuhr, als die Tür
sacht geöffnet wurde und ein Mann neben Vaters Sitz trat. Wie das Lied zu
Ende war, gab Vater dem Hereingekommenen die Hand und fragte: "Wie
geht's in Solbakken?"
Thorbjörn schlug die Augen auf, aber so genau er hinsah und suchte, eine
Verbindung zwischen dem Mann und Trollen oder irgend welcher Hexerei
konnte er nicht finden. Der Mann hatte ein sanftes Gesicht, blondes Haar,
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große blaue Augen unter einer hohen Stirn und eine stattliche Figur; er
lächelte, wenn jemand mit ihm sprach, und sagte auf alle Worte Sämunds
"Ja", sonst redete er wenig.—"Jetzt will ich Dir auch Synnöve zeigen",
meinte der Vater und wies nach dem Frauenplatz gerade gegenüber. Dort
kniete ein kleines Mädchen oben auf der Bank und sah über den Rand der
Brüstung; es war noch blonder als der Mann, so blond, wie er noch keins
gesehen hatte. Rote Bänder flatterten von ihrem Hut über dem Flachshaar,
und sie lachte ihm zu, so daß er eine ganze Weile auf nichts anderes blicken
konnte als auf ihre weißen Zähne. In der einen Hand hielt sie ein blinkendes
Gesangbuch, in der anderen ein zusammengefaltetes, rotgelbes seidnes
Taschentuch, und sie machte sich den Spaß, mit dem Taschentuch auf das
Gesangbuch zu schlagen. Je mehr er sie anstarrte, desto mehr lachte sie;
und nun wollte er auch auf die Bank hinauf, ebenso hoch wie sie. Da nickte
sie ihm zu. Er sah sie ein paar Minuten ernst an, dann nickte er. Sie lachte
und nickte wieder, und noch einmal, und noch einmal. Dann lachte sie;
nickte aber nicht mehr,—nach kurzer Zeit, als er nicht mehr daran dachte,
nickte sie.
"Ich will auch sehen", hörte er eine Stimme hinter sich, und im selben
Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so daß er
beinahe hingefallen wäre. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht,
der sich jetzt tapfer auf Thorbjörns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte
Thorbjörn gründlich belehrt, wie er mit bösen Buben in der Schule oder
Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil, so
daß der fast geschrien hätte; aber er nahm sich zusammen, krabbelte schnell
herunter und faßte Thorbjörn bei beiden Ohren. Thorbjörn packte ihn beim
Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht, aber er biß
seinen Gegner ins Bein. Thorbjörn zog es zurück und drückte das Gesicht
des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim Kragen genommen
und wie ein Strohsack hochgehoben,—von seinem Vater, der ihn vor sich
auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der Kirche wären, dann
lächelte, wenn jemand mit ihm sprach, und sagte auf alle Worte Sämunds
"Ja", sonst redete er wenig.—"Jetzt will ich Dir auch Synnöve zeigen",
meinte der Vater und wies nach dem Frauenplatz gerade gegenüber. Dort
kniete ein kleines Mädchen oben auf der Bank und sah über den Rand der
Brüstung; es war noch blonder als der Mann, so blond, wie er noch keins
gesehen hatte. Rote Bänder flatterten von ihrem Hut über dem Flachshaar,
und sie lachte ihm zu, so daß er eine ganze Weile auf nichts anderes blicken
konnte als auf ihre weißen Zähne. In der einen Hand hielt sie ein blinkendes
Gesangbuch, in der anderen ein zusammengefaltetes, rotgelbes seidnes
Taschentuch, und sie machte sich den Spaß, mit dem Taschentuch auf das
Gesangbuch zu schlagen. Je mehr er sie anstarrte, desto mehr lachte sie;
und nun wollte er auch auf die Bank hinauf, ebenso hoch wie sie. Da nickte
sie ihm zu. Er sah sie ein paar Minuten ernst an, dann nickte er. Sie lachte
und nickte wieder, und noch einmal, und noch einmal. Dann lachte sie;
nickte aber nicht mehr,—nach kurzer Zeit, als er nicht mehr daran dachte,
nickte sie.
"Ich will auch sehen", hörte er eine Stimme hinter sich, und im selben
Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so daß er
beinahe hingefallen wäre. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht,
der sich jetzt tapfer auf Thorbjörns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte
Thorbjörn gründlich belehrt, wie er mit bösen Buben in der Schule oder
Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil, so
daß der fast geschrien hätte; aber er nahm sich zusammen, krabbelte schnell
herunter und faßte Thorbjörn bei beiden Ohren. Thorbjörn packte ihn beim
Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht, aber er biß
seinen Gegner ins Bein. Thorbjörn zog es zurück und drückte das Gesicht
des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim Kragen genommen
und wie ein Strohsack hochgehoben,—von seinem Vater, der ihn vor sich
auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der Kirche wären, dann
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kriegtest Du gleich Deine Prügel", flüsterte er ihm ins Ohr und packte ihn
so fest bei der Hand, daß es Thorbjörn bis zu den Sohlen prickelte und
stach. Dann erinnerte Thorbjörn sich wieder an Synnöve und sah zu ihr
hinüber; sie war noch auf ihrem früheren Platz; aber starrte ganz betroffen
und ängstlich vor sich hin. Da fing es in ihm zu dämmern an; was er getan
hatte, mußte wohl ganz toll und schlimm gewesen sein! Sowie sie merkte,
daß er sie ansah, kroch sie von der Bank herunter und ließ sich nicht wieder
blicken.
Der Küster, der Pastor trat vor; wohl hörte er und sah er hin auf beide—
und wieder kam der Küster und wieder der Pastor—aber er saß immer noch
auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen Gedanken:
wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der Bank
heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und bekam
jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Rücken von der Hand
eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber regelmäßig
aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird sie nicht
bald wieder hersehen?" dachte Thorbjörn; und jedes rote Band, das sich in
seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnöves; und jedes alte Bild
an der Kirchenwand war ebenso groß oder kleiner als sie. Ja, jetzt streckte
sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjörn sah, duckte sie sich wieder.—
Der Küster trat noch einmal vor, und auch der Pastor; dann läutete es, und
die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach wieder mit dem blonden Mann;
sie gingen zusammen zu den Frauenplätzen hinüber, wo auch schon alles
aufgestanden war. Die erste, die herauskam, war eine blonde Frau; sie
lächelte, aber nicht so ausgesprochen, wie der Mann, war sehr klein und
blaß und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn ging gleich auf das Kind zu,
aber es lief weg und versteckte sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht",
rief es. "Er ist wohl noch nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und
legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Nein," antwortete Sämund, "sonst
hätte er sich heute nicht geprügelt." Thorbjörn sah ganz beschämt sie und
so fest bei der Hand, daß es Thorbjörn bis zu den Sohlen prickelte und
stach. Dann erinnerte Thorbjörn sich wieder an Synnöve und sah zu ihr
hinüber; sie war noch auf ihrem früheren Platz; aber starrte ganz betroffen
und ängstlich vor sich hin. Da fing es in ihm zu dämmern an; was er getan
hatte, mußte wohl ganz toll und schlimm gewesen sein! Sowie sie merkte,
daß er sie ansah, kroch sie von der Bank herunter und ließ sich nicht wieder
blicken.
Der Küster, der Pastor trat vor; wohl hörte er und sah er hin auf beide—
und wieder kam der Küster und wieder der Pastor—aber er saß immer noch
auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen Gedanken:
wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der Bank
heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und bekam
jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Rücken von der Hand
eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber regelmäßig
aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird sie nicht
bald wieder hersehen?" dachte Thorbjörn; und jedes rote Band, das sich in
seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnöves; und jedes alte Bild
an der Kirchenwand war ebenso groß oder kleiner als sie. Ja, jetzt streckte
sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjörn sah, duckte sie sich wieder.—
Der Küster trat noch einmal vor, und auch der Pastor; dann läutete es, und
die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach wieder mit dem blonden Mann;
sie gingen zusammen zu den Frauenplätzen hinüber, wo auch schon alles
aufgestanden war. Die erste, die herauskam, war eine blonde Frau; sie
lächelte, aber nicht so ausgesprochen, wie der Mann, war sehr klein und
blaß und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn ging gleich auf das Kind zu,
aber es lief weg und versteckte sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht",
rief es. "Er ist wohl noch nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und
legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Nein," antwortete Sämund, "sonst
hätte er sich heute nicht geprügelt." Thorbjörn sah ganz beschämt sie und
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dann Synnöve an, die ihm noch viel ernster schien. Sie gingen alle aus der
Kirche—die älteren im Gespräch, Thorbjörn hinter Synnöve; die drängte
sich immer dicht an ihre Mutter, sobald er ihr näherkam. Den anderen
Jungen sah er nicht mehr. Draußen blieb die ganze Gesellschaft stehen und
fing eine längere Unterhaltung an. Thorbjörn hörte mehrmals den Namen
"Aslak" heraus, und da er bange war, daß sie auch über ihn selbst reden
könnten, blieb er einige Schritte zurück. "Du brauchst das nicht mit
anzuhören," sagte die Mutter zu Synnöve, "geh ein bißchen weiter, mein
liebes Kind; geh, sag' ich." Synnöve trat widerwillig zurück. Thorbjörn ging
auf sie zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein
Weilchen und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"—"Warum sagst Du
Pfui!" fragte er.—"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich
lieber was schämen", setzte sie hinzu.—"Was habe ich denn
getan?"—"Geprügelt hast Du Dich, während der Pastor dastand und
Gottesdienst hielt,—Pfui!"—"Ja, das ist doch aber schon so lange her."—
Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du Thorbjörn
Granliden?"—"Ja, und bist Du Synnöve Solbakken?"—"Ja, ich habe immer
gehört, daß Du so'n artiger Junge bist."—"Nein, das ist nicht wahr; ich bin
zu Hause der allerschlimmste", sagte Thorbjörn.—"Hör' mal einer an!"
sagte Synnöve und schlug ihre beiden kleinen Hände zusammen: "Mutter,
Mutter, er sagt—"—"Sei still und geh fort", rief die Mutter und die Kleine
machte Halt, ging wieder langsam und rückwärtsschreitend nach hinten,
heftete aber dabei die großen, blauen Augen stetig auf ihre Mutter.—"Ich
habe immer gedacht, Du bist so artig!"—"Ja, manchmal, wenn ich in der
Bibel gelesen habe", antwortete sie.—"Sag' mal, ist es wahr, dass da drüben
bei Euch alles dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram
steckt?" fragte er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen
Fuß vor und stützte sich auf den andern—genau wie Aslak.—"Mutter,
Mutter, weißt Du, was er gesagt hat…"—"Laß mich doch zufrieden, hörst
Du nicht! Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"—Synnöve
Kirche—die älteren im Gespräch, Thorbjörn hinter Synnöve; die drängte
sich immer dicht an ihre Mutter, sobald er ihr näherkam. Den anderen
Jungen sah er nicht mehr. Draußen blieb die ganze Gesellschaft stehen und
fing eine längere Unterhaltung an. Thorbjörn hörte mehrmals den Namen
"Aslak" heraus, und da er bange war, daß sie auch über ihn selbst reden
könnten, blieb er einige Schritte zurück. "Du brauchst das nicht mit
anzuhören," sagte die Mutter zu Synnöve, "geh ein bißchen weiter, mein
liebes Kind; geh, sag' ich." Synnöve trat widerwillig zurück. Thorbjörn ging
auf sie zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein
Weilchen und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"—"Warum sagst Du
Pfui!" fragte er.—"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich
lieber was schämen", setzte sie hinzu.—"Was habe ich denn
getan?"—"Geprügelt hast Du Dich, während der Pastor dastand und
Gottesdienst hielt,—Pfui!"—"Ja, das ist doch aber schon so lange her."—
Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du Thorbjörn
Granliden?"—"Ja, und bist Du Synnöve Solbakken?"—"Ja, ich habe immer
gehört, daß Du so'n artiger Junge bist."—"Nein, das ist nicht wahr; ich bin
zu Hause der allerschlimmste", sagte Thorbjörn.—"Hör' mal einer an!"
sagte Synnöve und schlug ihre beiden kleinen Hände zusammen: "Mutter,
Mutter, er sagt—"—"Sei still und geh fort", rief die Mutter und die Kleine
machte Halt, ging wieder langsam und rückwärtsschreitend nach hinten,
heftete aber dabei die großen, blauen Augen stetig auf ihre Mutter.—"Ich
habe immer gedacht, Du bist so artig!"—"Ja, manchmal, wenn ich in der
Bibel gelesen habe", antwortete sie.—"Sag' mal, ist es wahr, dass da drüben
bei Euch alles dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram
steckt?" fragte er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen
Fuß vor und stützte sich auf den andern—genau wie Aslak.—"Mutter,
Mutter, weißt Du, was er gesagt hat…"—"Laß mich doch zufrieden, hörst
Du nicht! Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"—Synnöve
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musste wieder langsam nach hinten; sie steckte dabei einen Zipfel vom
Taschentuch zwischen die Zähne, biss ihn fest und zog daran.—"Ist das also
nicht wahr, dass bei Euch das Hügelvolk jede Nacht unten Musik
macht?"—"Nein!"—"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll
gesehen?"—"Nein!"—"Aber Jesus soll mir bei…"—"Pfui, so was darfst Du
nicht sagen!"—"Ach was, das schadet nichts", sagte er und spuckte durch
die Zähne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne.—"Doch," sagte
sie, "dann kommst Du in die Hölle."—"Meinst Du?" fragte er bedeutend
kleinlauter; denn er dachte, er könne höchstens Prügel dafür kriegen, und
sein Vater stand ja jetzt weit weg.—"Wer ist denn bei Euch zu Hause der
Stärkste?" fuhr er nach einer Weile fort und rückte seine Mütze mehr nach
einer Seite.—"Das weiß ich nicht."—"Bei uns ist es Vater; ja, der ist so
stark, daß er Aslak verhauen hat, und Aslak ist stark, das kannst Du
glauben."—"Na ja—"—"Er hat mal ein Pferd hochgehoben."—"Ein
wirkliches Pferd?"—"Ja, das ist wahr, ganz gewiss wahr—er hat's mir
selber erzählt."—Daraufhin durfte sie nicht länger daran zweifeln.—"Wer
ist denn Aslak?" fragte sie.—"Du, das ist ein ganz Schlimmer, weißt Du;
aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir, noch nie hat einer soviel Prügel
gekriegt."—"Prügelt Ihr Euch denn zu Hause?"—"Ja, manchmal, Ihr
nicht?"—"Nein, nie."—"Na, was macht Ihr denn eigentlich?"—"Mutter
sorgt fürs Essen und strickt und näht. Das tut Kari auch, aber lange nicht so
gut wie Mutter, weil sie faul ist; Randi besorgt die Kühe; und Vater und die
Knechte arbeiten auf dem Feld oder auch zu Hause."—Diese Erklärung
befriedigte ihn.—"Abends lesen wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort,
"und Sonntags auch."—"Du, das muß aber langweilig sein."—"Langweilig?
Mutter, er sagt…" aber dann erinnerte sie sich, daß sie das Gespräch der
Alten nicht stören durfte.—"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.
—"So?"—"Ja, drei gehen mit Winterlämmern und das eine, glaube ich,
wirft bestimmt zweie."—"Schafe hast Du?"—"Ja, auch Kühe und Ferkel,
hast Du keine?"—"Nein."—"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir
Taschentuch zwischen die Zähne, biss ihn fest und zog daran.—"Ist das also
nicht wahr, dass bei Euch das Hügelvolk jede Nacht unten Musik
macht?"—"Nein!"—"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll
gesehen?"—"Nein!"—"Aber Jesus soll mir bei…"—"Pfui, so was darfst Du
nicht sagen!"—"Ach was, das schadet nichts", sagte er und spuckte durch
die Zähne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne.—"Doch," sagte
sie, "dann kommst Du in die Hölle."—"Meinst Du?" fragte er bedeutend
kleinlauter; denn er dachte, er könne höchstens Prügel dafür kriegen, und
sein Vater stand ja jetzt weit weg.—"Wer ist denn bei Euch zu Hause der
Stärkste?" fuhr er nach einer Weile fort und rückte seine Mütze mehr nach
einer Seite.—"Das weiß ich nicht."—"Bei uns ist es Vater; ja, der ist so
stark, daß er Aslak verhauen hat, und Aslak ist stark, das kannst Du
glauben."—"Na ja—"—"Er hat mal ein Pferd hochgehoben."—"Ein
wirkliches Pferd?"—"Ja, das ist wahr, ganz gewiss wahr—er hat's mir
selber erzählt."—Daraufhin durfte sie nicht länger daran zweifeln.—"Wer
ist denn Aslak?" fragte sie.—"Du, das ist ein ganz Schlimmer, weißt Du;
aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir, noch nie hat einer soviel Prügel
gekriegt."—"Prügelt Ihr Euch denn zu Hause?"—"Ja, manchmal, Ihr
nicht?"—"Nein, nie."—"Na, was macht Ihr denn eigentlich?"—"Mutter
sorgt fürs Essen und strickt und näht. Das tut Kari auch, aber lange nicht so
gut wie Mutter, weil sie faul ist; Randi besorgt die Kühe; und Vater und die
Knechte arbeiten auf dem Feld oder auch zu Hause."—Diese Erklärung
befriedigte ihn.—"Abends lesen wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort,
"und Sonntags auch."—"Du, das muß aber langweilig sein."—"Langweilig?
Mutter, er sagt…" aber dann erinnerte sie sich, daß sie das Gespräch der
Alten nicht stören durfte.—"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.
—"So?"—"Ja, drei gehen mit Winterlämmern und das eine, glaube ich,
wirft bestimmt zweie."—"Schafe hast Du?"—"Ja, auch Kühe und Ferkel,
hast Du keine?"—"Nein."—"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir
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ein Lamm ab; und, paß mal auf, davon bekommst Du wieder
Kleine."—"Das wär' aber ein Spaß!"—Ein Weilchen blieben sie still.
—"Kann Ingrid nicht auch ein Lamm kriegen?" fragte er.—"Wer ist denn
Ingrid?"—"Na, Ingrid, Ingridchen."—Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.
—"Ist sie kleiner als wie Du?"—"Gewiß doch, ungefähr so groß wie
Du."—"Ach, die mußt Du mitbringen, hörst Du?"—Ja, das wollte er.
—"Aber", sagte sie, "wenn Du ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel
bekommen."—Das fand er auch viel netter, und nun erzählten sie sich etwas
von gemeinschaftlichen Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten.
Dann war die Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie mußten nach Hause
gehen.
Nachts träumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weiße Lämmer zu
sehen und zwischen ihnen ein kleines Mädchen mit blondem Haar und
roten Bändern;—Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon
im voraus soviel Lämmer und Ferkel zu besorgen, daß sie es gar nicht
schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, daß sie nicht sofort zu
Synnöve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter,
"nein, das paßt sich nicht."—"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjörn, "dann
werden wir ja sehen."
Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und lügen und fluchen,"
sagte Synnöve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das
nie wieder tust."—"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjörn erstaunt.
—"Mutter."
Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam,
erzählte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter. Aber
von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er fluchte oder
prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis zur Prügelei,
weil sie nicht einig darüber wurden, ob "mich soll gleich der Hund beißen"
Kleine."—"Das wär' aber ein Spaß!"—Ein Weilchen blieben sie still.
—"Kann Ingrid nicht auch ein Lamm kriegen?" fragte er.—"Wer ist denn
Ingrid?"—"Na, Ingrid, Ingridchen."—Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.
—"Ist sie kleiner als wie Du?"—"Gewiß doch, ungefähr so groß wie
Du."—"Ach, die mußt Du mitbringen, hörst Du?"—Ja, das wollte er.
—"Aber", sagte sie, "wenn Du ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel
bekommen."—Das fand er auch viel netter, und nun erzählten sie sich etwas
von gemeinschaftlichen Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten.
Dann war die Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie mußten nach Hause
gehen.
Nachts träumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weiße Lämmer zu
sehen und zwischen ihnen ein kleines Mädchen mit blondem Haar und
roten Bändern;—Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon
im voraus soviel Lämmer und Ferkel zu besorgen, daß sie es gar nicht
schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, daß sie nicht sofort zu
Synnöve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter,
"nein, das paßt sich nicht."—"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjörn, "dann
werden wir ja sehen."
Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und lügen und fluchen,"
sagte Synnöve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das
nie wieder tust."—"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjörn erstaunt.
—"Mutter."
Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam,
erzählte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter. Aber
von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er fluchte oder
prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis zur Prügelei,
weil sie nicht einig darüber wurden, ob "mich soll gleich der Hund beißen"
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als Fluch gelten dürfe oder nicht. Ingrid bekam Schläge von ihm, und nun
gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends hörte sie der
Vater. "Gleich wird er Dich beißen", sagte er, und nahm sich Thorbjörn so
vor, daß dieser hinpurzelte. Da schämte er sich, und am meisten vor Ingrid;
aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte ihn.
Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinüber nach Solbakken;
dann kam Synnöve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie
die ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjörn und Synnöve wetteiferten
beim Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt
überholte er sie; er wurde ein so tüchtiger Schüler, daß der Pastor sich
seiner ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden
halfen ihr; sie und Synnöve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie
"Schneehühner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell
aussahen.
Aber mitten drin wurde Synnöve oft mit Thorbjörn böse, weil er so wild
war und immer in Händel geriet. Dann versöhnte Ingrid sie, und sie lebten
wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hörte Synnöves Mutter von einer
seiner Schlägereien, so erlaubte sie nicht, daß er in derselben Woche, kaum
in der nächsten, nach Solbakken kam. Sämund durfte nichts davon erfahren;
er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und verbot, davon zu
reden.
Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen
besonderen Vorzug. Synnöve wurde groß und schlank, bekam goldblondes
Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim
Sprechen lächelte sie, und bald hieß es bei den Leuten: "Zum Segen wird es
jedem, den Synnöves Lächeln trifft." Ingrid war untersetzter und dicker; sie
hatte noch blonderes Haar als Synnöve und ein ganz kleines rundes Gesicht
mit weichen Zügen. Thorbjörn war mittelgroß, besonders gut gewachsen,
gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends hörte sie der
Vater. "Gleich wird er Dich beißen", sagte er, und nahm sich Thorbjörn so
vor, daß dieser hinpurzelte. Da schämte er sich, und am meisten vor Ingrid;
aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte ihn.
Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinüber nach Solbakken;
dann kam Synnöve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie
die ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjörn und Synnöve wetteiferten
beim Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt
überholte er sie; er wurde ein so tüchtiger Schüler, daß der Pastor sich
seiner ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden
halfen ihr; sie und Synnöve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie
"Schneehühner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell
aussahen.
Aber mitten drin wurde Synnöve oft mit Thorbjörn böse, weil er so wild
war und immer in Händel geriet. Dann versöhnte Ingrid sie, und sie lebten
wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hörte Synnöves Mutter von einer
seiner Schlägereien, so erlaubte sie nicht, daß er in derselben Woche, kaum
in der nächsten, nach Solbakken kam. Sämund durfte nichts davon erfahren;
er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und verbot, davon zu
reden.
Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen
besonderen Vorzug. Synnöve wurde groß und schlank, bekam goldblondes
Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim
Sprechen lächelte sie, und bald hieß es bei den Leuten: "Zum Segen wird es
jedem, den Synnöves Lächeln trifft." Ingrid war untersetzter und dicker; sie
hatte noch blonderes Haar als Synnöve und ein ganz kleines rundes Gesicht
mit weichen Zügen. Thorbjörn war mittelgroß, besonders gut gewachsen,
Page 246
hatte schwarze Haare, dunkelblaue Augen, einen scharfgeschnittenen Kopf
und starke Gliedmaßen. Geriet er in Hitze, dann sagte er gewöhnlich, er
könnte ebenso gut lesen und schreiben wie der Lehrer und fürchte keinen
Menschen im ganzen Tal;—bis auf seinen Vater, dachte er, aber das sprach
er nicht aus.
Er wollte schon früh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts.
"Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und ich
habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen ging er
erst zur selben Zeit wie Synnöve und Ingrid zum Pastor. Auch Synnöve
hatte lange warten müssen, fast bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. "Man
kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor Gott ablegen soll",
hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm Solbakken, hatte
zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklärlich, daß sich schon zwei
Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren Mannes, der andere ein
reicher Nachbar. "Da hört doch alles auf,—sie ist ja noch nicht mal
konfirmiert."—"Dann wollen wir sie konfirmieren lassen", sagte der Vater.
Aber davon erfuhr Synnöve nichts.
Der Frau und den Töchtern des Pastors gefiel sie so gut, daß sie von
ihnen zu einem Gespräch in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjörn
standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden draußen, und als einer
von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Paß' auf, die
schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues
Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergnügen
daraus, Thorbjörn mit Synnöve zu necken, weil sie genau wußten, daß
nichts anderes ihn so ärgern und in Wut versetzen konnte. Schließlich kam
es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof deswegen
zu einer tüchtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, daß Thorbjörn es mit
einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun kriegte. Die Mädchen
waren schon vorausgegangen, und daher niemand da, der dazwischen treten
und starke Gliedmaßen. Geriet er in Hitze, dann sagte er gewöhnlich, er
könnte ebenso gut lesen und schreiben wie der Lehrer und fürchte keinen
Menschen im ganzen Tal;—bis auf seinen Vater, dachte er, aber das sprach
er nicht aus.
Er wollte schon früh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts.
"Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und ich
habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen ging er
erst zur selben Zeit wie Synnöve und Ingrid zum Pastor. Auch Synnöve
hatte lange warten müssen, fast bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. "Man
kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor Gott ablegen soll",
hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm Solbakken, hatte
zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklärlich, daß sich schon zwei
Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren Mannes, der andere ein
reicher Nachbar. "Da hört doch alles auf,—sie ist ja noch nicht mal
konfirmiert."—"Dann wollen wir sie konfirmieren lassen", sagte der Vater.
Aber davon erfuhr Synnöve nichts.
Der Frau und den Töchtern des Pastors gefiel sie so gut, daß sie von
ihnen zu einem Gespräch in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjörn
standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden draußen, und als einer
von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Paß' auf, die
schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues
Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergnügen
daraus, Thorbjörn mit Synnöve zu necken, weil sie genau wußten, daß
nichts anderes ihn so ärgern und in Wut versetzen konnte. Schließlich kam
es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof deswegen
zu einer tüchtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, daß Thorbjörn es mit
einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun kriegte. Die Mädchen
waren schon vorausgegangen, und daher niemand da, der dazwischen treten
Page 247
und die Burschen trennen konnte; immer hitziger und hitziger wurden die
Gemüter. Thorbjörn wollte auch der Übermacht gegenüber nicht klein
beigeben und war nicht wählerisch in der Art seiner Verteidigung; dabei
hagelte es Hiebe, die später selber den Vorfall kundtaten. Nun kam auch die
Veranlassung heraus und wurde überall viel besprochen.
Am nächsten Sonntag wollte Thorbjörn nicht in die Kirche, und als er am
folgenden Tage in die Pastorstunde sollte, stellte er sich krank; deshalb ging
Ingrid allein. Bei ihrer Rückkehr fragte er sie, was Synnöve gesagt habe.
"Nichts."
Als er nun wieder mitging, glaubte er zu bemerken, daß alle Leute ihn
ansähen und die Konfirmanden grinsten und kicherten. Synnöve kam später
als die andern und war nachher viel im Pastorhause. Er fürchtete vom
Pastor ausgescholten zu werden, aber er entdeckte schnell, daß nur zwei
nichts von der Rauferei wußten, sein Vater und der Pastor. Das war ja
soweit ganz gut; aber wie er mit Synnöve wieder in ein Gespräch kommen
könne, das wußte er nicht; denn es genierte ihn zum erstenmal, Ingrid um
Hilfe zu bitten. Nach Schluß des Unterrichts ging Synnöve wieder zu
Pastors; er wartete, solange noch andere dablieben, mußte aber dann auch
fort. Ingrid war schon weit voraus.
Das nächste Mal war Synnöve früher als alle übrigen gekommen und
spazierte mit einer der Pastorstöchter und einem jungen Herrn im Garten
umher. Das Fräulein zog Blumen mit der Wurzel heraus und gab sie
Synnöve; der Herr half dabei; und Thorbjörn stand mit den andern draußen
und sah zu. Da drin sehr laut gesprochen wurde, hörten sie, wie man
Synnöve erklärte, in welcher Weise diese Blumen eingesetzt werden
müßten, und wie sie versprach, das selbst zu tun, damit es sorgfältig
gemacht würde. "Das kannst Du ja gar nicht allein," sagte der Herr; und das
gab Thorbjörn zu denken.—Als Synnöve zu den andern herauskam, wurde
Gemüter. Thorbjörn wollte auch der Übermacht gegenüber nicht klein
beigeben und war nicht wählerisch in der Art seiner Verteidigung; dabei
hagelte es Hiebe, die später selber den Vorfall kundtaten. Nun kam auch die
Veranlassung heraus und wurde überall viel besprochen.
Am nächsten Sonntag wollte Thorbjörn nicht in die Kirche, und als er am
folgenden Tage in die Pastorstunde sollte, stellte er sich krank; deshalb ging
Ingrid allein. Bei ihrer Rückkehr fragte er sie, was Synnöve gesagt habe.
"Nichts."
Als er nun wieder mitging, glaubte er zu bemerken, daß alle Leute ihn
ansähen und die Konfirmanden grinsten und kicherten. Synnöve kam später
als die andern und war nachher viel im Pastorhause. Er fürchtete vom
Pastor ausgescholten zu werden, aber er entdeckte schnell, daß nur zwei
nichts von der Rauferei wußten, sein Vater und der Pastor. Das war ja
soweit ganz gut; aber wie er mit Synnöve wieder in ein Gespräch kommen
könne, das wußte er nicht; denn es genierte ihn zum erstenmal, Ingrid um
Hilfe zu bitten. Nach Schluß des Unterrichts ging Synnöve wieder zu
Pastors; er wartete, solange noch andere dablieben, mußte aber dann auch
fort. Ingrid war schon weit voraus.
Das nächste Mal war Synnöve früher als alle übrigen gekommen und
spazierte mit einer der Pastorstöchter und einem jungen Herrn im Garten
umher. Das Fräulein zog Blumen mit der Wurzel heraus und gab sie
Synnöve; der Herr half dabei; und Thorbjörn stand mit den andern draußen
und sah zu. Da drin sehr laut gesprochen wurde, hörten sie, wie man
Synnöve erklärte, in welcher Weise diese Blumen eingesetzt werden
müßten, und wie sie versprach, das selbst zu tun, damit es sorgfältig
gemacht würde. "Das kannst Du ja gar nicht allein," sagte der Herr; und das
gab Thorbjörn zu denken.—Als Synnöve zu den andern herauskam, wurde
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sie von ihnen mit noch größerer Achtung wie gewöhnlich begrüßt; sie
schritt aber direkt auf Ingrid zu, sagte ihr guten Tag und bat sie, mit ihr auf
die Wiese zu gehen. Dort setzten sie sich hin; sie hatten sich ja lange nicht
richtig ausgesprochen. Thorbjörn stand wieder bei den andern und sah nach
Synnöves feinen, ausländischen Blumen.
An diesem Tage ging Synnöve zu derselben Zeit wie die übrigen nach
Hause. "Darf ich Dir vielleicht die Blumen tragen?" fragte Thorbjörn.
—"Bitte", antwortete sie sanft, doch ohne ihn anzusehen, faßte Ingrid bei
der Hand und schritt mit ihr voran. Am Wege nach Solbakken blieb sie
stehen und nahm von Ingrid Abschied. "Das Stückchen kann ich sie schon
selbst tragen", sagte sie und hob den Korb auf, den Thorbjörn hingesetzt
hatte. Bei jedem Schritt bis hierher war es eigentlich seine Absicht gewesen,
ihr anzubieten, die Blumen für sie einzupflanzen, aber nun brachte er es
nicht mehr übers Herz, weil sie sich zu schnell umdrehte. Doch konnte er an
nichts anderes denken, als daß er ihr eigentlich dabei helfen müßte. "Wovon
sprecht Ihr denn?" fragte er Ingrid. "Von nichts."
Als er alle im Bett wußte, zog er sich wieder an und verließ den Hof. Der
Abend war schön, war mild und still, der Himmel von dünnen, blaugrauen
Wolken überzogen; ihr Flor hatte sich hier und dort gelöst, und nun sah es
aus, als ob blaue Augen von oben Umschau hielten. Keine Menschenseele
ließ sich bei den Höfen und weiter draußen blicken, doch überall im Grase
zirpten die Heuschrecken; rechts lockte eine Wachtel, links antwortete eine
zweite, und nun erhob sich auf allen Seiten ein Singen, so daß ihm, dem
Dahinschreitenden, zumute war, als ob er in großer Begleitschaft ginge,
wenngleich er nicht das Geringste davon sehen konnte. Der Wald zog sich
blau, dann dunkler und dunkler die Böschungen entlang und nahm sich
zuletzt wie ein großes Nebelmeer aus; aber durch den wogenden Schleier
hörte er den Auerhahn sich melden und laut werden, eine einzelne Eule
schrie und der Wasserfall sang seine alten, harten Reime stärker als je;—
schritt aber direkt auf Ingrid zu, sagte ihr guten Tag und bat sie, mit ihr auf
die Wiese zu gehen. Dort setzten sie sich hin; sie hatten sich ja lange nicht
richtig ausgesprochen. Thorbjörn stand wieder bei den andern und sah nach
Synnöves feinen, ausländischen Blumen.
An diesem Tage ging Synnöve zu derselben Zeit wie die übrigen nach
Hause. "Darf ich Dir vielleicht die Blumen tragen?" fragte Thorbjörn.
—"Bitte", antwortete sie sanft, doch ohne ihn anzusehen, faßte Ingrid bei
der Hand und schritt mit ihr voran. Am Wege nach Solbakken blieb sie
stehen und nahm von Ingrid Abschied. "Das Stückchen kann ich sie schon
selbst tragen", sagte sie und hob den Korb auf, den Thorbjörn hingesetzt
hatte. Bei jedem Schritt bis hierher war es eigentlich seine Absicht gewesen,
ihr anzubieten, die Blumen für sie einzupflanzen, aber nun brachte er es
nicht mehr übers Herz, weil sie sich zu schnell umdrehte. Doch konnte er an
nichts anderes denken, als daß er ihr eigentlich dabei helfen müßte. "Wovon
sprecht Ihr denn?" fragte er Ingrid. "Von nichts."
Als er alle im Bett wußte, zog er sich wieder an und verließ den Hof. Der
Abend war schön, war mild und still, der Himmel von dünnen, blaugrauen
Wolken überzogen; ihr Flor hatte sich hier und dort gelöst, und nun sah es
aus, als ob blaue Augen von oben Umschau hielten. Keine Menschenseele
ließ sich bei den Höfen und weiter draußen blicken, doch überall im Grase
zirpten die Heuschrecken; rechts lockte eine Wachtel, links antwortete eine
zweite, und nun erhob sich auf allen Seiten ein Singen, so daß ihm, dem
Dahinschreitenden, zumute war, als ob er in großer Begleitschaft ginge,
wenngleich er nicht das Geringste davon sehen konnte. Der Wald zog sich
blau, dann dunkler und dunkler die Böschungen entlang und nahm sich
zuletzt wie ein großes Nebelmeer aus; aber durch den wogenden Schleier
hörte er den Auerhahn sich melden und laut werden, eine einzelne Eule
schrie und der Wasserfall sang seine alten, harten Reime stärker als je;—
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jetzt, da sich alles niedergelassen hatte, um sie anzuhören. Thorbjörn sah
nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog vom gewöhnlichen Wege
ab, kam schnell vorwärts und bald stand er in dem kleinen Garten, der
Synnöve gehörte und unterhalb eines Bodenfensters lag, gerade des
Fensters, hinter dem sie schlief. Er lauschte und lugte, alles war leer und
still, dann sah er sich im Garten nach Arbeitsgeräten um und fand richtig
sowohl Spaten wie Harke. Der Anfang zu einem Beet war schon versucht
worden; aber nur ein kleiner Streifen fertig; zwei Blumen hatte jemand
bereits eingesetzt, vermutlich um zu probieren, wie es aussehe. "Die Ärmste
ist müde geworden und wieder weggegangen", dachte er; "hier muß ein
Mann 'ran", dachte er weiter, und machte sich an das Werk. Er verspürte
nicht die geringste Lust zum Schlaf; ja, nie schien ihm eine Arbeit leichter
von der Hand gegangen zu sein. Er erinnerte sich, wie die Blumen
eingesetzt werden müßten, erinnerte sich, wie sie im Pfarrhof standen, und
beachtete beides gewissenhaft dabei. So verging die Nacht, er merkte nichts
davon; er gönnte sich kaum ein Weilchen zum Ausruhen, grub das ganze
Beet um, pflanzte die Blumen ein, versetzte eine oder die andere, damit es
noch schöner aussehe, und guckte ab und zu nach dem Bodenfenster, ob er
doch vielleicht bemerkt wurde. Weder dort noch anderswo war jemand zu
sehen; er hörte nicht einmal einen Hund bellen, bevor der Hahn krähte und
die Vögel im Walde erwachten, sich,—jetzt dieser, jetzt jener,—aufsetzten,
um "Guten Morgen" zu singen. Während er rings um das Beet die Erde mit
dem Spaten festschlug, fielen ihm die Märchen von Aslak ein, und er
erinnerte sich, wie er damals geglaubt hatte, in Solbakken wüchsen Trolle
und Kobolde aus der Erde. Da sah er zum Bodenfenster hinauf und lächelte:
Was wird sich wohl Synnöve denken, wenn sie herunterkommt? Es wurde
ganz hell; die Vögel vollführten schon einen schauderhaften Spektakel;
schnell sprang er über den Zaun und machte, daß er nach Hause kam. So!
Nun sollte mal einer beweisen, daß er Synnöves Blumen eingepflanzt habe.
nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog vom gewöhnlichen Wege
ab, kam schnell vorwärts und bald stand er in dem kleinen Garten, der
Synnöve gehörte und unterhalb eines Bodenfensters lag, gerade des
Fensters, hinter dem sie schlief. Er lauschte und lugte, alles war leer und
still, dann sah er sich im Garten nach Arbeitsgeräten um und fand richtig
sowohl Spaten wie Harke. Der Anfang zu einem Beet war schon versucht
worden; aber nur ein kleiner Streifen fertig; zwei Blumen hatte jemand
bereits eingesetzt, vermutlich um zu probieren, wie es aussehe. "Die Ärmste
ist müde geworden und wieder weggegangen", dachte er; "hier muß ein
Mann 'ran", dachte er weiter, und machte sich an das Werk. Er verspürte
nicht die geringste Lust zum Schlaf; ja, nie schien ihm eine Arbeit leichter
von der Hand gegangen zu sein. Er erinnerte sich, wie die Blumen
eingesetzt werden müßten, erinnerte sich, wie sie im Pfarrhof standen, und
beachtete beides gewissenhaft dabei. So verging die Nacht, er merkte nichts
davon; er gönnte sich kaum ein Weilchen zum Ausruhen, grub das ganze
Beet um, pflanzte die Blumen ein, versetzte eine oder die andere, damit es
noch schöner aussehe, und guckte ab und zu nach dem Bodenfenster, ob er
doch vielleicht bemerkt wurde. Weder dort noch anderswo war jemand zu
sehen; er hörte nicht einmal einen Hund bellen, bevor der Hahn krähte und
die Vögel im Walde erwachten, sich,—jetzt dieser, jetzt jener,—aufsetzten,
um "Guten Morgen" zu singen. Während er rings um das Beet die Erde mit
dem Spaten festschlug, fielen ihm die Märchen von Aslak ein, und er
erinnerte sich, wie er damals geglaubt hatte, in Solbakken wüchsen Trolle
und Kobolde aus der Erde. Da sah er zum Bodenfenster hinauf und lächelte:
Was wird sich wohl Synnöve denken, wenn sie herunterkommt? Es wurde
ganz hell; die Vögel vollführten schon einen schauderhaften Spektakel;
schnell sprang er über den Zaun und machte, daß er nach Hause kam. So!
Nun sollte mal einer beweisen, daß er Synnöves Blumen eingepflanzt habe.
Page 250
Drittes Kapitel
Bald wurde ringsum im ganzen Kirchspiel allerhand über die beiden
geredet; aber etwas Sicheres wußte keiner zu sagen. Nie wurde Thorbjörn
nach der Konfirmation in Solbakken gesehen; und das konnten die Leute
gar nicht begreifen. Ingrid kam oft hinunter, und dann machten sie und
Synnöve gern einen Spaziergang in den Wald.—"Bleib nicht zu lange", rief
Synnöves Mutter der Tochter nach.—"Nein", antwortete sie—und kam erst
abends nach Hause. Die beiden Freier stellten sich wieder ein. "Sie soll
selbst darüber bestimmen", sagte die Mutter, und der Vater meinte dasselbe;
als sie nun Synnöve beiseite nahmen, gab sie ihnen für die Bewerber einen
Korb. Es meldeten sich mehr; aber niemand hörte, daß einer mit seinem
Antrag in Solbakken Glück gehabt hatte. Eines Tages scheuerten Mutter
und Tochter zusammen Milchkübel, und da fragte die Mutter, wer ihr
eigentlich in Gedanken liege; das kam dem Mädchen so unerwartet, daß es
ganz rot wurde. "Hast Du Dich schon einem versprochen?" fragte die
Mutter weiter und sah sie fest dabei an. "Nein", antwortete Synnöve schnell.
Seitdem wurde von dergleichen nicht mehr geredet.
Da sie weit und breit für die beste Partie galt, folgten ihr lange Blicke,
wenn sie zur Kirche ging, der einzigen Stätte, wo sie außer dem Hause zu
sehen war; sie beteiligte sich nämlich nicht am Tanz oder sonstigen lauten
Festlichkeiten, weil ihre Eltern zu den Haugianern gehörten. Thorbjörn saß
ihr im Kirchstuhl gerade gegenüber; aber sie sprachen, soweit es zu
bemerken war, nie zusammen. Soviel meinten alle zu wissen, daß etwas mit
den beiden sein mußte, und da sie nicht in derselben Weise wie andere
Liebespärchen miteinander verkehrten, wurde desto mehr über sie
gesprochen. Thorbjörn war nicht sehr beliebt. Das empfand er selbst; denn
er stellte sich besonders ungeschlacht an, wenn er unter die Leute kam, wie
beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dadurch passierte es ihm wiederholt,
Bald wurde ringsum im ganzen Kirchspiel allerhand über die beiden
geredet; aber etwas Sicheres wußte keiner zu sagen. Nie wurde Thorbjörn
nach der Konfirmation in Solbakken gesehen; und das konnten die Leute
gar nicht begreifen. Ingrid kam oft hinunter, und dann machten sie und
Synnöve gern einen Spaziergang in den Wald.—"Bleib nicht zu lange", rief
Synnöves Mutter der Tochter nach.—"Nein", antwortete sie—und kam erst
abends nach Hause. Die beiden Freier stellten sich wieder ein. "Sie soll
selbst darüber bestimmen", sagte die Mutter, und der Vater meinte dasselbe;
als sie nun Synnöve beiseite nahmen, gab sie ihnen für die Bewerber einen
Korb. Es meldeten sich mehr; aber niemand hörte, daß einer mit seinem
Antrag in Solbakken Glück gehabt hatte. Eines Tages scheuerten Mutter
und Tochter zusammen Milchkübel, und da fragte die Mutter, wer ihr
eigentlich in Gedanken liege; das kam dem Mädchen so unerwartet, daß es
ganz rot wurde. "Hast Du Dich schon einem versprochen?" fragte die
Mutter weiter und sah sie fest dabei an. "Nein", antwortete Synnöve schnell.
Seitdem wurde von dergleichen nicht mehr geredet.
Da sie weit und breit für die beste Partie galt, folgten ihr lange Blicke,
wenn sie zur Kirche ging, der einzigen Stätte, wo sie außer dem Hause zu
sehen war; sie beteiligte sich nämlich nicht am Tanz oder sonstigen lauten
Festlichkeiten, weil ihre Eltern zu den Haugianern gehörten. Thorbjörn saß
ihr im Kirchstuhl gerade gegenüber; aber sie sprachen, soweit es zu
bemerken war, nie zusammen. Soviel meinten alle zu wissen, daß etwas mit
den beiden sein mußte, und da sie nicht in derselben Weise wie andere
Liebespärchen miteinander verkehrten, wurde desto mehr über sie
gesprochen. Thorbjörn war nicht sehr beliebt. Das empfand er selbst; denn
er stellte sich besonders ungeschlacht an, wenn er unter die Leute kam, wie
beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dadurch passierte es ihm wiederholt,
Page 251
daß er in eine Rauferei verwickelt wurde. Das ließ aber nach, als er einigen
beigebracht hatte, wie stark er war; und dadurch wieder gewöhnte er sich,
auf seinem Weg keinen andern zu dulden.—"Nun hast Du freie Hand über
Dich," sagte sein Vater Sämund, "aber denke dran, daß meine vielleicht
doch noch stärker ist als Deine."
Der Herbst, der Winter verging, der Frühling kam heran, und noch immer
hatten die Leute nichts Gewisses heraus. Die Körbe, die Synnöve ausgeteilt
hatte, und das Gerede darüber bewirkten, daß sie sich fast allein überlassen
blieb. Nur Ingrid leistete ihr Gesellschaft; sie sollten auch zusammen auf
die Alm in diesem Jahr, da die Solbakkener einen Anteil an der Granlidener
Weide oben gekauft hatten. Thorbjörn richtete mancherlei für sie, und man
hörte ihn dabei laut von der Höhe heruntersingen.
Einmal als er kurz vor der Abenddämmerung mit seiner Arbeit fertig war,
setzte er sich hin und dachte über alles mögliche nach; doch hauptsächlich
über die Redereien der Leute. Er streckte sich in das rotbraune Heidekraut,
legte die Hände unter den Kopf und starrte zum Himmel, der sich über den
dichten Baumkronen blau und leuchtend hinzog; die grünen Blätter und
Nadeln flossen wie ein zitternder Strom hinein und die dunklen Zweige
zeichneten seltsame, wilde Figuren darauf. Der Himmel selbst war nur dann
genau dort zu sehen, wenn ein Blatt beiseite flatterte; weiter oben zwischen
den Kronen, die einander nicht nahe kamen, brach er wie eine breite
Bergflut hervor und lief in lustigen Schwingungen über ihnen hin. Dadurch
kam Thorbjörn in eine eigene Stimmung, und seine Gedanken beschäftigten
sich weiter mit dem, was er sah.——
——Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zur Tanne auf; die
Kiefer starrte voll stummer Verachtung mit ihren Nadeln nach allen Seiten;
denn jedesmal, wenn die Lüfte weicher wurden, schossen mehr und mehr
Siechlinge auf, rannten ihr in den Weg und steckten ihr das frische Laub
beigebracht hatte, wie stark er war; und dadurch wieder gewöhnte er sich,
auf seinem Weg keinen andern zu dulden.—"Nun hast Du freie Hand über
Dich," sagte sein Vater Sämund, "aber denke dran, daß meine vielleicht
doch noch stärker ist als Deine."
Der Herbst, der Winter verging, der Frühling kam heran, und noch immer
hatten die Leute nichts Gewisses heraus. Die Körbe, die Synnöve ausgeteilt
hatte, und das Gerede darüber bewirkten, daß sie sich fast allein überlassen
blieb. Nur Ingrid leistete ihr Gesellschaft; sie sollten auch zusammen auf
die Alm in diesem Jahr, da die Solbakkener einen Anteil an der Granlidener
Weide oben gekauft hatten. Thorbjörn richtete mancherlei für sie, und man
hörte ihn dabei laut von der Höhe heruntersingen.
Einmal als er kurz vor der Abenddämmerung mit seiner Arbeit fertig war,
setzte er sich hin und dachte über alles mögliche nach; doch hauptsächlich
über die Redereien der Leute. Er streckte sich in das rotbraune Heidekraut,
legte die Hände unter den Kopf und starrte zum Himmel, der sich über den
dichten Baumkronen blau und leuchtend hinzog; die grünen Blätter und
Nadeln flossen wie ein zitternder Strom hinein und die dunklen Zweige
zeichneten seltsame, wilde Figuren darauf. Der Himmel selbst war nur dann
genau dort zu sehen, wenn ein Blatt beiseite flatterte; weiter oben zwischen
den Kronen, die einander nicht nahe kamen, brach er wie eine breite
Bergflut hervor und lief in lustigen Schwingungen über ihnen hin. Dadurch
kam Thorbjörn in eine eigene Stimmung, und seine Gedanken beschäftigten
sich weiter mit dem, was er sah.——
——Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zur Tanne auf; die
Kiefer starrte voll stummer Verachtung mit ihren Nadeln nach allen Seiten;
denn jedesmal, wenn die Lüfte weicher wurden, schossen mehr und mehr
Siechlinge auf, rannten ihr in den Weg und steckten ihr das frische Laub
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gerade unter die Nase. "Ihr Bande, wo wart Ihr denn im Winter?" fragte die
Kiefer, fächelte sich und schwitzte Harz bei der unerträglichen Hitze. "Das
ist beinah zu toll—so hoch im Norden—pfui!"
Aber da war noch eine,—eine alte, kahle Kiefer, die über alle übrigen
Bäume hinwegsah, und doch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht
niederbeugen und einen dreisten Ahorn ganz oben am Schopf nehmen
konnte, so daß ihm die Knie zitterten. Dieser klafterdicken Kiefer hatten die
Menschen nach der Spitze zu immer mehr und mehr Zweige abgeholzt, bis
ihr einmal die Geschichte zu bunt wurde und sie derart seitwärts schoß, daß
die dünne Fichte neben ihr einen Schreck kriegte und sie fragte, ob sie nicht
an die Winterstürme denke. "Na und ob!" sagte die Kiefer und klatschte ihr
mit Hilfe des Nordwinds so heftig eins um die Ohren, daß sie fast ihre
Haltung und Würde dabei verlor; und das war recht schlimm. Die
gliederstarke, finstere Kiefer hatte nun mit einem mächtigen Fuß Boden
gefaßt; sechs Ellen hoch ragten die Zehen aus der Erde; und daß sie dicker
waren als an ihrer dicksten Stelle die Weide, hatte die Weide selbst eines
Abends verschämt dem Hopfen zugeflüstert, als er sie verliebt umspannte.
Ihrer Kraft war sich die bärtige Kiefer voll bewußt; Zweig an Zweig jagte
sie hoch über der Menschen Machtbereich in die wilde Luft, und rief dabei
den Menschen zu: "Nun, holt sie Euch!"
"Nein, die können sie Dir nicht fortholen", sagte der Adler, ließ sich
gnädig auf der Kiefer nieder, schlug die Flügel mit Anstand zusammen und
wischte sich einige häßliche Flecke Viehblut vom Gefieder.—"Ich meine,
ich könnte die Königin bitten, hier ihren Aufenthalt zu wählen;—sie ist
trächtig mit mehreren Eiern; sie wird bald legen", fügte er leiser hinzu und
senkte den Blick auf seine kahlen Füße; er schämte sich, daß ihn holde
Erinnerungen an jene frühesten Lenztage überkamen, da die erste
Sonnenwärme halbtoll macht. Bald hob er die Augen wieder und sah starr
unter den buschigen Brauen auf zu den schwarzen Felsrücken, ob nicht die
Kiefer, fächelte sich und schwitzte Harz bei der unerträglichen Hitze. "Das
ist beinah zu toll—so hoch im Norden—pfui!"
Aber da war noch eine,—eine alte, kahle Kiefer, die über alle übrigen
Bäume hinwegsah, und doch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht
niederbeugen und einen dreisten Ahorn ganz oben am Schopf nehmen
konnte, so daß ihm die Knie zitterten. Dieser klafterdicken Kiefer hatten die
Menschen nach der Spitze zu immer mehr und mehr Zweige abgeholzt, bis
ihr einmal die Geschichte zu bunt wurde und sie derart seitwärts schoß, daß
die dünne Fichte neben ihr einen Schreck kriegte und sie fragte, ob sie nicht
an die Winterstürme denke. "Na und ob!" sagte die Kiefer und klatschte ihr
mit Hilfe des Nordwinds so heftig eins um die Ohren, daß sie fast ihre
Haltung und Würde dabei verlor; und das war recht schlimm. Die
gliederstarke, finstere Kiefer hatte nun mit einem mächtigen Fuß Boden
gefaßt; sechs Ellen hoch ragten die Zehen aus der Erde; und daß sie dicker
waren als an ihrer dicksten Stelle die Weide, hatte die Weide selbst eines
Abends verschämt dem Hopfen zugeflüstert, als er sie verliebt umspannte.
Ihrer Kraft war sich die bärtige Kiefer voll bewußt; Zweig an Zweig jagte
sie hoch über der Menschen Machtbereich in die wilde Luft, und rief dabei
den Menschen zu: "Nun, holt sie Euch!"
"Nein, die können sie Dir nicht fortholen", sagte der Adler, ließ sich
gnädig auf der Kiefer nieder, schlug die Flügel mit Anstand zusammen und
wischte sich einige häßliche Flecke Viehblut vom Gefieder.—"Ich meine,
ich könnte die Königin bitten, hier ihren Aufenthalt zu wählen;—sie ist
trächtig mit mehreren Eiern; sie wird bald legen", fügte er leiser hinzu und
senkte den Blick auf seine kahlen Füße; er schämte sich, daß ihn holde
Erinnerungen an jene frühesten Lenztage überkamen, da die erste
Sonnenwärme halbtoll macht. Bald hob er die Augen wieder und sah starr
unter den buschigen Brauen auf zu den schwarzen Felsrücken, ob nicht die
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eierschwere, kränkelnde Königin von dort herniedersegele. Er flog auf, und
schon konnte die Kiefer das Paar in der klaren, blauen Luft erkennen, wie
es in gleicher Linie mit dem höchsten Felsgipfel dahinstrich und über seine
häuslichen Angelegenheiten verhandelte. Sie war nicht frei von einer
gewissen Unruhe; denn so vornehm sie sich auch schon dünkte, so mußte
sie doch noch vornehmer werden, wenn sie ein Adlerpaar wiegte. Es kam
herab, kam direkt auf sie zu; ohne einen Ton von sich zu geben, begann es
eifrig Reisig heranzuschaffen. Die Kiefer machte sich, wenn möglich, noch
breiter,—daran konnte sie keiner hindern.
Aber im ganzen Wald erhob sich ein eifriges Geraune, als alles sah, was
für eine Ehre der Riesenkiefer erwiesen wurde. Da war unter anderen auch
eine kleine, nette Birke, die sich in einem Weiher spiegelte und sich ein
gewisses Anrecht auf die Liebe eines Hänflings einredete, der auf ihr
gewöhnlich seinen Mittagsschlaf hielt. Sie hatte ihm ihren Duft in den
Schnabel gehaucht, Fliegen und Mücken auf ihre Blätter festgeklebt, so daß
sie leicht genug zu fangen waren, ja, zuletzt hatte sie in der Hitze ein
dichtes Häuschen von Zweigen gebaut und mit Blättern gedeckt, so daß der
Hänfling wirklich im Begriff war, es als Sommerwohnung zu benutzen.
Jetzt aber: der Adler hatte sich in der Riesenkiefer festgesetzt, und fort
mußte der Hänfling. Ach, die Trauer! Er trillerte noch ein Abschiedslied;
aber nur ganz leise, damit es der Adler nicht höre.
Nicht besser erging es einigen kleinen Sperlingen im Elsenstrauch. Sie
hatten dort ein so sündiges Leben geführt, daß die Drossel, nebenan in der
Esche, nie zur gehörigen Zeit schlafen konnte, oft ganz außer sich wurde
und schimpfte. Das hatte einen ernsten Schwarzspecht derart zum Lachen
gebracht, daß er beinah vom Ast gepurzelt wäre. Nun sahen sie den Adler
auf der Riesenkiefer; und Drossel, Sperlinge, Schwarzspecht und alles, was
fliegen konnte, mußte über Hals und Kopf fort, über und unter die Zweige.
schon konnte die Kiefer das Paar in der klaren, blauen Luft erkennen, wie
es in gleicher Linie mit dem höchsten Felsgipfel dahinstrich und über seine
häuslichen Angelegenheiten verhandelte. Sie war nicht frei von einer
gewissen Unruhe; denn so vornehm sie sich auch schon dünkte, so mußte
sie doch noch vornehmer werden, wenn sie ein Adlerpaar wiegte. Es kam
herab, kam direkt auf sie zu; ohne einen Ton von sich zu geben, begann es
eifrig Reisig heranzuschaffen. Die Kiefer machte sich, wenn möglich, noch
breiter,—daran konnte sie keiner hindern.
Aber im ganzen Wald erhob sich ein eifriges Geraune, als alles sah, was
für eine Ehre der Riesenkiefer erwiesen wurde. Da war unter anderen auch
eine kleine, nette Birke, die sich in einem Weiher spiegelte und sich ein
gewisses Anrecht auf die Liebe eines Hänflings einredete, der auf ihr
gewöhnlich seinen Mittagsschlaf hielt. Sie hatte ihm ihren Duft in den
Schnabel gehaucht, Fliegen und Mücken auf ihre Blätter festgeklebt, so daß
sie leicht genug zu fangen waren, ja, zuletzt hatte sie in der Hitze ein
dichtes Häuschen von Zweigen gebaut und mit Blättern gedeckt, so daß der
Hänfling wirklich im Begriff war, es als Sommerwohnung zu benutzen.
Jetzt aber: der Adler hatte sich in der Riesenkiefer festgesetzt, und fort
mußte der Hänfling. Ach, die Trauer! Er trillerte noch ein Abschiedslied;
aber nur ganz leise, damit es der Adler nicht höre.
Nicht besser erging es einigen kleinen Sperlingen im Elsenstrauch. Sie
hatten dort ein so sündiges Leben geführt, daß die Drossel, nebenan in der
Esche, nie zur gehörigen Zeit schlafen konnte, oft ganz außer sich wurde
und schimpfte. Das hatte einen ernsten Schwarzspecht derart zum Lachen
gebracht, daß er beinah vom Ast gepurzelt wäre. Nun sahen sie den Adler
auf der Riesenkiefer; und Drossel, Sperlinge, Schwarzspecht und alles, was
fliegen konnte, mußte über Hals und Kopf fort, über und unter die Zweige.
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Die Drossel versicherte auffliegend mit einem Fluch, daß sie nie mehr eine
Wohnung nehmen werde, in deren Nachbarschaft Sperlinge hausten.
So stand der Wald in weitem Umkreis verlassen und nachdenklich im
heiteren Sonnenschein. Er sollte Freude an der Kiefer haben; aber die
Freude war recht mäßig. Kam der Nordwind, dann bog er sich bange, dann
peitschte die Riesenkiefer mit ihren mächtigen Zweigen die Lüfte,—ruhig
und bedachtsam umflog sie der Adler, als ob ihn nur ein schwacher
Windstoß streifte und etwas kümmerlichen Weihrauch vom Wald zu ihm
hinauftrüge. Aber die ganze Kiefernfamilie war froh und stolz. Keins ihrer
Mitglieder dachte daran, daß es selbst in diesem Jahr gar nichts wiegte.
"Weg damit", sagten sie, "wir gehören zu einem vornehmen Stamm."
"———Woran denkst Du denn?" fragte Ingrid, die plötzlich lächelnd
hinter ihm zwischen Strauchwerk stand, das sie zur Seite gebogen hatte.
Nun trat sie vor. Thorbjörn stand auf. "Na, es kann einem wohl manches
durch den Kopf gehen", sagte er und sah mit trotzigem Gesichtsausdruck
über die Bäume hin.—"Das Gerede und Geklatsche da unten wird mir
schließlich zu arg", fügte er hinzu und klopfte sich etwas Erde ab.
—"Warum bekümmerst Du Dich immer darum; laß doch die Leute
reden."—"Ich weiß nicht recht;—aber—sie haben noch nie etwas gesagt,
was ich nicht dachte, wenn ich's auch nicht getan habe."—"Du, das klingt
häßlich."—"Das tut's auch", sagte er und fuhr nach kurzer Pause fort: "Aber
wahr ist's." Sie setzte sich in das Gras; er blieb stehen und blickte zu Boden.
"Ich könnte leicht so werden, wie sie mich haben wollen; sie sollten mich
so lassen, wie ich bin."—"Am Ende ist es aber doch Deine
Schuld."—"Wohl möglich, aber die andern haben auch Schuld; sie sollen
mich zufrieden lassen", schrie er fast und sah zu dem Adler hinauf. "Aber,
Thorbjörn", flüsterte Ingrid. Er drehte sich zu ihr hin und lachte: "Schon
gut, schon gut, wie gesagt, es kann einem wohl manches durch den Kopf
gehen—hast Du heute mit Synnöve gesprochen?"—"Ja, sie ist schon auf die
Wohnung nehmen werde, in deren Nachbarschaft Sperlinge hausten.
So stand der Wald in weitem Umkreis verlassen und nachdenklich im
heiteren Sonnenschein. Er sollte Freude an der Kiefer haben; aber die
Freude war recht mäßig. Kam der Nordwind, dann bog er sich bange, dann
peitschte die Riesenkiefer mit ihren mächtigen Zweigen die Lüfte,—ruhig
und bedachtsam umflog sie der Adler, als ob ihn nur ein schwacher
Windstoß streifte und etwas kümmerlichen Weihrauch vom Wald zu ihm
hinauftrüge. Aber die ganze Kiefernfamilie war froh und stolz. Keins ihrer
Mitglieder dachte daran, daß es selbst in diesem Jahr gar nichts wiegte.
"Weg damit", sagten sie, "wir gehören zu einem vornehmen Stamm."
"———Woran denkst Du denn?" fragte Ingrid, die plötzlich lächelnd
hinter ihm zwischen Strauchwerk stand, das sie zur Seite gebogen hatte.
Nun trat sie vor. Thorbjörn stand auf. "Na, es kann einem wohl manches
durch den Kopf gehen", sagte er und sah mit trotzigem Gesichtsausdruck
über die Bäume hin.—"Das Gerede und Geklatsche da unten wird mir
schließlich zu arg", fügte er hinzu und klopfte sich etwas Erde ab.
—"Warum bekümmerst Du Dich immer darum; laß doch die Leute
reden."—"Ich weiß nicht recht;—aber—sie haben noch nie etwas gesagt,
was ich nicht dachte, wenn ich's auch nicht getan habe."—"Du, das klingt
häßlich."—"Das tut's auch", sagte er und fuhr nach kurzer Pause fort: "Aber
wahr ist's." Sie setzte sich in das Gras; er blieb stehen und blickte zu Boden.
"Ich könnte leicht so werden, wie sie mich haben wollen; sie sollten mich
so lassen, wie ich bin."—"Am Ende ist es aber doch Deine
Schuld."—"Wohl möglich, aber die andern haben auch Schuld; sie sollen
mich zufrieden lassen", schrie er fast und sah zu dem Adler hinauf. "Aber,
Thorbjörn", flüsterte Ingrid. Er drehte sich zu ihr hin und lachte: "Schon
gut, schon gut, wie gesagt, es kann einem wohl manches durch den Kopf
gehen—hast Du heute mit Synnöve gesprochen?"—"Ja, sie ist schon auf die
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Alm gezogen."—"Heute?"—"Ja."—"Mit dem Solbakkener
Vieh?"—"Ja."—"Trallala!"
Auf den Baum die Sonne herniedersah:
Trallalirum!
Mein Schatz, wie stehst Du so leuchtend da?
Trallali, trallala!
Der Vogel erwachte, er piept:
Was gibts? Was ist los? Was gibts?—
"Morgen ziehen wir auch hinauf", sagte Ingrid, um ihn auf andere
Gedanken zu bringen. "Ich gehe mit als Treiber", sagte Thorbjörn.—"Nein",
antwortete sie, "Vater will selbst mit."—"Ja so", meinte er und schwieg. "Er
hat heute nach Dir gefragt", fuhr sie fort. "Wirklich?" sagte Thorbjörn,
schnitt mit seinem Taschenmesser einen Zweig ab und begann ihn
abzuschälen. "Du mußt öfter mit Vater reden," sagte sie sanft, "er hat Dich
sehr lieb," setzte sie hinzu. "Wohl möglich", meinte er. "Er spricht oft von
Dir, wenn Du fort bist!"—"Desto seltener, wenn ich zu Hause bin."—"Das
ist Deine Schuld."—"Wohl möglich."—"Rede nicht so, Thorbjörn, Du
weißt, was zwischen Euch liegt."—"Was denn?"—"Brauche ich Dir das erst
zu sagen?"—"Das kommt auf eins 'raus, Ingrid; Du weißt ja, was ich
weiß."—"Jawohl, Du gehst zu sehr auf eigene Faust los, und Du weißt, das
kann er nicht leiden."—"Natürlich, er will mich noch beim Arm
halten."—"Ja, besonders wenn Du raufst."—"Dürfen denn die Leute alles
sagen und tun, was sie wollen?"—"Nein, aber Du kannst ihnen auch mehr
aus dem Wege gehen; das hat Vater immer getan und ist dabei ein
geachteter Mann geworden."—"Sie haben ihn auch nicht soviel wie mich
gereizt und geärgert."—Ingrid schwieg eine Weile, sah sich um und sagte
dann: "Das nützt ja nichts, wenn wir immer wieder davon reden; aber
trotzdem—wenn Du weißt, daß die Leute irgendwo etwas gegen Dich
haben, brauchst Du nicht gerade dorthin zu gehen."—"Ja, gerade dorthin!
Vieh?"—"Ja."—"Trallala!"
Auf den Baum die Sonne herniedersah:
Trallalirum!
Mein Schatz, wie stehst Du so leuchtend da?
Trallali, trallala!
Der Vogel erwachte, er piept:
Was gibts? Was ist los? Was gibts?—
"Morgen ziehen wir auch hinauf", sagte Ingrid, um ihn auf andere
Gedanken zu bringen. "Ich gehe mit als Treiber", sagte Thorbjörn.—"Nein",
antwortete sie, "Vater will selbst mit."—"Ja so", meinte er und schwieg. "Er
hat heute nach Dir gefragt", fuhr sie fort. "Wirklich?" sagte Thorbjörn,
schnitt mit seinem Taschenmesser einen Zweig ab und begann ihn
abzuschälen. "Du mußt öfter mit Vater reden," sagte sie sanft, "er hat Dich
sehr lieb," setzte sie hinzu. "Wohl möglich", meinte er. "Er spricht oft von
Dir, wenn Du fort bist!"—"Desto seltener, wenn ich zu Hause bin."—"Das
ist Deine Schuld."—"Wohl möglich."—"Rede nicht so, Thorbjörn, Du
weißt, was zwischen Euch liegt."—"Was denn?"—"Brauche ich Dir das erst
zu sagen?"—"Das kommt auf eins 'raus, Ingrid; Du weißt ja, was ich
weiß."—"Jawohl, Du gehst zu sehr auf eigene Faust los, und Du weißt, das
kann er nicht leiden."—"Natürlich, er will mich noch beim Arm
halten."—"Ja, besonders wenn Du raufst."—"Dürfen denn die Leute alles
sagen und tun, was sie wollen?"—"Nein, aber Du kannst ihnen auch mehr
aus dem Wege gehen; das hat Vater immer getan und ist dabei ein
geachteter Mann geworden."—"Sie haben ihn auch nicht soviel wie mich
gereizt und geärgert."—Ingrid schwieg eine Weile, sah sich um und sagte
dann: "Das nützt ja nichts, wenn wir immer wieder davon reden; aber
trotzdem—wenn Du weißt, daß die Leute irgendwo etwas gegen Dich
haben, brauchst Du nicht gerade dorthin zu gehen."—"Ja, gerade dorthin!
Page 256
Ich heiße nicht umsonst Thorbjörn Granliden!"—Er hatte den Bast vom
Zweige abgeschält und schnitt nun den Zweig mitten durch. Ingrid sah ihn
an und fragte etwas gedehnt: "Willst Du Sonntag nach
Nordhoug?"—"Ja."—Sie blieb eine Weile stumm, dann fragte sie, ohne ihn
anzusehen: "Weißt Du, daß Knud Nordhoug zur Hochzeit seiner Schwester
nach Hause gekommen ist?"—"Ja."—Nun sah sie ihn an: "Thorbjörn!
Thorbjörn!"—"Darf er jetzt mehr als früher wagen, sich zwischen mich und
andere zu stellen?"—"Das tut er nicht; nicht mehr, als die anderen
wollen."—"Keiner weiß, was sie wollen!"—"Du weißt es ganz gut."—"Sie
selber sagt keinesfalls was."—"Ach, was redest Du da zusammen!" sagte
Ingrid und warf einen Blick rückwärts. Er schmiß die Zweigstücke fort,
steckte sein Messer in die Scheide und wandte sich der Schwester zu. "Hör'
mal, ich habe es oft recht satt. Die Leute schneiden mir und ihr die Ehre ab,
weil nichts offenkundig zugeht; und andererseits—ich komme ja nicht
einmal nach Solbakken hinüber, die Eltern können mich nicht leiden, sagt
sie. Ich darf sie nicht besuchen, wie andere Burschen ihre Mädchen, weil
sie eine Heilige ist—na, Du weißt ja."—"Thorbjörn", sagte Ingrid und
wurde immer unruhiger, als er fortfuhr: "Vater will kein gutes Wort für mich
einlegen; verdienst Du sie, dann kriegst Du sie, sagt er. Geschwätz,
Geschwätz auf der einen Seite und nichts, was dafür entschädigt auf der
andern—ja, ich weiß noch nicht mal recht, ob sie—" Ingrid sprang auf,
schloß ihm mit der einen Hand den Mund und blickte dabei rückwärts. Da
wurde das Strauchwerk wieder beiseite gebogen, ein hohes, schlankes
Mädchen mit errötendem Gesicht trat daraus hervor; es war Synnöve.
"Guten Abend", sagte sie. Ingrid sah Thorbjörn an, als wollte sie sagen:
"Jetzt sieh mal!"—Thorbjörn sah Ingrid an, als wollte er sagen: "Das hättest
Du lieber nicht tun sollen." Keines von beiden sah Synnöve an. "Ich darf
mich wohl etwas hinsetzen; ich bin heut schon soviel gegangen." Und sie
setzte sich, Thorbjörn beugte den Kopf, um zu untersuchen, ob ihr Sitzplatz
auch nicht feucht sei. Ingrid hatte schnell fort und nach Granliden
Zweige abgeschält und schnitt nun den Zweig mitten durch. Ingrid sah ihn
an und fragte etwas gedehnt: "Willst Du Sonntag nach
Nordhoug?"—"Ja."—Sie blieb eine Weile stumm, dann fragte sie, ohne ihn
anzusehen: "Weißt Du, daß Knud Nordhoug zur Hochzeit seiner Schwester
nach Hause gekommen ist?"—"Ja."—Nun sah sie ihn an: "Thorbjörn!
Thorbjörn!"—"Darf er jetzt mehr als früher wagen, sich zwischen mich und
andere zu stellen?"—"Das tut er nicht; nicht mehr, als die anderen
wollen."—"Keiner weiß, was sie wollen!"—"Du weißt es ganz gut."—"Sie
selber sagt keinesfalls was."—"Ach, was redest Du da zusammen!" sagte
Ingrid und warf einen Blick rückwärts. Er schmiß die Zweigstücke fort,
steckte sein Messer in die Scheide und wandte sich der Schwester zu. "Hör'
mal, ich habe es oft recht satt. Die Leute schneiden mir und ihr die Ehre ab,
weil nichts offenkundig zugeht; und andererseits—ich komme ja nicht
einmal nach Solbakken hinüber, die Eltern können mich nicht leiden, sagt
sie. Ich darf sie nicht besuchen, wie andere Burschen ihre Mädchen, weil
sie eine Heilige ist—na, Du weißt ja."—"Thorbjörn", sagte Ingrid und
wurde immer unruhiger, als er fortfuhr: "Vater will kein gutes Wort für mich
einlegen; verdienst Du sie, dann kriegst Du sie, sagt er. Geschwätz,
Geschwätz auf der einen Seite und nichts, was dafür entschädigt auf der
andern—ja, ich weiß noch nicht mal recht, ob sie—" Ingrid sprang auf,
schloß ihm mit der einen Hand den Mund und blickte dabei rückwärts. Da
wurde das Strauchwerk wieder beiseite gebogen, ein hohes, schlankes
Mädchen mit errötendem Gesicht trat daraus hervor; es war Synnöve.
"Guten Abend", sagte sie. Ingrid sah Thorbjörn an, als wollte sie sagen:
"Jetzt sieh mal!"—Thorbjörn sah Ingrid an, als wollte er sagen: "Das hättest
Du lieber nicht tun sollen." Keines von beiden sah Synnöve an. "Ich darf
mich wohl etwas hinsetzen; ich bin heut schon soviel gegangen." Und sie
setzte sich, Thorbjörn beugte den Kopf, um zu untersuchen, ob ihr Sitzplatz
auch nicht feucht sei. Ingrid hatte schnell fort und nach Granliden
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hinuntergeblickt; nun rief sie plötzlich: "Ach nein! Ach nein! Fagerlin hat
sich losgerissen und trampelt auf der jungen Saat herum! Das Scheusal!
Und Kelleros auch! Das ist ja nicht mehr auszuhalten! Höchste Zeit, daß
wir auf die Alm kommen!" und weg war sie, ohne auch nur Adieu gesagt zu
haben. Synnöve stand sofort auf. "Gehst Du schon?" fragte Thorbjörn. "Ja",
sagte sie, blieb aber stehen.
"Möchtest Du nicht noch ein bißchen bleiben?" brachte er hervor, ohne
sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das könnte lange
dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging eine
Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er etwas
verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fühlte, wie in ihm der
Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht erwartet hatte; sie tat
einen Schritt vorwärts, beugte sich zu ihm hin, sah ihm in die Augen und
sagte lächelnd: "Bist Du mir böse?" Und als er sie anblickte, sah er, daß sie
weinte. "Nein", entgegnete er und wurde feuerrot.
Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Tränen waren,
bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurück. Endlich sagte
er: "Du hast alles mit angehört?"—"Ja", antwortete sie, sah auf und lachte,
aber da ihr immer noch mehr Tränen in die Augen traten, wußte er gar
nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die Worte: "Ich habe
es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr sanft heraus; sie blickte
zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst nicht richten über Dinge, so
Du nicht kennst." Das wurde mit gepreßter Stimme gesagt, und ihm wurde
ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein kleiner Junge vor und wußte
deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu sagen als: "Ich bitte Dich um
Verzeihung." Aber nun strömten ihre Tränen heftig und heftiger. Das konnte
er nicht mit ansehen, er ging hin zu ihr, umfaßte sie und beugte sich über
sie: "Liebst Du mich wirklich, Synnöve?"—"Ja", schluchzte sie. "Aber
macht Dich das auch glücklich?" Sie antwortete nicht. "Macht Dich das
sich losgerissen und trampelt auf der jungen Saat herum! Das Scheusal!
Und Kelleros auch! Das ist ja nicht mehr auszuhalten! Höchste Zeit, daß
wir auf die Alm kommen!" und weg war sie, ohne auch nur Adieu gesagt zu
haben. Synnöve stand sofort auf. "Gehst Du schon?" fragte Thorbjörn. "Ja",
sagte sie, blieb aber stehen.
"Möchtest Du nicht noch ein bißchen bleiben?" brachte er hervor, ohne
sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das könnte lange
dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging eine
Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er etwas
verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fühlte, wie in ihm der
Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht erwartet hatte; sie tat
einen Schritt vorwärts, beugte sich zu ihm hin, sah ihm in die Augen und
sagte lächelnd: "Bist Du mir böse?" Und als er sie anblickte, sah er, daß sie
weinte. "Nein", entgegnete er und wurde feuerrot.
Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Tränen waren,
bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurück. Endlich sagte
er: "Du hast alles mit angehört?"—"Ja", antwortete sie, sah auf und lachte,
aber da ihr immer noch mehr Tränen in die Augen traten, wußte er gar
nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die Worte: "Ich habe
es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr sanft heraus; sie blickte
zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst nicht richten über Dinge, so
Du nicht kennst." Das wurde mit gepreßter Stimme gesagt, und ihm wurde
ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein kleiner Junge vor und wußte
deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu sagen als: "Ich bitte Dich um
Verzeihung." Aber nun strömten ihre Tränen heftig und heftiger. Das konnte
er nicht mit ansehen, er ging hin zu ihr, umfaßte sie und beugte sich über
sie: "Liebst Du mich wirklich, Synnöve?"—"Ja", schluchzte sie. "Aber
macht Dich das auch glücklich?" Sie antwortete nicht. "Macht Dich das
Page 258
auch glücklich?" wiederholte er. Sie weinte heißer als zuvor und wollte sich
ihm entziehen.
"Synnöve, wir wollen ein bißchen miteinander reden", sagte er und half
ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte sich
die Tränen ab und machte einen Versuch zu lächeln; aber es gelang nicht. Er
hielt die eine von ihren Händen fest und blickte ihr in das Gesicht. "Liebste,
warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie schwieg. "Hast Du
Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum nicht?" fragte er
und zog ihre Hand näher an sich. "Ich habe mich nicht getraut", sagte sie
ganz leise.
Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fuß leicht, lehnte
den Ellbogen auf das Knie und stützte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die
Art werde ich wohl nie hinüberkommen", sagte er. Statt zu antworten,
rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich
lieber hätte sollen bleiben lassen,——aber etwas Nachsicht hätten sie doch
haben können. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen Augenblick inne)
"bin auch noch jung—etwas über zwanzig Jahre bin ich"—er konnte nicht
gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig liebt," sagte er wieder, "der
mußte doch——" und nun verstummte er ganz. Da klang es gedämpft von
der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht so,——Du weißt nicht, wie schwer,
—ich darf es ja nicht einmal Ingrid sagen—(und nun unter starken Tränen):
ich habe so schwer—zu leiden." Er umschlang sie und zog sie dichter an
sich. "Sprich mit Deinen Eltern," flüsterte er, "und Du wirst sehen, alles
wird gut."—"Es wird, wie Du willst", flüsterte sie. "Wie ich will?" Da
neigte sich Synnöve zu ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du
mich, so wie ich Dich?" sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu
lächeln. "Etwa nicht?" entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du
nimmst auf mich keine Rücksicht; Du weißt, was uns zusammenbringen
kann, tust es aber nicht. Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im
ihm entziehen.
"Synnöve, wir wollen ein bißchen miteinander reden", sagte er und half
ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte sich
die Tränen ab und machte einen Versuch zu lächeln; aber es gelang nicht. Er
hielt die eine von ihren Händen fest und blickte ihr in das Gesicht. "Liebste,
warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie schwieg. "Hast Du
Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum nicht?" fragte er
und zog ihre Hand näher an sich. "Ich habe mich nicht getraut", sagte sie
ganz leise.
Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fuß leicht, lehnte
den Ellbogen auf das Knie und stützte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die
Art werde ich wohl nie hinüberkommen", sagte er. Statt zu antworten,
rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich
lieber hätte sollen bleiben lassen,——aber etwas Nachsicht hätten sie doch
haben können. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen Augenblick inne)
"bin auch noch jung—etwas über zwanzig Jahre bin ich"—er konnte nicht
gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig liebt," sagte er wieder, "der
mußte doch——" und nun verstummte er ganz. Da klang es gedämpft von
der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht so,——Du weißt nicht, wie schwer,
—ich darf es ja nicht einmal Ingrid sagen—(und nun unter starken Tränen):
ich habe so schwer—zu leiden." Er umschlang sie und zog sie dichter an
sich. "Sprich mit Deinen Eltern," flüsterte er, "und Du wirst sehen, alles
wird gut."—"Es wird, wie Du willst", flüsterte sie. "Wie ich will?" Da
neigte sich Synnöve zu ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du
mich, so wie ich Dich?" sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu
lächeln. "Etwa nicht?" entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du
nimmst auf mich keine Rücksicht; Du weißt, was uns zusammenbringen
kann, tust es aber nicht. Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im
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besten Zuge war, fuhr sie eifrig fort: "Lieber Gott, wenn Du wüßtest, wie
ich auf den Tag geharrt und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen
könnte. Aber wenn man immer von etwas hören muß, was nicht ist, wie es
sein soll, und wenn es die eigenen Eltern sind, die einem damit in den
Ohren liegen." Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn; er sah sie in
Solbakken herumgehen und auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der
sie ihn sanft ihren Eltern zuführen könnte; aber nie bescherte er ihr eine
solche Stunde.
"Das hättest Du mir früher sagen sollen, Synnöve."—"Hab' ich das nicht
getan?"—"Nein, nicht so."—Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie,
während sie ihre Schürzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe ich es
nicht getan, weil—ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem Gedanken,
sie habe Furcht vor ihm, so gerührt, daß er ihr zum erstenmal in seinem
Leben einen Kuß gab.
Vor Verwunderung hielt sie plötzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen
flackerten, sie versuchte zu lächeln, sah zu Boden, sah endlich Thorbjörn
an, und nun lächelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr; aber ihre Hände
fanden sich wieder, doch die des andern zu drücken, das traute sich keins
von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete Augen und Gesicht
und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder glatt. Er saß da, sah sie
an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie mehr Schamhaftigkeit als die
andern Mädchen hier, und will danach behandelt werden, so soll keiner was
dagegen sagen."
Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte gern
Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fühlte eine gewisse Scheu, die ihm
kaum erlaubte, sie zu berühren; es kam ihm schon merkwürdig vor, daß er
neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch:
ich auf den Tag geharrt und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen
könnte. Aber wenn man immer von etwas hören muß, was nicht ist, wie es
sein soll, und wenn es die eigenen Eltern sind, die einem damit in den
Ohren liegen." Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn; er sah sie in
Solbakken herumgehen und auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der
sie ihn sanft ihren Eltern zuführen könnte; aber nie bescherte er ihr eine
solche Stunde.
"Das hättest Du mir früher sagen sollen, Synnöve."—"Hab' ich das nicht
getan?"—"Nein, nicht so."—Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie,
während sie ihre Schürzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe ich es
nicht getan, weil—ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem Gedanken,
sie habe Furcht vor ihm, so gerührt, daß er ihr zum erstenmal in seinem
Leben einen Kuß gab.
Vor Verwunderung hielt sie plötzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen
flackerten, sie versuchte zu lächeln, sah zu Boden, sah endlich Thorbjörn
an, und nun lächelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr; aber ihre Hände
fanden sich wieder, doch die des andern zu drücken, das traute sich keins
von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete Augen und Gesicht
und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder glatt. Er saß da, sah sie
an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie mehr Schamhaftigkeit als die
andern Mädchen hier, und will danach behandelt werden, so soll keiner was
dagegen sagen."
Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte gern
Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fühlte eine gewisse Scheu, die ihm
kaum erlaubte, sie zu berühren; es kam ihm schon merkwürdig vor, daß er
neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch:
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"Das soll lange dauern, bis Du wieder einen tollen Streich von mir zu
hören bekommst."
Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur
Mühle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener
Mühle, wenn ihre Bäche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach
bekam immer neuen Zufluß von den Bergen. Viele Säcke waren
hinunterzutragen, manche recht große, manche riesig große darunter. Die
Frauen standen unweit davon, hielten Wäsche und wrangen aus. Thorbjörn
ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht
helfen?"—"Das schaffe ich schon allein", sagte Sämund, nahm schnell
einen Sack auf seinen Rücken und trug ihn zur Mühle. "Hier sind noch eine
ganze Menge", sagte Thorbjörn, packte zwei große, stemmte den Rücken
dagegen, griff über die Schultern, faßte mit jeder Hand einen und stützte ihn
seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Sämund, der
zurückkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjörn an, sagte aber nichts.
Als Thorbjörn zum Schuppen zurückging, traf er Sämund mit noch zwei
größeren Säcken auf dem Rücken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz
kleinen und zog damit ab; als Sämund ihn traf, sah er ihn an, aber länger als
das vorige Mal. Da geschah es, daß sie einmal zu gleicher Zeit vor dem
Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen," sagte
Sämund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren Bruder
bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken, nahm aber
diesmal die zwei größten Säcke, die er finden konnte. "Gehst Du hin?"
fragte Sämund und runzelte die Stirn.—"Nein."
Viertes Kapitel
hören bekommst."
Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur
Mühle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener
Mühle, wenn ihre Bäche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach
bekam immer neuen Zufluß von den Bergen. Viele Säcke waren
hinunterzutragen, manche recht große, manche riesig große darunter. Die
Frauen standen unweit davon, hielten Wäsche und wrangen aus. Thorbjörn
ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht
helfen?"—"Das schaffe ich schon allein", sagte Sämund, nahm schnell
einen Sack auf seinen Rücken und trug ihn zur Mühle. "Hier sind noch eine
ganze Menge", sagte Thorbjörn, packte zwei große, stemmte den Rücken
dagegen, griff über die Schultern, faßte mit jeder Hand einen und stützte ihn
seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Sämund, der
zurückkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjörn an, sagte aber nichts.
Als Thorbjörn zum Schuppen zurückging, traf er Sämund mit noch zwei
größeren Säcken auf dem Rücken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz
kleinen und zog damit ab; als Sämund ihn traf, sah er ihn an, aber länger als
das vorige Mal. Da geschah es, daß sie einmal zu gleicher Zeit vor dem
Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen," sagte
Sämund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren Bruder
bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken, nahm aber
diesmal die zwei größten Säcke, die er finden konnte. "Gehst Du hin?"
fragte Sämund und runzelte die Stirn.—"Nein."
Viertes Kapitel
Page 261
Die Granlidener Alm war schön gelegen; von ihr konnte man das ganze
Kirchspiel überschauen—zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten
seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Höfe in ihrem Ring von
Wäldern; wie Friedensstätten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden
Boden abgewonnen waren, erschienen die grünen Grasflächen mit den
Häusern darauf. Vierzehn Höfe konnten von der Alm aus gezählt werden;
von dem Granlidener waren nur die Dächer sichtbar; und auch sie nur vom
höchsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Mädchen öfter hin,
um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen
aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute gibt's
Pökelfleisch und Speck."—"Hörst Du, jetzt werden die Männer gerufen,"
sagte Synnöve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der beiden
verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare, sonnenheitre Luft
emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's überlegte—und dann breit
über den Wald hinfloß, immer dünner und dünner, zuletzt nur wie ein
fächelnder Flor und dann kaum mehr zu erkennen. So mancher Gedanke
wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und umkreiste das Kirchspiel.
Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die eigentliche Hochzeit war
schon ein paar Tage vorbei; aber da die Nachfeier eine Woche dauerte,
klangen noch immer Schüsse und allerlei derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die
sind aber vergnügt", sagte Ingrid.—"Ich beneide sie nicht darum", sagte
Synnöve und nahm ihr Strickzeug. "Da möchte man mit dabei sein", sagte
Ingrid, die sich hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die
Menschen zwischen den Häusern hin- und hergingen—einige zum
Schuppen, vor dem wohl die gedeckten Tische standen, andere paarweise in
vertraulichem Gespräch etwas weiter. "Ich weiß nicht recht, was einen
dahin ziehen sollte", sagte Synnöve. "Ich weiß das auch kaum," antwortete
Ingrid, die immer noch dasaß; "vielleicht der Tanz." Synnöve entgegnete
nichts. "Hast Du noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"—"Hältst Du
Tanzen für eine Sünde?"—"Das weiß ich nicht recht." Ingrid mochte im
Kirchspiel überschauen—zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten
seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Höfe in ihrem Ring von
Wäldern; wie Friedensstätten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden
Boden abgewonnen waren, erschienen die grünen Grasflächen mit den
Häusern darauf. Vierzehn Höfe konnten von der Alm aus gezählt werden;
von dem Granlidener waren nur die Dächer sichtbar; und auch sie nur vom
höchsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Mädchen öfter hin,
um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen
aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute gibt's
Pökelfleisch und Speck."—"Hörst Du, jetzt werden die Männer gerufen,"
sagte Synnöve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der beiden
verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare, sonnenheitre Luft
emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's überlegte—und dann breit
über den Wald hinfloß, immer dünner und dünner, zuletzt nur wie ein
fächelnder Flor und dann kaum mehr zu erkennen. So mancher Gedanke
wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und umkreiste das Kirchspiel.
Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die eigentliche Hochzeit war
schon ein paar Tage vorbei; aber da die Nachfeier eine Woche dauerte,
klangen noch immer Schüsse und allerlei derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die
sind aber vergnügt", sagte Ingrid.—"Ich beneide sie nicht darum", sagte
Synnöve und nahm ihr Strickzeug. "Da möchte man mit dabei sein", sagte
Ingrid, die sich hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die
Menschen zwischen den Häusern hin- und hergingen—einige zum
Schuppen, vor dem wohl die gedeckten Tische standen, andere paarweise in
vertraulichem Gespräch etwas weiter. "Ich weiß nicht recht, was einen
dahin ziehen sollte", sagte Synnöve. "Ich weiß das auch kaum," antwortete
Ingrid, die immer noch dasaß; "vielleicht der Tanz." Synnöve entgegnete
nichts. "Hast Du noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"—"Hältst Du
Tanzen für eine Sünde?"—"Das weiß ich nicht recht." Ingrid mochte im
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Augenblick nicht weiter davon reden; denn es fiel ihr ein, daß der Tanz bei
den Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnöves Verhältnis zu
ihren Eltern in diesem Fall nicht näher berühren. Aber da ihr nun mal der
Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Tänzer als
Thorbjörn habe ich noch nie gesehen." Synnöve blieb ein Weilchen still,
dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."—"Du müßtest ihn einmal tanzen
sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell entgegnete
Synnöve: "Nein, das möchte ich nicht."
Ingrid war einigermaßen betroffen; Synnöve beugte sich über ihr
Strickzeug und zählte die Maschen; plötzlich ließ sie die Arbeit in den
Schoß fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergnügt wie heute
bin ich lange nicht gewesen."—"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er heute
nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken nach. "Ja,
es sollen Mädchen dort sein, die ihn gern haben möchten", sagte sie.
Synnöve öffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg aber und zog
eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjörn möchte wohl selbst gern
dort sein, ja, das glaube ich gewiß", fuhr Ingrid fort. Aber kaum hatte sie
das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit gesagt hatte; sie sah
Synnöve an; die war feuerrot geworden und strickte eifrig. Nun wurde
Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegespräch klar; sie klatschte in die
Hände, kam schnell angelaufen, kniete im Heidekraut dicht vor Synnöve
nieder und sah ihr fest in die Augen—Synnöve strickte eifrig. "So, jetzt
weiß ich, daß Du mir manchen lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte
Ingrid. "Was meinst Du denn?" fragte Synnöve und warf ihr einen
unsicheren Blick zu. "Du bist nicht böse, weil Thorbjörn tanzt", antwortete
Ingrid—die Freundin entgegnete nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen
Gesicht, schlang die Arme um Synnöves Hals und flüsterte ihr in das Ohr:
"Nein, Du bist böse, weil er mit einer andern tanzt."
den Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnöves Verhältnis zu
ihren Eltern in diesem Fall nicht näher berühren. Aber da ihr nun mal der
Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Tänzer als
Thorbjörn habe ich noch nie gesehen." Synnöve blieb ein Weilchen still,
dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."—"Du müßtest ihn einmal tanzen
sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell entgegnete
Synnöve: "Nein, das möchte ich nicht."
Ingrid war einigermaßen betroffen; Synnöve beugte sich über ihr
Strickzeug und zählte die Maschen; plötzlich ließ sie die Arbeit in den
Schoß fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergnügt wie heute
bin ich lange nicht gewesen."—"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er heute
nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken nach. "Ja,
es sollen Mädchen dort sein, die ihn gern haben möchten", sagte sie.
Synnöve öffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg aber und zog
eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjörn möchte wohl selbst gern
dort sein, ja, das glaube ich gewiß", fuhr Ingrid fort. Aber kaum hatte sie
das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit gesagt hatte; sie sah
Synnöve an; die war feuerrot geworden und strickte eifrig. Nun wurde
Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegespräch klar; sie klatschte in die
Hände, kam schnell angelaufen, kniete im Heidekraut dicht vor Synnöve
nieder und sah ihr fest in die Augen—Synnöve strickte eifrig. "So, jetzt
weiß ich, daß Du mir manchen lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte
Ingrid. "Was meinst Du denn?" fragte Synnöve und warf ihr einen
unsicheren Blick zu. "Du bist nicht böse, weil Thorbjörn tanzt", antwortete
Ingrid—die Freundin entgegnete nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen
Gesicht, schlang die Arme um Synnöves Hals und flüsterte ihr in das Ohr:
"Nein, Du bist böse, weil er mit einer andern tanzt."
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"Wie kannst Du nur solchen Unsinn reden", sagte Synnöve, riß sich los
und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Sünde ist es,
daß Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre Sünde!
Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren Arm um
Synnöves Hüfte. "Was willst Du?" fragte Synnöve. "Dir's Tanzen
beibringen, Dir den Kummer vertreiben, daß er mit einer andern als mit Dir
tanzt!" Nun mußte Synnöve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier
können wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich für die Antwort,
wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu trällern
und Synnöve im Takt herumzuführen. "Nein, nein, das geht ja nicht!"—"Du
hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so vergnügt gewesen wie
heute."—"Ach, wenn es nur ginge!"—"Probier' es nur, dann wirst Du schon
sehen, daß es geht."—"Du bist außer Rand und Band, Ingrid."—"Ja, so
sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht stillhalten und sich fangen
lassen wollte; komm nur."—"Ich hätte schon Lust; aber—"—"Jetzt bin ich
Thorbjörn und Du bist seine junge Frau, die nicht will, daß er mit einer
andern als mit ihr tanzen soll."—"Aber—" Ingrid trällerte, "aber",
entgegnete Synnöve noch; doch sie tanzte schon. Es war ein Springtanz.
Ingrid ging mit großen Schritten und Armbewegungen wie ein Mann
voraus; Synnöve folgte mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen
Augen. Ingrid sang:
Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang lustig im grünen Hag,
Über das Heidekraut.
Die Sonne gießt Licht aus üppigem Born,
Und glitzert hinten und glitzert vorn,
Über dem Heidekraut.
und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Sünde ist es,
daß Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre Sünde!
Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren Arm um
Synnöves Hüfte. "Was willst Du?" fragte Synnöve. "Dir's Tanzen
beibringen, Dir den Kummer vertreiben, daß er mit einer andern als mit Dir
tanzt!" Nun mußte Synnöve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier
können wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich für die Antwort,
wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu trällern
und Synnöve im Takt herumzuführen. "Nein, nein, das geht ja nicht!"—"Du
hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so vergnügt gewesen wie
heute."—"Ach, wenn es nur ginge!"—"Probier' es nur, dann wirst Du schon
sehen, daß es geht."—"Du bist außer Rand und Band, Ingrid."—"Ja, so
sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht stillhalten und sich fangen
lassen wollte; komm nur."—"Ich hätte schon Lust; aber—"—"Jetzt bin ich
Thorbjörn und Du bist seine junge Frau, die nicht will, daß er mit einer
andern als mit ihr tanzen soll."—"Aber—" Ingrid trällerte, "aber",
entgegnete Synnöve noch; doch sie tanzte schon. Es war ein Springtanz.
Ingrid ging mit großen Schritten und Armbewegungen wie ein Mann
voraus; Synnöve folgte mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen
Augen. Ingrid sang:
Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang lustig im grünen Hag,
Über das Heidekraut.
Die Sonne gießt Licht aus üppigem Born,
Und glitzert hinten und glitzert vorn,
Über dem Heidekraut.
Page 264
Und es lacht der Fuchs im Wurzelversteck,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang unbändig keck
Über das Heidekraut.
Mir ist heut gar so fröhlich zumut,
Juchhei, mein Häslein, wie springst Du gut
Über das Heidekraut.
Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase hüpft just zum gleichen Fleck,
Über das Heidekraut.
Daß Gott sich erbarme, Du bist hier?
Ei, Freundchen, wer heißt Dich tanzen vor mir,
Über dem Heidekraut?
"Na, ging's nicht schön?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um
Atem zu schöpfen.
Synnöve lachte und sagte, sie möchte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum
denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur; Ingrid
erklärte ihr, wie sie die Füße stellen müsse. "Pass' auf, der Walzer ist
schwer, sehr schwer ist er."—"Ach, es wird schon gehen, wenn wir erst in
Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden. Ingrid sang
und Synnöve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann lauter und lauter.
Aber plötzlich hielt Ingrid inne, ließ ihre Gefährtin los, klatschte erstaunt in
die Hände: "Du kannst ja schon Walzer tanzen!" rief sie.
"Still, nicht sprechen!" sagte Synnöve und faßte Ingrid um die Taille,
"wir wollen weitertanzen."—"Aber wo hast Du das gelernt—?"—"Tralla,
tralla"—und Synnöve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach
Herzenslust und sang dabei:
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang unbändig keck
Über das Heidekraut.
Mir ist heut gar so fröhlich zumut,
Juchhei, mein Häslein, wie springst Du gut
Über das Heidekraut.
Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase hüpft just zum gleichen Fleck,
Über das Heidekraut.
Daß Gott sich erbarme, Du bist hier?
Ei, Freundchen, wer heißt Dich tanzen vor mir,
Über dem Heidekraut?
"Na, ging's nicht schön?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um
Atem zu schöpfen.
Synnöve lachte und sagte, sie möchte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum
denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur; Ingrid
erklärte ihr, wie sie die Füße stellen müsse. "Pass' auf, der Walzer ist
schwer, sehr schwer ist er."—"Ach, es wird schon gehen, wenn wir erst in
Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden. Ingrid sang
und Synnöve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann lauter und lauter.
Aber plötzlich hielt Ingrid inne, ließ ihre Gefährtin los, klatschte erstaunt in
die Hände: "Du kannst ja schon Walzer tanzen!" rief sie.
"Still, nicht sprechen!" sagte Synnöve und faßte Ingrid um die Taille,
"wir wollen weitertanzen."—"Aber wo hast Du das gelernt—?"—"Tralla,
tralla"—und Synnöve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach
Herzenslust und sang dabei:
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Schau', die Sonne tanzt auf dem Hankelidfjell,
Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell;
Schau', der Bergbach hüpft zum Meere fort,
Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort,
Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel,
Schwing dich, Dirnlein!—Was brach dort, was fiel?
Schau',——
"Was singst Du immer für merkwürdige Lieder?" sagte Synnöve und
hörte auf zu tanzen. "Ich weiß gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid,
"Thorbjörn hat's mal gesungen."—"Das ist eins von Zuchthaus-Bents
Liedern; die kenn' ich."—"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte sich
etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne; plötzlich
gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort fährt einer von
Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestraße ein."—Synnöve sah
auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist Thorbjörn, er will in die
Stadt."——
——Es war Thorbjörn und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich entfernt,
die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen Weg hin.
Von oben konnte man ein Stück der Fahrstraße übersehen, und als er nun
von den Bergen herunter jodeln hörte, dachte er sich gleich, von wem das
wohl käme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so daß es zwischen
den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen; er lauschte,
und als die Töne verklangen, richtete er sich wieder auf und jodelte. Dann
fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken hinüber und meinte es
bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu haben. Aber
währenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht; das ging, wie
es wollte. Da fuhr er plötzlich auf, der Gaul hatte einen scharfen
Seitensprung gemacht, so daß die eine Deichselstange brach, und nun raste
das Tier in wildem Trab vom Weg herunter über das Nordhouger Feld.
Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell;
Schau', der Bergbach hüpft zum Meere fort,
Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort,
Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel,
Schwing dich, Dirnlein!—Was brach dort, was fiel?
Schau',——
"Was singst Du immer für merkwürdige Lieder?" sagte Synnöve und
hörte auf zu tanzen. "Ich weiß gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid,
"Thorbjörn hat's mal gesungen."—"Das ist eins von Zuchthaus-Bents
Liedern; die kenn' ich."—"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte sich
etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne; plötzlich
gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort fährt einer von
Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestraße ein."—Synnöve sah
auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist Thorbjörn, er will in die
Stadt."——
——Es war Thorbjörn und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich entfernt,
die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen Weg hin.
Von oben konnte man ein Stück der Fahrstraße übersehen, und als er nun
von den Bergen herunter jodeln hörte, dachte er sich gleich, von wem das
wohl käme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so daß es zwischen
den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen; er lauschte,
und als die Töne verklangen, richtete er sich wieder auf und jodelte. Dann
fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken hinüber und meinte es
bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu haben. Aber
währenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht; das ging, wie
es wollte. Da fuhr er plötzlich auf, der Gaul hatte einen scharfen
Seitensprung gemacht, so daß die eine Deichselstange brach, und nun raste
das Tier in wildem Trab vom Weg herunter über das Nordhouger Feld.
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Thorbjörn sprang auf und suchte es zu halten; es kam zu einem richtigen
Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte über einen Abhang, er riß es mit
den Zügeln zurück; endlich zwang er es, sich zu bäumen, sprang ab,
schlang die Leine um einen Baum, und nun mußte es stehen. Die Ladung
war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange zerbrochen und
der Gaul stand da und zitterte. Thorbjörn ging hin, faßte ihn am Zaum und
redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, daß es mit dem Rücken
gegen den Abhang stand und nicht über ihn hinunter konnte; aber das Tier
war zu scheu, um still stehen zu bleiben,—er mußte ihm sprungweise
folgen, und so kam er wieder bis zur Straße. Dabei fuhr er an der
heruntergefallenen Ladung vorbei; Töpfe und Krüge waren entzwei, der
Inhalt größtenteils verdorben. Bisher waren Thorbjörns Gedanken nur auf
die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde
wütend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm das
wurde, um so wütender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute das
Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich
loszureißen, und nun brach Thorbjörns Wut los. Mit der linken Hand hielt er
es an Zaum und Gebiß fest, mit der rechten versetzte er ihm Peitschenhieb
auf Peitschenhieb über die Lenden, so daß es rasend wurde und mit den
Vorderhufen nach Thorbjörns Brust schlug. Aber Thorbjörn wich ihm aus
und hieb nun ärger als zuvor—aus Leibeskräften—mit dem Peitschenstiel.
"Ich werde Dir's schon beibringen, Du niederträchtiges Vieh", und er hieb
zu. Das Pferd wieherte, schrie,—er hieb zu. "Jetzt sollst Du einen kennen
lernen, der stärker ist als Du", und er hieb. Das Pferd schnaubte, so daß der
Schaum Thorbjörns ganze Hand bespritzte; aber er schlug weiter: "Das soll
das erste und letzte Mal sein, Du Schinder; da! da! und noch einen! Du
sollst parieren lernen, Du Luder!" und er hieb. Inzwischen hatten sie sich
völlig umgedreht; das Pferd wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und
bebte bei jedem Hieb und bog sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche
durch die Luft schwirrte. Da schämte sich Thorbjörn ein bißchen; er hielt
Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte über einen Abhang, er riß es mit
den Zügeln zurück; endlich zwang er es, sich zu bäumen, sprang ab,
schlang die Leine um einen Baum, und nun mußte es stehen. Die Ladung
war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange zerbrochen und
der Gaul stand da und zitterte. Thorbjörn ging hin, faßte ihn am Zaum und
redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, daß es mit dem Rücken
gegen den Abhang stand und nicht über ihn hinunter konnte; aber das Tier
war zu scheu, um still stehen zu bleiben,—er mußte ihm sprungweise
folgen, und so kam er wieder bis zur Straße. Dabei fuhr er an der
heruntergefallenen Ladung vorbei; Töpfe und Krüge waren entzwei, der
Inhalt größtenteils verdorben. Bisher waren Thorbjörns Gedanken nur auf
die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde
wütend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm das
wurde, um so wütender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute das
Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich
loszureißen, und nun brach Thorbjörns Wut los. Mit der linken Hand hielt er
es an Zaum und Gebiß fest, mit der rechten versetzte er ihm Peitschenhieb
auf Peitschenhieb über die Lenden, so daß es rasend wurde und mit den
Vorderhufen nach Thorbjörns Brust schlug. Aber Thorbjörn wich ihm aus
und hieb nun ärger als zuvor—aus Leibeskräften—mit dem Peitschenstiel.
"Ich werde Dir's schon beibringen, Du niederträchtiges Vieh", und er hieb
zu. Das Pferd wieherte, schrie,—er hieb zu. "Jetzt sollst Du einen kennen
lernen, der stärker ist als Du", und er hieb. Das Pferd schnaubte, so daß der
Schaum Thorbjörns ganze Hand bespritzte; aber er schlug weiter: "Das soll
das erste und letzte Mal sein, Du Schinder; da! da! und noch einen! Du
sollst parieren lernen, Du Luder!" und er hieb. Inzwischen hatten sie sich
völlig umgedreht; das Pferd wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und
bebte bei jedem Hieb und bog sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche
durch die Luft schwirrte. Da schämte sich Thorbjörn ein bißchen; er hielt
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inne. Im selben Augenblick bemerkte er einen Mann, der auf dem
Grabenrand saß, sich auf den Ellbogen stützte und ihn anlachte; er wußte
nicht warum, aber ihm wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd
am Zaum haltend, ging er auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt
sollst Du mal lachen!" Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann
mit einem Aufschrei in den Graben hinunterwälzte; dort blieb er auf allen
Vieren liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjörn.
Dabei zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hören war kein Lachen.
Thorbjörn wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es
war Aslak.
Thorbjörn überlief es kalt.
"Du hast gewiß beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja
nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich
geweckt, wie Du Dein Pferd verrückt gemacht hast."—"Du bist es gewesen,
—vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul, von dem
der Schweiß herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir als vor
mir;—so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak, jetzt
kniete er im Graben. "Halt Dein großes Maul", erwiderte Thorbjörn, und
drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem Graben.
"Ich ein großes Maul!? Fällt mir ja gar nicht ein—wo willst Du denn so
schnell hin?" sagte er freundlich und kam näher; aber er wankte beim
Gehen—er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts",
meinte Thorbjörn und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht ärgerlich",
sagte der andere, kam noch näher und nahm den Hut ab.
"Herrjeh, was bist Du für ein großer und hübscher Bursche geworden,
seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Hände in die Taschen
gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und betrachtete
Thorbjörn, der das Pferd nicht von den Wagentrümmern losbekommen
Grabenrand saß, sich auf den Ellbogen stützte und ihn anlachte; er wußte
nicht warum, aber ihm wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd
am Zaum haltend, ging er auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt
sollst Du mal lachen!" Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann
mit einem Aufschrei in den Graben hinunterwälzte; dort blieb er auf allen
Vieren liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjörn.
Dabei zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hören war kein Lachen.
Thorbjörn wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es
war Aslak.
Thorbjörn überlief es kalt.
"Du hast gewiß beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja
nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich
geweckt, wie Du Dein Pferd verrückt gemacht hast."—"Du bist es gewesen,
—vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul, von dem
der Schweiß herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir als vor
mir;—so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak, jetzt
kniete er im Graben. "Halt Dein großes Maul", erwiderte Thorbjörn, und
drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem Graben.
"Ich ein großes Maul!? Fällt mir ja gar nicht ein—wo willst Du denn so
schnell hin?" sagte er freundlich und kam näher; aber er wankte beim
Gehen—er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts",
meinte Thorbjörn und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht ärgerlich",
sagte der andere, kam noch näher und nahm den Hut ab.
"Herrjeh, was bist Du für ein großer und hübscher Bursche geworden,
seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Hände in die Taschen
gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und betrachtete
Thorbjörn, der das Pferd nicht von den Wagentrümmern losbekommen
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konnte. Thorbjörn brauchte Hilfe; aber Aslak darum zu bitten, das mochte
er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem Anzug lag der
Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken, beträchtlich alten
Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das frühere,
wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen schienen
noch geschlossener, so daß er sich hintenüber beugen mußte und der Mund
etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Züge waren schlaff, der
ganze Ausdruck stier—denn Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn schon vorher
ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wüßte er das nicht, er hatte sich im
ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und war am liebsten dort
eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug er seine Lieder vor,
erzählte seine Schnurren und bekam zum Lohn Branntwein. Darum war er
auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen; jetzt aber für einige Zeit
wohlweislich verduftet, weil er, wie Thorbjörn später erfuhr, nach seiner
gewohnten Art die Leute solange zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei
entstanden war, und da hatte er Angst bekommen, selbst verprügelt zu
werden. "Binde das Pferd lieber an, das ist besser, als wenn Du's
ausspannst," sagte er, "Du mußt doch nach Nordhoug und Dir Hilfe holen."
Thorbjörn hatte schon selbst daran gedacht, aber der Gedanke war ihm
unangenehm. "Dort ist ja heut eine große Hochzeit", meinte er. "Auch eine
große Menge Leute, die helfen können", antwortete Aslak. Thorbjörn
überlegte; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwärts noch zurück, und so
war es doch schließlich das beste, nach dem Hof zu gehen. Er band also das
Pferd am Wagen fest und ging. Aslak folgte, Thorbjörn sah sich nicht nach
ihm um. "Jetzt habe ich eine gute Begleitung für den Rückweg", sagte
Aslak und lachte. Thorbjörn antwortete nicht, sondern schritt schnell aus.
Aslak sang hinter ihm her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus"
usw., ein altes, überall bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach
einer Weile, "Du kommst noch früh genug hin." Thorbjörn antwortete nicht.
Bald hörten sie den Lärm von Tanz und das Geigenspiel; Köpfe erschienen
er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem Anzug lag der
Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken, beträchtlich alten
Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das frühere,
wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen schienen
noch geschlossener, so daß er sich hintenüber beugen mußte und der Mund
etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Züge waren schlaff, der
ganze Ausdruck stier—denn Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn schon vorher
ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wüßte er das nicht, er hatte sich im
ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und war am liebsten dort
eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug er seine Lieder vor,
erzählte seine Schnurren und bekam zum Lohn Branntwein. Darum war er
auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen; jetzt aber für einige Zeit
wohlweislich verduftet, weil er, wie Thorbjörn später erfuhr, nach seiner
gewohnten Art die Leute solange zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei
entstanden war, und da hatte er Angst bekommen, selbst verprügelt zu
werden. "Binde das Pferd lieber an, das ist besser, als wenn Du's
ausspannst," sagte er, "Du mußt doch nach Nordhoug und Dir Hilfe holen."
Thorbjörn hatte schon selbst daran gedacht, aber der Gedanke war ihm
unangenehm. "Dort ist ja heut eine große Hochzeit", meinte er. "Auch eine
große Menge Leute, die helfen können", antwortete Aslak. Thorbjörn
überlegte; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwärts noch zurück, und so
war es doch schließlich das beste, nach dem Hof zu gehen. Er band also das
Pferd am Wagen fest und ging. Aslak folgte, Thorbjörn sah sich nicht nach
ihm um. "Jetzt habe ich eine gute Begleitung für den Rückweg", sagte
Aslak und lachte. Thorbjörn antwortete nicht, sondern schritt schnell aus.
Aslak sang hinter ihm her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus"
usw., ein altes, überall bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach
einer Weile, "Du kommst noch früh genug hin." Thorbjörn antwortete nicht.
Bald hörten sie den Lärm von Tanz und das Geigenspiel; Köpfe erschienen
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in den offenen Fenstern des großen, zweistöckigen Hauses; Gruppen
versammelten sich im Garten. Thorbjörn merkte, daß die Leute dort
besprachen, wer wohl käme, zugleich, daß mancher ihn erkannte, auch wie
kurz nachher das Pferd und die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der
Tanz brach ab und ein ganzer Menschenstrom wälzte sich aus dem Hause
und ihnen entgegen. "Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen", rief
Aslak, als sie sich beide der Gesellschaft näherten. Thorbjörn wurde
begrüßt, und ein Kreis von Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest,
das gute Bier auf dem Tisch, die hübschen Frauensleute auf dem Tanzboden
und den wackern Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und drängte sich
schnell in die Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte:
"Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjörn traf gleich Bekannte,
denen er von seiner verunglückten Fahrt erzählen mußte; sie litten nicht,
daß er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurückging, und schickten
andere hin. Der Bräutigam, ein junger Mann und früherer Schulkamerad
von Thorbjörn, lud ihn ein, das Hochzeitsbräu zu kosten, und nun zog der
ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders Frauen und
Mädchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein Stündchen trinken,
und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte etwas erzählen. "Aber
sei vorsichtiger als vorhin", fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die
übrigen Gäste seien. "Es ging ein bißchen laut und derb hier zu," wurde ihm
geantwortet, "da haben sich ein paar hingelegt und ruhen sich aus; wieder
welche sitzen in der Scheune und spielen Karten, und welche sitzen mit
Knud Nordhoug zusammen". Thorbjörn erkundigte sich nicht, wo Knud zu
finden sei.
Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank saß, aus
einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner Geschichte,
Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen."
versammelten sich im Garten. Thorbjörn merkte, daß die Leute dort
besprachen, wer wohl käme, zugleich, daß mancher ihn erkannte, auch wie
kurz nachher das Pferd und die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der
Tanz brach ab und ein ganzer Menschenstrom wälzte sich aus dem Hause
und ihnen entgegen. "Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen", rief
Aslak, als sie sich beide der Gesellschaft näherten. Thorbjörn wurde
begrüßt, und ein Kreis von Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest,
das gute Bier auf dem Tisch, die hübschen Frauensleute auf dem Tanzboden
und den wackern Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und drängte sich
schnell in die Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte:
"Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjörn traf gleich Bekannte,
denen er von seiner verunglückten Fahrt erzählen mußte; sie litten nicht,
daß er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurückging, und schickten
andere hin. Der Bräutigam, ein junger Mann und früherer Schulkamerad
von Thorbjörn, lud ihn ein, das Hochzeitsbräu zu kosten, und nun zog der
ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders Frauen und
Mädchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein Stündchen trinken,
und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte etwas erzählen. "Aber
sei vorsichtiger als vorhin", fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die
übrigen Gäste seien. "Es ging ein bißchen laut und derb hier zu," wurde ihm
geantwortet, "da haben sich ein paar hingelegt und ruhen sich aus; wieder
welche sitzen in der Scheune und spielen Karten, und welche sitzen mit
Knud Nordhoug zusammen". Thorbjörn erkundigte sich nicht, wo Knud zu
finden sei.
Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank saß, aus
einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner Geschichte,
Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen."
Page 270
"Bitten noch mehr darum?" fragte Aslak, der sich auf einen Schemel
gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern saßen.
"Jawohl," sagte der Bräutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich bitte
Dich auch darum."—"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte Aslak
wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer Seitenbank und
reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein Frauenzimmer von
zwanzig Jahren, blond, mager, mit großen, schwarzen Augen und einem
strengen Zug um den Mund.—"Ich höre Deine Geschichten gern", setzte sie
hinzu. Der Bräutigam sah sie, sein Vater sah ihn an. "Ja, die Nordhouger
haben immer gern meine Geschichten gehört," antwortete Aslak, "auf Ihr
Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein Brautführer gebracht hatte.
"Vorwärts, los!" riefen mehrere. "Von Sigrid, der Herumtreiberin", schrie
einer. "Nein, das ist eine zu eklige Geschichte", entgegneten andere,
hauptsächlich Frauen. "Von der Lierer Schlacht", bat Svend Tambour.
"Lieber was Lustiges", sagte ein schlanker Bursche, der die Jacke
ausgezogen hatte, sich an die Wand lehnte, und dabei immer mit der rechten
Hand ein paar jungen Mädchen, die vor ihm saßen, in die Haare fuhr. Die
Mädchen schimpften, aber dachten nicht daran, fortzulaufen.
"Jetzt erzähle ich, was mir paßt", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte
ein älterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein
herunterbaumeln ließ und mit dem andern wiederholt gegen eine
Sonntagsjacke stieß, die über dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein
von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand
von meinen Töchtern", rief der Alte. Da liefen die Mädchen fort. "Ja, ich
erzähle, was mir paßt," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der schießt
ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Hände zusammen.
"Du sollst erzählen, was uns paßt," wiederholte der Mann im Bett; "der
Branntwein kommt von uns."—"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und
riß die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten
gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern saßen.
"Jawohl," sagte der Bräutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich bitte
Dich auch darum."—"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte Aslak
wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer Seitenbank und
reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein Frauenzimmer von
zwanzig Jahren, blond, mager, mit großen, schwarzen Augen und einem
strengen Zug um den Mund.—"Ich höre Deine Geschichten gern", setzte sie
hinzu. Der Bräutigam sah sie, sein Vater sah ihn an. "Ja, die Nordhouger
haben immer gern meine Geschichten gehört," antwortete Aslak, "auf Ihr
Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein Brautführer gebracht hatte.
"Vorwärts, los!" riefen mehrere. "Von Sigrid, der Herumtreiberin", schrie
einer. "Nein, das ist eine zu eklige Geschichte", entgegneten andere,
hauptsächlich Frauen. "Von der Lierer Schlacht", bat Svend Tambour.
"Lieber was Lustiges", sagte ein schlanker Bursche, der die Jacke
ausgezogen hatte, sich an die Wand lehnte, und dabei immer mit der rechten
Hand ein paar jungen Mädchen, die vor ihm saßen, in die Haare fuhr. Die
Mädchen schimpften, aber dachten nicht daran, fortzulaufen.
"Jetzt erzähle ich, was mir paßt", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte
ein älterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein
herunterbaumeln ließ und mit dem andern wiederholt gegen eine
Sonntagsjacke stieß, die über dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein
von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand
von meinen Töchtern", rief der Alte. Da liefen die Mädchen fort. "Ja, ich
erzähle, was mir paßt," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der schießt
ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Hände zusammen.
"Du sollst erzählen, was uns paßt," wiederholte der Mann im Bett; "der
Branntwein kommt von uns."—"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und
riß die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten
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wir auch," sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die
Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann ließ er ihn sinken und
antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hörte es gar nicht.
"Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett. Da sah
Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu verziehen. "Ja,
jetzt sollt Ihr ein lustiges Stückchen hören," sagte er, "Herrgott, ist das
lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber hören
konnte keiner irgend welches Lachen. "Er hat heute seinen guten Tag",
sagte der Vater des Bräutigams. "Hat er auch," entgegnete Aslak, "doch erst
einen Schluck auf den Weg!" und er streckte die Hand hin. Er bekam ein
Glas Branntwein, trank es langsam hinunter, bog den Kopf zurück, kostete
den letzten Tropfen aus und wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt
bin ich Euer Schwein", und er lachte wieder unhörbar wie vorher. Dann
legte er seine Hände um das eine Knie, hob den Fuß auf und nieder,
schaukelte den Oberkörper dabei hin und her—und dann fing er an:
"Ja, es war einmal ein Mädchen da drüben in einem Tal. Wie das Tal
hieß, geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Mädchen hieß. Aber
hübsch war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs—psst,
keinen Namen!—und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie
kriegte mehr als sie kriegen sollte, nämlich ein Kind. Die Leute sagten, es
sei von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter
Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude. So
logen sie denn was bei der Taufe zusammen—es war ja ein Elend für den
Jungen, daß sie ihn geboren hatte,—da war's auch gleich, ob er mit 'ner
Lüge getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof, und das
paßte der Besitzersfrau natürlich nicht. Kam das Mädchen ihr mal nahe,
dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und wollte
mit ihrem Jungen spielen, dann ließ die den Hurenbengel fortjagen:
'Besseres ist er nicht wert', sagte sie.
Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann ließ er ihn sinken und
antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hörte es gar nicht.
"Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett. Da sah
Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu verziehen. "Ja,
jetzt sollt Ihr ein lustiges Stückchen hören," sagte er, "Herrgott, ist das
lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber hören
konnte keiner irgend welches Lachen. "Er hat heute seinen guten Tag",
sagte der Vater des Bräutigams. "Hat er auch," entgegnete Aslak, "doch erst
einen Schluck auf den Weg!" und er streckte die Hand hin. Er bekam ein
Glas Branntwein, trank es langsam hinunter, bog den Kopf zurück, kostete
den letzten Tropfen aus und wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt
bin ich Euer Schwein", und er lachte wieder unhörbar wie vorher. Dann
legte er seine Hände um das eine Knie, hob den Fuß auf und nieder,
schaukelte den Oberkörper dabei hin und her—und dann fing er an:
"Ja, es war einmal ein Mädchen da drüben in einem Tal. Wie das Tal
hieß, geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Mädchen hieß. Aber
hübsch war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs—psst,
keinen Namen!—und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie
kriegte mehr als sie kriegen sollte, nämlich ein Kind. Die Leute sagten, es
sei von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter
Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude. So
logen sie denn was bei der Taufe zusammen—es war ja ein Elend für den
Jungen, daß sie ihn geboren hatte,—da war's auch gleich, ob er mit 'ner
Lüge getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof, und das
paßte der Besitzersfrau natürlich nicht. Kam das Mädchen ihr mal nahe,
dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und wollte
mit ihrem Jungen spielen, dann ließ die den Hurenbengel fortjagen:
'Besseres ist er nicht wert', sagte sie.
Page 272
Tag und Nacht lag sie ihrem Mann in den Ohren, er solle das Bettelvolk
hinausschmeißen. Der Mann sträubte sich dagegen, solange er Mann war—;
aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die
Oberhand. Das war ein Elend für die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging es
mit ihr zurück, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am Verhungern;
aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine Junge.
So vergingen allmählich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch
immer saß sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.———Und
schließlich kam sie weg!——Vorher aber stand der Hof in lustigen, hellen
Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war—das Weib rettete
sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim Hofe
wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl möglich.——Aber es war
auch was anderes möglich.——Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen Kerl
von Jungen. Acht Jahre mußte der sehen, wie sich seine Mutter abrackerte,
und er wußte auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter sagte es ihm
oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie auch an dem
Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in der Nacht.—
Aber sie mußte auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte selbst vor dem
Gerichtsschreiber gesagt, daß sie das lustige Feuer auf dem Hofe angesteckt
habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle unterstützten ihn, weil er
so 'ne schlechte Mutter hatte.—Dann zog er weiter, weiter in eine ganz
andere Gegend, da wurde er nicht mehr unterstützt; da wußte ja keiner, wie
schlecht seine Mutter war. Ich glaube nicht, daß er selbst darüber sprach.—
Zuletzt hörte ich, daß er besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt
gar nicht mehr aus dem Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist,
soll ungesagt bleiben; aber richtig ist, daß ich nicht weiß, was er Besseres
hätte tun können. Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die
Menschen nicht leiden, besonders nicht die, die gut zueinander sind; und
die gut zu ihm sind, die erst recht nicht. Und er möchte, daß die andern
gerade so sind wie er selbst; das sagt er aber bloß, wenn er besoffen ist; und
hinausschmeißen. Der Mann sträubte sich dagegen, solange er Mann war—;
aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die
Oberhand. Das war ein Elend für die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging es
mit ihr zurück, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am Verhungern;
aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine Junge.
So vergingen allmählich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch
immer saß sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.———Und
schließlich kam sie weg!——Vorher aber stand der Hof in lustigen, hellen
Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war—das Weib rettete
sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim Hofe
wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl möglich.——Aber es war
auch was anderes möglich.——Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen Kerl
von Jungen. Acht Jahre mußte der sehen, wie sich seine Mutter abrackerte,
und er wußte auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter sagte es ihm
oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie auch an dem
Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in der Nacht.—
Aber sie mußte auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte selbst vor dem
Gerichtsschreiber gesagt, daß sie das lustige Feuer auf dem Hofe angesteckt
habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle unterstützten ihn, weil er
so 'ne schlechte Mutter hatte.—Dann zog er weiter, weiter in eine ganz
andere Gegend, da wurde er nicht mehr unterstützt; da wußte ja keiner, wie
schlecht seine Mutter war. Ich glaube nicht, daß er selbst darüber sprach.—
Zuletzt hörte ich, daß er besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt
gar nicht mehr aus dem Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist,
soll ungesagt bleiben; aber richtig ist, daß ich nicht weiß, was er Besseres
hätte tun können. Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die
Menschen nicht leiden, besonders nicht die, die gut zueinander sind; und
die gut zu ihm sind, die erst recht nicht. Und er möchte, daß die andern
gerade so sind wie er selbst; das sagt er aber bloß, wenn er besoffen ist; und
Page 273
dann weint er, weint er, daß es Tränen hagelt, und über rein nichts;—denn
worüber hätte er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen
oder, wie andere, was Böses angestellt,—also warum weint er? Und doch
weint er, weint er, daß es Tränen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet,
dann glaubt ihm nicht, denn er tut's bloß, wenn er besoffen ist, und da ist er
nicht zurechnungsfähig."—Und mit dem letzten Worte fiel Aslak rückwärts
vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell vorüber; denn er
schlief ein.—"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der Mann im Bett, "dann
heult er sich immer in den Schlaf."—"Das war eine häßliche Geschichte",
sagten die Frauen und standen auf, um aus der Stube zu kommen. "Ich habe
ihn noch nie eine andere erzählen hören, wenn er sie selbst aussuchen
durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem Platz an der Tür aufgestanden
war: "Gott weiß, warum ihm die Leute so gern zuhören", fügte er hinzu und
sah dabei die Braut an.
Fünftes Kapitel
Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu
tanzen; aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten
einige, man möge ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier
zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit über aushalten
müssen." Unterdes war Thorbjörns Pferd angelangt; es wurde vor einen
andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte. Besonders
der Bräutigam gab sich alle Mühe, ihn zurückzuhalten: "Hier ist nicht soviel
Freude für mich, wie mancher glaubt", meinte er; und das brachte
Thorbjörn auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch vor Abend.
Als die anderen sahen, daß er darauf bestand, ließen sie ihn nach und nach
allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht still zu, und das
worüber hätte er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen
oder, wie andere, was Böses angestellt,—also warum weint er? Und doch
weint er, weint er, daß es Tränen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet,
dann glaubt ihm nicht, denn er tut's bloß, wenn er besoffen ist, und da ist er
nicht zurechnungsfähig."—Und mit dem letzten Worte fiel Aslak rückwärts
vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell vorüber; denn er
schlief ein.—"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der Mann im Bett, "dann
heult er sich immer in den Schlaf."—"Das war eine häßliche Geschichte",
sagten die Frauen und standen auf, um aus der Stube zu kommen. "Ich habe
ihn noch nie eine andere erzählen hören, wenn er sie selbst aussuchen
durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem Platz an der Tür aufgestanden
war: "Gott weiß, warum ihm die Leute so gern zuhören", fügte er hinzu und
sah dabei die Braut an.
Fünftes Kapitel
Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu
tanzen; aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten
einige, man möge ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier
zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit über aushalten
müssen." Unterdes war Thorbjörns Pferd angelangt; es wurde vor einen
andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte. Besonders
der Bräutigam gab sich alle Mühe, ihn zurückzuhalten: "Hier ist nicht soviel
Freude für mich, wie mancher glaubt", meinte er; und das brachte
Thorbjörn auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch vor Abend.
Als die anderen sahen, daß er darauf bestand, ließen sie ihn nach und nach
allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht still zu, und das
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Ganze machte gar nicht den Eindruck einer richtigen Hochzeit. Thorbjörn
brauchte einen Pflock für sein Pferdegeschirr, und suchte danach; auf dem
Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er weiter, kam zu einem
Holzschuppen und trat dort ein—langsam und nachdenklich; die Worte des
Bräutigams klangen ihm noch immer in den Ohren. Er fand, was er suchte,
und setzte sich ganz zufällig, mit Messer und Pflock in Händen, an die
Wand. Da hörte er neben sich ein Stöhnen; das mußte von der Innenseite
der dünnen Wand kommen, hinter der die Wagen standen; Thorbjörn
lauschte. "Du bist es?—Du?" brachte mit langen Zwischenräumen und
mühsam eine Stimme heraus; eine Männerstimme. Darauf vernahm er, wie
jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.—"Warum mußtest Du
auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der Person, die
weinte; denn Tränen klangen aus den Worten.—"Hm—zu welcher Hochzeit
sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die erste Stimme.
Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte Thorbjörn.—
Lars war ein ansehnlicher, hübscher Gesell, dessen alte Mutter in einer Kate
unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die andere Stimme, das mußte
die Braut sein!—"Warum hast Du nie gesprochen?" sagte sie gedämpft,
aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt sei. "Ich glaubte, das sei zwischen
uns beiden nicht nötig", lautete die kurze Antwort. Einige Augenblicke
blieb es still, dann sagte sie wieder: "Du wußtest aber doch, daß er
meinetwegen herkam,"—"Ich habe Dich für stärker gehalten."—Dann hörte
Thorbjörn nur, daß sie weinte; endlich stieß sie die Worte hervor: "Warum
hast Du nicht gesprochen?"
"Es hätte wohl dem Sohn der alten Birthe viel genützt, wenn er mit der
Tochter von Nordhoug gesprochen hätte", erwiderte er nach einer Pause, in
der er schwer Atem geholt und oft gestöhnt hatte. Die Antwort ließ auf sich
warten;—"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander gehabt",
klang es endlich.
brauchte einen Pflock für sein Pferdegeschirr, und suchte danach; auf dem
Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er weiter, kam zu einem
Holzschuppen und trat dort ein—langsam und nachdenklich; die Worte des
Bräutigams klangen ihm noch immer in den Ohren. Er fand, was er suchte,
und setzte sich ganz zufällig, mit Messer und Pflock in Händen, an die
Wand. Da hörte er neben sich ein Stöhnen; das mußte von der Innenseite
der dünnen Wand kommen, hinter der die Wagen standen; Thorbjörn
lauschte. "Du bist es?—Du?" brachte mit langen Zwischenräumen und
mühsam eine Stimme heraus; eine Männerstimme. Darauf vernahm er, wie
jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.—"Warum mußtest Du
auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der Person, die
weinte; denn Tränen klangen aus den Worten.—"Hm—zu welcher Hochzeit
sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die erste Stimme.
Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte Thorbjörn.—
Lars war ein ansehnlicher, hübscher Gesell, dessen alte Mutter in einer Kate
unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die andere Stimme, das mußte
die Braut sein!—"Warum hast Du nie gesprochen?" sagte sie gedämpft,
aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt sei. "Ich glaubte, das sei zwischen
uns beiden nicht nötig", lautete die kurze Antwort. Einige Augenblicke
blieb es still, dann sagte sie wieder: "Du wußtest aber doch, daß er
meinetwegen herkam,"—"Ich habe Dich für stärker gehalten."—Dann hörte
Thorbjörn nur, daß sie weinte; endlich stieß sie die Worte hervor: "Warum
hast Du nicht gesprochen?"
"Es hätte wohl dem Sohn der alten Birthe viel genützt, wenn er mit der
Tochter von Nordhoug gesprochen hätte", erwiderte er nach einer Pause, in
der er schwer Atem geholt und oft gestöhnt hatte. Die Antwort ließ auf sich
warten;—"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander gehabt",
klang es endlich.
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—"Du warst so stolz, man konnte gar nicht richtig mit Dir
reden."——"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt hätte.
—Ich wartete jeden Tag darauf;—wo wir uns trafen—mir kam es fast vor,
als drängte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir nichts aus
mir."—Es wurde wieder ganz still; Thorbjörn hörte weder eine Antwort,
noch weinen; er hörte nicht einmal den Kranken Atem holen.
Thorbjörn dachte an den Bräutigam; er hielt ihn für einen braven Mann,
und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie:
"Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben,—er, der—"
"Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an,
unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die
Schmerzen mitfühlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz
Deinetwegen,—aber—wir hätten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das
nicht dazwischen gekommen wäre. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast,
habe ich alles begriffen."—"Ich konnte es nicht länger ertragen", antwortete
er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter Kerl."—"Ja, gut
ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester.
Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich
wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."—"Geht's Dir
schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst Du fort?"
fragte er.—"Ja, ach, Du lieber Gott,—Du lieber Gott, was wird das für ein
Leben werden!"—"Weine nicht so," sagte er, "unser Herrgott macht
hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du sehen, geht es auch
Dir besser."—"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen hättest!" rief sie mit
verhaltener Stimme und schien die Hände zu ringen; Thorbjörn meinte, sie
sei fortgegangen, oder nicht mehr imstande, weiter zu sprechen; er hörte
eine ganze Zeitlang nichts mehr, und ging dann selber.
reden."——"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt hätte.
—Ich wartete jeden Tag darauf;—wo wir uns trafen—mir kam es fast vor,
als drängte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir nichts aus
mir."—Es wurde wieder ganz still; Thorbjörn hörte weder eine Antwort,
noch weinen; er hörte nicht einmal den Kranken Atem holen.
Thorbjörn dachte an den Bräutigam; er hielt ihn für einen braven Mann,
und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie:
"Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben,—er, der—"
"Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an,
unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die
Schmerzen mitfühlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz
Deinetwegen,—aber—wir hätten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das
nicht dazwischen gekommen wäre. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast,
habe ich alles begriffen."—"Ich konnte es nicht länger ertragen", antwortete
er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter Kerl."—"Ja, gut
ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester.
Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich
wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."—"Geht's Dir
schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst Du fort?"
fragte er.—"Ja, ach, Du lieber Gott,—Du lieber Gott, was wird das für ein
Leben werden!"—"Weine nicht so," sagte er, "unser Herrgott macht
hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du sehen, geht es auch
Dir besser."—"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen hättest!" rief sie mit
verhaltener Stimme und schien die Hände zu ringen; Thorbjörn meinte, sie
sei fortgegangen, oder nicht mehr imstande, weiter zu sprechen; er hörte
eine ganze Zeitlang nichts mehr, und ging dann selber.
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Den ersten, besten, den er im Garten traf, fragte er: "Warum sind denn
Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"—"Warum, ja—"
sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin
verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um eine
Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit hier auch
gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut vorbei; sie hatte
erst ihr Gesicht seitwärts gewendet; aber als sie den Namen Lars hörte,
drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, daß ihre großen Augen ganz rot
waren und flackerten; aber ihre Züge erschienen kalt, so kalt, daß Thorbjörn
nichts von ihren früheren Worten mehr herauslesen konnte; da wurde ihm
manches noch klarer.
Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den
Pflock ein und schaute nach dem Bräutigam, um Abschied zu nehmen. Er
hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, daß der Bräutigam
unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da entstand mit
einem Mal ein großer Lärm links von ihm, bei der Scheune; er hörte rufen,
ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein großer Mann, der voranging,
schrie: "Wo ist er?—Hat er sich versteckt?—Wo ist er denn?"—"Dort,
dort", riefen ein paar Stimmen. "Laßt ihn nicht hin," riefen wieder andere,
"sonst gibt's ein Unglück."—"Ist das Knud?" fragte Thorbjörn einen kleinen
Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist betrunken, und dann will er immer
raufen." Thorbjörn hatte sich schon zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.
—"Halt! Halt! Kamerad!" rief es hinter ihm; er zog die Leine an, aber da
das Pferd im Trab blieb, ließ er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjörn
Granliden?" schrie es unweit; da hielt er an, sah aber nicht hinter sich.
"Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjörn drehte
sich um. "Danke, ich muß nach Hause", sagte er. Wie sie ein bißchen hin-
und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud ging auf das
Pferd zu, streichelte es und faßte es beim Zaum, um es anzusehen. Er war
Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"—"Warum, ja—"
sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin
verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um eine
Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit hier auch
gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut vorbei; sie hatte
erst ihr Gesicht seitwärts gewendet; aber als sie den Namen Lars hörte,
drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, daß ihre großen Augen ganz rot
waren und flackerten; aber ihre Züge erschienen kalt, so kalt, daß Thorbjörn
nichts von ihren früheren Worten mehr herauslesen konnte; da wurde ihm
manches noch klarer.
Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den
Pflock ein und schaute nach dem Bräutigam, um Abschied zu nehmen. Er
hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, daß der Bräutigam
unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da entstand mit
einem Mal ein großer Lärm links von ihm, bei der Scheune; er hörte rufen,
ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein großer Mann, der voranging,
schrie: "Wo ist er?—Hat er sich versteckt?—Wo ist er denn?"—"Dort,
dort", riefen ein paar Stimmen. "Laßt ihn nicht hin," riefen wieder andere,
"sonst gibt's ein Unglück."—"Ist das Knud?" fragte Thorbjörn einen kleinen
Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist betrunken, und dann will er immer
raufen." Thorbjörn hatte sich schon zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.
—"Halt! Halt! Kamerad!" rief es hinter ihm; er zog die Leine an, aber da
das Pferd im Trab blieb, ließ er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjörn
Granliden?" schrie es unweit; da hielt er an, sah aber nicht hinter sich.
"Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjörn drehte
sich um. "Danke, ich muß nach Hause", sagte er. Wie sie ein bißchen hin-
und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud ging auf das
Pferd zu, streichelte es und faßte es beim Zaum, um es anzusehen. Er war
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groß, hatte blondes, aber struppiges Haar und eine Stumpfnase, breite, dicke
Lippen und milchblaue Augen, doch einen frechen Blick. Seiner Schwester
ähnelte er wenig, nur etwas in einem Zug um den Mund; er hatte auch die
gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine hohe wie sie; alle ihre feinen Züge
waren bei ihm vergröbert. "Was willst Du für Deine Schindmähre haben?"
fragte Knud. "Mein Pferd ist nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjörn.
"Du meinst wohl, ich kann's nicht bezahlen?" sagte Knud.—"Ich weiß
nicht, was Du kannst oder nicht kannst."—"So,—also Du meinst: nein,—
Du! Nimm Dich in acht", sagte Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube
an der Wand gestanden hatte und den Mädchen ins Haar gefahren war,
äußerte jetzt zu einem Nachbar: "Diesmal hat Knud keine rechte Schneid."
Das hörte Knud.
"Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und
mehr Menschen kamen heran.
"Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjörn und trieb seinen
Gaul an; er wollte fort.—"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte
Knud. "Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich muß fort", antwortete
Thorbjörn, bog aber nicht aus. "Warum fährst Du gerade auf mich los?"
fragte Knud. "Weg da!"—und das Pferd reckte sich in die Höhe, sonst hätte
es mit dem Kopf Knud vor die Brust gestoßen. Da packte Knud es am
Zaum und Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedächtnis
hatte, fing an zu zittern. Das wirkte auf Thorbjörn; das mahnte ihn daran,
was er selbst dem Pferde angetan hatte; den Ärger über sich übertrug er auf
Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins über den
Kopf. "Du schlägst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjörn sprang ab.
"Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenblaß; die Zügel
gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und sich
angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzählung von
Lippen und milchblaue Augen, doch einen frechen Blick. Seiner Schwester
ähnelte er wenig, nur etwas in einem Zug um den Mund; er hatte auch die
gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine hohe wie sie; alle ihre feinen Züge
waren bei ihm vergröbert. "Was willst Du für Deine Schindmähre haben?"
fragte Knud. "Mein Pferd ist nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjörn.
"Du meinst wohl, ich kann's nicht bezahlen?" sagte Knud.—"Ich weiß
nicht, was Du kannst oder nicht kannst."—"So,—also Du meinst: nein,—
Du! Nimm Dich in acht", sagte Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube
an der Wand gestanden hatte und den Mädchen ins Haar gefahren war,
äußerte jetzt zu einem Nachbar: "Diesmal hat Knud keine rechte Schneid."
Das hörte Knud.
"Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und
mehr Menschen kamen heran.
"Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjörn und trieb seinen
Gaul an; er wollte fort.—"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte
Knud. "Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich muß fort", antwortete
Thorbjörn, bog aber nicht aus. "Warum fährst Du gerade auf mich los?"
fragte Knud. "Weg da!"—und das Pferd reckte sich in die Höhe, sonst hätte
es mit dem Kopf Knud vor die Brust gestoßen. Da packte Knud es am
Zaum und Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedächtnis
hatte, fing an zu zittern. Das wirkte auf Thorbjörn; das mahnte ihn daran,
was er selbst dem Pferde angetan hatte; den Ärger über sich übertrug er auf
Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins über den
Kopf. "Du schlägst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjörn sprang ab.
"Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenblaß; die Zügel
gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und sich
angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzählung von
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seinem Platz an der Tür aufgestanden war, ging nun auf Thorbjörn zu und
zog ihn am Arm. "Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich
sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besänftigte
Thorbjörn; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut
wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm
genug, daß die Leute nicht wissen, wer von uns der Stärkere ist", fügte er
hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch
immer früh genug", sagte Thorbjörn. Da meinte der Mann, der vorhin im
Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst müssen sie sich
anprusten beide." Thorbjörn hörte das wohl, aber antwortete nicht. Einige
lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den vielen
Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in Frieden
lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjörn sah sich nach seinem
Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber der Bursche,
der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite geführt und
stand selbst wieder dicht bei Thorbjörn. "Was siehst Du Dich um?" fragte
Knud, "Synnöve ist weit fort."—"Was geht Dich Synnöve an?"—"Nein,
so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts an," sagte Knud,
"aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war für Thorbjörn denn
doch zu viel; die Umstehenden merkten, daß er das Terrain für den Kampf
untersuchte. Nun traten wieder ältere Männer dazwischen und meinten,
Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir soll er nichts
anhaben!" sagte Thorbjörn und darauf verstummten sie. "Laßt sie doch
raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde; sie haben sich lange
genug mit bösen Blicken verfolgt."—"Ja," setzte einer hinzu, "jeder von
beiden will der Stärkere sein; jetzt wird sich's ja zeigen."—"Habt Ihr nicht
das Bürschchen Thorbjörn Granliden irgendwo gesehen?" fragte Knud laut,
"eben war er doch noch hier."—"Hier ist er", sagte Thorbjörn, und in
demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb über das rechte Ohr, daß er
nahestehenden Männern in die Arme purzelte. Nun wurde es still in der
zog ihn am Arm. "Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich
sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besänftigte
Thorbjörn; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut
wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm
genug, daß die Leute nicht wissen, wer von uns der Stärkere ist", fügte er
hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch
immer früh genug", sagte Thorbjörn. Da meinte der Mann, der vorhin im
Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst müssen sie sich
anprusten beide." Thorbjörn hörte das wohl, aber antwortete nicht. Einige
lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den vielen
Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in Frieden
lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjörn sah sich nach seinem
Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber der Bursche,
der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite geführt und
stand selbst wieder dicht bei Thorbjörn. "Was siehst Du Dich um?" fragte
Knud, "Synnöve ist weit fort."—"Was geht Dich Synnöve an?"—"Nein,
so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts an," sagte Knud,
"aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war für Thorbjörn denn
doch zu viel; die Umstehenden merkten, daß er das Terrain für den Kampf
untersuchte. Nun traten wieder ältere Männer dazwischen und meinten,
Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir soll er nichts
anhaben!" sagte Thorbjörn und darauf verstummten sie. "Laßt sie doch
raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde; sie haben sich lange
genug mit bösen Blicken verfolgt."—"Ja," setzte einer hinzu, "jeder von
beiden will der Stärkere sein; jetzt wird sich's ja zeigen."—"Habt Ihr nicht
das Bürschchen Thorbjörn Granliden irgendwo gesehen?" fragte Knud laut,
"eben war er doch noch hier."—"Hier ist er", sagte Thorbjörn, und in
demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb über das rechte Ohr, daß er
nahestehenden Männern in die Arme purzelte. Nun wurde es still in der
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Runde. Knud sprang auf—und vorwärts, ohne einen Laut von sich zu
geben; Thorbjörn setzte sich zur Gegenwehr. Ein langer Faustkampf
entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber beide waren geübt und
jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjörns Hiebe fielen dicht und,
wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist Knud mal an den Richtigen
gekommen," sagte der Bursche, der sich des Pferdes angenommen hatte,
"macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine blieb oben auf der Treppe
stehen, um besser sehen zu können; das war die Braut. Zufällig streifte
Thorbjörns Blick sie; er zauderte einen Moment, da sah er ein Messer in
Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist er nicht", und traf mit
einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so über dem Handgelenk, daß das
Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank. "Au—das war ein
Hieb!" rief Knud. "Spürst Du's?", fragte Thorbjörn und stürzte auf ihn los.
Knud war durch den gelähmten Arm in starkem Nachteil; er wurde
hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er
geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert, daß jeder andere
mehr wie genug gehabt hätte; aber sein Rückgrat vertrug viel; Thorbjörn
zog mit ihm herum, überall wichen die Leute zurück,—aber Thorbjörn
schritt immer weiter mit ihm—er trug ihn um den ganzen Hof herum, bis
sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn noch einmal hoch in die
Luft und drückte ihn dann zu Boden; da gaben Knuds Knie nach, und er
stürzte auf die Steinfließen, so lang wie er war, und es sang ihm und es
klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er liegen, stöhnte tief und schloß
die Augen. Thorbjörn richtete sich auf, sein Blick fiel gerade auf die Braut,
die noch immer starr dastand und zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf",
sagte sie, drehte sich um und ging ins Haus.
Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott!
Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete: "Er—
der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl die
ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen—die Menschen können doch ihre
geben; Thorbjörn setzte sich zur Gegenwehr. Ein langer Faustkampf
entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber beide waren geübt und
jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjörns Hiebe fielen dicht und,
wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist Knud mal an den Richtigen
gekommen," sagte der Bursche, der sich des Pferdes angenommen hatte,
"macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine blieb oben auf der Treppe
stehen, um besser sehen zu können; das war die Braut. Zufällig streifte
Thorbjörns Blick sie; er zauderte einen Moment, da sah er ein Messer in
Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist er nicht", und traf mit
einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so über dem Handgelenk, daß das
Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank. "Au—das war ein
Hieb!" rief Knud. "Spürst Du's?", fragte Thorbjörn und stürzte auf ihn los.
Knud war durch den gelähmten Arm in starkem Nachteil; er wurde
hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er
geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert, daß jeder andere
mehr wie genug gehabt hätte; aber sein Rückgrat vertrug viel; Thorbjörn
zog mit ihm herum, überall wichen die Leute zurück,—aber Thorbjörn
schritt immer weiter mit ihm—er trug ihn um den ganzen Hof herum, bis
sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn noch einmal hoch in die
Luft und drückte ihn dann zu Boden; da gaben Knuds Knie nach, und er
stürzte auf die Steinfließen, so lang wie er war, und es sang ihm und es
klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er liegen, stöhnte tief und schloß
die Augen. Thorbjörn richtete sich auf, sein Blick fiel gerade auf die Braut,
die noch immer starr dastand und zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf",
sagte sie, drehte sich um und ging ins Haus.
Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott!
Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete: "Er—
der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl die
ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen—die Menschen können doch ihre
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Kräfte zu was Besserem brauchen."—"Da hast Du ein wahres Wort
gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, daß sie
lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken."
Das traf Thorbjörn und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort
hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die für Knud
sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte sich
fort und überließ sich seinen Gedanken. Synnöve kam ihm vor allem in den
Sinn, und er schämte sich fürchterlich; er überlegte, wie er ihr die Sache
erklären könne, und es fiel ihm aufs Herz, daß er doch sein Leben nicht so
leicht zu ändern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im selben Nu rief es
hinter ihm: "Paß auf, Thorbjörn!" und noch ehe er sich umdrehen konnte,
wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu Boden geworfen;
dann fühlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber er wußte nicht, an
welcher Stelle. Er hörte Stimmen rings um sich her; es war ihm, als ob er
weggefahren würde, manchmal glaubte er selbst die Zügel zu führen; aber
bestimmt wußte er das nicht.
So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und
dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, daß er zu schweben meinte, und
nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich hinauf zum
Hügel; und wieder höher—zur Alm, und noch höher—hoch auf die höchste
Felsenspitze, und Synnöve beugte sich über ihn und weinte und fragte:
warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte dann, er habe
doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und jetzt habe sie
doch Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihn sanft auf der einen
Seite, so daß er dort ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemde ganz
feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf einem großen, spitzen
Stein und zündete die Baumkronen ringsum an; sie zuckten, sie zischten,
Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit weit aufgerissenem Mund:
"Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's getan!" Und auf der andern
gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, daß sie
lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken."
Das traf Thorbjörn und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort
hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die für Knud
sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte sich
fort und überließ sich seinen Gedanken. Synnöve kam ihm vor allem in den
Sinn, und er schämte sich fürchterlich; er überlegte, wie er ihr die Sache
erklären könne, und es fiel ihm aufs Herz, daß er doch sein Leben nicht so
leicht zu ändern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im selben Nu rief es
hinter ihm: "Paß auf, Thorbjörn!" und noch ehe er sich umdrehen konnte,
wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu Boden geworfen;
dann fühlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber er wußte nicht, an
welcher Stelle. Er hörte Stimmen rings um sich her; es war ihm, als ob er
weggefahren würde, manchmal glaubte er selbst die Zügel zu führen; aber
bestimmt wußte er das nicht.
So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und
dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, daß er zu schweben meinte, und
nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich hinauf zum
Hügel; und wieder höher—zur Alm, und noch höher—hoch auf die höchste
Felsenspitze, und Synnöve beugte sich über ihn und weinte und fragte:
warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte dann, er habe
doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und jetzt habe sie
doch Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihn sanft auf der einen
Seite, so daß er dort ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemde ganz
feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf einem großen, spitzen
Stein und zündete die Baumkronen ringsum an; sie zuckten, sie zischten,
Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit weit aufgerissenem Mund:
"Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's getan!" Und auf der andern
Page 281
Seite stand Vater Sämund und warf Kornsäcke hoch, so hoch, daß die
Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel verstreuten, und Thorbjörn
wunderte sich, daß das Korn über den ganzen Himmel hinfliegen konnte.
Und wie er wieder herunterblickte, war Sämund mit einem Male ganz klein
geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf noch immer die Säcke,
höher und höher und rief: Das mach' mir mal nach! Hoch, hoch oben in den
Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze die blonde Frau aus
Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes Taschentuch, in der
anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du mir nicht, solange
Du noch raufst und fluchst!"—und als er schärfer hinsah, war es gar nicht
die Kirche,—nein, es war Solbakken, und die Sonne strahlte so hell auf all
die hundert Fensterscheiben, daß ihm die Augen davon weh taten und er sie
schließen mußte.
"Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!" hörte er mit einem Male rufen; er
erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen würde, und er
sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tüchtiges
Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte, der
Vater wollte ihn eben aufnehmen—um ihn in eine Seitenkammer zu
bringen, da ließ er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm",
sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie:
"Lieber, lieber Gott, er schlägt die Augen auf! Thorbjörn, Thorbjörn,
barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich
über ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Tränen fielen dabei warm auf
sein Gesicht. Sämund wischte sich mit dem einen Ärmel die Augen, schob
die Mutter sacht beiseite: "Ich möchte ihn doch jetzt gleich 'rübertragen",
sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter Thorbjörns Schultern, die
andere unter das Rückgrat. "Stütz' ihm den Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht
hochhalten kann." Sie ging voran und stützte den Kopf, Sämund suchte
gleichen Schritt mit ihr zu halten, und bald war Thorbjörn umquartiert.
Nachdem sie ihn gut gebettet und ordentlich zugedeckt hatten, fragte
Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel verstreuten, und Thorbjörn
wunderte sich, daß das Korn über den ganzen Himmel hinfliegen konnte.
Und wie er wieder herunterblickte, war Sämund mit einem Male ganz klein
geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf noch immer die Säcke,
höher und höher und rief: Das mach' mir mal nach! Hoch, hoch oben in den
Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze die blonde Frau aus
Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes Taschentuch, in der
anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du mir nicht, solange
Du noch raufst und fluchst!"—und als er schärfer hinsah, war es gar nicht
die Kirche,—nein, es war Solbakken, und die Sonne strahlte so hell auf all
die hundert Fensterscheiben, daß ihm die Augen davon weh taten und er sie
schließen mußte.
"Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!" hörte er mit einem Male rufen; er
erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen würde, und er
sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tüchtiges
Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte, der
Vater wollte ihn eben aufnehmen—um ihn in eine Seitenkammer zu
bringen, da ließ er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm",
sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie:
"Lieber, lieber Gott, er schlägt die Augen auf! Thorbjörn, Thorbjörn,
barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich
über ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Tränen fielen dabei warm auf
sein Gesicht. Sämund wischte sich mit dem einen Ärmel die Augen, schob
die Mutter sacht beiseite: "Ich möchte ihn doch jetzt gleich 'rübertragen",
sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter Thorbjörns Schultern, die
andere unter das Rückgrat. "Stütz' ihm den Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht
hochhalten kann." Sie ging voran und stützte den Kopf, Sämund suchte
gleichen Schritt mit ihr zu halten, und bald war Thorbjörn umquartiert.
Nachdem sie ihn gut gebettet und ordentlich zugedeckt hatten, fragte
Page 282
Sämund, ob der Knecht schon fortgefahren sei. "Da kannst Du ihn noch
sehen", sagte die Mutter und zeigte nach dem Hof hinaus; Sämund machte
das Fenster auf und rief: "Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du
doppelten Jahreslohn—und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!"
Er trat wieder ans Bett; Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an;
des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden
feucht. "Ich wußte, es würde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er,
drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel
zu Füßen Thorbjörns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte
sprechen, fühlte jedoch, daß es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum.
Aber beständig sah er seine Mutter an, und sie hatte früher nie einen
solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, daß sie so schön
wie jetzt waren, und das nahm sie für ein schlechtes Zeichen. "Gott der
Herr steh' Dir bei," stieß sie hervor, "ich weiß, es ist Sämunds Tod, wenn
Du von uns gehst." Thorbjörn sah sie an; seine Augen, sein Gesicht waren
starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das Vaterunser
für ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden für gezählt. Und als sie so bei
ihm saß, ging es ihr durch den Sinn, wie überaus lieb sie alle gerade ihn
hatten; und jetzt war nicht eins von seinen Geschwistern zu Hause. Da
schickte sie zur Alm, um Ingrid und den jüngern Bruder zu holen; dann
setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah sie unverwandt an; und sein Blick
wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied, das sie sanft auf zu Höherem führte;
und die alte Ingebjörg wurde andächtiglich ergriffen, nahm die Bibel und
sagte: "Jetzt will ich laut zu Deinem Frommen lesen, auf daß es Dir gut
ergehe." Da sie ihre Brille nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle
auf, die sie von ihrer Kinderzeit noch so ungefähr auswendig konnte, und
die Stelle war aus dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er
es höre, denn er lag nach wie vor starr da,—aber sie las,—wenn nicht für
ihn, so für sich selbst.
sehen", sagte die Mutter und zeigte nach dem Hof hinaus; Sämund machte
das Fenster auf und rief: "Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du
doppelten Jahreslohn—und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!"
Er trat wieder ans Bett; Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an;
des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden
feucht. "Ich wußte, es würde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er,
drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel
zu Füßen Thorbjörns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte
sprechen, fühlte jedoch, daß es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum.
Aber beständig sah er seine Mutter an, und sie hatte früher nie einen
solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, daß sie so schön
wie jetzt waren, und das nahm sie für ein schlechtes Zeichen. "Gott der
Herr steh' Dir bei," stieß sie hervor, "ich weiß, es ist Sämunds Tod, wenn
Du von uns gehst." Thorbjörn sah sie an; seine Augen, sein Gesicht waren
starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das Vaterunser
für ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden für gezählt. Und als sie so bei
ihm saß, ging es ihr durch den Sinn, wie überaus lieb sie alle gerade ihn
hatten; und jetzt war nicht eins von seinen Geschwistern zu Hause. Da
schickte sie zur Alm, um Ingrid und den jüngern Bruder zu holen; dann
setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah sie unverwandt an; und sein Blick
wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied, das sie sanft auf zu Höherem führte;
und die alte Ingebjörg wurde andächtiglich ergriffen, nahm die Bibel und
sagte: "Jetzt will ich laut zu Deinem Frommen lesen, auf daß es Dir gut
ergehe." Da sie ihre Brille nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle
auf, die sie von ihrer Kinderzeit noch so ungefähr auswendig konnte, und
die Stelle war aus dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er
es höre, denn er lag nach wie vor starr da,—aber sie las,—wenn nicht für
ihn, so für sich selbst.
Page 283
Bald kam Ingrid nach Hause, um die Mutter abzulösen; aber da schlief
Thorbjörn gerade. Sie weinte unaufhörlich; sie hatte schon geweint, ehe sie
von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnöve, die ohne Nachricht
blieb.—Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjörn hatte einen
Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der
Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Sämund begleitete ihn in die
Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm beständig ins Gesicht,
ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen
zweirädrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde
am nächsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um,
die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht", seine
Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging querfeldein.
Niemand wußte, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in
der Nacht, sondern erst den nächsten Morgen nach Hause, und da sah er so
finster aus, daß sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur:
"Na?"—"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Kräften, daß er
nicht die Hand heben kann." Sämund wollte in die Krankenstube, aber dicht
vor der Tür machte er Kehrt.
Der Doktor kam am nächsten Tage wieder und auch die folgenden Tage.
Thorbjörn konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid saß
am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein jüngerer Bruder; aber er
richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war niemals in
der Stube. Die anderen sahen, daß der Kranke das merkte; er blickte
gespannt hin, sobald die Tür aufging; jedenfalls doch, weil er den Vater
erwartete. Schließlich fragte ihn Ingrid, wen er wohl außerdem noch gern
sehen möchte? "Ach, mich will ja keiner sehen", antwortete er. Das wurde
Sämund wiedererzählt; der entgegnete im Augenblick nichts, und als an
diesem Tage der Doktor kam, war er nicht zu Hause. Aber ein Stück Weges
vom Hofe erwartete er ihn bei der Rückfahrt; er hatte auf dem Grabenrand
Thorbjörn gerade. Sie weinte unaufhörlich; sie hatte schon geweint, ehe sie
von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnöve, die ohne Nachricht
blieb.—Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjörn hatte einen
Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der
Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Sämund begleitete ihn in die
Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm beständig ins Gesicht,
ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen
zweirädrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde
am nächsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um,
die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht", seine
Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging querfeldein.
Niemand wußte, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in
der Nacht, sondern erst den nächsten Morgen nach Hause, und da sah er so
finster aus, daß sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur:
"Na?"—"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Kräften, daß er
nicht die Hand heben kann." Sämund wollte in die Krankenstube, aber dicht
vor der Tür machte er Kehrt.
Der Doktor kam am nächsten Tage wieder und auch die folgenden Tage.
Thorbjörn konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid saß
am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein jüngerer Bruder; aber er
richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war niemals in
der Stube. Die anderen sahen, daß der Kranke das merkte; er blickte
gespannt hin, sobald die Tür aufging; jedenfalls doch, weil er den Vater
erwartete. Schließlich fragte ihn Ingrid, wen er wohl außerdem noch gern
sehen möchte? "Ach, mich will ja keiner sehen", antwortete er. Das wurde
Sämund wiedererzählt; der entgegnete im Augenblick nichts, und als an
diesem Tage der Doktor kam, war er nicht zu Hause. Aber ein Stück Weges
vom Hofe erwartete er ihn bei der Rückfahrt; er hatte auf dem Grabenrand
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gesessen, stand auf, als der Wagen vorbeifuhr, grüßte und fragte nach dem
Zustand seines Sohnes. "Sie haben ihm böse mitgespielt", lautete kurz die
Antwort. "Wird er durchkommen?" fragte Sämund und bastelte am
Bauchgurt des Pferdes. "Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor.
"Nicht stramm genug", antwortete Sämund. Dann waren beide eine Zeitlang
stumm; der Doktor sah ihn an; Sämund arbeitete eifrig an dem Gurt herum,
blickte aber nicht auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das
glaube ich wohl", sagte der Doktor langsam; Sämund blickte schnell auf.
"Dann ist keine Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht
mehr", antwortete der Doktor. Da rollten Tränen aus Sämunds Augen; er
wischte sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich
den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen prächtigem Burschen hat's im
ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde gerührt: "Warum hast
Du nicht schon früher gefragt?"—"Ich hätt' es nicht hören können",
antwortete Sämund und wollte die Tränen herunterschlucken; aber es
gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort,
"die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte ich's
nicht fertig." Der Doktor ließ ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich zu
kommen, und nun blickte Sämund ihn fest an: "Wird er wieder ganz
gesund?" fragte er plötzlich. "Soweit es möglich ist; übrigens läßt sich
darüber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Sämund ruhig und
nachdenklich. "Soweit es möglich ist", murmelte er und blickte zu Boden.
Der Doktor wollte ihn nicht stören; es war etwas in dem Mann vor ihm, das
es ihm verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf: "Ich danke für die
Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause.
Währenddessen saß Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hören kannst,
will ich Dir etwas vom Vater erzählen", sagte sie. "Erzähle", antwortete er.
"An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater
plötzlich weg, und niemand wußte, wo er war. Da war er zum
Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er eintrat.
Zustand seines Sohnes. "Sie haben ihm böse mitgespielt", lautete kurz die
Antwort. "Wird er durchkommen?" fragte Sämund und bastelte am
Bauchgurt des Pferdes. "Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor.
"Nicht stramm genug", antwortete Sämund. Dann waren beide eine Zeitlang
stumm; der Doktor sah ihn an; Sämund arbeitete eifrig an dem Gurt herum,
blickte aber nicht auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das
glaube ich wohl", sagte der Doktor langsam; Sämund blickte schnell auf.
"Dann ist keine Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht
mehr", antwortete der Doktor. Da rollten Tränen aus Sämunds Augen; er
wischte sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich
den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen prächtigem Burschen hat's im
ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde gerührt: "Warum hast
Du nicht schon früher gefragt?"—"Ich hätt' es nicht hören können",
antwortete Sämund und wollte die Tränen herunterschlucken; aber es
gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort,
"die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte ich's
nicht fertig." Der Doktor ließ ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich zu
kommen, und nun blickte Sämund ihn fest an: "Wird er wieder ganz
gesund?" fragte er plötzlich. "Soweit es möglich ist; übrigens läßt sich
darüber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Sämund ruhig und
nachdenklich. "Soweit es möglich ist", murmelte er und blickte zu Boden.
Der Doktor wollte ihn nicht stören; es war etwas in dem Mann vor ihm, das
es ihm verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf: "Ich danke für die
Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause.
Währenddessen saß Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hören kannst,
will ich Dir etwas vom Vater erzählen", sagte sie. "Erzähle", antwortete er.
"An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater
plötzlich weg, und niemand wußte, wo er war. Da war er zum
Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er eintrat.
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Er setzte sich an den Tisch und trank mit den andern; und der Bräutigam hat
später erzählt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln gekommen. Aber
dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und erhielt auch genauen
Bericht. Nun kam Knud; Vater wünschte, Knud solle erzählen, und ging auf
den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet. Die ganze Gesellschaft ging
mit. Knud erzählte, wie Du mit ihm umgesprungen seist, nachdem Du ihm
die Hand lahm geschlagen hattest; aber als er nun nicht weiter mit der
Sprache heraus wollte, richtete Vater sich hoch auf und fragte: ob das
vielleicht dann so zugegangen wäre—und im selben Augenblick hatte er
schon Knud vorn an der Brust gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn
auf die Steinfließen, wo noch Blut von Dir klebte; mit der linken Hand
drückte er ihn nieder, mit der Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte
die Farbe und alle Gäste standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, daß
Vater geweint hat; aber getan hat er Knud nichts. Der lag da und rührte sich
nicht. Vater riß ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu
Boden. 'Es fällt einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er
und nahm ihn scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt.
Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine
Kinder, Sämund Granliden', und sofort, so erzählen die Leute, hat Vater den
Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber Knud
drückte sich zwischen den Häusern fort von der Hochzeit und wurde nicht
mehr gesehen."
Kaum war Ingrid mit ihrer Erzählung fertig, da öffnete sich die Tür;
jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube;
Sämund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das
hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand und lauschte, glaubte
doch einmal verstanden zu haben, daß sie darüber redeten, ob Thorbjörn
wieder ganz gesund werden könne oder nicht. Aber sie war ihrer Sache
nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Sämund drin war.
später erzählt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln gekommen. Aber
dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und erhielt auch genauen
Bericht. Nun kam Knud; Vater wünschte, Knud solle erzählen, und ging auf
den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet. Die ganze Gesellschaft ging
mit. Knud erzählte, wie Du mit ihm umgesprungen seist, nachdem Du ihm
die Hand lahm geschlagen hattest; aber als er nun nicht weiter mit der
Sprache heraus wollte, richtete Vater sich hoch auf und fragte: ob das
vielleicht dann so zugegangen wäre—und im selben Augenblick hatte er
schon Knud vorn an der Brust gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn
auf die Steinfließen, wo noch Blut von Dir klebte; mit der linken Hand
drückte er ihn nieder, mit der Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte
die Farbe und alle Gäste standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, daß
Vater geweint hat; aber getan hat er Knud nichts. Der lag da und rührte sich
nicht. Vater riß ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu
Boden. 'Es fällt einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er
und nahm ihn scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt.
Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine
Kinder, Sämund Granliden', und sofort, so erzählen die Leute, hat Vater den
Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber Knud
drückte sich zwischen den Häusern fort von der Hochzeit und wurde nicht
mehr gesehen."
Kaum war Ingrid mit ihrer Erzählung fertig, da öffnete sich die Tür;
jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube;
Sämund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das
hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand und lauschte, glaubte
doch einmal verstanden zu haben, daß sie darüber redeten, ob Thorbjörn
wieder ganz gesund werden könne oder nicht. Aber sie war ihrer Sache
nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Sämund drin war.
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Als er herauskam, waren seine Züge sehr sanft, seine Augen etwas gerötet.
"Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen zu Ingebjörg,
"aber unser Herrgott weiß, ob er wieder ganz gesund wird." Ingebjörg fing
zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe zum Schuppen
setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen mancherlei.
Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjörn hineinkam, lag er da mit einem
Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnöve,
sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie
sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand:
"An die hochgeschätzte Jungfrau Synnöve, Tochter des Guttorm
Solbakken.
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns
beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der für Dich bestimmt ist. Unser
Herrgott sei mit uns beiden.
Thorbjörn, Sohn des Sämund Granliden."
Sechstes Kapitel
Synnöve hatte an dem Tage, nachdem Thorbjörn auf der Hochzeit
gewesen, von dem Vorfall erfahren. Sein jüngerer Bruder war mit der
Nachricht auf die Alm gekommen; aber Ingrid hatte ihn auf dem Flur
abgefaßt und ihm eingeschärft, wie weit er erzählen solle. Synnöve wußte
also nicht mehr, als daß Thorbjörn mit Wagen und Ladung umgekippt, dann
nach Nordhoug um Hilfe gegangen und dabei mit Knud in Streit geraten
war; er habe etwas abgekriegt, liege auch zu Bett; aber es sei nicht
"Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen zu Ingebjörg,
"aber unser Herrgott weiß, ob er wieder ganz gesund wird." Ingebjörg fing
zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe zum Schuppen
setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen mancherlei.
Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjörn hineinkam, lag er da mit einem
Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnöve,
sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie
sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand:
"An die hochgeschätzte Jungfrau Synnöve, Tochter des Guttorm
Solbakken.
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns
beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der für Dich bestimmt ist. Unser
Herrgott sei mit uns beiden.
Thorbjörn, Sohn des Sämund Granliden."
Sechstes Kapitel
Synnöve hatte an dem Tage, nachdem Thorbjörn auf der Hochzeit
gewesen, von dem Vorfall erfahren. Sein jüngerer Bruder war mit der
Nachricht auf die Alm gekommen; aber Ingrid hatte ihn auf dem Flur
abgefaßt und ihm eingeschärft, wie weit er erzählen solle. Synnöve wußte
also nicht mehr, als daß Thorbjörn mit Wagen und Ladung umgekippt, dann
nach Nordhoug um Hilfe gegangen und dabei mit Knud in Streit geraten
war; er habe etwas abgekriegt, liege auch zu Bett; aber es sei nicht
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gefährlich. Eine Geschichte, die Synnöve mehr böse als traurig stimmte;
und je mehr sie darüber nachdachte, desto mutloser wurde sie. Wie fest
hatte er ihr versprochen, sich so zu benehmen, daß ihre Eltern nichts gegen
ihn sagen konnten! Aber auseinanderbringen sollte das ihn und sie doch
nicht!
Die Verbindung zwischen Tal und Alm war spärlich, und die Zeit dehnte
sich, bis Synnöve weitere Nachricht bekam. Die Ungewißheit drückte sie
schwer; Ingrid wollte auch nicht wiederkommen,—es mußte also etwas
besonderes vorgehen. Sie war abends nicht mehr in der Stimmung zu
singen, um das Vieh nach Hause zu locken, und schlief nachts nicht gut,
weil ihr Ingrid fehlte. Dadurch war sie am Tage müde, und somit wieder ihr
Herz nicht gerade leichter. Sie ging umher und wirtschaftete, scheuerte
Kübel und Töpfe, machte Käse, setzte Milch an, aber ohne rechte Freude an
der Arbeit, und Thorbjörns jüngerer Bruder, sowie der andere Junge, die
zusammen hüteten, hielten es nun für ausgemacht, daß mit ihr und
Thorbjörn etwas los sein müsse, und das gab ihnen oben auf der Weide
Stoff für vieles Gerede.
Am Nachmittag des achten Tages, seit Ingrid nach Hause gerufen
worden, verspürte Synnöve stärkere Herzbeklemmung denn je. Nun war
schon soviel Zeit vergangen, und sie hatte noch immer keine genaue
Nachricht. Sie ließ ihre Arbeit liegen und setzte sich hin, um auf das
Kirchspiel hinunterzuschauen; das gab ihr etwas wie einen Zusammenhang
mit denen unten, und ganz allein mit sich mochte sie nicht sein. Dabei
wurde sie müde, legte den Kopf auf den Arm und schlief sofort ein; aber die
Sonne stach und ihr Schlaf war sehr unruhig. Sie glaubte sich zu Solbakken
in der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen und sie gewöhnlich schlief;
die Blumen dufteten so schön zu ihr hinauf; aber nicht mit dem Duft wie
sonst; mehr wie Heidekraut. Woher mag das wohl kommen? dachte sie und
sah durch das offene Fenster. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und
und je mehr sie darüber nachdachte, desto mutloser wurde sie. Wie fest
hatte er ihr versprochen, sich so zu benehmen, daß ihre Eltern nichts gegen
ihn sagen konnten! Aber auseinanderbringen sollte das ihn und sie doch
nicht!
Die Verbindung zwischen Tal und Alm war spärlich, und die Zeit dehnte
sich, bis Synnöve weitere Nachricht bekam. Die Ungewißheit drückte sie
schwer; Ingrid wollte auch nicht wiederkommen,—es mußte also etwas
besonderes vorgehen. Sie war abends nicht mehr in der Stimmung zu
singen, um das Vieh nach Hause zu locken, und schlief nachts nicht gut,
weil ihr Ingrid fehlte. Dadurch war sie am Tage müde, und somit wieder ihr
Herz nicht gerade leichter. Sie ging umher und wirtschaftete, scheuerte
Kübel und Töpfe, machte Käse, setzte Milch an, aber ohne rechte Freude an
der Arbeit, und Thorbjörns jüngerer Bruder, sowie der andere Junge, die
zusammen hüteten, hielten es nun für ausgemacht, daß mit ihr und
Thorbjörn etwas los sein müsse, und das gab ihnen oben auf der Weide
Stoff für vieles Gerede.
Am Nachmittag des achten Tages, seit Ingrid nach Hause gerufen
worden, verspürte Synnöve stärkere Herzbeklemmung denn je. Nun war
schon soviel Zeit vergangen, und sie hatte noch immer keine genaue
Nachricht. Sie ließ ihre Arbeit liegen und setzte sich hin, um auf das
Kirchspiel hinunterzuschauen; das gab ihr etwas wie einen Zusammenhang
mit denen unten, und ganz allein mit sich mochte sie nicht sein. Dabei
wurde sie müde, legte den Kopf auf den Arm und schlief sofort ein; aber die
Sonne stach und ihr Schlaf war sehr unruhig. Sie glaubte sich zu Solbakken
in der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen und sie gewöhnlich schlief;
die Blumen dufteten so schön zu ihr hinauf; aber nicht mit dem Duft wie
sonst; mehr wie Heidekraut. Woher mag das wohl kommen? dachte sie und
sah durch das offene Fenster. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und
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pflanzte Heidekraut ein. "Aber, Liebster, warum tust Du das?" fragte sie.
"Die Blumen wollen nicht wachsen", sagte er und ließ sich nicht stören. Da
tat es ihr um die Blumen leid, und sie bat ihn schließlich, sie ihr herauf
zubringen. "Ja, gern", antwortete er, sammelte die herausgezogenen Blumen
und machte sich auf den Weg; aber nun saß sie gar nicht mehr in der
Bodenkammer, denn er konnte sofort zu ihr. In demselben Augenblick kam
ihre Mutter dazu. "In Jesu Namen, will der Ekel von Junge zu Dir?" rief sie,
sprang dazwischen und stellte sich vor ihn hin. Das wollte er sich nicht
gefallen lassen, und nun fingen die beiden an, zu ringen. "Mutter, Mutter, er
will mir ja nur meine Blumen bringen", bat Synnöve und weinte. "Das hilft
nichts", sagte die Mutter und ging ihm stärker zuleibe. Synnöve wurde
ängstlich, so ängstlich; sie wußte nicht, wem von den beiden sie den
glücklichen Ausgang des Ringens wünschen sollte; verlieren aber sollte
keiner. "Seht Euch mit den Blumen vor", rief sie; doch sie rangen immer
heftiger und heftiger, und die schönen Blumen wurden dabei überall
umhergestreut, von der Mutter zertreten, von Thorbjörn zertreten; Synnöve
weinte. Als Thorbjörn aber die Blumen hingeworfen hatte, wurde er mit
einem Male furchtbar häßlich, ganz widerlich; das Haar auf seinem Kopfe
wuchs, sein Gesicht verlängerte sich, die Augen bekamen einen wilden
Ausdruck und mit spitzen Klauen griff er nach der Mutter. "Nimm Dich in
acht, Mutter; siehst Du nicht, das ist nicht er, das ist ein andrer—nimm Dich
in acht!" schrie sie und wollte hin und der Mutter helfen, konnte sich aber
nicht vom Fleck rühren.—Da hörte sie ihren Namen rufen; dann noch
einmal. Und im Nu verschwand Thorbjörn und auch die Mutter. "Ja",
antwortete Synnöve und erwachte. "Synnöve!" klang es von neuem. "Ja",
rief sie und blickte auf. "Wo bist Du denn?" Das ist Mutter, dachte Synnöve,
stand auf und ging auf den Platz zu, wo die Mutter mit einem Eßkorb in der
Hand stand, sich mit der anderen die Augen beschattete und nach ihr
ausschaute.
"Die Blumen wollen nicht wachsen", sagte er und ließ sich nicht stören. Da
tat es ihr um die Blumen leid, und sie bat ihn schließlich, sie ihr herauf
zubringen. "Ja, gern", antwortete er, sammelte die herausgezogenen Blumen
und machte sich auf den Weg; aber nun saß sie gar nicht mehr in der
Bodenkammer, denn er konnte sofort zu ihr. In demselben Augenblick kam
ihre Mutter dazu. "In Jesu Namen, will der Ekel von Junge zu Dir?" rief sie,
sprang dazwischen und stellte sich vor ihn hin. Das wollte er sich nicht
gefallen lassen, und nun fingen die beiden an, zu ringen. "Mutter, Mutter, er
will mir ja nur meine Blumen bringen", bat Synnöve und weinte. "Das hilft
nichts", sagte die Mutter und ging ihm stärker zuleibe. Synnöve wurde
ängstlich, so ängstlich; sie wußte nicht, wem von den beiden sie den
glücklichen Ausgang des Ringens wünschen sollte; verlieren aber sollte
keiner. "Seht Euch mit den Blumen vor", rief sie; doch sie rangen immer
heftiger und heftiger, und die schönen Blumen wurden dabei überall
umhergestreut, von der Mutter zertreten, von Thorbjörn zertreten; Synnöve
weinte. Als Thorbjörn aber die Blumen hingeworfen hatte, wurde er mit
einem Male furchtbar häßlich, ganz widerlich; das Haar auf seinem Kopfe
wuchs, sein Gesicht verlängerte sich, die Augen bekamen einen wilden
Ausdruck und mit spitzen Klauen griff er nach der Mutter. "Nimm Dich in
acht, Mutter; siehst Du nicht, das ist nicht er, das ist ein andrer—nimm Dich
in acht!" schrie sie und wollte hin und der Mutter helfen, konnte sich aber
nicht vom Fleck rühren.—Da hörte sie ihren Namen rufen; dann noch
einmal. Und im Nu verschwand Thorbjörn und auch die Mutter. "Ja",
antwortete Synnöve und erwachte. "Synnöve!" klang es von neuem. "Ja",
rief sie und blickte auf. "Wo bist Du denn?" Das ist Mutter, dachte Synnöve,
stand auf und ging auf den Platz zu, wo die Mutter mit einem Eßkorb in der
Hand stand, sich mit der anderen die Augen beschattete und nach ihr
ausschaute.
Page 289
"Hier liegst Du und schläfst auf der kalten Erde?" sagte die Mutter. "Ich
war so müde," antwortete Synnöve, "und hatte mich nur einen Augenblick
hingelegt, und da bin ich mit einemmal fest eingeschlafen."—"Davor mußt
Du Dich hüten, mein Kind——Hier in dem Korb habe ich Dir etwas
mitgebracht; ich habe gestern gebacken, weil Vater eine längere Reise
machen will." Aber Synnöve fühlte, etwas anderes müsse die Mutter
hergeführt haben, und sie meinte nicht ohne Grund von ihr geträumt zu
haben. Karen—so hieß ihre Mutter—war, wie gesagt, klein und schmächtig
von Gestalt, hatte blondes Haar, und blaue Augen, die rastlos
umherblickten. Sie lächelte ein wenig, wenn sie sprach; aber nur wenn sie
mit Fremden sprach. Ihr Gesichtsausdruck war sehr scharf geworden; sie
war hastig in ihren Bewegungen und machte sich immer etwas zu tun.—
Synnöve bedankte sich für das Mitgebrachte, nahm den Deckel vom Korb
und wollte nachsehen, was darin war. "Das kannst Du später tun", sagte die
Mutter; "ich habe wohl bemerkt, daß Du Töpfe und Kübel noch nicht
abgewaschen hast; das mußt Du immer besorgen, mein Kind, ehe Du
schlafen gehst."—"Ja, das war auch nur heute."—"Komm jetzt, ich will Dir
helfen, da ich doch nun mal hier bin," fuhr Karen fort, und schürzte sich
auf. "Du mußt Dich an Ordnung gewöhnen, ob ich Dich nun unter Augen
habe oder nicht." Sie ging in die Milchkammer, und Synnöve folgte ihr
langsam. Nun nahmen sie die Gefäße herunter und wuschen auf; die Mutter
untersuchte, wie die Wirtschaft imstande sei, fand es nicht schlecht, gab
eifrig Anweisungen und half auch Synnöve beim Ausfegen. Und damit
vergingen ein oder zwei Stunden. Während der Arbeit hatte sie der Tochter
erzählt, was sie zu Hause gemacht hatten und wie sie durch die
Vorbereitungen für Vaters Reise in Anspruch genommen war. Dann fragte
sie Synnöve, ob sie auch nicht vergessen habe jeden Abend, vor dem
Schlafengehen, in Gottes Wort zu lesen. "Denn das darf man niemals
unterlassen, sonst ist es mit der Arbeit am anderen Tage schlecht bestellt."
war so müde," antwortete Synnöve, "und hatte mich nur einen Augenblick
hingelegt, und da bin ich mit einemmal fest eingeschlafen."—"Davor mußt
Du Dich hüten, mein Kind——Hier in dem Korb habe ich Dir etwas
mitgebracht; ich habe gestern gebacken, weil Vater eine längere Reise
machen will." Aber Synnöve fühlte, etwas anderes müsse die Mutter
hergeführt haben, und sie meinte nicht ohne Grund von ihr geträumt zu
haben. Karen—so hieß ihre Mutter—war, wie gesagt, klein und schmächtig
von Gestalt, hatte blondes Haar, und blaue Augen, die rastlos
umherblickten. Sie lächelte ein wenig, wenn sie sprach; aber nur wenn sie
mit Fremden sprach. Ihr Gesichtsausdruck war sehr scharf geworden; sie
war hastig in ihren Bewegungen und machte sich immer etwas zu tun.—
Synnöve bedankte sich für das Mitgebrachte, nahm den Deckel vom Korb
und wollte nachsehen, was darin war. "Das kannst Du später tun", sagte die
Mutter; "ich habe wohl bemerkt, daß Du Töpfe und Kübel noch nicht
abgewaschen hast; das mußt Du immer besorgen, mein Kind, ehe Du
schlafen gehst."—"Ja, das war auch nur heute."—"Komm jetzt, ich will Dir
helfen, da ich doch nun mal hier bin," fuhr Karen fort, und schürzte sich
auf. "Du mußt Dich an Ordnung gewöhnen, ob ich Dich nun unter Augen
habe oder nicht." Sie ging in die Milchkammer, und Synnöve folgte ihr
langsam. Nun nahmen sie die Gefäße herunter und wuschen auf; die Mutter
untersuchte, wie die Wirtschaft imstande sei, fand es nicht schlecht, gab
eifrig Anweisungen und half auch Synnöve beim Ausfegen. Und damit
vergingen ein oder zwei Stunden. Während der Arbeit hatte sie der Tochter
erzählt, was sie zu Hause gemacht hatten und wie sie durch die
Vorbereitungen für Vaters Reise in Anspruch genommen war. Dann fragte
sie Synnöve, ob sie auch nicht vergessen habe jeden Abend, vor dem
Schlafengehen, in Gottes Wort zu lesen. "Denn das darf man niemals
unterlassen, sonst ist es mit der Arbeit am anderen Tage schlecht bestellt."
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Als sie nun fertig waren, gingen sie hinaus und setzten sich, um auf die
Kühe zu warten; und als sie dasaßen, fragte die Mutter nach Ingrid; sie
wollte wissen, ob sie nicht bald wieder heraufkomme. Synnöve wußte nicht
mehr darüber als die Mutter. "Ja, so kann es einem Menschen ergehen",
sagte die Mutter und Synnöve begriff sofort, daß sich das nicht auf Ingrid
bezog; sie wollte gern einem weiteren Gespräch über diesen Gegenstand
vorbeugen, fand aber nicht den Mut. "Wer unseren Herrgott nicht im
Herzen trägt, der wird an ihn erinnert, wenn er's am wenigsten erwartet",
sagte die Mutter. Synnöve erwiderte kein Wort. "Ich habe immer gesagt: aus
dem Burschen wird nichts.—Ist das ein Benehmen? Pfui!"—Sie hatten sich
beide hingekauert und blickten vor sich hin; aber keine sah die andere an.
"Hast Du gehört, wie es ihm geht?" fragte die Mutter, und warf ihr einen
kurzen Blick zu. "Nein", antwortete Synnöve.—"Es soll schlecht um ihn
stehen", sagte die Mutter. Ein Druck legte sich auf Synnöves Brust. "Ist es
gefährlich?" fragte sie. "Ja, der Messerstich in der Seite;—und dann soll er
noch am ganzen Leibe zerschlagen sein." Synnöve fühlte, wie ihr das Blut
in das Gesicht schoß; schnell drehte sie sich zur Seite, damit die Mutter es
nicht sehen sollte. "Ja, aber es hat wohl im ganzen nicht viel zu sagen?"
fragte sie so ruhig, wie sie vermochte; doch der Mutter war es aufgefallen,
daß Synnöves Atem heftig ging, und darum entgegnete sie: "Ach nein, das
wohl nicht." Da dämmerte es Synnöve auf, daß etwas sehr Schlimmes
passiert war. "Liegt er zu Bett?" fragte sie.—"Ja, natürlich. Wie muß das
seine Eltern treffen,—solch brave Leute. Gut erzogen haben sie ihn ja auch,
so daß unser Herrgott nicht mit ihnen darüber in das Gericht gehen kann."
Synnöve wurde so beklommen zumut, daß sie sich kaum noch fassen
konnte. Da fuhr die Mutter fort: "Nun zeigt es sich, wie gut es war, daß sich
niemand an ihn gebunden hat. Unser Herrgott lenkt alles zum besten." Vor
Synnöves Augen schien sich alles zu drehen; sie glaubte vom Berg
herunterzustürzen.
Kühe zu warten; und als sie dasaßen, fragte die Mutter nach Ingrid; sie
wollte wissen, ob sie nicht bald wieder heraufkomme. Synnöve wußte nicht
mehr darüber als die Mutter. "Ja, so kann es einem Menschen ergehen",
sagte die Mutter und Synnöve begriff sofort, daß sich das nicht auf Ingrid
bezog; sie wollte gern einem weiteren Gespräch über diesen Gegenstand
vorbeugen, fand aber nicht den Mut. "Wer unseren Herrgott nicht im
Herzen trägt, der wird an ihn erinnert, wenn er's am wenigsten erwartet",
sagte die Mutter. Synnöve erwiderte kein Wort. "Ich habe immer gesagt: aus
dem Burschen wird nichts.—Ist das ein Benehmen? Pfui!"—Sie hatten sich
beide hingekauert und blickten vor sich hin; aber keine sah die andere an.
"Hast Du gehört, wie es ihm geht?" fragte die Mutter, und warf ihr einen
kurzen Blick zu. "Nein", antwortete Synnöve.—"Es soll schlecht um ihn
stehen", sagte die Mutter. Ein Druck legte sich auf Synnöves Brust. "Ist es
gefährlich?" fragte sie. "Ja, der Messerstich in der Seite;—und dann soll er
noch am ganzen Leibe zerschlagen sein." Synnöve fühlte, wie ihr das Blut
in das Gesicht schoß; schnell drehte sie sich zur Seite, damit die Mutter es
nicht sehen sollte. "Ja, aber es hat wohl im ganzen nicht viel zu sagen?"
fragte sie so ruhig, wie sie vermochte; doch der Mutter war es aufgefallen,
daß Synnöves Atem heftig ging, und darum entgegnete sie: "Ach nein, das
wohl nicht." Da dämmerte es Synnöve auf, daß etwas sehr Schlimmes
passiert war. "Liegt er zu Bett?" fragte sie.—"Ja, natürlich. Wie muß das
seine Eltern treffen,—solch brave Leute. Gut erzogen haben sie ihn ja auch,
so daß unser Herrgott nicht mit ihnen darüber in das Gericht gehen kann."
Synnöve wurde so beklommen zumut, daß sie sich kaum noch fassen
konnte. Da fuhr die Mutter fort: "Nun zeigt es sich, wie gut es war, daß sich
niemand an ihn gebunden hat. Unser Herrgott lenkt alles zum besten." Vor
Synnöves Augen schien sich alles zu drehen; sie glaubte vom Berg
herunterzustürzen.
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"Ich habe immer zu Vater gesagt: Gott schütze uns; wir haben nur die
eine Tochter, und für die müssen wir sorgen. Vater ist ja etwas weich, so
brav er sonst ist; aber da ist es gut, daß er sich dort Rat holt, wo er ihn
findet; und das ist in Gottes Wort." Als nun Synnöve noch bei all ihrem
Kummer daran denken mußte, wie liebevoll ihr Vater immer gegen sie war,
da wurde es ihr immer schwerer, die Tränen hinunterzuwürgen; aber es
nützte nichts—sie fing zu weinen an.—"Du weinst?" fragte die Mutter und
sah sie an; aber Synnöve ließ sich nicht richtig ansehen. "Ja, ich mußte an
ihn denken, an Vater, und da——", und nun strömten die Tränen.—"Was
hast Du denn nur, mein liebes Kind?"—"Ach, ich weiß selbst nicht recht …
das ist so plötzlich über mich gekommen … vielleicht hat er Unglück auf
der Reise", schluchzte Synnöve.—"Wie kannst Du solchen Unsinn reden,"
sagte die Mutter, "warum soll nicht alles gut abgehen?—Nach der Stadt und
auf ebenen, breiten Fahrwegen."—"Ja, denke nur … wie es ihm gegangen
ist … dem andern", schluchzte Synnöve.—"Ja, dem!—Aber Dein Vater
fährt doch nicht wie toll darauf los, sollt' ich meinen. Der kommt sicher
ohne Unfall nach Hause,—sofern unser Herrgott seine Hand über ihn hält."
Die Mutter machte sich über Synnöves Tränen, die gar nicht aufhören
wollten, allmählich Gedanken. "Es gibt vieles auf der Welt, das schwer
genug zu ertragen ist; aber da muß man sich damit trösten, daß noch
Schwereres hätte kommen können", meinte sie. "Der Trost ist recht
schwach", sagte Synnöve und weinte heftig. Die Mutter konnte es nicht
über das Herz bringen, ihr das zu antworten, was sie dachte; sie sagte nur:
"Unser Herrgott verhängt so manches über uns auf sichtbare Weise,—das
hat er wohl auch diesmal getan"; dann stand sie auf, denn die Kühe brüllten
schon auf dem Hang; das Geläut erklang, die Jungen jodelten, und langsam
kam der Zug heran, weil das Vieh satt und ruhig war. Da bat die Mutter
Synnöve, ihm mit ihr entgegen zu gehen; Synnöve stand auf und folgte
ihrer Mutter; aber sehr langsam.
eine Tochter, und für die müssen wir sorgen. Vater ist ja etwas weich, so
brav er sonst ist; aber da ist es gut, daß er sich dort Rat holt, wo er ihn
findet; und das ist in Gottes Wort." Als nun Synnöve noch bei all ihrem
Kummer daran denken mußte, wie liebevoll ihr Vater immer gegen sie war,
da wurde es ihr immer schwerer, die Tränen hinunterzuwürgen; aber es
nützte nichts—sie fing zu weinen an.—"Du weinst?" fragte die Mutter und
sah sie an; aber Synnöve ließ sich nicht richtig ansehen. "Ja, ich mußte an
ihn denken, an Vater, und da——", und nun strömten die Tränen.—"Was
hast Du denn nur, mein liebes Kind?"—"Ach, ich weiß selbst nicht recht …
das ist so plötzlich über mich gekommen … vielleicht hat er Unglück auf
der Reise", schluchzte Synnöve.—"Wie kannst Du solchen Unsinn reden,"
sagte die Mutter, "warum soll nicht alles gut abgehen?—Nach der Stadt und
auf ebenen, breiten Fahrwegen."—"Ja, denke nur … wie es ihm gegangen
ist … dem andern", schluchzte Synnöve.—"Ja, dem!—Aber Dein Vater
fährt doch nicht wie toll darauf los, sollt' ich meinen. Der kommt sicher
ohne Unfall nach Hause,—sofern unser Herrgott seine Hand über ihn hält."
Die Mutter machte sich über Synnöves Tränen, die gar nicht aufhören
wollten, allmählich Gedanken. "Es gibt vieles auf der Welt, das schwer
genug zu ertragen ist; aber da muß man sich damit trösten, daß noch
Schwereres hätte kommen können", meinte sie. "Der Trost ist recht
schwach", sagte Synnöve und weinte heftig. Die Mutter konnte es nicht
über das Herz bringen, ihr das zu antworten, was sie dachte; sie sagte nur:
"Unser Herrgott verhängt so manches über uns auf sichtbare Weise,—das
hat er wohl auch diesmal getan"; dann stand sie auf, denn die Kühe brüllten
schon auf dem Hang; das Geläut erklang, die Jungen jodelten, und langsam
kam der Zug heran, weil das Vieh satt und ruhig war. Da bat die Mutter
Synnöve, ihm mit ihr entgegen zu gehen; Synnöve stand auf und folgte
ihrer Mutter; aber sehr langsam.
Page 292
Karen begrüßte nun eifrig die Herde;—da kam eine Kuh nach der andern;
die Kühe erkannten sie wieder und brüllten;—sie streichelte Tier für Tier,
und freute sich, daß sie sich so herausgemacht hatten. "Ja", sagte sie, "unser
Herrgott ist dem nahe, der ihm nah ist." Sie half nun die Kühe
hineinbringen; denn es wollte heut mit Synnöve gar nicht flecken; Karen
sagte weiter nichts und half ihr auch noch beim Melken, obgleich sie nun
länger oben bleiben mußte, als sie sich vorgenommen hatte. Als dann noch
die Milch durchgeseiht war, machte sie sich fertig, nach Hause zu gehen;
Synnöve wollte sie begleiten. "Nein," sagte die Mutter, "Du bist müde, die
Ruhe wird Dir gut tun." Dann ergriff sie den leeren Korb, gab ihrer Tochter
die Hand, blickte sie fest an und sagte dabei: "Ich komme bald wieder, um
zu sehen, wie es Dir geht——halt Dich zu uns und denke nicht an andere."
Kaum war die Mutter außer Sehweite, da überlegte Synnöve, woher sie
am schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen könne; sie rief
Thorbjörns jüngeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam,
meinte sie, daß es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und sagte:
"Laß nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter; Gewißheit
mußte sie haben; es war eine Sünde von Ingrid, daß sie ihr gar keine
Nachricht zukommen ließ. Die Nacht war hell, der Granlidener Hof nicht so
entfernt, daß sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr Herz sie trieb.
Während sie nun noch dasaß und darüber nachsann, faßte sie in Gedanken
alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und fing wieder an zu
weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es den ganzen Tag über
getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich über einen Schleichweg
hinunter, damit es die Jungen nicht merkten.
Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fußsteig
hinab; dabei lösten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie erschrak.
Obgleich sie wußte, daß das Geräusch nur von den rollenden Steinen kam,
war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der Nähe; sie mußte
die Kühe erkannten sie wieder und brüllten;—sie streichelte Tier für Tier,
und freute sich, daß sie sich so herausgemacht hatten. "Ja", sagte sie, "unser
Herrgott ist dem nahe, der ihm nah ist." Sie half nun die Kühe
hineinbringen; denn es wollte heut mit Synnöve gar nicht flecken; Karen
sagte weiter nichts und half ihr auch noch beim Melken, obgleich sie nun
länger oben bleiben mußte, als sie sich vorgenommen hatte. Als dann noch
die Milch durchgeseiht war, machte sie sich fertig, nach Hause zu gehen;
Synnöve wollte sie begleiten. "Nein," sagte die Mutter, "Du bist müde, die
Ruhe wird Dir gut tun." Dann ergriff sie den leeren Korb, gab ihrer Tochter
die Hand, blickte sie fest an und sagte dabei: "Ich komme bald wieder, um
zu sehen, wie es Dir geht——halt Dich zu uns und denke nicht an andere."
Kaum war die Mutter außer Sehweite, da überlegte Synnöve, woher sie
am schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen könne; sie rief
Thorbjörns jüngeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam,
meinte sie, daß es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und sagte:
"Laß nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter; Gewißheit
mußte sie haben; es war eine Sünde von Ingrid, daß sie ihr gar keine
Nachricht zukommen ließ. Die Nacht war hell, der Granlidener Hof nicht so
entfernt, daß sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr Herz sie trieb.
Während sie nun noch dasaß und darüber nachsann, faßte sie in Gedanken
alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und fing wieder an zu
weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es den ganzen Tag über
getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich über einen Schleichweg
hinunter, damit es die Jungen nicht merkten.
Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fußsteig
hinab; dabei lösten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie erschrak.
Obgleich sie wußte, daß das Geräusch nur von den rollenden Steinen kam,
war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der Nähe; sie mußte
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stehen bleiben und lauschen. Es war aber nichts; schneller sprang sie
talwärts; ihr Fuß stieß nun gegen einen großen Stein, der mit dem einen
Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedrängt wurde und hinunterflog.
Das gab ein Getöse, es prasselte in den Büschen; ihr wurde bange, und um
so mehr, als sie nun genau wahrnahm, daß etwas unten auf dem Wege sich
aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an ein Raubtier; sie blieb mit
verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort unten stand gleichfalls still. "Hoi
—ho!" hörte sie rufen. Ihre Mutter! Das erste, was Synnöve tat, war, sich
schleunigst zu verstecken. Sie wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu
vergewissern, ob die Mutter sie auch nicht erkannt habe und zurückkomme;
aber das war nicht der Fall. Dann wartete sie noch länger, um die Mutter
recht weit voraus zu lassen; als sie sich nun wieder auf den Weg machte,
ging sie vorsichtig, und bald näherte sie sich dem Hof.
Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und
das nahm mehr und mehr zu, je näher sie kam. Der Hof lag in tiefer Stille;
die Arbeitsgeräte standen an die Wände gelehnt, Holz lag gehauen und
aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben. Sie ging vorbei
und hin bis zur Tür; dort machte sie noch einmal Halt, sah sich um und
lauschte; nichts rührte sich. Und als sie noch dastand und sich überlegte, ob
sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen solle oder nicht, da mußte
sie daran denken, daß in ebensolcher Nacht Thorbjörn vor einigen Jahren in
Solbakken gewesen war und ihr die Blumen eingepflanzt hatte. Hastig zog
sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.
Ingrid bekam einen großen Schreck, als sie erwachte und sah, daß es
Synnöve war, die sie geweckt hatte.—"Wie geht es ihm?" flüsterte
Synnöve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte
sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu müssen. Aber Synnöve
setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte ihre
Frage.
talwärts; ihr Fuß stieß nun gegen einen großen Stein, der mit dem einen
Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedrängt wurde und hinunterflog.
Das gab ein Getöse, es prasselte in den Büschen; ihr wurde bange, und um
so mehr, als sie nun genau wahrnahm, daß etwas unten auf dem Wege sich
aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an ein Raubtier; sie blieb mit
verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort unten stand gleichfalls still. "Hoi
—ho!" hörte sie rufen. Ihre Mutter! Das erste, was Synnöve tat, war, sich
schleunigst zu verstecken. Sie wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu
vergewissern, ob die Mutter sie auch nicht erkannt habe und zurückkomme;
aber das war nicht der Fall. Dann wartete sie noch länger, um die Mutter
recht weit voraus zu lassen; als sie sich nun wieder auf den Weg machte,
ging sie vorsichtig, und bald näherte sie sich dem Hof.
Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und
das nahm mehr und mehr zu, je näher sie kam. Der Hof lag in tiefer Stille;
die Arbeitsgeräte standen an die Wände gelehnt, Holz lag gehauen und
aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben. Sie ging vorbei
und hin bis zur Tür; dort machte sie noch einmal Halt, sah sich um und
lauschte; nichts rührte sich. Und als sie noch dastand und sich überlegte, ob
sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen solle oder nicht, da mußte
sie daran denken, daß in ebensolcher Nacht Thorbjörn vor einigen Jahren in
Solbakken gewesen war und ihr die Blumen eingepflanzt hatte. Hastig zog
sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.
Ingrid bekam einen großen Schreck, als sie erwachte und sah, daß es
Synnöve war, die sie geweckt hatte.—"Wie geht es ihm?" flüsterte
Synnöve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte
sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu müssen. Aber Synnöve
setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte ihre
Frage.
Page 294
"Jetzt geht's besser," antwortete Ingrid im Flüsterton, "ich komme bald
nach oben zu Dir."—"Liebe Ingrid, Du mußt mir nichts verhehlen; Du
kannst mir nichts so Schlimmes erzählen, das ich mir nicht schon
schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber die
Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und ließ keine Zeit zu
Ausflüchten. Geflüsterte Fragen, geflüsterte Antworten; die tiefe Stille
ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung wurde zu
einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der herbsten
Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren
überzeugt, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war, und daß er nichts
begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefühl stellen konnte. Da
weinten sich beide frei aus, aber leise,—und Synnöve weinte am stärksten;
sie saß ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid suchte sie durch
Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergnügt waren sie alle drei so
manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft, daß jede winzige
Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und Tränen zerrann.
"Hat er nach mir gefragt?" flüsterte Synnöve.—"Er hat fast gar nicht
gesprochen."—Plötzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel ihr
arg auf die Seele.—"Fällt's ihm zu schwer, zu sprechen?"—"Das weiß ich
nicht—er denkt wohl desto mehr."—"Liest er in der Bibel?"—"Mutter liest
ihm vor; jetzt muß sie es alle Tage tun."—"Was sagt er dann?"—"Er spricht
fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt still da und sieht vor sich
hin."—"Liegt er in der bunten Stube?"—"Ja."—"Mit dem Kopf zum
Fenster?"—"Ja." Sie blieben eine Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das
kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm geschenkt hast, hängt am Fenster und
dreht sich."
"Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnöve plötzlich und entschieden;
"nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag kommen, wie es
nach oben zu Dir."—"Liebe Ingrid, Du mußt mir nichts verhehlen; Du
kannst mir nichts so Schlimmes erzählen, das ich mir nicht schon
schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber die
Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und ließ keine Zeit zu
Ausflüchten. Geflüsterte Fragen, geflüsterte Antworten; die tiefe Stille
ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung wurde zu
einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der herbsten
Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren
überzeugt, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war, und daß er nichts
begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefühl stellen konnte. Da
weinten sich beide frei aus, aber leise,—und Synnöve weinte am stärksten;
sie saß ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid suchte sie durch
Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergnügt waren sie alle drei so
manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft, daß jede winzige
Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und Tränen zerrann.
"Hat er nach mir gefragt?" flüsterte Synnöve.—"Er hat fast gar nicht
gesprochen."—Plötzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel ihr
arg auf die Seele.—"Fällt's ihm zu schwer, zu sprechen?"—"Das weiß ich
nicht—er denkt wohl desto mehr."—"Liest er in der Bibel?"—"Mutter liest
ihm vor; jetzt muß sie es alle Tage tun."—"Was sagt er dann?"—"Er spricht
fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt still da und sieht vor sich
hin."—"Liegt er in der bunten Stube?"—"Ja."—"Mit dem Kopf zum
Fenster?"—"Ja." Sie blieben eine Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das
kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm geschenkt hast, hängt am Fenster und
dreht sich."
"Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnöve plötzlich und entschieden;
"nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag kommen, wie es
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will." Ingrid war sehr befangen. "Der Doktor weiß noch nicht, ob er wieder
ganz gesund wird", flüsterte sie.
Da hob Synnöve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und
stumm an; dann ließ sie ihn wieder sinken und saß in tiefen Gedanken da;
die letzten Tränen rannen über ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie faltete
die Hände, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen großen
Entschluß zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, lächelte, beugte sich über
Ingrid und gab ihr einen langen, heißen Kuß. "Bleibt er siech, so werde ich
ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern."
Das rührte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fühlte sie, wie ihre
Hand erfaßt wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein
zurück."—Und Synnöve wandte sich schnell der Tür zu.
"Der Zettel!" flüsterte Ingrid ihr nach.—"Was für ein Zettel?" fragte
Synnöve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte ihn
der Freundin; aber während sie ihn mit der linken Hand ihr unter das
Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnöves mit der rechten, gab ihr
den Kuß wieder, und ihre großen warmen Tränen fielen auf das Gesicht der
Wartenden. Dann drängte Ingrid sie sanft hinaus und schloß die Tür; sie
hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen.
Synnöve ging langsam die Treppen hinunter, aber da sie zu sehr mit ihren
Gedanken beschäftigt war, machte sie unvorsichtigerweise ein lautes
Geräusch dabei, erschrak, lief durch den Flur, griff nach ihren Schuhen und
eilte, den Zettel in der Hand, an den Häusern vorbei, über den Hofraum und
direkt zum Gitter; dort blieb sie stehen, begann den Hang hinan zu steigen
schnell und schneller, denn ihr Blut war in Wallung geraten. So schritt sie
aus, sang leise vor sich hin, lief immer ungestümer, bis sie zuletzt müde war
und sich hinsetzen mußte. Da erinnerte sie sich des Zettels.——
ganz gesund wird", flüsterte sie.
Da hob Synnöve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und
stumm an; dann ließ sie ihn wieder sinken und saß in tiefen Gedanken da;
die letzten Tränen rannen über ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie faltete
die Hände, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen großen
Entschluß zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, lächelte, beugte sich über
Ingrid und gab ihr einen langen, heißen Kuß. "Bleibt er siech, so werde ich
ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern."
Das rührte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fühlte sie, wie ihre
Hand erfaßt wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein
zurück."—Und Synnöve wandte sich schnell der Tür zu.
"Der Zettel!" flüsterte Ingrid ihr nach.—"Was für ein Zettel?" fragte
Synnöve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte ihn
der Freundin; aber während sie ihn mit der linken Hand ihr unter das
Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnöves mit der rechten, gab ihr
den Kuß wieder, und ihre großen warmen Tränen fielen auf das Gesicht der
Wartenden. Dann drängte Ingrid sie sanft hinaus und schloß die Tür; sie
hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen.
Synnöve ging langsam die Treppen hinunter, aber da sie zu sehr mit ihren
Gedanken beschäftigt war, machte sie unvorsichtigerweise ein lautes
Geräusch dabei, erschrak, lief durch den Flur, griff nach ihren Schuhen und
eilte, den Zettel in der Hand, an den Häusern vorbei, über den Hofraum und
direkt zum Gitter; dort blieb sie stehen, begann den Hang hinan zu steigen
schnell und schneller, denn ihr Blut war in Wallung geraten. So schritt sie
aus, sang leise vor sich hin, lief immer ungestümer, bis sie zuletzt müde war
und sich hinsetzen mußte. Da erinnerte sie sich des Zettels.——
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Als die Schäferhunde am nächsten Morgen laut wurden, die Hirtenjungen
erwachten und die Kühe gemolken und dann herausgelassen werden sollten,
war Synnöve noch nicht zurück.
Als die Jungen sich darüber wunderten und einander fragten, wo sie wohl
sein könne, und entdeckten, daß sie nachts gar nicht in ihrem Bett gewesen
war,—da kam Synnöve. Sie war sehr bleich und still. Ohne ein Wort zu
reden, schickte sie sich an, das Frühstück für die Jungen zu bereiten, legte
ihnen den Vorrat zurecht, den sie für den Tag mitnehmen sollten, und half
später beim Melken.
Der Nebel drückte noch auf die niedriger liegenden Hänge, der Tau
glitzerte vom Heidekraut über die braunrote Felsfläche; es war etwas kalt,
und wenn der Hund bellte, erklang ringsherum Antwort. Die Herde wurde
hinausgelassen; die Kühe brüllten in die frische Luft und Tier auf Tier zog
den Viehsteig hinab; aber dort saß schon der Hund, erwartete sie und hielt
sie solange zurück, bis alle zur Stelle waren; dann ließ er sie weiter ziehen;
die Herdenschellen läuteten über die Hänge, der Hund kläffte, so daß es
widerhallte, und die Jungen wetteiferten im Jodeln. Aus all diesem
Wirrwarr von Tönen ging Synnöve fort und hin zu dem Platz, wo sie und
Ingrid früher immer gesessen hatten. Sie weinte nicht, sondern saß still da,
blickte starr vor sich hin und verspürte nur ab und zu etwas von dem
vergnüglichen Lärm, der sich weit und weiter entfernte und mit der
größeren Entfernung besser ineinanderfloß. Dabei fing sie an leise zu
singen, dann immer lauter und zuletzt sang sie mit klarer voller Stimme ein
Lied, das sie nach einem anderen, ihr aus der Kinderzeit bekannten,
umgedichtet hatte:
Hab Dank für alles, was da geschehn,
Seit wir als Kinder im Walde spielten.
erwachten und die Kühe gemolken und dann herausgelassen werden sollten,
war Synnöve noch nicht zurück.
Als die Jungen sich darüber wunderten und einander fragten, wo sie wohl
sein könne, und entdeckten, daß sie nachts gar nicht in ihrem Bett gewesen
war,—da kam Synnöve. Sie war sehr bleich und still. Ohne ein Wort zu
reden, schickte sie sich an, das Frühstück für die Jungen zu bereiten, legte
ihnen den Vorrat zurecht, den sie für den Tag mitnehmen sollten, und half
später beim Melken.
Der Nebel drückte noch auf die niedriger liegenden Hänge, der Tau
glitzerte vom Heidekraut über die braunrote Felsfläche; es war etwas kalt,
und wenn der Hund bellte, erklang ringsherum Antwort. Die Herde wurde
hinausgelassen; die Kühe brüllten in die frische Luft und Tier auf Tier zog
den Viehsteig hinab; aber dort saß schon der Hund, erwartete sie und hielt
sie solange zurück, bis alle zur Stelle waren; dann ließ er sie weiter ziehen;
die Herdenschellen läuteten über die Hänge, der Hund kläffte, so daß es
widerhallte, und die Jungen wetteiferten im Jodeln. Aus all diesem
Wirrwarr von Tönen ging Synnöve fort und hin zu dem Platz, wo sie und
Ingrid früher immer gesessen hatten. Sie weinte nicht, sondern saß still da,
blickte starr vor sich hin und verspürte nur ab und zu etwas von dem
vergnüglichen Lärm, der sich weit und weiter entfernte und mit der
größeren Entfernung besser ineinanderfloß. Dabei fing sie an leise zu
singen, dann immer lauter und zuletzt sang sie mit klarer voller Stimme ein
Lied, das sie nach einem anderen, ihr aus der Kinderzeit bekannten,
umgedichtet hatte:
Hab Dank für alles, was da geschehn,
Seit wir als Kinder im Walde spielten.
Page 297
Ich dachte, das Spiel sollte weiter gehn,
Bis wir am Himmelstor hielten.
Ich dachte das Spiel sollte weitergehn
Von dort, wo die Birken uns Obdach boten,
Bis hin, wo die Solbakkenhäuser stehn
Und zu dem Kirchlein, dem roten.
Ich harrte so manchen Abend hell
Und ließ den Blick an den Tannen hangen;
Doch Schatten warf das dunkelnde Fjell,
Und Du, Du kamst nicht gegangen.
Ich harrte, harrte———die Welt entschlief.
Ich lauschte, spähte, wieder und wieder,
Doch die Leuchte schwelte und brannte tief
Und die Sonne ging auf—und ging nieder.
Die armen Augen spähten zu viel,
Sie taten nur immer nach einem schauen,
Nun wissen sie längst kein ander Ziel,
Und brennen unter den Brauen.
Sie sagen, mir könnte viel Trost geschehen
Im Kirchlein hinter der Fagerleite;
Doch bittet mich nicht dorthin zu gehen!
Er säße mir dort zur Seite.
Doch gut, so weiß ich doch, wer es war,
Der die Höfe tat geneinander legen
Und junge Augen schuf warm und klar
Und Wälder durchzog mit Wegen.
Bis wir am Himmelstor hielten.
Ich dachte das Spiel sollte weitergehn
Von dort, wo die Birken uns Obdach boten,
Bis hin, wo die Solbakkenhäuser stehn
Und zu dem Kirchlein, dem roten.
Ich harrte so manchen Abend hell
Und ließ den Blick an den Tannen hangen;
Doch Schatten warf das dunkelnde Fjell,
Und Du, Du kamst nicht gegangen.
Ich harrte, harrte———die Welt entschlief.
Ich lauschte, spähte, wieder und wieder,
Doch die Leuchte schwelte und brannte tief
Und die Sonne ging auf—und ging nieder.
Die armen Augen spähten zu viel,
Sie taten nur immer nach einem schauen,
Nun wissen sie längst kein ander Ziel,
Und brennen unter den Brauen.
Sie sagen, mir könnte viel Trost geschehen
Im Kirchlein hinter der Fagerleite;
Doch bittet mich nicht dorthin zu gehen!
Er säße mir dort zur Seite.
Doch gut, so weiß ich doch, wer es war,
Der die Höfe tat geneinander legen
Und junge Augen schuf warm und klar
Und Wälder durchzog mit Wegen.
Page 298
Doch gut, so weiß ich doch, wer es war,
Der jene Kirche dort schuf zum Beten
Und machte, daß sie dort Paar um Paar
Vor seinen Altar treten.
Siebentes Kapitel
Gute Zeit darauf saßen Guttorm und Karen in der großen, hellen Stube in
Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Büchern vor, die sie aus der
Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn
es war Sonntag,—dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder
gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Früchte standen, und um zu
überlegen, was Acker und was Brache im nächsten Jahr werden solle. So
waren sie langsam von einem Stück Land zum andern gewandert, und sie
fanden, daß in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott weiß, was
einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt; darauf
hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um in den
neuen Büchern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du sie
ausgesprochen hast, fernzuhalten."
Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, daß die
alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten
abgeschrieben."—"Daran mag etwas Wahres sein; Sämund hat heut in der
Kirche zu mir gesagt, daß die Kinder auch nur wieder wie die Eltern
sind."—"Ja, Du und Sämund, Ihr habt lange genug heute miteinander
geredet."—"Sämund ist ein verständiger Mann."—"Aber ich fürchte, er ist
wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."—Hierauf antwortete Guttorm
nichts.——"Wo mag denn Synnöve jetzt sein?" fragte die Mutter.—"Oben
Der jene Kirche dort schuf zum Beten
Und machte, daß sie dort Paar um Paar
Vor seinen Altar treten.
Siebentes Kapitel
Gute Zeit darauf saßen Guttorm und Karen in der großen, hellen Stube in
Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Büchern vor, die sie aus der
Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn
es war Sonntag,—dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder
gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Früchte standen, und um zu
überlegen, was Acker und was Brache im nächsten Jahr werden solle. So
waren sie langsam von einem Stück Land zum andern gewandert, und sie
fanden, daß in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott weiß, was
einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt; darauf
hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um in den
neuen Büchern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du sie
ausgesprochen hast, fernzuhalten."
Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, daß die
alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten
abgeschrieben."—"Daran mag etwas Wahres sein; Sämund hat heut in der
Kirche zu mir gesagt, daß die Kinder auch nur wieder wie die Eltern
sind."—"Ja, Du und Sämund, Ihr habt lange genug heute miteinander
geredet."—"Sämund ist ein verständiger Mann."—"Aber ich fürchte, er ist
wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."—Hierauf antwortete Guttorm
nichts.——"Wo mag denn Synnöve jetzt sein?" fragte die Mutter.—"Oben
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in ihrer Kammer", antwortete er.—"Du hast ja selbst vorhin bei ihr
gesessen; wie war sie denn?"—"Ach—"—"Du solltest sie nicht soviel
allein lassen."—"Da kam jemand."—Die Frau blieb einen Augenblick still.
—"Wer war's?"—"Ingrid Granliden."—"Ich dachte, sie ist noch auf der
Alm."—"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre Mutter in die
Kirche wollte."—"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal sehen
lassen."—"Sie hat viel zu tun."—"Das haben andre auch, aber wohin es
einen zieht, dahin kommt er doch."—Guttorm antwortete nicht. Nach einer
Weile sagte Karen: "Außer Ingrid waren heute alle Granlidener in der
Kirche."—"Ja, wohl, um Thorbjörn wieder zum erstenmal
hinzubegleiten."—"Er sah schlecht aus."—"Nicht besser, als zu erwarten
war. Ich habe mich gewundert, daß er sich schon soweit erholt hat."—"Ja,
er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."—Guttorm blickte vor sich
hin: "Er ist doch noch jung."—"Es ist kein fester Kern in ihm, kein Verlaß."
Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, drehte ein Buch in der
Hand, öffnete es, tat, als wenn er darin lese, und ließ die Worte dabei fallen:
"Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."—Die Mutter nahm auch
ein Buch zur Hand: "Das wäre dem hübschen Burschen wirklich zu
wünschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, daß er dann bessern
Gebrauch davon macht."—Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim
Umblättern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."—"Ja, das
hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort war." Eine
Weile darauf äußerte Guttorm: "Glaubst Du, daß er sie vergessen
wird?"—"Das wäre jedenfalls das Beste."
Guttorm las weiter, seine Frau blätterte.
"Es ist mir weiter nicht angenehm, daß Ingrid immer bei ihr sitzt", sagte
sie.—"Synnöve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden
kann."—"Sie hat uns."—Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen doch
gesessen; wie war sie denn?"—"Ach—"—"Du solltest sie nicht soviel
allein lassen."—"Da kam jemand."—Die Frau blieb einen Augenblick still.
—"Wer war's?"—"Ingrid Granliden."—"Ich dachte, sie ist noch auf der
Alm."—"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre Mutter in die
Kirche wollte."—"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal sehen
lassen."—"Sie hat viel zu tun."—"Das haben andre auch, aber wohin es
einen zieht, dahin kommt er doch."—Guttorm antwortete nicht. Nach einer
Weile sagte Karen: "Außer Ingrid waren heute alle Granlidener in der
Kirche."—"Ja, wohl, um Thorbjörn wieder zum erstenmal
hinzubegleiten."—"Er sah schlecht aus."—"Nicht besser, als zu erwarten
war. Ich habe mich gewundert, daß er sich schon soweit erholt hat."—"Ja,
er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."—Guttorm blickte vor sich
hin: "Er ist doch noch jung."—"Es ist kein fester Kern in ihm, kein Verlaß."
Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, drehte ein Buch in der
Hand, öffnete es, tat, als wenn er darin lese, und ließ die Worte dabei fallen:
"Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."—Die Mutter nahm auch
ein Buch zur Hand: "Das wäre dem hübschen Burschen wirklich zu
wünschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, daß er dann bessern
Gebrauch davon macht."—Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim
Umblättern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."—"Ja, das
hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort war." Eine
Weile darauf äußerte Guttorm: "Glaubst Du, daß er sie vergessen
wird?"—"Das wäre jedenfalls das Beste."
Guttorm las weiter, seine Frau blätterte.
"Es ist mir weiter nicht angenehm, daß Ingrid immer bei ihr sitzt", sagte
sie.—"Synnöve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden
kann."—"Sie hat uns."—Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen doch
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nicht zu streng sein." Seine Frau schwieg; nach einer Weile erwiderte sie:
"Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das Buch fort, stand
auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte er. Kaum hatte die
Mutter das gehört, so stand sie gleichfalls auf und lief schnell aus der Stube.
Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann drehte er sich um und ging auf
und ab; bald kam Karen wieder und stellte sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich
mir gleich gedacht", sagte sie, "Synnöve sitzt oben und weint; aber sowie
ich komme, dann kramt sie unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und
schüttelte den Kopf: "Nein, es tut nicht gut, daß Ingrid bei ihr sitzt."—Dann
machte sie sich mit dem Abendessen zu schaffen und ging häufig durch die
Tür aus und ein. Einmal, als sie gerade draußen war, kam Synnöve still und
mit etwas geröteten Augen in die Stube; sie schlüpfte leicht an ihrem Vater,
dem sie in das Gesicht sah, vorüber und hin zum Tisch, setzte sich und
nahm ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte
ihre Mutter, ob sie ihr helfen könne. "Ja, das tu nur," antwortete Karen,
"Arbeit ist für alles gut."
Synnöve übernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster.
Der Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah
hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrückt hat, kommt, glaub' ich,
wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnöve neben ihn und sah mit
hinaus. Er wandte sich zu ihr,—seine Frau war gerade in der Stube—und so
strich er nur mit der einen Hand über Synnöves Hinterkopf; dann nahm er
seinen Gang wieder auf.
Sie aßen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das
Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren,
wünschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen:
"Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der größte Segen."
Dabei sah sie Synnöve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand.
"Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzählen," sprach die Mutter weiter,
"Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das Buch fort, stand
auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte er. Kaum hatte die
Mutter das gehört, so stand sie gleichfalls auf und lief schnell aus der Stube.
Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann drehte er sich um und ging auf
und ab; bald kam Karen wieder und stellte sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich
mir gleich gedacht", sagte sie, "Synnöve sitzt oben und weint; aber sowie
ich komme, dann kramt sie unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und
schüttelte den Kopf: "Nein, es tut nicht gut, daß Ingrid bei ihr sitzt."—Dann
machte sie sich mit dem Abendessen zu schaffen und ging häufig durch die
Tür aus und ein. Einmal, als sie gerade draußen war, kam Synnöve still und
mit etwas geröteten Augen in die Stube; sie schlüpfte leicht an ihrem Vater,
dem sie in das Gesicht sah, vorüber und hin zum Tisch, setzte sich und
nahm ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte
ihre Mutter, ob sie ihr helfen könne. "Ja, das tu nur," antwortete Karen,
"Arbeit ist für alles gut."
Synnöve übernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster.
Der Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah
hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrückt hat, kommt, glaub' ich,
wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnöve neben ihn und sah mit
hinaus. Er wandte sich zu ihr,—seine Frau war gerade in der Stube—und so
strich er nur mit der einen Hand über Synnöves Hinterkopf; dann nahm er
seinen Gang wieder auf.
Sie aßen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das
Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren,
wünschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen:
"Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der größte Segen."
Dabei sah sie Synnöve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand.
"Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzählen," sprach die Mutter weiter,
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"von der jedes Wort wahr ist, und ganz gut für den, der darüber nachdenken
will."——
Und sie erzählte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Mädchen, die
Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als sie
ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu
haben, und so lernte sie natürlich Gottes Wort und gutes Benehmen und
Sitte. Sie faßte schnell auf, kam gut vorwärts und überholte im Lauf der
Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre
Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie
fünfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute wäre. Sie
hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei lauten
Festlichkeiten, doch häufiger oben in ihres Großvaters Stube bei den vielen
Büchern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen, stand sie
da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehörte, und wir
sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug wären, wie Karen Hougen!' Sie
sollte den Alten später beerben, und viele gute Burschen boten sich an, mit
ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Körbe. Zur selben Zeit
kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte dort nicht gut
getan, immer nur Sinn für wilde Streiche gehabt und mehr böse
Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor ihm in
acht', sagte der Großvater, 'ich bin viel mit den Vornehmen zusammen
gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen als den
Bauern.'—Karen hörte immer mehr auf ihn als auf alle andern—und als sie
später den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er hatte es auf
sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin, ohne ihm zu begegnen. 'Geh
weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.' Aber er lief ihr immer wieder nach,
und so geschah es, daß sie zuletzt doch mal stillstehn und ihn anhören
mußte. Hübsch genug war er; als er aber zu ihr sagte, daß er nicht ohne sie
leben könne, da trieb er sie damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwährend
umkreiste er ihr Haus, aber sie kam nicht vor die Tür; nachts stand er unter
will."——
Und sie erzählte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Mädchen, die
Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als sie
ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu
haben, und so lernte sie natürlich Gottes Wort und gutes Benehmen und
Sitte. Sie faßte schnell auf, kam gut vorwärts und überholte im Lauf der
Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre
Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie
fünfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute wäre. Sie
hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei lauten
Festlichkeiten, doch häufiger oben in ihres Großvaters Stube bei den vielen
Büchern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen, stand sie
da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehörte, und wir
sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug wären, wie Karen Hougen!' Sie
sollte den Alten später beerben, und viele gute Burschen boten sich an, mit
ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Körbe. Zur selben Zeit
kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte dort nicht gut
getan, immer nur Sinn für wilde Streiche gehabt und mehr böse
Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor ihm in
acht', sagte der Großvater, 'ich bin viel mit den Vornehmen zusammen
gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen als den
Bauern.'—Karen hörte immer mehr auf ihn als auf alle andern—und als sie
später den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er hatte es auf
sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin, ohne ihm zu begegnen. 'Geh
weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.' Aber er lief ihr immer wieder nach,
und so geschah es, daß sie zuletzt doch mal stillstehn und ihn anhören
mußte. Hübsch genug war er; als er aber zu ihr sagte, daß er nicht ohne sie
leben könne, da trieb er sie damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwährend
umkreiste er ihr Haus, aber sie kam nicht vor die Tür; nachts stand er unter
Page 302
ihrem Fenster; aber sie ließ sich nicht blicken; er sagte, er werde sich ein
Leid antun; aber Karen wußte, was sie wußte. Da fing er wieder an, mehr zu
trinken.—'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles Teufelslist.'
Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand plötzlich, ohne daß man
wußte, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt töte ich
Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie. Da fing er zu
weinen an und sagte, daß es in ihrer Macht stehe, einen ordentlichen
Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das Trinken
lassen?' sagte sie. Und er ließ es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du mir jetzt?'
fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten Vergnügungen fern
gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht, wenn Du
jetzt nicht fortreist und Dein Examen machst.' Auch das tat er, und nach
einem Jahr kam er als richtiger Pastor zurück. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte
er und hatte noch dabei Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich
Dich ein paarmal Gottes Wort verkündigen hören.'
Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete über
seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man ernstlich
kämpfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst hin zu
ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt glaube ich,
daß Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und nun will ich
Dir erzählen, daß ich schon drei Jahre mit meinem Vetter Andreas Hougen
verlobt bin, und am nächsten Sonntag sollst Du uns in der Kirche
aufbieten.'——"
Damit schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs gar nicht auf die
Geschichte geachtet; dann aber stärker und stärker und zuletzt hing sie
förmlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange.
"Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte die
Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem Nachdenken,
Leid antun; aber Karen wußte, was sie wußte. Da fing er wieder an, mehr zu
trinken.—'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles Teufelslist.'
Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand plötzlich, ohne daß man
wußte, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt töte ich
Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie. Da fing er zu
weinen an und sagte, daß es in ihrer Macht stehe, einen ordentlichen
Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das Trinken
lassen?' sagte sie. Und er ließ es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du mir jetzt?'
fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten Vergnügungen fern
gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht, wenn Du
jetzt nicht fortreist und Dein Examen machst.' Auch das tat er, und nach
einem Jahr kam er als richtiger Pastor zurück. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte
er und hatte noch dabei Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich
Dich ein paarmal Gottes Wort verkündigen hören.'
Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete über
seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man ernstlich
kämpfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst hin zu
ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt glaube ich,
daß Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und nun will ich
Dir erzählen, daß ich schon drei Jahre mit meinem Vetter Andreas Hougen
verlobt bin, und am nächsten Sonntag sollst Du uns in der Kirche
aufbieten.'——"
Damit schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs gar nicht auf die
Geschichte geachtet; dann aber stärker und stärker und zuletzt hing sie
förmlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange.
"Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte die
Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem Nachdenken,
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und fuhr dabei mit den Fingern über die Tischplatte: "Es mag wohl noch
etwas folgen;——aber das ist ja gleich."—"Folgt noch etwas?" fragte
Synnöve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen schien.
—"Oh—ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."—"Wie erging es ihm?"
fragte Synnöve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade", antwortete der Vater
und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren Schultern an die Wand
gelehnt und sah beide an.—"Wurde er unglücklich?" fragte Synnöve leise.
"Wir machen den Schluß dort, wo er gemacht werden soll", sagte die
Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnöve etwas später.
Achtes Kapitel
Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu
früher Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute
Konfirmation sein,—in diesem Jahre etwas zeitiger als gewöhnlich,—und
wie immer bei solcher Gelegenheit wurden die Häuser zugeschlossen; denn
alle gingen mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in
der Frühe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schön zu
werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei,
ließ den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer
Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in
Haufen geschichtet; die meisten Kühe waren von der Alm getrieben und
gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich
zum zweitenmal begrünt oder schimmerten weißgrau; ringsherum dehnte
sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe
blaßgoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blättern, doch voll
roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre Gestrüpp, das
sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande stand und nieste,
etwas folgen;——aber das ist ja gleich."—"Folgt noch etwas?" fragte
Synnöve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen schien.
—"Oh—ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."—"Wie erging es ihm?"
fragte Synnöve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade", antwortete der Vater
und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren Schultern an die Wand
gelehnt und sah beide an.—"Wurde er unglücklich?" fragte Synnöve leise.
"Wir machen den Schluß dort, wo er gemacht werden soll", sagte die
Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnöve etwas später.
Achtes Kapitel
Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu
früher Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute
Konfirmation sein,—in diesem Jahre etwas zeitiger als gewöhnlich,—und
wie immer bei solcher Gelegenheit wurden die Häuser zugeschlossen; denn
alle gingen mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in
der Frühe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schön zu
werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei,
ließ den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer
Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in
Haufen geschichtet; die meisten Kühe waren von der Alm getrieben und
gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich
zum zweitenmal begrünt oder schimmerten weißgrau; ringsherum dehnte
sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe
blaßgoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blättern, doch voll
roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre Gestrüpp, das
sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande stand und nieste,
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erschien reingewaschen und frisch. Aber die Felsen fingen an sich schwerer
über das Land zu neigen, je ärger sie der beutegierige Herbst entkleidete
und ihnen ein ernstes Aussehen gab; wogegen die Felsbäche, die im
Sommer manchmal nur ein Scheindasein führten, sich wild tummelten und
mit großem Lärm herunterfuhren; besonders wuchtig und prasselnd tat das
der Granlidener, und namentlich unten im Geröll, wo der Fels nicht länger
mit wollte, sondern sich nach innen zurückzog. Dort nahm der Bach auf
dem Gestein einen tüchtigen Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen
herunter, daß der Fels erbebte. Gewaschen wurde der für seine Verräterei,
denn der Wasserfall schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins
Gesicht. Einige neugierige Eisenbüsche, die sich dem Abhang genähert
hatten und beinahe fortgeschwemmt wären, schlucksten jetzt krampfhaft im
Wassersbade, denn der Gießbach war heut nicht eben sparsam.
Thorbjörn ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den
übrigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er
war wieder ganz zu Kräften gekommen und hatte sich schon ebenso tüchtig
wie früher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast
unzertrennlich; so auch heut.—"Ich glaube, hinter uns kommen die
Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjörn blickte sich nicht um; aber die
Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;——aber ich sehe nicht———sie
sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die Granlidener schneller,
oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand wurde immer größer und
größer; zuletzt verloren sie sich ganz aus den Augen. Es schienen heut viele
Menschen zur Kirche zu wollen; der lange Weg war ganz schwarz von
Fußgängern, Fahrenden und Reitern; die Pferde waren jetzt im Herbst mutig
und wenig daran gewöhnt, mit anderen zusammen zu sein; sie wieherten
unaufhörlich, und es steckte eine Unruhe in ihnen, die das Fahren
gefährlich, aber sehr vergnüglich machte.
über das Land zu neigen, je ärger sie der beutegierige Herbst entkleidete
und ihnen ein ernstes Aussehen gab; wogegen die Felsbäche, die im
Sommer manchmal nur ein Scheindasein führten, sich wild tummelten und
mit großem Lärm herunterfuhren; besonders wuchtig und prasselnd tat das
der Granlidener, und namentlich unten im Geröll, wo der Fels nicht länger
mit wollte, sondern sich nach innen zurückzog. Dort nahm der Bach auf
dem Gestein einen tüchtigen Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen
herunter, daß der Fels erbebte. Gewaschen wurde der für seine Verräterei,
denn der Wasserfall schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins
Gesicht. Einige neugierige Eisenbüsche, die sich dem Abhang genähert
hatten und beinahe fortgeschwemmt wären, schlucksten jetzt krampfhaft im
Wassersbade, denn der Gießbach war heut nicht eben sparsam.
Thorbjörn ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den
übrigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er
war wieder ganz zu Kräften gekommen und hatte sich schon ebenso tüchtig
wie früher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast
unzertrennlich; so auch heut.—"Ich glaube, hinter uns kommen die
Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjörn blickte sich nicht um; aber die
Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;——aber ich sehe nicht———sie
sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die Granlidener schneller,
oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand wurde immer größer und
größer; zuletzt verloren sie sich ganz aus den Augen. Es schienen heut viele
Menschen zur Kirche zu wollen; der lange Weg war ganz schwarz von
Fußgängern, Fahrenden und Reitern; die Pferde waren jetzt im Herbst mutig
und wenig daran gewöhnt, mit anderen zusammen zu sein; sie wieherten
unaufhörlich, und es steckte eine Unruhe in ihnen, die das Fahren
gefährlich, aber sehr vergnüglich machte.
Page 305
Je mehr sie sich der Kirche näherten, desto größeren Lärm machten die
Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinüber;
und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und
antworteten den Ankömmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der
Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und angekläfft
hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und stürzten sich paarweise oder
rudelweise Hals über Kopf auf die Felder zu einer gehörigen Balgerei. Die
Menschen standen längs der Kirchenmauer und den Häusern, führten
Gespräche im Flüsterton und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg vor
der Mauer war nicht breit, die Häuser lagen unweit von ihr auf der Seite
gegenüber; und gern standen die Frauen und Mädchen an der Mauer, die
Männer und Burschen vor den Häusern. Erst später fanden sie den Mut,
zueinander hinüberzugehen. Sahen sich Bekannte auf geringen Abstand,
dann taten sie, als sähen sie sich nicht, bis nach altem Brauch die Zeit
gekommen war;—es konnte ja passieren, daß ein Ausweichen nicht
möglich gewesen, daß sie sich begrüßen mußten; aber dann geschah es mit
halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf sich beide Teile
mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen zurückzogen. Als die
Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller wie bisher; Sämund
hatte nicht viele zu begrüßen, und so ging es schnell durch die Reihen; aber
die Frauen blieben gleich bei den Vordersten stehen. Deshalb mußten die
Männer, als sie zur Kirche wollten, erst wieder den Weg zurück und zu den
Frauen hinüber; in demselben Augenblick fuhren drei Wagen
hintereinander, schärfer als alle früher gekommenen, heran und
verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die Menge einbogen.
Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren wurden, blickten zu
gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhoug und ein alter
Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die Eltern, die
sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an. In Sämunds
Gesicht veränderte sich kein Zug; Thorbjörn wurde ganz blaß; schnell
Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinüber;
und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und
antworteten den Ankömmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der
Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und angekläfft
hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und stürzten sich paarweise oder
rudelweise Hals über Kopf auf die Felder zu einer gehörigen Balgerei. Die
Menschen standen längs der Kirchenmauer und den Häusern, führten
Gespräche im Flüsterton und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg vor
der Mauer war nicht breit, die Häuser lagen unweit von ihr auf der Seite
gegenüber; und gern standen die Frauen und Mädchen an der Mauer, die
Männer und Burschen vor den Häusern. Erst später fanden sie den Mut,
zueinander hinüberzugehen. Sahen sich Bekannte auf geringen Abstand,
dann taten sie, als sähen sie sich nicht, bis nach altem Brauch die Zeit
gekommen war;—es konnte ja passieren, daß ein Ausweichen nicht
möglich gewesen, daß sie sich begrüßen mußten; aber dann geschah es mit
halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf sich beide Teile
mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen zurückzogen. Als die
Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller wie bisher; Sämund
hatte nicht viele zu begrüßen, und so ging es schnell durch die Reihen; aber
die Frauen blieben gleich bei den Vordersten stehen. Deshalb mußten die
Männer, als sie zur Kirche wollten, erst wieder den Weg zurück und zu den
Frauen hinüber; in demselben Augenblick fuhren drei Wagen
hintereinander, schärfer als alle früher gekommenen, heran und
verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die Menge einbogen.
Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren wurden, blickten zu
gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhoug und ein alter
Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die Eltern, die
sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an. In Sämunds
Gesicht veränderte sich kein Zug; Thorbjörn wurde ganz blaß; schnell
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blickten beide wieder weg und geradeaus; dabei wurden sie die
Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um
Ingebjörg und Ingrid zu begrüßen. Die Ankunft der Wagen hatte ihr
Gespräch abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und
es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie
allmählich die Überraschung verschmerzt hatten und nach einem Übergang
suchten, stießen ihre Blicke auf Sämund und Thorbjörn, die dastanden und
hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort ihre
Augen auf Thorbjörn; Synnöve, die fühlte, daß er sie ansah, wendete sich
Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begrüßen, obgleich sie es
schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, daß ihre
Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und nun
schritt Sämund direkt hinüber und gab Guttorm mit abgewandtem Gesicht
die Hand: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber Dank für das vorige
Mal."—Ebenso sagte seine Frau: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber
Dank für das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf. Thorbjörn
ging seinem Vater nach und tat wie er; Sämund kam zu Synnöve; sie war
die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, vergaß aber dabei zu sagen:
"Dank für das vorige Mal"; nun kam Thorbjörn; er sagte nichts; sie sagte
nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von beiden schlug
die Augen auf, keins konnte den Fuß von der Stelle bewegen.—"Das wird
sicher prächtiges Wetter heut", sagte Karen Solbakken und behielt rastlos
die beiden im Auge. Sämund war der erste, der ihr antwortete: "Jawohl, der
Wind treibt die Regenwolken weg."—"Das ist gut fürs Getreide, das noch
draußen steht und trockenes Wetter braucht", sagte Ingrid Granliden und
fing an mit den Fingern auf Sämunds Rock herumzubürsten, vermutlich,
weil sie glaubte, daß er staubig sei.—"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr
beschert; aber ob alles richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewiß",
sagte Karen Solbakken wieder und sah beständig auf die beiden, die noch
immer regungslos dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskräfte
Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um
Ingebjörg und Ingrid zu begrüßen. Die Ankunft der Wagen hatte ihr
Gespräch abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und
es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie
allmählich die Überraschung verschmerzt hatten und nach einem Übergang
suchten, stießen ihre Blicke auf Sämund und Thorbjörn, die dastanden und
hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort ihre
Augen auf Thorbjörn; Synnöve, die fühlte, daß er sie ansah, wendete sich
Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begrüßen, obgleich sie es
schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, daß ihre
Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und nun
schritt Sämund direkt hinüber und gab Guttorm mit abgewandtem Gesicht
die Hand: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber Dank für das vorige
Mal."—Ebenso sagte seine Frau: "Dank für das vorige Mal!"—"Dir selber
Dank für das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf. Thorbjörn
ging seinem Vater nach und tat wie er; Sämund kam zu Synnöve; sie war
die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, vergaß aber dabei zu sagen:
"Dank für das vorige Mal"; nun kam Thorbjörn; er sagte nichts; sie sagte
nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von beiden schlug
die Augen auf, keins konnte den Fuß von der Stelle bewegen.—"Das wird
sicher prächtiges Wetter heut", sagte Karen Solbakken und behielt rastlos
die beiden im Auge. Sämund war der erste, der ihr antwortete: "Jawohl, der
Wind treibt die Regenwolken weg."—"Das ist gut fürs Getreide, das noch
draußen steht und trockenes Wetter braucht", sagte Ingrid Granliden und
fing an mit den Fingern auf Sämunds Rock herumzubürsten, vermutlich,
weil sie glaubte, daß er staubig sei.—"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr
beschert; aber ob alles richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewiß",
sagte Karen Solbakken wieder und sah beständig auf die beiden, die noch
immer regungslos dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskräfte
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an", sagte Sämund und stellte sich vor sie hin, daß sie nicht dorthin sehen
konnte, wohin sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar
Höfe zusammentäten, würd' es besser gehen."—"Sie wollen aber vielleicht
das trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat
einen Schritt zur Seite.—"Na ja," sagte Ingebjörg und stellte sich neben
ihren Mann, so daß Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern
wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn früher reif als auf anderen;
Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."—"Da könnten wir einander ja
gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und näherte sich einen Schritt.
Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.—"Es könnte jedoch auch
vielerlei dazwischen kommen", fügte er hinzu.—"So ist es", sagte Karen
und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt nach der
anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurück.—"Ja, oft steht
einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund ein klein
wenig zum Lachen zu verziehen.—"Wenn das so ist…", sagte Guttorm;
aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht nicht weit;
Gottes Kraft ist die größte, sollte ich glauben, und auf ihn kommt es
an."—"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn wir uns
in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Sämund. "Nein,"
versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er blickte ernst
seine Frau an. Die suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
"Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl, die Menschen
zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr antworten zu
wollen,—da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die Gottesfurcht nimmt zu;
jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit, da ich jung war."—"Ja, ja,
—das Volk vermehrt sich", sagte Sämund.—"Es sind wohl viele darunter—
vielleicht der größte Teil,—die nur die Gewohnheit hertreibt", erwiderte
Karen Solbakken.—"Vielleicht die jüngeren", sagte Ingebjörg; und Sämund
darauf: "Die wollen sich wohl gern hier treffen."—"Habt Ihr gehört, daß
sich der Pastor um eine andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und
konnte, wohin sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar
Höfe zusammentäten, würd' es besser gehen."—"Sie wollen aber vielleicht
das trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat
einen Schritt zur Seite.—"Na ja," sagte Ingebjörg und stellte sich neben
ihren Mann, so daß Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern
wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn früher reif als auf anderen;
Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."—"Da könnten wir einander ja
gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und näherte sich einen Schritt.
Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.—"Es könnte jedoch auch
vielerlei dazwischen kommen", fügte er hinzu.—"So ist es", sagte Karen
und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt nach der
anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurück.—"Ja, oft steht
einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund ein klein
wenig zum Lachen zu verziehen.—"Wenn das so ist…", sagte Guttorm;
aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht nicht weit;
Gottes Kraft ist die größte, sollte ich glauben, und auf ihn kommt es
an."—"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn wir uns
in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Sämund. "Nein,"
versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er blickte ernst
seine Frau an. Die suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
"Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl, die Menschen
zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr antworten zu
wollen,—da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die Gottesfurcht nimmt zu;
jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit, da ich jung war."—"Ja, ja,
—das Volk vermehrt sich", sagte Sämund.—"Es sind wohl viele darunter—
vielleicht der größte Teil,—die nur die Gewohnheit hertreibt", erwiderte
Karen Solbakken.—"Vielleicht die jüngeren", sagte Ingebjörg; und Sämund
darauf: "Die wollen sich wohl gern hier treffen."—"Habt Ihr gehört, daß
sich der Pastor um eine andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und
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suchte dem Gespräch abermals eine Wendung zu geben. "Das wäre
schlimm," versetzte Ingebjörg, "er hat alle meine Kinder getauft und auch
konfirmiert."—"Nun soll er sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Sämund
und biß auf einen Span, den er gefunden hatte.—"Ich wundere mich,—der
Gottesdienst muß doch bald anfangen", sagte Karen und sah nach der
Kirchentür.—"Ja, hier draußen ist es heut heiß", antwortete Sämund.
—"Komm, Synnöve, wir wollen jetzt hineingehen."—Synnöve fuhr
zusammen; denn sie hatte gerade mit Thorbjörn gesprochen.—"Willst Du
nicht warten, bis es läutet?" sagte Ingrid und schielte verstohlen nach
Synnöve; "dann können wir alle zusammengehen", setzte sie zu. Synnöve
wußte nicht, was sie antworten sollte. Sämund drehte sich um und sah sie
an. "Wart's ab, dann läutet es bald—für Dich", sagte er. Synnöve wurde
ganz rot; ihre Mutter sandte Sämund einen bösen Blick; aber der lächelte
ihr zu: "Das wird so, wie unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin
selbst gesagt?"—Und dann schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die
anderen folgten ihm.
Vor der Kirchentür entstand ein Gedränge und bei näherer Untersuchung
fand es sich, daß sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige fortgingen,
um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die Menschen
strömten hinein; aber etliche gingen wieder zurück, wodurch die
Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der äußeren
Wand der Kirche standen zwei Männer im Gespräch; der eine von ihnen,—
groß und derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,
—das war Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah,
brach er das Gespräch ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,—aber er
blieb stehen. Sämund mußte gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm
einige Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie
flackerten doch etwas. Dann kam Synnöve; und sobald sie unerwartet Knud
vor sich sah, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und
trat von der Wand zurück, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar Schritte
schlimm," versetzte Ingebjörg, "er hat alle meine Kinder getauft und auch
konfirmiert."—"Nun soll er sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Sämund
und biß auf einen Span, den er gefunden hatte.—"Ich wundere mich,—der
Gottesdienst muß doch bald anfangen", sagte Karen und sah nach der
Kirchentür.—"Ja, hier draußen ist es heut heiß", antwortete Sämund.
—"Komm, Synnöve, wir wollen jetzt hineingehen."—Synnöve fuhr
zusammen; denn sie hatte gerade mit Thorbjörn gesprochen.—"Willst Du
nicht warten, bis es läutet?" sagte Ingrid und schielte verstohlen nach
Synnöve; "dann können wir alle zusammengehen", setzte sie zu. Synnöve
wußte nicht, was sie antworten sollte. Sämund drehte sich um und sah sie
an. "Wart's ab, dann läutet es bald—für Dich", sagte er. Synnöve wurde
ganz rot; ihre Mutter sandte Sämund einen bösen Blick; aber der lächelte
ihr zu: "Das wird so, wie unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin
selbst gesagt?"—Und dann schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die
anderen folgten ihm.
Vor der Kirchentür entstand ein Gedränge und bei näherer Untersuchung
fand es sich, daß sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige fortgingen,
um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die Menschen
strömten hinein; aber etliche gingen wieder zurück, wodurch die
Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der äußeren
Wand der Kirche standen zwei Männer im Gespräch; der eine von ihnen,—
groß und derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,
—das war Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah,
brach er das Gespräch ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,—aber er
blieb stehen. Sämund mußte gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm
einige Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie
flackerten doch etwas. Dann kam Synnöve; und sobald sie unerwartet Knud
vor sich sah, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und
trat von der Wand zurück, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar Schritte
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gemacht, da sah er vier Gesichter, deren Augen auf ihn gerichtet waren;
Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjörn. Verwirrt wie er war, ging er
direkt auf sie zu, so daß er bald wider Wissen und Willen fast Kopf an Kopf
mit Thorbjörn stand; erst schien er sich beiseite drücken zu wollen; aber der
Menschen wegen, die kamen und gingen, machte sich das nicht so leicht.
Ihre Begegnung erfolgte gerade auf den Steinfließen vor dem
Kircheneingang; oben auf der Schwelle der Vorhalle war Synnöve stehen
geblieben; Sämund etwas hinter ihr; sie konnten von ihrem höheren Platz
aus deutlich von allen draußen gesehen werden und alle sehen. Für Synnöve
war alles andere versunken; sie starrte nur auf Thorbjörn; ebenso Sämund,
seine Frau, das Ehepaar aus Solbakken und Ingrid. Das merkte und fühlte
Thorbjörn; er stand wie festgenagelt; aber Knud dachte, daß er jetzt etwas
tun müsse, und darum streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte
nichts. Auch Thorbjörn streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, daß sich
die Hände beider fassen konnten. "Dank für…" fing Knud an, besann sich
jedoch schnell, daß dieser Gruß nicht recht hierher paßte, und trat einen
Schritt zurück. Thorbjörn sah hoch, sein Blick traf Synnöve, die weiß wie
Schnee war. Er tat einen tüchtigen Schritt vorwärts, ergriff kräftig Knuds
Hand und sagte, sodaß es die Nächsten hören konnten: "Dank für das vorige
Mal—das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein."
Knud gab einen Laut, ungefähr wie einen Schluckser, von sich und
versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht.
Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen und wartete—er sah nicht auf; er
wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjörn
noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Händen
herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bückte sich Knud, hob es auf und
reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjörn, der sich gleichfalls
gebückt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte
Thorbjörn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er.
Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjörn. Verwirrt wie er war, ging er
direkt auf sie zu, so daß er bald wider Wissen und Willen fast Kopf an Kopf
mit Thorbjörn stand; erst schien er sich beiseite drücken zu wollen; aber der
Menschen wegen, die kamen und gingen, machte sich das nicht so leicht.
Ihre Begegnung erfolgte gerade auf den Steinfließen vor dem
Kircheneingang; oben auf der Schwelle der Vorhalle war Synnöve stehen
geblieben; Sämund etwas hinter ihr; sie konnten von ihrem höheren Platz
aus deutlich von allen draußen gesehen werden und alle sehen. Für Synnöve
war alles andere versunken; sie starrte nur auf Thorbjörn; ebenso Sämund,
seine Frau, das Ehepaar aus Solbakken und Ingrid. Das merkte und fühlte
Thorbjörn; er stand wie festgenagelt; aber Knud dachte, daß er jetzt etwas
tun müsse, und darum streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte
nichts. Auch Thorbjörn streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, daß sich
die Hände beider fassen konnten. "Dank für…" fing Knud an, besann sich
jedoch schnell, daß dieser Gruß nicht recht hierher paßte, und trat einen
Schritt zurück. Thorbjörn sah hoch, sein Blick traf Synnöve, die weiß wie
Schnee war. Er tat einen tüchtigen Schritt vorwärts, ergriff kräftig Knuds
Hand und sagte, sodaß es die Nächsten hören konnten: "Dank für das vorige
Mal—das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein."
Knud gab einen Laut, ungefähr wie einen Schluckser, von sich und
versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht.
Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen und wartete—er sah nicht auf; er
wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjörn
noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Händen
herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bückte sich Knud, hob es auf und
reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjörn, der sich gleichfalls
gebückt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte
Thorbjörn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er.
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Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjörn hingesetzt hatte und
eine Weile darauf zu den Frauen hinübersah, traf sein Blick Ingebjörg, die
ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet
hatte, er möge hinübersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm
dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und
noch freundlicher als zuvor.—Vater Sämund flüsterte ihm in das Ohr: "Das
habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das
erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die
Konfirmanden auf, da erst flüsterte Sämund wieder: "Aber dem Knud
wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden
nach Nordhoug bleiben."
Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder
stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor
und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden
die älteren Leute sehr gerührt, und besonders diejenigen, die ihre eigene
Konfirmation noch frischer im Gedächtnis haben. Wenn dann tiefe Stille
eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der für jeden
einzelnen immer eine schöne Stunde übrig gehabt hatte, da er ihn auf ein
Höheres hingewiesen,—wenn dieser Pastor die Hände faltet und zu reden
anhebt, dann wächst die Rührung in der Gemeinde. Und den Kindern
kommen die Tränen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert,
für ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjörn, der vor kurzem dem
Tode nahe gewesen und unlängst noch geglaubt hatte, er werde sein
Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr
Gelübde ablegten, und alle in der tiefsten Überzeugung, daß sie es auch
halten könnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinüber; aber
nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flüsterte ihr etwas ins Ohr;
dann ging er schnell durch das Gedränge hinaus. Einige wollten wissen, daß
er über den Hügel dem Walde zu statt auf der Fahrstraße geschritten sei;
aber sicher wußten sie es auch nicht. Sämund suchte ihn, gab es aber auf,
eine Weile darauf zu den Frauen hinübersah, traf sein Blick Ingebjörg, die
ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet
hatte, er möge hinübersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm
dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und
noch freundlicher als zuvor.—Vater Sämund flüsterte ihm in das Ohr: "Das
habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das
erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die
Konfirmanden auf, da erst flüsterte Sämund wieder: "Aber dem Knud
wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden
nach Nordhoug bleiben."
Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder
stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor
und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden
die älteren Leute sehr gerührt, und besonders diejenigen, die ihre eigene
Konfirmation noch frischer im Gedächtnis haben. Wenn dann tiefe Stille
eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der für jeden
einzelnen immer eine schöne Stunde übrig gehabt hatte, da er ihn auf ein
Höheres hingewiesen,—wenn dieser Pastor die Hände faltet und zu reden
anhebt, dann wächst die Rührung in der Gemeinde. Und den Kindern
kommen die Tränen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert,
für ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjörn, der vor kurzem dem
Tode nahe gewesen und unlängst noch geglaubt hatte, er werde sein
Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr
Gelübde ablegten, und alle in der tiefsten Überzeugung, daß sie es auch
halten könnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinüber; aber
nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flüsterte ihr etwas ins Ohr;
dann ging er schnell durch das Gedränge hinaus. Einige wollten wissen, daß
er über den Hügel dem Walde zu statt auf der Fahrstraße geschritten sei;
aber sicher wußten sie es auch nicht. Sämund suchte ihn, gab es aber auf,
Page 311
als er entdeckte, daß Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte er die
Solbakkener; Guttorm und Karen liefen überall herum und fragten jeden
nach Synnöve; aber zufällig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach
Hause, jedes Ehepaar für sich, doch ohne ihre Kinder.
Doch weit vorn auf der Straße gingen Synnöve wie auch Ingrid. "Fast tut
es mir leid, daß ich mitgekommen bin", sagte jene.—"Jetzt ist es nicht mehr
so gefährlich; Vater weiß es ja", antwortete die andere.—"Aber er ist doch
nicht mein Vater", sagte Synnöve. "Wer weiß?" entgegnete Ingrid—und
dann sprachen sie nicht mehr darüber.—"Hier sollten wir ja warten", sagte
Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.
—"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnöve.—"Er ist
aber schon da", fügte Thorbjörn hinzu, der hinter einem großen Stein
gestanden hatte und nun hervortrat.
Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht
gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch
heraus, weil sein Vater es wußte und damit einverstanden war; das glaubte
Thorbjörn nach den Vorgängen heute bei und in der Kirche bestimmt
annehmen zu können. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer
Aussprache gesehnt, und da mußte er doch heute freier reden können als
früher!
"Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen
wir rascher vorwärts." Die beiden Mädchen sagten nichts, aber folgten ihm.
Eigentlich hatte er sofort mit Synnöve reden wollen; aber dann wollte er
doch lieber bis jenseits des Hügels warten, und dann, bis sie den Sumpf
hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie müßten erst weiter in den Wald
hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, daß die entscheidenden Worte
zwischen den beiden nicht flott in Fluß gerieten, verlangsamte ihre Schritte,
und blieb mehr und mehr zurück, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen
Solbakkener; Guttorm und Karen liefen überall herum und fragten jeden
nach Synnöve; aber zufällig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach
Hause, jedes Ehepaar für sich, doch ohne ihre Kinder.
Doch weit vorn auf der Straße gingen Synnöve wie auch Ingrid. "Fast tut
es mir leid, daß ich mitgekommen bin", sagte jene.—"Jetzt ist es nicht mehr
so gefährlich; Vater weiß es ja", antwortete die andere.—"Aber er ist doch
nicht mein Vater", sagte Synnöve. "Wer weiß?" entgegnete Ingrid—und
dann sprachen sie nicht mehr darüber.—"Hier sollten wir ja warten", sagte
Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.
—"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnöve.—"Er ist
aber schon da", fügte Thorbjörn hinzu, der hinter einem großen Stein
gestanden hatte und nun hervortrat.
Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht
gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch
heraus, weil sein Vater es wußte und damit einverstanden war; das glaubte
Thorbjörn nach den Vorgängen heute bei und in der Kirche bestimmt
annehmen zu können. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer
Aussprache gesehnt, und da mußte er doch heute freier reden können als
früher!
"Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen
wir rascher vorwärts." Die beiden Mädchen sagten nichts, aber folgten ihm.
Eigentlich hatte er sofort mit Synnöve reden wollen; aber dann wollte er
doch lieber bis jenseits des Hügels warten, und dann, bis sie den Sumpf
hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie müßten erst weiter in den Wald
hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, daß die entscheidenden Worte
zwischen den beiden nicht flott in Fluß gerieten, verlangsamte ihre Schritte,
und blieb mehr und mehr zurück, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen
Page 312
war. Synnöve tat, als merke sie das nicht, bückte sich hier und da nach einer
Beere am Wegsaum, und pflückte sie.
"Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache
heraus könnte," dachte Thorbjörn, und so sagte er: "Schönes Wetter
heute."—"Recht schönes Wetter", antwortete Synnöve. Sie schritten ein
Stückchen weiter, sie suchte Beeren—und er, er ging daneben.—"Das war
hübsch von Dir, daß Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete
nichts.—"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an;
aber darauf antwortete sie gar nichts.—Nein, solange wir gehen, dachte
Thorbjörn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf
Ingrid warten?" fragte er.—"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnöve und
blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht
danach bücken; das hatte Thorbjörn ganz gut gesehen; aber Synnöve
pflückte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren
auf dem Halm auf.
"Heute mußte ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur
Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mußte ich auch immer
denken", erwiderte sie.—"Seitdem ist eine Menge passiert"—und da sie still
blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet
haben." Synnöve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mußte den
Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu
sehen; doch als ob sie's merke, veränderte sie ihre Stellung so, daß er
gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst,
daß er seine Angelegenheit nicht vorwärts bringe. "Synnöve, Du hast mir
doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen
haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber
als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt:
"Ingrid hat doch mit Dir geredet?"—"Ja", antwortete sie. "Dann mußt Du
auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann mußt Du auch
Beere am Wegsaum, und pflückte sie.
"Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache
heraus könnte," dachte Thorbjörn, und so sagte er: "Schönes Wetter
heute."—"Recht schönes Wetter", antwortete Synnöve. Sie schritten ein
Stückchen weiter, sie suchte Beeren—und er, er ging daneben.—"Das war
hübsch von Dir, daß Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete
nichts.—"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an;
aber darauf antwortete sie gar nichts.—Nein, solange wir gehen, dachte
Thorbjörn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf
Ingrid warten?" fragte er.—"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnöve und
blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht
danach bücken; das hatte Thorbjörn ganz gut gesehen; aber Synnöve
pflückte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren
auf dem Halm auf.
"Heute mußte ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur
Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mußte ich auch immer
denken", erwiderte sie.—"Seitdem ist eine Menge passiert"—und da sie still
blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet
haben." Synnöve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mußte den
Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu
sehen; doch als ob sie's merke, veränderte sie ihre Stellung so, daß er
gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst,
daß er seine Angelegenheit nicht vorwärts bringe. "Synnöve, Du hast mir
doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen
haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber
als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt:
"Ingrid hat doch mit Dir geredet?"—"Ja", antwortete sie. "Dann mußt Du
auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann mußt Du auch
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etwas wissen", wiederholte er, und trat noch einmal auf sie zu. "Du mußt
wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;—ihr Gesicht konnte er nicht
sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade
zu sehr mit dem Halm beschäftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du
machst mich immer kleinmütig."—Weil er nicht bemerken konnte, daß sie
darüber lächelte, wußte er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut,"
stieß er plötzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was
hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber
ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und
neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flüsterte er.——"Ich hab' ihn
verbrannt."——
Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, daß ihr die Tränen
in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes übrig als sie loszulassen;—
das ist doch ärgerlich, daß ihr die Tränen so locker sitzen, dachte er. Mit
einem Mal sagte sie;—jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel
geschrieben?"—"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."—"Ja wohl; aber—sehr böse
und hart war's von Dir."—"Vater hat's gewollt."—"Trotzdem—"—"Er hat
geglaubt, ich würde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben;
aber jetzt bin ich soweit, daß ich für Dich sorgen kann", sagte er.
Ingrid erschien unten am Hügel, und da machten sich die beiden wieder
auf den Weg.
"Damals, als ich glaubte, ich könnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du
mir am nächsten", sprach er.—"Wenn man allein ist, geht man prüfend in
sich", erwiderte sie.—"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die größte Macht
über uns hat", sagte Thorbjörn und schritt ernst neben ihr her.
Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte
sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre
Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit
wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;—ihr Gesicht konnte er nicht
sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade
zu sehr mit dem Halm beschäftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du
machst mich immer kleinmütig."—Weil er nicht bemerken konnte, daß sie
darüber lächelte, wußte er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut,"
stieß er plötzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was
hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber
ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und
neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flüsterte er.——"Ich hab' ihn
verbrannt."——
Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, daß ihr die Tränen
in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes übrig als sie loszulassen;—
das ist doch ärgerlich, daß ihr die Tränen so locker sitzen, dachte er. Mit
einem Mal sagte sie;—jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel
geschrieben?"—"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."—"Ja wohl; aber—sehr böse
und hart war's von Dir."—"Vater hat's gewollt."—"Trotzdem—"—"Er hat
geglaubt, ich würde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben;
aber jetzt bin ich soweit, daß ich für Dich sorgen kann", sagte er.
Ingrid erschien unten am Hügel, und da machten sich die beiden wieder
auf den Weg.
"Damals, als ich glaubte, ich könnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du
mir am nächsten", sprach er.—"Wenn man allein ist, geht man prüfend in
sich", erwiderte sie.—"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die größte Macht
über uns hat", sagte Thorbjörn und schritt ernst neben ihr her.
Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte
sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre
Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit
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etwas schwankender Stimme hervor.—"Ja", flüsterte sie unhörbar, und
wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute
er sich nicht, sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer
Körper wurde mit einemmal so leicht, so leicht—und beinahe wäre er
hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnöve
und er nun auf einen Hügel kamen, von dem sie Solbakken gut übersehen
konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drüben zu Hause
gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr
hinüber," dachte er, schritt aus, und schöpfte sich aus dem Bilde, das sich
ihm bot, immer neuen Mut, so daß sein Vorsatz sich mit jedem Schritt
befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht länger", und er
ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in
hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich länger," und er fühlte
sich so stark, daß er im Augenblick nicht wußte, wie er das betätigen solle.
"Du reißt mir ja beinah aus," hörte er eine sanfte Stimme hinter sich
rufen. Es war Synnöve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen,
und mußte es jetzt aufgeben. Er schämte sich recht, kehrte um, ging mit
ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich
hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, ließ er es lieber bleiben.
"Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie.
Nun waren sie der Landstraße nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit
unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun dürft Ihr
nicht länger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjörn etwas zu früh,
er erschrak; auch Synnöve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so
viel zu sagen", flüsterte er. Sie konnte ein leichtes Lächeln nicht
unterdrücken. "Ja, ja," sagte er, "das nächste Mal"—und ergriff ihre Hand.
Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und
wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr."
wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute
er sich nicht, sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer
Körper wurde mit einemmal so leicht, so leicht—und beinahe wäre er
hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnöve
und er nun auf einen Hügel kamen, von dem sie Solbakken gut übersehen
konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drüben zu Hause
gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr
hinüber," dachte er, schritt aus, und schöpfte sich aus dem Bilde, das sich
ihm bot, immer neuen Mut, so daß sein Vorsatz sich mit jedem Schritt
befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht länger", und er
ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in
hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich länger," und er fühlte
sich so stark, daß er im Augenblick nicht wußte, wie er das betätigen solle.
"Du reißt mir ja beinah aus," hörte er eine sanfte Stimme hinter sich
rufen. Es war Synnöve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen,
und mußte es jetzt aufgeben. Er schämte sich recht, kehrte um, ging mit
ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich
hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, ließ er es lieber bleiben.
"Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie.
Nun waren sie der Landstraße nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit
unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun dürft Ihr
nicht länger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjörn etwas zu früh,
er erschrak; auch Synnöve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so
viel zu sagen", flüsterte er. Sie konnte ein leichtes Lächeln nicht
unterdrücken. "Ja, ja," sagte er, "das nächste Mal"—und ergriff ihre Hand.
Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und
wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr."
Page 315
Da zog sie behutsam ihre Hand zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte
ihr Lebewohl und schritt langsam zur Straße hin. Und er, er blieb, wo er
war.
Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch
ausgesprochen?" fragte Ingrid.—"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete
er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hören wolle.
"Na?" sagte Sämund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in
die Stube traten. Thorbjörn antwortete nicht; er ging zu der Bank der
gegenüberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid
ging ihm nach und kicherte. Sämund fing wieder an zu essen, blickte dann
und wann auf Thorbjörn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr
beschäftigt, lachte leise vor sich hin und aß weiter. "Komm her und iß," rief
er, "sonst wird das Essen kalt."—"Danke, ich habe keinen Hunger",
antwortete Thorbjörn und setzte sich. "So?"—und Sämund aß. Nach einem
Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."—"Wir
hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjörn und hockte mit krummem
Buckel.—"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"—"Das weiß ich fast selber
nicht", versetzte Thorbjörn.—"Den Teufel auch", brummte Sämund und aß.
Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum
Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du,
komm, wir wollen ein bißchen aus und uns die Felder besehen." Thorbjörn
stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjörn, der in
Hemdsärmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter
ihm hing.—"Siehst Du nicht, daß ich den guten anhabe?" rief Sämund. Nun
zog Thorbjörn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Sämund
voran, Thorbjörn hinterher.
Sie nahmen die Richtung der Fahrstraße. "Wollen wir nicht zur Gerste?"
fragte Thorbjörn. "Nein, zum Weizen", antwortete Sämund. Gerade als sie
ihr Lebewohl und schritt langsam zur Straße hin. Und er, er blieb, wo er
war.
Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch
ausgesprochen?" fragte Ingrid.—"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete
er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hören wolle.
"Na?" sagte Sämund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in
die Stube traten. Thorbjörn antwortete nicht; er ging zu der Bank der
gegenüberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid
ging ihm nach und kicherte. Sämund fing wieder an zu essen, blickte dann
und wann auf Thorbjörn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr
beschäftigt, lachte leise vor sich hin und aß weiter. "Komm her und iß," rief
er, "sonst wird das Essen kalt."—"Danke, ich habe keinen Hunger",
antwortete Thorbjörn und setzte sich. "So?"—und Sämund aß. Nach einem
Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."—"Wir
hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjörn und hockte mit krummem
Buckel.—"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"—"Das weiß ich fast selber
nicht", versetzte Thorbjörn.—"Den Teufel auch", brummte Sämund und aß.
Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum
Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du,
komm, wir wollen ein bißchen aus und uns die Felder besehen." Thorbjörn
stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjörn, der in
Hemdsärmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter
ihm hing.—"Siehst Du nicht, daß ich den guten anhabe?" rief Sämund. Nun
zog Thorbjörn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Sämund
voran, Thorbjörn hinterher.
Sie nahmen die Richtung der Fahrstraße. "Wollen wir nicht zur Gerste?"
fragte Thorbjörn. "Nein, zum Weizen", antwortete Sämund. Gerade als sie
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auf die Straße kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist
aus Nordhoug", sagte Sämund.—"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin",
fügte Thorbjörn hinzu; Jungvolk bedeutet nämlich das junge Paar.
Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat
von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flüsterte Sämund, und wandte
kein Auge von ihr; sie saß etwas zurückgelehnt im Wagen und hatte ein
Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust
geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fußgänger.
Der Mann sah sehr blaß und mager und noch sanfter als früher aus, etwa
wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann.
"Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.—"Das will
ich meinen", antwortete Sämund.—"Gut steht's dies Jahr."—"Hat schon
schlechter gestanden."—"Ihr kommt heute spät zurück", sagte Thorbjörn.
—"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."—"Was?—willst Du denn verreisen?"
fragte Sämund.—"Ja, das will ich, ja."—"Weit?"—"Ach, ja."—"Wie weit
denn?"—"Nach Amerika."—"Nach Amerika?" riefen die beiden
Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!"
setzte Sämund hinzu. Der Mann lächelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen
meinem Fuß hier, sprach der Fuchs, da saß er im Eisen fest." Marit sah ihn
und darauf die anderen an; eine leichte Röte flog über ihr Gesicht; aber kein
Zug veränderte sich.—"Die Frau geht wohl mit?" fragte Sämund.—"Nein,
das tut sie nicht."—"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte
Thorbjörn,—er hatte die Empfindung, das Gespräch dürfe nicht stocken.
—"Na, ja", sagte der Mann.—"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und
ist groß", versetzte Sämund.—"Es sind zu viele drauf", antwortete der
Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege",
fügte er hinzu.
aus Nordhoug", sagte Sämund.—"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin",
fügte Thorbjörn hinzu; Jungvolk bedeutet nämlich das junge Paar.
Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat
von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flüsterte Sämund, und wandte
kein Auge von ihr; sie saß etwas zurückgelehnt im Wagen und hatte ein
Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust
geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fußgänger.
Der Mann sah sehr blaß und mager und noch sanfter als früher aus, etwa
wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann.
"Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.—"Das will
ich meinen", antwortete Sämund.—"Gut steht's dies Jahr."—"Hat schon
schlechter gestanden."—"Ihr kommt heute spät zurück", sagte Thorbjörn.
—"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."—"Was?—willst Du denn verreisen?"
fragte Sämund.—"Ja, das will ich, ja."—"Weit?"—"Ach, ja."—"Wie weit
denn?"—"Nach Amerika."—"Nach Amerika?" riefen die beiden
Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!"
setzte Sämund hinzu. Der Mann lächelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen
meinem Fuß hier, sprach der Fuchs, da saß er im Eisen fest." Marit sah ihn
und darauf die anderen an; eine leichte Röte flog über ihr Gesicht; aber kein
Zug veränderte sich.—"Die Frau geht wohl mit?" fragte Sämund.—"Nein,
das tut sie nicht."—"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte
Thorbjörn,—er hatte die Empfindung, das Gespräch dürfe nicht stocken.
—"Na, ja", sagte der Mann.—"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und
ist groß", versetzte Sämund.—"Es sind zu viele drauf", antwortete der
Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege",
fügte er hinzu.
Page 317
"Glückliche Reise!" sagte Sämund und gab ihm die Hand. "Gott lasse
Dich finden, was Du suchst."
Thorbjörn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen:
"Ich möchte später noch mit Dir reden", sagte er.—"Es tut einem gut, wenn
man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem
Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens.
"Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjörn und Sämund sahen
fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, daß sie
eine so sanfte Stimme hatte.
Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine
Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf
ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und
schimmernd die seidenen Tücher der Frau ab;—ein Hügel kam; der Wagen
verschwand.
——Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein
Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der
wiederkommt", meinte Thorbjörn, und Sämund antwortete: "Ist auch das
beste, wenn einer sein Glück nicht im Lande gefunden hat."—Und sie
schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief
Thorbjörn. "Den besehen wir uns auf dem Rückweg";—und sie schritten
weiter. Thorbjörn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener
Feldmark ließen sie hinter sich.
Neuntes Kapitel
Dich finden, was Du suchst."
Thorbjörn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen:
"Ich möchte später noch mit Dir reden", sagte er.—"Es tut einem gut, wenn
man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem
Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens.
"Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjörn und Sämund sahen
fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, daß sie
eine so sanfte Stimme hatte.
Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine
Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf
ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und
schimmernd die seidenen Tücher der Frau ab;—ein Hügel kam; der Wagen
verschwand.
——Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein
Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der
wiederkommt", meinte Thorbjörn, und Sämund antwortete: "Ist auch das
beste, wenn einer sein Glück nicht im Lande gefunden hat."—Und sie
schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief
Thorbjörn. "Den besehen wir uns auf dem Rückweg";—und sie schritten
weiter. Thorbjörn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener
Feldmark ließen sie hinter sich.
Neuntes Kapitel
Page 318
Als Synnöve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und
Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist
Du denn gewesen?" fragte die Mutter.—"Ich bin mit Ingrid etwas
zurückgeblieben", antwortete Synnöve, und knüpfte sich gemach ein paar
Tücher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr
denn solange zu reden gehabt?"—"Ach, nichts besonderes."—"Dann war'
es besser gewesen, Du hättest auf dem Kirchgang keinen Umweg
gemacht."—Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem
Synnöve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz
ihr gegenüber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit
andern geredet?"—"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnöve.—"Das
Kind muß doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiß muß sie das,"
versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie hätte doch mit ihren Eltern
gehen können."—Darauf bekam sie keine Antwort.
"Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend
in der Kirche tut einem gut."—"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte
Guttorm hinzu.—"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner
weiß, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir
haben Gott herzlich dafür zu danken," sagte er endlich, "daß er uns eines
gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch und
blickte nicht auf; "sie ist doch unsere größte Freude", sprach sie leise; "sie
ist auch nicht aus der Art geschlagen", fügte sie noch leiser hinzu. Es
entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer große Freude gemacht,"
sagte Guttorm, und etwas später mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr
Glück!"—Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch; eine Träne
fiel darauf, und sie wischte sie weg.—"Warum ißt Du denn nicht?" fragte
Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.—"Danke, ich bin satt",
antwortete Synnöve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun
auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."—"Ich kann
nicht", entgegnete Synnöve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.
Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist
Du denn gewesen?" fragte die Mutter.—"Ich bin mit Ingrid etwas
zurückgeblieben", antwortete Synnöve, und knüpfte sich gemach ein paar
Tücher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr
denn solange zu reden gehabt?"—"Ach, nichts besonderes."—"Dann war'
es besser gewesen, Du hättest auf dem Kirchgang keinen Umweg
gemacht."—Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem
Synnöve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz
ihr gegenüber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit
andern geredet?"—"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnöve.—"Das
Kind muß doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiß muß sie das,"
versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie hätte doch mit ihren Eltern
gehen können."—Darauf bekam sie keine Antwort.
"Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend
in der Kirche tut einem gut."—"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte
Guttorm hinzu.—"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner
weiß, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir
haben Gott herzlich dafür zu danken," sagte er endlich, "daß er uns eines
gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch und
blickte nicht auf; "sie ist doch unsere größte Freude", sprach sie leise; "sie
ist auch nicht aus der Art geschlagen", fügte sie noch leiser hinzu. Es
entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer große Freude gemacht,"
sagte Guttorm, und etwas später mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr
Glück!"—Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch; eine Träne
fiel darauf, und sie wischte sie weg.—"Warum ißt Du denn nicht?" fragte
Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.—"Danke, ich bin satt",
antwortete Synnöve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun
auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."—"Ich kann
nicht", entgegnete Synnöve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.
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—"Iß, mein Kind", wiederholte der Vater.—"Ich kann nicht", sagte Synnöve
abermals und fing zu weinen an.—"Aber, liebes Kind, warum weinst Du
denn?"—"Ich weiß nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte
die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei
Männer auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am späten Nachmittag?"
fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus.
"Wer kann denn das bloß sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie
fragen wollte. "Ich weiß nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen.
"Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.—"Ich auch nicht", sagte er.
—"Aber sie müssen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings",
bekräftigte Guttorm. Die Männer kamen näher und näher; der ältere blieb
stehen und blickte zurück; der jüngere gleichfalls; dann schritten sie weiter.
"Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton
wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter
drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und räumte etwas
auf. "Du mußt Deine Tücher wieder umbinden," sprach sie zu Synnöve; "es
kommt Besuch."
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da öffnete Sämund die Tür und trat
ein; Thorbjörn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Sämund, blieb einen
Augenblick an der Tür stehen und trat dann langsam ein, um jeden
einzelnen zu begrüßen; Thorbjörn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnöve, die
noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wußte, ob sie es
umbinden sollte, ja, kaum wußte, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz,
wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herüber ist nicht weit
gewesen", antwortete Sämund, setzte sich aber doch; Thorbjörn neben ihn.
"Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir
haben Euch gesucht", antwortete Sämund. "Heut waren viele Menschen
da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Sämund, "es war
ein schöner Kirchtag."—"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte
abermals und fing zu weinen an.—"Aber, liebes Kind, warum weinst Du
denn?"—"Ich weiß nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte
die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei
Männer auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am späten Nachmittag?"
fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus.
"Wer kann denn das bloß sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie
fragen wollte. "Ich weiß nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen.
"Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.—"Ich auch nicht", sagte er.
—"Aber sie müssen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings",
bekräftigte Guttorm. Die Männer kamen näher und näher; der ältere blieb
stehen und blickte zurück; der jüngere gleichfalls; dann schritten sie weiter.
"Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton
wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter
drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und räumte etwas
auf. "Du mußt Deine Tücher wieder umbinden," sprach sie zu Synnöve; "es
kommt Besuch."
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da öffnete Sämund die Tür und trat
ein; Thorbjörn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Sämund, blieb einen
Augenblick an der Tür stehen und trat dann langsam ein, um jeden
einzelnen zu begrüßen; Thorbjörn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnöve, die
noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wußte, ob sie es
umbinden sollte, ja, kaum wußte, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz,
wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herüber ist nicht weit
gewesen", antwortete Sämund, setzte sich aber doch; Thorbjörn neben ihn.
"Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir
haben Euch gesucht", antwortete Sämund. "Heut waren viele Menschen
da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Sämund, "es war
ein schöner Kirchtag."—"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte
Page 320
Karen.—"Es ist einem bei solcher Konfirmation so wunderlich zumute,
wenn man selber Kinder hat", fügte Guttorm hinzu. Seine Frau rückte auf
der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Sämund, "da denkt man ernstlich
über sie nach,—und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht",
sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem
Mund, schob ein anderes Stück hinein, und legte das alte behutsam in eine
Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjörn sahen unruhig hierhin und
dorthin.—"Ich dachte mir, ich müßte mit Thorbjörn mal hergehen," begann
Sämund langsam; "allein hätte er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und
hätte sich auch allein nicht gut Bescheid holen können", dabei blinzelte er
zu Synnöve hinüber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, daß er seinen
Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnöve, seit der Zeit, da er Verstand
genug für so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaßen so, daß
sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste,
wenn die beiden für immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, daß er
sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war
ich wenig dafür. Aber jetzt glaube ich, ich kann für ihn bürgen; und kann
ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die größte Macht über ihn.—Was
meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine
große Eile, aber ich weiß auch nicht, warum wir noch damit warten wollen.
Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermögen; meins ist kleiner und geht mal
später in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache läßt sich doch machen.
Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Mädchen frage ich zuletzt,
denn ich glaube, ich weiß, was sie will!"
Also sprach Sämund. Guttorm saß krumm auf der Bank, legte
abwechselnd eine Hand über die andere und machte mehrmals Miene, sich
aufzurichten, indem er jedesmal stärker Atem holte; aber erst nach dem
vierten- und fünftenmal bekam er den Rücken gerade, strich mit der Hand
über das Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnöve mit
den Blicken. Karen saß am Tisch und wischte mit den Fingern darüber hin.
wenn man selber Kinder hat", fügte Guttorm hinzu. Seine Frau rückte auf
der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Sämund, "da denkt man ernstlich
über sie nach,—und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht",
sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem
Mund, schob ein anderes Stück hinein, und legte das alte behutsam in eine
Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjörn sahen unruhig hierhin und
dorthin.—"Ich dachte mir, ich müßte mit Thorbjörn mal hergehen," begann
Sämund langsam; "allein hätte er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und
hätte sich auch allein nicht gut Bescheid holen können", dabei blinzelte er
zu Synnöve hinüber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, daß er seinen
Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnöve, seit der Zeit, da er Verstand
genug für so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaßen so, daß
sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste,
wenn die beiden für immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, daß er
sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war
ich wenig dafür. Aber jetzt glaube ich, ich kann für ihn bürgen; und kann
ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die größte Macht über ihn.—Was
meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine
große Eile, aber ich weiß auch nicht, warum wir noch damit warten wollen.
Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermögen; meins ist kleiner und geht mal
später in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache läßt sich doch machen.
Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Mädchen frage ich zuletzt,
denn ich glaube, ich weiß, was sie will!"
Also sprach Sämund. Guttorm saß krumm auf der Bank, legte
abwechselnd eine Hand über die andere und machte mehrmals Miene, sich
aufzurichten, indem er jedesmal stärker Atem holte; aber erst nach dem
vierten- und fünftenmal bekam er den Rücken gerade, strich mit der Hand
über das Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnöve mit
den Blicken. Karen saß am Tisch und wischte mit den Fingern darüber hin.
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"Nun ja—das ist ein schöner Antrag", sagte sie. "Ja, ich meine, wir sollen
ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war eine
beträchtliche Erleichterung anzuhören; dann sah er von seiner Frau fort und
auf Sämund, der die Arme gekreuzt und den Rücken an die Wand gelehnt
hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir müssen's uns erst
überlegen."—"Dem steht weiter nichts im Wege," erwiderte Sämund, "aber
ich weiß nicht, warum Ihr nicht gleich antworten könnt, brummte der Bär,
als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht seine Kuh kriegen
könne."—"Gewiß können wir gleich antworten", versetzte Guttorm und sah
seine Frau an. "Thorbjörn kann aber manchmal so wild sein", sagte sie,
blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich gebessert," erwiderte Guttorm; "Du
weißt, was Du heut selber gesagt hast!"——Das Ehepaar sah sich
abwechselnd an; das dauerte eine volle Minute. "Könnten wir uns auf ihn
verlassen", sagte die Frau. "Ja," ergriff nun Sämund wieder das Wort, "was
das betrifft, kann ich nur sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt
geht's gut, wenn sie die Zügel hält. Sie hat eine Macht über ihn, wie man
sich's kaum vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu
Hause bei mir krank lag und noch nicht wußte, was mit ihm würde, ob er
wieder aufkomme oder nicht."—"Du mußt nicht so hartnäckig sein," sagte
Guttorm, "Du weißt doch, was sie selber will, und wir leben doch nur für
sie." Da blickte Synnöve zum erstenmal auf und sah ihren Vater groß und
dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen,
und wischte mit den Fingern über den Tisch; "wenn ich solange dagegen
war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.—Ich war wohl nicht so hart,
wie sich's anhörte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten ihr Tränen
kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen das
eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewünscht habe", sagte er
und ging auf Synnöve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt,"
sagte Sämund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt
ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war eine
beträchtliche Erleichterung anzuhören; dann sah er von seiner Frau fort und
auf Sämund, der die Arme gekreuzt und den Rücken an die Wand gelehnt
hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir müssen's uns erst
überlegen."—"Dem steht weiter nichts im Wege," erwiderte Sämund, "aber
ich weiß nicht, warum Ihr nicht gleich antworten könnt, brummte der Bär,
als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht seine Kuh kriegen
könne."—"Gewiß können wir gleich antworten", versetzte Guttorm und sah
seine Frau an. "Thorbjörn kann aber manchmal so wild sein", sagte sie,
blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich gebessert," erwiderte Guttorm; "Du
weißt, was Du heut selber gesagt hast!"——Das Ehepaar sah sich
abwechselnd an; das dauerte eine volle Minute. "Könnten wir uns auf ihn
verlassen", sagte die Frau. "Ja," ergriff nun Sämund wieder das Wort, "was
das betrifft, kann ich nur sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt
geht's gut, wenn sie die Zügel hält. Sie hat eine Macht über ihn, wie man
sich's kaum vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu
Hause bei mir krank lag und noch nicht wußte, was mit ihm würde, ob er
wieder aufkomme oder nicht."—"Du mußt nicht so hartnäckig sein," sagte
Guttorm, "Du weißt doch, was sie selber will, und wir leben doch nur für
sie." Da blickte Synnöve zum erstenmal auf und sah ihren Vater groß und
dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen,
und wischte mit den Fingern über den Tisch; "wenn ich solange dagegen
war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.—Ich war wohl nicht so hart,
wie sich's anhörte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten ihr Tränen
kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen das
eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewünscht habe", sagte er
und ging auf Synnöve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt,"
sagte Sämund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt
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zusammen." Und er ging auf Synnöve zu. "Na, was meinst Du dazu, mein
Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnöve zu.
Die saß immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjörn,
der dort saß, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du mußt aufstehen, mein
Kind", flüsterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und lächelte, wandte sich ab
und weinte.—"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie alle Zeit", sagte die
Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen. Die beiden Männer
traten zurück; jeder ging zu seinem alten Platz.
"Du mußt zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Tränen,
ließ sie los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt; aber
blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjörn sprang auf, ging auf sie
zu, ergriff ihre Hand, wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, und blieb
Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht zurückzog. Dann standen sie
schweigend nebeneinander.
Lautlos öffnete sich die Tür, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist
Synnöve hier?" fragte jemand bedächtig. Es war Ingrid Granliden. "Jawohl,
hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid zauderte.
"Komm nur; hier steht alles ganz gut", fügte er hinzu. Alle sahen sie an. Sie
schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein hier", sagte sie. "Wer ist
denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!" erwiderte sie leise. "Immer
herein mit ihr!" riefen alle vier in der Stube auf einmal. Und die Hausfrau
ging ihr entgegen, während die anderen sich freudestrahlend ansahen.
—"Komm nur, Mutter, Du kannst gern herein", hörten sie Ingrid sagen.—
Und herein kam Ingebjörg mit ihrer weißen Haube. "Ich hab's wohl
gemerkt," sagte sie, "wenn Sämund seinen Mund auch nicht auftun kann;
und da hielten die Ingrid und ich es nicht länger aus—wir mußten
her."—"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's wünschst", sagte Sämund
und machte Platz, damit sie besser herankönne.—"Gott segne Dich, mein
Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnöve zu.
Die saß immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjörn,
der dort saß, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du mußt aufstehen, mein
Kind", flüsterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und lächelte, wandte sich ab
und weinte.—"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie alle Zeit", sagte die
Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen. Die beiden Männer
traten zurück; jeder ging zu seinem alten Platz.
"Du mußt zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Tränen,
ließ sie los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt; aber
blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjörn sprang auf, ging auf sie
zu, ergriff ihre Hand, wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, und blieb
Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht zurückzog. Dann standen sie
schweigend nebeneinander.
Lautlos öffnete sich die Tür, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist
Synnöve hier?" fragte jemand bedächtig. Es war Ingrid Granliden. "Jawohl,
hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid zauderte.
"Komm nur; hier steht alles ganz gut", fügte er hinzu. Alle sahen sie an. Sie
schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein hier", sagte sie. "Wer ist
denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!" erwiderte sie leise. "Immer
herein mit ihr!" riefen alle vier in der Stube auf einmal. Und die Hausfrau
ging ihr entgegen, während die anderen sich freudestrahlend ansahen.
—"Komm nur, Mutter, Du kannst gern herein", hörten sie Ingrid sagen.—
Und herein kam Ingebjörg mit ihrer weißen Haube. "Ich hab's wohl
gemerkt," sagte sie, "wenn Sämund seinen Mund auch nicht auftun kann;
und da hielten die Ingrid und ich es nicht länger aus—wir mußten
her."—"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's wünschst", sagte Sämund
und machte Platz, damit sie besser herankönne.—"Gott segne Dich, mein
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Kind, dafür, daß Du ihn an Dich geknüpft hast," sprach sie zu Synnöve, und
umarmte und streichelte sie; "Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten,
und jetzt ist alles gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte
ihr die Backen und das Haar, und über ihr eigenes Gesicht rannen Tränen,
aber sie beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnöve die Tränen ab. "Ja, er
ist ein lieber, ein tüchtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch
seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre
Arme. "Mutter weiß mehr in ihrer Küche," sagte Sämund, "als wir, die in
der Sache drinstehen."
Die Tränen und die Rührung ließen allmählich nach; die Hausfrau
begann an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu
helfen, "denn Synnöve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so
gingen die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgrütze. Die Männer
gerieten in ein Gespräch über die Ernte und dergleichen. Thorbjörn hatte
sich an das Fenster gesetzt; Synnöve schlich zu ihm hin und legte die Hand
auf seine Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie.
Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter
Zärtlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden
hinüber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu sehen."
*****
umarmte und streichelte sie; "Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten,
und jetzt ist alles gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte
ihr die Backen und das Haar, und über ihr eigenes Gesicht rannen Tränen,
aber sie beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnöve die Tränen ab. "Ja, er
ist ein lieber, ein tüchtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch
seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre
Arme. "Mutter weiß mehr in ihrer Küche," sagte Sämund, "als wir, die in
der Sache drinstehen."
Die Tränen und die Rührung ließen allmählich nach; die Hausfrau
begann an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu
helfen, "denn Synnöve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so
gingen die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgrütze. Die Männer
gerieten in ein Gespräch über die Ernte und dergleichen. Thorbjörn hatte
sich an das Fenster gesetzt; Synnöve schlich zu ihm hin und legte die Hand
auf seine Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie.
Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter
Zärtlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden
hinüber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu sehen."
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Page 324
ARNE
Erstes Kapitel
Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese
Schlucht wand sich schwerfällig über Geröll und Steine ein wasserreicher
Fluß. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand
war ganz nackt; unten aber, so nahe am Fluß, daß im Frühling und im
Herbst das Wasser ihn benetzte, drängte sich ein prächtiger Wald
zusammen, schaute in die Höhe und schaute vor sich und konnte weder
hierhin, noch dahin.
"Wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der
Wacholder zu einer fremdländischen Eiche, der er näher stand als allen
andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da
eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Fluß ging
so schwer, daß er schäumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und
heulte in den Klüften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und
fror;—"wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der Wacholder
zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll, müßten wir es
wohl sein", sagte die Fichte; sie faßte sich in den Bart und sah zu der Birke
hinüber; "was meinst Du dazu?"—Die Birke aber lugte bedächtig zu dem
Felsen empor; so schwer neigte er sich über sie, daß sie kaum atmen zu
Erstes Kapitel
Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese
Schlucht wand sich schwerfällig über Geröll und Steine ein wasserreicher
Fluß. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand
war ganz nackt; unten aber, so nahe am Fluß, daß im Frühling und im
Herbst das Wasser ihn benetzte, drängte sich ein prächtiger Wald
zusammen, schaute in die Höhe und schaute vor sich und konnte weder
hierhin, noch dahin.
"Wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der
Wacholder zu einer fremdländischen Eiche, der er näher stand als allen
andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da
eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Fluß ging
so schwer, daß er schäumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und
heulte in den Klüften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und
fror;—"wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der Wacholder
zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll, müßten wir es
wohl sein", sagte die Fichte; sie faßte sich in den Bart und sah zu der Birke
hinüber; "was meinst Du dazu?"—Die Birke aber lugte bedächtig zu dem
Felsen empor; so schwer neigte er sich über sie, daß sie kaum atmen zu
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können meinte; "wir wollen uns in Gottes Namen ans Werk machen", sagte
die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei waren, so übernahmen sie
doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der Wacholder ging voran.
Als sie ein Stück gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der
Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, laß das Heidekraut mitgehen",
sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der Wacholder an
abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das Heidekraut. Das tat der
Wacholder, und wo nur ein winziger Riß war, steckte das Heidekraut den
Finger hinein, und wo es erst den Finger fest hatte, bekam der Wacholder
die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie hinan, die Fichte
mühselig hinterher, und die Birke auch. "Es ist ein herrliches Werk", sagte
die Birke.
Der Felsen aber begann zu überlegen, was das wohl für Kruppzeug sein
mochte, das an ihm in die Höhe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre
darüber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, der es
sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfrühling und der Bach noch schmal,
als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes Heidekraut, willst Du mich
nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte der Bach. Das Heidekraut hatte es
sehr eilig, hob sich nur ein bißchen und arbeitete weiter. Der Bach drunter
durch und vorwärts. "Lieber guter Wacholder, willst Du mich nicht
durchlassen? Ich bin so klein." Der Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn
das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach
drunter durch und vorwärts; er kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte
schnaufend die Höhe hinanstieg. "Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht
durchlassen? Ich bin so klein", sagte der Bach, küßte der Fichte die Füße
und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Fichte verlegen und ließ ihn
durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte.
"Hihihi", kicherte der Bach und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und
schwoll noch mehr an. "Hohoho", brüllte der Bach und warf Heidekraut
die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei waren, so übernahmen sie
doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der Wacholder ging voran.
Als sie ein Stück gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der
Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, laß das Heidekraut mitgehen",
sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der Wacholder an
abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das Heidekraut. Das tat der
Wacholder, und wo nur ein winziger Riß war, steckte das Heidekraut den
Finger hinein, und wo es erst den Finger fest hatte, bekam der Wacholder
die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie hinan, die Fichte
mühselig hinterher, und die Birke auch. "Es ist ein herrliches Werk", sagte
die Birke.
Der Felsen aber begann zu überlegen, was das wohl für Kruppzeug sein
mochte, das an ihm in die Höhe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre
darüber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, der es
sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfrühling und der Bach noch schmal,
als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes Heidekraut, willst Du mich
nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte der Bach. Das Heidekraut hatte es
sehr eilig, hob sich nur ein bißchen und arbeitete weiter. Der Bach drunter
durch und vorwärts. "Lieber guter Wacholder, willst Du mich nicht
durchlassen? Ich bin so klein." Der Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn
das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach
drunter durch und vorwärts; er kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte
schnaufend die Höhe hinanstieg. "Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht
durchlassen? Ich bin so klein", sagte der Bach, küßte der Fichte die Füße
und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Fichte verlegen und ließ ihn
durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte.
"Hihihi", kicherte der Bach und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und
schwoll noch mehr an. "Hohoho", brüllte der Bach und warf Heidekraut
Page 326
und Wacholder und Fichte und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem
Rücken durch die hohen Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und
dachte nach, ob er an diesem Tage wohl gelächelt hatte.
Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut
ärgerte sich so, daß es ganz grün wurde, und dann zog es von dannen. "Nur
guten Mut!" sagte das Heidekraut.
Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er
kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht saß. Er kraute sich die Haare,
machte sich auf den Weg und biß sich so fest, daß er meinte, der Felsen
müsse es fühlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte
krümmte ihre Zehen, um zu fühlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie den
einen Fuß hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch heil,
dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann wo sie
gelegen hatte, und schließlich wo sie jetzt gehen mußte. Dann schlenderte
sie los und tat, als wäre sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die Birke hatte sich
gräßlich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und putzte sich. Und dann
ging's weiter, schneller und schneller, vorwärts und seitwärts, in
Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur los?" sagte der Felsen,
wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte und die Vögel
sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang und das Wiesel
sich kreischend versteckte.
Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge über den Bergrand
sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,—und weg war
es. "Meine Güte, was mag das Heidekraut bloß sehen?" sagte der
Wacholder und kam so weit heran, daß er hinüberschauen konnte. "Aber
nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?"
sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald
konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinüberlugen. "Nein, so
Rücken durch die hohen Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und
dachte nach, ob er an diesem Tage wohl gelächelt hatte.
Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut
ärgerte sich so, daß es ganz grün wurde, und dann zog es von dannen. "Nur
guten Mut!" sagte das Heidekraut.
Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er
kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht saß. Er kraute sich die Haare,
machte sich auf den Weg und biß sich so fest, daß er meinte, der Felsen
müsse es fühlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte
krümmte ihre Zehen, um zu fühlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie den
einen Fuß hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch heil,
dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann wo sie
gelegen hatte, und schließlich wo sie jetzt gehen mußte. Dann schlenderte
sie los und tat, als wäre sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die Birke hatte sich
gräßlich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und putzte sich. Und dann
ging's weiter, schneller und schneller, vorwärts und seitwärts, in
Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur los?" sagte der Felsen,
wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte und die Vögel
sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang und das Wiesel
sich kreischend versteckte.
Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge über den Bergrand
sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,—und weg war
es. "Meine Güte, was mag das Heidekraut bloß sehen?" sagte der
Wacholder und kam so weit heran, daß er hinüberschauen konnte. "Aber
nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?"
sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald
konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinüberlugen. "Nein, so
Page 327
was!" Zweige und Nadeln sträubten sich ihr vor Verwunderung. Sie
kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was mögen all die andern
da sehen, bloß ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch und
trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf über dem
Bergrand auf. "A—a—ah!—da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten
und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Höhe und wartet
auf uns", sagte die Birke, und ihre Blätter zitterten im Sonnenschein, daß
der Tau sprühte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der
Wacholder.
Zweites Kapitel
Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hieß Margit und war
das einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr
blieb sie einmal auf einem Tanz zurück; ihre Begleiter waren schon fort,
und da dachte Margit, der Nachhauseweg würde nicht länger werden, wenn
sie noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, daß Margit so lange
dablieb, bis der Spielmann, Schneider Nils, plötzlich die Geige weglegte,
wie er immer tat, wenn er betrunken war, die andern trällern ließ, sich das
schönste Mädel holte, die Füße so sicher aufsetzte wie die Takte in einem
Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Längsten, der da war, den Hut vom
Kopf herunterholte.—"Ho!" schrie er dabei.—
Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so
wunderbar schön auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie
schlief, mußte sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder
aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, daß sie fror, zog
sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser Nacht träumte
kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was mögen all die andern
da sehen, bloß ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch und
trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf über dem
Bergrand auf. "A—a—ah!—da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten
und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Höhe und wartet
auf uns", sagte die Birke, und ihre Blätter zitterten im Sonnenschein, daß
der Tau sprühte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der
Wacholder.
Zweites Kapitel
Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hieß Margit und war
das einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr
blieb sie einmal auf einem Tanz zurück; ihre Begleiter waren schon fort,
und da dachte Margit, der Nachhauseweg würde nicht länger werden, wenn
sie noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, daß Margit so lange
dablieb, bis der Spielmann, Schneider Nils, plötzlich die Geige weglegte,
wie er immer tat, wenn er betrunken war, die andern trällern ließ, sich das
schönste Mädel holte, die Füße so sicher aufsetzte wie die Takte in einem
Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Längsten, der da war, den Hut vom
Kopf herunterholte.—"Ho!" schrie er dabei.—
Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so
wunderbar schön auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie
schlief, mußte sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder
aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, daß sie fror, zog
sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser Nacht träumte
Page 328
Margit von einer großen roten Kuh, die sich auf ihr Feld verlaufen hatte. Sie
sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch abmühte, sie konnte nicht vom
Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da und fraß so lange, bis sie satt
und rund war, und inzwischen schaute sie immer einmal aus großen,
schweren Augen zu ihr hin.
Als das nächste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder
da. Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie saß also und lauschte dem Spiel,
und es schien ihr ganz merkwürdig, daß auch die andern nicht mehr Lust
dazu hatten. Aber als es später wurde, stand der Spielmann auf, um zu
tanzen. Er ging plötzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wußte
kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils.
Bald wurde das Wetter wärmer, und man tanzte nicht mehr. In diesem
Frühjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen
krank geworden war, daß die Mutter es beinahe übertrieben fand. "Es ist
doch bloß ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte
Margit.
Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie gönne es lieber der
Mutter, sagte sie, und einer müsse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags
im Sommer, als das Wetter so schön war, daß das Heu sehr gut einen Tag
draußen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt könnten sie ruhig beide
gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als sie so
weit kamen, daß sie die Kirchenglocken hören konnten, fing sie zu weinen
an. Die Mutter wurde leichenblaß; sie gingen weiter, die Mutter voran, sie
hinterher, hörten die Predigt, sangen die Choräle bis zu Ende mit, hörten das
Gebet mit an und ließen es ausläuten, bis sie gingen. Aber als sie wieder zu
Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf zwischen beide Hände und
sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!"
sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch abmühte, sie konnte nicht vom
Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da und fraß so lange, bis sie satt
und rund war, und inzwischen schaute sie immer einmal aus großen,
schweren Augen zu ihr hin.
Als das nächste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder
da. Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie saß also und lauschte dem Spiel,
und es schien ihr ganz merkwürdig, daß auch die andern nicht mehr Lust
dazu hatten. Aber als es später wurde, stand der Spielmann auf, um zu
tanzen. Er ging plötzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wußte
kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils.
Bald wurde das Wetter wärmer, und man tanzte nicht mehr. In diesem
Frühjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen
krank geworden war, daß die Mutter es beinahe übertrieben fand. "Es ist
doch bloß ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte
Margit.
Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie gönne es lieber der
Mutter, sagte sie, und einer müsse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags
im Sommer, als das Wetter so schön war, daß das Heu sehr gut einen Tag
draußen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt könnten sie ruhig beide
gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als sie so
weit kamen, daß sie die Kirchenglocken hören konnten, fing sie zu weinen
an. Die Mutter wurde leichenblaß; sie gingen weiter, die Mutter voran, sie
hinterher, hörten die Predigt, sangen die Choräle bis zu Ende mit, hörten das
Gebet mit an und ließen es ausläuten, bis sie gingen. Aber als sie wieder zu
Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf zwischen beide Hände und
sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!"
Page 329
Wieder kam der Winter, und Margit tanzte nicht. Aber Schneider Nils
spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schluß das
schönste Mädel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzählt, daß er kriegen
könne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntöchtern im Kirchspiel;
einige fügten hinzu, Eli Böen habe selbst den Freiwerber für ihre Tochter
Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte.
Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein
Kind über die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber
sollte der Vater sein.
Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer großen Hochzeit; da
trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu und litt
beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit Böen trat
und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf, drehte sich auf
dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen. Sie sträubte sich.
Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine Dunkle, die lange dagesessen
und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz blaß war. Er bog sich ein wenig
zu ihr hinunter und flüsterte: "Magst Du mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie
antwortete nicht. Er fragte noch einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie
er fragte: "Der Tanz könnte weiter gehen, als mir lieb wäre."—Er trat
langsam von ihr zurück, aber als er mitten im Saal stand, machte er einen
Luftsprung und tanzte allein den Halling. Keiner außer ihm tanzte; alle
standen schweigend da und sahen zu.
Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und
weinte.
Margit saß mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hörte von Nils, er
jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn
wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war
Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr die
spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schluß das
schönste Mädel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzählt, daß er kriegen
könne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntöchtern im Kirchspiel;
einige fügten hinzu, Eli Böen habe selbst den Freiwerber für ihre Tochter
Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte.
Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein
Kind über die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber
sollte der Vater sein.
Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer großen Hochzeit; da
trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu und litt
beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit Böen trat
und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf, drehte sich auf
dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen. Sie sträubte sich.
Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine Dunkle, die lange dagesessen
und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz blaß war. Er bog sich ein wenig
zu ihr hinunter und flüsterte: "Magst Du mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie
antwortete nicht. Er fragte noch einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie
er fragte: "Der Tanz könnte weiter gehen, als mir lieb wäre."—Er trat
langsam von ihr zurück, aber als er mitten im Saal stand, machte er einen
Luftsprung und tanzte allein den Halling. Keiner außer ihm tanzte; alle
standen schweigend da und sahen zu.
Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und
weinte.
Margit saß mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hörte von Nils, er
jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn
wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war
Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr die
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Großmutter, wie sie fortan hieß, nicht in der Nähe war. Die Folge davon
war, daß das Kind zu seiner Großmutter Papa sagte. Es kostete Margit viel
Mühe, ihm das wieder abzugewöhnen, und sie trug hierdurch dazu bei,
frühzeitig sein Begriffsvermögen zu bilden. Er war noch ziemlich klein, als
er schon wußte, daß Schneider Nils sein Vater sei,—und als er in das Alter
kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz hat, erfuhr er auch, was für ein
Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die Großmutter hatte streng verboten,
auch nur seinen Namen zu nennen; ihr Hauptehrgeiz war, aus Kampen
einen Bauernhof zu machen, damit die Tochter und der Junge keine Sorgen
hätten. Sie nutzte die bedrängte Lage des Besitzers aus, erwarb die
Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und stand der Arbeit wie ein Mann vor,
war sie doch seit vierzehn Jahren Witwe. Kampen war ein großer Hof und
wurde noch immer erweitert, so daß er jetzt schon vier Kühe und sechzehn
Schafe ernährte und halben Anteil an einem Pferd hatte.
Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine
Einnahmen hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils
auch, weil er nicht mehr so war wie früher. Er legte sich immer mehr aufs
Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlägereien und schlimmen
Tage wurden häufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehört haben wollten.
Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett
herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer
großen Kelle. Die Großmutter saß in der Stube und spann, hatte so ihre
Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stünde das fest, was sie
dachte. Da merkte der Junge, daß er unbeobachtet war, und da sang er die
Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen
Roheit und Wildheit:
So du nicht gestern erst kommen bist,
Hast du vom Schneider Nils wohl gehört, und wie stark er ist.
war, daß das Kind zu seiner Großmutter Papa sagte. Es kostete Margit viel
Mühe, ihm das wieder abzugewöhnen, und sie trug hierdurch dazu bei,
frühzeitig sein Begriffsvermögen zu bilden. Er war noch ziemlich klein, als
er schon wußte, daß Schneider Nils sein Vater sei,—und als er in das Alter
kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz hat, erfuhr er auch, was für ein
Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die Großmutter hatte streng verboten,
auch nur seinen Namen zu nennen; ihr Hauptehrgeiz war, aus Kampen
einen Bauernhof zu machen, damit die Tochter und der Junge keine Sorgen
hätten. Sie nutzte die bedrängte Lage des Besitzers aus, erwarb die
Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und stand der Arbeit wie ein Mann vor,
war sie doch seit vierzehn Jahren Witwe. Kampen war ein großer Hof und
wurde noch immer erweitert, so daß er jetzt schon vier Kühe und sechzehn
Schafe ernährte und halben Anteil an einem Pferd hatte.
Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine
Einnahmen hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils
auch, weil er nicht mehr so war wie früher. Er legte sich immer mehr aufs
Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlägereien und schlimmen
Tage wurden häufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehört haben wollten.
Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett
herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer
großen Kelle. Die Großmutter saß in der Stube und spann, hatte so ihre
Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stünde das fest, was sie
dachte. Da merkte der Junge, daß er unbeobachtet war, und da sang er die
Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen
Roheit und Wildheit:
So du nicht gestern erst kommen bist,
Hast du vom Schneider Nils wohl gehört, und wie stark er ist.
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So du nicht bloß über Nacht her verschlagen,
Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen.
Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,—
"'s nächste Mal bleibst du drei Wochen droben!"
Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering,
Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fuß ging.
"Hallo, Schneider Nils, wo pflögst du gern der Ruh?
So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!"
"Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen!
Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!"
Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen.
Beide Kerle standen noch fest in den Knochen.
Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans.
"Wirst müd', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!"
Beim dritten Gang stürzt' er, spie Blut auf die Diel'—
"Hast wacker gespuckt, Kerl!"—"Verdammt! Wie ich fiel!"
Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn
wohl nicht gelehrt hatte:
Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee?
Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he?
Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn?
Bist du ein Mädel, so geh;—sonst ist's um dich geschehn.
Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen.
Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,—
"'s nächste Mal bleibst du drei Wochen droben!"
Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering,
Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fuß ging.
"Hallo, Schneider Nils, wo pflögst du gern der Ruh?
So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!"
"Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen!
Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!"
Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen.
Beide Kerle standen noch fest in den Knochen.
Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans.
"Wirst müd', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!"
Beim dritten Gang stürzt' er, spie Blut auf die Diel'—
"Hast wacker gespuckt, Kerl!"—"Verdammt! Wie ich fiel!"
Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn
wohl nicht gelehrt hatte:
Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee?
Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he?
Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn?
Bist du ein Mädel, so geh;—sonst ist's um dich geschehn.
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Diese beiden Verse kannte aber die Großmutter und sie fielen ihr ein,
zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts, zur
Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur gut
bei,—vergiß die beiden letzten Verse nicht!"—
Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, daß er nicht
mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende.
Da geschah es, daß zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hörten,
in der Nähe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und
Gebräuche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen Taler
für die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den tanzen,
so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn selbst zu
tanzen; "er könne es doch am besten." Er weigerte sich, aber nur um so
hartnäckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie einstimmig, und das
gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem andern, zog den Rock aus,
nahm die Mütze ab, trat in den Kreis und lächelte. Jetzt folgte ihm die alte
Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch die alte Kraft. Die Zuschauer
drängten sich so dicht wie möglich zusammen, die hintersten kletterten auf
Tische und Bänke, ein paar Mädchen standen höher als alle andern,—und
die vorderste von ihnen,—die Große mit dem hellen,
bräunlichschimmernden Haar und den blauen, tiefliegenden Augen unter
der kräftigen Stirn und mit einem breiten Munde, der oft lächelte und sich
dann immer nach einer Seite verzog,—war Birgit Böen. Nils gewahrte sie,
als er zu den Deckenbalken emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille
entstand, und er trat zum Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich
im Takt der Musik halb auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den
Beinen, warf sie ab und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte
sich wie zum Wurf bereit und ging dann wieder schräg wie vorhin. Die
Fiedel wurde von tüchtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer
feuriger. Nils bog den Kopf immer weiter zurück, und plötzlich lag der
zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts, zur
Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur gut
bei,—vergiß die beiden letzten Verse nicht!"—
Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, daß er nicht
mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende.
Da geschah es, daß zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hörten,
in der Nähe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und
Gebräuche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen Taler
für die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den tanzen,
so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn selbst zu
tanzen; "er könne es doch am besten." Er weigerte sich, aber nur um so
hartnäckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie einstimmig, und das
gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem andern, zog den Rock aus,
nahm die Mütze ab, trat in den Kreis und lächelte. Jetzt folgte ihm die alte
Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch die alte Kraft. Die Zuschauer
drängten sich so dicht wie möglich zusammen, die hintersten kletterten auf
Tische und Bänke, ein paar Mädchen standen höher als alle andern,—und
die vorderste von ihnen,—die Große mit dem hellen,
bräunlichschimmernden Haar und den blauen, tiefliegenden Augen unter
der kräftigen Stirn und mit einem breiten Munde, der oft lächelte und sich
dann immer nach einer Seite verzog,—war Birgit Böen. Nils gewahrte sie,
als er zu den Deckenbalken emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille
entstand, und er trat zum Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich
im Takt der Musik halb auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den
Beinen, warf sie ab und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte
sich wie zum Wurf bereit und ging dann wieder schräg wie vorhin. Die
Fiedel wurde von tüchtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer
feuriger. Nils bog den Kopf immer weiter zurück, und plötzlich lag der
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Stiefelabsatz am Deckenbalken, daß der Staub herunterrieselte. Alle lachten
und kreischten um ihn herum, die Mädchen hielten den Atem an. Die
Melodie jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Sprüngen an. Er
widerstand ihr auch nicht, bog den Körper vornüber, hüpfte im Takt,
richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam wieder
ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an Springen, da
donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und noch einmal,
dann ein Purzelbaum vornüber, hintenüber—und immer stand er wieder
kerzengrade auf den Füßen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die Fiedel machte
ein paar kecke Läufe, ging in einen tieferen Ton über, in dem sie zitternd
verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich auf der Baßsaite. Die
Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gespräch, in das sich Rufe und
Gekreisch mischten, löste die Stille ab. Nils lehnte sich gegen die Wand; da
kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin zu ihm und gaben ihm
jeder fünf Taler. Wieder Stille.
Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf
fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle
bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern drängten sich
so nahe wie möglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort. "Wann?"
fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete Birgit Böens
Augen und ließ sie nicht mehr los.—"In einer Woche, wenn wir
zurückkommen", war die Antwort.—"Es kann schon sein, daß ich bis dahin
bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fünftalerstücke in der Hand.—
Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gestützt, der neben ihm
stand, und er zitterte so, daß der Mann ihn auf die Bank setzen wollte.
"Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte
über die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen
Hoppser.
und kreischten um ihn herum, die Mädchen hielten den Atem an. Die
Melodie jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Sprüngen an. Er
widerstand ihr auch nicht, bog den Körper vornüber, hüpfte im Takt,
richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam wieder
ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an Springen, da
donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und noch einmal,
dann ein Purzelbaum vornüber, hintenüber—und immer stand er wieder
kerzengrade auf den Füßen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die Fiedel machte
ein paar kecke Läufe, ging in einen tieferen Ton über, in dem sie zitternd
verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich auf der Baßsaite. Die
Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gespräch, in das sich Rufe und
Gekreisch mischten, löste die Stille ab. Nils lehnte sich gegen die Wand; da
kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin zu ihm und gaben ihm
jeder fünf Taler. Wieder Stille.
Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf
fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle
bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern drängten sich
so nahe wie möglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort. "Wann?"
fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete Birgit Böens
Augen und ließ sie nicht mehr los.—"In einer Woche, wenn wir
zurückkommen", war die Antwort.—"Es kann schon sein, daß ich bis dahin
bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fünftalerstücke in der Hand.—
Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gestützt, der neben ihm
stand, und er zitterte so, daß der Mann ihn auf die Bank setzen wollte.
"Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte
über die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen
Hoppser.
Page 334
Die Mädchen standen vorn, er schaute sich lange und prüfend um, und
ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit
Böen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich
zurück, nahm Eine neben ihr und tanzte übermütig mit der davon. Das Blut
schoß Birgit in Hals und Gesicht. Ein großer Mann mit einem gütigen
Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr—dicht
hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, daß er so
heftig gegen sie antanzte, daß der Mann und Birgit mit großem Gepolter zu
Fall kamen. Gelächter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand
mühsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich.
Der Mann mit dem gutmütigen Gesicht kam langsamer in die Höhe, ging
aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hör' mal einen
Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte
ihn der Mann am Arm. Nils riß sich los und sah ihn groß an. "Ich kenne
Dich nicht", sagte er lächelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen
lernen", sagte der Mann mit dem gütigen Gesicht und versetzte ihm einen
Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefaßt gewesen war,
stürzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom
Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht;
ihm war das Rückgrat gebrochen.
Auf Kampen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Die
Großmutter hatte in der letzten Zeit gekränkelt; als das anfing, hatte sie
emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann
hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und läßt Du einen herein,
der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den
Herbst zu hatte sie auch die Freude, daß sie mit dem letzten Rest der Schuld
zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie
wieder daheim auf der Bank saß und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's
erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum
ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit
Böen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich
zurück, nahm Eine neben ihr und tanzte übermütig mit der davon. Das Blut
schoß Birgit in Hals und Gesicht. Ein großer Mann mit einem gütigen
Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr—dicht
hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, daß er so
heftig gegen sie antanzte, daß der Mann und Birgit mit großem Gepolter zu
Fall kamen. Gelächter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand
mühsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich.
Der Mann mit dem gutmütigen Gesicht kam langsamer in die Höhe, ging
aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hör' mal einen
Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte
ihn der Mann am Arm. Nils riß sich los und sah ihn groß an. "Ich kenne
Dich nicht", sagte er lächelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen
lernen", sagte der Mann mit dem gütigen Gesicht und versetzte ihm einen
Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefaßt gewesen war,
stürzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom
Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht;
ihm war das Rückgrat gebrochen.
Auf Kampen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Die
Großmutter hatte in der letzten Zeit gekränkelt; als das anfing, hatte sie
emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann
hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und läßt Du einen herein,
der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den
Herbst zu hatte sie auch die Freude, daß sie mit dem letzten Rest der Schuld
zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie
wieder daheim auf der Bank saß und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's
erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum
Page 335
Ausbruch; sie mußte ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter ließ sie
an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schönen
Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers
aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus
ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug für den Knaben gemacht, und als
er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wäre die Großmutter
wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das
großgedruckte Gesangbuch, aus dem die Großmutter jeden Sonntag
vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die
hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrühren dürfen; jetzt nahm er sie
ängstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch.
Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwürdig, dachte der
Junge; damit konnte die Großmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch
gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen könne, und—da lag die
Brille in Scherben auf der Erde!
Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tür
aufging, meinte er, nun werde die Großmutter hereinkommen; es war aber
seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Männer, die unter großem
Lärm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf
den Boden hinsetzten. Die Tür blieb weit hinter ihnen offen stehen, so daß
es kalt in der Stube wurde.
Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die
Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und
griff selbst mit zu. Wie aber die Männer ihn hineintrugen, knirschte etwas
unter ihren Füßen. "Ach, das ist bloß Großmutters Brille", dachte der Junge,
sagte es aber nicht.
an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schönen
Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers
aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus
ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug für den Knaben gemacht, und als
er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wäre die Großmutter
wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das
großgedruckte Gesangbuch, aus dem die Großmutter jeden Sonntag
vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die
hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrühren dürfen; jetzt nahm er sie
ängstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch.
Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwürdig, dachte der
Junge; damit konnte die Großmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch
gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen könne, und—da lag die
Brille in Scherben auf der Erde!
Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tür
aufging, meinte er, nun werde die Großmutter hereinkommen; es war aber
seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Männer, die unter großem
Lärm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf
den Boden hinsetzten. Die Tür blieb weit hinter ihnen offen stehen, so daß
es kalt in der Stube wurde.
Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die
Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und
griff selbst mit zu. Wie aber die Männer ihn hineintrugen, knirschte etwas
unter ihren Füßen. "Ach, das ist bloß Großmutters Brille", dachte der Junge,
sagte es aber nicht.
Page 336
Drittes Kapitel
Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu
Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er
möge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und
schrie, indem er die Zähne zusammenbiß: "Laß sie zur Hölle fahren!"
Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und
nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Laß sie—reisen!"
Zum Winter war er so weit, daß er aufrecht sitzen konnte, wenn auch
seine Gesundheit für immer zerrüttet war. Als er das erstemal auf war, holte
er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, daß er
wieder ins Bett mußte. Er war sehr wortkarg, doch umgänglich, und nach
einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu
nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er
nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war
immer verstimmt hinterher; da ließ sie es sein.
Gegen den Frühling saßen er und Margit länger als gewöhnlich nach dem
Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett
geschickt. Anfang des Frühlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und
dann in aller Stille getraut.
Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verständig und
ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und
Freude. Nun mußt Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu
Liebe tun."
Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blühend gewesen; sie
hatte ein rosiges Gesicht und sehr große Augen, die noch größer aussahen,
weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein
Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu
Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er
möge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und
schrie, indem er die Zähne zusammenbiß: "Laß sie zur Hölle fahren!"
Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und
nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Laß sie—reisen!"
Zum Winter war er so weit, daß er aufrecht sitzen konnte, wenn auch
seine Gesundheit für immer zerrüttet war. Als er das erstemal auf war, holte
er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, daß er
wieder ins Bett mußte. Er war sehr wortkarg, doch umgänglich, und nach
einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu
nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er
nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war
immer verstimmt hinterher; da ließ sie es sein.
Gegen den Frühling saßen er und Margit länger als gewöhnlich nach dem
Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett
geschickt. Anfang des Frühlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und
dann in aller Stille getraut.
Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verständig und
ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und
Freude. Nun mußt Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu
Liebe tun."
Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blühend gewesen; sie
hatte ein rosiges Gesicht und sehr große Augen, die noch größer aussahen,
weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein
Page 337
rundliches Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so
große Kräfte hatte. In dieser Zeit sah sie hübscher aus als je und sang nach
ihrer Art in einemfort bei der Arbeit.
Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um
zu sehen, wie dies Jahr die Äcker ständen. Arne sprang um seinen Vater
herum und schoß mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst
gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus
in das sogenannte Breite Dorf hinunterführte. Nils setzte sich auf einen
Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoß den Weg
entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu.
"Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war,
blieb er lauschend stehen. "Vater, ich höre Musik." Der lauschte auch; man
hörte Geigenklänge, zuweilen übertönt von Rufen und wildem Lärm, dabei
beständig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der
Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hörte am
Ton, daß er schnell kommen müsse. Der Vater war eilig aufgestanden und
versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;—"nicht
hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.—Schon bog die
Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde
schäumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und
Sohn zählten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten saßen
zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein
Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der
hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie lächelte, und dabei verzog
sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr saß ein Mann im blauen
Anzug mit einem gütigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Männer
saßen den Frauen auf dem Schoß, hintenauf saßen Kinder, Betrunkene
fuhren zu Sechsen in einem Einspänner, der Marketender saß im letzten
Wagen und hatte ein Faß mit Branntwein auf dem Schoß. Sie zogen unter
Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhöhe
große Kräfte hatte. In dieser Zeit sah sie hübscher aus als je und sang nach
ihrer Art in einemfort bei der Arbeit.
Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um
zu sehen, wie dies Jahr die Äcker ständen. Arne sprang um seinen Vater
herum und schoß mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst
gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus
in das sogenannte Breite Dorf hinunterführte. Nils setzte sich auf einen
Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoß den Weg
entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu.
"Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war,
blieb er lauschend stehen. "Vater, ich höre Musik." Der lauschte auch; man
hörte Geigenklänge, zuweilen übertönt von Rufen und wildem Lärm, dabei
beständig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der
Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hörte am
Ton, daß er schnell kommen müsse. Der Vater war eilig aufgestanden und
versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;—"nicht
hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.—Schon bog die
Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde
schäumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und
Sohn zählten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten saßen
zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein
Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der
hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie lächelte, und dabei verzog
sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr saß ein Mann im blauen
Anzug mit einem gütigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Männer
saßen den Frauen auf dem Schoß, hintenauf saßen Kinder, Betrunkene
fuhren zu Sechsen in einem Einspänner, der Marketender saß im letzten
Wagen und hatte ein Faß mit Branntwein auf dem Schoß. Sie zogen unter
Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhöhe
Page 338
hinunter; das Geigenspiel, das Gekreisch und das Wagengerassel klang aus
der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten
Aufschrei herüber, dann nur noch ein dumpfes Dröhnen und dann nichts
mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder
zum Vorschein.
"Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater
machte ein so böses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die
Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam. Schließlich,
schließlich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein: "Wollen wir jetzt
gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem Brautzuge nach, raffte
sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er legte einen Pfeil auf den
Bogen, schoß ihn ab und lief hinterdrein. "Tritt das Gras nicht 'runter",
sagte Nils kurz. Der Junge ließ den Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer
Weile hatte er das wieder vergessen, und als sein Vater einmal still stand,
legte er sich hin und schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich
gesagt"; dabei wurde er am Arm gepackt und in die Höhe gerissen, als solle
der Arm aus dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher.
In der Tür wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo
sie tüchtige Arbeit gehabt haben mußte, denn ihr Haar war zerzaust, ihr
Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tür und
lachte: "Ein paar Kühe hatten sich losgerissen und trieben allerhand Unfug;
jetzt sind sie wieder fest."—"Du könntest Dich Sonntags auch wohl ein
bißchen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr vorbei in die
Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo meine Arbeit
getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch gleich damit an
und sang, während sie sich putzte. Nun sang Margit recht hübsch, aber
bisweilen war ihre Stimme ein bißchen hart. "Hör' mit dem Gegröhle auf",
sagte Nils; er hatte sich der Länge nach aufs Bett geworfen. Margit hielt
inne. Da kam der Junge hereingestürmt: "Hier ist ein großer schwarzer
der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten
Aufschrei herüber, dann nur noch ein dumpfes Dröhnen und dann nichts
mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder
zum Vorschein.
"Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater
machte ein so böses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die
Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam. Schließlich,
schließlich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein: "Wollen wir jetzt
gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem Brautzuge nach, raffte
sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er legte einen Pfeil auf den
Bogen, schoß ihn ab und lief hinterdrein. "Tritt das Gras nicht 'runter",
sagte Nils kurz. Der Junge ließ den Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer
Weile hatte er das wieder vergessen, und als sein Vater einmal still stand,
legte er sich hin und schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich
gesagt"; dabei wurde er am Arm gepackt und in die Höhe gerissen, als solle
der Arm aus dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher.
In der Tür wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo
sie tüchtige Arbeit gehabt haben mußte, denn ihr Haar war zerzaust, ihr
Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tür und
lachte: "Ein paar Kühe hatten sich losgerissen und trieben allerhand Unfug;
jetzt sind sie wieder fest."—"Du könntest Dich Sonntags auch wohl ein
bißchen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr vorbei in die
Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo meine Arbeit
getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch gleich damit an
und sang, während sie sich putzte. Nun sang Margit recht hübsch, aber
bisweilen war ihre Stimme ein bißchen hart. "Hör' mit dem Gegröhle auf",
sagte Nils; er hatte sich der Länge nach aufs Bett geworfen. Margit hielt
inne. Da kam der Junge hereingestürmt: "Hier ist ein großer schwarzer
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Hund auf dem Hof, ein häßlicher Köter—!"—"Halt's Maul, Junge", sagte
Nils vom Bett her und streckte einen Fuß hervor, um damit auf den Boden
zu stampfen: "Den Bengel muß der Teufel reiten", brummte er dann und
zog den Fuß wieder in die Höhe. Die Mutter drohte dem Knaben. "Du
siehst doch, daß Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte sie. "Möchtest Du
etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie wollte ihn gern
wieder versöhnen. Das war ein Getränk, das die Großmutter sehr geliebt
hatte und die andern auch. Nils mochte es gar nicht, aber er hatte es doch
getrunken, weil die andern es auch taten. "Möchtest Du nicht etwas starken
Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte Margit, weil er das erstemal nicht
geantwortet hatte. Nils stützte sich auf die Ellbogen und brüllte: "Meinst
Du, ich will dies Gemantsch hinunterwürgen?"—Margit war höchlichst
erstaunt, nahm ihren Jungen mit und ging hinaus.
Sie hatten verschiedenes draußen zu tun und kamen erst zum Abendbrot
wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt,
um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen beinahe
kalt geworden war, aßen dann, und noch immer war Nils nicht da. Margit
wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz nach
Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte sie. "Was
geht Dich das an?" antwortete er und ließ sich langsam auf der Bank nieder.
Er war betrunken.
In der nächsten Zeit war Nils oft im Dorf, und beständig kam er bezecht
heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal, als er
kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da stampfte er mit
den Füßen auf und hieß sie schweigen; wenn er betrunken sei, so sei es ihre
Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre Schuld; wenn er für sein
ganzes Leben ein Krüppel und ein unglücklicher Mensch sei, so sei auch
das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten Bengels Schuld. "Warum bist Du
mir beständig nachgelaufen?" sagte er schluchzend. "Was hatte ich Dir
Nils vom Bett her und streckte einen Fuß hervor, um damit auf den Boden
zu stampfen: "Den Bengel muß der Teufel reiten", brummte er dann und
zog den Fuß wieder in die Höhe. Die Mutter drohte dem Knaben. "Du
siehst doch, daß Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte sie. "Möchtest Du
etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie wollte ihn gern
wieder versöhnen. Das war ein Getränk, das die Großmutter sehr geliebt
hatte und die andern auch. Nils mochte es gar nicht, aber er hatte es doch
getrunken, weil die andern es auch taten. "Möchtest Du nicht etwas starken
Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte Margit, weil er das erstemal nicht
geantwortet hatte. Nils stützte sich auf die Ellbogen und brüllte: "Meinst
Du, ich will dies Gemantsch hinunterwürgen?"—Margit war höchlichst
erstaunt, nahm ihren Jungen mit und ging hinaus.
Sie hatten verschiedenes draußen zu tun und kamen erst zum Abendbrot
wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt,
um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen beinahe
kalt geworden war, aßen dann, und noch immer war Nils nicht da. Margit
wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz nach
Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte sie. "Was
geht Dich das an?" antwortete er und ließ sich langsam auf der Bank nieder.
Er war betrunken.
In der nächsten Zeit war Nils oft im Dorf, und beständig kam er bezecht
heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal, als er
kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da stampfte er mit
den Füßen auf und hieß sie schweigen; wenn er betrunken sei, so sei es ihre
Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre Schuld; wenn er für sein
ganzes Leben ein Krüppel und ein unglücklicher Mensch sei, so sei auch
das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten Bengels Schuld. "Warum bist Du
mir beständig nachgelaufen?" sagte er schluchzend. "Was hatte ich Dir
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getan, daß Du mich nicht in Frieden lassen konntest?"—"Gott soll mich
behüten und bewahren," sagte Margit, "ich wäre Dir nachgelaufen?"—"Ja,
das bist Du!" schrie er und stand auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast
Du es ja, wie Du es haben wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum
und sehe Tag für Tag mein eigen Grab vor Augen. Aber ich hätte in
Herrlichkeit und Freuden mit der schönsten Bauerntochter im ganzen Dorf
leben können; ich hätte reisen können, soweit die Sonne reicht,—hättest Du
mit Deinem verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie
versuchte wieder, sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die
Schuld des Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er
schlug sie.
Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schämte er
sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er
von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schließlich schlug er
die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte und
jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so groß, daß
er aus dem Hause mußte. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder; wie
früher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, daß er ihm den Kasten
trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, daß er mit mußte,
wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott und lerne
nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz aber war es sehr
lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht lustig. Er wandte sich
immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah es und schwieg. Beim
Tanz lernte er manche Weise, und die sang er nachher dem Vater vor. Dem
machte es Spaß, und zuweilen brachte der Junge ihn zum Lachen. Das
schmeichelte dem Jungen so, daß er sich fortan Mühe gab, soviele Lieder
wie möglich zu lernen; bald merkte er sich auch, welche Art von Liedern
der Vater am liebsten mochte, und bei welchen Stellen er lachte. Wenn so
etwas nicht in den Liedern war, dann legte der Junge es, so gut er konnte,
hinein; das gab ihm frühzeitig Übung, Worte nach einer Melodie
behüten und bewahren," sagte Margit, "ich wäre Dir nachgelaufen?"—"Ja,
das bist Du!" schrie er und stand auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast
Du es ja, wie Du es haben wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum
und sehe Tag für Tag mein eigen Grab vor Augen. Aber ich hätte in
Herrlichkeit und Freuden mit der schönsten Bauerntochter im ganzen Dorf
leben können; ich hätte reisen können, soweit die Sonne reicht,—hättest Du
mit Deinem verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie
versuchte wieder, sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die
Schuld des Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er
schlug sie.
Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schämte er
sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er
von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schließlich schlug er
die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte und
jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so groß, daß
er aus dem Hause mußte. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder; wie
früher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, daß er ihm den Kasten
trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, daß er mit mußte,
wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott und lerne
nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz aber war es sehr
lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht lustig. Er wandte sich
immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah es und schwieg. Beim
Tanz lernte er manche Weise, und die sang er nachher dem Vater vor. Dem
machte es Spaß, und zuweilen brachte der Junge ihn zum Lachen. Das
schmeichelte dem Jungen so, daß er sich fortan Mühe gab, soviele Lieder
wie möglich zu lernen; bald merkte er sich auch, welche Art von Liedern
der Vater am liebsten mochte, und bei welchen Stellen er lachte. Wenn so
etwas nicht in den Liedern war, dann legte der Junge es, so gut er konnte,
hinein; das gab ihm frühzeitig Übung, Worte nach einer Melodie
Page 341
zusammenzusetzen. Spottlieder und häßliche Dinge über Leute, die zu
Ansehen und Wohlstand gekommen, waren dem Vater die liebsten, und der
Junge sang sie.
Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen;
allerhand Vorwände fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts
nützte und er mit mußte, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott
und allem Guten und schloß meistens damit, daß sie ihn unter heißen
Tränen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter Mensch
zu werden.
Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war außerordentlich gelehrig.
Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm—besonders wenn er
betrunken war—, er habe seinen Kopf.
Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne
aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter
Gelächter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem
Sohn beinahe noch mehr Spaß als dem Vater, und schließlich wollten die
Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte Mütter,
die es mitanhörten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen mit ihr
darüber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein sollte. Die
Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott und allem
Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als ob alles, was
ihm Spaß mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzählte zum erstenmal
seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das mußte sie schwer büßen, als
der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer alles bis dahin auf.
Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan hatte, und in seiner Seele
bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich nicht überwinden konnte, es
offenkundig zu tun. Die Mutter war gütig wie immer gegen ihn, und das
schnitt ihm ins Herz.
Ansehen und Wohlstand gekommen, waren dem Vater die liebsten, und der
Junge sang sie.
Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen;
allerhand Vorwände fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts
nützte und er mit mußte, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott
und allem Guten und schloß meistens damit, daß sie ihn unter heißen
Tränen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter Mensch
zu werden.
Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war außerordentlich gelehrig.
Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm—besonders wenn er
betrunken war—, er habe seinen Kopf.
Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne
aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter
Gelächter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem
Sohn beinahe noch mehr Spaß als dem Vater, und schließlich wollten die
Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte Mütter,
die es mitanhörten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen mit ihr
darüber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein sollte. Die
Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott und allem
Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als ob alles, was
ihm Spaß mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzählte zum erstenmal
seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das mußte sie schwer büßen, als
der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer alles bis dahin auf.
Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan hatte, und in seiner Seele
bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich nicht überwinden konnte, es
offenkundig zu tun. Die Mutter war gütig wie immer gegen ihn, und das
schnitt ihm ins Herz.
Page 342
Einmal vergaß er es aber. Er hatte die Gabe, alle Leute nachmachen zu
können; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen.
Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater damit
unterhielt, und als sie wieder draußen war, kam der Vater auf den Einfall, er
solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich anfangs; sein
Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen schüttelte, bestand darauf,
daß er auch nachmachen sollte, wie die Mutter sang. "Sie ist ja nicht da,"
dachte der Junge, "und kann es nicht hören", und er machte ihr nach, wie
ihre Stimme manchmal klang, wenn sie heiser und tränenerstickt war. Der
Vater lachte, daß es dem Jungen fast unheimlich wurde, und er hörte von
selbst auf. Da kam die Mutter von der Küche herein, sah den Jungen lange
und traurig an, holte eine Milchschüssel vom Brett und trug sie hinaus.
Ihn überlief es siedend heiß; sie hatte alles gehört. Er sprang vom Tisch,
auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf die Erde und
hätte sich am liebsten darin begraben. Es ließ ihm keine Ruh, er stand auf
und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei, und dahinter saß die
Mutter und nähte gerade an einem schönen neuen Hemd für ihn. Sie pflegte
sonst, wenn sie so dasaß, ein Kirchenlied bei der Arbeit zu singen; jetzt aber
sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie saß nur und nähte. Da konnte Arne
es nicht länger aushalten; er warf sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr
auf und schluchzte, daß er am ganzen Körper bebte. Die Mutter ließ die
Arbeit sinken und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. "Armer Arne",
sagte sie und legte ihren Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein
Wort zu sagen, sondern weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wußte
ja, Du bist im Grunde gut", sagte seine Mutter und strich ihm übers Haar.
"Mutter, Du darfst nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das
erste, was er sagen konnte. "Du weißt, das tue ich auch nicht", antwortete
sie. Er versuchte, seiner Tränen Herr zu werden und dann stieß er, den Kopf
in ihrem Schoß, heraus: "Mutter—sing mir etwas vor!"—"Ich kann ja nicht,
mein Junge", sagte sie leise.—"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der
können; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen.
Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater damit
unterhielt, und als sie wieder draußen war, kam der Vater auf den Einfall, er
solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich anfangs; sein
Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen schüttelte, bestand darauf,
daß er auch nachmachen sollte, wie die Mutter sang. "Sie ist ja nicht da,"
dachte der Junge, "und kann es nicht hören", und er machte ihr nach, wie
ihre Stimme manchmal klang, wenn sie heiser und tränenerstickt war. Der
Vater lachte, daß es dem Jungen fast unheimlich wurde, und er hörte von
selbst auf. Da kam die Mutter von der Küche herein, sah den Jungen lange
und traurig an, holte eine Milchschüssel vom Brett und trug sie hinaus.
Ihn überlief es siedend heiß; sie hatte alles gehört. Er sprang vom Tisch,
auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf die Erde und
hätte sich am liebsten darin begraben. Es ließ ihm keine Ruh, er stand auf
und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei, und dahinter saß die
Mutter und nähte gerade an einem schönen neuen Hemd für ihn. Sie pflegte
sonst, wenn sie so dasaß, ein Kirchenlied bei der Arbeit zu singen; jetzt aber
sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie saß nur und nähte. Da konnte Arne
es nicht länger aushalten; er warf sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr
auf und schluchzte, daß er am ganzen Körper bebte. Die Mutter ließ die
Arbeit sinken und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. "Armer Arne",
sagte sie und legte ihren Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein
Wort zu sagen, sondern weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wußte
ja, Du bist im Grunde gut", sagte seine Mutter und strich ihm übers Haar.
"Mutter, Du darfst nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das
erste, was er sagen konnte. "Du weißt, das tue ich auch nicht", antwortete
sie. Er versuchte, seiner Tränen Herr zu werden und dann stieß er, den Kopf
in ihrem Schoß, heraus: "Mutter—sing mir etwas vor!"—"Ich kann ja nicht,
mein Junge", sagte sie leise.—"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der
Page 343
Junge, "oder ich glaube, ich darf Dir nie mehr in die Augen sehen." Sie
strich ihm übers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hörst Du!
Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, daß ich nie mehr nach
Hause kommen kann." Und während der große vierzehnjährige Junge so
dalag, den Kopf in der Mutter Schoß, fing sie, über ihn gebeugt, zu singen
an:
Der du, Herr, um mein Sorgen weißt,
Schütze mir meinen Jungen!
Schick ihm deinen Heiligen Geist,
Kommt er zum Strande gesprungen!
Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt;
Aber wenn er den Arm um ihn legt,
Tut ihm die Welle nicht Schaden,
Bis du ihn rettest voll Gnaden.
Bange sitzt die Mutter zu Haus:
Ob ihm ein Unglück geschehen?
Tritt in die Türe, ruft hinaus…
Nichts ist zu hören, zu sehen.
Tröstet sich endlich: ob hier, ob da
Du und er, ihr seid ihm ja nah;
Jesulein, ihm zur Seiten,
Wird ihn nach Haus geleiten.
Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam
über ihn, und er fühlte eine erquickende Müdigkeit. Das letzte, was er
deutlich hörte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf, und
ihm war, als singe da ein Chor von zwölf oder dreizehn Stimmen; die
Stimme seiner Mutter hörte er aber aus allen heraus. Schönere Töne hatte er
nie gehört; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu können,
wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang noch einmal
strich ihm übers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hörst Du!
Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, daß ich nie mehr nach
Hause kommen kann." Und während der große vierzehnjährige Junge so
dalag, den Kopf in der Mutter Schoß, fing sie, über ihn gebeugt, zu singen
an:
Der du, Herr, um mein Sorgen weißt,
Schütze mir meinen Jungen!
Schick ihm deinen Heiligen Geist,
Kommt er zum Strande gesprungen!
Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt;
Aber wenn er den Arm um ihn legt,
Tut ihm die Welle nicht Schaden,
Bis du ihn rettest voll Gnaden.
Bange sitzt die Mutter zu Haus:
Ob ihm ein Unglück geschehen?
Tritt in die Türe, ruft hinaus…
Nichts ist zu hören, zu sehen.
Tröstet sich endlich: ob hier, ob da
Du und er, ihr seid ihm ja nah;
Jesulein, ihm zur Seiten,
Wird ihn nach Haus geleiten.
Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam
über ihn, und er fühlte eine erquickende Müdigkeit. Das letzte, was er
deutlich hörte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf, und
ihm war, als singe da ein Chor von zwölf oder dreizehn Stimmen; die
Stimme seiner Mutter hörte er aber aus allen heraus. Schönere Töne hatte er
nie gehört; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu können,
wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang noch einmal
Page 344
ganz leise und immer noch leiser, und es klang schon ganz holdselig, als er
vor Freude darüber mit kräftiger Stimme einsetzte, und weg war es. Er
wachte auf, sah sich um und lauschte, hörte aber nichts als das ewige
Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem stetigen
Plätschern dicht an der Scheune vorbeifloß. Die Mutter war fort; sie hatte
das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf geschoben.
Viertes Kapitel
Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide
getrieben werden sollte, wollte er es hüten. Sein Vater war dagegen; er habe
bis jetzt doch noch nie das Vieh gehütet und sei jetzt schon im fünfzehnten
Jahr. Er wußte aber so schön zu bitten, daß er zuletzt seinen Willen bekam,
und den ganzen Frühling, Sommer und Herbst über war er nur zum
Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im Walde.
In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Bücher mit; er las und schnitt
Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnsüchtig einher und
sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater häufig
betrunken, mißhandelte die Mutter, verwünschte sie und das ganze Dorf,
und sprach davon, daß er einmal die weite, weite Welt hätte sehen können.
Da kam auch über den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu ziehen. Zu
Hause war es schrecklich, und seine Bücher lockten ihn hinaus, und
manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft über den hohen Bergen.
Da geschah es, daß er im Mittsommer mit Kristian, dem ältesten Sohn
des Kapitäns zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen
war, um die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr älter als
Arne, leichtherzig und lustig, unbeständig in seinen Gedanken, aber trotz
vor Freude darüber mit kräftiger Stimme einsetzte, und weg war es. Er
wachte auf, sah sich um und lauschte, hörte aber nichts als das ewige
Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem stetigen
Plätschern dicht an der Scheune vorbeifloß. Die Mutter war fort; sie hatte
das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf geschoben.
Viertes Kapitel
Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide
getrieben werden sollte, wollte er es hüten. Sein Vater war dagegen; er habe
bis jetzt doch noch nie das Vieh gehütet und sei jetzt schon im fünfzehnten
Jahr. Er wußte aber so schön zu bitten, daß er zuletzt seinen Willen bekam,
und den ganzen Frühling, Sommer und Herbst über war er nur zum
Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im Walde.
In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Bücher mit; er las und schnitt
Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnsüchtig einher und
sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater häufig
betrunken, mißhandelte die Mutter, verwünschte sie und das ganze Dorf,
und sprach davon, daß er einmal die weite, weite Welt hätte sehen können.
Da kam auch über den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu ziehen. Zu
Hause war es schrecklich, und seine Bücher lockten ihn hinaus, und
manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft über den hohen Bergen.
Da geschah es, daß er im Mittsommer mit Kristian, dem ältesten Sohn
des Kapitäns zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen
war, um die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr älter als
Arne, leichtherzig und lustig, unbeständig in seinen Gedanken, aber trotz
Page 345
allem stark an Willen. Er sprach hastig und abgerissen, am liebsten von
zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, schoß die Vögel im
Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller
Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzählte Arne von
fremden Ländern, daß ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude
am Lesen, und da brachte er ihm die Bücher mit, die er selbst gelesen hatte;
wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags saß er selbst neben
ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu studieren habe,
und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, daß er ganz blaß
und mager wurde.
Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im nächsten Jahr
konfirmiert werden sollte, außerdem aber auch mit dem Vater gut
umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule
machte er am liebsten die Augen zu und träumte sich nach Hause zu seinen
Büchern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr.
Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine
Trunksucht und seine körperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne
trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten mußte, um der Mutter für eine
Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen mußte, die er jetzt aus
tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Haß auf seinen Vater. Den
verschloß er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner Mutter. Kam er mit
Kristian zusammen, so war viel von großen Reisen und von den Büchern
die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei ihm zu Hause
zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden Gesprächen
allein heimwärts zog und daran dachte, was ihm nun wieder bevorstehen
mochte, weinte er und betete zu dem Gott über den Sternen, er möge es
fügen, daß er bald in die Ferne ziehen dürfe.
zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, schoß die Vögel im
Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller
Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzählte Arne von
fremden Ländern, daß ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude
am Lesen, und da brachte er ihm die Bücher mit, die er selbst gelesen hatte;
wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags saß er selbst neben
ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu studieren habe,
und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, daß er ganz blaß
und mager wurde.
Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im nächsten Jahr
konfirmiert werden sollte, außerdem aber auch mit dem Vater gut
umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule
machte er am liebsten die Augen zu und träumte sich nach Hause zu seinen
Büchern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr.
Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine
Trunksucht und seine körperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne
trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten mußte, um der Mutter für eine
Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen mußte, die er jetzt aus
tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Haß auf seinen Vater. Den
verschloß er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner Mutter. Kam er mit
Kristian zusammen, so war viel von großen Reisen und von den Büchern
die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei ihm zu Hause
zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden Gesprächen
allein heimwärts zog und daran dachte, was ihm nun wieder bevorstehen
mochte, weinte er und betete zu dem Gott über den Sternen, er möge es
fügen, daß er bald in die Ferne ziehen dürfe.
Page 346
Im Sommer wurden Kristian und er konfirmiert. Kurz darauf setzte
Kristian seinen Plan durch. Sein Vater mußte ihn fortlassen, damit er
Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Bücher, versprach fleißig
zu schreiben—und reiste ab.
Nun stand Arne allein.
In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht
mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein.
Aber ihm war schließlich das Herz zu schwer, und der Kummer
verleidete ihm die Lieder. In langen schlaflosen Nächten wurde es ihm jetzt
zur Gewißheit, daß er es nicht länger ertragen konnte, sondern weit, weit
fort wandern wollte und Kristian suchen—und keinem Menschen ein Wort
davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden würde, und er
konnte ihr kaum in die Augen sehen.
Da saß er eines Abends spät auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der
Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Büchern und merkte nicht, daß sie
das Gift noch schärfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit, wurde
aber noch diesen Abend zurückerwartet; die Mutter war müde und hatte
Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr bei einem
schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas Hartem an der
Tür zusammen. Da kam sein Vater nach Hause.
Arne machte die Tür auf und sah ihn an. "Du bist es, mein kluger Junge!
Komm, hilf Deinem Vater auf!" Arne hob ihn auf und führte ihn zur Bank.
Er nahm den Geigenkasten, trug ihn auch hinein und machte die Tür zu.
"Ja, schau' mich nur an, Du kluger Junge; schön sehe ich jetzt nicht
aus; das ist Schneider Nils nicht mehr. Das sag'—ich Dir,—damit
Du—nie Schnaps trinkst; das ist—der Satan, die Welt und unser eigen
Kristian seinen Plan durch. Sein Vater mußte ihn fortlassen, damit er
Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Bücher, versprach fleißig
zu schreiben—und reiste ab.
Nun stand Arne allein.
In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht
mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein.
Aber ihm war schließlich das Herz zu schwer, und der Kummer
verleidete ihm die Lieder. In langen schlaflosen Nächten wurde es ihm jetzt
zur Gewißheit, daß er es nicht länger ertragen konnte, sondern weit, weit
fort wandern wollte und Kristian suchen—und keinem Menschen ein Wort
davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden würde, und er
konnte ihr kaum in die Augen sehen.
Da saß er eines Abends spät auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der
Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Büchern und merkte nicht, daß sie
das Gift noch schärfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit, wurde
aber noch diesen Abend zurückerwartet; die Mutter war müde und hatte
Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr bei einem
schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas Hartem an der
Tür zusammen. Da kam sein Vater nach Hause.
Arne machte die Tür auf und sah ihn an. "Du bist es, mein kluger Junge!
Komm, hilf Deinem Vater auf!" Arne hob ihn auf und führte ihn zur Bank.
Er nahm den Geigenkasten, trug ihn auch hinein und machte die Tür zu.
"Ja, schau' mich nur an, Du kluger Junge; schön sehe ich jetzt nicht
aus; das ist Schneider Nils nicht mehr. Das sag'—ich Dir,—damit
Du—nie Schnaps trinkst; das ist—der Satan, die Welt und unser eigen
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Fleisch——, er widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber schenkt
er Gnade.——O je, o je!—Wie weit ist es mit mir gekommen!"
Er saß eine Weile ganz still, dann sang er schluchzend:
"Herr, mein Erlöser, Jesus Christ,
Hilf mir, wenn mir zu helfen ist;
Lieg' ich auch tief im Sündenschlamm,
Bin ich Dein Kind doch, Du Gotteslamm!"
"Herr, ich bin nicht wert, daß Du unter mein Dach kommst, aber sprich
nur ein Wort."—Er warf sich vornüber, verbarg das Gesicht in den Händen
und weinte wie im Krampf. Lange lag er so, und dann sagte er wortgetreu
aus der Bibel her, wie er es vor mehr als zwanzig Jahren gelernt hatte: "Sie
aber kam und fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!—Er aber
antwortete und sprach: 'Es ist nicht recht, daß man den Kindern das Brot
nehme und werfe es vor die Hunde.'—Sie aber sprach: 'Ja Herr, essen doch
aber die Hündlein von den Brosamen, die von ihres Herrn Tische fallen.'"
Er schwieg, doch sein Weinen war jetzt befreiter und ruhiger.
Die Mutter war schon lange wach geworden, hatte aber nicht hinzusehen
gewagt. Jetzt, da er wie ein Erlöster weinte, stützte sie sich auf die Ellbogen
und sah ihn an.
Kaum aber wurde Nils sie gewahr, als er ihr zubrüllte: "Na, was guckst
Du?—Du willst wohl sehen, was Du aus mir gemacht hast. Ja, so sehe ich
jetzt aus, so und nicht anders!"—Er stand auf, und sie kroch unter die
Decke. "Na, kriech nur nicht weg, ich finde Dich doch", sagte er und hielt
die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger tastend vor sich.—"Kille,
kille!" sagte er, zog ihr die Decke weg und drückte ihr den Zeigefinger auf
die Gurgel.
er Gnade.——O je, o je!—Wie weit ist es mit mir gekommen!"
Er saß eine Weile ganz still, dann sang er schluchzend:
"Herr, mein Erlöser, Jesus Christ,
Hilf mir, wenn mir zu helfen ist;
Lieg' ich auch tief im Sündenschlamm,
Bin ich Dein Kind doch, Du Gotteslamm!"
"Herr, ich bin nicht wert, daß Du unter mein Dach kommst, aber sprich
nur ein Wort."—Er warf sich vornüber, verbarg das Gesicht in den Händen
und weinte wie im Krampf. Lange lag er so, und dann sagte er wortgetreu
aus der Bibel her, wie er es vor mehr als zwanzig Jahren gelernt hatte: "Sie
aber kam und fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!—Er aber
antwortete und sprach: 'Es ist nicht recht, daß man den Kindern das Brot
nehme und werfe es vor die Hunde.'—Sie aber sprach: 'Ja Herr, essen doch
aber die Hündlein von den Brosamen, die von ihres Herrn Tische fallen.'"
Er schwieg, doch sein Weinen war jetzt befreiter und ruhiger.
Die Mutter war schon lange wach geworden, hatte aber nicht hinzusehen
gewagt. Jetzt, da er wie ein Erlöster weinte, stützte sie sich auf die Ellbogen
und sah ihn an.
Kaum aber wurde Nils sie gewahr, als er ihr zubrüllte: "Na, was guckst
Du?—Du willst wohl sehen, was Du aus mir gemacht hast. Ja, so sehe ich
jetzt aus, so und nicht anders!"—Er stand auf, und sie kroch unter die
Decke. "Na, kriech nur nicht weg, ich finde Dich doch", sagte er und hielt
die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger tastend vor sich.—"Kille,
kille!" sagte er, zog ihr die Decke weg und drückte ihr den Zeigefinger auf
die Gurgel.
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"Vater!" sagte Arne.
"Nein, wie verschrumpft und klapprig Du geworden bist. Da ist nicht viel
dran. Kille, kille!" Die Mutter umspannte mit ihren beiden Händen
krampfhaft seine, konnte sich nicht losmachen und krümmte sich in einen
Knäuel zusammen.
"Vater!" sagte Arne.
"Na, jetzt kommt Leben in Dich. Wie sie sich windet, das alte Gespenst!
Kille, kille!"
"Vater!" sagte Arne, und die Stube fing an, sich um ihn zu drehen.
"Kille, kille, sag' ich!"—Sie ließ seine Hände los und ergab sich.
"Vater!" rief Arne. Er rannte in die Ecke, wo eine Axt stand.
"Du schreist wohl aus Trotz nicht? Nimm Dich aber in acht; ich hab'
solche schreckliche Lust bekommen. Kille, kille!"
"Vater!" schrie Arne und packte die Axt, blieb aber wie angewurzelt
stehen; denn in demselben Augenblick richtete der Vater sich auf, stieß
einen gellenden Schrei aus, griff sich nach der Brust und sank um; "Jesus
Christus!" sagte er und lag ganz still.
Arne wußte nicht mehr, wo er eigentlich war; er erwartete, die Stube
müsse auseinanderbersten und ein helles Licht irgendwo hineinfallen. Die
Mutter atmete schwer, als wälzte sie eine Last von sich ab. Schließlich
richtete sie sich halb auf und sah den Vater lang ausgestreckt auf dem
Fußboden liegen und den Sohn mit einer Axt daneben stehen.
"Nein, wie verschrumpft und klapprig Du geworden bist. Da ist nicht viel
dran. Kille, kille!" Die Mutter umspannte mit ihren beiden Händen
krampfhaft seine, konnte sich nicht losmachen und krümmte sich in einen
Knäuel zusammen.
"Vater!" sagte Arne.
"Na, jetzt kommt Leben in Dich. Wie sie sich windet, das alte Gespenst!
Kille, kille!"
"Vater!" sagte Arne, und die Stube fing an, sich um ihn zu drehen.
"Kille, kille, sag' ich!"—Sie ließ seine Hände los und ergab sich.
"Vater!" rief Arne. Er rannte in die Ecke, wo eine Axt stand.
"Du schreist wohl aus Trotz nicht? Nimm Dich aber in acht; ich hab'
solche schreckliche Lust bekommen. Kille, kille!"
"Vater!" schrie Arne und packte die Axt, blieb aber wie angewurzelt
stehen; denn in demselben Augenblick richtete der Vater sich auf, stieß
einen gellenden Schrei aus, griff sich nach der Brust und sank um; "Jesus
Christus!" sagte er und lag ganz still.
Arne wußte nicht mehr, wo er eigentlich war; er erwartete, die Stube
müsse auseinanderbersten und ein helles Licht irgendwo hineinfallen. Die
Mutter atmete schwer, als wälzte sie eine Last von sich ab. Schließlich
richtete sie sich halb auf und sah den Vater lang ausgestreckt auf dem
Fußboden liegen und den Sohn mit einer Axt daneben stehen.
Page 349
"Gott Du Barmherziger, was hast Du getan?"—schrie sie und sprang aus
dem Bett, warf sich einen Rock über und kam heran. Da war ihm, als löste
sich seine Zunge. "Er ist von selbst umgefallen", sagte er leise.—"Arne,
Arne, das glaube ich Dir nicht," sagte die Mutter laut und strafend, "jetzt sei
Gott mit Dir!" und sie warf sich jammernd über die Leiche. Der Junge aber
erwachte aus seiner Betäubung und fiel auch auf die Knie: "So wahr ich der
Gnade Gottes teilhaftig werden will, er ist auf der Stelle
umgefallen."——"So ist Gott der Herr selbst hier gewesen", sagte sie leise,
kauerte sich zusammen und starrte vor sich hin.
Nils lag noch unverändert und steif da; Mund und Augen waren offen.
Die Hände hatten sich einander genähert, als wollten sie sich falten, waren
aber dazu nicht mehr imstande gewesen. "Faß Deinen Vater an, Du bist
kräftig; hilf mir ihn aufs Bett legen." Und sie nahmen ihn und betteten ihn;
sie drückte ihm Augen und Mund zu, streckte ihn aus und faltete ihm die
Hände.
Dann standen sie beide da und schauten ihn an. Nichts von dem, was sie
bis jetzt erlebt hatten, war so bedeutungsvoll und so inhaltsschwer wie diese
Stunde. Wenn der Böse leibhaftig da gewesen war, so hatte doch auch Gott
der Herr hier gestanden; es war nur eine kurze Begegnung gewesen. Alles
Vorangegangene war nun abgetan.
Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis
der Tag kam. Arne zündete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter
setzte sich daneben. Und wie sie so dasaß, ging ihr durch den Sinn, wieviele
böse Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in heißem,
inbrünstigem Gebet für das, was er getan. "Ich habe doch aber auch
manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr
Dankgebet, und schließlich war sie so weit, die größte Schuld auf sich zu
nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt
dem Bett, warf sich einen Rock über und kam heran. Da war ihm, als löste
sich seine Zunge. "Er ist von selbst umgefallen", sagte er leise.—"Arne,
Arne, das glaube ich Dir nicht," sagte die Mutter laut und strafend, "jetzt sei
Gott mit Dir!" und sie warf sich jammernd über die Leiche. Der Junge aber
erwachte aus seiner Betäubung und fiel auch auf die Knie: "So wahr ich der
Gnade Gottes teilhaftig werden will, er ist auf der Stelle
umgefallen."——"So ist Gott der Herr selbst hier gewesen", sagte sie leise,
kauerte sich zusammen und starrte vor sich hin.
Nils lag noch unverändert und steif da; Mund und Augen waren offen.
Die Hände hatten sich einander genähert, als wollten sie sich falten, waren
aber dazu nicht mehr imstande gewesen. "Faß Deinen Vater an, Du bist
kräftig; hilf mir ihn aufs Bett legen." Und sie nahmen ihn und betteten ihn;
sie drückte ihm Augen und Mund zu, streckte ihn aus und faltete ihm die
Hände.
Dann standen sie beide da und schauten ihn an. Nichts von dem, was sie
bis jetzt erlebt hatten, war so bedeutungsvoll und so inhaltsschwer wie diese
Stunde. Wenn der Böse leibhaftig da gewesen war, so hatte doch auch Gott
der Herr hier gestanden; es war nur eine kurze Begegnung gewesen. Alles
Vorangegangene war nun abgetan.
Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis
der Tag kam. Arne zündete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter
setzte sich daneben. Und wie sie so dasaß, ging ihr durch den Sinn, wieviele
böse Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in heißem,
inbrünstigem Gebet für das, was er getan. "Ich habe doch aber auch
manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr
Dankgebet, und schließlich war sie so weit, die größte Schuld auf sich zu
nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt
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hatte, ihrer Mutter ungehorsam gewesen und deshalb durch diese ihre
sündige Liebe gestraft worden war.
Arne setzte sich ihr gegenüber. Die Mutter blickte zum Bett hinüber:
—"Arne, Du darfst nicht vergessen, daß ich um Deinetwillen das alles
erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben Wort, das ihr
in ihren Selbstanklagen Stütze und ein Trost in der kommenden Zeit sein
sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten. "Du darfst mich nie
verlassen", schluchzte sie.—Da wurde ihm mit einem Male klar, was sie in
dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und wie grenzenlos verlassen
sie wäre, wenn er zum Lohn für ihre große Treue jetzt von ihr ginge. "Nie,
nie", flüsterte er und wollte hin zu ihr, hatte aber nicht die Kraft dazu. So
saßen sie, und ihr heftiges Weinen floß ineinander. Sie betete laut, bald für
den Toten, bald für sich und den Jungen, und sie weinten, und sie betete
wieder, und dann weinten sie wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch
schöne Stimme; setz' Dich zu Deinem Vater und sing ihm was vor."
Und es war, als komme neue Kraft über ihn. Er stand auf und holte das
Gesangbuch, zündete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der
einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und
sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo:
"Herr, o laß deinen Zorn jetzt fahren,
Wolle die blutige Zuchtrute sparen,
Die deines Grimmes Wucht uns kündigt,
Weil wir gesündigt!"
Fünftes Kapitel
sündige Liebe gestraft worden war.
Arne setzte sich ihr gegenüber. Die Mutter blickte zum Bett hinüber:
—"Arne, Du darfst nicht vergessen, daß ich um Deinetwillen das alles
erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben Wort, das ihr
in ihren Selbstanklagen Stütze und ein Trost in der kommenden Zeit sein
sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten. "Du darfst mich nie
verlassen", schluchzte sie.—Da wurde ihm mit einem Male klar, was sie in
dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und wie grenzenlos verlassen
sie wäre, wenn er zum Lohn für ihre große Treue jetzt von ihr ginge. "Nie,
nie", flüsterte er und wollte hin zu ihr, hatte aber nicht die Kraft dazu. So
saßen sie, und ihr heftiges Weinen floß ineinander. Sie betete laut, bald für
den Toten, bald für sich und den Jungen, und sie weinten, und sie betete
wieder, und dann weinten sie wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch
schöne Stimme; setz' Dich zu Deinem Vater und sing ihm was vor."
Und es war, als komme neue Kraft über ihn. Er stand auf und holte das
Gesangbuch, zündete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der
einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und
sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo:
"Herr, o laß deinen Zorn jetzt fahren,
Wolle die blutige Zuchtrute sparen,
Die deines Grimmes Wucht uns kündigt,
Weil wir gesündigt!"
Fünftes Kapitel
Page 351
Arne wurde wortkarg und menschenscheu; er hütete das Vieh und machte
Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer hütete er das Vieh.
Er lieh sich vom Pfarrer Bücher und las; aber das war auch das einzige,
was er tat.
Der Pfarrer ließ ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das
Kirchspiel müsse Nutzen aus seinen Fähigkeiten und Kenntnissen ziehen".
Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, während er die Schafherde
vor sich her trieb, machte er ein Lied:
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Geht's auch oft über Stock und Stein
Hoch auf schroffe Fjelle,—
Folg' du nur brav deiner Schelle!
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Halt dein Fell mir hell und rein!
Mutter will vom Böcklein,
Wenn es schneit, sein Röcklein.
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Pfleg' mir auch dein Bäuchlein fein!
Siehst nicht, kleiner Töffel,
Mutters Suppenlöffel?
In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufällig Zeuge eines
Gesprächs zwischen seiner Mutter und der Frau des früheren Hofbesitzers;
sie waren im Streit über das Pferd, das ihnen gemeinsam gehörte. "Ich will
abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der Faulpelz,"
antwortete die andre, "der möchte wohl, das Pferd triebe sich im Walde
'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie vorhin gewesen
war.
Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer hütete er das Vieh.
Er lieh sich vom Pfarrer Bücher und las; aber das war auch das einzige,
was er tat.
Der Pfarrer ließ ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das
Kirchspiel müsse Nutzen aus seinen Fähigkeiten und Kenntnissen ziehen".
Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, während er die Schafherde
vor sich her trieb, machte er ein Lied:
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Geht's auch oft über Stock und Stein
Hoch auf schroffe Fjelle,—
Folg' du nur brav deiner Schelle!
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Halt dein Fell mir hell und rein!
Mutter will vom Böcklein,
Wenn es schneit, sein Röcklein.
Böcklein junges, Lämmlein mein,
Pfleg' mir auch dein Bäuchlein fein!
Siehst nicht, kleiner Töffel,
Mutters Suppenlöffel?
In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufällig Zeuge eines
Gesprächs zwischen seiner Mutter und der Frau des früheren Hofbesitzers;
sie waren im Streit über das Pferd, das ihnen gemeinsam gehörte. "Ich will
abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der Faulpelz,"
antwortete die andre, "der möchte wohl, das Pferd triebe sich im Walde
'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie vorhin gewesen
war.
Page 352
Arne wurde feuerrot. Daß die Mutter um seinetwillen spöttische Worte
hören mußte, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon gar
viele hören müssen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt?
Er dachte lange darüber nach, und da fiel ihm ein, daß die Mutter fast nie
mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er überhaupt?
An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause saß, hätte er gern seiner
Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie
hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden.
Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Büchern vorlesen wollen,
wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie müsse sich langweilen.
Aber es war nichts draus geworden.
"Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hüten sein und gehe zu
Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem
Entschluß; die Herde ließ er weit in den Wald hineingehen und dichtete
ein Lied:
Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde läßt sich's ruhn,
Es pfändet hier kein Amtmann, dort pfänden zweie nun.
Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist;
Doch kommt's vielleicht daher, daß hier noch keine Kirche ist.
Wie ruhig ist's im Walde; nur gründlich rupft allhier
Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wißbegier,
Und nur der Adler würgt hier ein arm Geschöpf zu Tod,
Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht.
Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm;
Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weiße Lamm.
hören mußte, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon gar
viele hören müssen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt?
Er dachte lange darüber nach, und da fiel ihm ein, daß die Mutter fast nie
mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er überhaupt?
An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause saß, hätte er gern seiner
Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie
hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden.
Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Büchern vorlesen wollen,
wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie müsse sich langweilen.
Aber es war nichts draus geworden.
"Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hüten sein und gehe zu
Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem
Entschluß; die Herde ließ er weit in den Wald hineingehen und dichtete
ein Lied:
Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde läßt sich's ruhn,
Es pfändet hier kein Amtmann, dort pfänden zweie nun.
Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist;
Doch kommt's vielleicht daher, daß hier noch keine Kirche ist.
Wie ruhig ist's im Walde; nur gründlich rupft allhier
Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wißbegier,
Und nur der Adler würgt hier ein arm Geschöpf zu Tod,
Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht.
Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm;
Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weiße Lamm.
Page 353
Der ward vom Wolf zerrissen, und beide wurden zahm;
Denn Arne schoß das Wölflein tot, bevor der Morgen kam.
Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au;
Da gilt's nur aufzupassen, daß man nichts Falsches schau'.
'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum;
Ich weiß nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Höllenraum.
Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie möge sich im Dorf nach
einem andern Hütejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um den
Hof bekümmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit
Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit überanstrengen. Sie setzte
ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, daß er oft ganz beschämt war;
aber er sagte nichts.
Er trug sich mit einem Liede, dessen Kehrreim war: "Über die hohen
Berge." Er wurde aber nie damit fertig, und das lag hauptsächlich daran,
daß er den Kehrreim in jeder zweiten Zeile haben wollte; zuletzt gab er es
auf.
Mehrere der Lieder aber, die er gedichtet hatte, kamen unter die Leute
und fanden Beifall; manche hätten gern mit ihm geredet, zumal sie ihn noch
als Knaben gekannt hatten. Arne aber hatte Angst vor allen, die er nicht
kannte, und dachte schlecht von ihnen, vor allem weil er glaubte, sie
dächten schlecht von ihm.
Bei allen Feldarbeiten stand ihm ein Mann in mittleren Jahren zur Seite,
Knut vom Oberland, der die Angewohnheit hatte, mitunter zu singen, aber
immer dasselbe Lied. Als das ein paar Monate so fortgegangen war, dachte
Arne, er müsse ihn doch mal fragen, ob er nicht noch andere Weisen könne.
"Nein", sagte der Mann. So gingen einige Tage hin, und als der Mann
Denn Arne schoß das Wölflein tot, bevor der Morgen kam.
Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au;
Da gilt's nur aufzupassen, daß man nichts Falsches schau'.
'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum;
Ich weiß nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Höllenraum.
Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie möge sich im Dorf nach
einem andern Hütejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um den
Hof bekümmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit
Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit überanstrengen. Sie setzte
ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, daß er oft ganz beschämt war;
aber er sagte nichts.
Er trug sich mit einem Liede, dessen Kehrreim war: "Über die hohen
Berge." Er wurde aber nie damit fertig, und das lag hauptsächlich daran,
daß er den Kehrreim in jeder zweiten Zeile haben wollte; zuletzt gab er es
auf.
Mehrere der Lieder aber, die er gedichtet hatte, kamen unter die Leute
und fanden Beifall; manche hätten gern mit ihm geredet, zumal sie ihn noch
als Knaben gekannt hatten. Arne aber hatte Angst vor allen, die er nicht
kannte, und dachte schlecht von ihnen, vor allem weil er glaubte, sie
dächten schlecht von ihm.
Bei allen Feldarbeiten stand ihm ein Mann in mittleren Jahren zur Seite,
Knut vom Oberland, der die Angewohnheit hatte, mitunter zu singen, aber
immer dasselbe Lied. Als das ein paar Monate so fortgegangen war, dachte
Arne, er müsse ihn doch mal fragen, ob er nicht noch andere Weisen könne.
"Nein", sagte der Mann. So gingen einige Tage hin, und als der Mann
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wieder einmal sein Lied sang, fragte Arne: "Wie ist es gekommen, daß Du
dies eine gelernt hast?"—"Ach, das kam so", sagte der Mann.
Gleich darauf ging Arne ins Haus; da aber saß die Mutter und weinte,
was er seit des Vaters Tode nicht mehr gesehen hatte. Er tat, als bemerke
er's nicht, und ging wieder auf die Tür zu; aber er fühlte, wie die Mutter ihm
schwermütig nachsah, und mußte stehen bleiben.—"Warum weinst Du,
Mutter?"—für eine Weile blieben seine Worte der einzige Laut in der Stube,
und deshalb stellte sich die Frage ihm immer wieder, so daß er schließlich
fühlte, sie habe nicht zart genug geklungen. Er fragte also noch einmal:
"Warum weinst Du, Mutter?"
"Ach, ich weiß auch nicht"; aber nun weinte sie noch mehr. Er stand eine
ganze Zeit da, und dann sagte er so mutig, wie er konnte: "Du weinst über
was Bestimmtes." Wieder blieb es still. Er fühlte sich sehr schuldig, obwohl
sie nichts gesagt hatte und er nichts Bestimmtes wußte. "Es kam so über
mich", sagte die Mutter. Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Ich bin ja im
Grunde so glücklich", und dann weinte sie wieder.
Arne aber ging schnell hinaus; es zog ihn zu der Felswand hin. Er setzte
sich so, daß er hinunterschauen konnte, und wie er dasaß, kamen ihm auch
die Tränen. "Wenn ich nur wüßte, worüber ich weine", sagte Arne.
Über ihm auf dem umgepflügten Acker aber saß Knut und sang sein
Lied:
"Ingerid Sletten von Sillegjord
Hatte weder Silber noch Gold,
Nur ein bunt Häubchen, drin bräutlich hold
Einst Mutter zur Kirche fuhr.
dies eine gelernt hast?"—"Ach, das kam so", sagte der Mann.
Gleich darauf ging Arne ins Haus; da aber saß die Mutter und weinte,
was er seit des Vaters Tode nicht mehr gesehen hatte. Er tat, als bemerke
er's nicht, und ging wieder auf die Tür zu; aber er fühlte, wie die Mutter ihm
schwermütig nachsah, und mußte stehen bleiben.—"Warum weinst Du,
Mutter?"—für eine Weile blieben seine Worte der einzige Laut in der Stube,
und deshalb stellte sich die Frage ihm immer wieder, so daß er schließlich
fühlte, sie habe nicht zart genug geklungen. Er fragte also noch einmal:
"Warum weinst Du, Mutter?"
"Ach, ich weiß auch nicht"; aber nun weinte sie noch mehr. Er stand eine
ganze Zeit da, und dann sagte er so mutig, wie er konnte: "Du weinst über
was Bestimmtes." Wieder blieb es still. Er fühlte sich sehr schuldig, obwohl
sie nichts gesagt hatte und er nichts Bestimmtes wußte. "Es kam so über
mich", sagte die Mutter. Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Ich bin ja im
Grunde so glücklich", und dann weinte sie wieder.
Arne aber ging schnell hinaus; es zog ihn zu der Felswand hin. Er setzte
sich so, daß er hinunterschauen konnte, und wie er dasaß, kamen ihm auch
die Tränen. "Wenn ich nur wüßte, worüber ich weine", sagte Arne.
Über ihm auf dem umgepflügten Acker aber saß Knut und sang sein
Lied:
"Ingerid Sletten von Sillegjord
Hatte weder Silber noch Gold,
Nur ein bunt Häubchen, drin bräutlich hold
Einst Mutter zur Kirche fuhr.
Page 355
Nur dies Vermächtnis von Elternhand,—
Hatte sonst nichts in Keller noch Schrein;
Doch ihr arm Häubchen vom Mütterlein
Wog schwerer als aller Tand.
Sie barg es zwanzig Jahre fromm
Vor Licht und Tageslaut.
—Ich trag' es wohl noch einmal als Braut
Wann ich zum Herrgott komm'!
Sie barg es dreißig Jahre lang
Im Truhendämmer traut.
—Ich trag' es doch noch als frohe Braut,
Auf meinem Ehrengang.
Und vierzig Jahre gingen ins Land,
Sie hat noch der Mutter gedacht.
—Mein Häubchen alt, nun glaub' ich sacht,
Die Zeit für uns entschwand.
Sie geht es holen, dem Tode nah,
Ihr Herz schlug so stark dazu;
Sie hastet sich hin nach der alten Truh',—
Da war kein Fädchen mehr da."
Arne saß, als kämen die Töne fern von den Halden her. Er stieg zu Knut
hinauf. "Hast Du noch eine Mutter?" fragte er.—"Nein."—"Hast Du noch
einen Vater?"—"Ach nein, keinen Vater."—"Sind sie schon lange tot?"—"O
ja, schon lange."
"Du hast wohl nicht viele, die Dich lieb haben?"—"O nein, nicht
viele."—"Hast Du hier jemand?"—"Nein, hier nicht."—"Aber fern in
Hatte sonst nichts in Keller noch Schrein;
Doch ihr arm Häubchen vom Mütterlein
Wog schwerer als aller Tand.
Sie barg es zwanzig Jahre fromm
Vor Licht und Tageslaut.
—Ich trag' es wohl noch einmal als Braut
Wann ich zum Herrgott komm'!
Sie barg es dreißig Jahre lang
Im Truhendämmer traut.
—Ich trag' es doch noch als frohe Braut,
Auf meinem Ehrengang.
Und vierzig Jahre gingen ins Land,
Sie hat noch der Mutter gedacht.
—Mein Häubchen alt, nun glaub' ich sacht,
Die Zeit für uns entschwand.
Sie geht es holen, dem Tode nah,
Ihr Herz schlug so stark dazu;
Sie hastet sich hin nach der alten Truh',—
Da war kein Fädchen mehr da."
Arne saß, als kämen die Töne fern von den Halden her. Er stieg zu Knut
hinauf. "Hast Du noch eine Mutter?" fragte er.—"Nein."—"Hast Du noch
einen Vater?"—"Ach nein, keinen Vater."—"Sind sie schon lange tot?"—"O
ja, schon lange."
"Du hast wohl nicht viele, die Dich lieb haben?"—"O nein, nicht
viele."—"Hast Du hier jemand?"—"Nein, hier nicht."—"Aber fern in
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Deiner Heimat?"—"O nein, dort auch nicht."—"Hast Du denn gar keinen,
der Dich lieb hat?"—"Nein, keinen."
Aber Arne verließ ihn, und so lieb hatte er seine Mutter, als solle ihm das
Herz springen, und er hatte das Gefühl, als werde es hell über ihm.
Himmlischer Vater, dachte er, Du hast mir sie gegeben und durch sie so
unsäglich viel Liebe, und ich gehe achtlos an ihr vorüber—und wenn ich sie
einmal haben möchte, dann ist sie vielleicht nicht mehr da. Er wollte hin zu
ihr, bloß um sie zu sehen. Unterwegs aber fiel ihm plötzlich ein: "Weil Du
sie gering geachtet hast, wirst Du vielleicht bald damit gestraft weiden, daß
Du sie verlierst!"—Er blieb auf dem Fleck stehen. "Allmächtiger Gott, was
soll dann aus mir werden?"
Ihm war's, als geschehe jetzt ein Unglück zu Haus; er setzte in großen
Sprüngen auf das Haus zu, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, und
die Füße berührten kaum die Erde. Er riß die Stubentür auf. Die Mutter
hatte sich schlafen gelegt, der Mond fiel ihr gerade auf das Gesicht; sie lag
und schlummerte wie ein Kind.
Sechstes Kapitel
Einige Tage darauf beschlossen Mutter und Sohn, die sich seitdem
inniger aneinander angeschlossen hatten, bei Verwandten auf einem
Nachbarhof eine Hochzeit mitzumachen. Die Mutter war seit ihrer
Mädchenzeit auf keinem Fest mehr gewesen.
Die beiden kannten fast alle Gäste nur dem Namen nach, und Arne kam
es besonders sehr merkwürdig vor, daß ihn alle ansahen, wo er sich blicken
ließ.
der Dich lieb hat?"—"Nein, keinen."
Aber Arne verließ ihn, und so lieb hatte er seine Mutter, als solle ihm das
Herz springen, und er hatte das Gefühl, als werde es hell über ihm.
Himmlischer Vater, dachte er, Du hast mir sie gegeben und durch sie so
unsäglich viel Liebe, und ich gehe achtlos an ihr vorüber—und wenn ich sie
einmal haben möchte, dann ist sie vielleicht nicht mehr da. Er wollte hin zu
ihr, bloß um sie zu sehen. Unterwegs aber fiel ihm plötzlich ein: "Weil Du
sie gering geachtet hast, wirst Du vielleicht bald damit gestraft weiden, daß
Du sie verlierst!"—Er blieb auf dem Fleck stehen. "Allmächtiger Gott, was
soll dann aus mir werden?"
Ihm war's, als geschehe jetzt ein Unglück zu Haus; er setzte in großen
Sprüngen auf das Haus zu, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, und
die Füße berührten kaum die Erde. Er riß die Stubentür auf. Die Mutter
hatte sich schlafen gelegt, der Mond fiel ihr gerade auf das Gesicht; sie lag
und schlummerte wie ein Kind.
Sechstes Kapitel
Einige Tage darauf beschlossen Mutter und Sohn, die sich seitdem
inniger aneinander angeschlossen hatten, bei Verwandten auf einem
Nachbarhof eine Hochzeit mitzumachen. Die Mutter war seit ihrer
Mädchenzeit auf keinem Fest mehr gewesen.
Die beiden kannten fast alle Gäste nur dem Namen nach, und Arne kam
es besonders sehr merkwürdig vor, daß ihn alle ansahen, wo er sich blicken
ließ.
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Auf der Diele fiel hinter ihm ein Wort,—bestimmt wußte er es nicht, aber
er glaubte es gehört zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in ihm, wenn
er daran dachte.
Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhörlich nach und
schließlich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat, schien es
ihm, als nehme das Gespräch schnell eine andere Wendung.
"Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzählen, an der man sieht, daß
nichts so fein gesponnen ist, es kommt schließlich doch an die Sonnen",
sagte der Mann, und Arne hatte das Gefühl, er sehe ihn dabei an. Es war ein
häßlicher Mensch mit dünnem roten Haar über einer hohen runden Stirn.
Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine Kartoffelnase;
der Mund aber war sehr groß und hatte wulstige Lippen von weißlicher
Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Hände lagen auf
dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber war dünn.
Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es kostete ihn
Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wußte, daß
Schneider Nils ihm in alten Tagen übel mitgespielt hatte.
"Ja, es gibt viel Sünde in dieser Welt; sie ist uns näher, als wir glauben
——. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Häßliches hören. Die
Älteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den Ranzen-Alf
erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart stammt von
ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte—und handeln konnte
der Kerl!—dann schwang er seinen Ranzen auf den Rücken; 'werd' schon
wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein
Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!——Ja, und dann kam die Sache mit
ihm und dem großen Faulpelz. Der Faulpelz,—ja, Ihr kennt den Faulpelz
doch?—groß war er, und faul war er auch. Er vergaffte sich in ein
rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf einherkam und das wie ein
er glaubte es gehört zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in ihm, wenn
er daran dachte.
Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhörlich nach und
schließlich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat, schien es
ihm, als nehme das Gespräch schnell eine andere Wendung.
"Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzählen, an der man sieht, daß
nichts so fein gesponnen ist, es kommt schließlich doch an die Sonnen",
sagte der Mann, und Arne hatte das Gefühl, er sehe ihn dabei an. Es war ein
häßlicher Mensch mit dünnem roten Haar über einer hohen runden Stirn.
Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine Kartoffelnase;
der Mund aber war sehr groß und hatte wulstige Lippen von weißlicher
Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Hände lagen auf
dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber war dünn.
Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es kostete ihn
Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wußte, daß
Schneider Nils ihm in alten Tagen übel mitgespielt hatte.
"Ja, es gibt viel Sünde in dieser Welt; sie ist uns näher, als wir glauben
——. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Häßliches hören. Die
Älteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den Ranzen-Alf
erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart stammt von
ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte—und handeln konnte
der Kerl!—dann schwang er seinen Ranzen auf den Rücken; 'werd' schon
wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein
Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!——Ja, und dann kam die Sache mit
ihm und dem großen Faulpelz. Der Faulpelz,—ja, Ihr kennt den Faulpelz
doch?—groß war er, und faul war er auch. Er vergaffte sich in ein
rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf einherkam und das wie ein
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Frosch hüpfte. Und eh' es dem Faulpelz noch recht zum Bewußtsein kam,
hatte er fünfzig Taler für die Mähre bezahlt. Der Faulpelz, so lang wie er
war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem Fünfzigtalerpferd Parade zu fahren;
aber er mochte peitschen und fluchen, daß der Hof in einer Staubwolke lag,
—das Pferd lief seelenruhig auf jede Tür und jede Mauer los, die irgend da
war;—denn es hatte den Star.—Von Stund an lagen sich diese beiden
überall in den Haaren wie zwei Kampfhähne. Der Faulpelz wollte sein Geld
wieder haben; aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf prügelte
ihn durch, daß die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf.
Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der
Ranzen-Alf.—Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr
sehen ließ.—Es mochte wohl so zehn Jahre später sein, als er auf dem
Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine große Erbschaft zugefallen war.
Der Faulpelz hörte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte er, 'daß das
Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'—Nun sprach man hin und
her über Alf; und soviel wurde geschwatzt, daß man schließlich heraus
hatte, er wäre zuletzt diesseits des Rörenbergs gewesen, aber nicht drüben.
Ja, Ihr kennt doch den Weg über den Rören noch, den alten Weg?
"Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu großer Macht und Herrlichkeit
gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie überhaupt. Außerdem hatte er
sich auf die Frömmigkeit verlegt, und alle waren überzeugt, er werde nicht
auf einmal um nichts und wieder nichts fromm,—frommer als die andern.
Man fing an, allerlei über ihn zu munkeln.—Es war zu der Zeit, als die
Straße über den Rören verlegt werden sollte; die Alten hatten immer
geradeaus gewollt, deshalb führte der Weg direkt über den Rören; wir
dagegen wollen alles hübsch eben haben, und deshalb geht jetzt der Weg
unten am Fluß entlang. Da gab es eine Sprengerei und eine Wirtschaft, daß
man meinte, der ganze Rören fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister
kamen, am häufigsten aber der Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat.
Und als sie nun eines Tages da in dem Geröll schaufelten, wollte einer einen
hatte er fünfzig Taler für die Mähre bezahlt. Der Faulpelz, so lang wie er
war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem Fünfzigtalerpferd Parade zu fahren;
aber er mochte peitschen und fluchen, daß der Hof in einer Staubwolke lag,
—das Pferd lief seelenruhig auf jede Tür und jede Mauer los, die irgend da
war;—denn es hatte den Star.—Von Stund an lagen sich diese beiden
überall in den Haaren wie zwei Kampfhähne. Der Faulpelz wollte sein Geld
wieder haben; aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf prügelte
ihn durch, daß die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf.
Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der
Ranzen-Alf.—Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr
sehen ließ.—Es mochte wohl so zehn Jahre später sein, als er auf dem
Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine große Erbschaft zugefallen war.
Der Faulpelz hörte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte er, 'daß das
Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'—Nun sprach man hin und
her über Alf; und soviel wurde geschwatzt, daß man schließlich heraus
hatte, er wäre zuletzt diesseits des Rörenbergs gewesen, aber nicht drüben.
Ja, Ihr kennt doch den Weg über den Rören noch, den alten Weg?
"Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu großer Macht und Herrlichkeit
gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie überhaupt. Außerdem hatte er
sich auf die Frömmigkeit verlegt, und alle waren überzeugt, er werde nicht
auf einmal um nichts und wieder nichts fromm,—frommer als die andern.
Man fing an, allerlei über ihn zu munkeln.—Es war zu der Zeit, als die
Straße über den Rören verlegt werden sollte; die Alten hatten immer
geradeaus gewollt, deshalb führte der Weg direkt über den Rören; wir
dagegen wollen alles hübsch eben haben, und deshalb geht jetzt der Weg
unten am Fluß entlang. Da gab es eine Sprengerei und eine Wirtschaft, daß
man meinte, der ganze Rören fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister
kamen, am häufigsten aber der Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat.
Und als sie nun eines Tages da in dem Geröll schaufelten, wollte einer einen
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Stein wegnehmen, bekam aber statt dessen eine Hand zu fassen, die aus
dem Steinhaufen heraussah, und so stark war diese Hand, daß der, der sie
gefaßt hatte, mit ihr zurücktaumelte. Der sie aber gefaßt hatte, war der
Faulpelz.—Der Amtsvorsteher war in der Nähe; er wurde geholt, und dann
grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch
geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, daß bloß noch das
Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe müsse genau so
groß sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf.
Jedwedem einzelnen kam es merkwürdig vor, daß eine tote Hand einen Kerl
wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal
ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,—natürlich
daß keiner es hörte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, daß es dem
Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der
Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der rechte
Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'—'Das will ich
meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das Gerippe in
den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der Baracke. In
das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher aber lag, in
seinen Mantel gehüllt, draußen dicht an der Wand.—Als es dunkel wurde
und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmußte, war es gerade,
als wenn die Tür sich von selbst hinter ihm schlösse, und er stand im
Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Choräle zu singen, denn er hatte eine
mächtige Stimme. 'Warum singst Du Choräle?' fragte der Amtsvorsteher
draußen an der Wand. 'Wer weiß, ob für ihn geläutet worden ist, antwortete
der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er konnte. 'Warum betest
Du?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Er ist doch sicher ein
großer Sünder gewesen', antwortete der Faulpelz. Dann blieb es eine lange
Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am Einschlafen. Da brüllte es
drinnen, daß die Hütte bebte: 'Ich werd' schon wiederkommen!'—Ein
Höllenlärm erhob sich; 'her mit meinen fünfzig Talern', brüllte der Faulpelz,
dem Steinhaufen heraussah, und so stark war diese Hand, daß der, der sie
gefaßt hatte, mit ihr zurücktaumelte. Der sie aber gefaßt hatte, war der
Faulpelz.—Der Amtsvorsteher war in der Nähe; er wurde geholt, und dann
grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch
geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, daß bloß noch das
Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe müsse genau so
groß sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf.
Jedwedem einzelnen kam es merkwürdig vor, daß eine tote Hand einen Kerl
wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal
ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,—natürlich
daß keiner es hörte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, daß es dem
Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der
Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der rechte
Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'—'Das will ich
meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das Gerippe in
den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der Baracke. In
das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher aber lag, in
seinen Mantel gehüllt, draußen dicht an der Wand.—Als es dunkel wurde
und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmußte, war es gerade,
als wenn die Tür sich von selbst hinter ihm schlösse, und er stand im
Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Choräle zu singen, denn er hatte eine
mächtige Stimme. 'Warum singst Du Choräle?' fragte der Amtsvorsteher
draußen an der Wand. 'Wer weiß, ob für ihn geläutet worden ist, antwortete
der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er konnte. 'Warum betest
Du?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Er ist doch sicher ein
großer Sünder gewesen', antwortete der Faulpelz. Dann blieb es eine lange
Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am Einschlafen. Da brüllte es
drinnen, daß die Hütte bebte: 'Ich werd' schon wiederkommen!'—Ein
Höllenlärm erhob sich; 'her mit meinen fünfzig Talern', brüllte der Faulpelz,
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dann ein Aufschrei und ein Gekrach; der Amtsvorsteher hin zur Tür, die
Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und da lag der Faulpelz mitten auf
dem Boden, und das Gerippe lag über ihm—."
Es war totenstill am Tisch. Schließlich sagte einer, indem er sich seine
Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrückt
geworden."—"Ja, das stimmt."
Arne fühlte, daß alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht
aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts so fein
gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."—"Na, jetzt will ich mal von
einem erzählen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein blonder, dicker
Mann mit einem runden Gesicht. Arne wußte kaum noch, wo er hinsollte.
"Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold;
der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins über
das Altenteil, und es kam so weit, daß der Mann in seinem Hause und
außerhalb keinen Frieden mehr hatte.—Dadurch wurde er immer
schlimmer, und sein Vater überwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was
sagen', sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der Vater.
—'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der Sohn und
stand auf.—'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in der Welt',
antwortete der Vater und stand auch auf.—'Meinst Du?'—und der Sohn
drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte sich nicht,
verschränkte die Arme und ließ ihn machen, was er wollte.—Der Sohn
mißhandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tür: 'Ich will Frieden im
Hause haben!'—Aber als sie an die Tür kamen, richtete der Vater sich auf.
'Nicht weiter als bis zur Tür,' sagte er, 'so weit habe ich meinen Vater auch
geschleppt.' Der Sohn achtete nicht darauf, sondern zerrte den Kopf über
die Türschwelle. 'Nicht weiter als bis zur Tür, sag' ich!' Der Alte sprang auf,
warf den Sohn vor seine Füße und züchtigte ihn wie ein Kind."—"Das war
Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und da lag der Faulpelz mitten auf
dem Boden, und das Gerippe lag über ihm—."
Es war totenstill am Tisch. Schließlich sagte einer, indem er sich seine
Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrückt
geworden."—"Ja, das stimmt."
Arne fühlte, daß alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht
aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts so fein
gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."—"Na, jetzt will ich mal von
einem erzählen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein blonder, dicker
Mann mit einem runden Gesicht. Arne wußte kaum noch, wo er hinsollte.
"Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold;
der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins über
das Altenteil, und es kam so weit, daß der Mann in seinem Hause und
außerhalb keinen Frieden mehr hatte.—Dadurch wurde er immer
schlimmer, und sein Vater überwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was
sagen', sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der Vater.
—'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der Sohn und
stand auf.—'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in der Welt',
antwortete der Vater und stand auch auf.—'Meinst Du?'—und der Sohn
drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte sich nicht,
verschränkte die Arme und ließ ihn machen, was er wollte.—Der Sohn
mißhandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tür: 'Ich will Frieden im
Hause haben!'—Aber als sie an die Tür kamen, richtete der Vater sich auf.
'Nicht weiter als bis zur Tür,' sagte er, 'so weit habe ich meinen Vater auch
geschleppt.' Der Sohn achtete nicht darauf, sondern zerrte den Kopf über
die Türschwelle. 'Nicht weiter als bis zur Tür, sag' ich!' Der Alte sprang auf,
warf den Sohn vor seine Füße und züchtigte ihn wie ein Kind."—"Das war
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häßlich", sagten Verschiedene. "Seinen eignen Vater schlägt man doch
nicht!" glaubte Arne einen sagen zu hören, aber er wußte es nicht genau.
"Jetzt will ich Euch etwas erzählen", sagte Arne; er stand mit
leichenblassem Gesicht auf und wußte noch nicht, was er sagen wollte. Er
sah nur die Worte wie große Schneeflocken um sich herum stieben; "es geht
aufs Geratewohl!" und er fing an.
"Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines
Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor
Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht
geträumt hatte, er habe seinen bösen Vater erschlagen müssen, und deshalb
antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'—'So sollst Du
vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur
mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der
erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb mußte der
Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch
mußte sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte
ihn töten, und deshalb mußte er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber
redeten Böses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur
Böses reden. Sie riegelten Schränke und Türen vor ihm zu, so daß er sich
stehlen mußte, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe mußte er sich
stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, mußte er eben Böses tun.
Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen müssen wir uns vom Halse
schaffen; er ist zu schlecht', und eines schönen Tags schafften sie ihn aus
dem Wege. Der Bursch wußte aber gar nicht, daß er etwas Böses getan
hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da
saß auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und
gegenüber auf einer andern Bank saßen alle, die ihn gezwungen hatten,
Böses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und
der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte
nicht!" glaubte Arne einen sagen zu hören, aber er wußte es nicht genau.
"Jetzt will ich Euch etwas erzählen", sagte Arne; er stand mit
leichenblassem Gesicht auf und wußte noch nicht, was er sagen wollte. Er
sah nur die Worte wie große Schneeflocken um sich herum stieben; "es geht
aufs Geratewohl!" und er fing an.
"Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines
Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor
Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht
geträumt hatte, er habe seinen bösen Vater erschlagen müssen, und deshalb
antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'—'So sollst Du
vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur
mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der
erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb mußte der
Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch
mußte sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte
ihn töten, und deshalb mußte er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber
redeten Böses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur
Böses reden. Sie riegelten Schränke und Türen vor ihm zu, so daß er sich
stehlen mußte, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe mußte er sich
stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, mußte er eben Böses tun.
Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen müssen wir uns vom Halse
schaffen; er ist zu schlecht', und eines schönen Tags schafften sie ihn aus
dem Wege. Der Bursch wußte aber gar nicht, daß er etwas Böses getan
hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da
saß auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und
gegenüber auf einer andern Bank saßen alle, die ihn gezwungen hatten,
Böses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und
der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte
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der liebe Gott, und der Bursch wollte es tun. Da stürzte sein Vater von der
Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem
Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem
Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht
eines Säufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen,
zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So hätte es Dir auch
gehen können', sagte der liebe Gott.—'Ja, wäre das möglich?' sagte der
Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide
Bänke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott
und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,—und im
selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das
geträumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung führen, weil sie schlecht
von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber
ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Böse in meine Seele, denn ich
weiß nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann."
Er stürzte hinaus, und die Männer blickten einander an.
Siebentes Kapitel
Es war am nächsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte
sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden
und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt
richtete er sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und hielt ein
Selbstgespräch: "——Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Daß ich als
Junge nicht davonlief, war Feigheit; daß ich auf den Vater mehr hörte als
auf die Mutter, war Feigheit; daß ich ihm die häßlichen Lieder vorsang, war
Feigheit. Ich fing das Viehhüten an; aus Feigheit;—und das Lesen—nun ja,
Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem
Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem
Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht
eines Säufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen,
zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So hätte es Dir auch
gehen können', sagte der liebe Gott.—'Ja, wäre das möglich?' sagte der
Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide
Bänke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott
und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,—und im
selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das
geträumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung führen, weil sie schlecht
von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber
ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Böse in meine Seele, denn ich
weiß nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann."
Er stürzte hinaus, und die Männer blickten einander an.
Siebentes Kapitel
Es war am nächsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte
sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden
und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt
richtete er sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und hielt ein
Selbstgespräch: "——Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Daß ich als
Junge nicht davonlief, war Feigheit; daß ich auf den Vater mehr hörte als
auf die Mutter, war Feigheit; daß ich ihm die häßlichen Lieder vorsang, war
Feigheit. Ich fing das Viehhüten an; aus Feigheit;—und das Lesen—nun ja,
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auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber verstecken. Als
erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei—
Feigheit; daß ich ihn in jener Nacht nicht—hu!—Feigheit! Ich hätte wohl
gewartet, bis sie tot gewesen wäre;——ich konnte es hinterher zu Hause
nicht aushalten—Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege—Feigheit;
ich tat nichts, ich hütete das Vieh,—Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter
versprochen, zu bleiben, aber ich wäre schon feig genug gewesen, den
Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, unter fremde
Menschen zu müssen. Denn ich habe Angst vor den Menschen,
hauptsächlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich
aber Angst vor ihnen habe, rede ich Böses von ihnen—verfluchte Feigheit!
Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht über meine eigenen
Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen
andrer Leute,—und das nennt man Dichten!—Ich hätte mich hinsetzen
sollen und weinen, daß die Berge zu Wasser werden, ja, das hätte ich; aber
ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine
Lieder sind feig; denn wären sie mutig, so würden sie besser sein. Ich habe
Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken überhaupt; schwinge ich
mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin
klüger, tüchtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein
Geschwätz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin.
Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den
Schmerz betäuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch,
trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine
Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, daß ich hier sitze
und mir selbst das alles sagen kann.— … Mich töten? Prost Mahlzeit! Dazu
bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,—ja, ich glaube an
Gott. Ich möchte gern hin zu ihm; aber die Feigheit hält mich von ihm
zurück. Eine große Veränderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's
versuchte, so gut ich's vermag? Allmächtiger Gott! Wenn ich's versuchte?
erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei—
Feigheit; daß ich ihn in jener Nacht nicht—hu!—Feigheit! Ich hätte wohl
gewartet, bis sie tot gewesen wäre;——ich konnte es hinterher zu Hause
nicht aushalten—Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege—Feigheit;
ich tat nichts, ich hütete das Vieh,—Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter
versprochen, zu bleiben, aber ich wäre schon feig genug gewesen, den
Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, unter fremde
Menschen zu müssen. Denn ich habe Angst vor den Menschen,
hauptsächlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich
aber Angst vor ihnen habe, rede ich Böses von ihnen—verfluchte Feigheit!
Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht über meine eigenen
Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen
andrer Leute,—und das nennt man Dichten!—Ich hätte mich hinsetzen
sollen und weinen, daß die Berge zu Wasser werden, ja, das hätte ich; aber
ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine
Lieder sind feig; denn wären sie mutig, so würden sie besser sein. Ich habe
Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken überhaupt; schwinge ich
mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin
klüger, tüchtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein
Geschwätz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin.
Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den
Schmerz betäuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch,
trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine
Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, daß ich hier sitze
und mir selbst das alles sagen kann.— … Mich töten? Prost Mahlzeit! Dazu
bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,—ja, ich glaube an
Gott. Ich möchte gern hin zu ihm; aber die Feigheit hält mich von ihm
zurück. Eine große Veränderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's
versuchte, so gut ich's vermag? Allmächtiger Gott! Wenn ich's versuchte?
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Müßte mich kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertrüge; denn
Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloß etwas
Flüssiges, Weichliches.—Wenn ich es versuchte—mit guten, milden
Büchern,—hab' Angst vor den starken—; mit schönen Märchen und Sagen
und allem, was sanft ist,—und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden
Abend ein Gebet. Und tüchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in
die Trägheit kann man nichts säen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter
Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!"
Da öffnete jemand die Scheunentür, stürzte auf die Diele mit
leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiß heruntertropfte,—es war
seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen
Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in
alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab.
Da stieß sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfüßiger als ein Junge in
den Heuhaufen hinein und beugte sich über ihn:—"Arne, Arne, bist Du
hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab'
die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, daß
sie Dir weh getan haben! Ich hätte so gern mit Dir gesprochen und Dich
getröstet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!——Arne, ich sah, daß Du
trankst! Ach, Du allmächtiger Gott! Laß mich das nie wieder sehen!"—Es
dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schütze Dich,
mein Kind, ich habe gesehen, daß Du getrunken hast!—Plötzlich warst Du
mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,—und ich rannte in alle
Häuser; ich war weit draußen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe
in jedem Gebüsch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch
gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet——Arne, Arne! Ich ging am
Fluß entlang, aber er schien mir nirgends tief genug—" sie schmiegte sich
enger an ihn.—"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wärest sicher nach
Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg;
ich machte die Tür auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir
Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloß etwas
Flüssiges, Weichliches.—Wenn ich es versuchte—mit guten, milden
Büchern,—hab' Angst vor den starken—; mit schönen Märchen und Sagen
und allem, was sanft ist,—und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden
Abend ein Gebet. Und tüchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in
die Trägheit kann man nichts säen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter
Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!"
Da öffnete jemand die Scheunentür, stürzte auf die Diele mit
leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiß heruntertropfte,—es war
seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen
Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in
alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab.
Da stieß sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfüßiger als ein Junge in
den Heuhaufen hinein und beugte sich über ihn:—"Arne, Arne, bist Du
hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab'
die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, daß
sie Dir weh getan haben! Ich hätte so gern mit Dir gesprochen und Dich
getröstet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!——Arne, ich sah, daß Du
trankst! Ach, Du allmächtiger Gott! Laß mich das nie wieder sehen!"—Es
dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schütze Dich,
mein Kind, ich habe gesehen, daß Du getrunken hast!—Plötzlich warst Du
mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,—und ich rannte in alle
Häuser; ich war weit draußen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe
in jedem Gebüsch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch
gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet——Arne, Arne! Ich ging am
Fluß entlang, aber er schien mir nirgends tief genug—" sie schmiegte sich
enger an ihn.—"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wärest sicher nach
Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg;
ich machte die Tür auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir
Page 365
ein, daß ich ja selbst den Schlüssel hatte; Du konntest ja nicht
hineingeschlüpft sein.—Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an
beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu
gehen!—Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht; keiner hat mir's
gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du müßtest hier sein!"
Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps
trinken?"—"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."—"Sie sind wohl schlecht
zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"—"Ach nein, nur—ich war so
feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.—"Ich kann das gar nicht
verstehen, daß sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn
getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.—"Du
sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.—"Daran bist Du schuld,
Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,—
Du hättest mir ein bißchen auf den Weg helfen müssen!—Herrgott, wir
haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen
ausgestanden."—"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann",
flüsterte der Bursch.———"Nächsten Sonntag will ich Dir die Predigt
vorlesen."—"Da segne Dich Gott für!"
"Du, Arne!"—"Ja?"—"Ich muß Dir etwas sagen."—"Sag' es,
Mutter."—"Ich habe gesündigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes
getan."—"Du, Mutter?" und es rührte ihn so, daß seine seelensgute,
geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesündigt an ihm, der nie etwas
wirklich Gutes für sie getan hatte, daß er den Arm um sie legte, sie
streichelte und in Tränen ausbrach.—"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte
eben nicht anders."—"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."—"O doch;
—aber Gott weiß: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir
verzeihen, ja?"—"Ja, ich werde es Dir verzeihen."—"So will ich es Dir ein
andermal erzählen;—aber Du mußt es mir verzeihen!"—"Ja, ja,
Mutter!"—"Siehst Du, daher kam es wohl, daß es mir so schwer wurde, mit
hineingeschlüpft sein.—Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an
beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu
gehen!—Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht; keiner hat mir's
gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du müßtest hier sein!"
Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps
trinken?"—"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."—"Sie sind wohl schlecht
zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"—"Ach nein, nur—ich war so
feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.—"Ich kann das gar nicht
verstehen, daß sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn
getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.—"Du
sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.—"Daran bist Du schuld,
Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,—
Du hättest mir ein bißchen auf den Weg helfen müssen!—Herrgott, wir
haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen
ausgestanden."—"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann",
flüsterte der Bursch.———"Nächsten Sonntag will ich Dir die Predigt
vorlesen."—"Da segne Dich Gott für!"
"Du, Arne!"—"Ja?"—"Ich muß Dir etwas sagen."—"Sag' es,
Mutter."—"Ich habe gesündigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes
getan."—"Du, Mutter?" und es rührte ihn so, daß seine seelensgute,
geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesündigt an ihm, der nie etwas
wirklich Gutes für sie getan hatte, daß er den Arm um sie legte, sie
streichelte und in Tränen ausbrach.—"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte
eben nicht anders."—"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."—"O doch;
—aber Gott weiß: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir
verzeihen, ja?"—"Ja, ich werde es Dir verzeihen."—"So will ich es Dir ein
andermal erzählen;—aber Du mußt es mir verzeihen!"—"Ja, ja,
Mutter!"—"Siehst Du, daher kam es wohl, daß es mir so schwer wurde, mit
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Dir zu reden; ich hatte gesündigt an Dir."—"Herrgott, sprich nicht so,
Mutter!"—"Ich bin froh, daß ich wenigstens soviel gesagt habe."—"Wir
beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"—"Ja, das wollen wir,—und
dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"—"Ja, das tue ich."—"Armer
Arne! Gott segne Dich!"—"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach
Hause."—"Ja, gehen wir nach Hause."—"Du siehst Dich ja so um,
Mutter."—"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und
hat geweint."—"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blaß.—"Der arme
Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.——
Du siehst Dich ja so um, Arne."
Achtes Kapitel
Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemühte, inniger mit
seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhältnis zu den andern
Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an.
Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine
tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,—hier ist ein Lied aus
jener Zeit:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht länger drinnen;
Ich schlenderte waldwärts und lag und lag
Und ließ die Gedanken spinnen.
Doch die Emse kroch und die Mücke stach
Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach."
Mutter!"—"Ich bin froh, daß ich wenigstens soviel gesagt habe."—"Wir
beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"—"Ja, das wollen wir,—und
dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"—"Ja, das tue ich."—"Armer
Arne! Gott segne Dich!"—"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach
Hause."—"Ja, gehen wir nach Hause."—"Du siehst Dich ja so um,
Mutter."—"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und
hat geweint."—"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blaß.—"Der arme
Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.——
Du siehst Dich ja so um, Arne."
Achtes Kapitel
Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemühte, inniger mit
seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhältnis zu den andern
Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an.
Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine
tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,—hier ist ein Lied aus
jener Zeit:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht länger drinnen;
Ich schlenderte waldwärts und lag und lag
Und ließ die Gedanken spinnen.
Doch die Emse kroch und die Mücke stach
Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach."
Page 367
"Lieber Junge, willst Du denn bei dem Prachtwetter nicht draußen
bleiben?"—sagte Mutter, saß dabei auf dem Altan und sang:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich ging auf die Wiese und lag und lag
Und summte so recht in Sinnen.
Da kamen Nattern, drei Ellen lang,
Und wollten sich sonnen—doch ich entsprang."
"Bei solch einem Gotteswetter können wir barfuß laufen",—sagte Mutter
und zog die Socken aus.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich sprang in ein Boot und lag und lag
Und lauschte dem Raunen und Rinnen.
Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt.
Immer alles mit Maß! Und ich ging an Land."
"Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",—sagte Mutter und
warf's mit dem Rechen durcheinander.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag,
Hier treibt ihr mich nicht von hinnen!
Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,—
Ich hüpfte und schrie; das war eine Lust!"
"Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie",
sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut.
bleiben?"—sagte Mutter, saß dabei auf dem Altan und sang:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich ging auf die Wiese und lag und lag
Und summte so recht in Sinnen.
Da kamen Nattern, drei Ellen lang,
Und wollten sich sonnen—doch ich entsprang."
"Bei solch einem Gotteswetter können wir barfuß laufen",—sagte Mutter
und zog die Socken aus.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich sprang in ein Boot und lag und lag
Und lauschte dem Raunen und Rinnen.
Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt.
Immer alles mit Maß! Und ich ging an Land."
"Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",—sagte Mutter und
warf's mit dem Rechen durcheinander.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nicht lange drinnen;
Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag,
Hier treibt ihr mich nicht von hinnen!
Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,—
Ich hüpfte und schrie; das war eine Lust!"
"Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie",
sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut.
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"Es war ein so schöner, sonniger Tag,
Es litt mich nun einmal nicht drinnen;
So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag:
Da war wohl nun Ruh zu gewinnen.
Die Sonne schien weiter, indes ich versank,—
Und ist dies Lied deines,—bist du's, der ertrank."
"Bloß drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",—sagte Mutter
und ging mein Bett machen.
Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein
größeres Glück für ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine
Brücke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn über alles, was sie nicht
verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur
lieber dadurch, daß er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte. Ja, sie
wurde ihm unendlich teuer!
Arne hatte sich als Kind nichts aus Märchen gemacht. Jetzt als
erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Märchen, und sie hatten
Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame
Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht
geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schön. Zu der Zeit, als er mit seinen
Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten sie
häufig an einem großen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem sogenannten
schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser See kam ihm
jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf.
Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an
einem sehr steilen Abhang, der schließlich zu einer hohen Felswand anstieg;
genau so war es am andern Ufer, so daß von beiden Seiten lange
Schlagschatten über den See fielen: in der Mitte aber war ein schöner
silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne war
Es litt mich nun einmal nicht drinnen;
So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag:
Da war wohl nun Ruh zu gewinnen.
Die Sonne schien weiter, indes ich versank,—
Und ist dies Lied deines,—bist du's, der ertrank."
"Bloß drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",—sagte Mutter
und ging mein Bett machen.
Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein
größeres Glück für ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine
Brücke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn über alles, was sie nicht
verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur
lieber dadurch, daß er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte. Ja, sie
wurde ihm unendlich teuer!
Arne hatte sich als Kind nichts aus Märchen gemacht. Jetzt als
erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Märchen, und sie hatten
Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame
Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht
geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schön. Zu der Zeit, als er mit seinen
Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten sie
häufig an einem großen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem sogenannten
schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser See kam ihm
jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf.
Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an
einem sehr steilen Abhang, der schließlich zu einer hohen Felswand anstieg;
genau so war es am andern Ufer, so daß von beiden Seiten lange
Schlagschatten über den See fielen: in der Mitte aber war ein schöner
silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne war
Page 369
im Sinken; leises Glockenläuten klang vom andern Ufer herüber,—sonst
aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus, sondern hinunter auf
den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen eine zittrige Röte
drüber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen etwas zur Seite, so daß
ein langgestrecktes, niederes Tal entstand, gegen das das Wasser schlug.
Aber es sah aus, als neigten sich die Felsen langsam zueinander, um das
zwischen ihnen liegende Tal gewissermaßen zu schaukeln. Ein Gehöft lag
in dem Tal neben dem andern; Rauchwölkchen stiegen empor und verteilten
sich; die grünen Felder dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land.
Er sah viele Menschen hin und her gehen, hörte aber kein Geräusch. Seine
Augen wandten sich von diesem Bilde zum Strand hinüber, wo nur Gottes
düsterer Wald sich erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die
Menschen sich wie mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah
einen Staubstreifen sich gleichmäßig hindurchschlängeln. Den verfolgte er
mit den Augen bis genau der Stelle gegenüber, wo er saß; da hörte der Wald
auf; die Felsen traten mehr zurück, und gleich lag wieder ein Gehöft neben
dem andern. Da standen noch größere Häuser als unten im Grunde, rot
angestrichen, mit größeren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles
Sonnenlicht lag auf den Höhen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war
deutlich zu sehen; blendend weißer Sand lag hart am See; da sprangen
Kinder mit ein paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles
sonnenverlassen und schwer, die Häuser waren dunkelrot, die Wiese
schwarzgrün, der Sand grauweiß, die Kinder wie kleine Klümpchen; eine
Nebelwand war über den Bergen aufgestiegen und hatte die Sonne
verdeckt. Arnes Auge flüchtete aufs neue zum Wasser hinunter; da aber
fand er das Ganze wieder. Die Felder wogten, der Wald zog sich
schweigend hin, hoch oben lagen die Häuser und schauten hernieder, die
Türen standen offen, und die Kinder liefen aus und ein. Märchen und
Kinderträume kamen wie kleine Fische nach der Angel, stoben auseinander,
kamen wieder, spielten herum, bissen aber nicht an.
aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus, sondern hinunter auf
den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen eine zittrige Röte
drüber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen etwas zur Seite, so daß
ein langgestrecktes, niederes Tal entstand, gegen das das Wasser schlug.
Aber es sah aus, als neigten sich die Felsen langsam zueinander, um das
zwischen ihnen liegende Tal gewissermaßen zu schaukeln. Ein Gehöft lag
in dem Tal neben dem andern; Rauchwölkchen stiegen empor und verteilten
sich; die grünen Felder dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land.
Er sah viele Menschen hin und her gehen, hörte aber kein Geräusch. Seine
Augen wandten sich von diesem Bilde zum Strand hinüber, wo nur Gottes
düsterer Wald sich erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die
Menschen sich wie mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah
einen Staubstreifen sich gleichmäßig hindurchschlängeln. Den verfolgte er
mit den Augen bis genau der Stelle gegenüber, wo er saß; da hörte der Wald
auf; die Felsen traten mehr zurück, und gleich lag wieder ein Gehöft neben
dem andern. Da standen noch größere Häuser als unten im Grunde, rot
angestrichen, mit größeren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles
Sonnenlicht lag auf den Höhen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war
deutlich zu sehen; blendend weißer Sand lag hart am See; da sprangen
Kinder mit ein paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles
sonnenverlassen und schwer, die Häuser waren dunkelrot, die Wiese
schwarzgrün, der Sand grauweiß, die Kinder wie kleine Klümpchen; eine
Nebelwand war über den Bergen aufgestiegen und hatte die Sonne
verdeckt. Arnes Auge flüchtete aufs neue zum Wasser hinunter; da aber
fand er das Ganze wieder. Die Felder wogten, der Wald zog sich
schweigend hin, hoch oben lagen die Häuser und schauten hernieder, die
Türen standen offen, und die Kinder liefen aus und ein. Märchen und
Kinderträume kamen wie kleine Fische nach der Angel, stoben auseinander,
kamen wieder, spielten herum, bissen aber nicht an.
Page 370
"Wir wollen uns hier hinsetzen, bis Deine Mutter nachkommt; die Frau
Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."—Arne schrak zusammen; es hatte
sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich könnte doch ganz gut bloß
noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine tränenerstickte
Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Mädchen gehören. "Hör'
jetzt auf zu weinen; es ist recht häßlich, daß Du weinst, weil Du nach Hause
zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme, die langsam sprach
und einem Manne gehörte. "Darüber weine ich ja nicht."—"Worüber weinst
Du denn sonst?"—"Weil ich nicht mehr mit Mathilde zusammen sein
kann."
So hieß die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, daß ein
Bauernmädchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht
ewig dauern."—"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte
bitterlich.—"Es ist das beste, Du fährst gleich mit nach Hause;—vielleicht
ist es schon zu spät."—"Zu spät? Warum? Wie meinst Du das?"—"Du bist
als Bauernmädchen geboren, und ein Bauernmädchen sollst Du bleiben; 'ne
Zierpuppe können wir uns nicht leisten."—"Ich könnte doch auch ein
Bauernmädchen sein, wenn ich hier bliebe."—"Das verstehst Du
nicht."—"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."—"Das allein
macht's nicht."—"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und kochen
gelernt."—"Das ist es auch nicht."—"Ich kann doch genau so sprechen wie
Du und die Mutter."—"Auch das ist's nicht."—"Ja, dann weiß ich nicht, was
es sein kann", sagte das Mädchen und lachte.—"Das wird sich ja
herausstellen;—ich habe bloß Angst, Du denkst jetzt schon
zuviel."—"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke überhaupt
nicht", sie fing wieder zu weinen an.—"Ach, Du bist ein
Windbeutel!"—"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."—"Nein, aber
ich sage es jetzt."—"Windbeutel? Ist so was erhört? Ich will aber kein
Windbeutel sein!"—"Was willst Du denn sonst sein?"—"Was ich sein
möchte? Ist so 'was erhört? Nichts möchte ich sein."—"Nun, so sei doch ein
Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."—Arne schrak zusammen; es hatte
sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich könnte doch ganz gut bloß
noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine tränenerstickte
Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Mädchen gehören. "Hör'
jetzt auf zu weinen; es ist recht häßlich, daß Du weinst, weil Du nach Hause
zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme, die langsam sprach
und einem Manne gehörte. "Darüber weine ich ja nicht."—"Worüber weinst
Du denn sonst?"—"Weil ich nicht mehr mit Mathilde zusammen sein
kann."
So hieß die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, daß ein
Bauernmädchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht
ewig dauern."—"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte
bitterlich.—"Es ist das beste, Du fährst gleich mit nach Hause;—vielleicht
ist es schon zu spät."—"Zu spät? Warum? Wie meinst Du das?"—"Du bist
als Bauernmädchen geboren, und ein Bauernmädchen sollst Du bleiben; 'ne
Zierpuppe können wir uns nicht leisten."—"Ich könnte doch auch ein
Bauernmädchen sein, wenn ich hier bliebe."—"Das verstehst Du
nicht."—"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."—"Das allein
macht's nicht."—"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und kochen
gelernt."—"Das ist es auch nicht."—"Ich kann doch genau so sprechen wie
Du und die Mutter."—"Auch das ist's nicht."—"Ja, dann weiß ich nicht, was
es sein kann", sagte das Mädchen und lachte.—"Das wird sich ja
herausstellen;—ich habe bloß Angst, Du denkst jetzt schon
zuviel."—"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke überhaupt
nicht", sie fing wieder zu weinen an.—"Ach, Du bist ein
Windbeutel!"—"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."—"Nein, aber
ich sage es jetzt."—"Windbeutel? Ist so was erhört? Ich will aber kein
Windbeutel sein!"—"Was willst Du denn sonst sein?"—"Was ich sein
möchte? Ist so 'was erhört? Nichts möchte ich sein."—"Nun, so sei doch ein
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Nichts!" Da lachte das Mädchen. Nach einer Weile sagte sie ernsthaft: "Es
ist gräßlich von Dir, daß Du sagst, ich bin ein Nichts."—"Herrgott, wenn
Du es doch selbst sein möchtest!"—"Nein, ich möchte kein Nichts
sein."—"Gut, so sei alles!"—Das Mädchen lachte. Nach einer Weile sagte
sie mit betrübter Stimme: "So hat mich der Herr Pfarrer nie zum Narren
gehabt."—"Nein, er hat bloß einen Narren aus Dir gemacht."—"Der Herr
Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der Herr Pfarrer."—"Das
wäre ja auch noch schöner."—"Saure Milch kann nie süß werden."—"Doch,
wenn man Käse davon macht."—Da lachte das Mädchen laut auf. "Da
kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst.
"So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein
Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme dazwischen.
"Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir kommen sonst heut
abend nicht mehr nach Hause.—Die Frau hat gesagt, ich soll aufpassen, daß
Eli immer trockne Füße hat. Mußt schon selbst drauf passen! Und jeden
Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht! Bleichsucht hin,
Bleichsucht her!—Steh doch auf, Baard, und mach' das Boot klar; ich muß
heut abend noch den Teig anrühren!"—"Der Koffer ist noch nicht da", sagte
er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch gar nicht mit; der soll bis
zum nächsten Sonntag hier bleiben. Hörst Du, Eli, steh auf; nimm Dein
Bündel und komm! Steh doch auf, Baard!"—Sie fort, das Mädchen hinter
ihr her. "Komm doch; aber so komm doch!" klang es von unten herauf.
"Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im Boot steckt?" fragte Baard und
blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt drin", und Arne hörte, wie sie ihn mit
einer Schöpfkelle festklopfte. "Aber so steh doch auf, Baard! Wir können
doch nicht die Nacht über hier liegen bleiben?"—"Ich warte auf den
Koffer."—"Aber Du meine Güte, ich habe Dir doch gesagt, er soll bis zum
nächsten Sonntag hier bleiben."—"Da kommt er schon", sagte Baard. Und
sie hörten Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum
nächsten Sonntag hier bleiben."—"Ich habe aber gesagt, er soll gleich
ist gräßlich von Dir, daß Du sagst, ich bin ein Nichts."—"Herrgott, wenn
Du es doch selbst sein möchtest!"—"Nein, ich möchte kein Nichts
sein."—"Gut, so sei alles!"—Das Mädchen lachte. Nach einer Weile sagte
sie mit betrübter Stimme: "So hat mich der Herr Pfarrer nie zum Narren
gehabt."—"Nein, er hat bloß einen Narren aus Dir gemacht."—"Der Herr
Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der Herr Pfarrer."—"Das
wäre ja auch noch schöner."—"Saure Milch kann nie süß werden."—"Doch,
wenn man Käse davon macht."—Da lachte das Mädchen laut auf. "Da
kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst.
"So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein
Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme dazwischen.
"Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir kommen sonst heut
abend nicht mehr nach Hause.—Die Frau hat gesagt, ich soll aufpassen, daß
Eli immer trockne Füße hat. Mußt schon selbst drauf passen! Und jeden
Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht! Bleichsucht hin,
Bleichsucht her!—Steh doch auf, Baard, und mach' das Boot klar; ich muß
heut abend noch den Teig anrühren!"—"Der Koffer ist noch nicht da", sagte
er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch gar nicht mit; der soll bis
zum nächsten Sonntag hier bleiben. Hörst Du, Eli, steh auf; nimm Dein
Bündel und komm! Steh doch auf, Baard!"—Sie fort, das Mädchen hinter
ihr her. "Komm doch; aber so komm doch!" klang es von unten herauf.
"Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im Boot steckt?" fragte Baard und
blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt drin", und Arne hörte, wie sie ihn mit
einer Schöpfkelle festklopfte. "Aber so steh doch auf, Baard! Wir können
doch nicht die Nacht über hier liegen bleiben?"—"Ich warte auf den
Koffer."—"Aber Du meine Güte, ich habe Dir doch gesagt, er soll bis zum
nächsten Sonntag hier bleiben."—"Da kommt er schon", sagte Baard. Und
sie hörten Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum
nächsten Sonntag hier bleiben."—"Ich habe aber gesagt, er soll gleich
Page 372
mit."—Ohne weiteres lief die Frau nun zum Wagen und trug Bündel, Korb
und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich
auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf.
Hinter dem Wagen aber kam ein Mädel hergelaufen im Strohhut und mit
flatternden Haaren; das war das Pfarrerstöchterlein. "Eli, Eli!" rief sie schon
von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere, lief hinauf
und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Hügel zusammen, fielen sich in
die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was sie so lange ins
Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst den Narrifas haben,
wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den Narrifas haben, ja, wirklich
—und: denk auch mal an mich—und komm … komm … komm oft
herübergerudert zu mir"; und sie weinten beide bitterlich. "Eli! komm doch,
Eli! Du kannst da doch nicht stehen bleiben!" klang es von unten herauf.
—"Aber ich will mit," sagte Mathilde, "ich will mit Dir hinüber und heut
nacht bei Dir schlafen!"—"Ja, ja, ja!"—und eng umschlungen liefen sie an
die Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf
dem See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und
winkte; Mathilde saß am Steg und weinte.
Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den
roten Häusern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen.
Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten
hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und hier
folgte er ihnen zu den Häusern hin, bis zu dem allerschönsten. Er sah die
Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und schließlich
die Tochter, soweit er sie an der Größe unterscheiden konnte. Nach einer
Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich vor die Tür,
wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal
herüberzuschauen. Das Pfarrerstöchterlein aber war schon fort, und nur er
saß noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"——
und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich
auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf.
Hinter dem Wagen aber kam ein Mädel hergelaufen im Strohhut und mit
flatternden Haaren; das war das Pfarrerstöchterlein. "Eli, Eli!" rief sie schon
von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere, lief hinauf
und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Hügel zusammen, fielen sich in
die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was sie so lange ins
Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst den Narrifas haben,
wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den Narrifas haben, ja, wirklich
—und: denk auch mal an mich—und komm … komm … komm oft
herübergerudert zu mir"; und sie weinten beide bitterlich. "Eli! komm doch,
Eli! Du kannst da doch nicht stehen bleiben!" klang es von unten herauf.
—"Aber ich will mit," sagte Mathilde, "ich will mit Dir hinüber und heut
nacht bei Dir schlafen!"—"Ja, ja, ja!"—und eng umschlungen liefen sie an
die Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf
dem See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und
winkte; Mathilde saß am Steg und weinte.
Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den
roten Häusern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen.
Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten
hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und hier
folgte er ihnen zu den Häusern hin, bis zu dem allerschönsten. Er sah die
Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und schließlich
die Tochter, soweit er sie an der Größe unterscheiden konnte. Nach einer
Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich vor die Tür,
wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal
herüberzuschauen. Das Pfarrerstöchterlein aber war schon fort, und nur er
saß noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"——
Page 373
Er stand auf und ging; die Sonne war hinunter, der Himmel aber war so
hell und klarblau, wie er in Sommernächten ist. Von Wasser und Land stieg
der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber blieben frei
und schauten zueinander hinüber. Er klomm höher hinauf; das Wasser
wurde schwärzer und tiefer und gewissermaßen dichter. Das Tal unten im
Grunde wurde kürzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die Felsen
rückten dem Auge näher und verschwammen in einen Klumpen, denn das
Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder, und
alles wurde freundlich und traulich.
Neuntes Kapitel
Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen;
die Heldenlieder und die alten Geschichten ließen sie ihm in einem
Zauberspiegel sehen—wie das Bild des Mädchens im Wasser. Er starrte
beständig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust über ihn, es zu
besingen; denn es war ihm näher gerückt. Aber der Gedanke entschlüpfte
ihm und kam zurück mit einem Liede, von dem er selbst nichts wußte; es
war, als habe ein anderer es für ihn gedichtet:
Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh
Ihrem Liebsten zu.
Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag:
"Guten Tag! guten Tag!"
Und all die kleinen Vöglein sangen lustig mit im Hag:
"Zum Fest Sankt Johanns
Da gibt's Lachen und Tanz;
Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
hell und klarblau, wie er in Sommernächten ist. Von Wasser und Land stieg
der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber blieben frei
und schauten zueinander hinüber. Er klomm höher hinauf; das Wasser
wurde schwärzer und tiefer und gewissermaßen dichter. Das Tal unten im
Grunde wurde kürzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die Felsen
rückten dem Auge näher und verschwammen in einen Klumpen, denn das
Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder, und
alles wurde freundlich und traulich.
Neuntes Kapitel
Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen;
die Heldenlieder und die alten Geschichten ließen sie ihm in einem
Zauberspiegel sehen—wie das Bild des Mädchens im Wasser. Er starrte
beständig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust über ihn, es zu
besingen; denn es war ihm näher gerückt. Aber der Gedanke entschlüpfte
ihm und kam zurück mit einem Liede, von dem er selbst nichts wußte; es
war, als habe ein anderer es für ihn gedichtet:
Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh
Ihrem Liebsten zu.
Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag:
"Guten Tag! guten Tag!"
Und all die kleinen Vöglein sangen lustig mit im Hag:
"Zum Fest Sankt Johanns
Da gibt's Lachen und Tanz;
Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
Page 374
Sie flocht ihm eins aus den Veiglein der Au:
"Meine Äuglein blau!"
Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein:
"Leb' wohl, Freundin mein!"
Und jubelte und stürmte wie ein Füllen feldein:
"Zum Fest Sankt Johanns…"
Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar:
"Du nimmst es, nicht wahr?"
Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund
Ihren roten Mund:
Er nahm und bekam ihn—und ihr Herz in Flammen stund.
Sie flocht eines weiß in ein Lilienband:
"Meine rechte Hand."
Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt:
"Meine linke mit."
Er nahm sie alle beide,—doch sein Blick zur Seite glitt.
Sie flocht eins aus Blumen überallher:
"Ich fand nicht mehr!"
Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh:
"Nimm die, alle, du!"
Er sagte nichts und nahm sie nur—und floh den Bergen zu.
Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz:
"Meinen Hochzeitskranz!"
Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Tränen sah:
"Setz' dir den auf, ja?"
Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da.
"Meine Äuglein blau!"
Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein:
"Leb' wohl, Freundin mein!"
Und jubelte und stürmte wie ein Füllen feldein:
"Zum Fest Sankt Johanns…"
Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar:
"Du nimmst es, nicht wahr?"
Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund
Ihren roten Mund:
Er nahm und bekam ihn—und ihr Herz in Flammen stund.
Sie flocht eines weiß in ein Lilienband:
"Meine rechte Hand."
Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt:
"Meine linke mit."
Er nahm sie alle beide,—doch sein Blick zur Seite glitt.
Sie flocht eins aus Blumen überallher:
"Ich fand nicht mehr!"
Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh:
"Nimm die, alle, du!"
Er sagte nichts und nahm sie nur—und floh den Bergen zu.
Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz:
"Meinen Hochzeitskranz!"
Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Tränen sah:
"Setz' dir den auf, ja?"
Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da.
Page 375
Und weiter flocht sie, versunken ganz
An dem Hochzeitskranz.
Doch jetzt war es längst übers Fest Sankt Johanns,
Weit der Lenz und sein Glanz:
Noch aus Eisblumen flocht sie—doch im Flechten zerrann's…
"Zum Fest Sankt Johanns—
Da gibt's Lachen und Tanz;
Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine
Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden
lieb zu haben und etwas Großes zu werden, die beiden Wünsche
verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht
"Über die hohen Berge", änderte dran herum, sang und dachte bei sich
selbst: "Es wird schon noch glücken; ich singe solange, bis ich den Mut
finde." Er vergaß die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er
tröstete sich nämlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fuß in der Fremde
gefaßt habe, würde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er es daheim
nimmermehr sich oder ihr schaffen könne. Mitten in diese große Sehnsucht
hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines, huschte weg und kam
wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum Träumer geworden war,
hatten diese unwillkürlichen Gedanken weit mehr Macht über ihn, als ihm
selber bewußt war.
Im Dorf lebte ein vergnüglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als
Zwanzigjähriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er am
Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig zu.
Der Mann war reich; ein großes Gehölz von Nußsträuchern lag auf seinem
Grund und Boden, und an einem recht schönen, sonnigen Tag im Herbst
pflegte eine ganze Schar fröhlicher Mädchen bei ihm zum Nußpflücken
versammelt zu sein. Tags war große Bewirtung und abends Tanz. Bei den
An dem Hochzeitskranz.
Doch jetzt war es längst übers Fest Sankt Johanns,
Weit der Lenz und sein Glanz:
Noch aus Eisblumen flocht sie—doch im Flechten zerrann's…
"Zum Fest Sankt Johanns—
Da gibt's Lachen und Tanz;
Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine
Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden
lieb zu haben und etwas Großes zu werden, die beiden Wünsche
verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht
"Über die hohen Berge", änderte dran herum, sang und dachte bei sich
selbst: "Es wird schon noch glücken; ich singe solange, bis ich den Mut
finde." Er vergaß die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er
tröstete sich nämlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fuß in der Fremde
gefaßt habe, würde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er es daheim
nimmermehr sich oder ihr schaffen könne. Mitten in diese große Sehnsucht
hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines, huschte weg und kam
wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum Träumer geworden war,
hatten diese unwillkürlichen Gedanken weit mehr Macht über ihn, als ihm
selber bewußt war.
Im Dorf lebte ein vergnüglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als
Zwanzigjähriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er am
Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig zu.
Der Mann war reich; ein großes Gehölz von Nußsträuchern lag auf seinem
Grund und Boden, und an einem recht schönen, sonnigen Tag im Herbst
pflegte eine ganze Schar fröhlicher Mädchen bei ihm zum Nußpflücken
versammelt zu sein. Tags war große Bewirtung und abends Tanz. Bei den
Page 376
meisten Mädchen hatte er Gevatter gestanden; denn er stand beim halben
Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und jung sprach es
nach.
Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder
willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nußernte ein. Arne errötete und
machte Ausflüchte; er sei es nicht gewöhnt, mit Frauenzimmern zusammen
zu sein, sagte er. "So mußt Du Dich dran gewöhnen", antwortete der Pate.
Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und
Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war
der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine
Enttäuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen
hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine
Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten
wunderte er sich darüber, daß sie über nichts und wieder nichts lachen
konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fünf auch, bloß
weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag für Tag
zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den
Zweig erhaschten, nach dem sie in die Höhe sprangen, lachten sie drüber,
und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den
Nußhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten
auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen
möglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie
haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle
miteinander aber lachten sie über Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht
machte, und als er dann lachen mußte, lachten sie, weil er endlich lachte.
Schließlich setzten sie sich auf eine Anhöhe, der Pate in die Mitte und die
Mädchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne
stach, aber sie kümmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den
Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und jung sprach es
nach.
Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder
willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nußernte ein. Arne errötete und
machte Ausflüchte; er sei es nicht gewöhnt, mit Frauenzimmern zusammen
zu sein, sagte er. "So mußt Du Dich dran gewöhnen", antwortete der Pate.
Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und
Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war
der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine
Enttäuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen
hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine
Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten
wunderte er sich darüber, daß sie über nichts und wieder nichts lachen
konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fünf auch, bloß
weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag für Tag
zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den
Zweig erhaschten, nach dem sie in die Höhe sprangen, lachten sie drüber,
und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den
Nußhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten
auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen
möglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie
haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle
miteinander aber lachten sie über Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht
machte, und als er dann lachen mußte, lachten sie, weil er endlich lachte.
Schließlich setzten sie sich auf eine Anhöhe, der Pate in die Mitte und die
Mädchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne
stach, aber sie kümmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den
Page 377
Nußschalen und den Hülsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate
versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um
sich, soweit er reichte, denn er wünschte, jetzt solle etwas erzählt werden,
etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzählen zu bewegen,
schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten.
Der Pate fing an; manche wollten nichts hören, denn seine Geschichten
kannten sie schon; aber schließlich hörte doch alles zu. Und ehe sie sich's
versahen, waren sie mitten drin im besten Erzählen. Da wunderte sich Arne
wieder über eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt
ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe.
"Aber Du, Aase, kennst eine hübsche; das weiß ich noch vom vorigen
Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mädel mit einem
gutmütigen, rundlichen Gesicht; sie saß und flocht ihrer jüngeren
Schwester, die den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, das Haar. "Die kennen
aber wohl viele", antwortete sie. "Erzähl' sie doch", baten alle. "Ich will
mich nicht lange nötigen lassen", sagte sie und erzählte und sang, während
sie immer weiter flocht:
"Es war einmal ein Bursch, der hütete das Vieh, und er trieb die Herde
am liebsten an einem breiten Fluß entlang. Wenn er höher hinaufkam, war
da ein Felsen, der soweit in den Fluß hinausragte, daß der Bursch nach der
andern Seite hinüberrufen konnte. Denn drüben auf der andern Seite war
ein Hirtenmädchen, das er den ganzen Tag über vor Augen hatte, ohne zu
ihr kommen zu können.
Dei' Blas'n, des geht mir
Ganz sakrisch in's Bluet.
Geh, Deandl, wie hoaßt denn?
Du g'fallst mer so guet!
versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um
sich, soweit er reichte, denn er wünschte, jetzt solle etwas erzählt werden,
etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzählen zu bewegen,
schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten.
Der Pate fing an; manche wollten nichts hören, denn seine Geschichten
kannten sie schon; aber schließlich hörte doch alles zu. Und ehe sie sich's
versahen, waren sie mitten drin im besten Erzählen. Da wunderte sich Arne
wieder über eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt
ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe.
"Aber Du, Aase, kennst eine hübsche; das weiß ich noch vom vorigen
Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mädel mit einem
gutmütigen, rundlichen Gesicht; sie saß und flocht ihrer jüngeren
Schwester, die den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, das Haar. "Die kennen
aber wohl viele", antwortete sie. "Erzähl' sie doch", baten alle. "Ich will
mich nicht lange nötigen lassen", sagte sie und erzählte und sang, während
sie immer weiter flocht:
"Es war einmal ein Bursch, der hütete das Vieh, und er trieb die Herde
am liebsten an einem breiten Fluß entlang. Wenn er höher hinaufkam, war
da ein Felsen, der soweit in den Fluß hinausragte, daß der Bursch nach der
andern Seite hinüberrufen konnte. Denn drüben auf der andern Seite war
ein Hirtenmädchen, das er den ganzen Tag über vor Augen hatte, ohne zu
ihr kommen zu können.
Dei' Blas'n, des geht mir
Ganz sakrisch in's Bluet.
Geh, Deandl, wie hoaßt denn?
Du g'fallst mer so guet!
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Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schließlich bekam
er Antwort:
Mit der Liab' in dein' Herz'n
Und dein' Bockshuet a'm Kopf—
Schwimm 'rüber, wenns d'Schneid hast,
Du damischer Tropf!
Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht
weiter um sie zu kümmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte
die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen
hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief:
Wo hat denn dei' Vota
Sei' Hütt'n hi'baut,
Daß koaner am Kirchgang
Di nie net derschaut?
Der Bursch glaubte nämlich halb und halb, sie müsse eine Waldhexe sein.
Mei' Vota is tot
Und die Hütt'n verbrennt—
I hab' no' mei' Lebtag
Koan' Pfarrer net 'kennt.
Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag über war er auf
dem Felsen; des Nachts träumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal,
wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach
ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und es
war um den Burschen übel bestellt.
er Antwort:
Mit der Liab' in dein' Herz'n
Und dein' Bockshuet a'm Kopf—
Schwimm 'rüber, wenns d'Schneid hast,
Du damischer Tropf!
Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht
weiter um sie zu kümmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte
die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen
hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief:
Wo hat denn dei' Vota
Sei' Hütt'n hi'baut,
Daß koaner am Kirchgang
Di nie net derschaut?
Der Bursch glaubte nämlich halb und halb, sie müsse eine Waldhexe sein.
Mei' Vota is tot
Und die Hütt'n verbrennt—
I hab' no' mei' Lebtag
Koan' Pfarrer net 'kennt.
Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag über war er auf
dem Felsen; des Nachts träumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal,
wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach
ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und es
war um den Burschen übel bestellt.
Page 379
Wenns d'a Trud bist, na mog i
Nix wissn vo' dir,
Aber bist nur a Deandl,
Na ko'st red'n mit mir.
Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie müsse eine
Waldhexe sein. Er gab das Viehhüten auf, aber da wurde es auch nicht
besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er an
die schöne Waldhexe, die das Horn blies.
Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Mädchen über den
Hof gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie näher
herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das
Mädchen zurück, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr
entgegen. Aber sowie sie näher herankam, war sie es doch nicht.
Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz
oder bei andrer Geselligkeit,—das Mädchen war auch da; von weitem sah
sie aus wie die Waldhexe, in der Nähe war sie eine andere; er fragte sie
dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus. Man kann
gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der Bursch, und
also heiratete er das Mädchen.
Als das aber geschehen war, mochte er das Mädel nicht mehr leiden. War
er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte er sich
nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch seine Frau
schlecht; sie ertrug es und schwieg.
Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den
Felsen, setzte sich nieder und rief:
Nix wissn vo' dir,
Aber bist nur a Deandl,
Na ko'st red'n mit mir.
Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie müsse eine
Waldhexe sein. Er gab das Viehhüten auf, aber da wurde es auch nicht
besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er an
die schöne Waldhexe, die das Horn blies.
Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Mädchen über den
Hof gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie näher
herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das
Mädchen zurück, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr
entgegen. Aber sowie sie näher herankam, war sie es doch nicht.
Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz
oder bei andrer Geselligkeit,—das Mädchen war auch da; von weitem sah
sie aus wie die Waldhexe, in der Nähe war sie eine andere; er fragte sie
dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus. Man kann
gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der Bursch, und
also heiratete er das Mädchen.
Als das aber geschehen war, mochte er das Mädel nicht mehr leiden. War
er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte er sich
nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch seine Frau
schlecht; sie ertrug es und schwieg.
Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den
Felsen, setzte sich nieder und rief:
Page 380
Der Mond und die Sterndln
Und 's Wasser derzua—
Es rihrt si weitum nix—
Nur i hob koan Ruah.
Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer
hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort war.
Eines Tages aber, als er so dasaß, da saß auch die Waldhexe leibhaftig am
andern Ufer und blies ihr Horn!
Da bist ja, da hockst ja
Und blas't wie net g'scheit!
Und i mueß grod woana—
Tuet jed's, wos eahm g'freit.
Da antwortete sie:
Deine Äugerln mach zue,
Über d' Ohr'n ziag dein' Huet!
Schau mi net an, hör' mi net an—
'S tuet d'r net guet!
Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause.
Doch es dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so überdrüssig, daß er
wieder in den Wald zu seinem Platz am Felsen mußte. Da klang es ihm
entgegen:
Mir hat's alleweil traamt:
Es fangt mi no wer!—
Ja, Gernhab'n is leicht,
Aber Fanga is schwer…
Und 's Wasser derzua—
Es rihrt si weitum nix—
Nur i hob koan Ruah.
Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer
hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort war.
Eines Tages aber, als er so dasaß, da saß auch die Waldhexe leibhaftig am
andern Ufer und blies ihr Horn!
Da bist ja, da hockst ja
Und blas't wie net g'scheit!
Und i mueß grod woana—
Tuet jed's, wos eahm g'freit.
Da antwortete sie:
Deine Äugerln mach zue,
Über d' Ohr'n ziag dein' Huet!
Schau mi net an, hör' mi net an—
'S tuet d'r net guet!
Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause.
Doch es dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so überdrüssig, daß er
wieder in den Wald zu seinem Platz am Felsen mußte. Da klang es ihm
entgegen:
Mir hat's alleweil traamt:
Es fangt mi no wer!—
Ja, Gernhab'n is leicht,
Aber Fanga is schwer…
Page 381
Der Bursch fuhr in die Höhe und schaute sich um, und da schlüpfte ein
grüner Rock zwischen den Büschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd
durch den ganzen Wald. So leichtfüßig, wie die Waldhexe war, konnte kein
Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie
lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie müde zu werden,
das sah der Bursch an den Fußspuren; doch er sah auch an ihrer ganzen
Gestalt, daß sie wirklich die Waldhexe war und keine andere. Jetzt hab' ich
Dich', dachte der Bursch, und stürzte mit einem Mal so ungestüm auf sie zu,
daß er und die Waldhexe ein ganzes Stück den Abhang hinunterkugelten,
bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, daß es in den Bergen klang,
wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Schoß, und sie war genau so
schön, wie er sich seine eigne Frau gewünscht hatte. 'O sag', wer bist Du
nur, Du Süße?' fragte der Bursch und streichelte sie, und ihr glühten die
Backen. 'Aber mein Gott, ich bin doch Deine eigene Frau', sagte sie."
Die Mädchen lachten und machten sich über den Burschen lustig. Der
Pate aber fragte Arne, ob er auch gut zugehört habe.
——"Na, jetzt will ich mal was erzählen", sagte eine Kleine mit einem
runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase.
"Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines
Mädel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein
von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine
kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom
Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast
kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du mußt schreiben lernen, dann geht's
leichter', sagte er sich,—und der Bursch machte sich ans Schreiben; er
dachte immer, es sei nicht schön genug, und deshalb übte er ein halbes Jahr,
bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so zuzustecken,
daß keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es sich so, daß sie allein
grüner Rock zwischen den Büschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd
durch den ganzen Wald. So leichtfüßig, wie die Waldhexe war, konnte kein
Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie
lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie müde zu werden,
das sah der Bursch an den Fußspuren; doch er sah auch an ihrer ganzen
Gestalt, daß sie wirklich die Waldhexe war und keine andere. Jetzt hab' ich
Dich', dachte der Bursch, und stürzte mit einem Mal so ungestüm auf sie zu,
daß er und die Waldhexe ein ganzes Stück den Abhang hinunterkugelten,
bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, daß es in den Bergen klang,
wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Schoß, und sie war genau so
schön, wie er sich seine eigne Frau gewünscht hatte. 'O sag', wer bist Du
nur, Du Süße?' fragte der Bursch und streichelte sie, und ihr glühten die
Backen. 'Aber mein Gott, ich bin doch Deine eigene Frau', sagte sie."
Die Mädchen lachten und machten sich über den Burschen lustig. Der
Pate aber fragte Arne, ob er auch gut zugehört habe.
——"Na, jetzt will ich mal was erzählen", sagte eine Kleine mit einem
runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase.
"Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines
Mädel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein
von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine
kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom
Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast
kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du mußt schreiben lernen, dann geht's
leichter', sagte er sich,—und der Bursch machte sich ans Schreiben; er
dachte immer, es sei nicht schön genug, und deshalb übte er ein halbes Jahr,
bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so zuzustecken,
daß keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es sich so, daß sie allein
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standen. 'Ich hab' einen Brief für Dich', sagte der Bursch. 'Aber ich kann
kein Geschriebenes lesen', antwortete das Mädchen.—Na, da stand der
Bursch da.—Er zog nun bei dem Vater des Mädchens in Dienst und wich
ihr den lieben langen Tag nicht von der Seite. Einmal war er nahe daran zu
reden; er tat schon den Mund auf, aber da flog ihm eine große Fliege hinein.
—'Wenn bloß keiner kommt und sie mir wegschnappt', dachte der Bursch.
Aber es kam keiner und schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.
—Aber schließlich kam doch einer; denn der war auch nur so klein. Der
Bursch merkte recht gut, was er wollte, und als die beiden zusammen auf
die Altane gingen, setzte der Bursch sich vors Schlüsselloch. Jetzt warb der
da drinnen um sie. 'Herrjeh, ich Dummkopf, daß ich mich nicht beeilt habe!'
dachte der Bursch. Der da drinnen küßte das Mädel mitten auf den Mund.
—'Das schmeckt gewiß gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm
das Mädel auf den Schoß. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu
weinen an. Das hörte das Mädchen und ging an die Tür: 'Was willst Du
eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh
lassen'—'Ich?—ich möchte bloß bitten, daß ich Dein Brautführer sein
darf.'—'Nein, das sollen meine Brüder sein', antwortete das Mädchen und
warf die Tür zu.—Na, da hatte der Bursch das Nachsehen"
Die Mädchen lachten sehr über diese Geschichte und warfen sich dann
wieder mit Nußschalen.
Der Pate wünschte, Eli Böen solle etwas erzählen. Was denn aber?! Ja,
sie solle erzählen, was sie ihm auf der Anhöhe erzählt hatte, als er das
letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbänder
geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschloß, denn sie
lachte fürchterlich; aber dann erzählte sie:
"Ein Mädchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh bloß
die Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Mädchen. 'Die fliegt hinter
kein Geschriebenes lesen', antwortete das Mädchen.—Na, da stand der
Bursch da.—Er zog nun bei dem Vater des Mädchens in Dienst und wich
ihr den lieben langen Tag nicht von der Seite. Einmal war er nahe daran zu
reden; er tat schon den Mund auf, aber da flog ihm eine große Fliege hinein.
—'Wenn bloß keiner kommt und sie mir wegschnappt', dachte der Bursch.
Aber es kam keiner und schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.
—Aber schließlich kam doch einer; denn der war auch nur so klein. Der
Bursch merkte recht gut, was er wollte, und als die beiden zusammen auf
die Altane gingen, setzte der Bursch sich vors Schlüsselloch. Jetzt warb der
da drinnen um sie. 'Herrjeh, ich Dummkopf, daß ich mich nicht beeilt habe!'
dachte der Bursch. Der da drinnen küßte das Mädel mitten auf den Mund.
—'Das schmeckt gewiß gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm
das Mädel auf den Schoß. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu
weinen an. Das hörte das Mädchen und ging an die Tür: 'Was willst Du
eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh
lassen'—'Ich?—ich möchte bloß bitten, daß ich Dein Brautführer sein
darf.'—'Nein, das sollen meine Brüder sein', antwortete das Mädchen und
warf die Tür zu.—Na, da hatte der Bursch das Nachsehen"
Die Mädchen lachten sehr über diese Geschichte und warfen sich dann
wieder mit Nußschalen.
Der Pate wünschte, Eli Böen solle etwas erzählen. Was denn aber?! Ja,
sie solle erzählen, was sie ihm auf der Anhöhe erzählt hatte, als er das
letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbänder
geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschloß, denn sie
lachte fürchterlich; aber dann erzählte sie:
"Ein Mädchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh bloß
die Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Mädchen. 'Die fliegt hinter
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mir her', sagte der Bursch.—'Kann ebensogut hinter mir sein', antwortete
das Mädchen.—'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch; Jetzt gehst
Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen wir wieder
zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir geflogen?' fragte der
Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie ist ja hinter mir
hergeflogen', antwortete das Mädchen.—'Dann müssen hier zwei sein.' Sie
gingen zusammen ein Stück weiter; aber es war doch bloß eine; der Bursch
behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das Mädchen dagegen behauptete, sie
fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den Teufel um die Drossel', sagte der
Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das Mädchen.—Sowie sie das aber gesagt
hatten, war auch die Drossel verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite',
sagte der Bursch. 'Na, ich danke schön! ich hab' genau gesehen, daß es auf
Deiner war.——Aber da!—da ist sie ja wieder!' rief das Mädchen. 'Ja, auf
meiner Seite!' rief der Bursch. Nun wurde aber das Mädchen böse. 'Ich
verdiente ja den Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit
ging sie ihren eignen Weg.—Da verließ die Drossel den Burschen, und es
wurde ihm so langweilig, daß er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die
Drossel bei Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'—'Ach nein!
Du mußt wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,'
Und das Mädchen kam. Sie faßten sich an der Hand und gingen zusammen
weiter. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Mädchen. 'Kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen Seiten, und als sie
hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln um sie herum. 'Nein,
wie seltsam!' sagte das Mädchen und blickte zu dem Burschen auf. 'Gott
schütze Dich!' sagte der Bursch und strich dem Mädchen über die Wange."
Diese Geschichte fanden alle Mädchen sehr schön.
Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzählen, was sie diese Nacht
geträumt hätten, und dann wollte er entscheiden, wer den schönsten Traum
das Mädchen.—'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch; Jetzt gehst
Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen wir wieder
zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir geflogen?' fragte der
Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie ist ja hinter mir
hergeflogen', antwortete das Mädchen.—'Dann müssen hier zwei sein.' Sie
gingen zusammen ein Stück weiter; aber es war doch bloß eine; der Bursch
behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das Mädchen dagegen behauptete, sie
fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den Teufel um die Drossel', sagte der
Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das Mädchen.—Sowie sie das aber gesagt
hatten, war auch die Drossel verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite',
sagte der Bursch. 'Na, ich danke schön! ich hab' genau gesehen, daß es auf
Deiner war.——Aber da!—da ist sie ja wieder!' rief das Mädchen. 'Ja, auf
meiner Seite!' rief der Bursch. Nun wurde aber das Mädchen böse. 'Ich
verdiente ja den Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit
ging sie ihren eignen Weg.—Da verließ die Drossel den Burschen, und es
wurde ihm so langweilig, daß er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die
Drossel bei Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'—'Ach nein!
Du mußt wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,'
Und das Mädchen kam. Sie faßten sich an der Hand und gingen zusammen
weiter. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Mädchen. 'Kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen Seiten, und als sie
hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln um sie herum. 'Nein,
wie seltsam!' sagte das Mädchen und blickte zu dem Burschen auf. 'Gott
schütze Dich!' sagte der Bursch und strich dem Mädchen über die Wange."
Diese Geschichte fanden alle Mädchen sehr schön.
Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzählen, was sie diese Nacht
geträumt hätten, und dann wollte er entscheiden, wer den schönsten Traum
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gehabt habe. Nein, erzählen zu sollen, was sie geträumt hatten! Nein, so
was! Und es entstand ein Gelächter und Getuschle ohne Ende. Dann aber
sagte eine nach der andern, sie habe solchen schönen Traum heut nacht
gehabt; so schön wie der, den sie gehabt hätten, könnt' er aber auf keinen
Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schließlich wollten sie alle
gern ihre Träume erzählen. Aber es durfte nicht laut sein; nur einer sollte es
hören, aber nicht der Pate. Arne saß still ein Stückchen abseits,—dem
konnte man sie erzählen.
Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die
zuerst erzählt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber erzählte sie:
"Mir träumte, ich stände an einem großen Wasser. Da sah ich einen über das
Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte sich in eine große Seerose
hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der großen Blätter, die die Seerose
hat, und die auf dem Wasser schwimmen; auf dem wollte ich zu ihm
hinüberrudern. Aber kaum stand ich auf dem Blatt, als es mit mir zu sinken
begann, so daß ich Angst bekam und weinte. Da ruderte er in der Seerose
heran, zog mich zu sich in die Blume hinein und fuhr mit mir über das
ganze Wasser.—War das nicht ein schöner Traum?"
Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzählt
hatte: "Mir träumte, ich hätte einen kleinen Vogel gefangen, und ich freute
mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in der Stube
sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die Eltern mir gesagt
hätten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging ich mit ihm auf den
Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und so konnte ich ihn hier
doch auch nicht loslassen. Da wußte ich meiner Seele keinen Rat und ging
in die Scheune. Gott, da waren so viele Ritzen, wie leicht hätte er
durchschlüpfen können. Na, da ging ich wieder auf den Hof hinunter, und
da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er spielte mit einem ganz großen Hund.
'Ich möchte lieber mit Deinem Vogel spielen', sagte er und kam ganz nahe
was! Und es entstand ein Gelächter und Getuschle ohne Ende. Dann aber
sagte eine nach der andern, sie habe solchen schönen Traum heut nacht
gehabt; so schön wie der, den sie gehabt hätten, könnt' er aber auf keinen
Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schließlich wollten sie alle
gern ihre Träume erzählen. Aber es durfte nicht laut sein; nur einer sollte es
hören, aber nicht der Pate. Arne saß still ein Stückchen abseits,—dem
konnte man sie erzählen.
Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die
zuerst erzählt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber erzählte sie:
"Mir träumte, ich stände an einem großen Wasser. Da sah ich einen über das
Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte sich in eine große Seerose
hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der großen Blätter, die die Seerose
hat, und die auf dem Wasser schwimmen; auf dem wollte ich zu ihm
hinüberrudern. Aber kaum stand ich auf dem Blatt, als es mit mir zu sinken
begann, so daß ich Angst bekam und weinte. Da ruderte er in der Seerose
heran, zog mich zu sich in die Blume hinein und fuhr mit mir über das
ganze Wasser.—War das nicht ein schöner Traum?"
Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzählt
hatte: "Mir träumte, ich hätte einen kleinen Vogel gefangen, und ich freute
mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in der Stube
sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die Eltern mir gesagt
hätten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging ich mit ihm auf den
Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und so konnte ich ihn hier
doch auch nicht loslassen. Da wußte ich meiner Seele keinen Rat und ging
in die Scheune. Gott, da waren so viele Ritzen, wie leicht hätte er
durchschlüpfen können. Na, da ging ich wieder auf den Hof hinunter, und
da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er spielte mit einem ganz großen Hund.
'Ich möchte lieber mit Deinem Vogel spielen', sagte er und kam ganz nahe
Page 385
heran. Ich lief fort, und er und der große Hund hinterher, und ich lief über
den ganzen Hof; da aber machte Mutter die Tür auf, zog mich hinein und
warf die Tür zu. Draußen aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den
Scheiben und lachte. 'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er—und denk nur, da
hatte er den Vogel.—War das nicht ein hübscher Traum?"
Dann kam die, die von den Drosseln erzählt hatte. Eli hatten sie zu ihr
gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im Wasser
gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so groß und
schön saß sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken Gestalt. Sie
wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze Zeit, bis sie soweit
war; dann aber erzählte sie: "Ich hatte mich so sehr drauf gefreut, heute ins
Nußholz zu kommen, und da träumte mir heut nacht, ich säße hier auf dem
Hügel. Die Sonne schien, und ich hatte den ganzen Schoß voll Nüsse. Aber
da war auf einmal ein kleines Eichhörnchen mitten unter den Nüssen; es
hockte auf meinem Schoß und aß die ganzen Nüsse auf.—War das nicht ein
komischer Traum?"
Und noch mehr Träume wurden ihm erzählt; dann aber sollte er sagen,
welcher der schönste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog der
Pate mit der ganzen Schar zum Gehöft hinunter, und Arne sollte
nachkommen. Sie sprangen die Anhöhe hinab, stellten sich, als sie in die
Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwärts.
Er saß allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die
Mädchenschar, so daß ihre weißen Hemdärmel schimmerten. Dann und
wann faßte die eine die andre um; sie tanzten über die Wiese hin, der Pate
mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne
dachte nicht mehr an die Träume; er sah bald überhaupt nicht mehr zu den
Mädchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfäden über das
Tal, und er saß allein auf dem Hügel und spann. Ehe er's recht wußte, war er
den ganzen Hof; da aber machte Mutter die Tür auf, zog mich hinein und
warf die Tür zu. Draußen aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den
Scheiben und lachte. 'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er—und denk nur, da
hatte er den Vogel.—War das nicht ein hübscher Traum?"
Dann kam die, die von den Drosseln erzählt hatte. Eli hatten sie zu ihr
gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im Wasser
gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so groß und
schön saß sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken Gestalt. Sie
wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze Zeit, bis sie soweit
war; dann aber erzählte sie: "Ich hatte mich so sehr drauf gefreut, heute ins
Nußholz zu kommen, und da träumte mir heut nacht, ich säße hier auf dem
Hügel. Die Sonne schien, und ich hatte den ganzen Schoß voll Nüsse. Aber
da war auf einmal ein kleines Eichhörnchen mitten unter den Nüssen; es
hockte auf meinem Schoß und aß die ganzen Nüsse auf.—War das nicht ein
komischer Traum?"
Und noch mehr Träume wurden ihm erzählt; dann aber sollte er sagen,
welcher der schönste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog der
Pate mit der ganzen Schar zum Gehöft hinunter, und Arne sollte
nachkommen. Sie sprangen die Anhöhe hinab, stellten sich, als sie in die
Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwärts.
Er saß allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die
Mädchenschar, so daß ihre weißen Hemdärmel schimmerten. Dann und
wann faßte die eine die andre um; sie tanzten über die Wiese hin, der Pate
mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne
dachte nicht mehr an die Träume; er sah bald überhaupt nicht mehr zu den
Mädchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfäden über das
Tal, und er saß allein auf dem Hügel und spann. Ehe er's recht wußte, war er
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mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich hinaus in
die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er
nach Hause komme, mit der Mutter drüber zu reden; es mochte gehen, wie
es wolle.
Seine Gedanken wurden immer mächtiger und strömten in das Lied aus:
"Über die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen
und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefügt; sie waren fast wie die
Mädchen, die im Kreise auf dem Hügel saßen. Er hatte ein Stück Papier bei
sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben
hatte, stand er wie erlöst auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging
den Waldweg heimwärts, obschon er wußte, er werde dann die Nacht mit zu
Hilfe nehmen müssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte
er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es
liegen lassen, wo er es gemacht hatte.
—Eins der Mädchen suchte ihn auf dem Hügel und fand ihn nicht, wohl
aber das Lied.
Zehntes Kapitel
Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte
Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter
wandte ihm den Rücken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie
rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafür, wie es
stand,—nämlich, daß er besonders gutes Essen bekam.
Eines Tages mußte er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg führte
mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fällen wollte,
die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er
nach Hause komme, mit der Mutter drüber zu reden; es mochte gehen, wie
es wolle.
Seine Gedanken wurden immer mächtiger und strömten in das Lied aus:
"Über die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen
und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefügt; sie waren fast wie die
Mädchen, die im Kreise auf dem Hügel saßen. Er hatte ein Stück Papier bei
sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben
hatte, stand er wie erlöst auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging
den Waldweg heimwärts, obschon er wußte, er werde dann die Nacht mit zu
Hilfe nehmen müssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte
er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es
liegen lassen, wo er es gemacht hatte.
—Eins der Mädchen suchte ihn auf dem Hügel und fand ihn nicht, wohl
aber das Lied.
Zehntes Kapitel
Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte
Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter
wandte ihm den Rücken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie
rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafür, wie es
stand,—nämlich, daß er besonders gutes Essen bekam.
Eines Tages mußte er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg führte
mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fällen wollte,
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wurden im Herbst immer Preißelbeeren gepflückt. Arne hatte die Axt aus
der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit
gehen, als zwei Mädchen mit ihren Beerentöpfen des Wegs kamen. Er
versteckte sich lieber, als mit Mädchen zusammenzutreffen, und das tat er
jetzt auch.
"Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"—"Ja, ja, ich sehe
schon!"—"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja
Eimervoll!"—"Raschelt es da nicht im Busch?"—"Ach, wirklich!" und die
Mädchen drängten sich aneinander und faßten sich um. Sie standen eine
lange Zeit so still, daß sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir
wollen ruhig pflücken."—"Ja, ich glaub' auch, wir pflücken ruhig."—Und
nun pflückten sie.—"Es war nett von Dir, Eli, daß Du heut ins Pfarrhaus
kamst.—Hast Du mir denn auch was zu erzählen?"—"Ich bin bei dem Paten
gewesen."——"Ja, das hast Du mir gesagt;—aber hast Du mir nichts von
dem Bewußten zu erzählen?"—"O doch!"—"Ach wirklich? Eli, ist das
wahr? Schnell, so erzähl' doch!"—"Er ist wieder bei uns gewesen!"—"Ist
nicht möglich!"—"Doch, ganz gewiß; die Eltern taten, als sähen sie es
nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."—"Weiter, weiter!
Kam er dann nach?"—"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war;
Vater ist doch immer so!"—"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier
zu mir!—Also, dann kam er?"—"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so
schüchtern."—"Jedes Wort muß ich wissen, hörst Du, jedes Wort!"—"Hast
Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich.
"Du weißt, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf
die Truhe.—"Neben Dich!"—"Und dann faßte er mich um die
Taille."—"Um die Taille, ist's möglich?"—"Ich wollte mich gern wieder frei
machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er—", sie
lachte und die andere lachte auch.—"Nun? Nun?"—"Willst Du meine Frau
sein?"—"Ha, ha, ha!"—"Ha, ha, ha."—Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha,
ha, ha!—"
der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit
gehen, als zwei Mädchen mit ihren Beerentöpfen des Wegs kamen. Er
versteckte sich lieber, als mit Mädchen zusammenzutreffen, und das tat er
jetzt auch.
"Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"—"Ja, ja, ich sehe
schon!"—"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja
Eimervoll!"—"Raschelt es da nicht im Busch?"—"Ach, wirklich!" und die
Mädchen drängten sich aneinander und faßten sich um. Sie standen eine
lange Zeit so still, daß sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir
wollen ruhig pflücken."—"Ja, ich glaub' auch, wir pflücken ruhig."—Und
nun pflückten sie.—"Es war nett von Dir, Eli, daß Du heut ins Pfarrhaus
kamst.—Hast Du mir denn auch was zu erzählen?"—"Ich bin bei dem Paten
gewesen."——"Ja, das hast Du mir gesagt;—aber hast Du mir nichts von
dem Bewußten zu erzählen?"—"O doch!"—"Ach wirklich? Eli, ist das
wahr? Schnell, so erzähl' doch!"—"Er ist wieder bei uns gewesen!"—"Ist
nicht möglich!"—"Doch, ganz gewiß; die Eltern taten, als sähen sie es
nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."—"Weiter, weiter!
Kam er dann nach?"—"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war;
Vater ist doch immer so!"—"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier
zu mir!—Also, dann kam er?"—"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so
schüchtern."—"Jedes Wort muß ich wissen, hörst Du, jedes Wort!"—"Hast
Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich.
"Du weißt, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf
die Truhe.—"Neben Dich!"—"Und dann faßte er mich um die
Taille."—"Um die Taille, ist's möglich?"—"Ich wollte mich gern wieder frei
machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er—", sie
lachte und die andere lachte auch.—"Nun? Nun?"—"Willst Du meine Frau
sein?"—"Ha, ha, ha!"—"Ha, ha, ha."—Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha,
ha, ha!—"
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Endlich mußte das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es
lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,—war das nicht komisch, als
er Dich um die Taille faßte?"
Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, daß man
es nicht hören konnte, vielleicht auch nur mit einem Lächeln. Nach einer
Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"—"Vater
kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte,
wenn er mich ansah."—"Aber Deine Mutter?"—"Nein, die sagte nichts;
aber sie war nicht so streng wie sonst."—"Ja, Du hast ihn also
ausgeschlagen?"—"Natürlich."—Dann blieb es wieder lange still.
"Du?"—"Ja—?"—"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"—"Ja,
natürlich!"—"Wär's möglich!—Haha!—Du, Eli!—Und wenn der mich nun
um die Taille faßte?"—Sie steckte den Kopf weg.
Da gab es ein Lachen und Flüstern und Tuscheln.
Bald brachen die Mädchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt,
noch die Jacke gesehen, und er war recht froh darüber.
Einige Tage darauf nahm er Knut als Pächter zu sich nach Kampen. "Du
sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne.
Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte früh mit der Säge umgehen
gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun wollte er
dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefühl, es sei gut, eine
bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut für ihn, daß er unter Leute
kam, und er veränderte sich allmählich so, daß ihn Sehnsucht danach faßte,
wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, daß er den Winter
über in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die beiden Mädchen
lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,—war das nicht komisch, als
er Dich um die Taille faßte?"
Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, daß man
es nicht hören konnte, vielleicht auch nur mit einem Lächeln. Nach einer
Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"—"Vater
kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte,
wenn er mich ansah."—"Aber Deine Mutter?"—"Nein, die sagte nichts;
aber sie war nicht so streng wie sonst."—"Ja, Du hast ihn also
ausgeschlagen?"—"Natürlich."—Dann blieb es wieder lange still.
"Du?"—"Ja—?"—"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"—"Ja,
natürlich!"—"Wär's möglich!—Haha!—Du, Eli!—Und wenn der mich nun
um die Taille faßte?"—Sie steckte den Kopf weg.
Da gab es ein Lachen und Flüstern und Tuscheln.
Bald brachen die Mädchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt,
noch die Jacke gesehen, und er war recht froh darüber.
Einige Tage darauf nahm er Knut als Pächter zu sich nach Kampen. "Du
sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne.
Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte früh mit der Säge umgehen
gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun wollte er
dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefühl, es sei gut, eine
bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut für ihn, daß er unter Leute
kam, und er veränderte sich allmählich so, daß ihn Sehnsucht danach faßte,
wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, daß er den Winter
über in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die beiden Mädchen
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oft zusammen. Wenn er sie sah, überlegte Arne, wer es wohl sein möge, der
um Eli Böen warb.
Es traf sich, daß er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren
mußte; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hören, worüber sie
sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte
den Kopf weg. Schließlich fragte Mathilde, ob es wahr sei, daß er dichten
könne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden, schwatzten und
lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu sprechen und tat, als
seien sie Luft.
Einmal saß er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und
Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten sie
sich über irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und sie
siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten, ob er
tanzen könne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten und liefen
weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst. Aber der
Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwölf Jahren, den Arne
sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's keiner sah.
Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des
Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen
Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von
ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis Bruder
aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das gesagt?"—"Das
hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, daß sie's gesagt hat."—Kurze Zeit
drauf ließ er bestellen, Eli möge ein bißchen weniger lachen. Der Junge
kam zurück mit der Bestellung, Arne möge endlich ein bißchen mehr
lachen.
Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne
ließ es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit wollte
um Eli Böen warb.
Es traf sich, daß er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren
mußte; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hören, worüber sie
sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte
den Kopf weg. Schließlich fragte Mathilde, ob es wahr sei, daß er dichten
könne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden, schwatzten und
lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu sprechen und tat, als
seien sie Luft.
Einmal saß er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und
Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten sie
sich über irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und sie
siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten, ob er
tanzen könne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten und liefen
weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst. Aber der
Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwölf Jahren, den Arne
sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's keiner sah.
Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des
Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen
Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von
ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis Bruder
aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das gesagt?"—"Das
hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, daß sie's gesagt hat."—Kurze Zeit
drauf ließ er bestellen, Eli möge ein bißchen weniger lachen. Der Junge
kam zurück mit der Bestellung, Arne möge endlich ein bißchen mehr
lachen.
Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne
ließ es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit wollte
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der Junge Arne mit der Nachricht erfreuen, die beiden Mädchen fänden
seine Schrift sehr schön. "Haben sie sie denn gesehen?"—"Ja, ich habe
doch für sie drum gebeten."—Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas zu
bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch; Arne
strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat die
Jungens, es so hinzulegen, daß es leicht zu finden sei. Nachher fand er das
Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand: "Verbessert von
einem eingebildeten Gecken."
Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich
nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener
traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las ihr
die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen sie. Aber
sie wußte recht wohl, es geschah hauptsächlich, um ihre Zustimmung zu
erlangen, daß er im Frühling auf Reisen gehen dürfe. Da kam eines Tages
von Böen ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum Tischlern hinkommen
könne.
Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es
nicht weiter überlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du kannst
Dich freilich wundern! Von Böen!"—"Ist denn das so merkwürdig?" fragte
Arne, sah sie aber nicht an. "Von Böen!" rief die Mutter noch einmal.—"Na,
warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?" Er blickte ein
wenig auf.—"Von Böen und Birgit Böen!—Wo doch Baard um Birgits
willen Deinen Vater zum Krüppel geschlagen hat!"—-"Was sagst Du?" rief
jetzt der Bursch. "Das war Baard Böen?"
Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an
ihnen vorüber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden,
der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzählten sie sich von
jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Böen selbst um ihn für ihre
seine Schrift sehr schön. "Haben sie sie denn gesehen?"—"Ja, ich habe
doch für sie drum gebeten."—Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas zu
bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch; Arne
strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat die
Jungens, es so hinzulegen, daß es leicht zu finden sei. Nachher fand er das
Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand: "Verbessert von
einem eingebildeten Gecken."
Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich
nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener
traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las ihr
die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen sie. Aber
sie wußte recht wohl, es geschah hauptsächlich, um ihre Zustimmung zu
erlangen, daß er im Frühling auf Reisen gehen dürfe. Da kam eines Tages
von Böen ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum Tischlern hinkommen
könne.
Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es
nicht weiter überlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du kannst
Dich freilich wundern! Von Böen!"—"Ist denn das so merkwürdig?" fragte
Arne, sah sie aber nicht an. "Von Böen!" rief die Mutter noch einmal.—"Na,
warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?" Er blickte ein
wenig auf.—"Von Böen und Birgit Böen!—Wo doch Baard um Birgits
willen Deinen Vater zum Krüppel geschlagen hat!"—-"Was sagst Du?" rief
jetzt der Bursch. "Das war Baard Böen?"
Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an
ihnen vorüber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden,
der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzählten sie sich von
jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Böen selbst um ihn für ihre
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Tochter Birgit geworben und einen Korb bekommen hatte; sie
vergegenwärtigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils
zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere
gewesen. Aber der den Vater zum Krüppel geschlagen hatte, war eben doch
er gewesen.
"Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und
beschloß, sofort hinzugehen.
Als Arne mit der Handsäge auf der Schulter über das Eis auf Böen
zuging, fand er das Gehöft sehr schön. Das Haus sah immer aus, als sei es
neugestrichen; ihn fror ein bißchen, und deshalb kam das Haus ihm wohl so
traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo der
Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und
knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schäferhund lief auf der
Scheunenbrücke hin und her und bellte, als käme der Böse auf den Hof,
aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und ließ sich
streicheln. Die Küchentür an der hinteren Seite des Hauses ging häufig auf,
und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit
ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen
in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken
stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen
aufgeschichtet.—Arne stellte seine Säge hin und ging in die Küche; weißer
Sand lag auf dem Fußboden und feinzerpflückter Wacholder war darüber
gestreut; an den Wänden blitzten die Kupferkessel, und allerhand Krüge
standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er fragte,
ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine Magd und
wies nach der Tür; er ging; an der Tür war keine Klinke, sondern ein
Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke mit vielen
Rosen bemalt, die Schränke rot, mit dem Namen des Besitzers in schwarz
darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande. Hinten am
vergegenwärtigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils
zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere
gewesen. Aber der den Vater zum Krüppel geschlagen hatte, war eben doch
er gewesen.
"Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und
beschloß, sofort hinzugehen.
Als Arne mit der Handsäge auf der Schulter über das Eis auf Böen
zuging, fand er das Gehöft sehr schön. Das Haus sah immer aus, als sei es
neugestrichen; ihn fror ein bißchen, und deshalb kam das Haus ihm wohl so
traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo der
Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und
knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schäferhund lief auf der
Scheunenbrücke hin und her und bellte, als käme der Böse auf den Hof,
aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und ließ sich
streicheln. Die Küchentür an der hinteren Seite des Hauses ging häufig auf,
und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit
ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen
in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken
stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen
aufgeschichtet.—Arne stellte seine Säge hin und ging in die Küche; weißer
Sand lag auf dem Fußboden und feinzerpflückter Wacholder war darüber
gestreut; an den Wänden blitzten die Kupferkessel, und allerhand Krüge
standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er fragte,
ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine Magd und
wies nach der Tür; er ging; an der Tür war keine Klinke, sondern ein
Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke mit vielen
Rosen bemalt, die Schränke rot, mit dem Namen des Besitzers in schwarz
darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande. Hinten am
Page 392
Ofen saß ein breitschultriger Mann mit einem gütigen Gesicht und langem
gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen Tisch saß
eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem enganschließenden
Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn in zwei Hälften.
Sonst war weiter niemand in der Stube.
"Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Mütze ab.
Beide blickten auf; der Mann lächelte und fragte, wer er sei. "Der hier
tischlern soll."—Der Mann lächelte weiter und sagte, indem er den Kopf
senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."—"Arne
Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und
lächelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich
wieder an die Arbeit.
Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um,
ging an den Schrank, kehrte wieder um, und während sie im Tischkasten
kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"—"Ja, das soll
er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner einen
Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die Tür; die Frau
ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob er auch anfangen
könne. "Wir wollen erst Mittag essen."
Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Küchentür
aufging, kam Eli. Sie tat erst, als sähe sie ihn nicht; als er aufstand und auf
sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand
zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar Worte; der
Vater arbeitete.—Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein Kleid mit engen
Ärmeln an, war zierlich und schlank mit runden Handgelenken und kleinen
Händen. Sie deckte den Tisch; das Gesinde aß in der andern Stube, Arne mit
der Familie in dieser Stube; zufällig wurde heute getrennt gegessen, sonst
aßen alle in der großen hellen Küche am selben Tisch.—"Kommt Mutter
gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen Tisch saß
eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem enganschließenden
Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn in zwei Hälften.
Sonst war weiter niemand in der Stube.
"Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Mütze ab.
Beide blickten auf; der Mann lächelte und fragte, wer er sei. "Der hier
tischlern soll."—Der Mann lächelte weiter und sagte, indem er den Kopf
senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."—"Arne
Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und
lächelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich
wieder an die Arbeit.
Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um,
ging an den Schrank, kehrte wieder um, und während sie im Tischkasten
kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"—"Ja, das soll
er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner einen
Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die Tür; die Frau
ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob er auch anfangen
könne. "Wir wollen erst Mittag essen."
Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Küchentür
aufging, kam Eli. Sie tat erst, als sähe sie ihn nicht; als er aufstand und auf
sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand
zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar Worte; der
Vater arbeitete.—Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein Kleid mit engen
Ärmeln an, war zierlich und schlank mit runden Handgelenken und kleinen
Händen. Sie deckte den Tisch; das Gesinde aß in der andern Stube, Arne mit
der Familie in dieser Stube; zufällig wurde heute getrennt gegessen, sonst
aßen alle in der großen hellen Küche am selben Tisch.—"Kommt Mutter
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nicht?" fragte der Mann.—"Nein, sie ist auf dem Boden und wiegt
Wolle."—"Hast Du sie gerufen?"—"Ja, aber sie sagt, sie mag nicht
essen."—Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt auf dem Boden."—"Sie
wollte nicht, daß ich einheize."
Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen
in der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen nähten; der Mann
bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb
stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort führte, sagte jetzt auch
nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause bei
ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewußtsein. Eli seufzte
einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten, und dann fing
sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand es ebenfalls
komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand; schließlich
bloß er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort dazwischen. Als aber
Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte, blickte er zufällig auf; da
begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte die Arbeit sinken lassen und
saß und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die Arbeit schnell auf, aber beim
ersten Wort, das er sagte, blickte sie wieder in die Luft.
Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne
wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen Stelle
hätte; aber es war kein Sinn darin. Tagsüber hatte er wenig oder nichts mit
dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber träumte er einzig und allein
von ihm. Das letzte war, daß Baard am Tisch saß und mit Schneider Nils
Karten spielte. Der machte ein wütendes Gesicht und war ganz blaß; Baard
aber lächelte und zog die Karten zu sich herüber.
Arne war nun mehrere Tage da, während deren so gut wie nichts
gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht bloß in der
Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tagelöhner, sogar die
Wolle."—"Hast Du sie gerufen?"—"Ja, aber sie sagt, sie mag nicht
essen."—Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt auf dem Boden."—"Sie
wollte nicht, daß ich einheize."
Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen
in der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen nähten; der Mann
bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb
stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort führte, sagte jetzt auch
nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause bei
ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewußtsein. Eli seufzte
einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten, und dann fing
sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand es ebenfalls
komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand; schließlich
bloß er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort dazwischen. Als aber
Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte, blickte er zufällig auf; da
begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte die Arbeit sinken lassen und
saß und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die Arbeit schnell auf, aber beim
ersten Wort, das er sagte, blickte sie wieder in die Luft.
Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne
wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen Stelle
hätte; aber es war kein Sinn darin. Tagsüber hatte er wenig oder nichts mit
dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber träumte er einzig und allein
von ihm. Das letzte war, daß Baard am Tisch saß und mit Schneider Nils
Karten spielte. Der machte ein wütendes Gesicht und war ganz blaß; Baard
aber lächelte und zog die Karten zu sich herüber.
Arne war nun mehrere Tage da, während deren so gut wie nichts
gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht bloß in der
Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tagelöhner, sogar die
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Mägde sagten nichts. Auf dem Hof war ein alter Hund, der bellte jedesmal,
wenn Fremde kamen; nie aber hörten die Leute den Hund bellen, ohne daß
einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und legte sich
wieder hin. Daheim in Kampen war eine große Wetterfahne auf dem Dach,
die sich im Winde drehte; hier war eine noch größere Fahne, die Arne
auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig wehte, mühte
sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis es ihn aufs
Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht festgefroren, wie er
dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, daß die Fahne stillstehen sollte;
den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der Pflock traf Baard, der
gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was machst Du da?"—"Ich
mache die Fahne los."—"Tu's nicht; sie kreischt, wenn sie geht." Arne saß
rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch besser, als wenn sie stillschweigt."
Baard sah zu Arne hinauf und Arne zu Baard hinunter; da lächelte Baard:
"Wer kreischen muß, wenn er sprechen will, tut doch wohl besser zu
schweigen, mein' ich."
Nun kann es vorkommen, daß irgend ein Wort lange, nachdem es
gesprochen ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort
folgte Arne, wie er in der Kälte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm
noch gegenwärtig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im
Abenddämmer am Fenster und schaute über das Eis hin, das im
Mondschein blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr
hinaus. Drinnen war es warm und still, draußen war es kalt; ein scharfer
Abendwind strich durch das Tal und rüttelte an den Bäumen, daß die
Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf dem
Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herüber drang
ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei Gestalten
und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange
hinstarrt. Darüber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und
geheimnisvoll, mondhell aber auf den höheren Schneefeldern. Der Himmel
wenn Fremde kamen; nie aber hörten die Leute den Hund bellen, ohne daß
einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und legte sich
wieder hin. Daheim in Kampen war eine große Wetterfahne auf dem Dach,
die sich im Winde drehte; hier war eine noch größere Fahne, die Arne
auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig wehte, mühte
sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis es ihn aufs
Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht festgefroren, wie er
dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, daß die Fahne stillstehen sollte;
den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der Pflock traf Baard, der
gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was machst Du da?"—"Ich
mache die Fahne los."—"Tu's nicht; sie kreischt, wenn sie geht." Arne saß
rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch besser, als wenn sie stillschweigt."
Baard sah zu Arne hinauf und Arne zu Baard hinunter; da lächelte Baard:
"Wer kreischen muß, wenn er sprechen will, tut doch wohl besser zu
schweigen, mein' ich."
Nun kann es vorkommen, daß irgend ein Wort lange, nachdem es
gesprochen ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort
folgte Arne, wie er in der Kälte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm
noch gegenwärtig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im
Abenddämmer am Fenster und schaute über das Eis hin, das im
Mondschein blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr
hinaus. Drinnen war es warm und still, draußen war es kalt; ein scharfer
Abendwind strich durch das Tal und rüttelte an den Bäumen, daß die
Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf dem
Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herüber drang
ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei Gestalten
und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange
hinstarrt. Darüber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und
geheimnisvoll, mondhell aber auf den höheren Schneefeldern. Der Himmel
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oben war ausgestirnt und fern an einer Seite ein zittriges Nordlicht, das sich
aber nicht vorwagte. Ein Stück vom Fenster entfernt, unten am Wasser,
standen Bäume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin; eine große
Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee.
Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in
langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.—"Das ist die
Wetterfahne", sagte Eli, und dann fügte sie leise wie für sich selbst hinzu:
"Sie muß losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen
wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weißt Du noch das
Märchen von den Drosseln, die sangen?"—"Ja."—"Ach, richtig—Du hast
es ja selbst erzählt.——Es war ein schönes Märchen."—Sie sagte mit so
sanfter Stimme, daß er sie gewissermaßen zum erstenmal zu hören meinte:
"Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."—"Das ist das Gute in
uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen
hinterher auch beide. Dann fragte sie, während sie mit dem Finger auf den
Scheiben malte: "Hast Du kürzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot,
das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es,
wenn Du dichtest?"—"Möchtest Du es gern wissen?"—"O ja."—"Ich achte
auf die Gedanken, die die andern sich entschlüpfen lassen", antwortete er
ausweichend.—Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf
dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte
entschlüpfen lassen.—"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst
und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.—"Ich habe ein Gedicht
gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".—"Wo war das?"—"Drüben
beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verließest;—ich hab' Dich im
Wasser gesehen."—Sie lachte und stand eine Weile still: "Laß mich das
Lied hören."—Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er,
ihr das Lied vorzusingen.
aber nicht vorwagte. Ein Stück vom Fenster entfernt, unten am Wasser,
standen Bäume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin; eine große
Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee.
Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in
langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.—"Das ist die
Wetterfahne", sagte Eli, und dann fügte sie leise wie für sich selbst hinzu:
"Sie muß losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen
wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weißt Du noch das
Märchen von den Drosseln, die sangen?"—"Ja."—"Ach, richtig—Du hast
es ja selbst erzählt.——Es war ein schönes Märchen."—Sie sagte mit so
sanfter Stimme, daß er sie gewissermaßen zum erstenmal zu hören meinte:
"Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."—"Das ist das Gute in
uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen
hinterher auch beide. Dann fragte sie, während sie mit dem Finger auf den
Scheiben malte: "Hast Du kürzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot,
das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es,
wenn Du dichtest?"—"Möchtest Du es gern wissen?"—"O ja."—"Ich achte
auf die Gedanken, die die andern sich entschlüpfen lassen", antwortete er
ausweichend.—Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf
dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte
entschlüpfen lassen.—"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst
und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.—"Ich habe ein Gedicht
gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".—"Wo war das?"—"Drüben
beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verließest;—ich hab' Dich im
Wasser gesehen."—Sie lachte und stand eine Weile still: "Laß mich das
Lied hören."—Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er,
ihr das Lied vorzusingen.
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"Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh
Ihrem Liebsten zu" usw.
Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war.
Schließlich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"—"Mir ist beinahe, als hätt'
ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er
es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken
gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir
soll's doch wohl nicht so gehen?"—"Nein, nein, nein;—ich habe eigentlich
an mich selbst dabei gedacht."—"Soll es Dir denn so ergehen?"—"Ich weiß
nicht;—aber damals empfand ich so;—ja, ich begreife es gar nicht; aber mir
war damals so schwer ums Herz."—"Das ist doch seltsam"; sie malte
wieder auf den Scheiben.
Das nächste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans
Fenster. Draußen war es grau und trüb, drinnen warm und gut; an die
Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und
immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden
hatte.
Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war
überhaupt die ganze Zeit über nicht recht munter; sie sagte es selbst, und
man konnte es ihr auch ansehen.
Elftes Kapitel
Den nächsten Tag kam Arne herein und erzählte, was er eben auf dem
Hof erfahren hatte: nämlich daß Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die
Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur für ein paar Tage,—tatsächlich
Ihrem Liebsten zu" usw.
Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war.
Schließlich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"—"Mir ist beinahe, als hätt'
ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er
es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken
gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir
soll's doch wohl nicht so gehen?"—"Nein, nein, nein;—ich habe eigentlich
an mich selbst dabei gedacht."—"Soll es Dir denn so ergehen?"—"Ich weiß
nicht;—aber damals empfand ich so;—ja, ich begreife es gar nicht; aber mir
war damals so schwer ums Herz."—"Das ist doch seltsam"; sie malte
wieder auf den Scheiben.
Das nächste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans
Fenster. Draußen war es grau und trüb, drinnen warm und gut; an die
Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und
immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden
hatte.
Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war
überhaupt die ganze Zeit über nicht recht munter; sie sagte es selbst, und
man konnte es ihr auch ansehen.
Elftes Kapitel
Den nächsten Tag kam Arne herein und erzählte, was er eben auf dem
Hof erfahren hatte: nämlich daß Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die
Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur für ein paar Tage,—tatsächlich
Page 397
aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli hatte bis jetzt keine
Ahnung davon; sie wurde ohnmächtig und sank um.
Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in große Angst; er
rannte nach den Mägden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der
ganze Hof geriet in Aufregung; der Schäferhund kläffte auf der
Scheunenbrücke. Als Arne später wieder hineinkam, lag die Mutter vorm
Bett auf den Knien; der Vater stützte der Kranken den Kopf. Die Mägde
liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im
Schrank standen, eine dritte knöpfte der Kranken die Jacke am Hals auf.
"Gott sei Dir gnädig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, daß wir
nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir
gnädig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts
geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so häßlich zu
ihr, Baard. Du weißt eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weißt ja nicht, wie's
ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie
die andern, die einen Kummer schon vertragen können; sie wirft er um, die
Ärmste, so schmächtig wie sie ist. Und überhaupt jetzt, da sie sowieso
schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch
immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht
solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du
redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als möchte er nicht, daß der alles
mitanhöre, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Mägde in der Stube
blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die
Kranke soweit zu sich, daß sie um sich schauen konnte und die
Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie
schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und
Schluchzen aus, daß es schrecklich mitanzuhören war. Da suchte die Mutter
sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, daß sie ihn sehen konnte, aber die
Kranke stieß sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb,
weg!"—"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.
Ahnung davon; sie wurde ohnmächtig und sank um.
Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in große Angst; er
rannte nach den Mägden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der
ganze Hof geriet in Aufregung; der Schäferhund kläffte auf der
Scheunenbrücke. Als Arne später wieder hineinkam, lag die Mutter vorm
Bett auf den Knien; der Vater stützte der Kranken den Kopf. Die Mägde
liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im
Schrank standen, eine dritte knöpfte der Kranken die Jacke am Hals auf.
"Gott sei Dir gnädig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, daß wir
nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir
gnädig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts
geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so häßlich zu
ihr, Baard. Du weißt eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weißt ja nicht, wie's
ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie
die andern, die einen Kummer schon vertragen können; sie wirft er um, die
Ärmste, so schmächtig wie sie ist. Und überhaupt jetzt, da sie sowieso
schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch
immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht
solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du
redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als möchte er nicht, daß der alles
mitanhöre, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Mägde in der Stube
blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die
Kranke soweit zu sich, daß sie um sich schauen konnte und die
Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie
schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und
Schluchzen aus, daß es schrecklich mitanzuhören war. Da suchte die Mutter
sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, daß sie ihn sehen konnte, aber die
Kranke stieß sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb,
weg!"—"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.
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—"Nein! Ihr seid hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die
ich habe!"—"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.—"Doch,
Mutter!" schrie sie, "einmal muß ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich
mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr
sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und
Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und
nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde
nicht mehr hier ist,—besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen
habe, daß ich mir keinen Rat weiß, wenn ich nicht mit einem darüber reden
kann!"—"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.—"Was
tut das, wenn ich sie drüben am Fenster weiß!" erwiderte die Kranke und
weinte wie ein Kind, so daß es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage
noch keinen Menschen weinen hören.—"Du konntest sie aber doch von hier
aus nicht sehen", sagte Baard.—"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die
Mutter fügte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte
Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli.
"Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends saß ich da im
Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich
gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam
wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte
sie an.
Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte.
Gegen Abend gewahrten sie erst, daß eine langwierige Krankheit im Anzug
war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne
wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne
Bewußtsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr,
der Vater stand am Fußende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er
hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen
betete er für sie, betete, daß sie, die so jung und schön war, es gut im Leben
haben, und daß keiner sie um ihr Glück bringen möge.
ich habe!"—"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.—"Doch,
Mutter!" schrie sie, "einmal muß ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich
mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr
sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und
Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und
nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde
nicht mehr hier ist,—besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen
habe, daß ich mir keinen Rat weiß, wenn ich nicht mit einem darüber reden
kann!"—"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.—"Was
tut das, wenn ich sie drüben am Fenster weiß!" erwiderte die Kranke und
weinte wie ein Kind, so daß es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage
noch keinen Menschen weinen hören.—"Du konntest sie aber doch von hier
aus nicht sehen", sagte Baard.—"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die
Mutter fügte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte
Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli.
"Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends saß ich da im
Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich
gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam
wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte
sie an.
Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte.
Gegen Abend gewahrten sie erst, daß eine langwierige Krankheit im Anzug
war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne
wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne
Bewußtsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr,
der Vater stand am Fußende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er
hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen
betete er für sie, betete, daß sie, die so jung und schön war, es gut im Leben
haben, und daß keiner sie um ihr Glück bringen möge.
Page 399
Tags drauf saßen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne
hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide
dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze
Zeit, bis Antwort kam; schließlich aber sagte der Vater: "Es geht recht
schlecht."—Später erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewußtsein
gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie
in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen
und die Eltern saßen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als
sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder
allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er
aber sei ausgeschlossen.
Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr
wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr
geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit
gemäß, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei
gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tür, als Baard das erzählte, und sie
schrie auf: "Herrjeh, was bist Du für ein rücksichtsloser Mensch, Baard,
dem kranken Kind so was zu erzählen! Siehst Du, da wird sie uns wieder
ohnmächtig; Gott verzeih Dir die Sünde!" Immer, wenn die Kranke zu sich
kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es könne Mathilde unmöglich gut
gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in
Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da
wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie
werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang
an, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht, drehte sich um und
ging.
Später kamen der Pfarrer und seine Frau herüber, denn die Krankheit
hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, daß keiner
wußte, ob es zum Leben oder zum Tode gehe.
hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide
dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze
Zeit, bis Antwort kam; schließlich aber sagte der Vater: "Es geht recht
schlecht."—Später erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewußtsein
gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie
in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen
und die Eltern saßen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als
sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder
allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er
aber sei ausgeschlossen.
Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr
wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr
geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit
gemäß, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei
gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tür, als Baard das erzählte, und sie
schrie auf: "Herrjeh, was bist Du für ein rücksichtsloser Mensch, Baard,
dem kranken Kind so was zu erzählen! Siehst Du, da wird sie uns wieder
ohnmächtig; Gott verzeih Dir die Sünde!" Immer, wenn die Kranke zu sich
kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es könne Mathilde unmöglich gut
gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in
Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da
wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie
werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang
an, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht, drehte sich um und
ging.
Später kamen der Pfarrer und seine Frau herüber, denn die Krankheit
hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, daß keiner
wußte, ob es zum Leben oder zum Tode gehe.
Page 400
Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwürfe, er sei zu hart
gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte
ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich
ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinübergeschafft werden könne; die
Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und saß bei
der Kranken, ließ den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen
entgegen und kam dann täglich einigemal herüber, um Eli vorschriftsgemäß
zu pflegen. Baard ging draußen auf dem Hof von einer Stelle zur andern,
am liebsten so, daß er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck,
schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht und nahm irgend eine
Arbeit vor.
Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal
am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe
die Schuhe aus, legte die Mütze draußen hin und öffnete behutsam die Tür.
Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen,
saß zusammengekauert da, den Kopf in die Hände gestützt und starrte vor
sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wußte nicht, was um
sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fußende des Bettes, sah sie
beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle
sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er
gekommen war.
Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind
und Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und
schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier,
obwohl er gern vorher gewußt hätte, wie es Eli gehe. Das werde er ja aber
auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er wolle nach
Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei fertig. Baard saß
draußen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das sagte. Er saß da, ganz
gebückt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee; den Pflock kannte Arne;
gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte
ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich
ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinübergeschafft werden könne; die
Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und saß bei
der Kranken, ließ den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen
entgegen und kam dann täglich einigemal herüber, um Eli vorschriftsgemäß
zu pflegen. Baard ging draußen auf dem Hof von einer Stelle zur andern,
am liebsten so, daß er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck,
schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht und nahm irgend eine
Arbeit vor.
Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal
am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe
die Schuhe aus, legte die Mütze draußen hin und öffnete behutsam die Tür.
Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen,
saß zusammengekauert da, den Kopf in die Hände gestützt und starrte vor
sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wußte nicht, was um
sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fußende des Bettes, sah sie
beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle
sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er
gekommen war.
Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind
und Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und
schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier,
obwohl er gern vorher gewußt hätte, wie es Eli gehe. Das werde er ja aber
auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er wolle nach
Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei fertig. Baard saß
draußen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das sagte. Er saß da, ganz
gebückt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee; den Pflock kannte Arne;
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es war derselbe, der die Wetterfahne gehemmt hatte. Baard blickte nicht
auf; er sagte: "Es ist hier wohl augenblicklich nicht gut sein,—aber mir ist,
als möcht' ich Dich nicht fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne
auch nicht. Er blieb eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit
vor, als sei es abgemacht, daß er bleiben solle.
Später, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, saß Baard noch immer
auf dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe.
"Es ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, daß ihre Mutter
weint." Arne war's, als heiße ihn einer sich hinsetzen, und er setzte sich
Baard gegenüber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel an
Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, daß Arne nichts darauf
erwidern konnte. "Du weißt wohl, was zwischen uns vorgefallen
ist?"—"Ich weiß es."—"Ja, Du weißt aber vermutlich nur die eine Hälfte
und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer Weile:
"Du hast doch gewiß Deinem Gott Rechenschaft darüber gegeben, wie
mein Vater jetzt auch."—"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte Baard.
"Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so merkwürdig vor,
daß Du hierherkommen mußtest und die Fahne losmachen. Je eher, je
besser, dachte ich." Er hatte die Mütze abgenommen und saß und sah in sie
hinein.
Arne begriff noch nicht, daß er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm
über seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard schon
im besten Zuge war, so wenig sah das Baard ähnlich. Aber was in seinem
Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die Erzählung
vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerfälligen, aber
grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner
hierdurch.
auf; er sagte: "Es ist hier wohl augenblicklich nicht gut sein,—aber mir ist,
als möcht' ich Dich nicht fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne
auch nicht. Er blieb eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit
vor, als sei es abgemacht, daß er bleiben solle.
Später, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, saß Baard noch immer
auf dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe.
"Es ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, daß ihre Mutter
weint." Arne war's, als heiße ihn einer sich hinsetzen, und er setzte sich
Baard gegenüber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel an
Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, daß Arne nichts darauf
erwidern konnte. "Du weißt wohl, was zwischen uns vorgefallen
ist?"—"Ich weiß es."—"Ja, Du weißt aber vermutlich nur die eine Hälfte
und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer Weile:
"Du hast doch gewiß Deinem Gott Rechenschaft darüber gegeben, wie
mein Vater jetzt auch."—"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte Baard.
"Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so merkwürdig vor,
daß Du hierherkommen mußtest und die Fahne losmachen. Je eher, je
besser, dachte ich." Er hatte die Mütze abgenommen und saß und sah in sie
hinein.
Arne begriff noch nicht, daß er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm
über seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard schon
im besten Zuge war, so wenig sah das Baard ähnlich. Aber was in seinem
Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die Erzählung
vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerfälligen, aber
grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner
hierdurch.
Page 402
"Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein", sagte Baard und hielt inne, wie
bei der ganzen Erzählung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder inne,
aber so, daß seine Erzählung ein Gepräge bekam, als sei jedes Wort
wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen Vater,
der im selben Alter war, kennen lernte.—Er war sehr wild und duldete
keinen über sich. Und er hat es mir nie vergessen können, daß ich bei der
Konfirmation der erste war und er der zweite.—Oft wollte er mit mir
anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von uns seiner
selbst sicher.—Aber merkwürdig ist, daß er jeden Tag eine Prügelei hatte
und nie ein Unglück daraus entstand; nur das eine Mal, wo ich dazwischen
kommen mußte, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen konnte;—aber
freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.——
Nils lief allen Mädchen nach und sie ihm. Eine bloß wollte ich haben,
aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem
Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.———Mich packte oft
die Lust, wenn ich so dasaß, mich um dieser Sache willen mit ihm zu
messen; aber ich hatte Angst, ich könne verlieren, und wußte, daß ich damit
auch sie verlieren würde. Wenn alle andern fort waren, machte ich dieselben
Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken, gegen den
er geschnellt war; aber wenn er das nächste Mal mir das Mädchen wieder
vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit ihm
einzulassen,—obgleich—einmal geschah es doch, als er nämlich gerade vor
meinen Augen mit dem Mädchen schön tat—da nahm ich einen
ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, über den
Dachbalken. Damals ist er auch ganz blaß geworden———
Wenn er noch gut zu ihr gewesen wäre; aber er betrog sie, und das Abend
für Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal bloß noch lieber.—So
stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es biegen oder
brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, daß er es so weitertreiben
bei der ganzen Erzählung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder inne,
aber so, daß seine Erzählung ein Gepräge bekam, als sei jedes Wort
wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen Vater,
der im selben Alter war, kennen lernte.—Er war sehr wild und duldete
keinen über sich. Und er hat es mir nie vergessen können, daß ich bei der
Konfirmation der erste war und er der zweite.—Oft wollte er mit mir
anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von uns seiner
selbst sicher.—Aber merkwürdig ist, daß er jeden Tag eine Prügelei hatte
und nie ein Unglück daraus entstand; nur das eine Mal, wo ich dazwischen
kommen mußte, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen konnte;—aber
freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.——
Nils lief allen Mädchen nach und sie ihm. Eine bloß wollte ich haben,
aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem
Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.———Mich packte oft
die Lust, wenn ich so dasaß, mich um dieser Sache willen mit ihm zu
messen; aber ich hatte Angst, ich könne verlieren, und wußte, daß ich damit
auch sie verlieren würde. Wenn alle andern fort waren, machte ich dieselben
Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken, gegen den
er geschnellt war; aber wenn er das nächste Mal mir das Mädchen wieder
vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit ihm
einzulassen,—obgleich—einmal geschah es doch, als er nämlich gerade vor
meinen Augen mit dem Mädchen schön tat—da nahm ich einen
ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, über den
Dachbalken. Damals ist er auch ganz blaß geworden———
Wenn er noch gut zu ihr gewesen wäre; aber er betrog sie, und das Abend
für Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal bloß noch lieber.—So
stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es biegen oder
brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, daß er es so weitertreiben
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sollte, deshalb fiel er härter, als ich gewollt hatte.—Ich habe ihn nachher nie
wiedergesehen."
Sie schwiegen eine ganze Zeit, schließlich fuhr Baard fort:
"Ich warb wieder um sie. Sie sagte nicht ja, nicht nein, und da dachte ich,
es würde später besser werden. Wir heirateten uns; die Hochzeit war unten
im Tal bei einer Base, die sie beerbte. Wir fingen groß an, und unser Hab
und Gut hat sich noch weiter vermehrt. Unsere Höfe lagen nebeneinander,
und nun wurden sie vereinigt, wie es von klein auf mein Wunsch gewesen
war.—Aber vieles andere ging nicht nach meinem Wunsch."—Er saß lange
wortlos da; Arne dachte eine Weile, er weine; das war aber nicht der Fall.
Nur seine Stimme war noch sanfter denn gewöhnlich, als er nun fortfuhr:
"Anfangs war sie still und sehr traurig. Ich konnte ihr nichts zum Troste
sagen, und so schwieg ich. Später nahm sie manchmal dies unstete Wesen
an, das Du vielleicht auch bemerkt hast; es war doch wenigstens eine
Veränderung, und so schwieg ich auch dazu.—Aber einen wirklich frohen
Tag habe ich nicht gehabt, seit ich verheiratet bin, und das sind jetzt an die
zwanzig Jahre."———
Hier brach er den Pflock in zwei Stücke; dann saß er eine ganze Zeit und
sah die Stücke an.
"——Als Eli heranwuchs, dachte ich, sie habe mehr Freude als hier,
wenn sie unter Fremden wäre. Ich habe nur selten etwas gewollt; das meiste
ist aber schief gegangen,—und dies auch. Die Mutter saß und sehnte sich
nach dem Kinde, wenn auch nur das bißchen Wasser zwischen ihnen lag,
und schließlich merkte ich: da drüben die Pfarre ist auch nicht das richtige,
denn die Pfarrersleute sind so recht gutmütige Hanswurste; aber ich merkte
es zu spät. Sie ist jetzt wohl weder Vater noch Mutter zugetan!"
wiedergesehen."
Sie schwiegen eine ganze Zeit, schließlich fuhr Baard fort:
"Ich warb wieder um sie. Sie sagte nicht ja, nicht nein, und da dachte ich,
es würde später besser werden. Wir heirateten uns; die Hochzeit war unten
im Tal bei einer Base, die sie beerbte. Wir fingen groß an, und unser Hab
und Gut hat sich noch weiter vermehrt. Unsere Höfe lagen nebeneinander,
und nun wurden sie vereinigt, wie es von klein auf mein Wunsch gewesen
war.—Aber vieles andere ging nicht nach meinem Wunsch."—Er saß lange
wortlos da; Arne dachte eine Weile, er weine; das war aber nicht der Fall.
Nur seine Stimme war noch sanfter denn gewöhnlich, als er nun fortfuhr:
"Anfangs war sie still und sehr traurig. Ich konnte ihr nichts zum Troste
sagen, und so schwieg ich. Später nahm sie manchmal dies unstete Wesen
an, das Du vielleicht auch bemerkt hast; es war doch wenigstens eine
Veränderung, und so schwieg ich auch dazu.—Aber einen wirklich frohen
Tag habe ich nicht gehabt, seit ich verheiratet bin, und das sind jetzt an die
zwanzig Jahre."———
Hier brach er den Pflock in zwei Stücke; dann saß er eine ganze Zeit und
sah die Stücke an.
"——Als Eli heranwuchs, dachte ich, sie habe mehr Freude als hier,
wenn sie unter Fremden wäre. Ich habe nur selten etwas gewollt; das meiste
ist aber schief gegangen,—und dies auch. Die Mutter saß und sehnte sich
nach dem Kinde, wenn auch nur das bißchen Wasser zwischen ihnen lag,
und schließlich merkte ich: da drüben die Pfarre ist auch nicht das richtige,
denn die Pfarrersleute sind so recht gutmütige Hanswurste; aber ich merkte
es zu spät. Sie ist jetzt wohl weder Vater noch Mutter zugetan!"
Page 404
Die Mütze hatte er wieder abgenommen; jetzt fielen ihm die langen
Haare in die Augen; er strich sie weg und setzte sich mit beiden Händen die
Mütze auf, als wolle er gehen; aber als er sich zum Haus umwandte, um
aufzustehen, blieb er noch und fügte mit einem Blick nach dem Fenster der
Bodenkammer hinzu:
"Ich hielt es für das beste, Mathilde und sie nähmen nicht Abschied
voneinander;—aber das war verkehrt. Ich sagte ihr, der kleine Vogel sei tot,
denn meine Schuld war es doch, und da hielt ich es für richtiger, es
einzugestehen; aber das war auch verkehrt. Und so ist es mit allem. Ich
habe immer das beste gewollt, aber immer ist es zum Unsegen geworden,
und jetzt ist es soweit gekommen, daß Frau und Tochter schlecht von mir
reden und ich hier allein und verlassen herumlaufe."
Eine Magd rief zu ihnen hinauf, das Essen werde kalt. Baard stand auf.
"Ich höre die Pferde wiehern", sagte er; "sie müssen wohl vergessen sein";
damit ging er in den Stall, um ihnen Heu zu geben.
Zwölftes Kapitel
Eli war sehr schwach nach ihrer Krankheit; die Mutter saß Tag und Nacht
bei ihr und kam niemals nach unten; der Vater machte oben seine
gewohnten Besuche auf Socken und legte die Mütze draußen vor der Tür
ab. Arne war noch immer auf dem Hof; er und der Vater saßen abends
zusammen; er hatte Baard sehr liebgewonnen; Baard war ein belesener,
scharf denkender Mensch, hatte aber sozusagen Angst vor dem, was er
wußte. Wenn nun Arne ihm zurechthalf und ihm manches erzählte, was er
noch nicht gewußt hatte, dann war Baard sehr dankbar.
Haare in die Augen; er strich sie weg und setzte sich mit beiden Händen die
Mütze auf, als wolle er gehen; aber als er sich zum Haus umwandte, um
aufzustehen, blieb er noch und fügte mit einem Blick nach dem Fenster der
Bodenkammer hinzu:
"Ich hielt es für das beste, Mathilde und sie nähmen nicht Abschied
voneinander;—aber das war verkehrt. Ich sagte ihr, der kleine Vogel sei tot,
denn meine Schuld war es doch, und da hielt ich es für richtiger, es
einzugestehen; aber das war auch verkehrt. Und so ist es mit allem. Ich
habe immer das beste gewollt, aber immer ist es zum Unsegen geworden,
und jetzt ist es soweit gekommen, daß Frau und Tochter schlecht von mir
reden und ich hier allein und verlassen herumlaufe."
Eine Magd rief zu ihnen hinauf, das Essen werde kalt. Baard stand auf.
"Ich höre die Pferde wiehern", sagte er; "sie müssen wohl vergessen sein";
damit ging er in den Stall, um ihnen Heu zu geben.
Zwölftes Kapitel
Eli war sehr schwach nach ihrer Krankheit; die Mutter saß Tag und Nacht
bei ihr und kam niemals nach unten; der Vater machte oben seine
gewohnten Besuche auf Socken und legte die Mütze draußen vor der Tür
ab. Arne war noch immer auf dem Hof; er und der Vater saßen abends
zusammen; er hatte Baard sehr liebgewonnen; Baard war ein belesener,
scharf denkender Mensch, hatte aber sozusagen Angst vor dem, was er
wußte. Wenn nun Arne ihm zurechthalf und ihm manches erzählte, was er
noch nicht gewußt hatte, dann war Baard sehr dankbar.
Page 405
Eli durfte nun schon zuweilen auf sein, und je mehr es mit ihr vorwärts
ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in der
Stube unter Elis Kammer saß und mit lauter Stimme sang: da kam die
Mutter hinunter und bestellte von Eli, er möge doch hinauf kommen und
singen, damit sie die Worte besser verstehen könne. Arne hatte vielleicht
schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter dies sagte,
wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen, wiewohl keiner
es behauptet hatte. Er faßte sich aber schnell und sagte ausweichend, er
könne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn er allein sei,
schiene das gar nicht der Fall zu sein.
Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er
sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie müsse sich jetzt sehr verändert
haben, und das machte ihn ein bißchen ängstlich. Aber als er leise die Tür
öffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er konnte nichts
sehen. Er blieb an der Tür stehen. "Wer ist da?" fragte Eli leise und deutlich.
"Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die Worte recht weich
klängen.—"Es ist nett, daß Du kommst."—"Wie geht es Dir,
Eli?"—"Danke, jetzt geht es besser."
"Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete sich
zu einem Stuhl hin, der am Fußende des Bettes stand. "Es tat mir wohl,
Dich singen zu hören, Du mußt mir hier oben etwas vorsingen."—"Wenn
ich nur etwas könnte, was hierherpaßte."—Es blieb eine Zeitlang still; dann
sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat er, und zwar ein Stück aus einem
Konfirmationslied. Als er zu Ende war, hörte er sie weinen, und deshalb
wagte er nicht weiter zu singen; nach einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch
so eins", und er sang noch eins, diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied.
"Über wievieles hab' ich nicht nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli.
Er wußte nicht, was er darauf sagen solle, und hörte ihr leises Weinen in der
Dunkelheit. Eine Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und
ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in der
Stube unter Elis Kammer saß und mit lauter Stimme sang: da kam die
Mutter hinunter und bestellte von Eli, er möge doch hinauf kommen und
singen, damit sie die Worte besser verstehen könne. Arne hatte vielleicht
schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter dies sagte,
wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen, wiewohl keiner
es behauptet hatte. Er faßte sich aber schnell und sagte ausweichend, er
könne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn er allein sei,
schiene das gar nicht der Fall zu sein.
Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er
sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie müsse sich jetzt sehr verändert
haben, und das machte ihn ein bißchen ängstlich. Aber als er leise die Tür
öffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er konnte nichts
sehen. Er blieb an der Tür stehen. "Wer ist da?" fragte Eli leise und deutlich.
"Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die Worte recht weich
klängen.—"Es ist nett, daß Du kommst."—"Wie geht es Dir,
Eli?"—"Danke, jetzt geht es besser."
"Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete sich
zu einem Stuhl hin, der am Fußende des Bettes stand. "Es tat mir wohl,
Dich singen zu hören, Du mußt mir hier oben etwas vorsingen."—"Wenn
ich nur etwas könnte, was hierherpaßte."—Es blieb eine Zeitlang still; dann
sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat er, und zwar ein Stück aus einem
Konfirmationslied. Als er zu Ende war, hörte er sie weinen, und deshalb
wagte er nicht weiter zu singen; nach einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch
so eins", und er sang noch eins, diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied.
"Über wievieles hab' ich nicht nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli.
Er wußte nicht, was er darauf sagen solle, und hörte ihr leises Weinen in der
Dunkelheit. Eine Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und
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schlug dann. Eli atmete ein paarmal tief auf, als wolle sie ihre Brust
erleichtern, und dann sagte sie: "Man weiß so wenig, kennt weder Vater
noch Mutter.—Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,—und deshalb war's mir
so eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hören."
Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als
wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr.
"Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er mußte daran denken, was sie
damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wußte sie, und deshalb sagte
sie: "Wäre dies alles mir nun nicht geschehen, so hätt' es Gott weiß wie
lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden hätte."—"Sie hat jetzt
mit Dir gesprochen?"—"Jeden Tag; weiter hat sie nichts getan."—"Da hast
Du wohl manches gehört."—"Das kannst Du glauben."—"Sie hat wohl
auch von meinem Vater gesprochen."—"Ja."——"Denkt sie noch an
ihn?"—"Sie denkt an ihn."—"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."—"Arme
Mutter!"—"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst."
Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand
zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."—"Man sagt es",
antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing sie
nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"—"Nein."
"Sing mir ein Lied,——eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne
pflegte nicht gern zuzugeben, daß die Lieder, die er sang, von ihm selbst
waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du singst mir
auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."—Was er für keinen andern je
getan hätte, das tat er nun für sie. Er sang nämlich folgendes Lied:
Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum.
"Soll ich—?" blies der Frühfrost aus dem eisigen Raum.
"Nein, Liebster, sei lind,
erleichtern, und dann sagte sie: "Man weiß so wenig, kennt weder Vater
noch Mutter.—Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,—und deshalb war's mir
so eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hören."
Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als
wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr.
"Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er mußte daran denken, was sie
damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wußte sie, und deshalb sagte
sie: "Wäre dies alles mir nun nicht geschehen, so hätt' es Gott weiß wie
lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden hätte."—"Sie hat jetzt
mit Dir gesprochen?"—"Jeden Tag; weiter hat sie nichts getan."—"Da hast
Du wohl manches gehört."—"Das kannst Du glauben."—"Sie hat wohl
auch von meinem Vater gesprochen."—"Ja."——"Denkt sie noch an
ihn?"—"Sie denkt an ihn."—"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."—"Arme
Mutter!"—"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst."
Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand
zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."—"Man sagt es",
antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing sie
nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"—"Nein."
"Sing mir ein Lied,——eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne
pflegte nicht gern zuzugeben, daß die Lieder, die er sang, von ihm selbst
waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du singst mir
auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."—Was er für keinen andern je
getan hätte, das tat er nun für sie. Er sang nämlich folgendes Lied:
Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum.
"Soll ich—?" blies der Frühfrost aus dem eisigen Raum.
"Nein, Liebster, sei lind,
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Bis wir Blüten worden sind!"
So baten die Knospen tief in ihrem Traum.
Der Baum trug Blüten, die Nachtigall sang,
"Soll ich—?" rief der Wind und schüttelte sie lang'.
"Nein, laß, lieber Wind,
Bis wir Früchte worden sind!"
So baten all die Blüten und zitterten bang.
Und der Baum reifte Früchte in der Sommersonnenglut.
"Soll ich——?" fragte lächelnd das junge schöne Blut.
"Ja, du darfst, lieb Kind!
Nimm so viele, wie da sind!"
Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut.
Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er saß nachher auch da, als habe er
mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte.
Das Dunkel liegt schwer über denen, die beisammen sitzen und nicht
sprechen mögen; sie sind sich niemals näher als gerade dann. Er hörte es,
wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand über die Decke strich,
wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewöhnlich.
"Arne—, könntest Du mich nicht dichten lehren?"—"Hast Du es nie
versucht?"—"Doch, jetzt in den letzten Tagen; aber ich bringe kein Lied
zustande."—"Was hast Du denn darin sagen wollen?"—"Etwas von Mutter,
die Deinen Vater so lieb hatte."—"Das ist ein schwieriger Stoff."—"Mir
sind auch darüber die Tränen gekommen."—"Du mußt nicht nach Stoffen
suchen; sie kommen von selbst."—"Wie denn?"—"Wie alles Liebe: wenn
Du es am wenigsten erwartest."—Sie schwiegen beide. "Mich wundert,
Arne, daß Du Dich von hier fortsehnst, wo Du doch soviel Schönes in Dir
hast."—"Weißt Du denn, daß ich mich fortsehne?"—Sie antwortete nicht;
So baten die Knospen tief in ihrem Traum.
Der Baum trug Blüten, die Nachtigall sang,
"Soll ich—?" rief der Wind und schüttelte sie lang'.
"Nein, laß, lieber Wind,
Bis wir Früchte worden sind!"
So baten all die Blüten und zitterten bang.
Und der Baum reifte Früchte in der Sommersonnenglut.
"Soll ich——?" fragte lächelnd das junge schöne Blut.
"Ja, du darfst, lieb Kind!
Nimm so viele, wie da sind!"
Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut.
Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er saß nachher auch da, als habe er
mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte.
Das Dunkel liegt schwer über denen, die beisammen sitzen und nicht
sprechen mögen; sie sind sich niemals näher als gerade dann. Er hörte es,
wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand über die Decke strich,
wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewöhnlich.
"Arne—, könntest Du mich nicht dichten lehren?"—"Hast Du es nie
versucht?"—"Doch, jetzt in den letzten Tagen; aber ich bringe kein Lied
zustande."—"Was hast Du denn darin sagen wollen?"—"Etwas von Mutter,
die Deinen Vater so lieb hatte."—"Das ist ein schwieriger Stoff."—"Mir
sind auch darüber die Tränen gekommen."—"Du mußt nicht nach Stoffen
suchen; sie kommen von selbst."—"Wie denn?"—"Wie alles Liebe: wenn
Du es am wenigsten erwartest."—Sie schwiegen beide. "Mich wundert,
Arne, daß Du Dich von hier fortsehnst, wo Du doch soviel Schönes in Dir
hast."—"Weißt Du denn, daß ich mich fortsehne?"—Sie antwortete nicht;
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sie lag ganz still wie in Gedanken. "Arne, Du darfst nicht fort!" sagte sie,
und das ging ihm warm zu Herzen.—"Manchmal hab' ich auch weniger
Lust dazu."—"Deine Mutter muß Dich sehr lieb haben. Ich möchte Deine
Mutter einmal sehen!"—"Komm doch mal nach Kampen, wenn Du erst
wieder gesund bist." Und da stellte er sie sich auf einmal vor, wie sie in
Kampen in der hellen Stube saß und auf die Berge schaute; sein Herz fing
zu klopfen an, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. "Es ist warm hier
drinnen", sagte er und stand auf.
Sie hörte es. "Willst Du schon gehen?" sagte sie, und er setzte sich
wieder.
"——Du mußt öfter zu uns kommen;—Mutter hat Dich so lieb."—"Ich
selbst möchte auch gern;—aber ich muß doch ein Gewerbe treiben."—Eli
schwieg eine Weile, als denke sie nach. "Ich glaube," sagte sie, "Mutter
wollte Dich um etwas bitten——"
Er hörte, wie sie sich im Bett aufrichtete. Kein Laut war in der Kammer
zu hören und auch unten nicht, außer der Uhr, die an der Wand tickte. Da
stieß sie heraus:
"Wollte Gott, es wäre Sommer!"
"Es wäre Sommer!" Und vor seiner Phantasie erstanden Bilder von
feuchtem Laub und Herdengeläut, von Jodeln auf Bergeshöhen und Gesang
in den Tälern. Der Schwarze See lag und schimmerte in der Sonne und die
Gehöfte wiegten sich drin. Eli kam heraus und setzte sich draußen hin wie
an jenem Abend. "Wenn es Sommer wäre," sagte sie, "und ich auf dem
Hügel säße, glaube ich ganz bestimmt, ich könnte ein Lied dichten!"
Er lachte und fragte: "Wovon sollte es denn handeln?"—"Von etwas
Leichtem, von—ja, ich weiß selbst nicht."
und das ging ihm warm zu Herzen.—"Manchmal hab' ich auch weniger
Lust dazu."—"Deine Mutter muß Dich sehr lieb haben. Ich möchte Deine
Mutter einmal sehen!"—"Komm doch mal nach Kampen, wenn Du erst
wieder gesund bist." Und da stellte er sie sich auf einmal vor, wie sie in
Kampen in der hellen Stube saß und auf die Berge schaute; sein Herz fing
zu klopfen an, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. "Es ist warm hier
drinnen", sagte er und stand auf.
Sie hörte es. "Willst Du schon gehen?" sagte sie, und er setzte sich
wieder.
"——Du mußt öfter zu uns kommen;—Mutter hat Dich so lieb."—"Ich
selbst möchte auch gern;—aber ich muß doch ein Gewerbe treiben."—Eli
schwieg eine Weile, als denke sie nach. "Ich glaube," sagte sie, "Mutter
wollte Dich um etwas bitten——"
Er hörte, wie sie sich im Bett aufrichtete. Kein Laut war in der Kammer
zu hören und auch unten nicht, außer der Uhr, die an der Wand tickte. Da
stieß sie heraus:
"Wollte Gott, es wäre Sommer!"
"Es wäre Sommer!" Und vor seiner Phantasie erstanden Bilder von
feuchtem Laub und Herdengeläut, von Jodeln auf Bergeshöhen und Gesang
in den Tälern. Der Schwarze See lag und schimmerte in der Sonne und die
Gehöfte wiegten sich drin. Eli kam heraus und setzte sich draußen hin wie
an jenem Abend. "Wenn es Sommer wäre," sagte sie, "und ich auf dem
Hügel säße, glaube ich ganz bestimmt, ich könnte ein Lied dichten!"
Er lachte und fragte: "Wovon sollte es denn handeln?"—"Von etwas
Leichtem, von—ja, ich weiß selbst nicht."
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"Sag' es, Eli!" er stand vor Freude auf, überlegte aber und setzte sich
wieder.
"Das sag' ich Dir um keinen Preis der Welt!"—lachte sie.—"Ich habe Dir
doch was vorgesungen, als Du mich drum batest."—"Das ist wahr;—aber
nein, nein!"—"Eli, glaubst Du, ich mache mich über den kleinen Vers
lustig, den Du gedichtet hast?"—"Nein, das glaube ich nicht, Arne; aber ich
hab' ihn nicht selbst gemacht."—"Ist er von einem andern?"—"Ja, es ist mir
so zugeweht."—"So kannst Du es mir doch sagen."—"Nein, nein, so ist es
ja auch nicht, Arne; quäl' mich nicht länger." Sie barg wohl den Kopf im
Kissen, denn das letzte war kaum zu hören. "Eli, jetzt bist Du nicht so nett
zu mir, wie ich zu Dir gewesen bin!" er stand auf. "Arne, das ist doch etwas
ganz anderes!—Du verstehst mich nicht!—aber es war—ich weiß selbst
nicht—ein andermal—sei mir nicht böse, Arne! geh nicht fort!" sie fing zu
weinen an.
"Eli, was ist Dir?" er lauschte. "Bist Du krank?" das glaubte er selbst
nicht. Sie weinte noch immer; ihm war, er müsse jetzt entweder vorwärts
oder zurück. "Eli!"—"Ja"; sie flüsterten beide. "Gib mir die Hand!" Sie
antwortete nicht; er lauschte angestrengt, gespannt,—tastete über die Decke
und faßte eine kleine, warme Hand, die frei lag.
Da knarrte die Treppe, und sie ließen sich los. Es war die Mutter mit
Licht. "Ihr sitzt auch zu lange im Dunkeln", sagte sie und stellte den
Leuchter auf den Tisch. Aber weder Eli noch er konnten das Licht
vertragen; sie vergrub das Gesicht in den Kissen, er hielt sich die Hand vor
die Augen. "Ach ja, es tut zuerst ein bißchen weh", sagte die Mutter, "aber
das geht vorüber."
Arne suchte auf dem Fußboden nach seiner Mütze, die er gar nicht bei
sich gehabt hatte, und dann ging er.
wieder.
"Das sag' ich Dir um keinen Preis der Welt!"—lachte sie.—"Ich habe Dir
doch was vorgesungen, als Du mich drum batest."—"Das ist wahr;—aber
nein, nein!"—"Eli, glaubst Du, ich mache mich über den kleinen Vers
lustig, den Du gedichtet hast?"—"Nein, das glaube ich nicht, Arne; aber ich
hab' ihn nicht selbst gemacht."—"Ist er von einem andern?"—"Ja, es ist mir
so zugeweht."—"So kannst Du es mir doch sagen."—"Nein, nein, so ist es
ja auch nicht, Arne; quäl' mich nicht länger." Sie barg wohl den Kopf im
Kissen, denn das letzte war kaum zu hören. "Eli, jetzt bist Du nicht so nett
zu mir, wie ich zu Dir gewesen bin!" er stand auf. "Arne, das ist doch etwas
ganz anderes!—Du verstehst mich nicht!—aber es war—ich weiß selbst
nicht—ein andermal—sei mir nicht böse, Arne! geh nicht fort!" sie fing zu
weinen an.
"Eli, was ist Dir?" er lauschte. "Bist Du krank?" das glaubte er selbst
nicht. Sie weinte noch immer; ihm war, er müsse jetzt entweder vorwärts
oder zurück. "Eli!"—"Ja"; sie flüsterten beide. "Gib mir die Hand!" Sie
antwortete nicht; er lauschte angestrengt, gespannt,—tastete über die Decke
und faßte eine kleine, warme Hand, die frei lag.
Da knarrte die Treppe, und sie ließen sich los. Es war die Mutter mit
Licht. "Ihr sitzt auch zu lange im Dunkeln", sagte sie und stellte den
Leuchter auf den Tisch. Aber weder Eli noch er konnten das Licht
vertragen; sie vergrub das Gesicht in den Kissen, er hielt sich die Hand vor
die Augen. "Ach ja, es tut zuerst ein bißchen weh", sagte die Mutter, "aber
das geht vorüber."
Arne suchte auf dem Fußboden nach seiner Mütze, die er gar nicht bei
sich gehabt hatte, und dann ging er.
Page 410
Tags darauf hörte er, Eli werde am Nachmittag ein bißchen
herunterkommen. Er packte sein Handwerkszeug zusammen und
verabschiedete sich. Als sie nach unten kam, war er fort.
Dreizehntes Kapitel
Spät kommt der Frühling in die Berge. Die Post, die den Winter dreimal
in der Woche den Königsweg entlang fährt, geht schon im April nur noch
einmal, und dann fühlen die Bergbewohner, daß draußen der Schnee fort
und das Eis gebrochen ist, daß die Dampfer verkehren und der Pflug die
Erde aufwühlt. Hier liegt der Schnee noch drei Ellen hoch; das Vieh brüllt
in den Ställen, und die Vögel kommen geflogen, verkriechen sich aber und
frieren. Ab und zu erzählt ein Wanderer, er habe seinen Wagen unten im Tal
gelassen, und er hat Blumen mit und zeigt sie; die hat er am Wegrand
gepflückt. Da fährt eine Unruhe in die Leute dort oben; sie gehen umher
und plaudern, schauen nach der Sonne aus und über das Land hin, wieviel
sie wohl täglich schaffe. Sie streuen Asche auf den Schnee und denken an
die Menschen, die jetzt Blumen pflücken.
In solcher Zeit war's, als die alte Margit Kampen zur Pfarre gegangen
kam und den Herrn Pfarrer sprechen wollte. Und sie wurde in sein
Arbeitszimmer hinaufgeführt, wo der Pfarrer, ein schmächtiger, hellblonder
Mann, die großen Augen hinter einer Brille, sie freundlich empfing, sie
gleich erkannte und sie bat, Platz zu nehmen. "Ist es wieder was mit Arne?"
fragte er, als hätten sie schon häufiger über diesen Fall gesprochen. "Ja,
Gott helfe mir," sagte Margit, "ich kann ja nie was andres als gutes von ihm
sagen, und doch ist es so schwer"; sie sah sehr sorgenvoll aus. "Ist denn
wieder die alte Sehnsucht über ihn gekommen?" fragte der Pfarrer.
herunterkommen. Er packte sein Handwerkszeug zusammen und
verabschiedete sich. Als sie nach unten kam, war er fort.
Dreizehntes Kapitel
Spät kommt der Frühling in die Berge. Die Post, die den Winter dreimal
in der Woche den Königsweg entlang fährt, geht schon im April nur noch
einmal, und dann fühlen die Bergbewohner, daß draußen der Schnee fort
und das Eis gebrochen ist, daß die Dampfer verkehren und der Pflug die
Erde aufwühlt. Hier liegt der Schnee noch drei Ellen hoch; das Vieh brüllt
in den Ställen, und die Vögel kommen geflogen, verkriechen sich aber und
frieren. Ab und zu erzählt ein Wanderer, er habe seinen Wagen unten im Tal
gelassen, und er hat Blumen mit und zeigt sie; die hat er am Wegrand
gepflückt. Da fährt eine Unruhe in die Leute dort oben; sie gehen umher
und plaudern, schauen nach der Sonne aus und über das Land hin, wieviel
sie wohl täglich schaffe. Sie streuen Asche auf den Schnee und denken an
die Menschen, die jetzt Blumen pflücken.
In solcher Zeit war's, als die alte Margit Kampen zur Pfarre gegangen
kam und den Herrn Pfarrer sprechen wollte. Und sie wurde in sein
Arbeitszimmer hinaufgeführt, wo der Pfarrer, ein schmächtiger, hellblonder
Mann, die großen Augen hinter einer Brille, sie freundlich empfing, sie
gleich erkannte und sie bat, Platz zu nehmen. "Ist es wieder was mit Arne?"
fragte er, als hätten sie schon häufiger über diesen Fall gesprochen. "Ja,
Gott helfe mir," sagte Margit, "ich kann ja nie was andres als gutes von ihm
sagen, und doch ist es so schwer"; sie sah sehr sorgenvoll aus. "Ist denn
wieder die alte Sehnsucht über ihn gekommen?" fragte der Pfarrer.
Page 411
"Schlimmer als je", sagte die Mutter. "Ich glaube nimmer, daß er bei mir
bleibt, wenn der Frühling kommt."—"Er hat doch versprochen, Dich nie zu
verlassen."—"Freilich; aber Herrgott,—er weiß sich ja selbst keinen Rat;
wenn ihm der Sinn in die Welt steht, muß er eben gehen. Was soll dann aber
aus mir werden?"
"Ich glaube, schließlich wird er Dich doch nicht allein lassen", sagte der
Pfarrer. "Nein, natürlich; aber wenn er es nun zu Hause nicht aushalten
kann? Soll ich es da auf mein Gewissen laden, ihm im Wege zu stehen;
manchmal denke ich, ich müsse ihn selbst bitten zu reisen."
"Woher weißt Du, daß er jetzt noch größere Sehnsucht hat als
früher?"—"Ach,—aus vielen Dingen. Seit dem Mittwinter hat er keinen
einzigen Tag mehr im Dorf gearbeitet. Dagegen ist er dreimal nach der
Stadt gefahren und jedesmal lange weggeblieben. Er spricht fast nie, wenn
er arbeitet, und das hat er doch sonst oft getan. Er kann stundenlang allein
oben an dem kleinen Bodenfenster sitzen und nach den Bergen schauen,
dorthin, wo die Kampenschlucht ist; da kann er Sonntags den ganzen
Nachmittag sitzen, und oft, wenn es mondhell ist, bleibt er dort bis tief in
die Nacht hinein."—"Liest er Dir nie etwas vor?"—"Natürlich, jeden
Sonntag liest er mir vor und singt, aber immer so ein bißchen in Eile, außer
wenn er beinahe zu viel des Guten tut."—"Spricht er dann nie mit
Dir?"—"Oft macht er so lange Pausen, daß ich heimlich vor mich hinweine.
Das sieht er dann und fängt zu reden an, aber immer von den leichten
Dingen, nie von den schwereren." Der Pfarrer ging auf und ab, dann blieb
er stehen und fragte: "Warum sagst Du ihm das nicht?"—Es dauerte lange,
bis sie hierauf etwas antwortete; sie seufzte ein paarmal, schaute zu Boden
und zur Seite und faltete ihr Taschentuch zusammen. "Ich bin heute
hergekommen, um mit dem Herrn Pfarrer über etwas zu reden, was mir
schwer auf der Seele liegt."—"Sprich frei heraus; es wird Dich
erleichtern."—"Ja, es wird mich erleichtern; denn ich habe es jetzt viele
bleibt, wenn der Frühling kommt."—"Er hat doch versprochen, Dich nie zu
verlassen."—"Freilich; aber Herrgott,—er weiß sich ja selbst keinen Rat;
wenn ihm der Sinn in die Welt steht, muß er eben gehen. Was soll dann aber
aus mir werden?"
"Ich glaube, schließlich wird er Dich doch nicht allein lassen", sagte der
Pfarrer. "Nein, natürlich; aber wenn er es nun zu Hause nicht aushalten
kann? Soll ich es da auf mein Gewissen laden, ihm im Wege zu stehen;
manchmal denke ich, ich müsse ihn selbst bitten zu reisen."
"Woher weißt Du, daß er jetzt noch größere Sehnsucht hat als
früher?"—"Ach,—aus vielen Dingen. Seit dem Mittwinter hat er keinen
einzigen Tag mehr im Dorf gearbeitet. Dagegen ist er dreimal nach der
Stadt gefahren und jedesmal lange weggeblieben. Er spricht fast nie, wenn
er arbeitet, und das hat er doch sonst oft getan. Er kann stundenlang allein
oben an dem kleinen Bodenfenster sitzen und nach den Bergen schauen,
dorthin, wo die Kampenschlucht ist; da kann er Sonntags den ganzen
Nachmittag sitzen, und oft, wenn es mondhell ist, bleibt er dort bis tief in
die Nacht hinein."—"Liest er Dir nie etwas vor?"—"Natürlich, jeden
Sonntag liest er mir vor und singt, aber immer so ein bißchen in Eile, außer
wenn er beinahe zu viel des Guten tut."—"Spricht er dann nie mit
Dir?"—"Oft macht er so lange Pausen, daß ich heimlich vor mich hinweine.
Das sieht er dann und fängt zu reden an, aber immer von den leichten
Dingen, nie von den schwereren." Der Pfarrer ging auf und ab, dann blieb
er stehen und fragte: "Warum sagst Du ihm das nicht?"—Es dauerte lange,
bis sie hierauf etwas antwortete; sie seufzte ein paarmal, schaute zu Boden
und zur Seite und faltete ihr Taschentuch zusammen. "Ich bin heute
hergekommen, um mit dem Herrn Pfarrer über etwas zu reden, was mir
schwer auf der Seele liegt."—"Sprich frei heraus; es wird Dich
erleichtern."—"Ja, es wird mich erleichtern; denn ich habe es jetzt viele
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Jahre lang allein mit mir herumgeschleppt, und es wird mit jedem Jahre
schwerer."—"Was ist es, liebe Frau?"—Sie zögerte eine Weile, dann sagte
sie: "Ich habe eine große Sünde an meinem Sohn begangen", sie fing zu
weinen an. Der Pfarrer trat dicht vor sie hin: "Gesteh' sie mir, dann wollen
wir zusammen zu Gott beten, daß sie Dir vergeben werde."
Margit schluchzte und wischte sich die Tränen ab, sie fing aber wieder zu
weinen an, als sie sprechen wollte, und so geschah es noch ein paarmal. Der
Pfarrer tröstete sie und sagte, es könne doch gewiß keine so große Schuld
sein, sie sei wohl zu streng gegen sich usw. Margit aber weinte und hatte
nicht den Mut, zu beginnen, bis der Pfarrer sich neben sie setzte und ihr gut
zuredete. Da kam es denn allmählich aus ihr heraus: "Der Junge hat es als
Kind schlecht gehabt, und da hat er die Wanderlust bekommen. Dann kam
er mit Kristian zusammen, mit dem, der jetzt drüben beim Goldgraben
schwer reich geworden ist. Kristian gab Arne so viele Bücher, daß er anders
wurde als wir; sie saßen nächtelang zusammen, und als Kristian fortging,
wollte der Junge ihm nach. Zu der Zeit aber kam sein Vater ums Leben, und
der Junge versprach, mich nie zu verlassen. Mir war zumut wie einer
Henne, die ein Entenei ausgebrütet hat; als das Junge Luft gekriegt hatte,
wollte es fort aufs große Wasser, und ich lief schreiend am Ufer hin und her.
Konnte er auch selbst nicht fort, so konnten es doch seine Lieder, so daß ich
jeden Morgen glaubte, sein Bett müsse leer sein.
Da geschah es, daß ein Brief aus sehr weiter Ferne für ihn eintraf, und
der mußte von Kristian sein. Gott verzeihe mir, daß ich ihn an mich nahm
und ihn versteckte. Ich dachte, hiermit habe es sein Bewenden, aber da kam
noch einer, und hatte ich den ersten versteckt, so mußte ich auch den andern
verstecken. Aber war es nicht, als wollten die Briefe ein Loch in die Truhe
brennen, in der sie lagen,—denn denken mußte ich dran, sowie ich die
Augen aufschlug, bis ich sie wieder zumachte. Was Verkehrteres gab es auf
der Welt nicht wieder,—es kam noch ein dritter! Den habe ich wohl eine
schwerer."—"Was ist es, liebe Frau?"—Sie zögerte eine Weile, dann sagte
sie: "Ich habe eine große Sünde an meinem Sohn begangen", sie fing zu
weinen an. Der Pfarrer trat dicht vor sie hin: "Gesteh' sie mir, dann wollen
wir zusammen zu Gott beten, daß sie Dir vergeben werde."
Margit schluchzte und wischte sich die Tränen ab, sie fing aber wieder zu
weinen an, als sie sprechen wollte, und so geschah es noch ein paarmal. Der
Pfarrer tröstete sie und sagte, es könne doch gewiß keine so große Schuld
sein, sie sei wohl zu streng gegen sich usw. Margit aber weinte und hatte
nicht den Mut, zu beginnen, bis der Pfarrer sich neben sie setzte und ihr gut
zuredete. Da kam es denn allmählich aus ihr heraus: "Der Junge hat es als
Kind schlecht gehabt, und da hat er die Wanderlust bekommen. Dann kam
er mit Kristian zusammen, mit dem, der jetzt drüben beim Goldgraben
schwer reich geworden ist. Kristian gab Arne so viele Bücher, daß er anders
wurde als wir; sie saßen nächtelang zusammen, und als Kristian fortging,
wollte der Junge ihm nach. Zu der Zeit aber kam sein Vater ums Leben, und
der Junge versprach, mich nie zu verlassen. Mir war zumut wie einer
Henne, die ein Entenei ausgebrütet hat; als das Junge Luft gekriegt hatte,
wollte es fort aufs große Wasser, und ich lief schreiend am Ufer hin und her.
Konnte er auch selbst nicht fort, so konnten es doch seine Lieder, so daß ich
jeden Morgen glaubte, sein Bett müsse leer sein.
Da geschah es, daß ein Brief aus sehr weiter Ferne für ihn eintraf, und
der mußte von Kristian sein. Gott verzeihe mir, daß ich ihn an mich nahm
und ihn versteckte. Ich dachte, hiermit habe es sein Bewenden, aber da kam
noch einer, und hatte ich den ersten versteckt, so mußte ich auch den andern
verstecken. Aber war es nicht, als wollten die Briefe ein Loch in die Truhe
brennen, in der sie lagen,—denn denken mußte ich dran, sowie ich die
Augen aufschlug, bis ich sie wieder zumachte. Was Verkehrteres gab es auf
der Welt nicht wieder,—es kam noch ein dritter! Den habe ich wohl eine
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Viertelstunde in der Hand gehalten; ich trug ihn drei Tage lang auf der Brust
und überlegte hin und her, ob ich ihm wohl den Brief geben oder ob ich ihn
zu den andern legen solle; aber vielleicht war er mächtig genug, den Jungen
von mir fortzulocken,——ich konnte nichts dafür, aber ich legte ihn zu den
andern. Jetzt ging ich täglich angstvoll um die Truhe herum und dachte an
die Briefe, die noch kommen konnten. Vor jedem Menschen, der auf den
Hof kam, hatte ich Angst; saßen wir in der Stube, und einer faßte an die
Türklinke, dann zitterte ich; denn es konnte doch ein Brief sein, und dann
würde er ihn bekommen. Wenn er im Dorf war, lief ich zu Hause herum und
dachte, jetzt kriegt er da draußen vielleicht einen Brief, und darin steht von
denen, die schon vorher angelangt sind! Wenn er nach Hause kam, forschte
ich schon von weitem in seinem Gesicht, und Herrgott, wie war ich froh,
wenn er lächelte, weil er ja dann nichts bekommen hatte! Er war jetzt auch
so hübsch geworden wie sein Vater, nur blonder und sanfter. Und dann hatte
er eine so schöne Stimme;—wenn er draußen vor der Tür in der
Abendsonne saß, zu den Halden hinaufsang und auf die Antwort lauschte,
dann fühlte ich, daß ich ihn nicht entbehren konnte!—Wenn ich ihn bloß
sah oder doch wußte, er war irgendwo in der Nähe und freute sich über
irgend etwas, und er hatte nur manchmal inzwischen ein gutes Wort für
mich, dann wünschte ich mir nichts mehr auf der Welt und ich bereute keine
Träne, die ich geweint hatte.
Aber gerade als es schien, er fühlte sich wohler und ginge lieber unter
Menschen, da kam ein Bote von der Posthalterei, jetzt sei der vierte Brief
gekommen, und darin seien zweihundert Taler!—Ich dachte, ich sollte auf
der Stelle umsinken: Was sollte ich jetzt tun? Den Brief konnte ich ja
beiseite schaffen, aber das Geld? Ich fand ein paar Nächte keinen Schlaf
wegen dieses Geldes; ich hatte es manchmal auf dem Boden, manchmal im
Keller hinter einer Tonne, und einmal war ich so verzweifelt, daß ich es
vors Fenster legte, wo er es finden konnte. Als ich ihn kommen hörte, nahm
ich es doch wieder fort. Schließlich aber fand ich einen Ausweg: ich gab
und überlegte hin und her, ob ich ihm wohl den Brief geben oder ob ich ihn
zu den andern legen solle; aber vielleicht war er mächtig genug, den Jungen
von mir fortzulocken,——ich konnte nichts dafür, aber ich legte ihn zu den
andern. Jetzt ging ich täglich angstvoll um die Truhe herum und dachte an
die Briefe, die noch kommen konnten. Vor jedem Menschen, der auf den
Hof kam, hatte ich Angst; saßen wir in der Stube, und einer faßte an die
Türklinke, dann zitterte ich; denn es konnte doch ein Brief sein, und dann
würde er ihn bekommen. Wenn er im Dorf war, lief ich zu Hause herum und
dachte, jetzt kriegt er da draußen vielleicht einen Brief, und darin steht von
denen, die schon vorher angelangt sind! Wenn er nach Hause kam, forschte
ich schon von weitem in seinem Gesicht, und Herrgott, wie war ich froh,
wenn er lächelte, weil er ja dann nichts bekommen hatte! Er war jetzt auch
so hübsch geworden wie sein Vater, nur blonder und sanfter. Und dann hatte
er eine so schöne Stimme;—wenn er draußen vor der Tür in der
Abendsonne saß, zu den Halden hinaufsang und auf die Antwort lauschte,
dann fühlte ich, daß ich ihn nicht entbehren konnte!—Wenn ich ihn bloß
sah oder doch wußte, er war irgendwo in der Nähe und freute sich über
irgend etwas, und er hatte nur manchmal inzwischen ein gutes Wort für
mich, dann wünschte ich mir nichts mehr auf der Welt und ich bereute keine
Träne, die ich geweint hatte.
Aber gerade als es schien, er fühlte sich wohler und ginge lieber unter
Menschen, da kam ein Bote von der Posthalterei, jetzt sei der vierte Brief
gekommen, und darin seien zweihundert Taler!—Ich dachte, ich sollte auf
der Stelle umsinken: Was sollte ich jetzt tun? Den Brief konnte ich ja
beiseite schaffen, aber das Geld? Ich fand ein paar Nächte keinen Schlaf
wegen dieses Geldes; ich hatte es manchmal auf dem Boden, manchmal im
Keller hinter einer Tonne, und einmal war ich so verzweifelt, daß ich es
vors Fenster legte, wo er es finden konnte. Als ich ihn kommen hörte, nahm
ich es doch wieder fort. Schließlich aber fand ich einen Ausweg: ich gab
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ihm das Geld und sagte, es habe von Mutters Lebzeiten her noch
ausgestanden. Er vergrub es in die Erde, wie ich mir gedacht hatte, und da
kam es nicht weg. Aber dann mußte es geschehen, daß er gerade in dem
Herbst eines Abends dasaß und sich wunderte, daß Kristian ihn so ganz
vergessen habe!
Da brach die Wunde wieder auf, und das Geld brannte mir auf der Seele;
Sünde war es, und genützt hatte die Sünde nichts!
Eine Mutter, die sich an ihrem Kind versündigt, ist die unglücklichste
aller Mütter;—und doch hab' ich es nur aus Liebe getan.—So soll ich wohl
auch damit gestraft werden, daß ich mein Liebstes verliere. Denn seit dem
Mittwinter hat er die Weise wiedergefunden, die er singt, wenn er sich
hinaussehnt; die hat er von Kind an gesungen, und ich kann sie nicht hören,
ohne zu erbleichen. Dann bin ich zu allem möglichen imstande, und hier
sollst Du sehen,"—sie holte ein Stück Papier aus ihrem Mieder, faltete es
auseinander und gab es dem Pfarrer, "hier ist etwas, woran er zuweilen
schreibt; das geht gewiß nach der Melodie. Ich habe es mitgebracht, weil
ich solch feine Schrift nicht lesen kann; sieh doch zu, ob da etwas vom
Wandern drin steht.—"
Es stand nur eine Strophe auf dem Papier. Von der zweiten Strophe hier
eine ganze und dort eine halbe Zeile, als sei es eine Weise, die er vergessen
hatte, und die ihm jetzt Vers für Vers wieder einfiel. Der erste Vers aber
lautete:
Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
Rings die Wälder empor sich baun.
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?
ausgestanden. Er vergrub es in die Erde, wie ich mir gedacht hatte, und da
kam es nicht weg. Aber dann mußte es geschehen, daß er gerade in dem
Herbst eines Abends dasaß und sich wunderte, daß Kristian ihn so ganz
vergessen habe!
Da brach die Wunde wieder auf, und das Geld brannte mir auf der Seele;
Sünde war es, und genützt hatte die Sünde nichts!
Eine Mutter, die sich an ihrem Kind versündigt, ist die unglücklichste
aller Mütter;—und doch hab' ich es nur aus Liebe getan.—So soll ich wohl
auch damit gestraft werden, daß ich mein Liebstes verliere. Denn seit dem
Mittwinter hat er die Weise wiedergefunden, die er singt, wenn er sich
hinaussehnt; die hat er von Kind an gesungen, und ich kann sie nicht hören,
ohne zu erbleichen. Dann bin ich zu allem möglichen imstande, und hier
sollst Du sehen,"—sie holte ein Stück Papier aus ihrem Mieder, faltete es
auseinander und gab es dem Pfarrer, "hier ist etwas, woran er zuweilen
schreibt; das geht gewiß nach der Melodie. Ich habe es mitgebracht, weil
ich solch feine Schrift nicht lesen kann; sieh doch zu, ob da etwas vom
Wandern drin steht.—"
Es stand nur eine Strophe auf dem Papier. Von der zweiten Strophe hier
eine ganze und dort eine halbe Zeile, als sei es eine Weise, die er vergessen
hatte, und die ihm jetzt Vers für Vers wieder einfiel. Der erste Vers aber
lautete:
Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
Rings die Wälder empor sich baun.
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?
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"Steht was vom Wandern drin?" fragte Margit und hing an den Augen des
Pfarrers. "Ja, vom Wandern ist es", antwortete er und ließ das Blatt sinken.
"Wußt' ich's doch! O Gott, ich kannte die Melodie ja!" Mit gefalteten
Händen saß sie da und schaute den Pfarrer an, bang und gespannt, während
eine Träne nach der andern ihr über die Backen lief.
Aber hier wußte der Pfarrer ebensowenig Rat wie sie. "Das muß der
Bursch mit sich allein abmachen", sagte er. "Das Leben wird um
seinetwillen nicht anders; es kommt nur darauf an, ob er selbst einmal mehr
darin sehen kann. Jetzt scheint er es draußen erjagen zu wollen."—"Aber,
Herr Pfarrer, das ist ja gerade wie mit der Frau", sagte Margit.—"Mit
welcher Frau?" fragte der Pfarrer.—"Ja, die sich den Sonnenschein
einfangen wollte, statt sich ein Fenster in die Wand zu machen."—Der
Pfarrer war erstaunt über ihren Scharfsinn; aber es war nicht das erstemal,
wenn sie auf diesen Gegenstand kam. Margit hatte ja sieben, acht Jahre lang
an weiter nichts gedacht. "Meinst Du, daß er fortgeht? Was soll ich tun?
Und das Geld? Und die Briefe?" Das alles stürmte zu gleicher Zeit auf sie
ein. "Ja, die Sache mit den Briefen war nicht recht. Daß Du ihm etwas
vorenthalten hast, was ihm gehört, ist schwer zu entschuldigen. Schlimmer
aber ist noch, daß Du einen Mitchristen Deinem Sohn gegenüber in ein
schlechtes Licht gesetzt hast, einen, der es nicht verdient hat, und besonders
einen, den er sehr lieb hatte, und der ihm auch herzlich zugetan war. Wir
wollen Gott bitten, daß er Dir verzeiht; wir wollen ihn beide bitten." Margit
senkte den Kopf; sie hatte noch immer die Hände gefaltet: "Wie wollte ich
ihn um Verzeihung bitten, wenn ich nur erst wüßte, ob er bleibt!"—Sie
verwechselte wohl den lieben Gott mit Arne. Der Pfarrer tat, als merke er es
nicht. "Möchtest Du es ihm jetzt gleich eingestehen?" fragte er. Sie schaute
unverwandt zu Boden und sagte leise: "Wenn ich noch ein wenig warten
könnte, täte ich es gern." Sie sah nicht, wie der Pfarrer lächelte; er fragte:
"Glaubst Du nicht, Deine Sünde wird größer, je länger Du mit dem
Eingeständnis zögerst?"—Sie hatte mit beiden Händen an ihrem
Pfarrers. "Ja, vom Wandern ist es", antwortete er und ließ das Blatt sinken.
"Wußt' ich's doch! O Gott, ich kannte die Melodie ja!" Mit gefalteten
Händen saß sie da und schaute den Pfarrer an, bang und gespannt, während
eine Träne nach der andern ihr über die Backen lief.
Aber hier wußte der Pfarrer ebensowenig Rat wie sie. "Das muß der
Bursch mit sich allein abmachen", sagte er. "Das Leben wird um
seinetwillen nicht anders; es kommt nur darauf an, ob er selbst einmal mehr
darin sehen kann. Jetzt scheint er es draußen erjagen zu wollen."—"Aber,
Herr Pfarrer, das ist ja gerade wie mit der Frau", sagte Margit.—"Mit
welcher Frau?" fragte der Pfarrer.—"Ja, die sich den Sonnenschein
einfangen wollte, statt sich ein Fenster in die Wand zu machen."—Der
Pfarrer war erstaunt über ihren Scharfsinn; aber es war nicht das erstemal,
wenn sie auf diesen Gegenstand kam. Margit hatte ja sieben, acht Jahre lang
an weiter nichts gedacht. "Meinst Du, daß er fortgeht? Was soll ich tun?
Und das Geld? Und die Briefe?" Das alles stürmte zu gleicher Zeit auf sie
ein. "Ja, die Sache mit den Briefen war nicht recht. Daß Du ihm etwas
vorenthalten hast, was ihm gehört, ist schwer zu entschuldigen. Schlimmer
aber ist noch, daß Du einen Mitchristen Deinem Sohn gegenüber in ein
schlechtes Licht gesetzt hast, einen, der es nicht verdient hat, und besonders
einen, den er sehr lieb hatte, und der ihm auch herzlich zugetan war. Wir
wollen Gott bitten, daß er Dir verzeiht; wir wollen ihn beide bitten." Margit
senkte den Kopf; sie hatte noch immer die Hände gefaltet: "Wie wollte ich
ihn um Verzeihung bitten, wenn ich nur erst wüßte, ob er bleibt!"—Sie
verwechselte wohl den lieben Gott mit Arne. Der Pfarrer tat, als merke er es
nicht. "Möchtest Du es ihm jetzt gleich eingestehen?" fragte er. Sie schaute
unverwandt zu Boden und sagte leise: "Wenn ich noch ein wenig warten
könnte, täte ich es gern." Sie sah nicht, wie der Pfarrer lächelte; er fragte:
"Glaubst Du nicht, Deine Sünde wird größer, je länger Du mit dem
Eingeständnis zögerst?"—Sie hatte mit beiden Händen an ihrem
Page 416
Taschentuch zu tun, legte es in ein ganz kleines Viereck zusammen und
versuchte, es noch kleiner zu machen; aber es wollte nicht gehen: "Ich habe
Angst, wenn ich die Geschichte mit den Briefen eingestehe, dann zieht er
fort."—"Du vertraust also nicht auf Gott?"—"Doch, natürlich", sagte sie
schnell; dann fügte sie leise hinzu: "Aber wenn er mich nun doch
verließe?"—"Du hast also mehr Angst davor, daß er fortgeht, als davor, in
Deiner Sünde zu verharren?" Margit hatte ihr Taschentuch wieder
auseinandergenommen; sie führte es jetzt an die Augen, denn ihr kamen die
Tränen. Der Pfarrer aber saß eine Weile und betrachtete sie; dann sprach er
weiter: "Warum hast Du mir denn die ganze Geschichte erzählt, wenn Du
nicht irgendeinen Zweck damit verbinden wolltest?" Er wartete eine
ziemliche Weile, aber sie antwortete nicht. "Hattest Du vielleicht geglaubt,
Deine Sünde würde kleiner, nachdem Du sie gebeichtet?"—"Das glaubte
ich", sagte sie leise, den Kopf noch tiefer auf die Brust gesenkt. Der Pfarrer
lächelte und stand auf. "Ja, ja, meine gute Margit, Du mußt so handeln, daß
Du auf Deine alten Tage Freude davon hast."—"Könnte ich nur die Freude
behalten, die ich habe", sagte sie, und der Pfarrer dachte, sie könne sich
kein größeres Glück denken, als in dieser beständigen Angst zu leben. Er
lächelte, während er sich seine Pfeife stopfte. "Wenn hier doch ein kleines
Mädchen wäre, das sich ihn eroberte; dann solltest Du sehen, er bliebe!"—
Sie sah rasch auf und folgte dem Pfarrer mit den Augen, bis er vor ihr
stehen blieb: "Eli Böen—? Was?" Sie wurde rot und blickte wieder zu
Boden; aber sie antwortete nicht. Der Pfarrer stand da und wartete und sagte
schließlich, diesmal aber ganz leise: "Wenn wir es so einrichteten, daß sie
öfter hier im Pfarrhaus zusammenkämen?" Sie blinzelte zu dem Pfarrer
hinauf, um zu sehen, ob es ihm auch voller Ernst sei. Aber sie wagte nicht
so recht, daran zu glauben. Der Pfarrer setzte sich wieder in Bewegung,
stand dann aber still: "Hör' mal, Margit! Wenn man's bei Licht besieht, war
das am Ende Dein ganzes Anliegen heute?"—Sie sah zu Boden, steckte ein
paar Finger in das zusammengefaltete Taschentuch und holte einen Zipfel
versuchte, es noch kleiner zu machen; aber es wollte nicht gehen: "Ich habe
Angst, wenn ich die Geschichte mit den Briefen eingestehe, dann zieht er
fort."—"Du vertraust also nicht auf Gott?"—"Doch, natürlich", sagte sie
schnell; dann fügte sie leise hinzu: "Aber wenn er mich nun doch
verließe?"—"Du hast also mehr Angst davor, daß er fortgeht, als davor, in
Deiner Sünde zu verharren?" Margit hatte ihr Taschentuch wieder
auseinandergenommen; sie führte es jetzt an die Augen, denn ihr kamen die
Tränen. Der Pfarrer aber saß eine Weile und betrachtete sie; dann sprach er
weiter: "Warum hast Du mir denn die ganze Geschichte erzählt, wenn Du
nicht irgendeinen Zweck damit verbinden wolltest?" Er wartete eine
ziemliche Weile, aber sie antwortete nicht. "Hattest Du vielleicht geglaubt,
Deine Sünde würde kleiner, nachdem Du sie gebeichtet?"—"Das glaubte
ich", sagte sie leise, den Kopf noch tiefer auf die Brust gesenkt. Der Pfarrer
lächelte und stand auf. "Ja, ja, meine gute Margit, Du mußt so handeln, daß
Du auf Deine alten Tage Freude davon hast."—"Könnte ich nur die Freude
behalten, die ich habe", sagte sie, und der Pfarrer dachte, sie könne sich
kein größeres Glück denken, als in dieser beständigen Angst zu leben. Er
lächelte, während er sich seine Pfeife stopfte. "Wenn hier doch ein kleines
Mädchen wäre, das sich ihn eroberte; dann solltest Du sehen, er bliebe!"—
Sie sah rasch auf und folgte dem Pfarrer mit den Augen, bis er vor ihr
stehen blieb: "Eli Böen—? Was?" Sie wurde rot und blickte wieder zu
Boden; aber sie antwortete nicht. Der Pfarrer stand da und wartete und sagte
schließlich, diesmal aber ganz leise: "Wenn wir es so einrichteten, daß sie
öfter hier im Pfarrhaus zusammenkämen?" Sie blinzelte zu dem Pfarrer
hinauf, um zu sehen, ob es ihm auch voller Ernst sei. Aber sie wagte nicht
so recht, daran zu glauben. Der Pfarrer setzte sich wieder in Bewegung,
stand dann aber still: "Hör' mal, Margit! Wenn man's bei Licht besieht, war
das am Ende Dein ganzes Anliegen heute?"—Sie sah zu Boden, steckte ein
paar Finger in das zusammengefaltete Taschentuch und holte einen Zipfel
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hervor: "Nun ja, Gott verzeih mir's: das wollte ich ja gerade."—Der Pfarrer
brach in ein herzliches Lachen aus und rieb sich die Hände: "Vielleicht
wolltest Du das schon, als Du das letztemal hier warst?"—Sie zog den
Zipfel weiter heraus, zerrte und zupfte daran: "Da Du es nun doch mal
sagst,—ja, das war es."—"Haha, haha! O Margit, Margit!——Na, wir
wollen sehen, was sich machen läßt; denn, daß ich's nur gestehe, meine
Frau und meine Tochter haben schon längst denselben Gedanken gehabt
wie Du."—"Ist es möglich?" Sie blickte so glücklich und so verschämt
zugleich auf, daß der Pfarrer so recht seine Freude an ihrem offnen,
hübschen Gesicht hatte, auf dem sich in allem Leid und aller Angst das
Kind erhalten hatte. "Ja, ja, Margit, Dir, die soviel Liebe in sich hat, wird
auch von Deinem Gott und Deinem Sohn um Deiner Liebe willen vergeben
werden, was Du getan hast. Du bist ja auch genug gestraft durch die
ständige große Angst, in der Du gelebt hast; wir werden jetzt sehen, ob Gott
ihr ein schnelles Ende bereiten will, denn will er das, dann hilft er uns jetzt
auch ein wenig." Sie stieß einen langen Seufzer aus und noch einen und
noch einen, bedankte sich, knixte und ging und knixte an der Tür noch
einmal. Aber sie war kaum draußen, als sie ganz verändert war. Sie sah mit
einem schnellen, vor Dankbarkeit strahlenden Blick zum Himmel auf und
stieg eilig die Treppe hinunter; immer mehr beeilte sie sich, je weiter sie
sich von den Menschen entfernte, und so leichtfüßig, wie sie an diesem
Tage auf Kampen zuschritt, war sie seit vielen, vielen Jahren den Weg nicht
mehr gegangen. Als sie so nahe gekommen war, daß sie sehen konnte, wie
der Rauch dicht und lustig aus dem Schornstein aufstieg, segnete sie das
Haus und den ganzen Hof und den Pfarrer und Arne, und dann fiel ihr ein,
daß es ja Rauchfleisch zu Mittag gab, ihr Lieblingsessen.
Vierzehntes Kapitel
brach in ein herzliches Lachen aus und rieb sich die Hände: "Vielleicht
wolltest Du das schon, als Du das letztemal hier warst?"—Sie zog den
Zipfel weiter heraus, zerrte und zupfte daran: "Da Du es nun doch mal
sagst,—ja, das war es."—"Haha, haha! O Margit, Margit!——Na, wir
wollen sehen, was sich machen läßt; denn, daß ich's nur gestehe, meine
Frau und meine Tochter haben schon längst denselben Gedanken gehabt
wie Du."—"Ist es möglich?" Sie blickte so glücklich und so verschämt
zugleich auf, daß der Pfarrer so recht seine Freude an ihrem offnen,
hübschen Gesicht hatte, auf dem sich in allem Leid und aller Angst das
Kind erhalten hatte. "Ja, ja, Margit, Dir, die soviel Liebe in sich hat, wird
auch von Deinem Gott und Deinem Sohn um Deiner Liebe willen vergeben
werden, was Du getan hast. Du bist ja auch genug gestraft durch die
ständige große Angst, in der Du gelebt hast; wir werden jetzt sehen, ob Gott
ihr ein schnelles Ende bereiten will, denn will er das, dann hilft er uns jetzt
auch ein wenig." Sie stieß einen langen Seufzer aus und noch einen und
noch einen, bedankte sich, knixte und ging und knixte an der Tür noch
einmal. Aber sie war kaum draußen, als sie ganz verändert war. Sie sah mit
einem schnellen, vor Dankbarkeit strahlenden Blick zum Himmel auf und
stieg eilig die Treppe hinunter; immer mehr beeilte sie sich, je weiter sie
sich von den Menschen entfernte, und so leichtfüßig, wie sie an diesem
Tage auf Kampen zuschritt, war sie seit vielen, vielen Jahren den Weg nicht
mehr gegangen. Als sie so nahe gekommen war, daß sie sehen konnte, wie
der Rauch dicht und lustig aus dem Schornstein aufstieg, segnete sie das
Haus und den ganzen Hof und den Pfarrer und Arne, und dann fiel ihr ein,
daß es ja Rauchfleisch zu Mittag gab, ihr Lieblingsessen.
Vierzehntes Kapitel
Page 418
Kampen war ein schöner Hof; er lag mitten in der Ebene, die unten von
der Kampenschlucht, oben von der Dorfstraße begrenzt wurde; jenseits vom
Wege war dichter Wald, weiter oben erhob sich die Bergwand, und dahinter
standen schneebedeckt die blauen Höhen. Auf der andern Seite der
Kampenschlucht war ebenfalls ein breiter Höhenzug, der im Anfang sich
um den ganzen Schwarzen See an der Seite hinzog, wo Böen lag, nach
Kampen zu höher wurde, aber gleichzeitig beiseite trat vor der breiten
Talsenkung, dem Niederdorf, das hier unten anfing; denn Kampen war der
letzte Hof im Oberdorf.
Die Haupttür des Wohnhauses ging auf den Weg hinaus; von ihr bis zur
Straße mochten ein paar tausend Schritt sein; ein Fußsteig mit dichten
Birken zu beiden Seiten führte hinauf. Rechts und links von dem Rodeland
lag Wald; Äcker und Wiesen des Hofes konnten nach Belieben vergrößert
werden; es war in jeder Hinsicht eine vorzügliche Ackerwirtschaft. Vorm
Hause lag ein kleiner Garten. Arne bestellte ihn nach der Anleitung seiner
Bücher; links vom Hause befanden sich die Viehställe und die andern
Wirtschaftsgebäude; sie waren fast alle neu errichtet und bildeten mit dem
Wohnhaus ein Viereck. Das Wohnhaus war rotgestrichen, mit weißen
Fensterrahmen und Türen, hatte zwei Stockwerke, war mit Torf gedeckt,
und auf dem Dach wuchs allerlei Buschwerk; der eine Giebel trug eine
Stange, auf der sich ein eiserner Hahn mit hohem Schweif drehte.
Der Frühling war in die Gebirgsdörfer gekommen; es war ein
Sonntagmorgen, die Luft etwas trüb, aber ruhig und nicht kalt; der Nebel
hing dicht über dem Walde, aber Margit meinte, er werde sich im Lauf des
Tages lichten. Arne hatte seiner Mutter die Predigt vorgelesen und Choräle
gesungen, und das hatte ihm gut getan; jetzt war er in vollem Staat, um
nach dem Pfarrhaus hinaufzugehen. Er machte die Tür auf, der frische
Laubgeruch schlug ihm entgegen, der Garten war taufrisch und beugte sich
der Kampenschlucht, oben von der Dorfstraße begrenzt wurde; jenseits vom
Wege war dichter Wald, weiter oben erhob sich die Bergwand, und dahinter
standen schneebedeckt die blauen Höhen. Auf der andern Seite der
Kampenschlucht war ebenfalls ein breiter Höhenzug, der im Anfang sich
um den ganzen Schwarzen See an der Seite hinzog, wo Böen lag, nach
Kampen zu höher wurde, aber gleichzeitig beiseite trat vor der breiten
Talsenkung, dem Niederdorf, das hier unten anfing; denn Kampen war der
letzte Hof im Oberdorf.
Die Haupttür des Wohnhauses ging auf den Weg hinaus; von ihr bis zur
Straße mochten ein paar tausend Schritt sein; ein Fußsteig mit dichten
Birken zu beiden Seiten führte hinauf. Rechts und links von dem Rodeland
lag Wald; Äcker und Wiesen des Hofes konnten nach Belieben vergrößert
werden; es war in jeder Hinsicht eine vorzügliche Ackerwirtschaft. Vorm
Hause lag ein kleiner Garten. Arne bestellte ihn nach der Anleitung seiner
Bücher; links vom Hause befanden sich die Viehställe und die andern
Wirtschaftsgebäude; sie waren fast alle neu errichtet und bildeten mit dem
Wohnhaus ein Viereck. Das Wohnhaus war rotgestrichen, mit weißen
Fensterrahmen und Türen, hatte zwei Stockwerke, war mit Torf gedeckt,
und auf dem Dach wuchs allerlei Buschwerk; der eine Giebel trug eine
Stange, auf der sich ein eiserner Hahn mit hohem Schweif drehte.
Der Frühling war in die Gebirgsdörfer gekommen; es war ein
Sonntagmorgen, die Luft etwas trüb, aber ruhig und nicht kalt; der Nebel
hing dicht über dem Walde, aber Margit meinte, er werde sich im Lauf des
Tages lichten. Arne hatte seiner Mutter die Predigt vorgelesen und Choräle
gesungen, und das hatte ihm gut getan; jetzt war er in vollem Staat, um
nach dem Pfarrhaus hinaufzugehen. Er machte die Tür auf, der frische
Laubgeruch schlug ihm entgegen, der Garten war taufrisch und beugte sich
Page 419
unter dem Morgennebel, von der Kampenschlucht her aber brauste es mit
starkem, stoßweisem Donnern, daß einem Hören und Sehen verging.
Arne schritt bergan. Je weiter er sich vom Wasserfall entfernte, desto
mehr verlor das Gedröhn alles Grauen und legte sich zuletzt wie ein tiefer
Orgelton über die ganze Landschaft.
"Gott sei mit ihm auf allen Wegen!" sagte die Mutter, sie öffnete das
Fenster und sah ihm nach, bis die Büsche ihn verdeckten. Der Nebel
lichtete sich immer mehr, die Sonne brach durch, auf den Feldern und im
Garten wurde es lebendig; dort sproßte Arnes Werk in frischem Wachstum
und trug der Mutter Duft und Freude zu. Der Frühling ist schön für einen,
der einen langen Winter gehabt hat.
Arne hatte nichts Bestimmtes in der Pfarre zu tun; er wollte nur nach den
Zeitungen fragen, die er mit dem Pfarrer zusammen hielt. Kürzlich hatte er
die Namen einiger Norweger gelesen, die es durch Goldgraben in Amerika
zu etwas gebracht hatten, und unter diesen war auch Kristian gewesen. Jetzt
war zu Arne das Gerücht gedrungen, Kristian werde zu Hause erwartet.
Hierüber würde er auch wohl oben in der Pfarre Sicheres erfahren,—und
verhielt es sich wirklich so, daß Kristian schon jetzt in der Stadt war, dann
wollte Arne in der Zeit zwischen der Frühjahrsbestellung und der Heuernte
zu ihm hin. Daran mußte er denken, bis er an die Stelle gekommen war, wo
er den Schwarzen See und drüben am andern Ufer Böen überblicken
konnte. Auch da lichtete sich der Nebel, die Sonne spielte auf den Hängen,
die Berge hatten helle Spitzen, trugen aber den Nebel noch in ihrem Schoß;
an der rechten Seite verdunkelte der Wald das Wasser, vor den Häusern aber
war es etwas seichter, und da schimmerte der weiße Sand in der Sonne. Mit
einem Schlage waren seine Gedanken in dem rotgetünchten Hause mit den
weißen Türen und Fensterrahmen, wonach er sein eigenes gestrichen hatte.
Er dachte nicht an die ersten schweren Tage, die er dort gehabt, er dachte
starkem, stoßweisem Donnern, daß einem Hören und Sehen verging.
Arne schritt bergan. Je weiter er sich vom Wasserfall entfernte, desto
mehr verlor das Gedröhn alles Grauen und legte sich zuletzt wie ein tiefer
Orgelton über die ganze Landschaft.
"Gott sei mit ihm auf allen Wegen!" sagte die Mutter, sie öffnete das
Fenster und sah ihm nach, bis die Büsche ihn verdeckten. Der Nebel
lichtete sich immer mehr, die Sonne brach durch, auf den Feldern und im
Garten wurde es lebendig; dort sproßte Arnes Werk in frischem Wachstum
und trug der Mutter Duft und Freude zu. Der Frühling ist schön für einen,
der einen langen Winter gehabt hat.
Arne hatte nichts Bestimmtes in der Pfarre zu tun; er wollte nur nach den
Zeitungen fragen, die er mit dem Pfarrer zusammen hielt. Kürzlich hatte er
die Namen einiger Norweger gelesen, die es durch Goldgraben in Amerika
zu etwas gebracht hatten, und unter diesen war auch Kristian gewesen. Jetzt
war zu Arne das Gerücht gedrungen, Kristian werde zu Hause erwartet.
Hierüber würde er auch wohl oben in der Pfarre Sicheres erfahren,—und
verhielt es sich wirklich so, daß Kristian schon jetzt in der Stadt war, dann
wollte Arne in der Zeit zwischen der Frühjahrsbestellung und der Heuernte
zu ihm hin. Daran mußte er denken, bis er an die Stelle gekommen war, wo
er den Schwarzen See und drüben am andern Ufer Böen überblicken
konnte. Auch da lichtete sich der Nebel, die Sonne spielte auf den Hängen,
die Berge hatten helle Spitzen, trugen aber den Nebel noch in ihrem Schoß;
an der rechten Seite verdunkelte der Wald das Wasser, vor den Häusern aber
war es etwas seichter, und da schimmerte der weiße Sand in der Sonne. Mit
einem Schlage waren seine Gedanken in dem rotgetünchten Hause mit den
weißen Türen und Fensterrahmen, wonach er sein eigenes gestrichen hatte.
Er dachte nicht an die ersten schweren Tage, die er dort gehabt, er dachte
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bloß an den Sommer, den sie beide vor sich gesehen hatten, er und Eli, dort
oben an ihrem Krankenbett. Seitdem war er nicht wieder dagewesen
seitdem wollte er auch nicht mehr hin, um alles in der Welt nicht. Wenn
seine Gedanken nur dran rührten, wurde er rot und verlegen, und doch
geschah das jeden einzigen Tag und viele Male am Tage, und wenn ihn
etwas aus dem Dorf vertreiben konnte, so war es gerade dies.
Er ging sehr schnell, als wolle er die Stätte weit hinter sich lassen; aber je
weiter er ging, desto näher hatte er Böen vor sich, und desto häufiger sah er
auch hinüber. Der Nebel war ganz verschwunden, der Himmel klar von
einer Bergkette zur andern, Vögel schwebten in der sonnenfrohen Luft und
riefen sich zu, die Felder antworteten mit Millionen von Blumen; kein
Wasserfall zwang die Freude aufs Knie wie zu andächtiger Unterwerfung,
nein, lebensfroh, hingerissen sang, blinkte und jubelte sie himmelwärts ohn'
Ende!
Arne hatte sich glühendheiß gelaufen; er warf sich am Fuß einer Anhöhe
ins Gras, blickte nach Böen hinüber und drehte sich auf die Seite, um nicht
länger dahinzusehen. Da hörte er über sich singen, so rein, wie er nie zuvor
hatte singen hören; es jauchzte hin über die Wiese durch das
Vogelgezwitscher, und ehe er noch die Melodie recht erkannte, verstand er
schon die Worte; denn das war die Melodie, die ihm die liebste war, und
auch die Worte waren es, die er von Kind an in sich getragen hatte,—und
die er am selben Tage vergaß, als er sie endlich geformt hatte! Er sprang
auf, als wolle er sie haschen, blieb aber stehen und lauschte; der erste Vers,
der zweite, der dritte, der vierte von seinem eigenen vergessenen Liede
schwebte zu ihm hernieder:
Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
oben an ihrem Krankenbett. Seitdem war er nicht wieder dagewesen
seitdem wollte er auch nicht mehr hin, um alles in der Welt nicht. Wenn
seine Gedanken nur dran rührten, wurde er rot und verlegen, und doch
geschah das jeden einzigen Tag und viele Male am Tage, und wenn ihn
etwas aus dem Dorf vertreiben konnte, so war es gerade dies.
Er ging sehr schnell, als wolle er die Stätte weit hinter sich lassen; aber je
weiter er ging, desto näher hatte er Böen vor sich, und desto häufiger sah er
auch hinüber. Der Nebel war ganz verschwunden, der Himmel klar von
einer Bergkette zur andern, Vögel schwebten in der sonnenfrohen Luft und
riefen sich zu, die Felder antworteten mit Millionen von Blumen; kein
Wasserfall zwang die Freude aufs Knie wie zu andächtiger Unterwerfung,
nein, lebensfroh, hingerissen sang, blinkte und jubelte sie himmelwärts ohn'
Ende!
Arne hatte sich glühendheiß gelaufen; er warf sich am Fuß einer Anhöhe
ins Gras, blickte nach Böen hinüber und drehte sich auf die Seite, um nicht
länger dahinzusehen. Da hörte er über sich singen, so rein, wie er nie zuvor
hatte singen hören; es jauchzte hin über die Wiese durch das
Vogelgezwitscher, und ehe er noch die Melodie recht erkannte, verstand er
schon die Worte; denn das war die Melodie, die ihm die liebste war, und
auch die Worte waren es, die er von Kind an in sich getragen hatte,—und
die er am selben Tage vergaß, als er sie endlich geformt hatte! Er sprang
auf, als wolle er sie haschen, blieb aber stehen und lauschte; der erste Vers,
der zweite, der dritte, der vierte von seinem eigenen vergessenen Liede
schwebte zu ihm hernieder:
Könnt', o könnt' ich hinüber schaun
Über die hohen Berge!
Seh' nur immer den Gletscher blaun,
Page 421
Rings die Wälder empor sich baun.
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?
Adler schweben mit starkem Schlag
Über die hohen Berge,
Rudern im jungen, kraftvollen Tag,
Senken zu Tal sich, wo jeder mag,
Stillen ihr schweifend Gelüste,
Spähn nach der fremdesten Küste.
Laubschwerer Apfelbaum, den nichts zieht
Über die hohen Berge,—
Der da blüht, wenn der Winter flieht,
Der es trägt, wenn der Sommer schied;—
Was deine Vögel singen,
Bleibt dir ein taubes Klingen.
Wer sich seit zwanzig Jahren gesehnt
Über die hohen Berge,
Wer die Arme sich wund gedehnt,
Fruchtlos immer sich aufgelehnt,
Hört, was die Vögel singen,
Die deine Zweige tragen.
Törichte Schwätzer, was kamt ihr hierher
Über die hohen Berge,
Ließt eure Nester da draußen leer,
Flöhet von Sonne, Menschen, Meer,—
Nur daß ihr einen verlachtet,
Der hier schwingenlos schmachtet?
Ob sie die Gipfel stürmen,
Die sich wie Burgen türmen?
Adler schweben mit starkem Schlag
Über die hohen Berge,
Rudern im jungen, kraftvollen Tag,
Senken zu Tal sich, wo jeder mag,
Stillen ihr schweifend Gelüste,
Spähn nach der fremdesten Küste.
Laubschwerer Apfelbaum, den nichts zieht
Über die hohen Berge,—
Der da blüht, wenn der Winter flieht,
Der es trägt, wenn der Sommer schied;—
Was deine Vögel singen,
Bleibt dir ein taubes Klingen.
Wer sich seit zwanzig Jahren gesehnt
Über die hohen Berge,
Wer die Arme sich wund gedehnt,
Fruchtlos immer sich aufgelehnt,
Hört, was die Vögel singen,
Die deine Zweige tragen.
Törichte Schwätzer, was kamt ihr hierher
Über die hohen Berge,
Ließt eure Nester da draußen leer,
Flöhet von Sonne, Menschen, Meer,—
Nur daß ihr einen verlachtet,
Der hier schwingenlos schmachtet?
Page 422
Soll ich denn niemals, niemals fort
Über die hohen Berge,—
Bis mich entseelt dieser Schreckensort,
Bis er vereist mir mein letztes Wort?
Bis sie nach Hangen und Harren
Mich hier im Keller verscharren!
Laßt mich hinaus! o weit, weit, weit
Über die hohen Berge!
Hier tropft träge wie Blei die Zeit,
Und mein Mut so nach Leben schreit,—
Laßt ihn zur Sonne, zum Hellen,
Nicht an der Felswand zerschellen!
Einmal, das weiß ich, da reicht es hinaus
Über die hohen Berge.
Wartest du, Herr, schon im Himmelshaus?
Hast schon dein Wort für mein Trachten kraus?
Doch—wenn das Tor noch nicht offen,
Laß mich ein Weilchen noch hoffen!
Arne stand, bis der letzte Vers, das letzte Wort verklungen war. Wieder
hörte er die Vögel schäkern und lachen, doch er wagte sich nicht zu rühren.
Wissen, wer es war, mußte er aber; er hob den Fuß und schlich so
behutsam, daß nicht einmal das Gras raschelte. Ein kleiner Schmetterling
setzte sich gerade vor seinem Fuß auf eine Blume, flatterte in die Höhe, flog
ein kleines Stück weiter, flatterte wieder in die Höhe, flog wieder ein
kleines Stück und flatterte wieder hoch und so ging es den ganzen Abhang,
den er hinaufklomm. Dann kam ein dichtes Gebüsch, und er wollte nicht
weiter, denn jetzt konnte er alles sehen; ein Vogel flog aufgeschreckt aus
dem Busch auf, kreischte und schwebte über den Abhang weg; da blickte
Über die hohen Berge,—
Bis mich entseelt dieser Schreckensort,
Bis er vereist mir mein letztes Wort?
Bis sie nach Hangen und Harren
Mich hier im Keller verscharren!
Laßt mich hinaus! o weit, weit, weit
Über die hohen Berge!
Hier tropft träge wie Blei die Zeit,
Und mein Mut so nach Leben schreit,—
Laßt ihn zur Sonne, zum Hellen,
Nicht an der Felswand zerschellen!
Einmal, das weiß ich, da reicht es hinaus
Über die hohen Berge.
Wartest du, Herr, schon im Himmelshaus?
Hast schon dein Wort für mein Trachten kraus?
Doch—wenn das Tor noch nicht offen,
Laß mich ein Weilchen noch hoffen!
Arne stand, bis der letzte Vers, das letzte Wort verklungen war. Wieder
hörte er die Vögel schäkern und lachen, doch er wagte sich nicht zu rühren.
Wissen, wer es war, mußte er aber; er hob den Fuß und schlich so
behutsam, daß nicht einmal das Gras raschelte. Ein kleiner Schmetterling
setzte sich gerade vor seinem Fuß auf eine Blume, flatterte in die Höhe, flog
ein kleines Stück weiter, flatterte wieder in die Höhe, flog wieder ein
kleines Stück und flatterte wieder hoch und so ging es den ganzen Abhang,
den er hinaufklomm. Dann kam ein dichtes Gebüsch, und er wollte nicht
weiter, denn jetzt konnte er alles sehen; ein Vogel flog aufgeschreckt aus
dem Busch auf, kreischte und schwebte über den Abhang weg; da blickte
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das Mädchen auf, das dort saß; er duckte sich tief zur Erde und hielt den
Atem an, das Herz klopfte ihm, er hörte jeden Schlag, er lauschte und wagte
kein Blatt anzurühren; denn das war sie ja,—war Eli!—Nach langer, langer
Zeit sah er ein klein wenig in die Höhe und wäre gar zu gern einen Schritt
näher gegangen; aber der Vogel konnte unter dem Busch sein Nest haben,
und das durfte er nicht zertreten. Er lugte also durch die Blätter, je nachdem
sie zur Seite wehten oder sich zusammenschlossen. Die Sonne fiel voll auf
Eli; sie saß da in einem schwarzen, ärmellosen Kleid und hatte einen
Strohhut auf dem Kopf, der einem Jungen gehören mußte; er saß nicht fest
und rutschte immer nach einer Seite. Auf dem Schoß hatte sie ein Buch,
außerdem aber einen großen Haufen Feldblumen; ihre rechte Hand spielte
wie in Gedanken damit, die linke hatte sie aufs Knie gestützt, und ihr Kopf
ruhte darin. Sie blickte nach der Richtung, wohin der Vogel geflogen war,
und es war ungewiß, ob sie geweint hatte.
Etwas Schöneres hatte Arne sein Lebtag weder gesehen, noch erträumt;
die Sonne warf aber auch all ihr Gold über sie und über die Stätte, wo sie
saß, und das Lied umschwebte sie, wiewohl es längst ausgesungen war, so
daß seine Gedanken und sein Atem, ja, sogar sein Herzschlag im Takte
danach gingen.
Sie nahm das Buch und schlug es auf, machte es aber schnell wieder zu
und saß wie zuvor, während sie anfing, leise vor sich hinzusummen. Es war
das Lied: "Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum"—er hörte es,
obwohl sie weder die Worte, noch die Melodie genau behalten hatte und
sich oftmals irrte. Den letzten Vers konnte sie noch am besten, deshalb fing
sie ihn immer wieder von vorn an; aber sie sang ihn so:
Und der Baum trug Früchte, reif schimmernd wie Gold.
Sie seufzte: "Die möcht' ich!" Sie war just so hold.
"Die alle, o ja,
Atem an, das Herz klopfte ihm, er hörte jeden Schlag, er lauschte und wagte
kein Blatt anzurühren; denn das war sie ja,—war Eli!—Nach langer, langer
Zeit sah er ein klein wenig in die Höhe und wäre gar zu gern einen Schritt
näher gegangen; aber der Vogel konnte unter dem Busch sein Nest haben,
und das durfte er nicht zertreten. Er lugte also durch die Blätter, je nachdem
sie zur Seite wehten oder sich zusammenschlossen. Die Sonne fiel voll auf
Eli; sie saß da in einem schwarzen, ärmellosen Kleid und hatte einen
Strohhut auf dem Kopf, der einem Jungen gehören mußte; er saß nicht fest
und rutschte immer nach einer Seite. Auf dem Schoß hatte sie ein Buch,
außerdem aber einen großen Haufen Feldblumen; ihre rechte Hand spielte
wie in Gedanken damit, die linke hatte sie aufs Knie gestützt, und ihr Kopf
ruhte darin. Sie blickte nach der Richtung, wohin der Vogel geflogen war,
und es war ungewiß, ob sie geweint hatte.
Etwas Schöneres hatte Arne sein Lebtag weder gesehen, noch erträumt;
die Sonne warf aber auch all ihr Gold über sie und über die Stätte, wo sie
saß, und das Lied umschwebte sie, wiewohl es längst ausgesungen war, so
daß seine Gedanken und sein Atem, ja, sogar sein Herzschlag im Takte
danach gingen.
Sie nahm das Buch und schlug es auf, machte es aber schnell wieder zu
und saß wie zuvor, während sie anfing, leise vor sich hinzusummen. Es war
das Lied: "Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum"—er hörte es,
obwohl sie weder die Worte, noch die Melodie genau behalten hatte und
sich oftmals irrte. Den letzten Vers konnte sie noch am besten, deshalb fing
sie ihn immer wieder von vorn an; aber sie sang ihn so:
Und der Baum trug Früchte, reif schimmernd wie Gold.
Sie seufzte: "Die möcht' ich!" Sie war just so hold.
"Die alle, o ja,
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Für dich sind sie da!"
Sprach der Baum—trala, la, la, hold!—
Und dann plötzlich sprang sie auf, schüttete alle Blumen hin, juchzte, daß
der Klang durch die Luft schmetterte und bis Böen dringen mochte. Und
dann lief sie davon!——Sollte er rufen? Nein!—Da sprang sie schon
singend und trällernd den Hügel hinunter; ihr fiel der Hut ab, sie nahm ihn
wieder auf, jetzt stand sie mitten im hohen Grase.—"Soll ich rufen? Sie
sieht sich um!"——Er duckte sich tiefer. Lange dauerte es, bis er wieder
hinzuschauen wagte, und dann hob er auch bloß den Kopf, sah sie aber
nicht,—richtete sich auf den Knien auf, sah sie noch nicht;——stand ganz
auf,—ja, sie war verschwunden!——
Er mochte nicht mehr ins Pfarrhaus. Er mochte überhaupt nichts mehr!—
Darauf setzte er sich hin, wo sie gesessen hatte, und saß noch da, als die
Sonne gegen Mittag stand. Auf dem See regte sich keine einzige Welle,
über den Höfen zitterte schon der Rauch in der Luft, die Wachteln
verstummten eine nach der andern, die kleinen Vögel schäkerten wohl
noch, zogen sich aber doch allmählich in den Wald zurück, der Tau war fort,
so daß das Gras gar würdig dastand, kein Lüftchen bewegte sich, und die
Blätter hingen still herab, die Sonne mußte in einer Stunde auf der
Mittagshöhe sein. Er wußte gar nicht, wie es kam, daß er da plötzlich saß
und über ein kleines Gedicht nachsann; ein holder Ton kam und bot sich
ihm dar für sein Lied; das Herz war ihm wunderlich von Weichheit voll,
und der Ton kam und ging so lange, bis er ein ganzes Bild erschuf.
In der Stille, wie er es gemacht hatte, sang Arne es auch:
Im Walde klang es den ganzen Tag,
Den ganzen Tag.
Klein Knabe, hörst du das Tönen, sag',
Das Tönen, sag'?
Sprach der Baum—trala, la, la, hold!—
Und dann plötzlich sprang sie auf, schüttete alle Blumen hin, juchzte, daß
der Klang durch die Luft schmetterte und bis Böen dringen mochte. Und
dann lief sie davon!——Sollte er rufen? Nein!—Da sprang sie schon
singend und trällernd den Hügel hinunter; ihr fiel der Hut ab, sie nahm ihn
wieder auf, jetzt stand sie mitten im hohen Grase.—"Soll ich rufen? Sie
sieht sich um!"——Er duckte sich tiefer. Lange dauerte es, bis er wieder
hinzuschauen wagte, und dann hob er auch bloß den Kopf, sah sie aber
nicht,—richtete sich auf den Knien auf, sah sie noch nicht;——stand ganz
auf,—ja, sie war verschwunden!——
Er mochte nicht mehr ins Pfarrhaus. Er mochte überhaupt nichts mehr!—
Darauf setzte er sich hin, wo sie gesessen hatte, und saß noch da, als die
Sonne gegen Mittag stand. Auf dem See regte sich keine einzige Welle,
über den Höfen zitterte schon der Rauch in der Luft, die Wachteln
verstummten eine nach der andern, die kleinen Vögel schäkerten wohl
noch, zogen sich aber doch allmählich in den Wald zurück, der Tau war fort,
so daß das Gras gar würdig dastand, kein Lüftchen bewegte sich, und die
Blätter hingen still herab, die Sonne mußte in einer Stunde auf der
Mittagshöhe sein. Er wußte gar nicht, wie es kam, daß er da plötzlich saß
und über ein kleines Gedicht nachsann; ein holder Ton kam und bot sich
ihm dar für sein Lied; das Herz war ihm wunderlich von Weichheit voll,
und der Ton kam und ging so lange, bis er ein ganzes Bild erschuf.
In der Stille, wie er es gemacht hatte, sang Arne es auch:
Im Walde klang es den ganzen Tag,
Den ganzen Tag.
Klein Knabe, hörst du das Tönen, sag',
Das Tönen, sag'?
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Der Knabe schnitt sich eine Schalmei,
Eine Schalmei,
Und blies,—ob der Ton wohl darinnen sei,
Darinnen sei.
Der Ton, der meldete sich wie ein Hauch,
Wie ein Hauch,
Doch wie er gekommen, entschwand er auch,
Entschwand er auch.
Oft, wenn er schlief, er zu ihm schlich,
Er zu ihm schlich,
Und über die Stirn ihm voll Liebe strich,
Voll Liebe strich.
Doch wollt' er ihn greifen, jählings erwacht,
Jählings erwacht,
Versank der Ton in der bleichen Nacht,
Der bleichen Nacht.
"Herr, mein Gott, nimm mich dahin,
Nimm mich dahin!
Der Ton nahm ein meinen ganzen Sinn,
Meinen ganzen Sinn."
Der Herr gab zur Antwort: "Dein Freund ist er,
Dein Freund ist er!
Doch freilich—dein eigen,—das nimmermehr,
Das nimmermehr."
Was sind all die andern wohl gegen sie,
Wohl gegen sie,
Eine Schalmei,
Und blies,—ob der Ton wohl darinnen sei,
Darinnen sei.
Der Ton, der meldete sich wie ein Hauch,
Wie ein Hauch,
Doch wie er gekommen, entschwand er auch,
Entschwand er auch.
Oft, wenn er schlief, er zu ihm schlich,
Er zu ihm schlich,
Und über die Stirn ihm voll Liebe strich,
Voll Liebe strich.
Doch wollt' er ihn greifen, jählings erwacht,
Jählings erwacht,
Versank der Ton in der bleichen Nacht,
Der bleichen Nacht.
"Herr, mein Gott, nimm mich dahin,
Nimm mich dahin!
Der Ton nahm ein meinen ganzen Sinn,
Meinen ganzen Sinn."
Der Herr gab zur Antwort: "Dein Freund ist er,
Dein Freund ist er!
Doch freilich—dein eigen,—das nimmermehr,
Das nimmermehr."
Was sind all die andern wohl gegen sie,
Wohl gegen sie,
Page 426
Die immer du suchst und findest sie nie,
Findest sie nie!
Fünfzehntes Kapitel
Es war ein Sonntagabend Anfang des Sommers; der Pfarrer war aus der
Kirche nach Hause gekommen, und Margit hatte bis gegen sieben Uhr bei
ihm gesessen. Da verabschiedete sie sich und eilte die Treppe hinunter auf
den Hof hinaus, denn dort war eben Eli Böen in Sicht gekommen, die
solange mit dem Sohn des Pfarrers und ihrem eignen Bruder gespielt hatte.
"Guten Abend!" sagte Margit, indem sie stehen blieb, "und Grüß
Gott!"—"Guten Abend!" sagte Eli, sie war feuerrot und wollte das Spiel
einstellen, obwohl die Jungens sie bestürmten; aber sie bat sehr herzlich
und war für diesen Abend entlassen.—"Mir ist, ich müßte Dich kennen",
sagte Margit.—"Das ist wohl möglich", sagte die andre.—"Du kannst doch
nicht die Eli Böen sein?"—Doch, die sei sie.—"Nein, aber so was!—Also
die Eli Böen bist Du! Ja, jetzt sehe ich es auch,—Du bist Deiner Mutter
ähnlich." Elis rötlichbraunes Haar war aufgegangen, daß es lang und lose
herunterhing; ihr Gesicht war so heiß und rot wie eine Erdbeere, ihre Brust
hob und senkte sich, sie konnte kaum sprechen und lachte, weil sie so außer
Atem war.—"Ach ja, das gehört zur Jugend",—Margit freute sich an ihr.
"Du kennst mich wohl nicht?" Eli hatte schon fragen wollen, hatte sich aber
nicht getraut, weil die andere älter war; jetzt sagte sie, sie könne sich nicht
erinnern, sie schon gesehen zu haben.——"O nein, das ist auch sehr
unwahrscheinlich; alte Leute kommen selten aus ihrem Bau.—Vielleicht
kennst Du aber meinen Sohn, den Arne Kampen; ich bin seine Mutter", sie
schaute Eli an, die auf einmal ganz verändert war.—"Ich glaub' beinah, er
Findest sie nie!
Fünfzehntes Kapitel
Es war ein Sonntagabend Anfang des Sommers; der Pfarrer war aus der
Kirche nach Hause gekommen, und Margit hatte bis gegen sieben Uhr bei
ihm gesessen. Da verabschiedete sie sich und eilte die Treppe hinunter auf
den Hof hinaus, denn dort war eben Eli Böen in Sicht gekommen, die
solange mit dem Sohn des Pfarrers und ihrem eignen Bruder gespielt hatte.
"Guten Abend!" sagte Margit, indem sie stehen blieb, "und Grüß
Gott!"—"Guten Abend!" sagte Eli, sie war feuerrot und wollte das Spiel
einstellen, obwohl die Jungens sie bestürmten; aber sie bat sehr herzlich
und war für diesen Abend entlassen.—"Mir ist, ich müßte Dich kennen",
sagte Margit.—"Das ist wohl möglich", sagte die andre.—"Du kannst doch
nicht die Eli Böen sein?"—Doch, die sei sie.—"Nein, aber so was!—Also
die Eli Böen bist Du! Ja, jetzt sehe ich es auch,—Du bist Deiner Mutter
ähnlich." Elis rötlichbraunes Haar war aufgegangen, daß es lang und lose
herunterhing; ihr Gesicht war so heiß und rot wie eine Erdbeere, ihre Brust
hob und senkte sich, sie konnte kaum sprechen und lachte, weil sie so außer
Atem war.—"Ach ja, das gehört zur Jugend",—Margit freute sich an ihr.
"Du kennst mich wohl nicht?" Eli hatte schon fragen wollen, hatte sich aber
nicht getraut, weil die andere älter war; jetzt sagte sie, sie könne sich nicht
erinnern, sie schon gesehen zu haben.——"O nein, das ist auch sehr
unwahrscheinlich; alte Leute kommen selten aus ihrem Bau.—Vielleicht
kennst Du aber meinen Sohn, den Arne Kampen; ich bin seine Mutter", sie
schaute Eli an, die auf einmal ganz verändert war.—"Ich glaub' beinah, er
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hat einmal in Böen gearbeitet?"—Ja, das habe er.—"Es ist solch schönes
Wetter heut abend; wir haben den Tag über geheut und eingefahren, bis ich
weggegangen bin; es ist ein gottgesegnetes Wetter."—"Es gibt sicher ein
gutes Heujahr", meinte Eli.—"Ja, das darf man wohl sagen;—in Böen ist es
auch wohl gut?"—"Da ist schon alles fertig."—"Natürlich, ja; viel Hilfe und
tüchtige Leute.—Mußt Du heut abend nach Hause?"—Nein, sie brauche
nicht. Sie sprachen über dies und jenes und wurden schließlich so bekannt,
daß Margit die Frage wagen konnte, ob Eli ein Stück mitgehen wolle.
"Könntest Du mich wohl ein paar Schritte begleiten?" sagte sie; "ich treffe
so selten jemand, mit dem ich ein Wort reden kann, und Dir geht es wohl
ebenso?"—Eli entschuldigte sich, sie habe keine Jacke an.—"Na ja, ich
sollte mich auch schämen, einen Menschen drum zu bitten, den ich zum
erstenmal sehe; aber mit alten Leuten muß man es nicht so genau
nehmen."—Eli sagte, sie würde gern mitkommen, aber sie müsse sich erst
ihre Jacke holen. Es war eine enganschließende Jacke. Wenn sie zugehakt
war, sah sie wie ein Leibchen aus; jetzt machte sie aber bloß die beiden
untersten Haken zu; ihr war so warm. Das feine Leinenhemd hatte einen
kleinen, überfallenden Kragen, der am Halse von einem silbernen Knopf in
Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen zusammengehalten
wurde. So einen hatte Schneider Nils getragen, als Margit zum erstenmal
mit ihm getanzt hatte.—"Ein schöner Knopf", sagte sie und besah ihn.
—"Ich habe ihn von Mutter", sagte Eli.—"Das hast Du wohl", und sie half
ihr beim Anziehen.
Jetzt schritten sie den Weg entlang. Das Heu war gemäht und stand in
Hocken, Margit griff in die Hocken hinein, roch dran und fand, es sei
schönes Heu. Sie fragte nach dem Vieh hier auf dem Hof, dann nach dem in
Böen und erzählte schließlich, wieviel sie auf Kampen hätten. "Die
Wirtschaft ist in den letzten Jahren tüchtig vorwärts gekommen, und sie läßt
sich vergrößern, soviel man will. Sie ernährt jetzt zwölf Milchkühe und
könnte noch mehr ernähren; aber Arne hat soviel Bücher, in denen er liest,
Wetter heut abend; wir haben den Tag über geheut und eingefahren, bis ich
weggegangen bin; es ist ein gottgesegnetes Wetter."—"Es gibt sicher ein
gutes Heujahr", meinte Eli.—"Ja, das darf man wohl sagen;—in Böen ist es
auch wohl gut?"—"Da ist schon alles fertig."—"Natürlich, ja; viel Hilfe und
tüchtige Leute.—Mußt Du heut abend nach Hause?"—Nein, sie brauche
nicht. Sie sprachen über dies und jenes und wurden schließlich so bekannt,
daß Margit die Frage wagen konnte, ob Eli ein Stück mitgehen wolle.
"Könntest Du mich wohl ein paar Schritte begleiten?" sagte sie; "ich treffe
so selten jemand, mit dem ich ein Wort reden kann, und Dir geht es wohl
ebenso?"—Eli entschuldigte sich, sie habe keine Jacke an.—"Na ja, ich
sollte mich auch schämen, einen Menschen drum zu bitten, den ich zum
erstenmal sehe; aber mit alten Leuten muß man es nicht so genau
nehmen."—Eli sagte, sie würde gern mitkommen, aber sie müsse sich erst
ihre Jacke holen. Es war eine enganschließende Jacke. Wenn sie zugehakt
war, sah sie wie ein Leibchen aus; jetzt machte sie aber bloß die beiden
untersten Haken zu; ihr war so warm. Das feine Leinenhemd hatte einen
kleinen, überfallenden Kragen, der am Halse von einem silbernen Knopf in
Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen zusammengehalten
wurde. So einen hatte Schneider Nils getragen, als Margit zum erstenmal
mit ihm getanzt hatte.—"Ein schöner Knopf", sagte sie und besah ihn.
—"Ich habe ihn von Mutter", sagte Eli.—"Das hast Du wohl", und sie half
ihr beim Anziehen.
Jetzt schritten sie den Weg entlang. Das Heu war gemäht und stand in
Hocken, Margit griff in die Hocken hinein, roch dran und fand, es sei
schönes Heu. Sie fragte nach dem Vieh hier auf dem Hof, dann nach dem in
Böen und erzählte schließlich, wieviel sie auf Kampen hätten. "Die
Wirtschaft ist in den letzten Jahren tüchtig vorwärts gekommen, und sie läßt
sich vergrößern, soviel man will. Sie ernährt jetzt zwölf Milchkühe und
könnte noch mehr ernähren; aber Arne hat soviel Bücher, in denen er liest,
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und nach denen er alles einrichtet, darum will er sie so großartig gefüttert
haben." Eli sagte, wie zu erwarten war, zu all dem nichts; Margit aber fragte
sie, wie alt sie sei. Sie sei neunzehn Jahr. "Legst Du manchmal im Hause
mit Hand an? Du siehst so fein aus, damit ist's wohl nicht viel
geworden."—O doch, sie habe bei mancherlei geholfen, besonders in letzter
Zeit.—"Ja, es ist gut, wenn einer an alles gewöhnt ist; wenn man selbst mal
eine große Wirtschaft bekommt, tut's not. Aber natürlich, wenn einer
tüchtige Hilfe hat, ist's nicht so schlimm."—Eli wollte umkehren, denn sie
waren längst am Pfarracker vorbei. "Es ist noch lange hin, bis die Sonne
untergeht;—es wäre nett von Dir, wenn Du noch ein bißchen mit mir
plaudern wolltest",—und Eli ging mit.
Nun fing Margit von Arne zu reden an. "Ich weiß nicht, ob Du ihn
genauer kennst. Der kann Dir über alles Bescheid sagen; Herrgott, was hat
der nicht alles gelesen!" Eli gab zu, sie wisse, daß er viel gelesen habe. "Na
ja, aber das ist noch das wenigste; doch wie er sein ganzes Leben lang zu
seiner Mutter gewesen ist, das ist mehr. Wenn es wahr ist, was das
Sprichwort sagt, daß einer, der gut zu seiner Mutter war, auch gut zu seiner
Frau ist, dann wird die, die er erwählt, sich nicht zu beklagen haben.—
Wonach siehst Du, Kind?"—"Mir ist bloß ein kleiner Zweig weg, den ich in
der Hand hatte."—Sie verstummten beide und gingen weiter, ohne sich
anzusehen. "Er ist so eigentümlich", sagte die Mutter wieder; "er ist als
Kind so eingeschüchtert worden, und da hat er sich dran gewöhnt, alles mit
sich allein abzumachen, und die Art Leute können sich nicht so frei
geben."—Jetzt wollte Eli wirklich umkehren, aber Margit meinte, es sei nur
noch ein kleines Stück bis Kampen, und Kampen müsse sie sehen, wo sie
nun doch einmal hier sei. Eli aber sagte, es sei heute schon zu spät. "Es ist
immer jemand da, der Dich nach Hause begleitet", sagte Margit. "Nein,
nein", antwortete Eli rasch und wollte weg. "Der Arne freilich ist nicht zu
Hause," sagte Margit, "er kann's also nicht; aber es sind genug andere da",
und Eli hatte jetzt weniger dagegen; sie wollte doch Kampen gern sehen,
haben." Eli sagte, wie zu erwarten war, zu all dem nichts; Margit aber fragte
sie, wie alt sie sei. Sie sei neunzehn Jahr. "Legst Du manchmal im Hause
mit Hand an? Du siehst so fein aus, damit ist's wohl nicht viel
geworden."—O doch, sie habe bei mancherlei geholfen, besonders in letzter
Zeit.—"Ja, es ist gut, wenn einer an alles gewöhnt ist; wenn man selbst mal
eine große Wirtschaft bekommt, tut's not. Aber natürlich, wenn einer
tüchtige Hilfe hat, ist's nicht so schlimm."—Eli wollte umkehren, denn sie
waren längst am Pfarracker vorbei. "Es ist noch lange hin, bis die Sonne
untergeht;—es wäre nett von Dir, wenn Du noch ein bißchen mit mir
plaudern wolltest",—und Eli ging mit.
Nun fing Margit von Arne zu reden an. "Ich weiß nicht, ob Du ihn
genauer kennst. Der kann Dir über alles Bescheid sagen; Herrgott, was hat
der nicht alles gelesen!" Eli gab zu, sie wisse, daß er viel gelesen habe. "Na
ja, aber das ist noch das wenigste; doch wie er sein ganzes Leben lang zu
seiner Mutter gewesen ist, das ist mehr. Wenn es wahr ist, was das
Sprichwort sagt, daß einer, der gut zu seiner Mutter war, auch gut zu seiner
Frau ist, dann wird die, die er erwählt, sich nicht zu beklagen haben.—
Wonach siehst Du, Kind?"—"Mir ist bloß ein kleiner Zweig weg, den ich in
der Hand hatte."—Sie verstummten beide und gingen weiter, ohne sich
anzusehen. "Er ist so eigentümlich", sagte die Mutter wieder; "er ist als
Kind so eingeschüchtert worden, und da hat er sich dran gewöhnt, alles mit
sich allein abzumachen, und die Art Leute können sich nicht so frei
geben."—Jetzt wollte Eli wirklich umkehren, aber Margit meinte, es sei nur
noch ein kleines Stück bis Kampen, und Kampen müsse sie sehen, wo sie
nun doch einmal hier sei. Eli aber sagte, es sei heute schon zu spät. "Es ist
immer jemand da, der Dich nach Hause begleitet", sagte Margit. "Nein,
nein", antwortete Eli rasch und wollte weg. "Der Arne freilich ist nicht zu
Hause," sagte Margit, "er kann's also nicht; aber es sind genug andere da",
und Eli hatte jetzt weniger dagegen; sie wollte doch Kampen gern sehen,
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"wenn es bloß nicht zu spät wird."—"Ja, wenn wir hier lange stehen und
drüber reden, dann mag es wohl zu spät werden",—und sie gingen. "Du
hast auch wohl viel gelernt, wo Du doch beim Herrn Pfarrer aufgewachsen
bist?" Ja, das habe sie. "Das wird Dir gut zustatten kommen," meinte
Margit, "wenn Du mal einen bekommst, der weniger kann."—Nein, meinte
Eli, solchen möchte sie nicht. "Nun ja, es ist ja auch vielleicht nicht das
beste, aber hier im Dorf haben die Leute wenig Bildung."—Eli fragte, was
da hinten im Walde rauche. "Das kommt von dem neuen Pächterhaus, das
zu Kampen gehört. Da wohnt der Knut vom Oberland. Er war immer so
allein, und da hat Arne ihm den Platz gegeben, daß er ihn urbar mache. Er
weiß, was es heißt, allein zu sein, der arme Arne." Nach einer Weile waren
sie hoch genug, um das Gehöft sehen zu können. Die Sonne schien ihnen
gerade ins Gesicht; sie beschatteten die Augen und schauten hin. Mitten
drin lag das rotgestrichene Haus mit den weißen Fensterrahmen; ringsum
die Wiesen waren gemäht, hier und da stand das Heu noch in Hocken; die
Äcker standen grün und üppig mitten in der hellen Wiese; bei den Ställen
war großes Leben: Kühe, Schafe und Ziegen kamen gerade nach Hause,
ihre Glocken bimmelten, die Hunde bellten, die Kuhmagd rief; alles aber
übertönte mit seinem furchtbaren Getöse der Wasserfall am
Kampenschlund. Je länger Eli hinschaute, desto mehr hörte sie bloß diesen
Ton, und er wurde ihr schließlich so grauenvoll, daß sie Herzklopfen
bekam; in ihrem Kopf sauste und brauste es,—es wurde ihr ganz wirr und
doch wieder so weich und warm, daß sie unwillkürlich behutsam auftrat
und kleine Schritte machte; Margit mußte sie bitten, ein bißchen schneller
zu gehen. Sie schrak zusammen; "ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört
wie diesen Wasserfall", sagte sie; "ich bekomme beinah Angst."—"Daran
gewöhnst Du Dich schnell," sagte die Mutter, "schließlich würde er Dir
sogar fehlen."—"Meinst Du wirklich?" fragte Eli.—"Ja, das sollst Du
sehen", sagte Margit und lächelte.
drüber reden, dann mag es wohl zu spät werden",—und sie gingen. "Du
hast auch wohl viel gelernt, wo Du doch beim Herrn Pfarrer aufgewachsen
bist?" Ja, das habe sie. "Das wird Dir gut zustatten kommen," meinte
Margit, "wenn Du mal einen bekommst, der weniger kann."—Nein, meinte
Eli, solchen möchte sie nicht. "Nun ja, es ist ja auch vielleicht nicht das
beste, aber hier im Dorf haben die Leute wenig Bildung."—Eli fragte, was
da hinten im Walde rauche. "Das kommt von dem neuen Pächterhaus, das
zu Kampen gehört. Da wohnt der Knut vom Oberland. Er war immer so
allein, und da hat Arne ihm den Platz gegeben, daß er ihn urbar mache. Er
weiß, was es heißt, allein zu sein, der arme Arne." Nach einer Weile waren
sie hoch genug, um das Gehöft sehen zu können. Die Sonne schien ihnen
gerade ins Gesicht; sie beschatteten die Augen und schauten hin. Mitten
drin lag das rotgestrichene Haus mit den weißen Fensterrahmen; ringsum
die Wiesen waren gemäht, hier und da stand das Heu noch in Hocken; die
Äcker standen grün und üppig mitten in der hellen Wiese; bei den Ställen
war großes Leben: Kühe, Schafe und Ziegen kamen gerade nach Hause,
ihre Glocken bimmelten, die Hunde bellten, die Kuhmagd rief; alles aber
übertönte mit seinem furchtbaren Getöse der Wasserfall am
Kampenschlund. Je länger Eli hinschaute, desto mehr hörte sie bloß diesen
Ton, und er wurde ihr schließlich so grauenvoll, daß sie Herzklopfen
bekam; in ihrem Kopf sauste und brauste es,—es wurde ihr ganz wirr und
doch wieder so weich und warm, daß sie unwillkürlich behutsam auftrat
und kleine Schritte machte; Margit mußte sie bitten, ein bißchen schneller
zu gehen. Sie schrak zusammen; "ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört
wie diesen Wasserfall", sagte sie; "ich bekomme beinah Angst."—"Daran
gewöhnst Du Dich schnell," sagte die Mutter, "schließlich würde er Dir
sogar fehlen."—"Meinst Du wirklich?" fragte Eli.—"Ja, das sollst Du
sehen", sagte Margit und lächelte.
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"Komm, jetzt wollen wir uns erst das Vieh ansehen", sagte sie, während
sie vom Weg abbog; "diese Bäume hier zu beiden Seiten hat Nils gepflanzt.
—Nils wollte gern alles recht schön haben;—Arne auch; Du sollst mal den
Garten sehen, den er angelegt hat."—"Nein, wie schön!" rief Eli und lief an
den Zaun. Sie hatte Kampen schon öfter gesehen, aber nie so in der Nähe,
und daher auch noch nie den Garten.—"Den wollen wir uns nachher
ansehen", sagte Margit.—Eli blickte flüchtig durch die Scheiben, als sie am
Hause vorbeigingen; es war niemand drin.
Sie stellten sich nun beide auf die Scheunenbrücke und besahen die
Kühe, wie sie brüllend an ihnen vorbei in den Stall zogen. Margit nannte Eli
die Namen alle, erzählte ihr, wieviel Milch jede gebe, welche trächtig seien
und welche nicht. Die Schafe wurden gezählt und in den Stall gelassen; es
war eine große fremde Rasse; Arne hatte sich zwei Lämmer aus dem Süden
kommen lassen. "Mit all so was beschäftigt er sich, wenn man es ihm auch
gar nicht zutraut."—Sie gingen jetzt in die Scheune, besahen das
eingefahrene Heu, und Eli mußte daran riechen,—"denn solches Heu gibt es
nicht überall". Sie zeigte durch die Scheunenluke hinaus auf die Äcker und
erklärte, was auf jedem stand, und wieviel von jeder Sorte gesät war.—Sie
gingen hinaus und auf das Haus zu; aber Eli, die auf all das andre nicht
geantwortet hatte, bat jetzt, als sie an dem Garten vorbeigingen, ob sie nicht
hinein dürfe. Und als ihr das erlaubt war, bat sie, eine Blume oder zwei
pflücken zu dürfen. Hinten in der Ecke stand eine kleine Bank: auf die
setzte sie sich, wie um sie auszuprobieren, denn sie stand gleich wieder auf.
"Wir müssen uns jetzt beeilen, wenn es nicht zu spät werden soll", sagte
Margit, die in der Pforte stand. Und nun gingen sie ins Haus. Margit fragte,
ob sie ihr nicht etwas anbieten dürfe, wo sie zum erstenmal da sei; Eli aber
wurde rot und sagte kurz: danke. Sie schaute sich nun nach allen Seiten um;
die Fenster gingen auf den Weg hinaus; hier hielten sie sich den Tag über
auf; die Stube war nicht groß, aber gemütlich, mit Wanduhr und
sie vom Weg abbog; "diese Bäume hier zu beiden Seiten hat Nils gepflanzt.
—Nils wollte gern alles recht schön haben;—Arne auch; Du sollst mal den
Garten sehen, den er angelegt hat."—"Nein, wie schön!" rief Eli und lief an
den Zaun. Sie hatte Kampen schon öfter gesehen, aber nie so in der Nähe,
und daher auch noch nie den Garten.—"Den wollen wir uns nachher
ansehen", sagte Margit.—Eli blickte flüchtig durch die Scheiben, als sie am
Hause vorbeigingen; es war niemand drin.
Sie stellten sich nun beide auf die Scheunenbrücke und besahen die
Kühe, wie sie brüllend an ihnen vorbei in den Stall zogen. Margit nannte Eli
die Namen alle, erzählte ihr, wieviel Milch jede gebe, welche trächtig seien
und welche nicht. Die Schafe wurden gezählt und in den Stall gelassen; es
war eine große fremde Rasse; Arne hatte sich zwei Lämmer aus dem Süden
kommen lassen. "Mit all so was beschäftigt er sich, wenn man es ihm auch
gar nicht zutraut."—Sie gingen jetzt in die Scheune, besahen das
eingefahrene Heu, und Eli mußte daran riechen,—"denn solches Heu gibt es
nicht überall". Sie zeigte durch die Scheunenluke hinaus auf die Äcker und
erklärte, was auf jedem stand, und wieviel von jeder Sorte gesät war.—Sie
gingen hinaus und auf das Haus zu; aber Eli, die auf all das andre nicht
geantwortet hatte, bat jetzt, als sie an dem Garten vorbeigingen, ob sie nicht
hinein dürfe. Und als ihr das erlaubt war, bat sie, eine Blume oder zwei
pflücken zu dürfen. Hinten in der Ecke stand eine kleine Bank: auf die
setzte sie sich, wie um sie auszuprobieren, denn sie stand gleich wieder auf.
"Wir müssen uns jetzt beeilen, wenn es nicht zu spät werden soll", sagte
Margit, die in der Pforte stand. Und nun gingen sie ins Haus. Margit fragte,
ob sie ihr nicht etwas anbieten dürfe, wo sie zum erstenmal da sei; Eli aber
wurde rot und sagte kurz: danke. Sie schaute sich nun nach allen Seiten um;
die Fenster gingen auf den Weg hinaus; hier hielten sie sich den Tag über
auf; die Stube war nicht groß, aber gemütlich, mit Wanduhr und
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Kachelofen. Dort hing Nils' Geige, alt und dunkel, aber mit neuen Saiten.
Hier hingen ein paar Flinten, die Arne gehörten, englische Angelruten und
andre seltsame Sachen, die die Mutter herunterholte und zeigte; Eli besah
und befühlte sie. Die Stube war nicht gemalt, denn das mochte Arne nicht,
auch die andere Stube nicht, die auf die Kampenschlucht mit den
frischgrünen Bergen geradeüber und den blauen Höhen im Hintergrunde
hinausging; diese Stube, die wie die eine ganze Hälfte des Hauses später
angebaut war, war größer und schöner; die beiden kleineren Stuben in dem
Flügel aber hatten Malerei, denn da sollte die Mutter wohnen, wenn sie alt
würde,—und er eine Frau im Hause habe. Sie gingen in die Küche, in die
Vorratskammer, in den Holzschuppen; Eli sagte kein Wort,—sie besah sich
alles gewissermaßen aus der Entfernung; nur wenn Margit ihr irgend etwas
hinhielt, faßte sie es an, aber auch nur ganz zaghaft. Margit, die in
einemfort schwatzte, führte sie jetzt wieder auf die Diele; sie wollten nach
oben und den Boden besichtigen.
Auch hier waren gut eingerichtete Zimmer, die den Stuben im unteren
Stockwerk entsprachen, aber sie waren neu und noch nicht in Benutzung
genommen außer einem, das auf die Kampenschlucht hinausging. In diesen
Zimmern hing und stand aller möglicher Hausrat, der in der täglichen
Wirtschaft nicht gebraucht wurde. Hier hingen ein gut Teil fertig genähter
Felldecken sowie anderes Bettzeug; die Mutter befühlte sie und hob sie
hoch, Eli mußte es manchmal auch tun; es war aber, als habe sie jetzt etwas
mehr Mut bekommen, vielleicht hatte sie auch mehr Freude an diesen
Dingen; denn auf einzelne Sachen kam sie zurück, fragte und wurde immer
vergnügter. Da sagte die Mutter: "Jetzt, zuletzt wollen wir in Arnes
Zimmer", und sie gingen in das Zimmer, das nach der Kampenschlucht
hinauslag. Das fürchterliche Getöse des Wasserfalls schlug ihnen wieder
entgegen, denn das Fenster war offen. Hier stand man höher, hier konnte
man den Gischt des Wasserfalls zwischen den Felsen aufsprühen sehen,
nicht aber den Wasserfall selbst, oder doch nur weiter oben, wo ein
Hier hingen ein paar Flinten, die Arne gehörten, englische Angelruten und
andre seltsame Sachen, die die Mutter herunterholte und zeigte; Eli besah
und befühlte sie. Die Stube war nicht gemalt, denn das mochte Arne nicht,
auch die andere Stube nicht, die auf die Kampenschlucht mit den
frischgrünen Bergen geradeüber und den blauen Höhen im Hintergrunde
hinausging; diese Stube, die wie die eine ganze Hälfte des Hauses später
angebaut war, war größer und schöner; die beiden kleineren Stuben in dem
Flügel aber hatten Malerei, denn da sollte die Mutter wohnen, wenn sie alt
würde,—und er eine Frau im Hause habe. Sie gingen in die Küche, in die
Vorratskammer, in den Holzschuppen; Eli sagte kein Wort,—sie besah sich
alles gewissermaßen aus der Entfernung; nur wenn Margit ihr irgend etwas
hinhielt, faßte sie es an, aber auch nur ganz zaghaft. Margit, die in
einemfort schwatzte, führte sie jetzt wieder auf die Diele; sie wollten nach
oben und den Boden besichtigen.
Auch hier waren gut eingerichtete Zimmer, die den Stuben im unteren
Stockwerk entsprachen, aber sie waren neu und noch nicht in Benutzung
genommen außer einem, das auf die Kampenschlucht hinausging. In diesen
Zimmern hing und stand aller möglicher Hausrat, der in der täglichen
Wirtschaft nicht gebraucht wurde. Hier hingen ein gut Teil fertig genähter
Felldecken sowie anderes Bettzeug; die Mutter befühlte sie und hob sie
hoch, Eli mußte es manchmal auch tun; es war aber, als habe sie jetzt etwas
mehr Mut bekommen, vielleicht hatte sie auch mehr Freude an diesen
Dingen; denn auf einzelne Sachen kam sie zurück, fragte und wurde immer
vergnügter. Da sagte die Mutter: "Jetzt, zuletzt wollen wir in Arnes
Zimmer", und sie gingen in das Zimmer, das nach der Kampenschlucht
hinauslag. Das fürchterliche Getöse des Wasserfalls schlug ihnen wieder
entgegen, denn das Fenster war offen. Hier stand man höher, hier konnte
man den Gischt des Wasserfalls zwischen den Felsen aufsprühen sehen,
nicht aber den Wasserfall selbst, oder doch nur weiter oben, wo ein
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Felsblock abgestürzt war, gerade an der Stelle, wo er mit aller Macht sich
zu dem letzten Sprung in die Tiefe anschickte. Frischer Rasen deckte die
obere Fläche des Felsblockes, ein paar Kieferzapfen hatten sich
hineingebohrt und in den Felsritzen Wurzel gefaßt. Der Wind hatte die
Bäume gerüttelt und geschüttelt, der Wasserfall hatte sie bespült, so daß vier
Ellen hoch von der Wurzel keine Zweige waren, sie waren aufs Knie
gesunken, und ihre Äste krümmten sich, aber sie standen fest und schossen
hoch auf zwischen den Felswänden. Das war das erste, was Eli vom Fenster
aus sah, und dann die blendend weißen Schneefirnen hoch über dem Grün.
Ihre Augen schweiften hinunter: auf den Feldern war Frieden und
Fruchtbarkeit, und jetzt endlich sah sie sich in dem Zimmer um, wo sie
stand; der Wasserfall hatte es bisher nicht zugelassen.
Wie war es hier still und fein gegen draußen! Sie sah keine Einzelheiten,
weil eins sich in das andere einfügte und das meiste ihr neu war; denn Arne
hatte seine ganze Liebe auf dieses Zimmer verwandt, und so dürftig es war,
auch in den kleinsten Dingen zeigte sich Kunstverständnis. Ihr war's, als
klängen seine Lieder um sie her oder als lächele er selbst sie aus jedem
Gegenstand an. Das erste, was sie fesselte, war ein großes, breites, schön
geschnitztes Bücherbrett. Da standen soviele Bücher, daß der Herr Pfarrer
selbst ja wohl nicht mehr haben konnte. Das nächste war ein schöner
Schrank. Darin habe er viele schöne Sachen, sagte die Mutter; da habe er
auch sein Geld drin, fügte sie flüsternd hinzu. Zweimal hätten sie geerbt,
sagte sie nachher; sie würden noch einmal etwas erben, wenn alles nach
Wunsch ginge. "Aber Geld ist nicht das beste auf der Welt; er kann etwas
kriegen, was noch besser ist."—Es waren gar manche Kleinigkeiten in dem
Zimmer, die ergötzlich anzuschauen waren, und Eli besah sie sich alle wie
ein fröhliches Kind. Margit klopfte ihr auf die Schulter: "Ich sehe Dich
heute zum erstenmal, Kind, aber ich habe Dich schon so liebgewonnen",
sagte sie und sah ihr treuherzig in die Augen. Ehe Eli noch Zeit hatte,
verlegen zu werden, zupfte Margit sie am Kleid und sagte ganz leise:
zu dem letzten Sprung in die Tiefe anschickte. Frischer Rasen deckte die
obere Fläche des Felsblockes, ein paar Kieferzapfen hatten sich
hineingebohrt und in den Felsritzen Wurzel gefaßt. Der Wind hatte die
Bäume gerüttelt und geschüttelt, der Wasserfall hatte sie bespült, so daß vier
Ellen hoch von der Wurzel keine Zweige waren, sie waren aufs Knie
gesunken, und ihre Äste krümmten sich, aber sie standen fest und schossen
hoch auf zwischen den Felswänden. Das war das erste, was Eli vom Fenster
aus sah, und dann die blendend weißen Schneefirnen hoch über dem Grün.
Ihre Augen schweiften hinunter: auf den Feldern war Frieden und
Fruchtbarkeit, und jetzt endlich sah sie sich in dem Zimmer um, wo sie
stand; der Wasserfall hatte es bisher nicht zugelassen.
Wie war es hier still und fein gegen draußen! Sie sah keine Einzelheiten,
weil eins sich in das andere einfügte und das meiste ihr neu war; denn Arne
hatte seine ganze Liebe auf dieses Zimmer verwandt, und so dürftig es war,
auch in den kleinsten Dingen zeigte sich Kunstverständnis. Ihr war's, als
klängen seine Lieder um sie her oder als lächele er selbst sie aus jedem
Gegenstand an. Das erste, was sie fesselte, war ein großes, breites, schön
geschnitztes Bücherbrett. Da standen soviele Bücher, daß der Herr Pfarrer
selbst ja wohl nicht mehr haben konnte. Das nächste war ein schöner
Schrank. Darin habe er viele schöne Sachen, sagte die Mutter; da habe er
auch sein Geld drin, fügte sie flüsternd hinzu. Zweimal hätten sie geerbt,
sagte sie nachher; sie würden noch einmal etwas erben, wenn alles nach
Wunsch ginge. "Aber Geld ist nicht das beste auf der Welt; er kann etwas
kriegen, was noch besser ist."—Es waren gar manche Kleinigkeiten in dem
Zimmer, die ergötzlich anzuschauen waren, und Eli besah sie sich alle wie
ein fröhliches Kind. Margit klopfte ihr auf die Schulter: "Ich sehe Dich
heute zum erstenmal, Kind, aber ich habe Dich schon so liebgewonnen",
sagte sie und sah ihr treuherzig in die Augen. Ehe Eli noch Zeit hatte,
verlegen zu werden, zupfte Margit sie am Kleid und sagte ganz leise:
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"Siehst Du die kleine rote Truhe da?—da ist was Feines drin, kannst Du
glauben."——Eli sah hin, es war eine kleine, viereckige Truhe, die sie für
ihr Leben gern hätte haben mögen. "Ich darf eigentlich nicht wissen, was in
der Truhe ist," flüsterte die Mutter, "und er zieht jedesmal den Schlüssel
ab"; sie ging nach der Wand, wo einige Kleidungsstücke hingen, nahm eine
Samtweste herunter, suchte in der Uhrtasche und fand wirklich den
Schlüssel. "Jetzt sollst Du mal sehen", flüsterte sie. Eli fand es nicht ganz
recht, was die Mutter da tat; aber Frauen sind Frauen, und beide gingen
ganz leise auf die Truhe zu und knieten davor nieder. Als die Mutter den
Deckel aufklappte, schlug ihnen ein Duft daraus entgegen, daß Eli die
Hände zusammenschlug, noch ehe sie ein Stück gesehen hatte. Oben drüber
war ein Taschentuch gebreitet, das nahm die Mutter weg; "nun sollst Du
mal sehen!" flüsterte sie und holte ein schönes, schwarzseidenes Tuch
heraus, so eins, wie Männer nicht tragen. "Das ist wie für ein Mädchen
gemacht", sagte die Mutter. "Hier ist noch eins", sagte sie dann; Eli befühlte
es, sie konnte es nicht lassen; die Mutter wollte es ihr aber auch noch
umlegen, obwohl Eli es nicht mochte und den Kopf abwandte. Die Mutter
legte es sorglich wieder zusammen. "Jetzt sollst Du mal sehen", sagte sie
dann und holte ein paar schöne Atlasbänder heraus; "alles ist doch wie für
ein Mädchen." Eli wurde feuerrot, gab aber keinen Laut von sich; ihr Busen
wogte, und ihre Augen gingen scheu zur Seite; sonst rührte sie sich nicht.
"Hier ist noch mehr!" Die Mutter holte schönen schwarzen Kleiderstoff
heraus;—"der ist aber fein", sagte sie und hielt ihn gegen das Licht. Eli
zitterte die Hand ein bißchen, als die Mutter sie bat, ihn mal anzufühlen; sie
merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg, sie hätte sich gern abgewandt, aber
es ging nicht an. "Er hat jedesmal in der Stadt etwas gekauft", sagte die
Mutter. Eli konnte sich kaum noch halten; ihre Augen schweiften von einem
Stück in der Truhe zum andern und dann wieder zurück auf den
Kleiderstoff; im Grunde sah sie überhaupt nichts mehr. Die Mutter aber ließ
nicht nach, und der letzte Gegenstand, den sie herausholte, war in Papier
glauben."——Eli sah hin, es war eine kleine, viereckige Truhe, die sie für
ihr Leben gern hätte haben mögen. "Ich darf eigentlich nicht wissen, was in
der Truhe ist," flüsterte die Mutter, "und er zieht jedesmal den Schlüssel
ab"; sie ging nach der Wand, wo einige Kleidungsstücke hingen, nahm eine
Samtweste herunter, suchte in der Uhrtasche und fand wirklich den
Schlüssel. "Jetzt sollst Du mal sehen", flüsterte sie. Eli fand es nicht ganz
recht, was die Mutter da tat; aber Frauen sind Frauen, und beide gingen
ganz leise auf die Truhe zu und knieten davor nieder. Als die Mutter den
Deckel aufklappte, schlug ihnen ein Duft daraus entgegen, daß Eli die
Hände zusammenschlug, noch ehe sie ein Stück gesehen hatte. Oben drüber
war ein Taschentuch gebreitet, das nahm die Mutter weg; "nun sollst Du
mal sehen!" flüsterte sie und holte ein schönes, schwarzseidenes Tuch
heraus, so eins, wie Männer nicht tragen. "Das ist wie für ein Mädchen
gemacht", sagte die Mutter. "Hier ist noch eins", sagte sie dann; Eli befühlte
es, sie konnte es nicht lassen; die Mutter wollte es ihr aber auch noch
umlegen, obwohl Eli es nicht mochte und den Kopf abwandte. Die Mutter
legte es sorglich wieder zusammen. "Jetzt sollst Du mal sehen", sagte sie
dann und holte ein paar schöne Atlasbänder heraus; "alles ist doch wie für
ein Mädchen." Eli wurde feuerrot, gab aber keinen Laut von sich; ihr Busen
wogte, und ihre Augen gingen scheu zur Seite; sonst rührte sie sich nicht.
"Hier ist noch mehr!" Die Mutter holte schönen schwarzen Kleiderstoff
heraus;—"der ist aber fein", sagte sie und hielt ihn gegen das Licht. Eli
zitterte die Hand ein bißchen, als die Mutter sie bat, ihn mal anzufühlen; sie
merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg, sie hätte sich gern abgewandt, aber
es ging nicht an. "Er hat jedesmal in der Stadt etwas gekauft", sagte die
Mutter. Eli konnte sich kaum noch halten; ihre Augen schweiften von einem
Stück in der Truhe zum andern und dann wieder zurück auf den
Kleiderstoff; im Grunde sah sie überhaupt nichts mehr. Die Mutter aber ließ
nicht nach, und der letzte Gegenstand, den sie herausholte, war in Papier
Page 434
gewickelt; sie wickelte einen Bogen nach dem andern aus; das war nun
wieder spannend; und Eli wurde sehr neugierig; es waren ein Paar kleine
Schuhe. Etwas so Hübsches hatten sie beide ihr Lebtag nicht gesehen; die
Mutter meinte, so etwas könne doch gar nicht gemacht werden, Eli sagte
kein Wort; aber als sie die Schuhe anfaßte, drückten sich ihre fünf Finger
darauf ab; sie wurde so verlegen, daß sie dem Weinen nahe war; sie wäre
am liebsten gegangen; aber sie wagte nicht zu sprechen, wagte auch nicht
die Mutter anzusehen. Die hatte aber genug mit sich zu tun. "Sieht es nicht
genau aus, als habe er das alles nach und nach für eine gekauft, der er sich's
nicht zu geben getraut hat?" sagte sie und packte alles genau so wieder ein,
wie es gelegen hatte; sie mußte schon Übung darin haben. "Jetzt wollen wir
mal sehen, was hier in der Schublade ist!" Sie öffnete sie so behutsam, als
würden sie etwas besonders Schönes zu sehen bekommen. Da lag eine
breite Schnalle wie für einen Gürtel; die zeigte sie Eli zuerst; dann zeigte
sie ihr ein paar zusammengebundene goldene Ringe, und dann sah sie ein
Gesangbuch mit silberbeschlagenem Samtdeckel, aber dann sah sie auch
gar nichts mehr, denn auf dem Silberbeschlag des Gesangbuchs war mit
feiner Schrift eingraviert: "Eli, Tochter von Baard Böen."——Die Mutter
wollte gern, daß sie es sähe, bekam aber keine Antwort und sah nur eine
Träne nach der andern auf das Seidenzeug fallen und darüber hinrinnen.
Schnell legte die Mutter die Brosche hin, die sie in der Hand hatte, machte
die Schublade zu und zog Eli in ihre Arme. Da weinte die Tochter an ihrem
Herzen, und die Mutter weinte mit ihr, ohne daß einer von ihnen noch ein
Wort gesprochen hätte.
*****
Eine Weile drauf ging Eli allein in den Garten; die Mutter mußte in die
Küche, um etwas Gutes herzurichten, denn jetzt kam Arne bald. Später ging
sie hinaus und sah sich im Garten nach Eli um; die kauerte da am Boden
und schrieb in den Sand. Sie wischte es aus, als Margit kam, blickte auf und
wieder spannend; und Eli wurde sehr neugierig; es waren ein Paar kleine
Schuhe. Etwas so Hübsches hatten sie beide ihr Lebtag nicht gesehen; die
Mutter meinte, so etwas könne doch gar nicht gemacht werden, Eli sagte
kein Wort; aber als sie die Schuhe anfaßte, drückten sich ihre fünf Finger
darauf ab; sie wurde so verlegen, daß sie dem Weinen nahe war; sie wäre
am liebsten gegangen; aber sie wagte nicht zu sprechen, wagte auch nicht
die Mutter anzusehen. Die hatte aber genug mit sich zu tun. "Sieht es nicht
genau aus, als habe er das alles nach und nach für eine gekauft, der er sich's
nicht zu geben getraut hat?" sagte sie und packte alles genau so wieder ein,
wie es gelegen hatte; sie mußte schon Übung darin haben. "Jetzt wollen wir
mal sehen, was hier in der Schublade ist!" Sie öffnete sie so behutsam, als
würden sie etwas besonders Schönes zu sehen bekommen. Da lag eine
breite Schnalle wie für einen Gürtel; die zeigte sie Eli zuerst; dann zeigte
sie ihr ein paar zusammengebundene goldene Ringe, und dann sah sie ein
Gesangbuch mit silberbeschlagenem Samtdeckel, aber dann sah sie auch
gar nichts mehr, denn auf dem Silberbeschlag des Gesangbuchs war mit
feiner Schrift eingraviert: "Eli, Tochter von Baard Böen."——Die Mutter
wollte gern, daß sie es sähe, bekam aber keine Antwort und sah nur eine
Träne nach der andern auf das Seidenzeug fallen und darüber hinrinnen.
Schnell legte die Mutter die Brosche hin, die sie in der Hand hatte, machte
die Schublade zu und zog Eli in ihre Arme. Da weinte die Tochter an ihrem
Herzen, und die Mutter weinte mit ihr, ohne daß einer von ihnen noch ein
Wort gesprochen hätte.
*****
Eine Weile drauf ging Eli allein in den Garten; die Mutter mußte in die
Küche, um etwas Gutes herzurichten, denn jetzt kam Arne bald. Später ging
sie hinaus und sah sich im Garten nach Eli um; die kauerte da am Boden
und schrieb in den Sand. Sie wischte es aus, als Margit kam, blickte auf und
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lächelte; sie hatte geweint.—"Dabei ist nichts zu weinen, Kind", sagte
Margit und streichelte sie. Sie sahen oben am Wege etwas Schwarzes hinter
den Büschen. Eli schlich sich ins Haus, die Mutter hinterher. Drinnen war
gewaltig aufgetischt: Rahmbrei, Rauchfleisch und Kringel; Eli sah aber gar
nicht hin; sie setzte sich dicht an die Wand auf einen Stuhl in der Ecke
neben der Uhr und zitterte, sowie sich nur eine Katze rührte. Die Mutter
stand am Tisch. Feste Schritte ertönten auf den Steinfliesen, ein kurzer,
leichter auf der Diele, leise wurde die Tür aufgemacht und Arne trat ein.
Das erste, was er sah, war Eli in der Ecke neben der Uhr; er ließ die Tür los
und blieb stehen. Das machte Eli noch verlegener; sie stand auf, bereute es
aber gleich und drehte sich nach der Wand um.—"Du bist hier?" sagte Arne
leise und wurde glühend rot bei dieser Frage.—Sie hob die Hand hoch und
hielt sie sich vor die Augen, als wenn die Sonne zu grell hineinfällt. "Wie
—?" er sprach nicht zu Ende, sondern trat einen Schritt oder auch zwei auf
sie zu; da ließ sie die Hand wieder sinken und wandte sich ihm zu, neigte
aber den Kopf und brach in Tränen aus.—"Gott segne Dich, Eli!" sagte er
und umschlang sie; sie lehnte sich an ihn. Er flüsterte etwas zu ihr hinunter,
sie antwortete nicht, legte aber beide Arme um seinen Hals.
Lange standen sie so; kein Laut war zu hören außer der ewigen Mahnung
des Wasserfalls. Da klang ein Schluchzen vom Tisch her, Arne blickte auf,
es war die Mutter; er hatte sie bis dahin nicht gesehen. "Jetzt bin ich
unbesorgt, daß Du mich nicht verläßt, Arne", sagte sie und kam auf ihn zu.
Sie weinte sehr, aber es tue ihr gut, sagte sie.
*****
Als sie in der hellen Sommernacht nach Hause gingen, konnten sie in
ihrer jungen Seligkeit nicht viel sprechen. Sie ließen die Natur für sich
reden, wie sie still und licht und groß vor ihnen lag. Auf dem Heimweg aber
von dieser ersten Sommernachtwanderung, der erwachenden Sonne
Margit und streichelte sie. Sie sahen oben am Wege etwas Schwarzes hinter
den Büschen. Eli schlich sich ins Haus, die Mutter hinterher. Drinnen war
gewaltig aufgetischt: Rahmbrei, Rauchfleisch und Kringel; Eli sah aber gar
nicht hin; sie setzte sich dicht an die Wand auf einen Stuhl in der Ecke
neben der Uhr und zitterte, sowie sich nur eine Katze rührte. Die Mutter
stand am Tisch. Feste Schritte ertönten auf den Steinfliesen, ein kurzer,
leichter auf der Diele, leise wurde die Tür aufgemacht und Arne trat ein.
Das erste, was er sah, war Eli in der Ecke neben der Uhr; er ließ die Tür los
und blieb stehen. Das machte Eli noch verlegener; sie stand auf, bereute es
aber gleich und drehte sich nach der Wand um.—"Du bist hier?" sagte Arne
leise und wurde glühend rot bei dieser Frage.—Sie hob die Hand hoch und
hielt sie sich vor die Augen, als wenn die Sonne zu grell hineinfällt. "Wie
—?" er sprach nicht zu Ende, sondern trat einen Schritt oder auch zwei auf
sie zu; da ließ sie die Hand wieder sinken und wandte sich ihm zu, neigte
aber den Kopf und brach in Tränen aus.—"Gott segne Dich, Eli!" sagte er
und umschlang sie; sie lehnte sich an ihn. Er flüsterte etwas zu ihr hinunter,
sie antwortete nicht, legte aber beide Arme um seinen Hals.
Lange standen sie so; kein Laut war zu hören außer der ewigen Mahnung
des Wasserfalls. Da klang ein Schluchzen vom Tisch her, Arne blickte auf,
es war die Mutter; er hatte sie bis dahin nicht gesehen. "Jetzt bin ich
unbesorgt, daß Du mich nicht verläßt, Arne", sagte sie und kam auf ihn zu.
Sie weinte sehr, aber es tue ihr gut, sagte sie.
*****
Als sie in der hellen Sommernacht nach Hause gingen, konnten sie in
ihrer jungen Seligkeit nicht viel sprechen. Sie ließen die Natur für sich
reden, wie sie still und licht und groß vor ihnen lag. Auf dem Heimweg aber
von dieser ersten Sommernachtwanderung, der erwachenden Sonne
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entgegen, ging er und legte den Grund zu einem Liede, das zu formen er
jetzt freilich nicht die Muße hatte, das aber später, als es fertig war, auf
lange Zeit sein Lieblingslied wurde. Es lautete so:
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Hab' mich und alles vergessen,—
Aufs Wandern nur war ich versessen.
Da sah mir ein Mädchen ins Auge hinein,
Und ließ mir die Ferne verschwinden:
Jetzt schien mir des Lebens Krone zu sein,
Mit ihr den Frieden zu finden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Mich trieb's, in der Geister Sphären
Die junge Kraft zu bewähren.
Sie lehrte mich, eh noch ein Wort ihr entfiel,
Es sei das Höchste auf Erden,
Nicht Ruhm und Größe zu suchen als Ziel,
Nein, richtig ein Mensch zu werden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das käm', wenn ich fort aus dem Tal.
Ich fror in der Heimat, ich dachte,
Daß man mich verkenn' und verachte.
Als sie mir genaht, da schien mir, es ward
Mir rings mit Liebe begegnet;
Ich war es allein, auf den sie geharrt,
Und neu war das Leben gesegnet.
jetzt freilich nicht die Muße hatte, das aber später, als es fertig war, auf
lange Zeit sein Lieblingslied wurde. Es lautete so:
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Hab' mich und alles vergessen,—
Aufs Wandern nur war ich versessen.
Da sah mir ein Mädchen ins Auge hinein,
Und ließ mir die Ferne verschwinden:
Jetzt schien mir des Lebens Krone zu sein,
Mit ihr den Frieden zu finden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Mich trieb's, in der Geister Sphären
Die junge Kraft zu bewähren.
Sie lehrte mich, eh noch ein Wort ihr entfiel,
Es sei das Höchste auf Erden,
Nicht Ruhm und Größe zu suchen als Ziel,
Nein, richtig ein Mensch zu werden.
Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das käm', wenn ich fort aus dem Tal.
Ich fror in der Heimat, ich dachte,
Daß man mich verkenn' und verachte.
Als sie mir genaht, da schien mir, es ward
Mir rings mit Liebe begegnet;
Ich war es allein, auf den sie geharrt,
Und neu war das Leben gesegnet.
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Noch manche Sommernachtwanderung folgte und manches Lied
hinterher. Eins davon mag noch aufgezeichnet werden:
Wie all das gekommen, mir sagt's kein Vermuten;
Es war kein Stürmen, kein Überfluten,
Im Innern ein spielender, blinkender Bach
Ergoß in den Strom sich allgemach,
Der mächtig, so mächtig wallet zum Meere.
Mich dünkt, ein Etwas in diesem Leben
Dringt rufend ans Herz, dem die Sehnsucht gegeben,
Die lockende Macht, die zärtliche Brust,
Den Leid und Scheu und Wanderlust
In Frieden als Brautgabe können umfangen.
Entsandt das Leben mir solch einen frommen
Glücksboten wie den, dessen Ruf ich vernommen,
So fühl' ich das Walten der Gottheit bezeugt,
Die alles lebendigen Ordnungen beugt,—
Still werd' ich zum ewig Guten getragen.
Aber keins gab wohl sein Dankgefühl so wieder wie das folgende:
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Bewirkte, daß Lebens Leid und Wonne
Glückselig fielen wie Tau und Sonne
Auf der Seele wogenden Frühlingsdrang,
Daß kein Geschehen
Sie niederbricht,—
Im Lied erstehen
Ihr Liebe und Licht.
hinterher. Eins davon mag noch aufgezeichnet werden:
Wie all das gekommen, mir sagt's kein Vermuten;
Es war kein Stürmen, kein Überfluten,
Im Innern ein spielender, blinkender Bach
Ergoß in den Strom sich allgemach,
Der mächtig, so mächtig wallet zum Meere.
Mich dünkt, ein Etwas in diesem Leben
Dringt rufend ans Herz, dem die Sehnsucht gegeben,
Die lockende Macht, die zärtliche Brust,
Den Leid und Scheu und Wanderlust
In Frieden als Brautgabe können umfangen.
Entsandt das Leben mir solch einen frommen
Glücksboten wie den, dessen Ruf ich vernommen,
So fühl' ich das Walten der Gottheit bezeugt,
Die alles lebendigen Ordnungen beugt,—
Still werd' ich zum ewig Guten getragen.
Aber keins gab wohl sein Dankgefühl so wieder wie das folgende:
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Bewirkte, daß Lebens Leid und Wonne
Glückselig fielen wie Tau und Sonne
Auf der Seele wogenden Frühlingsdrang,
Daß kein Geschehen
Sie niederbricht,—
Im Lied erstehen
Ihr Liebe und Licht.
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Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Verbündet mich allen, die Sehnsucht empfinden;
Drum konnte mir nichts die Seele binden,
Nie dauernd mich hemmen ein selbstischer Zwang;
Fortstürmend bangt' ich
Vor Mühsal nicht,—-
Und heimwärts gelangt' ich
Zu Liebe und Licht.
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Die gibt mir vielleicht auch Macht über andre,
So daß ich vom Weg aus, den ich wandre,
Sie manchmal erfreue durch freundlichen Klang.
Dies will mir erscheinen
Als schönstes Gedicht,
Wenn Lieder uns einen
In Liebe und Licht.
Sechzehntes Kapitel
Es ging auf den Herbst, die Bauern waren beim Einfahren. Ein klarer Tag
war es; in der Nacht und am Morgen hatte es geregnet, daher war die Luft
milde wie im Sommer. Es war ein Sonnabend, trotzdem aber steuerten viele
Boote über den Schwarzen See auf die Kirche zu, die Männer saßen in
Hemdsärmeln und ruderten, die Frauen mit hellen Kopftüchern saßen vorn
im Boot. Aber noch mehr Boote steuerten nach Böen hinüber, um nachher
von dort aus in langem Zuge abzufahren, denn heut richtete Baard Böen für
seine Tochter Eli und Arne Nilsson Kampen die Hochzeit aus.
Verbündet mich allen, die Sehnsucht empfinden;
Drum konnte mir nichts die Seele binden,
Nie dauernd mich hemmen ein selbstischer Zwang;
Fortstürmend bangt' ich
Vor Mühsal nicht,—-
Und heimwärts gelangt' ich
Zu Liebe und Licht.
Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
Die gibt mir vielleicht auch Macht über andre,
So daß ich vom Weg aus, den ich wandre,
Sie manchmal erfreue durch freundlichen Klang.
Dies will mir erscheinen
Als schönstes Gedicht,
Wenn Lieder uns einen
In Liebe und Licht.
Sechzehntes Kapitel
Es ging auf den Herbst, die Bauern waren beim Einfahren. Ein klarer Tag
war es; in der Nacht und am Morgen hatte es geregnet, daher war die Luft
milde wie im Sommer. Es war ein Sonnabend, trotzdem aber steuerten viele
Boote über den Schwarzen See auf die Kirche zu, die Männer saßen in
Hemdsärmeln und ruderten, die Frauen mit hellen Kopftüchern saßen vorn
im Boot. Aber noch mehr Boote steuerten nach Böen hinüber, um nachher
von dort aus in langem Zuge abzufahren, denn heut richtete Baard Böen für
seine Tochter Eli und Arne Nilsson Kampen die Hochzeit aus.
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Alle Türen waren offen, viele Leute gingen aus und ein, die Kinder
standen, Kuchen in den Händen, draußen auf dem Hof, voll Angst um ihre
neuen Kleider und blickten sich fremd an; eine alte Frau saß ganz allein
oben auf der Treppe zum Vorratsschuppen: das war Margit Kampen. Sie
trug einen breiten, silbernen Ring, an dessen oberer Platte mehrere kleine
Ringe befestigt waren; zuweilen schaute sie ihn an; sie hatte ihn von Nils
bekommen, an dem Tag, als sie mit ihm vor dem Altar stand, und hatte ihn
seitdem nie wieder getragen.
In den zwei, drei Stuben liefen der Tafelmeister und die beiden jungen
Brautführer, der Sohn des Pfarrers und Elis Bruder, hin und her und
schenkten den Gästen ein, die sich nach und nach zu der großen Hochzeit
einfanden. Oben in Elis Gemach saß die Braut mit der Frau Pfarrer und
Mathilde, die eigens aus der Stadt gekommen war, um die Braut schmücken
zu helfen: das hatten sie sich von klein auf versprochen.—Arne im
Tuchanzug mit rundgeschnittener, enganschließender Jacke und einem
Kragen, den Eli ihm genäht hatte, stand unten in einer Stube an dem
Fenster, an das Eli damals "Arne" geschrieben hatte. Es stand offen, er
lehnte im Rahmen und schaute über den stillen See nach der Kirche neben
dem Pfarrhof hinüber.
Draußen auf der Diele trafen sich zwei, die beide von ihrer Hantierung
kamen, der eine vom Landungssteg, wo er die Boote zur Fahrt in die Kirche
hatte ordnen helfen; er hatte eine schwarze, rundgeschnittene Tuchjacke an,
aber Hosen aus blauem Fries, die abfärben mußten, denn er hatte ganz blaue
Hände; der weiße Kragen stand gut zu seinem blassen Gesicht und dem
langen blonden Haar; glatt war die hohe Stirn, und um den Mund lag ein
Lächeln. Es war Baard; er traf im Flur auf eine Frau, die gerade aus der
Küche kam. Sie hatte sich schon für die Fahrt zur Kirche geschmückt, trat
hoch und schlank und sicher aus der Tür und hatte es sehr eilig. Als sie
Baard begegnete, blieb sie stehen, und ihr Mund verzog sich ein wenig nach
standen, Kuchen in den Händen, draußen auf dem Hof, voll Angst um ihre
neuen Kleider und blickten sich fremd an; eine alte Frau saß ganz allein
oben auf der Treppe zum Vorratsschuppen: das war Margit Kampen. Sie
trug einen breiten, silbernen Ring, an dessen oberer Platte mehrere kleine
Ringe befestigt waren; zuweilen schaute sie ihn an; sie hatte ihn von Nils
bekommen, an dem Tag, als sie mit ihm vor dem Altar stand, und hatte ihn
seitdem nie wieder getragen.
In den zwei, drei Stuben liefen der Tafelmeister und die beiden jungen
Brautführer, der Sohn des Pfarrers und Elis Bruder, hin und her und
schenkten den Gästen ein, die sich nach und nach zu der großen Hochzeit
einfanden. Oben in Elis Gemach saß die Braut mit der Frau Pfarrer und
Mathilde, die eigens aus der Stadt gekommen war, um die Braut schmücken
zu helfen: das hatten sie sich von klein auf versprochen.—Arne im
Tuchanzug mit rundgeschnittener, enganschließender Jacke und einem
Kragen, den Eli ihm genäht hatte, stand unten in einer Stube an dem
Fenster, an das Eli damals "Arne" geschrieben hatte. Es stand offen, er
lehnte im Rahmen und schaute über den stillen See nach der Kirche neben
dem Pfarrhof hinüber.
Draußen auf der Diele trafen sich zwei, die beide von ihrer Hantierung
kamen, der eine vom Landungssteg, wo er die Boote zur Fahrt in die Kirche
hatte ordnen helfen; er hatte eine schwarze, rundgeschnittene Tuchjacke an,
aber Hosen aus blauem Fries, die abfärben mußten, denn er hatte ganz blaue
Hände; der weiße Kragen stand gut zu seinem blassen Gesicht und dem
langen blonden Haar; glatt war die hohe Stirn, und um den Mund lag ein
Lächeln. Es war Baard; er traf im Flur auf eine Frau, die gerade aus der
Küche kam. Sie hatte sich schon für die Fahrt zur Kirche geschmückt, trat
hoch und schlank und sicher aus der Tür und hatte es sehr eilig. Als sie
Baard begegnete, blieb sie stehen, und ihr Mund verzog sich ein wenig nach
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der Seite. Das war Birgit, seine Frau. Beide hatten etwas auf dem Herzen,
aber es kam nur darin zum Ausdruck, daß sie stehen blieben. Baard war
noch befangener als sie; er lächelte mehr und mehr, aber gerade seine große
Verlegenheit kam ihm zu Hilfe, indem er nämlich ohne weiteres sich
anschickte, die Treppe hinaufzusteigen. "Du kommst wohl nach", sagte er.
Und sie ging hinterdrein. Oben auf dem Boden waren sie ganz allein; aber
Baard machte doch die Tür hinter ihnen zu und ließ sich gute Zeit dabei.
Als er sich endlich umdrehte, stand Birgit am Fenster und schaute hinaus,
weil sie hinein nicht sehen mochte. Baard holte eine kleine Flasche aus der
Brusttasche und einen kleinen silbernen Becher. Er wollte seiner Frau
einschenken. Aber sie mochte nicht, obwohl er beteuerte, der Wein sei von
der Pfarre herübergeschickt. Da trank er ihn selbst aus, bot ihr aber noch ein
paarmal an, während er trank. Dann korkte er die Flasche zu, steckte sie mit
dem silbernen Becher zusammen wieder in die Brusttasche und setzte sich
auf eine Truhe. Es tat ihm sichtlich wehe, daß seine Frau nicht mittrinken
wollte.
Ein paarmal holte er tief Atem. Birgit stützte sich mit einer Hand aufs
Fensterbrett; Baard hatte etwas auf dem Herzen, aber jetzt ging es noch
schwerer. "Birgit", sagte er, "Du denkst heute wohl an dasselbe wie ich."—
Nun hörte er sie, denn sie ging von der einen Seite des Fensters zur andern
und stützte sich wieder auf ihren Arm. "Na—Du weißt ja, wen ich meine.
——Der hat zwischen uns beiden gestanden;———ich dachte, das würde
nur bis zur Hochzeit dauern, aber es hat länger gewährt." Er hörte, wie sie
atmete, sah, wie sie wieder ihre Stellung veränderte, aber ihr Gesicht konnte
er nicht sehen. Ihm selbst wurde es so sauer, daß er sich mit dem
Jackenärmel den Schweiß abwischen mußte. Nach langem Kampf fing er
wieder an: "Heute wird sein Sohn, schmuck und gescheit, bei uns
aufgenommen, und wir haben ihm unsere einzige Tochter gegeben.———
Was meinst Du, Birgit,—wollen wir beide nicht auch heut Hochzeit
halten?"—Seine Stimme bebte, und er räusperte sich. Birgit, die sich
aber es kam nur darin zum Ausdruck, daß sie stehen blieben. Baard war
noch befangener als sie; er lächelte mehr und mehr, aber gerade seine große
Verlegenheit kam ihm zu Hilfe, indem er nämlich ohne weiteres sich
anschickte, die Treppe hinaufzusteigen. "Du kommst wohl nach", sagte er.
Und sie ging hinterdrein. Oben auf dem Boden waren sie ganz allein; aber
Baard machte doch die Tür hinter ihnen zu und ließ sich gute Zeit dabei.
Als er sich endlich umdrehte, stand Birgit am Fenster und schaute hinaus,
weil sie hinein nicht sehen mochte. Baard holte eine kleine Flasche aus der
Brusttasche und einen kleinen silbernen Becher. Er wollte seiner Frau
einschenken. Aber sie mochte nicht, obwohl er beteuerte, der Wein sei von
der Pfarre herübergeschickt. Da trank er ihn selbst aus, bot ihr aber noch ein
paarmal an, während er trank. Dann korkte er die Flasche zu, steckte sie mit
dem silbernen Becher zusammen wieder in die Brusttasche und setzte sich
auf eine Truhe. Es tat ihm sichtlich wehe, daß seine Frau nicht mittrinken
wollte.
Ein paarmal holte er tief Atem. Birgit stützte sich mit einer Hand aufs
Fensterbrett; Baard hatte etwas auf dem Herzen, aber jetzt ging es noch
schwerer. "Birgit", sagte er, "Du denkst heute wohl an dasselbe wie ich."—
Nun hörte er sie, denn sie ging von der einen Seite des Fensters zur andern
und stützte sich wieder auf ihren Arm. "Na—Du weißt ja, wen ich meine.
——Der hat zwischen uns beiden gestanden;———ich dachte, das würde
nur bis zur Hochzeit dauern, aber es hat länger gewährt." Er hörte, wie sie
atmete, sah, wie sie wieder ihre Stellung veränderte, aber ihr Gesicht konnte
er nicht sehen. Ihm selbst wurde es so sauer, daß er sich mit dem
Jackenärmel den Schweiß abwischen mußte. Nach langem Kampf fing er
wieder an: "Heute wird sein Sohn, schmuck und gescheit, bei uns
aufgenommen, und wir haben ihm unsere einzige Tochter gegeben.———
Was meinst Du, Birgit,—wollen wir beide nicht auch heut Hochzeit
halten?"—Seine Stimme bebte, und er räusperte sich. Birgit, die sich
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bewegt hatte, legte den Kopf wieder auf den Arm, sagte aber nichts. Baard
wartete lange, aber er bekam keine Antwort,—und er selbst hatte auch
nichts mehr zu sagen. Er blickte auf und wurde sehr blaß, denn sie hatte
nicht einmal den Kopf umgewandt. Da stand er auf. Im selben Augenblick
klopfte es leise an die Tür, und eine weiche Stimme fragte: "Kommst Du
jetzt, Mutter?"—es war Eli. Es lag ein etwas in der Stimme, so daß Baard
unwillkürlich stehen blieb und ebenso unwillkürlich Birgit ansehen mußte.
Auch Birgit hob den Kopf; sie sah nach der Tür und begegnete Baards
blassem Gesicht. "Kommst Du jetzt, Mutter?" fragte es draußen noch
einmal. "Ja, jetzt komme ich!" sagte Birgit mit gebrochener Stimme, indem
sie fest und stolz auf Baard zuging, ihm die Hand gab und in heftiges
Weinen ausbrach. Ihre Hände umklammerten sich; wohl waren sie jetzt
abgenutzt, aber sie hielten sich so fest, als hätten sie zwanzig Jahre lang
einander gesucht. Beide hielten sich noch an der Hand, als sie auf die Tür
zugingen; und als nach einer Weile der Brautzug sich zum Landungssteg
begab und Arne seiner Eli die Hand reichte, um mit ihr voranzugehen, und
Baard das sah, da nahm er gegen alle Sitte und Gewohnheit seine Frau bei
der Hand und ging strahlend hinterher, dann aber kam Margit Kampen,
allein, wie sie es gewohnt war. Baard war ganz ausgelassen den Tag: er saß
und schwatzte mit den Bootsknechten. Einer davon blickte die Bergwand
hinter ihnen hinauf und sagte, es sei doch seltsam, daß selbst so steile
Felsen sich mit Grün bekleiden könnten. "Was kommen soll, kommt doch,
—es mag wollen oder nicht", sagte Baard und sah über den ganzen Zug hin,
bis seine Augen an dem Brautpaar und seiner Frau hängen blieben: "Das
hätte mal einer vor zwanzig Jahren sagen sollen", meinte er.
*****
wartete lange, aber er bekam keine Antwort,—und er selbst hatte auch
nichts mehr zu sagen. Er blickte auf und wurde sehr blaß, denn sie hatte
nicht einmal den Kopf umgewandt. Da stand er auf. Im selben Augenblick
klopfte es leise an die Tür, und eine weiche Stimme fragte: "Kommst Du
jetzt, Mutter?"—es war Eli. Es lag ein etwas in der Stimme, so daß Baard
unwillkürlich stehen blieb und ebenso unwillkürlich Birgit ansehen mußte.
Auch Birgit hob den Kopf; sie sah nach der Tür und begegnete Baards
blassem Gesicht. "Kommst Du jetzt, Mutter?" fragte es draußen noch
einmal. "Ja, jetzt komme ich!" sagte Birgit mit gebrochener Stimme, indem
sie fest und stolz auf Baard zuging, ihm die Hand gab und in heftiges
Weinen ausbrach. Ihre Hände umklammerten sich; wohl waren sie jetzt
abgenutzt, aber sie hielten sich so fest, als hätten sie zwanzig Jahre lang
einander gesucht. Beide hielten sich noch an der Hand, als sie auf die Tür
zugingen; und als nach einer Weile der Brautzug sich zum Landungssteg
begab und Arne seiner Eli die Hand reichte, um mit ihr voranzugehen, und
Baard das sah, da nahm er gegen alle Sitte und Gewohnheit seine Frau bei
der Hand und ging strahlend hinterher, dann aber kam Margit Kampen,
allein, wie sie es gewohnt war. Baard war ganz ausgelassen den Tag: er saß
und schwatzte mit den Bootsknechten. Einer davon blickte die Bergwand
hinter ihnen hinauf und sagte, es sei doch seltsam, daß selbst so steile
Felsen sich mit Grün bekleiden könnten. "Was kommen soll, kommt doch,
—es mag wollen oder nicht", sagte Baard und sah über den ganzen Zug hin,
bis seine Augen an dem Brautpaar und seiner Frau hängen blieben: "Das
hätte mal einer vor zwanzig Jahren sagen sollen", meinte er.
*****
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EIN FRÖHLICHER BURSCH
Erstes Kapitel
Öyvind hieß er, und als er geboren wurde, schrie er. Aber als er erst
aufrecht auf Mutters Schoß saß, lachte er, und wenn abends Licht
angesteckt wurde, lachte er, daß es schallte; doch wenn er nicht herandurfte,
weinte er. "Aus dem Jungen wird sicher was Besonderes", sagte seine
Mutter.
Über das Haus, worin er geboren wurde, neigte sich die kahle Bergwand;
aber sie war nicht sehr hoch. Fichten und Birken schauten hernieder, und
die Vogelkirsche streute ihre Blüten aufs Dach. Oben auf dem Dache aber
sprang ein Böckchen, das Öyvind gehörte; es mußte da oben weiden, wo es
sich nicht verlaufen konnte, und Öyvind brachte ihm Laub und Gras. Eines
schönen Tages sprang das Böckchen zur Bergwand hinüber; es kletterte
hinauf, weit hinauf, wo es noch nie gewesen war. Öyvind sah das Böckchen
nicht, als er nach der Vesper hinauskam, und gleich dachte er an den Fuchs.
Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken; er sah sich um und lauschte:
"Meck—meck—meck—mecke—Böckchen!"—"Mä-ä-ä-äh", schrie der
Bock oben auf der Bergwand, bog den Kopf zur Seite und guckte herunter.
Erstes Kapitel
Öyvind hieß er, und als er geboren wurde, schrie er. Aber als er erst
aufrecht auf Mutters Schoß saß, lachte er, und wenn abends Licht
angesteckt wurde, lachte er, daß es schallte; doch wenn er nicht herandurfte,
weinte er. "Aus dem Jungen wird sicher was Besonderes", sagte seine
Mutter.
Über das Haus, worin er geboren wurde, neigte sich die kahle Bergwand;
aber sie war nicht sehr hoch. Fichten und Birken schauten hernieder, und
die Vogelkirsche streute ihre Blüten aufs Dach. Oben auf dem Dache aber
sprang ein Böckchen, das Öyvind gehörte; es mußte da oben weiden, wo es
sich nicht verlaufen konnte, und Öyvind brachte ihm Laub und Gras. Eines
schönen Tages sprang das Böckchen zur Bergwand hinüber; es kletterte
hinauf, weit hinauf, wo es noch nie gewesen war. Öyvind sah das Böckchen
nicht, als er nach der Vesper hinauskam, und gleich dachte er an den Fuchs.
Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken; er sah sich um und lauschte:
"Meck—meck—meck—mecke—Böckchen!"—"Mä-ä-ä-äh", schrie der
Bock oben auf der Bergwand, bog den Kopf zur Seite und guckte herunter.
Page 443
Neben dem Bock aber lag ein kleines Mädchen auf den Knien. "Ist das
Dein Bock?" fragte sie. Öyvind riß Mund und Augen auf und steckte beide
Hände in die Hosentaschen. "Wer bist Du?" fragte er.—"Ich bin doch die
Margit, Mutters Kleine und Vaters Fiedel, der Kobold im Haus, das
Großkind von Ola Nordistuen auf dem Heidehof; im Herbst werde ich vier
Jahre, zwei Tage nach den Frostnächten—ja!"—"Also die bist Du", sagte er
und holte Luft, denn er hatte, während sie sprach, nicht zu atmen gewagt.
"Ist der Bock Dein?" fragte das Mädchen noch einmal.—"Jaha", sagte er
und sah hinauf. "Mir gefällt der Bock so gut;—Du, willst ihn mir nicht
schenken?"—"Nein, das will ich nicht."
Sie lag und strampelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und
schließlich sagte sie: "Und wenn ich Dir einen Butterkringel dafür gebe,
kann ich den Bock dann kriegen?" Öyvind war armer Leute Kind; er hatte
Butterkringel erst einmal in seinem Leben gegessen; damals, als sein
Großvater zu Besuch gekommen war. So was Schönes hatte er sein Lebtag
nicht gegessen. Er sah zu dem Mädchen hinauf; "zeig' mir den Kringel
erst", sagte er. Sie bedachte sich nicht lang und hielt ihm den großen
Kringel hin, den sie in der Hand hatte. "Da hast ihn", sagte sie und warf ihm
den Kringel zu. "Au, er ist kaputt gegangen", sagte der Junge und sammelte
sorglich jedes Stückchen auf; das allerkleinste mußte er doch mal kosten,
und das schmeckte so gut, daß er noch eins kosten mußte, und ehe er sich's
versah, hatte er den ganzen Kringel aufgegessen.
"Jetzt ist der Bock mein", rief das Mädchen. Dem Jungen blieb der letzte
Bissen im Munde stecken; das Mädel lag und lachte, und der Bock mit der
weißen Brust und dem bräunlich-schwarzen Fell stand daneben und guckte
mit schiefem Kopf hinunter.
"Kannst Du ihn mir nicht noch ein bißchen lassen?" bettelte der Bub, und
sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte das Mädel noch mehr und richtete
Dein Bock?" fragte sie. Öyvind riß Mund und Augen auf und steckte beide
Hände in die Hosentaschen. "Wer bist Du?" fragte er.—"Ich bin doch die
Margit, Mutters Kleine und Vaters Fiedel, der Kobold im Haus, das
Großkind von Ola Nordistuen auf dem Heidehof; im Herbst werde ich vier
Jahre, zwei Tage nach den Frostnächten—ja!"—"Also die bist Du", sagte er
und holte Luft, denn er hatte, während sie sprach, nicht zu atmen gewagt.
"Ist der Bock Dein?" fragte das Mädchen noch einmal.—"Jaha", sagte er
und sah hinauf. "Mir gefällt der Bock so gut;—Du, willst ihn mir nicht
schenken?"—"Nein, das will ich nicht."
Sie lag und strampelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und
schließlich sagte sie: "Und wenn ich Dir einen Butterkringel dafür gebe,
kann ich den Bock dann kriegen?" Öyvind war armer Leute Kind; er hatte
Butterkringel erst einmal in seinem Leben gegessen; damals, als sein
Großvater zu Besuch gekommen war. So was Schönes hatte er sein Lebtag
nicht gegessen. Er sah zu dem Mädchen hinauf; "zeig' mir den Kringel
erst", sagte er. Sie bedachte sich nicht lang und hielt ihm den großen
Kringel hin, den sie in der Hand hatte. "Da hast ihn", sagte sie und warf ihm
den Kringel zu. "Au, er ist kaputt gegangen", sagte der Junge und sammelte
sorglich jedes Stückchen auf; das allerkleinste mußte er doch mal kosten,
und das schmeckte so gut, daß er noch eins kosten mußte, und ehe er sich's
versah, hatte er den ganzen Kringel aufgegessen.
"Jetzt ist der Bock mein", rief das Mädchen. Dem Jungen blieb der letzte
Bissen im Munde stecken; das Mädel lag und lachte, und der Bock mit der
weißen Brust und dem bräunlich-schwarzen Fell stand daneben und guckte
mit schiefem Kopf hinunter.
"Kannst Du ihn mir nicht noch ein bißchen lassen?" bettelte der Bub, und
sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte das Mädel noch mehr und richtete
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sich schnell auf. "Nein, der Bock ist mein", sagte sie, schlang die Arme dem
Tier um den Hals, machte ihr Strumpfband los und band es ihm um. Öyvind
sah zu. Nun stand sie auf und versuchte den Bock mit wegzuzerren. Der
wollte aber nicht und reckte den Hals nach Öyvind hinunter. "Mä-ä-ä-äh!"
schrie er. Sie aber faßte mit einer Hand seine Mähne, mit der andern das
Band und sagte liebkosend: "Komm, Böckchen, Du kommst auch mit in die
Stube und darfst aus Mutters Schüssel essen und aus meiner Schürze", und
dann sang sie:
Komm, Bock, zu dem Knaben.
Komm, Kalb, zu der Kuh,
Kommt, miauende Katzen,
Auf schneeweißem Schuh;
Komm, Entengehecke,
Aus deinem Verstecke,
Kommt, Küchlein, ihr kleinen,
Fällt's schwer auch den Beinen.
Mit feinen Hauben
Kommt, ihr meine Tauben!
Ist's feucht noch, wie gut
Die Sonne doch tut.
Ja, Sommer, Sommer ist uns schon nah,
Doch rufst du den Herbst, ist er da!
*****
Da stand der Junge nun.
Mit dem Bock hatte er seit dem Winter, wo er geboren war, gespielt und
hatte nie gedacht, er müsse ihn einmal hergeben; und nun war es so ganz
plötzlich geschehen, und er würde den Bock nie mehr wiedersehen.
Tier um den Hals, machte ihr Strumpfband los und band es ihm um. Öyvind
sah zu. Nun stand sie auf und versuchte den Bock mit wegzuzerren. Der
wollte aber nicht und reckte den Hals nach Öyvind hinunter. "Mä-ä-ä-äh!"
schrie er. Sie aber faßte mit einer Hand seine Mähne, mit der andern das
Band und sagte liebkosend: "Komm, Böckchen, Du kommst auch mit in die
Stube und darfst aus Mutters Schüssel essen und aus meiner Schürze", und
dann sang sie:
Komm, Bock, zu dem Knaben.
Komm, Kalb, zu der Kuh,
Kommt, miauende Katzen,
Auf schneeweißem Schuh;
Komm, Entengehecke,
Aus deinem Verstecke,
Kommt, Küchlein, ihr kleinen,
Fällt's schwer auch den Beinen.
Mit feinen Hauben
Kommt, ihr meine Tauben!
Ist's feucht noch, wie gut
Die Sonne doch tut.
Ja, Sommer, Sommer ist uns schon nah,
Doch rufst du den Herbst, ist er da!
*****
Da stand der Junge nun.
Mit dem Bock hatte er seit dem Winter, wo er geboren war, gespielt und
hatte nie gedacht, er müsse ihn einmal hergeben; und nun war es so ganz
plötzlich geschehen, und er würde den Bock nie mehr wiedersehen.
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Die Mutter kam, ein Liedchen summend, vom Strande herauf mit ihren
hölzernen Kübeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihren Jungen mit
gekreuzten Beinen im Grase sitzen und weinen und ging hin zu ihm.
"Warum weinst Du?"—"Ach, der Bock, der Bock!"—"Ja, wo ist denn der
Bock?" fragte seine Mutter und sah zum Dach hinauf.—"Der kommt nie
mehr wieder", sagte der Junge.—"Aber Kind, wie sollte das wohl
zugehen?"—Er mochte es nicht gleich sagen. "Hat der Fuchs ihn
geholt?"—"Ach, ich wollt', es war' der Fuchs gewesen!"—"Bist Du nicht
bei Trost," sagte die Mutter, "was ist mit dem Bock geschehen?"—"A-a-
ach, ich hab' ihn—verkauft für einen—Kringel."
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da begriff er erst, was es heißt,
den Bock für einen Kringel zu verkaufen; daran hatte er vorher gar nicht
gedacht. Seine Mutter sagte: "Was, meinst Du wohl, mag der Bock von Dir
denken, daß Du ihn für einen Kringel verkaufen konntest?"
Daran dachte der Junge ja schon selber, und ihm wurde klar, daß er hier
in dieser Welt nie wieder fröhlich werden könne,—"und im Himmel auch
wohl nicht mehr", fiel ihm hinterher ein.
Sein Kummer war so groß, daß er sich fest vornahm, nie wieder einen
dummen Streich zu machen, nie mehr den Faden vom Spinnrocken
abzuschneiden oder die Schafe herauszulassen oder allein ans Wasser zu
gehen. Dabei schlief er ein, und er träumte, der Bock sei ins Himmelreich
gekommen; der liebe Gott saß da mit einem langen Bart genau wie im
Katechismus, und der Bock fraß von einem schimmernden Busch die
Blätter ab. Öyvind aber saß ganz allein auf dem Dach und konnte nicht
hinauf.
Da kam ihm etwas Feuchtes ans Ohr, und er fuhr in die Höhe. "Mä-ä-ä-
äh!" sagte es, und sein Bock war wieder da!
hölzernen Kübeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihren Jungen mit
gekreuzten Beinen im Grase sitzen und weinen und ging hin zu ihm.
"Warum weinst Du?"—"Ach, der Bock, der Bock!"—"Ja, wo ist denn der
Bock?" fragte seine Mutter und sah zum Dach hinauf.—"Der kommt nie
mehr wieder", sagte der Junge.—"Aber Kind, wie sollte das wohl
zugehen?"—Er mochte es nicht gleich sagen. "Hat der Fuchs ihn
geholt?"—"Ach, ich wollt', es war' der Fuchs gewesen!"—"Bist Du nicht
bei Trost," sagte die Mutter, "was ist mit dem Bock geschehen?"—"A-a-
ach, ich hab' ihn—verkauft für einen—Kringel."
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da begriff er erst, was es heißt,
den Bock für einen Kringel zu verkaufen; daran hatte er vorher gar nicht
gedacht. Seine Mutter sagte: "Was, meinst Du wohl, mag der Bock von Dir
denken, daß Du ihn für einen Kringel verkaufen konntest?"
Daran dachte der Junge ja schon selber, und ihm wurde klar, daß er hier
in dieser Welt nie wieder fröhlich werden könne,—"und im Himmel auch
wohl nicht mehr", fiel ihm hinterher ein.
Sein Kummer war so groß, daß er sich fest vornahm, nie wieder einen
dummen Streich zu machen, nie mehr den Faden vom Spinnrocken
abzuschneiden oder die Schafe herauszulassen oder allein ans Wasser zu
gehen. Dabei schlief er ein, und er träumte, der Bock sei ins Himmelreich
gekommen; der liebe Gott saß da mit einem langen Bart genau wie im
Katechismus, und der Bock fraß von einem schimmernden Busch die
Blätter ab. Öyvind aber saß ganz allein auf dem Dach und konnte nicht
hinauf.
Da kam ihm etwas Feuchtes ans Ohr, und er fuhr in die Höhe. "Mä-ä-ä-
äh!" sagte es, und sein Bock war wieder da!
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"Herrjeh, Du bist wieder da?" Er sprang auf, faßte den Bock an beiden
Vorderbeinen und tanzte mit ihm, als sei's sein Bruder, und zupfte ihn am
Bart und wollte gerade mit ihm zur Mutter laufen, da hörte er ein Geräusch
und sah das kleine Mädchen dicht hinter sich auf der grünen Wiese sitzen.
Nun wurde ihm alles klar; er ließ den Bock los. "Bist Du mit ihm
hergekommen?" Sie saß da und riß mit den Händen Grasbüschel aus und
sagte: "Ich darf ihn nicht behalten. Großvater sitzt oben und wartet." Wie
der Junge noch da stand und sie ansah, hörte er eine scharfe Stimme oben
vom Wege her: "Na, wird's bald?"—Da wußte sie, was sie zu tun hatte. Sie
stand auf, ging auf Öyvind zu, schob ihre erdige kleine Hand in seine,
blickte zur Seite und sagte: "Sei nicht bös!" Damit war es aber auch mit
ihrem Mut zu Ende, sie warf sich über den Bock und fing zu weinen an.
"Meinetwegen kannst Du den Bock behalten", sagte Öyvind und sah
weg.
"Beeil' Dich 'n bißchen!" rief der Großvater von der Höhe. Und Margit
stand auf und stieg langsam den Berg hinan. "Du hast ja Dein Strumpfband
verloren!" rief Öyvind ihr nach. Da drehte sie sich um und sah erst das
Band und dann den Jungen an. Schließlich faßte sie einen großen Entschluß
und sagte mit erstickter Stimme: "Das kannst Du behalten." Er lief ihr nach
und gab ihr die Hand: "Ich dank' auch schön!" sagte er. "Ach, wofür denn?"
sagte sie, stieß einen unendlich langen Seufzer aus und ging weiter.
Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete neben ihm; aber der
Junge hatte nicht mehr soviel Freude dran wie sonst.
Zweites Kapitel
Vorderbeinen und tanzte mit ihm, als sei's sein Bruder, und zupfte ihn am
Bart und wollte gerade mit ihm zur Mutter laufen, da hörte er ein Geräusch
und sah das kleine Mädchen dicht hinter sich auf der grünen Wiese sitzen.
Nun wurde ihm alles klar; er ließ den Bock los. "Bist Du mit ihm
hergekommen?" Sie saß da und riß mit den Händen Grasbüschel aus und
sagte: "Ich darf ihn nicht behalten. Großvater sitzt oben und wartet." Wie
der Junge noch da stand und sie ansah, hörte er eine scharfe Stimme oben
vom Wege her: "Na, wird's bald?"—Da wußte sie, was sie zu tun hatte. Sie
stand auf, ging auf Öyvind zu, schob ihre erdige kleine Hand in seine,
blickte zur Seite und sagte: "Sei nicht bös!" Damit war es aber auch mit
ihrem Mut zu Ende, sie warf sich über den Bock und fing zu weinen an.
"Meinetwegen kannst Du den Bock behalten", sagte Öyvind und sah
weg.
"Beeil' Dich 'n bißchen!" rief der Großvater von der Höhe. Und Margit
stand auf und stieg langsam den Berg hinan. "Du hast ja Dein Strumpfband
verloren!" rief Öyvind ihr nach. Da drehte sie sich um und sah erst das
Band und dann den Jungen an. Schließlich faßte sie einen großen Entschluß
und sagte mit erstickter Stimme: "Das kannst Du behalten." Er lief ihr nach
und gab ihr die Hand: "Ich dank' auch schön!" sagte er. "Ach, wofür denn?"
sagte sie, stieß einen unendlich langen Seufzer aus und ging weiter.
Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete neben ihm; aber der
Junge hatte nicht mehr soviel Freude dran wie sonst.
Zweites Kapitel
Page 447
Der Bock war am Haus angebunden, Öyvind aber schaute zu den Bergen
hinauf. Die Mutter kam heraus zu ihm und setzte sich neben ihn; er wollte
Märchen aus ferner Zeit hören, denn jetzt genügte ihm der Bock nicht mehr.
Und da erfuhr er denn, daß früher einmal alle Dinge reden konnten; der
Berg sprach mit dem Bach und der Bach mit dem Fluß und der Fluß mit
dem Meer und das Meer mit dem Himmel; und dann fragte er, ob denn der
Himmel mit niemand spreche. Doch, der Himmel sprach mit den Wolken,
die Wolken aber mit den Bäumen, die Bäume aber mit dem Grase, das Gras
aber mit den Fliegen, die Fliegen aber mit den Tieren, die Tiere aber mit
den Kindern, die Kinder aber mit den Großen. Und so ging es immer weiter,
bis die Reihe herum war, und keiner wußte, wer eigentlich den Anfang
gemacht hatte. Öyvind schaute Berge und Bäume und Meer und Himmel
an; er hatte das alles eigentlich noch nie richtig gesehen. Da kam gerade die
Katze aus dem Hause und legte sich auf die Steinfliesen in die Sonne. "Was
sagt denn die Katze?" fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:
Die Abendsonne liegt auf den Wiesen,
Die Katze dehnt sich faul auf den Fliesen.
"Zwei Mäuslein fett,
Rahm vom Küchenbrett,
Vier Stück Fisch
Stahl ich hinterm Tisch,
Und bin so wonnig satt
Und bin so wohlig matt!"
Sagt die Katze.
Und nun kam der Hahn mit all den Hennen. "Was sagt denn der Hahn?"
fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:
Die Henne gluckt ihrer kleinen Gemeine,
Der Hahn steht würdig auf einem Beine.
hinauf. Die Mutter kam heraus zu ihm und setzte sich neben ihn; er wollte
Märchen aus ferner Zeit hören, denn jetzt genügte ihm der Bock nicht mehr.
Und da erfuhr er denn, daß früher einmal alle Dinge reden konnten; der
Berg sprach mit dem Bach und der Bach mit dem Fluß und der Fluß mit
dem Meer und das Meer mit dem Himmel; und dann fragte er, ob denn der
Himmel mit niemand spreche. Doch, der Himmel sprach mit den Wolken,
die Wolken aber mit den Bäumen, die Bäume aber mit dem Grase, das Gras
aber mit den Fliegen, die Fliegen aber mit den Tieren, die Tiere aber mit
den Kindern, die Kinder aber mit den Großen. Und so ging es immer weiter,
bis die Reihe herum war, und keiner wußte, wer eigentlich den Anfang
gemacht hatte. Öyvind schaute Berge und Bäume und Meer und Himmel
an; er hatte das alles eigentlich noch nie richtig gesehen. Da kam gerade die
Katze aus dem Hause und legte sich auf die Steinfliesen in die Sonne. "Was
sagt denn die Katze?" fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:
Die Abendsonne liegt auf den Wiesen,
Die Katze dehnt sich faul auf den Fliesen.
"Zwei Mäuslein fett,
Rahm vom Küchenbrett,
Vier Stück Fisch
Stahl ich hinterm Tisch,
Und bin so wonnig satt
Und bin so wohlig matt!"
Sagt die Katze.
Und nun kam der Hahn mit all den Hennen. "Was sagt denn der Hahn?"
fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:
Die Henne gluckt ihrer kleinen Gemeine,
Der Hahn steht würdig auf einem Beine.
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"Die Gans da, ei seht,
Wie wichtig sie geht!
Doch sie weiß nicht, gebt acht,
Wie man Kratzfüße macht!
Hühner, Hühner, ins Haus hinein,
Der Tag mag für heute beurlaubt sein!"
Sagt der Hahn.
Zwei kleine Vögel aber saßen oben auf dem Dachfirst und sangen. "Was
sagen denn die Vögel?" fragte Öyvind und lachte.
"Das ist ein Leben, muß ich sagen,
Braucht man um nichts sich zu plagen!"
Sagt der Vogel.
Und er erfuhr, was ein jedes sagte bis hinunter zu der Ameise, die im
Moose krabbelte, und dem Wurm, der in der Borke nagte.
In diesem Sommer unterwies ihn seine Mutter auch im Lesen. Bücher
hatte er schon längst gehabt und oft drüber nachgedacht, wie das wohl
zugehen möge, wenn auch die zu sprechen anfingen. Da wurden die
Buchstaben zu Tieren, zu Vögeln und zu allem Möglichen; aber es dauerte
nicht lange, da gingen sie immer zu zweien miteinander; das A blieb stehen
und machte unter einem Baume Rast, der B hieß, dann kam das C und
machte es auch so. Als sie aber zu dreien und vieren beisammen waren, da
schien es, als könnten sie sich nicht vertragen; es wollte nicht recht gehen.
Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie bedeuteten; am
längsten blieb das A in seinem Gedächtnis haften; das A gefiel ihm am
besten. Das war ein kleines schwarzes Lamm und war mit allen gut Freund.
Aber bald vergaß er auch das A, denn in dem Buche standen keine
Märchen, da standen nur Aufgaben.
Wie wichtig sie geht!
Doch sie weiß nicht, gebt acht,
Wie man Kratzfüße macht!
Hühner, Hühner, ins Haus hinein,
Der Tag mag für heute beurlaubt sein!"
Sagt der Hahn.
Zwei kleine Vögel aber saßen oben auf dem Dachfirst und sangen. "Was
sagen denn die Vögel?" fragte Öyvind und lachte.
"Das ist ein Leben, muß ich sagen,
Braucht man um nichts sich zu plagen!"
Sagt der Vogel.
Und er erfuhr, was ein jedes sagte bis hinunter zu der Ameise, die im
Moose krabbelte, und dem Wurm, der in der Borke nagte.
In diesem Sommer unterwies ihn seine Mutter auch im Lesen. Bücher
hatte er schon längst gehabt und oft drüber nachgedacht, wie das wohl
zugehen möge, wenn auch die zu sprechen anfingen. Da wurden die
Buchstaben zu Tieren, zu Vögeln und zu allem Möglichen; aber es dauerte
nicht lange, da gingen sie immer zu zweien miteinander; das A blieb stehen
und machte unter einem Baume Rast, der B hieß, dann kam das C und
machte es auch so. Als sie aber zu dreien und vieren beisammen waren, da
schien es, als könnten sie sich nicht vertragen; es wollte nicht recht gehen.
Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie bedeuteten; am
längsten blieb das A in seinem Gedächtnis haften; das A gefiel ihm am
besten. Das war ein kleines schwarzes Lamm und war mit allen gut Freund.
Aber bald vergaß er auch das A, denn in dem Buche standen keine
Märchen, da standen nur Aufgaben.
Page 449
Da eines Tages kam die Mutter herein und sagte: "Morgen fängt die
Schule wieder an, Du sollst mit mir hin." Öyvind hatte gehört, die Schule
sei ein Ort, wo viele Knaben zusammen spielten, und dagegen hatte er
durchaus nichts. Er freute sich sehr darauf; auf dem Gehöft war er schon oft
gewesen, aber nie zur Schulzeit, und er lief schneller als seine Mutter die
Hügel hinauf, denn er konnte es kaum erwarten. Sie kamen an das
Altenteilhäuschen; ein fürchterliches Gesumme wie in der Mühle zu Haus
schlug ihnen entgegen, und er fragte seine Mutter, was das sei. "Da lesen
die Kinder", sagte sie, und das freute ihn sehr, denn so hatte er auch lesen
können, als er die Buchstaben noch nicht gekannt hatte. Als er hineinkam,
sah er um einen Tisch soviele Kinder sitzen, daß sicher in der Kirche auch
nicht mehr sein konnten; andere saßen auf ihren Eßkobern an der Wand,
wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tafel herum; der
Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, saß am Herd auf einem Schemel
und stopfte seine Pfeife. Als Öyvind und seine Mutter hereinkamen,
blickten alle auf, und die summende Mühle stand still, als sei die Schleuse
gesperrt. Alle blickten auf die Eintretenden; die Mutter begrüßte den
Schulmeister und er sie.
"Hier bringe ich einen kleinen Jungen, der lesen lernen möchte", sagte
die Mutter. "Wie heißt das Kerlchen?" fragte der Schulmeister und wühlte
in seinem Lederbeutel nach Tabak.
"Öyvind", sagte die Mutter; "er kann schon die Buchstaben und kann
auch rechnen." "Sieh einer an," sagte der Schulmeister, "komm mal her, Du
Weißkopf!" Öyvind ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf seinen
Schoß und nahm ihm die Mütze ab. "'n hübscher kleiner Bursch", sagte er
und strich ihm übers Haar. Öyvind sah ihm in die Augen und lachte.
"Lachst Du etwa über mich?" Er runzelte die Brauen. "Ja, natürlich", sagte
Öyvind und lachte aus Leibeskräften. Da mußte der Schulmeister auch
Schule wieder an, Du sollst mit mir hin." Öyvind hatte gehört, die Schule
sei ein Ort, wo viele Knaben zusammen spielten, und dagegen hatte er
durchaus nichts. Er freute sich sehr darauf; auf dem Gehöft war er schon oft
gewesen, aber nie zur Schulzeit, und er lief schneller als seine Mutter die
Hügel hinauf, denn er konnte es kaum erwarten. Sie kamen an das
Altenteilhäuschen; ein fürchterliches Gesumme wie in der Mühle zu Haus
schlug ihnen entgegen, und er fragte seine Mutter, was das sei. "Da lesen
die Kinder", sagte sie, und das freute ihn sehr, denn so hatte er auch lesen
können, als er die Buchstaben noch nicht gekannt hatte. Als er hineinkam,
sah er um einen Tisch soviele Kinder sitzen, daß sicher in der Kirche auch
nicht mehr sein konnten; andere saßen auf ihren Eßkobern an der Wand,
wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tafel herum; der
Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, saß am Herd auf einem Schemel
und stopfte seine Pfeife. Als Öyvind und seine Mutter hereinkamen,
blickten alle auf, und die summende Mühle stand still, als sei die Schleuse
gesperrt. Alle blickten auf die Eintretenden; die Mutter begrüßte den
Schulmeister und er sie.
"Hier bringe ich einen kleinen Jungen, der lesen lernen möchte", sagte
die Mutter. "Wie heißt das Kerlchen?" fragte der Schulmeister und wühlte
in seinem Lederbeutel nach Tabak.
"Öyvind", sagte die Mutter; "er kann schon die Buchstaben und kann
auch rechnen." "Sieh einer an," sagte der Schulmeister, "komm mal her, Du
Weißkopf!" Öyvind ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf seinen
Schoß und nahm ihm die Mütze ab. "'n hübscher kleiner Bursch", sagte er
und strich ihm übers Haar. Öyvind sah ihm in die Augen und lachte.
"Lachst Du etwa über mich?" Er runzelte die Brauen. "Ja, natürlich", sagte
Öyvind und lachte aus Leibeskräften. Da mußte der Schulmeister auch
Page 450
lachen, die Mutter lachte, und als die Kinder merkten, daß sie es durften,
lachten sie alle zusammen.
Somit war Öyvind in die Schule aufgenommen.
Als er sich setzen mußte, wollten ihm alle Platz machen. Er sah sich auch
lange um; sie tuschelten und zeigten auf ihn. Er drehte sich nach allen
Seiten, die Mütze in der Hand und das Buch unterm Arm. "Na, was wird
das werden?" fragte der Schulmeister, der schon wieder mit seiner Pfeife zu
tun hatte. Als der Junge sich eben nach dem Schulmeister umwenden will,
sieht er dicht neben dem Herd auf einem rotbemalten Eßkober Margit mit
den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht in den Händen versteckt und
lugte zu ihm hin. "Hier will ich sitzen", sagte Öyvind schnell, nahm sich
einen Kober und setzte sich neben sie. Jetzt hob sie den einen Arm ein
bißchen und sah ihn unterm Ellbogen an; da versteckte er auch schnell sein
Gesicht in beiden Händen und sah unterm Ellbogen zu ihr hin. So saßen sie
beide da und neckten sich, bis sie lachte; nun lachte er auch, und die andern
Kinder hatten es gesehen und lachten mit. Da fuhr eine entsetzlich laute
Stimme, die aber bei jedem Worte milder wurde, dazwischen. "Ruhe, Ihr
Bande, Ihr Kroppzeug, Ihr Nichtsnutze! Ruhe! Und seid mal hübsch artig,
Ihr Zuckerschweinchen!" Das war der Schulmeister; er hatte es so an sich,
leicht aufzubrausen, aber ehe er noch zu Ende geredet hatte, pflegte er
schon wieder gut zu sein. Es wurde augenblicklich still in der Klasse, bis
die Pfeffermühlen wieder in Gang kamen; jedes las laut aus seinem Buch,
manche im feinsten Diskant, die gröberen Stimmen trompeteten lauter und
lauter, um die andern zu überschreien, und ab und zu johlte einer
dazwischen. Öyvind hatte sein Lebtag noch nicht solchen Spaß gehabt.
"Ist das hier immer so?" flüsterte er Margit zu. "Ja immer", sagte sie.
Nachher mußten sie vortreten und lesen; dann wurde ein anderer Junge
beauftragt, sie lesen zu lassen, und schließlich waren sie erlöst, konnten
lachten sie alle zusammen.
Somit war Öyvind in die Schule aufgenommen.
Als er sich setzen mußte, wollten ihm alle Platz machen. Er sah sich auch
lange um; sie tuschelten und zeigten auf ihn. Er drehte sich nach allen
Seiten, die Mütze in der Hand und das Buch unterm Arm. "Na, was wird
das werden?" fragte der Schulmeister, der schon wieder mit seiner Pfeife zu
tun hatte. Als der Junge sich eben nach dem Schulmeister umwenden will,
sieht er dicht neben dem Herd auf einem rotbemalten Eßkober Margit mit
den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht in den Händen versteckt und
lugte zu ihm hin. "Hier will ich sitzen", sagte Öyvind schnell, nahm sich
einen Kober und setzte sich neben sie. Jetzt hob sie den einen Arm ein
bißchen und sah ihn unterm Ellbogen an; da versteckte er auch schnell sein
Gesicht in beiden Händen und sah unterm Ellbogen zu ihr hin. So saßen sie
beide da und neckten sich, bis sie lachte; nun lachte er auch, und die andern
Kinder hatten es gesehen und lachten mit. Da fuhr eine entsetzlich laute
Stimme, die aber bei jedem Worte milder wurde, dazwischen. "Ruhe, Ihr
Bande, Ihr Kroppzeug, Ihr Nichtsnutze! Ruhe! Und seid mal hübsch artig,
Ihr Zuckerschweinchen!" Das war der Schulmeister; er hatte es so an sich,
leicht aufzubrausen, aber ehe er noch zu Ende geredet hatte, pflegte er
schon wieder gut zu sein. Es wurde augenblicklich still in der Klasse, bis
die Pfeffermühlen wieder in Gang kamen; jedes las laut aus seinem Buch,
manche im feinsten Diskant, die gröberen Stimmen trompeteten lauter und
lauter, um die andern zu überschreien, und ab und zu johlte einer
dazwischen. Öyvind hatte sein Lebtag noch nicht solchen Spaß gehabt.
"Ist das hier immer so?" flüsterte er Margit zu. "Ja immer", sagte sie.
Nachher mußten sie vortreten und lesen; dann wurde ein anderer Junge
beauftragt, sie lesen zu lassen, und schließlich waren sie erlöst, konnten
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sich wieder auf ihren Platz setzen und brauchten nichts zu tun.
"Jetzt habe ich auch ein Böckchen", sagte Margit.—"Wirklich?"—"Ja,
aber es ist nicht so schön wie Deins!"—"Warum bist Du nicht öfter auf den
Berg gekommen?"—"Großvater hat Angst, ich könnte
hinunterfallen."—"Es ist doch gar nicht so hoch."—"Großvater will's aber
nicht."
"Meine Mutter weiß soviele Lieder", sagte er.—"Na, mein Großvater
auch—das kannst Du glauben."—"Ja, aber nicht solche wie meine
Mutter."—"Aber mein Großvater kann eins vom Tanzen.—Soll ich's mal
sagen?"—"Ja, bitte."—"Aber dann mußt Du näher herankommen, sonst
merkt's der Schulmeister." Er rückte näher, und dann sagte sie ihm ein paar
Strophen vor,—vier, fünfmal, bis er sie konnte, und das war das erste, was
er in der Schule lernte.
"Tanz!" rief die Fiedel
Mit schnarrender Saite,
Der Bauer, der Breite,
Spreizte sich: "Ha!"
"Holla", rief Ola
Und bracht' ihn zu Falle,—
Wie lachten alle
Die Jüngferchen da!
"Hopp", sagte Erik,
Und klomm zur Decke,—
Da krachten Ecke
Und Wände im Haus.
"Stopp", sagte Elling,
Und trug ihn am Kragen
"Jetzt habe ich auch ein Böckchen", sagte Margit.—"Wirklich?"—"Ja,
aber es ist nicht so schön wie Deins!"—"Warum bist Du nicht öfter auf den
Berg gekommen?"—"Großvater hat Angst, ich könnte
hinunterfallen."—"Es ist doch gar nicht so hoch."—"Großvater will's aber
nicht."
"Meine Mutter weiß soviele Lieder", sagte er.—"Na, mein Großvater
auch—das kannst Du glauben."—"Ja, aber nicht solche wie meine
Mutter."—"Aber mein Großvater kann eins vom Tanzen.—Soll ich's mal
sagen?"—"Ja, bitte."—"Aber dann mußt Du näher herankommen, sonst
merkt's der Schulmeister." Er rückte näher, und dann sagte sie ihm ein paar
Strophen vor,—vier, fünfmal, bis er sie konnte, und das war das erste, was
er in der Schule lernte.
"Tanz!" rief die Fiedel
Mit schnarrender Saite,
Der Bauer, der Breite,
Spreizte sich: "Ha!"
"Holla", rief Ola
Und bracht' ihn zu Falle,—
Wie lachten alle
Die Jüngferchen da!
"Hopp", sagte Erik,
Und klomm zur Decke,—
Da krachten Ecke
Und Wände im Haus.
"Stopp", sagte Elling,
Und trug ihn am Kragen
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Hinaus ohne Zagen:
"Hier tobe dich aus!"
"Hei", sagte Rasmus,
"Her mit dem Munde,
Randi, du runde!
Schnell, mach' dich bereit."
"Ei", sagte Randi;
Gab ihm eine Schelle,—
Wie rieb er die Stelle,—
"Da hast du Bescheid!"
"Aufstehn, Kinder!" rief der Schulmeister. "Heut am ersten Tag sollt Ihr
früh nach Hause gehen; aber erst wollen wir noch beten und singen." Da
gab es ein Leben in der Schulstube; sie sprangen von den Bänken auf,
rannten durch die Stube und schwatzten durcheinander. "Ruhe, Ihr Strolche,
Ihr Hallunken, Ihr Banditen!—Ruhe! Und hübsch leise auftreten,
Kinderchen!" sagte der Schulmeister, und sie stellten sich ruhig in Reih und
Glied, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach.
Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit seinem kräftigen Baß an,
alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit. Öyvind stand
mit Margit dicht an der Tür und sah zu; sie hatten auch die Hände gefaltet,
aber mitsingen konnten sie nicht.
Das war der erste Schultag.
Drittes Kapitel
"Hier tobe dich aus!"
"Hei", sagte Rasmus,
"Her mit dem Munde,
Randi, du runde!
Schnell, mach' dich bereit."
"Ei", sagte Randi;
Gab ihm eine Schelle,—
Wie rieb er die Stelle,—
"Da hast du Bescheid!"
"Aufstehn, Kinder!" rief der Schulmeister. "Heut am ersten Tag sollt Ihr
früh nach Hause gehen; aber erst wollen wir noch beten und singen." Da
gab es ein Leben in der Schulstube; sie sprangen von den Bänken auf,
rannten durch die Stube und schwatzten durcheinander. "Ruhe, Ihr Strolche,
Ihr Hallunken, Ihr Banditen!—Ruhe! Und hübsch leise auftreten,
Kinderchen!" sagte der Schulmeister, und sie stellten sich ruhig in Reih und
Glied, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach.
Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit seinem kräftigen Baß an,
alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit. Öyvind stand
mit Margit dicht an der Tür und sah zu; sie hatten auch die Hände gefaltet,
aber mitsingen konnten sie nicht.
Das war der erste Schultag.
Drittes Kapitel
Page 453
Öyvind wuchs heran und wurde ein prächtiger Bursche; in der Schule saß
er immer oben und zu Hause war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam
daher, daß er daheim seine Mutter lieb hatte und in der Schule seinen
Lehrer. Den Vater sah er nur selten; der war entweder auf Fischfang, oder er
hatte in der Mühle zu tun, wo das halbe Dorf mahlen ließ.
Was in diesen Jahren auf sein Gemüt am meisten wirkte, das war die
Geschichte des Schulmeisters, die Mutter ihm eines Abends, als sie am
Herde saßen, erzählte. Sie wob sich in seine Bücher hinein, sie legte sich in
jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und huschte durch die Schulstube,
wenn alles still war. Sie machte ihn gehorsam und demütig und ließ ihn
gewissermaßen alles leichter verstehen, was gelehrt wurde. Diese
Geschichte war folgendermaßen:
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der hieß Anders.
Sie hatten sich beide gern, ließen sich miteinander anwerben, lebten
zusammen in der Stadt, machten den Krieg mit, wobei sie beide zu
Korporalen befördert wurden, und standen bei derselben Kompagnie. Als
sie nach dem Kriege wieder nach Hause kamen, fanden alle, es seien zwei
Staatskerle. Da starb ihr Vater; er hatte viele Besitztümer gehabt, die schwer
zu teilen waren, deshalb vereinbarten sie, sie wollten sich lieber nicht
deswegen veruneinigen, sondern wollten alles versteigern lassen, so daß
jeder kaufen könne, was er wolle; der Erlös aber solle geteilt werden.
Gesagt, getan. Nun hatte aber der Vater eine große goldene Uhr besessen,
die weit und breit berühmt war; denn es war die einzige goldene Uhr, die
die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten, und als diese Uhr zur
Versteigerung kam, wollten viele reiche Männer sie haben; als aber auch die
beiden Brüder zu bieten begannen, traten die andern zurück. Nun erwartete
Baard von Anders, er werde ihm die Uhr lassen, und Anders erwartete das
gleiche von Baard. Jeder gab sein Gebot ab, um den andern auf die Probe
zu stellen, und beim Bieten blickte einer auf den andern. Als die Uhr bis auf
er immer oben und zu Hause war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam
daher, daß er daheim seine Mutter lieb hatte und in der Schule seinen
Lehrer. Den Vater sah er nur selten; der war entweder auf Fischfang, oder er
hatte in der Mühle zu tun, wo das halbe Dorf mahlen ließ.
Was in diesen Jahren auf sein Gemüt am meisten wirkte, das war die
Geschichte des Schulmeisters, die Mutter ihm eines Abends, als sie am
Herde saßen, erzählte. Sie wob sich in seine Bücher hinein, sie legte sich in
jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und huschte durch die Schulstube,
wenn alles still war. Sie machte ihn gehorsam und demütig und ließ ihn
gewissermaßen alles leichter verstehen, was gelehrt wurde. Diese
Geschichte war folgendermaßen:
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der hieß Anders.
Sie hatten sich beide gern, ließen sich miteinander anwerben, lebten
zusammen in der Stadt, machten den Krieg mit, wobei sie beide zu
Korporalen befördert wurden, und standen bei derselben Kompagnie. Als
sie nach dem Kriege wieder nach Hause kamen, fanden alle, es seien zwei
Staatskerle. Da starb ihr Vater; er hatte viele Besitztümer gehabt, die schwer
zu teilen waren, deshalb vereinbarten sie, sie wollten sich lieber nicht
deswegen veruneinigen, sondern wollten alles versteigern lassen, so daß
jeder kaufen könne, was er wolle; der Erlös aber solle geteilt werden.
Gesagt, getan. Nun hatte aber der Vater eine große goldene Uhr besessen,
die weit und breit berühmt war; denn es war die einzige goldene Uhr, die
die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten, und als diese Uhr zur
Versteigerung kam, wollten viele reiche Männer sie haben; als aber auch die
beiden Brüder zu bieten begannen, traten die andern zurück. Nun erwartete
Baard von Anders, er werde ihm die Uhr lassen, und Anders erwartete das
gleiche von Baard. Jeder gab sein Gebot ab, um den andern auf die Probe
zu stellen, und beim Bieten blickte einer auf den andern. Als die Uhr bis auf
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zwanzig Taler gekommen war, fand Baard, das sei gar nicht nett von seinem
Bruder gehandelt, und er bot weiter, bis dreißig Taler; als Anders auch da
noch nicht nachgab, dachte Baard, Anders habe wohl ganz vergessen, wie
gut er immer zu ihm gewesen sei, und außerdem war er doch der ältere, und
er bot mehr als dreißig Taler. Anders tat immer noch mit. Da brachte Baard
mit einem Schlage die Uhr auf vierzig Taler und sah seinen Bruder nicht
mehr dabei an; es war sehr still in dem Zimmer, wo die Auktion stattfand,
nur der Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte sich:
könne Baard vierzig Taler geben, so könne er es auch, und wenn ihm Baard
die Uhr nicht gönne, so würde er sie sich eben nehmen; er bot also mehr.
Das erschien Baard als die größte Schmach, die ihm je widerfahren war; er
bot ganz leise fünfzig Taler. Viele Leute standen ringsum, und Anders
dachte, so dürfe sein Bruder ihn doch nicht vor aller Ohren verspotten, und
bot mehr. Da lachte Baard: "Hundert Taler und meine Bruderliebe in Kauf",
sagte er, drehte sich um und ging aus der Stube. Nach einer Weile kam ihm
einer nach, als er schon im Begriff war, sein Pferd zu satteln, das er kurz
zuvor gekauft hatte. "Du kriegst die Uhr," sagte der Mann, "Anders hat's
aufgegeben." Als Baard das hörte, durchfuhr es ihn wie Reue; er dachte an
seinen Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er hatte
die Hand noch auf dem Rücken des Pferdes und wußte nicht, ob er reiten
solle. Da kam eine Menge Menschen heraus, Anders war auch darunter, und
als er seinen Bruder neben dem gesattelten Pferd stehen sah, wußte er nicht,
was für Gedanken Baard in diesem Augenblick bewegten, sondern schrie
ihm zu: "Schönen Dank für die Uhr, Baard! Die Stunde, da Dein Bruder
wieder Deinen Weg kreuzt, wird sie Dir nicht anzeigen."—"Und auch nicht
die Stunde, da ich auf diesen Hof zurückreite!" erwiderte Baard mit
bleichem Gesicht und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, in dem sie
beide zusammen mit ihrem Vater gelebt hatten, betrat keiner von ihnen
mehr.
Bruder gehandelt, und er bot weiter, bis dreißig Taler; als Anders auch da
noch nicht nachgab, dachte Baard, Anders habe wohl ganz vergessen, wie
gut er immer zu ihm gewesen sei, und außerdem war er doch der ältere, und
er bot mehr als dreißig Taler. Anders tat immer noch mit. Da brachte Baard
mit einem Schlage die Uhr auf vierzig Taler und sah seinen Bruder nicht
mehr dabei an; es war sehr still in dem Zimmer, wo die Auktion stattfand,
nur der Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte sich:
könne Baard vierzig Taler geben, so könne er es auch, und wenn ihm Baard
die Uhr nicht gönne, so würde er sie sich eben nehmen; er bot also mehr.
Das erschien Baard als die größte Schmach, die ihm je widerfahren war; er
bot ganz leise fünfzig Taler. Viele Leute standen ringsum, und Anders
dachte, so dürfe sein Bruder ihn doch nicht vor aller Ohren verspotten, und
bot mehr. Da lachte Baard: "Hundert Taler und meine Bruderliebe in Kauf",
sagte er, drehte sich um und ging aus der Stube. Nach einer Weile kam ihm
einer nach, als er schon im Begriff war, sein Pferd zu satteln, das er kurz
zuvor gekauft hatte. "Du kriegst die Uhr," sagte der Mann, "Anders hat's
aufgegeben." Als Baard das hörte, durchfuhr es ihn wie Reue; er dachte an
seinen Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er hatte
die Hand noch auf dem Rücken des Pferdes und wußte nicht, ob er reiten
solle. Da kam eine Menge Menschen heraus, Anders war auch darunter, und
als er seinen Bruder neben dem gesattelten Pferd stehen sah, wußte er nicht,
was für Gedanken Baard in diesem Augenblick bewegten, sondern schrie
ihm zu: "Schönen Dank für die Uhr, Baard! Die Stunde, da Dein Bruder
wieder Deinen Weg kreuzt, wird sie Dir nicht anzeigen."—"Und auch nicht
die Stunde, da ich auf diesen Hof zurückreite!" erwiderte Baard mit
bleichem Gesicht und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, in dem sie
beide zusammen mit ihrem Vater gelebt hatten, betrat keiner von ihnen
mehr.
Page 455
Bald darauf heiratete Anders in eine Kätnerwirtschaft ein, lud aber Baard
nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht mal in der Kirche. Im ersten Jahr,
als Anders verheiratet war, fand man die einzige Kuh, die er besaß, tot an
der nördlichen Seite des Hauses, wo sie angebunden war, und keiner konnte
begreifen, woran sie gestorben war; anderes Mißgeschick kam hinzu, und
es ging abwärts mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als mitten im
Winter seine Scheune abbrannte mit allem, was darin war; keiner wußte,
wie das Feuer aufgekommen war. "Das hat einer angelegt, der mir nichts
Gutes gönnt", sagte Anders, und in dieser Nacht weinte er. Er war ein armer
Mann geworden und hatte keine Lust zur Arbeit mehr.
Da stand am andern Abend plötzlich Baard in seiner Stube. Anders lag
auf dem Bett, als der andere eintrat, aber er sprang auf. "Was willst Du
hier?" fragte er, schwieg dann aber und sah seinen Bruder unverwandt an.
Baard zögerte einen Augenblick, bis er antwortete: "Ich möchte Dir helfen,
Anders, Dir geht es nicht gut."—"Mir geht es so, wie Du es mir gönnst,
Baard! Geh lieber, denn ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen
kann!"—"Du irrst, Anders; es tut mir leid—"—"Geh, Baard, oder Gott
gnade uns beiden!"—Baard trat ein paar Schritte zurück; mit zitternder
Stimme sagte er: "Wenn Du die Uhr haben willst, so kannst Du sie
bekommen!"—"Geh, Baard!" schrie der andere; da mochte Baard nicht
länger bleiben und ging.
Mit Baard war das aber so zugegangen: als er hörte, daß es seinem
Bruder schlecht gehe, taute sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn zurück.
Er fühlte das Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, und dort faßte er allerlei
gute Vorsätze, doch er konnte sie nicht ausführen. Manchmal ging er so
weit, bis er das Haus sehen konnte, aber dann kam gerade einer aus der Tür,
oder es war Besuch da, oder Anders stand draußen und hackte Holz,—kurz,
es kam immer etwas dazwischen. Eines Sonntags aber gegen Ende des
Winters war er wieder in der Kirche, und Anders war auch da. Baard sah,
nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht mal in der Kirche. Im ersten Jahr,
als Anders verheiratet war, fand man die einzige Kuh, die er besaß, tot an
der nördlichen Seite des Hauses, wo sie angebunden war, und keiner konnte
begreifen, woran sie gestorben war; anderes Mißgeschick kam hinzu, und
es ging abwärts mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als mitten im
Winter seine Scheune abbrannte mit allem, was darin war; keiner wußte,
wie das Feuer aufgekommen war. "Das hat einer angelegt, der mir nichts
Gutes gönnt", sagte Anders, und in dieser Nacht weinte er. Er war ein armer
Mann geworden und hatte keine Lust zur Arbeit mehr.
Da stand am andern Abend plötzlich Baard in seiner Stube. Anders lag
auf dem Bett, als der andere eintrat, aber er sprang auf. "Was willst Du
hier?" fragte er, schwieg dann aber und sah seinen Bruder unverwandt an.
Baard zögerte einen Augenblick, bis er antwortete: "Ich möchte Dir helfen,
Anders, Dir geht es nicht gut."—"Mir geht es so, wie Du es mir gönnst,
Baard! Geh lieber, denn ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen
kann!"—"Du irrst, Anders; es tut mir leid—"—"Geh, Baard, oder Gott
gnade uns beiden!"—Baard trat ein paar Schritte zurück; mit zitternder
Stimme sagte er: "Wenn Du die Uhr haben willst, so kannst Du sie
bekommen!"—"Geh, Baard!" schrie der andere; da mochte Baard nicht
länger bleiben und ging.
Mit Baard war das aber so zugegangen: als er hörte, daß es seinem
Bruder schlecht gehe, taute sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn zurück.
Er fühlte das Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, und dort faßte er allerlei
gute Vorsätze, doch er konnte sie nicht ausführen. Manchmal ging er so
weit, bis er das Haus sehen konnte, aber dann kam gerade einer aus der Tür,
oder es war Besuch da, oder Anders stand draußen und hackte Holz,—kurz,
es kam immer etwas dazwischen. Eines Sonntags aber gegen Ende des
Winters war er wieder in der Kirche, und Anders war auch da. Baard sah,
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wie bleich und mager er geworden war, und er trug noch dieselben Kleider
wie damals, als sie zusammen waren, doch jetzt waren sie alt und geflickt.
Während der Predigt blickte er zum Pfarrer auf, und es kam Baard vor, als
sehe sein Bruder gut und mild aus; er dachte an ihre Kinderjahre, und was
für ein gutes Kind er gewesen war. Baard ging an diesem Tage zum
Abendmahl, und gelobte Gott feierlich, er wolle sich mit seinem Bruder
versöhnen, komme, was da wolle. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, als er
aus dem Kelche trank, und als er sich erhob, wollte er gleich auf ihn
zugehen und sich neben ihn setzen; aber der Platz war besetzt, und sein
Bruder sah nicht auf. Nach der Predigt kam auch wieder etwas dazwischen;
es waren soviele Leute da, seine Frau ging neben ihm, und die kannte er
doch nicht; er dachte, das beste sei, er gehe hin zu ihm und rede vernünftig
mit ihm. Als es Abend wurde, führte er das aus. Er ging bis an die Stubentür
und lauschte; und da hörte er seinen eigenen Namen; es war die Stimme der
Frau. "Er ist heut zum Abendmahl gegangen," sagte sie, "da hat er gewiß an
Dich gedacht."—"Nein, der hat nicht an mich gedacht," sagte Anders, "der
denkt bloß an sich selbst."
Dann sagte lange Zeit keiner etwas; Baard stand der Schweiß auf der
Stirn, obschon es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen klapperte mit den
Töpfen, auf dem Herde knisterte und knackte es, ein kleines Kind schrie
dazwischen, und Anders wiegte es in Schlaf. Schließlich sagte die Frau:
"Ich glaube, Ihr denkt beide aneinander und wollt es nur nicht
zugeben."—"Wir wollen von was anderm reden", sagte Anders. Nach einer
Weile stand er auf und näherte sich der Tür. Baard mußte sich im
Holzschuppen verstecken; gerade dahin kam aber Anders, um sich einen
Arm voll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn ganz genau; er
hatte seinen schäbigen Sonntagsrock ausgezogen und war in der Uniform,
die er, gerade wie Baard auch, aus dem Kriege mit heimgebracht hatte, und
er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie auf die
Nachkommen zu vererben, und Baard hatte ihm das gleiche Versprechen
wie damals, als sie zusammen waren, doch jetzt waren sie alt und geflickt.
Während der Predigt blickte er zum Pfarrer auf, und es kam Baard vor, als
sehe sein Bruder gut und mild aus; er dachte an ihre Kinderjahre, und was
für ein gutes Kind er gewesen war. Baard ging an diesem Tage zum
Abendmahl, und gelobte Gott feierlich, er wolle sich mit seinem Bruder
versöhnen, komme, was da wolle. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, als er
aus dem Kelche trank, und als er sich erhob, wollte er gleich auf ihn
zugehen und sich neben ihn setzen; aber der Platz war besetzt, und sein
Bruder sah nicht auf. Nach der Predigt kam auch wieder etwas dazwischen;
es waren soviele Leute da, seine Frau ging neben ihm, und die kannte er
doch nicht; er dachte, das beste sei, er gehe hin zu ihm und rede vernünftig
mit ihm. Als es Abend wurde, führte er das aus. Er ging bis an die Stubentür
und lauschte; und da hörte er seinen eigenen Namen; es war die Stimme der
Frau. "Er ist heut zum Abendmahl gegangen," sagte sie, "da hat er gewiß an
Dich gedacht."—"Nein, der hat nicht an mich gedacht," sagte Anders, "der
denkt bloß an sich selbst."
Dann sagte lange Zeit keiner etwas; Baard stand der Schweiß auf der
Stirn, obschon es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen klapperte mit den
Töpfen, auf dem Herde knisterte und knackte es, ein kleines Kind schrie
dazwischen, und Anders wiegte es in Schlaf. Schließlich sagte die Frau:
"Ich glaube, Ihr denkt beide aneinander und wollt es nur nicht
zugeben."—"Wir wollen von was anderm reden", sagte Anders. Nach einer
Weile stand er auf und näherte sich der Tür. Baard mußte sich im
Holzschuppen verstecken; gerade dahin kam aber Anders, um sich einen
Arm voll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn ganz genau; er
hatte seinen schäbigen Sonntagsrock ausgezogen und war in der Uniform,
die er, gerade wie Baard auch, aus dem Kriege mit heimgebracht hatte, und
er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie auf die
Nachkommen zu vererben, und Baard hatte ihm das gleiche Versprechen
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gegeben. Die von Anders war jetzt geflickt und schäbig, seine kräftige,
gutgewachsene Gestalt steckte wie in einem Bündel Lumpen, und dabei
hörte Baard, wie bei ihm selber die goldene Uhr in der Tasche tickte.
Anders ging auf den Reisighaufen zu, aber statt sich zu bücken und einen
Arm voll aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich an einen Holzstoß und sah
zu dem leuchtend klaren Sternenhimmel auf. Dann seufzte er tief und sagte:
"Ach—ja—ja—ja; o mein Gott, mein Gott!"
Solange Baard lebte, klang ihm das in den Ohren. Er wollte vor ihn
hintreten, aber da hustete sein Bruder, und das klang so furchtbar trocken;
das genügte schon, um ihn wieder zurückzuhalten. Anders nahm seine
Tracht Holz und ging so dicht an Baard vorbei, daß die Zweige ihm ins
Gesicht schlugen.
Wohl zehn Minuten stand Baard auf demselben Fleck, und wer weiß,
wann er gegangen wäre, wenn er nicht von der großen Aufregung einen
Schüttelfrost bekommen hätte, daß er am ganzen Leibe zitterte. Da ging er
hinaus; er gestand sich offen ein, daß er zu feige war, hineinzugehen,
deshalb hatte er sich jetzt einen andern Plan ausgedacht. Aus einem
Ascheimer, der in der Ecke neben ihm stand, nahm er ein paar
Kohlenstücke, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune, machte die
Tür hinter sich zu und schlug Feuer. Als er den Span in Brand hatte,
leuchtete er damit nach dem Haken, an den Anders seine Laterne hängte,
wenn er früh morgens zum Dreschen kam. Baard holte seine goldene Uhr
heraus und hängte sie an den Haken, löschte dann seinen Span aus und
ging, und jetzt war ihm so leicht ums Herz, daß er wie ein Jüngling durch
den Schnee lief.
Tags darauf hörte er, die Scheune sei in der Nacht niedergebrannt.
Vermutlich waren von dem Span, mit dem er sich geleuchtet hatte, als er die
Uhr aufhing, Funken heruntergefallen.
gutgewachsene Gestalt steckte wie in einem Bündel Lumpen, und dabei
hörte Baard, wie bei ihm selber die goldene Uhr in der Tasche tickte.
Anders ging auf den Reisighaufen zu, aber statt sich zu bücken und einen
Arm voll aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich an einen Holzstoß und sah
zu dem leuchtend klaren Sternenhimmel auf. Dann seufzte er tief und sagte:
"Ach—ja—ja—ja; o mein Gott, mein Gott!"
Solange Baard lebte, klang ihm das in den Ohren. Er wollte vor ihn
hintreten, aber da hustete sein Bruder, und das klang so furchtbar trocken;
das genügte schon, um ihn wieder zurückzuhalten. Anders nahm seine
Tracht Holz und ging so dicht an Baard vorbei, daß die Zweige ihm ins
Gesicht schlugen.
Wohl zehn Minuten stand Baard auf demselben Fleck, und wer weiß,
wann er gegangen wäre, wenn er nicht von der großen Aufregung einen
Schüttelfrost bekommen hätte, daß er am ganzen Leibe zitterte. Da ging er
hinaus; er gestand sich offen ein, daß er zu feige war, hineinzugehen,
deshalb hatte er sich jetzt einen andern Plan ausgedacht. Aus einem
Ascheimer, der in der Ecke neben ihm stand, nahm er ein paar
Kohlenstücke, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune, machte die
Tür hinter sich zu und schlug Feuer. Als er den Span in Brand hatte,
leuchtete er damit nach dem Haken, an den Anders seine Laterne hängte,
wenn er früh morgens zum Dreschen kam. Baard holte seine goldene Uhr
heraus und hängte sie an den Haken, löschte dann seinen Span aus und
ging, und jetzt war ihm so leicht ums Herz, daß er wie ein Jüngling durch
den Schnee lief.
Tags darauf hörte er, die Scheune sei in der Nacht niedergebrannt.
Vermutlich waren von dem Span, mit dem er sich geleuchtet hatte, als er die
Uhr aufhing, Funken heruntergefallen.
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Das erschütterte ihn so, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß; er
nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause dachten,
irgend was müßte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber ging er
fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöft seines Bruders,
grub auf der Brandstätte nach und fand wirklich ein
zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold; das war die Uhr.
Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder
hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber
wie es ihm da erging, ist ja schon erzählt.
Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar
Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf
das Gehöft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzählten, wie
wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wußten, daß er mit
seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine
Untersuchung angeordnet.
Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm
hängen; weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nähern.
Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand,
aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und
verstört in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt hat
ihn die Reue gepackt, aber eine so schändliche Handlungsweise dem
eigenen Bruder gegenüber ist unverzeihlich. Später hörte er dann von den
Leuten, daß sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus
hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhör nichts Gewisses
festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Täter. Sie trafen
sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen
geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden Blick zu
ihm hin, daß es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll nichts sagen,
nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause dachten,
irgend was müßte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber ging er
fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöft seines Bruders,
grub auf der Brandstätte nach und fand wirklich ein
zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold; das war die Uhr.
Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder
hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber
wie es ihm da erging, ist ja schon erzählt.
Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar
Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf
das Gehöft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzählten, wie
wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wußten, daß er mit
seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine
Untersuchung angeordnet.
Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm
hängen; weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nähern.
Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand,
aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und
verstört in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt hat
ihn die Reue gepackt, aber eine so schändliche Handlungsweise dem
eigenen Bruder gegenüber ist unverzeihlich. Später hörte er dann von den
Leuten, daß sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus
hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhör nichts Gewisses
festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Täter. Sie trafen
sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen
geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden Blick zu
ihm hin, daß es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll nichts sagen,
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dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem Bruder die Tat
zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."
Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk, und es ging ihm
erbärmlich schlecht. Noch viel schlimmer aber stand es um Baard, obschon
der nicht trank; aber er war kaum wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine ärmliche Frau in die kleine Kammer, die
Baard sich gemietet hatte, und bat ihn, mitzukommen. Er kannte sie; es war
die Frau seines Bruders. Baard ahnte gleich, was für ein Anliegen sie hatte;
er wurde leichenblaß, zog sich an und ging mit ihr, ohne ein Wort zu sagen.
Ein schwacher Lichtschein kam aus Anders' Fenster, blitzte auf und
verschwand wieder, und sie gingen dem Scheine nach, denn durch den
Schnee führte kein Pfad. Als Baard wieder auf der Diele stand, schlug ihm
ein eigentümlicher Geruch entgegen, daß ihm ganz übel wurde. Sie gingen
hinein. Ein kleines Kind saß am Herd und knabberte an den Kohlen, es war
ganz schwarz im Gesicht, aber es blickte auf und lachte mit weißen
Zähnchen; das war das Kind seines Bruders. Im Bett aber, mit allen
möglichen Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer,
hoher Stirn und schaute seinen Bruder aus hohlen Augen an. Baard zitterten
die Knie, er setzte sich ans Fußende des Bettes und brach in heftiges
Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Schließlich
bat er seine Frau, hinauszugehen; aber Baard winkte ihr, sie möge bleiben,
—und dann sprachen sich die Brüder aus. Sie sprachen über alles von dem
Tage an, da sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu der Stunde, da sie hier
zusammentrafen. Baard holte schließlich den Goldklumpen heraus, den er
immer bei sich trug, und nun sahen die Brüder ein, daß sie sich in all den
Jahren nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am
Bett sitzen, solange Anders krank war. "Jetzt bin ich wieder ganz gesund,"
zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."
Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk, und es ging ihm
erbärmlich schlecht. Noch viel schlimmer aber stand es um Baard, obschon
der nicht trank; aber er war kaum wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine ärmliche Frau in die kleine Kammer, die
Baard sich gemietet hatte, und bat ihn, mitzukommen. Er kannte sie; es war
die Frau seines Bruders. Baard ahnte gleich, was für ein Anliegen sie hatte;
er wurde leichenblaß, zog sich an und ging mit ihr, ohne ein Wort zu sagen.
Ein schwacher Lichtschein kam aus Anders' Fenster, blitzte auf und
verschwand wieder, und sie gingen dem Scheine nach, denn durch den
Schnee führte kein Pfad. Als Baard wieder auf der Diele stand, schlug ihm
ein eigentümlicher Geruch entgegen, daß ihm ganz übel wurde. Sie gingen
hinein. Ein kleines Kind saß am Herd und knabberte an den Kohlen, es war
ganz schwarz im Gesicht, aber es blickte auf und lachte mit weißen
Zähnchen; das war das Kind seines Bruders. Im Bett aber, mit allen
möglichen Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer,
hoher Stirn und schaute seinen Bruder aus hohlen Augen an. Baard zitterten
die Knie, er setzte sich ans Fußende des Bettes und brach in heftiges
Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Schließlich
bat er seine Frau, hinauszugehen; aber Baard winkte ihr, sie möge bleiben,
—und dann sprachen sich die Brüder aus. Sie sprachen über alles von dem
Tage an, da sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu der Stunde, da sie hier
zusammentrafen. Baard holte schließlich den Goldklumpen heraus, den er
immer bei sich trug, und nun sahen die Brüder ein, daß sie sich in all den
Jahren nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am
Bett sitzen, solange Anders krank war. "Jetzt bin ich wieder ganz gesund,"
Page 460
sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte, "jetzt wollen wir noch lange
zusammenleben, mein Herzensbruder, und nie mehr auseinandergehen,
ganz wie damals." An dem Tage aber starb er.
Frau und Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es fortan gut. Was aber
die Brüder am Krankenbett zusammen gesprochen hatten, das drang hinaus
durch die Wände und durch die Nacht und alle Leute im Dorf erfuhren es,
und Baard kam hoch zu Ansehen. Alle grüßten ihn wie einen Mann, der
schweres Leid gehabt hat, und dem dann ein Glück widerfahren ist, oder
wie einen, der sehr lange fortgewesen ist. Baard richtete sich an dieser
allgemeinen Freundlichkeit auf, er wurde ein frommer Mensch, und da er
etwas schaffen wollte, wie er sagte, so machte der alte Korporal einen
Schulmeister aus sich. Was er den Kindern als erstes und letztes einprägte,
war Liebe, und auch sich selbst wünschte er, daß ihn die Kinder wie einen
guten Kameraden und wie einen Vater lieb haben sollten.
Das war die Geschichte, die von dem alten Schulmeister erzählt wurde,
und in Öyvinds Herzen schlug sie so fest Wurzel, daß sie für ihn Religion
und Erzieher zugleich wurde. Der Schulmeister war für ihn fast ein
übermenschliches Wesen geworden, obgleich er so umgänglich zwischen
ihnen saß und so gemütlich vor sich hinbrummte. Daß er je seine Aufgaben
nicht hätte wissen sollen, war ganz undenkbar, und lächelte ihm der
Schulmeister zu oder strich er ihm gar übers Haar, wenn er seine Lektion
hergesagt hatte, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der
Schulmeister vor dem Singen eine kleine Ansprache an sie hielt und ihnen,
mindestens einmal jede Woche, ein paar Strophen vorlas, die von der
Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten Vers vorlas, bebte seine
Stimme, ob er ihn nun auch schon an die dreißig Jahre gelesen hatte; der
Vers lautete:
zusammenleben, mein Herzensbruder, und nie mehr auseinandergehen,
ganz wie damals." An dem Tage aber starb er.
Frau und Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es fortan gut. Was aber
die Brüder am Krankenbett zusammen gesprochen hatten, das drang hinaus
durch die Wände und durch die Nacht und alle Leute im Dorf erfuhren es,
und Baard kam hoch zu Ansehen. Alle grüßten ihn wie einen Mann, der
schweres Leid gehabt hat, und dem dann ein Glück widerfahren ist, oder
wie einen, der sehr lange fortgewesen ist. Baard richtete sich an dieser
allgemeinen Freundlichkeit auf, er wurde ein frommer Mensch, und da er
etwas schaffen wollte, wie er sagte, so machte der alte Korporal einen
Schulmeister aus sich. Was er den Kindern als erstes und letztes einprägte,
war Liebe, und auch sich selbst wünschte er, daß ihn die Kinder wie einen
guten Kameraden und wie einen Vater lieb haben sollten.
Das war die Geschichte, die von dem alten Schulmeister erzählt wurde,
und in Öyvinds Herzen schlug sie so fest Wurzel, daß sie für ihn Religion
und Erzieher zugleich wurde. Der Schulmeister war für ihn fast ein
übermenschliches Wesen geworden, obgleich er so umgänglich zwischen
ihnen saß und so gemütlich vor sich hinbrummte. Daß er je seine Aufgaben
nicht hätte wissen sollen, war ganz undenkbar, und lächelte ihm der
Schulmeister zu oder strich er ihm gar übers Haar, wenn er seine Lektion
hergesagt hatte, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der
Schulmeister vor dem Singen eine kleine Ansprache an sie hielt und ihnen,
mindestens einmal jede Woche, ein paar Strophen vorlas, die von der
Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten Vers vorlas, bebte seine
Stimme, ob er ihn nun auch schon an die dreißig Jahre gelesen hatte; der
Vers lautete:
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Lieb' deinen Nächsten nach Christenpflicht,
Unter dem Absatz zertritt ihn nicht,
Liegt er auch schon im Staube;
Alles, was lebet, ist Untertan—
Alles der Liebe, die neuschaffen kann:
Trau' du ihr nur und glaube!
Wenn aber das Lied zu Ende war, und er noch eine Weile schweigend
dagestanden hatte, dann sah er sie an und zwinkerte mit den Augen:
"Vorwärts, kleines Gesindel, geht hübsch brav nach Hause und macht nicht
solchen Lärm,—seid hübsch artig, daß ich immer bloß Gutes von Euch
höre, Ihr kleinen Dachse!" Und wenn sie dann beim Zusammenpacken der
Bücher und Eßkober einen Höllenspektakel machten, dann klang seine
Stimme durch das Getöse: "Kommt morgen wieder, sowie es Tag wird,
sonst sollt Ihr mich kennen lernen!—Kommt ja rechtzeitig, Kinderchen,
dann wollen wir sehr fleißig sein."
Viertes Kapitel
Von Öyvinds Weiterentwicklung bis zu dem Jahr vor seiner Konfirmation
ist nicht viel zu erzählen. Morgens lernte er, tags arbeitete er, und abends
spielte er.
Weil er gar so einen fröhlichen Sinn hatte, dauerte es nicht lange, bis die
Kinder aus der Nachbarschaft sich in den Freistunden dort einfanden, wo er
war. Von seinem Hause fiel ein hoher Abhang zur Bucht ab, der, wie schon
erwähnt, an einer Seite von der Bergwand, an der andern vom Wald
begrenzt war, und hier veranstaltete die Dorfjugend an jedem schönen
Abend und auch Sonntags Schlittenfahrten. Öyvind konnte es am besten; er
Unter dem Absatz zertritt ihn nicht,
Liegt er auch schon im Staube;
Alles, was lebet, ist Untertan—
Alles der Liebe, die neuschaffen kann:
Trau' du ihr nur und glaube!
Wenn aber das Lied zu Ende war, und er noch eine Weile schweigend
dagestanden hatte, dann sah er sie an und zwinkerte mit den Augen:
"Vorwärts, kleines Gesindel, geht hübsch brav nach Hause und macht nicht
solchen Lärm,—seid hübsch artig, daß ich immer bloß Gutes von Euch
höre, Ihr kleinen Dachse!" Und wenn sie dann beim Zusammenpacken der
Bücher und Eßkober einen Höllenspektakel machten, dann klang seine
Stimme durch das Getöse: "Kommt morgen wieder, sowie es Tag wird,
sonst sollt Ihr mich kennen lernen!—Kommt ja rechtzeitig, Kinderchen,
dann wollen wir sehr fleißig sein."
Viertes Kapitel
Von Öyvinds Weiterentwicklung bis zu dem Jahr vor seiner Konfirmation
ist nicht viel zu erzählen. Morgens lernte er, tags arbeitete er, und abends
spielte er.
Weil er gar so einen fröhlichen Sinn hatte, dauerte es nicht lange, bis die
Kinder aus der Nachbarschaft sich in den Freistunden dort einfanden, wo er
war. Von seinem Hause fiel ein hoher Abhang zur Bucht ab, der, wie schon
erwähnt, an einer Seite von der Bergwand, an der andern vom Wald
begrenzt war, und hier veranstaltete die Dorfjugend an jedem schönen
Abend und auch Sonntags Schlittenfahrten. Öyvind konnte es am besten; er
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hatte zwei Schlitten, "Scharftraber" und "Kratzer" hießen sie; diesen lieh er
den andern Kindern, jenen aber steuerte er selbst und hatte Margit auf dem
Schoß.
Wenn Öyvind aufwachte, war in dieser Zeit sein erstes, aus dem Fenster
zu schauen, ob's Tauwetter sei, und sah er, daß es grau über den Büschen
jenseits der Bucht hing, oder hörte er es vom Dach tropfen, so ging es so
langsam mit dem Anziehen, als sei mit dem Tag rein gar nichts anzufangen.
Wachte er aber zu knisternder Kälte und klarem Himmel auf und war's noch
dazu Sonntag, wo es den guten Anzug und keine Arbeit gab, bloß
Überhören und vormittags Kirchgang und dann den ganzen Nachmittag und
Abend frei,—hei! da war der Bursch mit einem Satz aus dem Bett, zog sich
an, als brenne es, und konnte vor Aufregung kaum essen. Sowie es
Nachmittag war, und der erste Junge auf Schneeschuhen den Weg entlang
kam, den Stab über dem Kopf schwang und juchzte, daß es von den Höhen
wiedertönte,—und dann einer auf dem Schlitten daherkam und noch einer
und noch einer,—dann stürmte der Bursch mit seinem "Scharftraber" auf
und davon, rannte den Hügel hinauf und machte bei den
Zuletztgekommenen halt mit einem langen schmetternden Jodler, der an der
Bucht von Berg zu Berg klang und weit, weit hinten erstarb.
Er schaute dann wohl nach Margit aus, aber wenn sie erst da war,
kümmerte er sich nicht mehr recht um sie.
Dann aber kam Weihnachten, wo der Bursch und das Mädel beide ins
siebzehnte Jahr gingen und im Frühjahr konfirmiert werden sollten. Am
vierten Weihnachtstage sollte auf dem oberen Heidehof bei Margits
Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, eine große Festlichkeit
stattfinden; sie hatten ihr das schon seit drei Jahren versprochen und mußten
es jetzt endlich wahr machen. Hierzu wurde Öyvind eingeladen.
den andern Kindern, jenen aber steuerte er selbst und hatte Margit auf dem
Schoß.
Wenn Öyvind aufwachte, war in dieser Zeit sein erstes, aus dem Fenster
zu schauen, ob's Tauwetter sei, und sah er, daß es grau über den Büschen
jenseits der Bucht hing, oder hörte er es vom Dach tropfen, so ging es so
langsam mit dem Anziehen, als sei mit dem Tag rein gar nichts anzufangen.
Wachte er aber zu knisternder Kälte und klarem Himmel auf und war's noch
dazu Sonntag, wo es den guten Anzug und keine Arbeit gab, bloß
Überhören und vormittags Kirchgang und dann den ganzen Nachmittag und
Abend frei,—hei! da war der Bursch mit einem Satz aus dem Bett, zog sich
an, als brenne es, und konnte vor Aufregung kaum essen. Sowie es
Nachmittag war, und der erste Junge auf Schneeschuhen den Weg entlang
kam, den Stab über dem Kopf schwang und juchzte, daß es von den Höhen
wiedertönte,—und dann einer auf dem Schlitten daherkam und noch einer
und noch einer,—dann stürmte der Bursch mit seinem "Scharftraber" auf
und davon, rannte den Hügel hinauf und machte bei den
Zuletztgekommenen halt mit einem langen schmetternden Jodler, der an der
Bucht von Berg zu Berg klang und weit, weit hinten erstarb.
Er schaute dann wohl nach Margit aus, aber wenn sie erst da war,
kümmerte er sich nicht mehr recht um sie.
Dann aber kam Weihnachten, wo der Bursch und das Mädel beide ins
siebzehnte Jahr gingen und im Frühjahr konfirmiert werden sollten. Am
vierten Weihnachtstage sollte auf dem oberen Heidehof bei Margits
Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, eine große Festlichkeit
stattfinden; sie hatten ihr das schon seit drei Jahren versprochen und mußten
es jetzt endlich wahr machen. Hierzu wurde Öyvind eingeladen.
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Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend; Sterne waren nicht zu sehen,
und am andern Tage würde es wohl Regen geben. Ein schläfriger Wind
strich über den Schnee, der hier und da von der weißen Heide fortgeweht
war und sich an anderen Stellen zu Schneewehen angesammelt hatte. Wo
nicht gerade Schnee lag, war der ganze Weg mit Eis bedeckt, das
blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde schimmerte und
sich in blanken Streifen hinzog, soweit das Auge reichte. Die Berge herab
waren Schneestürze gekommen; düster und kahl war ihr Bett, und nur zu
beiden Seiten lag noch der helle Schnee, wo nicht gerade der Birkenwald
sich zusammenschob und Dunkelheit schuf. Wasser war nicht zu sehen, nur
halbnackte Sandflächen und Moore umsäumten schwer und strichweise die
Berge. Die Gehöfte lagen in dichten Gruppen mitten im Felde; sie sahen im
Dunkel des Winterabends wie schwarze Klumpen aus, aus denen Licht über
das Land hinstrahlt, bald aus diesem Fenster, bald aus jenem; an dem
Lichtschein sah man, daß es drinnen geschäftig herging. Die ganze Jugend,
Große und Halberwachsene strömten von verschiedenen Seiten zusammen;
die wenigsten blieben auf dem Wege; zum mindesten verließen sie ihn und
stahlen sich beiseite, sobald sie an das Gehöft kamen; einer kroch hinter den
Kuhstall, ein paar unter den Vorratschuppen, andere jagten um die Scheune
und heulten wie Füchse, wieder andere antworteten aus der Ferne mit
Katzenstimmen, einer stand hinterm Backofen und bellte wie ein alter
bissiger Köter, dem die Stimme eingerostet ist, bis von allen Seiten Jagd auf
ihn gemacht wurde. Die Mädchen kamen scharenweise und hatten ein paar
Burschen, meistens halbwüchsige, bei sich, die sich unterwegs in einemfort
prügelten, weil sie ein bißchen erwachsener aussehen wollten. Wenn ein
solcher Mädchenschwarm in den Hof kam, und einer oder der andere von
den Burschen ihn gewahrte, dann stoben die Mädchen auseinander, liefen
auf den Hausflur oder in den Garten und mußten eine nach der andern
wieder hervor und in die Stube hineingezogen werden. Ein paar waren so
blöde, daß Margit erst kommen und sie hineinkomplimentieren mußte.
und am andern Tage würde es wohl Regen geben. Ein schläfriger Wind
strich über den Schnee, der hier und da von der weißen Heide fortgeweht
war und sich an anderen Stellen zu Schneewehen angesammelt hatte. Wo
nicht gerade Schnee lag, war der ganze Weg mit Eis bedeckt, das
blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde schimmerte und
sich in blanken Streifen hinzog, soweit das Auge reichte. Die Berge herab
waren Schneestürze gekommen; düster und kahl war ihr Bett, und nur zu
beiden Seiten lag noch der helle Schnee, wo nicht gerade der Birkenwald
sich zusammenschob und Dunkelheit schuf. Wasser war nicht zu sehen, nur
halbnackte Sandflächen und Moore umsäumten schwer und strichweise die
Berge. Die Gehöfte lagen in dichten Gruppen mitten im Felde; sie sahen im
Dunkel des Winterabends wie schwarze Klumpen aus, aus denen Licht über
das Land hinstrahlt, bald aus diesem Fenster, bald aus jenem; an dem
Lichtschein sah man, daß es drinnen geschäftig herging. Die ganze Jugend,
Große und Halberwachsene strömten von verschiedenen Seiten zusammen;
die wenigsten blieben auf dem Wege; zum mindesten verließen sie ihn und
stahlen sich beiseite, sobald sie an das Gehöft kamen; einer kroch hinter den
Kuhstall, ein paar unter den Vorratschuppen, andere jagten um die Scheune
und heulten wie Füchse, wieder andere antworteten aus der Ferne mit
Katzenstimmen, einer stand hinterm Backofen und bellte wie ein alter
bissiger Köter, dem die Stimme eingerostet ist, bis von allen Seiten Jagd auf
ihn gemacht wurde. Die Mädchen kamen scharenweise und hatten ein paar
Burschen, meistens halbwüchsige, bei sich, die sich unterwegs in einemfort
prügelten, weil sie ein bißchen erwachsener aussehen wollten. Wenn ein
solcher Mädchenschwarm in den Hof kam, und einer oder der andere von
den Burschen ihn gewahrte, dann stoben die Mädchen auseinander, liefen
auf den Hausflur oder in den Garten und mußten eine nach der andern
wieder hervor und in die Stube hineingezogen werden. Ein paar waren so
blöde, daß Margit erst kommen und sie hineinkomplimentieren mußte.
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Zuweilen war auch eine dabei, die eigentlich gar nicht eingeladen war und
deshalb auch beileibe nicht hineinwollte, bloß ein bißchen zusehen, bis es
sich dann doch so fügte, daß sie wenigstens einen Tanz mittanzen mußte.
Wen Margit gut leiden konnte, den nötigte sie zu den Großeltern hinein in
eine kleine Stube, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter
geschäftig hin und her ging. Da wurden sie bewirtet und freundlich begrüßt.
Öyvind war nicht darunter, und das kam ihm ein bißchen sonderbar vor.
Der Hauptmusikant des Gaus konnte erst später kommen; bis dahin
mußten sie sich mit dem alten begnügen, einem Häusler; Grauknut hieß er.
Er konnte vier Tänze, zwei Hoppser, einen Halling und den alten
sogenannten Napoleonwalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling
in einen Schottischen umgewandelt, indem er den Takt veränderte, und ein
Hoppser war auf dieselbe Weise zu einer Polka-Mazurka geworden. Er
spielte also los, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich mit
anzufangen, weil hier so viele Große waren; aber die Halbwüchsigen taten
sich flink zusammen, pufften sich gegenseitig vorwärts, tranken sich in
starkem Bier ein bißchen Mut an, und da tat denn auch Öyvind mit. Heiß
war es in der Stube; die Fröhlichkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopf.
Margit tanzte am meisten den Abend, wohl weil ihre Großeltern das Fest
gaben, und deshalb sah sich auch Öyvind oft nach ihr um; aber immer
tanzte sie mit andern. Er wollte auch gern mal mit ihr tanzen; deshalb saß er
einen Tanz über, um, sowie er zu Ende war, gleich auf sie zustürmen zu
können, und das tat er auch, aber ein großer, sonngebräunter Mensch mit
vollem Haar schob ihn beiseite. "Weg da, Bengel!" rief er und gab Öyvind
einen Puff, daß er fast der Länge nach über Margit gefallen wäre. So etwas
war ihm noch nie passiert, nie waren die Leute anders als nett zu ihm
gewesen, und nie hatte ihn einer "Bengel" genannt, wenn er mittun wollte;
er wurde feuerrot, sagte aber kein Wort und zog sich zurück, dahin, wo der
neue Musikant, der eben gekommen war, saß und sein Instrument stimmte.
Alle waren still geworden und warteten auf den ersten, kräftigen Ton von
deshalb auch beileibe nicht hineinwollte, bloß ein bißchen zusehen, bis es
sich dann doch so fügte, daß sie wenigstens einen Tanz mittanzen mußte.
Wen Margit gut leiden konnte, den nötigte sie zu den Großeltern hinein in
eine kleine Stube, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter
geschäftig hin und her ging. Da wurden sie bewirtet und freundlich begrüßt.
Öyvind war nicht darunter, und das kam ihm ein bißchen sonderbar vor.
Der Hauptmusikant des Gaus konnte erst später kommen; bis dahin
mußten sie sich mit dem alten begnügen, einem Häusler; Grauknut hieß er.
Er konnte vier Tänze, zwei Hoppser, einen Halling und den alten
sogenannten Napoleonwalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling
in einen Schottischen umgewandelt, indem er den Takt veränderte, und ein
Hoppser war auf dieselbe Weise zu einer Polka-Mazurka geworden. Er
spielte also los, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich mit
anzufangen, weil hier so viele Große waren; aber die Halbwüchsigen taten
sich flink zusammen, pufften sich gegenseitig vorwärts, tranken sich in
starkem Bier ein bißchen Mut an, und da tat denn auch Öyvind mit. Heiß
war es in der Stube; die Fröhlichkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopf.
Margit tanzte am meisten den Abend, wohl weil ihre Großeltern das Fest
gaben, und deshalb sah sich auch Öyvind oft nach ihr um; aber immer
tanzte sie mit andern. Er wollte auch gern mal mit ihr tanzen; deshalb saß er
einen Tanz über, um, sowie er zu Ende war, gleich auf sie zustürmen zu
können, und das tat er auch, aber ein großer, sonngebräunter Mensch mit
vollem Haar schob ihn beiseite. "Weg da, Bengel!" rief er und gab Öyvind
einen Puff, daß er fast der Länge nach über Margit gefallen wäre. So etwas
war ihm noch nie passiert, nie waren die Leute anders als nett zu ihm
gewesen, und nie hatte ihn einer "Bengel" genannt, wenn er mittun wollte;
er wurde feuerrot, sagte aber kein Wort und zog sich zurück, dahin, wo der
neue Musikant, der eben gekommen war, saß und sein Instrument stimmte.
Alle waren still geworden und warteten auf den ersten, kräftigen Ton von
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"dem Richtigen". Er probierte und stimmte, es dauerte lange, aber endlich
legte er mit einem Hoppser los; die Burschen kreischten auf und
schwenkten ihre Mädel im Kreise. Öyvind blickte Margit nach, wie sie mit
dem haarbuschigen Menschen tanzte; sie lachte über seine Schulter hinweg,
daß man ihre weißen Zähne sah, und Öyvind fühlte zum erstenmal in
seinem Leben einen wunderlich stechenden Schmerz in der Brust.
Er sah immer eifriger zu ihr hin, und je mehr er sie betrachtete, desto
mehr kam es ihm vor, als sei Margit schon ganz erwachsen; das kann ja
nicht sein, dachte er, denn sie fährt doch immer noch mit Schlitten. Aber
erwachsen war sie doch, und der haarbuschige Mann zog sie, als der Tanz
zu Ende war, auf seinen Schoß; sie machte sich los, blieb aber doch neben
ihm sitzen.
Öyvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen blauen Tuchanzug
an, ein blaukariertes Hemd und ein seidenes Halstuch; dazu ein schmales
Gesicht, blaue, energische Augen, und einen lachenden, trotzigen Mund. Es
war ein hübscher Mensch. Öyvind sah ihn sich ganz genau an, und dann
beschaute er sich selbst; er hatte ein Paar neue Hosen zu Weihnachten
bekommen und hatte sich sehr darüber gefreut; jetzt sah er aber, daß sie
bloß aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber sie
war alt und schäbig, und die Weste, aus gewürfeltem, durchgewebtem Stoff,
war auch alt und hatte zwei blanke Knöpfe und einen schwarzen. Er sah
umher und fand, wenige nur seien so dürftig gekleidet wie er. Margit hatte
ein schwarzes Kleid aus feinem Stoff an, im Brusttuch steckte eine Brosche
und in der Hand hatte sie ein seidenes Taschentuch. Auf dem Kopf trug sie
ein kleines schwarzseidenes Häubchen, das mit breitem gestreiftem
Atlasband unterm Kinn zusammengebunden war. Sie hatte rote Backen und
lachte; der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Wieder wurde
aufgespielt, und der Tanz fing von neuem an. Ein Schulkamerad kam und
setzte sich neben ihn. "Warum tanzst Du nicht, Öyvind?" fragte er
legte er mit einem Hoppser los; die Burschen kreischten auf und
schwenkten ihre Mädel im Kreise. Öyvind blickte Margit nach, wie sie mit
dem haarbuschigen Menschen tanzte; sie lachte über seine Schulter hinweg,
daß man ihre weißen Zähne sah, und Öyvind fühlte zum erstenmal in
seinem Leben einen wunderlich stechenden Schmerz in der Brust.
Er sah immer eifriger zu ihr hin, und je mehr er sie betrachtete, desto
mehr kam es ihm vor, als sei Margit schon ganz erwachsen; das kann ja
nicht sein, dachte er, denn sie fährt doch immer noch mit Schlitten. Aber
erwachsen war sie doch, und der haarbuschige Mann zog sie, als der Tanz
zu Ende war, auf seinen Schoß; sie machte sich los, blieb aber doch neben
ihm sitzen.
Öyvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen blauen Tuchanzug
an, ein blaukariertes Hemd und ein seidenes Halstuch; dazu ein schmales
Gesicht, blaue, energische Augen, und einen lachenden, trotzigen Mund. Es
war ein hübscher Mensch. Öyvind sah ihn sich ganz genau an, und dann
beschaute er sich selbst; er hatte ein Paar neue Hosen zu Weihnachten
bekommen und hatte sich sehr darüber gefreut; jetzt sah er aber, daß sie
bloß aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber sie
war alt und schäbig, und die Weste, aus gewürfeltem, durchgewebtem Stoff,
war auch alt und hatte zwei blanke Knöpfe und einen schwarzen. Er sah
umher und fand, wenige nur seien so dürftig gekleidet wie er. Margit hatte
ein schwarzes Kleid aus feinem Stoff an, im Brusttuch steckte eine Brosche
und in der Hand hatte sie ein seidenes Taschentuch. Auf dem Kopf trug sie
ein kleines schwarzseidenes Häubchen, das mit breitem gestreiftem
Atlasband unterm Kinn zusammengebunden war. Sie hatte rote Backen und
lachte; der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Wieder wurde
aufgespielt, und der Tanz fing von neuem an. Ein Schulkamerad kam und
setzte sich neben ihn. "Warum tanzst Du nicht, Öyvind?" fragte er
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freundlich.—"Ach nein," sagte Öyvind, "ich sehe nicht danach
aus."—"Siehst nicht danach aus?" fragte der andere; aber ehe er
weitersprechen konnte, sagte Öyvind: "Wer ist das mit dem blauen
Tuchanzug, der mit Margit tanzt?"—"Das ist doch Jon Hatlen; er ist auf der
Ackerbauschule gewesen und will jetzt den Hof übernehmen."—Im selben
Augenblick setzten Margit und Jon sich hin. "Was ist das für ein Junge mit
dem hellen Haar, der da neben dem Musikanten sitzt und mich fortwährend
anglotzt?" fragte Jon. Da lachte Margit und sagte: "Das ist der Häuslerjunge
von Pladsen."
Öyvind hatte freilich immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge war, aber
bis jetzt hatte er das nie weiter empfunden. Er kam sich mit einem Mal so
klein vor, kleiner als alle andern; um sich einen Halt zu geben, versuchte er,
an all das zu denken, was ihn bis zu dieser Stunde froh und stolz gemacht
hatte—vom Schlittenfahren angefangen bis zu den einzelnen Äußerungen.
Als er auch an Vater und Mutter dachte, die zu Haus saßen und sich
vorstellten, wie gut er es jetzt haben mochte, konnte er die Tränen kaum
zurückhalten. Um ihn lachten und scherzten die andern, die Fiedel schrillte
ihm gerade in die Ohren, und einen Augenblick war's, als wolle etwas
Finsteres in ihm aufsteigen, dann aber fiel ihm die Schule ein und die
Kameraden und der Schulmeister, wie er ihn streichelte, und der Herr
Pfarrer, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und gesagt
hatte, er sei ein fleißiger Junge; sein Vater hatte dabei gesessen und es
mitangehört und ihm zugenickt. "Sei brav, Öyvind", meinte er den
Schulmeister sagen zu hören, indem er ihn auf den Schoß nahm wie damals,
als er klein war. "Du lieber Gott, das alles hat ja so wenig zu sagen, und im
Grunde sind alle Menschen gut; es sieht bloß manchmal so aus, als seien sie
es nicht. Aus uns beiden soll schon was Tüchtiges werden, Öyvind,
ebensoviel wie aus Jon Hatlen; werden schon auch feine Kleider kriegen
und mit Margit in der hellen Stube tanzen, wo Hunderte von Menschen
dabei sind, und wir lachen und plaudern zusammen; Brautpaar und Pfarrer,
aus."—"Siehst nicht danach aus?" fragte der andere; aber ehe er
weitersprechen konnte, sagte Öyvind: "Wer ist das mit dem blauen
Tuchanzug, der mit Margit tanzt?"—"Das ist doch Jon Hatlen; er ist auf der
Ackerbauschule gewesen und will jetzt den Hof übernehmen."—Im selben
Augenblick setzten Margit und Jon sich hin. "Was ist das für ein Junge mit
dem hellen Haar, der da neben dem Musikanten sitzt und mich fortwährend
anglotzt?" fragte Jon. Da lachte Margit und sagte: "Das ist der Häuslerjunge
von Pladsen."
Öyvind hatte freilich immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge war, aber
bis jetzt hatte er das nie weiter empfunden. Er kam sich mit einem Mal so
klein vor, kleiner als alle andern; um sich einen Halt zu geben, versuchte er,
an all das zu denken, was ihn bis zu dieser Stunde froh und stolz gemacht
hatte—vom Schlittenfahren angefangen bis zu den einzelnen Äußerungen.
Als er auch an Vater und Mutter dachte, die zu Haus saßen und sich
vorstellten, wie gut er es jetzt haben mochte, konnte er die Tränen kaum
zurückhalten. Um ihn lachten und scherzten die andern, die Fiedel schrillte
ihm gerade in die Ohren, und einen Augenblick war's, als wolle etwas
Finsteres in ihm aufsteigen, dann aber fiel ihm die Schule ein und die
Kameraden und der Schulmeister, wie er ihn streichelte, und der Herr
Pfarrer, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und gesagt
hatte, er sei ein fleißiger Junge; sein Vater hatte dabei gesessen und es
mitangehört und ihm zugenickt. "Sei brav, Öyvind", meinte er den
Schulmeister sagen zu hören, indem er ihn auf den Schoß nahm wie damals,
als er klein war. "Du lieber Gott, das alles hat ja so wenig zu sagen, und im
Grunde sind alle Menschen gut; es sieht bloß manchmal so aus, als seien sie
es nicht. Aus uns beiden soll schon was Tüchtiges werden, Öyvind,
ebensoviel wie aus Jon Hatlen; werden schon auch feine Kleider kriegen
und mit Margit in der hellen Stube tanzen, wo Hunderte von Menschen
dabei sind, und wir lachen und plaudern zusammen; Brautpaar und Pfarrer,
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und ich auf dem Chor lächle Dir zu, und die Mutter daheim, und ein großer
Hof mit zwanzig Kühen und drei Pferden, und Margit ist so lieb und gut
wie einst in der Schule——"
Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Margit vor sich auf der Bank sitzen
und Jon daneben, den Kopf dicht an ihrem; wieder fuhr ihm ein scharfer,
stechender Schmerz durch die Brust, und es war, als sage er zu sich selbst:
Ach, stimmt ja, ich hab's ja so schlecht.
Im selben Augenblick stand Margit auf und kam gerade auf ihn zu. Sie
beugte sich zu ihm hinunter. "Du darfst nicht so dasitzen und mich
immerfort anstarren", sagte sie; "Du kannst Dir doch denken, daß es
auffällt; hol' Dir doch eine und tanz' mit ihr."
Er antwortete nicht, er sah nur auf zu ihr, und—er konnte nicht dafür:
seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und
wollte gehen, da sah sie es und stand still; sie wurde plötzlich feuerrot,
drehte sich um und ging auf ihren Platz zurück; da aber machte sie wieder
Kehrt und setzte sich anderswohin. Jon ging schnell ihr nach.
Öyvind stand von der Bank auf, drängte sich zwischen die Menschen
hindurch, ging auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Außengalerien
und wußte doch nicht, was er da eigentlich wollte; er stand also auf, setzte
sich aber wieder hin, denn er saß hier ja ebensogut wie irgendwo anders.
Nach Haus gehen mochte er nicht, wieder hinein erst recht nicht; das kam
alles auf eins heraus. Er war nicht imstande, sich klar vorzustellen, was
eigentlich geschehen war; er wollte gar nicht daran denken; an die Zukunft
wollte er auch lieber nicht denken, denn es gab ja nichts, wonach er sich
hätte sehnen können.
"Aber woran denke ich denn bloß?" fragte er sich halblaut, und als er
seine eigene Stimme hörte, dachte er: sprechen kannst Du also noch. Kannst
Hof mit zwanzig Kühen und drei Pferden, und Margit ist so lieb und gut
wie einst in der Schule——"
Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Margit vor sich auf der Bank sitzen
und Jon daneben, den Kopf dicht an ihrem; wieder fuhr ihm ein scharfer,
stechender Schmerz durch die Brust, und es war, als sage er zu sich selbst:
Ach, stimmt ja, ich hab's ja so schlecht.
Im selben Augenblick stand Margit auf und kam gerade auf ihn zu. Sie
beugte sich zu ihm hinunter. "Du darfst nicht so dasitzen und mich
immerfort anstarren", sagte sie; "Du kannst Dir doch denken, daß es
auffällt; hol' Dir doch eine und tanz' mit ihr."
Er antwortete nicht, er sah nur auf zu ihr, und—er konnte nicht dafür:
seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und
wollte gehen, da sah sie es und stand still; sie wurde plötzlich feuerrot,
drehte sich um und ging auf ihren Platz zurück; da aber machte sie wieder
Kehrt und setzte sich anderswohin. Jon ging schnell ihr nach.
Öyvind stand von der Bank auf, drängte sich zwischen die Menschen
hindurch, ging auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Außengalerien
und wußte doch nicht, was er da eigentlich wollte; er stand also auf, setzte
sich aber wieder hin, denn er saß hier ja ebensogut wie irgendwo anders.
Nach Haus gehen mochte er nicht, wieder hinein erst recht nicht; das kam
alles auf eins heraus. Er war nicht imstande, sich klar vorzustellen, was
eigentlich geschehen war; er wollte gar nicht daran denken; an die Zukunft
wollte er auch lieber nicht denken, denn es gab ja nichts, wonach er sich
hätte sehnen können.
"Aber woran denke ich denn bloß?" fragte er sich halblaut, und als er
seine eigene Stimme hörte, dachte er: sprechen kannst Du also noch. Kannst
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Du auch noch lachen? Und er probierte es: ja, er konnte noch lachen, und so
lachte er denn ganz laut, immer lauter, und plötzlich kam es ihm sehr drollig
vor, daß er da saß und so ganz für seinen eigenen Schatten lachte,—und da
mußte er noch mehr lachen. Hans aber, sein Schulkamerad, der neben ihm
gesessen hatte, kam ihm nach. "Um Gotteswillen, worüber lachst Du?"
fragte er und blieb am Eingang stehen. Da hielt Öyvind inne.
Hans stand und wartete ab, was sich nun begeben würde. Öyvind erhob
sich, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: "Jetzt will ich Dir sagen,
Hans, warum ich immer so vergnügt gewesen bin; darum, weil ich niemand
so richtig lieb gehabt habe; von dem Augenblick an, da man einen
Menschen lieb hat, kann man nicht mehr fröhlich sein", und er brach in
Tränen aus.
"Öyvind!" flüsterte es draußen auf dem Hof; "Öyvind!" Er hielt inne und
lauschte. Das mußte die sein, an die er dachte. "Ja", antwortete er ebenfalls
flüsternd, trocknete schnell seine Tränen ab und trat heraus. Da huschte eine
Mädchengestalt über den Hof. "Bist Du da?" fragte sie. "Ja", antwortete er
und stand still.—"Wer ist noch da?"—"Nur Hans."—Hans wollte gehen.
"Nein, nein!" bat Öyvind. Sie kam jetzt langsam dicht an die beiden heran;
es war wirklich Margit. "Du warst ja plötzlich weg!" sagte sie zu Öyvind.
Er wußte nicht, was er darauf antworten solle. Da wurde sie auch verlegen,
und alle drei schwiegen. Hans aber stahl sich allmählich bei Seite. Die
beiden standen einander gegenüber, sahen sich nicht an und rührten sich
auch nicht. Schließlich sagte sie flüsternd: "Ich hab' schon den ganzen
Abend ein bißchen Weihnachtliches für Dich in der Tasche, Öyvind, aber
ich konnte es Dir nicht eher geben." Sie holte ein paar Äpfel heraus, ein
Stück Kuchen und ein Fläschchen, steckte es ihm zu und sagte, das könne
er behalten.
lachte er denn ganz laut, immer lauter, und plötzlich kam es ihm sehr drollig
vor, daß er da saß und so ganz für seinen eigenen Schatten lachte,—und da
mußte er noch mehr lachen. Hans aber, sein Schulkamerad, der neben ihm
gesessen hatte, kam ihm nach. "Um Gotteswillen, worüber lachst Du?"
fragte er und blieb am Eingang stehen. Da hielt Öyvind inne.
Hans stand und wartete ab, was sich nun begeben würde. Öyvind erhob
sich, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: "Jetzt will ich Dir sagen,
Hans, warum ich immer so vergnügt gewesen bin; darum, weil ich niemand
so richtig lieb gehabt habe; von dem Augenblick an, da man einen
Menschen lieb hat, kann man nicht mehr fröhlich sein", und er brach in
Tränen aus.
"Öyvind!" flüsterte es draußen auf dem Hof; "Öyvind!" Er hielt inne und
lauschte. Das mußte die sein, an die er dachte. "Ja", antwortete er ebenfalls
flüsternd, trocknete schnell seine Tränen ab und trat heraus. Da huschte eine
Mädchengestalt über den Hof. "Bist Du da?" fragte sie. "Ja", antwortete er
und stand still.—"Wer ist noch da?"—"Nur Hans."—Hans wollte gehen.
"Nein, nein!" bat Öyvind. Sie kam jetzt langsam dicht an die beiden heran;
es war wirklich Margit. "Du warst ja plötzlich weg!" sagte sie zu Öyvind.
Er wußte nicht, was er darauf antworten solle. Da wurde sie auch verlegen,
und alle drei schwiegen. Hans aber stahl sich allmählich bei Seite. Die
beiden standen einander gegenüber, sahen sich nicht an und rührten sich
auch nicht. Schließlich sagte sie flüsternd: "Ich hab' schon den ganzen
Abend ein bißchen Weihnachtliches für Dich in der Tasche, Öyvind, aber
ich konnte es Dir nicht eher geben." Sie holte ein paar Äpfel heraus, ein
Stück Kuchen und ein Fläschchen, steckte es ihm zu und sagte, das könne
er behalten.
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Öyvind nahm es, sagte "danke" und gab ihr die Hand; ihre war warm,
und er ließ sie schnell los, als habe er sich verbrannt. "Du hast heut abend
viel getanzt."—"Das habe ich," sagte sie, "aber Du gerade nicht", fügte sie
hinzu.—"Nein, ich nicht", antwortete er.—"Warum denn nicht?"—"Ach—"
"Öyvind!"—"Ja?"—"Warum hast Du mich immerzu so
angesehen?"—"Ach—"
"Margit!"—"Ja?"—"Warum wolltest Du nicht angesehen sein?"—"Es
waren doch soviele Menschen da."
"Du hast heut abend viel mit Jon Hatlen getanzt."—"Ach ja."—"Er kann
gut tanzen."—"Findest Du?"—"Findest Du nicht?"—"Ach ja."
"Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann es heut abend nicht sehen,
daß Du mit ihm tanzst." Er wandte sich ab; es hatte ihn Überwindung
gekostet, das zu sagen. "Ich versteh' Dich nicht, Öyvind."—"Ich versteh' es
ja auch nicht; es ist so dumm von mir.—Adieu, Margit, jetzt will ich
gehen." Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach:
"Das ist ganz falsch, was Du gesehen hast, Öyvind." Er blieb stehen. "Daß
Du ein erwachsenes Mädchen bist, ist nicht falsch."—Er sagte nicht das,
was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Mal sah sie
nicht weit von sich eine Pfeife aufglimmen; das war ihr Großvater, der
gerade um die Ecke bog und vorüberkam. Er blieb stehen. "Hier bist Du,
Margit?"—"Ja."—"Mit wem sprichst Du denn da?"—"Mit Öyvind."—"Mit
wem, sagst Du?"—"Mit Öyvind Pladsen!"—"So, mit dem Häuslerjungen
von Pladsen;—gleich kommst Du mit hinein."
Fünftes Kapitel
und er ließ sie schnell los, als habe er sich verbrannt. "Du hast heut abend
viel getanzt."—"Das habe ich," sagte sie, "aber Du gerade nicht", fügte sie
hinzu.—"Nein, ich nicht", antwortete er.—"Warum denn nicht?"—"Ach—"
"Öyvind!"—"Ja?"—"Warum hast Du mich immerzu so
angesehen?"—"Ach—"
"Margit!"—"Ja?"—"Warum wolltest Du nicht angesehen sein?"—"Es
waren doch soviele Menschen da."
"Du hast heut abend viel mit Jon Hatlen getanzt."—"Ach ja."—"Er kann
gut tanzen."—"Findest Du?"—"Findest Du nicht?"—"Ach ja."
"Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann es heut abend nicht sehen,
daß Du mit ihm tanzst." Er wandte sich ab; es hatte ihn Überwindung
gekostet, das zu sagen. "Ich versteh' Dich nicht, Öyvind."—"Ich versteh' es
ja auch nicht; es ist so dumm von mir.—Adieu, Margit, jetzt will ich
gehen." Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach:
"Das ist ganz falsch, was Du gesehen hast, Öyvind." Er blieb stehen. "Daß
Du ein erwachsenes Mädchen bist, ist nicht falsch."—Er sagte nicht das,
was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Mal sah sie
nicht weit von sich eine Pfeife aufglimmen; das war ihr Großvater, der
gerade um die Ecke bog und vorüberkam. Er blieb stehen. "Hier bist Du,
Margit?"—"Ja."—"Mit wem sprichst Du denn da?"—"Mit Öyvind."—"Mit
wem, sagst Du?"—"Mit Öyvind Pladsen!"—"So, mit dem Häuslerjungen
von Pladsen;—gleich kommst Du mit hinein."
Fünftes Kapitel
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Als Öyvind am andern Morgen die Augen aufmachte, hatte er fest und
erquickend geschlafen und wunderschön geträumt Margit hatte oben auf
dem Berg gelegen und ihn mit Blättern beworfen; er hatte sie aufgefangen
und wieder hinauf geworfen. Tausendfarbig und -gestaltig war es hinauf
und hinabgeflattert. Die Sonne schien hell, und der ganze Berg leuchtete
vom Gipfel bis zum Fuß. Als er aufwachte, sah er um sich und suchte das,
was er geträumt; da fiel ihm der gestrige Abend ein, und gleich war der
stechende, wehe Schmerz in der Brust wieder da. "Den werde ich wohl nie
mehr los", dachte er und fühlte sich so schlaff, als sei ihm seine ganze
Zukunft entwichen.
"Du hast aber lange geschlafen", sagte seine Mutter, die am Bett saß und
spann. "Jetzt flink auf und iß! Dein Vater ist schon im Wald und haut
Holz."—Es war, als tue diese Stimme ihm gut. Er stand mit ein bißchen
mehr Mut auf. Die Mutter dachte wohl an ihre eigenen Tanzjahre, denn sie
trällerte ein Lied vor sich hin, wie sie am Rocken saß, während er sich
anzog und aß. Deshalb mußte er vom Tisch aufstehen und ans Fenster
treten; wieder befiel ihn diese Bangigkeit und Unlust; er mußte sich
zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war
umgeschlagen, die Luft war etwas kälter geworden, so daß statt des Regens,
der gestern gedroht hatte, heute ein feuchter Schnee fiel. Er zog sich
Gamaschen an, holte seine Pelzmütze, die Seemannsjacke und die
Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt über die Schulter
fort.
Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken. Öyvind klomm
mühsam die Schlittenbahn hinauf, um zur Linken in den Wald einzubiegen;
nie—weder im Winter, noch im Sommer—war er sonst hier entlang
gegangen, ohne an irgend etwas zu denken, was ihn fröhlich gemacht hatte,
oder was er sich wünschte. Jetzt war es ein toter, beschwerlicher Weg für
ihn; er glitt in dem feuchten Schnee aus, und die Knie waren ihm steif,
erquickend geschlafen und wunderschön geträumt Margit hatte oben auf
dem Berg gelegen und ihn mit Blättern beworfen; er hatte sie aufgefangen
und wieder hinauf geworfen. Tausendfarbig und -gestaltig war es hinauf
und hinabgeflattert. Die Sonne schien hell, und der ganze Berg leuchtete
vom Gipfel bis zum Fuß. Als er aufwachte, sah er um sich und suchte das,
was er geträumt; da fiel ihm der gestrige Abend ein, und gleich war der
stechende, wehe Schmerz in der Brust wieder da. "Den werde ich wohl nie
mehr los", dachte er und fühlte sich so schlaff, als sei ihm seine ganze
Zukunft entwichen.
"Du hast aber lange geschlafen", sagte seine Mutter, die am Bett saß und
spann. "Jetzt flink auf und iß! Dein Vater ist schon im Wald und haut
Holz."—Es war, als tue diese Stimme ihm gut. Er stand mit ein bißchen
mehr Mut auf. Die Mutter dachte wohl an ihre eigenen Tanzjahre, denn sie
trällerte ein Lied vor sich hin, wie sie am Rocken saß, während er sich
anzog und aß. Deshalb mußte er vom Tisch aufstehen und ans Fenster
treten; wieder befiel ihn diese Bangigkeit und Unlust; er mußte sich
zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war
umgeschlagen, die Luft war etwas kälter geworden, so daß statt des Regens,
der gestern gedroht hatte, heute ein feuchter Schnee fiel. Er zog sich
Gamaschen an, holte seine Pelzmütze, die Seemannsjacke und die
Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt über die Schulter
fort.
Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken. Öyvind klomm
mühsam die Schlittenbahn hinauf, um zur Linken in den Wald einzubiegen;
nie—weder im Winter, noch im Sommer—war er sonst hier entlang
gegangen, ohne an irgend etwas zu denken, was ihn fröhlich gemacht hatte,
oder was er sich wünschte. Jetzt war es ein toter, beschwerlicher Weg für
ihn; er glitt in dem feuchten Schnee aus, und die Knie waren ihm steif,
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vielleicht vom Tanzen gestern, vielleicht auch von der Unlust. Jetzt fühlte
er: es war vorbei mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr und damit für
immer. Etwas anderes war's, wonach er sich sehnte, wie er durch den lautlos
fallenden Schnee zwischen den Stämmen dahinschritt. Ein aufgescheuchtes
Schneehuhn kreischte und flatterte ein Stückchen weiter; sonst stand alles
da, als sei es eines Worts gewärtig, das nie gesprochen wurde. Was es war,
wonach er sich sehnte, das wußte er selbst nicht recht; nur nach der Heimat
nicht und auch nicht nach der Fremde, nach Fröhlichkeit nicht und auch
nicht nach Arbeit; es stieg hoch in die Lüfte empor wie ein Lied, allmählich
aber verdichtete es sich zu einem ganz bestimmten Wunsch,—dem Wunsch,
zu Ostern konfirmiert zu werden und dabei Nummer Eins zu sein. Er bekam
Herzklopfen, wie er daran dachte, und ehe er noch die Axtschläge seines
Vaters in den schwachen Bäumchen hören konnte, hatte dieser Wunsch
stärkere Gewalt über ihn als irgend etwas bisher in seinem Leben.
Wie gewöhnlich redete sein Vater nicht viel; sie hieben beide drauf los
und schichteten die Stämmchen auf. Ab und zu kamen sie dabei zusammen,
und bei einer solchen Begegnung sagte Öyvind schwermütig: "Ein Häusler
muß sich doch recht plagen!"—"Wie jeder andere auch!" sagte sein Vater,
spuckte in seine Hand und faßte die Axt. Als der Baum gefällt war und sein
Vater ihn auf den Haufen schleppte, sagte Öyvind: "Wenn Du Bauer wärst,
brauchtest Du nicht so zu schleppen!"—"Na, dann würde mich eben was
anderes drücken!" und dabei packte er mit beiden Händen zu. Die Mutter
brachte ihnen das Mittagessen herauf, und sie setzten sich hin. Sie war sehr
lustig, trällerte ein Lied und schlug die Füße im Takt aneinander. "Was
willst Du denn eigentlich werden, wenn Du groß bist, Öyvind?" fragte sie
plötzlich.—"Für einen Häuslerjungen gibt es nicht viele Möglichkeiten",
sagte er.—"Der Schulmeister meint, Du müßtest aufs Seminar", sagte sie.
"Kann man da umsonst hin?" fragte Öyvind. "Das bezahlt die Schulkasse",
antwortete sein Vater und aß weiter.—"Hast Du denn Lust?" fragte seine
Mutter.—"Ich habe Lust, was zu lernen, aber nicht Schulmeister zu
er: es war vorbei mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr und damit für
immer. Etwas anderes war's, wonach er sich sehnte, wie er durch den lautlos
fallenden Schnee zwischen den Stämmen dahinschritt. Ein aufgescheuchtes
Schneehuhn kreischte und flatterte ein Stückchen weiter; sonst stand alles
da, als sei es eines Worts gewärtig, das nie gesprochen wurde. Was es war,
wonach er sich sehnte, das wußte er selbst nicht recht; nur nach der Heimat
nicht und auch nicht nach der Fremde, nach Fröhlichkeit nicht und auch
nicht nach Arbeit; es stieg hoch in die Lüfte empor wie ein Lied, allmählich
aber verdichtete es sich zu einem ganz bestimmten Wunsch,—dem Wunsch,
zu Ostern konfirmiert zu werden und dabei Nummer Eins zu sein. Er bekam
Herzklopfen, wie er daran dachte, und ehe er noch die Axtschläge seines
Vaters in den schwachen Bäumchen hören konnte, hatte dieser Wunsch
stärkere Gewalt über ihn als irgend etwas bisher in seinem Leben.
Wie gewöhnlich redete sein Vater nicht viel; sie hieben beide drauf los
und schichteten die Stämmchen auf. Ab und zu kamen sie dabei zusammen,
und bei einer solchen Begegnung sagte Öyvind schwermütig: "Ein Häusler
muß sich doch recht plagen!"—"Wie jeder andere auch!" sagte sein Vater,
spuckte in seine Hand und faßte die Axt. Als der Baum gefällt war und sein
Vater ihn auf den Haufen schleppte, sagte Öyvind: "Wenn Du Bauer wärst,
brauchtest Du nicht so zu schleppen!"—"Na, dann würde mich eben was
anderes drücken!" und dabei packte er mit beiden Händen zu. Die Mutter
brachte ihnen das Mittagessen herauf, und sie setzten sich hin. Sie war sehr
lustig, trällerte ein Lied und schlug die Füße im Takt aneinander. "Was
willst Du denn eigentlich werden, wenn Du groß bist, Öyvind?" fragte sie
plötzlich.—"Für einen Häuslerjungen gibt es nicht viele Möglichkeiten",
sagte er.—"Der Schulmeister meint, Du müßtest aufs Seminar", sagte sie.
"Kann man da umsonst hin?" fragte Öyvind. "Das bezahlt die Schulkasse",
antwortete sein Vater und aß weiter.—"Hast Du denn Lust?" fragte seine
Mutter.—"Ich habe Lust, was zu lernen, aber nicht Schulmeister zu
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werden."—Die drei schwiegen eine Zeitlang; die Frau summte vor sich hin
und sah geradeaus. Öyvind aber stand auf und setzte sich etwas abseits.
"Wir haben's doch eigentlich nicht nötig, uns an die Schule zu wenden",
sagte seine Mutter, als er fort war. Der Mann sah sie an: "Arme Leute wie
wir?"—"Ich mag nicht, Tore, daß Du Dich immer für arm ausgibst, wo Du
es nicht bist."—Sie sahen beide verstohlen nach dem Jungen hin, ob er es
auch nicht hören konnte. Dann sagte der Vater barsch zu seiner Frau: "Du
red'st, wie Du's verstehst." Sie lachte; "auf die Weise soll man auch gerade
nicht Gott dafür danken, daß es einem gut gegangen ist", sagte sie und
machte ein ernstes Gesicht. "Man kann ihm auch wohl ohne silberne
Knöpfe danken", sagte der Vater.—"Ja, aber Öyvind zum Tanz gehen lassen
wie gestern, das ist auch kein Dank."—"Öyvind ist ein
Häuslerjunge."—"Deshalb kann er doch ordentlich gekleidet gehen, wenn
wir es dazu haben."—"Nu schrei noch so, daß er's hört!"—"Er hört's schon
nicht, übrigens schadete das ja auch nicht", sagte sie und sah tapfer ihren
Mann an, der mit finsterem Gesicht den Löffel beiseite legte und seine
Pfeife herausholte. "Wo wir solche elende Wirtschaft haben", sagte er. "Ich
finde es lächerlich, daß Du immer von der Wirtschaft redest; warum
sprichst Du nie von der Mühle?"—"Ach, Du und Deine Mühle! Du kannst
wohl nicht vertragen, wenn sie geht?"—"Oh ja, Gott sei Dank! Wenn sie
nur Tag und Nacht gehen wollte."—"Jetzt steht sie schon seit vor
Weihnachten."—"In den Weihnachtstagen mahlen die Leute doch
nicht."—"Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit in Nyström die neue
Mühle steht, geht's mit unsrer recht jämmerlich."
"Der Schulmeister hat heute was andres gesagt."—"Ich muß wohl unser
Geld lieber von einem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, als der
Schulmeister ist."—"Ja, vor allem darf er mit Deiner eigenen Frau nicht
drüber reden."—Tore antwortete hierauf nicht; er hatte gerade seine Pfeife
in Brand gesetzt und lehnte sich gegen einen Reisighaufen; seine Augen
und sah geradeaus. Öyvind aber stand auf und setzte sich etwas abseits.
"Wir haben's doch eigentlich nicht nötig, uns an die Schule zu wenden",
sagte seine Mutter, als er fort war. Der Mann sah sie an: "Arme Leute wie
wir?"—"Ich mag nicht, Tore, daß Du Dich immer für arm ausgibst, wo Du
es nicht bist."—Sie sahen beide verstohlen nach dem Jungen hin, ob er es
auch nicht hören konnte. Dann sagte der Vater barsch zu seiner Frau: "Du
red'st, wie Du's verstehst." Sie lachte; "auf die Weise soll man auch gerade
nicht Gott dafür danken, daß es einem gut gegangen ist", sagte sie und
machte ein ernstes Gesicht. "Man kann ihm auch wohl ohne silberne
Knöpfe danken", sagte der Vater.—"Ja, aber Öyvind zum Tanz gehen lassen
wie gestern, das ist auch kein Dank."—"Öyvind ist ein
Häuslerjunge."—"Deshalb kann er doch ordentlich gekleidet gehen, wenn
wir es dazu haben."—"Nu schrei noch so, daß er's hört!"—"Er hört's schon
nicht, übrigens schadete das ja auch nicht", sagte sie und sah tapfer ihren
Mann an, der mit finsterem Gesicht den Löffel beiseite legte und seine
Pfeife herausholte. "Wo wir solche elende Wirtschaft haben", sagte er. "Ich
finde es lächerlich, daß Du immer von der Wirtschaft redest; warum
sprichst Du nie von der Mühle?"—"Ach, Du und Deine Mühle! Du kannst
wohl nicht vertragen, wenn sie geht?"—"Oh ja, Gott sei Dank! Wenn sie
nur Tag und Nacht gehen wollte."—"Jetzt steht sie schon seit vor
Weihnachten."—"In den Weihnachtstagen mahlen die Leute doch
nicht."—"Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit in Nyström die neue
Mühle steht, geht's mit unsrer recht jämmerlich."
"Der Schulmeister hat heute was andres gesagt."—"Ich muß wohl unser
Geld lieber von einem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, als der
Schulmeister ist."—"Ja, vor allem darf er mit Deiner eigenen Frau nicht
drüber reden."—Tore antwortete hierauf nicht; er hatte gerade seine Pfeife
in Brand gesetzt und lehnte sich gegen einen Reisighaufen; seine Augen
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wichen dem Blick seiner Frau und dann seinem Sohn aus und blieben
schließlich an einem alten Krähennest haften, das halb zerfetzt von einem
Fichtenzweige herunterhing.
Öyvind saß allein und sah seine Zukunft vor sich wie eine weite, blanke
Eisfläche, und er sauste zum erstenmal von einem Ufer zum andern über sie
hin. Daß die Armut bei jedem Schritt hemmte, fühlte er, aber gerade deshalb
war das Ziel aller seiner Gedanken, sie zu überwinden. Von Margit hatte sie
ihn wohl für immer getrennt; sie sah er schon halbwegs als Jon Hatlens
Braut, aber wenigstens wollte er sein Leben lang mit den beiden gleichen
Schritt halten. Beiseite stoßen wie gestern würde er sich nicht mehr lassen,
sondern sich fernhalten, bis er etwas geworden war, und daß er mit Gottes
gütiger Hilfe etwas werden würde, das war sein Wunsch, und er zweifelte
keinen Augenblick, daß ihm das gelingen würde. Er hatte das unbestimmte
Gefühl, durch Lernen werde es ihm am besten glücken; zu welchem Ziel
das führen könne, das mußte er sich überlegen.
Abends war Schlittenbahn, die Kinder kamen alle auf den Hügel, nur
Öyvind nicht. Am Herde saß er und lernte und hatte keine Zeit zum Spielen.
Die Kinder warteten lange auf ihn, schließlich wurde einigen die Zeit zu
lang, sie kamen herauf, drückten das Gesicht an die Scheiben und riefen
ihn. Aber er tat, als höre er nicht. Es kamen mehr Kinder, und Abend für
Abend; sie liefen in heller Verwunderung draußen auf und ab, er aber drehte
ihnen den Rücken zu und las und mühte sich redlich, den Sinn zu erfassen.
Später hörte er, Margit komme auch nicht mehr. Er lernte mit einem Eifer,
den selbst sein Vater übertrieben fand. Er wurde sehr still; sein Gesicht, das
so rund und weich gewesen war, wurde magerer und schärfer, und die
Augen wurden härter; selten nur noch sang er, nie spielte er, es schien, als
reiche die Zeit nicht mehr dazu. Wenn die Versuchung an ihn herantrat,
war's ihm, als flüstere einer: "Später, später!" und immer wieder:
"Später."—Die Kinder sprangen, jauchzten und lachten eine Zeitlang wie
schließlich an einem alten Krähennest haften, das halb zerfetzt von einem
Fichtenzweige herunterhing.
Öyvind saß allein und sah seine Zukunft vor sich wie eine weite, blanke
Eisfläche, und er sauste zum erstenmal von einem Ufer zum andern über sie
hin. Daß die Armut bei jedem Schritt hemmte, fühlte er, aber gerade deshalb
war das Ziel aller seiner Gedanken, sie zu überwinden. Von Margit hatte sie
ihn wohl für immer getrennt; sie sah er schon halbwegs als Jon Hatlens
Braut, aber wenigstens wollte er sein Leben lang mit den beiden gleichen
Schritt halten. Beiseite stoßen wie gestern würde er sich nicht mehr lassen,
sondern sich fernhalten, bis er etwas geworden war, und daß er mit Gottes
gütiger Hilfe etwas werden würde, das war sein Wunsch, und er zweifelte
keinen Augenblick, daß ihm das gelingen würde. Er hatte das unbestimmte
Gefühl, durch Lernen werde es ihm am besten glücken; zu welchem Ziel
das führen könne, das mußte er sich überlegen.
Abends war Schlittenbahn, die Kinder kamen alle auf den Hügel, nur
Öyvind nicht. Am Herde saß er und lernte und hatte keine Zeit zum Spielen.
Die Kinder warteten lange auf ihn, schließlich wurde einigen die Zeit zu
lang, sie kamen herauf, drückten das Gesicht an die Scheiben und riefen
ihn. Aber er tat, als höre er nicht. Es kamen mehr Kinder, und Abend für
Abend; sie liefen in heller Verwunderung draußen auf und ab, er aber drehte
ihnen den Rücken zu und las und mühte sich redlich, den Sinn zu erfassen.
Später hörte er, Margit komme auch nicht mehr. Er lernte mit einem Eifer,
den selbst sein Vater übertrieben fand. Er wurde sehr still; sein Gesicht, das
so rund und weich gewesen war, wurde magerer und schärfer, und die
Augen wurden härter; selten nur noch sang er, nie spielte er, es schien, als
reiche die Zeit nicht mehr dazu. Wenn die Versuchung an ihn herantrat,
war's ihm, als flüstere einer: "Später, später!" und immer wieder:
"Später."—Die Kinder sprangen, jauchzten und lachten eine Zeitlang wie
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sonst, aber weil sie ihn weder durch ihre helle Lust, noch durch die Rufe am
Fenster zu sich herauslocken konnten, blieben sie schließlich fort; sie
fanden andere Plätze zum Spielen, und der Hügel blieb leer.
Der Schulmeister merkte bald, daß das nicht der alte Öyvind war, der
lernte, weil es doch mal so sein mußte, und spielte, weil das nötig war. Er
sprach oft mit ihm und forschte und drang in ihn, aber es wollte ihm nicht
gelingen, das Vertrauen des Knaben so schnell zu gewinnen wie in alten
Tagen. Er sprach auch mit den Eltern über ihn, und in Übereinstimmung mit
ihnen kam er Ende des Winters an einem Sonntag abend zu ihnen und sagte,
als er eine Zeitlang gesessen hatte: "Komm mit, Öyvind, wir wollen ein
Stück gehen, ich habe mit Dir zu reden."—Öyvind machte sich fertig und
kam mit. Sie wanderten in der Richtung der Heidehöfe und sprachen lebhaft
miteinander, wenn auch über nichts Wichtiges. Als sie sich den Gehöften
näherten, bog der Schulmeister nach dem mittleren ab, und als sie
weitergingen, hörten sie drinnen fröhliche Stimmen. "Was ist hier los?"
fragte Öyvind. "Hier wird getanzt", sagte der Schulmeister; "wollen wir
nicht hineingehen?"—"Nein."—"Magst Du denn nicht tanzen,
Junge?"—"Nein, noch nicht."—"Noch nicht? Wann denn?"—Er antwortete
nicht.—"Was meinst Du mit dem noch nicht?"—Als der Bursch nicht
antwortete, sagte der Schulmeister: "Komm, mach' keine
Redensarten."—"Nein, ich gehe nicht mit!"—Er sprach sehr bestimmt und
schien aufgeregt zu sein. "Soll denn Dein eigener Lehrer hier stehen und
Dich bitten, zum Tanz zu gehen!"—Ein langes Schweigen entstand. "Ist da
drin jemand, vor dem Du Angst hast?"—"Ich kann doch nicht wissen, wer
hier ist."—"Aber könnte denn einer da sein?"—Öyvind schwieg. Da trat der
Schulmeister auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Fürchtest
Du, Margit zu treffen?" Öyvind sah zu Boden, sein Atem ging schwer und
stoßweise. "Sag's mir, Öyvind."—Öyvind schwieg. "Du schämst Dich
vielleicht, es einzugestehen, weil Du noch nicht mal konfirmiert bist; aber
mir kannst Du es sagen, Öyvind, es soll Dich nicht gereuen,"—Öyvind
Fenster zu sich herauslocken konnten, blieben sie schließlich fort; sie
fanden andere Plätze zum Spielen, und der Hügel blieb leer.
Der Schulmeister merkte bald, daß das nicht der alte Öyvind war, der
lernte, weil es doch mal so sein mußte, und spielte, weil das nötig war. Er
sprach oft mit ihm und forschte und drang in ihn, aber es wollte ihm nicht
gelingen, das Vertrauen des Knaben so schnell zu gewinnen wie in alten
Tagen. Er sprach auch mit den Eltern über ihn, und in Übereinstimmung mit
ihnen kam er Ende des Winters an einem Sonntag abend zu ihnen und sagte,
als er eine Zeitlang gesessen hatte: "Komm mit, Öyvind, wir wollen ein
Stück gehen, ich habe mit Dir zu reden."—Öyvind machte sich fertig und
kam mit. Sie wanderten in der Richtung der Heidehöfe und sprachen lebhaft
miteinander, wenn auch über nichts Wichtiges. Als sie sich den Gehöften
näherten, bog der Schulmeister nach dem mittleren ab, und als sie
weitergingen, hörten sie drinnen fröhliche Stimmen. "Was ist hier los?"
fragte Öyvind. "Hier wird getanzt", sagte der Schulmeister; "wollen wir
nicht hineingehen?"—"Nein."—"Magst Du denn nicht tanzen,
Junge?"—"Nein, noch nicht."—"Noch nicht? Wann denn?"—Er antwortete
nicht.—"Was meinst Du mit dem noch nicht?"—Als der Bursch nicht
antwortete, sagte der Schulmeister: "Komm, mach' keine
Redensarten."—"Nein, ich gehe nicht mit!"—Er sprach sehr bestimmt und
schien aufgeregt zu sein. "Soll denn Dein eigener Lehrer hier stehen und
Dich bitten, zum Tanz zu gehen!"—Ein langes Schweigen entstand. "Ist da
drin jemand, vor dem Du Angst hast?"—"Ich kann doch nicht wissen, wer
hier ist."—"Aber könnte denn einer da sein?"—Öyvind schwieg. Da trat der
Schulmeister auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Fürchtest
Du, Margit zu treffen?" Öyvind sah zu Boden, sein Atem ging schwer und
stoßweise. "Sag's mir, Öyvind."—Öyvind schwieg. "Du schämst Dich
vielleicht, es einzugestehen, weil Du noch nicht mal konfirmiert bist; aber
mir kannst Du es sagen, Öyvind, es soll Dich nicht gereuen,"—Öyvind
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blickte auf, aber er konnte kein Wort herausbringen und wandte die Augen
zur Seite. "Du bist in letzter Zeit auch gar nicht mehr fröhlich; hat sie
andere lieber als Dich?" Öyvind schwieg beharrlich, der Schulmeister fühlte
sich etwas verletzt und ließ ihn stehen; sie gingen zurück.
Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister, bis
Öyvind ihn eingeholt hatte. "Du sehnst Dich wohl danach, konfirmiert zu
werden?" fragte er.—"Ja."—"Was willst Du denn nachher
anfangen?"—"Ich möchte gern aufs Seminar."—"Und Schulmeister
werden?"—"Nein."—"Das ist Dir wohl nicht fein genug?"—Öyvind
schwieg. Wieder gingen sie eine lange Strecke. "Wenn Du mit dem Seminar
fertig bist, was willst Du dann?"—"Das habe ich mir noch nicht ordentlich
überlegt."—"Wenn Du Geld hättest, würdest Du Dir wohl einen Hof
kaufen, nicht?"—"Ja, aber die Mühle behalten."—"Dann ist's am besten, Du
gehst auf die Ackerbauschule."—"Lernt man da ebensoviel wie auf dem
Seminar?"—"Ach nein, aber man lernt das, was man später
braucht."—"Bekommt man da auch Nummern?"—"Warum fragst Du
danach?"—"Ich möchte gern sehr tüchtig werden."—"Das kannst Du auch
ohne Nummern."—Sie gingen schweigend weiter, bis Pladsen in Sicht kam;
ein heller Lichtschein drang aus dem Hause, der Berg neigte sich an diesem
Winterabend schwarz darüber, drunten lag der Fjord mit der blanken,
schimmernden Eisdecke. Der Wald rahmte die stille Bucht ein, es lag kein
Schnee, der Mond stand am Himmel und spiegelte den Wald im Eise. "Es
ist schön hier in Pladsen", sagte der Schulmeister. Öyvind konnte zu Zeiten
die Gegend noch mit denselben Augen anschauen wie damals, als seine
Mutter ihm Märchen erzählte, und mit dem Gesicht, womit er so oft auf den
Hügel gelaufen war; jetzt hatte er dies Gesicht: alles lag so klar und erhaben
vor ihm. "Ja, hier ist es schön", sagte er, aber er seufzte dabei.—"Dein Vater
hat sein gutes Brot hier gehabt; Du könntest hier auch wohl zufrieden
sein."—Mit einem Schlage hatte die Gegend ihr frohes Gesicht verloren.
Der Schulmeister blieb stehen, als erwarte er eine Antwort; als keine kam,
zur Seite. "Du bist in letzter Zeit auch gar nicht mehr fröhlich; hat sie
andere lieber als Dich?" Öyvind schwieg beharrlich, der Schulmeister fühlte
sich etwas verletzt und ließ ihn stehen; sie gingen zurück.
Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister, bis
Öyvind ihn eingeholt hatte. "Du sehnst Dich wohl danach, konfirmiert zu
werden?" fragte er.—"Ja."—"Was willst Du denn nachher
anfangen?"—"Ich möchte gern aufs Seminar."—"Und Schulmeister
werden?"—"Nein."—"Das ist Dir wohl nicht fein genug?"—Öyvind
schwieg. Wieder gingen sie eine lange Strecke. "Wenn Du mit dem Seminar
fertig bist, was willst Du dann?"—"Das habe ich mir noch nicht ordentlich
überlegt."—"Wenn Du Geld hättest, würdest Du Dir wohl einen Hof
kaufen, nicht?"—"Ja, aber die Mühle behalten."—"Dann ist's am besten, Du
gehst auf die Ackerbauschule."—"Lernt man da ebensoviel wie auf dem
Seminar?"—"Ach nein, aber man lernt das, was man später
braucht."—"Bekommt man da auch Nummern?"—"Warum fragst Du
danach?"—"Ich möchte gern sehr tüchtig werden."—"Das kannst Du auch
ohne Nummern."—Sie gingen schweigend weiter, bis Pladsen in Sicht kam;
ein heller Lichtschein drang aus dem Hause, der Berg neigte sich an diesem
Winterabend schwarz darüber, drunten lag der Fjord mit der blanken,
schimmernden Eisdecke. Der Wald rahmte die stille Bucht ein, es lag kein
Schnee, der Mond stand am Himmel und spiegelte den Wald im Eise. "Es
ist schön hier in Pladsen", sagte der Schulmeister. Öyvind konnte zu Zeiten
die Gegend noch mit denselben Augen anschauen wie damals, als seine
Mutter ihm Märchen erzählte, und mit dem Gesicht, womit er so oft auf den
Hügel gelaufen war; jetzt hatte er dies Gesicht: alles lag so klar und erhaben
vor ihm. "Ja, hier ist es schön", sagte er, aber er seufzte dabei.—"Dein Vater
hat sein gutes Brot hier gehabt; Du könntest hier auch wohl zufrieden
sein."—Mit einem Schlage hatte die Gegend ihr frohes Gesicht verloren.
Der Schulmeister blieb stehen, als erwarte er eine Antwort; als keine kam,
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schüttelte er den Kopf und ging mit hinein. Eine Weile noch blieb er bei
ihnen, aber er schwieg mehr, als er sprach, so daß auch die andern
verstummten. Als er sich verabschiedete, begleiteten ihn Mann und Frau
vor die Tür; sie schienen beide darauf zu warten, daß er etwas sage.
Inzwischen standen sie und sahen in den Abend hinaus. "Hier ist es so
merkwürdig still geworden," sagte die Mutter, "seit die Kinder hier nicht
mehr spielen."—"Ihr habt eben jetzt keine Kinder mehr im Hause", sagte
der Schulmeister; die Mutter verstand, was er damit sagen wollte. "Öyvind
ist in der letzten Zeit gar nicht mehr recht fröhlich."—"Nein, nein, wer
ehrgeizig ist, der ist nie fröhlich"; und er blickte mit der Ruhe des Greises
zu Gottes stillem Himmel auf.
Sechstes Kapitel
Ein halbes Jahr später, im Herbst (die Konfirmation war bis dahin
verschoben worden), saßen die Konfirmanden der Gemeinde bei dem
Pfarrer in der Leutestube und sollten ihre Nummern bekommen; Öyvind
Pladsen und Margit vom Heidehof waren auch dabei. Margit war gerade
vom Herrn Pfarrer heruntergekommen, der ihr ein schönes Buch geschenkt
und sie sehr gelobt hatte. Sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen
und spähte zu den Burschen hinüber. Margit war jetzt erwachsen, hatte ein
gefälliges, sicheres Benehmen, und Burschen und Mädchen wußten, daß
der stattlichste Junggesell im ganzen Gau, Jon Hatlen, um sie freie. Ja, die
konnte sich freuen! Dicht an der Tür standen ein paar Knaben und
Mädchen, die bei der Prüfung durchgefallen waren; sie weinten, während
Margit und ihre Freundinnen lachten; bei ihnen stand auch ein kleiner
Bursch, der hatte seines Vaters Stiefeln an und das Sonntagstaschentuch von
seiner Mutter in der Hand. "O Gott, o Gott," schluchzte er, "ich darf ja nicht
ihnen, aber er schwieg mehr, als er sprach, so daß auch die andern
verstummten. Als er sich verabschiedete, begleiteten ihn Mann und Frau
vor die Tür; sie schienen beide darauf zu warten, daß er etwas sage.
Inzwischen standen sie und sahen in den Abend hinaus. "Hier ist es so
merkwürdig still geworden," sagte die Mutter, "seit die Kinder hier nicht
mehr spielen."—"Ihr habt eben jetzt keine Kinder mehr im Hause", sagte
der Schulmeister; die Mutter verstand, was er damit sagen wollte. "Öyvind
ist in der letzten Zeit gar nicht mehr recht fröhlich."—"Nein, nein, wer
ehrgeizig ist, der ist nie fröhlich"; und er blickte mit der Ruhe des Greises
zu Gottes stillem Himmel auf.
Sechstes Kapitel
Ein halbes Jahr später, im Herbst (die Konfirmation war bis dahin
verschoben worden), saßen die Konfirmanden der Gemeinde bei dem
Pfarrer in der Leutestube und sollten ihre Nummern bekommen; Öyvind
Pladsen und Margit vom Heidehof waren auch dabei. Margit war gerade
vom Herrn Pfarrer heruntergekommen, der ihr ein schönes Buch geschenkt
und sie sehr gelobt hatte. Sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen
und spähte zu den Burschen hinüber. Margit war jetzt erwachsen, hatte ein
gefälliges, sicheres Benehmen, und Burschen und Mädchen wußten, daß
der stattlichste Junggesell im ganzen Gau, Jon Hatlen, um sie freie. Ja, die
konnte sich freuen! Dicht an der Tür standen ein paar Knaben und
Mädchen, die bei der Prüfung durchgefallen waren; sie weinten, während
Margit und ihre Freundinnen lachten; bei ihnen stand auch ein kleiner
Bursch, der hatte seines Vaters Stiefeln an und das Sonntagstaschentuch von
seiner Mutter in der Hand. "O Gott, o Gott," schluchzte er, "ich darf ja nicht
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nach Hause kommen." Da ergriff alle, die noch nicht oben gewesen waren,
die Macht des Zusammengehörigkeitsgefühls; eine allgemeine Stille
entstand. Die Angst saß ihnen im Hals und in den Augen, sie konnten nicht
ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie fortwährend das Bedürfnis
hatten. Einer saß da und überlegte sich, was er alles konnte, und obwohl er
vor ein paar Stunden noch gedacht hatte, er wisse alles, wurde ihm nun
ohne Zweifel klar, daß er gar nichts konnte, nicht einmal lesen. Ein anderer
stellte sein Sündenregister zusammen von dem Tag, seit er denken konnte
bis zu dem Augenblick, wo er hier saß, und er fand es gar nicht
merkwürdig, wenn der liebe Gott ihn noch nicht haben wollte. Ein dritter
saß und legte sich alle möglichen äußerlichen Zeichen zurecht; wenn die
Uhr, die gleich schlagen mußte, erst anfing, wenn er bis zwanzig gezählt
habe, dann würde er durchkommen. Wenn der, der draußen über die Diele
ging, Lars, der Hofknecht sei, dann komme er durch; wenn der große
Regentropfen, der sich an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur
Holzleiste gelange, dann würde er durchkommen. Die letzte und
entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken
schlagen könne, und das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Ein Vierter
war fest überzeugt: wenn er in der Biblischen Geschichte nach Joseph
gefragt würde, im Katechismus nach der Heiligen Taufe, oder nach Saul
oder nach der Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den zehn Geboten, oder
—er war noch mitten im Aufzählen, als er aufgerufen wurde. Ein Fünfter
hatte eine seltsame Vorliebe für die Bergpredigt gefaßt; ihm hatte von der
Bergpredigt geträumt, und er glaubte steif und fest, er würde nach der
Bergpredigt gefragt werden, und er sagte fortwährend die Bergpredigt auf;
er ging sogar vor die Haustür, um sie schnell noch einmal durchzulesen,—
da wurde er hineingerufen und wurde in den großen und kleinen Propheten
geprüft. Ein Sechster dachte, der Herr Pfarrer sei ein so seelensguter Mann
und kenne seinen Vater so gut, und er dachte auch an den Schulmeister mit
dem freundlichen Gesicht, und an Gott, der so gut war und schon so vielen
die Macht des Zusammengehörigkeitsgefühls; eine allgemeine Stille
entstand. Die Angst saß ihnen im Hals und in den Augen, sie konnten nicht
ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie fortwährend das Bedürfnis
hatten. Einer saß da und überlegte sich, was er alles konnte, und obwohl er
vor ein paar Stunden noch gedacht hatte, er wisse alles, wurde ihm nun
ohne Zweifel klar, daß er gar nichts konnte, nicht einmal lesen. Ein anderer
stellte sein Sündenregister zusammen von dem Tag, seit er denken konnte
bis zu dem Augenblick, wo er hier saß, und er fand es gar nicht
merkwürdig, wenn der liebe Gott ihn noch nicht haben wollte. Ein dritter
saß und legte sich alle möglichen äußerlichen Zeichen zurecht; wenn die
Uhr, die gleich schlagen mußte, erst anfing, wenn er bis zwanzig gezählt
habe, dann würde er durchkommen. Wenn der, der draußen über die Diele
ging, Lars, der Hofknecht sei, dann komme er durch; wenn der große
Regentropfen, der sich an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur
Holzleiste gelange, dann würde er durchkommen. Die letzte und
entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken
schlagen könne, und das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Ein Vierter
war fest überzeugt: wenn er in der Biblischen Geschichte nach Joseph
gefragt würde, im Katechismus nach der Heiligen Taufe, oder nach Saul
oder nach der Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den zehn Geboten, oder
—er war noch mitten im Aufzählen, als er aufgerufen wurde. Ein Fünfter
hatte eine seltsame Vorliebe für die Bergpredigt gefaßt; ihm hatte von der
Bergpredigt geträumt, und er glaubte steif und fest, er würde nach der
Bergpredigt gefragt werden, und er sagte fortwährend die Bergpredigt auf;
er ging sogar vor die Haustür, um sie schnell noch einmal durchzulesen,—
da wurde er hineingerufen und wurde in den großen und kleinen Propheten
geprüft. Ein Sechster dachte, der Herr Pfarrer sei ein so seelensguter Mann
und kenne seinen Vater so gut, und er dachte auch an den Schulmeister mit
dem freundlichen Gesicht, und an Gott, der so gut war und schon so vielen
Page 478
geholfen hatte, Jacob und Joseph zum Beispiel, und dann fiel ihm ein, daß
Mutter und Geschwister zu Haus saßen und für ihn beteten, und das würde
wohl helfen. Der Siebente saß da und schloß mit allem ab, was er hier in
dieser Welt hatte werden wollen. Zuerst hatte er geglaubt, er werde es bis
zum König bringen, dann bis zum General oder zum Pfarrer; das war lange
vorbei; aber noch als er hergekommen war, hatte er bei sich gedacht, er
wollte zur See gehen und Kapitän werden oder auch Seeräuber und
ungeheure Reichtümer erwerben; jetzt verzichtete er auf Reichtum, auf
Seeraub, auf Kapitän, auf Steuermann,—er wollte sich mit dem Matrosen
begnügen, und vielleicht wurde er dann gar Bootsmann, aber es war auch
möglich, daß er überhaupt nicht zur See ging, sondern bei seinem Vater auf
dem Hof blieb. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht
ganz; auch der fleißigste war nicht ganz sicher. Er dachte an seinen
Konfirmationsanzug, und wozu der wohl gebraucht würde, wenn er nicht
durchkomme. Kam er aber durch, dann ginge er in die Stadt und trüge nur
noch Tuchanzüge, und wenn er wiederkomme, dann würde er in der
Weihnachtszeit tanzen, daß die Burschen sich ärgerten und die Mädels
staunten. Der Neunte rechnete anders: er hatte für unsern Herrgott ein
kleines Kontobuch angelegt; auf der einen Seite stand als Debet "Wenn er
mich durchkommen läßt," und auf der andern als Kredit "so will ich auch
nie wieder lügen, nie wieder petzen, jeden Sonntag in die Kirche gehen, die
Mädchen in Ruh lassen und mir das Fluchen abgewöhnen." Der Zehnte aber
dachte, wenn Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, so wäre es
mehr als ungerecht, wenn er dies Jahr nicht durchkomme, denn er war in
der Schule viel besser gewesen und war auch besserer Leute Kind. Neben
ihm saß der Elfte, der sich mit den fürchterlichsten Racheplänen trug, falls
er nicht durchkommen sollte: er wollte die Schule in Brand stecken oder
ausreißen und wiederkommen zu furchtbarem Gericht über Pfarrer und
Schulkommission; aber großmütig würde er schließlich Gnade für Recht
ergehen lassen. Zunächst wollte er im benachbarten Kirchspiel zu dem
Mutter und Geschwister zu Haus saßen und für ihn beteten, und das würde
wohl helfen. Der Siebente saß da und schloß mit allem ab, was er hier in
dieser Welt hatte werden wollen. Zuerst hatte er geglaubt, er werde es bis
zum König bringen, dann bis zum General oder zum Pfarrer; das war lange
vorbei; aber noch als er hergekommen war, hatte er bei sich gedacht, er
wollte zur See gehen und Kapitän werden oder auch Seeräuber und
ungeheure Reichtümer erwerben; jetzt verzichtete er auf Reichtum, auf
Seeraub, auf Kapitän, auf Steuermann,—er wollte sich mit dem Matrosen
begnügen, und vielleicht wurde er dann gar Bootsmann, aber es war auch
möglich, daß er überhaupt nicht zur See ging, sondern bei seinem Vater auf
dem Hof blieb. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht
ganz; auch der fleißigste war nicht ganz sicher. Er dachte an seinen
Konfirmationsanzug, und wozu der wohl gebraucht würde, wenn er nicht
durchkomme. Kam er aber durch, dann ginge er in die Stadt und trüge nur
noch Tuchanzüge, und wenn er wiederkomme, dann würde er in der
Weihnachtszeit tanzen, daß die Burschen sich ärgerten und die Mädels
staunten. Der Neunte rechnete anders: er hatte für unsern Herrgott ein
kleines Kontobuch angelegt; auf der einen Seite stand als Debet "Wenn er
mich durchkommen läßt," und auf der andern als Kredit "so will ich auch
nie wieder lügen, nie wieder petzen, jeden Sonntag in die Kirche gehen, die
Mädchen in Ruh lassen und mir das Fluchen abgewöhnen." Der Zehnte aber
dachte, wenn Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, so wäre es
mehr als ungerecht, wenn er dies Jahr nicht durchkomme, denn er war in
der Schule viel besser gewesen und war auch besserer Leute Kind. Neben
ihm saß der Elfte, der sich mit den fürchterlichsten Racheplänen trug, falls
er nicht durchkommen sollte: er wollte die Schule in Brand stecken oder
ausreißen und wiederkommen zu furchtbarem Gericht über Pfarrer und
Schulkommission; aber großmütig würde er schließlich Gnade für Recht
ergehen lassen. Zunächst wollte er im benachbarten Kirchspiel zu dem
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Pfarrer in Dienst ziehen, und im nächsten Jahr da zu oberst stehen und
Antworten geben, daß die ganze Kirche staunen sollte. Der Zwölfte aber
saß ganz allein unter der Klingel, hatte die Hände in die Taschen gesteckt
und sah wehmütig über die andern hin. Keiner von denen da wußte, was für
eine Last auf ihm lag, was für eine Verantwortung er hatte. Zu Hause war
eine, die wußte es; das war seine Braut. Eine große, langbeinige Spinne
kroch über den Fußboden und kam an seinen Fuß heran; sonst pflegte er das
ekelhafte Gewürm tot zu treten, heute aber hob er sorglich den Fuß hoch,
damit sie ungestört ihres Wegs gehen konnte. Er sprach so mild wie ein
Kollektensammler; in seinen Augen stand der unerschütterliche Glaube, daß
alle Menschen gut sind; seine Hand führte er mit einer demütigen
Bewegung aus der Tasche zum Haar, um es glatter zu streichen. Wenn er
bloß glimpflich durch dies gefährliche Nadelöhr hindurchkomme, dann
wollte er schon wieder anders werden und Tabak kauen, und seine
Verlobung öffentlich machen. Auf einem niederen Schemel aber saß mit
eingezogenen Beinen unruhig der Dreizehnte. Seine kleinen blanken Augen
wanderten dreimal in der Sekunde durch die ganze Stube, und unter dem
dichten, struppigen Haar wälzten sich die Gedanken der andern Zwölf in
bunter Unordnung, von den stolzesten Hoffnungen zum
niederschmetterndsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen zu den
vernichtendsten Racheplänen gegen das ganze Dorf, und währenddessen
hatte er von seinem rechten Daumen schon alles überflüssige Fleisch
abgeknabbert, machte sich jetzt an die Nägel und spuckte sie in großen
Stücken auf den Fußboden.
Öyvind saß am Fenster; er war schon oben gewesen und hatte alles
gewußt, was er gefragt worden war; und doch hatte der Herr Pfarrer kein
Wort gesagt, und der Schulmeister auch nicht; über ein halbes Jahr hatte er
sich ausgemalt, was die beiden sagen würden, wenn sie merkten, wie er
gearbeitet hatte, und er war jetzt sehr enttäuscht und gekränkt. Da saß
Margit und hatte für viel weniger Mühe und weniger Wissen Lob und eine
Antworten geben, daß die ganze Kirche staunen sollte. Der Zwölfte aber
saß ganz allein unter der Klingel, hatte die Hände in die Taschen gesteckt
und sah wehmütig über die andern hin. Keiner von denen da wußte, was für
eine Last auf ihm lag, was für eine Verantwortung er hatte. Zu Hause war
eine, die wußte es; das war seine Braut. Eine große, langbeinige Spinne
kroch über den Fußboden und kam an seinen Fuß heran; sonst pflegte er das
ekelhafte Gewürm tot zu treten, heute aber hob er sorglich den Fuß hoch,
damit sie ungestört ihres Wegs gehen konnte. Er sprach so mild wie ein
Kollektensammler; in seinen Augen stand der unerschütterliche Glaube, daß
alle Menschen gut sind; seine Hand führte er mit einer demütigen
Bewegung aus der Tasche zum Haar, um es glatter zu streichen. Wenn er
bloß glimpflich durch dies gefährliche Nadelöhr hindurchkomme, dann
wollte er schon wieder anders werden und Tabak kauen, und seine
Verlobung öffentlich machen. Auf einem niederen Schemel aber saß mit
eingezogenen Beinen unruhig der Dreizehnte. Seine kleinen blanken Augen
wanderten dreimal in der Sekunde durch die ganze Stube, und unter dem
dichten, struppigen Haar wälzten sich die Gedanken der andern Zwölf in
bunter Unordnung, von den stolzesten Hoffnungen zum
niederschmetterndsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen zu den
vernichtendsten Racheplänen gegen das ganze Dorf, und währenddessen
hatte er von seinem rechten Daumen schon alles überflüssige Fleisch
abgeknabbert, machte sich jetzt an die Nägel und spuckte sie in großen
Stücken auf den Fußboden.
Öyvind saß am Fenster; er war schon oben gewesen und hatte alles
gewußt, was er gefragt worden war; und doch hatte der Herr Pfarrer kein
Wort gesagt, und der Schulmeister auch nicht; über ein halbes Jahr hatte er
sich ausgemalt, was die beiden sagen würden, wenn sie merkten, wie er
gearbeitet hatte, und er war jetzt sehr enttäuscht und gekränkt. Da saß
Margit und hatte für viel weniger Mühe und weniger Wissen Lob und eine
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Belohnung bekommen; gerade, um vor ihr groß dazustehen, hatte er
gearbeitet, und jetzt hatte sie lachend erreicht, was er unter so viel
Entsagung sich hatte erarbeiten wollen. Ihr Lachen und Scherzen schnitt
ihm in die Seele; die Freiheit, mit der sie sich gab, tat ihm weh. Er hatte seit
jenem Abend peinlich vermieden, mit ihr zu sprechen; es müssen erst Jahre
darüber hingehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie so fröhlich und
überlegen dasaß, drückte ihn zu Boden, und all seine stolzen Vorsätze
hingen wie welkes Laub im Winde.
Er versuchte jedoch nach und nach dieser Niedergeschlagenheit Herr zu
werden; es kam darauf an, ob er heute Nummer eins würde, und das wollte
er abwarten. Der Schulmeister pflegte immer noch eine Weile beim Herrn
Pfarrer zu bleiben, um die Rangordnung festzustellen, und dann
herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen. Es war ja
noch nicht die endgültige Entscheidung, aber doch der Beschluß, zu dem
der Herr Pfarrer und er einstweilen gelangt waren. Die Unterhaltung in der
Stube wurde lebhafter, je mehr geprüft und durchgekommen waren; jetzt
aber sonderten sich die Ehrgeizigen von den Fröhlichen; diese gingen,
sobald sie Gesellschaft fanden, fort, um den Eltern ihr Glück zu verkünden,
oder sie warteten auf andere, die noch nicht fertig waren. Jene dagegen
wurden immer stiller, und die Augen blickten gespannt nach der Tür.
Endlich war die Prüfung zu Ende, der letzte war heruntergekommen, und
jetzt sprach der Schulmeister also mit dem Herrn Pfarrer, Öyvind sah
Margit an; sie war so vergnügt, und doch blieb sie hier—ob in ihrem
eigenen oder in anderer Interesse, wußte er nicht. Wie schön Margit
geworden war! Blendend weiß die Haut, wie er es noch nie gesehen hatte;
die Nase strebte ein bißchen nach oben, der Mund lächelte. Die Augen
waren halbgeschlossen, wenn sie nicht gerade jemanden ansah; hob sie aber
den Blick, so hatte er eine überraschende Macht,—und als wolle sie selbst
betonen, daß sie sich gar nichts dabei denke, lächelte sie zugleich ein
gearbeitet, und jetzt hatte sie lachend erreicht, was er unter so viel
Entsagung sich hatte erarbeiten wollen. Ihr Lachen und Scherzen schnitt
ihm in die Seele; die Freiheit, mit der sie sich gab, tat ihm weh. Er hatte seit
jenem Abend peinlich vermieden, mit ihr zu sprechen; es müssen erst Jahre
darüber hingehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie so fröhlich und
überlegen dasaß, drückte ihn zu Boden, und all seine stolzen Vorsätze
hingen wie welkes Laub im Winde.
Er versuchte jedoch nach und nach dieser Niedergeschlagenheit Herr zu
werden; es kam darauf an, ob er heute Nummer eins würde, und das wollte
er abwarten. Der Schulmeister pflegte immer noch eine Weile beim Herrn
Pfarrer zu bleiben, um die Rangordnung festzustellen, und dann
herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen. Es war ja
noch nicht die endgültige Entscheidung, aber doch der Beschluß, zu dem
der Herr Pfarrer und er einstweilen gelangt waren. Die Unterhaltung in der
Stube wurde lebhafter, je mehr geprüft und durchgekommen waren; jetzt
aber sonderten sich die Ehrgeizigen von den Fröhlichen; diese gingen,
sobald sie Gesellschaft fanden, fort, um den Eltern ihr Glück zu verkünden,
oder sie warteten auf andere, die noch nicht fertig waren. Jene dagegen
wurden immer stiller, und die Augen blickten gespannt nach der Tür.
Endlich war die Prüfung zu Ende, der letzte war heruntergekommen, und
jetzt sprach der Schulmeister also mit dem Herrn Pfarrer, Öyvind sah
Margit an; sie war so vergnügt, und doch blieb sie hier—ob in ihrem
eigenen oder in anderer Interesse, wußte er nicht. Wie schön Margit
geworden war! Blendend weiß die Haut, wie er es noch nie gesehen hatte;
die Nase strebte ein bißchen nach oben, der Mund lächelte. Die Augen
waren halbgeschlossen, wenn sie nicht gerade jemanden ansah; hob sie aber
den Blick, so hatte er eine überraschende Macht,—und als wolle sie selbst
betonen, daß sie sich gar nichts dabei denke, lächelte sie zugleich ein
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bißchen. Ihr Haar war eher dunkel als hell, aber es war kraus und lag in
tiefen Scheiteln um das Gesicht, so daß es ihr, zusammen mit den
halbgeschlossenen Augen, etwas Geheimnisvolles gab, das man nie
enträtseln konnte. Man wußte nie ganz genau, wen sie eigentlich ansah,
wenn sie allein oder im Kreise der andern saß, auch nicht, was sie eigentlich
dachte, wenn sie sich irgendeinem zuwandte und mit ihm sprach, denn sie
nahm gewissermaßen sofort alles wieder zurück, was sie gab. "Und hinter
all dem steckt wohl eigentlich Jon Hatlen", dachte Öyvind,—trotzdem sah
er fortwährend zu ihr hinüber. Da kam der Schulmeister. Alle stürmten von
ihren Plätzen und umringten ihn. "Welche Nummer habe ich?"—"Und
ich?"—"Und ich? Ich?"—"Schscht! Ihr Bande, keinen Spektakel!—Ruhig,
Ihr sollt's erfahren, Kinder!" Er sah sich bedächtig um. "Du bist Nummer
2", sagte er zu einem Jungen mit blauen Augen, der ihn bittend ansah, und
der Junge tanzte aus dem Kreise heraus. "Du bist Nummer 3",—er schlug
einem rothaarigen flinken Knirps, der ihn am Rockschoß zupfte, auf die
Finger. "Du bist Nummer 5, Du Nummer 8", und so weiter. Da fiel sein
Blick auf Margit: "Du bist Nummer 1 von den Mädchen"; sie wurde
glühend rot übers ganze Gesicht und versuchte zu lächeln. "Du Nummer 12,
bist 'n Faulpelz gewesen und ein rechter Herumtreiber; Du Nummer 11, war
nicht anders zu erwarten, mein Junge; Du Nummer 13, mußt tüchtig lesen
und recht oft zum Überhören kommen, sonst geht's Dir schlecht!"—Öyvind
konnte es nicht länger aushalten; Nummer 1 war freilich noch nicht
genannt, aber er hatte die ganze Zeit über so gestanden, daß der
Schulmeister ihn hatte sehen können. "Herr Lehrer!"—er hörte nicht. "Herr
Lehrer!" Dreimal mußte er rufen, bis er hörte. Da endlich sah der
Schulmeister ihn an; "Nummer 9 oder 10, ich weiß nicht genau", sagte er
und wandte sich zu einem andern. "Wer ist denn Nummer 1?" fragte Hans,
Öyvinds bester Freund. "Du nicht, Du Krauskopf!" sagte der Schulmeister
und schlug ihm mit einer Papierrolle auf die Hand. "Wer denn?" fragten ein
paar andere. "Ja, wer? wer ist das?"—"Das wird der erfahren, der die
tiefen Scheiteln um das Gesicht, so daß es ihr, zusammen mit den
halbgeschlossenen Augen, etwas Geheimnisvolles gab, das man nie
enträtseln konnte. Man wußte nie ganz genau, wen sie eigentlich ansah,
wenn sie allein oder im Kreise der andern saß, auch nicht, was sie eigentlich
dachte, wenn sie sich irgendeinem zuwandte und mit ihm sprach, denn sie
nahm gewissermaßen sofort alles wieder zurück, was sie gab. "Und hinter
all dem steckt wohl eigentlich Jon Hatlen", dachte Öyvind,—trotzdem sah
er fortwährend zu ihr hinüber. Da kam der Schulmeister. Alle stürmten von
ihren Plätzen und umringten ihn. "Welche Nummer habe ich?"—"Und
ich?"—"Und ich? Ich?"—"Schscht! Ihr Bande, keinen Spektakel!—Ruhig,
Ihr sollt's erfahren, Kinder!" Er sah sich bedächtig um. "Du bist Nummer
2", sagte er zu einem Jungen mit blauen Augen, der ihn bittend ansah, und
der Junge tanzte aus dem Kreise heraus. "Du bist Nummer 3",—er schlug
einem rothaarigen flinken Knirps, der ihn am Rockschoß zupfte, auf die
Finger. "Du bist Nummer 5, Du Nummer 8", und so weiter. Da fiel sein
Blick auf Margit: "Du bist Nummer 1 von den Mädchen"; sie wurde
glühend rot übers ganze Gesicht und versuchte zu lächeln. "Du Nummer 12,
bist 'n Faulpelz gewesen und ein rechter Herumtreiber; Du Nummer 11, war
nicht anders zu erwarten, mein Junge; Du Nummer 13, mußt tüchtig lesen
und recht oft zum Überhören kommen, sonst geht's Dir schlecht!"—Öyvind
konnte es nicht länger aushalten; Nummer 1 war freilich noch nicht
genannt, aber er hatte die ganze Zeit über so gestanden, daß der
Schulmeister ihn hatte sehen können. "Herr Lehrer!"—er hörte nicht. "Herr
Lehrer!" Dreimal mußte er rufen, bis er hörte. Da endlich sah der
Schulmeister ihn an; "Nummer 9 oder 10, ich weiß nicht genau", sagte er
und wandte sich zu einem andern. "Wer ist denn Nummer 1?" fragte Hans,
Öyvinds bester Freund. "Du nicht, Du Krauskopf!" sagte der Schulmeister
und schlug ihm mit einer Papierrolle auf die Hand. "Wer denn?" fragten ein
paar andere. "Ja, wer? wer ist das?"—"Das wird der erfahren, der die
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Nummer hat", antwortete der Schulmeister streng, weil er keine weiteren
Fragen haben wollte.—"Geht jetzt hübsch nach Hause, Kinder, dankt dem
lieben Gott und macht Euren Eltern Freude. Bedankt Euch auch bei Eurem
alten Lehrer; Ihr wäret gewiß so dumm wie Bohnenstroh geblieben, wenn
er nicht gewesen wäre."—Sie bedankten sich bei ihm und lachten und
zogen jubelnd von dannen, denn in diesem Augenblick, wo es nach Haus zu
den Eltern ging, waren alle vergnügt. Bloß einer konnte seine Bücher nicht
gleich finden, und als er sie zusammengesucht hatte, da setzte er sich hin,
als wolle er wieder von vorn zu lernen anfangen.
Der Schulmeister trat zu ihm hin: "Nun, Öyvind, willst Du nicht mit den
andern gehen?"—Keine Antwort. "Weshalb schlägst Du Deine Bücher
auf?"—"Ich will nachsehen, was ich heute falsch geantwortet habe."—"Du
hast nicht die kleinste falsche Antwort gegeben."—Da blickte Öyvind auf,
die Tränen stiegen ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, eine Träne
nach der andern rann hinunter, aber er sagte kein Wort. Der Schulmeister
setzte sich ihm gegenüber. "Freust Du Dich denn nicht, daß Du
durchgekommen bist?"—Es bebte um seinen Mund, aber er antwortete
nicht. "Deine Eltern werden sich sehr freuen", sagte der Schulmeister und
sah ihn an.—Öyvind kämpfte lange, um ein Wort herauszubringen,
schließlich fragte er leise und abgebrochen: "Wohl deshalb…, weil ich …
ein Häuslerjunge bin … bekomm' ich den neunten oder zehnten
Platz?"—"Natürlich deshalb", antwortete der Schulmeister.—"Dann hat es
ja gar keinen Zweck zu arbeiten", sagte er klanglos und brach über all
seinen Träumen zusammen. Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob
die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich über den
Tisch und brach in heftiges Weinen aus.
Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, so recht sich ausweinen. Es
dauerte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher
wurde. Da faßte er seinen Kopf mit beiden Händen, richtete ihn in die Höhe
Fragen haben wollte.—"Geht jetzt hübsch nach Hause, Kinder, dankt dem
lieben Gott und macht Euren Eltern Freude. Bedankt Euch auch bei Eurem
alten Lehrer; Ihr wäret gewiß so dumm wie Bohnenstroh geblieben, wenn
er nicht gewesen wäre."—Sie bedankten sich bei ihm und lachten und
zogen jubelnd von dannen, denn in diesem Augenblick, wo es nach Haus zu
den Eltern ging, waren alle vergnügt. Bloß einer konnte seine Bücher nicht
gleich finden, und als er sie zusammengesucht hatte, da setzte er sich hin,
als wolle er wieder von vorn zu lernen anfangen.
Der Schulmeister trat zu ihm hin: "Nun, Öyvind, willst Du nicht mit den
andern gehen?"—Keine Antwort. "Weshalb schlägst Du Deine Bücher
auf?"—"Ich will nachsehen, was ich heute falsch geantwortet habe."—"Du
hast nicht die kleinste falsche Antwort gegeben."—Da blickte Öyvind auf,
die Tränen stiegen ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, eine Träne
nach der andern rann hinunter, aber er sagte kein Wort. Der Schulmeister
setzte sich ihm gegenüber. "Freust Du Dich denn nicht, daß Du
durchgekommen bist?"—Es bebte um seinen Mund, aber er antwortete
nicht. "Deine Eltern werden sich sehr freuen", sagte der Schulmeister und
sah ihn an.—Öyvind kämpfte lange, um ein Wort herauszubringen,
schließlich fragte er leise und abgebrochen: "Wohl deshalb…, weil ich …
ein Häuslerjunge bin … bekomm' ich den neunten oder zehnten
Platz?"—"Natürlich deshalb", antwortete der Schulmeister.—"Dann hat es
ja gar keinen Zweck zu arbeiten", sagte er klanglos und brach über all
seinen Träumen zusammen. Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob
die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich über den
Tisch und brach in heftiges Weinen aus.
Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, so recht sich ausweinen. Es
dauerte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher
wurde. Da faßte er seinen Kopf mit beiden Händen, richtete ihn in die Höhe
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und sah in das verweinte Gesicht. "Glaubst Du, daß jetzt eben Gott bei Dir
gewesen ist?" fragte er freundlich und hielt ihn fest, Öyvind schluchzte
noch, aber leiser, und die Tränen flossen schon sachter, aber er konnte den
Frager noch nicht ansehen und auch nicht antworten.—"Öyvind, dies ist
Dein wohlverdienter Lohn gewesen. Du hast nicht gelernt aus Liebe zum
Christentum und zu Deinen Eltern, Du hast aus Eitelkeit gelernt."—Es blieb
still in der Stube, wenn der Schulmeister eine Pause machte; Öyvind fühlte
seinen Blick auf sich ruhen, und unter diesem Blick taute in ihm etwas auf,
und er wurde ganz demütig.—"Mit solchem Hochmut in Deinem Herzen
konntest Du doch den Bund mit Deinem Gott nicht schließen, nicht wahr,
Öyvind?"—"Nein", stammelte der, so gut er konnte.—"Und wenn Du
dagestanden hättest mit der eitlen Freude, daß Du Nummer Eins bist, wäre
das nicht eine Sünde gewesen?"—"Ja", flüsterte er, und seine Mundwinkel
zitterten.—"Hast Du mich noch lieb, Öyvind?"—"Ja"; zum erstenmal
blickte er auf.—"So will ich Dir sagen: ich war es, der den niedrigeren Platz
Dir ausgewirkt hat, denn Du bist mir lieb, Öyvind."—Der andere sah ihn
an, blinzelte ein paarmal mit den Augen, und die Tränen rannen wieder
heftiger.—"Du bist mir deshalb doch nicht böse?"—"Nein"; er sah groß und
klar zu ihm auf, wenn seine Stimme auch gequält klang.—"Mein liebes
Kind! ich will um Dich sein, solang ich lebe."
Er wartete, bis Öyvind sich beruhigt hatte und seine Bücher
zusammenpackte, dann sagte er, er wolle mit ihm nach Hause gehen. Sie
gingen langsam ihres Weges. Anfangs war Öyvind noch sehr still und
kämpfte mit sich, nach und nach aber überwand er sich. Er war fest davon
überzeugt, so wie es gekommen war, war es das beste für ihn, und ehe er
noch zu Hause war, hatte dieser Gedanke sich so in ihm befestigt, daß er
seinem Gott dankte und das auch dem Schulmeister sagte. "Ja, jetzt können
wir dann ja überlegen, wie wir etwas erreichen im Leben," sagte der
Schulmeister, "und nicht blind drauflos rennen. Was meinst Du zum
Seminar?"—"Ja, dahin möchte ich sehr gern."—"Du meinst auf die
gewesen ist?" fragte er freundlich und hielt ihn fest, Öyvind schluchzte
noch, aber leiser, und die Tränen flossen schon sachter, aber er konnte den
Frager noch nicht ansehen und auch nicht antworten.—"Öyvind, dies ist
Dein wohlverdienter Lohn gewesen. Du hast nicht gelernt aus Liebe zum
Christentum und zu Deinen Eltern, Du hast aus Eitelkeit gelernt."—Es blieb
still in der Stube, wenn der Schulmeister eine Pause machte; Öyvind fühlte
seinen Blick auf sich ruhen, und unter diesem Blick taute in ihm etwas auf,
und er wurde ganz demütig.—"Mit solchem Hochmut in Deinem Herzen
konntest Du doch den Bund mit Deinem Gott nicht schließen, nicht wahr,
Öyvind?"—"Nein", stammelte der, so gut er konnte.—"Und wenn Du
dagestanden hättest mit der eitlen Freude, daß Du Nummer Eins bist, wäre
das nicht eine Sünde gewesen?"—"Ja", flüsterte er, und seine Mundwinkel
zitterten.—"Hast Du mich noch lieb, Öyvind?"—"Ja"; zum erstenmal
blickte er auf.—"So will ich Dir sagen: ich war es, der den niedrigeren Platz
Dir ausgewirkt hat, denn Du bist mir lieb, Öyvind."—Der andere sah ihn
an, blinzelte ein paarmal mit den Augen, und die Tränen rannen wieder
heftiger.—"Du bist mir deshalb doch nicht böse?"—"Nein"; er sah groß und
klar zu ihm auf, wenn seine Stimme auch gequält klang.—"Mein liebes
Kind! ich will um Dich sein, solang ich lebe."
Er wartete, bis Öyvind sich beruhigt hatte und seine Bücher
zusammenpackte, dann sagte er, er wolle mit ihm nach Hause gehen. Sie
gingen langsam ihres Weges. Anfangs war Öyvind noch sehr still und
kämpfte mit sich, nach und nach aber überwand er sich. Er war fest davon
überzeugt, so wie es gekommen war, war es das beste für ihn, und ehe er
noch zu Hause war, hatte dieser Gedanke sich so in ihm befestigt, daß er
seinem Gott dankte und das auch dem Schulmeister sagte. "Ja, jetzt können
wir dann ja überlegen, wie wir etwas erreichen im Leben," sagte der
Schulmeister, "und nicht blind drauflos rennen. Was meinst Du zum
Seminar?"—"Ja, dahin möchte ich sehr gern."—"Du meinst auf die
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Ackerbauschule?"—"Ja."—"Das ist auch wohl das beste; da gibt es andre
Aussichten als eine Schulmeisterstelle."—"Aber wie komme ich dahin? Ich
habe große Lust, aber ich weiß mir keinen Rat."—"Sei nur fleißig und brav,
dann wird schon Rat werden."
Öyvind war ganz überwältigt von Dankbarkeit. Vor seinen Augen
leuchtete es, der Atem ging so leicht, und er fühlte das Feuer unendlicher
Liebe in sich, wie es uns geschieht, wenn wir von andern unerwartet Güte
erfahren. Es ist uns, als könnten wir immer fortan in frischer Bergluft
wandern; wir fliegen mehr, als wir gehen.
Als sie nach Hause kamen, waren beide Eltern in der Stube und hatten
dort in stiller Erwartung gesessen, wiewohl es Arbeitszeit und viel zu tun
war. Der Schulmeister trat zuerst ein, Öyvind kam hinterher und beide
lächelten. "Nun?" fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort, in dem er
gerade das "Gebet eines Konfirmanden" gelesen hatte. Die Mutter stand am
Herd und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber die Hände zitterten ihr; sie
erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. "Ich
bin bloß hergekommen, um Euch die freudige Nachricht zu bringen, daß er
alles gewußt hat, was er gefragt worden ist, und daß der Herr Pfarrer, als
Öyvind fort war, gesagt hat, er habe nie einen besseren Konfirmanden
gehabt."—"Ach, nein!" sagte die Mutter und war sehr gerührt.—"Das ist ja
nett", sagte der Vater und räusperte sich unsicher.
Nach langem Schweigen fragte die Mutter leise: "Was für eine Nummer
bekommt er?"—"9 oder 10", sagte der Schulmeister ruhig.—Die Mutter
blickte den Vater an, der Vater erst sie, dann Öyvind; "mehr kann ein
Häuslerjunge nicht erwarten", sagte er. Öyvind sah ihn auch an; es war, als
steige ihm wieder etwas im Halse hoch, aber er zwang sich, an allerlei
Liebes zu denken, immerfort, bis er's wieder herunter hatte.
Aussichten als eine Schulmeisterstelle."—"Aber wie komme ich dahin? Ich
habe große Lust, aber ich weiß mir keinen Rat."—"Sei nur fleißig und brav,
dann wird schon Rat werden."
Öyvind war ganz überwältigt von Dankbarkeit. Vor seinen Augen
leuchtete es, der Atem ging so leicht, und er fühlte das Feuer unendlicher
Liebe in sich, wie es uns geschieht, wenn wir von andern unerwartet Güte
erfahren. Es ist uns, als könnten wir immer fortan in frischer Bergluft
wandern; wir fliegen mehr, als wir gehen.
Als sie nach Hause kamen, waren beide Eltern in der Stube und hatten
dort in stiller Erwartung gesessen, wiewohl es Arbeitszeit und viel zu tun
war. Der Schulmeister trat zuerst ein, Öyvind kam hinterher und beide
lächelten. "Nun?" fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort, in dem er
gerade das "Gebet eines Konfirmanden" gelesen hatte. Die Mutter stand am
Herd und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber die Hände zitterten ihr; sie
erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. "Ich
bin bloß hergekommen, um Euch die freudige Nachricht zu bringen, daß er
alles gewußt hat, was er gefragt worden ist, und daß der Herr Pfarrer, als
Öyvind fort war, gesagt hat, er habe nie einen besseren Konfirmanden
gehabt."—"Ach, nein!" sagte die Mutter und war sehr gerührt.—"Das ist ja
nett", sagte der Vater und räusperte sich unsicher.
Nach langem Schweigen fragte die Mutter leise: "Was für eine Nummer
bekommt er?"—"9 oder 10", sagte der Schulmeister ruhig.—Die Mutter
blickte den Vater an, der Vater erst sie, dann Öyvind; "mehr kann ein
Häuslerjunge nicht erwarten", sagte er. Öyvind sah ihn auch an; es war, als
steige ihm wieder etwas im Halse hoch, aber er zwang sich, an allerlei
Liebes zu denken, immerfort, bis er's wieder herunter hatte.
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"Jetzt muß ich wohl gehen", sagte der Schulmeister, nickte ihnen zu und
wandte sich zur Tür. Die Eltern begleiteten ihn wie gewöhnlich hinaus;
draußen nahm der Schulmeister einen Priem und sagte schmunzelnd: "Er
wird natürlich der erste, aber es ist besser, er erfährt es erst, wenn der Tag
da ist."—"Ja, ja", sagte der Vater und nickte. "Ja, ja", sagte die Mutter und
nickte auch; dann griff sie nach der Hand des Schulmeisters; "schönen
Dank auch für alles, was Du an ihm tust", sagte sie. "Ja, schönen Dank",
sagte der Vater, und der Schulmeister ging; die beiden aber standen noch
lange und sahen ihm nach.
Siebentes Kapitel
Der Schulmeister hatte das rechte getroffen, als er den Pfarrer gebeten
hatte, erst zu prüfen, ob Öyvind es auch vertragen könne, der erste zu sein.
In den drei Wochen, die noch bis zur Konfirmation hingingen, war er jeden
Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck
nachgeben, ein andres ist es, ob sie ihn auch treulich festhält. Manch dunkle
Stunde kam über den Knaben, bis er lernte, sein Ziel auf bessere Dinge als
auf Ehre und Trotz zu stecken. Mitten in der besten Arbeit verlor er
plötzlich die Lust daran: Wozu? Was gewinne ich?—und dann nach einer
Weile fiel ihm der Schulmeister ein, seine Worte und seine Güte; aber dies
Mittel mußte er haben, wenn er wieder einmal von der rechten Auffassung
seiner höheren Pflicht heruntergesunken war.
In den Tagen, da man in Pladsen zur Konfirmation rüstete, wurde auch
seine Reise auf die Ackerbauschule vorbereitet; denn schon am Tage darauf
sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter
buk in der Küche, der Vater arbeitete an einer Truhe. Viel wurde davon
wandte sich zur Tür. Die Eltern begleiteten ihn wie gewöhnlich hinaus;
draußen nahm der Schulmeister einen Priem und sagte schmunzelnd: "Er
wird natürlich der erste, aber es ist besser, er erfährt es erst, wenn der Tag
da ist."—"Ja, ja", sagte der Vater und nickte. "Ja, ja", sagte die Mutter und
nickte auch; dann griff sie nach der Hand des Schulmeisters; "schönen
Dank auch für alles, was Du an ihm tust", sagte sie. "Ja, schönen Dank",
sagte der Vater, und der Schulmeister ging; die beiden aber standen noch
lange und sahen ihm nach.
Siebentes Kapitel
Der Schulmeister hatte das rechte getroffen, als er den Pfarrer gebeten
hatte, erst zu prüfen, ob Öyvind es auch vertragen könne, der erste zu sein.
In den drei Wochen, die noch bis zur Konfirmation hingingen, war er jeden
Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck
nachgeben, ein andres ist es, ob sie ihn auch treulich festhält. Manch dunkle
Stunde kam über den Knaben, bis er lernte, sein Ziel auf bessere Dinge als
auf Ehre und Trotz zu stecken. Mitten in der besten Arbeit verlor er
plötzlich die Lust daran: Wozu? Was gewinne ich?—und dann nach einer
Weile fiel ihm der Schulmeister ein, seine Worte und seine Güte; aber dies
Mittel mußte er haben, wenn er wieder einmal von der rechten Auffassung
seiner höheren Pflicht heruntergesunken war.
In den Tagen, da man in Pladsen zur Konfirmation rüstete, wurde auch
seine Reise auf die Ackerbauschule vorbereitet; denn schon am Tage darauf
sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter
buk in der Küche, der Vater arbeitete an einer Truhe. Viel wurde davon
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gesprochen, was er sie in den zwei Jahren kosten würde, auch davon, daß er
das erste Jahr Weihnachten nicht nach Hause kommen könne, vielleicht
auch im nächsten nicht, und wie schwer es sein würde, sich so lange
trennen zu müssen. Sie redeten auch davon, wie lieb er seine Eltern haben
müßte, die für ihr Kind so große Opfer brächten. Öyvind saß da wie einer,
der draußen sein Glück auf eigene Faust versucht hat, dabei kenterte und
nun von freundlichen Menschen aufgenommen ist.
So ein Gefühl macht demütig und mit der Demut kommt auch noch
manches andere. Als der große Tag anbrach, war Öyvind gut ausgerüstet
und konnte der Zukunft mit zuversichtlicher Ergebenheit entgegensehen. So
oft Margits Bild dazwischentreten wollte, drängte er es vorsichtig zurück,
aber es tat ihm weh, das zu tun. Er suchte sich darin zu üben, aber in diesem
Punkt wurde er nicht stärker, im Gegenteil, das Wehgefühl wuchs. Er war
so verzagt am letzten Abend, daß er nach einer langen Selbstprüfung betete,
Gott der Herr möge ihn in diesem einen Stück nicht auf die Probe stellen.
Gegen Abend kam der Schulmeister. Sie setzten sich in die Stube,
nachdem sich alle gewaschen und zurecht gemacht hatten, wie immer, wenn
man am Tage darauf zum Abendmahl oder zum Hochamt geht. Die Mutter
war sehr bewegt und der Vater wortkarg; nach dem Feiertage morgen kam
der Abschied, und keiner wußte, wann man wieder so beisammen sitzen
würde. Der Schulmeister nahm die Gesangbücher, sie hielten eine Andacht
und sangen, und dann sprach er ein kurzes Gebet, so wie es ihm aus dem
Herzen kam.
Die vier Menschen saßen bis spät am Abend bei einander, und jeder hing
seinen Gedanken nach. Dann trennten sie sich mit den besten Wünschen für
den kommenden Tag, und für das, was er knüpfen sollte. Öyvind gestand
sich ein, als er zu Bett ging, daß er nie so glücklich schlafen gegangen sei;
er verband damit einen besonderen Sinn; er meinte: nie bin ich so ergeben
das erste Jahr Weihnachten nicht nach Hause kommen könne, vielleicht
auch im nächsten nicht, und wie schwer es sein würde, sich so lange
trennen zu müssen. Sie redeten auch davon, wie lieb er seine Eltern haben
müßte, die für ihr Kind so große Opfer brächten. Öyvind saß da wie einer,
der draußen sein Glück auf eigene Faust versucht hat, dabei kenterte und
nun von freundlichen Menschen aufgenommen ist.
So ein Gefühl macht demütig und mit der Demut kommt auch noch
manches andere. Als der große Tag anbrach, war Öyvind gut ausgerüstet
und konnte der Zukunft mit zuversichtlicher Ergebenheit entgegensehen. So
oft Margits Bild dazwischentreten wollte, drängte er es vorsichtig zurück,
aber es tat ihm weh, das zu tun. Er suchte sich darin zu üben, aber in diesem
Punkt wurde er nicht stärker, im Gegenteil, das Wehgefühl wuchs. Er war
so verzagt am letzten Abend, daß er nach einer langen Selbstprüfung betete,
Gott der Herr möge ihn in diesem einen Stück nicht auf die Probe stellen.
Gegen Abend kam der Schulmeister. Sie setzten sich in die Stube,
nachdem sich alle gewaschen und zurecht gemacht hatten, wie immer, wenn
man am Tage darauf zum Abendmahl oder zum Hochamt geht. Die Mutter
war sehr bewegt und der Vater wortkarg; nach dem Feiertage morgen kam
der Abschied, und keiner wußte, wann man wieder so beisammen sitzen
würde. Der Schulmeister nahm die Gesangbücher, sie hielten eine Andacht
und sangen, und dann sprach er ein kurzes Gebet, so wie es ihm aus dem
Herzen kam.
Die vier Menschen saßen bis spät am Abend bei einander, und jeder hing
seinen Gedanken nach. Dann trennten sie sich mit den besten Wünschen für
den kommenden Tag, und für das, was er knüpfen sollte. Öyvind gestand
sich ein, als er zu Bett ging, daß er nie so glücklich schlafen gegangen sei;
er verband damit einen besonderen Sinn; er meinte: nie bin ich so ergeben
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in Gottes Willen und so freudig in Gott schlafen gegangen.—Margits
Gesicht wollte vor ihm auftauchen, und im Halbschlaf noch übte er eine Art
Selbstversuchung: nicht ganz glücklich, nicht ganz,—und er antwortete:
doch ganz—; und noch einmal: nicht ganz,—doch, ganz;—nein, nicht ganz
—.
Als er aufwachte, kam ihm die Bedeutung des Tages gleich zu
Bewußtsein; er betete und fühlte sich so kräftig, wie man wohl des Morgens
tut. Er hatte seit dem Sommer allein in einem Bodenkämmerchen
geschlafen; jetzt stand er auf und zog behutsam die neuen, schönen Kleider
an; solche hatte er bis jetzt noch nicht gehabt. Besonders die
rundgeschnittene Tuchjacke mußte er immerzu befühlen, bis er sich an sie
gewöhnte. Er holte einen kleinen Spiegel heraus, als er sich den Kragen
umgebunden und auch den Tuchrock—zum viertenmal—angezogen hatte.
Als ihm jetzt sein eigenes vergnügtes Gesicht mit dem merkwürdig hellen
Haar aus dem Spiegel entgegenlachte, fiel ihm ein, auch das sei wieder
Eitelkeit. Ja, aber gut angezogen und rein müssen die Leute doch aussehen,
warf er ein, während er das Gesicht vom Spiegel fortwandte, als sei es
Sünde, hineinzusehen.—Freilich, aber man darf nicht ganz so
selbstzufrieden deswegen sein.—Nein, natürlich nicht, aber dem lieben Gott
muß es doch auch gefallen, wenn man sich darüber freut, daß man hübsch
aussieht.—Kann schon sein, aber ihm wäre es vielleicht doch lieber, Du
freutest Dich darüber, ohne so großes Gewicht darauf zu legen.—Das ist
wahr, aber das kommt auch bloß daher, daß alles so neu ist.—Ja, dann mußt
Du es aber auch nach und nach ablegen.—Er ertappte sich dabei, daß er
sich bald über diesen, bald über jenen Gegenstand in solchen Gesprächen
der Selbstprüfung erging: es sollte keine Sünde auf diesen Tag fallen und
ihn beflecken; aber er wußte auch, daß da noch vieles fehle.
Als er hinunterkam, waren die Eltern schon fertig angezogen und
warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging auf sie zu, gab ihnen die Hand
Gesicht wollte vor ihm auftauchen, und im Halbschlaf noch übte er eine Art
Selbstversuchung: nicht ganz glücklich, nicht ganz,—und er antwortete:
doch ganz—; und noch einmal: nicht ganz,—doch, ganz;—nein, nicht ganz
—.
Als er aufwachte, kam ihm die Bedeutung des Tages gleich zu
Bewußtsein; er betete und fühlte sich so kräftig, wie man wohl des Morgens
tut. Er hatte seit dem Sommer allein in einem Bodenkämmerchen
geschlafen; jetzt stand er auf und zog behutsam die neuen, schönen Kleider
an; solche hatte er bis jetzt noch nicht gehabt. Besonders die
rundgeschnittene Tuchjacke mußte er immerzu befühlen, bis er sich an sie
gewöhnte. Er holte einen kleinen Spiegel heraus, als er sich den Kragen
umgebunden und auch den Tuchrock—zum viertenmal—angezogen hatte.
Als ihm jetzt sein eigenes vergnügtes Gesicht mit dem merkwürdig hellen
Haar aus dem Spiegel entgegenlachte, fiel ihm ein, auch das sei wieder
Eitelkeit. Ja, aber gut angezogen und rein müssen die Leute doch aussehen,
warf er ein, während er das Gesicht vom Spiegel fortwandte, als sei es
Sünde, hineinzusehen.—Freilich, aber man darf nicht ganz so
selbstzufrieden deswegen sein.—Nein, natürlich nicht, aber dem lieben Gott
muß es doch auch gefallen, wenn man sich darüber freut, daß man hübsch
aussieht.—Kann schon sein, aber ihm wäre es vielleicht doch lieber, Du
freutest Dich darüber, ohne so großes Gewicht darauf zu legen.—Das ist
wahr, aber das kommt auch bloß daher, daß alles so neu ist.—Ja, dann mußt
Du es aber auch nach und nach ablegen.—Er ertappte sich dabei, daß er
sich bald über diesen, bald über jenen Gegenstand in solchen Gesprächen
der Selbstprüfung erging: es sollte keine Sünde auf diesen Tag fallen und
ihn beflecken; aber er wußte auch, daß da noch vieles fehle.
Als er hinunterkam, waren die Eltern schon fertig angezogen und
warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging auf sie zu, gab ihnen die Hand
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und bedankte sich für die Kleider; "trag' sie in Gesundheit", wurde ihm
erwidert. Sie setzten sich an den Tisch, beteten still und aßen. Die Mutter
deckte den Tisch ab und brachte den Korb mit Eßwaren für den Kirchgang
herein. Der Vater zog sich den Rock an, die Mutter steckte sich ihr Tuch
fest, sie nahmen die Gesangbücher, riegelten das Haus zu und stiegen
bergan. Als sie auf den oberen Weg kamen, trafen sie schon Kirchgänger, zu
Fuß und zu Wagen, auch Konfirmanden, und ab und zu auch die
weißhaarigen Großeltern, die dies eine Mal doch gern mitwollten.
Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie wenn das Wetter
umschlagen will. Gewölk zog sich zusammen und zerteilte sich wieder.
Bisweilen lösten sich aus einer großen Ansammlung von Wolken wohl
zwanzig kleinere und jagten mit dem Befehl zum Unwetter dahin; aber
unten auf der Erde war es noch still; die Blätter hingen entseelt an den
Bäumen und regten sich nicht; die Luft war etwas schwül; die Leute hatten
Mäntel mit, aber sie brauchten sie gar nicht. Ungewöhnlich viel Menschen
sammelten sich vor der freistehenden Kirche an; die Konfirmationskinder
aber gingen gleich in die Kirche hinein, weil sie aufgestellt werden sollten,
bis der Gottesdienst begann. Da kam der Schulmeister an im blauen Anzug,
mit Frack und Kniehosen, Stulpstiefeln und steifer Halsbinde, und seine
Pfeife guckte hinten aus der Rocktasche; er nickte und lachte, schlug
diesem auf die Schulter und ermahnte jenen, recht laut und deutlich zu
antworten, und kam mittlerweile bis an die Armenbüchse, wo Öyvind mit
seinem Freunde Hans stand, dem er über die Reise Auskunft gab. "Guten
Morgen, Öyvind, ist das ein schöner Tag!"—er faßte ihn am Rockkragen,
als wolle er mit ihm reden,—"hör' mal, ich glaub' das beste von Dir. Eben
habe ich mit dem Herrn Pfarrer gesprochen; Du darfst Deinen Platz
behalten; stell Dich obenan und antworte recht deutlich!"
Öyvind sah ihn maßlos erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der
Junge tat ein paar Schritte, stand still, ging wieder ein paar Schritte, stand
erwidert. Sie setzten sich an den Tisch, beteten still und aßen. Die Mutter
deckte den Tisch ab und brachte den Korb mit Eßwaren für den Kirchgang
herein. Der Vater zog sich den Rock an, die Mutter steckte sich ihr Tuch
fest, sie nahmen die Gesangbücher, riegelten das Haus zu und stiegen
bergan. Als sie auf den oberen Weg kamen, trafen sie schon Kirchgänger, zu
Fuß und zu Wagen, auch Konfirmanden, und ab und zu auch die
weißhaarigen Großeltern, die dies eine Mal doch gern mitwollten.
Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie wenn das Wetter
umschlagen will. Gewölk zog sich zusammen und zerteilte sich wieder.
Bisweilen lösten sich aus einer großen Ansammlung von Wolken wohl
zwanzig kleinere und jagten mit dem Befehl zum Unwetter dahin; aber
unten auf der Erde war es noch still; die Blätter hingen entseelt an den
Bäumen und regten sich nicht; die Luft war etwas schwül; die Leute hatten
Mäntel mit, aber sie brauchten sie gar nicht. Ungewöhnlich viel Menschen
sammelten sich vor der freistehenden Kirche an; die Konfirmationskinder
aber gingen gleich in die Kirche hinein, weil sie aufgestellt werden sollten,
bis der Gottesdienst begann. Da kam der Schulmeister an im blauen Anzug,
mit Frack und Kniehosen, Stulpstiefeln und steifer Halsbinde, und seine
Pfeife guckte hinten aus der Rocktasche; er nickte und lachte, schlug
diesem auf die Schulter und ermahnte jenen, recht laut und deutlich zu
antworten, und kam mittlerweile bis an die Armenbüchse, wo Öyvind mit
seinem Freunde Hans stand, dem er über die Reise Auskunft gab. "Guten
Morgen, Öyvind, ist das ein schöner Tag!"—er faßte ihn am Rockkragen,
als wolle er mit ihm reden,—"hör' mal, ich glaub' das beste von Dir. Eben
habe ich mit dem Herrn Pfarrer gesprochen; Du darfst Deinen Platz
behalten; stell Dich obenan und antworte recht deutlich!"
Öyvind sah ihn maßlos erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der
Junge tat ein paar Schritte, stand still, ging wieder ein paar Schritte, stand
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wieder still; ja, das hängt sicher so zusammen, daß er bei dem Herrn Pfarrer
ein gutes Wort für mich eingelegt hat, und schnell ging er an seinen Platz.
"Du bist also doch Nummer Eins", flüsterte ihm einer zu. "Ja", sagte
Öyvind leise, aber er wußte noch immer nicht recht, ob er es glauben durfte.
Die Aufstellung war fertig, der Pfarrer kam, die Glocken fingen zu läuten
an, und die Menschen strömten in die Kirche. Da sah Öyvind Margit vom
Heidehof dicht vor sich stehen, sie sah ihn auch an, aber beide waren so
gebannt von der Heiligkeit der Stätte, daß sie sich nicht zu grüßen wagten.
Er sah nur, daß sie wunderschön war und mit bloßem Haar ging, mehr sah
er nicht. Öyvind, der länger als ein halbes Jahr so große Pläne darauf gebaut
hatte, ihr gleichberechtigt gegenüberzustehen, Öyvind vergaß, als es
wirklich so weit gediehen war, seinen Platz und sie, und daß er je an so
etwas gedacht hatte.
Als alles zu Ende war, kamen die Verwandten und Bekannten um ihre
Glückwünsche anzubringen, dann kamen auch seine Kameraden und
wollten ihm Adieu sagen, denn sie hatten gehört, daß er am andern Tage
reisen würde; es kamen auch viele von den Kleineren, mit denen er
Schlitten gefahren war, und denen er so oft in der Schule geholfen hatte,
und da ging der Abschied nicht ohne Tränen ab. Zuletzt kam der
Schulmeister, drückte ihm und den Eltern stumm die Hand und bedeutete
ihnen, sie wollten gehen; er wollte sie begleiten. Die Vier waren wieder
beisammen, und dies sollte nun der letzte Nachmittag sein. Unterwegs
trafen sie noch viele, die ihm Adieu sagten und ihm Glück wünschten, sonst
aber sprachen sie nicht zusammen, bis sie daheim in der Stube saßen.
Der Schulmeister versuchte sie bei gutem Mut zu erhalten; denn jetzt, da
es soweit war, bangten alle drei vor der zweijährigen Trennung, weil sie bis
jetzt keinen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keiner wollte es
ein gutes Wort für mich eingelegt hat, und schnell ging er an seinen Platz.
"Du bist also doch Nummer Eins", flüsterte ihm einer zu. "Ja", sagte
Öyvind leise, aber er wußte noch immer nicht recht, ob er es glauben durfte.
Die Aufstellung war fertig, der Pfarrer kam, die Glocken fingen zu läuten
an, und die Menschen strömten in die Kirche. Da sah Öyvind Margit vom
Heidehof dicht vor sich stehen, sie sah ihn auch an, aber beide waren so
gebannt von der Heiligkeit der Stätte, daß sie sich nicht zu grüßen wagten.
Er sah nur, daß sie wunderschön war und mit bloßem Haar ging, mehr sah
er nicht. Öyvind, der länger als ein halbes Jahr so große Pläne darauf gebaut
hatte, ihr gleichberechtigt gegenüberzustehen, Öyvind vergaß, als es
wirklich so weit gediehen war, seinen Platz und sie, und daß er je an so
etwas gedacht hatte.
Als alles zu Ende war, kamen die Verwandten und Bekannten um ihre
Glückwünsche anzubringen, dann kamen auch seine Kameraden und
wollten ihm Adieu sagen, denn sie hatten gehört, daß er am andern Tage
reisen würde; es kamen auch viele von den Kleineren, mit denen er
Schlitten gefahren war, und denen er so oft in der Schule geholfen hatte,
und da ging der Abschied nicht ohne Tränen ab. Zuletzt kam der
Schulmeister, drückte ihm und den Eltern stumm die Hand und bedeutete
ihnen, sie wollten gehen; er wollte sie begleiten. Die Vier waren wieder
beisammen, und dies sollte nun der letzte Nachmittag sein. Unterwegs
trafen sie noch viele, die ihm Adieu sagten und ihm Glück wünschten, sonst
aber sprachen sie nicht zusammen, bis sie daheim in der Stube saßen.
Der Schulmeister versuchte sie bei gutem Mut zu erhalten; denn jetzt, da
es soweit war, bangten alle drei vor der zweijährigen Trennung, weil sie bis
jetzt keinen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keiner wollte es
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wahrhaben. Je weiter der Tag vorrückte, desto gedrückter wurde Öyvind; er
mußte ins Freie gehen, um sich ein bißchen zu beruhigen.
Es war schon halbdunkel, und in der Luft brauste es seltsam; er blieb auf
den Steinfliesen stehen und blickte empor. Da hörte er vom Bergrande her
seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wurde
zweimal gerufen. Er sah hinauf und gewahrte, daß eine weibliche Gestalt
zwischen den Bäumen kauerte und herabschaute. "Wer ist da oben?" fragte
er.—"Ich habe gehört, Du willst fort," sagte sie leise, "da mußte ich doch zu
Dir kommen und Dir Adieu sagen, wenn Du nicht zu mir
kommst."—"Margit, liebe Margit, bist Du es wirklich? Wart', ich komme
gleich hinauf."—"Nicht doch. Ich habe schon so lange gewartet, und da
müßte ich ja noch länger warten; keiner weiß, wo ich bin, und ich muß
schnell wieder nach Hause."—"Es ist nett von Dir, daß Du gekommen bist",
sagte er.—"Ich konnte es nicht ertragen, daß Du so abreistest, Öyvind, wo
wir uns von klein auf gekannt haben."—"Das stimmt."—"Und jetzt haben
wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander gewechselt."—"Nein, das
stimmt."—"Wir sind das letzte Mal so komisch
auseinandergekommen."—"Ja;—aber ich glaube, ich komme doch lieber
hinauf zu Dir."—"Ach nein, bitte nicht! Aber sag' mal: Du bist mir doch
nicht böse?"—"Liebe Margit, wie kannst Du so was denken?"—"Na, dann
Adieu, Öyvind, und Dank für alles Schöne, was wir zusammen erlebt
haben!"—"Nein, Margit!"—"Ja, jetzt muß ich fort; sie werden mich wohl
schon vermissen."—"Margit, Margit!"—"Nein, ich kann nicht länger
fortbleiben, Öyvind. Lebwohl!"—"Lebwohl!"
Nachher ging er wie im Traum umher und antwortete wie geistig
abwesend, wenn er gefragt wurde; sie erklärten sich das mit der Abreise,
und diese nahm auch sein ganzes Interesse in Anspruch in dem Augenblick,
als sich der Schulmeister abends von ihm verabschiedete und ihm etwas in
die Hand drückte, was sich nachher als ein Fünftalerschein herausstellte.
mußte ins Freie gehen, um sich ein bißchen zu beruhigen.
Es war schon halbdunkel, und in der Luft brauste es seltsam; er blieb auf
den Steinfliesen stehen und blickte empor. Da hörte er vom Bergrande her
seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wurde
zweimal gerufen. Er sah hinauf und gewahrte, daß eine weibliche Gestalt
zwischen den Bäumen kauerte und herabschaute. "Wer ist da oben?" fragte
er.—"Ich habe gehört, Du willst fort," sagte sie leise, "da mußte ich doch zu
Dir kommen und Dir Adieu sagen, wenn Du nicht zu mir
kommst."—"Margit, liebe Margit, bist Du es wirklich? Wart', ich komme
gleich hinauf."—"Nicht doch. Ich habe schon so lange gewartet, und da
müßte ich ja noch länger warten; keiner weiß, wo ich bin, und ich muß
schnell wieder nach Hause."—"Es ist nett von Dir, daß Du gekommen bist",
sagte er.—"Ich konnte es nicht ertragen, daß Du so abreistest, Öyvind, wo
wir uns von klein auf gekannt haben."—"Das stimmt."—"Und jetzt haben
wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander gewechselt."—"Nein, das
stimmt."—"Wir sind das letzte Mal so komisch
auseinandergekommen."—"Ja;—aber ich glaube, ich komme doch lieber
hinauf zu Dir."—"Ach nein, bitte nicht! Aber sag' mal: Du bist mir doch
nicht böse?"—"Liebe Margit, wie kannst Du so was denken?"—"Na, dann
Adieu, Öyvind, und Dank für alles Schöne, was wir zusammen erlebt
haben!"—"Nein, Margit!"—"Ja, jetzt muß ich fort; sie werden mich wohl
schon vermissen."—"Margit, Margit!"—"Nein, ich kann nicht länger
fortbleiben, Öyvind. Lebwohl!"—"Lebwohl!"
Nachher ging er wie im Traum umher und antwortete wie geistig
abwesend, wenn er gefragt wurde; sie erklärten sich das mit der Abreise,
und diese nahm auch sein ganzes Interesse in Anspruch in dem Augenblick,
als sich der Schulmeister abends von ihm verabschiedete und ihm etwas in
die Hand drückte, was sich nachher als ein Fünftalerschein herausstellte.
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Aber später, als er im Bett lag, dachte er nicht an die Abreise, sondern an
die Worte, die an der Bergwand getauscht waren. Als Kind hatte sie nicht
zur Bergwand hingedurft, weil der Großvater Angst hatte, Margit könne
hinunterfallen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch mal herunterkäme.
Achtes Kapitel
Liebe Eltern!
Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich die
andern auch schon mehr eingeholt, so daß es mir nicht mehr so schwer
wird. Und jetzt werde ich sehr viel in Vaters Wirtschaft verändern, wenn ich
wieder nach Hause komme; denn da ist manches verkehrt angefangen, und
es ist merkwürdig genug, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Aber ich
will schon Zug hineinbringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich möchte
wohl irgendwohin, wo ich alles verwerten kann, was ich jetzt weiß; deshalb
muß ich mir eine große Stellung suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen
alle, Jon Hatlen ist gar nicht so tüchtig, wie man bei uns zu Haus denkt;
aber er hat ja einen eigenen Hof, so daß es keinen außer ihn selbst was
angeht. Viele, die von hier abgehen, bekommen sehr hohen Lohn; aber sie
werden so gut bezahlt, weil wir die beste Ackerbauschule im ganzen Lande
sind. Manche sagen, im Nachbaramt ist noch eine bessere, aber das ist wohl
nicht wahr. Hier hört man immerzu zwei Worte: das eine heißt Theorie und
das andere Praxis, und es ist gut, wenn man alle beide hat, und das eine ist
ohne das andere nichts wert, aber das zweite ist doch das beste. Und das
erste Wort bedeutet, daß man von einer Arbeit die Ursache und den Grund
kennt, aber das andere Wort bedeutet, daß man die Arbeit auch ausführen
kann, wie zum Beispiel jetzt mit dem Sumpf. Denn es gibt viele, die wissen,
die Worte, die an der Bergwand getauscht waren. Als Kind hatte sie nicht
zur Bergwand hingedurft, weil der Großvater Angst hatte, Margit könne
hinunterfallen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch mal herunterkäme.
Achtes Kapitel
Liebe Eltern!
Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich die
andern auch schon mehr eingeholt, so daß es mir nicht mehr so schwer
wird. Und jetzt werde ich sehr viel in Vaters Wirtschaft verändern, wenn ich
wieder nach Hause komme; denn da ist manches verkehrt angefangen, und
es ist merkwürdig genug, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Aber ich
will schon Zug hineinbringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich möchte
wohl irgendwohin, wo ich alles verwerten kann, was ich jetzt weiß; deshalb
muß ich mir eine große Stellung suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen
alle, Jon Hatlen ist gar nicht so tüchtig, wie man bei uns zu Haus denkt;
aber er hat ja einen eigenen Hof, so daß es keinen außer ihn selbst was
angeht. Viele, die von hier abgehen, bekommen sehr hohen Lohn; aber sie
werden so gut bezahlt, weil wir die beste Ackerbauschule im ganzen Lande
sind. Manche sagen, im Nachbaramt ist noch eine bessere, aber das ist wohl
nicht wahr. Hier hört man immerzu zwei Worte: das eine heißt Theorie und
das andere Praxis, und es ist gut, wenn man alle beide hat, und das eine ist
ohne das andere nichts wert, aber das zweite ist doch das beste. Und das
erste Wort bedeutet, daß man von einer Arbeit die Ursache und den Grund
kennt, aber das andere Wort bedeutet, daß man die Arbeit auch ausführen
kann, wie zum Beispiel jetzt mit dem Sumpf. Denn es gibt viele, die wissen,
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was man mit einem Sumpf macht, aber verkehrt machen sie es doch, denn
sie können es nicht. Aber viele könnten es und sie wissen es nicht, und dann
wird's auch verkehrt, denn es gibt viele Arten Sümpfe. Doch hier auf der
Ackerbauschule lernen wir beides. Der Direktor ist so tüchtig, daß sich
keiner mit ihm messen kann. Auf der letzten landwirtschaftlichen
Landesversammlung hatte er zwei Fragen zu behandeln, und die Direktoren
von den andern Ackerbauschulen jeder bloß eine, und es wurde immer das
beschlossen, was er beantragte, wenn die andern es sich erst überlegt hatten.
Auf der Versammlung vorher aber, wo er nicht war, da haben die andern
bloß gequatscht. Den Leutnant, der uns im Feldmessen unterrichtet, hat der
Direktor auch bloß wegen seiner eigenen Tüchtigkeit bekommen, denn die
andern Schulen haben keinen Leutnant. Unserer aber ist sehr tüchtig und
soll auf der Offiziersschule der allerbeste gewesen sein.
Der Herr Lehrer fragt, ob ich auch in die Kirche gehe. Natürlich gehe ich
in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger erhalten,
und der predigt, daß den Leuten in der Kirche angst und bange wird, und es
ist eine Freude, ihn zu hören. Er ist von der neuen Religion, die sie in
Kristiania haben, und die Leute behaupten, er sei zu streng, aber das ist
ihnen ganz gesund.
Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir vorher noch nicht
gehabt haben, und es ist seltsam, was alles in der Welt geschehen ist und
besonders bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, außer wenn
wir geschlagen wurden, aber dann sind wir immer viel, viel kleiner
gewesen. Jetzt sind wir frei, so frei wie kein andres Volk außer Amerika,
aber da sind sie nicht glücklich. Und unsere Freiheit sollen wir über alles
lieben.
Jetzt will ich für diesmal schließen, denn ich habe sehr viel geschrieben.
Der Herr Lehrer liest Euch wohl den Brief vor, und wenn er für Euch
sie können es nicht. Aber viele könnten es und sie wissen es nicht, und dann
wird's auch verkehrt, denn es gibt viele Arten Sümpfe. Doch hier auf der
Ackerbauschule lernen wir beides. Der Direktor ist so tüchtig, daß sich
keiner mit ihm messen kann. Auf der letzten landwirtschaftlichen
Landesversammlung hatte er zwei Fragen zu behandeln, und die Direktoren
von den andern Ackerbauschulen jeder bloß eine, und es wurde immer das
beschlossen, was er beantragte, wenn die andern es sich erst überlegt hatten.
Auf der Versammlung vorher aber, wo er nicht war, da haben die andern
bloß gequatscht. Den Leutnant, der uns im Feldmessen unterrichtet, hat der
Direktor auch bloß wegen seiner eigenen Tüchtigkeit bekommen, denn die
andern Schulen haben keinen Leutnant. Unserer aber ist sehr tüchtig und
soll auf der Offiziersschule der allerbeste gewesen sein.
Der Herr Lehrer fragt, ob ich auch in die Kirche gehe. Natürlich gehe ich
in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger erhalten,
und der predigt, daß den Leuten in der Kirche angst und bange wird, und es
ist eine Freude, ihn zu hören. Er ist von der neuen Religion, die sie in
Kristiania haben, und die Leute behaupten, er sei zu streng, aber das ist
ihnen ganz gesund.
Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir vorher noch nicht
gehabt haben, und es ist seltsam, was alles in der Welt geschehen ist und
besonders bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, außer wenn
wir geschlagen wurden, aber dann sind wir immer viel, viel kleiner
gewesen. Jetzt sind wir frei, so frei wie kein andres Volk außer Amerika,
aber da sind sie nicht glücklich. Und unsere Freiheit sollen wir über alles
lieben.
Jetzt will ich für diesmal schließen, denn ich habe sehr viel geschrieben.
Der Herr Lehrer liest Euch wohl den Brief vor, und wenn er für Euch
Page 493
antwortet, soll er mir auch von allerlei Leuten was Neues erzählen; denn
das tut er nie. Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem dankbaren Sohn
Ö. Thoresen.
Liebe Eltern!
Jetzt muß ich Euch mitteilen, daß hier Examen gewesen ist, und ich habe
mit vorzüglich in vielen Fächern bestanden, mit sehr gut im Schreiben und
Feldmessen, und mit ziemlich gut im norwegischen Aufsatz. Das kommt
daher, sagt der Direktor, daß ich nicht genug gelesen habe, und er hat mir
ein paar Bücher von Ole Vig geschenkt, die ganz wundervoll sind, denn ich
verstehe alles. Der Direktor ist sehr gut zu mir; er erzählt uns so vieles.
Alles hierzulande ist so klein im Vergleich zum Ausland; wir können fast
gar nichts und müssen alles von Schottland und der Schweiz lernen; und
von den Holländern lernen wir den Gartenbau. Viele gehen in diese Länder,
und auch in Schweden ist man viel tüchtiger als bei uns, und da ist der
Direktor selbst auch gewesen. Jetzt bin ich schon bald ein Jahr hier, und ich
dachte, ich hätte schon viel gelernt, aber als ich hörte, was die Schüler
können, die die Abschlußprüfung bestanden haben, und dann denke, daß die
auch noch rein gar nichts können, wenn sie sich mit den Ausländern
messen, dann werde ich ganz traurig. Und dann ist der Boden hier in
Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es lohnt sich gar nicht, etwas
damit anzufangen. Außerdem mag unser Volk sich auch nichts zeigen
lassen. Wenn das Volk aber auch wollte, und wenn der Boden auch besser
wäre, so hätten sie ja doch kein Geld, um ihn richtig zu bebauen. Es ist
merkwürdig, daß alles noch so gegangen ist, wie es ging.
Jetzt bin ich in der obersten Klasse, und da bleibe ich ein Jahr, bis ich
fertig bin; aber die meisten von meinen Kameraden sind fort, und ich habe
das tut er nie. Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem dankbaren Sohn
Ö. Thoresen.
Liebe Eltern!
Jetzt muß ich Euch mitteilen, daß hier Examen gewesen ist, und ich habe
mit vorzüglich in vielen Fächern bestanden, mit sehr gut im Schreiben und
Feldmessen, und mit ziemlich gut im norwegischen Aufsatz. Das kommt
daher, sagt der Direktor, daß ich nicht genug gelesen habe, und er hat mir
ein paar Bücher von Ole Vig geschenkt, die ganz wundervoll sind, denn ich
verstehe alles. Der Direktor ist sehr gut zu mir; er erzählt uns so vieles.
Alles hierzulande ist so klein im Vergleich zum Ausland; wir können fast
gar nichts und müssen alles von Schottland und der Schweiz lernen; und
von den Holländern lernen wir den Gartenbau. Viele gehen in diese Länder,
und auch in Schweden ist man viel tüchtiger als bei uns, und da ist der
Direktor selbst auch gewesen. Jetzt bin ich schon bald ein Jahr hier, und ich
dachte, ich hätte schon viel gelernt, aber als ich hörte, was die Schüler
können, die die Abschlußprüfung bestanden haben, und dann denke, daß die
auch noch rein gar nichts können, wenn sie sich mit den Ausländern
messen, dann werde ich ganz traurig. Und dann ist der Boden hier in
Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es lohnt sich gar nicht, etwas
damit anzufangen. Außerdem mag unser Volk sich auch nichts zeigen
lassen. Wenn das Volk aber auch wollte, und wenn der Boden auch besser
wäre, so hätten sie ja doch kein Geld, um ihn richtig zu bebauen. Es ist
merkwürdig, daß alles noch so gegangen ist, wie es ging.
Jetzt bin ich in der obersten Klasse, und da bleibe ich ein Jahr, bis ich
fertig bin; aber die meisten von meinen Kameraden sind fort, und ich habe
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Heimweh. Mir ist zu Mut, als wenn ich ganz allein in der Welt stände, wenn
es auch durchaus nicht wahr ist; aber es ist so merkwürdig, wenn man lange
fortgewesen ist. Ich dachte früher, ich würde hier sehr tüchtig werden, aber
damit sieht es schlecht aus.
Was soll ich wohl anfangen, wenn ich hier fortkomme? Zuerst will ich
natürlich nach Hause, und später muß ich mir dann wohl eine Stelle suchen,
aber zu weit weg darf's nicht sein.
Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßt alle, die nach mir fragen, und sagt
ihnen, es ginge mir gut, aber ich hätte Heimweh.
Euer dankbarer Sohn
Öyvind Thoresen Pladsen.
Lieber Herr Lehrer!
Hierdurch bitte ich Dich, den beigelegten Brief abzugeben und keinem
Menschen davon zu sagen. Und wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn
bitte.
Öyvind Thoresen Pladsen.
An die
ehrsame Jungfrau Margit, Nordistuen, Tochter des Knut
auf dem Oberen Heidehof.
Du wirst Dich gewiß sehr wundern, einen Brief von mir zu bekommen.
Das
brauchst Du aber nicht, denn ich wollte nur fragen, wie es Dir geht.
es auch durchaus nicht wahr ist; aber es ist so merkwürdig, wenn man lange
fortgewesen ist. Ich dachte früher, ich würde hier sehr tüchtig werden, aber
damit sieht es schlecht aus.
Was soll ich wohl anfangen, wenn ich hier fortkomme? Zuerst will ich
natürlich nach Hause, und später muß ich mir dann wohl eine Stelle suchen,
aber zu weit weg darf's nicht sein.
Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßt alle, die nach mir fragen, und sagt
ihnen, es ginge mir gut, aber ich hätte Heimweh.
Euer dankbarer Sohn
Öyvind Thoresen Pladsen.
Lieber Herr Lehrer!
Hierdurch bitte ich Dich, den beigelegten Brief abzugeben und keinem
Menschen davon zu sagen. Und wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn
bitte.
Öyvind Thoresen Pladsen.
An die
ehrsame Jungfrau Margit, Nordistuen, Tochter des Knut
auf dem Oberen Heidehof.
Du wirst Dich gewiß sehr wundern, einen Brief von mir zu bekommen.
Das
brauchst Du aber nicht, denn ich wollte nur fragen, wie es Dir geht.
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Darüber mußt Du mich möglichst bald und in jeder Hinsicht unterrichten.
Von mir selbst kann ich melden, daß ich in einem Jahr hier fertig bin.
Ergeben
Öyvind Pladsen.
An Herrn Öyvind Pladsen
auf der Ackerbauschule.
Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister bekommen, und ich will
antworten, weil Du mich darum bittest. Aber ich habe Angst davor, weil Du
so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will nicht passen.
So muß ich's denn selbst versuchen, und Du mußt den guten Willen für die
Tat nehmen, aber Du darfst ihn niemandem zeigen, denn dann bist Du nicht
der, für den ich Dich halte. Du sollst ihn auch nicht aufheben, weil ihn dann
doch leicht einer finden kann, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das
mußt Du mir versprechen. Ich wollte Dir über so vieles schreiben, aber ich
wage das nicht so. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehen
hoch im Preis, und hier auf den Heidehöfen sind reichlich gewachsen. Aber
ein Bär hat im Sommer bös im Viehstand gehaust; bei Ole auf dem
Niederhof hat er zwei Rinder zerrissen, und unserm Häusler hat er eins so
zugerichtet, daß es geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem sehr
großen Tuch; es ist ähnlich wie das schottische Zeug, und das ist sehr
schwierig. Und jetzt will ich Dir erzählen, daß ich noch immer zu Hause
bin, und daß manchen Leuten das gar nicht recht ist. Jetzt weiß ich für
diesmal nichts mehr zu schreiben, und deshalb leb' wohl.
Margit, Tochter des Knut.
Nachschrift.
Von mir selbst kann ich melden, daß ich in einem Jahr hier fertig bin.
Ergeben
Öyvind Pladsen.
An Herrn Öyvind Pladsen
auf der Ackerbauschule.
Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister bekommen, und ich will
antworten, weil Du mich darum bittest. Aber ich habe Angst davor, weil Du
so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will nicht passen.
So muß ich's denn selbst versuchen, und Du mußt den guten Willen für die
Tat nehmen, aber Du darfst ihn niemandem zeigen, denn dann bist Du nicht
der, für den ich Dich halte. Du sollst ihn auch nicht aufheben, weil ihn dann
doch leicht einer finden kann, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das
mußt Du mir versprechen. Ich wollte Dir über so vieles schreiben, aber ich
wage das nicht so. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehen
hoch im Preis, und hier auf den Heidehöfen sind reichlich gewachsen. Aber
ein Bär hat im Sommer bös im Viehstand gehaust; bei Ole auf dem
Niederhof hat er zwei Rinder zerrissen, und unserm Häusler hat er eins so
zugerichtet, daß es geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem sehr
großen Tuch; es ist ähnlich wie das schottische Zeug, und das ist sehr
schwierig. Und jetzt will ich Dir erzählen, daß ich noch immer zu Hause
bin, und daß manchen Leuten das gar nicht recht ist. Jetzt weiß ich für
diesmal nichts mehr zu schreiben, und deshalb leb' wohl.
Margit, Tochter des Knut.
Nachschrift.
Page 496
Du mußt diesen Brief sofort verbrennen.
An den
Ackerbauschüler Öyvind Thoresen Pladsen!
Ich habe Dir immer gesagt, Öyvind, wer mit Gott wandert, hat das beste
Teil erwählt. Jetzt aber sollst Du meinen Rat hören, den nämlich: daß Du
Dir Dein Leben nicht mit Sehnsucht und allerlei Ungemach ausfüllst,
sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht verzehren
läßt; denn dann hast Du einen anderen Gott neben ihm. Ferner will ich Dir
mitteilen, daß es Deinem Vater und Deiner Mutter gut geht; ich selbst habe
Schmerzen in der Hüfte; da meldet sich der Krieg wieder und alles, was
man dabei durchgemacht hat. Was die Jugend sät, wird das Alter ernten, am
Geist wie am Körper, der mir brennt und schmerzt und mich zum
Wehklagen bringen will. Aber klagen soll das Alter nicht, denn aus Wunden
rinnt Weisheit, und die Schmerzen predigen Geduld, auf daß der Mensch
stark werde zu seiner letzten Reise. Heute habe ich aus mancherlei Gründen
zur Feder gegriffen, zuerst und zunächst um Margits willen, die ein
gottesfürchtiges Mädchen geworden ist, aber leichtfüßig wie ein Renntier
und voll mancherlei Pläne. Denn sie möchte sich wohl gern an eins halten,
kann es aber ihrer Natur wegen nicht; doch ich habe oft erlebt, daß unser
Herrgott mit so schwachen kleinen Herzen glimpflich und langmütig
umgeht und sie nicht über Vermögen in Versuchung führt, auf daß sie nicht
in Stücke brechen; denn die sind sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr
richtig gegeben, und sie verbarg ihn vor allen, außer vor ihrem eigenen
Herzen. Und wenn der liebe Gott dieser Sache gnädig ist, so habe ich nichts
dagegen; denn Margit gefällt den jungen Burschen wohl, wie man deutlich
sieht, und sie ist reich an irdischen Gütern, wie auch trotz aller
Unbeständigkeit an himmlischen. Denn die Gottesfurcht in ihrem Herzen ist
wie Wasser in einem seichten Teich; es ist da, wenn's regnet, aber es
An den
Ackerbauschüler Öyvind Thoresen Pladsen!
Ich habe Dir immer gesagt, Öyvind, wer mit Gott wandert, hat das beste
Teil erwählt. Jetzt aber sollst Du meinen Rat hören, den nämlich: daß Du
Dir Dein Leben nicht mit Sehnsucht und allerlei Ungemach ausfüllst,
sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht verzehren
läßt; denn dann hast Du einen anderen Gott neben ihm. Ferner will ich Dir
mitteilen, daß es Deinem Vater und Deiner Mutter gut geht; ich selbst habe
Schmerzen in der Hüfte; da meldet sich der Krieg wieder und alles, was
man dabei durchgemacht hat. Was die Jugend sät, wird das Alter ernten, am
Geist wie am Körper, der mir brennt und schmerzt und mich zum
Wehklagen bringen will. Aber klagen soll das Alter nicht, denn aus Wunden
rinnt Weisheit, und die Schmerzen predigen Geduld, auf daß der Mensch
stark werde zu seiner letzten Reise. Heute habe ich aus mancherlei Gründen
zur Feder gegriffen, zuerst und zunächst um Margits willen, die ein
gottesfürchtiges Mädchen geworden ist, aber leichtfüßig wie ein Renntier
und voll mancherlei Pläne. Denn sie möchte sich wohl gern an eins halten,
kann es aber ihrer Natur wegen nicht; doch ich habe oft erlebt, daß unser
Herrgott mit so schwachen kleinen Herzen glimpflich und langmütig
umgeht und sie nicht über Vermögen in Versuchung führt, auf daß sie nicht
in Stücke brechen; denn die sind sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr
richtig gegeben, und sie verbarg ihn vor allen, außer vor ihrem eigenen
Herzen. Und wenn der liebe Gott dieser Sache gnädig ist, so habe ich nichts
dagegen; denn Margit gefällt den jungen Burschen wohl, wie man deutlich
sieht, und sie ist reich an irdischen Gütern, wie auch trotz aller
Unbeständigkeit an himmlischen. Denn die Gottesfurcht in ihrem Herzen ist
wie Wasser in einem seichten Teich; es ist da, wenn's regnet, aber es
Page 497
verschwindet, wenn die Sonne scheint. Jetzt wollen meine Augen nicht
mehr, denn sie sehen zwar gut in die Ferne, aber in der Nähe schmerzen sie
und tränen. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind: was Du auch
erstrebst und was Du anfängst, Deinen Gott nimm mit; denn es steht
geschrieben: Es ist besser eine Hand voll mit Ruhe, denn beide Fäuste voll
mit Mühe und Jammer. (Pred. Sal. 4, 6.)
Dein alter Lehrer
Baard Andersen Opdal.
An die
ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.
Schönen Dank für Deinen Brief; ich habe ihn gelesen und verbrannt, wie
Du gewollt hast. Du schreibst von vielem, aber gar nichts von dem, was ich
gern wissen wollte. Eher darf ich auch von etwas Gewissem nicht
schreiben, bis ich nicht weiß, wie es Dir in allen Stücken geht. In dem Brief
vom Schulmeister steht nichts, worauf man bauen könnte, aber er lobt Dich,
und doch sagt er, Du bist unbeständig. Das warst Du schon immer. Jetzt
weiß ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mußt Du mir schreiben;
denn ich habe keine Ruhe, bis Du nicht geschrieben hast. In dieser Zeit
denke ich immer dran, wie Du am letzten Abend auf den Berg kamst, und
was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht schreiben, und deshalb leb'
wohl.
Ergeben
Öyvind Pladsen.
mehr, denn sie sehen zwar gut in die Ferne, aber in der Nähe schmerzen sie
und tränen. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind: was Du auch
erstrebst und was Du anfängst, Deinen Gott nimm mit; denn es steht
geschrieben: Es ist besser eine Hand voll mit Ruhe, denn beide Fäuste voll
mit Mühe und Jammer. (Pred. Sal. 4, 6.)
Dein alter Lehrer
Baard Andersen Opdal.
An die
ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.
Schönen Dank für Deinen Brief; ich habe ihn gelesen und verbrannt, wie
Du gewollt hast. Du schreibst von vielem, aber gar nichts von dem, was ich
gern wissen wollte. Eher darf ich auch von etwas Gewissem nicht
schreiben, bis ich nicht weiß, wie es Dir in allen Stücken geht. In dem Brief
vom Schulmeister steht nichts, worauf man bauen könnte, aber er lobt Dich,
und doch sagt er, Du bist unbeständig. Das warst Du schon immer. Jetzt
weiß ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mußt Du mir schreiben;
denn ich habe keine Ruhe, bis Du nicht geschrieben hast. In dieser Zeit
denke ich immer dran, wie Du am letzten Abend auf den Berg kamst, und
was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht schreiben, und deshalb leb'
wohl.
Ergeben
Öyvind Pladsen.
Page 498
An
Herrn Öyvind Thoresen Pladsen.
Der Schulmeister hat mir wieder einen Brief von Dir übergeben, und ich
habe ihn jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn nicht recht, und das kommt
wohl daher, daß ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es mir in
allen Stücken geht. Nun, ich bin gesund und munter, und mir fehlt nicht das
geringste. Ich mag gern essen, besonders wenn es Milchreis gibt. Nachts
schlafe ich, und zuweilen tags auch noch. Ich habe viel getanzt in diesem
Winter, denn hier ist viel los gewesen, und es ging immer sehr lustig zu. Ich
gehe in die Kirche, wenn nicht zuviel Schnee liegt; aber im Winter lag er
sehr hoch. Jetzt weißt Du doch wohl alles, und wenn nicht, so bleibt nichts
weiter übrig, als daß Du mir noch einmal schreibst.
Margit, Tochter des Knut.
An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.
Deinen Brief habe ich bekommen, aber mir scheint, Du willst mich nicht
klüger werden lassen. Vielleicht ist das ja auch eine Antwort, ich weiß es
nicht. Ich darf von dem, was ich schreiben möchte, kein Wort sagen, denn
ich kenne Dich ja nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch nicht.
Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du
das Wasser herausdrücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seit
der Zeit auf manchem Brett zum Trocknen gelegen. Ich bin auch nicht mehr
wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hängen lassen und den
Schwanz einziehen, wie ich es früher getan; jetzt lasse ich es an mich
herankommen.
Herrn Öyvind Thoresen Pladsen.
Der Schulmeister hat mir wieder einen Brief von Dir übergeben, und ich
habe ihn jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn nicht recht, und das kommt
wohl daher, daß ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es mir in
allen Stücken geht. Nun, ich bin gesund und munter, und mir fehlt nicht das
geringste. Ich mag gern essen, besonders wenn es Milchreis gibt. Nachts
schlafe ich, und zuweilen tags auch noch. Ich habe viel getanzt in diesem
Winter, denn hier ist viel los gewesen, und es ging immer sehr lustig zu. Ich
gehe in die Kirche, wenn nicht zuviel Schnee liegt; aber im Winter lag er
sehr hoch. Jetzt weißt Du doch wohl alles, und wenn nicht, so bleibt nichts
weiter übrig, als daß Du mir noch einmal schreibst.
Margit, Tochter des Knut.
An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.
Deinen Brief habe ich bekommen, aber mir scheint, Du willst mich nicht
klüger werden lassen. Vielleicht ist das ja auch eine Antwort, ich weiß es
nicht. Ich darf von dem, was ich schreiben möchte, kein Wort sagen, denn
ich kenne Dich ja nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch nicht.
Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du
das Wasser herausdrücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seit
der Zeit auf manchem Brett zum Trocknen gelegen. Ich bin auch nicht mehr
wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hängen lassen und den
Schwanz einziehen, wie ich es früher getan; jetzt lasse ich es an mich
herankommen.
Page 499
Dein Brief war sehr spaßig; aber er spaßte, wo er lieber nicht hätte
spaßen sollen; denn Du verstandest mich recht gut, und da hättest Du
wissen müssen, daß ich nicht zum Spaß fragte, sondern weil ich in der
letzten Zeit nur an das gedacht habe, wonach ich fragte. Ich war in großer
Not und wartete, und da bekam ich als Antwort bloß Albernheiten und
Gelache.
Leb' wohl, Margit vom Heidehof, ich will nicht mehr, wie bei jenem
Tanz, zuviel nach Dir schauen. Mögest Du gut essen und schön schlafen
und Dein neues Tuch fertig weben, und schaufle vor allen Dingen den
Schnee weg, der vor der Kirchtür liegt.
Ergeben
Öyvind Thoresen Pladsen.
An den
Ackerbauschüler Öyvind Thoresen,
Ackerbauschule.
Trotz meines hohen Alters und meiner schwachen Augen und der
Schmerzen in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend
nachgeben; denn sie braucht uns Alten, wenn sie sich festgerannt hat. Sie
bittet und jammert, bis sie wieder flott ist, aber dann rennt sie gleich wieder
davon und hört nicht mehr auf uns.
Also die Margit; sie schmeichelt mit vielen süßen Worten, ich möge zur
Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu schreiben. Ich
habe Deinen Brief gelesen; sie dachte eben, sie habe Jon Hatlen oder sonst
einen Waschlappen vor sich, aber nicht einen, den Schulmeister Baard
erzogen hat; und nun drückt sie der Schuh. Aber Du bist zu streng gewesen;
spaßen sollen; denn Du verstandest mich recht gut, und da hättest Du
wissen müssen, daß ich nicht zum Spaß fragte, sondern weil ich in der
letzten Zeit nur an das gedacht habe, wonach ich fragte. Ich war in großer
Not und wartete, und da bekam ich als Antwort bloß Albernheiten und
Gelache.
Leb' wohl, Margit vom Heidehof, ich will nicht mehr, wie bei jenem
Tanz, zuviel nach Dir schauen. Mögest Du gut essen und schön schlafen
und Dein neues Tuch fertig weben, und schaufle vor allen Dingen den
Schnee weg, der vor der Kirchtür liegt.
Ergeben
Öyvind Thoresen Pladsen.
An den
Ackerbauschüler Öyvind Thoresen,
Ackerbauschule.
Trotz meines hohen Alters und meiner schwachen Augen und der
Schmerzen in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend
nachgeben; denn sie braucht uns Alten, wenn sie sich festgerannt hat. Sie
bittet und jammert, bis sie wieder flott ist, aber dann rennt sie gleich wieder
davon und hört nicht mehr auf uns.
Also die Margit; sie schmeichelt mit vielen süßen Worten, ich möge zur
Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu schreiben. Ich
habe Deinen Brief gelesen; sie dachte eben, sie habe Jon Hatlen oder sonst
einen Waschlappen vor sich, aber nicht einen, den Schulmeister Baard
erzogen hat; und nun drückt sie der Schuh. Aber Du bist zu streng gewesen;
Page 500
denn es gibt Mädchen, die scherzen, um nicht weinen zu müssen, und
zwischen beidem ist kein Unterschied. Aber es gefällt mir, daß Du das
Ernste ernst nimmst, denn sonst könntest Du über das, was Scherz ist, nicht
lachen.
Daß Euer Sinnen aufeinander gerichtet ist, scheint mir jetzt aus vielem
ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie war wie eine
Wetterfahne; aber jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch abgewiesen hat,
worüber ihr Großvater in hellen Zorn geraten ist. Sie war glücklich, als
Dein Schreiben kam, und wenn sie scherzte, so tat sie es nicht aus böser
Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel erdulden müssen, und das
hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Und jetzt
willst Du nichts von ihr wissen und stößt sie zurück wie ein unartiges Kind.
Das mußte ich Dir sagen, und den Rat möchte ich Dir noch geben, daß
Du
Dich mit ihr wieder aussöhnst, denn Streit gibt es auch doch genug in
der Welt. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat.
Ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.
Von Vater und Mutter soll ich Dich grüßen, sie warten sehnlichst auf
Dich. Aber davon habe ich Dir nicht eher schreiben wollen, damit Du kein
Herzweh bekämst. Deinen Vater kennst Du noch gar nicht; denn er ist wie
ein Baum, der keinen Laut von sich gibt, bis er gefällt wird. Aber wenn Dir
einmal etwas zustößt, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst
staunen wie einer, der einen Schatz findet. Er ist gedrückt und wortkarg in
weltlichen Dingen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von der
weltlichen Angst frei' gemacht, und jetzt klärt sich sein Lebenstag auf.
Nun werden meine Augen trüb, und die Hand will nicht mehr. Also
befehle ich Dich dem, dessen Auge immerdar wacht und dessen Hände
nimmer müde werden.
zwischen beidem ist kein Unterschied. Aber es gefällt mir, daß Du das
Ernste ernst nimmst, denn sonst könntest Du über das, was Scherz ist, nicht
lachen.
Daß Euer Sinnen aufeinander gerichtet ist, scheint mir jetzt aus vielem
ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie war wie eine
Wetterfahne; aber jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch abgewiesen hat,
worüber ihr Großvater in hellen Zorn geraten ist. Sie war glücklich, als
Dein Schreiben kam, und wenn sie scherzte, so tat sie es nicht aus böser
Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel erdulden müssen, und das
hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Und jetzt
willst Du nichts von ihr wissen und stößt sie zurück wie ein unartiges Kind.
Das mußte ich Dir sagen, und den Rat möchte ich Dir noch geben, daß
Du
Dich mit ihr wieder aussöhnst, denn Streit gibt es auch doch genug in
der Welt. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat.
Ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.
Von Vater und Mutter soll ich Dich grüßen, sie warten sehnlichst auf
Dich. Aber davon habe ich Dir nicht eher schreiben wollen, damit Du kein
Herzweh bekämst. Deinen Vater kennst Du noch gar nicht; denn er ist wie
ein Baum, der keinen Laut von sich gibt, bis er gefällt wird. Aber wenn Dir
einmal etwas zustößt, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst
staunen wie einer, der einen Schatz findet. Er ist gedrückt und wortkarg in
weltlichen Dingen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von der
weltlichen Angst frei' gemacht, und jetzt klärt sich sein Lebenstag auf.
Nun werden meine Augen trüb, und die Hand will nicht mehr. Also
befehle ich Dich dem, dessen Auge immerdar wacht und dessen Hände
nimmer müde werden.
Page 501
Baard Andersen Opdal.
An Öyvind Pladsen.
Du bist wohl böse auf mich, und das tut mir sehr weh. Denn so habe ich
es nicht gemeint; ich meinte es gut. Ich weiß, daß ich oft nicht so gegen
Dich gewesen bin, wie ich hätte sein sollen, und deshalb will ich jetzt an
Dich schreiben, aber Du darfst es keinem Menschen zeigen. Einmal ist mir's
ergangen, wie ich's wünschte, und da war ich nicht nett; aber jetzt will
keiner mehr was von mir wissen, und mir geht es recht schlecht. Jon Hatlen
hat ein Spottlied auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, und ich
kann mich auf keinem Tanz mehr blicken lassen. Die beiden Alten wissen
davon, und ich bekomme böse Worte zu hören. Ich aber sitze allein und
schreibe, und Du darfst es keinem zeigen.
Du hast viel gelernt und könntest mir einen Rat geben, aber Du bist so
weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner
Mutter geplaudert, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich darf
nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der Schulmeister
macht sich jetzt über mich lustig, und er weiß nichts von dem Spottlied,
denn kein einziger im ganzen Dorf wagt ihm so etwas vorzusingen. Jetzt
bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen kann; ich denke daran,
als wir noch Kinder waren, und Du so nett zu mir warst, und ich immer auf
Deinem Schlitten sitzen durfte. Und da möchte ich wünschen, daß ich
wieder ein Kind wäre.
Ich darf Dich nicht mehr bitten, mir zu antworten; ich darf es nicht. Aber
wenn Du mir nur noch ein einziges Mal schreiben wolltest, so würde ich
Dir das nie vergessen, Öyvind.
An Öyvind Pladsen.
Du bist wohl böse auf mich, und das tut mir sehr weh. Denn so habe ich
es nicht gemeint; ich meinte es gut. Ich weiß, daß ich oft nicht so gegen
Dich gewesen bin, wie ich hätte sein sollen, und deshalb will ich jetzt an
Dich schreiben, aber Du darfst es keinem Menschen zeigen. Einmal ist mir's
ergangen, wie ich's wünschte, und da war ich nicht nett; aber jetzt will
keiner mehr was von mir wissen, und mir geht es recht schlecht. Jon Hatlen
hat ein Spottlied auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, und ich
kann mich auf keinem Tanz mehr blicken lassen. Die beiden Alten wissen
davon, und ich bekomme böse Worte zu hören. Ich aber sitze allein und
schreibe, und Du darfst es keinem zeigen.
Du hast viel gelernt und könntest mir einen Rat geben, aber Du bist so
weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner
Mutter geplaudert, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich darf
nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der Schulmeister
macht sich jetzt über mich lustig, und er weiß nichts von dem Spottlied,
denn kein einziger im ganzen Dorf wagt ihm so etwas vorzusingen. Jetzt
bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen kann; ich denke daran,
als wir noch Kinder waren, und Du so nett zu mir warst, und ich immer auf
Deinem Schlitten sitzen durfte. Und da möchte ich wünschen, daß ich
wieder ein Kind wäre.
Ich darf Dich nicht mehr bitten, mir zu antworten; ich darf es nicht. Aber
wenn Du mir nur noch ein einziges Mal schreiben wolltest, so würde ich
Dir das nie vergessen, Öyvind.
Page 502
Margit, Tochter des Knut.
Lieber Öyvind, verbrenne diesen Brief; ich weiß gar nicht, ob ich ihn
überhaupt abschicken darf.
Liebe Margit!
Dank für Deinen Brief; den hast Du in einer guten Stunde geschrieben.
Jetzt will ich Dir auch sagen, Margit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es
beinahe hier nicht mehr aushalten kann, und wenn Du mich ebenso lieb
hast, dann sollen Jons Spottlieder und alle bösen Worte bloß Blätter sein,
wie sie an jedem Baum hängen. Seit ich Deinen Brief bekommen habe, bin
ich ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich gekommen, und
ich fürchte mich vor nichts in der Welt. Als ich den vorigen Brief
abgeschickt hatte, tat es mir so leid, daß ich fast krank davon geworden bin.
Und nun sollst Du hören, was das für eine Folge hatte. Der Direktor nahm
mich beiseite und fragte mich, was mir fehle; er glaubte, ich arbeitete zu
viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr hier zu Ende sei, sollte ich noch eins
hier bleiben und ganz umsonst; ich solle ihm hier und da an die Hand
gehen, er aber wollte mich noch in vielem unterrichten. Da dachte ich,
Arbeit sei das einzige, das mich aufrecht halten könne, und ich bedankte
mich vielmals; und ich bereue es auch nicht, wenn ich jetzt auch Sehnsucht
nach Dir habe; denn je länger ich hier bin, desto mehr Recht habe ich
später, um Dich zu werben. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und
ich will nie in irgend etwas zurückstehen. Ich will Dir aber ein Buch
schicken, das ich jetzt lese, denn da steht viel von Liebe drin. Ich lese
immer abends darin, wenn die andern schlafen, und dann lese ich auch
Deinen Brief immer wieder durch. Hast Du Dir vorgestellt, wenn wir uns
wiedersehen? Das male ich mir so oft aus, und das mußt Du auch versuchen
und sollst sehen, wie schön es ist. Ich freue mich, daß ich soviel
Lieber Öyvind, verbrenne diesen Brief; ich weiß gar nicht, ob ich ihn
überhaupt abschicken darf.
Liebe Margit!
Dank für Deinen Brief; den hast Du in einer guten Stunde geschrieben.
Jetzt will ich Dir auch sagen, Margit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es
beinahe hier nicht mehr aushalten kann, und wenn Du mich ebenso lieb
hast, dann sollen Jons Spottlieder und alle bösen Worte bloß Blätter sein,
wie sie an jedem Baum hängen. Seit ich Deinen Brief bekommen habe, bin
ich ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich gekommen, und
ich fürchte mich vor nichts in der Welt. Als ich den vorigen Brief
abgeschickt hatte, tat es mir so leid, daß ich fast krank davon geworden bin.
Und nun sollst Du hören, was das für eine Folge hatte. Der Direktor nahm
mich beiseite und fragte mich, was mir fehle; er glaubte, ich arbeitete zu
viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr hier zu Ende sei, sollte ich noch eins
hier bleiben und ganz umsonst; ich solle ihm hier und da an die Hand
gehen, er aber wollte mich noch in vielem unterrichten. Da dachte ich,
Arbeit sei das einzige, das mich aufrecht halten könne, und ich bedankte
mich vielmals; und ich bereue es auch nicht, wenn ich jetzt auch Sehnsucht
nach Dir habe; denn je länger ich hier bin, desto mehr Recht habe ich
später, um Dich zu werben. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und
ich will nie in irgend etwas zurückstehen. Ich will Dir aber ein Buch
schicken, das ich jetzt lese, denn da steht viel von Liebe drin. Ich lese
immer abends darin, wenn die andern schlafen, und dann lese ich auch
Deinen Brief immer wieder durch. Hast Du Dir vorgestellt, wenn wir uns
wiedersehen? Das male ich mir so oft aus, und das mußt Du auch versuchen
und sollst sehen, wie schön es ist. Ich freue mich, daß ich soviel
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geschrieben und gearbeitet habe, trotzdem es oft schwer war; aber jetzt
kann ich Dir alles sagen, was ich mag, und lache dabei in meinem Sinn.
Ich will Dir viele Bücher zu lesen geben, damit Du sehen sollst, wieviel
Widerwärtigkeiten alle gehabt haben, die sich innig lieb hatten, und daß sie
lieber aus Kummer gestorben sind, als daß sie voneinander gelassen haben.
Und so wollen wir es auch halten, und zwar freudigen Herzens. Wohl dauert
es fast zwei Jahre, bis wir uns sehen, und noch länger, bis wir uns kriegen;
aber mit jedem Tag, der vergeht, ist es doch ein Tag weniger; daran wollen
wir bei unserer Arbeit denken.
Nächstes Mal muß ich Dir über vieles schreiben, heut abend aber habe
ich kein Papier mehr, und die andern schlafen alle. Darum will ich auch zu
Bett gehen und an Dich denken, bis ich einschlafe.
Dein Freund
Öyvind Pladsen.
Neuntes Kapitel
Eines Sonntags im Hochsommer ruderte Tore Pladsen über den Fjord, um
seinen Sohn zu holen, der am Nachmittage von der Ackerbauschule
heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte ein paar Tage
lang eine Scheuerfrau gehabt, alles war geputzt und gesäubert, die Kammer
war nach langer Zeit wieder in Stand gesetzt, es war ein Ofen hineingestellt;
da sollte Öyvind wohnen. Heute brachte die Mutter frisches Grün hinein,
holte reines Leinzeug heraus, machte das Bett zurecht und schaute
zwischendurch immer einmal aus, ob noch kein Boot dahergerudert
komme. Unten in der Stube war der Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch
kann ich Dir alles sagen, was ich mag, und lache dabei in meinem Sinn.
Ich will Dir viele Bücher zu lesen geben, damit Du sehen sollst, wieviel
Widerwärtigkeiten alle gehabt haben, die sich innig lieb hatten, und daß sie
lieber aus Kummer gestorben sind, als daß sie voneinander gelassen haben.
Und so wollen wir es auch halten, und zwar freudigen Herzens. Wohl dauert
es fast zwei Jahre, bis wir uns sehen, und noch länger, bis wir uns kriegen;
aber mit jedem Tag, der vergeht, ist es doch ein Tag weniger; daran wollen
wir bei unserer Arbeit denken.
Nächstes Mal muß ich Dir über vieles schreiben, heut abend aber habe
ich kein Papier mehr, und die andern schlafen alle. Darum will ich auch zu
Bett gehen und an Dich denken, bis ich einschlafe.
Dein Freund
Öyvind Pladsen.
Neuntes Kapitel
Eines Sonntags im Hochsommer ruderte Tore Pladsen über den Fjord, um
seinen Sohn zu holen, der am Nachmittage von der Ackerbauschule
heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte ein paar Tage
lang eine Scheuerfrau gehabt, alles war geputzt und gesäubert, die Kammer
war nach langer Zeit wieder in Stand gesetzt, es war ein Ofen hineingestellt;
da sollte Öyvind wohnen. Heute brachte die Mutter frisches Grün hinein,
holte reines Leinzeug heraus, machte das Bett zurecht und schaute
zwischendurch immer einmal aus, ob noch kein Boot dahergerudert
komme. Unten in der Stube war der Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch
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etwas, oder die Fliegen waren wegzujagen, und oben in der Kammer lag
noch Staub, und immer wieder Staub. Noch war kein Boot zu sehen. Sie
lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus; da hörte sie dicht neben sich
Schritte vom Wege her und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der
langsam, auf einen Stock gestützt, herunterkam, denn mit seiner Hüfte ging
es schlecht. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehen und
ruhte sich aus und nickte ihr zu: "Na, noch nicht da?"—"Nein, sie müssen
aber jeden Augenblick kommen."—"Schönes Wetter zum Heuen
heut!"—"Aber zu heiß für alte Leute zum Gehen."—Der Schulmeister sah
sie schmunzelnd an. "Sind junge Leute heut schon hier
gewesen?"—"Freilich, sind aber wieder fortgegangen."—"Ja, gewiß, ja; die
treffen sich wohl heut abend irgendwo."—"Kann schon sein, ja; Tore sagt,
sie sollen sich nicht bei ihm im Hause treffen, bis die Alten ihre
Zustimmung gegeben haben."—"Sehr richtig, sehr richtig."—Nach einer
Weile rief die Mutter: "Jetzt glaub' ich beinahe, sie kommen." Der
Schulmeister spähte lange in die Ferne. "Ja, das sind sie"; sie trat vom
Fenster zurück, und er ging ins Haus. Als er sich ein bißchen ausgeruht und
erfrischt hatte, gingen sie langsam an die See hinunter, während das Boot in
voller Fahrt heranschoß, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die Ruderer
hatten die Jacken ausgezogen, es sprühte weiß unter den Rudern, und bald
war das Boot dicht bei ihnen, Öyvind wandte den Kopf und blickte hinauf;
er gewahrte die beiden an der Landungsstelle, zog die Ruder ein und rief:
"Guten Tag, Mutter,—guten Tag, Schulmeister!"—"Hat der 'ne
Mannsstimme bekommen!" sagte die Mutter mit strahlendem Gesicht. "So
was, so was! er ist noch gerade so hellblond", fügte sie hinzu. Der
Schulmeister holte das Boot heran, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind
sprang an ihm vorbei an Land, gab erst der Mutter die Hand und dann dem
Schulmeister, lachte und lachte und fing, ganz gegen Bauernart, gleich in
einem reißenden Strom an zu erzählen vom Examen, von der Reise, von
dem Empfehlungsschreiben des Direktors und günstigen Anerbietungen. Er
noch Staub, und immer wieder Staub. Noch war kein Boot zu sehen. Sie
lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus; da hörte sie dicht neben sich
Schritte vom Wege her und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der
langsam, auf einen Stock gestützt, herunterkam, denn mit seiner Hüfte ging
es schlecht. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehen und
ruhte sich aus und nickte ihr zu: "Na, noch nicht da?"—"Nein, sie müssen
aber jeden Augenblick kommen."—"Schönes Wetter zum Heuen
heut!"—"Aber zu heiß für alte Leute zum Gehen."—Der Schulmeister sah
sie schmunzelnd an. "Sind junge Leute heut schon hier
gewesen?"—"Freilich, sind aber wieder fortgegangen."—"Ja, gewiß, ja; die
treffen sich wohl heut abend irgendwo."—"Kann schon sein, ja; Tore sagt,
sie sollen sich nicht bei ihm im Hause treffen, bis die Alten ihre
Zustimmung gegeben haben."—"Sehr richtig, sehr richtig."—Nach einer
Weile rief die Mutter: "Jetzt glaub' ich beinahe, sie kommen." Der
Schulmeister spähte lange in die Ferne. "Ja, das sind sie"; sie trat vom
Fenster zurück, und er ging ins Haus. Als er sich ein bißchen ausgeruht und
erfrischt hatte, gingen sie langsam an die See hinunter, während das Boot in
voller Fahrt heranschoß, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die Ruderer
hatten die Jacken ausgezogen, es sprühte weiß unter den Rudern, und bald
war das Boot dicht bei ihnen, Öyvind wandte den Kopf und blickte hinauf;
er gewahrte die beiden an der Landungsstelle, zog die Ruder ein und rief:
"Guten Tag, Mutter,—guten Tag, Schulmeister!"—"Hat der 'ne
Mannsstimme bekommen!" sagte die Mutter mit strahlendem Gesicht. "So
was, so was! er ist noch gerade so hellblond", fügte sie hinzu. Der
Schulmeister holte das Boot heran, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind
sprang an ihm vorbei an Land, gab erst der Mutter die Hand und dann dem
Schulmeister, lachte und lachte und fing, ganz gegen Bauernart, gleich in
einem reißenden Strom an zu erzählen vom Examen, von der Reise, von
dem Empfehlungsschreiben des Direktors und günstigen Anerbietungen. Er
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fragte nach der Ernte und nach allen Bekannten, außer nach einer; der Vater
wollte das Gepäck aus dem Boot tragen, aber weil er auch etwas hören
wollte, dachte er, das habe ja auch noch Zeit, und ging mit. Und so zogen
sie ihres Wegs; Öyvind lachte und erzählte, und seine Mutter lachte auch,
denn sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schlenderte
langsam daneben und sah ihn verständnisvoll an; der Vater ging bescheiden
in etwas größerer Entfernung. Und so kamen sie heim. Er freute sich über
alles, was er sah; zuerst darüber, daß das Haus frisch gestrichen, und daß
die Mühle ausgebaut war, dann darüber, daß die Butzenscheiben in Stube
und Kammer herausgenommen waren, weißes Glas an Stelle des grünen
eingesetzt und der Fensterrahmen vergrößert war. Als er hineintrat, kam ihm
alles so merkwürdig klein vor, wie er sich es gar nicht vorgestellt hatte, aber
so lustig. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die geschnitzten Stühle
sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick zu reden anfangen; jede Tasse
auf dem gedeckten Tisch kannte er; der weißgetünchte Herd lächelte ihm
ein Willkommen zu; grünes Laub hing duftend an den Wänden,
Wacholderbüschel waren auf den Fußboden gestreut und verkündeten den
Festtag. Sie setzten sich zum Essen, aber es wurde nicht viel daraus, denn er
schwatzte unaufhörlich. Sie betrachteten ihn sich jetzt mit mehr Muße,
sahen die Veränderungen und die Ähnlichkeiten, sie achteten auf alles, was
neu an ihm war, bis hin zu dem blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als
er gerade eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte
und endlich aufhörte, so daß eine kleine Pause entstand, sagte der Vater:
"Ich verstehe beinahe kein Wort von dem, was Du sagst, Junge, Du sprichst
so übermäßig schnell."—Alle lachten herzlich, und Öyvind nicht am
wenigsten; er wußte recht gut, daß es sich so verhielt, aber es war ihm nicht
möglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er während seiner langen
Abwesenheit gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und seinen
Verstand gepackt und ihn aus der gewohnten Haltung aufgerüttelt, so daß
die Kräfte, die lange geruht hatten, aufgescheucht wurden, und der Kopf in
wollte das Gepäck aus dem Boot tragen, aber weil er auch etwas hören
wollte, dachte er, das habe ja auch noch Zeit, und ging mit. Und so zogen
sie ihres Wegs; Öyvind lachte und erzählte, und seine Mutter lachte auch,
denn sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schlenderte
langsam daneben und sah ihn verständnisvoll an; der Vater ging bescheiden
in etwas größerer Entfernung. Und so kamen sie heim. Er freute sich über
alles, was er sah; zuerst darüber, daß das Haus frisch gestrichen, und daß
die Mühle ausgebaut war, dann darüber, daß die Butzenscheiben in Stube
und Kammer herausgenommen waren, weißes Glas an Stelle des grünen
eingesetzt und der Fensterrahmen vergrößert war. Als er hineintrat, kam ihm
alles so merkwürdig klein vor, wie er sich es gar nicht vorgestellt hatte, aber
so lustig. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die geschnitzten Stühle
sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick zu reden anfangen; jede Tasse
auf dem gedeckten Tisch kannte er; der weißgetünchte Herd lächelte ihm
ein Willkommen zu; grünes Laub hing duftend an den Wänden,
Wacholderbüschel waren auf den Fußboden gestreut und verkündeten den
Festtag. Sie setzten sich zum Essen, aber es wurde nicht viel daraus, denn er
schwatzte unaufhörlich. Sie betrachteten ihn sich jetzt mit mehr Muße,
sahen die Veränderungen und die Ähnlichkeiten, sie achteten auf alles, was
neu an ihm war, bis hin zu dem blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als
er gerade eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte
und endlich aufhörte, so daß eine kleine Pause entstand, sagte der Vater:
"Ich verstehe beinahe kein Wort von dem, was Du sagst, Junge, Du sprichst
so übermäßig schnell."—Alle lachten herzlich, und Öyvind nicht am
wenigsten; er wußte recht gut, daß es sich so verhielt, aber es war ihm nicht
möglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er während seiner langen
Abwesenheit gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und seinen
Verstand gepackt und ihn aus der gewohnten Haltung aufgerüttelt, so daß
die Kräfte, die lange geruht hatten, aufgescheucht wurden, und der Kopf in
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unablässiger Arbeit war. Weiter fiel ihnen auf, daß er sich angewöhnt hatte,
ganz willkürlich zwei, drei Worte zu wiederholen vor lauter Geschäftigkeit,
fast, als stolpere er über sich selbst. Manchmal klang's geradezu komisch,
aber dann lachte er, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater
saßen da und lauerten, ob er wohl seine alte Umsicht verloren habe, aber es
schien nicht so: er dachte an alles und er erinnerte auch daran, daß sie wohl
das Boot ausladen müßten; er packte gleich seine Sachen aus und hängte sie
hin, zeigte seine Bücher, seine Uhr und alles Neue, und alles sei gut
imstande, sagte seine Mutter. Über sein kleines Gemach freute er sich
unbändig; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, beim Heuen helfen
und lernen. Wo er nachher hinwollte, wußte er noch nicht, aber das war ja
auch noch gleich. Sein Denken hatte eine erfrischende Kraft und Raschheit
bekommen, und seine Ausdrucksweise eine Lebendigkeit, die jedem
wohltut, der Jahr für Jahr bestrebt ist, sich zurückzuhalten. Der
Schulmeister fühlte sich um zehn Jahre verjüngt.
"So weit wären wir jetzt glücklich", sagte er strahlend, als er aufbrach.
Als die Mutter ihn wie gewöhnlich hinausbegleitet hatte, rief sie Öyvind
in seine Kammer. "Es wartet jemand auf Dich um neun", flüsterte sie.
—"Wo?"—"Auf dem Berge."
Öyvind sah nach der Uhr; es ging auf neun. Drinnen konnte er es nicht
abwarten, sondern er ging hinaus, klomm den Berg empor, blieb oben
stehen und hielt Umschau. Das Hausdach lag dicht unter ihm; die Büsche
auf dem Dach waren groß geworden, all die jungen Bäume um ihn herum
waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzigen. Er sah den Weg
hinunter, der am Berg entlang führte und an der andern Seite vom Walde
begrenzt war. Der Weg lag grau und eintönig da, der Wald aber trug Laub
mancherlei Art; die Bäume waren hoch und gerade gewachsen, in der
kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern
ganz willkürlich zwei, drei Worte zu wiederholen vor lauter Geschäftigkeit,
fast, als stolpere er über sich selbst. Manchmal klang's geradezu komisch,
aber dann lachte er, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater
saßen da und lauerten, ob er wohl seine alte Umsicht verloren habe, aber es
schien nicht so: er dachte an alles und er erinnerte auch daran, daß sie wohl
das Boot ausladen müßten; er packte gleich seine Sachen aus und hängte sie
hin, zeigte seine Bücher, seine Uhr und alles Neue, und alles sei gut
imstande, sagte seine Mutter. Über sein kleines Gemach freute er sich
unbändig; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, beim Heuen helfen
und lernen. Wo er nachher hinwollte, wußte er noch nicht, aber das war ja
auch noch gleich. Sein Denken hatte eine erfrischende Kraft und Raschheit
bekommen, und seine Ausdrucksweise eine Lebendigkeit, die jedem
wohltut, der Jahr für Jahr bestrebt ist, sich zurückzuhalten. Der
Schulmeister fühlte sich um zehn Jahre verjüngt.
"So weit wären wir jetzt glücklich", sagte er strahlend, als er aufbrach.
Als die Mutter ihn wie gewöhnlich hinausbegleitet hatte, rief sie Öyvind
in seine Kammer. "Es wartet jemand auf Dich um neun", flüsterte sie.
—"Wo?"—"Auf dem Berge."
Öyvind sah nach der Uhr; es ging auf neun. Drinnen konnte er es nicht
abwarten, sondern er ging hinaus, klomm den Berg empor, blieb oben
stehen und hielt Umschau. Das Hausdach lag dicht unter ihm; die Büsche
auf dem Dach waren groß geworden, all die jungen Bäume um ihn herum
waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzigen. Er sah den Weg
hinunter, der am Berg entlang führte und an der andern Seite vom Walde
begrenzt war. Der Weg lag grau und eintönig da, der Wald aber trug Laub
mancherlei Art; die Bäume waren hoch und gerade gewachsen, in der
kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern
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beladen und wartete auf Wind. Er sah aufs Wasser hinaus, auf dem er
fortgezogen und jetzt wieder heimgekehrt war; es lag still und blank da, ein
paar Seevögel schwebten drüber hin, lautlos, denn es war spät. Der Vater
kam von der Mühle her, blieb vor der Haustür stehen und blickte gerade wie
sein Sohn ins Land, dann ging er zum Strand hinunter, um das Boot für die
Nacht zu bergen. Die Mutter kam aus der Seitentür heraus, sie war in der
Küche gewesen, und sie sah zum Berge hinauf, als sie über den Hof ging,
um den Hühnern Futter zu bringen; sie sah noch einmal hinauf und summte
vor sich hin. Er setzte sich und wartete; das Gestrüpp um ihn war so dicht
geworden, daß er nicht drüber wegsehen konnte, aber er lauschte auf das
kleinste Geräusch. Erst waren es nur Vögel, die aufflatterten und ihn
neckten, dann ein Eichkätzchen, das von Baum zu Baum sprang.
Schließlich knackte es weiter hinten, und nach einem Weilchen knackte es
wieder. Er stand auf, das Herz klopfte ihm, und das Blut schoß ihm ins
Gesicht. Da raschelte es in den Büschen dicht neben ihm, aber es war nur
ein großer zottiger Hund, der ihn anblickte, auf drei Beinen stehen blieb
und sich nicht rührte. Das war der Hund vom Oberen Heidehof, und dicht
hinter ihm knackte es wieder; der Hund drehte den Kopf und wedelte mit
dem Schwanz; da kam Margit.
Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie drehte sich um und machte
ihn los, und dann erst konnte er sie sehen. Ihr Kopf war unbedeckt und das
Haar aufgesteckt, wie es die Mädchen an Werktagen tragen; sie hatte ein
grobes kariertes Kleid an ohne Ärmel und um den Hals nur einen
umgelegten Leinenkragen; sie hatte sich geradenwegs von der Feldarbeit
fortgeschlichen und hatte sich nicht erst putzen können. Jetzt sah sie schräg
in die Höhe und lächelte; die weißen Zähne und die halbgeschlossenen
Augen blitzten. So stand sie ein Weilchen da und zupfte an ihrem Kleide,
dann aber kam sie auf ihn zu und wurde röter bei jedem Schritt. Er ging ihr
entgegen und nahm ihre Hand in seine beiden. Sie sah zu Boden, und so
standen sie einander gegenüber.
fortgezogen und jetzt wieder heimgekehrt war; es lag still und blank da, ein
paar Seevögel schwebten drüber hin, lautlos, denn es war spät. Der Vater
kam von der Mühle her, blieb vor der Haustür stehen und blickte gerade wie
sein Sohn ins Land, dann ging er zum Strand hinunter, um das Boot für die
Nacht zu bergen. Die Mutter kam aus der Seitentür heraus, sie war in der
Küche gewesen, und sie sah zum Berge hinauf, als sie über den Hof ging,
um den Hühnern Futter zu bringen; sie sah noch einmal hinauf und summte
vor sich hin. Er setzte sich und wartete; das Gestrüpp um ihn war so dicht
geworden, daß er nicht drüber wegsehen konnte, aber er lauschte auf das
kleinste Geräusch. Erst waren es nur Vögel, die aufflatterten und ihn
neckten, dann ein Eichkätzchen, das von Baum zu Baum sprang.
Schließlich knackte es weiter hinten, und nach einem Weilchen knackte es
wieder. Er stand auf, das Herz klopfte ihm, und das Blut schoß ihm ins
Gesicht. Da raschelte es in den Büschen dicht neben ihm, aber es war nur
ein großer zottiger Hund, der ihn anblickte, auf drei Beinen stehen blieb
und sich nicht rührte. Das war der Hund vom Oberen Heidehof, und dicht
hinter ihm knackte es wieder; der Hund drehte den Kopf und wedelte mit
dem Schwanz; da kam Margit.
Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie drehte sich um und machte
ihn los, und dann erst konnte er sie sehen. Ihr Kopf war unbedeckt und das
Haar aufgesteckt, wie es die Mädchen an Werktagen tragen; sie hatte ein
grobes kariertes Kleid an ohne Ärmel und um den Hals nur einen
umgelegten Leinenkragen; sie hatte sich geradenwegs von der Feldarbeit
fortgeschlichen und hatte sich nicht erst putzen können. Jetzt sah sie schräg
in die Höhe und lächelte; die weißen Zähne und die halbgeschlossenen
Augen blitzten. So stand sie ein Weilchen da und zupfte an ihrem Kleide,
dann aber kam sie auf ihn zu und wurde röter bei jedem Schritt. Er ging ihr
entgegen und nahm ihre Hand in seine beiden. Sie sah zu Boden, und so
standen sie einander gegenüber.
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"Ich dank' Dir für all Deine Briefe", war das erste, was er sagte, und als
sie da ein klein bißchen aufsah und lachte, merkte er, daß sie das lustigste
Hexlein war, dem man je im Walde begegnen konnte; aber doch war er
befangen, und sie war es nicht minder. "Wie groß Du geworden bist!" sagte
sie und meinte eigentlich etwas ganz anderes. Sie wagte allmählich, ihn
genauer anzusehen und lachte immer mehr, und er lachte auch, aber sie
sagten kein Wort. Der Hund hatte sich an den Abhang gesetzt und schaute
auf das Gehöft hinunter. Tore sah den Hundekopf vom Wasser aus und
konnte sich absolut nicht denken, was das da oben auf dem Berge wohl sein
könnte.
Die beiden aber hatten sich jetzt losgelassen und fingen bei kleinem zu
erzählen an. Und als er erst angefangen hatte, kam er bald so ins
Fahrwasser, daß sie über ihn lachen mußte. "Ja, siehst Du, das ist immer so,
wenn ich mich so freue, so richtig freue, siehst Du; und als zwischen uns
beiden alles gut wurde, da war's, als wenn ein Schloß in mir aufsprang,
aufsprang, siehst Du." Sie lachte. Nach einer Weile sagte sie: "Die Briefe,
die Du mir geschrieben hast, kann ich alle beinah auswendig."—"Ich Deine
auch! Aber Du hast immer nur so kurz geschrieben."—"Weil Du immer so
lange Briefe haben wolltest."—"Und wenn ich wollte, wir sollten mehr von
dem einen schreiben, dann rücktest Du immer aus."—"Ich bin am
hübschesten, wenn man bloß den Schwanz sieht", sagt die Waldhexe.
—"Aber Du hast mir nie geschrieben, wie Du Jon Hatlen losgeworden
bist."—"Ich hab' gelacht."—"Was?"—"Gelacht; weißt Du nicht, was lachen
ist?"—"Doch, lachen kann ich."—"Mach' mal vor!"—"Na, so was! Ich muß
doch erst was zum Lachen haben."—"Das brauche ich nicht, wenn ich
glücklich bin."—"Bist Du jetzt glücklich, Margit?"—"Lache ich denn
etwa?"—"Ja, das tust Du!"—Er faßte ihre beiden Hände und schlug sie
ineinander, klatsch, klatsch, und sah sie dabei an. Da fing der Hund zu
knurren an, seine Borsten sträubten sich, und er bellte nach unten, lauter
und lauter, zuletzt ganz wütend. Margit lief erschrocken weg, Öyvind aber
sie da ein klein bißchen aufsah und lachte, merkte er, daß sie das lustigste
Hexlein war, dem man je im Walde begegnen konnte; aber doch war er
befangen, und sie war es nicht minder. "Wie groß Du geworden bist!" sagte
sie und meinte eigentlich etwas ganz anderes. Sie wagte allmählich, ihn
genauer anzusehen und lachte immer mehr, und er lachte auch, aber sie
sagten kein Wort. Der Hund hatte sich an den Abhang gesetzt und schaute
auf das Gehöft hinunter. Tore sah den Hundekopf vom Wasser aus und
konnte sich absolut nicht denken, was das da oben auf dem Berge wohl sein
könnte.
Die beiden aber hatten sich jetzt losgelassen und fingen bei kleinem zu
erzählen an. Und als er erst angefangen hatte, kam er bald so ins
Fahrwasser, daß sie über ihn lachen mußte. "Ja, siehst Du, das ist immer so,
wenn ich mich so freue, so richtig freue, siehst Du; und als zwischen uns
beiden alles gut wurde, da war's, als wenn ein Schloß in mir aufsprang,
aufsprang, siehst Du." Sie lachte. Nach einer Weile sagte sie: "Die Briefe,
die Du mir geschrieben hast, kann ich alle beinah auswendig."—"Ich Deine
auch! Aber Du hast immer nur so kurz geschrieben."—"Weil Du immer so
lange Briefe haben wolltest."—"Und wenn ich wollte, wir sollten mehr von
dem einen schreiben, dann rücktest Du immer aus."—"Ich bin am
hübschesten, wenn man bloß den Schwanz sieht", sagt die Waldhexe.
—"Aber Du hast mir nie geschrieben, wie Du Jon Hatlen losgeworden
bist."—"Ich hab' gelacht."—"Was?"—"Gelacht; weißt Du nicht, was lachen
ist?"—"Doch, lachen kann ich."—"Mach' mal vor!"—"Na, so was! Ich muß
doch erst was zum Lachen haben."—"Das brauche ich nicht, wenn ich
glücklich bin."—"Bist Du jetzt glücklich, Margit?"—"Lache ich denn
etwa?"—"Ja, das tust Du!"—Er faßte ihre beiden Hände und schlug sie
ineinander, klatsch, klatsch, und sah sie dabei an. Da fing der Hund zu
knurren an, seine Borsten sträubten sich, und er bellte nach unten, lauter
und lauter, zuletzt ganz wütend. Margit lief erschrocken weg, Öyvind aber
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trat vor und sah hinunter. Das Bellen galt seinem Vater; er stand unten dicht
am Berge, die Hände in den Taschen und sah zu dem Hund hinauf. "Du bist
auch da oben? Was hast Du denn da für einen verrückten Köter?"—"Das ist
ein Hund vom Heidehof", antwortete Öyvind etwas verlegen. "Wie zum
Teufel kommt der da hin?"—Die Mutter aber sah aus dem Küchenfenster,
denn sie hatte den fürchterlichen Lärm gehört; sie ahnte den
Zusammenhang, lachte und sagte: "Der Hund treibt sich immer hier herum;
das ist weiter nichts Besonderes."—"Das ist aber ein ganz gefährlicher
Hund."—"Er ist nicht so schlimm, wenn man ihn streichelt", sagte Öyvind
und liebkoste den Hund; da wurde er still,—er knurrte nur noch. Der Vater
kehrte arglos um, und die beiden waren vor Entdeckung sicher.
"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen waren.
—"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"—"Ich weiß, daß uns jemand
belauern wird."—"Dein Großvater?"—"Natürlich."—"Aber er soll uns
nichts anhaben!"—"Nicht so viel."—"Versprichst Du mir das?"—"Ja, das
verspreche ich, Öyvind."—"Wie hübsch Du bist, Margit!"—"Das sagte der
Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Käse."—"Ich will eben den Käse
auch gern haben."—"Du kriegst ihn aber nicht."—"Ich nehme ihn mir
aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Käse nicht. "Jetzt will
ich Dir mal was sagen, Öyvind!" sie sah ihn von der Seite an.
"Nun?"—"Wie häßlich Du geworden bist!"—"Du wirst mir den Käse
trotzdem geben."—"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder
ab.
"Ich muß jetzt gehen, Öyvind."—"Ich begleite Dich."—"Aber nur durch
den Wald; nachher kann Großvater Dich sehen."—"Ja, nur durch den Wald.
Aber warum läufst Du denn so?"—"Wir können hier doch nicht
nebeneinander gehen."—"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"—"So
fang mich doch!"—Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und
er fing sie.—"Habe ich Dich jetzt für immer gefangen, Margit?" er hatte
am Berge, die Hände in den Taschen und sah zu dem Hund hinauf. "Du bist
auch da oben? Was hast Du denn da für einen verrückten Köter?"—"Das ist
ein Hund vom Heidehof", antwortete Öyvind etwas verlegen. "Wie zum
Teufel kommt der da hin?"—Die Mutter aber sah aus dem Küchenfenster,
denn sie hatte den fürchterlichen Lärm gehört; sie ahnte den
Zusammenhang, lachte und sagte: "Der Hund treibt sich immer hier herum;
das ist weiter nichts Besonderes."—"Das ist aber ein ganz gefährlicher
Hund."—"Er ist nicht so schlimm, wenn man ihn streichelt", sagte Öyvind
und liebkoste den Hund; da wurde er still,—er knurrte nur noch. Der Vater
kehrte arglos um, und die beiden waren vor Entdeckung sicher.
"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen waren.
—"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"—"Ich weiß, daß uns jemand
belauern wird."—"Dein Großvater?"—"Natürlich."—"Aber er soll uns
nichts anhaben!"—"Nicht so viel."—"Versprichst Du mir das?"—"Ja, das
verspreche ich, Öyvind."—"Wie hübsch Du bist, Margit!"—"Das sagte der
Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Käse."—"Ich will eben den Käse
auch gern haben."—"Du kriegst ihn aber nicht."—"Ich nehme ihn mir
aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Käse nicht. "Jetzt will
ich Dir mal was sagen, Öyvind!" sie sah ihn von der Seite an.
"Nun?"—"Wie häßlich Du geworden bist!"—"Du wirst mir den Käse
trotzdem geben."—"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder
ab.
"Ich muß jetzt gehen, Öyvind."—"Ich begleite Dich."—"Aber nur durch
den Wald; nachher kann Großvater Dich sehen."—"Ja, nur durch den Wald.
Aber warum läufst Du denn so?"—"Wir können hier doch nicht
nebeneinander gehen."—"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"—"So
fang mich doch!"—Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und
er fing sie.—"Habe ich Dich jetzt für immer gefangen, Margit?" er hatte
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den Arm um sie gelegt.—"Ich glaube", sagte sie leise und lachte, aber dann
errötete sie und wurde ernst. "Jetzt muß es aber gehen", dachte er, und er
zog sie an sich und wollte sie küssen; doch sie steckte den Kopf unter
seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen den letzten Bäumen blieb
sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?" fragte sie leise. "Morgen,
morgen", rief er ebenso zurück. "Ja, morgen!"—"Leb' wohl!" sie lief weiter.
"Margit!" sie stand still.—"Du, das war fein, daß wir uns zuerst oben auf
dem Berge trafen."—"Ja, das war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr
lange nach; der Hund lief ihr voran und bellte, sie hinterher und
beschwichtigte ihn. Er kehrte um, nahm seine Mütze und warf sie in die
Luft, fing sie und warf sie noch einmal in die Höhe. "Jetzt, glaube ich,
wirklich, ich fange an, froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend
heimwärts.
Zehntes Kapitel
Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer
Magd Heu zusammenrechte, und der Vater und Öyvind es einbrachten, kam
ein barfüßiges, barhäuptiges Bürschchen den Hügel hinuntergesprungen,
lief über die Wiese auf Öyvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein
laufen", sagte Öyvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge. Auf
die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat schleunigst den
Rückzug über den Berg an, denn es komme einer hinter ihm her, sagte er.
Öyvind machte mit vieler Mühe das Zettelchen auf; es war in einen Streifen
zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt, und auf dem Zettel
stand:
errötete sie und wurde ernst. "Jetzt muß es aber gehen", dachte er, und er
zog sie an sich und wollte sie küssen; doch sie steckte den Kopf unter
seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen den letzten Bäumen blieb
sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?" fragte sie leise. "Morgen,
morgen", rief er ebenso zurück. "Ja, morgen!"—"Leb' wohl!" sie lief weiter.
"Margit!" sie stand still.—"Du, das war fein, daß wir uns zuerst oben auf
dem Berge trafen."—"Ja, das war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr
lange nach; der Hund lief ihr voran und bellte, sie hinterher und
beschwichtigte ihn. Er kehrte um, nahm seine Mütze und warf sie in die
Luft, fing sie und warf sie noch einmal in die Höhe. "Jetzt, glaube ich,
wirklich, ich fange an, froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend
heimwärts.
Zehntes Kapitel
Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer
Magd Heu zusammenrechte, und der Vater und Öyvind es einbrachten, kam
ein barfüßiges, barhäuptiges Bürschchen den Hügel hinuntergesprungen,
lief über die Wiese auf Öyvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein
laufen", sagte Öyvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge. Auf
die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat schleunigst den
Rückzug über den Berg an, denn es komme einer hinter ihm her, sagte er.
Öyvind machte mit vieler Mühe das Zettelchen auf; es war in einen Streifen
zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt, und auf dem Zettel
stand:
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"Jetzt ist er im Anmarsch; aber es geht langsam. Lauf in den Wald und
versteck' Dich!
Die Bewußte."
"Nein, das tu' ich nicht", dachte Öyvind und sah trotzig nach dem Hügel
hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum
Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich
wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten hinauf.
Tore lächelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du den?"—"Ja,
den soll man wohl kennen."
Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und Öyvind wußte
es so einzurichten, daß sie immer hintereinander hergingen. Der Alte oben
auf dem Hügel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von
Westen. Er war sehr groß und stark; weil er schlimme Füße hatte, mußte er
mühsam Schritt für Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so dicht
dabei, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm die Mütze
vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Sein
Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine lebhafte,
zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Mund. Seine
Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie über Stock und Stein; doch
ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r, schnarrte es ein paar
Ellen lang und machte zugleich einen mächtigen Sprung. Er hatte in seiner
Jugend für einen lustigen, etwas heißblütigen Menschen gegolten; auf seine
alten Tage war er durch mancherlei Unannehmlichkeiten mißtrauisch und
jähzornig geworden.
Tore und sein Sohn mußten noch verschiedene Male hin und her pendeln,
bis Ole herangestelzt kam; sie wußten beide, daß er nichts Gutes im Schilde
führte, aber um so drolliger war es, daß er nur so langsam herankam. Sie
mußten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise sprechen; doch
versteck' Dich!
Die Bewußte."
"Nein, das tu' ich nicht", dachte Öyvind und sah trotzig nach dem Hügel
hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum
Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich
wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten hinauf.
Tore lächelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du den?"—"Ja,
den soll man wohl kennen."
Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und Öyvind wußte
es so einzurichten, daß sie immer hintereinander hergingen. Der Alte oben
auf dem Hügel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von
Westen. Er war sehr groß und stark; weil er schlimme Füße hatte, mußte er
mühsam Schritt für Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so dicht
dabei, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm die Mütze
vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Sein
Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine lebhafte,
zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Mund. Seine
Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie über Stock und Stein; doch
ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r, schnarrte es ein paar
Ellen lang und machte zugleich einen mächtigen Sprung. Er hatte in seiner
Jugend für einen lustigen, etwas heißblütigen Menschen gegolten; auf seine
alten Tage war er durch mancherlei Unannehmlichkeiten mißtrauisch und
jähzornig geworden.
Tore und sein Sohn mußten noch verschiedene Male hin und her pendeln,
bis Ole herangestelzt kam; sie wußten beide, daß er nichts Gutes im Schilde
führte, aber um so drolliger war es, daß er nur so langsam herankam. Sie
mußten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise sprechen; doch
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auf die Dauer wirkte das komisch. Ein einziges zündendes Wort kann unter
solchen Umständen zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem Lachen eine
Gefahr verbunden ist. Als er schließlich bloß noch ein paar Klafter weit fort
war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind trocken und leise:
"Der Mann muß schwere Ladung haben", und mehr war nicht nötig. "Ich
glaube, Du bist nicht recht klug", flüsterte der Vater, dem das Lachen nahe
war.—"Hm, hm", räusperte sich Ole auf der Höhe. "Er bringt schon seine
Kehle in Ordnung", flüsterte Tore. Öyvind kniete vor dem Heuhaufen hin,
grub das Gesicht hinein und lachte; auch sein Vater bückte sich hinunter.
"Komm in die Scheune", flüsterte er, lud sein Heu auf und trabte davon;
Öyvind bog sich vor Lachen, nahm auch ein kleines Bündel, lief hinterher
und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann; aber
brachte ihn einer zum Lachen, dann gluckste es erst ein bißchen in ihm, und
dann kamen lange, abgebrochene Triller, bis sie sich zu einem einzigen
langen Brüllton vereinigten, worauf dann Welle auf Welle mit immer
längerem Schnaufen hervorbrach. Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen;
der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand dabei, und beide lachten, daß
es schallte. Sie hatten immer mal zwischendurch solchen Lachtag; aber
"diesmal kommt es sehr ungelegen", sagte der Vater. Schließlich wußten sie
gar nicht, was werden sollte, denn der Alte mußte ja inzwischen da sein.
"Ich gehe nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu
schaffen."—"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte Öyvind.—"Hm—hm",
hörten sie es draußen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit
der Faust: "Du machst, daß Du 'rauskommst!"—"Ja, geh Du
voran!"—"Willst Du gleich hingehen!"—"Ja, geh voran!" und sie klopften
sich gegenseitig die Röcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als
sie unten an die Scheunenbrücke kamen, sahen sie Ole an der Küchentür
stehen, als besinne er sich; er hatte Mütze und Stock in einer Hand und
trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel
und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, daß
solchen Umständen zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem Lachen eine
Gefahr verbunden ist. Als er schließlich bloß noch ein paar Klafter weit fort
war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind trocken und leise:
"Der Mann muß schwere Ladung haben", und mehr war nicht nötig. "Ich
glaube, Du bist nicht recht klug", flüsterte der Vater, dem das Lachen nahe
war.—"Hm, hm", räusperte sich Ole auf der Höhe. "Er bringt schon seine
Kehle in Ordnung", flüsterte Tore. Öyvind kniete vor dem Heuhaufen hin,
grub das Gesicht hinein und lachte; auch sein Vater bückte sich hinunter.
"Komm in die Scheune", flüsterte er, lud sein Heu auf und trabte davon;
Öyvind bog sich vor Lachen, nahm auch ein kleines Bündel, lief hinterher
und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann; aber
brachte ihn einer zum Lachen, dann gluckste es erst ein bißchen in ihm, und
dann kamen lange, abgebrochene Triller, bis sie sich zu einem einzigen
langen Brüllton vereinigten, worauf dann Welle auf Welle mit immer
längerem Schnaufen hervorbrach. Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen;
der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand dabei, und beide lachten, daß
es schallte. Sie hatten immer mal zwischendurch solchen Lachtag; aber
"diesmal kommt es sehr ungelegen", sagte der Vater. Schließlich wußten sie
gar nicht, was werden sollte, denn der Alte mußte ja inzwischen da sein.
"Ich gehe nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu
schaffen."—"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte Öyvind.—"Hm—hm",
hörten sie es draußen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit
der Faust: "Du machst, daß Du 'rauskommst!"—"Ja, geh Du
voran!"—"Willst Du gleich hingehen!"—"Ja, geh voran!" und sie klopften
sich gegenseitig die Röcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als
sie unten an die Scheunenbrücke kamen, sahen sie Ole an der Küchentür
stehen, als besinne er sich; er hatte Mütze und Stock in einer Hand und
trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel
und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, daß
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sie wie Stacheln abstanden. Öyvind hielt sich dicht hinter dem Vater; dieser
mußte also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen, sagte er
mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?" Ole drehte
sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mütze zurecht, bis er antwortete:
"Ja, scheint so!"—"Du bist gewiß müde; willst Du nicht
hereinkommen?"—"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschäft
dauert nicht lange."—Da klinkte jemand die Küchentür auf, zwischen der
Frau in der Tür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die
Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mütze zu
groß geworden. Um sehen zu können, bog er den Kopf ganz hintenüber;
den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Seite,
wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie nur halb
von sich und ließ sie in dieser Stellung, um gewissermaßen seiner Würde
nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir steht?" fragte er
mit rauher Stimme. "Ich denke."—"Öyvind heißt er, nicht?"—"Ja, er heißt
Öyvind."—"Er ist auf einer Ackerbauschule da unten im Süden
gewesen?"—"So was war's ja wohl."—"Na, das Mädel, meine Großtochter,
die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrückt geworden."—"Das wär'
schlimm."—"Sie will nicht heiraten."—"Na nu?"—"Sie will keinen von den
Bauernsöhnen, die sich um sie bemühen."—"Ach so!"—"Aber der da ist
schuld dran."—"Soo?"—"Er hat ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein
Sohn Öyvind."—"Teufel auch!"—"Siehst Du, ich mag nicht, daß mir einer
meine Pferde stiehlt, wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch
nicht, daß mir einer meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das
mag ich ganz und gar nicht."—"Nein, das versteht sich!"—"Ich kann nicht
hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."—"Nein,
nein!"—"Siehst Du, bei mir muß alles seine Art haben; hier muß der
Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll
gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tür, da
in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu ihr
mußte also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen, sagte er
mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?" Ole drehte
sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mütze zurecht, bis er antwortete:
"Ja, scheint so!"—"Du bist gewiß müde; willst Du nicht
hereinkommen?"—"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschäft
dauert nicht lange."—Da klinkte jemand die Küchentür auf, zwischen der
Frau in der Tür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die
Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mütze zu
groß geworden. Um sehen zu können, bog er den Kopf ganz hintenüber;
den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Seite,
wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie nur halb
von sich und ließ sie in dieser Stellung, um gewissermaßen seiner Würde
nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir steht?" fragte er
mit rauher Stimme. "Ich denke."—"Öyvind heißt er, nicht?"—"Ja, er heißt
Öyvind."—"Er ist auf einer Ackerbauschule da unten im Süden
gewesen?"—"So was war's ja wohl."—"Na, das Mädel, meine Großtochter,
die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrückt geworden."—"Das wär'
schlimm."—"Sie will nicht heiraten."—"Na nu?"—"Sie will keinen von den
Bauernsöhnen, die sich um sie bemühen."—"Ach so!"—"Aber der da ist
schuld dran."—"Soo?"—"Er hat ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein
Sohn Öyvind."—"Teufel auch!"—"Siehst Du, ich mag nicht, daß mir einer
meine Pferde stiehlt, wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch
nicht, daß mir einer meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das
mag ich ganz und gar nicht."—"Nein, das versteht sich!"—"Ich kann nicht
hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."—"Nein,
nein!"—"Siehst Du, bei mir muß alles seine Art haben; hier muß der
Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll
gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tür, da
in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu ihr
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sage: nicht der, sondern jener,—dann soll es eben auch der sein—und nicht
jener!"—"Ganz richtig."—"Aber so ist das nicht; drei Jahre lang hat sie
nein gesagt, und seit drei Jahren können wir uns nicht mehr vertragen. Das
ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist, so kann ich ihm sagen, daß
Du, sein Vater, es hörst: es nützt ihm alles nichts; es ist Schluß."—"Ja, ja."
Ole sah Tore eine Weile an, dann sagte er: "Du bist ja so kurz
angebunden."—"Länger ist die Wurst eben nicht!"
Da mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut
war. Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des
Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worüber lachst Du?" fragte Ole
kurz und scharf.—"Ich?"—"Lachst Du über mich?"—"Gott bewahre!" aber
seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und er
wurde ganz wütend. Tore und Öyvind wollten es wieder gut machen durch
ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein
dreijahrelanger Ärger mußte sich Luft machen, und der ließ sich nicht
eindämmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an,
"ich bin in meinem Recht; ich sorge für das Glück meiner Enkelin, so gut
ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lümmels soll mich nicht hindern.
Man zieht keine Mädels groß, um sie in die erste beste Kate, die sich auftut,
hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof vor, um das
alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mädel den Kopf
verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis sie an einen
Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode soff, und ich mußte
das Kind zu mir nehmen und den Spaß bezahlen; aber gnade Gott, wenn es
mit meiner Großtochter ebenso gehen sollte, jetzt weißt Du's.—Ich will Dir
sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof bin, eher wird der Pfarrer
das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen, ehe er Margit und Dich, Du
Scheusal, aufbieten soll.—Du willst wohl alle anständigen Freier vom Hof
weggraulen? Versuch's nur und komm, dann fliegst Du den Berg 'runter, daß
Dir die Schuhe um die Ohren schlagen. Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich
jener!"—"Ganz richtig."—"Aber so ist das nicht; drei Jahre lang hat sie
nein gesagt, und seit drei Jahren können wir uns nicht mehr vertragen. Das
ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist, so kann ich ihm sagen, daß
Du, sein Vater, es hörst: es nützt ihm alles nichts; es ist Schluß."—"Ja, ja."
Ole sah Tore eine Weile an, dann sagte er: "Du bist ja so kurz
angebunden."—"Länger ist die Wurst eben nicht!"
Da mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut
war. Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des
Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worüber lachst Du?" fragte Ole
kurz und scharf.—"Ich?"—"Lachst Du über mich?"—"Gott bewahre!" aber
seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und er
wurde ganz wütend. Tore und Öyvind wollten es wieder gut machen durch
ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein
dreijahrelanger Ärger mußte sich Luft machen, und der ließ sich nicht
eindämmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an,
"ich bin in meinem Recht; ich sorge für das Glück meiner Enkelin, so gut
ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lümmels soll mich nicht hindern.
Man zieht keine Mädels groß, um sie in die erste beste Kate, die sich auftut,
hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof vor, um das
alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mädel den Kopf
verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis sie an einen
Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode soff, und ich mußte
das Kind zu mir nehmen und den Spaß bezahlen; aber gnade Gott, wenn es
mit meiner Großtochter ebenso gehen sollte, jetzt weißt Du's.—Ich will Dir
sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof bin, eher wird der Pfarrer
das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen, ehe er Margit und Dich, Du
Scheusal, aufbieten soll.—Du willst wohl alle anständigen Freier vom Hof
weggraulen? Versuch's nur und komm, dann fliegst Du den Berg 'runter, daß
Dir die Schuhe um die Ohren schlagen. Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich
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weiß nicht, was Ihr denkt, Du und das Mädel,—Ihr denkt, der alte Ole
Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem
Kirchhof—und dann—hast du nicht gesehen—wollt Ihr vor den Altar. Ich
habe jetzt sechsundsechzig Jahre gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel,
daß ich lebe, bis Ihr alle beide die Gelbsucht darüber kriegt! Meinetwegen
kannst Du Dich wie Neuschnee ums Haus legen, aber nicht mal ihre
Fußsohlen wirst Du zu sehen bekommen, denn ich schick' sie weg; ich
schicke sie wohin, wo sie sicher ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne
Lachmöve 'rum flattern und Dich mit Regen und Nordwind verheiraten.
Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen; aber jetzt kennst Du, sein Vater,
meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes willst, das hier auf dem Spiel
steht, dann sorg' dafür, daß er den Fluß so gräbt, wie das Wasser laufen
kann; über mein Eigentum geht kein Weg."—Er ging mit kleinen, raschen
Schritten zurück, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken
und leise vor sich hinschimpfte.
Die Zurückbleibenden waren plötzlich sehr ernst geworden; eine böse
Ahnung hatte sich in ihr Lachen und Scherzen gemischt, und still war's
einen Augenblick im Hause wie nach einem großen Schrecken. Die Mutter,
die in der Küchentür alles mitangehört hatte, sah Öyvind bekümmert an; die
Tränen waren ihr nahe, aber sie wollte ihm das Herz nicht durch irgend ein
Wort noch schwerer machen. Als sie alle schweigend hineingegangen
waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit tiefernsten Blicken
nach. Öyvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen, denn mit dem ersten
Wort, das er sprechen würde, mußte sich die Zukunft der beiden jungen
Menschen entscheiden. Setzte Tore sein Nein gegen das Oles, so war kaum
daran vorbeizukommen. Seine Gedanken liefen geängstigt von einem
Hindernis zum andern; er sah einen Augenblick nichts als Armut,
Widrigkeiten, Mißverständnisse und gekränktes Ehrgefühl, und alles
wankte und wich vor seinen Augen. Seine Unruhe wuchs, weil die Mutter
so dastand, die Hand an der Klinke der Küchentür, ungewiß, ob sie den Mut
Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem
Kirchhof—und dann—hast du nicht gesehen—wollt Ihr vor den Altar. Ich
habe jetzt sechsundsechzig Jahre gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel,
daß ich lebe, bis Ihr alle beide die Gelbsucht darüber kriegt! Meinetwegen
kannst Du Dich wie Neuschnee ums Haus legen, aber nicht mal ihre
Fußsohlen wirst Du zu sehen bekommen, denn ich schick' sie weg; ich
schicke sie wohin, wo sie sicher ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne
Lachmöve 'rum flattern und Dich mit Regen und Nordwind verheiraten.
Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen; aber jetzt kennst Du, sein Vater,
meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes willst, das hier auf dem Spiel
steht, dann sorg' dafür, daß er den Fluß so gräbt, wie das Wasser laufen
kann; über mein Eigentum geht kein Weg."—Er ging mit kleinen, raschen
Schritten zurück, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken
und leise vor sich hinschimpfte.
Die Zurückbleibenden waren plötzlich sehr ernst geworden; eine böse
Ahnung hatte sich in ihr Lachen und Scherzen gemischt, und still war's
einen Augenblick im Hause wie nach einem großen Schrecken. Die Mutter,
die in der Küchentür alles mitangehört hatte, sah Öyvind bekümmert an; die
Tränen waren ihr nahe, aber sie wollte ihm das Herz nicht durch irgend ein
Wort noch schwerer machen. Als sie alle schweigend hineingegangen
waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit tiefernsten Blicken
nach. Öyvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen, denn mit dem ersten
Wort, das er sprechen würde, mußte sich die Zukunft der beiden jungen
Menschen entscheiden. Setzte Tore sein Nein gegen das Oles, so war kaum
daran vorbeizukommen. Seine Gedanken liefen geängstigt von einem
Hindernis zum andern; er sah einen Augenblick nichts als Armut,
Widrigkeiten, Mißverständnisse und gekränktes Ehrgefühl, und alles
wankte und wich vor seinen Augen. Seine Unruhe wuchs, weil die Mutter
so dastand, die Hand an der Klinke der Küchentür, ungewiß, ob sie den Mut
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finden würde, dazubleiben und die Aussprache abzuwarten, bis sie zuletzt
alle Courage verlor und hinausschlich. Öyvind sah unverwandt seinen Vater
an, dessen Auge scheinbar nicht wieder in die Stube zurückfinden konnte;
der Sohn wagte nichts zu sagen, denn der andere mußte erst mit seinen
Gedanken zu Ende sein. Aber gerade jetzt hatte seine Seele den Kreis der
Angst durchlaufen und raffte sich wieder auf: "niemand als Gott allein
vermag uns schließlich zu trennen", dachte er bei sich selbst und blickte auf
die gerunzelten Brauen seines Vaters;—jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte
schwer, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick seines Sohnes. Er
blieb stehen und sah ihn lange an.—"Mein Wille wäre, daß Du von ihr
ließest, denn man soll sich nie etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst Du aber
nicht von ihr lassen, so kannst Du mir's gelegentlich sagen; vielleicht kann
ich Dir dann helfen." Er ging an seine Arbeit, und sein Sohn folgte ihm.
Am Abend aber war Öyvind mit seinem Plan im reinen; er wollte sich um
die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den
Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. "Bleibt sie fest, dann
werde ich sie mir mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit erringen."
Er wartete diesen Abend vergebens auf Margit, aber er sang, während er
dort auf- und abging, sein Lieblingslied:
Hoch den Kopf, du frischer Gesell!
Schwand eine Hoffnung, wird dir schnell
Vor Augen die neue glühen
Und flugs entflammen und sprühen.
Hoch den Kopf, blicke weit und frei!
Etwas ist da, das ruft: "komm herbei!"
Mit tausend Zungen, die preisen
Den Frohmut in sieghaften Weisen.
alle Courage verlor und hinausschlich. Öyvind sah unverwandt seinen Vater
an, dessen Auge scheinbar nicht wieder in die Stube zurückfinden konnte;
der Sohn wagte nichts zu sagen, denn der andere mußte erst mit seinen
Gedanken zu Ende sein. Aber gerade jetzt hatte seine Seele den Kreis der
Angst durchlaufen und raffte sich wieder auf: "niemand als Gott allein
vermag uns schließlich zu trennen", dachte er bei sich selbst und blickte auf
die gerunzelten Brauen seines Vaters;—jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte
schwer, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick seines Sohnes. Er
blieb stehen und sah ihn lange an.—"Mein Wille wäre, daß Du von ihr
ließest, denn man soll sich nie etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst Du aber
nicht von ihr lassen, so kannst Du mir's gelegentlich sagen; vielleicht kann
ich Dir dann helfen." Er ging an seine Arbeit, und sein Sohn folgte ihm.
Am Abend aber war Öyvind mit seinem Plan im reinen; er wollte sich um
die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den
Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. "Bleibt sie fest, dann
werde ich sie mir mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit erringen."
Er wartete diesen Abend vergebens auf Margit, aber er sang, während er
dort auf- und abging, sein Lieblingslied:
Hoch den Kopf, du frischer Gesell!
Schwand eine Hoffnung, wird dir schnell
Vor Augen die neue glühen
Und flugs entflammen und sprühen.
Hoch den Kopf, blicke weit und frei!
Etwas ist da, das ruft: "komm herbei!"
Mit tausend Zungen, die preisen
Den Frohmut in sieghaften Weisen.
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Hoch den Kopf; denn im Herzensgrund
Blauet auch dir ein Himmelsrund,
Drin Jubelchöre und Schwingen
Bei Harfenakkorden klingen.
Hoch den Kopf und sing es heraus!
Nie erstickst du des Frühlings Braus;
Doch, wo die Kräfte gären,
Da treiben die Halme bald Ähren.
Hoch den Kopf, laß Paten dir fein
Droben die Hoffnungsstrahlen sein,
Die Welten umwölben, die beben
In jedem Fünklein Leben.
Elftes Kapitel
In der Mittagspause war's; auf den großen Heidehöfen schliefen die
Leute. Das Heu lag auf den Wiesen aufgeworfen und die Rechen staken in
der Erde. Vor dem Scheunentor standen die Heuwagen, das abgezäumte
Sattelzeug lag daneben, und die Pferde waren eine Strecke weiter
angebunden. Außer ihnen und ein paar Hühnern, die auf die Äcker
hinausgelaufen waren, war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.
In dem Felsen jenseits der Höfe war eine Kluft; von da führte der Weg zu
den Heidehofalmen, großen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft
stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter
ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den
Felsen gegraben hatte; um diesen See herum führten zu beiden Seiten die
Blauet auch dir ein Himmelsrund,
Drin Jubelchöre und Schwingen
Bei Harfenakkorden klingen.
Hoch den Kopf und sing es heraus!
Nie erstickst du des Frühlings Braus;
Doch, wo die Kräfte gären,
Da treiben die Halme bald Ähren.
Hoch den Kopf, laß Paten dir fein
Droben die Hoffnungsstrahlen sein,
Die Welten umwölben, die beben
In jedem Fünklein Leben.
Elftes Kapitel
In der Mittagspause war's; auf den großen Heidehöfen schliefen die
Leute. Das Heu lag auf den Wiesen aufgeworfen und die Rechen staken in
der Erde. Vor dem Scheunentor standen die Heuwagen, das abgezäumte
Sattelzeug lag daneben, und die Pferde waren eine Strecke weiter
angebunden. Außer ihnen und ein paar Hühnern, die auf die Äcker
hinausgelaufen waren, war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.
In dem Felsen jenseits der Höfe war eine Kluft; von da führte der Weg zu
den Heidehofalmen, großen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft
stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter
ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den
Felsen gegraben hatte; um diesen See herum führten zu beiden Seiten die
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Viehsteige nach den Almen hinüber, die man in der Ferne sehen konnte.
Jodeln und Gekläff klang zu ihm hin, die Kuhglocken läuteten auf den
Höhen; denn die Kühe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und
Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Kühe machten
die wunderlichsten Grimassen und Sprünge und liefen mit kurzem,
wütendem Gebrüll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein;
da blieben sie stehen; ihre Glocken läuteten bei jeder Kopfbewegung über
den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen,
und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten
Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig aus,
prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen sich
dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht
mit; sie schlichen träge umher mit hängendem Kopf und brennenden
Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hängen
war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der
Mägde und dem Läuten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt;
die Sonne brannte auf die Halden, daß alles in der Hitze erstickte.
Öyvind war's, der da oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in
Hemdärmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war
auf dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmählich wurde ihm
ängstlich zumute; da kam plötzlich ein großer Hund schwerfällig auf
Nordistuen aus einer Tür, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln. Sie
lief über die Wiesen den Berg hinan; er hatte große Lust, ihr zuzujauchzen,
aber er wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch
keiner komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang
ein paarmal ungeduldig auf.
Dann war sie endlich mühsam am Bach heraufgeklommen, der Hund
dicht vor ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebüsch fest, aber
ihre Schritte wurden immer müder. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund
Jodeln und Gekläff klang zu ihm hin, die Kuhglocken läuteten auf den
Höhen; denn die Kühe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und
Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Kühe machten
die wunderlichsten Grimassen und Sprünge und liefen mit kurzem,
wütendem Gebrüll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein;
da blieben sie stehen; ihre Glocken läuteten bei jeder Kopfbewegung über
den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen,
und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten
Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig aus,
prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen sich
dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht
mit; sie schlichen träge umher mit hängendem Kopf und brennenden
Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hängen
war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der
Mägde und dem Läuten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt;
die Sonne brannte auf die Halden, daß alles in der Hitze erstickte.
Öyvind war's, der da oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in
Hemdärmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war
auf dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmählich wurde ihm
ängstlich zumute; da kam plötzlich ein großer Hund schwerfällig auf
Nordistuen aus einer Tür, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln. Sie
lief über die Wiesen den Berg hinan; er hatte große Lust, ihr zuzujauchzen,
aber er wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch
keiner komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang
ein paarmal ungeduldig auf.
Dann war sie endlich mühsam am Bach heraufgeklommen, der Hund
dicht vor ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebüsch fest, aber
ihre Schritte wurden immer müder. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund
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knurrte, wurde aber gleich zum Schweigen gebracht; als Margit ihn
kommen sah, setzte sie sich rot wie Blut, müde und abgespannt von der
Hitze auf einen großen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich
danke Dir, daß Du kommst."—"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du
lange gewartet?"—"Nein! Wenn man uns abends aufpaßt, müssen wir eben
die Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht
mehr so heimlich und umständlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darüber
reden."—"Nicht heimlich?"—"Ich weiß ja, Dir gefällt gerade das Heimliche
am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute viel mit
Dir zu besprechen, und Du mußt gut zuhören."—"Ist es wahr, daß Du
Amtsagronom werden willst?"—"Ja, und ich werde es auch erreichen. Ich
habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu bekommen,
außerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was Deinem
Großvater auffallen muß. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Bauern
hier auf den Heidehöfen junge Leute sind, die Verbesserungen einführen
möchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie auch. Da fange ich an;
ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhställen an bis zu ihren
Wasserleitungen; ich werde Vorträge halten und arbeiten und den Alten
sozusagen durch gute Taten bekehren."—"Das ist fein; weiter,
Öyvind!"—"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht fort."—"Wenn
er es aber befiehlt?"—"Und nichts mehr verheimlichen was uns beide
angeht."—"Und wenn er mich quält?"—"Wir erreichen nämlich mehr und
können uns besser schützen, wenn wir alles öffentlich tun. Wir wollen
gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon reden, wie
lieb wir uns haben; um so eher wünschen sie, daß es uns gut geht. Du darfst
nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung, und es kann allerhand
Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt man's nicht, aber
nachher im zweiten leuchtet es einem so allmählich ein. Wir beide wollen
uns einmal in der Woche treffen und alles Böse hinweglachen, das man
zwischen uns säen will; wir treffen uns auch beim Tanz und treten den Takt,
kommen sah, setzte sie sich rot wie Blut, müde und abgespannt von der
Hitze auf einen großen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich
danke Dir, daß Du kommst."—"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du
lange gewartet?"—"Nein! Wenn man uns abends aufpaßt, müssen wir eben
die Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht
mehr so heimlich und umständlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darüber
reden."—"Nicht heimlich?"—"Ich weiß ja, Dir gefällt gerade das Heimliche
am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute viel mit
Dir zu besprechen, und Du mußt gut zuhören."—"Ist es wahr, daß Du
Amtsagronom werden willst?"—"Ja, und ich werde es auch erreichen. Ich
habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu bekommen,
außerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was Deinem
Großvater auffallen muß. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Bauern
hier auf den Heidehöfen junge Leute sind, die Verbesserungen einführen
möchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie auch. Da fange ich an;
ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhställen an bis zu ihren
Wasserleitungen; ich werde Vorträge halten und arbeiten und den Alten
sozusagen durch gute Taten bekehren."—"Das ist fein; weiter,
Öyvind!"—"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht fort."—"Wenn
er es aber befiehlt?"—"Und nichts mehr verheimlichen was uns beide
angeht."—"Und wenn er mich quält?"—"Wir erreichen nämlich mehr und
können uns besser schützen, wenn wir alles öffentlich tun. Wir wollen
gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon reden, wie
lieb wir uns haben; um so eher wünschen sie, daß es uns gut geht. Du darfst
nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung, und es kann allerhand
Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt man's nicht, aber
nachher im zweiten leuchtet es einem so allmählich ein. Wir beide wollen
uns einmal in der Woche treffen und alles Böse hinweglachen, das man
zwischen uns säen will; wir treffen uns auch beim Tanz und treten den Takt,
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daß es nur so klappt, während alle unsere Verleumder um uns herumsitzen.
Wir treffen uns in der Kirche und nicken uns zu, daß auch die es sehen, die
uns hundert Meilen auseinander haben möchten. Macht einer einen Vers auf
uns, dann setzen wir uns hin und versuchen, eine Antwort drauf zu machen;
das wird schon gehen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns
was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß
wir es tun. Unglücklich in der Liebe können bloß die furchtsamen Leute
sein oder die Schwachen und Kranken und die Berechnenden, die immer
auf eine bestimmte Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schließlich
sich an ihrer eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich
nicht so lieb haben, daß sie Stand oder Unterschied darüber vergessen,—die
verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende
halten sie diese Angst, diese beständige Unruhe und das Prickeln im Blut
für Liebe, fühlen sich unglücklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn die
sich richtig lieb hätten, so hätten sie eben keine Angst; dann würden sie
lachen und, offen in jedem Lächeln und jedem Wort, geradenwegs auf die
Kirchtür zugehen. Ich habe darüber in den Büchern gelesen und habe es
selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's
jämmerlich bestellt. Die Liebe muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in
Scheu beginnt,—aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt.
Das ist wie beim jungen Laub. Was wachsen will, das kann sich auch nicht
verbergen, und immer wirst Du bemerken, daß alles Dürre am Baum in
derselben Stunde abfällt, da das Laub knospen und keimen will. Einer, über
den die Liebe kommt, wirft alles hin, was er an altem toten Kram noch
festhielt; die Säfte schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken?
Hei, Mädel, die sollen sich mitfreuen, wenn sie uns fröhlich sehen. Zwei
Brautleute, die sich treu bleiben, sind eine Wohltat für das Volk, denn sie
schenken ihm ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen
Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen;
auch hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer,
Wir treffen uns in der Kirche und nicken uns zu, daß auch die es sehen, die
uns hundert Meilen auseinander haben möchten. Macht einer einen Vers auf
uns, dann setzen wir uns hin und versuchen, eine Antwort drauf zu machen;
das wird schon gehen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns
was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß
wir es tun. Unglücklich in der Liebe können bloß die furchtsamen Leute
sein oder die Schwachen und Kranken und die Berechnenden, die immer
auf eine bestimmte Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schließlich
sich an ihrer eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich
nicht so lieb haben, daß sie Stand oder Unterschied darüber vergessen,—die
verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende
halten sie diese Angst, diese beständige Unruhe und das Prickeln im Blut
für Liebe, fühlen sich unglücklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn die
sich richtig lieb hätten, so hätten sie eben keine Angst; dann würden sie
lachen und, offen in jedem Lächeln und jedem Wort, geradenwegs auf die
Kirchtür zugehen. Ich habe darüber in den Büchern gelesen und habe es
selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's
jämmerlich bestellt. Die Liebe muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in
Scheu beginnt,—aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt.
Das ist wie beim jungen Laub. Was wachsen will, das kann sich auch nicht
verbergen, und immer wirst Du bemerken, daß alles Dürre am Baum in
derselben Stunde abfällt, da das Laub knospen und keimen will. Einer, über
den die Liebe kommt, wirft alles hin, was er an altem toten Kram noch
festhielt; die Säfte schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken?
Hei, Mädel, die sollen sich mitfreuen, wenn sie uns fröhlich sehen. Zwei
Brautleute, die sich treu bleiben, sind eine Wohltat für das Volk, denn sie
schenken ihm ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen
Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen;
auch hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer,
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die einst alles Schlimme verschuldet haben, erzählen jetzt davon und
weinen darüber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,—so, ja,
und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,—so, ja, und
dann wird's schon gehen, hurra!—" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie
drehte den Kopf zur Seite und ließ sich vom Stein heruntergleiten.
Er blieb sitzen; sie kam zurück, stützte die Arme auf seine Knie und sah
zu ihm auf, während sie mit ihm sprach. "Hör' mal, Öyvind, wenn er nun
will, ich soll fort, was dann?"—"Dann sagst Du nein, frei heraus."—"Geht
denn das, Schatz?"—"Er kann Dich doch nicht selbst auf den Wagen
setzen!"—"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch viele andere
Mittel, wodurch er mich zwingen kann."—"Das glaube ich nicht; Gehorsam
bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Sünde von Dir verlangt; aber
Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu sagen, wie schwer es diesmal
für Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine, er kommt zur Vernunft, wenn er
das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie die meisten, es ist bloß Kinderei.
Zeige ihm, daß es mehr ist."—"Mit ihm ist ja nicht zu spaßen. Er bewacht
mich wie 'ne angebundene Ziege."—"Du reißt Dich aber ein paarmal am
Tage los."—"Das ist nicht wahr."—"Doch, immer wenn Du heimlich an
mich denkst, reißt Du Dich los."—"Ja dann. Aber weißt Du denn bestimmt,
daß ich so oft an Dich denke?"—"Sonst wärst Du ja nicht hier."—"Aber Du
hast mir doch sagen lassen, ich solle kommen."—"Du gingst aber doch,
weil Deine Gedanken Dich dazu trieben!"—"Nein, bloß weil das Wetter so
schön war."—"Du sagtest vorhin, es sei zu heiß."—"Zum Bergauf gehen,
ja; aber bergab nicht."—"Warum gingst Du denn hinauf?"—"Um wieder
hinunterlaufen zu können!"—"Warum hast Du das nicht schon lange
getan?"—"Weil ich mich erst ausruhen mußte."—"Und mit mir von Liebe
reden?"—"Ich konnte Dir doch die Freude machen, zuzuhören."—"Beim
Vogelsang."—"Wo alles ruht."—"Und beim Glockenklang."—"In
Waldeshut."
weinen darüber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,—so, ja,
und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,—so, ja, und
dann wird's schon gehen, hurra!—" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie
drehte den Kopf zur Seite und ließ sich vom Stein heruntergleiten.
Er blieb sitzen; sie kam zurück, stützte die Arme auf seine Knie und sah
zu ihm auf, während sie mit ihm sprach. "Hör' mal, Öyvind, wenn er nun
will, ich soll fort, was dann?"—"Dann sagst Du nein, frei heraus."—"Geht
denn das, Schatz?"—"Er kann Dich doch nicht selbst auf den Wagen
setzen!"—"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch viele andere
Mittel, wodurch er mich zwingen kann."—"Das glaube ich nicht; Gehorsam
bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Sünde von Dir verlangt; aber
Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu sagen, wie schwer es diesmal
für Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine, er kommt zur Vernunft, wenn er
das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie die meisten, es ist bloß Kinderei.
Zeige ihm, daß es mehr ist."—"Mit ihm ist ja nicht zu spaßen. Er bewacht
mich wie 'ne angebundene Ziege."—"Du reißt Dich aber ein paarmal am
Tage los."—"Das ist nicht wahr."—"Doch, immer wenn Du heimlich an
mich denkst, reißt Du Dich los."—"Ja dann. Aber weißt Du denn bestimmt,
daß ich so oft an Dich denke?"—"Sonst wärst Du ja nicht hier."—"Aber Du
hast mir doch sagen lassen, ich solle kommen."—"Du gingst aber doch,
weil Deine Gedanken Dich dazu trieben!"—"Nein, bloß weil das Wetter so
schön war."—"Du sagtest vorhin, es sei zu heiß."—"Zum Bergauf gehen,
ja; aber bergab nicht."—"Warum gingst Du denn hinauf?"—"Um wieder
hinunterlaufen zu können!"—"Warum hast Du das nicht schon lange
getan?"—"Weil ich mich erst ausruhen mußte."—"Und mit mir von Liebe
reden?"—"Ich konnte Dir doch die Freude machen, zuzuhören."—"Beim
Vogelsang."—"Wo alles ruht."—"Und beim Glockenklang."—"In
Waldeshut."
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In diesem Augenblick sahen die beiden Margits Großvater auf den Hof
gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute
zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Häusern
heraus, gingen schläfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten sich
über das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und Arbeit. Nur
der Großvater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf die höchste
Scheunenbrücke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge kam auf ihn
zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge lief dann
wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der Großvater ging
inzwischen rund ums Gehöft und blickte dabei häufig in die Höhe; ihm
dämmerte wohl, daß das Schwarze da oben auf dem "Großen Stein" Margit
und Öyvind seien. Und wieder war Margits großer Hund hinderlich. Er sah
ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da er dachte, es gehöre
zu seinem Geschäft als Hofhund, fing er aus Leibeskräften zu bellen an. Sie
suchten den Hund zu beschwichtigen, aber er war wütend geworden und
wollte nicht aufhören, unten stand der Großvater und starrte in die Luft.
Aber es wurde noch schlimmer, denn die Hunde von der Alm hörten mit
Verwunderung die fremde Stimme und kamen herzugelaufen. Als sie sahen,
daß es ein großer, wolfähnlicher Riese war, verbündeten sich die zottigen
Finnenhunde gegen diesen einen; Margit bekam solche Angst, daß sie ohne
Adieu davonlief; mitten auf dem Schlachtfeld stand Öyvind und trat und
schlug um sich, aber sie flüchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter
grausigem Geheul und Gekläff ein Stück weiter wieder zusammenzurotten;
er wieder hinter ihnen her, und so zogen sie allmählich zum Bachabhang
hin; da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle miteinander ins
Wasser purzelten, gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da
rannten sie beschämt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde.
Öyvind ging quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstraße kam, Margit
aber lief ihrem Großvater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund
ihr eingebrockt.
gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute
zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Häusern
heraus, gingen schläfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten sich
über das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und Arbeit. Nur
der Großvater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf die höchste
Scheunenbrücke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge kam auf ihn
zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge lief dann
wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der Großvater ging
inzwischen rund ums Gehöft und blickte dabei häufig in die Höhe; ihm
dämmerte wohl, daß das Schwarze da oben auf dem "Großen Stein" Margit
und Öyvind seien. Und wieder war Margits großer Hund hinderlich. Er sah
ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da er dachte, es gehöre
zu seinem Geschäft als Hofhund, fing er aus Leibeskräften zu bellen an. Sie
suchten den Hund zu beschwichtigen, aber er war wütend geworden und
wollte nicht aufhören, unten stand der Großvater und starrte in die Luft.
Aber es wurde noch schlimmer, denn die Hunde von der Alm hörten mit
Verwunderung die fremde Stimme und kamen herzugelaufen. Als sie sahen,
daß es ein großer, wolfähnlicher Riese war, verbündeten sich die zottigen
Finnenhunde gegen diesen einen; Margit bekam solche Angst, daß sie ohne
Adieu davonlief; mitten auf dem Schlachtfeld stand Öyvind und trat und
schlug um sich, aber sie flüchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter
grausigem Geheul und Gekläff ein Stück weiter wieder zusammenzurotten;
er wieder hinter ihnen her, und so zogen sie allmählich zum Bachabhang
hin; da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle miteinander ins
Wasser purzelten, gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da
rannten sie beschämt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde.
Öyvind ging quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstraße kam, Margit
aber lief ihrem Großvater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund
ihr eingebrockt.
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"Wo kommst Du her?"—"Aus dem Wald!"—"Was hast Du da
gemacht?"—"Beeren gepflückt."—"Das ist nicht wahr!"—"Nein, das ist es
auch nicht!"—"Was hast Du denn gemacht?"—"Ich habe mit einem
geredet."—"Mit dem Pladsenbengel?"—"Ja."—"Hör' mal, Margit, morgen
reist Du—"—"Nein."—"Hör' mal, Margit, ich will Dir bloß eins sagen, bloß
das eine: Du wirst reisen."—"Du kannst mich doch nicht selbst in den
Wagen setzen?"—"So? Kann ich das nicht?"—"Nein, denn das willst Du
nicht,"—"Will ich nicht? Hör' mal, Margit, bloß zum Spaß, siehst Du, bloß
zum Spaß will ich Dir sagen, daß ich dem Lausbuben die Knochen im
Leibe entzwei schlagen werde."—"Das wagst Du aber doch nicht."—"Das
wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was
tun?"—"Der Schulmeister."—"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du,
der kümmert sich um den?"—"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule
geschickt."—"Der Schulmeister?"—"Der Schulmeister!"
"Hör', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier
weg. Du machst mir bloß Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter,
bloß Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt
sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen für einen Narren gehalten
werden; ich will bloß Dein Bestes; das mußt Du doch zugeben, Margit.
Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wäre es Deiner Mutter
ergangen, wenn ich nicht gewesen wäre? Hör', Margit, sei vernünftig—hör',
was ich sage; ich will bloß Dein Bestes."—"Nein, das willst Du
nicht."—"So? Was will ich denn?"—"Deinen Willen durchsetzen, das willst
Du; aber nach meinem fragst Du nicht."—"Du willst auch schon 'nen
Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was zu Deinem
Besten ist, Du dummes Mädel? Ich werd' Dir mal den Stock zu schmecken
geben, ja, das werd' ich, so groß und lang Du bist. Hör', Margit, ich will
noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar nicht so dumm—
das ist bloß 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich hören, ich bin ein
alter, vernünftiger Mann. Wir wollen noch mal im Guten drüber reden; mit
gemacht?"—"Beeren gepflückt."—"Das ist nicht wahr!"—"Nein, das ist es
auch nicht!"—"Was hast Du denn gemacht?"—"Ich habe mit einem
geredet."—"Mit dem Pladsenbengel?"—"Ja."—"Hör' mal, Margit, morgen
reist Du—"—"Nein."—"Hör' mal, Margit, ich will Dir bloß eins sagen, bloß
das eine: Du wirst reisen."—"Du kannst mich doch nicht selbst in den
Wagen setzen?"—"So? Kann ich das nicht?"—"Nein, denn das willst Du
nicht,"—"Will ich nicht? Hör' mal, Margit, bloß zum Spaß, siehst Du, bloß
zum Spaß will ich Dir sagen, daß ich dem Lausbuben die Knochen im
Leibe entzwei schlagen werde."—"Das wagst Du aber doch nicht."—"Das
wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was
tun?"—"Der Schulmeister."—"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du,
der kümmert sich um den?"—"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule
geschickt."—"Der Schulmeister?"—"Der Schulmeister!"
"Hör', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier
weg. Du machst mir bloß Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter,
bloß Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt
sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen für einen Narren gehalten
werden; ich will bloß Dein Bestes; das mußt Du doch zugeben, Margit.
Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wäre es Deiner Mutter
ergangen, wenn ich nicht gewesen wäre? Hör', Margit, sei vernünftig—hör',
was ich sage; ich will bloß Dein Bestes."—"Nein, das willst Du
nicht."—"So? Was will ich denn?"—"Deinen Willen durchsetzen, das willst
Du; aber nach meinem fragst Du nicht."—"Du willst auch schon 'nen
Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was zu Deinem
Besten ist, Du dummes Mädel? Ich werd' Dir mal den Stock zu schmecken
geben, ja, das werd' ich, so groß und lang Du bist. Hör', Margit, ich will
noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar nicht so dumm—
das ist bloß 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich hören, ich bin ein
alter, vernünftiger Mann. Wir wollen noch mal im Guten drüber reden; mit
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mir' ist gar nicht soviel los, wie die Leute denken; ein armer lockerer Vogel
hat bald mit dem bißchen aufgeräumt, was ich habe; Dein Vater hat schon
den Anfang damit gemacht. Man muß in dieser Welt für sich selbst sorgen;
besser verdient es keiner. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld,
und der Pfarrer auch; da ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums
tägliche Brot quälen müssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe
viel erfahren und gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schön, wenn man
davon redet, aber sonst ist sie nichts wert; das ist bloß was für die
Geistlichen und für solche Leute—die Bauern müssen die Sache anders
anpacken. Erst das Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bißchen
Schreiben und Rechnen und dann noch ein bißchen Liebe, wenn es sich
gerade so macht. Aber es nützt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe
stellt und ans Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"—"Ich weiß
nicht."—"Du weißt nicht, was Du sagen sollst?"—"Doch, das weiß
ich."—"Nun, und?"—"Soll ich es sagen?"—"Ja, natürlich sollst Du es
sagen!"—"Ich bin sehr für die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt
da, dann fielen ihm hundert ähnliche Gespräche mit ganz ähnlichem
Ausgang ein, und er schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging.
Er ließ seinen Zorn an den Taglöhnern aus, schnauzte die Mägde an,
prügelte den großen Hund und brachte beinahe ein Hühnchen um, das aufs
Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.
An dem Abend war Margit so fröhlich, als sie zu Bett ging, daß sie das
Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie
hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:
Hältst du treu zu mir,
Halt' ich treu zu dir
Alle Tage, die mein eigen.
Sommerzeit ging fort;
hat bald mit dem bißchen aufgeräumt, was ich habe; Dein Vater hat schon
den Anfang damit gemacht. Man muß in dieser Welt für sich selbst sorgen;
besser verdient es keiner. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld,
und der Pfarrer auch; da ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums
tägliche Brot quälen müssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe
viel erfahren und gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schön, wenn man
davon redet, aber sonst ist sie nichts wert; das ist bloß was für die
Geistlichen und für solche Leute—die Bauern müssen die Sache anders
anpacken. Erst das Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bißchen
Schreiben und Rechnen und dann noch ein bißchen Liebe, wenn es sich
gerade so macht. Aber es nützt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe
stellt und ans Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"—"Ich weiß
nicht."—"Du weißt nicht, was Du sagen sollst?"—"Doch, das weiß
ich."—"Nun, und?"—"Soll ich es sagen?"—"Ja, natürlich sollst Du es
sagen!"—"Ich bin sehr für die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt
da, dann fielen ihm hundert ähnliche Gespräche mit ganz ähnlichem
Ausgang ein, und er schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging.
Er ließ seinen Zorn an den Taglöhnern aus, schnauzte die Mägde an,
prügelte den großen Hund und brachte beinahe ein Hühnchen um, das aufs
Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.
An dem Abend war Margit so fröhlich, als sie zu Bett ging, daß sie das
Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie
hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:
Hältst du treu zu mir,
Halt' ich treu zu dir
Alle Tage, die mein eigen.
Sommerzeit ging fort;
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Grün, das nun verdorrt,
Kehrt zurück mit unserm Reigen.
Was dein Mund einst sprach,
Laut klingt's in mir nach.
Wie ein Vöglein auf dem Aste
Singt und was verbricht,
So mein Lied verspricht
Glück in warmem Sonnenglaste.
Litli—litli—lu!
Kannst mich hören du,
Deinen Liebsten hinterm Hügel?
Menschenwort verhallt,—
Dunkel wird's im Wald;
Doch vielleicht gibst du mir Flügel.
Bussi—bissi—buß!
Klang im Lied ein Kuß?
Nein, davon ist nicht die Rede.
Wie, du hast's gehört?
Bist du so betört,
Dann geraten wir in Fehde.
Gute, gute Nacht!
Träumen werd' ich sacht
Von zwei milder Augen Strahlen,
Von den Worten traut,
Die sich ohne Laut
Töricht aus der Seele stahlen.
Kehrt zurück mit unserm Reigen.
Was dein Mund einst sprach,
Laut klingt's in mir nach.
Wie ein Vöglein auf dem Aste
Singt und was verbricht,
So mein Lied verspricht
Glück in warmem Sonnenglaste.
Litli—litli—lu!
Kannst mich hören du,
Deinen Liebsten hinterm Hügel?
Menschenwort verhallt,—
Dunkel wird's im Wald;
Doch vielleicht gibst du mir Flügel.
Bussi—bissi—buß!
Klang im Lied ein Kuß?
Nein, davon ist nicht die Rede.
Wie, du hast's gehört?
Bist du so betört,
Dann geraten wir in Fehde.
Gute, gute Nacht!
Träumen werd' ich sacht
Von zwei milder Augen Strahlen,
Von den Worten traut,
Die sich ohne Laut
Töricht aus der Seele stahlen.
Page 526
Kind, nun schließ ich ab;
War es dir zu knapp?
Kehrt mein Lied im Echo wieder
Lockend zu mir her?
Wolltest du noch mehr?—
Laue Nacht sinkt still hernieder.
Zwölftes Kapitel
Ein paar Jahre sind seit dem letzten Auftritt dahingegangen.
Es ist spät im Herbste; der Schulmeister ist nach Nordistuen
hinaufgewandert, macht die Haustür auf, findet keinen, macht die nächste
Tür auf, findet wieder keinen und geht so immer weiter bis in die hinterste
Kammer des langen Gebäudes. Da sitzt Ole Nordistuen ganz allein vorm
Bett und schaut auf seine Hände.
Der Schulmeister begrüßt ihn, zieht sich einen Holzstuhl heran und setzt
sich Ole gegenüber. "Du hast nach mir geschickt", sagt er. "Das habe ich."
Der Schulmeister nimmt sich einen neuen Priem, sieht sich in der
Kammer um, holt sich ein Buch, das auf der Bank liegt, und blättert darin.
"Was wolltest Du denn von mir?"—"Das überlege ich mir gerade."
Der Schulmeister läßt sich Zeit, holt seine Brille heraus, um den Titel des
Buches zu lesen, wischt sie ab und setzt sie auf. "Du wirst alt, Ole."—"Ja,
darüber wollte ich ja gerade mit Dir reden. Es geht rückwärts mit mir; bald
liege ich flach."—"Dann sorge dafür, daß Du gut liegst, Ole."—Er macht
das Buch zu und sieht aus dem Fenster.
War es dir zu knapp?
Kehrt mein Lied im Echo wieder
Lockend zu mir her?
Wolltest du noch mehr?—
Laue Nacht sinkt still hernieder.
Zwölftes Kapitel
Ein paar Jahre sind seit dem letzten Auftritt dahingegangen.
Es ist spät im Herbste; der Schulmeister ist nach Nordistuen
hinaufgewandert, macht die Haustür auf, findet keinen, macht die nächste
Tür auf, findet wieder keinen und geht so immer weiter bis in die hinterste
Kammer des langen Gebäudes. Da sitzt Ole Nordistuen ganz allein vorm
Bett und schaut auf seine Hände.
Der Schulmeister begrüßt ihn, zieht sich einen Holzstuhl heran und setzt
sich Ole gegenüber. "Du hast nach mir geschickt", sagt er. "Das habe ich."
Der Schulmeister nimmt sich einen neuen Priem, sieht sich in der
Kammer um, holt sich ein Buch, das auf der Bank liegt, und blättert darin.
"Was wolltest Du denn von mir?"—"Das überlege ich mir gerade."
Der Schulmeister läßt sich Zeit, holt seine Brille heraus, um den Titel des
Buches zu lesen, wischt sie ab und setzt sie auf. "Du wirst alt, Ole."—"Ja,
darüber wollte ich ja gerade mit Dir reden. Es geht rückwärts mit mir; bald
liege ich flach."—"Dann sorge dafür, daß Du gut liegst, Ole."—Er macht
das Buch zu und sieht aus dem Fenster.
Page 527
"Das ist ein gutes Buch, was Du da in der Hand hast."—"Es ist nicht
schlecht; bist Du oft über den Einband hinausgekommen?"—"Jetzt in der
letzten Zeit, ja—".
Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein. "Dir
geht es wohl nicht nach Wunsch, Ole?"—"So lang ich denken kann,
nicht."—"Ja, so ist's mir auch gegangen. Ich lebte mit einem guten Freund
in Unfrieden und dachte, er müsse zu mir kommen, und solange war ich
unglücklich. Schließlich kam ich auf den Einfall, zu ihm zu gehen, und seit
der Zeit war alles gut."—Ole sieht auf und schweigt.
Der Schulmeister: "Wie findest Du denn, daß es mit Deinem Hof geht,
Ole?"—"Rückwärts wie mit mir selbst."—"Wer soll ihn haben, wenn Du
nicht mehr bist?"—"Das weiß ich ja eben nicht; das quält mich ja gerade!"
"Bei Deinen Nachbarn steht es jetzt sehr gut, Ole."—"Ja, die haben ja
auch den Agronomen als Hilfe."
Der Schulmeister, der sich gleichgültig nach dem Fenster umwendet: "Du
müßtest auch Hilfe haben, Ole. Sehen kannst Du nicht mehr ordentlich, und
von der neuen Landwirtschaft verstehst Du nicht viel."
Ole: "Wer sollte mir wohl helfen?"—"Hast Du schon einen darum
gebeten?"
Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Ich habe mich auch lange so mit dem lieben Gott
gestanden.—Du bist gar nicht gut gegen mich, sagte ich zu ihm.—Hast Du
mich darum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; da bat ich
denn, und seit der Zeit ist es mir recht gut gegangen."—Ole schweigt, und
da schweigt auch der Schulmeister.
schlecht; bist Du oft über den Einband hinausgekommen?"—"Jetzt in der
letzten Zeit, ja—".
Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein. "Dir
geht es wohl nicht nach Wunsch, Ole?"—"So lang ich denken kann,
nicht."—"Ja, so ist's mir auch gegangen. Ich lebte mit einem guten Freund
in Unfrieden und dachte, er müsse zu mir kommen, und solange war ich
unglücklich. Schließlich kam ich auf den Einfall, zu ihm zu gehen, und seit
der Zeit war alles gut."—Ole sieht auf und schweigt.
Der Schulmeister: "Wie findest Du denn, daß es mit Deinem Hof geht,
Ole?"—"Rückwärts wie mit mir selbst."—"Wer soll ihn haben, wenn Du
nicht mehr bist?"—"Das weiß ich ja eben nicht; das quält mich ja gerade!"
"Bei Deinen Nachbarn steht es jetzt sehr gut, Ole."—"Ja, die haben ja
auch den Agronomen als Hilfe."
Der Schulmeister, der sich gleichgültig nach dem Fenster umwendet: "Du
müßtest auch Hilfe haben, Ole. Sehen kannst Du nicht mehr ordentlich, und
von der neuen Landwirtschaft verstehst Du nicht viel."
Ole: "Wer sollte mir wohl helfen?"—"Hast Du schon einen darum
gebeten?"
Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Ich habe mich auch lange so mit dem lieben Gott
gestanden.—Du bist gar nicht gut gegen mich, sagte ich zu ihm.—Hast Du
mich darum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; da bat ich
denn, und seit der Zeit ist es mir recht gut gegangen."—Ole schweigt, und
da schweigt auch der Schulmeister.
Page 528
Schließlich sagt Ole: "Ich habe ein Großkind; sie weiß, womit sie mir
eine Freude machen könnte, ehe sie mich forttragen, aber sie tut es
nicht."—Der Schulmeister lächelt: "Vielleicht wäre das für sie keine
Freude." Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Dich drückt allerhand, aber soweit ich es beurteilen
kann, dreht sich doch alles schließlich um den Hof."—Ole sagt leise: "Er ist
schon so lange in der Familie, und es ist guter Boden. Alles, was Vater und
Großväter zusammengerackert haben, liegt in ihm, aber jetzt will nichts
mehr gedeihen. Wenn sie mich hinausfahren, weiß ich ja nicht einmal, wer
nach mir hineinfährt. In der Familie bleibt er nicht."—"Aber Deine
Großtochter ist doch noch da."—"Wie wird aber der Mann, der sie
bekommt, mit dem Hof umgehen? Das möchte ich wissen, ehe ich mich zur
Ruhe lege. Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, Baard,—nicht für mich
noch für den Hof."
Sie schweigen beide; da sagt der Schulmeister: "Wollen wir nicht bei
dem schönen Wetter ein bißchen an die Luft gehen?"—"Ja, das können wir.
Auf den Halden draußen sind Arbeiter; sie sollen Laub holen, aber sie tun
bloß was, wenn ich dabeistehe." Er stolpert nach der großen Mütze und dem
Stock und sagt: "Sie mögen bei mir nicht arbeiten; ich kann das nicht
begreifen." Als sie draußen waren und ums Haus bogen, blieb er stehen:
"Hier, siehst Du? Keine Ordnung! Da ist das Holz durcheinandergeworfen
und die Axt nicht in den Block gehauen", er bückte sich mühsam, hob sie
auf und schlug sie ein. "Hier ist ein Fell heruntergefallen; aber hat ein
Mensch es wieder aufgehängt?" Er tat es selbst. "Hier ist die
Vorratsscheuer; meinst Du, sie haben die Treppe weggenommen?" Er trug
sie beiseite. Dann blieb er stehen, sah den Schulmeister an und sagte: "So
geht es einen Tag wie alle Tage."
eine Freude machen könnte, ehe sie mich forttragen, aber sie tut es
nicht."—Der Schulmeister lächelt: "Vielleicht wäre das für sie keine
Freude." Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Dich drückt allerhand, aber soweit ich es beurteilen
kann, dreht sich doch alles schließlich um den Hof."—Ole sagt leise: "Er ist
schon so lange in der Familie, und es ist guter Boden. Alles, was Vater und
Großväter zusammengerackert haben, liegt in ihm, aber jetzt will nichts
mehr gedeihen. Wenn sie mich hinausfahren, weiß ich ja nicht einmal, wer
nach mir hineinfährt. In der Familie bleibt er nicht."—"Aber Deine
Großtochter ist doch noch da."—"Wie wird aber der Mann, der sie
bekommt, mit dem Hof umgehen? Das möchte ich wissen, ehe ich mich zur
Ruhe lege. Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, Baard,—nicht für mich
noch für den Hof."
Sie schweigen beide; da sagt der Schulmeister: "Wollen wir nicht bei
dem schönen Wetter ein bißchen an die Luft gehen?"—"Ja, das können wir.
Auf den Halden draußen sind Arbeiter; sie sollen Laub holen, aber sie tun
bloß was, wenn ich dabeistehe." Er stolpert nach der großen Mütze und dem
Stock und sagt: "Sie mögen bei mir nicht arbeiten; ich kann das nicht
begreifen." Als sie draußen waren und ums Haus bogen, blieb er stehen:
"Hier, siehst Du? Keine Ordnung! Da ist das Holz durcheinandergeworfen
und die Axt nicht in den Block gehauen", er bückte sich mühsam, hob sie
auf und schlug sie ein. "Hier ist ein Fell heruntergefallen; aber hat ein
Mensch es wieder aufgehängt?" Er tat es selbst. "Hier ist die
Vorratsscheuer; meinst Du, sie haben die Treppe weggenommen?" Er trug
sie beiseite. Dann blieb er stehen, sah den Schulmeister an und sagte: "So
geht es einen Tag wie alle Tage."
Page 529
Als sie weiter gingen, hörten sie von den Halden her fröhliches Singen.
"Ach, da wird ja bei der Arbeit gesungen", sagte der Schulmeister.—"Das
ist der kleine Knut Östistuen, der da singt; der holt Laub für seinen Vater;
meine Leute arbeiten dahinten, die singen nicht."—"Das ist doch keine von
unsern Weisen?"—"Nein, das höre ich auch."—"Öyvind Pladsen ist sehr
viel auf Östistuen gewesen; es ist wohl eins von den Liedern, die er im Dorf
eingeführt hat—der steckt immer voll Lieder." Hierauf kam keine Antwort.
Das Feld, über das sie gingen, stand nicht gut; ihm fehlte die rechte
Pflege. Der Schulmeister äußerte das; da blieb Ole stehen. "Ich kann das
nicht mehr machen", sagte er beinahe wehmütig. "Ohne Aufsicht werden
fremde Arbeiter zu teuer. Aber es tut weh, über so ein Feld zu gehen, das
kannst Du mir glauben."
Als sie dann davon sprachen, wie groß der Hof sei, und wo Hilfe am
nötigsten täte, beschlossen sie, zu den Halden hinaufzugehen, von wo sie
das Ganze überblicken konnten. Als sie nach geraumer Zeit einen hohen
Punkt erreicht hatten, und das Ganze in Augenschein nahmen, wurde der
Alte wehmütig: "Ich möchte nicht gerne so abgehen; ich und meine
Vorfahren haben da unten redlich gearbeitet, aber viel ist nicht mehr davon
zu sehen."
Da klang ein Lied über ihren Köpfen hin mit der eigentümlichen
Herbheit, die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht forsch drauflos
singt. Sie standen nicht weit von dem Baum, in dessen Wipfel der kleine
Knut Östistuen saß und Laub für seinen Vater pflückte, und sie lauschten:
Willst du dich zu hohem Ziel
Ins Gebirge wagen,
Pack' ins Ränzlein nur so viel,
Als sich leicht läßt tragen!
Nimm nicht mit des Tales Zwang
"Ach, da wird ja bei der Arbeit gesungen", sagte der Schulmeister.—"Das
ist der kleine Knut Östistuen, der da singt; der holt Laub für seinen Vater;
meine Leute arbeiten dahinten, die singen nicht."—"Das ist doch keine von
unsern Weisen?"—"Nein, das höre ich auch."—"Öyvind Pladsen ist sehr
viel auf Östistuen gewesen; es ist wohl eins von den Liedern, die er im Dorf
eingeführt hat—der steckt immer voll Lieder." Hierauf kam keine Antwort.
Das Feld, über das sie gingen, stand nicht gut; ihm fehlte die rechte
Pflege. Der Schulmeister äußerte das; da blieb Ole stehen. "Ich kann das
nicht mehr machen", sagte er beinahe wehmütig. "Ohne Aufsicht werden
fremde Arbeiter zu teuer. Aber es tut weh, über so ein Feld zu gehen, das
kannst Du mir glauben."
Als sie dann davon sprachen, wie groß der Hof sei, und wo Hilfe am
nötigsten täte, beschlossen sie, zu den Halden hinaufzugehen, von wo sie
das Ganze überblicken konnten. Als sie nach geraumer Zeit einen hohen
Punkt erreicht hatten, und das Ganze in Augenschein nahmen, wurde der
Alte wehmütig: "Ich möchte nicht gerne so abgehen; ich und meine
Vorfahren haben da unten redlich gearbeitet, aber viel ist nicht mehr davon
zu sehen."
Da klang ein Lied über ihren Köpfen hin mit der eigentümlichen
Herbheit, die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht forsch drauflos
singt. Sie standen nicht weit von dem Baum, in dessen Wipfel der kleine
Knut Östistuen saß und Laub für seinen Vater pflückte, und sie lauschten:
Willst du dich zu hohem Ziel
Ins Gebirge wagen,
Pack' ins Ränzlein nur so viel,
Als sich leicht läßt tragen!
Nimm nicht mit des Tales Zwang
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In die reinen Lüfte;
Schüttle ihn mit keckem Sang
Abwärts in die Klüfte!
Vögel grüßen dich im Chor,
Fern dem giftigen Brodem,
Und mit jedem Schritt empor
Freier wird dein Odem.
Frohen Herzens jauchze laut;
Kindheit, längst vergangen,
Nickt dir aus Gebüsch und Kraut
Zu mit roten Wangen.
Stehst du still von Zeit zu Zeit,
Andachtsvoll zu lauschen,
Wird ins Ohr der Einsamkeit
Hohes Lied dir rauschen.
Wo ein Bach den Fels durchbricht,
Wo ein Stein im Rollen,
Hörst du der versäumten Pflicht
Mächtiges Donnergrollen.
Zittre, bete, banges Herz,
Sei zur Buße fertig!
Heb den Blick dann gipfelwärts,
Deines Heils gewärtig.
Dort wie einst geht Jesus Christ,
Wandeln die Propheten;
Wohl dir, wenn du würdig bist,
Ihnen nachzutreten.
Schüttle ihn mit keckem Sang
Abwärts in die Klüfte!
Vögel grüßen dich im Chor,
Fern dem giftigen Brodem,
Und mit jedem Schritt empor
Freier wird dein Odem.
Frohen Herzens jauchze laut;
Kindheit, längst vergangen,
Nickt dir aus Gebüsch und Kraut
Zu mit roten Wangen.
Stehst du still von Zeit zu Zeit,
Andachtsvoll zu lauschen,
Wird ins Ohr der Einsamkeit
Hohes Lied dir rauschen.
Wo ein Bach den Fels durchbricht,
Wo ein Stein im Rollen,
Hörst du der versäumten Pflicht
Mächtiges Donnergrollen.
Zittre, bete, banges Herz,
Sei zur Buße fertig!
Heb den Blick dann gipfelwärts,
Deines Heils gewärtig.
Dort wie einst geht Jesus Christ,
Wandeln die Propheten;
Wohl dir, wenn du würdig bist,
Ihnen nachzutreten.
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Ole hatte sich niedergesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben.
"Nun will ich mit Dir reden", sagte der Schulmeister und setzte sich neben
ihn.
*****
In Pladsen war Öyvind gerade von einer längeren Reise nach Hause
gekommen; die Postkutsche stand noch vor der Tür, weil die Pferde
ausruhen mußten. Wenn auch Öyvind jetzt als Amtsagronom gute
Einnahmen hatte, bewohnte er doch noch seine kleine Kammer in Pladsen
und half in seiner freien Zeit in der Wirtschaft. Auf Pladsen war eine ganz
neue Bewirtschaftung eingeführt, aber der Hof war so klein, daß Öyvind
das Ganze Mutters Spielzeug nannte; denn sie war es, die hauptsächlich die
Landwirtschaft betrieb.
Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war mehlbestaubt von der
Mühle hereingekommen und hatte sich auch umgezogen. So standen sie
und überlegten, ob sie vor dem Abendbrot noch ein bißchen ins Freie gehen
sollten, da kam die Mutter mit ganz blassem Gesicht herein: "Es kommt
seltener Besuch; seht doch!"—Die beiden Männer eilten ans Fenster, und
Öyvind sagte gleich: "Das ist der Schulmeister und—ja, ich glaube beinahe,
—ja natürlich ist er es!"—"Ja, das ist der alte Ole Nordistuen", sagte auch
Tore und trat vom Fenster zurück, um nicht gesehen zu werden, denn die
beiden waren schon dicht vorm Hause.
Öyvind fing einen Blick des Schulmeisters auf, als er gerade vom Fenster
zurücktreten wollte; Baard lächelte und sah sich nach dem alten Ole um, der
auf den Stock gestützt, mit kleinen kurzen Schritten heranstelzte, wobei er
den einen Fuß immer etwas höher hob als den andern. Draußen hörten sie
den Schulmeister sagen: "Er ist wohl eben nach Hause gekommen", worauf
Ole zweimal "So—so" antwortete.
"Nun will ich mit Dir reden", sagte der Schulmeister und setzte sich neben
ihn.
*****
In Pladsen war Öyvind gerade von einer längeren Reise nach Hause
gekommen; die Postkutsche stand noch vor der Tür, weil die Pferde
ausruhen mußten. Wenn auch Öyvind jetzt als Amtsagronom gute
Einnahmen hatte, bewohnte er doch noch seine kleine Kammer in Pladsen
und half in seiner freien Zeit in der Wirtschaft. Auf Pladsen war eine ganz
neue Bewirtschaftung eingeführt, aber der Hof war so klein, daß Öyvind
das Ganze Mutters Spielzeug nannte; denn sie war es, die hauptsächlich die
Landwirtschaft betrieb.
Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war mehlbestaubt von der
Mühle hereingekommen und hatte sich auch umgezogen. So standen sie
und überlegten, ob sie vor dem Abendbrot noch ein bißchen ins Freie gehen
sollten, da kam die Mutter mit ganz blassem Gesicht herein: "Es kommt
seltener Besuch; seht doch!"—Die beiden Männer eilten ans Fenster, und
Öyvind sagte gleich: "Das ist der Schulmeister und—ja, ich glaube beinahe,
—ja natürlich ist er es!"—"Ja, das ist der alte Ole Nordistuen", sagte auch
Tore und trat vom Fenster zurück, um nicht gesehen zu werden, denn die
beiden waren schon dicht vorm Hause.
Öyvind fing einen Blick des Schulmeisters auf, als er gerade vom Fenster
zurücktreten wollte; Baard lächelte und sah sich nach dem alten Ole um, der
auf den Stock gestützt, mit kleinen kurzen Schritten heranstelzte, wobei er
den einen Fuß immer etwas höher hob als den andern. Draußen hörten sie
den Schulmeister sagen: "Er ist wohl eben nach Hause gekommen", worauf
Ole zweimal "So—so" antwortete.
Page 532
Es blieb lange still auf der Diele; die Mutter war in die Ecke hinterm
Milchschrank gekrochen. Öyvind stand in seiner Lieblingsstellung, mit dem
Rücken gegen den großen Tisch und dem Gesicht nach der Tür, der Vater
saß daneben. Schließlich wurde an die Tür geklopft, und herein kam der
Schulmeister und nahm seinen Hut ab, hinter ihm Ole und nahm auch seine
Mütze ab, dann drehte er sich nach der Tür um und klinkte sie ein; er
brauchte sehr lange dazu; offenbar war er verlegen. Tore stand auf und lud
die Eintretenden zum Sitzen ein; sie setzten sich nebeneinander auf die
Fensterbank, und Tore setzte sich auch wieder nieder.
Und jetzt werden wir hören, wie es bei der Werbung zuging.
Der Schulmeister: "Wir haben doch noch recht schönes Herbstwetter
bekommen."—Tore: "Ja, es hat sich die letzte Zeit gebessert."—"Jetzt wird
es sich wohl noch eine Zeitlang halten, wo der Wind umgeschlagen
ist."—"Seid Ihr da oben schon mit der Ernte fertig?"—"Noch nicht. Hier
der Ole Nordistuen—Du kennst ihn wohl—möchte, Du sollst ihm helfen,
Öyvind, wenn es Dir recht ist."—Öyvind: "Wenn es gewünscht wird, will
ich tun, was ich kann."—"Ja, er meinte aber nicht bloß so vorübergehend.
Es geht mit dem Hof nicht vorwärts, findet er, und er glaubt, es fehlt so die
richtige Leitung und Aufsicht."—Öyvind: "Ich bin aber so wenig zu
Hause."—Der Schulmeister sieht Ole an. Der merkt, daß er jetzt ins Feuer
muß; er räuspert sich ein paarmal und legt los: "Das heißt, das soll,—ja—
ich meine, Du solltest fest—Du solltest, ja, gewissermaßen Deine Wohnung
bei uns haben,—das heißt, wenn Du nicht auf Reisen bist."—"Schönen
Dank für das Anerbieten, aber ich bleibe lieber hier wohnen."—Ole sieht
den Schulmeister an, und der sagt: "Mit Ole geht das heute ein bißchen
kraus. Die Sache ist: er ist früher schon mal hier gewesen, und die
Erinnerung daran bringt ihm die Worte ein bißchen durcheinander."—Ole
rasch: "So ist es, ja; ich war damals nicht recht gescheit; ich hab' mich
solange mit dem Mädel geplagt, bis das Holz in Splitter ging. Aber das mag
Milchschrank gekrochen. Öyvind stand in seiner Lieblingsstellung, mit dem
Rücken gegen den großen Tisch und dem Gesicht nach der Tür, der Vater
saß daneben. Schließlich wurde an die Tür geklopft, und herein kam der
Schulmeister und nahm seinen Hut ab, hinter ihm Ole und nahm auch seine
Mütze ab, dann drehte er sich nach der Tür um und klinkte sie ein; er
brauchte sehr lange dazu; offenbar war er verlegen. Tore stand auf und lud
die Eintretenden zum Sitzen ein; sie setzten sich nebeneinander auf die
Fensterbank, und Tore setzte sich auch wieder nieder.
Und jetzt werden wir hören, wie es bei der Werbung zuging.
Der Schulmeister: "Wir haben doch noch recht schönes Herbstwetter
bekommen."—Tore: "Ja, es hat sich die letzte Zeit gebessert."—"Jetzt wird
es sich wohl noch eine Zeitlang halten, wo der Wind umgeschlagen
ist."—"Seid Ihr da oben schon mit der Ernte fertig?"—"Noch nicht. Hier
der Ole Nordistuen—Du kennst ihn wohl—möchte, Du sollst ihm helfen,
Öyvind, wenn es Dir recht ist."—Öyvind: "Wenn es gewünscht wird, will
ich tun, was ich kann."—"Ja, er meinte aber nicht bloß so vorübergehend.
Es geht mit dem Hof nicht vorwärts, findet er, und er glaubt, es fehlt so die
richtige Leitung und Aufsicht."—Öyvind: "Ich bin aber so wenig zu
Hause."—Der Schulmeister sieht Ole an. Der merkt, daß er jetzt ins Feuer
muß; er räuspert sich ein paarmal und legt los: "Das heißt, das soll,—ja—
ich meine, Du solltest fest—Du solltest, ja, gewissermaßen Deine Wohnung
bei uns haben,—das heißt, wenn Du nicht auf Reisen bist."—"Schönen
Dank für das Anerbieten, aber ich bleibe lieber hier wohnen."—Ole sieht
den Schulmeister an, und der sagt: "Mit Ole geht das heute ein bißchen
kraus. Die Sache ist: er ist früher schon mal hier gewesen, und die
Erinnerung daran bringt ihm die Worte ein bißchen durcheinander."—Ole
rasch: "So ist es, ja; ich war damals nicht recht gescheit; ich hab' mich
solange mit dem Mädel geplagt, bis das Holz in Splitter ging. Aber das mag
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vergessen sein; der Sturm knickt das Korn um, doch ein kaltes Lüftchen
nicht; Regenbäche können die großen Steine nicht unterwühlen; Maischnee
liegt nicht lange; der Donner hat noch keinen Menschen erschlagen." Alle
lachen; der Schulmeister sagt: "Ole meint, Du sollst nicht mehr dran
denken, und Du auch nicht, Tore." Ole sieht sie an und weiß nicht recht, ob
er weiterreden darf. Da sagt Tore: "Der Rosenstrauch packt mit vielen
Zähnen zu und reißt doch keine Wunden. In mir wenigstens ist kein Stachel
zurückgeblieben."—Ole: "Ich kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe
ich: was er säet, das gedeiht; wie die Saat, so die Ernte; in seinen
Fingerspitzen sitzt Gold, und ich möchte mir ihn sichern."
Öyvind sieht den Vater an, der die Mutter, die von ihm zum Schulmeister
blickt, und dann schauten alle Ole an. "Ole meint, er hat einen großen Hof
—" Ole unterbricht: "Groß ist er, aber schlecht imstande; ich kann nicht
mehr recht, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr mit. Aber es lohnt
sich, da oben anzupacken."—"Gut und gern der größte Hof im ganzen
Kreise", fällt der Schulmeister ein.—"Der größte Hof im ganzen Kreise; das
ist aber gerade das Elend; wenn die Schuhe zu groß sind, verliert man sie;
es ist recht schön, wenn das Gewehr gut ist, aber man muß auch damit
umzugehen wissen. (Mit einer raschen Wendung zu Öyvind:) Möchtest Du
es mal damit versuchen?"—"Ich soll also Verwalter sein?"—"Ganz recht,
ja, Du sollst den Hof haben."—"Ich soll den Hof haben?"—"Natürlich, ja,
und sollst ihn verwalten."—"Aber—" "Willst Du nicht?"—"Doch,
selbstverständlich."—"Ja, ja, dann ist es also abgemacht, sagte die Henne
und flog aufs Wasser."—"Aber—" Ole sieht verwundert den Schulmeister
an.—"Öyvind will wohl bloß fragen, ob er Margit auch mitbekommt?"—
Ole energisch: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!"—Da fing Öyvind
laut zu lachen an und machte einen Luftsprung; die andern drei lachten
auch, und Öyvind rieb sich die Hände, lief in der Stube auf und ab und
wiederholte unaufhörlich: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!" Tore
nicht; Regenbäche können die großen Steine nicht unterwühlen; Maischnee
liegt nicht lange; der Donner hat noch keinen Menschen erschlagen." Alle
lachen; der Schulmeister sagt: "Ole meint, Du sollst nicht mehr dran
denken, und Du auch nicht, Tore." Ole sieht sie an und weiß nicht recht, ob
er weiterreden darf. Da sagt Tore: "Der Rosenstrauch packt mit vielen
Zähnen zu und reißt doch keine Wunden. In mir wenigstens ist kein Stachel
zurückgeblieben."—Ole: "Ich kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe
ich: was er säet, das gedeiht; wie die Saat, so die Ernte; in seinen
Fingerspitzen sitzt Gold, und ich möchte mir ihn sichern."
Öyvind sieht den Vater an, der die Mutter, die von ihm zum Schulmeister
blickt, und dann schauten alle Ole an. "Ole meint, er hat einen großen Hof
—" Ole unterbricht: "Groß ist er, aber schlecht imstande; ich kann nicht
mehr recht, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr mit. Aber es lohnt
sich, da oben anzupacken."—"Gut und gern der größte Hof im ganzen
Kreise", fällt der Schulmeister ein.—"Der größte Hof im ganzen Kreise; das
ist aber gerade das Elend; wenn die Schuhe zu groß sind, verliert man sie;
es ist recht schön, wenn das Gewehr gut ist, aber man muß auch damit
umzugehen wissen. (Mit einer raschen Wendung zu Öyvind:) Möchtest Du
es mal damit versuchen?"—"Ich soll also Verwalter sein?"—"Ganz recht,
ja, Du sollst den Hof haben."—"Ich soll den Hof haben?"—"Natürlich, ja,
und sollst ihn verwalten."—"Aber—" "Willst Du nicht?"—"Doch,
selbstverständlich."—"Ja, ja, dann ist es also abgemacht, sagte die Henne
und flog aufs Wasser."—"Aber—" Ole sieht verwundert den Schulmeister
an.—"Öyvind will wohl bloß fragen, ob er Margit auch mitbekommt?"—
Ole energisch: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!"—Da fing Öyvind
laut zu lachen an und machte einen Luftsprung; die andern drei lachten
auch, und Öyvind rieb sich die Hände, lief in der Stube auf und ab und
wiederholte unaufhörlich: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!" Tore
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lachte und gluckste, die Mutter hinten in der Ecke sah ihren Jungen
unverwandt an, bis ihr Tränen in die Augen traten.
Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: "Was hältst Du von dem
Hof?"—"Feiner Boden!"—"Feiner Boden, nicht wahr?"—"Wundervolle
Weiden!"—"Wundervolle Weiden! Wird es gehen?"—"Das soll weit und
breit der beste Hof werden!"—"Weit und breit der beste Hof? Glaubst Du?
Meinst Du das wirklich?"—"So wahr ich hier stehe!"—"Ja, hab' ich das
nicht immer gesagt?!" Sie sprachen beide gleich schnell und griffen wie
zwei Räder ineinander. "Aber mit dem Geld, siehst Du mit dem Geld! Ich
habe keins."—"Ohne Geld geht es langsam, aber es geht!"—"Es geht, ja,
natürlich geht es! Aber wenn wir Geld hätten, ginge es schneller, meinst
Du?"—"Viel schneller."—"Viel? Wenn wir bloß Geld hätten! Ja, ja! na,
einer, der nicht alle Zähne hat, kann auch kauen, und einer, der mit Ochsen
fährt, kommt auch vorwärts."
Die Mutter stand da und zwinkerte Tore zu, der sie ein paarmal schnell
von der Seite ansah, während er den Oberkörper hin- und herwiegte und mit
den Händen über die Knie strich; der Schulmeister blinzelte mit den Augen,
Tore machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber Ole und Öyvind
sprachen unaufhörlich durcheinander, lachten und machten solchen Lärm,
daß kein andrer zu Wort kommen konnte.
"Seid jetzt mal still; Tore möchte was sagen", fällt der Schulmeister ein;
sie verstummen und sehen Tore an. Der fängt denn ganz leise an: "Es ist auf
dieser Stätte immer so gewesen, daß wir eine Mühle gehabt haben; in letzter
Zeit ist es so gewesen, daß wir zwei gehabt haben. Diese Mühlen haben in
Jahr und Tag doch ein paar Groschen abgeworfen; weder mein Vater noch
ich haben von dem Geld genommen, außer damals, als Öyvind fort mußte.
Der Schulmeister hat es verwaltet, und er sagt, daß es sich da, wo es stand,
gut verzinst hat; aber jetzt ist ja das beste, Öyvind nimmt es für
unverwandt an, bis ihr Tränen in die Augen traten.
Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: "Was hältst Du von dem
Hof?"—"Feiner Boden!"—"Feiner Boden, nicht wahr?"—"Wundervolle
Weiden!"—"Wundervolle Weiden! Wird es gehen?"—"Das soll weit und
breit der beste Hof werden!"—"Weit und breit der beste Hof? Glaubst Du?
Meinst Du das wirklich?"—"So wahr ich hier stehe!"—"Ja, hab' ich das
nicht immer gesagt?!" Sie sprachen beide gleich schnell und griffen wie
zwei Räder ineinander. "Aber mit dem Geld, siehst Du mit dem Geld! Ich
habe keins."—"Ohne Geld geht es langsam, aber es geht!"—"Es geht, ja,
natürlich geht es! Aber wenn wir Geld hätten, ginge es schneller, meinst
Du?"—"Viel schneller."—"Viel? Wenn wir bloß Geld hätten! Ja, ja! na,
einer, der nicht alle Zähne hat, kann auch kauen, und einer, der mit Ochsen
fährt, kommt auch vorwärts."
Die Mutter stand da und zwinkerte Tore zu, der sie ein paarmal schnell
von der Seite ansah, während er den Oberkörper hin- und herwiegte und mit
den Händen über die Knie strich; der Schulmeister blinzelte mit den Augen,
Tore machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber Ole und Öyvind
sprachen unaufhörlich durcheinander, lachten und machten solchen Lärm,
daß kein andrer zu Wort kommen konnte.
"Seid jetzt mal still; Tore möchte was sagen", fällt der Schulmeister ein;
sie verstummen und sehen Tore an. Der fängt denn ganz leise an: "Es ist auf
dieser Stätte immer so gewesen, daß wir eine Mühle gehabt haben; in letzter
Zeit ist es so gewesen, daß wir zwei gehabt haben. Diese Mühlen haben in
Jahr und Tag doch ein paar Groschen abgeworfen; weder mein Vater noch
ich haben von dem Geld genommen, außer damals, als Öyvind fort mußte.
Der Schulmeister hat es verwaltet, und er sagt, daß es sich da, wo es stand,
gut verzinst hat; aber jetzt ist ja das beste, Öyvind nimmt es für
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Nordistuen." Die Mutter stand hinten in der Ecke und machte sich ganz
klein, während sie mit leuchtenden Augen zu Tore hinsah, der jetzt sehr
gewichtig dahockte und beinahe dumm aussah; Ole Nordistuen saß ihm mit
weit offnem Mund gegenüber; Öyvind war der erste, der sich von der
Überraschung erholte. "Ist das nicht, als wenn das Glück mich verfolgt?"
rief er, ging auf seinen Vater zu und schlug ihm auf die Schulter, daß es
dröhnte. "Du Prachtvater!" sagte er, rieb sich die Hände und ging auf und
ab.
"Wieviel mag das wohl sein?" fragte schließlich Ole ganz zaghaft den
Schulmeister. "Es ist gar nicht so wenig."—"Ein paar hundert
Taler?"—"Noch ein bißchen mehr."—"Noch ein bißchen mehr? Öyvind,
noch ein bißchen mehr! Herrgott, das soll ein Hof werden!" Er stand auf
und lachte hell heraus.
"Ich will mit Dir zu Margit", sagte Öyvind. "Die Postkutsche steht ja
noch draußen, da geht es schnell."—"Ja, schnell, schnell! Magst Du auch
gern alles schnell haben?"—"Ja, schnell und forsch!"—"Schnell und forsch!
Akkrat so, wie als ich jung war,—akkrat so!"—"Hier ist Mütze und Stock;
jetzt jage ich Dich 'raus!"—"Du jagst mich 'raus, haha! aber Du kommst
mit, nicht, Du kommst mit? Ihr andern kommt wohl nach? Heut abend
wollen wir solange zusammensitzen, wie noch ein Funken auf dem Herd
ist; kommt nur hin!"—Sie versprachen es, Öyvind half ihm in den Wagen
und sie fuhren nach Nordistuen hinauf. Da oben war der große Hund nicht
der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen in
den Hof einfuhr. Während Öyvind ihm aus dem Wagen half und die
Knechte und Mägde sie neugierig angafften, kam Margit aus dem Hause
und wollte sehen, was denn der Hund fortwährend zu bellen hatte, aber sie
blieb wie angewurzelt stehen, wurde glühend rot und lief wieder hinein. Der
alte Ole rief aber so fürchterlich laut nach ihr, als er in die Stube kam, daß
klein, während sie mit leuchtenden Augen zu Tore hinsah, der jetzt sehr
gewichtig dahockte und beinahe dumm aussah; Ole Nordistuen saß ihm mit
weit offnem Mund gegenüber; Öyvind war der erste, der sich von der
Überraschung erholte. "Ist das nicht, als wenn das Glück mich verfolgt?"
rief er, ging auf seinen Vater zu und schlug ihm auf die Schulter, daß es
dröhnte. "Du Prachtvater!" sagte er, rieb sich die Hände und ging auf und
ab.
"Wieviel mag das wohl sein?" fragte schließlich Ole ganz zaghaft den
Schulmeister. "Es ist gar nicht so wenig."—"Ein paar hundert
Taler?"—"Noch ein bißchen mehr."—"Noch ein bißchen mehr? Öyvind,
noch ein bißchen mehr! Herrgott, das soll ein Hof werden!" Er stand auf
und lachte hell heraus.
"Ich will mit Dir zu Margit", sagte Öyvind. "Die Postkutsche steht ja
noch draußen, da geht es schnell."—"Ja, schnell, schnell! Magst Du auch
gern alles schnell haben?"—"Ja, schnell und forsch!"—"Schnell und forsch!
Akkrat so, wie als ich jung war,—akkrat so!"—"Hier ist Mütze und Stock;
jetzt jage ich Dich 'raus!"—"Du jagst mich 'raus, haha! aber Du kommst
mit, nicht, Du kommst mit? Ihr andern kommt wohl nach? Heut abend
wollen wir solange zusammensitzen, wie noch ein Funken auf dem Herd
ist; kommt nur hin!"—Sie versprachen es, Öyvind half ihm in den Wagen
und sie fuhren nach Nordistuen hinauf. Da oben war der große Hund nicht
der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen in
den Hof einfuhr. Während Öyvind ihm aus dem Wagen half und die
Knechte und Mägde sie neugierig angafften, kam Margit aus dem Hause
und wollte sehen, was denn der Hund fortwährend zu bellen hatte, aber sie
blieb wie angewurzelt stehen, wurde glühend rot und lief wieder hinein. Der
alte Ole rief aber so fürchterlich laut nach ihr, als er in die Stube kam, daß
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sie wohl oder übel wieder zum Vorschein kommen mußte. "Geh hin und
mach' Dich fein, Mädel, hier steht der Mann, der den Hof haben soll."
"Ist es wahr?" rief sie, ohne es selbst zu wissen, und so laut, daß es
schallte. "Ja, es ist wahr", sagte Öyvind und klatschte in die Hände; da
drehte sie sich auf den Fußspitzen herum, schleuderte das, was sie gerade in
der Hand hatte, weit weg und lief aus der Stube; und Öyvind hinterher.
Nach kurzer Zeit kamen auch der Schulmeister, Tore und seine Frau. Der
Alte hatte Lichter auf den weißgedeckten Tisch gestellt; es gab Wein und
Bier, und er selbst war immerzu auf den Beinen und hob den Fuß noch
höher als gewöhnlich, aber immer bloß den rechten.
*****
Ehe diese kleine Erzählung zu Ende geht, soll noch berichtet werden, daß
fünf Wochen später Öyvind und Margit in der Dorfkirche getraut wurden.
Der Schulmeister leitete an diesem Tage selbst den Gesang, weil der
Hilfsküster krank war. Seine Stimme war brüchig, denn er war alt; aber
Öyvind fand doch, es höre sich wunderschön an. Und als er Margit die
Hand gereicht und sie vor den Altar geführt hatte, da nickte ihm der
Schulmeister vom Chor herunter zu, genau so, wie Öyvind es damals
gesehen hatte, als er so wehleidig beim Tanz saß: er nickte ihm auch zu, und
die Tränen wollten ihm in die Augen treten.
Die Tränen bei jenem Tanz waren das Tor zu diesen Tränen gewesen, und
zwischen ihnen lag seine Arbeit und seine Treue.
Und hier ist die Geschichte von dem fröhlichen Burschen zu Ende.
*****
mach' Dich fein, Mädel, hier steht der Mann, der den Hof haben soll."
"Ist es wahr?" rief sie, ohne es selbst zu wissen, und so laut, daß es
schallte. "Ja, es ist wahr", sagte Öyvind und klatschte in die Hände; da
drehte sie sich auf den Fußspitzen herum, schleuderte das, was sie gerade in
der Hand hatte, weit weg und lief aus der Stube; und Öyvind hinterher.
Nach kurzer Zeit kamen auch der Schulmeister, Tore und seine Frau. Der
Alte hatte Lichter auf den weißgedeckten Tisch gestellt; es gab Wein und
Bier, und er selbst war immerzu auf den Beinen und hob den Fuß noch
höher als gewöhnlich, aber immer bloß den rechten.
*****
Ehe diese kleine Erzählung zu Ende geht, soll noch berichtet werden, daß
fünf Wochen später Öyvind und Margit in der Dorfkirche getraut wurden.
Der Schulmeister leitete an diesem Tage selbst den Gesang, weil der
Hilfsküster krank war. Seine Stimme war brüchig, denn er war alt; aber
Öyvind fand doch, es höre sich wunderschön an. Und als er Margit die
Hand gereicht und sie vor den Altar geführt hatte, da nickte ihm der
Schulmeister vom Chor herunter zu, genau so, wie Öyvind es damals
gesehen hatte, als er so wehleidig beim Tanz saß: er nickte ihm auch zu, und
die Tränen wollten ihm in die Augen treten.
Die Tränen bei jenem Tanz waren das Tor zu diesen Tränen gewesen, und
zwischen ihnen lag seine Arbeit und seine Treue.
Und hier ist die Geschichte von dem fröhlichen Burschen zu Ende.
*****
Page 537
DER VATER
Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, war der mächtigste im ganzen
Gau; er hieß Thord Oeveraas. Eines Tages stand er kerzengrade und mit
gewichtiger Miene vor dem Pfarrer in der Studierstube. "Mir ist ein Sohn
geboren, und ich möchte ihn taufen lassen."—"Wie soll er heißen?"—"Finn,
nach meinem Vater."—"Und die Paten?"—Er zählte sie auf; es waren
Verwandte von ihm, die angesehensten Männer und Frauen des Gaus. "Ist
sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer zögerte. "Ich
möchte gern, daß er allein getauft würde", sagte er dann. "Also an einem
Werktag?"—"Nächsten Sonnabend mittag um zwölf."—"Ist sonst noch
etwas?" fragte der Pfarrer.—"Weiter nichts." Der Bauer drehte seinen Hut,
als wollte er gehen. Da erhob sich der Pfarrer, ging auf Thord zu, nahm
seine Hand und sah ihm in die Augen; "gebe Gott, daß das Kind Dir zum
Segen werde!"
Sechzehn Jahre nach diesem Tag stand Thord wieder vor dem Pfarrer in
der Stube. "Du hast Dich gut gehalten, Thord", sagte der Pfarrer, weil er ihn
ganz unverändert fand. "Ich habe ja auch keine Sorgen", antwortete Thord.
Da schwieg der Pfarrer; nach einer Weile aber fragte er: "Was hast Du denn
heut für ein Anliegen?"—"Ich komme wegen meines Sohnes, der morgen
konfirmiert wird."—"Es ist ein braver Junge."—"Ich möchte den Herrn
Pfarrer erst bezahlen, wenn ich weiß, der wievielte der Junge in der Kirche
ist."—"Er wird Nummer eins sein."—"Schön,—hier sind auch zehn Taler
Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, war der mächtigste im ganzen
Gau; er hieß Thord Oeveraas. Eines Tages stand er kerzengrade und mit
gewichtiger Miene vor dem Pfarrer in der Studierstube. "Mir ist ein Sohn
geboren, und ich möchte ihn taufen lassen."—"Wie soll er heißen?"—"Finn,
nach meinem Vater."—"Und die Paten?"—Er zählte sie auf; es waren
Verwandte von ihm, die angesehensten Männer und Frauen des Gaus. "Ist
sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer zögerte. "Ich
möchte gern, daß er allein getauft würde", sagte er dann. "Also an einem
Werktag?"—"Nächsten Sonnabend mittag um zwölf."—"Ist sonst noch
etwas?" fragte der Pfarrer.—"Weiter nichts." Der Bauer drehte seinen Hut,
als wollte er gehen. Da erhob sich der Pfarrer, ging auf Thord zu, nahm
seine Hand und sah ihm in die Augen; "gebe Gott, daß das Kind Dir zum
Segen werde!"
Sechzehn Jahre nach diesem Tag stand Thord wieder vor dem Pfarrer in
der Stube. "Du hast Dich gut gehalten, Thord", sagte der Pfarrer, weil er ihn
ganz unverändert fand. "Ich habe ja auch keine Sorgen", antwortete Thord.
Da schwieg der Pfarrer; nach einer Weile aber fragte er: "Was hast Du denn
heut für ein Anliegen?"—"Ich komme wegen meines Sohnes, der morgen
konfirmiert wird."—"Es ist ein braver Junge."—"Ich möchte den Herrn
Pfarrer erst bezahlen, wenn ich weiß, der wievielte der Junge in der Kirche
ist."—"Er wird Nummer eins sein."—"Schön,—hier sind auch zehn Taler
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für den Herrn Pfarrer."—"Ist sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah
Thord an.—"Sonst nichts."—Thord entfernte sich.
Wieder gingen acht Jahre dahin; da war eines Tages vor dem
Arbeitszimmer des Pfarrers großer Lärm, und herein kamen viele Männer,
an ihrer Spitze Thord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn gleich. "Du hast
heut abend ja so viele bei Dir."—"Ich wollte das Aufgebot für meinen Sohn
bestellen; er soll die Karen Storliden heiraten, die Tochter von Gudmund,
von diesem hier."—"Das ist ja das reichste Mädchen im ganzen Gau."—"Es
heißt so", antwortete der Bauer und strich sich mit einer Hand das Haar in
die Höhe, Der Pfarrer saß eine Zeitlang wie in Gedanken und sagte kein
Wort; er trug nur die Namen in seine Bücher ein, und die Männer
unterschrieben. Thord legte drei Taler auf den Tisch.—"Ich bekomme nur
einen", sagte der Pfarrer.—"Weiß wohl, aber er ist mein Einziger,—möcht's
gern recht gut machen." Der Pfarrer nahm das Geld an. "Dies ist das dritte
Mal, daß Du um Deines Sohnes willen hier stehst, Thord."—"Jetzt bin ich
aber auch fertig damit", sagte Thord, klappte sein Taschenbuch zu, sagte
adieu und ging,—die Männer folgten ihm langsam.
Vierzehn Tage später ruderten Vater und Sohn bei stillem Wetter über das
Wasser nach Storliden hinüber, um dort die Hochzeit zu besprechen. "Die
Bank ist nicht ordentlich fest", sagte der Sohn und stand auf, um sie in
Ordnung zu bringen. Da rutscht das Brett aus, auf dem er steht, er schlägt
mit den Armen um sich, stößt einen Schrei aus und stürzt ins Wasser.
—"Halt Dich am Ruder fest", rief sein Vater, sprang auf und hielt es ihm
hin. Doch als der Sohn ein paarmal danach gegriffen hatte, bekam er einen
Krampf. "Wart' mal", rief sein Vater und ruderte näher. Da schlägt der Sohn
nach hinten über, sieht seinen Vater mit einem langen Blick an und sinkt
unter.
Thord an.—"Sonst nichts."—Thord entfernte sich.
Wieder gingen acht Jahre dahin; da war eines Tages vor dem
Arbeitszimmer des Pfarrers großer Lärm, und herein kamen viele Männer,
an ihrer Spitze Thord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn gleich. "Du hast
heut abend ja so viele bei Dir."—"Ich wollte das Aufgebot für meinen Sohn
bestellen; er soll die Karen Storliden heiraten, die Tochter von Gudmund,
von diesem hier."—"Das ist ja das reichste Mädchen im ganzen Gau."—"Es
heißt so", antwortete der Bauer und strich sich mit einer Hand das Haar in
die Höhe, Der Pfarrer saß eine Zeitlang wie in Gedanken und sagte kein
Wort; er trug nur die Namen in seine Bücher ein, und die Männer
unterschrieben. Thord legte drei Taler auf den Tisch.—"Ich bekomme nur
einen", sagte der Pfarrer.—"Weiß wohl, aber er ist mein Einziger,—möcht's
gern recht gut machen." Der Pfarrer nahm das Geld an. "Dies ist das dritte
Mal, daß Du um Deines Sohnes willen hier stehst, Thord."—"Jetzt bin ich
aber auch fertig damit", sagte Thord, klappte sein Taschenbuch zu, sagte
adieu und ging,—die Männer folgten ihm langsam.
Vierzehn Tage später ruderten Vater und Sohn bei stillem Wetter über das
Wasser nach Storliden hinüber, um dort die Hochzeit zu besprechen. "Die
Bank ist nicht ordentlich fest", sagte der Sohn und stand auf, um sie in
Ordnung zu bringen. Da rutscht das Brett aus, auf dem er steht, er schlägt
mit den Armen um sich, stößt einen Schrei aus und stürzt ins Wasser.
—"Halt Dich am Ruder fest", rief sein Vater, sprang auf und hielt es ihm
hin. Doch als der Sohn ein paarmal danach gegriffen hatte, bekam er einen
Krampf. "Wart' mal", rief sein Vater und ruderte näher. Da schlägt der Sohn
nach hinten über, sieht seinen Vater mit einem langen Blick an und sinkt
unter.
Page 539
Thord konnte es kaum fassen; er stoppte das Boot und starrte auf den
Fleck, wo sein Sohn verschwunden war, als müsse er wieder emportauchen.
Ein paar Blasen stiegen auf und noch ein paar, und dann noch eine ganz
große; sie zerbarst—und die See lag wieder spiegelblank da.
Und die Leute sahen, wie drei Tage und drei Nächte lang der Vater um
die Stelle herumruderte, ohne zu essen oder zu schlafen; er fischte nach
seinem Sohn. Und am dritten Tage morgens fand er ihn und trug ihn über
die Hügel nach seinem Hofe.
Es mochte ein Jahr seit jenem Tage vergangen sein. Da hört der Pfarrer
an einem Herbstabend spät noch etwas an der Flurtür rascheln und
behutsam nach der Klinke tasten. Der Pfarrer machte die Tür auf, und
herein kam ein großer, gebeugter Mann, hager und weißhaarig. Der Pfarrer
sah ihn lang an, bis er ihn erkannte; es war Thord. "Du kommst so spät?"
sagte der Pfarrer und blieb vor ihm stehen. "Ja, ja, ich komme spät", sagte
Thord und setzte sich. Der Pfarrer setzte sich auch und wartete; es blieb
lange still. Da sagte Thord: "Ich habe etwas mitgebracht, was ich den
Armen geben möchte; es soll eine Stiftung werden, die den Namen meines
Sohnes trägt";—er stand auf, legte das Geld auf den Tisch und setzte sich
wieder. Der Pfarrer zählte es auf; "es ist viel Geld", sagte er.—"Es ist mein
halber Hof; ich habe ihn heut verkauft." Der Pfarrer saß lange schweigend
da. Endlich fragte er mild: "Was willst Du denn jetzt anfangen,
Thord?"—"Etwas Besseres."—So saßen sie eine Zeitlang, Thord mit
gesenkten Blicken, während die Augen des Pfarrers auf ihm ruhten.
Schließlich sagte der Pfarrer leise und langsam: "Ich glaube, jetzt ist Dein
Sohn Dir doch noch zum Segen geworden."—"Ja, das glaube ich jetzt
auch", sagte Thord; er sah auf, und zwei schwere Tränen rannen ihm über
das Gesicht.
*****
Fleck, wo sein Sohn verschwunden war, als müsse er wieder emportauchen.
Ein paar Blasen stiegen auf und noch ein paar, und dann noch eine ganz
große; sie zerbarst—und die See lag wieder spiegelblank da.
Und die Leute sahen, wie drei Tage und drei Nächte lang der Vater um
die Stelle herumruderte, ohne zu essen oder zu schlafen; er fischte nach
seinem Sohn. Und am dritten Tage morgens fand er ihn und trug ihn über
die Hügel nach seinem Hofe.
Es mochte ein Jahr seit jenem Tage vergangen sein. Da hört der Pfarrer
an einem Herbstabend spät noch etwas an der Flurtür rascheln und
behutsam nach der Klinke tasten. Der Pfarrer machte die Tür auf, und
herein kam ein großer, gebeugter Mann, hager und weißhaarig. Der Pfarrer
sah ihn lang an, bis er ihn erkannte; es war Thord. "Du kommst so spät?"
sagte der Pfarrer und blieb vor ihm stehen. "Ja, ja, ich komme spät", sagte
Thord und setzte sich. Der Pfarrer setzte sich auch und wartete; es blieb
lange still. Da sagte Thord: "Ich habe etwas mitgebracht, was ich den
Armen geben möchte; es soll eine Stiftung werden, die den Namen meines
Sohnes trägt";—er stand auf, legte das Geld auf den Tisch und setzte sich
wieder. Der Pfarrer zählte es auf; "es ist viel Geld", sagte er.—"Es ist mein
halber Hof; ich habe ihn heut verkauft." Der Pfarrer saß lange schweigend
da. Endlich fragte er mild: "Was willst Du denn jetzt anfangen,
Thord?"—"Etwas Besseres."—So saßen sie eine Zeitlang, Thord mit
gesenkten Blicken, während die Augen des Pfarrers auf ihm ruhten.
Schließlich sagte der Pfarrer leise und langsam: "Ich glaube, jetzt ist Dein
Sohn Dir doch noch zum Segen geworden."—"Ja, das glaube ich jetzt
auch", sagte Thord; er sah auf, und zwei schwere Tränen rannen ihm über
das Gesicht.
*****
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DAS FISCHERMÄDEL
Erstes Kapitel
Wo der Hering längere Zeit regelmäßig Einkehr hält, da bildet sich so
allmählich, wenn die Bedingungen im übrigen günstig sind, eine kleine
Stadt. Von solchen Städten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie
ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatsächlich wie ans Land
geschwemmte Balken und Wrackstücke aus, oder wie ein Häuflein
umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht über sich gezogen
haben. Kommt man näher, so sieht man, wie zufällig das Ganze sich
aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze
Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,—Straßen, die
sich krümmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen
Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den größten Schiffen
Schutz gewährt, indem es dort still ist wie in einer Blechbüchse. Und darum
sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln und
zertrümmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem
zu schöpfen, auch gar viel wert.
In solch einem kleinen Städtchen ist es still. Alles, was etwa Lärm
verursacht, ist auf die Landungsbrücken verwiesen, wo die Boote der
Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und löschen.
Erstes Kapitel
Wo der Hering längere Zeit regelmäßig Einkehr hält, da bildet sich so
allmählich, wenn die Bedingungen im übrigen günstig sind, eine kleine
Stadt. Von solchen Städten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie
ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatsächlich wie ans Land
geschwemmte Balken und Wrackstücke aus, oder wie ein Häuflein
umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht über sich gezogen
haben. Kommt man näher, so sieht man, wie zufällig das Ganze sich
aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze
Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,—Straßen, die
sich krümmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen
Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den größten Schiffen
Schutz gewährt, indem es dort still ist wie in einer Blechbüchse. Und darum
sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln und
zertrümmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem
zu schöpfen, auch gar viel wert.
In solch einem kleinen Städtchen ist es still. Alles, was etwa Lärm
verursacht, ist auf die Landungsbrücken verwiesen, wo die Boote der
Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und löschen.
Page 541
Längs den Landungsbrücken läuft die einzige Straße unseres Städtchens; an
ihrer andern Seite liegen die weiß- und rotgestrichenen, ein- und
zweistöckigen Häuschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch
schmucke Gärten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Straße, wo
es übrigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den Brücken
herumliegt. Still ist es hier—nicht etwa aus Furcht vor der Polizei: denn in
der Regel ist gar keine da—sondern aus Angst vor dem Gerede der Leute;
denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man die Straße hinunter, so
muß man in jedes Fenster hineingrüßen und hinter jedem sitzt auch meist
ein altes Frauchen und grüßt wieder. Ferner muß man jeden grüßen, der
einem auf der Straße begegnet. Denn all diese stillen Menschen denken an
nichts anderes, als was sich im allgemeinen und im besonderen für sie
selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem Stande oder seiner Stellung
gezogen ist, überschreitet, der büßt seinen guten Ruf ein. Denn man kennt
nicht allein ihn, sondern auch seinen Vater und Großvater, und man stöbert
flugs auf, wo sich schon früher in der Familie ein Hang zum "Ungehörigen"
gezeigt hat.
In dieses stille Städtchen zog vor vielen Jahren ein gewisser
wohlehrbarer Mann namens Per Olsen. Er kam vom Lande, wo er sich mit
Hausieren und Fiedelspielen sein Brot verdient hatte. In der Stadt eröffnete
er für seine alten Kunden einen Kramladen, in dem er außer allerhand
Waren Brot und Schnaps verkaufte. Man hörte ihn hinten in der
"Ladenstube" auf- und abgehen und Springtänze und Brautmärsche spielen;
jedesmal, wenn er an der Tür vorbeikam, spähte er durch das Guckloch, und
wenn ein Kunde erschien, schloß er sein Spiel mit einem Triller und kam in
den Laden. Das Geschäft gedieh flott; er heiratete und bekam einen Sohn,
den er nach sich benannte, jedoch nicht "Per", sondern Peter. Der kleine
Peter sollte dereinst werden, was Vater Per, wie er sehr wohl fühlte, selber
nicht war: nämlich ein Mann von Bildung. Also kam der Junge auf die
Lateinschule. Wenn dann die andern, die seine Kameraden sein sollten, ihn
ihrer andern Seite liegen die weiß- und rotgestrichenen, ein- und
zweistöckigen Häuschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch
schmucke Gärten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Straße, wo
es übrigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den Brücken
herumliegt. Still ist es hier—nicht etwa aus Furcht vor der Polizei: denn in
der Regel ist gar keine da—sondern aus Angst vor dem Gerede der Leute;
denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man die Straße hinunter, so
muß man in jedes Fenster hineingrüßen und hinter jedem sitzt auch meist
ein altes Frauchen und grüßt wieder. Ferner muß man jeden grüßen, der
einem auf der Straße begegnet. Denn all diese stillen Menschen denken an
nichts anderes, als was sich im allgemeinen und im besonderen für sie
selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem Stande oder seiner Stellung
gezogen ist, überschreitet, der büßt seinen guten Ruf ein. Denn man kennt
nicht allein ihn, sondern auch seinen Vater und Großvater, und man stöbert
flugs auf, wo sich schon früher in der Familie ein Hang zum "Ungehörigen"
gezeigt hat.
In dieses stille Städtchen zog vor vielen Jahren ein gewisser
wohlehrbarer Mann namens Per Olsen. Er kam vom Lande, wo er sich mit
Hausieren und Fiedelspielen sein Brot verdient hatte. In der Stadt eröffnete
er für seine alten Kunden einen Kramladen, in dem er außer allerhand
Waren Brot und Schnaps verkaufte. Man hörte ihn hinten in der
"Ladenstube" auf- und abgehen und Springtänze und Brautmärsche spielen;
jedesmal, wenn er an der Tür vorbeikam, spähte er durch das Guckloch, und
wenn ein Kunde erschien, schloß er sein Spiel mit einem Triller und kam in
den Laden. Das Geschäft gedieh flott; er heiratete und bekam einen Sohn,
den er nach sich benannte, jedoch nicht "Per", sondern Peter. Der kleine
Peter sollte dereinst werden, was Vater Per, wie er sehr wohl fühlte, selber
nicht war: nämlich ein Mann von Bildung. Also kam der Junge auf die
Lateinschule. Wenn dann die andern, die seine Kameraden sein sollten, ihn
Page 542
von ihren Spielen weg heimprügelten, weil er Per Olsens Sohn war, so
prügelte Per Olsen ihn wieder zu ihnen hinaus; denn auf andere Weise
konnte ja der Junge nie Bildung erwerben. Infolgedessen fühlte der kleine
Peter sich in der Schule sehr verlassen, wurde stumpf und faul und nach
und nach so gleichgültig gegen alles, daß alle Hiebe des Vaters ihm weder
Tränen noch Lachen mehr entlockten. Nun gab Per das Prügeln auf und
steckte ihn hinter den Ladentisch. Wie groß war sein Erstaunen, als er sah,
daß der Junge jedem Kunden genau verabreichte, was der forderte, nie auch
nur ein Körnchen zu viel gab, nie auch nur eine Pflaume naschte, stets
genau abwog, zählte und eintrug, ohne eine Miene zu verziehen, meist ohne
ein Wort zu reden, äußerst langsam, aber mit unverbrüchlicher Genauigkeit.
Der Vater schöpfte neue Hoffnung und schickte ihn mit einem Heringsboot
nach Hamburg, wo er ein Handelsinstitut besuchen und feine Manieren
lernen sollte. Acht Monate war er dort; das mußte doch wohl genügen! Als
er heimkam, war er mit sechs neuen Anzügen ausgestattet, die er bei der
Landung sämtlich übereinander trug; "denn was man auf dem Leib hat,
braucht man nicht zu verzollen." Aber abgesehen von diesem Umfang
machte er, als er sich am folgenden Tag auf der Straße zeigte, noch
ungefähr dieselbe Figur wie früher. Er bewegte sich steif und langsam, mit
grad herunterbaumelnden Armen; er grüßte mit einem plötzlichen Ruck,
und verbeugte sich, als habe er keine Gelenke, um sofort wieder steif wie
vorher zu werden. Er war die verkörperte Höflichkeit; aber er tat alles, ohne
ein Wort zu sprechen, hastig, mit einer gewissen Scheu. Er schrieb sich jetzt
nicht mehr Olsen, sondern Ohlsen, was den Witzbolden des Städtchens
Anlaß zu folgender Scherzfrage gab: "Wie weit ist Peter Olsen in Hamburg
gekommen?" Antwort: "Bis zum ersten Buchstaben!" Er trug sich sogar mit
dem Gedanken, sich "Pedro" zu nennen. Weil er aber des verdammten "h's"
wegen schon mehr als genug Ärger schlucken mußte, ließ er das und
schrieb sich einfach: "P. Ohlsen." Er erweiterte das Geschäft des Vaters und
heiratete mit knapp zweiundzwanzig eine rothändige Ladenmamsell, damit
prügelte Per Olsen ihn wieder zu ihnen hinaus; denn auf andere Weise
konnte ja der Junge nie Bildung erwerben. Infolgedessen fühlte der kleine
Peter sich in der Schule sehr verlassen, wurde stumpf und faul und nach
und nach so gleichgültig gegen alles, daß alle Hiebe des Vaters ihm weder
Tränen noch Lachen mehr entlockten. Nun gab Per das Prügeln auf und
steckte ihn hinter den Ladentisch. Wie groß war sein Erstaunen, als er sah,
daß der Junge jedem Kunden genau verabreichte, was der forderte, nie auch
nur ein Körnchen zu viel gab, nie auch nur eine Pflaume naschte, stets
genau abwog, zählte und eintrug, ohne eine Miene zu verziehen, meist ohne
ein Wort zu reden, äußerst langsam, aber mit unverbrüchlicher Genauigkeit.
Der Vater schöpfte neue Hoffnung und schickte ihn mit einem Heringsboot
nach Hamburg, wo er ein Handelsinstitut besuchen und feine Manieren
lernen sollte. Acht Monate war er dort; das mußte doch wohl genügen! Als
er heimkam, war er mit sechs neuen Anzügen ausgestattet, die er bei der
Landung sämtlich übereinander trug; "denn was man auf dem Leib hat,
braucht man nicht zu verzollen." Aber abgesehen von diesem Umfang
machte er, als er sich am folgenden Tag auf der Straße zeigte, noch
ungefähr dieselbe Figur wie früher. Er bewegte sich steif und langsam, mit
grad herunterbaumelnden Armen; er grüßte mit einem plötzlichen Ruck,
und verbeugte sich, als habe er keine Gelenke, um sofort wieder steif wie
vorher zu werden. Er war die verkörperte Höflichkeit; aber er tat alles, ohne
ein Wort zu sprechen, hastig, mit einer gewissen Scheu. Er schrieb sich jetzt
nicht mehr Olsen, sondern Ohlsen, was den Witzbolden des Städtchens
Anlaß zu folgender Scherzfrage gab: "Wie weit ist Peter Olsen in Hamburg
gekommen?" Antwort: "Bis zum ersten Buchstaben!" Er trug sich sogar mit
dem Gedanken, sich "Pedro" zu nennen. Weil er aber des verdammten "h's"
wegen schon mehr als genug Ärger schlucken mußte, ließ er das und
schrieb sich einfach: "P. Ohlsen." Er erweiterte das Geschäft des Vaters und
heiratete mit knapp zweiundzwanzig eine rothändige Ladenmamsell, damit
Page 543
sie die Wirtschaft führe; denn der Vater war gerade Witwer geworden, und
eine Frau war immerhin sicherer als eine Haushälterin. Pünktlich übers Jahr
langte ein Sohn an, der acht Tage darauf den Namen Pedro trug. Nachdem
der wackere Per Olsen Großvater geworden war, empfand er es als
unabweisbare Pflicht, alt zu werden. Er überließ also seinen Handel dem
Sohn, saß von Stund an auf der Bank vorm Haus und rauchte. Und als es
eines Tags anfing, ihm da draußen langweilig zu werden, wünschte er sich,
daß er bald sterben möge. Und wie alle seine Wünsche sänftiglich in
Erfüllung gegangen waren, so erfüllte sich auch dieser.
Hatte Peter der Sohn ausschließlich die eine Seite der väterlichen
Begabung, die kaufmännische Schlauheit, geerbt, so schien Pedro, der
Enkel, ausschließlich die andere, die Lust an der Musik, geerbt zu haben. Er
lernte sehr spät lesen, aber sehr früh singen; er blies die Flöte so hübsch,
daß es jedem auffallen mußte. Er war fein von Aussehen und weich von
Gemüt. Aber dem Vater kam das nur ungelegen; er wollte in dem Knaben
seinen eigenen unermüdlichen Geschäftsgeist großziehen. Wenn Pedro
etwas vergaß, so wurde er nicht gescholten oder geprügelt, wie seinerzeit
der Vater, sondern er wurde gekniffen. Das geschah ganz in aller Stille, mit
einer Freundlichkeit, die man fast höflich nennen konnte; aber es geschah
bei der geringsten Veranlassung. Jeden Abend, wenn die Mutter ihn
auskleidete, zählte sie die blauen und gelben Flecken und küßte sie; aber
Widerstand leistete sie nicht; denn sie selber wurde ebenfalls gezwickt.
Jeder Riß in seinen Kleidern, die aus des Vaters alten Hamburger Anzügen
gemacht waren, jeder Fleck in seinen Schulbüchern wurde ihr angerechnet.
Darum hieß es in einem fort: "Laß das, Pedro!—Nimm dich in acht, Pedro!
—Vergiß nicht, Pedro!" Den Vater fürchtete er, die Mutter war ihm lästig.
Seine Kameraden taten ihm nichts zuleide, weil er gleich zu heulen anfing
und flehte, man möge seine Kleider schonen; aber sie nannten ihn bloß den
Schmachtlappen und verachteten ihn ganz unverhohlen. Er war wie ein
krankes, federloses Entlein, das überall hinterdrein hinkt, und mit jedem
eine Frau war immerhin sicherer als eine Haushälterin. Pünktlich übers Jahr
langte ein Sohn an, der acht Tage darauf den Namen Pedro trug. Nachdem
der wackere Per Olsen Großvater geworden war, empfand er es als
unabweisbare Pflicht, alt zu werden. Er überließ also seinen Handel dem
Sohn, saß von Stund an auf der Bank vorm Haus und rauchte. Und als es
eines Tags anfing, ihm da draußen langweilig zu werden, wünschte er sich,
daß er bald sterben möge. Und wie alle seine Wünsche sänftiglich in
Erfüllung gegangen waren, so erfüllte sich auch dieser.
Hatte Peter der Sohn ausschließlich die eine Seite der väterlichen
Begabung, die kaufmännische Schlauheit, geerbt, so schien Pedro, der
Enkel, ausschließlich die andere, die Lust an der Musik, geerbt zu haben. Er
lernte sehr spät lesen, aber sehr früh singen; er blies die Flöte so hübsch,
daß es jedem auffallen mußte. Er war fein von Aussehen und weich von
Gemüt. Aber dem Vater kam das nur ungelegen; er wollte in dem Knaben
seinen eigenen unermüdlichen Geschäftsgeist großziehen. Wenn Pedro
etwas vergaß, so wurde er nicht gescholten oder geprügelt, wie seinerzeit
der Vater, sondern er wurde gekniffen. Das geschah ganz in aller Stille, mit
einer Freundlichkeit, die man fast höflich nennen konnte; aber es geschah
bei der geringsten Veranlassung. Jeden Abend, wenn die Mutter ihn
auskleidete, zählte sie die blauen und gelben Flecken und küßte sie; aber
Widerstand leistete sie nicht; denn sie selber wurde ebenfalls gezwickt.
Jeder Riß in seinen Kleidern, die aus des Vaters alten Hamburger Anzügen
gemacht waren, jeder Fleck in seinen Schulbüchern wurde ihr angerechnet.
Darum hieß es in einem fort: "Laß das, Pedro!—Nimm dich in acht, Pedro!
—Vergiß nicht, Pedro!" Den Vater fürchtete er, die Mutter war ihm lästig.
Seine Kameraden taten ihm nichts zuleide, weil er gleich zu heulen anfing
und flehte, man möge seine Kleider schonen; aber sie nannten ihn bloß den
Schmachtlappen und verachteten ihn ganz unverhohlen. Er war wie ein
krankes, federloses Entlein, das überall hinterdrein hinkt, und mit jedem
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kleinen Bissen, den es erwischen kann, weit abseits watschelt. Keiner teilte
mit ihm, deshalb teilte auch er mit keinem.
Aber bald machte er die Entdeckung, daß dies bei den ärmeren Kindern
der Stadt anders sei; die hatten Nachsicht mit ihm, weil er etwas Feineres
war als sie selber. Besonders ein großes, kräftiges Mädchen, das die ganze
Schar kommandierte, nahm sich seiner an. Er wurde nicht müde, sie zu
betrachten; sie hatte einen Kopf voll rabenschwarzer Locken, die nie anders
als mit den Fingern gekämmt wurden, strahlende blaue Augen und eine
niedere Stirn; das ganze Gesicht war wie in eins gesammelt und flog
förmlich geradaus. Immer war sie in rastloser Bewegung und Tätigkeit; im
Sommer barfuß, mit nackten Armen, braungebrannt; im Winter angezogen
wie andere im Sommer. Ihr Vater war Lotse und Fischer; sie rannte bei den
Leuten herum und verkaufte seine Fische; sie hielt sein Boot gegen Wind
und Strömung, und wenn er lotste, trieb sie die Fischerei allein. Wer ihr
begegnete, wandte sich um und sah ihr nach; sie war die verkörperte
Selbstsicherheit. Sie hieß Gunlaug, aber man nannte sie "das
Fischermädel"—ein Titel, den sie als den ihr zukommenden Rang hinnahm.
Beim Spielen half sie stets den Schwächeren; sie hatte das Bedürfnis, sich
anderer anzunehmen, und so nahm sie sich des zarten Jungen an.
In ihrem Boot durfte er Flöte blasen, was zu Hause untersagt war, weil
man fürchtete, seine Gedanken möchten von den Schularbeiten abgelenkt
werden. Sie ruderte ihn hinaus auf den Fjord, sie nahm ihn mit auf ihre
ausgedehnteren Fischzüge; bald begleitete er sie auch auf ihren nächtlichen
Ausflügen. Dann ruderten sie bei Sonnenuntergang hinaus in das lichte
Sommerschweigen. Er blies die Flöte oder hörte zu, wie sie ihm von allem
erzählte, was sie wußte; vom Meermann, von Gespenstern, von
Schiffbrüchen, von fremden Ländern und schwarzen Völkern, von allem,
was die Seeleute erzählt hatten. Sie teilte ihr Essen mit ihm, wie sie all ihr
Wissen mit ihm teilte, und er nahm alles hin, ohne das Geringste
mit ihm, deshalb teilte auch er mit keinem.
Aber bald machte er die Entdeckung, daß dies bei den ärmeren Kindern
der Stadt anders sei; die hatten Nachsicht mit ihm, weil er etwas Feineres
war als sie selber. Besonders ein großes, kräftiges Mädchen, das die ganze
Schar kommandierte, nahm sich seiner an. Er wurde nicht müde, sie zu
betrachten; sie hatte einen Kopf voll rabenschwarzer Locken, die nie anders
als mit den Fingern gekämmt wurden, strahlende blaue Augen und eine
niedere Stirn; das ganze Gesicht war wie in eins gesammelt und flog
förmlich geradaus. Immer war sie in rastloser Bewegung und Tätigkeit; im
Sommer barfuß, mit nackten Armen, braungebrannt; im Winter angezogen
wie andere im Sommer. Ihr Vater war Lotse und Fischer; sie rannte bei den
Leuten herum und verkaufte seine Fische; sie hielt sein Boot gegen Wind
und Strömung, und wenn er lotste, trieb sie die Fischerei allein. Wer ihr
begegnete, wandte sich um und sah ihr nach; sie war die verkörperte
Selbstsicherheit. Sie hieß Gunlaug, aber man nannte sie "das
Fischermädel"—ein Titel, den sie als den ihr zukommenden Rang hinnahm.
Beim Spielen half sie stets den Schwächeren; sie hatte das Bedürfnis, sich
anderer anzunehmen, und so nahm sie sich des zarten Jungen an.
In ihrem Boot durfte er Flöte blasen, was zu Hause untersagt war, weil
man fürchtete, seine Gedanken möchten von den Schularbeiten abgelenkt
werden. Sie ruderte ihn hinaus auf den Fjord, sie nahm ihn mit auf ihre
ausgedehnteren Fischzüge; bald begleitete er sie auch auf ihren nächtlichen
Ausflügen. Dann ruderten sie bei Sonnenuntergang hinaus in das lichte
Sommerschweigen. Er blies die Flöte oder hörte zu, wie sie ihm von allem
erzählte, was sie wußte; vom Meermann, von Gespenstern, von
Schiffbrüchen, von fremden Ländern und schwarzen Völkern, von allem,
was die Seeleute erzählt hatten. Sie teilte ihr Essen mit ihm, wie sie all ihr
Wissen mit ihm teilte, und er nahm alles hin, ohne das Geringste
Page 545
wiederzugeben; denn er brachte von Hause kein Essen und aus der Schule
keine Phantasie mit. Sie ruderten, bis die Sonne über den Schneebergen
unterging; dann legten sie an einer Insel an und machten Feuer, das heißt,
sie sammelte und schichtete Holz und Reisig auf, und er sah zu. Eine von
ihres Vaters Schifferjacken und eine Decke hatte sie für ihn mitgebracht; in
die wurde er hineingewickelt. Sie paßte aufs Feuer auf, und er schlief ein.
Um sich wach zu halten, sang sie Verse aus Liedern und Chorälen; bis er
eingeschlafen war, sang sie mit starker, heller Stimme; dann sang sie leiser.
Wenn die Sonne auf der andern Seite wieder emporstieg und als Vorboten
ein gelb-kaltes Licht über die Berggipfel vor sich herschoß, weckte sie ihn.
Der Wald stand noch schwarz, und die Wiese dunkel; bald aber begannen
sie sich braunrot zu färben, zu blinken, bis der ganze Gebirgskamm glühte
und alle Farben darüber rauschten. Dann zogen sie das Boot wieder ins
Wasser, ein Schaumstreifen lief durch die schwarze Morgenbrise, und bald
lagen sie am Strand, neben den anderen Fischern.
Als der Winter kam und die Fahrten aufhörten, suchte er sie in ihrem
Hause auf; er kam regelmäßig und sah ihr zu, während sie arbeitete; aber
weder er noch sie redeten viel; es war, als säßen sie nur beisammen und
warteten auf den Sommer. Doch als der Sommer kam, wurde dem Knaben
leider auch diese neue Lebensaussicht genommen; Gunlaugs Vater starb,
und sie verließ die Stadt, während Pedro auf den Rat seiner Lehrer in den
Laden gesteckt wurde. Da stand er nun, neben der Mutter; denn der Vater,
der nach und nach die Farbe all der Graupen und Grützen, die er abwog,
angenommen hatte, mußte in der Ladenstube das Bett hüten. Aber auch von
dort aus wollte er immer noch mit dabei sein, wollte genau wissen, was
jedes von den Zweien verkauft hatte, tat, als höre er nicht, bis er sie
glücklich so dicht neben sich hatte, daß er sie kneifen konnte. Und endlich
als der Docht in dieser kleinen Lampe gänzlich ausgetrocknet war, erlosch
er eines Nachts. Die Frau weinte, ohne daß sie recht wußte, warum; aber
der Sohn vermochte nicht eine einzige Träne hervorzupressen. Da sie Geld
keine Phantasie mit. Sie ruderten, bis die Sonne über den Schneebergen
unterging; dann legten sie an einer Insel an und machten Feuer, das heißt,
sie sammelte und schichtete Holz und Reisig auf, und er sah zu. Eine von
ihres Vaters Schifferjacken und eine Decke hatte sie für ihn mitgebracht; in
die wurde er hineingewickelt. Sie paßte aufs Feuer auf, und er schlief ein.
Um sich wach zu halten, sang sie Verse aus Liedern und Chorälen; bis er
eingeschlafen war, sang sie mit starker, heller Stimme; dann sang sie leiser.
Wenn die Sonne auf der andern Seite wieder emporstieg und als Vorboten
ein gelb-kaltes Licht über die Berggipfel vor sich herschoß, weckte sie ihn.
Der Wald stand noch schwarz, und die Wiese dunkel; bald aber begannen
sie sich braunrot zu färben, zu blinken, bis der ganze Gebirgskamm glühte
und alle Farben darüber rauschten. Dann zogen sie das Boot wieder ins
Wasser, ein Schaumstreifen lief durch die schwarze Morgenbrise, und bald
lagen sie am Strand, neben den anderen Fischern.
Als der Winter kam und die Fahrten aufhörten, suchte er sie in ihrem
Hause auf; er kam regelmäßig und sah ihr zu, während sie arbeitete; aber
weder er noch sie redeten viel; es war, als säßen sie nur beisammen und
warteten auf den Sommer. Doch als der Sommer kam, wurde dem Knaben
leider auch diese neue Lebensaussicht genommen; Gunlaugs Vater starb,
und sie verließ die Stadt, während Pedro auf den Rat seiner Lehrer in den
Laden gesteckt wurde. Da stand er nun, neben der Mutter; denn der Vater,
der nach und nach die Farbe all der Graupen und Grützen, die er abwog,
angenommen hatte, mußte in der Ladenstube das Bett hüten. Aber auch von
dort aus wollte er immer noch mit dabei sein, wollte genau wissen, was
jedes von den Zweien verkauft hatte, tat, als höre er nicht, bis er sie
glücklich so dicht neben sich hatte, daß er sie kneifen konnte. Und endlich
als der Docht in dieser kleinen Lampe gänzlich ausgetrocknet war, erlosch
er eines Nachts. Die Frau weinte, ohne daß sie recht wußte, warum; aber
der Sohn vermochte nicht eine einzige Träne hervorzupressen. Da sie Geld
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genug hatten, um davon leben zu können, gaben sie das Geschäft auf,
rotteten jegliche Erinnerung aus und wandelten den Laden zur Wohnstube
um. Darin saß die Mutter am Fenster und strickte Strümpfe; Pedro saß im
Zimmer auf der andern Seite des Flurs und blies die Flöte. Aber sobald der
Sommer kam, kaufte er sich ein kleines, leichtes Segelboot, fuhr hinüber
nach der Insel und suchte die Stelle, wo Gunlaug gelegen hatte.
Und eines Tags, als er dort im Heidekraut lag, sah er ein Boot gerade auf
sich zusteuern und neben dem seinen anlegen,—Gunlaug stieg heraus.—Sie
war noch ganz dieselbe, nur daß sie jetzt völlig erwachsen war und größer
als andere Mädchen. Doch sobald sie seiner ansichtig wurde, wich sie
langsam zurück; es war ihr gar nicht der Gedanke gekommen, daß auch er
inzwischen ein erwachsener Mensch geworden war.
Dieses blasse, magere Gesicht—das kannte sie nicht; das war nicht mehr
kränklich und zart—es war schlaff. Aber in die Augen kam, als er sie sah,
ein stilles Leuchten wie von entschwundenen Träumen. Sie trat wieder
näher; und mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, war es, als fiele ein
Jahr von ihm ab, und als sie vor ihm stand, da war er aufgesprungen, da
lachte er wie ein Kind, da redete er wie ein Kind; das alte Gesicht lag nur
über einem heimlich versteckten Kindesantlitz; älter war er geworden—
gewachsen war er nicht.
Und doch—gerade dies Kind hatte sie gesucht. Und nun, da sie es
wiedergefunden hatte, wußte sie nicht, was weiter… Sie lachte und wurde
rot. Unwillkürlich fühlte er in sich etwas wie eine Macht; und zum
erstenmal in seinem Leben wurde er plötzlich schön; es währte vielleicht
bloß einen Augenblick; aber mit diesem Augenblick wurde sie sein.
Sie war eine von den Naturen, die nur lieben können, was schwach ist,
was sie auf Händen getragen haben. Sie hatte zwei Tage bleiben wollen in
der kleinen Stadt; sie blieb zwei Monate. In diesen zwei Monaten wuchs er
rotteten jegliche Erinnerung aus und wandelten den Laden zur Wohnstube
um. Darin saß die Mutter am Fenster und strickte Strümpfe; Pedro saß im
Zimmer auf der andern Seite des Flurs und blies die Flöte. Aber sobald der
Sommer kam, kaufte er sich ein kleines, leichtes Segelboot, fuhr hinüber
nach der Insel und suchte die Stelle, wo Gunlaug gelegen hatte.
Und eines Tags, als er dort im Heidekraut lag, sah er ein Boot gerade auf
sich zusteuern und neben dem seinen anlegen,—Gunlaug stieg heraus.—Sie
war noch ganz dieselbe, nur daß sie jetzt völlig erwachsen war und größer
als andere Mädchen. Doch sobald sie seiner ansichtig wurde, wich sie
langsam zurück; es war ihr gar nicht der Gedanke gekommen, daß auch er
inzwischen ein erwachsener Mensch geworden war.
Dieses blasse, magere Gesicht—das kannte sie nicht; das war nicht mehr
kränklich und zart—es war schlaff. Aber in die Augen kam, als er sie sah,
ein stilles Leuchten wie von entschwundenen Träumen. Sie trat wieder
näher; und mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, war es, als fiele ein
Jahr von ihm ab, und als sie vor ihm stand, da war er aufgesprungen, da
lachte er wie ein Kind, da redete er wie ein Kind; das alte Gesicht lag nur
über einem heimlich versteckten Kindesantlitz; älter war er geworden—
gewachsen war er nicht.
Und doch—gerade dies Kind hatte sie gesucht. Und nun, da sie es
wiedergefunden hatte, wußte sie nicht, was weiter… Sie lachte und wurde
rot. Unwillkürlich fühlte er in sich etwas wie eine Macht; und zum
erstenmal in seinem Leben wurde er plötzlich schön; es währte vielleicht
bloß einen Augenblick; aber mit diesem Augenblick wurde sie sein.
Sie war eine von den Naturen, die nur lieben können, was schwach ist,
was sie auf Händen getragen haben. Sie hatte zwei Tage bleiben wollen in
der kleinen Stadt; sie blieb zwei Monate. In diesen zwei Monaten wuchs er
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mehr als in seiner ganzen übrigen Jugend; er schwang sich so weit empor
aus Traum und Schlaffheit, daß er sogar Pläne entwarf; er wollte fort—er
wollte Musiker werden. Aber als er das eines Tages wiederum aussprach,
wurde sie blaß und sagte: "Ja—aber dann müssen wir doch erst heiraten!"
Er sah sie an, sie sah ihn an, fest und klar, beide wurden sie feuerrot; dann
sagte er: "Was würden die Leute dazu sagen?"
Gunlaug war nie der Gedanke gekommen, daß er etwas anderes wollen
könne als sie, weil sie selber nie etwas anderes wollen konnte, als was er
wollte. Aber jetzt las sie es in seiner Seele—unverhüllt: keinen Augenblick
hatte er daran gedacht, etwas anderes mit ihr zu teilen, als was sie gab. In
einer Sekunde sah sie es vor sich: ihr ganzes Leben lang war das so
gewesen. Zum Anfang ihr Mitleid—zum Schluß ihre Liebe—für das, was
sie aus Güte umfaßt hatte. Hätte sie bloß noch einen Moment lang
Besonnenheit gehabt! Denn er sah ihren auflodernden Zorn—er erschrak
und rief: "Ich will ja!" Sie hörte es; aber der Zorn über ihre eigene
Dummheit und seine Erbärmlichkeit, über die eigene Scham und seine
Feigheit kochte in so glühender Hast in ihr auf bis zum Sprengen aller
Bande, daß wohl nie eine Liebe, begonnen in Kindheit und Abendsonne,
gewiegt von Wellen und Mondlicht, begleitet von Flöte und leisem Gesang,
ein traurigeres Ende genommen hat! Sie packte ihn mit ihren beiden
Händen, hob ihn hoch, verprügelte ihn recht nach Herzenslust, ruderte dann
zur Stadt zurück und ging noch in derselbigen Stunde über die Berge—auf
und davon.
Er war ausgesegelt als ein verliebter Jüngling, der im Begriff ist, sich sein
Mannestum zu erobern; er ruderte heim als ein Greis, der nie ein
Mannestum gehabt hat. Nur eine Erinnerung besaß sein Leben; und die
hatte er töricht aufs Spiel gesetzt; nur einen Fleck Erde hatte er, wo er sich
hinflüchten konnte; und nun durfte er nimmermehr dorthin zurück. Vor
lauter Grübelei ob seiner eigenen Jämmerlichkeit und wie das eigentlich
aus Traum und Schlaffheit, daß er sogar Pläne entwarf; er wollte fort—er
wollte Musiker werden. Aber als er das eines Tages wiederum aussprach,
wurde sie blaß und sagte: "Ja—aber dann müssen wir doch erst heiraten!"
Er sah sie an, sie sah ihn an, fest und klar, beide wurden sie feuerrot; dann
sagte er: "Was würden die Leute dazu sagen?"
Gunlaug war nie der Gedanke gekommen, daß er etwas anderes wollen
könne als sie, weil sie selber nie etwas anderes wollen konnte, als was er
wollte. Aber jetzt las sie es in seiner Seele—unverhüllt: keinen Augenblick
hatte er daran gedacht, etwas anderes mit ihr zu teilen, als was sie gab. In
einer Sekunde sah sie es vor sich: ihr ganzes Leben lang war das so
gewesen. Zum Anfang ihr Mitleid—zum Schluß ihre Liebe—für das, was
sie aus Güte umfaßt hatte. Hätte sie bloß noch einen Moment lang
Besonnenheit gehabt! Denn er sah ihren auflodernden Zorn—er erschrak
und rief: "Ich will ja!" Sie hörte es; aber der Zorn über ihre eigene
Dummheit und seine Erbärmlichkeit, über die eigene Scham und seine
Feigheit kochte in so glühender Hast in ihr auf bis zum Sprengen aller
Bande, daß wohl nie eine Liebe, begonnen in Kindheit und Abendsonne,
gewiegt von Wellen und Mondlicht, begleitet von Flöte und leisem Gesang,
ein traurigeres Ende genommen hat! Sie packte ihn mit ihren beiden
Händen, hob ihn hoch, verprügelte ihn recht nach Herzenslust, ruderte dann
zur Stadt zurück und ging noch in derselbigen Stunde über die Berge—auf
und davon.
Er war ausgesegelt als ein verliebter Jüngling, der im Begriff ist, sich sein
Mannestum zu erobern; er ruderte heim als ein Greis, der nie ein
Mannestum gehabt hat. Nur eine Erinnerung besaß sein Leben; und die
hatte er töricht aufs Spiel gesetzt; nur einen Fleck Erde hatte er, wo er sich
hinflüchten konnte; und nun durfte er nimmermehr dorthin zurück. Vor
lauter Grübelei ob seiner eigenen Jämmerlichkeit und wie das eigentlich
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alles so gekommen war, versank sein bißchen Unternehmungsgeist wie in
einen Sumpf, um nie wieder emporzutauchen. Die Gassenjungen der Stadt,
die schon früher auf sein wunderliches Wesen aufmerksam geworden
waren, fingen an, ihn zu necken und zu foppen, und weil er überhaupt für
die Stadt eine etwas unklare Persönlichkeit war, da niemand so recht wußte,
wovon er lebte und was er trieb, so fiel es auch keinem ein, ihn zu
verteidigen. Bald traute er sich überhaupt nicht mehr aus dem Hause,
wenigstens nicht auf die Straße. Sein ganzes Dasein wurde ein Kampf mit
den Straßenjungens; mag sein, daß sie immerhin doch zu etwas gut waren,
wie etwa Mücken an einem heißen Sommertag: denn ohne sie wäre er in
unaufhaltsamen Stumpfsinn versunken.
Neun Jahre später kam Gunlaug wieder in die Stadt, ebenso unerwartet,
wie sie verschwunden war. Sie hatte ein kleines Mädchen von acht Jahren
bei sich, ganz ihr Ebenbild aus früherer Zeit, nur daß alles an dem Kind
feiner und wie von einem Traum überschleiert war. Es hieß, Gunlaug sei
verheiratet gewesen, habe jetzt eine kleine Erbschaft gemacht, und nun kam
sie zurück, um eine Matrosenkneipe zu eröffnen. Diese betrieb sie auf eine
Art, daß bald Kaufleute und Schiffer zu ihr kamen, um bei ihr ihre Leute zu
dingen, und die Matrosen bei ihr einkehrten, um sich zu verheuern. Für
diesen Zwischenhandel nahm sie nie einen Pfennig, aber sie machte einen
despotischen Gebrauch von der Macht, die er ihr verlieh. Sie war ganz ohne
Zweifel der mächtigste Mann in der ganzen Stadt, trotzdem sie ein Weib
war und nie einen Fuß aus dem Haus setzte. "Fischer-Gunlaug" nannten die
Leute sie, oder "Gunlaug vom Berge"; der Titel "das Fischermädel" ging
auf die Tochter über, die die Rädelsführerin der gesamten städtischen
Bubenschar war.
Und ihre Geschichte berichtet diese Erzählung; sie hatte etwas von der
Elementarkraft der Mutter, und ihr wurde die Gelegenheit, sie zu
gebrauchen.
einen Sumpf, um nie wieder emporzutauchen. Die Gassenjungen der Stadt,
die schon früher auf sein wunderliches Wesen aufmerksam geworden
waren, fingen an, ihn zu necken und zu foppen, und weil er überhaupt für
die Stadt eine etwas unklare Persönlichkeit war, da niemand so recht wußte,
wovon er lebte und was er trieb, so fiel es auch keinem ein, ihn zu
verteidigen. Bald traute er sich überhaupt nicht mehr aus dem Hause,
wenigstens nicht auf die Straße. Sein ganzes Dasein wurde ein Kampf mit
den Straßenjungens; mag sein, daß sie immerhin doch zu etwas gut waren,
wie etwa Mücken an einem heißen Sommertag: denn ohne sie wäre er in
unaufhaltsamen Stumpfsinn versunken.
Neun Jahre später kam Gunlaug wieder in die Stadt, ebenso unerwartet,
wie sie verschwunden war. Sie hatte ein kleines Mädchen von acht Jahren
bei sich, ganz ihr Ebenbild aus früherer Zeit, nur daß alles an dem Kind
feiner und wie von einem Traum überschleiert war. Es hieß, Gunlaug sei
verheiratet gewesen, habe jetzt eine kleine Erbschaft gemacht, und nun kam
sie zurück, um eine Matrosenkneipe zu eröffnen. Diese betrieb sie auf eine
Art, daß bald Kaufleute und Schiffer zu ihr kamen, um bei ihr ihre Leute zu
dingen, und die Matrosen bei ihr einkehrten, um sich zu verheuern. Für
diesen Zwischenhandel nahm sie nie einen Pfennig, aber sie machte einen
despotischen Gebrauch von der Macht, die er ihr verlieh. Sie war ganz ohne
Zweifel der mächtigste Mann in der ganzen Stadt, trotzdem sie ein Weib
war und nie einen Fuß aus dem Haus setzte. "Fischer-Gunlaug" nannten die
Leute sie, oder "Gunlaug vom Berge"; der Titel "das Fischermädel" ging
auf die Tochter über, die die Rädelsführerin der gesamten städtischen
Bubenschar war.
Und ihre Geschichte berichtet diese Erzählung; sie hatte etwas von der
Elementarkraft der Mutter, und ihr wurde die Gelegenheit, sie zu
gebrauchen.
Page 549
Zweites Kapitel
Die vielen anmutigen Gärten der Stadt dufteten nach dem Regen in ihrer
zweiten und dritten Blüte. Die Sonne ging über den ewigen Schneefeldern
zur Rüste; der ganze Himmel war Feuer und Flamme, und die Schneefirne
warfen den gedämpften Widerschein zurück. Die näher gelegenen Berge
standen im Schatten, aber sie leuchteten doch von vielfarbigem Herbstwald;
auf den Holmen, die in der Mitte des Fjords in Reih und Glied dem Lande
zustrebten, als kämen sie geradenwegs dahergerudert, stand—weil sie dem
Lande näher lagen—der dichte Wald in noch stärkerem Farbenspiel als auf
den Bergen. Die See war spiegelblank; ein großes Schiff wurde langsam
herangewerpt. Die Leute saßen vor ihren Häusern auf der Holztreppe, die
zu beiden Seiten halb verdeckt war von Rosengebüsch; von Treppe zu
Treppe plauderte man miteinander, stattete sich auch wohl einen kurzen
Besuch ab, oder man tauschte einen Gruß mit den Spaziergängern aus, die
den langen Alleen draußen vor der Stadt zueilten. Aus einem offenen
Fenster tönte hier und dort Klavierspiel; sonst unterbrach kaum ein Laut das
Geplauder; der letzte Sonnenschimmer auf dem Wasser erhöhte noch das
Gefühl der Stille.
Da plötzlich erhob sich mitten in der Stadt ein Getöse, als werde die
ganze Stadt gestürmt. Jungens schrien, Mädchen kreischten, alte Weiber
schimpften und kommandierten, der große Hund des Polizeidieners bellte
und sämtliche Köter der Stadt stimmten ein. Alles, was drin war, drängte
hinaus—hinaus. Der Spektakel wurde so ungeheuerlich, daß sogar der
Amtmann sich auf seiner Treppe umdrehte und die Worte fallen ließ: "Da
muß was los sein."
"Was ist los?" fielen die von den Alleen Herbeistürzenden über die auf
den Treppen Sitzenden her.—"Ja, was ist los?" antworteten die auf den
Treppen.—"Herrgott, was ist los?" fragten alle, wenn einer aus der Mitte
Die vielen anmutigen Gärten der Stadt dufteten nach dem Regen in ihrer
zweiten und dritten Blüte. Die Sonne ging über den ewigen Schneefeldern
zur Rüste; der ganze Himmel war Feuer und Flamme, und die Schneefirne
warfen den gedämpften Widerschein zurück. Die näher gelegenen Berge
standen im Schatten, aber sie leuchteten doch von vielfarbigem Herbstwald;
auf den Holmen, die in der Mitte des Fjords in Reih und Glied dem Lande
zustrebten, als kämen sie geradenwegs dahergerudert, stand—weil sie dem
Lande näher lagen—der dichte Wald in noch stärkerem Farbenspiel als auf
den Bergen. Die See war spiegelblank; ein großes Schiff wurde langsam
herangewerpt. Die Leute saßen vor ihren Häusern auf der Holztreppe, die
zu beiden Seiten halb verdeckt war von Rosengebüsch; von Treppe zu
Treppe plauderte man miteinander, stattete sich auch wohl einen kurzen
Besuch ab, oder man tauschte einen Gruß mit den Spaziergängern aus, die
den langen Alleen draußen vor der Stadt zueilten. Aus einem offenen
Fenster tönte hier und dort Klavierspiel; sonst unterbrach kaum ein Laut das
Geplauder; der letzte Sonnenschimmer auf dem Wasser erhöhte noch das
Gefühl der Stille.
Da plötzlich erhob sich mitten in der Stadt ein Getöse, als werde die
ganze Stadt gestürmt. Jungens schrien, Mädchen kreischten, alte Weiber
schimpften und kommandierten, der große Hund des Polizeidieners bellte
und sämtliche Köter der Stadt stimmten ein. Alles, was drin war, drängte
hinaus—hinaus. Der Spektakel wurde so ungeheuerlich, daß sogar der
Amtmann sich auf seiner Treppe umdrehte und die Worte fallen ließ: "Da
muß was los sein."
"Was ist los?" fielen die von den Alleen Herbeistürzenden über die auf
den Treppen Sitzenden her.—"Ja, was ist los?" antworteten die auf den
Treppen.—"Herrgott, was ist los?" fragten alle, wenn einer aus der Mitte
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der Stadt kam. Aber da die Stadt sich so recht gemütlich in Halbmondform
um die Bucht schmiegt, so dauerte es recht lange, bis sämtliche Bewohner
an beiden Enden die Antwort vernommen hatten: "Bloß das Fischermädel!"
Dies unternehmende Wesen, das von einer höchst gefürchteten Mutter
beschirmt und des Schutzes sämtlicher Matrosen sicher war (denn für so
was gab's immer einen Freischnaps bei der Mutter!) hatte an der Spitze
ihrer Gassenjungenarmee einen großen Apfelbaum in Pedro Ohlsens
Obstgarten überfallen. Der Schlachtplan war folgender: ein paar Jungens
sollten Pedro nach der Vorderseite des Hauses locken, indem sie seine
Rosenbüsche gegen die Fenster klatschten; gleichzeitig sollte ein anderer
den Baum schütteln, der mitten im Garten stand, und die übrigen sollten die
Äpfel nach allen Himmelsrichtungen über den Zaun werfen; nicht etwa, um
sie zu stehlen—Gott bewahre!—einfach zum Spaß! Dieser sinnige Plan war
gerade an diesem Abend hinter Pedros Garten ausgeheckt worden. Aber das
Unglück wollte, daß Pedro hinter seinem Zaun saß und Wort für Wort mit
anhörte. Kurz vor der festgesetzten Stunde holte er sich daher den
versoffenen Polizeidiener des Orts samt seinem großen Hund in die
Hinterstube, woselbst die beiden reichlich bewirtet wurden. Als der
Lockenwirbel des Fischermädels über den Planken auftauchte und
gleichzeitig von allen Seiten eine Unmenge kleiner Spitzbubenfratzen
hereinguckten, ließ Pedro die jungen Strolche vorn am Haus mit den
Rosenbüschen klatschen—aus Leibeskräften; er selber wartete ruhig im
Hinterzimmer. Und als die ganze Gesellschaft in tiefster Stille sich um den
Baum geschart hatte, und das Fischermädel, barfuß und zerkratzt, im Wipfel
saß, um zu schütteln, sprang die Hintertür auf und Pedro und der
Polizeidiener, hinter sich den großen Hund, stürzten hervor. Ein Schrei des
Entsetzens erhob sich unter den Buben; ein Haufen kleiner Mädchen, die in
aller Unschuld draußen vor dem Zaun "Haschen" gespielt hatten, glaubten,
da drin werde jemand umgebracht, und fingen ganz fürchterlich zu
kreischen an; die Jungens, die entwischt waren, schrien hurrah; die, die
um die Bucht schmiegt, so dauerte es recht lange, bis sämtliche Bewohner
an beiden Enden die Antwort vernommen hatten: "Bloß das Fischermädel!"
Dies unternehmende Wesen, das von einer höchst gefürchteten Mutter
beschirmt und des Schutzes sämtlicher Matrosen sicher war (denn für so
was gab's immer einen Freischnaps bei der Mutter!) hatte an der Spitze
ihrer Gassenjungenarmee einen großen Apfelbaum in Pedro Ohlsens
Obstgarten überfallen. Der Schlachtplan war folgender: ein paar Jungens
sollten Pedro nach der Vorderseite des Hauses locken, indem sie seine
Rosenbüsche gegen die Fenster klatschten; gleichzeitig sollte ein anderer
den Baum schütteln, der mitten im Garten stand, und die übrigen sollten die
Äpfel nach allen Himmelsrichtungen über den Zaun werfen; nicht etwa, um
sie zu stehlen—Gott bewahre!—einfach zum Spaß! Dieser sinnige Plan war
gerade an diesem Abend hinter Pedros Garten ausgeheckt worden. Aber das
Unglück wollte, daß Pedro hinter seinem Zaun saß und Wort für Wort mit
anhörte. Kurz vor der festgesetzten Stunde holte er sich daher den
versoffenen Polizeidiener des Orts samt seinem großen Hund in die
Hinterstube, woselbst die beiden reichlich bewirtet wurden. Als der
Lockenwirbel des Fischermädels über den Planken auftauchte und
gleichzeitig von allen Seiten eine Unmenge kleiner Spitzbubenfratzen
hereinguckten, ließ Pedro die jungen Strolche vorn am Haus mit den
Rosenbüschen klatschen—aus Leibeskräften; er selber wartete ruhig im
Hinterzimmer. Und als die ganze Gesellschaft in tiefster Stille sich um den
Baum geschart hatte, und das Fischermädel, barfuß und zerkratzt, im Wipfel
saß, um zu schütteln, sprang die Hintertür auf und Pedro und der
Polizeidiener, hinter sich den großen Hund, stürzten hervor. Ein Schrei des
Entsetzens erhob sich unter den Buben; ein Haufen kleiner Mädchen, die in
aller Unschuld draußen vor dem Zaun "Haschen" gespielt hatten, glaubten,
da drin werde jemand umgebracht, und fingen ganz fürchterlich zu
kreischen an; die Jungens, die entwischt waren, schrien hurrah; die, die
Page 551
noch über dem Zaun hingen, heulten unterm Tanz des Stocks, und um den
Tumult vollständig zu machen, tauchten, wie überall, wo Bubengeschrei ist,
noch ein paar alte Weiber auf und zeterten mit. Pedro und der Polizeidiener
waren selbst ganz erschrocken und sahen sich genötigt, mit den alten
Weibern zu unterhandeln; mittlerweile aber nahmen die Buben Reißaus.
Der Hund, vor dem sich die Jungens am meisten fürchteten, setzte über den
Zaun—ihnen nach—das war so recht was für ihn!—und jetzt jagte es wie
Wildentenschwärme durch die ganze Stadt—Buben, Mädchen, Hund und
Geschrei!
Mittlerweile saß das Fischermädel mäuschenstill im Apfelbaum und
dachte, niemand habe sie bemerkt. Im obersten Wipfel zusammengekauert,
verfolgte sie durch das Laub den Verlauf des Kampfes. Als aber der
Polizeidiener in heller Wut zu den alten Weibern hinaus gestürzt war, und
nur Pedro Ohlsen noch im Garten war, stellte er sich dicht unter den
Apfelbaum, guckte hinauf und rief: "Na, 'runter mit Dir, Du infames
Frauenzimmer, und zwar auf der Stelle!"—Aus dem Baum kam kein Laut.
—"'runter mit Dir, sag' ich! Ich weiß, daß Du dort oben bist!"—Tiefstes
Schweigen.—"So hol' ich meine Büchse und schieß Dich 'runter—
wahrhaftigen Gott!" Und er machte Miene zu gehen.—"Hu-hu-hu!" tönte es
jetzt droben im Baum.—"Ja wohl, heul' Du nur wie ein Schloßhund! Eine
volle Ladung Schrot schick' ich Dir hinauf, gib nur acht!"—"Uhu-hu-hu!"
tönte es wieder, als ob ein Käuzchen droben säße. "Ich fürcht' mich
so!"—"Teufelsfratz, der Du bist! Du bist der ärgste Galgenstrick von der
ganzen Bande; aber wart' nur, jetzt hab' ich Dich!"—"Ach liebster, bester,
goldigster Herr Ohlsen! Ich will's auch nie und nie und nie wieder tun!"
Und im selben Augenblick schleuderte sie ihm einen faulen Apfel mitten
auf die Nase und ein helles Jubelgelächter trillerte hinterher. Der Apfel
klatschte ihm ins Gesicht wie weicher Teig, und während er sich abwischte,
sprang sie herunter; noch eh er sie einholen konnte, hing sie schon überm
Zaun und wäre auch glücklich hinübergekommen, wenn sie nicht aus
Tumult vollständig zu machen, tauchten, wie überall, wo Bubengeschrei ist,
noch ein paar alte Weiber auf und zeterten mit. Pedro und der Polizeidiener
waren selbst ganz erschrocken und sahen sich genötigt, mit den alten
Weibern zu unterhandeln; mittlerweile aber nahmen die Buben Reißaus.
Der Hund, vor dem sich die Jungens am meisten fürchteten, setzte über den
Zaun—ihnen nach—das war so recht was für ihn!—und jetzt jagte es wie
Wildentenschwärme durch die ganze Stadt—Buben, Mädchen, Hund und
Geschrei!
Mittlerweile saß das Fischermädel mäuschenstill im Apfelbaum und
dachte, niemand habe sie bemerkt. Im obersten Wipfel zusammengekauert,
verfolgte sie durch das Laub den Verlauf des Kampfes. Als aber der
Polizeidiener in heller Wut zu den alten Weibern hinaus gestürzt war, und
nur Pedro Ohlsen noch im Garten war, stellte er sich dicht unter den
Apfelbaum, guckte hinauf und rief: "Na, 'runter mit Dir, Du infames
Frauenzimmer, und zwar auf der Stelle!"—Aus dem Baum kam kein Laut.
—"'runter mit Dir, sag' ich! Ich weiß, daß Du dort oben bist!"—Tiefstes
Schweigen.—"So hol' ich meine Büchse und schieß Dich 'runter—
wahrhaftigen Gott!" Und er machte Miene zu gehen.—"Hu-hu-hu!" tönte es
jetzt droben im Baum.—"Ja wohl, heul' Du nur wie ein Schloßhund! Eine
volle Ladung Schrot schick' ich Dir hinauf, gib nur acht!"—"Uhu-hu-hu!"
tönte es wieder, als ob ein Käuzchen droben säße. "Ich fürcht' mich
so!"—"Teufelsfratz, der Du bist! Du bist der ärgste Galgenstrick von der
ganzen Bande; aber wart' nur, jetzt hab' ich Dich!"—"Ach liebster, bester,
goldigster Herr Ohlsen! Ich will's auch nie und nie und nie wieder tun!"
Und im selben Augenblick schleuderte sie ihm einen faulen Apfel mitten
auf die Nase und ein helles Jubelgelächter trillerte hinterher. Der Apfel
klatschte ihm ins Gesicht wie weicher Teig, und während er sich abwischte,
sprang sie herunter; noch eh er sie einholen konnte, hing sie schon überm
Zaun und wäre auch glücklich hinübergekommen, wenn sie nicht aus
Page 552
plötzlicher Angst, daß er ihr auf den Fersen war, statt ruhig weiter zu
klettern, losgelassen hätte. Aber als er sie nun packte, kreischte sie laut auf
—ein so gellendes, wildes, schmetterndes Gekreisch, daß er sie entsetzt
fahren ließ. Auf ihr Schreckenssignal lief draußen vor dem Zaun eine
Volksmenge zusammen; sie hörte es; sogleich kehrte ihr Mut zurück. "Laß
mich los oder ich sag's meiner Mutter!" drohte sie, plötzlich wieder ganz
Feuer und Flamme! Da kam ihm dies Gesicht auf einmal bekannt vor:
"Deine Mutter?" rief er laut. "Wer ist denn Deine Mutter?"—"Die Gunlaug
am Berg—die Fischer-Gunlaug!" wiederholte triumphierend die Range; sie
merkte, daß er Angst bekam. Er hatte bei seiner Kurzsichtigkeit das
Mädchen bisher noch gar nicht gesehen; er war der einzige in der Stadt, der
nicht wußte, wer sie war; er wußte nicht einmal, daß Gunlaug in der Stadt
war. Wie besessen schrie er: "Wie heißt Du?"—"Petra!" schrie sie noch
lauter. "Petra!" wimmerte Pedro, drehte sich um und rannte ins Haus, als
habe er mit dem leibhaftigen Satan geredet. Aber weil der bleichste Schreck
und der bleichste Zorn sich ähnlich sehen, so dachte sie, er sei
davongelaufen, um sein Gewehr zu holen; die Angst packte sie, sie fühlte
bereits das Schrot im Rücken, und da in demselben Augenblick die
Gartenpforte von außen aufgebrochen wurde, fuhr sie hinaus wie der Blitz;
ihr schwarzes Haar flatterte hinter ihr her wie das Entsetzen selbst, die
Augen sprühten Feuer, der Hund, der ihr gerade in den Weg lief, machte
Kehrt und setzte bellend hinter ihr drein und so fiel sie ins Haus und über
die Mutter, die just mit der Suppenschüssel aus der Küche kam; das
Mädchen mitten in die Suppe hinein, die Suppe auf den Boden, und ein
"hol' Euch der Teufel!" hinter beiden drein. Aber während sie noch mitten
in der Suppe lag, kreischte sie: "Er will mich totschießen, Mutter! Er will
mich totschießen!"—"Wer will Dich totschießen, Du Kobold?"—"Der
Pedro Ohlsen!"—"Wer?" schrie die Mutter.—"Der Pedro Ohlsen. Wir
haben Äpfel bei ihm gestohlen"—sie wagte nie etwas anderes als die
Wahrheit zu sagen.—"Von wem sprichst Du, Mädchen?"—"Von Pedro
klettern, losgelassen hätte. Aber als er sie nun packte, kreischte sie laut auf
—ein so gellendes, wildes, schmetterndes Gekreisch, daß er sie entsetzt
fahren ließ. Auf ihr Schreckenssignal lief draußen vor dem Zaun eine
Volksmenge zusammen; sie hörte es; sogleich kehrte ihr Mut zurück. "Laß
mich los oder ich sag's meiner Mutter!" drohte sie, plötzlich wieder ganz
Feuer und Flamme! Da kam ihm dies Gesicht auf einmal bekannt vor:
"Deine Mutter?" rief er laut. "Wer ist denn Deine Mutter?"—"Die Gunlaug
am Berg—die Fischer-Gunlaug!" wiederholte triumphierend die Range; sie
merkte, daß er Angst bekam. Er hatte bei seiner Kurzsichtigkeit das
Mädchen bisher noch gar nicht gesehen; er war der einzige in der Stadt, der
nicht wußte, wer sie war; er wußte nicht einmal, daß Gunlaug in der Stadt
war. Wie besessen schrie er: "Wie heißt Du?"—"Petra!" schrie sie noch
lauter. "Petra!" wimmerte Pedro, drehte sich um und rannte ins Haus, als
habe er mit dem leibhaftigen Satan geredet. Aber weil der bleichste Schreck
und der bleichste Zorn sich ähnlich sehen, so dachte sie, er sei
davongelaufen, um sein Gewehr zu holen; die Angst packte sie, sie fühlte
bereits das Schrot im Rücken, und da in demselben Augenblick die
Gartenpforte von außen aufgebrochen wurde, fuhr sie hinaus wie der Blitz;
ihr schwarzes Haar flatterte hinter ihr her wie das Entsetzen selbst, die
Augen sprühten Feuer, der Hund, der ihr gerade in den Weg lief, machte
Kehrt und setzte bellend hinter ihr drein und so fiel sie ins Haus und über
die Mutter, die just mit der Suppenschüssel aus der Küche kam; das
Mädchen mitten in die Suppe hinein, die Suppe auf den Boden, und ein
"hol' Euch der Teufel!" hinter beiden drein. Aber während sie noch mitten
in der Suppe lag, kreischte sie: "Er will mich totschießen, Mutter! Er will
mich totschießen!"—"Wer will Dich totschießen, Du Kobold?"—"Der
Pedro Ohlsen!"—"Wer?" schrie die Mutter.—"Der Pedro Ohlsen. Wir
haben Äpfel bei ihm gestohlen"—sie wagte nie etwas anderes als die
Wahrheit zu sagen.—"Von wem sprichst Du, Mädchen?"—"Von Pedro
Page 553
Ohlsen. Er ist hinter mir her mit einem großen Gewehr—er will mich
totschießen!"—"Pedro Ohlsen!" tobte die Mutter und dann fing sie zu
lachen an. Sie schien plötzlich seltsam gewachsen. Dem Kinde kamen die
Tränen, und es wollte davonlaufen. Aber die Mutter sprang auf sie zu, die
weißen Raubtierzähne funkelten; sie packte das Mädchen bei den Schultern
und zerrte es in die Höhe. "Hast Du ihm gesagt, wer Du bist?"—"Ja, ja, ja,
ja!" Und das Kind streckte flehend die Hände in die Luft. Da reckte sich die
Mutter zu ihrer vollen Höhe auf: "So! Also weiß er's jetzt! Was hat er
gesagt?"—"Ins Haus ist er gelaufen, nach seinem Gewehr; er wollt' mich
totschießen."—"Der Dich totschießen!" lachte sie in schneidendem Hohn.
Petra hatte sich, erschrocken und über und über mit Suppe bespritzt, in eine
Ecke geschlichen, wischte sich ab und weinte, als die Mutter wieder auf sie
zukam. "Wenn Du Dich je wieder unterstehst, zu dem hinzugehen," sagte
Gunlaug, indem sie das Kind bei den Schultern packte und schüttelte, "oder
mit ihm zu reden, oder auf ihn zu hören, dann gnade Gott euch beiden!—
Das sag' ihm von mir!" fügte sie mit drohender Stimme hinzu, als das Kind
nicht gleich antwortete.—"Ja, ja, ja, ja!"—"Sag' ihm das von mir!"
wiederholte sie noch einmal, aber leiser und bei jedem Wort mit dem Kopf
nickend, indem sie hinausging.
Das Kind wusch sich, zog seine Sonntagskleider an und setzte sich vors
Haus auf die Treppe. Aber bei dem Gedanken an den ausgestandenen
Schrecken stieg ihr immer wieder das Schluchzen in die Kehle.—"Warum
weinst Du, Kind?" fragte eine Stimme, so freundlich, wie noch nie jemand
zu ihr gesprochen hatte. Petra blickte auf. Vor ihr stand ein schlanker Mann
mit einem edlen Gesicht und einer Brille. Sie stand sofort auf; denn sie
erkannte Hans Ödegaard, einen jungen Menschen aus dem Ort, vor dem
alles sich ehrerbietig erhob. "Warum weinst Du, Kind?" Sie sah ihn an und
erzählte ihm, sie habe "mit ein paar andern Jungens" in Pedro Ohlsens
Garten Äpfel stehlen wollen; aber Pedro und der Polizeidiener seien
gekommen und da—, ihr fiel ein, daß die Mutter ihr die Sache mit dem
totschießen!"—"Pedro Ohlsen!" tobte die Mutter und dann fing sie zu
lachen an. Sie schien plötzlich seltsam gewachsen. Dem Kinde kamen die
Tränen, und es wollte davonlaufen. Aber die Mutter sprang auf sie zu, die
weißen Raubtierzähne funkelten; sie packte das Mädchen bei den Schultern
und zerrte es in die Höhe. "Hast Du ihm gesagt, wer Du bist?"—"Ja, ja, ja,
ja!" Und das Kind streckte flehend die Hände in die Luft. Da reckte sich die
Mutter zu ihrer vollen Höhe auf: "So! Also weiß er's jetzt! Was hat er
gesagt?"—"Ins Haus ist er gelaufen, nach seinem Gewehr; er wollt' mich
totschießen."—"Der Dich totschießen!" lachte sie in schneidendem Hohn.
Petra hatte sich, erschrocken und über und über mit Suppe bespritzt, in eine
Ecke geschlichen, wischte sich ab und weinte, als die Mutter wieder auf sie
zukam. "Wenn Du Dich je wieder unterstehst, zu dem hinzugehen," sagte
Gunlaug, indem sie das Kind bei den Schultern packte und schüttelte, "oder
mit ihm zu reden, oder auf ihn zu hören, dann gnade Gott euch beiden!—
Das sag' ihm von mir!" fügte sie mit drohender Stimme hinzu, als das Kind
nicht gleich antwortete.—"Ja, ja, ja, ja!"—"Sag' ihm das von mir!"
wiederholte sie noch einmal, aber leiser und bei jedem Wort mit dem Kopf
nickend, indem sie hinausging.
Das Kind wusch sich, zog seine Sonntagskleider an und setzte sich vors
Haus auf die Treppe. Aber bei dem Gedanken an den ausgestandenen
Schrecken stieg ihr immer wieder das Schluchzen in die Kehle.—"Warum
weinst Du, Kind?" fragte eine Stimme, so freundlich, wie noch nie jemand
zu ihr gesprochen hatte. Petra blickte auf. Vor ihr stand ein schlanker Mann
mit einem edlen Gesicht und einer Brille. Sie stand sofort auf; denn sie
erkannte Hans Ödegaard, einen jungen Menschen aus dem Ort, vor dem
alles sich ehrerbietig erhob. "Warum weinst Du, Kind?" Sie sah ihn an und
erzählte ihm, sie habe "mit ein paar andern Jungens" in Pedro Ohlsens
Garten Äpfel stehlen wollen; aber Pedro und der Polizeidiener seien
gekommen und da—, ihr fiel ein, daß die Mutter ihr die Sache mit dem
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Totschießen doch ein bißchen zweifelhaft gemacht hatte, und so wagte sie
davon nichts zu erzählen; statt dessen stieß sie nur einen tiefen Seufzer aus.
"Ist es möglich," sagte er, "daß ein Kind in Deinem Alter eine so große
Sünde begehen kann!" Petra sah ihn an. Wohl hatte sie gewußt, daß es eine
Sünde war; aber bisher war ihr das immer etwa folgenderweise
vorgepredigt worden: "Satansrange, Du! Du schwarzhaarige Teufelsbrut!"
Jetzt auf einmal schämte sie sich.—"Warum gehst Du nicht in die Schule
und lernst Gottes Gebot von dem, was gut und böse ist?" Sie strich sich
über den Rock und antwortete, Mutter wolle nicht, daß sie zur Schule gehe.
—"Da kannst Du am Ende nicht einmal lesen?" Doch, lesen könne sie. Er
zog ein kleines Buch aus der Tasche und gab es ihr. Sie guckte hinein,
drehte es um und besah es sich von außen. "Solche feine Schrift kann ich
nicht lesen!" sagte sie. Aber sie mußte heran, und nun kam sie sich auf
einmal fürchterlich dumm vor. Mund und Augen wurden ihr schlaff, und
alle ihre Glieder lösten sich. "G-o-t—Gott—d-e-r H-e-r-r—Herr, Gott der
Herr—s-a-g-t-e Gott der Herr sagte zu M-M—"—"Mein Gott, Du kannst
also wirklich noch nicht einmal lesen! Ein Kind von zehn oder zwölf
Jahren! Möchtest Du nicht gern lesen lernen?" Langsam kam es aus ihr
heraus: ja, sie möchte schon gern. "Dann komm mit, wir fangen gleich an!"
Jetzt rührte sie sich, aber nur, um ins Haus zu sehen. "Ja, sag' es nur Deiner
Mutter!" meinte er. Die Mutter ging eben vorbei, und als sie das Kind mit
einem fremden Herrn sprechen sah, trat sie auf die Schwelle. "Er will mich
lesen lehren!" sagte das Kind zweifelnd, die Augen auf die Mutter gerichtet.
Sie antwortete nicht, stemmte nur beide Hände in die Hüften und sah
Ödegaard an. "Ihr Kind ist ja total unwissend!" sagte er. "Sie können es vor
Gott und Menschen nicht verantworten, wenn Sie es so heranwachsen
lassen!"—"Wer bist denn Du?" fragte Gunlaug scharf.—"Hans Ödegaard,
der Sohn des Pastors." Ihr Gesicht klärte sich leicht auf; von dem hatte sie
immer nur Gutes gehört. "Wenn ich dann und wann einmal im Lande war",
begann er wieder, "ist mir das Kind hier immer aufgefallen. Heute bin ich
davon nichts zu erzählen; statt dessen stieß sie nur einen tiefen Seufzer aus.
"Ist es möglich," sagte er, "daß ein Kind in Deinem Alter eine so große
Sünde begehen kann!" Petra sah ihn an. Wohl hatte sie gewußt, daß es eine
Sünde war; aber bisher war ihr das immer etwa folgenderweise
vorgepredigt worden: "Satansrange, Du! Du schwarzhaarige Teufelsbrut!"
Jetzt auf einmal schämte sie sich.—"Warum gehst Du nicht in die Schule
und lernst Gottes Gebot von dem, was gut und böse ist?" Sie strich sich
über den Rock und antwortete, Mutter wolle nicht, daß sie zur Schule gehe.
—"Da kannst Du am Ende nicht einmal lesen?" Doch, lesen könne sie. Er
zog ein kleines Buch aus der Tasche und gab es ihr. Sie guckte hinein,
drehte es um und besah es sich von außen. "Solche feine Schrift kann ich
nicht lesen!" sagte sie. Aber sie mußte heran, und nun kam sie sich auf
einmal fürchterlich dumm vor. Mund und Augen wurden ihr schlaff, und
alle ihre Glieder lösten sich. "G-o-t—Gott—d-e-r H-e-r-r—Herr, Gott der
Herr—s-a-g-t-e Gott der Herr sagte zu M-M—"—"Mein Gott, Du kannst
also wirklich noch nicht einmal lesen! Ein Kind von zehn oder zwölf
Jahren! Möchtest Du nicht gern lesen lernen?" Langsam kam es aus ihr
heraus: ja, sie möchte schon gern. "Dann komm mit, wir fangen gleich an!"
Jetzt rührte sie sich, aber nur, um ins Haus zu sehen. "Ja, sag' es nur Deiner
Mutter!" meinte er. Die Mutter ging eben vorbei, und als sie das Kind mit
einem fremden Herrn sprechen sah, trat sie auf die Schwelle. "Er will mich
lesen lehren!" sagte das Kind zweifelnd, die Augen auf die Mutter gerichtet.
Sie antwortete nicht, stemmte nur beide Hände in die Hüften und sah
Ödegaard an. "Ihr Kind ist ja total unwissend!" sagte er. "Sie können es vor
Gott und Menschen nicht verantworten, wenn Sie es so heranwachsen
lassen!"—"Wer bist denn Du?" fragte Gunlaug scharf.—"Hans Ödegaard,
der Sohn des Pastors." Ihr Gesicht klärte sich leicht auf; von dem hatte sie
immer nur Gutes gehört. "Wenn ich dann und wann einmal im Lande war",
begann er wieder, "ist mir das Kind hier immer aufgefallen. Heute bin ich
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von neuem an sie erinnert worden. Sie darf sich nicht länger nur mit Dingen
abgeben, die böse sind." Auf dem Gesicht der Mutter stand deutlich zu
lesen: Was geht das Dich an? Aber ruhig fragte er: "Das Kind soll doch
etwas lernen, nicht wahr?"—"Nein!"—Eine leichte Röte flog über sein
Gesicht. "Weshalb nicht?"—"Sind die Menschen, die was gelernt haben,
etwa besser?"—Sie hatte nur eine einzige Erfahrung gemacht in ihrem
Leben; aber an die klammerte sie sich.—"Es wundert mich, daß ein Mensch
das fragen kann!"—"Kann sein! Ich weiß, daß sie nicht besser sind!" Und
sie kam die Stufen herunter, um dem Gerede ein Ende zu machen. Aber er
vertrat ihr den Weg. "Es handelt sich hier um eine Pflicht, der Sie sich
einfach nicht entziehen dürfen. Sie sind eine unvernünftige Mutter!"
Gunlaug maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. "Wer sagt Dir denn, was ich
bin?" versetzte sie, an ihm vorübergehend.—"Sie selber, und zwar in
diesem Augenblick; denn sonst müßten Sie doch gesehen haben, daß das
Kind zugrunde geht!" Gunlaug wandte sich um. Auge ruhte in Auge. Sie
sah, daß ihm das, was er gesagt hatte, wirklich Ernst war, und ihr wurde
bange. Sie hatte immer nur mit Matrosen und Geschäftsleuten verkehrt;
eine solche Sprache hatte sie noch nie vernommen. "Was willst Du denn mit
meinem Kind?" fragte sie. "Sie lehren, was ihrem Seelenheile dient, und
dann abwarten, was aus ihr wird!"—"Mein Kind soll nichts anderes werden,
als was ich will!"—"Doch—es soll aus ihr werden, was Gott will!" Gunlaug
war wie vor den Kopf geschlagen. "Was soll das heißen?" fragte sie und trat
näher. "Das soll heißen, daß sie das lernen muß, wozu Gott ihr die Gaben
geschenkt hat; denn deswegen hat er ihr sie gegeben." Jetzt trat Gunlaug
ganz nahe an ihn heran: "Und ich, ihre Mutter—soll ich nicht etwa
bestimmen dürfen über sie?" fragte sie, als möchte sie sich wirklich
belehren lassen. "Doch! Gewiß!" erwiderte er. "Aber Sie müssen auch auf
den Rat anderer hören, die das besser verstehen. Sie müssen auf den Willen
des Herrn hören!"——Gunlaug war eine Weile still. "Und wenn sie zu viel
lernt?" sagte sie. "Armer Leute Kind", setzte sie hinzu und blickte zärtlich
abgeben, die böse sind." Auf dem Gesicht der Mutter stand deutlich zu
lesen: Was geht das Dich an? Aber ruhig fragte er: "Das Kind soll doch
etwas lernen, nicht wahr?"—"Nein!"—Eine leichte Röte flog über sein
Gesicht. "Weshalb nicht?"—"Sind die Menschen, die was gelernt haben,
etwa besser?"—Sie hatte nur eine einzige Erfahrung gemacht in ihrem
Leben; aber an die klammerte sie sich.—"Es wundert mich, daß ein Mensch
das fragen kann!"—"Kann sein! Ich weiß, daß sie nicht besser sind!" Und
sie kam die Stufen herunter, um dem Gerede ein Ende zu machen. Aber er
vertrat ihr den Weg. "Es handelt sich hier um eine Pflicht, der Sie sich
einfach nicht entziehen dürfen. Sie sind eine unvernünftige Mutter!"
Gunlaug maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. "Wer sagt Dir denn, was ich
bin?" versetzte sie, an ihm vorübergehend.—"Sie selber, und zwar in
diesem Augenblick; denn sonst müßten Sie doch gesehen haben, daß das
Kind zugrunde geht!" Gunlaug wandte sich um. Auge ruhte in Auge. Sie
sah, daß ihm das, was er gesagt hatte, wirklich Ernst war, und ihr wurde
bange. Sie hatte immer nur mit Matrosen und Geschäftsleuten verkehrt;
eine solche Sprache hatte sie noch nie vernommen. "Was willst Du denn mit
meinem Kind?" fragte sie. "Sie lehren, was ihrem Seelenheile dient, und
dann abwarten, was aus ihr wird!"—"Mein Kind soll nichts anderes werden,
als was ich will!"—"Doch—es soll aus ihr werden, was Gott will!" Gunlaug
war wie vor den Kopf geschlagen. "Was soll das heißen?" fragte sie und trat
näher. "Das soll heißen, daß sie das lernen muß, wozu Gott ihr die Gaben
geschenkt hat; denn deswegen hat er ihr sie gegeben." Jetzt trat Gunlaug
ganz nahe an ihn heran: "Und ich, ihre Mutter—soll ich nicht etwa
bestimmen dürfen über sie?" fragte sie, als möchte sie sich wirklich
belehren lassen. "Doch! Gewiß!" erwiderte er. "Aber Sie müssen auch auf
den Rat anderer hören, die das besser verstehen. Sie müssen auf den Willen
des Herrn hören!"——Gunlaug war eine Weile still. "Und wenn sie zu viel
lernt?" sagte sie. "Armer Leute Kind", setzte sie hinzu und blickte zärtlich
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auf die Tochter.—"Wenn sie für ihren Stand zu viel lernt, so hat sie eben
dadurch einen anderen Stand erreicht."—Sie erfaßte sofort den Sinn seiner
Worte, doch, indem sie mit immer schwermütigeren Augen das Kind ansah,
sagte sie leise, wie zu sich selber: "Das ist gefährlich!"—"Darum handelt es
sich nicht", versetzte er sanft, "sondern um das, was recht ist." In ihre
kraftvollen Augen kam ein seltsamer Ausdruck; wieder blickte sie ihn
durchdringend an; aber es lag so viel Wahrheit in seiner Stimme, seinen
Worten, seinen Mienen, daß Gunlaug sich besiegt fühlte. Sie ging auf Petra
zu, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände; zu reden vermochte sie nicht
mehr.
"Ich werde die Kleine von heut an bis zur Einsegnung unterrichten,"
sagte er, wie um ihr zu Hilfe zu kommen. "Ich habe immer den Wunsch
gehabt, mich dieses Kindes anzunehmen!"—"Und darum willst Du es mir
wegnehmen?" Er stutzte und sah sie fragend an. "Freilich, Du verstehst das
ja besser als ich," stieß sie mühsam heraus, "aber es ist nur, weil Du den
Namen unseres Herrgotts genannt hast,"—sie verstummte. Sie hatte
währenddessen das Haar des Kindes glattgestrichen; jetzt nahm sie ihr
eigenes Tuch ab und band es ihm um den Hals. Auf andere Weise sprach sie
es nicht aus, daß Petra mitgehen dürfe; aber sie lief hastig davon, und
verschwand hinter dem Haus, als wolle sie es nicht mit ansehen.
Bei diesem Gebaren der Mutter ergriff ihn eine plötzliche Angst vor der
Aufgabe, die er da in jugendlichem Eifer auf sich genommen hatte. Das
Kind aber empfand Angst vor ihm, der zum erstenmal die Mutter besiegt
hatte; und mit dieser wechselseitigen Angst gingen sie an ihre erste
Unterrichtsstunde.
Von Tag zu Tag indessen fand er, daß sie an Klugheit und Wissen wuchs,
und seine Gespräche mit ihr nahmen zuweilen eine ganz eigentümliche
Richtung. Oft führte er ihr Persönlichkeiten aus der biblischen Historie und
dadurch einen anderen Stand erreicht."—Sie erfaßte sofort den Sinn seiner
Worte, doch, indem sie mit immer schwermütigeren Augen das Kind ansah,
sagte sie leise, wie zu sich selber: "Das ist gefährlich!"—"Darum handelt es
sich nicht", versetzte er sanft, "sondern um das, was recht ist." In ihre
kraftvollen Augen kam ein seltsamer Ausdruck; wieder blickte sie ihn
durchdringend an; aber es lag so viel Wahrheit in seiner Stimme, seinen
Worten, seinen Mienen, daß Gunlaug sich besiegt fühlte. Sie ging auf Petra
zu, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände; zu reden vermochte sie nicht
mehr.
"Ich werde die Kleine von heut an bis zur Einsegnung unterrichten,"
sagte er, wie um ihr zu Hilfe zu kommen. "Ich habe immer den Wunsch
gehabt, mich dieses Kindes anzunehmen!"—"Und darum willst Du es mir
wegnehmen?" Er stutzte und sah sie fragend an. "Freilich, Du verstehst das
ja besser als ich," stieß sie mühsam heraus, "aber es ist nur, weil Du den
Namen unseres Herrgotts genannt hast,"—sie verstummte. Sie hatte
währenddessen das Haar des Kindes glattgestrichen; jetzt nahm sie ihr
eigenes Tuch ab und band es ihm um den Hals. Auf andere Weise sprach sie
es nicht aus, daß Petra mitgehen dürfe; aber sie lief hastig davon, und
verschwand hinter dem Haus, als wolle sie es nicht mit ansehen.
Bei diesem Gebaren der Mutter ergriff ihn eine plötzliche Angst vor der
Aufgabe, die er da in jugendlichem Eifer auf sich genommen hatte. Das
Kind aber empfand Angst vor ihm, der zum erstenmal die Mutter besiegt
hatte; und mit dieser wechselseitigen Angst gingen sie an ihre erste
Unterrichtsstunde.
Von Tag zu Tag indessen fand er, daß sie an Klugheit und Wissen wuchs,
und seine Gespräche mit ihr nahmen zuweilen eine ganz eigentümliche
Richtung. Oft führte er ihr Persönlichkeiten aus der biblischen Historie und
Page 557
der Weltgeschichte in der Weise vor, daß er auf den Beruf hinwies, den Gott
ihnen zuerteilt hatte. Er verweilte bei dem Manne Saul, der in zügellosem
Irren umherschweifte, und bei dem Knaben David, der seines Vaters Herde
weidete, bis Samuel kam und auf beide die Hand des Herrn legte. Doch am
herrlichsten offenbarte sich solches Berufensein, als der Herr selbst auf
Erden wandelte und unter den Fischern seine Stimme erhob. Und der arme
Fischer stand auf und folgte ihm nach—zu Not und Tod—immer aber voll
Freudigkeit; denn das Gefühl des Berufenseins trägt uns über alle
Widerwärtigkeiten hinweg.
Dieser Gedanke verfolgte sie, bis sie schließlich nicht mehr an sich
halten konnte,—sie mußte ihn fragen, wozu sie berufen sei. Er sah sie an,
bis sie über und über rot wurde; dann antwortete er, zu seinem Beruf
gelange ein Mensch nur durch Arbeit. Bescheiden und klein könne dieser
Beruf sein—da sei er für jeden. Und jetzt kam ein mächtiger Eifer über sie;
er trieb ihr Arbeiten an mit der Kraft eines Erwachsenen, er glühte in ihren
Kinderspielen und machte sie mager und dünn. Allerlei abenteuerliches
Sehnen stieg in ihr auf: sie wollte sich das Haar abschneiden, sich als
Knabe verkleiden, in die Welt hinausziehen und kämpfen! Aber als ihr
Lehrer eines Tages sagte, ihr Haar sei so hübsch, wenn sie es nur ordentlich
flechten wolle—da wurde das Haar ihr lieb, und um ihres langen Haares
willen opferte sie den Heldenruhm.
Seitdem war es ihr mehr wert, ein Mädchen zu sein, als früher, und
ruhiger schritt ihre Arbeit weiter, umschwebt von wechselnden Träumen.
Drittes Kapitel
ihnen zuerteilt hatte. Er verweilte bei dem Manne Saul, der in zügellosem
Irren umherschweifte, und bei dem Knaben David, der seines Vaters Herde
weidete, bis Samuel kam und auf beide die Hand des Herrn legte. Doch am
herrlichsten offenbarte sich solches Berufensein, als der Herr selbst auf
Erden wandelte und unter den Fischern seine Stimme erhob. Und der arme
Fischer stand auf und folgte ihm nach—zu Not und Tod—immer aber voll
Freudigkeit; denn das Gefühl des Berufenseins trägt uns über alle
Widerwärtigkeiten hinweg.
Dieser Gedanke verfolgte sie, bis sie schließlich nicht mehr an sich
halten konnte,—sie mußte ihn fragen, wozu sie berufen sei. Er sah sie an,
bis sie über und über rot wurde; dann antwortete er, zu seinem Beruf
gelange ein Mensch nur durch Arbeit. Bescheiden und klein könne dieser
Beruf sein—da sei er für jeden. Und jetzt kam ein mächtiger Eifer über sie;
er trieb ihr Arbeiten an mit der Kraft eines Erwachsenen, er glühte in ihren
Kinderspielen und machte sie mager und dünn. Allerlei abenteuerliches
Sehnen stieg in ihr auf: sie wollte sich das Haar abschneiden, sich als
Knabe verkleiden, in die Welt hinausziehen und kämpfen! Aber als ihr
Lehrer eines Tages sagte, ihr Haar sei so hübsch, wenn sie es nur ordentlich
flechten wolle—da wurde das Haar ihr lieb, und um ihres langen Haares
willen opferte sie den Heldenruhm.
Seitdem war es ihr mehr wert, ein Mädchen zu sein, als früher, und
ruhiger schritt ihre Arbeit weiter, umschwebt von wechselnden Träumen.
Drittes Kapitel
Page 558
Hans Ödegaards Vater war als junger Mensch aus dem Kirchdorf
Ödegaard in Stift Bergen ausgewandert; die Menschen hatten sich seiner
angenommen, und er war jetzt ein Gelehrter und sehr gestrenger Prediger.
Auch ein äußerst herrischer Mann war er, weniger in Worten als in Taten. Er
hatte ein "gutes Gedächtnis", wie man zu sagen pflegt. Dieser Mann, der
mit seiner Zähigkeit stets durchgesetzt hatte, was er wollte, sollte jedoch an
einem Punkte scheitern, wo er es am wenigsten erwartete, und wo es ihn am
schmerzlichsten traf.
Er hatte drei Töchter und einen Sohn. Dieser Sohn Hans war die Leuchte
der Schule; der Vater selbst leitete seine Studien und hatte seine helle
Freude an ihm. Hans hatte einen Freund; er setzte alles dran, ihn zu seinem
Nebenmann zu machen, und dieser Freund liebte ihn deshalb, nächst seiner
Mutter, über alles in der Welt. Zusammen gingen sie zur Schule; zusammen
kamen sie auf die Universität; zusammen machten sie die ersten zwei
Examina, und zusammen sollten sie nun dasselbe Amtsstudium beginnen.
Eines Tages, als sie nach einem just entworfenen Kollegienplan übermütig
die Treppe hinunterstürmten, wollte Hans im Gefühl fröhlichen
Jugendübermuts dem Freund auf den Rücken springen; der Freund fiel, und
zwar so unglücklich, daß er wenige Tage darauf starb. Der Sterbende bat
seine Mutter, die Witwe war und in ihm ihr einziges Kind verlor, ihm
zuliebe Hans an Sohnesstatt anzunehmen. Die Mutter starb fast gleichzeitig
mit dem Sohn; und kraft ihres Testaments fiel ihr sehr beträchtliches
Vermögen Hans Ödegaard zu.
Es dauerte Jahr und Tag, bis Hans sich von diesem Schlag erholte. Eine
lange Reise im Ausland tat ihm wenigstens soweit gut, daß er sein
theologisches Studium zu Ende zu führen vermochte; aber ein Amt
anzunehmen—dazu konnte niemand ihn bewegen.
Ödegaard in Stift Bergen ausgewandert; die Menschen hatten sich seiner
angenommen, und er war jetzt ein Gelehrter und sehr gestrenger Prediger.
Auch ein äußerst herrischer Mann war er, weniger in Worten als in Taten. Er
hatte ein "gutes Gedächtnis", wie man zu sagen pflegt. Dieser Mann, der
mit seiner Zähigkeit stets durchgesetzt hatte, was er wollte, sollte jedoch an
einem Punkte scheitern, wo er es am wenigsten erwartete, und wo es ihn am
schmerzlichsten traf.
Er hatte drei Töchter und einen Sohn. Dieser Sohn Hans war die Leuchte
der Schule; der Vater selbst leitete seine Studien und hatte seine helle
Freude an ihm. Hans hatte einen Freund; er setzte alles dran, ihn zu seinem
Nebenmann zu machen, und dieser Freund liebte ihn deshalb, nächst seiner
Mutter, über alles in der Welt. Zusammen gingen sie zur Schule; zusammen
kamen sie auf die Universität; zusammen machten sie die ersten zwei
Examina, und zusammen sollten sie nun dasselbe Amtsstudium beginnen.
Eines Tages, als sie nach einem just entworfenen Kollegienplan übermütig
die Treppe hinunterstürmten, wollte Hans im Gefühl fröhlichen
Jugendübermuts dem Freund auf den Rücken springen; der Freund fiel, und
zwar so unglücklich, daß er wenige Tage darauf starb. Der Sterbende bat
seine Mutter, die Witwe war und in ihm ihr einziges Kind verlor, ihm
zuliebe Hans an Sohnesstatt anzunehmen. Die Mutter starb fast gleichzeitig
mit dem Sohn; und kraft ihres Testaments fiel ihr sehr beträchtliches
Vermögen Hans Ödegaard zu.
Es dauerte Jahr und Tag, bis Hans sich von diesem Schlag erholte. Eine
lange Reise im Ausland tat ihm wenigstens soweit gut, daß er sein
theologisches Studium zu Ende zu führen vermochte; aber ein Amt
anzunehmen—dazu konnte niemand ihn bewegen.
Page 559
Seines Vaters sehnlichster Wunsch war gewesen, ihn neben sich als Vikar
zu haben; aber Hans war nicht zu bereden, auch nur die Kanzel zu betreten.
Immer hatte er dieselbe Erwiderung: er fühle nicht den Beruf in sich. Für
den Vater war das eine bittere Enttäuschung, die ihn um Jahre älter machte.
Er selber hatte erst spät angefangen zu studieren, war schon ein alter Mann,
und hatte sich hart—und immer dieses Ziel vor Augen—durchgearbeitet.
Jetzt saß sein Sohn über ihm—im selben Haus—bewohnte eine Reihe
eleganter Zimmer; und unten, in der kleinen Studierstube, bei seiner Lampe,
die ihm hinüberleuchtete in die Nacht des Alters, saß in nie ermüdender
Arbeit der alte Pastor. Er hatte—nach jener Enttäuschung—fremde Hilfe
weder annehmen können noch wollen; darum gab es für ihn—Sommer oder
Winter—keine Ruhe. Der Sohn aber machte alljährlich eine längere Reise
ins Ausland. Wenn er zu Hause war, verkehrte er mit niemand; nur daß er—
mehr oder weniger schweigsam—mittags an des Vaters Tisch aß. Wer sich
in ein Gespräch mit ihm einließ, stieß auf solch überlegene Klarheit, auf
solchen Wahrheitseifer, daß die Unterhaltung meist bald gefährdet wurde.
In der Kirche sah man ihn nie; aber er gab mehr als die Hälfte seiner
Einnahmen zu wohltätigen Zwecken hin, wobei er stets die genauesten
Vorschriften über die Verwendung machte.
Diese Wohltätigkeit war in ihrer Großartigkeit so verschieden von den
beschränkten Gewohnheiten der kleinen Stadt, daß sie alle Herzen gewann.
Wenn man dazu seine ganze zurückgezogene Lebensführung, seine
häufigen langen Reisen und die Scheu nimmt, die irgendwie alle vor ihm
hatten, so wird man wohl begreifen, daß er in den Augen der Leute zu einer
Art Original wurde, dem man allerhand geheimnisvolle Dinge zutraute,
hinter dem man alles mögliche suchte, und dem man fast übernatürliche
Eigenschaften beilegte. Als dieser Mann sich herabließ, das Fischermädel in
seine tägliche Fürsorge zu nehmen, war sie von Stund an geadelt.
zu haben; aber Hans war nicht zu bereden, auch nur die Kanzel zu betreten.
Immer hatte er dieselbe Erwiderung: er fühle nicht den Beruf in sich. Für
den Vater war das eine bittere Enttäuschung, die ihn um Jahre älter machte.
Er selber hatte erst spät angefangen zu studieren, war schon ein alter Mann,
und hatte sich hart—und immer dieses Ziel vor Augen—durchgearbeitet.
Jetzt saß sein Sohn über ihm—im selben Haus—bewohnte eine Reihe
eleganter Zimmer; und unten, in der kleinen Studierstube, bei seiner Lampe,
die ihm hinüberleuchtete in die Nacht des Alters, saß in nie ermüdender
Arbeit der alte Pastor. Er hatte—nach jener Enttäuschung—fremde Hilfe
weder annehmen können noch wollen; darum gab es für ihn—Sommer oder
Winter—keine Ruhe. Der Sohn aber machte alljährlich eine längere Reise
ins Ausland. Wenn er zu Hause war, verkehrte er mit niemand; nur daß er—
mehr oder weniger schweigsam—mittags an des Vaters Tisch aß. Wer sich
in ein Gespräch mit ihm einließ, stieß auf solch überlegene Klarheit, auf
solchen Wahrheitseifer, daß die Unterhaltung meist bald gefährdet wurde.
In der Kirche sah man ihn nie; aber er gab mehr als die Hälfte seiner
Einnahmen zu wohltätigen Zwecken hin, wobei er stets die genauesten
Vorschriften über die Verwendung machte.
Diese Wohltätigkeit war in ihrer Großartigkeit so verschieden von den
beschränkten Gewohnheiten der kleinen Stadt, daß sie alle Herzen gewann.
Wenn man dazu seine ganze zurückgezogene Lebensführung, seine
häufigen langen Reisen und die Scheu nimmt, die irgendwie alle vor ihm
hatten, so wird man wohl begreifen, daß er in den Augen der Leute zu einer
Art Original wurde, dem man allerhand geheimnisvolle Dinge zutraute,
hinter dem man alles mögliche suchte, und dem man fast übernatürliche
Eigenschaften beilegte. Als dieser Mann sich herabließ, das Fischermädel in
seine tägliche Fürsorge zu nehmen, war sie von Stund an geadelt.
Page 560
Plötzlich wollte jeder sich ihrer annehmen; besonders die Frauen. Eines
Tages erschien sie, in alle Farben des Regenbogens gekleidet; sie hatte
einfach alles angezogen, was man ihr geschenkt hatte, im Glauben, so
müsse sie ihm gefallen; denn er wollte sie gern immer nett und zierlich
haben. Aber kaum hatte er sie erblickt, so schalt er sie schon aus: sie dürfe
sich nichts schenken lassen; eitel sei sie und albern; sie stecke in lauter
Tand und Narretei! Als sie dann am nächsten Morgen mit verweinten Augen
anrückte, nahm er sie auf einen Spaziergang mit—zur Stadt hinaus. Da
erzählte er ihr von David, so wie er ihr überhaupt immer eine oder die
andere Persönlichkeit darstellte—indem er ihr alles Wohlbekannte in immer
neuem Licht vorführte. Erst schilderte er David als Jüngling, wie er schön
und kraftvoll in sorglosem Glauben dahinlebte. Darum durfte er, noch ehe
er Mann geworden war, am Triumphzug teilnehmen. Als Hirte wurde er
zum König berufen; in Höhlen hatte er gewohnt—und erbaute zuletzt
Jerusalem! In schönen Gewändern saß er vor dem kranken Saul und spielte
die Harfe; aber als er selber König war—und krank—da schlug er die Harfe
für sich allein—, in Lumpen der Reue gehüllt. Nachdem er sein
Lebenswerk vollendet hatte, ergab er sich der Ruhe—in Sünde. Und der
Prophet kam, und die Strafe Gottes; und er wurde wieder zum Kinde.
David, er, der das ganze Volk des Herrn zu erheben vermochte zu
Lobgesang, lag selber, zerknirscht, zu den Füßen des Herrn. Wann war er
schöner? Als er siegesgekrönt—nach eigenen Sängen—einhertanzte vor der
Bundeslade—oder wenn er im verschwiegenen Kämmerlein um Gnade
flehte vor Gottes strafender Hand?
In der Nacht nach diesem Gespräch hatte sie einen Traum, den sie ihr
ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Sie saß auf einem weißen
Zelter—in einem Siegeszug—und zugleich tanzte sie in Lumpen vor dem
Pferde her.
Tages erschien sie, in alle Farben des Regenbogens gekleidet; sie hatte
einfach alles angezogen, was man ihr geschenkt hatte, im Glauben, so
müsse sie ihm gefallen; denn er wollte sie gern immer nett und zierlich
haben. Aber kaum hatte er sie erblickt, so schalt er sie schon aus: sie dürfe
sich nichts schenken lassen; eitel sei sie und albern; sie stecke in lauter
Tand und Narretei! Als sie dann am nächsten Morgen mit verweinten Augen
anrückte, nahm er sie auf einen Spaziergang mit—zur Stadt hinaus. Da
erzählte er ihr von David, so wie er ihr überhaupt immer eine oder die
andere Persönlichkeit darstellte—indem er ihr alles Wohlbekannte in immer
neuem Licht vorführte. Erst schilderte er David als Jüngling, wie er schön
und kraftvoll in sorglosem Glauben dahinlebte. Darum durfte er, noch ehe
er Mann geworden war, am Triumphzug teilnehmen. Als Hirte wurde er
zum König berufen; in Höhlen hatte er gewohnt—und erbaute zuletzt
Jerusalem! In schönen Gewändern saß er vor dem kranken Saul und spielte
die Harfe; aber als er selber König war—und krank—da schlug er die Harfe
für sich allein—, in Lumpen der Reue gehüllt. Nachdem er sein
Lebenswerk vollendet hatte, ergab er sich der Ruhe—in Sünde. Und der
Prophet kam, und die Strafe Gottes; und er wurde wieder zum Kinde.
David, er, der das ganze Volk des Herrn zu erheben vermochte zu
Lobgesang, lag selber, zerknirscht, zu den Füßen des Herrn. Wann war er
schöner? Als er siegesgekrönt—nach eigenen Sängen—einhertanzte vor der
Bundeslade—oder wenn er im verschwiegenen Kämmerlein um Gnade
flehte vor Gottes strafender Hand?
In der Nacht nach diesem Gespräch hatte sie einen Traum, den sie ihr
ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Sie saß auf einem weißen
Zelter—in einem Siegeszug—und zugleich tanzte sie in Lumpen vor dem
Pferde her.
Page 561
Eine gute Weile darauf kam eines Abends, als sie am Waldessaum
oberhalb der Stadt saß und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht
an ihr vorüber und flüsterte mit einem sonderbaren Lächeln: "Guten
Abend!" Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu
reden, noch so mächtig in ihr, daß sie seinen Gruß nicht erwiderte. Aber Tag
für Tag kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gruß an ihr
vorüber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete er im
Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile wurden
daraus zwei, und schließlich wurden es ganze Gespräche. Eines Tages ließ
er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren Schoß gleiten,
worauf er seelenvergnügt und eiligst davonlief. Nun war es gegen den
Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das Verbot
Ödegaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste Verbot
hatte sie ganz allmählich übertreten—jetzt, da auch die Übertretung des
zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das Geld los zu werden,
nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit und traktierte ihn; aber
beim besten Willen war es ihnen nicht möglich, für mehr als zehn Groschen
zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch, daß sie den Taler vernascht
hatte, statt ihn zurückzugeben. Das letzte Zweigroschenstück brannte ihr in
der Tasche, als müsse es ein Loch durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus
und warf es ins Meer. Aber damit war sie doch den Taler nicht los—auch
ihre Gedanken hatte er angesengt. Wenn sie es gestand, so würde es
vorübergehen, das fühlte sie; aber der schreckliche Zorn der Mutter damals
und Ödegaards festes Zutrauen zu ihr standen, jedes in seiner Art, als
Schrecknisse im Wege. Während die Mutter nichts merkte, entdeckte
Ödegaard bald, daß sie etwas mit sich herumschleppe, das sie unglücklich
mache. Liebevoll fragte er sie eines Tages, was es sei, und als sie statt aller
Antwort in Tränen ausbrach, dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not,
und gab ihr zehn Speziestaler. Daß sie—trotz ihrer Sünde gegen ihn—noch
Geld von ihm bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun
oberhalb der Stadt saß und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht
an ihr vorüber und flüsterte mit einem sonderbaren Lächeln: "Guten
Abend!" Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu
reden, noch so mächtig in ihr, daß sie seinen Gruß nicht erwiderte. Aber Tag
für Tag kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gruß an ihr
vorüber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete er im
Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile wurden
daraus zwei, und schließlich wurden es ganze Gespräche. Eines Tages ließ
er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren Schoß gleiten,
worauf er seelenvergnügt und eiligst davonlief. Nun war es gegen den
Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das Verbot
Ödegaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste Verbot
hatte sie ganz allmählich übertreten—jetzt, da auch die Übertretung des
zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das Geld los zu werden,
nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit und traktierte ihn; aber
beim besten Willen war es ihnen nicht möglich, für mehr als zehn Groschen
zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch, daß sie den Taler vernascht
hatte, statt ihn zurückzugeben. Das letzte Zweigroschenstück brannte ihr in
der Tasche, als müsse es ein Loch durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus
und warf es ins Meer. Aber damit war sie doch den Taler nicht los—auch
ihre Gedanken hatte er angesengt. Wenn sie es gestand, so würde es
vorübergehen, das fühlte sie; aber der schreckliche Zorn der Mutter damals
und Ödegaards festes Zutrauen zu ihr standen, jedes in seiner Art, als
Schrecknisse im Wege. Während die Mutter nichts merkte, entdeckte
Ödegaard bald, daß sie etwas mit sich herumschleppe, das sie unglücklich
mache. Liebevoll fragte er sie eines Tages, was es sei, und als sie statt aller
Antwort in Tränen ausbrach, dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not,
und gab ihr zehn Speziestaler. Daß sie—trotz ihrer Sünde gegen ihn—noch
Geld von ihm bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun
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obendrein noch Geld hatte—ehrliches Geld, das sie der Mutter ganz offen
geben konnte,—empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem
Verbrechen und gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine
Hand zwischen ihre beiden Hände und bedankte sich, sie lachte und tanzte
in der Stube herum, sie strahlte vor Entzücken durch ihre Tränen hindurch,
während sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn
begleiten darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der
Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Händen.
Zum erstenmal fühlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum
erstenmal überflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und er
wich purpurheiß zurück. Petra aber stürzte zur Tür hinaus und den Berg
hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die
Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld
gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.—"Ödegaard,
Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"—"Was soll ich
damit?"—"Ich weiß nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wüßtest—" sie fiel ihr
wieder um den Hals—jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen. Aber die
Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen annehmen?
Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurück! Wenn Du ihm
vorgeschwatzt hast, ich hätt's nötig, so hast Du gelogen!"—"Aber
Mutter!"—"Sofort bringst Du ihm das Geld zurück, sag' ich Dir, oder ich
gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem—dem…, der mir mein
Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten
Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurück, langsam
öffnete sie die Tür, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wußte, was sie
tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen zerrissen. Die
Entdeckung dieser Tatsache löste sich in einem Ausbruch der Empörung
gegen die Mutter. Aber Ödegaard durfte nichts davon erfahren—doch, alles
sollte er erfahren… Ihm durfte sie nichts vorlügen!—Und einen Augenblick
darauf stand sie in seinem Zimmer und erzählte ihm, die Mutter habe das
geben konnte,—empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem
Verbrechen und gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine
Hand zwischen ihre beiden Hände und bedankte sich, sie lachte und tanzte
in der Stube herum, sie strahlte vor Entzücken durch ihre Tränen hindurch,
während sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn
begleiten darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der
Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Händen.
Zum erstenmal fühlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum
erstenmal überflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und er
wich purpurheiß zurück. Petra aber stürzte zur Tür hinaus und den Berg
hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die
Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld
gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.—"Ödegaard,
Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"—"Was soll ich
damit?"—"Ich weiß nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wüßtest—" sie fiel ihr
wieder um den Hals—jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen. Aber die
Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen annehmen?
Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurück! Wenn Du ihm
vorgeschwatzt hast, ich hätt's nötig, so hast Du gelogen!"—"Aber
Mutter!"—"Sofort bringst Du ihm das Geld zurück, sag' ich Dir, oder ich
gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem—dem…, der mir mein
Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten
Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurück, langsam
öffnete sie die Tür, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wußte, was sie
tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen zerrissen. Die
Entdeckung dieser Tatsache löste sich in einem Ausbruch der Empörung
gegen die Mutter. Aber Ödegaard durfte nichts davon erfahren—doch, alles
sollte er erfahren… Ihm durfte sie nichts vorlügen!—Und einen Augenblick
darauf stand sie in seinem Zimmer und erzählte ihm, die Mutter habe das
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Geld nicht nehmen wollen und vor Ärger, daß sie es ihm zurückbringen
mußte, habe sie den Schein zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er
hörte sie merkwürdig kalt an, hieß sie nach Hause gehen und gab ihr die
Ermahnung mit auf den Weg, der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn
es ihr sauer fiele. Das kam ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wußte
sie auch—er selber tat nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem
Heimweg brach es in ihr los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie
hatte ihn die ganze Zeit über gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn
er war ja an dem ganzen Unglück schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er,
neben ihr hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen
so hoch, daß sie sich einfach von ihnen schleudern ließ, einerlei wohin. Und
überhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten hatte,
mit ihm umzugehen; es war natürlich nur eine von ihren Launen. "Weißt
Du, was ich getan habe?" sagte er fast demütig, als sie stehen blieb. "Ich
habe Dir ein Segelboot gekauft;—ich dachte, Du habest vielleicht Lust, ein
bißchen zu segeln!" Und er lachte. Seine Güte, die etwas von der Bitte eines
Bettlers hatte, rührte sie gerade jetzt; sie nickte, und nun wurde er lebendig,
er flüsterte hastig, sie solle durch die Allee rechts draußen vor der Stadt bis
an das große gelbe Bootshaus gehen; dort wolle er sie abholen: kein
Mensch könne sie dort sehen. Sie ging hin und er kam, strahlend, aber
ehrerbietig wie ein altes Kind, und nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten
eine Weile in der leichten Brise und legten dann an einer Insel an, machten
das Boot fest und stiegen ans Land. Er hatte allerlei Leckereien für sie
mitgebracht, die er ihr mit ängstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flöte
heraus und spielte. Seine Seligkeit ließ sie eine Zeitlang ihren eigenen
Kummer vergessen; und weil die Fröhlichkeit schwacher Wesen wehmütig
stimmt, gewann sie ihn plötzlich lieb.
mußte, habe sie den Schein zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er
hörte sie merkwürdig kalt an, hieß sie nach Hause gehen und gab ihr die
Ermahnung mit auf den Weg, der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn
es ihr sauer fiele. Das kam ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wußte
sie auch—er selber tat nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem
Heimweg brach es in ihr los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie
hatte ihn die ganze Zeit über gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn
er war ja an dem ganzen Unglück schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er,
neben ihr hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen
so hoch, daß sie sich einfach von ihnen schleudern ließ, einerlei wohin. Und
überhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten hatte,
mit ihm umzugehen; es war natürlich nur eine von ihren Launen. "Weißt
Du, was ich getan habe?" sagte er fast demütig, als sie stehen blieb. "Ich
habe Dir ein Segelboot gekauft;—ich dachte, Du habest vielleicht Lust, ein
bißchen zu segeln!" Und er lachte. Seine Güte, die etwas von der Bitte eines
Bettlers hatte, rührte sie gerade jetzt; sie nickte, und nun wurde er lebendig,
er flüsterte hastig, sie solle durch die Allee rechts draußen vor der Stadt bis
an das große gelbe Bootshaus gehen; dort wolle er sie abholen: kein
Mensch könne sie dort sehen. Sie ging hin und er kam, strahlend, aber
ehrerbietig wie ein altes Kind, und nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten
eine Weile in der leichten Brise und legten dann an einer Insel an, machten
das Boot fest und stiegen ans Land. Er hatte allerlei Leckereien für sie
mitgebracht, die er ihr mit ängstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flöte
heraus und spielte. Seine Seligkeit ließ sie eine Zeitlang ihren eigenen
Kummer vergessen; und weil die Fröhlichkeit schwacher Wesen wehmütig
stimmt, gewann sie ihn plötzlich lieb.
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Fortan hatte sie ein neues und dauerndes Geheimnis vor der Mutter, und
bald war es dahin gekommen, daß sie der Mutter überhaupt nichts mehr
sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem Augenblick,
da sie ganz mißtraute.
Aber auch vor Ödegaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm
allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch Ödegaard fragte nicht; der
ganze Unterricht führte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersönliches Gebiet.
Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von
den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.
Doch unterdessen war sie, ohne es selbst zu wissen, ein erwachsenes
Mädchen geworden, und eines Tages teilte Ödegaard ihr mit, daß sie
eingesegnet werden solle.
Diese Nachricht erfüllte sie mit großer Unruhe; denn sie wußte, mit der
Einsegnung hatte der Unterricht ein Ende, und was sollte dann werden? Die
Mutter ließ ein Giebelstübchen ans Haus anbauen; Petra sollte nach ihrer
Einsegnung ein eigenes Zimmer haben. Das unablässige Hämmern und
Klopfen war ihr eine schmerzliche Mahnung. Ödegaard sah, wie sie immer
stiller und stiller wurde; zuweilen merkte er sogar, daß sie geweint hatte.
Der Religionsunterricht machte in dieser Stimmung einen starken Eindruck
auf sie, obgleich Ödegaard mit großer Sorgfalt alles vermied, was sie hätte
aufregen können. Aus eben diesem Grunde schloß er auch vierzehn Tage
vor der Einsegnung den Unterricht mit der kurzen Mitteilung ab, heute sei
die letzte Stunde gewesen. Er meinte damit die letzte Stunde bei ihm; denn
er wollte natürlich noch weiter für sie sorgen, wenn auch durch andere.
Aber wie festgenagelt blieb sie sitzen; alles Blut wich ihr aus dem Gesicht,
die Augen hingen starr an ihm, so daß er, unwillkürlich gerührt, sich beeilte,
einen Grund anzugeben: "Nicht alle jungen Mädchen sind ja bei ihrer
bald war es dahin gekommen, daß sie der Mutter überhaupt nichts mehr
sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem Augenblick,
da sie ganz mißtraute.
Aber auch vor Ödegaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm
allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch Ödegaard fragte nicht; der
ganze Unterricht führte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersönliches Gebiet.
Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von
den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.
Doch unterdessen war sie, ohne es selbst zu wissen, ein erwachsenes
Mädchen geworden, und eines Tages teilte Ödegaard ihr mit, daß sie
eingesegnet werden solle.
Diese Nachricht erfüllte sie mit großer Unruhe; denn sie wußte, mit der
Einsegnung hatte der Unterricht ein Ende, und was sollte dann werden? Die
Mutter ließ ein Giebelstübchen ans Haus anbauen; Petra sollte nach ihrer
Einsegnung ein eigenes Zimmer haben. Das unablässige Hämmern und
Klopfen war ihr eine schmerzliche Mahnung. Ödegaard sah, wie sie immer
stiller und stiller wurde; zuweilen merkte er sogar, daß sie geweint hatte.
Der Religionsunterricht machte in dieser Stimmung einen starken Eindruck
auf sie, obgleich Ödegaard mit großer Sorgfalt alles vermied, was sie hätte
aufregen können. Aus eben diesem Grunde schloß er auch vierzehn Tage
vor der Einsegnung den Unterricht mit der kurzen Mitteilung ab, heute sei
die letzte Stunde gewesen. Er meinte damit die letzte Stunde bei ihm; denn
er wollte natürlich noch weiter für sie sorgen, wenn auch durch andere.
Aber wie festgenagelt blieb sie sitzen; alles Blut wich ihr aus dem Gesicht,
die Augen hingen starr an ihm, so daß er, unwillkürlich gerührt, sich beeilte,
einen Grund anzugeben: "Nicht alle jungen Mädchen sind ja bei ihrer
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Einsegnung schon erwachsen;—aber bei Dir ist es so. Das fühlst Du wohl
selbst." Hätte sie im Schein eines flammenden Feuers gestanden—sie hätte
nicht glühender rot werden können, als sie bei diesen Worten wurde. Ihr
Busen wogte, die Augen flackerten unruhig und füllten sich mit Tränen, und
wie gehetzt fügte er hinzu: "Oder wollen wir vielleicht doch noch
weitermachen?" Erst hinterher wurde ihm klar, was er ihr da vorgeschlagen
hatte; es war unrecht von ihm—er wollte es wieder zurücknehmen, aber
schon erhob sie ihre Augen zu ihm; sie sagte nicht mit den Lippen "ja"; aber
besser hätte sie es nicht sagen können. Um sich vor seinem eigenen
Gewissen zu entschuldigen, suchte er nach einem Vorwand und fragte: "Du
möchtest jedenfalls jetzt gern irgend etwas Bestimmtes ergreifen … etwas,
wozu Du"—er beugte sich zu ihr herüber—"den Beruf in Dir fühlst?"
"Nein!" erwiderte sie so rasch, daß er errötete und, abgekühlt, in die
eigenen, jahrelangen Grübeleien zurücksank, die ihre unerwartete Antwort
wieder wachgerufen hatte.
Daß etwas Eigenartiges sich in ihr regte, daran hatte er nie gezweifelt,
seit er sie als Kind singend an der Spitze der Straßenjugend des Städtchens
hatte marschieren sehen. Aber je länger er sie unterrichtet hatte, desto
weniger vermochte er aus ihrer Begabung klug zu werden. Vorhanden war
sie in jeder Bewegung; alles, was sie dachte, was sie wünschte, verkündeten
Geist und Körper zu gleicher Zeit, aus einer Fülle von Kraft heraus,
umzittert von einen Glanz der Schönheit. Aber in Worte gefaßt oder gar zu
Papier gebracht, waren es einfach lauter Kindereien. Sie sah aus wie die
verkörperte Phantasie—er freilich empfand es vor allem als Unruhe. Sie
war sehr fleißig; aber ihr Fleiß hatte weniger den Zweck, etwas zu lernen,
als weiterzukommen; was auf der nächsten Seite stand, beschäftigte sie
immer am meisten. Sie hatte Sinn für Religion, doch, wie der Propst sich
ausdrückte, "keine Anlage zu einem religiösen Leben"; und Ödegaard
machte sich oft schwere Sorgen um sie. Jetzt stand er an einem
Wendepunkt; unwillkürlich fühlte er sich im Geist zurückversetzt vor die
selbst." Hätte sie im Schein eines flammenden Feuers gestanden—sie hätte
nicht glühender rot werden können, als sie bei diesen Worten wurde. Ihr
Busen wogte, die Augen flackerten unruhig und füllten sich mit Tränen, und
wie gehetzt fügte er hinzu: "Oder wollen wir vielleicht doch noch
weitermachen?" Erst hinterher wurde ihm klar, was er ihr da vorgeschlagen
hatte; es war unrecht von ihm—er wollte es wieder zurücknehmen, aber
schon erhob sie ihre Augen zu ihm; sie sagte nicht mit den Lippen "ja"; aber
besser hätte sie es nicht sagen können. Um sich vor seinem eigenen
Gewissen zu entschuldigen, suchte er nach einem Vorwand und fragte: "Du
möchtest jedenfalls jetzt gern irgend etwas Bestimmtes ergreifen … etwas,
wozu Du"—er beugte sich zu ihr herüber—"den Beruf in Dir fühlst?"
"Nein!" erwiderte sie so rasch, daß er errötete und, abgekühlt, in die
eigenen, jahrelangen Grübeleien zurücksank, die ihre unerwartete Antwort
wieder wachgerufen hatte.
Daß etwas Eigenartiges sich in ihr regte, daran hatte er nie gezweifelt,
seit er sie als Kind singend an der Spitze der Straßenjugend des Städtchens
hatte marschieren sehen. Aber je länger er sie unterrichtet hatte, desto
weniger vermochte er aus ihrer Begabung klug zu werden. Vorhanden war
sie in jeder Bewegung; alles, was sie dachte, was sie wünschte, verkündeten
Geist und Körper zu gleicher Zeit, aus einer Fülle von Kraft heraus,
umzittert von einen Glanz der Schönheit. Aber in Worte gefaßt oder gar zu
Papier gebracht, waren es einfach lauter Kindereien. Sie sah aus wie die
verkörperte Phantasie—er freilich empfand es vor allem als Unruhe. Sie
war sehr fleißig; aber ihr Fleiß hatte weniger den Zweck, etwas zu lernen,
als weiterzukommen; was auf der nächsten Seite stand, beschäftigte sie
immer am meisten. Sie hatte Sinn für Religion, doch, wie der Propst sich
ausdrückte, "keine Anlage zu einem religiösen Leben"; und Ödegaard
machte sich oft schwere Sorgen um sie. Jetzt stand er an einem
Wendepunkt; unwillkürlich fühlte er sich im Geist zurückversetzt vor die
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steinerne Treppe, wo er sie in sein Leben aufgenommen hatte; er hörte die
scharfe Stimme der Mutter, die ihm die Verantwortung aufbürdete, weil er
den Namen des Herrn genannt hatte.
Nachdem er mehrmals im Zimmer auf und ab gegangen war, raffte er
sich zusammen. "Ich mache jetzt eine Reise ins Ausland", sagte er mit einer
gewissen Scheu. "Ich habe meine Schwestern gebeten, sich inzwischen
Deiner anzunehmen, und wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter sehen.
Leb' wohl… Wir sehen uns wohl noch, bis ich reise!" Damit ging er ins
Nebenzimmer, so rasch, daß sie ihm nicht einmal mehr die Hand geben
konnte.
Sie sah ihn wieder, wo sie es am wenigsten erwartet hatte—im Pfarrstuhl
neben dem Chor, ihr gerade gegenüber, als sie in der Schar der Mädchen
vor dem Altar stand, um eingesegnet zu werden. Das regte sie so auf, daß
ihre Gedanken lange von der heiligen Handlung, auf die sie sich in Demut
und Gebet vorbereitet hatte, abgelenkt wurden. Ja, sogar Ödegaards alter
Vater stutzte und blickte lange auf den Sohn, als er vor den Altar trat, um zu
beginnen. Gleich darauf sollte Petra noch einen zweiten Schrecken erleben
in der Kirche; denn etwas weiter hinten saß Pedro Ohlsen in einem neuen,
steifen Anzug. Er reckte gerade den Hals, um über die Köpfe der Jungens
hinweg zu der Mädchenschar, zu ihr herüberzusehen! Er tauchte sogleich
wieder unter; aber immer wieder sah sie seinen dünn behaarten Kopf sich
emporstrecken, um gleich darauf wieder unterzutauchen. Das zog ihre
Gedanken ab; sie wollte nicht hinsehen, und sah doch hin, und da—gerade
als alle die andern tief ergriffen waren, manche in Tränen aufgelöst—sah
Petra zu ihrem Entsetzen, wie Pedro sich erhob, starr, mit offenem Mund
und stieren Augen, versteinert, unfähig, sich wieder zu setzen oder sich zu
rühren; denn ihm gegenüber stand Gunlaug, hoch aufgerichtet, in ihrer
vollen Größe. Ein Schauder durchrann Petra beim Anblick der Mutter; denn
sie war so weiß wie das Altartuch. Ihr schwarzes krauses Haar schien sich
scharfe Stimme der Mutter, die ihm die Verantwortung aufbürdete, weil er
den Namen des Herrn genannt hatte.
Nachdem er mehrmals im Zimmer auf und ab gegangen war, raffte er
sich zusammen. "Ich mache jetzt eine Reise ins Ausland", sagte er mit einer
gewissen Scheu. "Ich habe meine Schwestern gebeten, sich inzwischen
Deiner anzunehmen, und wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter sehen.
Leb' wohl… Wir sehen uns wohl noch, bis ich reise!" Damit ging er ins
Nebenzimmer, so rasch, daß sie ihm nicht einmal mehr die Hand geben
konnte.
Sie sah ihn wieder, wo sie es am wenigsten erwartet hatte—im Pfarrstuhl
neben dem Chor, ihr gerade gegenüber, als sie in der Schar der Mädchen
vor dem Altar stand, um eingesegnet zu werden. Das regte sie so auf, daß
ihre Gedanken lange von der heiligen Handlung, auf die sie sich in Demut
und Gebet vorbereitet hatte, abgelenkt wurden. Ja, sogar Ödegaards alter
Vater stutzte und blickte lange auf den Sohn, als er vor den Altar trat, um zu
beginnen. Gleich darauf sollte Petra noch einen zweiten Schrecken erleben
in der Kirche; denn etwas weiter hinten saß Pedro Ohlsen in einem neuen,
steifen Anzug. Er reckte gerade den Hals, um über die Köpfe der Jungens
hinweg zu der Mädchenschar, zu ihr herüberzusehen! Er tauchte sogleich
wieder unter; aber immer wieder sah sie seinen dünn behaarten Kopf sich
emporstrecken, um gleich darauf wieder unterzutauchen. Das zog ihre
Gedanken ab; sie wollte nicht hinsehen, und sah doch hin, und da—gerade
als alle die andern tief ergriffen waren, manche in Tränen aufgelöst—sah
Petra zu ihrem Entsetzen, wie Pedro sich erhob, starr, mit offenem Mund
und stieren Augen, versteinert, unfähig, sich wieder zu setzen oder sich zu
rühren; denn ihm gegenüber stand Gunlaug, hoch aufgerichtet, in ihrer
vollen Größe. Ein Schauder durchrann Petra beim Anblick der Mutter; denn
sie war so weiß wie das Altartuch. Ihr schwarzes krauses Haar schien sich
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zu sträuben, während in ihre Augen plötzlich eine Kraft der Abwehr kam,
als wollten sie sagen: "Laß sie in Ruh'! Was hast Du mit ihr zu schaffen?"
Wirklich sank er auch unter dem Eindruck dieses Blickes auf der Bank
zusammen und eine Weile darauf schlich er zur Kirche hinaus.
Nun legte sich Petras Unruhe, und je weiter die heilige Handlung
fortschritt, desto mächtiger fühlte sie sich mitgerissen. Und als sie ihr
Gelübde abgelegt hatte und wieder zurücktrat und, durch Tränen, hinüber
blickte zu Ödegaard als zu dem Manne, der allen ihren guten Vorsätzen am
nächsten stand, da gelobte sie in ihrem Herzen, daß sie seinen Glauben
nicht zu schanden machen wolle. Sein treues Auge, das so leuchtend zu ihr
herüberschaute, schien dasselbe zu erbitten; aber als sie wieder auf ihrem
Platz stand und ihn noch einmal mit dem Blick suchte, war er
verschwunden. Bald darauf ging sie heim mit der Mutter, die unterwegs nur
sagte: "Jetzt hab' ich das meinige getan;—nun mag unser Herrgott das seine
tun!"
Als sie dann, allein, miteinander zu Mittag gegessen hatten, sagte sie
wieder, indem sie vom Tisch aufstand: "Dann werden wir jetzt wohl zu ihm
hinübergehen müssen—zu dem Pfarrerssohn. Wenn ich auch nicht weiß,
wozu das taugen soll, was er treibt,—gut gemeint hat er's jedenfalls. Mach'
Dich fertig, Kind!"
Der Weg zur Kirche, den die beiden so oft miteinander gegangen waren,
führte oben über der Stadt herum; auf der Straße hatten sie sich bis jetzt
noch nie zusammen sehen lassen; die Mutter war seit ihrer Rückkehr
überhaupt kaum in der Stadt gewesen. Heute jedoch bog sie nach der Straße
zu ab; heute wollte sie die ganze Straße hinuntergehen, die ganze Straße, an
der Seite ihrer erwachsenen Tochter!
Am Nachmittag des Einsegnungstages ist so eine kleine Stadt auf der
Wanderung, entweder von Haus zu Haus, zum Gratulieren, oder Straßen auf
als wollten sie sagen: "Laß sie in Ruh'! Was hast Du mit ihr zu schaffen?"
Wirklich sank er auch unter dem Eindruck dieses Blickes auf der Bank
zusammen und eine Weile darauf schlich er zur Kirche hinaus.
Nun legte sich Petras Unruhe, und je weiter die heilige Handlung
fortschritt, desto mächtiger fühlte sie sich mitgerissen. Und als sie ihr
Gelübde abgelegt hatte und wieder zurücktrat und, durch Tränen, hinüber
blickte zu Ödegaard als zu dem Manne, der allen ihren guten Vorsätzen am
nächsten stand, da gelobte sie in ihrem Herzen, daß sie seinen Glauben
nicht zu schanden machen wolle. Sein treues Auge, das so leuchtend zu ihr
herüberschaute, schien dasselbe zu erbitten; aber als sie wieder auf ihrem
Platz stand und ihn noch einmal mit dem Blick suchte, war er
verschwunden. Bald darauf ging sie heim mit der Mutter, die unterwegs nur
sagte: "Jetzt hab' ich das meinige getan;—nun mag unser Herrgott das seine
tun!"
Als sie dann, allein, miteinander zu Mittag gegessen hatten, sagte sie
wieder, indem sie vom Tisch aufstand: "Dann werden wir jetzt wohl zu ihm
hinübergehen müssen—zu dem Pfarrerssohn. Wenn ich auch nicht weiß,
wozu das taugen soll, was er treibt,—gut gemeint hat er's jedenfalls. Mach'
Dich fertig, Kind!"
Der Weg zur Kirche, den die beiden so oft miteinander gegangen waren,
führte oben über der Stadt herum; auf der Straße hatten sie sich bis jetzt
noch nie zusammen sehen lassen; die Mutter war seit ihrer Rückkehr
überhaupt kaum in der Stadt gewesen. Heute jedoch bog sie nach der Straße
zu ab; heute wollte sie die ganze Straße hinuntergehen, die ganze Straße, an
der Seite ihrer erwachsenen Tochter!
Am Nachmittag des Einsegnungstages ist so eine kleine Stadt auf der
Wanderung, entweder von Haus zu Haus, zum Gratulieren, oder Straßen auf
Page 568
und ab, um zu gucken und sich begucken zu lassen. Auf Schritt und Tritt
bleibt man stehen und grüßt, tauscht Händedrücke aus und sagt einander ein
paar freundliche Worte. Die Kinder der Armen präsentieren sich in den
abgelegten Kleidern der Reichen und werden vorgeführt, um sich zu
bedanken. Die Seeleute in fremdländischem Staat, die Mütze schief auf
dem Ohr, die Stutzer des Städtchens, die Handlungsgehilfen, zogen, nach
allen Seiten grüßend, in Scharen vorüber; die halbwüchsigen Lateinschüler,
jeder seinen Busenfreund am Arm, schlenderten voll altkluger Kritik
hinterdrein; aber alle fühlten sie sich heute im stillen ausgestochen von dem
Löwen der Stadt, dem reichsten Mann der Stadt, dem jungen Kaufherrn
Yngve Vold, der soeben aus Spanien heimgekehrt war, fix und fertig, von
morgen ab das große Fischgeschäft seiner Mutter zu übernehmen. Mit
seinem hellen Hut auf dem hellen Haar, glänzte er in allen Gassen, so daß
die jungen Konfirmanden fast in Vergessenheit gerieten; alle hießen ihn
willkommen, mit allen unterhielt er sich, allen lachte er zu—an allen Ecken
und Enden sah man den hellen Hut auf dem hellen Haar und hörte das helle
Lachen. Als Petra und ihre Mutter die Straße herabkamen, war er der erste,
auf den sie stießen; und wie wenn sie tatsächlich "auf ihn gestoßen" hätten,
so fuhr er zurück, als er Petra sah. Er erkannte sie nicht wieder.
Sie war groß, nicht so groß wie die Mutter, aber doch größer als die
meisten andern Mädchen—anmutig, fein und keck, die Mutter und doch
auch wieder nicht die Mutter, in ständigem Farbenspiel. Selbst der junge
Kaufmann, der ihnen folgte, vermochte die Blicke der Vorübergehenden
nicht mehr auf sich zu ziehen; die beiden, Mutter und Tochter zusammen,
waren doch noch ein fremdartigerer Anblick. Sie gingen rasch, ohne zu
grüßen, da sie selbst kaum von andern als von Seeleuten gegrüßt wurden.
Aber noch eiliger kamen sie die Straße wieder zurück; denn sie hatten
gehört, Ödegaard habe soeben das Haus verlassen und sei zum Dampfer
hinuntergegangen, der in wenigen Minuten abgehen sollte. Besonders Petra
drängte mehr und mehr; sie mußte—mußte ihn noch einmal sehen, mußte
bleibt man stehen und grüßt, tauscht Händedrücke aus und sagt einander ein
paar freundliche Worte. Die Kinder der Armen präsentieren sich in den
abgelegten Kleidern der Reichen und werden vorgeführt, um sich zu
bedanken. Die Seeleute in fremdländischem Staat, die Mütze schief auf
dem Ohr, die Stutzer des Städtchens, die Handlungsgehilfen, zogen, nach
allen Seiten grüßend, in Scharen vorüber; die halbwüchsigen Lateinschüler,
jeder seinen Busenfreund am Arm, schlenderten voll altkluger Kritik
hinterdrein; aber alle fühlten sie sich heute im stillen ausgestochen von dem
Löwen der Stadt, dem reichsten Mann der Stadt, dem jungen Kaufherrn
Yngve Vold, der soeben aus Spanien heimgekehrt war, fix und fertig, von
morgen ab das große Fischgeschäft seiner Mutter zu übernehmen. Mit
seinem hellen Hut auf dem hellen Haar, glänzte er in allen Gassen, so daß
die jungen Konfirmanden fast in Vergessenheit gerieten; alle hießen ihn
willkommen, mit allen unterhielt er sich, allen lachte er zu—an allen Ecken
und Enden sah man den hellen Hut auf dem hellen Haar und hörte das helle
Lachen. Als Petra und ihre Mutter die Straße herabkamen, war er der erste,
auf den sie stießen; und wie wenn sie tatsächlich "auf ihn gestoßen" hätten,
so fuhr er zurück, als er Petra sah. Er erkannte sie nicht wieder.
Sie war groß, nicht so groß wie die Mutter, aber doch größer als die
meisten andern Mädchen—anmutig, fein und keck, die Mutter und doch
auch wieder nicht die Mutter, in ständigem Farbenspiel. Selbst der junge
Kaufmann, der ihnen folgte, vermochte die Blicke der Vorübergehenden
nicht mehr auf sich zu ziehen; die beiden, Mutter und Tochter zusammen,
waren doch noch ein fremdartigerer Anblick. Sie gingen rasch, ohne zu
grüßen, da sie selbst kaum von andern als von Seeleuten gegrüßt wurden.
Aber noch eiliger kamen sie die Straße wieder zurück; denn sie hatten
gehört, Ödegaard habe soeben das Haus verlassen und sei zum Dampfer
hinuntergegangen, der in wenigen Minuten abgehen sollte. Besonders Petra
drängte mehr und mehr; sie mußte—mußte ihn noch einmal sehen, mußte
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ihm danken, eh er aufbrach. Unrecht war es von ihm, so von ihr zu gehen!
Sie sah niemand von all denen, die sie ansahen—sie sah nichts als den
Dampferrauch über den Dächern,—ihr war, als entferne der Rauch sich. Als
sie zur Landungsbrücke kamen, stieß der Dampfer gerade vom Lande ab,
und—die Kehle zugeschnürt von Tränen—eilte sie weiter, hinaus in die
Allee; sie sprang mehr als daß sie ging, und die Mutter stapfte hinter ihr her.
Da der Dampfer Zeit gebraucht hatte, um im Hafen zu wenden, kam sie
noch eben zurecht, um hinunter zu springen auf den Strand, auf einen Stein
zu klettern und mit dem Taschentuch zu winken. Die Mutter blieb oben in
der Allee stehen. Petra winkte—immer höher und höher schwenkte sie ihr
Tuch; aber—keiner winkte zurück.
Da konnte sie sich nicht mehr halten; vor lauter Tränen mußte sie den
oberen Weg nach Hause gehen. Die Mutter folgte stumm.—Ihr
Giebelstübchen, das die Mutter ihr geschenkt hatte, in dem sie diese Nacht
zum erstenmal geschlafen und heut morgen so voller Freude ihr neues Kleid
angezogen hatte, betrat sie jetzt, am Abend, aufgelöst in Tränen, ohne einen
Blick um sich zu werfen. Hinunter wollte sie nicht—da saßen Matrosen und
andere Gäste; sie zog ihr Konfirmationskleid aus und saß auf ihrem Bett bis
tief in die Nacht hinein. Erwachsensein—das schien ihr das Unglückseligste
auf der ganzen Welt!
Viertes Kapitel
Eines schönen Tages, bald nach der Konfirmation, ging Petra zu
Ödegaards Schwestern hinüber; aber sie merkte gleich, daß das ein
Fehlgriff von ihm gewesen war. Der Propst tat, als sei sie Luft, und die
Töchter, beide älter als Ödegaard, waren mehr als steif. Sie begnügten sich
Sie sah niemand von all denen, die sie ansahen—sie sah nichts als den
Dampferrauch über den Dächern,—ihr war, als entferne der Rauch sich. Als
sie zur Landungsbrücke kamen, stieß der Dampfer gerade vom Lande ab,
und—die Kehle zugeschnürt von Tränen—eilte sie weiter, hinaus in die
Allee; sie sprang mehr als daß sie ging, und die Mutter stapfte hinter ihr her.
Da der Dampfer Zeit gebraucht hatte, um im Hafen zu wenden, kam sie
noch eben zurecht, um hinunter zu springen auf den Strand, auf einen Stein
zu klettern und mit dem Taschentuch zu winken. Die Mutter blieb oben in
der Allee stehen. Petra winkte—immer höher und höher schwenkte sie ihr
Tuch; aber—keiner winkte zurück.
Da konnte sie sich nicht mehr halten; vor lauter Tränen mußte sie den
oberen Weg nach Hause gehen. Die Mutter folgte stumm.—Ihr
Giebelstübchen, das die Mutter ihr geschenkt hatte, in dem sie diese Nacht
zum erstenmal geschlafen und heut morgen so voller Freude ihr neues Kleid
angezogen hatte, betrat sie jetzt, am Abend, aufgelöst in Tränen, ohne einen
Blick um sich zu werfen. Hinunter wollte sie nicht—da saßen Matrosen und
andere Gäste; sie zog ihr Konfirmationskleid aus und saß auf ihrem Bett bis
tief in die Nacht hinein. Erwachsensein—das schien ihr das Unglückseligste
auf der ganzen Welt!
Viertes Kapitel
Eines schönen Tages, bald nach der Konfirmation, ging Petra zu
Ödegaards Schwestern hinüber; aber sie merkte gleich, daß das ein
Fehlgriff von ihm gewesen war. Der Propst tat, als sei sie Luft, und die
Töchter, beide älter als Ödegaard, waren mehr als steif. Sie begnügten sich
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damit, ihr kurz und knapp mitzuteilen, was der Bruder über sie bestimmt
habe. Sie solle den ganzen Vormittag in einem Haus außerhalb der Stadt die
Haushaltung erlernen, und nachmittags in die Nähschule gehen; schlafen,
frühstücken und Abendbrot essen solle sie zu Hause. Sie tat, wie ihr
befohlen war, und schickte sich ganz gut darein, solang ihr die Sache neu
war, aber nach und nach, und besonders als es Sommer wurde, fing das
Ding sie zu langweilen an. Sonst um diese Zeit hatte sie ganze Tage lang
droben im Walde gesessen und in ihren Büchern gelesen, den Büchern, die
sie jetzt schmerzlich vermißte, wie sie Ödegaard selbst und den Verkehr mit
ihm vermißte. Die Folge war, daß sie sich ihren Verkehr suchte, wo sie ihn
eben fand. Um diese Zeit nämlich trat in die Nähschule ein junges Mädchen
ein, das Lise Let hieß; das heißt Lise hieß sie—aber nicht Let; Let hieß ein
junger Seekadett, der in den Weihnachtsferien zu Hause gewesen war und
sich beim Schlittschuhlaufen mit ihr verlobt hatte, als sie noch ein
Schulmädel war. Lise wollte Gift drauf nehmen, daß das nicht wahr sei, und
fing zu weinen an, sobald man überhaupt darauf anspielte; aber trotzdem
blieb der Name an ihr hängen: Lise Let. Die kleine zierliche Lise Let weinte
oft und lachte oft; doch ob sie weinte oder lachte—immer ging ihr Liebe im
Kopf herum. Ein Bienenschwarm von Gedanken, neuen, seltsamen
Gedanken, füllte bald die Nähschule. Streckte eine Hand sich nach der
Zwirnrolle aus—gleich war es ein Heiratsantrag und die Rolle sagte
entweder ja oder gab einen Korb; die Nadel verlobte sich mit dem Faden,
und der Faden opferte sich, Stich um Stich, für die Grausame; wer sich
stach, vergoß sein Herzblut; wer die Nadel wechselte, war treulos.
Flüsterten zwei Mädchen miteinander, so hatten sie sich immer etwas ganz
Besonderes zu sagen; bald flüsterten noch zwei und noch zwei; jede hatte
ihre Vertraute,—tausend Heimlichkeiten schwebten in der Luft; es war nicht
auszuhalten.
Eines Nachmittags in der Dämmerung, in einem ganz feinen Regen,—
Rieselregen nennt man ihn—war Petra mit einem großen Umschlagtuch
habe. Sie solle den ganzen Vormittag in einem Haus außerhalb der Stadt die
Haushaltung erlernen, und nachmittags in die Nähschule gehen; schlafen,
frühstücken und Abendbrot essen solle sie zu Hause. Sie tat, wie ihr
befohlen war, und schickte sich ganz gut darein, solang ihr die Sache neu
war, aber nach und nach, und besonders als es Sommer wurde, fing das
Ding sie zu langweilen an. Sonst um diese Zeit hatte sie ganze Tage lang
droben im Walde gesessen und in ihren Büchern gelesen, den Büchern, die
sie jetzt schmerzlich vermißte, wie sie Ödegaard selbst und den Verkehr mit
ihm vermißte. Die Folge war, daß sie sich ihren Verkehr suchte, wo sie ihn
eben fand. Um diese Zeit nämlich trat in die Nähschule ein junges Mädchen
ein, das Lise Let hieß; das heißt Lise hieß sie—aber nicht Let; Let hieß ein
junger Seekadett, der in den Weihnachtsferien zu Hause gewesen war und
sich beim Schlittschuhlaufen mit ihr verlobt hatte, als sie noch ein
Schulmädel war. Lise wollte Gift drauf nehmen, daß das nicht wahr sei, und
fing zu weinen an, sobald man überhaupt darauf anspielte; aber trotzdem
blieb der Name an ihr hängen: Lise Let. Die kleine zierliche Lise Let weinte
oft und lachte oft; doch ob sie weinte oder lachte—immer ging ihr Liebe im
Kopf herum. Ein Bienenschwarm von Gedanken, neuen, seltsamen
Gedanken, füllte bald die Nähschule. Streckte eine Hand sich nach der
Zwirnrolle aus—gleich war es ein Heiratsantrag und die Rolle sagte
entweder ja oder gab einen Korb; die Nadel verlobte sich mit dem Faden,
und der Faden opferte sich, Stich um Stich, für die Grausame; wer sich
stach, vergoß sein Herzblut; wer die Nadel wechselte, war treulos.
Flüsterten zwei Mädchen miteinander, so hatten sie sich immer etwas ganz
Besonderes zu sagen; bald flüsterten noch zwei und noch zwei; jede hatte
ihre Vertraute,—tausend Heimlichkeiten schwebten in der Luft; es war nicht
auszuhalten.
Eines Nachmittags in der Dämmerung, in einem ganz feinen Regen,—
Rieselregen nennt man ihn—war Petra mit einem großen Umschlagtuch
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überm Kopf vor der Tür ihres Hauses und lugte in den Flur hinein, wo ein
junger Matrose stand und einen Walzer pfiff. "Du—Gunnar—wollen wir
einen Spaziergang machen?"—"Es regnet doch!"—"Bah, das bißchen
Regen!"—Sie gingen bis zu einem kleinen Haus oben am Berge. "Kauf' mir
ein paar Kuchen—von denen mit Schlagsahne drauf—ja?"—"Immer willst
Du auch Kuchen!"—"Mit Schlagsahne drauf!"—Er ging und holte ihr ein
paar. Sie streckte die eine Hand unter dem Tuch hervor, nahm die Kuchen
und ging schmausend weiter. Als sie hoch oben über der Stadt standen, bot
sie ihm ein Stück Kuchen an und sagte: "Du, Gunnar, wir zwei haben uns
doch immer so gern leiden mögen; immer hab' ich Dich am liebsten mögen
von all den Jungens. Glaubst es nicht? Doch, ganz sicher, Gunnar! Und jetzt
bist Du zweiter Steuermann und führst vielleicht schon bald ein eigenes
Schiff. Ich finde, Du müßtest Dich jetzt verloben… Nanu? Magst Du
keinen Kuchen?"—"Danke! Ich kaue lieber Tabak."—"Also—was sagst Du
dazu?"—"Oh, das hat keine Eile!"—"Keine Eile? Übermorgen gehst Du
doch wieder fort!"—"Na ja … ich komm' doch wieder!"—"Aber ob ich
dann Zeit hab', ist ziemlich zweifelhaft; wer weiß, wo ich dann
bin!"—"Also mit Dir soll ich mich verloben?"—"Aber natürlich, Gunnar.
Mit wem denn sonst? Du bist wirklich zu dumm, darum bist Du auch nichts
als ein Matrose!"—"Tut mir gar nicht leid! Matrose sein, das ist
famos!"—"Freilich—Deine Mutter hat ja ein Schiff. Na, was sagst Du also?
Schrecklich, wie schwerfällig Du bist!"—"Was soll ich denn
sagen?"—"Was Du sagen sollst? Hahaha!… Willst mich am Ende gar
nicht? Was?"—"Ach, Petra! das weißt Du ja nur zu gut! Aber ich glaube—
man kann sich nicht auf Dich verlassen!"—"Doch, doch, Gunnar! Ich bin
Dir ganz, ganz gewiß treu!"—Er blieb einen Augenblick stehen: "Laß Dich
mal ansehen, Petra!"—"Warum?"—"Ich will sehen, ob Du es auch wirklich
meinst."—"Denkst Du etwa, ich mache Unsinn?" Sie schlug erzürnt ihr
Tuch zurück.—"Ja, Petra—wenn es also ganz im vollen Ernst gelten soll,
dann gib mir einen Kuß drauf. Da weiß man doch, was man hat."—"Bist Du
junger Matrose stand und einen Walzer pfiff. "Du—Gunnar—wollen wir
einen Spaziergang machen?"—"Es regnet doch!"—"Bah, das bißchen
Regen!"—Sie gingen bis zu einem kleinen Haus oben am Berge. "Kauf' mir
ein paar Kuchen—von denen mit Schlagsahne drauf—ja?"—"Immer willst
Du auch Kuchen!"—"Mit Schlagsahne drauf!"—Er ging und holte ihr ein
paar. Sie streckte die eine Hand unter dem Tuch hervor, nahm die Kuchen
und ging schmausend weiter. Als sie hoch oben über der Stadt standen, bot
sie ihm ein Stück Kuchen an und sagte: "Du, Gunnar, wir zwei haben uns
doch immer so gern leiden mögen; immer hab' ich Dich am liebsten mögen
von all den Jungens. Glaubst es nicht? Doch, ganz sicher, Gunnar! Und jetzt
bist Du zweiter Steuermann und führst vielleicht schon bald ein eigenes
Schiff. Ich finde, Du müßtest Dich jetzt verloben… Nanu? Magst Du
keinen Kuchen?"—"Danke! Ich kaue lieber Tabak."—"Also—was sagst Du
dazu?"—"Oh, das hat keine Eile!"—"Keine Eile? Übermorgen gehst Du
doch wieder fort!"—"Na ja … ich komm' doch wieder!"—"Aber ob ich
dann Zeit hab', ist ziemlich zweifelhaft; wer weiß, wo ich dann
bin!"—"Also mit Dir soll ich mich verloben?"—"Aber natürlich, Gunnar.
Mit wem denn sonst? Du bist wirklich zu dumm, darum bist Du auch nichts
als ein Matrose!"—"Tut mir gar nicht leid! Matrose sein, das ist
famos!"—"Freilich—Deine Mutter hat ja ein Schiff. Na, was sagst Du also?
Schrecklich, wie schwerfällig Du bist!"—"Was soll ich denn
sagen?"—"Was Du sagen sollst? Hahaha!… Willst mich am Ende gar
nicht? Was?"—"Ach, Petra! das weißt Du ja nur zu gut! Aber ich glaube—
man kann sich nicht auf Dich verlassen!"—"Doch, doch, Gunnar! Ich bin
Dir ganz, ganz gewiß treu!"—Er blieb einen Augenblick stehen: "Laß Dich
mal ansehen, Petra!"—"Warum?"—"Ich will sehen, ob Du es auch wirklich
meinst."—"Denkst Du etwa, ich mache Unsinn?" Sie schlug erzürnt ihr
Tuch zurück.—"Ja, Petra—wenn es also ganz im vollen Ernst gelten soll,
dann gib mir einen Kuß drauf. Da weiß man doch, was man hat."—"Bist Du
Page 572
verrückt?" sie schlug das Tuch wieder zusammen und ging weiter.—"So
warte doch, Petra! Das verstehst Du nur nicht. Wenn wir wirklich
Liebesleute sind—"—"Ach, Blödsinn!"—"Na, hör' mal, da muß ich doch
wohl wissen, was der Brauch ist, scheint mir; denn was Lebenserfahrung
anbelangt—da bin ich Dir zwanzigmal über. Wenn Du bloß bedenkst, was
ich alles gesehen habe—"—"Bah, Du hast gesehen wie ein Schafskopf
sieht, und schwatzt, wie Du gesehen hast!"—"So? Und was verstehst denn
Du unter Liebesleuten, wenn man fragen darf? Was? Bergauf und bergab
hintereinander herrennen, darin besteht's doch wahrhaftig nicht!"—"Nein,
das stimmt!" lachte sie und blieb stehen. "Also hör' mal zu, Du! Während
wir uns ein bißchen verschnaufen—puh!—will ich Dir sagen, wie
Liebesleute sich benehmen. Solang Du hier bist in der Stadt, mußt Du jeden
Abend vor der Nähschule auf mich warten und mich heimbegleiten bis zur
Haustür, und wenn ich sonst irgendwo bin, mußt Du auf der Straße warten,
bis ich komme. Wenn Du wieder fort bist, mußt Du mir schreiben und mir
hübsche Sachen kaufen und schicken. Und—ja, richtig: ein paar Ringe, der
eine mit meinem und der andere mit Deinem Namen und mit Jahreszahl
und Datum müssen wir uns schenken; aber ich habe kein Geld, also mußt
Du sie alle beide kaufen."—"Das will ich schon, aber—"—"Was gibt's denn
nun wieder für ein Aber?"—"Herrgott, ich meine ja nur—dazu muß ich
doch das Maß von Deinen Fingern haben."—"Schön! Das sollst Du gleich
haben." Sie riß einen Grashalm ab, maß und biß ab. "Da! wirf ihn aber nicht
weg!"—Er legte den Halm in ein Stückchen Papier und das Papier in sein
Notizbuch; sie sah zu, bis das Buch wieder sicher eingesteckt war.—"So,
jetzt wollen wir gehen; das Herumgestehe hier hab' ich satt!"—"Hör' mal,
Petra, ich finde wirklich, die Geschichte ist ein bißchen—dürftig!"—"Gut,
wenn Du nicht willst, mein Junge, mir soll's egal sein!"—"Natürlich will
ich! So hab' ich's nicht gemeint;—aber darf ich denn nicht einmal
wenigstens Deine Hand nehmen?"—"Wozu denn?"—"Damit es gewiß ist,
daß wir nun wirklich verlobt sind."—"Solch ein Blödsinn! Ist es denn
warte doch, Petra! Das verstehst Du nur nicht. Wenn wir wirklich
Liebesleute sind—"—"Ach, Blödsinn!"—"Na, hör' mal, da muß ich doch
wohl wissen, was der Brauch ist, scheint mir; denn was Lebenserfahrung
anbelangt—da bin ich Dir zwanzigmal über. Wenn Du bloß bedenkst, was
ich alles gesehen habe—"—"Bah, Du hast gesehen wie ein Schafskopf
sieht, und schwatzt, wie Du gesehen hast!"—"So? Und was verstehst denn
Du unter Liebesleuten, wenn man fragen darf? Was? Bergauf und bergab
hintereinander herrennen, darin besteht's doch wahrhaftig nicht!"—"Nein,
das stimmt!" lachte sie und blieb stehen. "Also hör' mal zu, Du! Während
wir uns ein bißchen verschnaufen—puh!—will ich Dir sagen, wie
Liebesleute sich benehmen. Solang Du hier bist in der Stadt, mußt Du jeden
Abend vor der Nähschule auf mich warten und mich heimbegleiten bis zur
Haustür, und wenn ich sonst irgendwo bin, mußt Du auf der Straße warten,
bis ich komme. Wenn Du wieder fort bist, mußt Du mir schreiben und mir
hübsche Sachen kaufen und schicken. Und—ja, richtig: ein paar Ringe, der
eine mit meinem und der andere mit Deinem Namen und mit Jahreszahl
und Datum müssen wir uns schenken; aber ich habe kein Geld, also mußt
Du sie alle beide kaufen."—"Das will ich schon, aber—"—"Was gibt's denn
nun wieder für ein Aber?"—"Herrgott, ich meine ja nur—dazu muß ich
doch das Maß von Deinen Fingern haben."—"Schön! Das sollst Du gleich
haben." Sie riß einen Grashalm ab, maß und biß ab. "Da! wirf ihn aber nicht
weg!"—Er legte den Halm in ein Stückchen Papier und das Papier in sein
Notizbuch; sie sah zu, bis das Buch wieder sicher eingesteckt war.—"So,
jetzt wollen wir gehen; das Herumgestehe hier hab' ich satt!"—"Hör' mal,
Petra, ich finde wirklich, die Geschichte ist ein bißchen—dürftig!"—"Gut,
wenn Du nicht willst, mein Junge, mir soll's egal sein!"—"Natürlich will
ich! So hab' ich's nicht gemeint;—aber darf ich denn nicht einmal
wenigstens Deine Hand nehmen?"—"Wozu denn?"—"Damit es gewiß ist,
daß wir nun wirklich verlobt sind."—"Solch ein Blödsinn! Ist es denn
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darum gewisser, wenn man einander bei der Hand faßt?—Übrigens—Du
kannst meine Hand schon haben! Da ist sie! Nein, mein Junge—nicht
drücken—das bitt' ich mir aus!"—Sie versteckte ihre Hand wieder unter
dem Tuch; aber dann hob sie plötzlich das Tuch mit beiden Händen, so daß
das Gesicht ganz zum Vorschein kam: "Wenn Du's einer Menschenseele
erzählst, Gunnar, so sag' ich, es ist nicht wahr! Daß Du's nur weißt!" Und
sie lachte und lief den Berg hinunter. Nach einer Weile blieb sie stehen und
sagte: "Morgen ist die Nähstunde erst um neun Uhr aus. Dann kannst Du
mich hinterm Garten erwarten, hörst Du?"—"Schön."—"So, und jetzt mußt
Du gehen."—"Willst Du mir nicht einmal zum Abschied die Hand
geben?"—"Ich weiß gar nicht, was Du nur immer mit der dummen Hand
willst! Nein, jetzt kriegst Du sie erst recht nicht.—Adieu!" und sie lief
davon.
Am nächsten Abend wußte sie es so einzurichten, daß sie als die letzte
die Schule verließ. Es war fast zehn Uhr, als sie ging; wie sie jedoch vor
den Garten kam,——kein Gunnar! Auf alles mögliche Pech hatte sie sich
gefaßt gemacht; nur nicht darauf. Sie war so beleidigt, daß sie jetzt selber
wartete, bloß damit sie's ihm ordentlich "geben" konnte, wenn er endlich
kam. Übrigens hatte sie Unterhaltung genug, während sie hinter dem Garten
auf und ab spazierte. Der kaufmännische Gesangverein hatte nämlich
soeben in einem benachbarten Haus bei offenen Fenstern seine Probe
begonnen. Die Klänge eines spanischen Liedes lockten in der milden
Abendluft ihre Gedanken so lange, bis sie selbst in Spanien war und von
offenem Altan herab ihr Lob singen hörte. Spanien war ihre ganze
Sehnsucht; Sommer für Sommer lagen im Hafen die dunklen spanischen
Schiffe, klangen auf den Gassen spanische Lieder, und in Ödegaards
Zimmer hingen an der Wand viele schöne Bilder von Spanien. Wer weiß—
vielleicht war er jetzt gerade dort, und sie war bei ihm! Aber sie wurde sehr
plötzlich wieder heimgerufen; denn dort hinter dem Apfelbaum kam endlich
Gunnar hervorgestürzt; sie eilte auf ihn zu—und da war es gar nicht
kannst meine Hand schon haben! Da ist sie! Nein, mein Junge—nicht
drücken—das bitt' ich mir aus!"—Sie versteckte ihre Hand wieder unter
dem Tuch; aber dann hob sie plötzlich das Tuch mit beiden Händen, so daß
das Gesicht ganz zum Vorschein kam: "Wenn Du's einer Menschenseele
erzählst, Gunnar, so sag' ich, es ist nicht wahr! Daß Du's nur weißt!" Und
sie lachte und lief den Berg hinunter. Nach einer Weile blieb sie stehen und
sagte: "Morgen ist die Nähstunde erst um neun Uhr aus. Dann kannst Du
mich hinterm Garten erwarten, hörst Du?"—"Schön."—"So, und jetzt mußt
Du gehen."—"Willst Du mir nicht einmal zum Abschied die Hand
geben?"—"Ich weiß gar nicht, was Du nur immer mit der dummen Hand
willst! Nein, jetzt kriegst Du sie erst recht nicht.—Adieu!" und sie lief
davon.
Am nächsten Abend wußte sie es so einzurichten, daß sie als die letzte
die Schule verließ. Es war fast zehn Uhr, als sie ging; wie sie jedoch vor
den Garten kam,——kein Gunnar! Auf alles mögliche Pech hatte sie sich
gefaßt gemacht; nur nicht darauf. Sie war so beleidigt, daß sie jetzt selber
wartete, bloß damit sie's ihm ordentlich "geben" konnte, wenn er endlich
kam. Übrigens hatte sie Unterhaltung genug, während sie hinter dem Garten
auf und ab spazierte. Der kaufmännische Gesangverein hatte nämlich
soeben in einem benachbarten Haus bei offenen Fenstern seine Probe
begonnen. Die Klänge eines spanischen Liedes lockten in der milden
Abendluft ihre Gedanken so lange, bis sie selbst in Spanien war und von
offenem Altan herab ihr Lob singen hörte. Spanien war ihre ganze
Sehnsucht; Sommer für Sommer lagen im Hafen die dunklen spanischen
Schiffe, klangen auf den Gassen spanische Lieder, und in Ödegaards
Zimmer hingen an der Wand viele schöne Bilder von Spanien. Wer weiß—
vielleicht war er jetzt gerade dort, und sie war bei ihm! Aber sie wurde sehr
plötzlich wieder heimgerufen; denn dort hinter dem Apfelbaum kam endlich
Gunnar hervorgestürzt; sie eilte auf ihn zu—und da war es gar nicht
Page 574
Gunnar, sondern der von Spanien zurückgekehrte helle Hut auf dem hellen
Haar. "Hahaha!" lachte das helle Lachen. "Sie haben mich wohl für jemand
anders gehalten?" Sie leugnete hastig, voll Eifer, und rannte wütend davon.
Aber er lief ihr nach, wobei er während des Laufens unausgesetzt auf sie
einredete, und zwar ungemein schnell und mit der halb verwischten
Aussprache, wie sie Leuten, die gewöhnt sind, mehrere Sprachen zu
sprechen, eigen ist. "Oh, ich komme schon mit! Ich bin ein ausgezeichneter
Läufer! Es hilft Ihnen gar nichts,—ich muß mit Ihnen reden. Heut ist's der
achte Abend, daß ich hier auf Sie warte!"—"Der achte Abend!"—"Ja, der
achte Abend… Hahaha!… Und ich würde mit Freuden noch acht Abende
hier warten: denn wir beide sind wie für einander geschaffen, nicht wahr?
Es hilft Ihnen nichts. Ich lasse Sie nicht fort, denn jetzt sind Sie müde, das
sehe ich!"—"Nein, ich bin nicht müde!"—"O doch!"—"Nein!"—"Doch!"—
… "So sagen Sie doch was, wenn Sie nicht müde
sind!"—"Hahaha!"—"Hahaha! Das nenn' ich nicht: etwas sagen!"—Und
dann blieben sie stehen. Ein paar rasche Worte flogen hin und her—halb im
Scherz, halb im Ernst; darauf stimmte er ein Loblied auf Spanien an, ein
Bild jagte das andere. Zuletzt schimpfte er auf das elende Nest hier. Dem
ersten folgte Petra mit leuchtenden Augen, das zweite sauste an ihren Ohren
vorüber, während ihre Blicke an einer goldenen Kette auf- und abglitten, die
er doppelt um den Hals geschlungen trug. "Ja, die," sagte er rasch und zog
das Ende der Kette, an dem ein Kreuz befestigt war, hervor. "Sehen Sie, die
hab' ich heut Abend umgetan, um sie im Gesangverein zu zeigen; die ist aus
Spanien. Ich muß Ihnen ihre Geschichte erzählen." Und er erzählte: "Als
ich in Südspanien war, besuchte ich einmal ein Schützenfest und gewann
die Kette als Preis. Überreicht wurde sie mir mit folgenden Worten:
Nehmen Sie diese Kette mit nach Norwegen und übergeben Sie sie als
ehrerbietige Huldigung spanischer Kavaliere der schönsten Frau ihrer
Heimat! Beifallsrufe und Fanfaren, Fahnen schwenken—, die Kavaliere
klatschen und ich empfange den Preis!"—"Gott, wie entzückend!" rief
Haar. "Hahaha!" lachte das helle Lachen. "Sie haben mich wohl für jemand
anders gehalten?" Sie leugnete hastig, voll Eifer, und rannte wütend davon.
Aber er lief ihr nach, wobei er während des Laufens unausgesetzt auf sie
einredete, und zwar ungemein schnell und mit der halb verwischten
Aussprache, wie sie Leuten, die gewöhnt sind, mehrere Sprachen zu
sprechen, eigen ist. "Oh, ich komme schon mit! Ich bin ein ausgezeichneter
Läufer! Es hilft Ihnen gar nichts,—ich muß mit Ihnen reden. Heut ist's der
achte Abend, daß ich hier auf Sie warte!"—"Der achte Abend!"—"Ja, der
achte Abend… Hahaha!… Und ich würde mit Freuden noch acht Abende
hier warten: denn wir beide sind wie für einander geschaffen, nicht wahr?
Es hilft Ihnen nichts. Ich lasse Sie nicht fort, denn jetzt sind Sie müde, das
sehe ich!"—"Nein, ich bin nicht müde!"—"O doch!"—"Nein!"—"Doch!"—
… "So sagen Sie doch was, wenn Sie nicht müde
sind!"—"Hahaha!"—"Hahaha! Das nenn' ich nicht: etwas sagen!"—Und
dann blieben sie stehen. Ein paar rasche Worte flogen hin und her—halb im
Scherz, halb im Ernst; darauf stimmte er ein Loblied auf Spanien an, ein
Bild jagte das andere. Zuletzt schimpfte er auf das elende Nest hier. Dem
ersten folgte Petra mit leuchtenden Augen, das zweite sauste an ihren Ohren
vorüber, während ihre Blicke an einer goldenen Kette auf- und abglitten, die
er doppelt um den Hals geschlungen trug. "Ja, die," sagte er rasch und zog
das Ende der Kette, an dem ein Kreuz befestigt war, hervor. "Sehen Sie, die
hab' ich heut Abend umgetan, um sie im Gesangverein zu zeigen; die ist aus
Spanien. Ich muß Ihnen ihre Geschichte erzählen." Und er erzählte: "Als
ich in Südspanien war, besuchte ich einmal ein Schützenfest und gewann
die Kette als Preis. Überreicht wurde sie mir mit folgenden Worten:
Nehmen Sie diese Kette mit nach Norwegen und übergeben Sie sie als
ehrerbietige Huldigung spanischer Kavaliere der schönsten Frau ihrer
Heimat! Beifallsrufe und Fanfaren, Fahnen schwenken—, die Kavaliere
klatschen und ich empfange den Preis!"—"Gott, wie entzückend!" rief
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Petra. Vor ihren Augen erstrahlte sofort das spanische Fest mit seinen
spanischen Farben und Liedern; braun standen die Spanier in der
Abendsonne unter den Weinlauben und sandten ihre Gedanken aus zur
schönsten Frau der Schneelande. Trotz seiner Einbildung und wunderlichen
Wichtigtuerei war er ein gutmütiger junger Kerl; er blieb neben ihr stehen
und fuhr fort, zu erzählen. Jedes neue Bild steigerte ihre Sehnsucht; ganz
entrückt in jenes Land der Wunder, begann sie, das spanische Lied zu
summen, das sie vorhin gehört hatte, und ganz allmählich die Füße im Takt
dazu zu bewegen. "Wie! Sie können spanische Tänze tanzen?" rief er aus.
"Ja!" summte sie im Rhythmus des Tanzes und knipste mit den Fingern, um
die Kastagnetten nachzuahmen; so hatte sie die spanischen Matrosen tanzen
sehen. "Ihnen gebührt der Preis der spanischen Kavaliere!" rief er, wie von
einem lichten Gedanken entflammt. "Sie sind das schönste Weib, das ich je
gesehen habe!" Und eh sie noch begriff, was er meinte, hatte er die goldene
Kette vom Hals genommen und sie leichthändig mehrere Male um den
ihren gewunden. Als sie dann zur Besinnung kam, war ihr Gesicht von
tiefer Schamröte übergossen und die Tränen wollten hervorstürzen, so daß
jetzt ihn, der von einem Staunen ins andere gefallen war, die größte
Beschämung ergriff über das, was er getan hatte. Er wußte nicht, was er
eigentlich wollte, er fühlte nur, daß er gehen mußte, und er ging.
Noch um Mitternacht stand sie am offenen Fenster ihres Dachstübchens,
die Kette in der Hand. Weich lag die Spätsommernacht über Stadt und Fjord
und den fernen Bergen. Von der Straße herauf tönte wieder das spanische
Lied; der Verein hatte Yngve Vold nach Hause begleitet. Wort für Wort war
zu hören; es handelte von einem schönen Kranz. Nur zwei Stimmen sangen
die Worte, die andern summten mit dem Mund die Guitarrebegleitung dazu:
Nimm hin den Kranz, er ist für dich,
Nimm hin den Kranz und denk an mich!
Hier ist das innigste
spanischen Farben und Liedern; braun standen die Spanier in der
Abendsonne unter den Weinlauben und sandten ihre Gedanken aus zur
schönsten Frau der Schneelande. Trotz seiner Einbildung und wunderlichen
Wichtigtuerei war er ein gutmütiger junger Kerl; er blieb neben ihr stehen
und fuhr fort, zu erzählen. Jedes neue Bild steigerte ihre Sehnsucht; ganz
entrückt in jenes Land der Wunder, begann sie, das spanische Lied zu
summen, das sie vorhin gehört hatte, und ganz allmählich die Füße im Takt
dazu zu bewegen. "Wie! Sie können spanische Tänze tanzen?" rief er aus.
"Ja!" summte sie im Rhythmus des Tanzes und knipste mit den Fingern, um
die Kastagnetten nachzuahmen; so hatte sie die spanischen Matrosen tanzen
sehen. "Ihnen gebührt der Preis der spanischen Kavaliere!" rief er, wie von
einem lichten Gedanken entflammt. "Sie sind das schönste Weib, das ich je
gesehen habe!" Und eh sie noch begriff, was er meinte, hatte er die goldene
Kette vom Hals genommen und sie leichthändig mehrere Male um den
ihren gewunden. Als sie dann zur Besinnung kam, war ihr Gesicht von
tiefer Schamröte übergossen und die Tränen wollten hervorstürzen, so daß
jetzt ihn, der von einem Staunen ins andere gefallen war, die größte
Beschämung ergriff über das, was er getan hatte. Er wußte nicht, was er
eigentlich wollte, er fühlte nur, daß er gehen mußte, und er ging.
Noch um Mitternacht stand sie am offenen Fenster ihres Dachstübchens,
die Kette in der Hand. Weich lag die Spätsommernacht über Stadt und Fjord
und den fernen Bergen. Von der Straße herauf tönte wieder das spanische
Lied; der Verein hatte Yngve Vold nach Hause begleitet. Wort für Wort war
zu hören; es handelte von einem schönen Kranz. Nur zwei Stimmen sangen
die Worte, die andern summten mit dem Mund die Guitarrebegleitung dazu:
Nimm hin den Kranz, er ist für dich,
Nimm hin den Kranz und denk an mich!
Hier ist das innigste
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Grün für die Minnigste,
Knospe, die zärteste,
Für die Begehrteste,
Blüte, die prächtigste,
Hier für die Mächtigste,
Seltene Stengelein
Hier für das Engelein.
Nimm hin den Kranz, er ist für dich,
Nimm hin den Kranz und denk an mich!
Als sie am andern Morgen die Augen aufschlug, kam sie aus einem über
und über von Sonne durchleuchteten Wald, alle Bäume waren ein
Goldregen, und überall hingen die langen, lichten Dolden herab, und
berührten sie fast, wenn sie vorüberstrich. Sofort fiel ihr die Kette ein; sie
nahm die Kette und hing sie sich übers Hemd. Dann legte sie ein schwarzes
Tuch über das Hemd und die Kette darüber; denn von Schwarz hob sie sich
besser ab. Aufrecht im Bett sitzend, spiegelte sie sich in einem kleinen
Handspiegel: ob sie wirklich so schön war? Sie stand auf, um ihr Haar zu
flechten und dann wieder in den Spiegel zu sehen, aber da fiel ihr die
Mutter ein, die von allem noch nichts wußte, und sie beeilte sich, fertig zu
werden; sie mußte doch schnell hinunter und erzählen. Doch als sie fertig
war und sich eben die Kette um den Hals hängen wollte, fuhr ihr der
Gedanke durch den Kopf, was wohl die Mutter sagen würde, was überhaupt
die Leute sagen würden, und was sie antworten solle, wenn man sie frage,
woher sie die kostbare Kette habe. Die Frage war das natürlichste Ding von
der Welt, und sie fiel ihr darum schwer und immer schwerer aufs Herz,
schließlich holte sie eine kleine Schachtel hervor, legte die Kette hinein,
steckte die Schachtel in die Tasche—und fühlte sich zum erstenmal in
ihrem Leben arm.
Knospe, die zärteste,
Für die Begehrteste,
Blüte, die prächtigste,
Hier für die Mächtigste,
Seltene Stengelein
Hier für das Engelein.
Nimm hin den Kranz, er ist für dich,
Nimm hin den Kranz und denk an mich!
Als sie am andern Morgen die Augen aufschlug, kam sie aus einem über
und über von Sonne durchleuchteten Wald, alle Bäume waren ein
Goldregen, und überall hingen die langen, lichten Dolden herab, und
berührten sie fast, wenn sie vorüberstrich. Sofort fiel ihr die Kette ein; sie
nahm die Kette und hing sie sich übers Hemd. Dann legte sie ein schwarzes
Tuch über das Hemd und die Kette darüber; denn von Schwarz hob sie sich
besser ab. Aufrecht im Bett sitzend, spiegelte sie sich in einem kleinen
Handspiegel: ob sie wirklich so schön war? Sie stand auf, um ihr Haar zu
flechten und dann wieder in den Spiegel zu sehen, aber da fiel ihr die
Mutter ein, die von allem noch nichts wußte, und sie beeilte sich, fertig zu
werden; sie mußte doch schnell hinunter und erzählen. Doch als sie fertig
war und sich eben die Kette um den Hals hängen wollte, fuhr ihr der
Gedanke durch den Kopf, was wohl die Mutter sagen würde, was überhaupt
die Leute sagen würden, und was sie antworten solle, wenn man sie frage,
woher sie die kostbare Kette habe. Die Frage war das natürlichste Ding von
der Welt, und sie fiel ihr darum schwer und immer schwerer aufs Herz,
schließlich holte sie eine kleine Schachtel hervor, legte die Kette hinein,
steckte die Schachtel in die Tasche—und fühlte sich zum erstenmal in
ihrem Leben arm.
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An diesem Vormittag ging sie nicht in die Nähstunde. Oberhalb der Stadt,
an der Stelle, wo sie die Kette bekommen hatte, setzte sie sich hin, die Kette
in der Hand und mit einem Gefühl, als habe sie die Kette gestohlen.
Am Abend wartete sie hinterm Garten noch länger auf Yngve Vold, als
sie am Abend vorher auf Gunnar gewartet hatte; sie wollte ihm die Kette
zurückgeben. Aber wie das Schiff, mit dem Gunnar fuhr, am Tage vorher
unerwartet die Anker gelichtet hatte, weil ihm in der Nachbarstadt eine
besonders gute Fracht angeboten war, so hatte auch Yngve Vold, dem das
Schiff gehörte, in derselben Angelegenheit heute verreisen müssen. Da er
gleichzeitig noch ein paar andere Geschäfte abzuwickeln hatte, blieb er drei
Wochen fort.
Während dieser drei Wochen war die Kette nach und nach aus der Tasche
in die Kommodenschieblade, von dort in einen Briefumschlag und der
Briefumschlag in ein geheimes Fach gewandert. Und Petra selbst war von
einer demütigenden Entdeckung zur andern gelangt. Zum ersten Male war
sie sich in vollem Umfang des Abstandes bewußt, der sie von den
vornehmen Damen der Stadt trennte. Die hätten die Kette tragen können,
ohne daß irgendeiner sie nach dem Warum und Woher gefragt hätte. Aber
einer solchen Dame hätte Yngve Vold die Kette gar nicht anzubieten
gewagt, ohne ihr zugleich seine Hand anzubieten; so etwas wagte er eben
nur dem Fischermädel gegenüber. Wenn er ihr etwas schenken wollte,
warum da nicht etwas, das sie gebrauchen konnte? Aber er hatte sie nur um
so bitterer verhöhnen wollen, indem er ihr etwas gab, das sie überhaupt
nicht tragen konnte. Die Geschichte mit der "Schönsten" war natürlich
erdichtet; denn hätte er ihr die Kette aus diesem Grunde zuerkannt, so wäre
er nicht heimlich, bei Nacht und Nebel, gekommen.—Zorn und Scham
bohrten sich um so tiefer in ihr fest, als sie es sich längst abgewöhnt hatte,
sich einem Menschen anzuvertrauen. Kein Wunder daher, daß sie beim
erstenmal, als sie den Menschen wieder traf, diesen Menschen, um den
an der Stelle, wo sie die Kette bekommen hatte, setzte sie sich hin, die Kette
in der Hand und mit einem Gefühl, als habe sie die Kette gestohlen.
Am Abend wartete sie hinterm Garten noch länger auf Yngve Vold, als
sie am Abend vorher auf Gunnar gewartet hatte; sie wollte ihm die Kette
zurückgeben. Aber wie das Schiff, mit dem Gunnar fuhr, am Tage vorher
unerwartet die Anker gelichtet hatte, weil ihm in der Nachbarstadt eine
besonders gute Fracht angeboten war, so hatte auch Yngve Vold, dem das
Schiff gehörte, in derselben Angelegenheit heute verreisen müssen. Da er
gleichzeitig noch ein paar andere Geschäfte abzuwickeln hatte, blieb er drei
Wochen fort.
Während dieser drei Wochen war die Kette nach und nach aus der Tasche
in die Kommodenschieblade, von dort in einen Briefumschlag und der
Briefumschlag in ein geheimes Fach gewandert. Und Petra selbst war von
einer demütigenden Entdeckung zur andern gelangt. Zum ersten Male war
sie sich in vollem Umfang des Abstandes bewußt, der sie von den
vornehmen Damen der Stadt trennte. Die hätten die Kette tragen können,
ohne daß irgendeiner sie nach dem Warum und Woher gefragt hätte. Aber
einer solchen Dame hätte Yngve Vold die Kette gar nicht anzubieten
gewagt, ohne ihr zugleich seine Hand anzubieten; so etwas wagte er eben
nur dem Fischermädel gegenüber. Wenn er ihr etwas schenken wollte,
warum da nicht etwas, das sie gebrauchen konnte? Aber er hatte sie nur um
so bitterer verhöhnen wollen, indem er ihr etwas gab, das sie überhaupt
nicht tragen konnte. Die Geschichte mit der "Schönsten" war natürlich
erdichtet; denn hätte er ihr die Kette aus diesem Grunde zuerkannt, so wäre
er nicht heimlich, bei Nacht und Nebel, gekommen.—Zorn und Scham
bohrten sich um so tiefer in ihr fest, als sie es sich längst abgewöhnt hatte,
sich einem Menschen anzuvertrauen. Kein Wunder daher, daß sie beim
erstenmal, als sie den Menschen wieder traf, diesen Menschen, um den
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diese empörten und beschämenden Gedanken kreisten, so heftig errötete,
daß er es mißdeuten mußte, und dann—eben weil sie das fühlte—noch
tiefer errötete. Sie lief eiligst wieder nach Hause, riß die Kette aus dem
Versteck und setzte sich, obgleich es noch helllichter Tag war, oben über der
Stadt hin, um ihn zu erwarten. Jawohl, jetzt sollte er sie wiederhaben!
Sie war ganz sicher, daß er kommen werde; denn auch er war, als er sie
sah, rot geworden, und dabei war er die ganze Zeit über fort gewesen. Aber
bald begannen gerade diese Gedanken zu seinen Gunsten zu reden. Wenn
sie ihm gleichgültig gewesen wäre, wäre er nicht so rot geworden. Wenn er
früher nach Hause gekommen wäre, so wäre er auch schon eher dagewesen.
Es begann sachte zu dämmern; in diesen letzten drei Wochen waren die
Tage schnell kürzer geworden. Mit der Dunkelheit aber wandeln sich oft
unsere Gedanken. Sie saß dicht überm Weg, zwischen den Bäumen; sie
konnte sehen, ohne daß man sie sah. Als das eine Weile so fortgegangen
war, und er immer noch nicht kam, wollten widerstreitende Empfindungen
in ihr auflodern; bald zornig, bald angstvoll lauschte sie. Sie hörte jeden,
der vorüberging, hörte ihn lang, eh sie ihn sah. Er war es nie. Jeder Vogel,
der im Halbschlummer zwischen den Blättern hin- und herschlüpfte,
erschreckte sie—so voll Spannung lauschte sie. Jeder Laut von der Stadt
her, jeder Ruf lockte sie. Ein großes Schiff lichtete, beim Klang eines
Matrosenliedes, die Anker; noch zur Nacht sollte es hinausbugsiert werden,
um die erste Morgenbrise zu benützen. Oh, wenn sie hätte mit hinaus
können, aufs weite Meer, wohin ihr Sehnen stand! Das Matrosenlied wurde
ihr eigenes Lied—die klingenden Rucke am Spill hoben sie empor—wozu?
wohin?—Da stand der helle Hut mitten im Weg, gerade vor ihr! Sie sprang
auf und lief ohne weiteres davon, und während sie lief, fiel ihr ein, sie hätte
nicht davonlaufen sollen. Fehler auf Fehler! Sie blieb stehen. Als er
zwischen den Bäumen, wo sie stand, auf sie zukam, atmete sie heftig, so
daß er jeden Atemzug hören konnte, und durch dieselbe Macht, die sie das
daß er es mißdeuten mußte, und dann—eben weil sie das fühlte—noch
tiefer errötete. Sie lief eiligst wieder nach Hause, riß die Kette aus dem
Versteck und setzte sich, obgleich es noch helllichter Tag war, oben über der
Stadt hin, um ihn zu erwarten. Jawohl, jetzt sollte er sie wiederhaben!
Sie war ganz sicher, daß er kommen werde; denn auch er war, als er sie
sah, rot geworden, und dabei war er die ganze Zeit über fort gewesen. Aber
bald begannen gerade diese Gedanken zu seinen Gunsten zu reden. Wenn
sie ihm gleichgültig gewesen wäre, wäre er nicht so rot geworden. Wenn er
früher nach Hause gekommen wäre, so wäre er auch schon eher dagewesen.
Es begann sachte zu dämmern; in diesen letzten drei Wochen waren die
Tage schnell kürzer geworden. Mit der Dunkelheit aber wandeln sich oft
unsere Gedanken. Sie saß dicht überm Weg, zwischen den Bäumen; sie
konnte sehen, ohne daß man sie sah. Als das eine Weile so fortgegangen
war, und er immer noch nicht kam, wollten widerstreitende Empfindungen
in ihr auflodern; bald zornig, bald angstvoll lauschte sie. Sie hörte jeden,
der vorüberging, hörte ihn lang, eh sie ihn sah. Er war es nie. Jeder Vogel,
der im Halbschlummer zwischen den Blättern hin- und herschlüpfte,
erschreckte sie—so voll Spannung lauschte sie. Jeder Laut von der Stadt
her, jeder Ruf lockte sie. Ein großes Schiff lichtete, beim Klang eines
Matrosenliedes, die Anker; noch zur Nacht sollte es hinausbugsiert werden,
um die erste Morgenbrise zu benützen. Oh, wenn sie hätte mit hinaus
können, aufs weite Meer, wohin ihr Sehnen stand! Das Matrosenlied wurde
ihr eigenes Lied—die klingenden Rucke am Spill hoben sie empor—wozu?
wohin?—Da stand der helle Hut mitten im Weg, gerade vor ihr! Sie sprang
auf und lief ohne weiteres davon, und während sie lief, fiel ihr ein, sie hätte
nicht davonlaufen sollen. Fehler auf Fehler! Sie blieb stehen. Als er
zwischen den Bäumen, wo sie stand, auf sie zukam, atmete sie heftig, so
daß er jeden Atemzug hören konnte, und durch dieselbe Macht, die sie das
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erstemal in ihrer Ausgelassenheit über ihn gehabt hatte, beherrschte sie ihn
jetzt in ihrer Furcht. Er sah sehr verlegen, ja verwirrt aus und flüsterte:
"Haben Sie keine Angst!"
Aber er sah, wie sie zitterte. Da wollte er sie zutraulich machen, indem er
sie fest bei der Hand ergriff; aber bei der ersten Berührung seiner Hand
sprang sie auf wie von einer Flamme verbrannt,—und wieder war sie fort,
während er stehen blieb.
Weit lief sie nicht; die Luft ging ihr aus. In ihren Schläfen hämmerte und
brannte es, die Brust wollte ihr zerspringen—sie preßte die Hände dagegen
und lauschte. Sie hörte Tritte im Gras, ein Rascheln im Laub,—er kam, kam
gerade auf sie zu—er sah sie—nein, er sah sie nicht!—Doch, er sah sie!…
Nein, er ging vorüber! Sie hatte keine Angst,—das war es nicht; aber alles
an ihr war in Aufruhr, und als sie sich in Sicherheit fühlte, verlor sie mit der
Spannung auch ihre Kraft und sank erschöpft und todesmatt um.
Erst nach geraumer Zeit erhob sie sich wieder und schritt langsam den
Berg hinab, bald stehenbleibend, bald weiter gehend, als habe sie kein Ziel.
Als sie den Weg wieder erreicht hatte, saß er da und wartete geduldig. Jetzt
stand er auf, sie hatte ihn nicht gesehen; sie ging wie im Nebel, nicht ein
Wort entschlüpfte ihr, sie regte sich auch nicht; sie tat bloß die Hände vor
die Augen und weinte. Das überwältigte Yngve Vold derart, daß seine sonst
so rührige Zunge stillstand. Und dann sagte er mit eigentümlicher
Bestimmtheit: "Heut noch spreche ich mit meiner Mutter; morgen muß alles
in Ordnung sein. In ein paar Tagen gehst Du ins Ausland, und nachher wirst
Du meine Frau." Er wartete auf eine Antwort, er wartete wenigstens, sie
werde aufblicken; aber sie blickte nicht auf. Er deutete das auf seine Weise:
"Du antwortest nicht? Kannst nicht? Gut! Verlaß Dich auf mich; denn fortan
bist Du mein! Gute Nacht!" Und er ging.
jetzt in ihrer Furcht. Er sah sehr verlegen, ja verwirrt aus und flüsterte:
"Haben Sie keine Angst!"
Aber er sah, wie sie zitterte. Da wollte er sie zutraulich machen, indem er
sie fest bei der Hand ergriff; aber bei der ersten Berührung seiner Hand
sprang sie auf wie von einer Flamme verbrannt,—und wieder war sie fort,
während er stehen blieb.
Weit lief sie nicht; die Luft ging ihr aus. In ihren Schläfen hämmerte und
brannte es, die Brust wollte ihr zerspringen—sie preßte die Hände dagegen
und lauschte. Sie hörte Tritte im Gras, ein Rascheln im Laub,—er kam, kam
gerade auf sie zu—er sah sie—nein, er sah sie nicht!—Doch, er sah sie!…
Nein, er ging vorüber! Sie hatte keine Angst,—das war es nicht; aber alles
an ihr war in Aufruhr, und als sie sich in Sicherheit fühlte, verlor sie mit der
Spannung auch ihre Kraft und sank erschöpft und todesmatt um.
Erst nach geraumer Zeit erhob sie sich wieder und schritt langsam den
Berg hinab, bald stehenbleibend, bald weiter gehend, als habe sie kein Ziel.
Als sie den Weg wieder erreicht hatte, saß er da und wartete geduldig. Jetzt
stand er auf, sie hatte ihn nicht gesehen; sie ging wie im Nebel, nicht ein
Wort entschlüpfte ihr, sie regte sich auch nicht; sie tat bloß die Hände vor
die Augen und weinte. Das überwältigte Yngve Vold derart, daß seine sonst
so rührige Zunge stillstand. Und dann sagte er mit eigentümlicher
Bestimmtheit: "Heut noch spreche ich mit meiner Mutter; morgen muß alles
in Ordnung sein. In ein paar Tagen gehst Du ins Ausland, und nachher wirst
Du meine Frau." Er wartete auf eine Antwort, er wartete wenigstens, sie
werde aufblicken; aber sie blickte nicht auf. Er deutete das auf seine Weise:
"Du antwortest nicht? Kannst nicht? Gut! Verlaß Dich auf mich; denn fortan
bist Du mein! Gute Nacht!" Und er ging.
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Sie blieb zurück, wie in einem Nebel; eine leise Angst wollte sich
dazwischen drängen und den Nebel zerteilen; aber wieder schloß er sich.
So stark Yngve Vold diese drei Wochen hindurch ihre Gedanken
beschäftigt hatte, so bereit war sie jetzt, in plötzlicher Wandlung dieses neue
Wunder in eine neue Phantasiekette einzureihen. Er war der reichste Mann
der Stadt, aus der ältesten Familie, und er wollte sie über alle Rücksichten
hinweg zu sich emporheben! Das war etwas, so überraschend verschieden
von dem, was sie sich in einer langen Zeit des Leidens und der Empörung
gedacht hatte, daß schon allein das sie glückselig machen mußte! Aber
immer strahlender wurde ihr Glück, je mehr sie sich die neuen, in jeder
Beziehung fabelhaften Verhältnisse klar machte. Sie sah sich allen andern
gleichgestellt und am Ziel ihres unklaren Sehnens. Und als Höchstes sah sie
Yngve Volds größtes Schiff an ihrem Hochzeitstage als Flaggschiff im
Hafen liegen; sie sah, wie es unter Ehrensalven und Feuerwerk das junge
Paar an Bord nahm und es nach Spanien trug, wo die Hochzeitssonne
glühte.
*****
Als sie am andern Morgen erwachte, kam das Mädchen herein und sagte,
es sei halb Zwölf. Petra empfand einen gewaltigen Hunger; sie aß, aß
immer noch mehr, der Kopf tat ihr weh, sie war todmüde und schlief wieder
ein. Als sie gegen drei Uhr nachmittags aufs neue erwachte, fühlte sie sich
wohler. Die Mutter kam herauf und meinte, sie habe sich wahrscheinlich
eine Krankheit weggeschlafen; so sei auch sie selbst immer gewesen. Aber
jetzt müsse sie aufstehen, es sei Zeit für die Nähstunde. Petra setzte sich im
Bett auf und stützte den Kopf auf den Arm; ohne aufzublicken, antwortete
sie, sie gehe nicht mehr in die Nähstunde. Sie wird noch ein bißchen fiebrig
sein! dachte die Mutter und ging hinunter, um ein Paket und einen Brief
heraufzuholen, die ein Schiffsjunge soeben gebracht hatte. Also schon
dazwischen drängen und den Nebel zerteilen; aber wieder schloß er sich.
So stark Yngve Vold diese drei Wochen hindurch ihre Gedanken
beschäftigt hatte, so bereit war sie jetzt, in plötzlicher Wandlung dieses neue
Wunder in eine neue Phantasiekette einzureihen. Er war der reichste Mann
der Stadt, aus der ältesten Familie, und er wollte sie über alle Rücksichten
hinweg zu sich emporheben! Das war etwas, so überraschend verschieden
von dem, was sie sich in einer langen Zeit des Leidens und der Empörung
gedacht hatte, daß schon allein das sie glückselig machen mußte! Aber
immer strahlender wurde ihr Glück, je mehr sie sich die neuen, in jeder
Beziehung fabelhaften Verhältnisse klar machte. Sie sah sich allen andern
gleichgestellt und am Ziel ihres unklaren Sehnens. Und als Höchstes sah sie
Yngve Volds größtes Schiff an ihrem Hochzeitstage als Flaggschiff im
Hafen liegen; sie sah, wie es unter Ehrensalven und Feuerwerk das junge
Paar an Bord nahm und es nach Spanien trug, wo die Hochzeitssonne
glühte.
*****
Als sie am andern Morgen erwachte, kam das Mädchen herein und sagte,
es sei halb Zwölf. Petra empfand einen gewaltigen Hunger; sie aß, aß
immer noch mehr, der Kopf tat ihr weh, sie war todmüde und schlief wieder
ein. Als sie gegen drei Uhr nachmittags aufs neue erwachte, fühlte sie sich
wohler. Die Mutter kam herauf und meinte, sie habe sich wahrscheinlich
eine Krankheit weggeschlafen; so sei auch sie selbst immer gewesen. Aber
jetzt müsse sie aufstehen, es sei Zeit für die Nähstunde. Petra setzte sich im
Bett auf und stützte den Kopf auf den Arm; ohne aufzublicken, antwortete
sie, sie gehe nicht mehr in die Nähstunde. Sie wird noch ein bißchen fiebrig
sein! dachte die Mutter und ging hinunter, um ein Paket und einen Brief
heraufzuholen, die ein Schiffsjunge soeben gebracht hatte. Also schon
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Geschenke! Petra, die sich wieder hingelegt hatte, fuhr hastig in die Höhe
und öffnete, sobald sie allein war, mit einer gewissen Feierlichkeit zuerst
das Paket. Es enthielt—ein Paar Pariser Damenstiefelchen! Ein bißchen
enttäuscht wollte sie die Dinger gerade wegstellen, als sie merkte, daß sie
sich vorn an den Zehen schwer anfühlten. Sie fuhr mit der Hand hinein und
zog aus dem einen ein kleines, in Seidenpapier gewickeltes Päckchen:—ein
goldenes Armband!—aus dem andern ebenfalls ein sorgfältig umhülltes
Päckchen—ein Paar Pariser Handschuhe! Und aus dem rechten Handschuh
zog sie wiederum ein Papierknäuel, das zwei glatte goldene Ringe barg.
"Schon!" dachte Petra. Ihr Herz klopfte; sie sah nach der Inschrift der Ringe
und las auch wirklich in dem einen: "Petra", samt Jahreszahl und Datum,
und in dem andern—"Gunnar". Sie erbleichte, warf die Ringe und das
ganze Paket zu Boden, als habe sie sich daran verbrannt, und riß den Brief
auf. Er war aus Calais datiert und lautete:
"Liebe Petra!
Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit
günstigem Wind, und später die ganze Fahrt über bis hierher in den Hafen
mit heftigem Beißwind, was ungewöhnlich ist sogar für bessere Schiffe als
das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hören, daß ich den
ganzen Weg über an Dich gedacht habe und an das, was zwischen uns
beiden vorgefallen ist, und ist recht ärgerlich, daß ich nicht ordentlich
Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor Ärger an Bord ging,
habe Dich aber seitdem nie vergessen, außer ab und zu einmal; denn ein
Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich habe meine ganze
Heuer für Geschenke für Dich ausgegeben, wie Du mir gesagt hast, und
auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe ich also nichts mehr.
Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso schnell bei Dir wie die
Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man nie sicher vor anderen,
und öffnete, sobald sie allein war, mit einer gewissen Feierlichkeit zuerst
das Paket. Es enthielt—ein Paar Pariser Damenstiefelchen! Ein bißchen
enttäuscht wollte sie die Dinger gerade wegstellen, als sie merkte, daß sie
sich vorn an den Zehen schwer anfühlten. Sie fuhr mit der Hand hinein und
zog aus dem einen ein kleines, in Seidenpapier gewickeltes Päckchen:—ein
goldenes Armband!—aus dem andern ebenfalls ein sorgfältig umhülltes
Päckchen—ein Paar Pariser Handschuhe! Und aus dem rechten Handschuh
zog sie wiederum ein Papierknäuel, das zwei glatte goldene Ringe barg.
"Schon!" dachte Petra. Ihr Herz klopfte; sie sah nach der Inschrift der Ringe
und las auch wirklich in dem einen: "Petra", samt Jahreszahl und Datum,
und in dem andern—"Gunnar". Sie erbleichte, warf die Ringe und das
ganze Paket zu Boden, als habe sie sich daran verbrannt, und riß den Brief
auf. Er war aus Calais datiert und lautete:
"Liebe Petra!
Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit
günstigem Wind, und später die ganze Fahrt über bis hierher in den Hafen
mit heftigem Beißwind, was ungewöhnlich ist sogar für bessere Schiffe als
das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hören, daß ich den
ganzen Weg über an Dich gedacht habe und an das, was zwischen uns
beiden vorgefallen ist, und ist recht ärgerlich, daß ich nicht ordentlich
Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor Ärger an Bord ging,
habe Dich aber seitdem nie vergessen, außer ab und zu einmal; denn ein
Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich habe meine ganze
Heuer für Geschenke für Dich ausgegeben, wie Du mir gesagt hast, und
auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe ich also nichts mehr.
Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso schnell bei Dir wie die
Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man nie sicher vor anderen,
Page 582
besonders vor den jungen Burschen, von denen sich viele rumtreiben. Aber
ich will meiner Sache sicher sein, daß keiner eine Entschuldigung hat,
sondern weiß, daß er sich vor mir in acht nehmen muß. Du könntest freilich
was Besseres kriegen als mich; denn Du kannst jeden kriegen, den Du
willst; aber einen treueren kriegst Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich
schließen, denn ich habe schon zwei Bogen voll geschrieben, und meine
Buchstaben werden so groß; Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was
ich weiß, aber ich schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich
Dir zum Schluß nur sagen, daß es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst
ist, so war es eine große Sünde, und kann viele Menschen ins Unglück
stürzen.
Gunnar Ask,
Untersteuermann auf der Brigg
'Die norwegische Verfassung.'"
Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett
und angezogen. Es trieb sie ins Freie, als ließe sich draußen irgendwo Rat
finden; alles war plötzlich unklar, ungewiß, gefahrdrohend geworden. Je
mehr sie grübelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend jemand
mußte sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem sollte sie
sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen—die Mutter. Als sie nach
langem inneren Kampf vor ihr in der Küche stand, angstvoll, dem Weinen
nah, aber fest in ihrem Entschluß, volles Vertrauen zu zeigen, um volle
Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen und daher
auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken: "Eben ist er hier gewesen;
—er ist wieder da."—"Wer?"—flüsterte Petra und griff nach einer Stütze;
war Gunnar wirklich schon wieder da, so war es mit aller Hoffnung vorbei.
Sie kannte Gunnar; er war schwerfällig und gutmütig; wenn er aber einmal
ich will meiner Sache sicher sein, daß keiner eine Entschuldigung hat,
sondern weiß, daß er sich vor mir in acht nehmen muß. Du könntest freilich
was Besseres kriegen als mich; denn Du kannst jeden kriegen, den Du
willst; aber einen treueren kriegst Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich
schließen, denn ich habe schon zwei Bogen voll geschrieben, und meine
Buchstaben werden so groß; Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was
ich weiß, aber ich schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich
Dir zum Schluß nur sagen, daß es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst
ist, so war es eine große Sünde, und kann viele Menschen ins Unglück
stürzen.
Gunnar Ask,
Untersteuermann auf der Brigg
'Die norwegische Verfassung.'"
Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett
und angezogen. Es trieb sie ins Freie, als ließe sich draußen irgendwo Rat
finden; alles war plötzlich unklar, ungewiß, gefahrdrohend geworden. Je
mehr sie grübelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend jemand
mußte sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem sollte sie
sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen—die Mutter. Als sie nach
langem inneren Kampf vor ihr in der Küche stand, angstvoll, dem Weinen
nah, aber fest in ihrem Entschluß, volles Vertrauen zu zeigen, um volle
Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen und daher
auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken: "Eben ist er hier gewesen;
—er ist wieder da."—"Wer?"—flüsterte Petra und griff nach einer Stütze;
war Gunnar wirklich schon wieder da, so war es mit aller Hoffnung vorbei.
Sie kannte Gunnar; er war schwerfällig und gutmütig; wenn er aber einmal
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in Wut geriet, war er wie rasend. "Du sollst gleich hinkommen, hat er
gesagt."—"Hinkommen?" wiederholte Petra zitternd; sie dachte sich sofort,
daß er seiner Mutter alles gesagt habe; und was sollte nun werden?—"Ja,
ins Pfarrhaus!" sagte die Mutter.—"Ins Pfarrhaus? Ödegaard ist wieder
da?"—Jetzt drehte sich die Mutter um. "Freilich—wer denn
sonst?"—"Ödegaard!" jubelte Petra, und ein Sturm der Freude blies in
einem Nu die Luft rein. "Ödegaard ist wieder da, Ödegaard! O Gott im
Himmel, er ist wieder da!" Und schon war sie zur Tür hinaus und über alle
Berge. Sie stürmte davon, sie lachte, sie schrie. Er war es, er allein, der ihr
not tat! Wäre er daheim gewesen, das ganze Unheil wäre nicht geschehen!
Bei ihm war sie geborgen. Beim bloßen Gedanken an seine edlen, klaren
Züge, seine milde Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen
Zimmer, Räume, die er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fühlte
sich wieder sicher. Sie ließ sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land
erstrahlten im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem
Glanz; draußen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der
Ödegaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewißheit, daß er wieder da sei,
machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, daß
Ödegaard sie nie mehr verlassen möge! Und gerade als sie sich in dieser
Hoffnung gehoben fühlte, sieht sie ihn lächelnd auf sich zukommen. Er
hatte gewußt, welchen Weg sie kommen würde, und war ihr
entgegengegangen! Das rührte sie; sie sprang auf ihn zu, faßte seine beiden
Hände und küßte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten jemand
schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bäume. Er hielt ihre
Hände zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie herrlich, daß
Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie's wirklich sind!
Oh, Sie dürfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie mich nicht wieder, ach
bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei stürzten ihr die Tränen aus den
Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um ihre Tränen zu verdecken
und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine Notwendigkeit, daß sie ruhiger
gesagt."—"Hinkommen?" wiederholte Petra zitternd; sie dachte sich sofort,
daß er seiner Mutter alles gesagt habe; und was sollte nun werden?—"Ja,
ins Pfarrhaus!" sagte die Mutter.—"Ins Pfarrhaus? Ödegaard ist wieder
da?"—Jetzt drehte sich die Mutter um. "Freilich—wer denn
sonst?"—"Ödegaard!" jubelte Petra, und ein Sturm der Freude blies in
einem Nu die Luft rein. "Ödegaard ist wieder da, Ödegaard! O Gott im
Himmel, er ist wieder da!" Und schon war sie zur Tür hinaus und über alle
Berge. Sie stürmte davon, sie lachte, sie schrie. Er war es, er allein, der ihr
not tat! Wäre er daheim gewesen, das ganze Unheil wäre nicht geschehen!
Bei ihm war sie geborgen. Beim bloßen Gedanken an seine edlen, klaren
Züge, seine milde Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen
Zimmer, Räume, die er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fühlte
sich wieder sicher. Sie ließ sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land
erstrahlten im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem
Glanz; draußen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der
Ödegaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewißheit, daß er wieder da sei,
machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, daß
Ödegaard sie nie mehr verlassen möge! Und gerade als sie sich in dieser
Hoffnung gehoben fühlte, sieht sie ihn lächelnd auf sich zukommen. Er
hatte gewußt, welchen Weg sie kommen würde, und war ihr
entgegengegangen! Das rührte sie; sie sprang auf ihn zu, faßte seine beiden
Hände und küßte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten jemand
schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bäume. Er hielt ihre
Hände zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie herrlich, daß
Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie's wirklich sind!
Oh, Sie dürfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie mich nicht wieder, ach
bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei stürzten ihr die Tränen aus den
Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um ihre Tränen zu verdecken
und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine Notwendigkeit, daß sie ruhiger
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wurde. Sie aber schmiegte sich an ihn wie der Vogel unter den Flügel, der
sich über ihn breitet, und wollte gar nicht wieder heraus. Überwältigt von
diesem Vertrauen, legte er den Arm um sie, wie um ihr den Schutz, den sie
suchte, zu gewähren; kaum jedoch fühlte sie das, so hob sie ihr verweintes
Gesicht zu ihm empor, ihre Augen begegneten den seinen, und was in
einem Blick wechseln kann, wenn Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit
begegnet der Freude des Gebers und das Ja dem Ja,—das blitzte in rascher
Reihenfolge auf. Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und
drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte früh seine Mutter verloren; er
küßte zum erstenmal in seinem Leben, und auch bei ihr war es so. Keins
vermochte sich vom andern zu lösen, und als es dennoch geschah, war es
nur, um wieder einander entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und
glühte, sie warf die Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein
Kind. Und als sie sich setzten, und sie seine Hände, sein Haar, seine
Brustnadel, sein Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der
Ferne betrachtet hatte, anrühren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen
und nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzählen wollte, wie
reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe, wie
lange er dagegen angekämpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich nicht
auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, daß sie nicht
imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen oder zu
begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr darin fand; als
sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie lachend bitten
mußte, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie zusammen weit fort
ziehen, weg von allem hier—da fühlten sie, wie sie so zwischen den
Bäumen saßen, vor sich Fjord und Berg im Abendsonnenglanz, während
fern ein Waldhorn sang und klang—da fühlten sie, da sprachen sie es aus:
das ist das Glück.
Der ersten Begegnung Süßigkeit,
Sie ist wie ein Sang auf den Fluten,
sich über ihn breitet, und wollte gar nicht wieder heraus. Überwältigt von
diesem Vertrauen, legte er den Arm um sie, wie um ihr den Schutz, den sie
suchte, zu gewähren; kaum jedoch fühlte sie das, so hob sie ihr verweintes
Gesicht zu ihm empor, ihre Augen begegneten den seinen, und was in
einem Blick wechseln kann, wenn Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit
begegnet der Freude des Gebers und das Ja dem Ja,—das blitzte in rascher
Reihenfolge auf. Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und
drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte früh seine Mutter verloren; er
küßte zum erstenmal in seinem Leben, und auch bei ihr war es so. Keins
vermochte sich vom andern zu lösen, und als es dennoch geschah, war es
nur, um wieder einander entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und
glühte, sie warf die Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein
Kind. Und als sie sich setzten, und sie seine Hände, sein Haar, seine
Brustnadel, sein Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der
Ferne betrachtet hatte, anrühren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen
und nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzählen wollte, wie
reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe, wie
lange er dagegen angekämpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich nicht
auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, daß sie nicht
imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen oder zu
begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr darin fand; als
sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie lachend bitten
mußte, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie zusammen weit fort
ziehen, weg von allem hier—da fühlten sie, wie sie so zwischen den
Bäumen saßen, vor sich Fjord und Berg im Abendsonnenglanz, während
fern ein Waldhorn sang und klang—da fühlten sie, da sprachen sie es aus:
das ist das Glück.
Der ersten Begegnung Süßigkeit,
Sie ist wie ein Sang auf den Fluten,
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Sie ist wie ein Sang auf grüner Heid',
Wie der Sonne letztes Gluten,—
Sie sind wie ein Waldhorn auf öder Flur,
Die tönenden Augenblicke,
In denen ein Wunder die Natur
Verschmelzt mit unserm Geschicke.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen saß Petra halb angekleidet in ihrem Stübchen;
weiter kam sie den ganzen Tag über nicht. So oft sie auch den Versuch
machte, immer wieder sanken ihr die Arme in den Schoß. Wie vollreife
Ähren, wie schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre
Gedanken. Stille, Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten über den
lichten Schlössern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige
Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Händedruck, jeden Kuß. Sie
wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum
Abschied, wieder vergegenwärtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn
jede einzelne Erinnerung verdämmerte in blauen Traum, und alle Träume
kamen mit neuer Verheißung zurück. Und so süß diese Verheißung auch
war, Petra mußte sie zurückdrängen, um den Faden der Erinnerung da
wieder aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn,
verlor sie sich wieder ins Wunderbare.
Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun Ödegaard
zurückgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das
Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst
gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es ihrer
Wie der Sonne letztes Gluten,—
Sie sind wie ein Waldhorn auf öder Flur,
Die tönenden Augenblicke,
In denen ein Wunder die Natur
Verschmelzt mit unserm Geschicke.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen saß Petra halb angekleidet in ihrem Stübchen;
weiter kam sie den ganzen Tag über nicht. So oft sie auch den Versuch
machte, immer wieder sanken ihr die Arme in den Schoß. Wie vollreife
Ähren, wie schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre
Gedanken. Stille, Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten über den
lichten Schlössern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige
Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Händedruck, jeden Kuß. Sie
wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum
Abschied, wieder vergegenwärtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn
jede einzelne Erinnerung verdämmerte in blauen Traum, und alle Träume
kamen mit neuer Verheißung zurück. Und so süß diese Verheißung auch
war, Petra mußte sie zurückdrängen, um den Faden der Erinnerung da
wieder aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn,
verlor sie sich wieder ins Wunderbare.
Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun Ödegaard
zurückgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das
Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst
gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es ihrer
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Liebe entgegen! Sie schmückte sich mit dem Besten, was sie hatte, ihrem
ganzen Konfirmationsstaat. Glänzend war er nicht; aber das empfand sie
erst heute; das eine Stück machte das andere häßlich, bis sie die passenden
Stücke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem nicht
hübsch! Was hätte sie heute nicht darum gegeben, die schönste zu sein. Mit
diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit einer
Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen, was sie
beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise ordnete sie dies
und jenes in ihrem Stübchen; denn noch war die Stunde nicht da. Sie
öffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken lagerten auf den
Bergen, aber ein kühlender Luftstrom zog herein und brachte Botschaft
vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal trat sie vor den
Spiegel, um ihr bräutliches Glück zu grüßen.
Da hörte sie drunten bei der Mutter Ödegaards Stimme, hörte, wie man
ihn nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude
umglühte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, für ihn! Dann
ging sie auf die Tür zu.
"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar
Schritte zurück.
Am selben Morgen hatte man Ödegaard, als er um den Kaffee klingelte,
gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute früh schon zweimal nach
ihm gefragt. Daß seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprüchen
eines Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn
so früh aufsuchte, mußte wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch
wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl
wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrüßten sich,
und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin ich
schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich muß mit
ganzen Konfirmationsstaat. Glänzend war er nicht; aber das empfand sie
erst heute; das eine Stück machte das andere häßlich, bis sie die passenden
Stücke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem nicht
hübsch! Was hätte sie heute nicht darum gegeben, die schönste zu sein. Mit
diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit einer
Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen, was sie
beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise ordnete sie dies
und jenes in ihrem Stübchen; denn noch war die Stunde nicht da. Sie
öffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken lagerten auf den
Bergen, aber ein kühlender Luftstrom zog herein und brachte Botschaft
vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal trat sie vor den
Spiegel, um ihr bräutliches Glück zu grüßen.
Da hörte sie drunten bei der Mutter Ödegaards Stimme, hörte, wie man
ihn nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude
umglühte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, für ihn! Dann
ging sie auf die Tür zu.
"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar
Schritte zurück.
Am selben Morgen hatte man Ödegaard, als er um den Kaffee klingelte,
gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute früh schon zweimal nach
ihm gefragt. Daß seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprüchen
eines Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn
so früh aufsuchte, mußte wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch
wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl
wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrüßten sich,
und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin ich
schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich muß mit
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Ihnen reden."—"Bitte, nehmen Sie Platz!" Und Ödegaard setzte sich selbst
in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab. Ich kann
nicht sitzen—bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein wie von Sinnen
—rein verrückt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran sind Sie
schuld!"—"Ich?"—"Ja, Sie! Sie haben das Mädchen ausgegraben. Kein
Mensch hätte an das Mädel gedacht, kein Mensch hätte es beachtet, wenn
Sie nicht gewesen wären. Aber so—in meinem ganzen Leben hab? ich so
was—so was Unvergleichliches nicht gesehen,—nie, so wahr ich hier stehe
—so was—Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges, Wunderbares
—was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein verhext! Wo ich ging
und stand—immer war sie da. Ich bin auf Reisen gegangen und bin
wiedergekommen—es war mir unmöglich—was? Wußte erst überhaupt
nicht, wer sie war—'das Fischermädel', hieß sie. Spanierin, Zigeunerin,—
Hexe wäre richtiger gewesen—! Einfach Feuer—Augen, Busen, Haar—
was? Funkelt, sprüht, tanzt, lacht, trällert, errötet—Teufelsweib!… Renne
ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald zwischen den Bäumen—stiller
Abend—sie steht da, ich steh' da—dann ein paar Worte, Gesang, Tanz—und
da, na ja, da gab ich ihr meine Kette. Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute
vorher noch mit keinem Gedanken daran gedacht! Das nächste Mal wieder
an derselben Stelle, wieder dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,—ja,
wollen Sie's glauben?… ich brachte kein Sterbenswörtchen heraus, traute
mich nicht, sie anzurühren! Aber als sie dann wiederkam—können Sie sich
denken, Mensch?—da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine
Sekunde vorher hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab'
ich mich dann selbst geprüft,—wollte von ihr wegbleiben—aber auf Ehr'
und Seligkeit, ich bin verrückt! Ich kann einfach nicht, ich muß bei ihr sein!
Wenn ich das Mädel nicht krieg', so schieß' ich mir ohne weiteres eine
Kugel vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher'
ich mich den Teufel, um die Stadt auch—ein Lumpennest, ein elendes
Krähwinkel! Sie muß heraus, sehen Sie, heraus, hoch über dies Nest hinaus!
in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab. Ich kann
nicht sitzen—bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein wie von Sinnen
—rein verrückt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran sind Sie
schuld!"—"Ich?"—"Ja, Sie! Sie haben das Mädchen ausgegraben. Kein
Mensch hätte an das Mädel gedacht, kein Mensch hätte es beachtet, wenn
Sie nicht gewesen wären. Aber so—in meinem ganzen Leben hab? ich so
was—so was Unvergleichliches nicht gesehen,—nie, so wahr ich hier stehe
—so was—Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges, Wunderbares
—was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein verhext! Wo ich ging
und stand—immer war sie da. Ich bin auf Reisen gegangen und bin
wiedergekommen—es war mir unmöglich—was? Wußte erst überhaupt
nicht, wer sie war—'das Fischermädel', hieß sie. Spanierin, Zigeunerin,—
Hexe wäre richtiger gewesen—! Einfach Feuer—Augen, Busen, Haar—
was? Funkelt, sprüht, tanzt, lacht, trällert, errötet—Teufelsweib!… Renne
ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald zwischen den Bäumen—stiller
Abend—sie steht da, ich steh' da—dann ein paar Worte, Gesang, Tanz—und
da, na ja, da gab ich ihr meine Kette. Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute
vorher noch mit keinem Gedanken daran gedacht! Das nächste Mal wieder
an derselben Stelle, wieder dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,—ja,
wollen Sie's glauben?… ich brachte kein Sterbenswörtchen heraus, traute
mich nicht, sie anzurühren! Aber als sie dann wiederkam—können Sie sich
denken, Mensch?—da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine
Sekunde vorher hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab'
ich mich dann selbst geprüft,—wollte von ihr wegbleiben—aber auf Ehr'
und Seligkeit, ich bin verrückt! Ich kann einfach nicht, ich muß bei ihr sein!
Wenn ich das Mädel nicht krieg', so schieß' ich mir ohne weiteres eine
Kugel vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher'
ich mich den Teufel, um die Stadt auch—ein Lumpennest, ein elendes
Krähwinkel! Sie muß heraus, sehen Sie, heraus, hoch über dies Nest hinaus!
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Comme il faut soll sie werden, ins Ausland soll sie—Frankreich—Paris—!
Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache. Ich könnte ja auch selber mit
fort, mich irgendwo draußen festsetzen, weg aus diesem Loch. Aber—der
Fisch! Ich möchte was machen aus der Stadt,—das liegt ja und schläft,
denkt nicht, spekuliert nicht; aber—der Fisch! Man versteht den Fisch nicht
zu behandeln; Spanien, das ganze Ausland beklagt sich; die Sache muß
anders angefaßt werden—andere Trocknung, andere Verpackung, alles
anders,—das Nest soll in die Höhe—Zug muß ins Geschäft kommen—
Millionen soll der Fisch schaffen!—Wo bin ich stehen geblieben? Richtig—
Fisch—Fischermädel—das paßt zusammen: Fisch—Fischermädel—
hahaha! Also ich zahle,—Sie arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann
——"
Weiter kam er nicht. Er hatte während seiner langen Rede gar nicht auf
Ödegaard geachtet, der jetzt totenblaß aufsprang und sich mit einem
biegsamen spanischen Rohr in der Hand über ihn warf. Das Erstaunen des
andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlägen wich er aus.
"Nehmen Sie sich in acht! Sie könnten mich treffen!" sagte er.—"Jawohl!
Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr—das paßt auch
zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hände, das
Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere schoß umher: "Sind Sie
verrückt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja heiraten! Hören
Sie? heiraten!"—"Hinaus!" schrie Ödegaard, als sei er mit seiner Kraft am
Rande. Und der Blondkopf stürzte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, fort
von diesem Wahnsinnigen;—gleich darauf stand er unten auf der Straße und
brüllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der wurde ihm durchs Fenster
nachgeworfen. Dann war alles still.
"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein
paar Schritte zurück, um den Geliebten besser sehen zu können, während er
eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich über sie ergösse, wie wenn
Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache. Ich könnte ja auch selber mit
fort, mich irgendwo draußen festsetzen, weg aus diesem Loch. Aber—der
Fisch! Ich möchte was machen aus der Stadt,—das liegt ja und schläft,
denkt nicht, spekuliert nicht; aber—der Fisch! Man versteht den Fisch nicht
zu behandeln; Spanien, das ganze Ausland beklagt sich; die Sache muß
anders angefaßt werden—andere Trocknung, andere Verpackung, alles
anders,—das Nest soll in die Höhe—Zug muß ins Geschäft kommen—
Millionen soll der Fisch schaffen!—Wo bin ich stehen geblieben? Richtig—
Fisch—Fischermädel—das paßt zusammen: Fisch—Fischermädel—
hahaha! Also ich zahle,—Sie arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann
——"
Weiter kam er nicht. Er hatte während seiner langen Rede gar nicht auf
Ödegaard geachtet, der jetzt totenblaß aufsprang und sich mit einem
biegsamen spanischen Rohr in der Hand über ihn warf. Das Erstaunen des
andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlägen wich er aus.
"Nehmen Sie sich in acht! Sie könnten mich treffen!" sagte er.—"Jawohl!
Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr—das paßt auch
zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hände, das
Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere schoß umher: "Sind Sie
verrückt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja heiraten! Hören
Sie? heiraten!"—"Hinaus!" schrie Ödegaard, als sei er mit seiner Kraft am
Rande. Und der Blondkopf stürzte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, fort
von diesem Wahnsinnigen;—gleich darauf stand er unten auf der Straße und
brüllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der wurde ihm durchs Fenster
nachgeworfen. Dann war alles still.
"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein
paar Schritte zurück, um den Geliebten besser sehen zu können, während er
eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich über sie ergösse, wie wenn
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die Erde unter ihren Füßen wiche, so wirkte auf sie das Gesicht, das da in
der Tür erschien. Sie taumelte zurück und tastete nach dem Bettpfosten;
aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestürzt, versagte; in weniger als
einer Sekunde war sie von der Höhe der glückseligsten Braut zur Tiefe der
größten Sünderin auf Erden herabgestürzt. Sie hörte es donnern aus diesem
Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht vergeben!—
"Ich seh' es—Du bist schuldig!" flüsterte er kaum hörbar. Er lehnte sich
gegen die Tür und hielt sich an der Klinke fest, als müsse er sonst
umsinken. Seine Stimme bebte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht,
obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.
"Weißt Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie
zu Boden. Sie antwortete nicht—nicht einmal mit Tränen, Ohnmacht—
völlige, hoffnungslose Ohnmacht lähmte sie. "Einmal in meinem Leben
habe ich meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch
meine Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten
als ein Menschenkind, das mir ganz gehörte und mir eine ganze Seele
zurückgab. Das hast Du getan,—und hast es zum Schein getan!" Er hielt
inne. Ein paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er
mit plötzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es übers
Herz bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken für
Gedanken, aufgebaut habe, niederzureißen, als sei es ein Bild von Ton!
Kind, Kind! konntest Du nicht verstehen, daß ich in Dir mich selbst wieder
aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu
beherrschen.
"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weißt
nicht, was Du getan hast.—Aber daß Du mich betrogen hast, das mußt Du
doch verstehen.—Sag' mir, was hab' ich Dir getan, daß Du etwas so
Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Hättest Du es mir
der Tür erschien. Sie taumelte zurück und tastete nach dem Bettpfosten;
aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestürzt, versagte; in weniger als
einer Sekunde war sie von der Höhe der glückseligsten Braut zur Tiefe der
größten Sünderin auf Erden herabgestürzt. Sie hörte es donnern aus diesem
Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht vergeben!—
"Ich seh' es—Du bist schuldig!" flüsterte er kaum hörbar. Er lehnte sich
gegen die Tür und hielt sich an der Klinke fest, als müsse er sonst
umsinken. Seine Stimme bebte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht,
obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.
"Weißt Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie
zu Boden. Sie antwortete nicht—nicht einmal mit Tränen, Ohnmacht—
völlige, hoffnungslose Ohnmacht lähmte sie. "Einmal in meinem Leben
habe ich meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch
meine Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten
als ein Menschenkind, das mir ganz gehörte und mir eine ganze Seele
zurückgab. Das hast Du getan,—und hast es zum Schein getan!" Er hielt
inne. Ein paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er
mit plötzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es übers
Herz bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken für
Gedanken, aufgebaut habe, niederzureißen, als sei es ein Bild von Ton!
Kind, Kind! konntest Du nicht verstehen, daß ich in Dir mich selbst wieder
aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu
beherrschen.
"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weißt
nicht, was Du getan hast.—Aber daß Du mich betrogen hast, das mußt Du
doch verstehen.—Sag' mir, was hab' ich Dir getan, daß Du etwas so
Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Hättest Du es mir
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wenigstens gestern gesagt! Warum—warum hast Du mich so fürchterlich
belogen?"
Sie hörte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.—Er war nach
einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch
daneben stützen zu können. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm
vor Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der nicht
einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flüsterte er vor sich hin.
"Ich kann nicht, ich fühle in mir nicht den Beruf dazu! Darum soll auch mir
niemand helfen. Alles soll mir unter den Händen zerbrechen, alles."—Er
konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine rechte Hand; die linke hing
schlaff herab; er sah aus, als könne er sich überhaupt nicht mehr rühren.
Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Da fühlte er etwas Warmes
auf seiner herabhängenden Hand. Erschrocken fuhr er zusammen; es war
Petras Atem. Sie lag mit gesenktem Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt
faltete sie die Hände und sah mit einer unbeschreiblichen Gebärde, die um
Barmherzigkeit flehte, zu ihm empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte
den Blick ab. Da hob er wie abwehrend die Hand gegen sie, als fühle er bei
diesem Blick in seinem Innern eine Stimme der Überzeugung, der er nicht
Gehör schenken wollte, und jäh, heftig bückte er sich nach seinem Hut, der
zu Boden gefallen war, und eilte zur Tür. Aber noch schneller vertrat sie
ihm den Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre
Augen in seine—alles ohne einen Laut; aber er sah und fühlte, sie kämpfe
um ihr Leben. Da wurde die alte Liebe zu mächtig in ihm; noch einmal sah
er sie an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfaßte er
mit beiden Händen ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es
wie in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft,
aber kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hände zurück und zwar in
einer Weise, daß sie fühlen mußte, was er dabei dachte: es war für immer.
"Nein, nein!—Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht lieben!" Es
überwältigte ihn. "Unglückliches Kind, Deine Zukunft kann ich nicht
belogen?"
Sie hörte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.—Er war nach
einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch
daneben stützen zu können. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm
vor Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der nicht
einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flüsterte er vor sich hin.
"Ich kann nicht, ich fühle in mir nicht den Beruf dazu! Darum soll auch mir
niemand helfen. Alles soll mir unter den Händen zerbrechen, alles."—Er
konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine rechte Hand; die linke hing
schlaff herab; er sah aus, als könne er sich überhaupt nicht mehr rühren.
Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Da fühlte er etwas Warmes
auf seiner herabhängenden Hand. Erschrocken fuhr er zusammen; es war
Petras Atem. Sie lag mit gesenktem Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt
faltete sie die Hände und sah mit einer unbeschreiblichen Gebärde, die um
Barmherzigkeit flehte, zu ihm empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte
den Blick ab. Da hob er wie abwehrend die Hand gegen sie, als fühle er bei
diesem Blick in seinem Innern eine Stimme der Überzeugung, der er nicht
Gehör schenken wollte, und jäh, heftig bückte er sich nach seinem Hut, der
zu Boden gefallen war, und eilte zur Tür. Aber noch schneller vertrat sie
ihm den Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre
Augen in seine—alles ohne einen Laut; aber er sah und fühlte, sie kämpfe
um ihr Leben. Da wurde die alte Liebe zu mächtig in ihm; noch einmal sah
er sie an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfaßte er
mit beiden Händen ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es
wie in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft,
aber kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hände zurück und zwar in
einer Weise, daß sie fühlen mußte, was er dabei dachte: es war für immer.
"Nein, nein!—Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht lieben!" Es
überwältigte ihn. "Unglückliches Kind, Deine Zukunft kann ich nicht
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schützen! Gott verzeih Dir, daß Du meine vernichtet hast!" Er ging an ihr
vorbei, sie rührte sich nicht. Er öffnete die Tür und schloß sie; sie blieb
stumm,—sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hörte seine letzten
Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege—da brach der Bann. Sie stieß
einen Schrei aus, einen einzigen;—aber darauf eilte die Mutter herbei.
Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet und
wohl verwahrt; und vor ihr saß die Mutter, die Arme auf die Knie
gestemmt, den Kopf in beide Hände gestützt und die Glutaugen fest auf die
Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte sie. "Hast
Du jetzt was gelernt… Was soll denn nun aus Dir werden, he?"—Petras
Antwort war ein Strom von Tränen. Lange, sehr lange saß die Mutter da
und hörte das Weinen mit an; dann sagte sie—seltsam feierlich: "Gott der
Herr verdamme ihn!"—Petra fuhr auf. "Mutter, Mutter! Nicht ihn, nicht
ihn! Mich, mich—nicht ihn!"—"Oh, ich kenn' das Pack! Ich weiß schon,
wer's verdient!"—"Nein, Mutter! er ist betrogen—betrogen durch mich—
ich, ich hab' ihn betrogen!" Und hastig und schluchzend erzählte sie alles.
Keinen Augenblick durfte ein Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzählte von
Gunnar, was sie von ihm verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve
Volds Unglückskette, in der sie sich verfangen hatte, zuletzt von Ödegaard,
und wie sie bei seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff
auch jetzt noch nicht, wie es zugegangen war; aber daß sie eine ungeheure
Sünde begangen habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich
emporgezogen und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern
geben kann, das begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend
dagesessen hatte, sagte sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versündigt? Wo
bin denn ich die ganze Zeit gewesen, daß Du mir kein Sterbenswort von
alledem gesagt hast?"—"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich
jetzt! Ich fühle ja, daß ich mein ganzes Leben lang dafür büßen muß; aber
ich will Gott auch bitten, daß er mich bald sterben läßt!—Lieber, lieber
Gott!" fing sie sofort an und hob die gefalteten Hände zum Himmel, "lieber,
vorbei, sie rührte sich nicht. Er öffnete die Tür und schloß sie; sie blieb
stumm,—sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hörte seine letzten
Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege—da brach der Bann. Sie stieß
einen Schrei aus, einen einzigen;—aber darauf eilte die Mutter herbei.
Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet und
wohl verwahrt; und vor ihr saß die Mutter, die Arme auf die Knie
gestemmt, den Kopf in beide Hände gestützt und die Glutaugen fest auf die
Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte sie. "Hast
Du jetzt was gelernt… Was soll denn nun aus Dir werden, he?"—Petras
Antwort war ein Strom von Tränen. Lange, sehr lange saß die Mutter da
und hörte das Weinen mit an; dann sagte sie—seltsam feierlich: "Gott der
Herr verdamme ihn!"—Petra fuhr auf. "Mutter, Mutter! Nicht ihn, nicht
ihn! Mich, mich—nicht ihn!"—"Oh, ich kenn' das Pack! Ich weiß schon,
wer's verdient!"—"Nein, Mutter! er ist betrogen—betrogen durch mich—
ich, ich hab' ihn betrogen!" Und hastig und schluchzend erzählte sie alles.
Keinen Augenblick durfte ein Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzählte von
Gunnar, was sie von ihm verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve
Volds Unglückskette, in der sie sich verfangen hatte, zuletzt von Ödegaard,
und wie sie bei seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff
auch jetzt noch nicht, wie es zugegangen war; aber daß sie eine ungeheure
Sünde begangen habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich
emporgezogen und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern
geben kann, das begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend
dagesessen hatte, sagte sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versündigt? Wo
bin denn ich die ganze Zeit gewesen, daß Du mir kein Sterbenswort von
alledem gesagt hast?"—"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich
jetzt! Ich fühle ja, daß ich mein ganzes Leben lang dafür büßen muß; aber
ich will Gott auch bitten, daß er mich bald sterben läßt!—Lieber, lieber
Gott!" fing sie sofort an und hob die gefalteten Hände zum Himmel, "lieber,
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lieber Gott, erhöre mich! Ich hab' mein Leben zerstört; es hat für mich
keinen Reiz mehr,—ich bin nicht fürs Leben geschaffen—ich versteh' das
Leben nicht. Lieber Gott, darum laß mich sterben!" Es lag eine so
ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, daß Gunlaug die harten Worte, die
ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand auf
den zum Gebet erhobenen Arm des Mädchens und drückte ihn hernieder.
"Mäßige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir müssen leben,
vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"—Dann stand sie auf, und von
Stund an setzte sie ihren Fuß nicht mehr in die Giebelstube.
Ödegaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefährliche
Wendung zu nehmen. Während dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem
Sohn hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem
Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe
Antwort; er könne nicht; seine Pflicht sei, über seinen Sohn zu wachen, so
oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den Vater.
So standen die Dinge, als Gunnar zurückkehrte.
Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn plötzlich vor
sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie
glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen Bekannten.
Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald jedoch
wußte man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er
zurückgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und
zwar von ihr eigenhändig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, daß es
durch den ganzen Hohlweg dröhnte: "Daß Du Dich hier nicht wieder
blicken läßt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit
gegangen, als ein Mädchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam.
Das Mädchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche;
und so kam es, daß Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er
keinen Reiz mehr,—ich bin nicht fürs Leben geschaffen—ich versteh' das
Leben nicht. Lieber Gott, darum laß mich sterben!" Es lag eine so
ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, daß Gunlaug die harten Worte, die
ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand auf
den zum Gebet erhobenen Arm des Mädchens und drückte ihn hernieder.
"Mäßige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir müssen leben,
vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"—Dann stand sie auf, und von
Stund an setzte sie ihren Fuß nicht mehr in die Giebelstube.
Ödegaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefährliche
Wendung zu nehmen. Während dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem
Sohn hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem
Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe
Antwort; er könne nicht; seine Pflicht sei, über seinen Sohn zu wachen, so
oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den Vater.
So standen die Dinge, als Gunnar zurückkehrte.
Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn plötzlich vor
sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie
glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen Bekannten.
Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald jedoch
wußte man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er
zurückgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und
zwar von ihr eigenhändig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, daß es
durch den ganzen Hohlweg dröhnte: "Daß Du Dich hier nicht wieder
blicken läßt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit
gegangen, als ein Mädchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam.
Das Mädchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche;
und so kam es, daß Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er
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blieb stehen, wog die Kette in der Hand und betrachtete sie. War ihm
Gunlaugs Wut schon vorhin rätselhaft erschienen—daß sie ihm jetzt eine
goldene Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das
Mädchen zurück; sie müsse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das andere
Paket und fragte, ob das vielleicht das richtige sei. Und wirklich—das Paket
enthielt seine Geschenke für Petra.——Ja, das sei das richtige. Aber wem
sie denn das andere, das mit der goldenen Kette, bringen solle? "Dem
jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mädchen und ging. Gunnar blieb zurück
und dachte nach. "Der junge Vold? Macht der ihr Geschenke? Also der hat
sie mir gestohlen,—Yngve Vold,—na, dem will ich—!" Seine Spannung,
seine Erbitterung mußte sich Luft machen,—irgend etwas mußte er
zerschlagen.—Also—Yngve Vold.
Und zum zweitenmal wurde der unglückselige Fischhändler höchst
unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er flüchtete
vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach. Sämtliche
Kontoristen fielen über den Ruhestörer her; der schlug und wehrte sich nach
allen Seiten. Stühle, Tische, Pulte wurden über den Haufen geworfen;
Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die Luft. Schließlich
rückten—von Yngve Volds Warenschuppen her—Hilfstruppen an, und
Gunnar wurde, nach heißem Kampf, auf die Straße befördert. Aber da ging
es erst recht los. Im Hafen lagen gerade zwei Schiffe—ein ausländisches
und ein einheimisches. Es war gerade Mittagspause, und die Matrosen
nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort war die Rauferei in schönstem
Gange, Mannschaft gegen Mannschaft, Ausländer gegen Einheimische.
Neue Truppen wurden herbeibeordert und zogen in Sturmschritt heran;
Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber, Gassenjugend; schließlich wußte
kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem man raufte. Vergebens fluchten
die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame Bürger, den einzigen Polizeidiener
des Städtchens herbeizuholen; der lag just in aller Gemütsruhe draußen auf
dem Fjord und fischte. Man lief zum Stadtschultheiß; aber der war zugleich
Gunlaugs Wut schon vorhin rätselhaft erschienen—daß sie ihm jetzt eine
goldene Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das
Mädchen zurück; sie müsse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das andere
Paket und fragte, ob das vielleicht das richtige sei. Und wirklich—das Paket
enthielt seine Geschenke für Petra.——Ja, das sei das richtige. Aber wem
sie denn das andere, das mit der goldenen Kette, bringen solle? "Dem
jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mädchen und ging. Gunnar blieb zurück
und dachte nach. "Der junge Vold? Macht der ihr Geschenke? Also der hat
sie mir gestohlen,—Yngve Vold,—na, dem will ich—!" Seine Spannung,
seine Erbitterung mußte sich Luft machen,—irgend etwas mußte er
zerschlagen.—Also—Yngve Vold.
Und zum zweitenmal wurde der unglückselige Fischhändler höchst
unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er flüchtete
vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach. Sämtliche
Kontoristen fielen über den Ruhestörer her; der schlug und wehrte sich nach
allen Seiten. Stühle, Tische, Pulte wurden über den Haufen geworfen;
Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die Luft. Schließlich
rückten—von Yngve Volds Warenschuppen her—Hilfstruppen an, und
Gunnar wurde, nach heißem Kampf, auf die Straße befördert. Aber da ging
es erst recht los. Im Hafen lagen gerade zwei Schiffe—ein ausländisches
und ein einheimisches. Es war gerade Mittagspause, und die Matrosen
nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort war die Rauferei in schönstem
Gange, Mannschaft gegen Mannschaft, Ausländer gegen Einheimische.
Neue Truppen wurden herbeibeordert und zogen in Sturmschritt heran;
Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber, Gassenjugend; schließlich wußte
kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem man raufte. Vergebens fluchten
die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame Bürger, den einzigen Polizeidiener
des Städtchens herbeizuholen; der lag just in aller Gemütsruhe draußen auf
dem Fjord und fischte. Man lief zum Stadtschultheiß; aber der war zugleich
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Postmeister, hatte sich gerade mit der neuesten Briefpost in seinem Bureau
eingeschlossen und rief zum Fenster heraus, er könne nicht fort, sein
Gehilfe sei bei einem Begräbnis; sie müßten warten. Da man aber mit dem
gegenseitigen Totschlagen unmöglich warten konnte, bis die Post sortiert
war, so schrien einige, vor allem ein paar geängstigte Weiber, man solle den
Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Bürger zu, und seine
eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er kam—
zum Jubel der Schuljugend—, fuhr ein paarmal in den Knäuel hinein, langte
sich einen gelenkigen Spanier heraus und hämmerte mit dem nach rechts
und links auf die andern los.
Als alles vorbei war, kam der Stadtschultheiß mit seinem Spazierstock.
Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen gebot
er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen—was er
selbst ebenfalls tat.
Am Tag darauf begann er ein Verhör anzustellen; das dauerte eine
geraume Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer
eigentlich gerauft hatte. Bloß darin stimmten alle Aussagen überein—Arne,
der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn mit dem Spanier
auf die andern loshauen sehen. Also wurde über diesen Arne eine Strafe von
einem Speziestaler verhängt, wofür seine Frau, die ihn in den Handel
verwickelt hatte, die Prügel einheimste. Am elften Sonntag nach Trinitatis.
Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das war die einzige gerichtliche
Folge, die die Rauferei hatte.
Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das
Fischermädel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerüchte liefen
um. Zunächst war es eifersüchtiger Groll, daß sie den klügsten Kopf der
Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und außerdem noch
"mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im Handumdrehen
eingeschlossen und rief zum Fenster heraus, er könne nicht fort, sein
Gehilfe sei bei einem Begräbnis; sie müßten warten. Da man aber mit dem
gegenseitigen Totschlagen unmöglich warten konnte, bis die Post sortiert
war, so schrien einige, vor allem ein paar geängstigte Weiber, man solle den
Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Bürger zu, und seine
eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er kam—
zum Jubel der Schuljugend—, fuhr ein paarmal in den Knäuel hinein, langte
sich einen gelenkigen Spanier heraus und hämmerte mit dem nach rechts
und links auf die andern los.
Als alles vorbei war, kam der Stadtschultheiß mit seinem Spazierstock.
Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen gebot
er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen—was er
selbst ebenfalls tat.
Am Tag darauf begann er ein Verhör anzustellen; das dauerte eine
geraume Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer
eigentlich gerauft hatte. Bloß darin stimmten alle Aussagen überein—Arne,
der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn mit dem Spanier
auf die andern loshauen sehen. Also wurde über diesen Arne eine Strafe von
einem Speziestaler verhängt, wofür seine Frau, die ihn in den Handel
verwickelt hatte, die Prügel einheimste. Am elften Sonntag nach Trinitatis.
Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das war die einzige gerichtliche
Folge, die die Rauferei hatte.
Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das
Fischermädel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerüchte liefen
um. Zunächst war es eifersüchtiger Groll, daß sie den klügsten Kopf der
Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und außerdem noch
"mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im Handumdrehen
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"mehrere junge Männer". Bald aber erhob sich ein allgemeiner Sturm
sittlicher Entrüstung. Die ganze Schande, an einer großen Straßenrauferei
schuld zu sein und über drei der besten Familien der Stadt Kummer
gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mädchen, das vor kaum einem
halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf einmal,—und
die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltäter, dem sie alles
verdankte—nein! Das brachte die Empörung zum Überlaufen! War sie nicht
von kindauf ein Ärgernis gewesen für die Stadt? Hatte man nicht trotzdem,
—als Ödegaard sich ihrer angenommen hatte, die schönsten Erwartungen
auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten gehabt, ihn
zugrunde gerichtet und sich, ihrer zügellosen Natur folgend, rückhaltlos
einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum der
Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mußte? Die
Mutter war selbstverständlich mitschuldig—in ihrer Matrosenkneipe hatte
das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das Gunlaug
der Stadt aufbürdete, nicht länger tragen, man werde sie nicht länger unter
sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man überein—sie aus
der Stadt zu jagen.
Eines schönen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld
schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen
wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem
Hause—angeführt von Bürgern der "besseren" Stände. Sie pfiffen, sie
heulten, sie brüllten nach dem "Fischermädel", nach der "Fischer-Gunlaug".
Bald flog ein Stein gegen die Haustür; dann ein zweiter oben durchs
Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich die Rotte. Hinter den
Fenstern war alles dunkel und still.
Am nächsten Tag ließ sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht
einmal ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe
Auflauf; nur daß heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles
sittlicher Entrüstung. Die ganze Schande, an einer großen Straßenrauferei
schuld zu sein und über drei der besten Familien der Stadt Kummer
gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mädchen, das vor kaum einem
halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf einmal,—und
die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltäter, dem sie alles
verdankte—nein! Das brachte die Empörung zum Überlaufen! War sie nicht
von kindauf ein Ärgernis gewesen für die Stadt? Hatte man nicht trotzdem,
—als Ödegaard sich ihrer angenommen hatte, die schönsten Erwartungen
auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten gehabt, ihn
zugrunde gerichtet und sich, ihrer zügellosen Natur folgend, rückhaltlos
einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum der
Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mußte? Die
Mutter war selbstverständlich mitschuldig—in ihrer Matrosenkneipe hatte
das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das Gunlaug
der Stadt aufbürdete, nicht länger tragen, man werde sie nicht länger unter
sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man überein—sie aus
der Stadt zu jagen.
Eines schönen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld
schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen
wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem
Hause—angeführt von Bürgern der "besseren" Stände. Sie pfiffen, sie
heulten, sie brüllten nach dem "Fischermädel", nach der "Fischer-Gunlaug".
Bald flog ein Stein gegen die Haustür; dann ein zweiter oben durchs
Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich die Rotte. Hinter den
Fenstern war alles dunkel und still.
Am nächsten Tag ließ sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht
einmal ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe
Auflauf; nur daß heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles
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nieder, sie zertrümmerten die Fenster, sie rissen den Gartenzaun um und
knickten die jungen Obstbäume ab, und dabei sangen sie:
Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt!
"So, hast du das?"
Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt!
"Ja, hast du das?"
Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur.
"Lang' ihn dir nur!"—
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.
Mutter, der Seemann, der hat sich gedrückt!
"Ja, hat er das?"
Mutter, der Kaufmann ist ausgerückt!
"So, ist er das?"
Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn!
"Lange dir ihn!"
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.
Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr hätte man sich
gefreut, sie toben zu hören in ihrer ohnmächtigen Wut.
Gunlaug saß drinnen und hörte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man
muß schon etwas dulden können für sein Kind.
knickten die jungen Obstbäume ab, und dabei sangen sie:
Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt!
"So, hast du das?"
Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt!
"Ja, hast du das?"
Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur.
"Lang' ihn dir nur!"—
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.
Mutter, der Seemann, der hat sich gedrückt!
"Ja, hat er das?"
Mutter, der Kaufmann ist ausgerückt!
"So, ist er das?"
Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn!
"Lange dir ihn!"
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.
Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr hätte man sich
gefreut, sie toben zu hören in ihrer ohnmächtigen Wut.
Gunlaug saß drinnen und hörte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man
muß schon etwas dulden können für sein Kind.
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Sechstes Kapitel
Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra
auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stände das Haus in Flammen, oder als
wolle alles über ihr zusammenbrechen. Wie von glühenden Ruten
gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte und
brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter
hinunter traute sie sich nicht, und draußen, vor ihrem Fenster, standen sie!
Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie stieß einen
Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und verkroch sich
zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie, zusammengekauert,
flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll unerhörten Entsetzens
jagten an ihr vorüber, die Luft war voll wimmelnder Gesichter—gaffender,
grinsender Gesichter! Ganz nah kamen sie;—Feuer regnete es rings um sie
—Hu! es war gar kein Feuer, Augen waren es—überall regnete es Augen,
große glühende, kleine sprühende Augen, die reglos glotzten, Augen, die
unablässig rollten,—Herr Jesus, Herr Jesus, erbarme Dich!—
Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben
und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie warf
sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die Gedanken
wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend, ungeheuerlich, wie ein
Sturmgewölk, das sich über den Bergen zusammenballt;—denn, was mußte
die Mutter nicht erdulden—um ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen,
kein Friede in ihre Seele. Der Tag dämmerte herauf. Linderung brachte er
ihr nicht. Auf und ab wanderte sie, auf und ab, und dachte bloß daran, wie
sie fliehen könne. Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen;
hinaus traute sie sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend
kamen sie jedenfalls wieder! Trotzdem mußte sie warten; denn vor
Mitternacht zu fliehen, war noch gefährlicher. Und überhaupt—wohin? Sie
Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra
auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stände das Haus in Flammen, oder als
wolle alles über ihr zusammenbrechen. Wie von glühenden Ruten
gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte und
brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter
hinunter traute sie sich nicht, und draußen, vor ihrem Fenster, standen sie!
Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie stieß einen
Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und verkroch sich
zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie, zusammengekauert,
flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll unerhörten Entsetzens
jagten an ihr vorüber, die Luft war voll wimmelnder Gesichter—gaffender,
grinsender Gesichter! Ganz nah kamen sie;—Feuer regnete es rings um sie
—Hu! es war gar kein Feuer, Augen waren es—überall regnete es Augen,
große glühende, kleine sprühende Augen, die reglos glotzten, Augen, die
unablässig rollten,—Herr Jesus, Herr Jesus, erbarme Dich!—
Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben
und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie warf
sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die Gedanken
wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend, ungeheuerlich, wie ein
Sturmgewölk, das sich über den Bergen zusammenballt;—denn, was mußte
die Mutter nicht erdulden—um ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen,
kein Friede in ihre Seele. Der Tag dämmerte herauf. Linderung brachte er
ihr nicht. Auf und ab wanderte sie, auf und ab, und dachte bloß daran, wie
sie fliehen könne. Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen;
hinaus traute sie sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend
kamen sie jedenfalls wieder! Trotzdem mußte sie warten; denn vor
Mitternacht zu fliehen, war noch gefährlicher. Und überhaupt—wohin? Sie
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hatte kein Geld, sie wußte keinen Weg.—Aber irgendwo mußte es doch
barmherzige Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er
wußte—was sie auch verbrochen hatte—Schlechtigkeit war es nicht
gewesen. Er kannte ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte
auf den Schritt der Mutter drunten; aber sie hörte nichts; sie zitterte, daß sie
die Treppe heraufkommen könne; aber sie kam nicht. Das Dienstmädchen
mußte wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen
herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster;
draußen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrümmerte
Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie hatte
sich ein kleines Bündel mit Kleidungsstücken zusammengeschnürt und sich
warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mußte sie den wütenden
Haufen abwarten und über sich ergehen lassen, was kommen mochte.
Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen—
schlimmer, viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren
Winkel, faltete die Hände und betete, betete! Wenn bloß die Mutter nicht zu
ihnen hinausginge! Wenn sie bloß nicht das Haus stürmten! Jetzt fingen sie
zu singen an; es war ein Schmählied; und obwohl jedes Wort ihr wie ein
Messer ins Herz schnitt, mußte sie doch zuhören, lauschen! Aber als sie
hörte, daß sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter mit zu
beschimpfen, da sprang sie auf, da stürzte sie hervor; sie wollte zu dem
feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstürzen; aber da kam ein
Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen durchs Fenster
geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im Zimmer herum, und
sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schweiß brach ihr aus, als säße sie in
der glühendsten Sonne; aber sie weinte nicht, sie fürchtete sich auch nicht
mehr.
Allmählich legte sich der Lärm. Sie wagte sich hervor, und als sie nichts
mehr hörte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat überall auf
barmherzige Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er
wußte—was sie auch verbrochen hatte—Schlechtigkeit war es nicht
gewesen. Er kannte ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte
auf den Schritt der Mutter drunten; aber sie hörte nichts; sie zitterte, daß sie
die Treppe heraufkommen könne; aber sie kam nicht. Das Dienstmädchen
mußte wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen
herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster;
draußen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrümmerte
Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie hatte
sich ein kleines Bündel mit Kleidungsstücken zusammengeschnürt und sich
warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mußte sie den wütenden
Haufen abwarten und über sich ergehen lassen, was kommen mochte.
Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen—
schlimmer, viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren
Winkel, faltete die Hände und betete, betete! Wenn bloß die Mutter nicht zu
ihnen hinausginge! Wenn sie bloß nicht das Haus stürmten! Jetzt fingen sie
zu singen an; es war ein Schmählied; und obwohl jedes Wort ihr wie ein
Messer ins Herz schnitt, mußte sie doch zuhören, lauschen! Aber als sie
hörte, daß sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter mit zu
beschimpfen, da sprang sie auf, da stürzte sie hervor; sie wollte zu dem
feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstürzen; aber da kam ein
Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen durchs Fenster
geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im Zimmer herum, und
sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schweiß brach ihr aus, als säße sie in
der glühendsten Sonne; aber sie weinte nicht, sie fürchtete sich auch nicht
mehr.
Allmählich legte sich der Lärm. Sie wagte sich hervor, und als sie nichts
mehr hörte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat überall auf
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Glasscherben, und ging deshalb wieder zurück. Dabei trat sie wieder auf
Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehört zu werden; denn nun galt es,
sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe Stunde gewartet
hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bündel und öffnete leise die Tür.
Wieder wartete sie etwa fünf Minuten und schlich dann still die Treppe
hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie solchen Kummer bereitet hatte,
nun auch noch ohne Abschied verlassen zu müssen; aber das Entsetzen
peitschte sie vorwärts. "Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Mutter!" flüsterte sie
bei jedem Schritt, den sie auf der Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl,
Mutter!" Jetzt war sie unten. Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun—
zur Haustür! Da packte jemand sie von hinten am Arm. Sie stieß einen
leichten Schrei aus und drehte sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte
oben die Tür gehen hören; augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte,
und erwartete sie nun hier unten. Petra fühlte, sie werde ohne Kampf nicht
an ihr vorüberkommen. Erklärungen nützten hier nichts; was für Worte sie
auch finden werde, die Mutter würde ihr doch nicht glauben. Nun, so hieß
es eben kämpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt
nichts sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?"
fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit klopfendem
Herzen.—"Und wohin?"—"Ich weiß nicht—nur fort von hier!" Und sie
drückte ihr Bündel fest an sich und tat einen Schritt vorwärts. "Komm mit!"
versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte; "ich habe schon
für alles gesorgt."—Augenblicklich gab Petra nach, wie ein Mensch, der
eine allzu schwere Last fallen läßt, und überließ sich der Mutter. Diese ging
voran in ein kleines, fensterloses Kämmerchen hinter der Küche, wo Licht
brannte; hier hatte sie versteckt gesessen, während die draußen lärmten. Der
Verschlag war so eng, daß sie sich kaum darin umdrehen konnten. Die
Mutter zog ein Bündel hervor, etwas kleiner als Petras, öffnete es und zog
einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das an!" flüsterte sie. Petra wußte
sofort, weshalb sie das sollte; aber daß die Mutter es nicht in Worten
Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehört zu werden; denn nun galt es,
sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe Stunde gewartet
hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bündel und öffnete leise die Tür.
Wieder wartete sie etwa fünf Minuten und schlich dann still die Treppe
hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie solchen Kummer bereitet hatte,
nun auch noch ohne Abschied verlassen zu müssen; aber das Entsetzen
peitschte sie vorwärts. "Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Mutter!" flüsterte sie
bei jedem Schritt, den sie auf der Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl,
Mutter!" Jetzt war sie unten. Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun—
zur Haustür! Da packte jemand sie von hinten am Arm. Sie stieß einen
leichten Schrei aus und drehte sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte
oben die Tür gehen hören; augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte,
und erwartete sie nun hier unten. Petra fühlte, sie werde ohne Kampf nicht
an ihr vorüberkommen. Erklärungen nützten hier nichts; was für Worte sie
auch finden werde, die Mutter würde ihr doch nicht glauben. Nun, so hieß
es eben kämpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt
nichts sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?"
fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit klopfendem
Herzen.—"Und wohin?"—"Ich weiß nicht—nur fort von hier!" Und sie
drückte ihr Bündel fest an sich und tat einen Schritt vorwärts. "Komm mit!"
versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte; "ich habe schon
für alles gesorgt."—Augenblicklich gab Petra nach, wie ein Mensch, der
eine allzu schwere Last fallen läßt, und überließ sich der Mutter. Diese ging
voran in ein kleines, fensterloses Kämmerchen hinter der Küche, wo Licht
brannte; hier hatte sie versteckt gesessen, während die draußen lärmten. Der
Verschlag war so eng, daß sie sich kaum darin umdrehen konnten. Die
Mutter zog ein Bündel hervor, etwas kleiner als Petras, öffnete es und zog
einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das an!" flüsterte sie. Petra wußte
sofort, weshalb sie das sollte; aber daß die Mutter es nicht in Worten
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aussprach, das rührte sie. Sie zog sich aus und legte den Matrosenanzug an,
die Mutter half ihr, und als sie dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um
ihr Gesicht deutlich sehen zu können, da sah Petra, daß Gunlaug alt war.
War sie's in diesen letzten Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher
nicht gesehen? Die Tränen des Kindes flossen auf die Mutter hernieder,
aber die Mutter blickte nicht auf, so daß sie kein Wort herausbrachte. Als
letztes reichte die Mutter ihr einen Südwester, und als Petra ihn aufgesetzt
hatte, nahm ihr die Mutter ihr Bündel ab, blies das Licht aus und flüsterte:
"Jetzt komm!"
Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustür; Gunlaug
riegelte die Hoftür auf und schloß sie nachher wieder ab. Sie gingen durch
den zerstampften Garten, über die ausgerissenen Bäume, den
zertrümmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du
wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"—Petra zuckte zusammen;
sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo
sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die
Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit Ödegaard verlebt
hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bäumen gefegt
hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten Kleidung.
Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte ihn
augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder gewesen
war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestürmt hatte; es war Pedro
Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlüssel dazu und schloß auf.
Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen;
es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglücklichen Tochter zu ihm zu
kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte. Aber es
mußte sein, und was sein mußte, das konnte Gunlaug. Sie klopfte an die
Verandatür, und fast im selben Augenblick hörten sie Tritte und sahen Licht.
Gleich darauf wurde geöffnet, und Pedro, blaß und angstvoll, stand im
die Mutter half ihr, und als sie dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um
ihr Gesicht deutlich sehen zu können, da sah Petra, daß Gunlaug alt war.
War sie's in diesen letzten Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher
nicht gesehen? Die Tränen des Kindes flossen auf die Mutter hernieder,
aber die Mutter blickte nicht auf, so daß sie kein Wort herausbrachte. Als
letztes reichte die Mutter ihr einen Südwester, und als Petra ihn aufgesetzt
hatte, nahm ihr die Mutter ihr Bündel ab, blies das Licht aus und flüsterte:
"Jetzt komm!"
Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustür; Gunlaug
riegelte die Hoftür auf und schloß sie nachher wieder ab. Sie gingen durch
den zerstampften Garten, über die ausgerissenen Bäume, den
zertrümmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du
wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"—Petra zuckte zusammen;
sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo
sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die
Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit Ödegaard verlebt
hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bäumen gefegt
hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten Kleidung.
Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte ihn
augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder gewesen
war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestürmt hatte; es war Pedro
Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlüssel dazu und schloß auf.
Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen;
es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglücklichen Tochter zu ihm zu
kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte. Aber es
mußte sein, und was sein mußte, das konnte Gunlaug. Sie klopfte an die
Verandatür, und fast im selben Augenblick hörten sie Tritte und sahen Licht.
Gleich darauf wurde geöffnet, und Pedro, blaß und angstvoll, stand im
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Reiseanzug und hohen Stiefeln vor ihnen. Er hielt ein Talglicht in der Hand;
und als er Petras vom Weinen geschwollenes Gesicht erblickte, seufzte er.
Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht zu kennen wagte, so wagte auch sie
nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat versprochen, Dir von hier
fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie weder Petra noch Ohlsen ansah,
sondern den beiden voran durch den Flur und in Pedros Zimmer auf der
andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer war klein und niedrig; eine
eigentümlich dumpfe Luft schlug ihnen entgegen, die Petra ganz übel
machte—seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie weder geschlafen
noch gegessen. Von der Mitte der Decke hing ein Bauer mit einem
Kanarienvogel. Man mußte im Bogen drum herumgehen, wollte man nicht
daran stoßen. Die alten schweren Stühle, ein mächtiger Tisch, ein paar
große Bauernschränke, die bis an die Decke reichten, drückten so auf das
Zimmer, daß es noch niedriger erschien. Auf dem Tisch lagen Noten und
eine Flöte. Pedro Ohlsen schlurfte in seinen großen Stiefeln geschäftig hin
und her. Aus dem Hinterzimmer erklang eine schwache Stimme: "Wer ist
da? Wer ist in der Stube?" worauf er noch eiliger umhertrappte und dabei
murmelte: "Oh, es ist—hm, hm—es ist nur … hm, hm…" Darauf
verschwand er in der Stube, aus der die Stimme gekommen war.
Gunlaug saß am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf
in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der
Fußboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit entrang
sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tür, die Beine
dicht zusammengepreßt, beide Hände auf die Brust gedrückt; sie fühlte sich
ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stücke; das Talglicht auf
dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fühlte, sie müsse einen
Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und sagte: "Ich hab'
diesen Mann mal früher gekannt."
und als er Petras vom Weinen geschwollenes Gesicht erblickte, seufzte er.
Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht zu kennen wagte, so wagte auch sie
nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat versprochen, Dir von hier
fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie weder Petra noch Ohlsen ansah,
sondern den beiden voran durch den Flur und in Pedros Zimmer auf der
andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer war klein und niedrig; eine
eigentümlich dumpfe Luft schlug ihnen entgegen, die Petra ganz übel
machte—seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie weder geschlafen
noch gegessen. Von der Mitte der Decke hing ein Bauer mit einem
Kanarienvogel. Man mußte im Bogen drum herumgehen, wollte man nicht
daran stoßen. Die alten schweren Stühle, ein mächtiger Tisch, ein paar
große Bauernschränke, die bis an die Decke reichten, drückten so auf das
Zimmer, daß es noch niedriger erschien. Auf dem Tisch lagen Noten und
eine Flöte. Pedro Ohlsen schlurfte in seinen großen Stiefeln geschäftig hin
und her. Aus dem Hinterzimmer erklang eine schwache Stimme: "Wer ist
da? Wer ist in der Stube?" worauf er noch eiliger umhertrappte und dabei
murmelte: "Oh, es ist—hm, hm—es ist nur … hm, hm…" Darauf
verschwand er in der Stube, aus der die Stimme gekommen war.
Gunlaug saß am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf
in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der
Fußboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit entrang
sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tür, die Beine
dicht zusammengepreßt, beide Hände auf die Brust gedrückt; sie fühlte sich
ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stücke; das Talglicht auf
dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fühlte, sie müsse einen
Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und sagte: "Ich hab'
diesen Mann mal früher gekannt."
Page 602
Kein Wort weiter. Es kam auch keine Antwort. Pedro blieb noch immer
fort. Das Talglicht tropfte, und die Uhr hackte. Die Übelkeit übermannte
Petra mehr und mehr—und dazwischendurch summten unablässig die
Worte der Mutter: "Ich hab' diesen Mann früher mal gekannt." Die Uhr griff
es auf und fing an zu ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—
gekannt." So oft ihr später in ihrem Leben einmal eingeschlossene Luft
entgegenschlug, stand ihr die Stube und ihre eigene Übelkeit und die Uhr
mit ihrem: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—gekannt—" vor Augen.
So oft ihr an Bord eines Dampfers der Ölgeruch, der Gestank des fauligen
Meerwassers unter der Kajüte, der Dunst des Essens entgegendrang,—
augenblicklich wurde sie seekrank, und durch die Seekrankheit hindurch
hörte sie bei Tag und bei Nacht ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal
früher—gekannt."
Als Pedro wieder eintrat, hatte er eine wollene Mütze auf und einen
altmodischen steifen Mantel um, der ihm bis über die Ohren reichte. "Ja,
also ich wär' fertig," sagte er und streifte sich Fäustlinge über, als solle er in
den dicksten Winter hinaus. "Jetzt dürfen wir nicht vergessen, den Mantel
für—für—" er wandte sich um—"den Mantel für—" Er blickte zu Petra
hinüber und von ihr zu Gunlaug, die jetzt nach einem blauen Umhang griff,
der über einem Stuhl hing, und ihn Petra umlegte. Petra jedoch—als sie ihn
von nahem roch, empfand den eigentümlichen Dunst der Stube so heftig,
daß sie bat, man möge sie an die frische Luft lassen. Die Mutter sah, daß ihr
schlecht wurde, machte schnell die Tür auf und führte sie in den Garten
hinaus. Hier sog sie in der kühlen Nacht die klare Herbstluft in langen,
vollen Zügen ein.—"Wo soll ich hin?" fragte sie, als sie sich wieder etwas
erholt hatte. "Nach Bergen!" erwiderte die Mutter und half ihr den Mantel
zuknöpfen. "Das ist eine große Stadt, wo keiner Dich kennt." Als sie fertig
war, stellte sie sich vor die Haustür. "Du kriegst hundert Taler mit," fuhr die
Mutter fort; "so hast Du, wenn es irgendwie schief geht, einen Notpfennig.
Der—der hier—borgt Dir das Geld," "—schenkt—schenkt—" flüsterte
fort. Das Talglicht tropfte, und die Uhr hackte. Die Übelkeit übermannte
Petra mehr und mehr—und dazwischendurch summten unablässig die
Worte der Mutter: "Ich hab' diesen Mann früher mal gekannt." Die Uhr griff
es auf und fing an zu ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—
gekannt." So oft ihr später in ihrem Leben einmal eingeschlossene Luft
entgegenschlug, stand ihr die Stube und ihre eigene Übelkeit und die Uhr
mit ihrem: "Ich hab'—diesen Mann—mal früher—gekannt—" vor Augen.
So oft ihr an Bord eines Dampfers der Ölgeruch, der Gestank des fauligen
Meerwassers unter der Kajüte, der Dunst des Essens entgegendrang,—
augenblicklich wurde sie seekrank, und durch die Seekrankheit hindurch
hörte sie bei Tag und bei Nacht ticken: "Ich hab'—diesen Mann—mal
früher—gekannt."
Als Pedro wieder eintrat, hatte er eine wollene Mütze auf und einen
altmodischen steifen Mantel um, der ihm bis über die Ohren reichte. "Ja,
also ich wär' fertig," sagte er und streifte sich Fäustlinge über, als solle er in
den dicksten Winter hinaus. "Jetzt dürfen wir nicht vergessen, den Mantel
für—für—" er wandte sich um—"den Mantel für—" Er blickte zu Petra
hinüber und von ihr zu Gunlaug, die jetzt nach einem blauen Umhang griff,
der über einem Stuhl hing, und ihn Petra umlegte. Petra jedoch—als sie ihn
von nahem roch, empfand den eigentümlichen Dunst der Stube so heftig,
daß sie bat, man möge sie an die frische Luft lassen. Die Mutter sah, daß ihr
schlecht wurde, machte schnell die Tür auf und führte sie in den Garten
hinaus. Hier sog sie in der kühlen Nacht die klare Herbstluft in langen,
vollen Zügen ein.—"Wo soll ich hin?" fragte sie, als sie sich wieder etwas
erholt hatte. "Nach Bergen!" erwiderte die Mutter und half ihr den Mantel
zuknöpfen. "Das ist eine große Stadt, wo keiner Dich kennt." Als sie fertig
war, stellte sie sich vor die Haustür. "Du kriegst hundert Taler mit," fuhr die
Mutter fort; "so hast Du, wenn es irgendwie schief geht, einen Notpfennig.
Der—der hier—borgt Dir das Geld," "—schenkt—schenkt—" flüsterte
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Pedro, der eben an ihnen vorbei auf die Straße heraustrat. "Borgt Dir das
Geld," wiederholte die Mutter, als habe er nichts gesagt; "ich werd' es ihm
zurückzahlen." Sie nahm ihr Halstuch ab, band es Petra um und sagte:
"Sobald es Dir gut geht, schreibst Du. Eher nicht."—"Mutter!"—"Und jetzt
bringt er Dich an Bord; das Schiff liegt draußen vor Anker."—"O Gott,
Mutter!"—"So, das wäre wohl alles. Weiter gehe ich nicht mit."—"Mutter!
Mutter!"—"Gott behüte Dich! Leb' wohl!"—"Mutter! Verzeih mir,
Mutter!"—"Und erkälte Dich nicht auf dem Wasser!" Damit hatte sie Petra
behutsam zur Gartenpforte hinausgeschoben und schloß jetzt hinter ihr zu.
Petra stand draußen und blickte auf die verschlossene Pforte. Sie fühlte
sich so elend, so ausgestoßen, wie nur je ein Menschenkind sich fühlen
kann. Und doch—gerade aus diesem Gefühl des Verstoßenseins, aus all
dem Unrecht, den Tränen stieg eine Ahnung auf, ein Glaube; wie ein
Flammenschein war es—, der aufglüht und wieder erlischt,
hochaufsprühend in alle Lüfte und wieder in Asche gesunken; und doch—
einen Augenblick lang alles sieghaft überstrahlend—. Sie hob die Augen.
Und stand wieder im tiefen Dunkel.
Still—langsam—durch die öden Gassen der kleinen Stadt, vorbei an den
ungastlichen, entblätterten Gärten, vorbei an den verschlossenen,
erloschenen Häusern glitt sie dahin, hinter dem Mann, der in seinen großen
Stiefeln und dem Mantel, vornübergeneigt, gewissermaßen ohne Kopf,
voranstapfte. Sie kamen in die Allee, wieder schritten sie durch raschelndes
Laub und sahen gespenstisch emporgereckte und verlangende Äste, die
nach ihnen haschten. Sie krochen den Berg hinunter, zum gelben Schuppen,
wo das Boot lag; er machte sich sofort daran, es auszuschöpfen; dann
ruderte er sie hinaus, am Land entlang, das jetzt dalag zu einem schwarzen
Klumpen geballt, auf den sich schwer der Himmel niedergesenkt hatte. Feld
und Wald, Häuser und Hügel, alles war ausgelöscht. Nichts mehr erblickte
sie von alledem, was sie von Kindheit an bis gestern Tag für Tag vor Augen
Geld," wiederholte die Mutter, als habe er nichts gesagt; "ich werd' es ihm
zurückzahlen." Sie nahm ihr Halstuch ab, band es Petra um und sagte:
"Sobald es Dir gut geht, schreibst Du. Eher nicht."—"Mutter!"—"Und jetzt
bringt er Dich an Bord; das Schiff liegt draußen vor Anker."—"O Gott,
Mutter!"—"So, das wäre wohl alles. Weiter gehe ich nicht mit."—"Mutter!
Mutter!"—"Gott behüte Dich! Leb' wohl!"—"Mutter! Verzeih mir,
Mutter!"—"Und erkälte Dich nicht auf dem Wasser!" Damit hatte sie Petra
behutsam zur Gartenpforte hinausgeschoben und schloß jetzt hinter ihr zu.
Petra stand draußen und blickte auf die verschlossene Pforte. Sie fühlte
sich so elend, so ausgestoßen, wie nur je ein Menschenkind sich fühlen
kann. Und doch—gerade aus diesem Gefühl des Verstoßenseins, aus all
dem Unrecht, den Tränen stieg eine Ahnung auf, ein Glaube; wie ein
Flammenschein war es—, der aufglüht und wieder erlischt,
hochaufsprühend in alle Lüfte und wieder in Asche gesunken; und doch—
einen Augenblick lang alles sieghaft überstrahlend—. Sie hob die Augen.
Und stand wieder im tiefen Dunkel.
Still—langsam—durch die öden Gassen der kleinen Stadt, vorbei an den
ungastlichen, entblätterten Gärten, vorbei an den verschlossenen,
erloschenen Häusern glitt sie dahin, hinter dem Mann, der in seinen großen
Stiefeln und dem Mantel, vornübergeneigt, gewissermaßen ohne Kopf,
voranstapfte. Sie kamen in die Allee, wieder schritten sie durch raschelndes
Laub und sahen gespenstisch emporgereckte und verlangende Äste, die
nach ihnen haschten. Sie krochen den Berg hinunter, zum gelben Schuppen,
wo das Boot lag; er machte sich sofort daran, es auszuschöpfen; dann
ruderte er sie hinaus, am Land entlang, das jetzt dalag zu einem schwarzen
Klumpen geballt, auf den sich schwer der Himmel niedergesenkt hatte. Feld
und Wald, Häuser und Hügel, alles war ausgelöscht. Nichts mehr erblickte
sie von alledem, was sie von Kindheit an bis gestern Tag für Tag vor Augen
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gehabt hatte; alles hatte sich verschlossen—wie die Stadt; wie die
Menschen sich vor ihr verschlossen, in der Nacht, da sie hinausgestoßen
wurde; und kein Lebwohl begleitete sie.
Auf dem Schiff, das dicht am Strand vor Anker lag und auf die
Morgenbrise wartete, ging ein Mann auf und ab. Sobald er die zwei unter
den Dillen sah, ließ er die Schiffstreppe hinab, half ihnen an Bord und
benachrichtigte den Kapitän, der sofort auf Deck kam. Petra kannte beide,
und beide kannten sie; aber ohne eine Frage, ohne Mitleid, nur wie eine
ganz alltägliche Sache wurde ihr gesagt, was gesagt werden mußte—wo
ihre Koje sei, und was sie zu tun habe, wenn sie irgendetwas wünsche oder
seekrank würde. Letzteres wurde sie auch fast augenblicklich, als sie in ihre
Kabine trat, und sie ging darum, sobald sie sich umgekleidet hatte, wieder
auf Deck. Da oben roch es—jawohl—nach Schokolade! Sie verspürte einen
entsetzlichen Hunger; es bohrte, es zerrte geradezu in ihrem Magen, und da
kam auch schon der Mann, der ihr an Bord geholfen hatte, mit einer großen
Kanne aus der Schiffsküche; und dazu Kuchen! Ihre Mutter schicke ihr das,
sagte er. Während sie aß und trank, berichtete er, die Mutter habe auch eine
Kiste mit ihren besten Kleidern und mit leinenem und wollenem Unterzeug
an Bord geschickt, auch Eßwaren und allerhand Leckereien. Und in diesem
Augenblick stieg plötzlich die Erinnerung an die Mutter gewaltig in ihr auf
—ein Bild, großzügig, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte, das ihr
aber von Stund an ihr Leben lang blieb. Und vor dem Bild, sicher und doch
wehmutsvoll, eine Verheißung, ein Gebet, daß sie dereinst der Mutter all
das Leid, das sie über sie gebracht hatte, mit ein klein bißchen Freude
vergelten dürfe.
Pedro Ohlsen saß neben ihr, wo sie saß, und ging neben ihr, wo sie ging
—stets eifrig darauf bedacht, ihr nie und nirgends im Weg zu sein, und
darum fortwährend und überall im Weg auf dem mit Frachtstücken
überfüllten Deck. Sie sah nichts von seinem Gesicht als die große Nase und
Menschen sich vor ihr verschlossen, in der Nacht, da sie hinausgestoßen
wurde; und kein Lebwohl begleitete sie.
Auf dem Schiff, das dicht am Strand vor Anker lag und auf die
Morgenbrise wartete, ging ein Mann auf und ab. Sobald er die zwei unter
den Dillen sah, ließ er die Schiffstreppe hinab, half ihnen an Bord und
benachrichtigte den Kapitän, der sofort auf Deck kam. Petra kannte beide,
und beide kannten sie; aber ohne eine Frage, ohne Mitleid, nur wie eine
ganz alltägliche Sache wurde ihr gesagt, was gesagt werden mußte—wo
ihre Koje sei, und was sie zu tun habe, wenn sie irgendetwas wünsche oder
seekrank würde. Letzteres wurde sie auch fast augenblicklich, als sie in ihre
Kabine trat, und sie ging darum, sobald sie sich umgekleidet hatte, wieder
auf Deck. Da oben roch es—jawohl—nach Schokolade! Sie verspürte einen
entsetzlichen Hunger; es bohrte, es zerrte geradezu in ihrem Magen, und da
kam auch schon der Mann, der ihr an Bord geholfen hatte, mit einer großen
Kanne aus der Schiffsküche; und dazu Kuchen! Ihre Mutter schicke ihr das,
sagte er. Während sie aß und trank, berichtete er, die Mutter habe auch eine
Kiste mit ihren besten Kleidern und mit leinenem und wollenem Unterzeug
an Bord geschickt, auch Eßwaren und allerhand Leckereien. Und in diesem
Augenblick stieg plötzlich die Erinnerung an die Mutter gewaltig in ihr auf
—ein Bild, großzügig, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte, das ihr
aber von Stund an ihr Leben lang blieb. Und vor dem Bild, sicher und doch
wehmutsvoll, eine Verheißung, ein Gebet, daß sie dereinst der Mutter all
das Leid, das sie über sie gebracht hatte, mit ein klein bißchen Freude
vergelten dürfe.
Pedro Ohlsen saß neben ihr, wo sie saß, und ging neben ihr, wo sie ging
—stets eifrig darauf bedacht, ihr nie und nirgends im Weg zu sein, und
darum fortwährend und überall im Weg auf dem mit Frachtstücken
überfüllten Deck. Sie sah nichts von seinem Gesicht als die große Nase und
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die Augen, und nicht einmal diese deutlich; doch immer merkte man ihm
an, daß er bedrückt wurde von etwas, das er gern sagen wollte, und doch
nicht sagen konnte. Er seufzte, er setzte sich, stand auf, ging um sie herum
und setzte sich wieder; aber kein Wort kam aus seinem Munde, und auch sie
blieb stumm. Zuletzt konnte er es nicht länger aushaken; linkisch zog er ein
Ungeheuer von einer ledernen Brieftasche hervor und flüsterte ihr zu: da
seien die hundert Taler—und noch ein bißchen drüber. Sie streckte die Hand
aus und bedankte sich; und dabei kam sie seinem Gesicht so nahe, daß sie
bemerkte, wie seine Augen in feuchtem Glanz an den ihren hingen. Denn
mit ihr schwand ja der letzte Rest von Leben, der seinem dahinsiechenden
Dasein noch geblieben war. Er hätte ihr so gern noch etwas gesagt, das ihm
eine freundliche Erinnerung gesichert hätte, wenn er nun bald nicht mehr da
sei; aber das war ihm verboten; und obwohl er es trotzdem gern getan hätte,
wagte er es doch nicht; sie kam ihm so gar nicht zu Hilfe! Petra war müde,
so müde. Und der Gedanke, er sei der Anlaß gewesen, daß sie damals die
erste Sünde an ihrer Mutter begangen habe, wollte gerade jetzt nicht von ihr
weichen. Sie konnte ihn nicht mehr gern haben; und je länger er da saß,
desto schlimmer wurde es; denn wenn man müde ist, wird man leicht
ungeduldig. Der Ärmste fühlte das; es blieb ihm also nichts anderes übrig,
als sich zu verabschieden; und während er seine dürre Hand aus dem
Fausthandschuh zog, brachte er schließlich ein geflüstertes Lebewohl
heraus. Sie legte ihre warme Hand in die seine, und beide standen auf.
"Vielen Dank,—und grüß' Mutter!" sagte sie. Er stieß einen Seufzer aus
oder eine Art Glucksen—einmal und noch ein paarmal; dann ließ er ihre
Hand los, wandte sich ab und kletterte rücklings, still, die Schiffstreppe
hinunter. Sie trat an die Reling; er sah noch immer herauf, grüßte, setzte
sich und ruderte langsam davon. Sie blieb stehen, bis er im Dunkel
verschwunden war. Dann aber ging auch sie gleich nach unten; sie war so
müde, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte; und obwohl sie
sofort seekrank wurde, so hatte sie doch kaum den Kopf aufs Kissen gelegt
an, daß er bedrückt wurde von etwas, das er gern sagen wollte, und doch
nicht sagen konnte. Er seufzte, er setzte sich, stand auf, ging um sie herum
und setzte sich wieder; aber kein Wort kam aus seinem Munde, und auch sie
blieb stumm. Zuletzt konnte er es nicht länger aushaken; linkisch zog er ein
Ungeheuer von einer ledernen Brieftasche hervor und flüsterte ihr zu: da
seien die hundert Taler—und noch ein bißchen drüber. Sie streckte die Hand
aus und bedankte sich; und dabei kam sie seinem Gesicht so nahe, daß sie
bemerkte, wie seine Augen in feuchtem Glanz an den ihren hingen. Denn
mit ihr schwand ja der letzte Rest von Leben, der seinem dahinsiechenden
Dasein noch geblieben war. Er hätte ihr so gern noch etwas gesagt, das ihm
eine freundliche Erinnerung gesichert hätte, wenn er nun bald nicht mehr da
sei; aber das war ihm verboten; und obwohl er es trotzdem gern getan hätte,
wagte er es doch nicht; sie kam ihm so gar nicht zu Hilfe! Petra war müde,
so müde. Und der Gedanke, er sei der Anlaß gewesen, daß sie damals die
erste Sünde an ihrer Mutter begangen habe, wollte gerade jetzt nicht von ihr
weichen. Sie konnte ihn nicht mehr gern haben; und je länger er da saß,
desto schlimmer wurde es; denn wenn man müde ist, wird man leicht
ungeduldig. Der Ärmste fühlte das; es blieb ihm also nichts anderes übrig,
als sich zu verabschieden; und während er seine dürre Hand aus dem
Fausthandschuh zog, brachte er schließlich ein geflüstertes Lebewohl
heraus. Sie legte ihre warme Hand in die seine, und beide standen auf.
"Vielen Dank,—und grüß' Mutter!" sagte sie. Er stieß einen Seufzer aus
oder eine Art Glucksen—einmal und noch ein paarmal; dann ließ er ihre
Hand los, wandte sich ab und kletterte rücklings, still, die Schiffstreppe
hinunter. Sie trat an die Reling; er sah noch immer herauf, grüßte, setzte
sich und ruderte langsam davon. Sie blieb stehen, bis er im Dunkel
verschwunden war. Dann aber ging auch sie gleich nach unten; sie war so
müde, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte; und obwohl sie
sofort seekrank wurde, so hatte sie doch kaum den Kopf aufs Kissen gelegt
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und die zwei oder drei ersten Bitten des Vaterunsers gebetet, als sie auch
schon schlief.
*****
Droben neben dem gelben Bootschuppen saß zu derselben Stunde die
Mutter. Sie war ihnen langsam den ganzen Weg gefolgt, und hatte sich,
gerade als die beiden vom Lande stießen, hinter den Schuppen gesetzt. Von
derselben Stelle aus war Pedro Ohlsen in alten Zeiten oft mit ihr
hinausgerudert; es war lange, lange her; aber als er jetzt mit ihrem Kinde
davonruderte, mußte sie daran denken.
Sobald sie ihn allein zurückkehren sah, stand sie auf und ging; sie wußte
jetzt, daß die Tochter wohlbehalten an Bord war. Sie ging nicht nach Hause,
sondern ins Land hinaus. Dort fand sie im Dunkeln den Pfad, der in die
Berge führte; den schlug sie ein. Über einen Monat blieb ihr Haus in der
Stadt leer und halb zertrümmert stehen; sie wollte nicht eher wieder heim,
als bis sie gute Nachricht von der Tochter hatte.
Aber inzwischen hatte sich auch die feindliche Stimmung geklärt. Alle
niedrigen Naturen finden eine aufreizende Freude darin, sich zur
Verfolgung eines Stärkeren zusammenzutun; aber nur, solange dieser
Widerstand leistet. Sobald sie sehen, daß er sich ruhig mißhandeln läßt,
beschleicht sie ein Gefühl der Scham, und ihre ganze Wut wendet sich nun
gegen den, der es wagt, noch einen Stein zu werfen. Man hatte sich darauf
gefreut, Gunlaugs mächtige Stimme durch den Hohlweg dröhnen zu hören;
man hatte gedacht, sie werde ihre Matrosen zu Hilfe rufen und zum
Straßenkampf aufbieten. Als der dritte Abend kam, und sie sich noch immer
nicht sehen ließ, war der Haufen kaum zu bändigen; man wollte hinein,
wollte die beiden Weibsbilder herauszerren, sie auf die Straße werfen, sie
zur Stadt hinausjagen! Die Scheiben waren seit dem vorigen Abend noch
nicht wieder eingesetzt; unter dem Halloh der Menge krochen zwei Männer
schon schlief.
*****
Droben neben dem gelben Bootschuppen saß zu derselben Stunde die
Mutter. Sie war ihnen langsam den ganzen Weg gefolgt, und hatte sich,
gerade als die beiden vom Lande stießen, hinter den Schuppen gesetzt. Von
derselben Stelle aus war Pedro Ohlsen in alten Zeiten oft mit ihr
hinausgerudert; es war lange, lange her; aber als er jetzt mit ihrem Kinde
davonruderte, mußte sie daran denken.
Sobald sie ihn allein zurückkehren sah, stand sie auf und ging; sie wußte
jetzt, daß die Tochter wohlbehalten an Bord war. Sie ging nicht nach Hause,
sondern ins Land hinaus. Dort fand sie im Dunkeln den Pfad, der in die
Berge führte; den schlug sie ein. Über einen Monat blieb ihr Haus in der
Stadt leer und halb zertrümmert stehen; sie wollte nicht eher wieder heim,
als bis sie gute Nachricht von der Tochter hatte.
Aber inzwischen hatte sich auch die feindliche Stimmung geklärt. Alle
niedrigen Naturen finden eine aufreizende Freude darin, sich zur
Verfolgung eines Stärkeren zusammenzutun; aber nur, solange dieser
Widerstand leistet. Sobald sie sehen, daß er sich ruhig mißhandeln läßt,
beschleicht sie ein Gefühl der Scham, und ihre ganze Wut wendet sich nun
gegen den, der es wagt, noch einen Stein zu werfen. Man hatte sich darauf
gefreut, Gunlaugs mächtige Stimme durch den Hohlweg dröhnen zu hören;
man hatte gedacht, sie werde ihre Matrosen zu Hilfe rufen und zum
Straßenkampf aufbieten. Als der dritte Abend kam, und sie sich noch immer
nicht sehen ließ, war der Haufen kaum zu bändigen; man wollte hinein,
wollte die beiden Weibsbilder herauszerren, sie auf die Straße werfen, sie
zur Stadt hinausjagen! Die Scheiben waren seit dem vorigen Abend noch
nicht wieder eingesetzt; unter dem Halloh der Menge krochen zwei Männer
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durchs Fenster, um die Tür zu öffnen, und hinein stürmte die ganze Bande!
Sie durchsuchten alle Räume, oben und unten; sie sprengten Türen, sie
zerschlugen alles, was im Wege stand; sie durchstöberten jeden Winkel, bis
hinab zum Keller, nach Mutter und Tochter; keine Menschenseele war zu
finden! Die Verfolger wurden plötzlich ganz mäuschenstill, als ihnen diese
Entdeckung zum Bewußtsein kam. Einer nach dem andern kamen sie alle,
die drinnen waren, wieder heraus und versteckten sich hinter den übrigen.
Nicht lange, und der Platz vor dem Hause war leer.
Bald wurden in der Stadt Stimmen laut, die erklärten, ein derartiges
Vorgehen zwei wehrlosen Frauen gegenüber sei einfach unwürdig gewesen.
Man besprach das Ereignis, den Vorfall so lange, bis man zu dem Schluß
kam—was auch das Fischermädel verbrochen hatte—Gunlaug hatte keine
Schuld, und ihr war also schweres Unrecht geschehen. Die Stadt vermißte
sie schmerzlich. Schlägereien und Straßenhändel zwischen Betrunkenen
waren bald an der Tagesordnung: die Stadt hatte ihre Polizei verloren. Auch
ihre mächtige Gestalt unter der Tür vermißte man, wenn man am Hause
vorüberging. Besonders aber vermißten die Matrosen sie. Nirgends sei es so
wie bei ihr, behaupteten sie. Bei ihr war jeder nach Verdienst behandelt
worden, jeder hatte seine bestimmte Rangordnung in ihrem Vertrauen inne
gehabt und bei ihr Hilfe gefunden in allen Lebenslagen. Weder Matrosen
noch Schiffer, weder Arbeitsherren noch Hausmütter hatten gewußt, was sie
allen war, bis sie auf einmal nicht mehr da war.
Darum lief es wie eine einzige Freudenbotschaft durch die ganze Stadt,
als jemand sie wieder in ihrem Hause sitzen und kochen und braten gesehen
wie zuvor. Jeder einzelne mußte hinauf und sich selbst davon überzeugen,
daß die Tür wieder ganz war und neue Scheiben hatte, und der Rauch aus
dem Schornstein stieg. Ja, wirklich, es war so! Da war sie wieder! Man
kletterte an der andern Seite des Hohlwegs hinauf, um besser sehen zu
Sie durchsuchten alle Räume, oben und unten; sie sprengten Türen, sie
zerschlugen alles, was im Wege stand; sie durchstöberten jeden Winkel, bis
hinab zum Keller, nach Mutter und Tochter; keine Menschenseele war zu
finden! Die Verfolger wurden plötzlich ganz mäuschenstill, als ihnen diese
Entdeckung zum Bewußtsein kam. Einer nach dem andern kamen sie alle,
die drinnen waren, wieder heraus und versteckten sich hinter den übrigen.
Nicht lange, und der Platz vor dem Hause war leer.
Bald wurden in der Stadt Stimmen laut, die erklärten, ein derartiges
Vorgehen zwei wehrlosen Frauen gegenüber sei einfach unwürdig gewesen.
Man besprach das Ereignis, den Vorfall so lange, bis man zu dem Schluß
kam—was auch das Fischermädel verbrochen hatte—Gunlaug hatte keine
Schuld, und ihr war also schweres Unrecht geschehen. Die Stadt vermißte
sie schmerzlich. Schlägereien und Straßenhändel zwischen Betrunkenen
waren bald an der Tagesordnung: die Stadt hatte ihre Polizei verloren. Auch
ihre mächtige Gestalt unter der Tür vermißte man, wenn man am Hause
vorüberging. Besonders aber vermißten die Matrosen sie. Nirgends sei es so
wie bei ihr, behaupteten sie. Bei ihr war jeder nach Verdienst behandelt
worden, jeder hatte seine bestimmte Rangordnung in ihrem Vertrauen inne
gehabt und bei ihr Hilfe gefunden in allen Lebenslagen. Weder Matrosen
noch Schiffer, weder Arbeitsherren noch Hausmütter hatten gewußt, was sie
allen war, bis sie auf einmal nicht mehr da war.
Darum lief es wie eine einzige Freudenbotschaft durch die ganze Stadt,
als jemand sie wieder in ihrem Hause sitzen und kochen und braten gesehen
wie zuvor. Jeder einzelne mußte hinauf und sich selbst davon überzeugen,
daß die Tür wieder ganz war und neue Scheiben hatte, und der Rauch aus
dem Schornstein stieg. Ja, wirklich, es war so! Da war sie wieder! Man
kletterte an der andern Seite des Hohlwegs hinauf, um besser sehen zu
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können. Da saß sie—vor dem Backofen; sie blickte weder auf noch hinaus
—die Augen folgten der Hand, und die Hand arbeitete. Denn sie war
zurückgekehrt, um wieder zu verdienen, was sie verloren hatte, vor allem
die hundert Taler, die sie Pedro Ohlsen schuldete. Anfangs begnügte man
sich damit, zu ihr hineinzugucken; man getraute sich nicht ins Haus—des
bösen Gewissens wegen! Aber so nach und nach kamen sie doch wieder;
zuerst die Hausmütter, die lieben, guten! Aber sie fanden keinerlei
Gelegenheit, von anderem zu reden als von Geschäften; Gunlaug hörte
einfach auf nichts anderes. Dann kamen die Fischer, dann die Kaufleute und
Schiffer, die Leute dingen und sich bei ihr Auskunft holen wollten, und
endlich, am nächsten Sonntag, auch die Matrosen. Die mußten sich
verabredet haben; denn gegen Abend war das Haus mit einem Male so
überfüllt, daß nicht nur die beiden Stuben besetzt waren, sondern daß man
auch noch die Tische und Stühle, die im Sommer im Garten standen,
hervorholen und im Flur, in der Küche, im Hinterzimmer aufstellen mußte.
Niemand, der diese Versammlung gesehen, hätte ahnen können, mit
welchen Gefühlen diese Leute hier saßen; denn mit dem Augenblick, da sie
Gunlaugs Schwelle wieder überschritten, hatte diese Frau stillschweigend
wieder das Kommando übernommen, und die breite Sicherheit, mit der sie
jedem das seine verabfolgte, unterdrückte jeden Willkommgruß, jede Frage.
Sie war ganz wie sonst, nur daß ihr Haar nicht mehr schwarz und ihr Wesen
ein bißchen stiller war. Aber als die Matrosen anfingen, lustig zu werden,
konnten sie sich nicht länger halten; so oft Gunlaug und das Mädchen
draußen waren, schrien sie dem Bootsmann Knud zu, der immer ihr
Liebling gewesen war: er möge doch ein Hoch auf sie ausbringen, wenn sie
wieder hereinkomme. Doch selbst er fand nicht eher den Mut dazu, als bis
ihm die Hitze ein bißchen zu Kopf gestiegen war. Da endlich, als sie
hereinkam, um leere Gläser und Flaschen abzuräumen, stand er auf und
sagte: "Es sei man schön, daß sie wieder da sei. Denn—wahrhaft'gen Gott
—es—es sei man schön, daß sie wieder da sei!" und alle fanden das gut
—die Augen folgten der Hand, und die Hand arbeitete. Denn sie war
zurückgekehrt, um wieder zu verdienen, was sie verloren hatte, vor allem
die hundert Taler, die sie Pedro Ohlsen schuldete. Anfangs begnügte man
sich damit, zu ihr hineinzugucken; man getraute sich nicht ins Haus—des
bösen Gewissens wegen! Aber so nach und nach kamen sie doch wieder;
zuerst die Hausmütter, die lieben, guten! Aber sie fanden keinerlei
Gelegenheit, von anderem zu reden als von Geschäften; Gunlaug hörte
einfach auf nichts anderes. Dann kamen die Fischer, dann die Kaufleute und
Schiffer, die Leute dingen und sich bei ihr Auskunft holen wollten, und
endlich, am nächsten Sonntag, auch die Matrosen. Die mußten sich
verabredet haben; denn gegen Abend war das Haus mit einem Male so
überfüllt, daß nicht nur die beiden Stuben besetzt waren, sondern daß man
auch noch die Tische und Stühle, die im Sommer im Garten standen,
hervorholen und im Flur, in der Küche, im Hinterzimmer aufstellen mußte.
Niemand, der diese Versammlung gesehen, hätte ahnen können, mit
welchen Gefühlen diese Leute hier saßen; denn mit dem Augenblick, da sie
Gunlaugs Schwelle wieder überschritten, hatte diese Frau stillschweigend
wieder das Kommando übernommen, und die breite Sicherheit, mit der sie
jedem das seine verabfolgte, unterdrückte jeden Willkommgruß, jede Frage.
Sie war ganz wie sonst, nur daß ihr Haar nicht mehr schwarz und ihr Wesen
ein bißchen stiller war. Aber als die Matrosen anfingen, lustig zu werden,
konnten sie sich nicht länger halten; so oft Gunlaug und das Mädchen
draußen waren, schrien sie dem Bootsmann Knud zu, der immer ihr
Liebling gewesen war: er möge doch ein Hoch auf sie ausbringen, wenn sie
wieder hereinkomme. Doch selbst er fand nicht eher den Mut dazu, als bis
ihm die Hitze ein bißchen zu Kopf gestiegen war. Da endlich, als sie
hereinkam, um leere Gläser und Flaschen abzuräumen, stand er auf und
sagte: "Es sei man schön, daß sie wieder da sei. Denn—wahrhaft'gen Gott
—es—es sei man schön, daß sie wieder da sei!" und alle fanden das gut
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gesprochen und erhoben sich und riefen: "Ja, das is man schön! Das is man
schön!" Und die im Flur und in der Küche und in den andern Stuben
standen ebenfalls auf, und drängten herein und stimmten mit ein, und der
Bootsmann gab Gunlaug ein Glas in die Hand und schrie Hurra! Und nun
ließen sie alle ein paar Hurras los, als ob das Dach auffliegen und in die
Wolken fahren sollte. Bald hörte man einen laut verkünden: sie hätten ihr
schmählich unrecht getan, dann schwur ein anderer dasselbe, und
schließlich schwur und fluchte die ganze Gesellschaft: ihr sei das
schmählichste Unrecht widerfahren. Als endlich Stille eintrat, weil es alle
nach einem Wort Gunlaugs verlangte, dankte sie ihnen: "aber", fügte sie
hinzu und sammelte ihre Gläser und Flaschen ruhig weiter ein, "solange ich
nicht davon rede, braucht Ihr's auch nicht. Verstanden?" Dann, nachdem sie
so viele Gläser und Flaschen beisammen hatte, als sie tragen konnte, ging
sie hinaus, um gleich darauf die übrigen zu holen. Von diesem Augenblick
an war ihre Macht unerschütterlich.
Siebentes Kapitel
Es war Abend und dunkel, als das Schiff im Hafen von Bergen Anker
warf. Noch halb taumelnd von der Seekrankheit wurde Petra im
Kapitänsboot durch das Gewimmel von großen und kleinen Schiffen und
dann weiter durch das Lärmen und Toben der Bootsleute auf den Brücken
und der Bauern und Straßenjungen in den engen Winkelgassen geführt,
durch die der Weg ging. Vor einem kleinen hübschen Haus machten sie
Halt, und dort nahm auf die Bitte des Kapitäns eine ältere Dame sich Petras
liebevoll an. Sie fühlte Hunger und Müdigkeit, und beide Bedürfnisse
konnte sie hier befriedigen. Gegen Mittag des folgenden Tages wachte sie
frisch und munter auf, zu neuen Lauten, neuem Sprachklang und—als sie
schön!" Und die im Flur und in der Küche und in den andern Stuben
standen ebenfalls auf, und drängten herein und stimmten mit ein, und der
Bootsmann gab Gunlaug ein Glas in die Hand und schrie Hurra! Und nun
ließen sie alle ein paar Hurras los, als ob das Dach auffliegen und in die
Wolken fahren sollte. Bald hörte man einen laut verkünden: sie hätten ihr
schmählich unrecht getan, dann schwur ein anderer dasselbe, und
schließlich schwur und fluchte die ganze Gesellschaft: ihr sei das
schmählichste Unrecht widerfahren. Als endlich Stille eintrat, weil es alle
nach einem Wort Gunlaugs verlangte, dankte sie ihnen: "aber", fügte sie
hinzu und sammelte ihre Gläser und Flaschen ruhig weiter ein, "solange ich
nicht davon rede, braucht Ihr's auch nicht. Verstanden?" Dann, nachdem sie
so viele Gläser und Flaschen beisammen hatte, als sie tragen konnte, ging
sie hinaus, um gleich darauf die übrigen zu holen. Von diesem Augenblick
an war ihre Macht unerschütterlich.
Siebentes Kapitel
Es war Abend und dunkel, als das Schiff im Hafen von Bergen Anker
warf. Noch halb taumelnd von der Seekrankheit wurde Petra im
Kapitänsboot durch das Gewimmel von großen und kleinen Schiffen und
dann weiter durch das Lärmen und Toben der Bootsleute auf den Brücken
und der Bauern und Straßenjungen in den engen Winkelgassen geführt,
durch die der Weg ging. Vor einem kleinen hübschen Haus machten sie
Halt, und dort nahm auf die Bitte des Kapitäns eine ältere Dame sich Petras
liebevoll an. Sie fühlte Hunger und Müdigkeit, und beide Bedürfnisse
konnte sie hier befriedigen. Gegen Mittag des folgenden Tages wachte sie
frisch und munter auf, zu neuen Lauten, neuem Sprachklang und—als sie
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die Gardine aufzog, zu einer neuen Natur, zu einer neuen Stadt mit neuen
Menschen. Ja, sie selbst war wie neugeboren, fand sie, als sie vor den
Spiegel trat. Dies Gesicht war nicht das alte mehr; worin die Veränderung
bestand, darüber konnte sie sich freilich selbst nicht Rechenschaft geben;
sie wußte nicht, daß in ihrem Alter Leid und Gemütsbewegung die Züge
verfeinern und vergeistigen; aber sie mußte doch, als sie sich im Spiegel
sah, wieder an die letzten Nächte denken, und sie bebte noch bei diesem
Nachhall. Darum beeilte sie sich, fertig zu werden, damit sie hinunter
konnte zu all dem Neuen, das ihrer wartete. Unten traf sie ihre Wirtin und
einige Damen, die sie zunächst einmal gründlich von allen Seiten
betrachteten und ihr dann versprachen, sich ihrer anzunehmen. Als erstes
wollten sie ihr die Stadt zeigen. Da sie allerlei einzukaufen hatte, lief sie
hinauf zu ihrer Brieftasche. Weil sie sich jedoch schämte, das plumpe dicke
Ding mit hinunterzunehmen, öffnete sie es, um Geld herauszunehmen. Sie
fand nicht hundert, sondern dreihundert Taler darin! Also wieder Pedro
Ohlsen, der gegen der Mutter Wissen und Willen Geld schenken wollte! So
wenig verstand sie vom Wert des Geldes, daß sie sich über die Größe der
Summe nicht einmal wunderte; es kam ihr darum auch gar nicht in den
Sinn, über den Grund dieser großen Freigebigkeit weiter nachzudenken.
Statt eines freudestrahlenden Dankbriefes voll ahnungsvoller Fragen
überbrachte Gunlaug Pedro Ohlsen ein Schreiben von Petra an sie selbst,
worin die Tochter mit schlecht verhehltem Ärger ihren Wohltäter verriet
und fragte, was sie mit dem eingeschmuggelten Geschenk anfangen solle.
Der erste Eindruck, den Petra von der Stadt empfing, war ein starker
Natureindruck. Sie konnte das Gefühl nicht los werden, als umdrängten die
Berge sie so dicht, daß sie sich vor ihnen in acht nehmen müsse. So oft sie
das Auge erhob, fühlte sie sich bedrückt, und dann wieder trieb es sie, die
Hand auszustrecken und an den Stein zu pochen. Bisweilen war ihr, als
gebe es hier keinen Ausgang mehr. Sonnenverlassen und finster standen die
Berge, die Wolken hingen schwer darauf nieder oder jagten darüber weg;
Menschen. Ja, sie selbst war wie neugeboren, fand sie, als sie vor den
Spiegel trat. Dies Gesicht war nicht das alte mehr; worin die Veränderung
bestand, darüber konnte sie sich freilich selbst nicht Rechenschaft geben;
sie wußte nicht, daß in ihrem Alter Leid und Gemütsbewegung die Züge
verfeinern und vergeistigen; aber sie mußte doch, als sie sich im Spiegel
sah, wieder an die letzten Nächte denken, und sie bebte noch bei diesem
Nachhall. Darum beeilte sie sich, fertig zu werden, damit sie hinunter
konnte zu all dem Neuen, das ihrer wartete. Unten traf sie ihre Wirtin und
einige Damen, die sie zunächst einmal gründlich von allen Seiten
betrachteten und ihr dann versprachen, sich ihrer anzunehmen. Als erstes
wollten sie ihr die Stadt zeigen. Da sie allerlei einzukaufen hatte, lief sie
hinauf zu ihrer Brieftasche. Weil sie sich jedoch schämte, das plumpe dicke
Ding mit hinunterzunehmen, öffnete sie es, um Geld herauszunehmen. Sie
fand nicht hundert, sondern dreihundert Taler darin! Also wieder Pedro
Ohlsen, der gegen der Mutter Wissen und Willen Geld schenken wollte! So
wenig verstand sie vom Wert des Geldes, daß sie sich über die Größe der
Summe nicht einmal wunderte; es kam ihr darum auch gar nicht in den
Sinn, über den Grund dieser großen Freigebigkeit weiter nachzudenken.
Statt eines freudestrahlenden Dankbriefes voll ahnungsvoller Fragen
überbrachte Gunlaug Pedro Ohlsen ein Schreiben von Petra an sie selbst,
worin die Tochter mit schlecht verhehltem Ärger ihren Wohltäter verriet
und fragte, was sie mit dem eingeschmuggelten Geschenk anfangen solle.
Der erste Eindruck, den Petra von der Stadt empfing, war ein starker
Natureindruck. Sie konnte das Gefühl nicht los werden, als umdrängten die
Berge sie so dicht, daß sie sich vor ihnen in acht nehmen müsse. So oft sie
das Auge erhob, fühlte sie sich bedrückt, und dann wieder trieb es sie, die
Hand auszustrecken und an den Stein zu pochen. Bisweilen war ihr, als
gebe es hier keinen Ausgang mehr. Sonnenverlassen und finster standen die
Berge, die Wolken hingen schwer darauf nieder oder jagten darüber weg;
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Wind und Regen in unaufhörlichem Wechsel; von den Bergen kam es, die
Berge sandten es hernieder auf die Stadt. Aber die Menge Menschen rings
um sie her hatte gar nichts Bedrücktes. Sie wurde bald froh unter ihnen;
denn in ihrer Geschäftigkeit lag eine Freiheit, eine Leichtigkeit, eine
Heiterkeit, wie sie sie gar nicht kannte, und die ihr nach allem, was sie
erlebt hatte, wie ein Lächeln, ein Willkommgruß erschien.
Als sie am nächsten Tag beim Mittagessen äußerte, sie möchte am
liebsten irgendwohin, wo recht viele Leute seien, schlug man ihr vor, ins
Theater zu gehen; da könne sie Hunderte von Menschen in einem einzigen
Haus beieinander sehen.—Jawohl, da wollte sie hin! Man besorgte ihr ein
Billet, das Theater lag ganz in der Nähe, und zur bestimmten Zeit begleitete
man sie hin und wies ihr einen Platz in der ersten Reihe des Balkons an. Da
saß sie, in strahlender Beleuchtung, unter Hunderten fröhlicher Menschen,
ringsum leuchtende Farben und Geplauder, das von allen Seiten über sie
hereinbrauste wie das Rauschen des offenen Meeres.
Was es hier eigentlich zu sehen gab, davon hatte Petra keine Ahnung. Ihr
Wissen beschränkte sich auf das, was Ödegaard ihr gesagt, und was ihr
zufälliger Verkehr sie gelehrt hatte. Aber das Theater hatte Ödegaard mit
keinem Worte je erwähnt.
Die Matrosen hatten von einem Theater gesprochen, wo es wilde Tiere
gab und Kunstreiter; und die jungen Burschen der Stadt kamen gar nicht auf
den Gedanken, vom Schauspiel zu reden, wenn sie auch von der Schule her
ein bißchen davon wußten; denn das Städtchen selbst hatte kein Theater,
nicht einmal ein Gebäude, das den Namen führte. Reisende Tierbändiger,
Seiltänzer und Clowns trieben ihre Künste entweder in einer Strandbude
oder auf freiem Feld. Ihre Unwissenheit war so groß, daß sie nicht einmal
imstande war, zu fragen; sie saß da und erwartete naiv irgend etwas
Merkwürdiges, etwa Kamele oder Affen. Allmählich beherrschte diese
Berge sandten es hernieder auf die Stadt. Aber die Menge Menschen rings
um sie her hatte gar nichts Bedrücktes. Sie wurde bald froh unter ihnen;
denn in ihrer Geschäftigkeit lag eine Freiheit, eine Leichtigkeit, eine
Heiterkeit, wie sie sie gar nicht kannte, und die ihr nach allem, was sie
erlebt hatte, wie ein Lächeln, ein Willkommgruß erschien.
Als sie am nächsten Tag beim Mittagessen äußerte, sie möchte am
liebsten irgendwohin, wo recht viele Leute seien, schlug man ihr vor, ins
Theater zu gehen; da könne sie Hunderte von Menschen in einem einzigen
Haus beieinander sehen.—Jawohl, da wollte sie hin! Man besorgte ihr ein
Billet, das Theater lag ganz in der Nähe, und zur bestimmten Zeit begleitete
man sie hin und wies ihr einen Platz in der ersten Reihe des Balkons an. Da
saß sie, in strahlender Beleuchtung, unter Hunderten fröhlicher Menschen,
ringsum leuchtende Farben und Geplauder, das von allen Seiten über sie
hereinbrauste wie das Rauschen des offenen Meeres.
Was es hier eigentlich zu sehen gab, davon hatte Petra keine Ahnung. Ihr
Wissen beschränkte sich auf das, was Ödegaard ihr gesagt, und was ihr
zufälliger Verkehr sie gelehrt hatte. Aber das Theater hatte Ödegaard mit
keinem Worte je erwähnt.
Die Matrosen hatten von einem Theater gesprochen, wo es wilde Tiere
gab und Kunstreiter; und die jungen Burschen der Stadt kamen gar nicht auf
den Gedanken, vom Schauspiel zu reden, wenn sie auch von der Schule her
ein bißchen davon wußten; denn das Städtchen selbst hatte kein Theater,
nicht einmal ein Gebäude, das den Namen führte. Reisende Tierbändiger,
Seiltänzer und Clowns trieben ihre Künste entweder in einer Strandbude
oder auf freiem Feld. Ihre Unwissenheit war so groß, daß sie nicht einmal
imstande war, zu fragen; sie saß da und erwartete naiv irgend etwas
Merkwürdiges, etwa Kamele oder Affen. Allmählich beherrschte diese
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Vorstellung sie so, daß sie anfing, in jedem Gesicht um sich her ein Tier zu
sehen—Pferde, Hunde, Füchse, Katzen, Mäuse; das machte ihr Spaß. Und
so kam es, daß sich das Orchester versammelte, ohne daß sie es merkte.
Erschrocken schnellte sie auf; denn mit einem kurzen, scharfen Gedröhne
von Pauken, Trommeln, Posaunen und Hörnern setzte die Ouvertüre ein.
Sie hatte ihrer Lebtag noch niemals mehr als ein paar Geigen und vielleicht
eine Flöte zusammen gehört. Vor dieser brausenden Herrlichkeit erbleichte
sie; die hatte etwas von einer kalten, schwarzen Sturzwelle; sie zitterte vor
der nächsten; vielleicht würde die noch schlimmer werden—und doch, sie
wünschte sich, daß es nicht aufhören möge. Bald strömten sanftere
Harmonien Licht aus, bald öffneten sich Ausblicke, wie sie sie nie geträumt
hatte. Melodien wiegten sie hinaus, empor, Spiel und Leben schwirrten
rings durch die Luft, mit langem Flügelschlag schwang sich der ganze Zug
aufwärts, senkte sich leise, sammelte sich wuchtig, teilte sich voll Übermut,
in sprühendem Gewimmel, bis ein großes Dunkel sich niedersenkte und
alles deckte; es war, als ob alles hinwegwirbele im Braus eines tosenden
Sturzbachs. Dann wieder ein vereinzelter Ton, wie ein Vogel auf nassem
Zweig über der Tiefe: wehmutvoll, furchtsam stimmte er an, aber während
seines Sangs klärte sich über ihm die Luft, ein Sonnenschimmer brach
hervor, und wieder lagen die weiten, blauenden Fernen voll jenes seltsamen
Wogens und Flatterns hinter den Sonnenstrahlen. Eine Weile währte das fort
—dann—o Wunder! verklang es in mildem Frieden. Die jubelnden Scharen
zogen ferner und immer ferner, nichts mehr war da als die Strahlen, die
durch die Luft sickerten und schmolzen; über der ganzen unendlichen
Fläche nichts als Sonne, still, lichtdurchwoben alles—und in dieser
Seligkeit träumte das Ganze aus. Sie erhob sich unwillkürlich, als es zu
Ende war; denn sie selbst war auch am Ende. O Wunder—da ging die
schöne gemalte Wand gerade vor ihr in die Höhe, bis an die Decke. Sie war
in einer Kirche, einer Kirche mit Bogen und Pfeilern, einer Kirche voll
Orgelbraus und Festesglanz, und Menschen in Gewändern, wie sie sie nie
sehen—Pferde, Hunde, Füchse, Katzen, Mäuse; das machte ihr Spaß. Und
so kam es, daß sich das Orchester versammelte, ohne daß sie es merkte.
Erschrocken schnellte sie auf; denn mit einem kurzen, scharfen Gedröhne
von Pauken, Trommeln, Posaunen und Hörnern setzte die Ouvertüre ein.
Sie hatte ihrer Lebtag noch niemals mehr als ein paar Geigen und vielleicht
eine Flöte zusammen gehört. Vor dieser brausenden Herrlichkeit erbleichte
sie; die hatte etwas von einer kalten, schwarzen Sturzwelle; sie zitterte vor
der nächsten; vielleicht würde die noch schlimmer werden—und doch, sie
wünschte sich, daß es nicht aufhören möge. Bald strömten sanftere
Harmonien Licht aus, bald öffneten sich Ausblicke, wie sie sie nie geträumt
hatte. Melodien wiegten sie hinaus, empor, Spiel und Leben schwirrten
rings durch die Luft, mit langem Flügelschlag schwang sich der ganze Zug
aufwärts, senkte sich leise, sammelte sich wuchtig, teilte sich voll Übermut,
in sprühendem Gewimmel, bis ein großes Dunkel sich niedersenkte und
alles deckte; es war, als ob alles hinwegwirbele im Braus eines tosenden
Sturzbachs. Dann wieder ein vereinzelter Ton, wie ein Vogel auf nassem
Zweig über der Tiefe: wehmutvoll, furchtsam stimmte er an, aber während
seines Sangs klärte sich über ihm die Luft, ein Sonnenschimmer brach
hervor, und wieder lagen die weiten, blauenden Fernen voll jenes seltsamen
Wogens und Flatterns hinter den Sonnenstrahlen. Eine Weile währte das fort
—dann—o Wunder! verklang es in mildem Frieden. Die jubelnden Scharen
zogen ferner und immer ferner, nichts mehr war da als die Strahlen, die
durch die Luft sickerten und schmolzen; über der ganzen unendlichen
Fläche nichts als Sonne, still, lichtdurchwoben alles—und in dieser
Seligkeit träumte das Ganze aus. Sie erhob sich unwillkürlich, als es zu
Ende war; denn sie selbst war auch am Ende. O Wunder—da ging die
schöne gemalte Wand gerade vor ihr in die Höhe, bis an die Decke. Sie war
in einer Kirche, einer Kirche mit Bogen und Pfeilern, einer Kirche voll
Orgelbraus und Festesglanz, und Menschen in Gewändern, wie sie sie nie
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gesehen hatte, schritten herein, auf sie zu und redeten,—ja, wirklich, sie
redeten in der Kirche! Und in einer Sprache, die sie nicht verstand. Wie?
Hinter ihr redeten sie auch? "Setzen!" sagte jemand. Aber da war doch gar
nichts zum Hinsitzen; und die beiden in der Kirche blieben auch ganz ruhig
stehen; und je länger sie hinsah, desto klarer wurde es ihr, daß diese
Trachten dieselben waren, die sie auf einem Bild von Olaf dem Heiligen
gesehen hatte. Und da,—da nannten sie ja auch den Namen des heiligen
Olaf!—"Setzen!" tönte es wieder hinter ihr. "Setzen!" riefen jetzt mehrere
Stimmen. Vielleicht ist dahinten auch irgend etwas, dachte Petra und drehte
sich hastig um. Ein Haufen zorniger Gesichter, manche darunter geradezu
drohend, starrte ihr entgegen. Alles das geht nicht mit rechten Dingen zu!
dachte sie und wollte gehen. Da zupfte eine alte Dame, die neben ihr saß,
sie sachte am Rock. "So setzen Sie sich doch, Kindchen!" flüsterte sie. "Die
hinter Ihnen können ja nichts sehen." Im Nu war sie wieder auf ihrem Platz.
Natürlich—das da vorn ist das Theater, und wir sind die Zuschauer,—
natürlich, das Theater! Und sie wiederholte das Wort, wie um es sich selbst
ins Gedächtnis zurückzurufen. Und wieder blickte sie in die Kirche. Aber so
viel Mühe sie sich auch gab, sie konnte den Menschen, der da redete, nicht
verstehen. Erst als sie so nach und nach dahinter kam, daß es ein Mann war,
jung und hübsch, fing sie ab und zu ein Wort auf. Und als sie begriff, daß er
von Liebe redete, daß er verliebt war, da verstand sie so ziemlich alles. Jetzt
kam ein Dritter hinzu, der sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich
lenkte; denn von Abbildungen her wußte sie, daß das ein Mönch sein
mußte; und einen Mönch zu sehen, das war schon immer ihr sehnlichster
Wunsch gewesen. Der Mönch ging auf so leisen Sohlen, bewegte sich so
still, zeigte ein so frommes Gebaren; er redete so treuherzig, sprach so
langsam, daß sie jedem seiner Worte folgen konnte. Da auf einmal drehte er
sich um und sagte just das Gegenteil von dem, was er vorher gesagt hatte.—
Herrgott! Das ist ja ein Bösewicht! Hört Ihr nicht? Ein Bösewicht ist er!
Man sieht es ihm ja auch an! Daß der junge hübsche Mann das nicht merkt!
redeten in der Kirche! Und in einer Sprache, die sie nicht verstand. Wie?
Hinter ihr redeten sie auch? "Setzen!" sagte jemand. Aber da war doch gar
nichts zum Hinsitzen; und die beiden in der Kirche blieben auch ganz ruhig
stehen; und je länger sie hinsah, desto klarer wurde es ihr, daß diese
Trachten dieselben waren, die sie auf einem Bild von Olaf dem Heiligen
gesehen hatte. Und da,—da nannten sie ja auch den Namen des heiligen
Olaf!—"Setzen!" tönte es wieder hinter ihr. "Setzen!" riefen jetzt mehrere
Stimmen. Vielleicht ist dahinten auch irgend etwas, dachte Petra und drehte
sich hastig um. Ein Haufen zorniger Gesichter, manche darunter geradezu
drohend, starrte ihr entgegen. Alles das geht nicht mit rechten Dingen zu!
dachte sie und wollte gehen. Da zupfte eine alte Dame, die neben ihr saß,
sie sachte am Rock. "So setzen Sie sich doch, Kindchen!" flüsterte sie. "Die
hinter Ihnen können ja nichts sehen." Im Nu war sie wieder auf ihrem Platz.
Natürlich—das da vorn ist das Theater, und wir sind die Zuschauer,—
natürlich, das Theater! Und sie wiederholte das Wort, wie um es sich selbst
ins Gedächtnis zurückzurufen. Und wieder blickte sie in die Kirche. Aber so
viel Mühe sie sich auch gab, sie konnte den Menschen, der da redete, nicht
verstehen. Erst als sie so nach und nach dahinter kam, daß es ein Mann war,
jung und hübsch, fing sie ab und zu ein Wort auf. Und als sie begriff, daß er
von Liebe redete, daß er verliebt war, da verstand sie so ziemlich alles. Jetzt
kam ein Dritter hinzu, der sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich
lenkte; denn von Abbildungen her wußte sie, daß das ein Mönch sein
mußte; und einen Mönch zu sehen, das war schon immer ihr sehnlichster
Wunsch gewesen. Der Mönch ging auf so leisen Sohlen, bewegte sich so
still, zeigte ein so frommes Gebaren; er redete so treuherzig, sprach so
langsam, daß sie jedem seiner Worte folgen konnte. Da auf einmal drehte er
sich um und sagte just das Gegenteil von dem, was er vorher gesagt hatte.—
Herrgott! Das ist ja ein Bösewicht! Hört Ihr nicht? Ein Bösewicht ist er!
Man sieht es ihm ja auch an! Daß der junge hübsche Mann das nicht merkt!
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Aber hören könnt' er's doch wenigstens! "Er hintergeht Sie!" flüsterte sie
halblaut. "Psst!" sagte die alte Dame. Aber nein, der junge Mann hört
nichts. Er geht fort, ganz vertrauensvoll; alle gehen sie fort. Ein alter Mann
kommt jetzt herein. Ja, was ist denn das? Wenn der Alte spricht, so ist es,
als spräche der Jüngling. Und dabei ist es doch ein alter Mann. Und
plötzlich,—o Gott, o Gott! Ein leuchtender Zug von weißgekleideten
Jungfrauen, die zwei und zwei langsam durch die Kirche ziehen. Noch
lange, nachdem sie verschwunden waren, blickte sie ihnen nach, und in
ihrer Erinnerung stieg eine ähnliche Erscheinung aus ihrer Kindheit auf. An
einem Wintertag war sie mit ihrer Mutter übers Gebirge gegangen; und wie
sie durch den frischgefallenen Schnee gewatet waren, hatten sie
unversehens einen Schwarm junger Schneehühner aufgescheucht, die mit
einem Schlag die Luft vor ihnen gefüllt hatten; weiß waren sie gewesen,
und weiß der Schnee, weiß der Wald,—noch lange nachher streiften alle
Gedanken weiß an ihr vorüber… Und in diesem Augenblick hatte sie
dasselbe Gefühl.
Aber eine der weißgekleideten Jungfrauen tritt allein vor, mit einem
Kranz in der Hand, und kniet nieder. Der Alte ist ebenfalls auf die Knie
gesunken; und sie redet mit ihm; er hat Botschaft für sie und einen Brief,—
aus fremden Landen. Er zieht den Brief heraus,—ha, man sieht es ihr an,
der Brief ist von einem, den sie lieb hat. Wie himmlisch! Alle lieben sie
einander hier! Sie macht den Brief auf,—aber es ist gar kein Brief—es ist
alles lauter Musik,—und sieh doch, sieh! Der Brief ist ja er selber! Der
Greis ist der Jüngling, der Jüngling, den sie liebt! Sie sinken einander in die
Arme,—Himmel! Sie küssen sich! Petra fühlte, wie sie feuerrot wurde; sie
barg ihr Gesicht in den Händen, während sie weiter zuhörte. Horch',—da
erzählt er ihr, daß sie auf der Stelle Hochzeit halten wollen, und sie zupft
ihn lächelnd am Bart und sagt, er sei ein Barbar geworden; und er sagt, sie
sei ganz wunderschön geworden, und gibt ihr einen Ring und verspricht ihr
Scharlach und Sammet, goldene Schuhe und einen goldenen Gürtel. Dann
halblaut. "Psst!" sagte die alte Dame. Aber nein, der junge Mann hört
nichts. Er geht fort, ganz vertrauensvoll; alle gehen sie fort. Ein alter Mann
kommt jetzt herein. Ja, was ist denn das? Wenn der Alte spricht, so ist es,
als spräche der Jüngling. Und dabei ist es doch ein alter Mann. Und
plötzlich,—o Gott, o Gott! Ein leuchtender Zug von weißgekleideten
Jungfrauen, die zwei und zwei langsam durch die Kirche ziehen. Noch
lange, nachdem sie verschwunden waren, blickte sie ihnen nach, und in
ihrer Erinnerung stieg eine ähnliche Erscheinung aus ihrer Kindheit auf. An
einem Wintertag war sie mit ihrer Mutter übers Gebirge gegangen; und wie
sie durch den frischgefallenen Schnee gewatet waren, hatten sie
unversehens einen Schwarm junger Schneehühner aufgescheucht, die mit
einem Schlag die Luft vor ihnen gefüllt hatten; weiß waren sie gewesen,
und weiß der Schnee, weiß der Wald,—noch lange nachher streiften alle
Gedanken weiß an ihr vorüber… Und in diesem Augenblick hatte sie
dasselbe Gefühl.
Aber eine der weißgekleideten Jungfrauen tritt allein vor, mit einem
Kranz in der Hand, und kniet nieder. Der Alte ist ebenfalls auf die Knie
gesunken; und sie redet mit ihm; er hat Botschaft für sie und einen Brief,—
aus fremden Landen. Er zieht den Brief heraus,—ha, man sieht es ihr an,
der Brief ist von einem, den sie lieb hat. Wie himmlisch! Alle lieben sie
einander hier! Sie macht den Brief auf,—aber es ist gar kein Brief—es ist
alles lauter Musik,—und sieh doch, sieh! Der Brief ist ja er selber! Der
Greis ist der Jüngling, der Jüngling, den sie liebt! Sie sinken einander in die
Arme,—Himmel! Sie küssen sich! Petra fühlte, wie sie feuerrot wurde; sie
barg ihr Gesicht in den Händen, während sie weiter zuhörte. Horch',—da
erzählt er ihr, daß sie auf der Stelle Hochzeit halten wollen, und sie zupft
ihn lächelnd am Bart und sagt, er sei ein Barbar geworden; und er sagt, sie
sei ganz wunderschön geworden, und gibt ihr einen Ring und verspricht ihr
Scharlach und Sammet, goldene Schuhe und einen goldenen Gürtel. Dann
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nimmt er fröhlich Abschied und geht zum König, um die Hochzeit
auszurichten. Die Braut sieht ihm nach, leuchtend, strahlend; doch wie sie
sich wieder umwendet, da ist es leer—leer.
Jetzt gleitet ganz schnell die Wand wieder herab. Wie? Schon zu Ende?
Nachdem es eben erst angefangen hat? Glühend wendet sie sich der alten
Dame zu: "Ist es aus?"—"Nein, nein, Kindchen! Das war ja nur der erste
Akt. Fünf sind es.—Fünf Akte", wiederholte sie seufzend, "fünf
Akte!"—"Immer das Gleiche?" fragte Petra.—"Wie denn?"—"Ich meine,
kommen immer die gleichen Leute wieder, und geht es immer
weiter?"—"Sie sind wohl noch nie im Theater gewesen,
was?"—"Nein."—"Freilich; ein Theater gibt's nicht überall; es ist ja auch so
teuer."—"Aber was ist denn das eigentlich alles?" fragte Petra erregt,
atemlos, als könne sie die Antwort kaum erwarten. "Was sind denn das für
Menschen?"—"Das ist die Truppe des Direktor Naso, eine ganz
ausgezeichnete Truppe; er ist wirklich ein tüchtiger Kerl."—"Hat er denn
das alles erfunden? Ja? Ach Gott! So sagen Sie mir's doch!"—"Aber
Kindchen, wissen Sie denn gar nicht, was ein Schauspiel ist? Wo kommen
Sie denn her?"—-Doch als Petra an ihre Vaterstadt dachte, fiel ihr auch
gleich ihre ganze Schande, ihre Flucht wieder ein; sie schwieg und getraute
sich nicht, weiter zu fragen.
Der zweite Akt kam, und mit ihm der König. Wirklich, der König! Jetzt
sah sie endlich einmal den König! Sie hörte nicht, was er sagte, sie sah
nicht, mit wem er sprach, sie sah nur des Königs Kleider, des Königs
Gebaren, des Königs Mienen. Sie wachte erst wieder auf, als der Jüngling
auftrat. Und jetzt zogen sie alle davon, um die Braut einzuholen.—Also
hieß es wieder warten.
In der Pause beugte die alte Dame sich zu ihr hinüber. "Sie spielen doch
wundervoll, nicht?" sagte sie. Petra blickte sie voll Erstaunen an. "Spielen?
auszurichten. Die Braut sieht ihm nach, leuchtend, strahlend; doch wie sie
sich wieder umwendet, da ist es leer—leer.
Jetzt gleitet ganz schnell die Wand wieder herab. Wie? Schon zu Ende?
Nachdem es eben erst angefangen hat? Glühend wendet sie sich der alten
Dame zu: "Ist es aus?"—"Nein, nein, Kindchen! Das war ja nur der erste
Akt. Fünf sind es.—Fünf Akte", wiederholte sie seufzend, "fünf
Akte!"—"Immer das Gleiche?" fragte Petra.—"Wie denn?"—"Ich meine,
kommen immer die gleichen Leute wieder, und geht es immer
weiter?"—"Sie sind wohl noch nie im Theater gewesen,
was?"—"Nein."—"Freilich; ein Theater gibt's nicht überall; es ist ja auch so
teuer."—"Aber was ist denn das eigentlich alles?" fragte Petra erregt,
atemlos, als könne sie die Antwort kaum erwarten. "Was sind denn das für
Menschen?"—"Das ist die Truppe des Direktor Naso, eine ganz
ausgezeichnete Truppe; er ist wirklich ein tüchtiger Kerl."—"Hat er denn
das alles erfunden? Ja? Ach Gott! So sagen Sie mir's doch!"—"Aber
Kindchen, wissen Sie denn gar nicht, was ein Schauspiel ist? Wo kommen
Sie denn her?"—-Doch als Petra an ihre Vaterstadt dachte, fiel ihr auch
gleich ihre ganze Schande, ihre Flucht wieder ein; sie schwieg und getraute
sich nicht, weiter zu fragen.
Der zweite Akt kam, und mit ihm der König. Wirklich, der König! Jetzt
sah sie endlich einmal den König! Sie hörte nicht, was er sagte, sie sah
nicht, mit wem er sprach, sie sah nur des Königs Kleider, des Königs
Gebaren, des Königs Mienen. Sie wachte erst wieder auf, als der Jüngling
auftrat. Und jetzt zogen sie alle davon, um die Braut einzuholen.—Also
hieß es wieder warten.
In der Pause beugte die alte Dame sich zu ihr hinüber. "Sie spielen doch
wundervoll, nicht?" sagte sie. Petra blickte sie voll Erstaunen an. "Spielen?
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Wie denn?" Sie merkte gar nicht, daß alle, die in ihrer Nähe saßen, sie
beobachteten; daß die alte Dame sie nur ausfragen wollte. Sie merkte nicht,
daß man sich über sie lustig machte.—"Aber sie reden ja ganz anders wie
wir?" fragte sie, als sie keine Antwort erhielt.—"Es sind doch Dänen!"
antwortete die Dame und fing zu lachen an. Jetzt begriff sie, daß die Gute
über ihr vieles Fragen lachte, und fortan schwieg sie; sie sah nur
unverwandt nach dem Vorhang hin.
Als der wieder aufging, wurde ihr die große Freude zuteil, einen
Erzbischof zu sehen. Wieder erging es ihr wie vorhin: sie verlor sich so
gänzlich in seinen Anblick, daß sie von dem, was er sagte, überhaupt kein
Wort hörte. Aber jetzt erklang Musik—leise, leise—aus weiter Ferne. Sie
kam näher—Gesang von Frauenstimmen—ein Spiel von Flöten und Geigen
und einem Instrument, das nicht Guitarre war und doch wie viele Guitarren,
bloß weicher, voller, mit schwingenden Tönen—die ganze Harmonie flutete
zu langen, schwebenden Wellen zusammen. Und als alles zu wogenden
Farben geworden war, da kam der Zug,—Soldaten mit Hellebarden,
Chorknaben mit Weihrauchfässern, Mönche mit brennenden Kerzen, der
König mit der Krone auf dem Haupt und an seiner Seite der Bräutigam, im
weißen Gewand—hinter ihnen wieder die weißen Jungfrauen; singend
streuten sie Rosen vor der Braut, die in weißer Seide, mit einem roten
Rosenkranz im Haar, einherschritt. An ihrer Seite ging eine hohe
Frauengestalt in golddurchwirktem, langschleppendem Purpurgewand, auf
dem Haupt eine schmale, funkelnde Krone; das mußte die Königin sein. Die
ganze Kirche war voll Musik und Farben, und alles, was nun geschah, vom
Augenblick an, da der Bräutigam die Braut zum Brautschemel führte, auf
dem sie niederkniete, während das ganze Brautgefolge im Kreis um sie
kniete, bis der Erzbischof an der Spitze der Klosterbrüder erschien,—das
alles waren bloß Verschlingungen in der bunten Harmonienkette.
beobachteten; daß die alte Dame sie nur ausfragen wollte. Sie merkte nicht,
daß man sich über sie lustig machte.—"Aber sie reden ja ganz anders wie
wir?" fragte sie, als sie keine Antwort erhielt.—"Es sind doch Dänen!"
antwortete die Dame und fing zu lachen an. Jetzt begriff sie, daß die Gute
über ihr vieles Fragen lachte, und fortan schwieg sie; sie sah nur
unverwandt nach dem Vorhang hin.
Als der wieder aufging, wurde ihr die große Freude zuteil, einen
Erzbischof zu sehen. Wieder erging es ihr wie vorhin: sie verlor sich so
gänzlich in seinen Anblick, daß sie von dem, was er sagte, überhaupt kein
Wort hörte. Aber jetzt erklang Musik—leise, leise—aus weiter Ferne. Sie
kam näher—Gesang von Frauenstimmen—ein Spiel von Flöten und Geigen
und einem Instrument, das nicht Guitarre war und doch wie viele Guitarren,
bloß weicher, voller, mit schwingenden Tönen—die ganze Harmonie flutete
zu langen, schwebenden Wellen zusammen. Und als alles zu wogenden
Farben geworden war, da kam der Zug,—Soldaten mit Hellebarden,
Chorknaben mit Weihrauchfässern, Mönche mit brennenden Kerzen, der
König mit der Krone auf dem Haupt und an seiner Seite der Bräutigam, im
weißen Gewand—hinter ihnen wieder die weißen Jungfrauen; singend
streuten sie Rosen vor der Braut, die in weißer Seide, mit einem roten
Rosenkranz im Haar, einherschritt. An ihrer Seite ging eine hohe
Frauengestalt in golddurchwirktem, langschleppendem Purpurgewand, auf
dem Haupt eine schmale, funkelnde Krone; das mußte die Königin sein. Die
ganze Kirche war voll Musik und Farben, und alles, was nun geschah, vom
Augenblick an, da der Bräutigam die Braut zum Brautschemel führte, auf
dem sie niederkniete, während das ganze Brautgefolge im Kreis um sie
kniete, bis der Erzbischof an der Spitze der Klosterbrüder erschien,—das
alles waren bloß Verschlingungen in der bunten Harmonienkette.
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Aber als nun die Trauung vor sich gehen sollte, da erhob der Erzbischof
plötzlich seinen Stab und gebot Einhalt. Ihre Vermählung sei wider die
heiligen Vorschriften, nie und nimmer dürften sie einander angehören. O
himmlischer Vater, erbarme dich! Die Braut sank in Ohnmacht; und Petra
fiel mit einem durchdringenden Schrei auf ihren Platz zurück; denn sie hatte
zuletzt wieder gestanden.
"Wasser! Wasser!" rief es um sie her. "Nicht nötig!" erwiderte die alte
Dame. "Sie ist ja gar nicht bewußtlos." "Still!" rief es vom Parkett herauf.
"Ruhe da oben!" "Ruhe da unten!" tönte es vom Balkon zurück.—"Sie
müssen sich's nicht so zu Herzen nehmen", flüsterte die alte Dame. "Es ist
doch alles bloß erdichtet und erfunden! Aber Frau Naso spielt wirklich
brillant!"
"Still!" rief nun auch Petra. Sie war schon wieder ganz in der Handlung.
Der diabolische Mönch war wieder da, mit einem Schwert in der Hand. Die
beiden Liebenden mußten ein Tuch zwischen sich halten, und er schnitt es
in der Mitte durch, wie die Kirche schneidet, wie der Schmerz schneidet,
wie das Schwert über der Pforte des Paradieses schnitt an jenem ersten Tag.
Weinende Frauen nahmen der Braut den roten Kranz vom Haar und setzten
ihr einen weißen auf; damit war sie fürs Leben dem Kloster geweiht. Und
er, dem sie angehörte für Zeit und Ewigkeit, er sollte sie am Leben wissen
und sie dennoch nimmermehr sein eigen nennen, sollte sie hinter
Klostermauern wissen und sie nimmer wiedersehen. Wie herzzerreißend
war dies letzte Lebewohl! Keine größere Not gab es auf Erden als ihre!—
"Du lieber Gott!" flüsterte die alte Dame, als der Vorhang fiel, "so seien
Sie doch nicht so närrisch! Es ist doch bloß Frau Naso, dem Direktor seine
Frau!" Petra riß die Augen auf und starrte die brave Frau an. Die muß
verrückt sein! dachte sie. Und da die alte Dame von Petra schon längst
plötzlich seinen Stab und gebot Einhalt. Ihre Vermählung sei wider die
heiligen Vorschriften, nie und nimmer dürften sie einander angehören. O
himmlischer Vater, erbarme dich! Die Braut sank in Ohnmacht; und Petra
fiel mit einem durchdringenden Schrei auf ihren Platz zurück; denn sie hatte
zuletzt wieder gestanden.
"Wasser! Wasser!" rief es um sie her. "Nicht nötig!" erwiderte die alte
Dame. "Sie ist ja gar nicht bewußtlos." "Still!" rief es vom Parkett herauf.
"Ruhe da oben!" "Ruhe da unten!" tönte es vom Balkon zurück.—"Sie
müssen sich's nicht so zu Herzen nehmen", flüsterte die alte Dame. "Es ist
doch alles bloß erdichtet und erfunden! Aber Frau Naso spielt wirklich
brillant!"
"Still!" rief nun auch Petra. Sie war schon wieder ganz in der Handlung.
Der diabolische Mönch war wieder da, mit einem Schwert in der Hand. Die
beiden Liebenden mußten ein Tuch zwischen sich halten, und er schnitt es
in der Mitte durch, wie die Kirche schneidet, wie der Schmerz schneidet,
wie das Schwert über der Pforte des Paradieses schnitt an jenem ersten Tag.
Weinende Frauen nahmen der Braut den roten Kranz vom Haar und setzten
ihr einen weißen auf; damit war sie fürs Leben dem Kloster geweiht. Und
er, dem sie angehörte für Zeit und Ewigkeit, er sollte sie am Leben wissen
und sie dennoch nimmermehr sein eigen nennen, sollte sie hinter
Klostermauern wissen und sie nimmer wiedersehen. Wie herzzerreißend
war dies letzte Lebewohl! Keine größere Not gab es auf Erden als ihre!—
"Du lieber Gott!" flüsterte die alte Dame, als der Vorhang fiel, "so seien
Sie doch nicht so närrisch! Es ist doch bloß Frau Naso, dem Direktor seine
Frau!" Petra riß die Augen auf und starrte die brave Frau an. Die muß
verrückt sein! dachte sie. Und da die alte Dame von Petra schon längst
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dasselbe gedacht hatte, redeten sie nun überhaupt nicht mehr miteinander,
sondern warfen sich nur von Zeit zu Zeit scheue Blicke zu.
Als der Vorhang wieder aufging, kam Petra nicht mehr so recht mit. Sie
sah nur noch die Braut hinter den Klostermauern und den Bräutigam, der
Tag und Nacht voller Verzweiflung draußen umherirrte; sie litt ihre Qualen
mit, sie betete mit ihnen ihre Gebete; das, was sich vor ihren Augen
abspielte, glitt farblos an ihr vorüber. Da plötzlich wurde sie durch eine
mahnende Stille in die Gegenwart zurückgerufen. Der leere Kirchenraum
wird weit und groß, die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde hallen durch
den Raum. Das Gewölbe erdröhnt, die Mauern erbeben; der heilige Olaf, im
Totengewand, erhebt sich aus seinem Sarge, hoch und dräuend; den Speer
in der Hand, kommt er geschritten; die Wache flieht,—ein Donnerschlag—
und der Mönch sinkt, vom Speer durchbohrt, nieder. Dann wird alles
dunkel, die Erscheinung ist verschwunden. Nur der Mönch liegt noch da
wie ein Haufen Asche auf der Stelle, wo der Blitz niederfuhr.
Petra hatte sich unwillkürlich an die alte Dame angeklammert, der es
unter diesem krampfhaften Griff höchst unbehaglich zumute war, und die
nun, als sie das Mädchen immer blasser werden sah, rasch sagte: "Du meine
Güte, Kind, es ist doch nur Knutsen; es ist die einzige Rolle, die er spielen
kann, mit seiner heiseren Stimme!"—"Nein, nein, nein, nein! Ich hab'
Flammen rings um ihn gesehen!" sagte Petra, "und die Kirche hat gezittert
unter seinen Tritten!"—"Ruhe!" ertönte es von verschiedenen Seiten. "Wer
nicht still sitzen kann,—'raus!"—"Heda! Ruhe da oben!" klang es vom
Parkett. "Ruhe!" klang es vom Balkon zurück. Petra war ganz in sich
zusammengekrochen, als wolle sie sich verstecken; aber gleich darauf hatte
sie alles um sich her vergessen. Denn plötzlich waren die beiden Liebenden
wieder da,—der Blitz hat ihnen den Weg gebahnt,—sie wollen fliehen. Sie
haben sich wieder,—sie sinken sich in die Arme,—o Gott im Himmel,
beschütze sie!
sondern warfen sich nur von Zeit zu Zeit scheue Blicke zu.
Als der Vorhang wieder aufging, kam Petra nicht mehr so recht mit. Sie
sah nur noch die Braut hinter den Klostermauern und den Bräutigam, der
Tag und Nacht voller Verzweiflung draußen umherirrte; sie litt ihre Qualen
mit, sie betete mit ihnen ihre Gebete; das, was sich vor ihren Augen
abspielte, glitt farblos an ihr vorüber. Da plötzlich wurde sie durch eine
mahnende Stille in die Gegenwart zurückgerufen. Der leere Kirchenraum
wird weit und groß, die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde hallen durch
den Raum. Das Gewölbe erdröhnt, die Mauern erbeben; der heilige Olaf, im
Totengewand, erhebt sich aus seinem Sarge, hoch und dräuend; den Speer
in der Hand, kommt er geschritten; die Wache flieht,—ein Donnerschlag—
und der Mönch sinkt, vom Speer durchbohrt, nieder. Dann wird alles
dunkel, die Erscheinung ist verschwunden. Nur der Mönch liegt noch da
wie ein Haufen Asche auf der Stelle, wo der Blitz niederfuhr.
Petra hatte sich unwillkürlich an die alte Dame angeklammert, der es
unter diesem krampfhaften Griff höchst unbehaglich zumute war, und die
nun, als sie das Mädchen immer blasser werden sah, rasch sagte: "Du meine
Güte, Kind, es ist doch nur Knutsen; es ist die einzige Rolle, die er spielen
kann, mit seiner heiseren Stimme!"—"Nein, nein, nein, nein! Ich hab'
Flammen rings um ihn gesehen!" sagte Petra, "und die Kirche hat gezittert
unter seinen Tritten!"—"Ruhe!" ertönte es von verschiedenen Seiten. "Wer
nicht still sitzen kann,—'raus!"—"Heda! Ruhe da oben!" klang es vom
Parkett. "Ruhe!" klang es vom Balkon zurück. Petra war ganz in sich
zusammengekrochen, als wolle sie sich verstecken; aber gleich darauf hatte
sie alles um sich her vergessen. Denn plötzlich waren die beiden Liebenden
wieder da,—der Blitz hat ihnen den Weg gebahnt,—sie wollen fliehen. Sie
haben sich wieder,—sie sinken sich in die Arme,—o Gott im Himmel,
beschütze sie!
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Da erhebt sich ein Lärm—Geschrei und Hörnerklang—der Bräutigam
wird von ihrer Seite gerissen,—es gilt den Kampf—den Kampf fürs
Vaterland. Er wird verwundet, und sterbend sendet er der Geliebten seinen
letzten Gruß!——Petra faßt erst, was geschehen ist, als die Braut still
hereintritt und—seine Leiche erblickt. Und da ist es, als sammelten alle
Wolken des Schmerzes sich über einem einzigen Punkt; aber ein Blick
zerteilt sie: die Braut blickt auf von des Toten Brust und fleht zum Himmel,
daß er auch sie sterben lasse. Und der Himmel öffnet sich diesem Blick, ein
Leuchten senkt sich nieder, droben wartet der Hochzeitssaal—lasset die
Braut ein! Schon sieht sie den Himmel offen; von ihren Augen strahlt ein
Friede gleich dem Frieden hoher Gipfel. Ihre Augenlider schließen sich,
dem Kampf erblüht eine erhaben-edlere Lösung, ihrer Treue eine
herrlichere Krone; sie sind vereint.
Lange saß Petra regungslos da; ihr Herz war im Glauben erhoben, die
Macht des Großen erfüllte sie. Sie schwang sich empor über alles Kleine;
sie schwang sich empor über Furcht und Schmerz; sie schwang sich empor,
mit einem Lächeln für alle: denn alle waren Brüder und Schwestern. Das
Böse, das da trennt, war nicht mehr,—es war zerschmettert vom Donner.
Die Leute lachten sie an,—das war ja das Mädel, das sich während der
Vorstellung so verrückt benommen hatte. Sie aber sah in ihrem Lächeln
nichts anderes als den Wiederschein des Sieges Jubels, der in ihr selber war.
Und in dem Glauben, daß die anderen mit ihr lächelten, lächelte sie so
strahlend zur Antwort, daß die anderen alle lächeln mußten mit ihrem
Lächeln. Sie schritt die breite Treppe hinab zwischen zwei
auseinanderweichenden Reihen von Menschen, die ihr Freude von ihrer
Freude, Schönheit von der Schönheit zurückgaben, die über ihr leuchtete.
Der Glanz unseres Innern kann oft so mächtig werden, daß wir alles um uns
her in Klarheit tauchen, ob wir es selbst auch nicht sehen. Das ist der größte
Triumphzug der Welt, angekündigt, getragen und geleitet zu werden von
unseren eigenen leuchtenden Gedanken.
wird von ihrer Seite gerissen,—es gilt den Kampf—den Kampf fürs
Vaterland. Er wird verwundet, und sterbend sendet er der Geliebten seinen
letzten Gruß!——Petra faßt erst, was geschehen ist, als die Braut still
hereintritt und—seine Leiche erblickt. Und da ist es, als sammelten alle
Wolken des Schmerzes sich über einem einzigen Punkt; aber ein Blick
zerteilt sie: die Braut blickt auf von des Toten Brust und fleht zum Himmel,
daß er auch sie sterben lasse. Und der Himmel öffnet sich diesem Blick, ein
Leuchten senkt sich nieder, droben wartet der Hochzeitssaal—lasset die
Braut ein! Schon sieht sie den Himmel offen; von ihren Augen strahlt ein
Friede gleich dem Frieden hoher Gipfel. Ihre Augenlider schließen sich,
dem Kampf erblüht eine erhaben-edlere Lösung, ihrer Treue eine
herrlichere Krone; sie sind vereint.
Lange saß Petra regungslos da; ihr Herz war im Glauben erhoben, die
Macht des Großen erfüllte sie. Sie schwang sich empor über alles Kleine;
sie schwang sich empor über Furcht und Schmerz; sie schwang sich empor,
mit einem Lächeln für alle: denn alle waren Brüder und Schwestern. Das
Böse, das da trennt, war nicht mehr,—es war zerschmettert vom Donner.
Die Leute lachten sie an,—das war ja das Mädel, das sich während der
Vorstellung so verrückt benommen hatte. Sie aber sah in ihrem Lächeln
nichts anderes als den Wiederschein des Sieges Jubels, der in ihr selber war.
Und in dem Glauben, daß die anderen mit ihr lächelten, lächelte sie so
strahlend zur Antwort, daß die anderen alle lächeln mußten mit ihrem
Lächeln. Sie schritt die breite Treppe hinab zwischen zwei
auseinanderweichenden Reihen von Menschen, die ihr Freude von ihrer
Freude, Schönheit von der Schönheit zurückgaben, die über ihr leuchtete.
Der Glanz unseres Innern kann oft so mächtig werden, daß wir alles um uns
her in Klarheit tauchen, ob wir es selbst auch nicht sehen. Das ist der größte
Triumphzug der Welt, angekündigt, getragen und geleitet zu werden von
unseren eigenen leuchtenden Gedanken.
Page 620
Als sie, ohne zu wissen wie, zu Hause angelangt war, fragte sie, was das
alles denn eigentlich gewesen sei. Einige der Anwesenden verstanden sie
auch und gaben ihr hilfreich Auskunft. Und als sie nun genau Bescheid
wußte, was ein Schauspiel ist, und was große Schauspieler vermögen, da
stand sie auf und sagte: "Das ist das Größte auf Erden; das will ich werden."
Zur Verwunderung aller zog sie ihren Mantel wieder an und ging noch
einmal aus; sie mußte allein sein und im Freien. Sie ließ die Stadt hinter
sich und wanderte im heftigen Wind hinaus auf die nächste Landzunge.
Unter ihr brauste das Meer; die Stadt aber lag zu beiden Seiten der Bucht, in
einem Lichtnebel, hinter dem die zahllosen einzelnen Flammen mit
vereinigten Kräften arbeiteten, ohne doch mehr zu erreichen, als den Flor zu
durchleuchten, den sie nicht heben konnten. Das wurde ihr zum Bild ihrer
eigenen Seele. Das große Dunkel zu ihren Füßen gab mit seinem dumpfen
Tosen Kunde von einer undurchdringlichen Tiefe; es galt, entweder
hinabzusinken oder sich emporzuheben und zu versuchen, mitzuleuchten.
Sie fragte sich, warum ihr früher nie solche Gedanken gekommen waren,
und sie antwortete sich selbst: weil immer nur der Augenblick über sie
Macht gehabt hatte. Jetzt aber fühlte sie: auch sie hatte Macht über den
Augenblick. Jetzt sah sie es: so viele Lichter dort drüben funkelten, so viele
Augenblicke würden ihr gegeben werden, und sie bat Gott um die Kraft, sie
alle voll auszunützen, damit er keinen vergebens entzündet hätte. Sie stand
auf; denn es wehte ein eisiger Wind. Sie war nicht lange draußen gewesen;
aber als sie wieder nach Hause ging, da wußte sie, wohin sie ging.
*****
Am nächsten Tage stand sie vor der Tür des Direktors. Heftiges Schelten
tönte ihr von drinnen entgegen. Die eine Stimme schien ihr Ähnlichkeit mit
der Stimme der Liebhaberin von gestern Abend zu haben. Freilich ging sie
jetzt aus einer andern Tonart, aber Petra erbebte doch bei ihrem Klang. Sie
alles denn eigentlich gewesen sei. Einige der Anwesenden verstanden sie
auch und gaben ihr hilfreich Auskunft. Und als sie nun genau Bescheid
wußte, was ein Schauspiel ist, und was große Schauspieler vermögen, da
stand sie auf und sagte: "Das ist das Größte auf Erden; das will ich werden."
Zur Verwunderung aller zog sie ihren Mantel wieder an und ging noch
einmal aus; sie mußte allein sein und im Freien. Sie ließ die Stadt hinter
sich und wanderte im heftigen Wind hinaus auf die nächste Landzunge.
Unter ihr brauste das Meer; die Stadt aber lag zu beiden Seiten der Bucht, in
einem Lichtnebel, hinter dem die zahllosen einzelnen Flammen mit
vereinigten Kräften arbeiteten, ohne doch mehr zu erreichen, als den Flor zu
durchleuchten, den sie nicht heben konnten. Das wurde ihr zum Bild ihrer
eigenen Seele. Das große Dunkel zu ihren Füßen gab mit seinem dumpfen
Tosen Kunde von einer undurchdringlichen Tiefe; es galt, entweder
hinabzusinken oder sich emporzuheben und zu versuchen, mitzuleuchten.
Sie fragte sich, warum ihr früher nie solche Gedanken gekommen waren,
und sie antwortete sich selbst: weil immer nur der Augenblick über sie
Macht gehabt hatte. Jetzt aber fühlte sie: auch sie hatte Macht über den
Augenblick. Jetzt sah sie es: so viele Lichter dort drüben funkelten, so viele
Augenblicke würden ihr gegeben werden, und sie bat Gott um die Kraft, sie
alle voll auszunützen, damit er keinen vergebens entzündet hätte. Sie stand
auf; denn es wehte ein eisiger Wind. Sie war nicht lange draußen gewesen;
aber als sie wieder nach Hause ging, da wußte sie, wohin sie ging.
*****
Am nächsten Tage stand sie vor der Tür des Direktors. Heftiges Schelten
tönte ihr von drinnen entgegen. Die eine Stimme schien ihr Ähnlichkeit mit
der Stimme der Liebhaberin von gestern Abend zu haben. Freilich ging sie
jetzt aus einer andern Tonart, aber Petra erbebte doch bei ihrem Klang. Sie
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wartete lange; als es immer noch kein Ende nehmen wollte, klopfte sie an.
"Herein!" schrie eine wütende Männerstimme. "Oh!" kreischte eine
Frauenstimme, und als Petra öffnete, sah sie das fliehende Entsetzen eines
Nachtgewandes und aufgelösten Haares durch eine Seitentür verschwinden.
Der Direktor, ein langer Mensch mit unfreundlichen Augen, die er eiligst
hinter einer goldenen Brille versteckte, lief aufgeregt im Zimmer hin und
her. Seine lange Nase beherrschte das Gesicht so gänzlich, daß alles übrige
nur ihretwegen da zu sein schien; die Augen guckten wie zwei Gewehrläufe
hinter diesem Wall hervor, der Mund war der Graben und die Stirn eine
leichte Brücke vom Wall hinüber zu dem Wald oder dem "Verhau".—"Was
wünschen Sie?" Er blieb mit einem Ruck stehen. "Sind Sie die Dame, die
gern Choristin werden möchte?" setzte er eilfertig hinzu.—"Choristin? Was
ist das?"—"Nanu—das wissen Sie gar nicht? So, so! Na, was wollen Sie
denn sonst?"—"Ich will Schauspielerin werden."—"So, Schauspielerin
wollen Sie werden—und wissen nicht, was eine Choristin ist. Hm, hm. Aber
Sie reden ja Dialekt!"—"Dialekt? Was ist das?"—"So, also das wissen Sie
auch nicht. Und dabei wollen Sie Schauspielerin werden. Hm, hm. Ja, das
ist wieder mal echt Norwegisch. Dialekt—das will sagen, daß Sie nicht so
sprechen wie wir."—"Ja, aber ich hab' mich den ganzen Morgen darin
geübt."—"So, wirklich? Schau', schau'! Also schießen Sie mal los!"—Und
Petra stellte sich auf und deklamierte wie die Liebhaberin gestern Abend:
"Un so wist Deine Valborg Du verlaten!"[2] "Na, aber,—
Himmelkreuzdonnerwetter! Sind Sie etwa hergekommen, um sich über
meine Frau lustig zu machen?" Aus dem Nebenzimmer ertönte schallendes
Gelächter. Der Direktor öffnete die Tür und rief, augenscheinlich ohne die
leiseste Erinnerung daran, daß sie sich den Augenblick vorher noch auf
Leben und Tod gezankt hatten: "Da ist eine kleine Norwegerin, die Dich
karikieren will! Komm doch mal und sieh sie Dir an!" Ein Damenkopf mit
ungekämmtem, trotzig schwarzem Haar, dunkeln Augen und einem großen
Mund schaute herein und lachte. Petra aber eilte augenblicklich auf sie zu;
"Herein!" schrie eine wütende Männerstimme. "Oh!" kreischte eine
Frauenstimme, und als Petra öffnete, sah sie das fliehende Entsetzen eines
Nachtgewandes und aufgelösten Haares durch eine Seitentür verschwinden.
Der Direktor, ein langer Mensch mit unfreundlichen Augen, die er eiligst
hinter einer goldenen Brille versteckte, lief aufgeregt im Zimmer hin und
her. Seine lange Nase beherrschte das Gesicht so gänzlich, daß alles übrige
nur ihretwegen da zu sein schien; die Augen guckten wie zwei Gewehrläufe
hinter diesem Wall hervor, der Mund war der Graben und die Stirn eine
leichte Brücke vom Wall hinüber zu dem Wald oder dem "Verhau".—"Was
wünschen Sie?" Er blieb mit einem Ruck stehen. "Sind Sie die Dame, die
gern Choristin werden möchte?" setzte er eilfertig hinzu.—"Choristin? Was
ist das?"—"Nanu—das wissen Sie gar nicht? So, so! Na, was wollen Sie
denn sonst?"—"Ich will Schauspielerin werden."—"So, Schauspielerin
wollen Sie werden—und wissen nicht, was eine Choristin ist. Hm, hm. Aber
Sie reden ja Dialekt!"—"Dialekt? Was ist das?"—"So, also das wissen Sie
auch nicht. Und dabei wollen Sie Schauspielerin werden. Hm, hm. Ja, das
ist wieder mal echt Norwegisch. Dialekt—das will sagen, daß Sie nicht so
sprechen wie wir."—"Ja, aber ich hab' mich den ganzen Morgen darin
geübt."—"So, wirklich? Schau', schau'! Also schießen Sie mal los!"—Und
Petra stellte sich auf und deklamierte wie die Liebhaberin gestern Abend:
"Un so wist Deine Valborg Du verlaten!"[2] "Na, aber,—
Himmelkreuzdonnerwetter! Sind Sie etwa hergekommen, um sich über
meine Frau lustig zu machen?" Aus dem Nebenzimmer ertönte schallendes
Gelächter. Der Direktor öffnete die Tür und rief, augenscheinlich ohne die
leiseste Erinnerung daran, daß sie sich den Augenblick vorher noch auf
Leben und Tod gezankt hatten: "Da ist eine kleine Norwegerin, die Dich
karikieren will! Komm doch mal und sieh sie Dir an!" Ein Damenkopf mit
ungekämmtem, trotzig schwarzem Haar, dunkeln Augen und einem großen
Mund schaute herein und lachte. Petra aber eilte augenblicklich auf sie zu;
Page 622
das mußte die Heldin sein von gestern Abend—oder nein, ihre Mutter,
dachte sie, als die Dame näher kam. Petra sah sie an und sagte: "Ich weiß
nicht—sind Sie's … oder sind Sie ihre Mutter?" Jetzt lachte auch der
Direktor. Der Frauenkopf hatte sich wieder zurückgezogen, aber aus dem
Nebenzimmer tönte noch immer das Lachen. Petras Verlegenheit malte sich
so lebhaft in Stellung, Gesicht, Mienenspiel, daß der Direktor aufmerksam
wurde. Er betrachtete sie eine Weile; dann griff er nach einem Buch und
sagte so ganz beiläufig: "Kommen Sie mal her, Kind, und lesen Sie. Aber
lesen Sie einfach so, wie Sie für gewöhnlich sprechen." Petra las.—"Nein,
nein—das ist ja Unsinn! Hören Sie zu!" Und er las ihr vor, und sie las ihm
nach, genau so, wie er gelesen hatte. "Nein doch, nein! So lesen Sie doch
norwegisch—den Teufel noch mal—norwegisch!" Und Petra las wieder wie
vorhin. "Nein doch, sag' ich! Das ist ja der helle Blödsinn! Begreifen Sie
denn nicht, was ich meine? Sind Sie dumm!"—Er versuchte es wieder und
wieder; dann gab er ihr ein anderes Buch. "Da,—hier haben Sie was
anderes: etwas Komisches. Also los!" Und Petra las. Aber wieder war es
dieselbe Geschichte, bis er endlich gelangweilt ausrief: "Ach was, nein
doch, nein! So hören Sie endlich einmal auf! Was, Teufel, wollen Sie denn
eigentlich beim Theater? Was wollen Sie denn spielen zum
Kuckuck?"—"Das, was ich gestern gesehen hab', will ich spielen."—"Aha!
Na ja, selbstverständlich! natürlich! Na—und…?"—"Ja," sagte sie ein
bißchen verlegen, "es war ja auch wirklich so wunderschön gestern; aber
ich hab' mir heut doch gedacht,—noch viel schöner wäre es, wenn es gut
ausginge. Das möcht' ich gern machen."—"So, also das möchten Sie.—Hm,
na ja, genieren Sie sich nur nicht! Der Dichter ist tot. Der steht natürlich
heutzutage nicht mehr auf der Höhe; und darum wollen Sie, die weder lesen
noch schreiben kann, ihn umdichten;—echt Norwegisch!"—Petra begriff
kein Wort; nur das begriff sie—ihre Sache stand schlecht. Und ihr wurde
ängstlich zumute. "Also ich darf nicht?" fragte sie leise. "I, aber natürlich!
Durchaus nichts im Wege! Bitte! Hören Sie!" sagte er in ganz verändertem
dachte sie, als die Dame näher kam. Petra sah sie an und sagte: "Ich weiß
nicht—sind Sie's … oder sind Sie ihre Mutter?" Jetzt lachte auch der
Direktor. Der Frauenkopf hatte sich wieder zurückgezogen, aber aus dem
Nebenzimmer tönte noch immer das Lachen. Petras Verlegenheit malte sich
so lebhaft in Stellung, Gesicht, Mienenspiel, daß der Direktor aufmerksam
wurde. Er betrachtete sie eine Weile; dann griff er nach einem Buch und
sagte so ganz beiläufig: "Kommen Sie mal her, Kind, und lesen Sie. Aber
lesen Sie einfach so, wie Sie für gewöhnlich sprechen." Petra las.—"Nein,
nein—das ist ja Unsinn! Hören Sie zu!" Und er las ihr vor, und sie las ihm
nach, genau so, wie er gelesen hatte. "Nein doch, nein! So lesen Sie doch
norwegisch—den Teufel noch mal—norwegisch!" Und Petra las wieder wie
vorhin. "Nein doch, sag' ich! Das ist ja der helle Blödsinn! Begreifen Sie
denn nicht, was ich meine? Sind Sie dumm!"—Er versuchte es wieder und
wieder; dann gab er ihr ein anderes Buch. "Da,—hier haben Sie was
anderes: etwas Komisches. Also los!" Und Petra las. Aber wieder war es
dieselbe Geschichte, bis er endlich gelangweilt ausrief: "Ach was, nein
doch, nein! So hören Sie endlich einmal auf! Was, Teufel, wollen Sie denn
eigentlich beim Theater? Was wollen Sie denn spielen zum
Kuckuck?"—"Das, was ich gestern gesehen hab', will ich spielen."—"Aha!
Na ja, selbstverständlich! natürlich! Na—und…?"—"Ja," sagte sie ein
bißchen verlegen, "es war ja auch wirklich so wunderschön gestern; aber
ich hab' mir heut doch gedacht,—noch viel schöner wäre es, wenn es gut
ausginge. Das möcht' ich gern machen."—"So, also das möchten Sie.—Hm,
na ja, genieren Sie sich nur nicht! Der Dichter ist tot. Der steht natürlich
heutzutage nicht mehr auf der Höhe; und darum wollen Sie, die weder lesen
noch schreiben kann, ihn umdichten;—echt Norwegisch!"—Petra begriff
kein Wort; nur das begriff sie—ihre Sache stand schlecht. Und ihr wurde
ängstlich zumute. "Also ich darf nicht?" fragte sie leise. "I, aber natürlich!
Durchaus nichts im Wege! Bitte! Hören Sie!" sagte er in ganz verändertem
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Ton, während er dicht an sie herantrat, "vom Komödienspielen verstehen
Sie so wenig wie eine Katze. Und Talent haben Sie keins, weder fürs
Komische, noch fürs Tragische; ich hab' Sie jetzt in beidem geprüft. Weil
Sie ein hübsches Frätzchen haben und eine hübsche Figur, haben die Leute
Ihnen in den Kopf gesetzt, Sie seien die geborene Schauspielerin, natürlich
eine viel bessere als meine Frau! Und dazu suchen Sie sich auch gleich die
größte Rolle im ganzen Repertoir aus und dichten sie noch obendrein um.
Jawohl! Echt Norwegisch! Die können ja alles!"—Petras Atem ging
schneller und schneller; sie schluckte und schluckte und endlich wagte sie
zu flüstern: "Also ich darf wirklich nicht?"—Der Direktor stand am Fenster
und sah hinaus. Er hatte gedacht, sie sei schon längst fort. Erstaunt wandte
er sich um. Aber als er ihre Erregung sah und die wunderbare Kraft, die sich
dadurch ihrem ganzen Wesen aufprägte, stand er einen Augenblick still,
griff dann plötzlich aufs neue nach dem Buch und sagte mit einer Stimme
und einem Gesichtsausdruck, in denen alles Vorhergegangene wie
weggeblasen war: "Da, lesen Sie mal das da, ganz langsam,—damit ich
einmal Ihr Organ höre. Na, los!" Aber sie konnte nicht lesen. Die
Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. "Na, nur nicht so verzagt!" Endlich
fing sie an, aber kalt, farblos. Er ließ sie die Stelle wiederholen—"mit mehr
Gefühl". Es wurde nur noch schlechter. Da nahm er ihr das Buch ruhig aus
der Hand und sagte: "Ich habe Sie jetzt nach jeder Richtung hin geprüft;
mehr kann ich nicht tun. Ich versichere Ihnen, mein bestes Fräulein, ob ich
meinen Stiefel auf die Bühne schicke oder Sie—es würde genau denselben
Eindruck machen, nämlich einen höchst sonderbaren. Und damit wollen
wir's genug sein lassen!" Mit letzter Aufbietung ihrer Kräfte stotterte Petra
flehend: "Ich glaube, ich versteh' es doch, wenn ich bloß—" "Natürlich!
Selbstredend! Jedes lumpige Fischernest versteht ja mehr davon als wir.
Das norwegische Publikum ist das gebildetste der ganzen Welt. Na, wenn
Sie nicht gehen wollen, so geh' ich!" Sie wandte sich zur Tür und brach in
Tränen aus. "Sagen Sie mal—" rief er; denn bei ihrer heftigen Erregung
Sie so wenig wie eine Katze. Und Talent haben Sie keins, weder fürs
Komische, noch fürs Tragische; ich hab' Sie jetzt in beidem geprüft. Weil
Sie ein hübsches Frätzchen haben und eine hübsche Figur, haben die Leute
Ihnen in den Kopf gesetzt, Sie seien die geborene Schauspielerin, natürlich
eine viel bessere als meine Frau! Und dazu suchen Sie sich auch gleich die
größte Rolle im ganzen Repertoir aus und dichten sie noch obendrein um.
Jawohl! Echt Norwegisch! Die können ja alles!"—Petras Atem ging
schneller und schneller; sie schluckte und schluckte und endlich wagte sie
zu flüstern: "Also ich darf wirklich nicht?"—Der Direktor stand am Fenster
und sah hinaus. Er hatte gedacht, sie sei schon längst fort. Erstaunt wandte
er sich um. Aber als er ihre Erregung sah und die wunderbare Kraft, die sich
dadurch ihrem ganzen Wesen aufprägte, stand er einen Augenblick still,
griff dann plötzlich aufs neue nach dem Buch und sagte mit einer Stimme
und einem Gesichtsausdruck, in denen alles Vorhergegangene wie
weggeblasen war: "Da, lesen Sie mal das da, ganz langsam,—damit ich
einmal Ihr Organ höre. Na, los!" Aber sie konnte nicht lesen. Die
Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. "Na, nur nicht so verzagt!" Endlich
fing sie an, aber kalt, farblos. Er ließ sie die Stelle wiederholen—"mit mehr
Gefühl". Es wurde nur noch schlechter. Da nahm er ihr das Buch ruhig aus
der Hand und sagte: "Ich habe Sie jetzt nach jeder Richtung hin geprüft;
mehr kann ich nicht tun. Ich versichere Ihnen, mein bestes Fräulein, ob ich
meinen Stiefel auf die Bühne schicke oder Sie—es würde genau denselben
Eindruck machen, nämlich einen höchst sonderbaren. Und damit wollen
wir's genug sein lassen!" Mit letzter Aufbietung ihrer Kräfte stotterte Petra
flehend: "Ich glaube, ich versteh' es doch, wenn ich bloß—" "Natürlich!
Selbstredend! Jedes lumpige Fischernest versteht ja mehr davon als wir.
Das norwegische Publikum ist das gebildetste der ganzen Welt. Na, wenn
Sie nicht gehen wollen, so geh' ich!" Sie wandte sich zur Tür und brach in
Tränen aus. "Sagen Sie mal—" rief er; denn bei ihrer heftigen Erregung
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ging ihm plötzlich ein Licht auf. "Sie sind doch nicht etwa die Person, die
gestern abend solchen Skandal im Theater gemacht hat?"—Sie wandte sich
feuerrot um und sah ihn an. "Natürlich sind Sie's! Jetzt weiß ich, wer Sie
sind! Das 'Fischermädel'! Ich war nach dem Theater mit einem Herrn aus
Ihrem Heimatort zusammen; mit einem, der Sie 'gut kannte!' So, also darum
möchten Sie so gern zum Theater! Sie möchten Ihre Künste dort probieren
—aha! Wissen Sie was: mein Theater ist ein anständiges Institut, und ich
verbitte mir jeglichen Versuch, es zu reformieren. Machen Sie, daß Sie
fortkommen! Aber etwas plötzlich, wenn ich bitten darf!"—Und laut
aufschluchzend rannte Petra zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und auf die
Straße. Schluchzend, weinend lief sie so, mitten unter allen Menschen. Eine
Dame, die am hellichten Tag weinend durch die Straßen läuft, mußte, wie
man sich denken kann, großes Aufsehen erregen. Leute blieben stehen,
Gassenjungen rannten hinter ihr drein, erst einige, dann mehrere. Und in
diesem Lärm hinter sich her hörte Petra wieder das Toben und Branden
jener Nächte in ihrem Giebelstübchen—sah wieder all die Gesichter in der
Luft—und rannte, rannte! Aber wie hinter ihr der Lärm, so wuchs mit
jedem Schritt auch die Erinnerung, und als sie das Haus erreicht, die
Haustür hinter sich zugeschlagen, sich auf ihr Zimmer geflüchtet und den
Schlüssel umgedreht hatte, da mußte sie sich niederwerfen in einen Winkel
und die Gesichter abwehren; mit den Händen schlug sie danach—stieß
Drohungen aus.—Schließlich sank sie erschöpft zusammen,—ihre Tränen
flossen ruhiger,—sie war gerettet.
[2] Aus Adam Oehlenschlägers Schauspiel "Axel und Valborg."
*****
Noch am Abend desselben Tages verließ sie Bergen und fuhr
landeinwärts. Sie wußte selbst nicht wohin. Sie wollte nur irgendwohin, wo
man sie nicht kannte. Sie saß im Karriol, ihr Koffer war hinten
gestern abend solchen Skandal im Theater gemacht hat?"—Sie wandte sich
feuerrot um und sah ihn an. "Natürlich sind Sie's! Jetzt weiß ich, wer Sie
sind! Das 'Fischermädel'! Ich war nach dem Theater mit einem Herrn aus
Ihrem Heimatort zusammen; mit einem, der Sie 'gut kannte!' So, also darum
möchten Sie so gern zum Theater! Sie möchten Ihre Künste dort probieren
—aha! Wissen Sie was: mein Theater ist ein anständiges Institut, und ich
verbitte mir jeglichen Versuch, es zu reformieren. Machen Sie, daß Sie
fortkommen! Aber etwas plötzlich, wenn ich bitten darf!"—Und laut
aufschluchzend rannte Petra zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und auf die
Straße. Schluchzend, weinend lief sie so, mitten unter allen Menschen. Eine
Dame, die am hellichten Tag weinend durch die Straßen läuft, mußte, wie
man sich denken kann, großes Aufsehen erregen. Leute blieben stehen,
Gassenjungen rannten hinter ihr drein, erst einige, dann mehrere. Und in
diesem Lärm hinter sich her hörte Petra wieder das Toben und Branden
jener Nächte in ihrem Giebelstübchen—sah wieder all die Gesichter in der
Luft—und rannte, rannte! Aber wie hinter ihr der Lärm, so wuchs mit
jedem Schritt auch die Erinnerung, und als sie das Haus erreicht, die
Haustür hinter sich zugeschlagen, sich auf ihr Zimmer geflüchtet und den
Schlüssel umgedreht hatte, da mußte sie sich niederwerfen in einen Winkel
und die Gesichter abwehren; mit den Händen schlug sie danach—stieß
Drohungen aus.—Schließlich sank sie erschöpft zusammen,—ihre Tränen
flossen ruhiger,—sie war gerettet.
[2] Aus Adam Oehlenschlägers Schauspiel "Axel und Valborg."
*****
Noch am Abend desselben Tages verließ sie Bergen und fuhr
landeinwärts. Sie wußte selbst nicht wohin. Sie wollte nur irgendwohin, wo
man sie nicht kannte. Sie saß im Karriol, ihr Koffer war hinten
Page 625
aufgeschnallt, und obendrauf saß der Postbub. Es regnete in Strömen; sie
saß zusammengekauert unter einem großen Regendach und blickte voll
Bangen bald an der Bergwand empor, bald in den Abgrund auf der andern
Seite hinab. Der Wald vor ihr war eine einzige brütende Nebelmasse, voll
Gespenster. Im nächsten Augenblick mußte sie mitten drin sein. Aber
immer wieder wich der Nebel zurück, mit jedem Schritt, den sie in den
Wald hineintat. Ein mächtiges Dröhnen, das immer gewaltiger wurde,
verstärkte in ihr das Gefühl, als bewege sie sich in einem geheimnisvollen
Kreis, in dem alles seine eigene Bedeutung, seinen dunkeln Zusammenhang
hatte und in dem der Mensch nichts war als ein furchtsamer Wandersmann,
der eben sehen mußte, wie er weiter kam. Das Dröhnen rührte von den
Sturzbächen her, die durch die Regengüsse zu Riesen angeschwollen waren
und nun unter Brüllen und Tosen stoßweise von Fels zu Fels in die Tiefe
sprangen. Wo der Weg ging, führten schmale Brücken hinüber; sie sah es
unter sich brodeln in den hohlen Kesseln. Bald ging es in Krümmungen und
Windungen abwärts; da und dort ein vereinzeltes Stück Ackerland, ein paar
torfbedeckte Hütten auf einem Klumpen. Dann wieder aufwärts, dem Wald
und dem Rauschen entgegen. Sie war durchnäßt, sie fror. Aber sie wollte
weiter, solang es Tag war, weiter auch am nächsten Tag,—immer tiefer ins
Land hinein, bis sie eine Stätte fand, wo sie geborgen war. Und dazu würde
er ihr helfen, er, der Allmächtige, der sie jetzt leitete durch Dunkel und
Sturm.
Achtes Kapitel
Ein mildes Spätjähr kann manchmal gerade in den fruchtbaren und
geschützten Gebirgstälern des Stiftes Bergen noch tief im Herbst die
reinsten Sommertage bringen. Da läßt man über Mittag das Vieh wieder auf
saß zusammengekauert unter einem großen Regendach und blickte voll
Bangen bald an der Bergwand empor, bald in den Abgrund auf der andern
Seite hinab. Der Wald vor ihr war eine einzige brütende Nebelmasse, voll
Gespenster. Im nächsten Augenblick mußte sie mitten drin sein. Aber
immer wieder wich der Nebel zurück, mit jedem Schritt, den sie in den
Wald hineintat. Ein mächtiges Dröhnen, das immer gewaltiger wurde,
verstärkte in ihr das Gefühl, als bewege sie sich in einem geheimnisvollen
Kreis, in dem alles seine eigene Bedeutung, seinen dunkeln Zusammenhang
hatte und in dem der Mensch nichts war als ein furchtsamer Wandersmann,
der eben sehen mußte, wie er weiter kam. Das Dröhnen rührte von den
Sturzbächen her, die durch die Regengüsse zu Riesen angeschwollen waren
und nun unter Brüllen und Tosen stoßweise von Fels zu Fels in die Tiefe
sprangen. Wo der Weg ging, führten schmale Brücken hinüber; sie sah es
unter sich brodeln in den hohlen Kesseln. Bald ging es in Krümmungen und
Windungen abwärts; da und dort ein vereinzeltes Stück Ackerland, ein paar
torfbedeckte Hütten auf einem Klumpen. Dann wieder aufwärts, dem Wald
und dem Rauschen entgegen. Sie war durchnäßt, sie fror. Aber sie wollte
weiter, solang es Tag war, weiter auch am nächsten Tag,—immer tiefer ins
Land hinein, bis sie eine Stätte fand, wo sie geborgen war. Und dazu würde
er ihr helfen, er, der Allmächtige, der sie jetzt leitete durch Dunkel und
Sturm.
Achtes Kapitel
Ein mildes Spätjähr kann manchmal gerade in den fruchtbaren und
geschützten Gebirgstälern des Stiftes Bergen noch tief im Herbst die
reinsten Sommertage bringen. Da läßt man über Mittag das Vieh wieder auf
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die Weide, auch wenn es schon zur Winterfütterung eingebracht ist. Und die
Tiere sind wohlgenährt und übermütig um diese Zeit und bringen, wenn sie
am Abend heimgetrieben werden, Leben genug auf den Hof.
So kamen sie gerade den Viehsteig herunter, auf ein großes Gehöft zu—
Kühe, Schafe und Ziegen, brüllend, blökend und tanzend … als Petra
vorüberfuhr. Der Tag war hell; das lange weiße Gutshaus leuchtete mit
seinen Fenstern in der Sonne, und über dem Haus stieg das Gebirge auf, so
vollgepackt von Föhren, Birken, Faulbäumen und Ebereschen, von
Heckenrosen und allen Ausläufern, daß die Gebäude darunter wie
eingebettet lagen. Vor dem Hauptgebäude, am Weg, war ein Garten; darin
standen üppige Äpfel-, Kirsch- und Morellenbäume; und an den Wegen und
am Zaun wuchsen Stachelbeer-, Johannisbeer- und Himbeerbüsche. Über
alles hin ragten ein paar große alte Eschen mit breiten Kronen. Das Haus
sah wie ein verstecktes Nest zwischen den Ästen hervor, ein Nest, in das
niemand drang, als die Sonne. Aber gerade dieses Versteckte erregte Petras
Sehnsucht. Und weil die Sonne aus den Scheiben funkelte, und die
Herdenglocken so fröhlich lockten, und sie hörte, daß das ein Pfarrhof sei,
griff sie hurtig in die Zügel: "Halt! Hier muß ich hinein!" Und bog seitwärts
ab, am Garten entlang.
Ein paar Wolfshunde stürzten ihr wütend entgegen, als sie in den Hof
fuhr. Der Hof war ein großes, eingebautes Viereck. Dem Wohnhaus
gegenüber der Kuhstall, rechts ein Flügel des Wohnhauses, links Waschhaus
und Gesindewohnung. Der ganze Hof war gerade voll von Vieh. Mitten
unter den Tieren stand eine Dame, ziemlich groß und sehr schlank. Sie trug
ein eng anschließendes Kleid und über dem Kopf ein kleines seidenes Tuch.
Rings um sie herum und an ihr hinauf sprangen Ziegen, weiße, braune,
scheckige, schwarze, alle mit kleinen Glocken, die im Dreiklang
abgestimmt waren. Und für jede Ziege hatte sie einen Kosenamen und
einen Leckerbissen in einer Schüssel, die die Milchmagd immer wieder
Tiere sind wohlgenährt und übermütig um diese Zeit und bringen, wenn sie
am Abend heimgetrieben werden, Leben genug auf den Hof.
So kamen sie gerade den Viehsteig herunter, auf ein großes Gehöft zu—
Kühe, Schafe und Ziegen, brüllend, blökend und tanzend … als Petra
vorüberfuhr. Der Tag war hell; das lange weiße Gutshaus leuchtete mit
seinen Fenstern in der Sonne, und über dem Haus stieg das Gebirge auf, so
vollgepackt von Föhren, Birken, Faulbäumen und Ebereschen, von
Heckenrosen und allen Ausläufern, daß die Gebäude darunter wie
eingebettet lagen. Vor dem Hauptgebäude, am Weg, war ein Garten; darin
standen üppige Äpfel-, Kirsch- und Morellenbäume; und an den Wegen und
am Zaun wuchsen Stachelbeer-, Johannisbeer- und Himbeerbüsche. Über
alles hin ragten ein paar große alte Eschen mit breiten Kronen. Das Haus
sah wie ein verstecktes Nest zwischen den Ästen hervor, ein Nest, in das
niemand drang, als die Sonne. Aber gerade dieses Versteckte erregte Petras
Sehnsucht. Und weil die Sonne aus den Scheiben funkelte, und die
Herdenglocken so fröhlich lockten, und sie hörte, daß das ein Pfarrhof sei,
griff sie hurtig in die Zügel: "Halt! Hier muß ich hinein!" Und bog seitwärts
ab, am Garten entlang.
Ein paar Wolfshunde stürzten ihr wütend entgegen, als sie in den Hof
fuhr. Der Hof war ein großes, eingebautes Viereck. Dem Wohnhaus
gegenüber der Kuhstall, rechts ein Flügel des Wohnhauses, links Waschhaus
und Gesindewohnung. Der ganze Hof war gerade voll von Vieh. Mitten
unter den Tieren stand eine Dame, ziemlich groß und sehr schlank. Sie trug
ein eng anschließendes Kleid und über dem Kopf ein kleines seidenes Tuch.
Rings um sie herum und an ihr hinauf sprangen Ziegen, weiße, braune,
scheckige, schwarze, alle mit kleinen Glocken, die im Dreiklang
abgestimmt waren. Und für jede Ziege hatte sie einen Kosenamen und
einen Leckerbissen in einer Schüssel, die die Milchmagd immer wieder
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füllte. Auf der niedrigen Treppe, die vom Wohnhaus auf den Hof führte,
stand der Propst mit einer Schüssel Salz, und vor der Staffel standen die
Kühe und leckten ihm das Salz aus der Hand und von den Steinfließen, auf
die er es streute, Der Propst war kein großer, aber gedrungener Mann, mit
kurzem Hals und niederer Stirn. Die buschigen Brauen beschatteten ein
Paar Augen, die nicht gern geradeaus, sondern nur ab und zu seltsam
funkelnd von der Seite blickten. Das kurzgeschnittene dichte Haar war grau
und sträubte sich nach allen Seiten; es wuchs den Nacken hinab fast ebenso
stark wie auf dem Kopf; er trug keine Krawatte, das Hemd war mit mit
einem Knopf zusammengehalten und stand vorn offen, so daß die behaarte
Brust sichtbar war; auch die Hemdärmel waren nicht zugeknöpft und
hingen lose über den kleinen kräftigen, augenblicklich klebrigen Händen,
mit denen er das Salz austeilte. Hände und Arme waren dicht behaart. Er
warf von der Seite her einen scharfen Blick auf die fremde Dame, die da
ausgestiegen war und sich durch die Ziegen den Weg zu seiner Tochter
gebahnt hatte. Was die beiden miteinander redeten, konnte er vor dem
Lärm, den Kühe, Hunde und Schellen machten, nicht hören; aber jetzt
blickten die beiden zu ihm herüber und kamen, umringt von den Ziegen, auf
die Treppe zu. Ein Hirtenjunge trieb auf einen Wink des Propstes die Kühe
fort. Und Signe, die Tochter, rief jetzt… Petra empfand voll Behagen den
Wohllaut der Stimme: "Vater, da ist eine fremde Dame, die gern einen Tag
bei uns ausruhen möchte!"—"Sie ist mir herzlich willkommen!" rief der
Propst zurück; dann gab er das Salzfaß einer Magd und ging in sein
Studierzimmer rechts vom Hausflur, um sich zu waschen und
zurechtzumachen. Petra folgte dem Fräulein in den Hausflur, der eigentlich
ein Vorzimmer war, so hell und so geräumig war er. Der Postjunge wurde
abgelohnt, ihr Gepäck wurde ins Haus geschafft, in einem der Studierstube
gegenüberliegenden Nebenzimmer machte sie sich ein bißchen zurecht und
trat dann wieder hinaus in den Flur, um sich von dort ins Wohnzimmer
führen zu lassen.
stand der Propst mit einer Schüssel Salz, und vor der Staffel standen die
Kühe und leckten ihm das Salz aus der Hand und von den Steinfließen, auf
die er es streute, Der Propst war kein großer, aber gedrungener Mann, mit
kurzem Hals und niederer Stirn. Die buschigen Brauen beschatteten ein
Paar Augen, die nicht gern geradeaus, sondern nur ab und zu seltsam
funkelnd von der Seite blickten. Das kurzgeschnittene dichte Haar war grau
und sträubte sich nach allen Seiten; es wuchs den Nacken hinab fast ebenso
stark wie auf dem Kopf; er trug keine Krawatte, das Hemd war mit mit
einem Knopf zusammengehalten und stand vorn offen, so daß die behaarte
Brust sichtbar war; auch die Hemdärmel waren nicht zugeknöpft und
hingen lose über den kleinen kräftigen, augenblicklich klebrigen Händen,
mit denen er das Salz austeilte. Hände und Arme waren dicht behaart. Er
warf von der Seite her einen scharfen Blick auf die fremde Dame, die da
ausgestiegen war und sich durch die Ziegen den Weg zu seiner Tochter
gebahnt hatte. Was die beiden miteinander redeten, konnte er vor dem
Lärm, den Kühe, Hunde und Schellen machten, nicht hören; aber jetzt
blickten die beiden zu ihm herüber und kamen, umringt von den Ziegen, auf
die Treppe zu. Ein Hirtenjunge trieb auf einen Wink des Propstes die Kühe
fort. Und Signe, die Tochter, rief jetzt… Petra empfand voll Behagen den
Wohllaut der Stimme: "Vater, da ist eine fremde Dame, die gern einen Tag
bei uns ausruhen möchte!"—"Sie ist mir herzlich willkommen!" rief der
Propst zurück; dann gab er das Salzfaß einer Magd und ging in sein
Studierzimmer rechts vom Hausflur, um sich zu waschen und
zurechtzumachen. Petra folgte dem Fräulein in den Hausflur, der eigentlich
ein Vorzimmer war, so hell und so geräumig war er. Der Postjunge wurde
abgelohnt, ihr Gepäck wurde ins Haus geschafft, in einem der Studierstube
gegenüberliegenden Nebenzimmer machte sie sich ein bißchen zurecht und
trat dann wieder hinaus in den Flur, um sich von dort ins Wohnzimmer
führen zu lassen.
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Was für ein helles großes Zimmer! Fast die ganze Wand nach dem Garten
zu bestand aus Fenstern; das mittlere war zugleich eine Gartentür. Die
Fenster waren breit und hoch und reichten beinah bis auf den Fußboden;
aber sie standen ganz voll Blumen. Blumen auf Ständern bis tief ins
Zimmer herein, Blumen auf den Fensterbrettern, und statt der Gardinen
schlangen sich Efeuranken aus zwei kleinen Blumenhecken hoch oben am
Fensterrahmen bis auf die Erde. Und da auch draußen Sträucher und
Blumen standen, unter dem Fenster, an beiden Seiten, um die Scheiben
herumgerankt und auf dem Rasenplatz davor, so glaubte man in ein
Treibhaus zu treten, das mitten in einem Garten lag. Und doch,—kaum war
man einige Augenblicke im Zimmer, so sah man die Blumen gar nicht
mehr; man sah nur noch die Kirche, die frei auf einer Anhöhe zur Rechten
lag, und das blauschimmernde Wasser, das ihr Bild aufnahm und flimmernd
dahinströmte, bis tief in die Berge hinein, so tief, daß man nicht wußte, war
es ein Binnensee oder ein Meeresarm, der sich hereinschlängelte. Und dann
die Berge selbst! Kein einzelner Berg, nein, ganze Ketten von Bergen, ein
Bergrücken immer gewaltiger hinter dem andern emporragend, als sei hier
die Grenze der bewohnten Welt!
Als Petras Blicke sich endlich von diesem Bilde lösten, war alles im
Zimmer wie geweiht durch den Anblick da draußen; rein und anmutig
schlang es sich als ein Blumenrahmen um das großzügige Gemälde. Ihr
war, als umgebe sie ein Unsichtbares, das auf ihr Tun, auf ihr Denken Acht
hatte; ohne sich dessen bewußt zu sein, ging sie prüfend im Zimmer umher
und berührte die einzelnen Gegenstände. Da sah sie über dem Sofa an der
langen Wand dem Licht gegenüber das lebensgroße Bild einer Frau, die auf
sie herablächelte. Sie saß mit leicht geneigtem Haupt und gefalteten Händen
da; der rechte Arm ruhte auf einem Buch, dessen Rücken in deutlichen
Lettern die Inschrift: "Sonntagsbuch", trug. Blond von Haar und licht von
Farbe, strahlte sie hernieder und verlieh Sonntagsruhe allem, was sie
bestrahlte. Ihr Lächeln war Ernst, aber der Ernst war Hingebung; es war, als
zu bestand aus Fenstern; das mittlere war zugleich eine Gartentür. Die
Fenster waren breit und hoch und reichten beinah bis auf den Fußboden;
aber sie standen ganz voll Blumen. Blumen auf Ständern bis tief ins
Zimmer herein, Blumen auf den Fensterbrettern, und statt der Gardinen
schlangen sich Efeuranken aus zwei kleinen Blumenhecken hoch oben am
Fensterrahmen bis auf die Erde. Und da auch draußen Sträucher und
Blumen standen, unter dem Fenster, an beiden Seiten, um die Scheiben
herumgerankt und auf dem Rasenplatz davor, so glaubte man in ein
Treibhaus zu treten, das mitten in einem Garten lag. Und doch,—kaum war
man einige Augenblicke im Zimmer, so sah man die Blumen gar nicht
mehr; man sah nur noch die Kirche, die frei auf einer Anhöhe zur Rechten
lag, und das blauschimmernde Wasser, das ihr Bild aufnahm und flimmernd
dahinströmte, bis tief in die Berge hinein, so tief, daß man nicht wußte, war
es ein Binnensee oder ein Meeresarm, der sich hereinschlängelte. Und dann
die Berge selbst! Kein einzelner Berg, nein, ganze Ketten von Bergen, ein
Bergrücken immer gewaltiger hinter dem andern emporragend, als sei hier
die Grenze der bewohnten Welt!
Als Petras Blicke sich endlich von diesem Bilde lösten, war alles im
Zimmer wie geweiht durch den Anblick da draußen; rein und anmutig
schlang es sich als ein Blumenrahmen um das großzügige Gemälde. Ihr
war, als umgebe sie ein Unsichtbares, das auf ihr Tun, auf ihr Denken Acht
hatte; ohne sich dessen bewußt zu sein, ging sie prüfend im Zimmer umher
und berührte die einzelnen Gegenstände. Da sah sie über dem Sofa an der
langen Wand dem Licht gegenüber das lebensgroße Bild einer Frau, die auf
sie herablächelte. Sie saß mit leicht geneigtem Haupt und gefalteten Händen
da; der rechte Arm ruhte auf einem Buch, dessen Rücken in deutlichen
Lettern die Inschrift: "Sonntagsbuch", trug. Blond von Haar und licht von
Farbe, strahlte sie hernieder und verlieh Sonntagsruhe allem, was sie
bestrahlte. Ihr Lächeln war Ernst, aber der Ernst war Hingebung; es war, als
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ziehe sie alles und alle in Liebe an sich; denn es war, als verstehe sie alles,
weil sie in allem nur das Gute sah. Ihr Antlitz trug das Gepräge krankhafter
Zartheit; aber diese Schwäche mußte ihre Stärke sein; denn den Menschen,
der dieser Schwäche hatte wehtun können, den gab es sicherlich nicht. Um
den Rahmen hing ein Immortellenkranz; sie war also tot.
"Das war meine Mutter!"—hörte Petra hinter sich eine sanfte Stimme
sagen; sie wandte sich um und sah die Tochter des Hauses vor sich stehen,
die vorhin hinausgegangen und jetzt wieder eingetreten war. Aber das ganze
Zimmer war fortan ausgefüllt von dem Bilde; alles leitete zu ihm hinan,
alles erhielt von ihm sein Licht, alles war nur des Bildes wegen da, und die
Tochter war sein stiller Abglanz. Ein bißchen schweigsamer erschien die
Tochter, ein bißchen zurückhaltender. Die Mutter zog den Blick auf sich
und gab ihn voll zurück; die Tochter hielt den ihren gesenkt. Aber dabei
dieselbe Klarheit, dieselbe Milde. Auch die Gestalt der Mutter hatte sie;
doch ohne eine Spur von Kränklichkeit. Die lebhaften Farben ihres
festanliegenden Kleides, ihrer Schürze, der kleinen Krawatte, die von einer
römischen Nadel zusammengehalten war, gaben im Gegenteil ihrem
Gesicht etwas Frisches und ließen eine Anmut und einen Sinn für Anmut
ahnen, die sie zur Tochter des Bildes dort oben und zum guten Genius des
Hauses stempelten. Und wie sie das Mädchen so zwischen den Blumen der
Mutter umhergehen sah, stieg eine große Sehnsucht nach ihr in Petra auf.
Im Umgang mit dieser Frau, in diesem Hause mußte alles Gute gedeihen.
Wenn sie nur Einlaß fände! Sie empfand ihre Verlassenheit doppelt.
Unverwandt folgten ihre Blicke Signe, wo diese ging und stand; Signe
fühlte es und suchte auszuweichen; vergebens. Zuletzt wurde sie ganz
verlegen und beugte sich über ihre Blumen. Endlich wurde Petra sich ihrer
Aufdringlichkeit bewußt; sie schämte sich und hätte gern um Verzeihung
gebeten. Aber etwas an diesem sorgfältig geordneten Haar, der feinen Stirn,
dem eng anliegenden Kleid mahnte sie zur Vorsicht. Sie blickte auf zur
Mutter; oh, die hätte sie auf der Stelle umarmen können! War es nicht, als
weil sie in allem nur das Gute sah. Ihr Antlitz trug das Gepräge krankhafter
Zartheit; aber diese Schwäche mußte ihre Stärke sein; denn den Menschen,
der dieser Schwäche hatte wehtun können, den gab es sicherlich nicht. Um
den Rahmen hing ein Immortellenkranz; sie war also tot.
"Das war meine Mutter!"—hörte Petra hinter sich eine sanfte Stimme
sagen; sie wandte sich um und sah die Tochter des Hauses vor sich stehen,
die vorhin hinausgegangen und jetzt wieder eingetreten war. Aber das ganze
Zimmer war fortan ausgefüllt von dem Bilde; alles leitete zu ihm hinan,
alles erhielt von ihm sein Licht, alles war nur des Bildes wegen da, und die
Tochter war sein stiller Abglanz. Ein bißchen schweigsamer erschien die
Tochter, ein bißchen zurückhaltender. Die Mutter zog den Blick auf sich
und gab ihn voll zurück; die Tochter hielt den ihren gesenkt. Aber dabei
dieselbe Klarheit, dieselbe Milde. Auch die Gestalt der Mutter hatte sie;
doch ohne eine Spur von Kränklichkeit. Die lebhaften Farben ihres
festanliegenden Kleides, ihrer Schürze, der kleinen Krawatte, die von einer
römischen Nadel zusammengehalten war, gaben im Gegenteil ihrem
Gesicht etwas Frisches und ließen eine Anmut und einen Sinn für Anmut
ahnen, die sie zur Tochter des Bildes dort oben und zum guten Genius des
Hauses stempelten. Und wie sie das Mädchen so zwischen den Blumen der
Mutter umhergehen sah, stieg eine große Sehnsucht nach ihr in Petra auf.
Im Umgang mit dieser Frau, in diesem Hause mußte alles Gute gedeihen.
Wenn sie nur Einlaß fände! Sie empfand ihre Verlassenheit doppelt.
Unverwandt folgten ihre Blicke Signe, wo diese ging und stand; Signe
fühlte es und suchte auszuweichen; vergebens. Zuletzt wurde sie ganz
verlegen und beugte sich über ihre Blumen. Endlich wurde Petra sich ihrer
Aufdringlichkeit bewußt; sie schämte sich und hätte gern um Verzeihung
gebeten. Aber etwas an diesem sorgfältig geordneten Haar, der feinen Stirn,
dem eng anliegenden Kleid mahnte sie zur Vorsicht. Sie blickte auf zur
Mutter; oh, die hätte sie auf der Stelle umarmen können! War es nicht, als
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ob sie sie willkommen hieße? Durfte sie wirklich hoffen? So hatte noch
kein Mensch sie angesehen! In diesem Blick stand geschrieben: alles weiß
ich; ich kenne dich, du Verirrte,—und ich verzeihe dir! Und sie brauchte
diese Nachsicht,—sie konnte den Blick nicht abwenden von diesen gütigen
Augen. Sie neigte das Haupt, wie die Frau auf dem Bilde, sie faltete die
Hände,—und fast ohne es selber zu wissen, wandte sie sich um: "Lassen Sie
mich hier bleiben!" Signe richtete sich auf und sah sie an; sie war so
erstaunt, daß sie gar nicht antworten konnte. "Lassen Sie mich hier
bleiben!" bat Petra wieder und ging auf sie zu. "Hier ist es schön!" Und ihre
Augen füllten sich mit Tränen.
"Ich will meinen Vater holen!" sagte das junge Mädchen. Petra folgte ihr
mit den Augen, bis sie hinter der Tür des Studierzimmers verschwunden
war. Aber sobald sie wieder allein war, überfiel sie eine Angst vor dem, was
sie getan hatte; und als sie in der Tür das erstaunte Gesicht des Propstes sah,
zitterte sie. Er trat ein, etwas sorgfältiger gekleidet als vorhin, im Munde die
Pfeife, die er mit festem Griff umklammert hielt. So oft er den Rauch
einsog, ließ er sie aus den Lippen gleiten, und stieß dann den Rauch in drei
Absätzen wieder heraus, wobei er jedesmal leise paffte. Das wiederholte er
einige Male, während er mitten im Zimmer gerade vor Petra stehen blieb,
ohne sie anzusehen, aber als erwarte er, daß sie etwas sagen solle. Sie
getraute sich nicht, diesem Mann gegenüber ihre Bitte zu wiederholen; er
sah so streng aus. "Sie möchten hier bleiben?" fragte er und streifte sie mit
einem langen, leuchtenden Seitenblick. Die Angst verlieh ihrer Stimme
etwas Bebendes. "Ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll." "Wo sind Sie her?"
Petra nannte leise ihren Geburtsort und ihren Namen. "Wie kommen Sie
denn hierher?"
"Ich weiß nicht—ich möchte—ich will gern bezahlen—ich—ich weiß
nicht—" Sie wandte sich ab; eine Weile konnte sie überhaupt nicht mehr
sprechen, dann faßte sie wieder Mut und sagte: "Ich will ja alles tun, was
kein Mensch sie angesehen! In diesem Blick stand geschrieben: alles weiß
ich; ich kenne dich, du Verirrte,—und ich verzeihe dir! Und sie brauchte
diese Nachsicht,—sie konnte den Blick nicht abwenden von diesen gütigen
Augen. Sie neigte das Haupt, wie die Frau auf dem Bilde, sie faltete die
Hände,—und fast ohne es selber zu wissen, wandte sie sich um: "Lassen Sie
mich hier bleiben!" Signe richtete sich auf und sah sie an; sie war so
erstaunt, daß sie gar nicht antworten konnte. "Lassen Sie mich hier
bleiben!" bat Petra wieder und ging auf sie zu. "Hier ist es schön!" Und ihre
Augen füllten sich mit Tränen.
"Ich will meinen Vater holen!" sagte das junge Mädchen. Petra folgte ihr
mit den Augen, bis sie hinter der Tür des Studierzimmers verschwunden
war. Aber sobald sie wieder allein war, überfiel sie eine Angst vor dem, was
sie getan hatte; und als sie in der Tür das erstaunte Gesicht des Propstes sah,
zitterte sie. Er trat ein, etwas sorgfältiger gekleidet als vorhin, im Munde die
Pfeife, die er mit festem Griff umklammert hielt. So oft er den Rauch
einsog, ließ er sie aus den Lippen gleiten, und stieß dann den Rauch in drei
Absätzen wieder heraus, wobei er jedesmal leise paffte. Das wiederholte er
einige Male, während er mitten im Zimmer gerade vor Petra stehen blieb,
ohne sie anzusehen, aber als erwarte er, daß sie etwas sagen solle. Sie
getraute sich nicht, diesem Mann gegenüber ihre Bitte zu wiederholen; er
sah so streng aus. "Sie möchten hier bleiben?" fragte er und streifte sie mit
einem langen, leuchtenden Seitenblick. Die Angst verlieh ihrer Stimme
etwas Bebendes. "Ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll." "Wo sind Sie her?"
Petra nannte leise ihren Geburtsort und ihren Namen. "Wie kommen Sie
denn hierher?"
"Ich weiß nicht—ich möchte—ich will gern bezahlen—ich—ich weiß
nicht—" Sie wandte sich ab; eine Weile konnte sie überhaupt nicht mehr
sprechen, dann faßte sie wieder Mut und sagte: "Ich will ja alles tun, was
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Sie von mir verlangen,—wenn ich bloß hier bleiben darf und nicht weiter
muß,—und nicht noch einmal ein zweites Mal bitten—" Die Tochter war
mit dem Vater wieder hereingekommen, war aber beim Kamin stehen
geblieben und fingerte dort, ohne aufzublicken, in den gedörrten
Rosenblättern herum. Der Propst erwiderte nichts. Man hörte nur sein
Pfeifenpaffen, während er abwechselnd bald Petra, bald die Tochter, bald
das Bild ansah. Nun kann ein und derselbe Gegenstand einen ganz
verschiedenen Eindruck hervorrufen. Während Petra innerlich flehte, das
Bild möge ihn günstig stimmen, schien es dem Propst, als flüstere es ihm
zu: "Schütze unser Kind! Nimm niemand Fremdes zu ihr ins Haus!" Mit
einem scharfen Seitenblick wandte er sich zu Petra und sagte: "Nein! Sie
können nicht bleiben."
Petra erblaßte, seufzte tief auf, blickte sich unsicher um und stürzte ins
Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand. Dort warf sie sich kopfüber auf
einen Tisch und überließ sich haltlos ihrem Schmerz und ihrer
Enttäuschung!—Vater und Tochter sahen einander an.
Solch ein Mangel an Lebensart—ohne weiteres in ein fremdes Zimmer
zu stürmen und sich einfach gehen zu lassen—das hatte wirklich nur
seinesgleichen in der Art, wie sie von der Landstraße hereingeschneit war,
gebeten hatte, hier bleiben zu dürfen, und dann, als man ihr das abschlug,
laut zu heulen anfing. Der Propst ging ihr nach, nicht um mit ihr zu reden,
sondern um die Tür hinter ihr zuzumachen. Mit feuerrotem Gesicht kam er
zurück und sagte leise zur Tochter, die noch am Ofen stand: "Hast Du
jemals so was von Frauenzimmer gesehen? Wer ist sie denn? Was will sie?"
Die Tochter antwortete nicht gleich; aber als sie endlich antwortete, sprach
sie noch leiser als der Vater: "Sie führt sich ja freilich verdreht auf. Aber
etwas Besonderes hat sie doch an sich." Der Propst ging im Zimmer auf und
ab und blickte immer wieder zur Tür. Zuletzt blieb er stehen und flüsterte:
"Sie muß nicht ganz richtig im Kopf sein!" Und als Signe nichts erwiderte,
muß,—und nicht noch einmal ein zweites Mal bitten—" Die Tochter war
mit dem Vater wieder hereingekommen, war aber beim Kamin stehen
geblieben und fingerte dort, ohne aufzublicken, in den gedörrten
Rosenblättern herum. Der Propst erwiderte nichts. Man hörte nur sein
Pfeifenpaffen, während er abwechselnd bald Petra, bald die Tochter, bald
das Bild ansah. Nun kann ein und derselbe Gegenstand einen ganz
verschiedenen Eindruck hervorrufen. Während Petra innerlich flehte, das
Bild möge ihn günstig stimmen, schien es dem Propst, als flüstere es ihm
zu: "Schütze unser Kind! Nimm niemand Fremdes zu ihr ins Haus!" Mit
einem scharfen Seitenblick wandte er sich zu Petra und sagte: "Nein! Sie
können nicht bleiben."
Petra erblaßte, seufzte tief auf, blickte sich unsicher um und stürzte ins
Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand. Dort warf sie sich kopfüber auf
einen Tisch und überließ sich haltlos ihrem Schmerz und ihrer
Enttäuschung!—Vater und Tochter sahen einander an.
Solch ein Mangel an Lebensart—ohne weiteres in ein fremdes Zimmer
zu stürmen und sich einfach gehen zu lassen—das hatte wirklich nur
seinesgleichen in der Art, wie sie von der Landstraße hereingeschneit war,
gebeten hatte, hier bleiben zu dürfen, und dann, als man ihr das abschlug,
laut zu heulen anfing. Der Propst ging ihr nach, nicht um mit ihr zu reden,
sondern um die Tür hinter ihr zuzumachen. Mit feuerrotem Gesicht kam er
zurück und sagte leise zur Tochter, die noch am Ofen stand: "Hast Du
jemals so was von Frauenzimmer gesehen? Wer ist sie denn? Was will sie?"
Die Tochter antwortete nicht gleich; aber als sie endlich antwortete, sprach
sie noch leiser als der Vater: "Sie führt sich ja freilich verdreht auf. Aber
etwas Besonderes hat sie doch an sich." Der Propst ging im Zimmer auf und
ab und blickte immer wieder zur Tür. Zuletzt blieb er stehen und flüsterte:
"Sie muß nicht ganz richtig im Kopf sein!" Und als Signe nichts erwiderte,
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trat er näher auf sie zu und wiederholte bestimmter: "Sie ist verrückt, Signe.
Einfach verrückt. Das ist das Besondere an ihr!" Wieder fing er an, auf und
ab zu gehen; schließlich kam er auf andere Gedanken; und fast hatte er
schon vergessen, was er eben gesagt hatte, als die Tochter flüsternd
antwortete: "Das glaub' ich nicht. Aber sehr unglücklich muß sie sein!" Und
sie beugte sich über die welken Rosenblätter, mit denen ihre Finger noch
immer spielten. Der Klang der Stimme sowie dies Spielen hätte für einen
Fremden nichts Auffallendes gehabt; aber der Vater wurde sofort
aufmerksam. Er ging, das Bild an der Wand betrachtend, ein paarmal durchs
Zimmer und sagte endlich sehr leise: "Meinst Du, weil sie unglücklich
aussieht—würde—Mutter ihr erlaubt haben, zu bleiben?"—"Mutter hätte
mit ihrer Antwort überhaupt ein paar Tage gewartet!" flüsterte die Tochter
und beugte sich noch tiefer über die Rosen. Die leiseste Erinnerung an sie
da droben konnte, wenn die Tochter sie ihm zu Gemüte führte, den
buschigen Löwenkopf zahm machen wie ein Lamm. Er fühlte sogleich die
Wahrheit ihrer Worte und stand da wie ein Schuljunge, der beim Lügen
ertappt wird; er vergaß seine Pfeife, er dachte nicht mehr ans Gehen, und
erst nach einer langen Weile flüsterte er: "Soll ich sie bitten, ein paar Tage
bei uns zu bleiben?" "Du hast ihr ja schon geantwortet."
"Nun ja,—aber sie ganz bei uns aufnehmen oder sie ein paar Tage
behalten,—das ist zweierlei." Auch Signe schien zu überlegen. Endlich
sagte sie: "Tu, was Du für das Beste hältst!"
Der Propst schien sich diesen Vorschlag doch noch näher zu überlegen.
Er ging wieder verschiedene Male im Zimmer auf und ab und stieß dicke
Rauchwolken aus. Endlich blieb er stehen. "Willst Du zu ihr hinein—oder
soll ich—?" "Es wird schon das beste sein, Du gehst zu ihr!" sagte die
Tochter mit einem weichen Blick.
Einfach verrückt. Das ist das Besondere an ihr!" Wieder fing er an, auf und
ab zu gehen; schließlich kam er auf andere Gedanken; und fast hatte er
schon vergessen, was er eben gesagt hatte, als die Tochter flüsternd
antwortete: "Das glaub' ich nicht. Aber sehr unglücklich muß sie sein!" Und
sie beugte sich über die welken Rosenblätter, mit denen ihre Finger noch
immer spielten. Der Klang der Stimme sowie dies Spielen hätte für einen
Fremden nichts Auffallendes gehabt; aber der Vater wurde sofort
aufmerksam. Er ging, das Bild an der Wand betrachtend, ein paarmal durchs
Zimmer und sagte endlich sehr leise: "Meinst Du, weil sie unglücklich
aussieht—würde—Mutter ihr erlaubt haben, zu bleiben?"—"Mutter hätte
mit ihrer Antwort überhaupt ein paar Tage gewartet!" flüsterte die Tochter
und beugte sich noch tiefer über die Rosen. Die leiseste Erinnerung an sie
da droben konnte, wenn die Tochter sie ihm zu Gemüte führte, den
buschigen Löwenkopf zahm machen wie ein Lamm. Er fühlte sogleich die
Wahrheit ihrer Worte und stand da wie ein Schuljunge, der beim Lügen
ertappt wird; er vergaß seine Pfeife, er dachte nicht mehr ans Gehen, und
erst nach einer langen Weile flüsterte er: "Soll ich sie bitten, ein paar Tage
bei uns zu bleiben?" "Du hast ihr ja schon geantwortet."
"Nun ja,—aber sie ganz bei uns aufnehmen oder sie ein paar Tage
behalten,—das ist zweierlei." Auch Signe schien zu überlegen. Endlich
sagte sie: "Tu, was Du für das Beste hältst!"
Der Propst schien sich diesen Vorschlag doch noch näher zu überlegen.
Er ging wieder verschiedene Male im Zimmer auf und ab und stieß dicke
Rauchwolken aus. Endlich blieb er stehen. "Willst Du zu ihr hinein—oder
soll ich—?" "Es wird schon das beste sein, Du gehst zu ihr!" sagte die
Tochter mit einem weichen Blick.
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Der Propst hatte schon die Hand an der Türklinke, als von drinnen ein
schallendes Gelächter ertönte. Dann wieder Stille—und aufs neue eine
wahre Lachsalve. Der Propst war zurückgeprallt; jetzt ging er wieder auf
die Tür los; die Tochter hinter ihm her. Das Mädchen da drin mußte krank
geworden sein.
Als die Tür aufging, sahen sie Petra noch an derselben Stelle sitzen, wo
sie sich vorhin hingeworfen hatte. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch,
über das sie sich, ohne zu wissen, was sie tat, hergemacht hatte. Ihre Tränen
waren auf die Blätter des Buchs gefallen und sie hatte sie abwischen
wollen. Da war ihr Blick auf einen der saftigen Ausdrücke gefallen, deren
sie sich aus den Tagen ihres Straßenjungenlebens her noch so gut erinnerte,
und die sie nie im Leben für druckfähig gehalten hatte. Vor lauter Entsetzen
vergaß sie zu weinen; saß nur und starrte in das Buch! Um Gotteswillen …
was war denn das? Sie las weiter, mit offenem Mund. Es wurde immer
ärger, furchtbar derb, aber so unwiderstehlich komisch, daß sie gar nicht
anders konnte: sie mußte immer weiter lesen. Und sie las, bis sie überhaupt
nichts mehr wußte, las über Kummer und Tränen, über Zeit und Raum
hinweg—mit dem alten Vater Holberg. Denn kein anderer war es als er! Sie
lachte, sie schüttelte sich vor Lachen. Und noch als der Propst und seine
Tochter schon vor ihr standen, merkte sie gar nicht, wie ernst sie waren,
dachte gar nicht mehr an ihr eigenes Anliegen, sondern lachte nur und
lachte und fragte: "Was ist denn das? Was in aller Welt ist denn das?" Und
dabei schlug sie das Titelblatt auf…
Plötzlich wurde sie blaß; sie sah zu den beiden auf, sah wieder in das
Buch, auf die wohlbekannten Schriftzüge. Es gibt Dinge, die einen ins Herz
treffen, wie eine Kugel, Dinge, von denen man sich hunderte von Meilen
entflohen wähnt, und die man auf einmal dicht vor sich sieht. Da—auf dem
ersten Blatt—stand geschrieben: "Hans Ödegaard." Flammendrot rief sie:
"Gehört ihm das Buch?—Kommt er hierher?" Und sie stand auf. "Ja,
schallendes Gelächter ertönte. Dann wieder Stille—und aufs neue eine
wahre Lachsalve. Der Propst war zurückgeprallt; jetzt ging er wieder auf
die Tür los; die Tochter hinter ihm her. Das Mädchen da drin mußte krank
geworden sein.
Als die Tür aufging, sahen sie Petra noch an derselben Stelle sitzen, wo
sie sich vorhin hingeworfen hatte. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch,
über das sie sich, ohne zu wissen, was sie tat, hergemacht hatte. Ihre Tränen
waren auf die Blätter des Buchs gefallen und sie hatte sie abwischen
wollen. Da war ihr Blick auf einen der saftigen Ausdrücke gefallen, deren
sie sich aus den Tagen ihres Straßenjungenlebens her noch so gut erinnerte,
und die sie nie im Leben für druckfähig gehalten hatte. Vor lauter Entsetzen
vergaß sie zu weinen; saß nur und starrte in das Buch! Um Gotteswillen …
was war denn das? Sie las weiter, mit offenem Mund. Es wurde immer
ärger, furchtbar derb, aber so unwiderstehlich komisch, daß sie gar nicht
anders konnte: sie mußte immer weiter lesen. Und sie las, bis sie überhaupt
nichts mehr wußte, las über Kummer und Tränen, über Zeit und Raum
hinweg—mit dem alten Vater Holberg. Denn kein anderer war es als er! Sie
lachte, sie schüttelte sich vor Lachen. Und noch als der Propst und seine
Tochter schon vor ihr standen, merkte sie gar nicht, wie ernst sie waren,
dachte gar nicht mehr an ihr eigenes Anliegen, sondern lachte nur und
lachte und fragte: "Was ist denn das? Was in aller Welt ist denn das?" Und
dabei schlug sie das Titelblatt auf…
Plötzlich wurde sie blaß; sie sah zu den beiden auf, sah wieder in das
Buch, auf die wohlbekannten Schriftzüge. Es gibt Dinge, die einen ins Herz
treffen, wie eine Kugel, Dinge, von denen man sich hunderte von Meilen
entflohen wähnt, und die man auf einmal dicht vor sich sieht. Da—auf dem
ersten Blatt—stand geschrieben: "Hans Ödegaard." Flammendrot rief sie:
"Gehört ihm das Buch?—Kommt er hierher?" Und sie stand auf. "Ja,
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versprochen hat er's", erwiderte Signe. Und Petra entsann sich, daß er im
Ausland mit einer Pastorenfamilie aus dem Stift Bergen zusammengewesen
war. Sie selbst war nur im Ring herumgefahren, sie war geradenwegs auf
ihn zugereist. "Kommt er bald? Ist er etwa gar hier?" Sie schickte sich auf
der Stelle an, davonzulaufen.—"Nein, er ist ja doch krank", sagte Signe.
—"Ach, richtig, er ist ja krank!" wiederholte Petra schmerzlich und sank
zusammen.
"Sagen Sie mal," rief Signe, "Sie sind doch nicht etwa—?" "Das
Fischermädel?" vollendete der Propst. Petra sah flehend zu ihnen auf.
"Ja, ich bin das Fischermädel", sagte sie.
Die war ihnen gar wohl bekannt; Ödegaard hatte ja von nichts anderem
gesprochen. "Das ändert freilich die Sache!" sagte der Propst; er fühlte, hier
war etwas Zerbrochenes—hier tat die Hilfe von Freunden not. "Bleiben Sie
einstweilen hier!" sagte er.
Petra sah auf; sie bemerkte den Blick, mit dem Signe ihm dankte, und das
tat ihr so wohl, daß sie zu Signe hinging, ihre beiden Hände faßte—mehr
getraute sie sich nicht—und, allerdings in Verlegenheit, sagte: "Ich will
Ihnen alles erzählen, sobald wir allein sind."
Eine Stunde später kannte Signe Petras ganze Geschichte, die sie sofort
ihrem Vater mitteilte. Auf seinen Rat schrieb sie noch am selben Tag an
Ödegaard, und damit fuhr sie fort, solange Petra bei ihnen im Hause war.
Petra aber, als sie sich an diesem Abend in den mächtigen Daunenkissen
zur Ruhe legte, in einem gemütlichen Zimmer, wo im Ofen die
Birkenscheiter knisterten und wo auf dem weißen Nachttisch zwischen den
zwei Kerzen das Neue Testament lag, griff nach dem Buch und dankte
ihrem Gott für alles, Gutes und auch Böses…
Ausland mit einer Pastorenfamilie aus dem Stift Bergen zusammengewesen
war. Sie selbst war nur im Ring herumgefahren, sie war geradenwegs auf
ihn zugereist. "Kommt er bald? Ist er etwa gar hier?" Sie schickte sich auf
der Stelle an, davonzulaufen.—"Nein, er ist ja doch krank", sagte Signe.
—"Ach, richtig, er ist ja krank!" wiederholte Petra schmerzlich und sank
zusammen.
"Sagen Sie mal," rief Signe, "Sie sind doch nicht etwa—?" "Das
Fischermädel?" vollendete der Propst. Petra sah flehend zu ihnen auf.
"Ja, ich bin das Fischermädel", sagte sie.
Die war ihnen gar wohl bekannt; Ödegaard hatte ja von nichts anderem
gesprochen. "Das ändert freilich die Sache!" sagte der Propst; er fühlte, hier
war etwas Zerbrochenes—hier tat die Hilfe von Freunden not. "Bleiben Sie
einstweilen hier!" sagte er.
Petra sah auf; sie bemerkte den Blick, mit dem Signe ihm dankte, und das
tat ihr so wohl, daß sie zu Signe hinging, ihre beiden Hände faßte—mehr
getraute sie sich nicht—und, allerdings in Verlegenheit, sagte: "Ich will
Ihnen alles erzählen, sobald wir allein sind."
Eine Stunde später kannte Signe Petras ganze Geschichte, die sie sofort
ihrem Vater mitteilte. Auf seinen Rat schrieb sie noch am selben Tag an
Ödegaard, und damit fuhr sie fort, solange Petra bei ihnen im Hause war.
Petra aber, als sie sich an diesem Abend in den mächtigen Daunenkissen
zur Ruhe legte, in einem gemütlichen Zimmer, wo im Ofen die
Birkenscheiter knisterten und wo auf dem weißen Nachttisch zwischen den
zwei Kerzen das Neue Testament lag, griff nach dem Buch und dankte
ihrem Gott für alles, Gutes und auch Böses…
Page 635
*****
Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und großer
Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine
wohlhabenden Eltern waren dagegen gewesen; sie hätten es lieber gesehen,
wenn er das gewählt hätte, was sie eine "unabhängige Lebensstellung"
nannten. Aber ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er
fertig war, ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der
Durchreise lernte er in Dänemark eine Dame kennen; sie gehörte einer
Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich
erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art, wie
sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er später
während seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er
zurückkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und
gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schließlich verlobten und
gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, daß jedes von
ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich
vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinüberzuziehen in
seine düstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit
gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit für den Dienst ihrer
Glaubensgemeinschaft gewinnen zu können. Sein erster, ganz leiser
Versuch stieß auf ihren ersten, ganz leisen. Enttäuscht, mißtrauisch zog er
sich zurück. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von diesem Tag
an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch ihrerseits und sie auf
einen zweiten Versuch seinerseits. Aber keins von ihnen machte einen
zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte Angst vor seiner
eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht, sie würde sich durch
einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen, ihn zu sich
herüberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die war ihr zur
Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo sie war,
da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mußte er seinem arbeitenden
Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und großer
Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine
wohlhabenden Eltern waren dagegen gewesen; sie hätten es lieber gesehen,
wenn er das gewählt hätte, was sie eine "unabhängige Lebensstellung"
nannten. Aber ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er
fertig war, ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der
Durchreise lernte er in Dänemark eine Dame kennen; sie gehörte einer
Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich
erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art, wie
sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er später
während seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er
zurückkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und
gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schließlich verlobten und
gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, daß jedes von
ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich
vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinüberzuziehen in
seine düstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit
gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit für den Dienst ihrer
Glaubensgemeinschaft gewinnen zu können. Sein erster, ganz leiser
Versuch stieß auf ihren ersten, ganz leisen. Enttäuscht, mißtrauisch zog er
sich zurück. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von diesem Tag
an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch ihrerseits und sie auf
einen zweiten Versuch seinerseits. Aber keins von ihnen machte einen
zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte Angst vor seiner
eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht, sie würde sich durch
einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen, ihn zu sich
herüberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die war ihr zur
Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo sie war,
da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mußte er seinem arbeitenden
Page 636
Willen, seiner zurückgedrängten Leidenschaft Luft machen; und das
geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter sich sitzen
sah. Wie in einem Wirbel riß er dann die Gemeinde mit sich fort; bald
erhitzte er seine Zuhörer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es mit an und ließ
ihr geängstigtes Herz ausruhen in Wohltätigkeit, und später, als sie Mutter
wurde, bei ihrem Kinde, das sie in körperlichem und geistigem innigsten
Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen ließ. Da gab sie, da empfing
sie, da wiegte sie ihr eigenes großes Kind in der Unschuld des Kindes, da
feierte sie ein Fest der Liebe, von dem sie zu ihm, dem Strengen,
zurückkehrte mit aller vereinten Milde des Weibes und des Christentums;
und ihm war es dann natürlich nicht möglich,—etwas zu sagen, was nicht
liebreich gewesen wäre. Er mußte sie ja lieben, über alles auf der Welt, aber
um so schmerzlicher war es ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, daß
er ihr nicht helfen konnte bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem
stillschweigenden Recht der Mutter entzog sie auch das Kind seiner
religiösen Unterweisung. Die Liedchen des Kindes, die Fragen des Kindes
wurden ihm bald eine neue und tiefe Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn
dann auf der Kanzel seine leidenschaftliche Gemütsbewegung bis zur Härte
aufgestachelt, so begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein
Weib nur mit um so größerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete
nie ein Wort. Und die Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit
Augen, die die Augen der Mutter waren.
Über alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur über das eine nicht,
das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende
Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lächelte die Frau noch;
aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit herannahte, wo die
Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und er sie also kraft
seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine Richtung hätte
hinüberziehen können, wie die Mutter sie seither in der ihren gehalten hatte,
da stieg die Spannung bis aufs äußerste. Und nach dem Sonntag, an dem die
geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter sich sitzen
sah. Wie in einem Wirbel riß er dann die Gemeinde mit sich fort; bald
erhitzte er seine Zuhörer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es mit an und ließ
ihr geängstigtes Herz ausruhen in Wohltätigkeit, und später, als sie Mutter
wurde, bei ihrem Kinde, das sie in körperlichem und geistigem innigsten
Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen ließ. Da gab sie, da empfing
sie, da wiegte sie ihr eigenes großes Kind in der Unschuld des Kindes, da
feierte sie ein Fest der Liebe, von dem sie zu ihm, dem Strengen,
zurückkehrte mit aller vereinten Milde des Weibes und des Christentums;
und ihm war es dann natürlich nicht möglich,—etwas zu sagen, was nicht
liebreich gewesen wäre. Er mußte sie ja lieben, über alles auf der Welt, aber
um so schmerzlicher war es ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, daß
er ihr nicht helfen konnte bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem
stillschweigenden Recht der Mutter entzog sie auch das Kind seiner
religiösen Unterweisung. Die Liedchen des Kindes, die Fragen des Kindes
wurden ihm bald eine neue und tiefe Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn
dann auf der Kanzel seine leidenschaftliche Gemütsbewegung bis zur Härte
aufgestachelt, so begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein
Weib nur mit um so größerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete
nie ein Wort. Und die Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit
Augen, die die Augen der Mutter waren.
Über alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur über das eine nicht,
das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende
Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lächelte die Frau noch;
aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit herannahte, wo die
Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und er sie also kraft
seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine Richtung hätte
hinüberziehen können, wie die Mutter sie seither in der ihren gehalten hatte,
da stieg die Spannung bis aufs äußerste. Und nach dem Sonntag, an dem die
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Namen der Konfirmanden von der Kanzel verlesen waren, wurde die
Mutter krank; etwa so, wie man sonst müde wird. Lächelnd sagte sie, sie
könne nicht mehr gehen; und ein paar Tage darauf—noch immer lächelnd—
sie könne nicht mehr sitzen. Die Tochter wollte sie immer um sich haben,
obgleich sie nicht mehr mit ihr reden konnte; sehen konnte sie ihr Kind
doch wenigstens. Und die Tochter wußte, was die Mutter am liebsten
mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch des Lebens, sie sang ihr die Choräle
ihrer Kinderzeit, die neuen, lebenswarmen ihrer eigenen
Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte lange nicht fassen, was sich
hier vorbereitete; aber als er es endlich begriff, da verlor er jede
Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn noch: sie noch einmal zu sich
reden, sie nur ein paar Worte noch sagen zu hören. Aber sie hatte nicht mehr
die Kraft; sprechen konnte sie nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes
und sah sie an und flehte. Und sie lächelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel
und die Hand der Tochter nahm und sie in die Hand der Mutter legte, als
wollte er sagen: "Da, behalte sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!"
Und da lächelte sie, wie sie noch nie gelächelt hatte; und in diesem Lächeln
verschied sie.
Lange Zeit schloß sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer
übernahm die Sorge für die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu
Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er
sprach, sprach er mit gedämpfter Stimme; und nur dadurch, daß sie ganz
auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmählich wieder einen
Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes Wort der
Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte, wurde zur
Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der Mutter mit
der Tochter, bei dem der Vater bisher außen gestanden hatte, wurde jetzt erst
so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen sie sich als Kind
entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre Lieder wurden
gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am liebsten gehört
Mutter krank; etwa so, wie man sonst müde wird. Lächelnd sagte sie, sie
könne nicht mehr gehen; und ein paar Tage darauf—noch immer lächelnd—
sie könne nicht mehr sitzen. Die Tochter wollte sie immer um sich haben,
obgleich sie nicht mehr mit ihr reden konnte; sehen konnte sie ihr Kind
doch wenigstens. Und die Tochter wußte, was die Mutter am liebsten
mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch des Lebens, sie sang ihr die Choräle
ihrer Kinderzeit, die neuen, lebenswarmen ihrer eigenen
Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte lange nicht fassen, was sich
hier vorbereitete; aber als er es endlich begriff, da verlor er jede
Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn noch: sie noch einmal zu sich
reden, sie nur ein paar Worte noch sagen zu hören. Aber sie hatte nicht mehr
die Kraft; sprechen konnte sie nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes
und sah sie an und flehte. Und sie lächelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel
und die Hand der Tochter nahm und sie in die Hand der Mutter legte, als
wollte er sagen: "Da, behalte sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!"
Und da lächelte sie, wie sie noch nie gelächelt hatte; und in diesem Lächeln
verschied sie.
Lange Zeit schloß sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer
übernahm die Sorge für die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu
Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er
sprach, sprach er mit gedämpfter Stimme; und nur dadurch, daß sie ganz
auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmählich wieder einen
Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes Wort der
Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte, wurde zur
Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der Mutter mit
der Tochter, bei dem der Vater bisher außen gestanden hatte, wurde jetzt erst
so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen sie sich als Kind
entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre Lieder wurden
gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am liebsten gehört
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hatte, wurden eine nach der anderen vorgelesen, und alle ihre Worte und
Auflegungen treulich ins Gedächtnis zurückgerufen. Also in Wirksamkeit
gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land wiederzusehen, wo er sie
gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise ihren Spuren nachzugehen.
Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, daß er so ihr ganzes Leben ungeteilt in
sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm, der selbst wieder Anfänger wurde,
ging der Sinn auf für alles um ihn her, was da in seinen Anfängen lag,—für
die großen nationalen, für die kleineren politischen Ideen: und das gab ihm
ein Stück seiner eigenen Jugend wieder. Seine Kräfte kamen
zurückgeströmt, und mit ihnen all die heißen Hoffnungen von ehedem. Jetzt
wollte er das Wort Gottes verkünden, und zwar so, daß es zum Leben
vorbereitete und nicht nur zum Tode!
Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Tätigkeit in
seiner Bergheimat einschloß, wünschte er noch einen weiteren, tieferen
Blick in das zu tun, was draußen sich regte. So waren sie also noch weiter
in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren großen Erinnerungen.
Unter diesen Menschen lebte Petra.
Neuntes Kapitel
Drei Jahre später, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saßen die
beiden jungen Mädchen in der Dämmerstunde beisammen. Eben war der
Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so
ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre—morgens ein Spaziergang,
nach dem Frühstück eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang,
darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bißchen
Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschäftigte jeder sich auf seinem
Auflegungen treulich ins Gedächtnis zurückgerufen. Also in Wirksamkeit
gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land wiederzusehen, wo er sie
gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise ihren Spuren nachzugehen.
Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, daß er so ihr ganzes Leben ungeteilt in
sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm, der selbst wieder Anfänger wurde,
ging der Sinn auf für alles um ihn her, was da in seinen Anfängen lag,—für
die großen nationalen, für die kleineren politischen Ideen: und das gab ihm
ein Stück seiner eigenen Jugend wieder. Seine Kräfte kamen
zurückgeströmt, und mit ihnen all die heißen Hoffnungen von ehedem. Jetzt
wollte er das Wort Gottes verkünden, und zwar so, daß es zum Leben
vorbereitete und nicht nur zum Tode!
Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Tätigkeit in
seiner Bergheimat einschloß, wünschte er noch einen weiteren, tieferen
Blick in das zu tun, was draußen sich regte. So waren sie also noch weiter
in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren großen Erinnerungen.
Unter diesen Menschen lebte Petra.
Neuntes Kapitel
Drei Jahre später, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saßen die
beiden jungen Mädchen in der Dämmerstunde beisammen. Eben war der
Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so
ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre—morgens ein Spaziergang,
nach dem Frühstück eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang,
darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bißchen
Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschäftigte jeder sich auf seinem
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Zimmer; Signe heute gerade wieder mit einem Brief an Ödegaard, nach
dem Petra übrigens niemals fragte, wie sie überhaupt niemals von der
Vergangenheit hören mochte. In der Dämmerung waren sie Schlitten
gefahren, und jetzt saß man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder
später vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las ausgezeichnet,
und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und Weise und besonders
ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall hatten für ihr Ohr einen
solchen Wohllaut, daß es noch, wenn sie allein war, in ihr nachklang.
Überhaupt schwärmte Petra so für Signe, daß ein Mann schon den vierten
Teil für die glühendste Liebe gehalten hätte; Signe wurde auch oft ganz rot
dabei. Bei diesen abendlichen Vorlesungen—Petra selbst war nie zum
Lesen zu bewegen—hatte man die Hauptdichter der norwegischen Literatur
durchgenommen und war nach und nach weiter in die große Weltliteratur
geraten. Am liebsten lasen sie dramatische Werke. Eben als man die
Lampen anzünden und anfangen wollte, kam die Köchin herein und sagte,
draußen sei jemand, der Petra einen Gruß ausrichten wolle. Es stellte sich
heraus, daß es ein Matrose aus ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter
beauftragt hatte, Petra aufzusuchen, da er zufällig in die Gegend kam. Er
war über eine Meile zu Fuß gewandert und mußte schleunigst wieder
umkehren, weil sein Schiff gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete
ihn ein Stück, um ein bißchen länger mit ihm zu plaudern; er war ein
ehrlicher Mensch, den sie von früher her kannte. Der Abend war ziemlich
finster; auch auf dem Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, außer im
Waschhaus, wo große Wäsche war. Auf der Landstraße war kein einziges
Licht zu sehen, kaum daß man den Weg selbst sah; denn der Mond hatte
sich noch nicht über die Berge emporgeschlängelt. Trotzdem ging Petra
tapfer mit, sogar bis in den Wald hinein, obwohl es zwischen den Bäumen
unheimlich düster war. Besonders eine Nachricht hatte sie interessiert. Der
Matrose hatte ihr nämlich erzählt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und
er habe sein Haus verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in
dem Petra übrigens niemals fragte, wie sie überhaupt niemals von der
Vergangenheit hören mochte. In der Dämmerung waren sie Schlitten
gefahren, und jetzt saß man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder
später vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las ausgezeichnet,
und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und Weise und besonders
ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall hatten für ihr Ohr einen
solchen Wohllaut, daß es noch, wenn sie allein war, in ihr nachklang.
Überhaupt schwärmte Petra so für Signe, daß ein Mann schon den vierten
Teil für die glühendste Liebe gehalten hätte; Signe wurde auch oft ganz rot
dabei. Bei diesen abendlichen Vorlesungen—Petra selbst war nie zum
Lesen zu bewegen—hatte man die Hauptdichter der norwegischen Literatur
durchgenommen und war nach und nach weiter in die große Weltliteratur
geraten. Am liebsten lasen sie dramatische Werke. Eben als man die
Lampen anzünden und anfangen wollte, kam die Köchin herein und sagte,
draußen sei jemand, der Petra einen Gruß ausrichten wolle. Es stellte sich
heraus, daß es ein Matrose aus ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter
beauftragt hatte, Petra aufzusuchen, da er zufällig in die Gegend kam. Er
war über eine Meile zu Fuß gewandert und mußte schleunigst wieder
umkehren, weil sein Schiff gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete
ihn ein Stück, um ein bißchen länger mit ihm zu plaudern; er war ein
ehrlicher Mensch, den sie von früher her kannte. Der Abend war ziemlich
finster; auch auf dem Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, außer im
Waschhaus, wo große Wäsche war. Auf der Landstraße war kein einziges
Licht zu sehen, kaum daß man den Weg selbst sah; denn der Mond hatte
sich noch nicht über die Berge emporgeschlängelt. Trotzdem ging Petra
tapfer mit, sogar bis in den Wald hinein, obwohl es zwischen den Bäumen
unheimlich düster war. Besonders eine Nachricht hatte sie interessiert. Der
Matrose hatte ihr nämlich erzählt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und
er habe sein Haus verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in
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Petras Giebelstube hause. Das war nun schon fast zwei Jahre her, und dabei
hatte die Mutter dies mit keinem Wort erwähnt. Jetzt endlich ging Petra ein
Licht auf, wer die Briefe für die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie
immer wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schluß: "Auch
einen Gruß von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von
der Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause
bleiben wolle und was für Absichten sie für später habe. Auf die erste Frage
antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite
Frage ließ sie der Mutter sagen, es gäbe in der Welt nur eins, was sie gern
möchte, und wenn sie das nicht werden könne, so sei sie unglücklich fürs
ganze Leben; sie könne aber vorläufig noch nicht sagen, was es sei.
Während Petra mit dem Matrosen schwatzte, saßen der Propst und Signe
im Wohnzimmer und sprachen von Petra, an der sie beide ihre
Herzensfreude hatten. Da kam der Großknecht herein, und nachdem er den
Tagesbericht erstattet hatte, fragte er, ob die Herrschaft eigentlich wisse,
daß die fremde Jungfer nachts an einer Strickleiter aus ihrem Fenster und
wieder hinauf klettere. Er mußte es dreimal wiederholen, bis einer von den
beiden begriff, was er da sagte; er hatte ebensogut erzählen können, sie
klettere an den Mondstrahlen auf und ab. Es war dunkel im Zimmer, und
jetzt wurde es ganz still; nicht einmal des Propstes Pfeife war zu hören.
Endlich fragte der Propst mit einem gewissen dumpfen Klang in der
Stimme: "Wer hat das gesehen?"—"Ich hab's gesehen. Ich war gerade auf
und fütterte die Pferde; es mag wohl so um eins 'rum gewesen sein."—"An
einer Strickleiter ist sie hinuntergeklettert?"—"Und wieder hinauf."—
Abermals lange Pause. Petras Zimmer lag im Oberstock,—das Eckzimmer,
das auf die Einfahrt hinausging. Sie war die einzige, die oben schlief;
niemand außer ihr wohnte nach dieser Seite zu. Ein Mißverständnis konnte
also nicht obwalten. "Sie wird's im Schlaf getan haben", sagte der Knecht
und wollte sich davonmachen.—"Aber die Strickleiter—die kann sie doch
nicht im Schlaf gemacht haben", sagte der Propst. "Das dacht' ich mir eben
hatte die Mutter dies mit keinem Wort erwähnt. Jetzt endlich ging Petra ein
Licht auf, wer die Briefe für die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie
immer wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schluß: "Auch
einen Gruß von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von
der Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause
bleiben wolle und was für Absichten sie für später habe. Auf die erste Frage
antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite
Frage ließ sie der Mutter sagen, es gäbe in der Welt nur eins, was sie gern
möchte, und wenn sie das nicht werden könne, so sei sie unglücklich fürs
ganze Leben; sie könne aber vorläufig noch nicht sagen, was es sei.
Während Petra mit dem Matrosen schwatzte, saßen der Propst und Signe
im Wohnzimmer und sprachen von Petra, an der sie beide ihre
Herzensfreude hatten. Da kam der Großknecht herein, und nachdem er den
Tagesbericht erstattet hatte, fragte er, ob die Herrschaft eigentlich wisse,
daß die fremde Jungfer nachts an einer Strickleiter aus ihrem Fenster und
wieder hinauf klettere. Er mußte es dreimal wiederholen, bis einer von den
beiden begriff, was er da sagte; er hatte ebensogut erzählen können, sie
klettere an den Mondstrahlen auf und ab. Es war dunkel im Zimmer, und
jetzt wurde es ganz still; nicht einmal des Propstes Pfeife war zu hören.
Endlich fragte der Propst mit einem gewissen dumpfen Klang in der
Stimme: "Wer hat das gesehen?"—"Ich hab's gesehen. Ich war gerade auf
und fütterte die Pferde; es mag wohl so um eins 'rum gewesen sein."—"An
einer Strickleiter ist sie hinuntergeklettert?"—"Und wieder hinauf."—
Abermals lange Pause. Petras Zimmer lag im Oberstock,—das Eckzimmer,
das auf die Einfahrt hinausging. Sie war die einzige, die oben schlief;
niemand außer ihr wohnte nach dieser Seite zu. Ein Mißverständnis konnte
also nicht obwalten. "Sie wird's im Schlaf getan haben", sagte der Knecht
und wollte sich davonmachen.—"Aber die Strickleiter—die kann sie doch
nicht im Schlaf gemacht haben", sagte der Propst. "Das dacht' ich mir eben
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auch; und darum sagt' ich mir: es wird schon das beste sein, ich sag's dem
Hausvater; sonst hab' ich keinem davon gesagt."—"Hat es außer Dir noch
jemand gesehen?"—"Nein; aber wenn der Hausvater mir nicht glaubt, so
muß die Strickleiter mein Zeuge sein; wenn sie die nicht oben liegen hat,
dann werd' ich ja wohl falsch gesehen haben."—Der Propst stand sogleich
auf. "Vater!" bat Signe. "Mach' Licht!" antwortete der Propst in einem Ton,
der keinen Widerspruch zuließ. Signe zündete selbst das Licht an. "Vater!"
bat sie noch einmal, als sie es ihm reichte. "Solange sie in meinem Hause
ist, bin ich auch ihr Vater. Es ist meine Pflicht, die Sache zu untersuchen."
Der Propst ging mit dem Licht voran. Signe und der Großknecht
hinterdrein. In dem kleinen Zimmer war alles in Ordnung; nur auf dem
Nachttisch lag ein ganzer Stapel von Büchern, das eine aufgeschlagen über
dem andern. "Liest sie des Nachts?"—"Ich weiß nicht; aber vor eins macht
sie nie das Licht aus." Der Propst und Signe sahen einander an. Um zehn,
halb elf abends ging man im Pfarrhaus auseinander, und um sechs, sieben
Uhr versammelte man sich morgens. "Weißt Du davon?" Signe antwortete
nicht. Aber der Großknecht, der in einer Ecke kniete und kramte, sagte: "Sie
ist doch nicht allein."—"Was sagst Du da?" "Freilich, es ist immer einer bei
ihr, mit dem sie redet; manchmal machen sie einen Heidenlärm; ich hab' oft
gehört, wie sie gebettelt und gedroht hat. Wahrscheinlich hat irgendein Kerl
sie in seiner Gewalt, das arme Wurm!" Signe wandte sich ab; der Propst
war totenblaß geworden.
"Und da ist auch die Leiter", fuhr der Großknecht fort. Er zog sie hervor
und stand auf. Zwei Wäscheleinen, zusammengehalten durch eine dritte, die
an die eine geknotet war, dann quer zur anderen hinüberlief, dort ebenfalls
festgeknotet war und so, in der Breite von etwa einer halben Elle,
stufenweise fort, bis die Leiter fertig war. Alle betrachteten sie aufmerksam.
"War sie lange fort?" fragte der Propst. Der Großknecht sah ihn an. "Wie
denn fort?"—"Ich meine, ob sie lange fortblieb, nachdem sie die Leiter
hinuntergeklettert war?" Signe zitterte vor Angst und Kälte. "Sie ist doch
Hausvater; sonst hab' ich keinem davon gesagt."—"Hat es außer Dir noch
jemand gesehen?"—"Nein; aber wenn der Hausvater mir nicht glaubt, so
muß die Strickleiter mein Zeuge sein; wenn sie die nicht oben liegen hat,
dann werd' ich ja wohl falsch gesehen haben."—Der Propst stand sogleich
auf. "Vater!" bat Signe. "Mach' Licht!" antwortete der Propst in einem Ton,
der keinen Widerspruch zuließ. Signe zündete selbst das Licht an. "Vater!"
bat sie noch einmal, als sie es ihm reichte. "Solange sie in meinem Hause
ist, bin ich auch ihr Vater. Es ist meine Pflicht, die Sache zu untersuchen."
Der Propst ging mit dem Licht voran. Signe und der Großknecht
hinterdrein. In dem kleinen Zimmer war alles in Ordnung; nur auf dem
Nachttisch lag ein ganzer Stapel von Büchern, das eine aufgeschlagen über
dem andern. "Liest sie des Nachts?"—"Ich weiß nicht; aber vor eins macht
sie nie das Licht aus." Der Propst und Signe sahen einander an. Um zehn,
halb elf abends ging man im Pfarrhaus auseinander, und um sechs, sieben
Uhr versammelte man sich morgens. "Weißt Du davon?" Signe antwortete
nicht. Aber der Großknecht, der in einer Ecke kniete und kramte, sagte: "Sie
ist doch nicht allein."—"Was sagst Du da?" "Freilich, es ist immer einer bei
ihr, mit dem sie redet; manchmal machen sie einen Heidenlärm; ich hab' oft
gehört, wie sie gebettelt und gedroht hat. Wahrscheinlich hat irgendein Kerl
sie in seiner Gewalt, das arme Wurm!" Signe wandte sich ab; der Propst
war totenblaß geworden.
"Und da ist auch die Leiter", fuhr der Großknecht fort. Er zog sie hervor
und stand auf. Zwei Wäscheleinen, zusammengehalten durch eine dritte, die
an die eine geknotet war, dann quer zur anderen hinüberlief, dort ebenfalls
festgeknotet war und so, in der Breite von etwa einer halben Elle,
stufenweise fort, bis die Leiter fertig war. Alle betrachteten sie aufmerksam.
"War sie lange fort?" fragte der Propst. Der Großknecht sah ihn an. "Wie
denn fort?"—"Ich meine, ob sie lange fortblieb, nachdem sie die Leiter
hinuntergeklettert war?" Signe zitterte vor Angst und Kälte. "Sie ist doch
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gar nicht weggegangen; sie ist gleich wieder hinaufgeklettert."—"Wieder
hinauf? Wer ist denn weggegangen?"—Signe machte eine Bewegung und
brach in Tränen aus. "Den Abend war keiner da; das ist gestern
gewesen."—"Also war sonst keiner auf der Strickleiter? Bloß sie?"—"Ja,
sonst keiner."—"Und sie ist hinuntergeklettert und gleich wieder
hinauf?"—"Ja."—
"Sie hat sie also nur probieren wollen", sagte der Propst und es war, als
atme er ein bißchen erleichtert auf. "Jawohl, bis sie jemand anders dran
'raufklettern läßt", fügte der Knecht hinzu. Der Propst sah ihn an. "Du
meinst, dies wäre nicht die erste, die sie gemacht hat?"—"Nein. Wie sollte
denn sonst jemand zu ihr herauf kommen?"—"Hast Du schon lange
gewußt, daß jemand zu ihr kommt?"—"Erst seit diesem Winter, als sie
immer so spät in die Nacht hinein Licht hatte; vorher ist mir's nie
eingefallen, nachzusehen." Der Propst fragte streng: "Also den ganzen
Winter hast Du es schon gewußt? Weshalb hast Du mir's nicht schon eher
gesagt?"—"Ich hab' geglaubt, es wär' jemand vom Haus, der bei ihr sei.
Aber wie ich sie gestern Nacht auf der Leiter sah, da kam ich erst drauf, daß
es jemand anders sein müsse."—"Ja, es ist leider kein Zweifel—sie hat uns
alle getäuscht." Signe blickte flehend auf. "Sie müßte vielleicht nicht so
weit weg von den andern schlafen", meinte der Großknecht, während er die
Strickleiter zusammenwickelte. "Sie sollte eigentlich überhaupt nicht mehr
in diesem Hause schlafen!" sagte der Propst und ging. Die anderen folgten
ihm. Aber als sie wieder unten waren, und er das Licht hingestellt hatte,
warf Signe sich an seine Brust. "Ja, mein Kind, das ist eine arge
Enttäuschung!"
Eine Weile darauf saß Signe in der Sofaecke, ihr Taschentuch vor die
Augen gepreßt; der Propst hatte seine Pfeife angesteckt und ging unruhig
auf und ab. Da hörten sie aus der Küche ein Geschrei, ein hastiges Laufen
auf der Treppe und Getrappel oben im Flur. Sie eilten beide hinaus. In
hinauf? Wer ist denn weggegangen?"—Signe machte eine Bewegung und
brach in Tränen aus. "Den Abend war keiner da; das ist gestern
gewesen."—"Also war sonst keiner auf der Strickleiter? Bloß sie?"—"Ja,
sonst keiner."—"Und sie ist hinuntergeklettert und gleich wieder
hinauf?"—"Ja."—
"Sie hat sie also nur probieren wollen", sagte der Propst und es war, als
atme er ein bißchen erleichtert auf. "Jawohl, bis sie jemand anders dran
'raufklettern läßt", fügte der Knecht hinzu. Der Propst sah ihn an. "Du
meinst, dies wäre nicht die erste, die sie gemacht hat?"—"Nein. Wie sollte
denn sonst jemand zu ihr herauf kommen?"—"Hast Du schon lange
gewußt, daß jemand zu ihr kommt?"—"Erst seit diesem Winter, als sie
immer so spät in die Nacht hinein Licht hatte; vorher ist mir's nie
eingefallen, nachzusehen." Der Propst fragte streng: "Also den ganzen
Winter hast Du es schon gewußt? Weshalb hast Du mir's nicht schon eher
gesagt?"—"Ich hab' geglaubt, es wär' jemand vom Haus, der bei ihr sei.
Aber wie ich sie gestern Nacht auf der Leiter sah, da kam ich erst drauf, daß
es jemand anders sein müsse."—"Ja, es ist leider kein Zweifel—sie hat uns
alle getäuscht." Signe blickte flehend auf. "Sie müßte vielleicht nicht so
weit weg von den andern schlafen", meinte der Großknecht, während er die
Strickleiter zusammenwickelte. "Sie sollte eigentlich überhaupt nicht mehr
in diesem Hause schlafen!" sagte der Propst und ging. Die anderen folgten
ihm. Aber als sie wieder unten waren, und er das Licht hingestellt hatte,
warf Signe sich an seine Brust. "Ja, mein Kind, das ist eine arge
Enttäuschung!"
Eine Weile darauf saß Signe in der Sofaecke, ihr Taschentuch vor die
Augen gepreßt; der Propst hatte seine Pfeife angesteckt und ging unruhig
auf und ab. Da hörten sie aus der Küche ein Geschrei, ein hastiges Laufen
auf der Treppe und Getrappel oben im Flur. Sie eilten beide hinaus. In
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Petras Zimmer brannte es. Von der Kerze war ein Funken in die Ecke
gefallen—denn dort war das Feuer entstanden—hatte sich im Nu die Tapete
entlang gefressen, das Holzwerk am Fenster erreicht, und dort hatte ein
Vorübergehender es bemerkt und war sofort ins Waschhaus gerannt, wo die
Mägde bei der Wäsche waren. Das Feuer war bald gelöscht. Aber auf dem
Lande, wo alles jahraus, jahrein seinen gleichmäßigen Gang geht, bringt die
geringste Störung die Gemüter in Aufruhr. Das Feuer ist ihr schlimmster
und gefährlichster Feind, an den sie beständig denken, und wenn er wirklich
eines Nachts kommt, sein Haupt aus dem Abgrund emporreckt und mit
gierigen Zungen zischend nach Beute leckt, da erbebt alles und findet
wochenlang keine Ruhe mehr, ja, manche ihr ganzes Leben lang nicht mehr.
Als der Propst und seine Tochter wieder im Wohnzimmer waren, wo jetzt
die Lampen brannten, da war es beiden ganz unheimlich zumute, daß Petras
Zimmer so rasch geräumt und jede Erinnerung an sie verbrannt war. Im
selben Augenblick hörten sie Petras klare Stimme fragen und rufen; sie
sprang die Treppe hinauf und wieder herunter, lief vom Boden in den
Hausflur, vom Flur in die Küche und kam dann, noch in Hut und Mantel, in
die Wohnstube gestürmt. "Gott, es hat ja in meinem Zimmer gebrannt!"
Niemand antwortete; aber sie fuhr in einem Atem fort: "Wer ist oben
gewesen? Wann ist es denn geschehen? Wie ist das Feuer ausgekommen?"
Er selbst sei oben gewesen, antwortete jetzt der Propst, er habe etwas
gesucht; dabei sah er sie scharf an. Aber Petra verriet nicht durch das
mindeste Zeichen, daß sie dabei etwas Auffallendes finde, zeigte auch
keinerlei Besorgnis, daß man irgend etwas gefunden haben könne. Sie
schöpfte nicht einmal Verdacht, als Signe gar nicht von ihrer Sofaecke
aufblicken wollte. Sie glaubte, es sei noch der Schreck vom Brande her, und
fragte in einem fort, wie es entdeckt und gelöscht worden sei, wer es zuerst
gesehen habe, und als ihr nicht rasch genug Bescheid wurde, stürzte sie
wieder hinaus, wie sie hereingekommen war. Bald kam sie wieder
dahergestürmt, diesmal ohne Hut und Mantel, und erzählte dem Propst und
gefallen—denn dort war das Feuer entstanden—hatte sich im Nu die Tapete
entlang gefressen, das Holzwerk am Fenster erreicht, und dort hatte ein
Vorübergehender es bemerkt und war sofort ins Waschhaus gerannt, wo die
Mägde bei der Wäsche waren. Das Feuer war bald gelöscht. Aber auf dem
Lande, wo alles jahraus, jahrein seinen gleichmäßigen Gang geht, bringt die
geringste Störung die Gemüter in Aufruhr. Das Feuer ist ihr schlimmster
und gefährlichster Feind, an den sie beständig denken, und wenn er wirklich
eines Nachts kommt, sein Haupt aus dem Abgrund emporreckt und mit
gierigen Zungen zischend nach Beute leckt, da erbebt alles und findet
wochenlang keine Ruhe mehr, ja, manche ihr ganzes Leben lang nicht mehr.
Als der Propst und seine Tochter wieder im Wohnzimmer waren, wo jetzt
die Lampen brannten, da war es beiden ganz unheimlich zumute, daß Petras
Zimmer so rasch geräumt und jede Erinnerung an sie verbrannt war. Im
selben Augenblick hörten sie Petras klare Stimme fragen und rufen; sie
sprang die Treppe hinauf und wieder herunter, lief vom Boden in den
Hausflur, vom Flur in die Küche und kam dann, noch in Hut und Mantel, in
die Wohnstube gestürmt. "Gott, es hat ja in meinem Zimmer gebrannt!"
Niemand antwortete; aber sie fuhr in einem Atem fort: "Wer ist oben
gewesen? Wann ist es denn geschehen? Wie ist das Feuer ausgekommen?"
Er selbst sei oben gewesen, antwortete jetzt der Propst, er habe etwas
gesucht; dabei sah er sie scharf an. Aber Petra verriet nicht durch das
mindeste Zeichen, daß sie dabei etwas Auffallendes finde, zeigte auch
keinerlei Besorgnis, daß man irgend etwas gefunden haben könne. Sie
schöpfte nicht einmal Verdacht, als Signe gar nicht von ihrer Sofaecke
aufblicken wollte. Sie glaubte, es sei noch der Schreck vom Brande her, und
fragte in einem fort, wie es entdeckt und gelöscht worden sei, wer es zuerst
gesehen habe, und als ihr nicht rasch genug Bescheid wurde, stürzte sie
wieder hinaus, wie sie hereingekommen war. Bald kam sie wieder
dahergestürmt, diesmal ohne Hut und Mantel, und erzählte dem Propst und
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Signe, wie alles zugegangen und daß sie selber den Feuerschein gesehen
und furchtbar schnell gelaufen sei; aber jetzt sei sie nur froh, daß es nicht
schlimmer sei. Währenddem legte sie vollends ab, trug die Sachen hinaus,
kam wieder herein und setzte sich auf ihren Platz am Tisch, ununterbrochen
berichtend, was der gesagt und jener getan hatte; das ganze Haus stand ja
auf dem Kopf, und das machte ihr den größten Spaß. Als die andern immer
noch stumm blieben, klagte sie, daß ihnen nun der ganze Abend verdorben
sei; sie hätte sich doch so schrecklich auf "Romeo und Julia" gefreut, was
sie eben lasen; gerade heut abend habe sie Signe bitten wollen, die Szene,
die ihr am besten gefiele vom ganzen Stück, nämlich Romeos Abschied von
Julia auf dem Balkon, noch einmal zu lesen. Mitten in ihrem Redestrom
erschien ein Mädchen aus der Waschküche, um zu sagen, es fehlten
Wäscheleinen; ein ganzes Bund sei fortgekommen. Petra wurde puterrot
und sprang auf: "Ich weiß, wo sie sind; ich hole sie." Sie machte ein paar
Schritte auf die Tür zu; da fiel ihr der Brand ein; sie blieb stehen und
errötete noch tiefer: "Ach Gott, die sind gewiß verbrannt! Sie lagen in
meinem Zimmer!" Signe hatte sich nach ihr umgewandt; der Propst blickte
sie von der Seite durchdringend an. "Wozu brauchst Du denn
Wäscheleinen?" Sein Atem flog; er konnte kaum sprechen. Petra sah ihn an;
sein furchtbarer Ernst machte ihr beinahe Angst; im nächsten Augenblick
jedoch reizte er sie zum Lachen. Ein paar Sekunden kämpfte sie dagegen
an, aber als sie ihn dann noch einmal ansah, brach sie in ein so herzhaftes
Gelächter aus, daß sie überhaupt nicht mehr aufhören konnte; von bösem
Gewissen war darin so wenig wie in einem rieselnden Bach. Signe hörte das
am Klang und schnellte vom Sofa auf: "Was ist denn? Was ist denn?" Petra
wandte sich ab, lachte, hüpfte, duckte sich und wollte zur Tür hinaus. Aber
Signe vertrat ihr den Weg: "Was ist es, Petra? So rede doch!" Petra
versteckte sich hinter ihr, als wolle sie sich ganz verkriechen, lachte aber
immer weiter, ganz maßlos. Nein, so benimmt sich die Schuld nicht, das
wurde doch auch jetzt dem Propst klar. Und er, der noch eben auf dem
und furchtbar schnell gelaufen sei; aber jetzt sei sie nur froh, daß es nicht
schlimmer sei. Währenddem legte sie vollends ab, trug die Sachen hinaus,
kam wieder herein und setzte sich auf ihren Platz am Tisch, ununterbrochen
berichtend, was der gesagt und jener getan hatte; das ganze Haus stand ja
auf dem Kopf, und das machte ihr den größten Spaß. Als die andern immer
noch stumm blieben, klagte sie, daß ihnen nun der ganze Abend verdorben
sei; sie hätte sich doch so schrecklich auf "Romeo und Julia" gefreut, was
sie eben lasen; gerade heut abend habe sie Signe bitten wollen, die Szene,
die ihr am besten gefiele vom ganzen Stück, nämlich Romeos Abschied von
Julia auf dem Balkon, noch einmal zu lesen. Mitten in ihrem Redestrom
erschien ein Mädchen aus der Waschküche, um zu sagen, es fehlten
Wäscheleinen; ein ganzes Bund sei fortgekommen. Petra wurde puterrot
und sprang auf: "Ich weiß, wo sie sind; ich hole sie." Sie machte ein paar
Schritte auf die Tür zu; da fiel ihr der Brand ein; sie blieb stehen und
errötete noch tiefer: "Ach Gott, die sind gewiß verbrannt! Sie lagen in
meinem Zimmer!" Signe hatte sich nach ihr umgewandt; der Propst blickte
sie von der Seite durchdringend an. "Wozu brauchst Du denn
Wäscheleinen?" Sein Atem flog; er konnte kaum sprechen. Petra sah ihn an;
sein furchtbarer Ernst machte ihr beinahe Angst; im nächsten Augenblick
jedoch reizte er sie zum Lachen. Ein paar Sekunden kämpfte sie dagegen
an, aber als sie ihn dann noch einmal ansah, brach sie in ein so herzhaftes
Gelächter aus, daß sie überhaupt nicht mehr aufhören konnte; von bösem
Gewissen war darin so wenig wie in einem rieselnden Bach. Signe hörte das
am Klang und schnellte vom Sofa auf: "Was ist denn? Was ist denn?" Petra
wandte sich ab, lachte, hüpfte, duckte sich und wollte zur Tür hinaus. Aber
Signe vertrat ihr den Weg: "Was ist es, Petra? So rede doch!" Petra
versteckte sich hinter ihr, als wolle sie sich ganz verkriechen, lachte aber
immer weiter, ganz maßlos. Nein, so benimmt sich die Schuld nicht, das
wurde doch auch jetzt dem Propst klar. Und er, der noch eben auf dem
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Sprung gewesen war, sich in ein Toben der Wut hineinzusteigern, stürzte
sich statt dessen kopfüber ins Lachen; und Signe mit ihm. Nichts in der
Welt ist so ansteckend, wie Lachen, und vor allem ein Lachen, das so ganz
unfaßlich ist. Die vergeblichen Versuche, die bald der Propst, bald Signe
machten, zu ergründen, worüber sie eigentlich lachten, steigerte die
Heiterkeit bis ins Ausgelassene. Die Magd, die noch immer wartete, fing
zuletzt ebenfalls an, mitzuwiehern; sie hatte das sonderbare Grubenlachen,
das immer wie ein Aus-der-Tiefe-Emporwinden und -Keuchen klingt; und
da sie selber fühlte, daß es nicht recht unter so feine Möbel und Menschen
paßte, machte sie, daß sie zur Tür hinauskam, um in der Küche erst recht
loszuplatzen. Natürlich steckte sie die draußen auch an; bald wälzte sich
eine wahre Sturmflut von Gelächter auch zur Küche heraus, in der man
noch weniger wußte, worüber man eigentlich lachte, und das entfachte
wiederum das Gelächter im Zimmer aufs neue.
Schließlich, als alle schon ganz krank vor Lachen waren, machte Signe
einen letzten Versuch, endlich hinter die Ursache dieser Heiterkeit zu
kommen. "Jetzt aber mußt Du's mir sagen!" rief sie und hielt Petra bei den
Händen fest. "Nicht um alles in der Welt!"—"Ach Du, ich weiß schon, was
es ist!" rief Signe wieder. Petra sah sie an und schrie auf; aber Signe rief:
"Und Vater weiß es auch!" Diesmal schrie Petra nicht mehr; sie brüllte und
riß sich los, kam auch glücklich bis zur Tür; aber da erwischte Signe sie
wieder. Petra drehte sich um, um mit ihr zu ringen; sie wollte fort, um jeden
Preis. Sie lachte, während sie miteinander kämpften; aber an ihren Wimpern
hingen Tränen. Da ließ Signe sie los. Petra stürzte hinaus, Signe hinter ihr
drein, und beide verschwanden in Signes Zimmer. Dort fiel Signe Petra um
den Hals, und die umschlang sie mit beiden Armen. "O Gott, so wißt Ihr
es?" flüsterte sie. Und Signe flüsterte zurück: "Ja, wir waren oben mit dem
Großknecht; er hat Dich gesehen. Und wir haben die Strickleiter gefunden!"
Abermaliges Aufschreien und abermalige Flucht; aber diesmal bloß in die
Sofaecke, wo sie sich versteckte; gleich war Signe bei ihr, und sich halb
sich statt dessen kopfüber ins Lachen; und Signe mit ihm. Nichts in der
Welt ist so ansteckend, wie Lachen, und vor allem ein Lachen, das so ganz
unfaßlich ist. Die vergeblichen Versuche, die bald der Propst, bald Signe
machten, zu ergründen, worüber sie eigentlich lachten, steigerte die
Heiterkeit bis ins Ausgelassene. Die Magd, die noch immer wartete, fing
zuletzt ebenfalls an, mitzuwiehern; sie hatte das sonderbare Grubenlachen,
das immer wie ein Aus-der-Tiefe-Emporwinden und -Keuchen klingt; und
da sie selber fühlte, daß es nicht recht unter so feine Möbel und Menschen
paßte, machte sie, daß sie zur Tür hinauskam, um in der Küche erst recht
loszuplatzen. Natürlich steckte sie die draußen auch an; bald wälzte sich
eine wahre Sturmflut von Gelächter auch zur Küche heraus, in der man
noch weniger wußte, worüber man eigentlich lachte, und das entfachte
wiederum das Gelächter im Zimmer aufs neue.
Schließlich, als alle schon ganz krank vor Lachen waren, machte Signe
einen letzten Versuch, endlich hinter die Ursache dieser Heiterkeit zu
kommen. "Jetzt aber mußt Du's mir sagen!" rief sie und hielt Petra bei den
Händen fest. "Nicht um alles in der Welt!"—"Ach Du, ich weiß schon, was
es ist!" rief Signe wieder. Petra sah sie an und schrie auf; aber Signe rief:
"Und Vater weiß es auch!" Diesmal schrie Petra nicht mehr; sie brüllte und
riß sich los, kam auch glücklich bis zur Tür; aber da erwischte Signe sie
wieder. Petra drehte sich um, um mit ihr zu ringen; sie wollte fort, um jeden
Preis. Sie lachte, während sie miteinander kämpften; aber an ihren Wimpern
hingen Tränen. Da ließ Signe sie los. Petra stürzte hinaus, Signe hinter ihr
drein, und beide verschwanden in Signes Zimmer. Dort fiel Signe Petra um
den Hals, und die umschlang sie mit beiden Armen. "O Gott, so wißt Ihr
es?" flüsterte sie. Und Signe flüsterte zurück: "Ja, wir waren oben mit dem
Großknecht; er hat Dich gesehen. Und wir haben die Strickleiter gefunden!"
Abermaliges Aufschreien und abermalige Flucht; aber diesmal bloß in die
Sofaecke, wo sie sich versteckte; gleich war Signe bei ihr, und sich halb
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über sie neigend, berichtete sie Petra flüsternd von der ganzen
Entdeckungsreise samt ihren brenzlichen Folgen. Was sie vor kurzem noch
Tränen der Angst gekostet hatte, erschien ihr jetzt so komisch, daß sie es
voller Humor erzählte. Petra hörte, hielt sich die Ohren zu, blickte auf und
versteckte sich wieder. Als Signe fertig war und beide wieder im Dunkeln
nebeneinandersaßen, flüsterte Petra: "Weißt Du, was ich gemacht hab'?…
Ich kann unmöglich schon um zehn Uhr, wenn wir auf unser Zimmer
gehen, schlafen; dazu hat das, was wir gelesen haben, noch viel zu viel
Macht über mich. Und so lern' ich es auswendig; alles, was mir am besten
gefällt. Ganze Szenen kann ich auswendig; und die sag' ich ganz für mich
laut her. Als wir 'Romeo und Julia' lasen, da hatte ich das Gefühl, als gäb' es
überhaupt auf der ganzen Welt nichts Schöneres; rein toll und verrückt war
ich … ich mußte die Sache mit der Strickleiter probieren; nie ist mir vorher
der Gedanke gekommen, daß man an einer Strickleiter auf- und abklettern
kann. Ich erwischte ein paar Wäscheleinen… Und dabei steht der Spitzbub
unten und guckt mir zu!… Ja, es ist gar nicht zum Lachen, Du! Schrecklich
unweiblich ist es. Ich bleib' überhaupt mein Lebtag ein Junge! Und
natürlich bin ich morgen das Gespött der ganzen Nachbarschaft!" Aber
Signe, die aufs neue in einen Lachkrampf geraten war, fiel mit Küssen und
Streicheln über sie her und stürzte dann davon: "Das muß ich Vater
erzählen!"—"Bist Du verrückt, Signe?" Und so kamen sie, eine nach der
andern, wieder ins Zimmer gestürmt, wie sie hinausgestürzt waren. Fast
rannten sie den Propst über den Haufen, der gerade hinaus wollte, um zu
sehen, was aus den beiden geworden war. Signe fing zu erzählen an, Petra
schrie auf und stürzte wieder hinaus, wobei ihr dann einfiel, daß sie gerade
hätte bleiben müssen, um Signe am Erzählen zu verhindern. Also wollte sie
wieder hinein; aber der Propst hielt die Tür zu. Keine Möglichkeit, sie zu
öffnen. Sie trommelte mit beiden Fäusten dagegen, sie sang, sie trampelte
mit den Füßen, um Signe zu übertäuben, die nur umso lauter sprach; und als
der Propst endlich alles gehört und ebenso herzlich und lustig wie Signe
Entdeckungsreise samt ihren brenzlichen Folgen. Was sie vor kurzem noch
Tränen der Angst gekostet hatte, erschien ihr jetzt so komisch, daß sie es
voller Humor erzählte. Petra hörte, hielt sich die Ohren zu, blickte auf und
versteckte sich wieder. Als Signe fertig war und beide wieder im Dunkeln
nebeneinandersaßen, flüsterte Petra: "Weißt Du, was ich gemacht hab'?…
Ich kann unmöglich schon um zehn Uhr, wenn wir auf unser Zimmer
gehen, schlafen; dazu hat das, was wir gelesen haben, noch viel zu viel
Macht über mich. Und so lern' ich es auswendig; alles, was mir am besten
gefällt. Ganze Szenen kann ich auswendig; und die sag' ich ganz für mich
laut her. Als wir 'Romeo und Julia' lasen, da hatte ich das Gefühl, als gäb' es
überhaupt auf der ganzen Welt nichts Schöneres; rein toll und verrückt war
ich … ich mußte die Sache mit der Strickleiter probieren; nie ist mir vorher
der Gedanke gekommen, daß man an einer Strickleiter auf- und abklettern
kann. Ich erwischte ein paar Wäscheleinen… Und dabei steht der Spitzbub
unten und guckt mir zu!… Ja, es ist gar nicht zum Lachen, Du! Schrecklich
unweiblich ist es. Ich bleib' überhaupt mein Lebtag ein Junge! Und
natürlich bin ich morgen das Gespött der ganzen Nachbarschaft!" Aber
Signe, die aufs neue in einen Lachkrampf geraten war, fiel mit Küssen und
Streicheln über sie her und stürzte dann davon: "Das muß ich Vater
erzählen!"—"Bist Du verrückt, Signe?" Und so kamen sie, eine nach der
andern, wieder ins Zimmer gestürmt, wie sie hinausgestürzt waren. Fast
rannten sie den Propst über den Haufen, der gerade hinaus wollte, um zu
sehen, was aus den beiden geworden war. Signe fing zu erzählen an, Petra
schrie auf und stürzte wieder hinaus, wobei ihr dann einfiel, daß sie gerade
hätte bleiben müssen, um Signe am Erzählen zu verhindern. Also wollte sie
wieder hinein; aber der Propst hielt die Tür zu. Keine Möglichkeit, sie zu
öffnen. Sie trommelte mit beiden Fäusten dagegen, sie sang, sie trampelte
mit den Füßen, um Signe zu übertäuben, die nur umso lauter sprach; und als
der Propst endlich alles gehört und ebenso herzlich und lustig wie Signe
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über diese neue Methode, Klassiker zu lesen, gelacht hatte, machte er die
Tür auf; aber nun rannte Petra davon.
Nach dem Abendessen, zu dem Petra sich wieder eingestellt hatte, und
bei dem sie vom Propst reichlich geneckt worden war, sollte sie zur Strafe
alles aufsagen, was sie auswendig konnte. Und da zeigte es sich, daß sie
wirklich alle die berühmtesten Szenen kannte; nicht bloß eine Rolle darin,
sondern alle. Sie sagte sie her, als ob sie sie abläse; manchmal war es, als
wolle sie Feuer fangen; aber sofort dämpfte sie es wieder. Kaum merkte das
der Propst, als er auch schon mehr Ausdruck verlangte; aber sie wurde nur
immer scheuer. Stundenlang ging das so weiter; sie konnte alle komischen
Szenen und alle tragischen, neckische und ernsthafte. Ihr Gedächtnis war
zum Bewundern und zum Lachen; sie selber lachte mit und verlangte, man
solle sie nur weiter examinieren.
"Man könnte wirklich wünschen, die armen Schauspieler hätten bloß den
zehnten Teil Deines Gedächtnisses!" sagte Signe.—"Gott verhüte, daß sie je
Schauspielerin wird!" versetzte der Propst und wurde plötzlich ernst. "Aber,
Vater! Wie kannst Du glauben, daß Petra an so was denkt!" erwiderte Signe
lachend. "Ich kam bloß zufällig darauf, weil ich immer wieder gefunden
habe, daß ein Mensch, der von Jugend auf sozusagen aufwächst mit der
Poesie seiner Sprache, nie das Verlangen hat, zur Bühne zu gehen. Während
einer, der nie viel gewußt hat von Poesie, bis er erwachsen ist, dafür
schwärmt. Die so ganz plötzlich erwachte Sehnsucht ist es, die ihn
verführt."—"Gewiß ist das wahr", versetzte der Propst. "Ein wirklich
gebildeter Mensch geht wohl selten zur Bühne."—"Und noch seltener ein
poetisch Gebildeter."—"Freilich. Und wenn es geschieht, so spielt irgendein
Mangel an Charakter mit, der Eitelkeit und Leichtsinn die Oberhand
gewinnen läßt. Ich habe viele Schauspieler gekannt, in meiner Studienzeit
und auf Reisen; aber einen Schauspieler, der ein echt christliches Leben
geführt hätte, den hat wohl noch kein Mensch gesehen. Zur Religion
Tür auf; aber nun rannte Petra davon.
Nach dem Abendessen, zu dem Petra sich wieder eingestellt hatte, und
bei dem sie vom Propst reichlich geneckt worden war, sollte sie zur Strafe
alles aufsagen, was sie auswendig konnte. Und da zeigte es sich, daß sie
wirklich alle die berühmtesten Szenen kannte; nicht bloß eine Rolle darin,
sondern alle. Sie sagte sie her, als ob sie sie abläse; manchmal war es, als
wolle sie Feuer fangen; aber sofort dämpfte sie es wieder. Kaum merkte das
der Propst, als er auch schon mehr Ausdruck verlangte; aber sie wurde nur
immer scheuer. Stundenlang ging das so weiter; sie konnte alle komischen
Szenen und alle tragischen, neckische und ernsthafte. Ihr Gedächtnis war
zum Bewundern und zum Lachen; sie selber lachte mit und verlangte, man
solle sie nur weiter examinieren.
"Man könnte wirklich wünschen, die armen Schauspieler hätten bloß den
zehnten Teil Deines Gedächtnisses!" sagte Signe.—"Gott verhüte, daß sie je
Schauspielerin wird!" versetzte der Propst und wurde plötzlich ernst. "Aber,
Vater! Wie kannst Du glauben, daß Petra an so was denkt!" erwiderte Signe
lachend. "Ich kam bloß zufällig darauf, weil ich immer wieder gefunden
habe, daß ein Mensch, der von Jugend auf sozusagen aufwächst mit der
Poesie seiner Sprache, nie das Verlangen hat, zur Bühne zu gehen. Während
einer, der nie viel gewußt hat von Poesie, bis er erwachsen ist, dafür
schwärmt. Die so ganz plötzlich erwachte Sehnsucht ist es, die ihn
verführt."—"Gewiß ist das wahr", versetzte der Propst. "Ein wirklich
gebildeter Mensch geht wohl selten zur Bühne."—"Und noch seltener ein
poetisch Gebildeter."—"Freilich. Und wenn es geschieht, so spielt irgendein
Mangel an Charakter mit, der Eitelkeit und Leichtsinn die Oberhand
gewinnen läßt. Ich habe viele Schauspieler gekannt, in meiner Studienzeit
und auf Reisen; aber einen Schauspieler, der ein echt christliches Leben
geführt hätte, den hat wohl noch kein Mensch gesehen. Zur Religion
Page 648
hingezogen können sie sich fühlen; das hab' ich selbst erlebt. Aber es ist in
ihrem Beruf zu viel Unruhiges, Aufreibendes; sie können sich nicht
konzentrieren, auch wenn sie schon längst die Bühne verlassen haben. So
oft ich auch mit einem darüber gesprochen habe—jeder hat es zugegeben
und es beklagt; aber gleich darauf hieß es: Wir müssen uns eben damit
trösten, daß wir auch nicht schlimmer sind als wer weiß wie viele andere!
Bloß, daß man das einen schlechten Trost nennen muß. Ein Leben, das sich
nach keiner Richtung hin auf den Christen in uns aufbaut, das ist ein
sündiges Leben.—Der Herr helfe ihnen und bewahre jedes reine Herz vor
ihnen!"
*****
Am Tag darauf, es war Sonnabend, war der Propst wie gewöhnlich schon
vor sieben Uhr auf, machte seine Morgenrunde zu seinen Arbeitern und
noch ein bißchen weiter hinaus und kam heim, als es eben hell werden
wollte. Da sah er, gerade als er am Hause vorbei in den Hof einbiegen
wollte, an der Erde etwas wie ein aufgeschlagenes Schreibheft, das man
wahrscheinlich gestern aus Petras Fenster geworfen und nicht wieder
gefunden hatte, weil es dieselbe Farbe hatte wie der Schnee. Er hob das
Heft auf und ging damit in sein Studierzimmer. Als er es
auseinanderklappte, um es zu trocknen, sah er, daß es ein verabschiedetes
französisches Aufsatzheft war, in das jetzt Verse geschrieben waren. Es fiel
ihm gar nicht ein, die Verse zu lesen; da fiel sein Blick auf das Wort
"Schauspielerin", das an allen Ecken und Enden, kreuz und quer
geschrieben stand,—auch in den Versen stand es da. Er setzte sich
ordentlich hin, um sich die Sache genauer anzusehen. Nach allerhand
Ansätzen und durchstrichenen Zeilen fand er folgende Reimerei, die trotz
vieler Verbesserungen zu entziffern war:
ihrem Beruf zu viel Unruhiges, Aufreibendes; sie können sich nicht
konzentrieren, auch wenn sie schon längst die Bühne verlassen haben. So
oft ich auch mit einem darüber gesprochen habe—jeder hat es zugegeben
und es beklagt; aber gleich darauf hieß es: Wir müssen uns eben damit
trösten, daß wir auch nicht schlimmer sind als wer weiß wie viele andere!
Bloß, daß man das einen schlechten Trost nennen muß. Ein Leben, das sich
nach keiner Richtung hin auf den Christen in uns aufbaut, das ist ein
sündiges Leben.—Der Herr helfe ihnen und bewahre jedes reine Herz vor
ihnen!"
*****
Am Tag darauf, es war Sonnabend, war der Propst wie gewöhnlich schon
vor sieben Uhr auf, machte seine Morgenrunde zu seinen Arbeitern und
noch ein bißchen weiter hinaus und kam heim, als es eben hell werden
wollte. Da sah er, gerade als er am Hause vorbei in den Hof einbiegen
wollte, an der Erde etwas wie ein aufgeschlagenes Schreibheft, das man
wahrscheinlich gestern aus Petras Fenster geworfen und nicht wieder
gefunden hatte, weil es dieselbe Farbe hatte wie der Schnee. Er hob das
Heft auf und ging damit in sein Studierzimmer. Als er es
auseinanderklappte, um es zu trocknen, sah er, daß es ein verabschiedetes
französisches Aufsatzheft war, in das jetzt Verse geschrieben waren. Es fiel
ihm gar nicht ein, die Verse zu lesen; da fiel sein Blick auf das Wort
"Schauspielerin", das an allen Ecken und Enden, kreuz und quer
geschrieben stand,—auch in den Versen stand es da. Er setzte sich
ordentlich hin, um sich die Sache genauer anzusehen. Nach allerhand
Ansätzen und durchstrichenen Zeilen fand er folgende Reimerei, die trotz
vieler Verbesserungen zu entziffern war:
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Eines, du Trauter, bekenn' ich dir still,
Und das ist, was ich werden will.
Schauspielerin, das möcht' ich werden,
Zeigen der Welt in Wort und Gebärden
Möcht' ich die Frau, wie sie lacht vor Spott,
Leidet und liebt und betet zu Gott,
Wie sie ist, wenn sie reizend blickt,
Wie sie ist, wenn in Sünde verstrickt.
Vater im Himmel, ach, hilf mir zu werden,
Was mein einziger Wunsch auf Erden!
Und ein bißchen weiter unten:
Darf ich denn, o Gott, nicht sein dein eigen?
Willst du nicht Erhörung mir bezeigen?
Dann, wahrscheinlich als Randglosse zu einer Dichtung, die sie vor ein
paar Monaten gelesen hatten:
O, zu gehn nach Elfenweise,
Elfenweise,
Mondenschein und Nebelkreise,
Nebelkreise,
Vorwärts huschen, rückwärts rauschen,
Rückwärts rauschen,
Töten den, der sucht zu lauschen,
Sucht zu lauschen—
Nein, 's war' sündhaft, lirum, larum, la!
Und nach unzähligen Änderungen, Streichungen, Kritzeleien und Noten:
Und das ist, was ich werden will.
Schauspielerin, das möcht' ich werden,
Zeigen der Welt in Wort und Gebärden
Möcht' ich die Frau, wie sie lacht vor Spott,
Leidet und liebt und betet zu Gott,
Wie sie ist, wenn sie reizend blickt,
Wie sie ist, wenn in Sünde verstrickt.
Vater im Himmel, ach, hilf mir zu werden,
Was mein einziger Wunsch auf Erden!
Und ein bißchen weiter unten:
Darf ich denn, o Gott, nicht sein dein eigen?
Willst du nicht Erhörung mir bezeigen?
Dann, wahrscheinlich als Randglosse zu einer Dichtung, die sie vor ein
paar Monaten gelesen hatten:
O, zu gehn nach Elfenweise,
Elfenweise,
Mondenschein und Nebelkreise,
Nebelkreise,
Vorwärts huschen, rückwärts rauschen,
Rückwärts rauschen,
Töten den, der sucht zu lauschen,
Sucht zu lauschen—
Nein, 's war' sündhaft, lirum, larum, la!
Und nach unzähligen Änderungen, Streichungen, Kritzeleien und Noten:
Page 650
Hopsasa,—hopsasa,
Tanzen mit allen, doch niemals gefangen!
Tralala,—tralala,
Stets Nummer eins, doch an niemandem hangen.
Dann, deutlich und sauber, folgender Brief:
Mein Herzens-Heinrich!
Deucht Dich nicht, daß Du und ich die Weisesten sind in der ganzen
Comoedia? Wohl tuet man uns großen Verdruß an, hat aber nichts zu sagen.
Ich engrassiere Dich, mich morgen abend auf die mascarade zu führen;
denn ich war noch niemals auf solcher, und mich verlangt nach einer
rechten Narretei; hier im Hause ist es gar still und trübselig!
Du bist ein rechter Schelm, Heinrich—wo schwärmst Du wieder umher?
Ach, hier sitzt einsam
Deine Pernille.
Endlich stand da, mit großen Buchstaben, deutlich und mehrmals
wiederholt, folgende Strophe, die sie irgendwo aufgestöbert haben mußte
und hatte auswendig lernen wollen:
Ach, dem Großen gilt mein Drängen;
Schier die Brust will mir's zersprengen.
Höchstes Denken kühn zu wagen,
Kraft, um's kraftvoll vorzutragen,
Die verborgnen Quellen finden,
Balder lösen, Loke binden—
Tanzen mit allen, doch niemals gefangen!
Tralala,—tralala,
Stets Nummer eins, doch an niemandem hangen.
Dann, deutlich und sauber, folgender Brief:
Mein Herzens-Heinrich!
Deucht Dich nicht, daß Du und ich die Weisesten sind in der ganzen
Comoedia? Wohl tuet man uns großen Verdruß an, hat aber nichts zu sagen.
Ich engrassiere Dich, mich morgen abend auf die mascarade zu führen;
denn ich war noch niemals auf solcher, und mich verlangt nach einer
rechten Narretei; hier im Hause ist es gar still und trübselig!
Du bist ein rechter Schelm, Heinrich—wo schwärmst Du wieder umher?
Ach, hier sitzt einsam
Deine Pernille.
Endlich stand da, mit großen Buchstaben, deutlich und mehrmals
wiederholt, folgende Strophe, die sie irgendwo aufgestöbert haben mußte
und hatte auswendig lernen wollen:
Ach, dem Großen gilt mein Drängen;
Schier die Brust will mir's zersprengen.
Höchstes Denken kühn zu wagen,
Kraft, um's kraftvoll vorzutragen,
Die verborgnen Quellen finden,
Balder lösen, Loke binden—
Page 651
Dies in deiner Gnade gib
Du, der mir verlieh den Trieb!
Noch vieles andere stand da; aber der Propst las nicht weiter.
Also um Schauspielerin zu werden, war sie in sein Haus gekommen und
hatte sich von seiner Tochter unterrichten lassen. Um dieses heimlichen
Zieles willen hatte sie Abend für Abend so begierig gelauscht und nachher
selber auswendig gelernt. Zum besten gehabt hatte Petra sie die ganze Zeit.
Noch gestern, da sie ihnen alles zu offenbaren schien, hatte sie etwas
verheimlicht; während sie am herzlichsten lachte, hatte sie gelogen.
Und dieses heimliche Ziel! Was der Propst so oft in ihrer Gegenwart
verdammt hatte, schmückte sie zu einem göttlichen Beruf aus und wagte,
Gott um seinen Segen dazu zu bitten! Ein Leben voller Äußerlichkeit und
Eitelkeit, voll Eifersucht und Leidenschaft, voll Trägheit und Sinnlichkeit,
voll Lüge und zunehmender Charakterlosigkeit, das alle Geier umkreisten
wie ein Aas,—einem solchen Leben sich zu weihen, das war ihr Sehnen,
das ihr Gebet zu Gott! Und dazu sollten er und sein Kind ihr verholfen
haben, hier, in ihrem stillen Pfarrhause, unter der strengen Obhut einer
erweckten Gemeinde.
Als Signe eintrat, klar, leicht wie der Wintermorgen, um dem Vater guten
Tag zu sagen, fand sie das Studierzimmer ganz voll Rauch. War dies schon
immer ein Zeichen von Gemütsverstimmung, so war es das doppelt so früh
am Morgen. Er sagte auch kein Wort, sondern gab ihr nur das Heft. Sie sah
sogleich, daß es Petra gehörte. Die Erinnerung an den Verdacht und den
Kummer von gestern abend durchzuckte sie; sie mochte gar nicht
hineinsehen; ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich setzen mußte. Doch
dasselbe Wort, das der Propst zuerst wahrgenommen hatte, fiel auch ihr auf,
sprang auch ihr in die Augen; sie mußte näher hinsehen; und dann las sie.
Du, der mir verlieh den Trieb!
Noch vieles andere stand da; aber der Propst las nicht weiter.
Also um Schauspielerin zu werden, war sie in sein Haus gekommen und
hatte sich von seiner Tochter unterrichten lassen. Um dieses heimlichen
Zieles willen hatte sie Abend für Abend so begierig gelauscht und nachher
selber auswendig gelernt. Zum besten gehabt hatte Petra sie die ganze Zeit.
Noch gestern, da sie ihnen alles zu offenbaren schien, hatte sie etwas
verheimlicht; während sie am herzlichsten lachte, hatte sie gelogen.
Und dieses heimliche Ziel! Was der Propst so oft in ihrer Gegenwart
verdammt hatte, schmückte sie zu einem göttlichen Beruf aus und wagte,
Gott um seinen Segen dazu zu bitten! Ein Leben voller Äußerlichkeit und
Eitelkeit, voll Eifersucht und Leidenschaft, voll Trägheit und Sinnlichkeit,
voll Lüge und zunehmender Charakterlosigkeit, das alle Geier umkreisten
wie ein Aas,—einem solchen Leben sich zu weihen, das war ihr Sehnen,
das ihr Gebet zu Gott! Und dazu sollten er und sein Kind ihr verholfen
haben, hier, in ihrem stillen Pfarrhause, unter der strengen Obhut einer
erweckten Gemeinde.
Als Signe eintrat, klar, leicht wie der Wintermorgen, um dem Vater guten
Tag zu sagen, fand sie das Studierzimmer ganz voll Rauch. War dies schon
immer ein Zeichen von Gemütsverstimmung, so war es das doppelt so früh
am Morgen. Er sagte auch kein Wort, sondern gab ihr nur das Heft. Sie sah
sogleich, daß es Petra gehörte. Die Erinnerung an den Verdacht und den
Kummer von gestern abend durchzuckte sie; sie mochte gar nicht
hineinsehen; ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich setzen mußte. Doch
dasselbe Wort, das der Propst zuerst wahrgenommen hatte, fiel auch ihr auf,
sprang auch ihr in die Augen; sie mußte näher hinsehen; und dann las sie.
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Ihr erstes Gefühl war Scham, nicht für Petra, sondern weil der Vater das
auch gelesen hatte.
Bald aber empfand sie die tiefe Demütigung, die darin liegt, sich von
jemand, den man lieb hat, getäuscht zu sehen. Einen Augenblick will uns
der Mensch, der das fertig gebracht hat, größer, klüger, erfinderischer als
wir erscheinen, ja, er streift geradezu ans Geheimnisvolle. Bald aber
sammelt sich die Seele wieder in Empörung; die Ehrlichkeit gewinnt Macht
durch Kräfte, die, wenn auch unsichtbar, doch nicht geheimnisvoll sind;
man fühlt in sich die Stärke, mit einem Schlag hundert kleinliche
Ausflüchte zu zermalmen; man verachtet das, wodurch man sich eben, noch
gedemütigt fühlte. Drin im Wohnzimmer hatte Petra sich ans Klavier
gesetzt, und eben hörte man sie singen:
Auf ist der Tag und die Freude entbrannt,
Und des Mißmuts Wolkenburg stürmisch berannt,
Über den glühenden Bergen im Klaren
Lagern in Zelten des Lichtkönigs Scharen.
"Auf nun! Auf nun!" Vogel im Hag,
"Auf!" was singen und jubeln mag,
Auf zum Licht, meine Hoffnung!
Dann jagte es wie ein Sturm übers Klavier, und mitten heraus brauste ein
zweites Lied:
Gut ist dein Rat!
Doch auf lockendem Pfad
Treib' ich mein Boot hinaus
In der Brandung Gebraus.
Und führt auch die Fahrt durch des Todes Tor—
Laßt mich kosten, was nie ich gekostet zuvor.
auch gelesen hatte.
Bald aber empfand sie die tiefe Demütigung, die darin liegt, sich von
jemand, den man lieb hat, getäuscht zu sehen. Einen Augenblick will uns
der Mensch, der das fertig gebracht hat, größer, klüger, erfinderischer als
wir erscheinen, ja, er streift geradezu ans Geheimnisvolle. Bald aber
sammelt sich die Seele wieder in Empörung; die Ehrlichkeit gewinnt Macht
durch Kräfte, die, wenn auch unsichtbar, doch nicht geheimnisvoll sind;
man fühlt in sich die Stärke, mit einem Schlag hundert kleinliche
Ausflüchte zu zermalmen; man verachtet das, wodurch man sich eben, noch
gedemütigt fühlte. Drin im Wohnzimmer hatte Petra sich ans Klavier
gesetzt, und eben hörte man sie singen:
Auf ist der Tag und die Freude entbrannt,
Und des Mißmuts Wolkenburg stürmisch berannt,
Über den glühenden Bergen im Klaren
Lagern in Zelten des Lichtkönigs Scharen.
"Auf nun! Auf nun!" Vogel im Hag,
"Auf!" was singen und jubeln mag,
Auf zum Licht, meine Hoffnung!
Dann jagte es wie ein Sturm übers Klavier, und mitten heraus brauste ein
zweites Lied:
Gut ist dein Rat!
Doch auf lockendem Pfad
Treib' ich mein Boot hinaus
In der Brandung Gebraus.
Und führt auch die Fahrt durch des Todes Tor—
Laßt mich kosten, was nie ich gekostet zuvor.
Page 653
Nicht bloß zum Spiel
Such' ich mein Ziel,—
Will mit Sturmwogen ringen—
Will das Weltmeer bezwingen—
Will sehn, wie der Kiel sich zur Seite legt—
Muß versuchen, wie weit und wie lang er mich trägt!
Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er riß im Vorbeigehen Signe
das Heft aus der Hand; er stürmte nach der Tür; und diesmal hielt sie ihn
nicht zurück. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft vor sie
hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer auf und ab.
Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das Heft an die
Brust gepreßt und sah sich mit verstörten Blicken nach allen Seiten um. Er
blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken; aber sein Zorn, die
Erbitterung, daß er über zwei Jahre lang sich von diesem verschlagenen
jungen Ding hatte mißbrauchen lassen, und vor allem darüber, daß sie sein
eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten gehabt hatte, empörte
ihn so, daß er nicht gleich Worte fand. Und als er sie endlich fand, da fühlte
er selber, daß sie zu hart waren. Als er noch einmal durchs Zimmer gestürmt
war und ihr wieder gegenüber stand, mit blutrotem Gesicht, da wandte er
ihr einfach den Rücken und ging ohne eine Silbe zu sagen in sein
Studierzimmer zurück. Als er hinkam, war Signe fort.
Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst aß allein zu
Mittag; keins der Mädchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der
Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorläufig angewiesen hatte.
Vergebens hatte sie Signe überall gesucht, um ihr alles zu erklären; Signe
schien überhaupt gar nicht im Hause zu sein.
Petra fühlte—sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens heimlichster
Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen Einfluß erzwingen,
Such' ich mein Ziel,—
Will mit Sturmwogen ringen—
Will das Weltmeer bezwingen—
Will sehn, wie der Kiel sich zur Seite legt—
Muß versuchen, wie weit und wie lang er mich trägt!
Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er riß im Vorbeigehen Signe
das Heft aus der Hand; er stürmte nach der Tür; und diesmal hielt sie ihn
nicht zurück. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft vor sie
hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer auf und ab.
Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das Heft an die
Brust gepreßt und sah sich mit verstörten Blicken nach allen Seiten um. Er
blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken; aber sein Zorn, die
Erbitterung, daß er über zwei Jahre lang sich von diesem verschlagenen
jungen Ding hatte mißbrauchen lassen, und vor allem darüber, daß sie sein
eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten gehabt hatte, empörte
ihn so, daß er nicht gleich Worte fand. Und als er sie endlich fand, da fühlte
er selber, daß sie zu hart waren. Als er noch einmal durchs Zimmer gestürmt
war und ihr wieder gegenüber stand, mit blutrotem Gesicht, da wandte er
ihr einfach den Rücken und ging ohne eine Silbe zu sagen in sein
Studierzimmer zurück. Als er hinkam, war Signe fort.
Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst aß allein zu
Mittag; keins der Mädchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der
Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorläufig angewiesen hatte.
Vergebens hatte sie Signe überall gesucht, um ihr alles zu erklären; Signe
schien überhaupt gar nicht im Hause zu sein.
Petra fühlte—sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens heimlichster
Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen Einfluß erzwingen,
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den sie nicht dulden konnte. Sie fühlte selbst am besten—wenn sie dies ihr
Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des Zufalls preisgegeben. Sie
konnte froh sein mit den Fröhlichen, vertrauensvoll mit den Vertrauenden;
immer und überall sicher,—aber alles nur kraft jenes geheimen Ziels:
einmal all das zu erreichen, dem ihre Fähigkeiten in heißem Sehnen
entgegenwuchsen. Sich noch einmal jemand anvertrauen, nach jenem
ersten, mißglückten Versuch in Bergen—nein, das konnte sie nicht, nicht
einmal Ödegaard; sie mußte es allein in sich tragen, bis es so stark
geworden war, daß es jedem Zweifel standzuhalten vermochte.
Aber jetzt war alles anders geworden. Unablässig stand das feuerrote
Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es,
sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter; aber
schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je weiter ein
Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr vergrößern wir uns
selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, daß ihr endlich klar wurde:
es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre Freundschaft heimlich zu etwas zu
mißbrauchen, was Signe für eine große Sünde hielt. Gott, der Allwissende,
war ihr Zeuge, daß eine solche Auffassung der Dinge ihr bisher überhaupt
nicht in den Sinn gekommen war. Wie eine große Sünderin kam sie sich
vor.
Genau wie damals zu Hause fühlte sie sich wie zerschmettert und hatte
doch noch kurz vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt! Daß dies
Entsetzliche sich wiederholen konnte, daß sie noch keinen Schritt
weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen.
Aber in dem Maß, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an
Seelenreinheit und großherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit
glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten hätte sie sich ihr zu
Füßen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, hätte nicht abgelassen mit
Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick geschenkt!
Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des Zufalls preisgegeben. Sie
konnte froh sein mit den Fröhlichen, vertrauensvoll mit den Vertrauenden;
immer und überall sicher,—aber alles nur kraft jenes geheimen Ziels:
einmal all das zu erreichen, dem ihre Fähigkeiten in heißem Sehnen
entgegenwuchsen. Sich noch einmal jemand anvertrauen, nach jenem
ersten, mißglückten Versuch in Bergen—nein, das konnte sie nicht, nicht
einmal Ödegaard; sie mußte es allein in sich tragen, bis es so stark
geworden war, daß es jedem Zweifel standzuhalten vermochte.
Aber jetzt war alles anders geworden. Unablässig stand das feuerrote
Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es,
sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter; aber
schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je weiter ein
Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr vergrößern wir uns
selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, daß ihr endlich klar wurde:
es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre Freundschaft heimlich zu etwas zu
mißbrauchen, was Signe für eine große Sünde hielt. Gott, der Allwissende,
war ihr Zeuge, daß eine solche Auffassung der Dinge ihr bisher überhaupt
nicht in den Sinn gekommen war. Wie eine große Sünderin kam sie sich
vor.
Genau wie damals zu Hause fühlte sie sich wie zerschmettert und hatte
doch noch kurz vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt! Daß dies
Entsetzliche sich wiederholen konnte, daß sie noch keinen Schritt
weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen.
Aber in dem Maß, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an
Seelenreinheit und großherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit
glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten hätte sie sich ihr zu
Füßen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, hätte nicht abgelassen mit
Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick geschenkt!
Page 655
Es war dunkel geworden. Jetzt mußte Signe doch endlich wieder da sein,
wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im
Flügel, wo Signes Zimmer lag; die Tür war verriegelt. Also mußte sie drin
sein! Ihr Herz klopfte, während sie nochmals die Klinke niederdrückte und
bettelte: "Signe! Ich muß mit Dir reden! Ich halt' es nicht aus, Signe!"—Im
Zimmer kein Laut. Petra bückte sich, horchte, klopfte. "Signe, Signe! Wenn
Du wüßtest, wie unglücklich ich bin!"—Keine Antwort. Langes Horchen.
Nichts. Wenn man lang gar keine Antwort erhält, so fängt man zuletzt zu
zweifeln an, ob überhaupt jemand da ist, selbst wenn man es weiß; und
wenn es dazu noch dunkel ist, so wird man noch ängstlich dabei. "Signe!
Signe! Bist Du da? So hab' doch Erbarmen! Antworte doch!—Signe!" Es
war und blieb still. Sie begann zu zittern und zu frösteln. Da ging die
Küchentür auf mit einem breiten Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen
über den Hof. Das gab ihr einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof,
wollte auf den Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflügel
lag, und dann auf diesem Sims entlang um das ganze Gebäude gehen bis
auf die andere Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes
Zimmer hineingucken!
Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Häuser standen in scharfen
Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee
schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch
schärfer hervor. Von der Landstraße klang Schlittengeläut; das eilige
Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie
wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten;
aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte sie
eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von der Tonne
auf den Sims. Dort kroch sie auf Händen und Füßen ruckweise weiter,
jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehörten die starken Finger einer starken
Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen kaum einen
Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man könne sie entdecken; denn natürlich
wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im
Flügel, wo Signes Zimmer lag; die Tür war verriegelt. Also mußte sie drin
sein! Ihr Herz klopfte, während sie nochmals die Klinke niederdrückte und
bettelte: "Signe! Ich muß mit Dir reden! Ich halt' es nicht aus, Signe!"—Im
Zimmer kein Laut. Petra bückte sich, horchte, klopfte. "Signe, Signe! Wenn
Du wüßtest, wie unglücklich ich bin!"—Keine Antwort. Langes Horchen.
Nichts. Wenn man lang gar keine Antwort erhält, so fängt man zuletzt zu
zweifeln an, ob überhaupt jemand da ist, selbst wenn man es weiß; und
wenn es dazu noch dunkel ist, so wird man noch ängstlich dabei. "Signe!
Signe! Bist Du da? So hab' doch Erbarmen! Antworte doch!—Signe!" Es
war und blieb still. Sie begann zu zittern und zu frösteln. Da ging die
Küchentür auf mit einem breiten Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen
über den Hof. Das gab ihr einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof,
wollte auf den Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflügel
lag, und dann auf diesem Sims entlang um das ganze Gebäude gehen bis
auf die andere Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes
Zimmer hineingucken!
Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Häuser standen in scharfen
Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee
schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch
schärfer hervor. Von der Landstraße klang Schlittengeläut; das eilige
Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie
wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten;
aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte sie
eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von der Tonne
auf den Sims. Dort kroch sie auf Händen und Füßen ruckweise weiter,
jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehörten die starken Finger einer starken
Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen kaum einen
Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man könne sie entdecken; denn natürlich
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würde man das gleich wieder mit der Strickleiter in Verbindung bringen.
Wenn sie bloß erst von der Seite, die auf den Hof hinausging, weg und auf
der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte neue Gefahr:
die Fenster waren nicht verhangen, und sie mußte sich ducken, während sie,
in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern vorüberkroch. An der Längswand
wurde es immer höher; darunter, die ganze Mauer entlang, stand eine
Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen würde, wenn sie fiel. Aber
sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger brannten, ihre Sehnen zitterten, der
ganze Körper bebte; aber sie kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar
Schritte und das Fenster war erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der
Vorhang war nicht herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer—sie
mußte bis in den äußersten Winkel sehen können! Auch das gab ihr neuen
Mut. Sie erreichte den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest
anklammern und ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so
heftig zu klopfen an, daß es ihr fast den Atem benahm. Aber je länger sie
zauderte, desto schlimmer wurde es; also hieß es kurzen Prozeß machen…
Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Höhe gegen das Fenster.
Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort. Signe hatte in der
Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz mitten im Zimmer, wehrte
die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen ab und flüchtete. Diese
Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds, diese rücksichtslose,
widerwärtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom Mond umrissen, erhitzt,
funkelnd,—Petra begriff selbst mit Blitzesschnelle, daß ihr unglückseliger
Einfall Signe nichts als Abscheu hatte einjagen können, ja, daß fortan ihr
Bild vielleicht immer ein Schreckgespenst bleiben würde für Signe. Sie
verlor das Bewußtsein und fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter.
Die Leute im Hause waren auf Signes Ruf herbeigestürzt, hatten jedoch
niemand gefunden. Da hörten sie wieder einen solchen Schrei; der ganze
Hof lief zusammen, man suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein
bloßer Zufall, daß der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im
Wenn sie bloß erst von der Seite, die auf den Hof hinausging, weg und auf
der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte neue Gefahr:
die Fenster waren nicht verhangen, und sie mußte sich ducken, während sie,
in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern vorüberkroch. An der Längswand
wurde es immer höher; darunter, die ganze Mauer entlang, stand eine
Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen würde, wenn sie fiel. Aber
sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger brannten, ihre Sehnen zitterten, der
ganze Körper bebte; aber sie kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar
Schritte und das Fenster war erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der
Vorhang war nicht herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer—sie
mußte bis in den äußersten Winkel sehen können! Auch das gab ihr neuen
Mut. Sie erreichte den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest
anklammern und ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so
heftig zu klopfen an, daß es ihr fast den Atem benahm. Aber je länger sie
zauderte, desto schlimmer wurde es; also hieß es kurzen Prozeß machen…
Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Höhe gegen das Fenster.
Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort. Signe hatte in der
Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz mitten im Zimmer, wehrte
die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen ab und flüchtete. Diese
Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds, diese rücksichtslose,
widerwärtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom Mond umrissen, erhitzt,
funkelnd,—Petra begriff selbst mit Blitzesschnelle, daß ihr unglückseliger
Einfall Signe nichts als Abscheu hatte einjagen können, ja, daß fortan ihr
Bild vielleicht immer ein Schreckgespenst bleiben würde für Signe. Sie
verlor das Bewußtsein und fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter.
Die Leute im Hause waren auf Signes Ruf herbeigestürzt, hatten jedoch
niemand gefunden. Da hörten sie wieder einen solchen Schrei; der ganze
Hof lief zusammen, man suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein
bloßer Zufall, daß der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im
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Mondschein Petra in den Büschen liegen sah. Eine große Angst überkam
alle. Es kostete Mühe, sie von den Dornen loszumachen und
hinaufzutragen. Man brachte sie in Signes Zimmer, weil die Stube der
Wirtschafterin nicht geheizt war; man zog sie aus und brachte sie zu Bett,
man wusch ihr Hals und Hände, die tüchtig zerkratzt waren, während
wieder andere es recht warm und hell und behaglich im Zimmer machten.
Als sie wieder zu sich gekommen war und sich umsah, bat sie, man möge
sie allein lassen. Die ruhige Behaglichkeit des Zimmers, das feine Weiß,
womit Fenster, Toilettentisch, Bett und Stühle behängt waren, mahnten
unendlich wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre
stille Stimme, die einen so milchweißen Klang hatte, ihr feines Gefühl für
die Denkart anderer, ihre weiche Güte. Und all das hatte sie selbst jetzt
verscherzt. Bald mußte sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl überhaupt
aus dem Hause. Und dann—wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht
von der Landstraße auflesen, und selbst wenn es geschähe—sie selber
wollte nicht mehr. Es würde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen.
Kein Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein
mochte … sie fühlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter
gekommen; nie würde sie überhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn
ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie sie
weinte! Sie wälzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz erschöpft
war und einschlief.
Und im Schlaf wurde sofort alles schneeweiß und allmählich auch
seltsam hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Höhe und ein so
lichtes Funkeln von Millionen Sternen gesehen.
Zehntes Kapitel
alle. Es kostete Mühe, sie von den Dornen loszumachen und
hinaufzutragen. Man brachte sie in Signes Zimmer, weil die Stube der
Wirtschafterin nicht geheizt war; man zog sie aus und brachte sie zu Bett,
man wusch ihr Hals und Hände, die tüchtig zerkratzt waren, während
wieder andere es recht warm und hell und behaglich im Zimmer machten.
Als sie wieder zu sich gekommen war und sich umsah, bat sie, man möge
sie allein lassen. Die ruhige Behaglichkeit des Zimmers, das feine Weiß,
womit Fenster, Toilettentisch, Bett und Stühle behängt waren, mahnten
unendlich wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre
stille Stimme, die einen so milchweißen Klang hatte, ihr feines Gefühl für
die Denkart anderer, ihre weiche Güte. Und all das hatte sie selbst jetzt
verscherzt. Bald mußte sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl überhaupt
aus dem Hause. Und dann—wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht
von der Landstraße auflesen, und selbst wenn es geschähe—sie selber
wollte nicht mehr. Es würde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen.
Kein Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein
mochte … sie fühlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter
gekommen; nie würde sie überhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn
ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie sie
weinte! Sie wälzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz erschöpft
war und einschlief.
Und im Schlaf wurde sofort alles schneeweiß und allmählich auch
seltsam hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Höhe und ein so
lichtes Funkeln von Millionen Sternen gesehen.
Zehntes Kapitel
Page 658
Noch als sie aufwachte, war sie dort oben; die Gedanken des Tages, die
sofort auf sie einstürmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und
fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfüllte—von dem
Glockengeläut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte
sich aus der Speisekammer etwas Frühstück, packte sich warm ein und
machte sich eilig auf den Weg,—so gedürstet nach Gottes Wort hatte sie
noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und die
Tür war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger erstarrten ihr,
als sie den Schlüssel anfaßte und umdrehte. Der Pfarrer stand gerade am
Altar, sie blieb an der Tür stehen, bis er fertig war und der Küster ihm das
Meßgewand abgenommen hatte; dann ging sie hinüber nach dem
sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhängen versehen
war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man aber aus
irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm man seine
Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlüpfen wollte, sah
sie Signe schon darin sitzen, in der äußersten Ecke. Sie trat einen Schritt
zurück, aber gerade da drehte der Propst sich um, um vom Altar an ihr
vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder in den Stuhl hinein
und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe hatte ihren Schleier
heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute über die Gemeinde hin: in
hohem Holzgestühl saßen rechts die Männer, links die Frauen eng
nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel über ihnen, an den
Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten Holzstatuen, der
schleppende, eintönige Gesang, die vermummten Menschen—das alles
harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar; ihr fiel der Eindruck
ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie Bergen verließ, auf sie
gemacht hatte; sie war auch hier nur ein furchtsamer Wanderer.
Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er
betete: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wissen, daß alle Gaben, die Gott
uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er möge gnädig sein und uns
sofort auf sie einstürmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und
fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfüllte—von dem
Glockengeläut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte
sich aus der Speisekammer etwas Frühstück, packte sich warm ein und
machte sich eilig auf den Weg,—so gedürstet nach Gottes Wort hatte sie
noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und die
Tür war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger erstarrten ihr,
als sie den Schlüssel anfaßte und umdrehte. Der Pfarrer stand gerade am
Altar, sie blieb an der Tür stehen, bis er fertig war und der Küster ihm das
Meßgewand abgenommen hatte; dann ging sie hinüber nach dem
sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhängen versehen
war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man aber aus
irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm man seine
Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlüpfen wollte, sah
sie Signe schon darin sitzen, in der äußersten Ecke. Sie trat einen Schritt
zurück, aber gerade da drehte der Propst sich um, um vom Altar an ihr
vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder in den Stuhl hinein
und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe hatte ihren Schleier
heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute über die Gemeinde hin: in
hohem Holzgestühl saßen rechts die Männer, links die Frauen eng
nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel über ihnen, an den
Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten Holzstatuen, der
schleppende, eintönige Gesang, die vermummten Menschen—das alles
harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar; ihr fiel der Eindruck
ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie Bergen verließ, auf sie
gemacht hatte; sie war auch hier nur ein furchtsamer Wanderer.
Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er
betete: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wissen, daß alle Gaben, die Gott
uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er möge gnädig sein und uns
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nicht über unsere Kraft versuchen; wir sollen nie vergessen, ihn darum zu
bitten; denn nur, wenn wir unsere Fähigkeiten ihm unterordnen, gereichen
sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter, indem sie
von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, daß erstens ein jeder seinen
Lebensberuf da ausfüllen müsse, wohin ihn seine Fähigkeiten und seine
Verhältnisse gestellt hätten,—und zweitens, daß man Christentum
heranbilden müsse in sich selbst und in denen, die unserer Obhut anvertraut
seien. Man müsse vorsichtig sein in der Wahl seines Lebensberufs, denn es
gebe leider Berufe, die in sich selbst sündig seien, es gebe auch welche, die
uns zur Sünde werden könnten, weil sie entweder nicht für uns paßten, oder
doch unseren bösen Gelüsten allzusehr entgegenkämen. Weiter: so gewiß
ein jeder versuchen müsse, nach seinen Fähigkeiten zu wählen, so gewiß
könne eine solche Wahl, auch wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur
Versuchung werden, wenn wir, weil der Beruf uns zusage, unsere ganze
Zeit und unsere ganzen Gedanken in seinen Dienst stellten. Das
Christentum in uns dürfe nicht vernachlässigt werden, so wenig wie unsere
Elternpflichten gegen unsere Kinder. Wir müßten uns in uns selbst
konzentrieren können, damit der Heilige Geist ständig in uns wirke. Wir
müßten die gute Saat des Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie
pflegen können. Es gebe keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu
befreien vermöchte, auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden müsse.
Und dann ging er weiter,—ging auf die Berufe derer ein, die da saßen,
ging in ihre Häuser, behandelte ihre Verhältnisse, ihre Ansichten. Dann
führte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus höheren
Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war allen,
die ihn im täglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick an, da
er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem Äußern war er anders; sein
verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geöffnet und ließ die Flut der
Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es schaute fest und
zielbewußt und brachte erhabene Kunde; all das Zottige, das wie
bitten; denn nur, wenn wir unsere Fähigkeiten ihm unterordnen, gereichen
sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter, indem sie
von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, daß erstens ein jeder seinen
Lebensberuf da ausfüllen müsse, wohin ihn seine Fähigkeiten und seine
Verhältnisse gestellt hätten,—und zweitens, daß man Christentum
heranbilden müsse in sich selbst und in denen, die unserer Obhut anvertraut
seien. Man müsse vorsichtig sein in der Wahl seines Lebensberufs, denn es
gebe leider Berufe, die in sich selbst sündig seien, es gebe auch welche, die
uns zur Sünde werden könnten, weil sie entweder nicht für uns paßten, oder
doch unseren bösen Gelüsten allzusehr entgegenkämen. Weiter: so gewiß
ein jeder versuchen müsse, nach seinen Fähigkeiten zu wählen, so gewiß
könne eine solche Wahl, auch wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur
Versuchung werden, wenn wir, weil der Beruf uns zusage, unsere ganze
Zeit und unsere ganzen Gedanken in seinen Dienst stellten. Das
Christentum in uns dürfe nicht vernachlässigt werden, so wenig wie unsere
Elternpflichten gegen unsere Kinder. Wir müßten uns in uns selbst
konzentrieren können, damit der Heilige Geist ständig in uns wirke. Wir
müßten die gute Saat des Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie
pflegen können. Es gebe keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu
befreien vermöchte, auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden müsse.
Und dann ging er weiter,—ging auf die Berufe derer ein, die da saßen,
ging in ihre Häuser, behandelte ihre Verhältnisse, ihre Ansichten. Dann
führte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus höheren
Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war allen,
die ihn im täglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick an, da
er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem Äußern war er anders; sein
verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geöffnet und ließ die Flut der
Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es schaute fest und
zielbewußt und brachte erhabene Kunde; all das Zottige, das wie
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zusammengerollt in seiner Natur lag, trat jetzt hervor gleich der Mähne
eines Löwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner dahin oder
in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu sanften
Tönen herab, aber nur, um gleich wieder die Höhe zu erklimmen. Er konnte
im Grunde nur in einem großen Räume reden, und wenn er für seine
Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen
Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine Gedanken
keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht als ob er das
Thema dann erst gefunden hätte; nein, so gewiß wie der Schmerz große
Schätze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewiß hatten das auch
die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener Arbeiter. Aber er
war nicht immer gerüstet, er konnte im Gespräch keine Gedanken prägen;
er mußte allein das Wort haben, mußte wenigstens auf und ab laufen
können. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem Überfall auf
einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefährlich; denn seine Überzeugung
stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, daß er keine Zeit hatte, sie zu
begründen; zwang man ihn doch dazu, so konnte zweierlei geschehen:
entweder er übersprühte seinen Gegner so, daß dem Gegner ganz bange
werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er sich selbst nicht traute.
Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen als dieser energische,
beredte Mann.
Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie fühlte,
woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto näher rückte
er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe dasselbe tat. Aber
unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Löwe war auf Beute aus; sie kam
sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt und eingefangen vor,—
aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die Hand des Erbarmens milde
fest. Es war, als werde sie—ohne ein Wort der Verdammung—von der
allgütigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete sie und weinte, und
sie hörte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb deswegen!
eines Löwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner dahin oder
in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu sanften
Tönen herab, aber nur, um gleich wieder die Höhe zu erklimmen. Er konnte
im Grunde nur in einem großen Räume reden, und wenn er für seine
Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen
Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine Gedanken
keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht als ob er das
Thema dann erst gefunden hätte; nein, so gewiß wie der Schmerz große
Schätze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewiß hatten das auch
die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener Arbeiter. Aber er
war nicht immer gerüstet, er konnte im Gespräch keine Gedanken prägen;
er mußte allein das Wort haben, mußte wenigstens auf und ab laufen
können. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem Überfall auf
einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefährlich; denn seine Überzeugung
stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, daß er keine Zeit hatte, sie zu
begründen; zwang man ihn doch dazu, so konnte zweierlei geschehen:
entweder er übersprühte seinen Gegner so, daß dem Gegner ganz bange
werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er sich selbst nicht traute.
Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen als dieser energische,
beredte Mann.
Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie fühlte,
woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto näher rückte
er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe dasselbe tat. Aber
unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Löwe war auf Beute aus; sie kam
sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt und eingefangen vor,—
aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die Hand des Erbarmens milde
fest. Es war, als werde sie—ohne ein Wort der Verdammung—von der
allgütigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete sie und weinte, und
sie hörte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb deswegen!
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Als der Propst von seinem Thron der Wahrheit herunterkam, um sich in
die Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem
Höchsten auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf
Petra, aber als sie ihn groß ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin;
im Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter saß.
Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so
daß Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie später. Aber heute saßen
sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe aber war
scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das
Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe so
schüchtern und zart aus, daß der Propst an ihre Mutter erinnert wurde,—er
verstummte und wurde allmählich schwermütig. Dazu gehörte sehr wenig.
Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen mißglückten
Versöhnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und
sich gesegnete Mahlzeit wünschen zu können. Im Wohnzimmer wurde die
Stimmung schließlich so gedrückt, daß sie alle drei gern hinausgegangen
wären,—aber niemand mochte zuerst gehen;—Petra für ihr Teil hatte das
Gefühl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie für immer. Sie konnte Signe nicht
wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es nicht
ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mußte sie fort,
dann ohne Abschied; denn wie hätte sie von diesen Menschen Abschied
nehmen können? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung hinein,
die sie nur mit äußerster Anstrengung zurückzuhalten vermochte.
Jede Minute, die eine solche drückende Stille verlängert, in der wir
aufeinander warten, macht sie unerträglicher. Man kann sich nicht rühren,
weil man fühlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hören; man hört sogar,
wenn einer ganz ruhig ist; denn das hört sich an wie Härte. Man kommt in
die Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem
Höchsten auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf
Petra, aber als sie ihn groß ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin;
im Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter saß.
Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so
daß Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie später. Aber heute saßen
sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe aber war
scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das
Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe so
schüchtern und zart aus, daß der Propst an ihre Mutter erinnert wurde,—er
verstummte und wurde allmählich schwermütig. Dazu gehörte sehr wenig.
Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen mißglückten
Versöhnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und
sich gesegnete Mahlzeit wünschen zu können. Im Wohnzimmer wurde die
Stimmung schließlich so gedrückt, daß sie alle drei gern hinausgegangen
wären,—aber niemand mochte zuerst gehen;—Petra für ihr Teil hatte das
Gefühl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie für immer. Sie konnte Signe nicht
wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es nicht
ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mußte sie fort,
dann ohne Abschied; denn wie hätte sie von diesen Menschen Abschied
nehmen können? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung hinein,
die sie nur mit äußerster Anstrengung zurückzuhalten vermochte.
Jede Minute, die eine solche drückende Stille verlängert, in der wir
aufeinander warten, macht sie unerträglicher. Man kann sich nicht rühren,
weil man fühlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hören; man hört sogar,
wenn einer ganz ruhig ist; denn das hört sich an wie Härte. Man kommt in
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Spannung, weil nichts gesagt wird, und man zittert davor, daß etwas gesagt
werden wird.
Jeder fühlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man
zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wächst, die der
andern wächst auch, wächst mit jedem Atemzuge; bald sind wir verzweifelt,
bald empört; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist unbarmherzig, ist
schlecht; wir ertragen es nicht, wir können es ihm nicht verzeihen,—Petra
hielt es nicht länger aus, entweder mußte sie aufschreien oder davonlaufen!
Da klang Schlittengeläut auf der Straße; bald sah man einen Mann im
Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon saß, am
Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.—Alle atmeten erleichtert auf
und lauschten der Erlösung entgegen! Sie hörten den Ankömmling auf dem
Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mädchen
sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm
entgegenzugehen,—kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mädchen
nicht allein lassen wollte;—wieder sprach der Fremde auf dem Flur, jetzt
schon mehr in der Nähe, so daß beim Klang dieser Stimme alle drei
aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tür heftete.—Es
klopfte;—"herein!" sagte der Propst aufgeregt,—ein Mann mit einem
lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tür, Petra stieß einen Schrei
aus und sank wieder auf ihren Stuhl:—das war ja Ödegaard.
Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein
Kommen zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon
gesagt hatte; aber daß er gerade jetzt kam, war eine Fügung des Schicksals,
—das empfanden sie alle.
Petra sah und hörte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefaßt hatte.
Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie nicht; sie konnte
nicht einmal aufstehen. Aber während sie ihn anschaute, liefen ihr zwei
werden wird.
Jeder fühlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man
zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wächst, die der
andern wächst auch, wächst mit jedem Atemzuge; bald sind wir verzweifelt,
bald empört; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist unbarmherzig, ist
schlecht; wir ertragen es nicht, wir können es ihm nicht verzeihen,—Petra
hielt es nicht länger aus, entweder mußte sie aufschreien oder davonlaufen!
Da klang Schlittengeläut auf der Straße; bald sah man einen Mann im
Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon saß, am
Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.—Alle atmeten erleichtert auf
und lauschten der Erlösung entgegen! Sie hörten den Ankömmling auf dem
Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mädchen
sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm
entgegenzugehen,—kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mädchen
nicht allein lassen wollte;—wieder sprach der Fremde auf dem Flur, jetzt
schon mehr in der Nähe, so daß beim Klang dieser Stimme alle drei
aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tür heftete.—Es
klopfte;—"herein!" sagte der Propst aufgeregt,—ein Mann mit einem
lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tür, Petra stieß einen Schrei
aus und sank wieder auf ihren Stuhl:—das war ja Ödegaard.
Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein
Kommen zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon
gesagt hatte; aber daß er gerade jetzt kam, war eine Fügung des Schicksals,
—das empfanden sie alle.
Petra sah und hörte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefaßt hatte.
Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie nicht; sie konnte
nicht einmal aufstehen. Aber während sie ihn anschaute, liefen ihr zwei
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Tränen die Backen herunter. Er war sehr blaß, sonst aber ganz ruhig und
gütig; er zog seine Hand wieder zurück und ging dann durch das Zimmer
auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen ihrer Mutter in der äußersten
Fensterecke verkrochen hatte.
Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurück. Signe hatte
im Hause zu tun, so daß sich der Propst mit Ödegaard in sein
Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not
tat. Hier erfuhr er in Kürze, was die letzten Tage gebracht hatten; er wurde
sehr nachdenklich, äußerte sich aber nicht darüber. Sie wurden übrigens auf
seltsame Weise unterbrochen.
*****
Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Männer vorbei, je einer hinter
dem andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie
wieder!—Jetzt heißt's Geduld haben."—Herein kamen zuerst die Frauen,
dann die Männer, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand
unter dem Bücherregal auf, gerade gegenüber dem Sofa, auf dem Ödegaard
saß. Der Propst setzte ihnen Stühle hin und holte noch ein paar aus dem
andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines städtisch
gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas
trotzigen Gesicht, beide Hände in den Hosentaschen, an die Tür lehnte.
Nach einer langen Pause, während der Propst seine Pfeife stopfte und
Ödegaard, der nicht rauchte, die Leute sich näher betrachtete, begann
schließlich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das
Gespräch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen groß, aber scheu; sie
wußten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr Pfarrer hat
heute solch schöne Predigt gehalten; sie paßte so gut zu unsern Gedanken;
—denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der Versuchung
geredet."—Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz geratenen
gütig; er zog seine Hand wieder zurück und ging dann durch das Zimmer
auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen ihrer Mutter in der äußersten
Fensterecke verkrochen hatte.
Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurück. Signe hatte
im Hause zu tun, so daß sich der Propst mit Ödegaard in sein
Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not
tat. Hier erfuhr er in Kürze, was die letzten Tage gebracht hatten; er wurde
sehr nachdenklich, äußerte sich aber nicht darüber. Sie wurden übrigens auf
seltsame Weise unterbrochen.
*****
Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Männer vorbei, je einer hinter
dem andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie
wieder!—Jetzt heißt's Geduld haben."—Herein kamen zuerst die Frauen,
dann die Männer, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand
unter dem Bücherregal auf, gerade gegenüber dem Sofa, auf dem Ödegaard
saß. Der Propst setzte ihnen Stühle hin und holte noch ein paar aus dem
andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines städtisch
gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas
trotzigen Gesicht, beide Hände in den Hosentaschen, an die Tür lehnte.
Nach einer langen Pause, während der Propst seine Pfeife stopfte und
Ödegaard, der nicht rauchte, die Leute sich näher betrachtete, begann
schließlich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das
Gespräch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen groß, aber scheu; sie
wußten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr Pfarrer hat
heute solch schöne Predigt gehalten; sie paßte so gut zu unsern Gedanken;
—denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der Versuchung
geredet."—Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz geratenen
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Untergesicht und einem großen, breiten Oberkopf seufzte auch: "Herr,
bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, daß sie nicht auf eitle
Dinge schauen!"—Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte, seufzte
wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen Pfad rein
halten, daß es wandelt nach Deinem Worte?"—Das klang in ihrem Munde
etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren Jahren
aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und her wiegte,
wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im Halbschlaf:
"Jedwedem, dem der Name Christ
Durch Jesu Tod gegeben,
Dem folget Satans Trug und List
Wohl durch sein ganzes Leben."
Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß dies bloß die
Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl
wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen wurde.
Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, daß sie gebückt dasaß,
und die in so unglaublich viele Tücher eingemummt war, daß sie wie ein
Bündel aussah—ihr Gesicht war völlig verdeckt—fing jetzt an, auf ihrem
Stuhl hin und herzurutschen, und gab schließlich ein paar "Hm, hm!" von
sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem Öyhof ist jetzt
Schluß mit allem Spiel und Tanz;—aber——" sie hielt wieder inne, Lars
dagegen, der Mann mit dem großen Oberkopf und der kurzen unteren
Gesichtshälfte, fuhr fort: "—aber einer, der Spielmann Hans, der will nicht
Schluß machen."—Als auch Lars über das weitere nachgrübelte, kam der
junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er weiß, daß auch der Herr Propst ein
Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen
wird."—"Das kann für ihn wohl keine größere Sünde sein als für den Herrn
Propst", sagte Lars.—"Es liegt so, daß das Spielen beim Herrn Propst die
bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, daß sie nicht auf eitle
Dinge schauen!"—Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte, seufzte
wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen Pfad rein
halten, daß es wandelt nach Deinem Worte?"—Das klang in ihrem Munde
etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren Jahren
aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und her wiegte,
wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im Halbschlaf:
"Jedwedem, dem der Name Christ
Durch Jesu Tod gegeben,
Dem folget Satans Trug und List
Wohl durch sein ganzes Leben."
Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß dies bloß die
Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl
wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen wurde.
Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, daß sie gebückt dasaß,
und die in so unglaublich viele Tücher eingemummt war, daß sie wie ein
Bündel aussah—ihr Gesicht war völlig verdeckt—fing jetzt an, auf ihrem
Stuhl hin und herzurutschen, und gab schließlich ein paar "Hm, hm!" von
sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem Öyhof ist jetzt
Schluß mit allem Spiel und Tanz;—aber——" sie hielt wieder inne, Lars
dagegen, der Mann mit dem großen Oberkopf und der kurzen unteren
Gesichtshälfte, fuhr fort: "—aber einer, der Spielmann Hans, der will nicht
Schluß machen."—Als auch Lars über das weitere nachgrübelte, kam der
junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er weiß, daß auch der Herr Propst ein
Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen
wird."—"Das kann für ihn wohl keine größere Sünde sein als für den Herrn
Propst", sagte Lars.—"Es liegt so, daß das Spielen beim Herrn Propst die
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andern in Versuchung führt", sagte Else behutsam, wie um ihnen vorwärts
zu helfen. Der junge Mensch aber fügte kräftiger hinzu: "Es ärgert die
Unmündigen, wie geschrieben steht: Wer aber ärgert dieser Geringsten
einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen
Hals gehängt, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist." Und
Lars löste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist also, daß Du Dein Instrument
forttust oder es verbrennst, damit es nicht zum Ärgernis wird—"—"Für
Deine Pfarrkinder", fügte der junge Mensch hinzu.
Der Propst dampfte und paffte und sagte schließlich in dem sichtbaren
Bemühen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung,
mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.—Nun wißt Ihr aber, daß
alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfänglicher und
verständnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewiß, daß diese Musik
mir eine Hilfe ist."—"Und ich weiß, es gibt Pfarrer, die nach Pauli Wort
trotzdem darauf verzichten würden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum bäten",
sagte der junge Mensch.—"Vielleicht habe ich früher seine Worte auch in
diesem Sinne aufgefaßt," antwortete der Propst, "aber jetzt nicht mehr. Man
kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genuß verzichten; aber man
soll sich hüten, einseitig und beschränkt zu werden mit den Einseitigen und
Beschränkten. Ich handle dadurch nicht allein unrecht an mir selbst,
sondern auch an den Menschen, denen ich ein Beispiel geben soll; denn ich
gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein Beispiel gegen meine
Überzeugung." Der Propst brachte selten außerhalb seiner Kanzel eine so
lange Auseinandersetzung zustande. Er fügte hinzu: "Ich werde mein
Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will es noch oft
hören, weil ich oft das Bedürfnis danach habe, und ich möchte wünschen,
daß auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist freimachtet durch
Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das für gut und richtig."
Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.
zu helfen. Der junge Mensch aber fügte kräftiger hinzu: "Es ärgert die
Unmündigen, wie geschrieben steht: Wer aber ärgert dieser Geringsten
einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen
Hals gehängt, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist." Und
Lars löste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist also, daß Du Dein Instrument
forttust oder es verbrennst, damit es nicht zum Ärgernis wird—"—"Für
Deine Pfarrkinder", fügte der junge Mensch hinzu.
Der Propst dampfte und paffte und sagte schließlich in dem sichtbaren
Bemühen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung,
mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.—Nun wißt Ihr aber, daß
alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfänglicher und
verständnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewiß, daß diese Musik
mir eine Hilfe ist."—"Und ich weiß, es gibt Pfarrer, die nach Pauli Wort
trotzdem darauf verzichten würden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum bäten",
sagte der junge Mensch.—"Vielleicht habe ich früher seine Worte auch in
diesem Sinne aufgefaßt," antwortete der Propst, "aber jetzt nicht mehr. Man
kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genuß verzichten; aber man
soll sich hüten, einseitig und beschränkt zu werden mit den Einseitigen und
Beschränkten. Ich handle dadurch nicht allein unrecht an mir selbst,
sondern auch an den Menschen, denen ich ein Beispiel geben soll; denn ich
gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein Beispiel gegen meine
Überzeugung." Der Propst brachte selten außerhalb seiner Kanzel eine so
lange Auseinandersetzung zustande. Er fügte hinzu: "Ich werde mein
Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will es noch oft
hören, weil ich oft das Bedürfnis danach habe, und ich möchte wünschen,
daß auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist freimachtet durch
Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das für gut und richtig."
Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.
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Der Propst wurde blutrot im Gesicht, und es entstand eine Pause. Da
setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:
"O Herr, wie schwach ist dieser Leib,
Denn nur mit Angst und Zagen
Kann arm und reich, kann Mann und Weib
Sein Kreuz geduldig tragen.
Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind,
Das müssen wir alle sagen."—
Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei
richtig,—na!——Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne
aufzuwecken, na!—Also das sagt unser Herr Pfarrer,—na, dann wissen wir
es ja!——Na, also er sagt, alles, was in Müßiggang und Sinnlichkeit
geschieht, ist zur Erlösung und zur Hilfe da,——alles, was einen in
Versuchung führt, ist richtig!"—Jetzt mischte sich aber Ödegaard ein, denn
er sah dem Propst an, daß die Sache schief gehen würde: "Sag' mal, guter
Mann, was führt uns denn nicht in Versuchung?"
Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die
Frage an sich war so unerwartet, daß Lars im Handumdrehen nicht wußte,
was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus einem
Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."—Die Stimme
kam von den vielen Tüchern her; es war Randi, die zum erstenmal auch ein
Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog über Lars' kurzes
Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin, selbst der
junge Mensch an der Tür verlor für einen Augenblick die spöttische
Wölbung der Lippen. Ödegaard war es klar, daß dies das Haupt sein mußte,
trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an sie: "Wie muß
denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in Versuchung führt?"
Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch aber entgegnete: "Der
setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:
"O Herr, wie schwach ist dieser Leib,
Denn nur mit Angst und Zagen
Kann arm und reich, kann Mann und Weib
Sein Kreuz geduldig tragen.
Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind,
Das müssen wir alle sagen."—
Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei
richtig,—na!——Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne
aufzuwecken, na!—Also das sagt unser Herr Pfarrer,—na, dann wissen wir
es ja!——Na, also er sagt, alles, was in Müßiggang und Sinnlichkeit
geschieht, ist zur Erlösung und zur Hilfe da,——alles, was einen in
Versuchung führt, ist richtig!"—Jetzt mischte sich aber Ödegaard ein, denn
er sah dem Propst an, daß die Sache schief gehen würde: "Sag' mal, guter
Mann, was führt uns denn nicht in Versuchung?"
Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die
Frage an sich war so unerwartet, daß Lars im Handumdrehen nicht wußte,
was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus einem
Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."—Die Stimme
kam von den vielen Tüchern her; es war Randi, die zum erstenmal auch ein
Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog über Lars' kurzes
Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin, selbst der
junge Mensch an der Tür verlor für einen Augenblick die spöttische
Wölbung der Lippen. Ödegaard war es klar, daß dies das Haupt sein mußte,
trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an sie: "Wie muß
denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in Versuchung führt?"
Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch aber entgegnete: "Der
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Fluch lautet: im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen; sie
soll aber Schweiß und Mühe bringen."—"Und außer Schweiß und Mühe
nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"—Hierauf wollte auch er nicht
antworten; aber nun fühlte sich das kurze Untergesicht berufen: "Doch,
soviel Vorteil wie möglich."—"Aber dann muß doch auch in der Arbeit eine
Versuchung liegen, nämlich die Lockspeise eines zu großen Vorteils." Bei
dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So ist es der Vorteil, der
uns versucht, und nicht die Arbeit."—-"Ja, aber was will das sagen, wenn
die Arbeit um des Vorteils willen übertrieben wird?" Sie verkroch sich
wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heißt die Arbeit
übertreiben?"—"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn sie Dich in
Sklaverei bringt."—"Sklaverei muß sein", sagte der, der den Schweiß des
Angesichts haben wollte.—"Aber kann Sklaverei zu Gott
führen?"—"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.—"Kannst Du das von
Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.—"Nein, sei vernünftig und gib
mir zu, daß um des Vorteils willen die Arbeit so übertrieben werden kann,
als ob wir nur dafür lebten. Also liegt auch in der Arbeit eine
Versuchung."—"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,—eine
Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er aufstand
und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife ausklopfte. In
den vielen Umschlagtüchern seufzte es, aber eine Antwort kam nicht.
"Seht," begann Ödegaard wieder,—und der Propst stopfte sich eine neue
Pfeife,—"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heißt Frucht bringt, so
haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genießen? Wenn sie uns
Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu
genießen?"—Das erregte großes Bedenken; einer blickte den andern an.
"Ich will antworten, während Ihr darüber nachdenkt", sagte er. "Gott hat uns
die Möglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn er
selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genuß des
Reichtums an."—"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge
soll aber Schweiß und Mühe bringen."—"Und außer Schweiß und Mühe
nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"—Hierauf wollte auch er nicht
antworten; aber nun fühlte sich das kurze Untergesicht berufen: "Doch,
soviel Vorteil wie möglich."—"Aber dann muß doch auch in der Arbeit eine
Versuchung liegen, nämlich die Lockspeise eines zu großen Vorteils." Bei
dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So ist es der Vorteil, der
uns versucht, und nicht die Arbeit."—-"Ja, aber was will das sagen, wenn
die Arbeit um des Vorteils willen übertrieben wird?" Sie verkroch sich
wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heißt die Arbeit
übertreiben?"—"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn sie Dich in
Sklaverei bringt."—"Sklaverei muß sein", sagte der, der den Schweiß des
Angesichts haben wollte.—"Aber kann Sklaverei zu Gott
führen?"—"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.—"Kannst Du das von
Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.—"Nein, sei vernünftig und gib
mir zu, daß um des Vorteils willen die Arbeit so übertrieben werden kann,
als ob wir nur dafür lebten. Also liegt auch in der Arbeit eine
Versuchung."—"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,—eine
Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er aufstand
und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife ausklopfte. In
den vielen Umschlagtüchern seufzte es, aber eine Antwort kam nicht.
"Seht," begann Ödegaard wieder,—und der Propst stopfte sich eine neue
Pfeife,—"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heißt Frucht bringt, so
haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genießen? Wenn sie uns
Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu
genießen?"—Das erregte großes Bedenken; einer blickte den andern an.
"Ich will antworten, während Ihr darüber nachdenkt", sagte er. "Gott hat uns
die Möglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn er
selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genuß des
Reichtums an."—"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge
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Mensch siegessicher ein.—"Ja, das stimmt; denn die wollte er über alle
menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen
sollten;—sie waren berufen!"—"Wir sind alle berufen!"—"Aber nicht im
gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"—Der junge Mensch wurde
leichenblaß, seine Augen unter der Stirnmauer verdüsterten sich; er mußte
seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.
"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein
Gebot."—"Gewiß soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere
Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhörlich
arbeiten?"—"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete die
Hände, als komme ihr jetzt zum Bewußtsein, daß sie es zu lange versäumt
habe.—"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er beten?—Kann
ein Mensch das?—Was wäre das für ein Beten, und was wäre das für ein
Arbeiten?—Soll er nicht auch ausruhen?"—"Wir sollen erst ausruhen, wenn
wir nicht mehr können; dann werden wir nicht von bösen Gedanken
versucht,—ja, dann werden wir nicht in Versuchung geführt!" sagte Eise
wieder, und der Psalmist fiel ein:
"So gehet ein, ihr Müden,
In Jesu süßen Frieden,
Die Arbeit war so groß.
Die Zeit ist nicht mehr weit,
Da man für euch bereit't
Ein Bettlein in der Erde Schoß!"——
"Still, Erik, und hör' zu," sagte der Propst. Ödegaard aber zog jetzt die
Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trägt ihre Frucht und braucht ihre
Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang und Spiel und
dergleichen, daß sie nicht nur eine süße Frucht der Arbeit sind, sondern daß
sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Muße bieten."
menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen
sollten;—sie waren berufen!"—"Wir sind alle berufen!"—"Aber nicht im
gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"—Der junge Mensch wurde
leichenblaß, seine Augen unter der Stirnmauer verdüsterten sich; er mußte
seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.
"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein
Gebot."—"Gewiß soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere
Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhörlich
arbeiten?"—"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete die
Hände, als komme ihr jetzt zum Bewußtsein, daß sie es zu lange versäumt
habe.—"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er beten?—Kann
ein Mensch das?—Was wäre das für ein Beten, und was wäre das für ein
Arbeiten?—Soll er nicht auch ausruhen?"—"Wir sollen erst ausruhen, wenn
wir nicht mehr können; dann werden wir nicht von bösen Gedanken
versucht,—ja, dann werden wir nicht in Versuchung geführt!" sagte Eise
wieder, und der Psalmist fiel ein:
"So gehet ein, ihr Müden,
In Jesu süßen Frieden,
Die Arbeit war so groß.
Die Zeit ist nicht mehr weit,
Da man für euch bereit't
Ein Bettlein in der Erde Schoß!"——
"Still, Erik, und hör' zu," sagte der Propst. Ödegaard aber zog jetzt die
Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trägt ihre Frucht und braucht ihre
Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang und Spiel und
dergleichen, daß sie nicht nur eine süße Frucht der Arbeit sind, sondern daß
sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Muße bieten."
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Hier entstand eine Bewegung im Lager; alle sahen zu Randi hin, denn
jetzt mußten die Haupttruppen heranrücken; sie wackelte und wackelte und
schließlich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel und
Tanz sind keine Muße, denn das entfacht das Fleisch zu sündiger Begierde.
Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das die Arbeit
vergeudet und das verweichlicht."—"Ja, in so etwas liegt eine große
Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik der Vers ein:
"Mit Schmerz erkennen wir,
Daß ständig wachsen hier
Die Laster und Begierden,
Geschmückt gleich Tugendzierden,
Die leise uns umringen
Und sich zum Himmel schwingen—"
"Sei still, Erik!" sagte der Propst; "Du verwirrst uns nur."—"Ach ja, das
mag wohl sein", sagte Erik und fing wieder an:
"Wenn euch mit heuchlerischem Sinn
Ein anderer will führen hin
Zum breiten, glatten Sündenpfad,
Den wählt euch nicht als Kamerad——"
"Nun hör' aber auf, Erik!—Das Lied ist ja recht schön, aber alles zu
seiner Zeit und am rechten Ort."—"Ja, ja, Herr Pfarrer, das stimmt,—alles
zu seiner Zeit und am rechten Ort:
"Schenk' jede Stunde heute
Dem Höchsten früh und spät
Ein jeder Herzschlag läute
Wie Glocken zum Gebet—"
jetzt mußten die Haupttruppen heranrücken; sie wackelte und wackelte und
schließlich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel und
Tanz sind keine Muße, denn das entfacht das Fleisch zu sündiger Begierde.
Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das die Arbeit
vergeudet und das verweichlicht."—"Ja, in so etwas liegt eine große
Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik der Vers ein:
"Mit Schmerz erkennen wir,
Daß ständig wachsen hier
Die Laster und Begierden,
Geschmückt gleich Tugendzierden,
Die leise uns umringen
Und sich zum Himmel schwingen—"
"Sei still, Erik!" sagte der Propst; "Du verwirrst uns nur."—"Ach ja, das
mag wohl sein", sagte Erik und fing wieder an:
"Wenn euch mit heuchlerischem Sinn
Ein anderer will führen hin
Zum breiten, glatten Sündenpfad,
Den wählt euch nicht als Kamerad——"
"Nun hör' aber auf, Erik!—Das Lied ist ja recht schön, aber alles zu
seiner Zeit und am rechten Ort."—"Ja, ja, Herr Pfarrer, das stimmt,—alles
zu seiner Zeit und am rechten Ort:
"Schenk' jede Stunde heute
Dem Höchsten früh und spät
Ein jeder Herzschlag läute
Wie Glocken zum Gebet—"
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"Nein, nein, Erik, dann würde ja auch das Gebet zur Versuchung; Du
müßtest Katholik werden und ins Kloster gehen!"—"Gott behüte!" sagte
Erik und riß die Augen weit auf, machte sie dann wieder zu und fing an:
"Wie Staub und Schlacken zu echtem Gold
Ist kathol'sch—"
"Hör' mal, Erik, wenn Du nicht ruhig sein kannst, so geh gefälligst mit
dem Rest hinaus.—Wo waren wir denn stehen geblieben?" Ödegaard aber
hatte mit großem Behagen Erik angehört und wußte es nicht mehr. Da kam
es friedlich aus den vielen Tüchern heraus: "Ich sagte, es könne doch keine
Muße und keine Frucht der Arbeit in etwas sein, das—"—"Jetzt erinnere ich
mich: das eine Versuchung in sich trägt,—und dann kam Erik und bewies
uns, daß auch im Gebet eine Versuchung liegen kann.—Wir wollen also
überlegen, was jene Dinge sonst für Folgen haben können. Ist Euch
aufgefallen, daß fröhliche Menschen besser arbeiten als schwermütige?
Woher kommt das?"
Lars merkte, worauf das hinausging, und sagte deshalb: "Fröhlich macht
der Glaube."—"Ja, wenn es ein heller Glaube ist; aber weißt Du nicht, daß
der Glaube so finster machen kann, daß die Welt um uns her zu einem
Zuchthause wird?"
Die blonde Frau seufzte unaufhörlich, so daß die vielen Tücher dadurch
in Bewegung kamen; Lars blickte sie auch scharf an, und da schwieg sie.—
Ödegaard fuhr fort: "Ein ewiges Einerlei, sei es Arbeit, Gebet oder
Vergnügen, macht dumm und finster. Du kannst den Acker umgraben, daß
Du zu einem Tier wirst, beten, bis Du ein Gewohnheitsmönch bist, spielen,
bis Du eine schlappe Spielpuppe bist. Aber mische es einmal! Der Wechsel
stärkt Sinn und Gedanken; dabei gedeiht Deine Arbeit, und Dein Glaube
wird licht."—"Wir wollen uns also jetzt aufs Fröhlichsein verlegen!" sagte
der junge Mensch und lachte.—"Ja, dann würdest Du für Dein Teil eine
müßtest Katholik werden und ins Kloster gehen!"—"Gott behüte!" sagte
Erik und riß die Augen weit auf, machte sie dann wieder zu und fing an:
"Wie Staub und Schlacken zu echtem Gold
Ist kathol'sch—"
"Hör' mal, Erik, wenn Du nicht ruhig sein kannst, so geh gefälligst mit
dem Rest hinaus.—Wo waren wir denn stehen geblieben?" Ödegaard aber
hatte mit großem Behagen Erik angehört und wußte es nicht mehr. Da kam
es friedlich aus den vielen Tüchern heraus: "Ich sagte, es könne doch keine
Muße und keine Frucht der Arbeit in etwas sein, das—"—"Jetzt erinnere ich
mich: das eine Versuchung in sich trägt,—und dann kam Erik und bewies
uns, daß auch im Gebet eine Versuchung liegen kann.—Wir wollen also
überlegen, was jene Dinge sonst für Folgen haben können. Ist Euch
aufgefallen, daß fröhliche Menschen besser arbeiten als schwermütige?
Woher kommt das?"
Lars merkte, worauf das hinausging, und sagte deshalb: "Fröhlich macht
der Glaube."—"Ja, wenn es ein heller Glaube ist; aber weißt Du nicht, daß
der Glaube so finster machen kann, daß die Welt um uns her zu einem
Zuchthause wird?"
Die blonde Frau seufzte unaufhörlich, so daß die vielen Tücher dadurch
in Bewegung kamen; Lars blickte sie auch scharf an, und da schwieg sie.—
Ödegaard fuhr fort: "Ein ewiges Einerlei, sei es Arbeit, Gebet oder
Vergnügen, macht dumm und finster. Du kannst den Acker umgraben, daß
Du zu einem Tier wirst, beten, bis Du ein Gewohnheitsmönch bist, spielen,
bis Du eine schlappe Spielpuppe bist. Aber mische es einmal! Der Wechsel
stärkt Sinn und Gedanken; dabei gedeiht Deine Arbeit, und Dein Glaube
wird licht."—"Wir wollen uns also jetzt aufs Fröhlichsein verlegen!" sagte
der junge Mensch und lachte.—"Ja, dann würdest Du für Dein Teil eine
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Gemeinschaft mit andern Menschen finden; denn erst in der Freude sieht
man das Gute bei andern und liebt es. Man kann aber Gott nur lieben, wenn
man seinen Nächsten liebt."
Da nicht sogleich ein Widerspruch erfolgte, versuchte Ödegaard zum
zweitenmal die Schlinge zusammenzuziehen und sagte: "Die Dinge, die
freimachen, also daß der Heilige Geist in uns wirken kann,—denn in den
Gefesselten kann er nicht wirken,—die Dinge, die uns helfen, müssen einen
Segen in sich tragen,—und das tun diese Dinge." Der Propst stand auf, er
hatte seine Pfeife schon wieder auszuklopfen.
In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hören war,
merkte man, wie die vielen Tücher sich abmühten, und schließlich hörte
man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu
Gottes Ehre;—sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes
Ehre?"
"Ohne weiteres nicht;—aber können wir dieselbe Frage nicht beim
Essen, beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch müssen wir das
alles tun. Es kann also nur gemeint sein, daß man nichts tun soll, was Sünde
ist."—"Ja, ist das denn aber keine Sünde?"
Zum erstenmal wurde Ödegaard ein bißchen ungeduldig. Er beschränkte
sich deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, daß Gesang, Spiel
und Tanz Brauch waren."—"Ja, zu Gottes Ehre."—"Nun ja, zu Gottes Ehre.
Aber daß die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde
führten, geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht
eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",—auf
die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten
wir immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen
gegenüber nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht bloß
den Geber, Gott. So kann zum Beispiel ein schönes Lied von Gott handeln
man das Gute bei andern und liebt es. Man kann aber Gott nur lieben, wenn
man seinen Nächsten liebt."
Da nicht sogleich ein Widerspruch erfolgte, versuchte Ödegaard zum
zweitenmal die Schlinge zusammenzuziehen und sagte: "Die Dinge, die
freimachen, also daß der Heilige Geist in uns wirken kann,—denn in den
Gefesselten kann er nicht wirken,—die Dinge, die uns helfen, müssen einen
Segen in sich tragen,—und das tun diese Dinge." Der Propst stand auf, er
hatte seine Pfeife schon wieder auszuklopfen.
In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hören war,
merkte man, wie die vielen Tücher sich abmühten, und schließlich hörte
man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu
Gottes Ehre;—sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes
Ehre?"
"Ohne weiteres nicht;—aber können wir dieselbe Frage nicht beim
Essen, beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch müssen wir das
alles tun. Es kann also nur gemeint sein, daß man nichts tun soll, was Sünde
ist."—"Ja, ist das denn aber keine Sünde?"
Zum erstenmal wurde Ödegaard ein bißchen ungeduldig. Er beschränkte
sich deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, daß Gesang, Spiel
und Tanz Brauch waren."—"Ja, zu Gottes Ehre."—"Nun ja, zu Gottes Ehre.
Aber daß die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde
führten, geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht
eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",—auf
die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten
wir immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen
gegenüber nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht bloß
den Geber, Gott. So kann zum Beispiel ein schönes Lied von Gott handeln
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oder zu Gott führen, auch wenn Gottes Name nicht genannt ist; denn gar
vieles führt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser
Tanz, wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an
ihm haben, preist—wenn auch nicht direkt—ihn, der uns die Gesundheit
schenkte, und der das Kind in uns liebt."
"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar, daß
er lange Zeit diese Dinge mißverstanden und sie andern falsch ausgelegt
hatte.
Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das
Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen
Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen
worden und kam jetzt heraus: "All die Märchen und Erzählungen und
Geschichten, all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage
die Bücher füllt,—ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort,
das aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"
"Es freut mich, daß Du darauf kommst.—Siehst Du, mit den Gedanken
ist es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wäre es so eng, daß Du
kaum mit dem Kopf hineinkönntest und nur eben die Beine ausstrecken, so
müßtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken
und baut sie aus. Wäre das Maß der Gedanken, das über das
Allernotwendigste hinausgeht, Lüge, so würden bald auch die
allernotwendigsten Gedanken Lüge werden. Sie würden Dich so
einklemmen in Dein Erdenhaus, daß Du nie die Ewigkeit erreichtest, und
doch geht Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben
dahin führen."—"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen
ist, und dann ist es doch Lüge?" sagte Randi nachdenklich.—"Nein, es zeigt
uns oft eine größere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete
Ödegaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch warf
vieles führt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser
Tanz, wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an
ihm haben, preist—wenn auch nicht direkt—ihn, der uns die Gesundheit
schenkte, und der das Kind in uns liebt."
"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar, daß
er lange Zeit diese Dinge mißverstanden und sie andern falsch ausgelegt
hatte.
Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das
Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen
Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen
worden und kam jetzt heraus: "All die Märchen und Erzählungen und
Geschichten, all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage
die Bücher füllt,—ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort,
das aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"
"Es freut mich, daß Du darauf kommst.—Siehst Du, mit den Gedanken
ist es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wäre es so eng, daß Du
kaum mit dem Kopf hineinkönntest und nur eben die Beine ausstrecken, so
müßtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken
und baut sie aus. Wäre das Maß der Gedanken, das über das
Allernotwendigste hinausgeht, Lüge, so würden bald auch die
allernotwendigsten Gedanken Lüge werden. Sie würden Dich so
einklemmen in Dein Erdenhaus, daß Du nie die Ewigkeit erreichtest, und
doch geht Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben
dahin führen."—"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen
ist, und dann ist es doch Lüge?" sagte Randi nachdenklich.—"Nein, es zeigt
uns oft eine größere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete
Ödegaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch warf
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ein: "Ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß in den Sagen von Askelad mehr
Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"—Alle lachten
leise.—"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen begreifst,
was Du vor Augen siehst?"—"Ich bin wohl nicht gelehrt genug?"—"Oh, ein
Gelehrter begreift ihn gewiß noch viel weniger! Ich meine nämlich solche
Dinge des täglichen Lebens, die uns Kummer und Herzeleid machen, und
über die wir grübeln, bis wir schwarz werden, wie man so sagt. Kommt so
etwas nicht vor?"—Er antwortete nicht; aus den vielen Tüchern heraus aber
ertönte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr oft."—"Wenn Du nun aber eine
erfundene Geschichte hörtest, die Deiner eigenen so gliche, daß Du Deine
Geschichte verständest, wenn Du die andere hörtest? Würdest Du von der
Geschichte, die Dir Deine eigene klar macht, die Dir den Trost und die
Festigung gibt, die im Verständnis liegen,—nicht sagen, die Geschichte
habe für Dich größere Wahrheit als Deine eigene?" Die blonde Frau sagte:
"Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, die mir über einen großen
Kummer so hinweggeholfen hat, daß das, was mich bisher so bedrückt
hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus den Tüchern heraus erscholl ein
Räuspern;—"ja, es ist doch wahr", fügte sie ängstlich hinzu.
Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Können die Sagen von
Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"—"Nun, je nachdem. Der
Humor hat große Macht, und jene Sagen zeigen lustig, daß einer, von dem
die Welt am wenigsten hält, oft am weitesten kommt,—daß alles dem
beisteht, der selbst guten Muts ist, und daß der Mann vorwärts kommt, der
es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist für viele Kinder gut,
wenn sie daran erinnert werden, und für viele Erwachsene auch?"—"Aber
es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an Hexerei
glaubt."—"Wer hat gesagt, daß Du daran glauben sollst? Das ist
Bilderschrift."—"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu
gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehört."—"So; wo steht
das?"—"In der Bibel."—Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein
Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"—Alle lachten
leise.—"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen begreifst,
was Du vor Augen siehst?"—"Ich bin wohl nicht gelehrt genug?"—"Oh, ein
Gelehrter begreift ihn gewiß noch viel weniger! Ich meine nämlich solche
Dinge des täglichen Lebens, die uns Kummer und Herzeleid machen, und
über die wir grübeln, bis wir schwarz werden, wie man so sagt. Kommt so
etwas nicht vor?"—Er antwortete nicht; aus den vielen Tüchern heraus aber
ertönte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr oft."—"Wenn Du nun aber eine
erfundene Geschichte hörtest, die Deiner eigenen so gliche, daß Du Deine
Geschichte verständest, wenn Du die andere hörtest? Würdest Du von der
Geschichte, die Dir Deine eigene klar macht, die Dir den Trost und die
Festigung gibt, die im Verständnis liegen,—nicht sagen, die Geschichte
habe für Dich größere Wahrheit als Deine eigene?" Die blonde Frau sagte:
"Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, die mir über einen großen
Kummer so hinweggeholfen hat, daß das, was mich bisher so bedrückt
hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus den Tüchern heraus erscholl ein
Räuspern;—"ja, es ist doch wahr", fügte sie ängstlich hinzu.
Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Können die Sagen von
Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"—"Nun, je nachdem. Der
Humor hat große Macht, und jene Sagen zeigen lustig, daß einer, von dem
die Welt am wenigsten hält, oft am weitesten kommt,—daß alles dem
beisteht, der selbst guten Muts ist, und daß der Mann vorwärts kommt, der
es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist für viele Kinder gut,
wenn sie daran erinnert werden, und für viele Erwachsene auch?"—"Aber
es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an Hexerei
glaubt."—"Wer hat gesagt, daß Du daran glauben sollst? Das ist
Bilderschrift."—"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu
gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehört."—"So; wo steht
das?"—"In der Bibel."—Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein
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Mißverständnis; denn die Bibel gebraucht selbst Bilder."—Alle blickten zu
ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das überhaupt den
morgenländischen Völkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in
unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf
Leinwand, in Stein, und wir können uns die Gottheit nur durch Bilder
vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr
selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten
offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach
Mamre und aß mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei
Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so können die Menschen es
auch."—Man mußte ihm beipflichten. Ödegaard aber stand auf und schlug
den Propst leicht auf die Schulter: "Schönen Dank, da haben Sie eben ganz
prächtig aus der Bibel bewiesen, daß das Schauspiel zulässig ist!"—Der
Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde hatte, quoll
ganz von selbst langsam heraus.
Ödegaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen
Umschlagtüchern zu und bückte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu
entdecken, allein vergeblich. "Möchtest Du noch mehr wissen?" fragte er;
"denn Du scheinst über dies und jenes nachgedacht zu haben."—"O Gott sei
mir gnädig, ich denke wohl nicht immer das richtige."—"Ja,—in der ersten
Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfüllt von diesem Wunder,
daß einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist wie ein
Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."—"Ja, aber sieh
die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel sein."—"Nein, ihre
strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden sind nicht mehr die
unseren; wir haben andere Aufgaben, wir müssen das Christentum in
unserem heutigen Leben unterbringen."—"Aber im Alten Testament stehen
so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen", sagte der junge
Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.—"Ja, denn jene Worte sind jetzt tot,
sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus sagt: Welcher auch uns tüchtig
ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das überhaupt den
morgenländischen Völkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in
unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf
Leinwand, in Stein, und wir können uns die Gottheit nur durch Bilder
vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr
selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten
offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach
Mamre und aß mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei
Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so können die Menschen es
auch."—Man mußte ihm beipflichten. Ödegaard aber stand auf und schlug
den Propst leicht auf die Schulter: "Schönen Dank, da haben Sie eben ganz
prächtig aus der Bibel bewiesen, daß das Schauspiel zulässig ist!"—Der
Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde hatte, quoll
ganz von selbst langsam heraus.
Ödegaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen
Umschlagtüchern zu und bückte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu
entdecken, allein vergeblich. "Möchtest Du noch mehr wissen?" fragte er;
"denn Du scheinst über dies und jenes nachgedacht zu haben."—"O Gott sei
mir gnädig, ich denke wohl nicht immer das richtige."—"Ja,—in der ersten
Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfüllt von diesem Wunder,
daß einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist wie ein
Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."—"Ja, aber sieh
die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel sein."—"Nein, ihre
strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden sind nicht mehr die
unseren; wir haben andere Aufgaben, wir müssen das Christentum in
unserem heutigen Leben unterbringen."—"Aber im Alten Testament stehen
so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen", sagte der junge
Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.—"Ja, denn jene Worte sind jetzt tot,
sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus sagt: Welcher auch uns tüchtig
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gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments; nicht des
Buchstabens, sondern des Geistes,—und weiter: Wo aber der Geist des
Herrn ist, da ist Freiheit. Und: Ich habe es alles Macht, sagt Paulus weiter,
doch er fügt hinzu: Es frommt aber nicht alles.—Nun sind wir so glücklich,
das Leben eines Mannes vor Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus
gemeint hat. Luthers Leben. Von Luther glaubt Ihr doch, daß er ein guter,
aufgeklärter Christ war?" Ja, das glauben sie.—"Luthers Glaube war ein
lichter Glaube, es war der Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem
finsteren Glauben die Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der
Lauer. Er hatte von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, daß der am
wenigsten versucht wird, der sich am wenigsten fürchtet. Er nutzte alle
Gaben, die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fähigkeit, sich zu freuen, er
nahm das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon
schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, daß er sich
die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gönnte. Da nahm Luther ihm die Feder aus
der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte er, 'sondern auch
durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte Gebot gegeben und
den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in seiner Rede viele
Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und er steckte voll von
guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er übersetzte auch alte, schöne
Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der Vorrede, daß er nächst
der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als diese. Er spielte, wie Ihr
vielleicht wißt, die Laute, und sang mit seinen Kindern und seinen
Freunden,—nicht bloß Choräle, nein, auch alte, fröhliche Lieder; er liebte
Gesellschaftsspiele, spielte Schach und ließ die Jugend in seinem Hause
tanzen; er verlangte nur, daß alles in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat
ein alter, treuherziger Schüler Luthers, nämlich der Pfarrer Johann
Mathesius, aufgezeichnet und seinen Pfarrkindern von der Kanzel herab
erzählt. Er betete, er möge ihnen die Wege weisen,—und wir wollen nun
das gleiche beten!"
Buchstabens, sondern des Geistes,—und weiter: Wo aber der Geist des
Herrn ist, da ist Freiheit. Und: Ich habe es alles Macht, sagt Paulus weiter,
doch er fügt hinzu: Es frommt aber nicht alles.—Nun sind wir so glücklich,
das Leben eines Mannes vor Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus
gemeint hat. Luthers Leben. Von Luther glaubt Ihr doch, daß er ein guter,
aufgeklärter Christ war?" Ja, das glauben sie.—"Luthers Glaube war ein
lichter Glaube, es war der Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem
finsteren Glauben die Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der
Lauer. Er hatte von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, daß der am
wenigsten versucht wird, der sich am wenigsten fürchtet. Er nutzte alle
Gaben, die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fähigkeit, sich zu freuen, er
nahm das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon
schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, daß er sich
die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gönnte. Da nahm Luther ihm die Feder aus
der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte er, 'sondern auch
durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte Gebot gegeben und
den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in seiner Rede viele
Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und er steckte voll von
guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er übersetzte auch alte, schöne
Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der Vorrede, daß er nächst
der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als diese. Er spielte, wie Ihr
vielleicht wißt, die Laute, und sang mit seinen Kindern und seinen
Freunden,—nicht bloß Choräle, nein, auch alte, fröhliche Lieder; er liebte
Gesellschaftsspiele, spielte Schach und ließ die Jugend in seinem Hause
tanzen; er verlangte nur, daß alles in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat
ein alter, treuherziger Schüler Luthers, nämlich der Pfarrer Johann
Mathesius, aufgezeichnet und seinen Pfarrkindern von der Kanzel herab
erzählt. Er betete, er möge ihnen die Wege weisen,—und wir wollen nun
das gleiche beten!"
Page 676
Der Propst stand auf: "Liebe Freunde, jetzt wollen wir es für heute genug
sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur Aufklärung
gesprochen worden; möge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat geben!—
Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Stätten; Ihr wohnt hoch oben auf
den Höhen, wo der Frost das Korn häufiger mäht als die Sichel. Solche
Einöden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh überlassen.
Das geistige Leben gedeiht spärlich da oben und wird kümmerlich wie die
Kräuter. Das Vorurteil drückt auf das Leben wie die Berge, unter denen es
heranwächst; sie werfen ihre Schatten darauf und treten trennend
dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte Euch!—Ich danke Euch
für heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag zu größerer Klarheit
verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und selbst der junge Mensch
streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne jedoch aufzublicken.
"Ihr müßt über die Berge;—wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte
der Propst, als sie gehen wollten.—"Ach, in der Nacht wohl," antwortete
Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht ist,
liegt Höckereis."—"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert, unter solchen
Umständen zur Kirche zu kommen. Möget Ihr jetzt auf dem Wege nicht zu
Schaden kommen!"—Erik antwortete leise:
"Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
So oft ich ruf und bete,
Weicht alles hinter sich!"
"Das stimmt, Erik,—diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal", sagte
Ödegaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu verwundern,
daß Ihr mich nicht kennt; aber ich dürfte auf den Ödhöfen doch wohl
Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der Propst, der es
wohl gewußt, aber völlig vergessen hatte. "Ich heiße Hans Ödegaard, der
sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur Aufklärung
gesprochen worden; möge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat geben!—
Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Stätten; Ihr wohnt hoch oben auf
den Höhen, wo der Frost das Korn häufiger mäht als die Sichel. Solche
Einöden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh überlassen.
Das geistige Leben gedeiht spärlich da oben und wird kümmerlich wie die
Kräuter. Das Vorurteil drückt auf das Leben wie die Berge, unter denen es
heranwächst; sie werfen ihre Schatten darauf und treten trennend
dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte Euch!—Ich danke Euch
für heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag zu größerer Klarheit
verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und selbst der junge Mensch
streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne jedoch aufzublicken.
"Ihr müßt über die Berge;—wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte
der Propst, als sie gehen wollten.—"Ach, in der Nacht wohl," antwortete
Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht ist,
liegt Höckereis."—"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert, unter solchen
Umständen zur Kirche zu kommen. Möget Ihr jetzt auf dem Wege nicht zu
Schaden kommen!"—Erik antwortete leise:
"Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
So oft ich ruf und bete,
Weicht alles hinter sich!"
"Das stimmt, Erik,—diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal", sagte
Ödegaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu verwundern,
daß Ihr mich nicht kennt; aber ich dürfte auf den Ödhöfen doch wohl
Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der Propst, der es
wohl gewußt, aber völlig vergessen hatte. "Ich heiße Hans Ödegaard, der
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Sohn von Knut Hansen Ödegaard, dem Propst, der damals mit dem Ränzel
auf dem Rücken von Euch fortzog."—Da klang es aus den vielen Tüchern
heraus: "Herr Gott,—das ist ja mein Bruder."—Sie waren alle stehen
geblieben, aber keiner wußte, was er sagen sollte. Schließlich fragte
Ödegaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater
hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"—"Ja, bei mir."—"Und eine Zeitlang
auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."—Randi
aber sagte wehmütig: "Also Du bist der kleine Hans;—ja, ja, die Zeit
vergeht."—"Wie geht es Eise?" fragte Ödegaard.—"Dies ist Eise", sagte
Randi und zeigte auf die blonde Frau.—"Du bist Eise!" rief er. "Du hattest
damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben; hast
Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dämmerig war,
sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Männer zur Seite oder zu
Boden blickten,—ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah.
Ödegaard merkte, daß er etwas Törichtes gefragt hatte; der Propst kam ihm
zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben; Eise hat
Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist Witwe."—
Wieder wurde sie glühend rot, der junge Mensch sah es und lächelte
spöttisch.
Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel
gelernt, wie ich gehört habe."—"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder bin
gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich nützlich
machen."—"Ach ja, so geht's—manche reisen weit und kommen zum Licht
und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fügte
hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber einen
Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von dannen."—"Der Beruf
ist verschieden; jeder muß dem seinen folgen", sagte der Propst.—"Mit
unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend zu Arbeit kommen",
sagte Ödegaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch vielleicht auch
noch einmal zugute kommen, so Gott will."—"Ach ja, das mag wohl sein",
auf dem Rücken von Euch fortzog."—Da klang es aus den vielen Tüchern
heraus: "Herr Gott,—das ist ja mein Bruder."—Sie waren alle stehen
geblieben, aber keiner wußte, was er sagen sollte. Schließlich fragte
Ödegaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater
hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"—"Ja, bei mir."—"Und eine Zeitlang
auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."—Randi
aber sagte wehmütig: "Also Du bist der kleine Hans;—ja, ja, die Zeit
vergeht."—"Wie geht es Eise?" fragte Ödegaard.—"Dies ist Eise", sagte
Randi und zeigte auf die blonde Frau.—"Du bist Eise!" rief er. "Du hattest
damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben; hast
Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dämmerig war,
sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Männer zur Seite oder zu
Boden blickten,—ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah.
Ödegaard merkte, daß er etwas Törichtes gefragt hatte; der Propst kam ihm
zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben; Eise hat
Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist Witwe."—
Wieder wurde sie glühend rot, der junge Mensch sah es und lächelte
spöttisch.
Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel
gelernt, wie ich gehört habe."—"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder bin
gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich nützlich
machen."—"Ach ja, so geht's—manche reisen weit und kommen zum Licht
und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fügte
hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber einen
Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von dannen."—"Der Beruf
ist verschieden; jeder muß dem seinen folgen", sagte der Propst.—"Mit
unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend zu Arbeit kommen",
sagte Ödegaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch vielleicht auch
noch einmal zugute kommen, so Gott will."—"Ach ja, das mag wohl sein",
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sagte Randi sanft; "aber das Warten fällt oft schwer; denn es dauert so
lange."
Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, Ödegaard an das andere
Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt mußten sie über die Berge; der
junge Mensch ging hinterher. Ödegaard erfuhr, er stamme aus der Stadt, wo
er alles mögliche getrieben habe, doch immer mit den Leuten in Streit
geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Großem berufen, vielleicht zum
Apostel, war aber seltsamerweise auf den Ödhöfen hängen geblieben,—
manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der viele
Enttäuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.
Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls
verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mühselig empor, verschwanden
hinter Bäumen und kamen wieder heraus, immer höher und höher. Es führte
kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bäume waren die Wegweiser in der
Wüste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die Richtung nach ihrer
Wohnstätte.
Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:
Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Bevor er erwachte zum Leben.
Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei,
Da schließen ein Bündnis die zwei,
Zu locken die Sonne zum Siege,
Damit ihr der Winter erliege,
Das Murmeln der Bäche zu wecken,
Damit sie im Chor ihn erschrecken
Zu bannen ihn flugs aus den Lüften
lange."
Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, Ödegaard an das andere
Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt mußten sie über die Berge; der
junge Mensch ging hinterher. Ödegaard erfuhr, er stamme aus der Stadt, wo
er alles mögliche getrieben habe, doch immer mit den Leuten in Streit
geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Großem berufen, vielleicht zum
Apostel, war aber seltsamerweise auf den Ödhöfen hängen geblieben,—
manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der viele
Enttäuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.
Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls
verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mühselig empor, verschwanden
hinter Bäumen und kamen wieder heraus, immer höher und höher. Es führte
kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bäume waren die Wegweiser in der
Wüste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die Richtung nach ihrer
Wohnstätte.
Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:
Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Bevor er erwachte zum Leben.
Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei,
Da schließen ein Bündnis die zwei,
Zu locken die Sonne zum Siege,
Damit ihr der Winter erliege,
Das Murmeln der Bäche zu wecken,
Damit sie im Chor ihn erschrecken
Zu bannen ihn flugs aus den Lüften
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Mit stetigen Blumen duften.—
Mein Lied ist dem Frühling ergeben!
Elftes Kapitel
Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen;
teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur
Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht;
sowie sich Petra nur sehen ließ, wurde er unruhig.
Während der Propst so in seinem Arbeitszimmer saß, seine Predigten
oder eine christliche Ethik vor sich, saß Ödegaard bei den jungen Mädchen,
zwischen denen er ständig Vergleiche ziehen mußte. Petra sprühte und war,
sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in steter
Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer
gleichmäßigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie überraschend; denn
sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Färbung
annehmen, grelle und weiche, und jeden Stärkegrad. Signes Stimme hatte
einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,—außer für den Vater,
der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer
Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um
zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte sich,
ohne daß man es merkte. Sprach Ödegaard mit Petra über Signe, so hörte er
eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe über Petra, so
wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die Mädchen häufig
und ungezwungen; aber immer nur über Gleichgültiges.
Mein Lied ist dem Frühling ergeben!
Elftes Kapitel
Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen;
teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur
Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht;
sowie sich Petra nur sehen ließ, wurde er unruhig.
Während der Propst so in seinem Arbeitszimmer saß, seine Predigten
oder eine christliche Ethik vor sich, saß Ödegaard bei den jungen Mädchen,
zwischen denen er ständig Vergleiche ziehen mußte. Petra sprühte und war,
sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in steter
Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer
gleichmäßigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie überraschend; denn
sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Färbung
annehmen, grelle und weiche, und jeden Stärkegrad. Signes Stimme hatte
einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,—außer für den Vater,
der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer
Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um
zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte sich,
ohne daß man es merkte. Sprach Ödegaard mit Petra über Signe, so hörte er
eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe über Petra, so
wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die Mädchen häufig
und ungezwungen; aber immer nur über Gleichgültiges.
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Er hatte gegen Signe große Verpflichtungen; denn ihr verdankte er das,
was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem
großen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand über
die Stirn gestrichen. So schonend erzählte sie, Petra sei zu ihnen
gekommen, mißverstanden und mißhandelt. So fein war ihre Auslegung,
daß dies zufällige Kommen wie eine Fügung Gottes erschien, "weil nichts
zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn
man noch steht und über den Weg nachsinnt, den man gehen soll.
Signes Briefe folgten ihm überall, wohin er reiste; sie waren der Faden,
der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine Arme
zu führen, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras
Künstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den Mittelpunkt
ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe unbewußt stets
vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und seinen Irrtum ein
und wurde gewissermaßen ein neuer Mensch dadurch.
Er hütete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn
gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen,
sondern von ihr selbst, damit nichts überstürzt werde. Aber von dem
Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in einem
neuen Licht gesehen. Natürlich: diese ewig sich jagenden Impulse, von
denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem großen
Widerspruch zueinander standen, das mußte ja der Anfang eines
Künstlertums sein. Es hieß also, dies alles zu einer starken Wesenseinheit zu
sammeln; sonst würde alles Stückwerk und ihr Leben selbst nur Kunst.
Also: nicht zu früh hinein in die Bahn! Solange wie möglich schweigen, ja
Widerstand.
Von all dem ganz erfüllt, merkte er selbst nicht, daß Petra wieder
unausgesetzt seine Seele beschäftigte,—diesmal jedoch mit einem fremden
was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem
großen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand über
die Stirn gestrichen. So schonend erzählte sie, Petra sei zu ihnen
gekommen, mißverstanden und mißhandelt. So fein war ihre Auslegung,
daß dies zufällige Kommen wie eine Fügung Gottes erschien, "weil nichts
zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn
man noch steht und über den Weg nachsinnt, den man gehen soll.
Signes Briefe folgten ihm überall, wohin er reiste; sie waren der Faden,
der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine Arme
zu führen, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras
Künstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den Mittelpunkt
ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe unbewußt stets
vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und seinen Irrtum ein
und wurde gewissermaßen ein neuer Mensch dadurch.
Er hütete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn
gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen,
sondern von ihr selbst, damit nichts überstürzt werde. Aber von dem
Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in einem
neuen Licht gesehen. Natürlich: diese ewig sich jagenden Impulse, von
denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem großen
Widerspruch zueinander standen, das mußte ja der Anfang eines
Künstlertums sein. Es hieß also, dies alles zu einer starken Wesenseinheit zu
sammeln; sonst würde alles Stückwerk und ihr Leben selbst nur Kunst.
Also: nicht zu früh hinein in die Bahn! Solange wie möglich schweigen, ja
Widerstand.
Von all dem ganz erfüllt, merkte er selbst nicht, daß Petra wieder
unausgesetzt seine Seele beschäftigte,—diesmal jedoch mit einem fremden
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Ziel. Er nahm die Kunst um sich herum aufs Korn, besonders aber die
Künstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was
einen Christenmenschen abschrecken mußte. Er sah die ungeheuren
Mißstände. Aber sah er dasselbe nicht überall, sah er es nicht auch in der
Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe groß und
ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das überall sich regte, im Leben
und in der Dichtung Macht bekam,—konnte es dann nicht auch bis zum
Theater vordringen?
Er war allmählich seiner Sache sicher geworden. Mit großer Freude sah
er aus Signes Briefen, daß Petra sich sehr heranbildete und daß Signe die
rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen
Schutzgeist, der selbst nicht wußte, was er ihm gewesen war, zu sehen und
ihm zu danken.
Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie
vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr
darüber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie
ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.
Indessen, sie wurden bald durch Gäste aus der Stadt gestört, gebetene
und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, daß ein einziger,
wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,—und dazu verhalfen die
Gäste. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft veranstaltet, und auf
dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer
saßen, kam das Gespräch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan
hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen
und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoßen. Es entspann sich
ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der nicht mit
bei Tisch hatte sein können, weil er zu einem Kranken gerufen worden; er
war sehr ernst gestimmt, er aß nicht, er nahm auch nicht an dem Gespräch
Künstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was
einen Christenmenschen abschrecken mußte. Er sah die ungeheuren
Mißstände. Aber sah er dasselbe nicht überall, sah er es nicht auch in der
Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe groß und
ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das überall sich regte, im Leben
und in der Dichtung Macht bekam,—konnte es dann nicht auch bis zum
Theater vordringen?
Er war allmählich seiner Sache sicher geworden. Mit großer Freude sah
er aus Signes Briefen, daß Petra sich sehr heranbildete und daß Signe die
rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen
Schutzgeist, der selbst nicht wußte, was er ihm gewesen war, zu sehen und
ihm zu danken.
Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie
vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr
darüber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie
ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.
Indessen, sie wurden bald durch Gäste aus der Stadt gestört, gebetene
und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, daß ein einziger,
wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,—und dazu verhalfen die
Gäste. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft veranstaltet, und auf
dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer
saßen, kam das Gespräch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan
hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen
und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoßen. Es entspann sich
ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der nicht mit
bei Tisch hatte sein können, weil er zu einem Kranken gerufen worden; er
war sehr ernst gestimmt, er aß nicht, er nahm auch nicht an dem Gespräch
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teil, aber er stopfte seine Pfeife und hörte zu. Sowie Ödegaard merkte, daß
der Propst still da saß und dem Gespräch folgte, mischte er sich hinein,
versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in die Sache zu bringen;
denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so oft ein Glied in der
Beweiskette geknüpft werden sollte, zu rufen: "Ich leugne!" (er wollte nicht
sagen: verleugne), und dann mußte das, was beweisen sollte, erst selbst
bewiesen werden; es ging infolgedessen rückwärts; man war vom
Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und wollte, um in der
Schiffahrt einen Beweis führen zu können, eben zum Ackerbau übergehen.
Nun, da ernannte Ödegaard den Propst zum Wortführer. Außer ihm waren
noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitän, ein kleiner
schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen
Beinen darunter, die wie Trommelschlägel wirbelten. Ödegaard erteilte dem
Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen könne, was er gegen das
Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:
"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und
Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab und zu
ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schluß ziehen, daß er es
billigte, so leugne ich das, denn man muß vieles sehen, was einem nicht
gefällt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem Schauspiel
gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer Zeit wieder
aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und geschrieben.
Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen christlichen
Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hört, hört!' rief der
Kapitän, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten beiden räumen die
Zulässigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher ist sogar der
Ansicht, in Privatgesellschaften dürfe von Dilettanten eine gute Dichtung
aufgeführt werden; er verurteilt aber den Schauspielerberuf. Der Stand der
Schauspieler hat für einen Christen so mannigfaltige Versuchungen, daß er
der Propst still da saß und dem Gespräch folgte, mischte er sich hinein,
versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in die Sache zu bringen;
denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so oft ein Glied in der
Beweiskette geknüpft werden sollte, zu rufen: "Ich leugne!" (er wollte nicht
sagen: verleugne), und dann mußte das, was beweisen sollte, erst selbst
bewiesen werden; es ging infolgedessen rückwärts; man war vom
Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und wollte, um in der
Schiffahrt einen Beweis führen zu können, eben zum Ackerbau übergehen.
Nun, da ernannte Ödegaard den Propst zum Wortführer. Außer ihm waren
noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitän, ein kleiner
schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen
Beinen darunter, die wie Trommelschlägel wirbelten. Ödegaard erteilte dem
Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen könne, was er gegen das
Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:
"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und
Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab und zu
ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schluß ziehen, daß er es
billigte, so leugne ich das, denn man muß vieles sehen, was einem nicht
gefällt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem Schauspiel
gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer Zeit wieder
aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und geschrieben.
Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen christlichen
Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hört, hört!' rief der
Kapitän, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten beiden räumen die
Zulässigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher ist sogar der
Ansicht, in Privatgesellschaften dürfe von Dilettanten eine gute Dichtung
aufgeführt werden; er verurteilt aber den Schauspielerberuf. Der Stand der
Schauspieler hat für einen Christen so mannigfaltige Versuchungen, daß er
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ihn meiden soll.—-Aber ist es nicht auch für die Zuschauer eine
Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerührt, von erdichtetem
Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim Lesen leichter
erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei das, was man
sieht; das schwächt den Willen, die Arbeit an sich selbst, das zieht uns herab
zu Hörlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich nicht recht? Wer ist
hauptsächlich in der Komödie zu finden? Müßiggänger, die sich unterhalten
wollen, Wollüstige, die aufgereizt, Eitle, die selbst gesehen werden wollen,
Phantasten, die aus dem wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen
wagen, hierherflüchten. Sünde hinter dem Vorhang, Sünde vor dem
Vorhang! Ich habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hören!"
Der Kapitän: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst
werden. Bin ich immer, wenn ich in der Komödie war, in so einer
Wolfshöhle gewesen, dann soll der Teufel—"—"Pfui, Herr Kapitän", sagte
ein kleines Mädchen, das mit ins Zimmer geschlüpft war; "Du darfst nicht
fluchen, denn sonst kommst Du in die Hölle!"—"Ja, mein Kind, natürlich,
natürlich."—Ödegaard aber nahm das Wort:
"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das
Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse diese
beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut daran, sich
den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,—sie übergeh' ich ebenfalls.
Daß ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch gegen die
Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln, kann ich
verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man zugibt, daß
dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann muß dem
Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der Dichter
beim Schreiben anders, als daß er es spielt,—in seinen Gedanken, feurig,
mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren' usw.—Ihr kennt
Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das Drama dürfe nur
Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerührt, von erdichtetem
Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim Lesen leichter
erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei das, was man
sieht; das schwächt den Willen, die Arbeit an sich selbst, das zieht uns herab
zu Hörlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich nicht recht? Wer ist
hauptsächlich in der Komödie zu finden? Müßiggänger, die sich unterhalten
wollen, Wollüstige, die aufgereizt, Eitle, die selbst gesehen werden wollen,
Phantasten, die aus dem wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen
wagen, hierherflüchten. Sünde hinter dem Vorhang, Sünde vor dem
Vorhang! Ich habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hören!"
Der Kapitän: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst
werden. Bin ich immer, wenn ich in der Komödie war, in so einer
Wolfshöhle gewesen, dann soll der Teufel—"—"Pfui, Herr Kapitän", sagte
ein kleines Mädchen, das mit ins Zimmer geschlüpft war; "Du darfst nicht
fluchen, denn sonst kommst Du in die Hölle!"—"Ja, mein Kind, natürlich,
natürlich."—Ödegaard aber nahm das Wort:
"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das
Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse diese
beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut daran, sich
den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,—sie übergeh' ich ebenfalls.
Daß ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch gegen die
Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln, kann ich
verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man zugibt, daß
dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann muß dem
Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der Dichter
beim Schreiben anders, als daß er es spielt,—in seinen Gedanken, feurig,
mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren' usw.—Ihr kennt
Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das Drama dürfe nur
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privatim und von Ungeübten gespielt werden, dann sagt er, daß die Gaben,
die wir von Gott bekommen haben, vernachlässigt werden sollen, während
es doch Gottes Wille ist, daß sie zur größtmöglichen Vollkommenheit
gebracht werden; denn dazu haben wir sie erhalten. Wir alle schauspielern
tagtäglich, indem wir andere nachmachen oder im Scherz oder Ernst eine
fremde Meinung annehmen. Die Sache überwiegt bei einzelnen Menschen
alle andern, und da möchte ich doch sehen, wenn man es unterließe, dies
Talent zu pflegen, ob sich nicht bald von selbst herausstellen würde, daß
gerade in der Unterlassung die Sünde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht
nachgeht, wird untauglich zu andern Dingen, wird unredlich, wankelmütig,
—kurz, fällt allen Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem
Berufe folgt. Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird
manche Versuchung ausgeschaltet.—Aber, mag man sagen, der Beruf ist an
sich voller Versuchungen. Ja, darüber läßt sich streiten. Für mich liegt in
dem Beruf die größte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man
sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,—den
Glauben, man selbst sei gläubig, weil man zu dem Glauben anderer redet,
oder deutlicher: für mich liegt in dem Priesterberuf die größte Versuchung."
(Großer Lärm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt! Ruhe!) Der
Kapitän: "Das habe ich noch nie gehört, daß die Pfarrer schlimmer sind als
die Schauspieler!" Gelächter und Rufe von allen Seiten: "Nein, das hat er
nicht gesagt." Der Kapitän: "Doch, zum Teufel—"—"Aber, Herr Kapitän,
jetzt kommt der Teufel gleich!"—"Gut, mein Kind, schon gut!" Ödegaard
nahm den Faden wieder auf: "All die Versuchung, sich vom Augenblick
hinreißen zu lassen, in Hörlust und Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit
an sich das Leben von Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das
ist wahrhaftig auch in der Kirche zu finden!" (Derselbe fürchterliche Lärm.)
Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lärm nicht hören, ohne
dabei sein zu wollen. Jetzt wurde die Tür geöffnet. Ödegaard sah Petra
zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt es
die wir von Gott bekommen haben, vernachlässigt werden sollen, während
es doch Gottes Wille ist, daß sie zur größtmöglichen Vollkommenheit
gebracht werden; denn dazu haben wir sie erhalten. Wir alle schauspielern
tagtäglich, indem wir andere nachmachen oder im Scherz oder Ernst eine
fremde Meinung annehmen. Die Sache überwiegt bei einzelnen Menschen
alle andern, und da möchte ich doch sehen, wenn man es unterließe, dies
Talent zu pflegen, ob sich nicht bald von selbst herausstellen würde, daß
gerade in der Unterlassung die Sünde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht
nachgeht, wird untauglich zu andern Dingen, wird unredlich, wankelmütig,
—kurz, fällt allen Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem
Berufe folgt. Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird
manche Versuchung ausgeschaltet.—Aber, mag man sagen, der Beruf ist an
sich voller Versuchungen. Ja, darüber läßt sich streiten. Für mich liegt in
dem Beruf die größte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man
sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,—den
Glauben, man selbst sei gläubig, weil man zu dem Glauben anderer redet,
oder deutlicher: für mich liegt in dem Priesterberuf die größte Versuchung."
(Großer Lärm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt! Ruhe!) Der
Kapitän: "Das habe ich noch nie gehört, daß die Pfarrer schlimmer sind als
die Schauspieler!" Gelächter und Rufe von allen Seiten: "Nein, das hat er
nicht gesagt." Der Kapitän: "Doch, zum Teufel—"—"Aber, Herr Kapitän,
jetzt kommt der Teufel gleich!"—"Gut, mein Kind, schon gut!" Ödegaard
nahm den Faden wieder auf: "All die Versuchung, sich vom Augenblick
hinreißen zu lassen, in Hörlust und Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit
an sich das Leben von Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das
ist wahrhaftig auch in der Kirche zu finden!" (Derselbe fürchterliche Lärm.)
Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lärm nicht hören, ohne
dabei sein zu wollen. Jetzt wurde die Tür geöffnet. Ödegaard sah Petra
zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt es
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Schauspieler, die sich auf der Bühne rühren lassen und von dort in die
Kirche rennen und sich da auch rühren lassen,—und doch schlecht bleiben.
Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die sonst im
Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wären, in diesem Beruf sich aber
doch wenigstens als Sprachrohr nützlich machen. Aber meist ist es so, daß
die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten Nöten stecken,—
denn die Augenblicke vor dem Auftreten können entsetzlich sein!—und daß
sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen sind, so oft dem Unerwarteten,
dem Großen gegenüberstehen, daß sie in ihrem Herzen eine Furcht und eine
Sehnsucht tragen, ein großes Gefühl des eigenen Unwertes, und wir wissen,
daß Christus zu den Zöllnern und zu den reuigen Sünderinnen am liebsten
kam. Ich gebe ihnen keinen Freibrief; wirklich, je größer die Aufgabe ist,
die sie meines Erachtens im Lande haben,—was auch daraus erhellt, daß in
einem Volke nicht viele große Schauspieler auf einmal leben!—desto
größere Schuld laden sie auf sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehässigkeit
hinreißt oder sie in einen schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber
gleichwie es keinen Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von
Enttäuschungen gelernt hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei
sind, obwohl die meisten sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,
—so sehen wir wohl ihre Fehltritte und ihre Schwächen, aber wir kennen
nicht ihr Verhältnis zu ihnen, und darauf kommt es doch an."
Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an,
aber:
"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein—" klang es vom Klavier her,
und alles strömte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes
schwedische Volkslieder waren das entzückendste, was man sich denken
konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schönsten
Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines großen
Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da stand
Kirche rennen und sich da auch rühren lassen,—und doch schlecht bleiben.
Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die sonst im
Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wären, in diesem Beruf sich aber
doch wenigstens als Sprachrohr nützlich machen. Aber meist ist es so, daß
die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten Nöten stecken,—
denn die Augenblicke vor dem Auftreten können entsetzlich sein!—und daß
sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen sind, so oft dem Unerwarteten,
dem Großen gegenüberstehen, daß sie in ihrem Herzen eine Furcht und eine
Sehnsucht tragen, ein großes Gefühl des eigenen Unwertes, und wir wissen,
daß Christus zu den Zöllnern und zu den reuigen Sünderinnen am liebsten
kam. Ich gebe ihnen keinen Freibrief; wirklich, je größer die Aufgabe ist,
die sie meines Erachtens im Lande haben,—was auch daraus erhellt, daß in
einem Volke nicht viele große Schauspieler auf einmal leben!—desto
größere Schuld laden sie auf sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehässigkeit
hinreißt oder sie in einen schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber
gleichwie es keinen Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von
Enttäuschungen gelernt hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei
sind, obwohl die meisten sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,
—so sehen wir wohl ihre Fehltritte und ihre Schwächen, aber wir kennen
nicht ihr Verhältnis zu ihnen, und darauf kommt es doch an."
Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an,
aber:
"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein—" klang es vom Klavier her,
und alles strömte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes
schwedische Volkslieder waren das entzückendste, was man sich denken
konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schönsten
Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines großen
Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da stand
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Ödegaard auf und bat Petra, ein Gedicht vorzutragen. Sie mußte darauf
vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich vor, obwohl
sie so zitterte, daß sie sich an einer Stuhllehne festhalten mußte, dann wurde
sie leichenblaß und fing an:
Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus;
Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach,
Und die Wirtschaft ward größer allgemach:—
"Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren?
Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."
Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn,
Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn;
Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl
Den König in seinem prangenden Saal.
Er stand, er vergaß der täglichen Pflichten,
Er stand und gedachte der alten Geschichten.
Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff
Zur äußersten Klippe, zum offenen Meer,
Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff,
Zu lauschen dem Dröhnen der Brandung umher.
Es war ein Tag in des Lenzes Beginn,
Wo der Sturmwind ruft übers Land dahin:
Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!—
Da mußt' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.
Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht,
Ausruhend von feindlicher Stürme Wucht.
Die Segel gerefft vor Anker lag's,
Schien aber sich wenig zu freuen des Tags;
vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich vor, obwohl
sie so zitterte, daß sie sich an einer Stuhllehne festhalten mußte, dann wurde
sie leichenblaß und fing an:
Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus;
Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach,
Und die Wirtschaft ward größer allgemach:—
"Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren?
Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."
Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn,
Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn;
Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl
Den König in seinem prangenden Saal.
Er stand, er vergaß der täglichen Pflichten,
Er stand und gedachte der alten Geschichten.
Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff
Zur äußersten Klippe, zum offenen Meer,
Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff,
Zu lauschen dem Dröhnen der Brandung umher.
Es war ein Tag in des Lenzes Beginn,
Wo der Sturmwind ruft übers Land dahin:
Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!—
Da mußt' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.
Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht,
Ausruhend von feindlicher Stürme Wucht.
Die Segel gerefft vor Anker lag's,
Schien aber sich wenig zu freuen des Tags;
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Denn die Segel zuckten, der Mast war gebogen,
Und den schaukelnden Bug umschäumten die Wogen.
Man gönnte sich kurze Rast an Bord;
Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort.
Da hörten sie rufen herab von den Klippen—
Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen—:
"Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer,
Mich drängt es danach;—drum gebt mir das Steuer!"
Empor zu dem Berghang blickten ein paar;
Sonst wandte sich keiner herum von der Schar,
Und keiner ließ sich die Eßlust rauben.
Da fiel ein Stein; zwei mußten dran glauben.
Auf sprang man von Deck; die Schüsseln waren
Im Nu verschwunden, die Waffen erhoben;
Es schwirrten die Pfeile;—jedoch der droben
Stand ruhig und sagte mit festem Gebaren:
"Hauptmann, magst willig dein Schiff du mir geben
Oder drum kämpfen auf Tod und Leben?"
Für Scherz nur nahm es der wilde Hauf,
Ein Pfeilschuß war die Antwort darauf.
Der traf ihn nicht. Er sagte gelassen:
"Noch will mich des Todes Haus nicht fassen.
Du, der die sämtlichen Meere durchpflügte,
Kannst dorthin gehn oder heim dich trollen.
Was immer sich deiner Herrschaft fügte,
Muß mein sein; denn jetzt begann mein Wollen.
Du sammeltest mir zu Nutz und Frommen!
Man wartet auf mich; meine Zeit ist gekommen."
Und den schaukelnden Bug umschäumten die Wogen.
Man gönnte sich kurze Rast an Bord;
Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort.
Da hörten sie rufen herab von den Klippen—
Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen—:
"Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer,
Mich drängt es danach;—drum gebt mir das Steuer!"
Empor zu dem Berghang blickten ein paar;
Sonst wandte sich keiner herum von der Schar,
Und keiner ließ sich die Eßlust rauben.
Da fiel ein Stein; zwei mußten dran glauben.
Auf sprang man von Deck; die Schüsseln waren
Im Nu verschwunden, die Waffen erhoben;
Es schwirrten die Pfeile;—jedoch der droben
Stand ruhig und sagte mit festem Gebaren:
"Hauptmann, magst willig dein Schiff du mir geben
Oder drum kämpfen auf Tod und Leben?"
Für Scherz nur nahm es der wilde Hauf,
Ein Pfeilschuß war die Antwort darauf.
Der traf ihn nicht. Er sagte gelassen:
"Noch will mich des Todes Haus nicht fassen.
Du, der die sämtlichen Meere durchpflügte,
Kannst dorthin gehn oder heim dich trollen.
Was immer sich deiner Herrschaft fügte,
Muß mein sein; denn jetzt begann mein Wollen.
Du sammeltest mir zu Nutz und Frommen!
Man wartet auf mich; meine Zeit ist gekommen."
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Stolz lachte der andre in klirrenden Waffen:
"Ernennt dich dein Sehnsuchtstraum zum Sieger,
Sollst Frieden du haben. Komm, sei mein Krieger!"—
"Ich kann nicht; ich bin zum Hauptmann geschaffen.
Mich weist mein Weg, als Herrscher zu schalten;
Das Neue kann nimmer gehorchen dem Alten."
Vergeblich nach Antwort sein Ohr sich spannte.
Da sprang er hinunter die Felsenkante:
"Ihr Helden, am Hauptmann ist es, zu zeigen,
Wem Walvater siegverleihend erschienen.
Dem Sieger sollen die Mannen sich neigen.
Schmach denen, die nicht dem Größten dienen!"
Der Hauptmann erglühte vor Zorn; vom Schiff
Ins Wasser sprang er und schwamm zum Lande:
Der andere lief hinab zum Strande
Und zog ihn herauf mit markigem Griff.
Der Hauptmann sah ihm ins Aug', und klar
Erkannt' er, wie hohen Sinnes er war.
"Werft schnell ihm herüber die fehlenden Waffen,"
So rief er zum Schiff. "Wirst Sieg du erraffen,
Dir reichte das Schwert, kannst du dann sagen,
Er selber, den du damit erschlagen."
Und am Bergfuß strafften im Kampf sich die Glieder;
Auf jeglichen Streich folgt' ächzendes Dröhnen.
Vom Meer scholl zornig des Drachen Stöhnen;
Bald sank sein Hauptmann getroffen darnieder.
Ein Schrei zum eisgrauen Felsen klang,
Von Steven zu Steven hinab in die Fluten
"Ernennt dich dein Sehnsuchtstraum zum Sieger,
Sollst Frieden du haben. Komm, sei mein Krieger!"—
"Ich kann nicht; ich bin zum Hauptmann geschaffen.
Mich weist mein Weg, als Herrscher zu schalten;
Das Neue kann nimmer gehorchen dem Alten."
Vergeblich nach Antwort sein Ohr sich spannte.
Da sprang er hinunter die Felsenkante:
"Ihr Helden, am Hauptmann ist es, zu zeigen,
Wem Walvater siegverleihend erschienen.
Dem Sieger sollen die Mannen sich neigen.
Schmach denen, die nicht dem Größten dienen!"
Der Hauptmann erglühte vor Zorn; vom Schiff
Ins Wasser sprang er und schwamm zum Lande:
Der andere lief hinab zum Strande
Und zog ihn herauf mit markigem Griff.
Der Hauptmann sah ihm ins Aug', und klar
Erkannt' er, wie hohen Sinnes er war.
"Werft schnell ihm herüber die fehlenden Waffen,"
So rief er zum Schiff. "Wirst Sieg du erraffen,
Dir reichte das Schwert, kannst du dann sagen,
Er selber, den du damit erschlagen."
Und am Bergfuß strafften im Kampf sich die Glieder;
Auf jeglichen Streich folgt' ächzendes Dröhnen.
Vom Meer scholl zornig des Drachen Stöhnen;
Bald sank sein Hauptmann getroffen darnieder.
Ein Schrei zum eisgrauen Felsen klang,
Von Steven zu Steven hinab in die Fluten
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Stürmten die Mannen in Rachegluten
Und standen bald oben am Klippenhang.
Da hob der Gefallene, schon am Rand
Des Todes, gebietend noch einmal die Hand:
"Ein Mann muß fallen vorm Lebensreste!
Denn groß soll enden ein Heldengesang.
Nehmt ihn zum Hauptmann; er ist der Beste!"
Da ward ihm für immer Schweigen geboten;
Die Recken umringten einen Toten.
An Odins Tisch war bereitet sein Platz;
Vorm Scheiden wies er den rechten Ersatz.
Der neue Hauptmann säumte mit nichten.
Er trat auf den Stein und sprach mit Bedacht:
"Erst sollt ihr dem Helden ein Grabmal errichten,
Des Großen gedenkend, das er vollbracht.
Doch gilt's noch vor Abend die Ruder zu stemmen:
Der Tod darf die Reise des Lebens nicht hemmen."
Und das Mal ward gebaut und die Segel gezogen,
Bald schwankte der Drache auf zackigen Wogen.
Zu ihm auf der Toteninsel zieht
Zurück übers Meer ein Weihelied,
Ein Willkommgruß für den jungen Streiter;
Kühn steuernd führt er das Fahrzeug weiter.
Doch als er die Heimatküste berührt,
Wo alle sich hastig am Strande scharen,
Um staunenden Blicks den Mann zu gewahren,
Der Oegers seestarkes Schiff nun führt,—
Und standen bald oben am Klippenhang.
Da hob der Gefallene, schon am Rand
Des Todes, gebietend noch einmal die Hand:
"Ein Mann muß fallen vorm Lebensreste!
Denn groß soll enden ein Heldengesang.
Nehmt ihn zum Hauptmann; er ist der Beste!"
Da ward ihm für immer Schweigen geboten;
Die Recken umringten einen Toten.
An Odins Tisch war bereitet sein Platz;
Vorm Scheiden wies er den rechten Ersatz.
Der neue Hauptmann säumte mit nichten.
Er trat auf den Stein und sprach mit Bedacht:
"Erst sollt ihr dem Helden ein Grabmal errichten,
Des Großen gedenkend, das er vollbracht.
Doch gilt's noch vor Abend die Ruder zu stemmen:
Der Tod darf die Reise des Lebens nicht hemmen."
Und das Mal ward gebaut und die Segel gezogen,
Bald schwankte der Drache auf zackigen Wogen.
Zu ihm auf der Toteninsel zieht
Zurück übers Meer ein Weihelied,
Ein Willkommgruß für den jungen Streiter;
Kühn steuernd führt er das Fahrzeug weiter.
Doch als er die Heimatküste berührt,
Wo alle sich hastig am Strande scharen,
Um staunenden Blicks den Mann zu gewahren,
Der Oegers seestarkes Schiff nun führt,—
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Fällt rötlich der Abendsonne Strahl
Auf Segel und Schiff und den Helden zumal.
Er steuert so mutig, daß rings im Rund
Sie angstvoll rufen: "Er geht zu Grund!"
Er lenkt das Schiff in den wildesten Braus,
Hinlächelnd zu ihnen: "Darf jetzt ich hinaus?"
Das Gedicht wurde mit bebender Stimme, feierlich und ohne eine Spur
von Ziererei vorgetragen. Alle standen da, als sei zwischen ihnen ein hoher,
hoher Lichtstrahl aus der Erde hervorgebrochen im Regenbogenglanz.
Keiner sprach, keiner rührte sich;—der Kapitän aber konnte es nicht lange
aushaken, er sprang auf, schnaufte, reckte sich und sagte: "Ja, ich weiß
nicht, wie es Euch andern ergeht; aber wenn ich auf die Art angefaßt werde,
dann muß ich, der Teufel hol's—"—"Herr Kapitän, nun hast Du wieder
geflucht", sagte das kleine Mädchen und drohte ihm mit dem Finger; "nun
kommt der Teufel gleich und holt Dich!"—"Ja, das ist mir ganz egal, Kind,
laß ihn nur kommen, denn jetzt muß ich, hol's der Teufel, ein patriotisch
Lied hören!" Ohne weiteres setzte sich Signe ans Klavier, und die frohe
Gesellschaft sang:
Ich will schützen mein Land,
Ich will bauen mein Land,
Will es lieben in meinem Gebet, meinem Kind,
Will ihm mehren die Macht,
Will es wissen bewacht
Bis hinaus zu dem Fischer in Wellen und Wind.
Hier ist Sonne genug,
Hier ist Saatgrund genug,
Wenn nur uns es, nur uns es an Liebe nicht fehlt.
Hier ist schöpfrischer Drang,
Auf Segel und Schiff und den Helden zumal.
Er steuert so mutig, daß rings im Rund
Sie angstvoll rufen: "Er geht zu Grund!"
Er lenkt das Schiff in den wildesten Braus,
Hinlächelnd zu ihnen: "Darf jetzt ich hinaus?"
Das Gedicht wurde mit bebender Stimme, feierlich und ohne eine Spur
von Ziererei vorgetragen. Alle standen da, als sei zwischen ihnen ein hoher,
hoher Lichtstrahl aus der Erde hervorgebrochen im Regenbogenglanz.
Keiner sprach, keiner rührte sich;—der Kapitän aber konnte es nicht lange
aushaken, er sprang auf, schnaufte, reckte sich und sagte: "Ja, ich weiß
nicht, wie es Euch andern ergeht; aber wenn ich auf die Art angefaßt werde,
dann muß ich, der Teufel hol's—"—"Herr Kapitän, nun hast Du wieder
geflucht", sagte das kleine Mädchen und drohte ihm mit dem Finger; "nun
kommt der Teufel gleich und holt Dich!"—"Ja, das ist mir ganz egal, Kind,
laß ihn nur kommen, denn jetzt muß ich, hol's der Teufel, ein patriotisch
Lied hören!" Ohne weiteres setzte sich Signe ans Klavier, und die frohe
Gesellschaft sang:
Ich will schützen mein Land,
Ich will bauen mein Land,
Will es lieben in meinem Gebet, meinem Kind,
Will ihm mehren die Macht,
Will es wissen bewacht
Bis hinaus zu dem Fischer in Wellen und Wind.
Hier ist Sonne genug,
Hier ist Saatgrund genug,
Wenn nur uns es, nur uns es an Liebe nicht fehlt.
Hier ist schöpfrischer Drang,
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Der des Werkeltags Gang,
Wenn wir einig ihm folgen, beschwingt und beseelt.
Wir befuhren das Meer
Und die Ströme umher,
In den Landen rings ragt manch normannischer Turm.
Doch noch weiter fliegt heut
Unser Banner und beut
Seine purpurne Brust immer stärkerem Sturm.
Und noch vor uns liegt viel;
Denn wir haben ein Ziel,
Und dies Ziel ist der Tag, der drei Stämme verschweißt.
Was du tust, sei ein Zoll
An ein heiliges Soll,
Sei ein Quell in den Strom, der die Dämme zerreißt.
Diese Scholle ist mein
Und wird teuer mir sein,
Wie sie's ist, wie sie's war, so in Drangsal wie Glück.
Und wie sie uns geliebt,
Diese Heimat, so gibt
Unser dankbares Herz ihr nun Liebe zurück.
Signe stand vom Klavier auf, trat auf Petra zu, legte den Arm um sie und
zog sie in das Arbeitszimmer, wo weiter niemand war.—"Petra, wir wollen
wieder Freunde sein!"——"O Signe, endlich verzeihst Du mir!"—"Jetzt
kann ich alles tun, was ich soll! Petra, liebst Du Ödegaard nicht?"——"O
Gott, Signe!"—"Petra, das habe ich vom ersten Tage an geglaubt,—und ich
habe gedacht, er sei jetzt endlich gekommen, um———bei allem, was ich
seit zweieinhalb Jahren für Euch gedacht und getan habe, habe ich dies vor
Augen gehabt, und Vater hat es auch geglaubt; er hat jetzt sicher auch mit
Wenn wir einig ihm folgen, beschwingt und beseelt.
Wir befuhren das Meer
Und die Ströme umher,
In den Landen rings ragt manch normannischer Turm.
Doch noch weiter fliegt heut
Unser Banner und beut
Seine purpurne Brust immer stärkerem Sturm.
Und noch vor uns liegt viel;
Denn wir haben ein Ziel,
Und dies Ziel ist der Tag, der drei Stämme verschweißt.
Was du tust, sei ein Zoll
An ein heiliges Soll,
Sei ein Quell in den Strom, der die Dämme zerreißt.
Diese Scholle ist mein
Und wird teuer mir sein,
Wie sie's ist, wie sie's war, so in Drangsal wie Glück.
Und wie sie uns geliebt,
Diese Heimat, so gibt
Unser dankbares Herz ihr nun Liebe zurück.
Signe stand vom Klavier auf, trat auf Petra zu, legte den Arm um sie und
zog sie in das Arbeitszimmer, wo weiter niemand war.—"Petra, wir wollen
wieder Freunde sein!"——"O Signe, endlich verzeihst Du mir!"—"Jetzt
kann ich alles tun, was ich soll! Petra, liebst Du Ödegaard nicht?"——"O
Gott, Signe!"—"Petra, das habe ich vom ersten Tage an geglaubt,—und ich
habe gedacht, er sei jetzt endlich gekommen, um———bei allem, was ich
seit zweieinhalb Jahren für Euch gedacht und getan habe, habe ich dies vor
Augen gehabt, und Vater hat es auch geglaubt; er hat jetzt sicher auch mit
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Ödegaard darüber gesprochen."—"Aber, Signe—!"—"Schscht!" sie legte
die Hand auf den Mund und lief aus dem Zimmer; man hatte sie gerufen;
man wollte zu Tisch gehen.
Bei der Abendtafel gab es Wein, weil der Propst beim Mittagessen nicht
zugegen gewesen war. Aber der Propst, der die ganze Zeit über sehr ernst
und sehr still gewesen war, saß auch jetzt da, als sei außer ihm kein Mensch
im Zimmer, bis man von Tisch aufstehen wollte. Da schlug er an sein Glas
und sagte: "Ich habe eine Verlobung zu verkünden!"—Alle blickten zu den
jungen Mädchen hin, die nebeneinander saßen, und die beiden wären vor
Schreck fast vom Stuhl gefallen.
"Ich habe eine Verlobung zu verkünden", fing der Propst wieder an, als
werde es ihm schwer, in Fluß zu kommen. "Ich will zugeben, daß sie mir im
Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";—alle Gäste blickten
Ödegaard in großer Verblüffung an; diese Verblüffung wuchs ins
Grenzenlose, als er ganz ruhig dasaß und den Propst ansah. "Ich dachte,
offen gestanden, er sei ihrer nicht würdig."—Jetzt wurden die Gäste so
verlegen, daß niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mädchen
das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch zu
einem einzigen Gesicht sprechen, zu Ödegaards, der freilich mit der größten
Seelenruhe zuhörte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt, da ich ihn
näher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, daß ich nicht weiß, ob sie
seiner würdig ist, so groß erscheint er mir jetzt; denn es ist der
Künstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist meine
Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; möge es Euch gut ergehen
miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefügt, das soll
der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im Nu
bei ihm und lag an seiner Brust.
die Hand auf den Mund und lief aus dem Zimmer; man hatte sie gerufen;
man wollte zu Tisch gehen.
Bei der Abendtafel gab es Wein, weil der Propst beim Mittagessen nicht
zugegen gewesen war. Aber der Propst, der die ganze Zeit über sehr ernst
und sehr still gewesen war, saß auch jetzt da, als sei außer ihm kein Mensch
im Zimmer, bis man von Tisch aufstehen wollte. Da schlug er an sein Glas
und sagte: "Ich habe eine Verlobung zu verkünden!"—Alle blickten zu den
jungen Mädchen hin, die nebeneinander saßen, und die beiden wären vor
Schreck fast vom Stuhl gefallen.
"Ich habe eine Verlobung zu verkünden", fing der Propst wieder an, als
werde es ihm schwer, in Fluß zu kommen. "Ich will zugeben, daß sie mir im
Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";—alle Gäste blickten
Ödegaard in großer Verblüffung an; diese Verblüffung wuchs ins
Grenzenlose, als er ganz ruhig dasaß und den Propst ansah. "Ich dachte,
offen gestanden, er sei ihrer nicht würdig."—Jetzt wurden die Gäste so
verlegen, daß niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mädchen
das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch zu
einem einzigen Gesicht sprechen, zu Ödegaards, der freilich mit der größten
Seelenruhe zuhörte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt, da ich ihn
näher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, daß ich nicht weiß, ob sie
seiner würdig ist, so groß erscheint er mir jetzt; denn es ist der
Künstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist meine
Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; möge es Euch gut ergehen
miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefügt, das soll
der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im Nu
bei ihm und lag an seiner Brust.
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Da keiner sich wieder hinsetzte, so verließ die ganze Gesellschaft
natürlich die Tafel. Petra aber ging auf Ödegaard zu, der gleich mit ihr in
die äußerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber sie kam
ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"—"Nein, Petra; ich bin Dir ein treuer
Bruder gewesen; es war eine große Sünde von mir, daß ich Dir mehr sein
wollte; denn wäre es geschehen, dann wäre Deine ganze Laufbahn
vernichtet worden."—"Ödegaard!"—Sie hatten sich die Hände gereicht,
sahen sich aber nicht an; nach einer Weile ließ er sie los und ging. Sie aber
sank auf einen Stuhl und weinte.
Am Tage darauf reiste Ödegaard ab.
*****
Gegen den Frühling erhielt Petra einen großen Brief mit einem
mächtigen Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem
Propst, der ihn öffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer
Heimatstadt und lautete:
"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament
folgenden Wortlauts hinterlassen:
'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist
in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im
Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben
diese Gunlaug den Schlüssel hat, wie sie allein auch über alles Bescheid
weiß,—hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre
Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zuläßt, daß
eine Bedingung, die ich daran geknüpft habe und welche sie allein, die die
einzige ist, die sie kennt, erfüllen kann, erfüllt wird—der Jungfrau Petra,
der Tochter der erwähnten Gunlaug, der Tochter Aamunds, das heißt, wenn
Jungfer Petra es nicht für unter ihrer Würde hält, sich eines alten, kranken
natürlich die Tafel. Petra aber ging auf Ödegaard zu, der gleich mit ihr in
die äußerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber sie kam
ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"—"Nein, Petra; ich bin Dir ein treuer
Bruder gewesen; es war eine große Sünde von mir, daß ich Dir mehr sein
wollte; denn wäre es geschehen, dann wäre Deine ganze Laufbahn
vernichtet worden."—"Ödegaard!"—Sie hatten sich die Hände gereicht,
sahen sich aber nicht an; nach einer Weile ließ er sie los und ging. Sie aber
sank auf einen Stuhl und weinte.
Am Tage darauf reiste Ödegaard ab.
*****
Gegen den Frühling erhielt Petra einen großen Brief mit einem
mächtigen Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem
Propst, der ihn öffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer
Heimatstadt und lautete:
"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament
folgenden Wortlauts hinterlassen:
'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist
in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im
Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben
diese Gunlaug den Schlüssel hat, wie sie allein auch über alles Bescheid
weiß,—hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre
Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zuläßt, daß
eine Bedingung, die ich daran geknüpft habe und welche sie allein, die die
einzige ist, die sie kennt, erfüllen kann, erfüllt wird—der Jungfrau Petra,
der Tochter der erwähnten Gunlaug, der Tochter Aamunds, das heißt, wenn
Jungfer Petra es nicht für unter ihrer Würde hält, sich eines alten, kranken
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Mannes zu erinnern, dem sie viel Gutes erwiesen hat, obwohl sie nichts
davon wußte, was sie ja auch nicht konnte, und dessen einzige Freude in
seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist, wofür er ihr auch einmal eine
kleine Freude hat machen wollen, die sie nicht verschmähen möge. Gott sei
mir armen Sünder gnädig!
Pedro Ohlsen'
und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre
Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."
Die nächste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst
Ödegaard geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt
hatte; darin stand, daß sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erfülle,
Petra mitzuteilen, wer Pedro war.
Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es
schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung
mehr, abzureisen.
Also für ihr Künstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten
und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafür hatten er,
sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemüht und geplagt. Die Summe
war nicht groß, aber sie reichte aus, Petra ein Stück weiter in die Welt
hineinzutragen und damit auch schneller vorwärts.
Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt könne ihre
Mutter zu ihr kommen, jetzt könne sie tagtäglich ihrer Mutter Freude
bereiten,—sie könne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag einen
langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie kam,
brachte sie eine große Enttäuschung; denn Gunlaug dankte ihr, meinte aber,
"jeder bleibe am besten für sich". Da versprach der Propst zu schreiben, und
davon wußte, was sie ja auch nicht konnte, und dessen einzige Freude in
seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist, wofür er ihr auch einmal eine
kleine Freude hat machen wollen, die sie nicht verschmähen möge. Gott sei
mir armen Sünder gnädig!
Pedro Ohlsen'
und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre
Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."
Die nächste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst
Ödegaard geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt
hatte; darin stand, daß sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erfülle,
Petra mitzuteilen, wer Pedro war.
Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es
schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung
mehr, abzureisen.
Also für ihr Künstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten
und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafür hatten er,
sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemüht und geplagt. Die Summe
war nicht groß, aber sie reichte aus, Petra ein Stück weiter in die Welt
hineinzutragen und damit auch schneller vorwärts.
Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt könne ihre
Mutter zu ihr kommen, jetzt könne sie tagtäglich ihrer Mutter Freude
bereiten,—sie könne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag einen
langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie kam,
brachte sie eine große Enttäuschung; denn Gunlaug dankte ihr, meinte aber,
"jeder bleibe am besten für sich". Da versprach der Propst zu schreiben, und
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als Gunlaug dessen Brief bekam, da konnte sie es nicht länger bei sich
behalten, sie mußte ihren Matrosen und ihren andern Bekannten erzählen,
aus ihrer Tochter werde etwas Großes, und sie wolle sie zu sich nehmen.
Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich brennenden Frage; sie
wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen Küchen erörtert.
Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwähnt hatte, sprach jetzt von
nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch die andern fortan
über nichts anderes mehr mit ihr sprachen.
Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer
keine Nachricht gegeben, worüber ihre Tochter sehr betrübt war. Dagegen
versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn
sie zum erstenmal auftreten würde.
*****
Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern
schimmerte es grün. Das Leben, das zu Beginn des Frühlings in den
Bergtälern erwacht, ist mächtig, wie die Sehnsucht mächtig war; die
Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die
Wanderlust schaut über die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich
hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Stätte und alle Dinge so lieb gehabt
wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mußte; ja, es war ihr, als habe
sie alles bis dahin gering geschätzt, weil sie es erst jetzt verstand. Nur noch
wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe überall herum und sagte allen
und allem Lebewohl,—zumal den Stätten, die ihnen zusammen lieb
geworden waren. Da erzählte ihnen ein Bauer, Ödegaard sei oben auf den
Öyhöfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die Mädchen wurden beide
ganz verlegen und stellten ihre Ausgänge ein.
Doch als Ödegaard kam, war er so sonnig und fröhlich, wie man ihn nie
zuvor gesehen hatte. Er war mit dem Vorhaben ins Dorf gekommen, eine
behalten, sie mußte ihren Matrosen und ihren andern Bekannten erzählen,
aus ihrer Tochter werde etwas Großes, und sie wolle sie zu sich nehmen.
Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich brennenden Frage; sie
wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen Küchen erörtert.
Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwähnt hatte, sprach jetzt von
nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch die andern fortan
über nichts anderes mehr mit ihr sprachen.
Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer
keine Nachricht gegeben, worüber ihre Tochter sehr betrübt war. Dagegen
versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn
sie zum erstenmal auftreten würde.
*****
Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern
schimmerte es grün. Das Leben, das zu Beginn des Frühlings in den
Bergtälern erwacht, ist mächtig, wie die Sehnsucht mächtig war; die
Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die
Wanderlust schaut über die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich
hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Stätte und alle Dinge so lieb gehabt
wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mußte; ja, es war ihr, als habe
sie alles bis dahin gering geschätzt, weil sie es erst jetzt verstand. Nur noch
wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe überall herum und sagte allen
und allem Lebewohl,—zumal den Stätten, die ihnen zusammen lieb
geworden waren. Da erzählte ihnen ein Bauer, Ödegaard sei oben auf den
Öyhöfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die Mädchen wurden beide
ganz verlegen und stellten ihre Ausgänge ein.
Doch als Ödegaard kam, war er so sonnig und fröhlich, wie man ihn nie
zuvor gesehen hatte. Er war mit dem Vorhaben ins Dorf gekommen, eine
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Volkshochschule zu gründen und sie in der ersten Zeit, bis er einen
passenden Lehrer gefunden habe, selbst zu leiten; später wollte er noch
mancherlei anderes ins Werk setzen. Auf die Weise, sagte er, bezahle er
etwas von der Schuld seines Vaters an das Dorf ab, und sein Vater habe
versprochen, zu ihm zu ziehen, sobald das Haus fertig sei. Der Propst wie
Signe freuten sich ungeheuer über diese Nachbarschaft; Petra auch, aber es
befremdete sie doch, daß er sich gerade jetzt hier ansiedelte, wo sie
fortging.
Der Propst wünschte, daß sie am Tage vor Petras Abreise zusammen das
heilige Abendmahl nähmen. Dadurch breitete sich eine stille Feierlichkeit
über die letzten Tage, und wenn sie zusammen sprachen, taten sie es
halblaut. Im Schein dieser Stimmung redete alles, was Petra zum letztenmal
ansah, eine gar ernste Sprache zu ihr. Alles Erlebte mußte noch einmal
durchdacht werden; sie hielt große Abrechnung, denn bis jetzt hatte sie nie
zurück, nur immer vorwärts geschaut. Jetzt rückte alles zusammen, von der
Kindheit an bis heute; wieder ertönten die ersten lockenden spanischen
Lieder, all die Verirrungen einer verworrenen Sehnsucht, die ihre Kindheit
und ihre Jugend in ihr aufgespeichert hatten, nahm sie sich vor, Stück für
Stück, wie man alte Kostüme anprobiert. Vergaß sie eins, so erinnerte
irgend etwas in ihrer Umgebung sie gleich daran; denn beim Anblick dieses
oder jenes Gegenstandes hatte sie einmal an irgend etwas gedacht, und
fortan waren Gegenstand und Gedanke eins geworden. Besonders das
Klavier brachte überwältigend viele Erinnerungen. Sie blieb daran sitzen,
ohne doch den Mut zu haben, die Tasten anzurühren, und spielte Signe, so
konnte sie es kaum im Zimmer aushalten. Sie war auch am liebsten allein;
Ödegaard und Signe verstanden das und hielten sich zurück; alle Leute
sahen sie mit wehmütiger Freundlichkeit an, und der Propst ging in diesen
Tagen nie an ihr vorbei, ohne ihr übers Haar zu streichen.
passenden Lehrer gefunden habe, selbst zu leiten; später wollte er noch
mancherlei anderes ins Werk setzen. Auf die Weise, sagte er, bezahle er
etwas von der Schuld seines Vaters an das Dorf ab, und sein Vater habe
versprochen, zu ihm zu ziehen, sobald das Haus fertig sei. Der Propst wie
Signe freuten sich ungeheuer über diese Nachbarschaft; Petra auch, aber es
befremdete sie doch, daß er sich gerade jetzt hier ansiedelte, wo sie
fortging.
Der Propst wünschte, daß sie am Tage vor Petras Abreise zusammen das
heilige Abendmahl nähmen. Dadurch breitete sich eine stille Feierlichkeit
über die letzten Tage, und wenn sie zusammen sprachen, taten sie es
halblaut. Im Schein dieser Stimmung redete alles, was Petra zum letztenmal
ansah, eine gar ernste Sprache zu ihr. Alles Erlebte mußte noch einmal
durchdacht werden; sie hielt große Abrechnung, denn bis jetzt hatte sie nie
zurück, nur immer vorwärts geschaut. Jetzt rückte alles zusammen, von der
Kindheit an bis heute; wieder ertönten die ersten lockenden spanischen
Lieder, all die Verirrungen einer verworrenen Sehnsucht, die ihre Kindheit
und ihre Jugend in ihr aufgespeichert hatten, nahm sie sich vor, Stück für
Stück, wie man alte Kostüme anprobiert. Vergaß sie eins, so erinnerte
irgend etwas in ihrer Umgebung sie gleich daran; denn beim Anblick dieses
oder jenes Gegenstandes hatte sie einmal an irgend etwas gedacht, und
fortan waren Gegenstand und Gedanke eins geworden. Besonders das
Klavier brachte überwältigend viele Erinnerungen. Sie blieb daran sitzen,
ohne doch den Mut zu haben, die Tasten anzurühren, und spielte Signe, so
konnte sie es kaum im Zimmer aushalten. Sie war auch am liebsten allein;
Ödegaard und Signe verstanden das und hielten sich zurück; alle Leute
sahen sie mit wehmütiger Freundlichkeit an, und der Propst ging in diesen
Tagen nie an ihr vorbei, ohne ihr übers Haar zu streichen.
Page 697
Endlich kam der Tag. Es war ein halbklarer, gedämpfter Tag; es taute auf
den Bergen und grünte auf den Äckern. Die vier blieben jeder auf seinem
Zimmer, bis die Stunde kam, da sie zusammen zur Kirche gehen sollten.
Außer ihnen waren nur der Küster und ein fremder Pfarrer zugegen; der
Propst wollte selbst das heilige Abendmahl nehmen; zugleich aber wollte er
die Predigt halten, denn er hatte der Scheidenden besonders ein paar Worte
zu sagen. Er sprach so, wie wenn sie an einem Heiligen Abend oder einem
Geburtstag daheim bei Tisch säßen. Es werde sich bald herausstellen,
meinte er, ob die Zeit, die sie heute mit einem Gebet um Gnade abschließe,
einen Grundstein gelegt habe. Kein Mensch sei ganz er selbst, bis er zu
seinem richtigen Wirken gekommen sei. Es sei ein Beruf der Verkündigung,
der ihr geworden sei, und wer die Wahrheit bringe und sich selber dessen
wert erhalte, der ernte die reichsten und dauerndsten Früchte. Gott bediene
sich ganz gewiß oft auch der Unwürdigen, so gewiß wie wir im höheren
Sinne alle unwürdig seien; er bediene sich unserer Sehnsucht. Aber es gebe
eine Verkündigung, die kein Mensch aus seiner Sehnsucht allein schöpfen
könne, und die wolle sie doch wohl zu erreichen trachten; alle müßten
danach streben, das Höchste zu erreichen. Er bat sie, zu ihnen
zurückzukehren, denn das sei der Sinn einer Gemeinde, daß Gemeinschaft
im Glauben helfe und stärke. Wenn sie fehlgreife, werde sie hier
Barmherzigkeit finden, und wenn sie selbst nicht wisse, daß sie vom Wege
abgekommen sei, so würden sie ihr das in aller Güte sagen dürfen.
Sie gingen nach der heiligen Handlung zusammen heimwärts, so wie sie
gekommen waren; den Rest des Tages aber verbrachte jeder für sich. Nur
Petra und Signe waren abends lange auf Petras Zimmer zusammen.
Für den nächsten Morgen war die Abreise angesetzt. Bei der letzten
Mahlzeit nahm der Propst sehr zärtlich von ihr Abschied. Er sei mit ihrem
Freunde einig darin, sagte er, daß sie so beginnen müsse, wie sie nun einmal
sei, und allein beginnen. In dem Kampf, der ihr bevorstehe, werde sie
den Bergen und grünte auf den Äckern. Die vier blieben jeder auf seinem
Zimmer, bis die Stunde kam, da sie zusammen zur Kirche gehen sollten.
Außer ihnen waren nur der Küster und ein fremder Pfarrer zugegen; der
Propst wollte selbst das heilige Abendmahl nehmen; zugleich aber wollte er
die Predigt halten, denn er hatte der Scheidenden besonders ein paar Worte
zu sagen. Er sprach so, wie wenn sie an einem Heiligen Abend oder einem
Geburtstag daheim bei Tisch säßen. Es werde sich bald herausstellen,
meinte er, ob die Zeit, die sie heute mit einem Gebet um Gnade abschließe,
einen Grundstein gelegt habe. Kein Mensch sei ganz er selbst, bis er zu
seinem richtigen Wirken gekommen sei. Es sei ein Beruf der Verkündigung,
der ihr geworden sei, und wer die Wahrheit bringe und sich selber dessen
wert erhalte, der ernte die reichsten und dauerndsten Früchte. Gott bediene
sich ganz gewiß oft auch der Unwürdigen, so gewiß wie wir im höheren
Sinne alle unwürdig seien; er bediene sich unserer Sehnsucht. Aber es gebe
eine Verkündigung, die kein Mensch aus seiner Sehnsucht allein schöpfen
könne, und die wolle sie doch wohl zu erreichen trachten; alle müßten
danach streben, das Höchste zu erreichen. Er bat sie, zu ihnen
zurückzukehren, denn das sei der Sinn einer Gemeinde, daß Gemeinschaft
im Glauben helfe und stärke. Wenn sie fehlgreife, werde sie hier
Barmherzigkeit finden, und wenn sie selbst nicht wisse, daß sie vom Wege
abgekommen sei, so würden sie ihr das in aller Güte sagen dürfen.
Sie gingen nach der heiligen Handlung zusammen heimwärts, so wie sie
gekommen waren; den Rest des Tages aber verbrachte jeder für sich. Nur
Petra und Signe waren abends lange auf Petras Zimmer zusammen.
Für den nächsten Morgen war die Abreise angesetzt. Bei der letzten
Mahlzeit nahm der Propst sehr zärtlich von ihr Abschied. Er sei mit ihrem
Freunde einig darin, sagte er, daß sie so beginnen müsse, wie sie nun einmal
sei, und allein beginnen. In dem Kampf, der ihr bevorstehe, werde sie
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erfahren, wie gut es tue zu wissen, daß da irgendwo ein paar Menschen
beieinander säßen, auf die sie sich verlassen könnte. Schon mit
Bestimmtheit zu wissen, daß sie beständig für sie beteten,—das allein
würde schon helfen, werde sie sehen!—Nach den Abschiedsworten an Petra
bot er Ödegaard einen Willkommengruß. "In Liebe zu einem Menschen
vereint zu sein, sei die schönste Einleitung, einander zu lieben." Der Propst
dachte bei diesem Trinkspruch ganz gewiß nicht an das, was bei diesen
Worten erst Signe und dann Petra erröten ließ; ob auch Ödegaard errötete,
wußten sie nicht, denn keine wagte ihn anzusehen.
Aber als die Pferde vor der Tür standen und die drei Freunde das junge
Mädchen und alle Mägde und Knechte den Wagen umringten, da flüsterte
Petra, als sie Signe zum letztenmal umarmte: "Ich weiß, ich werde bald
eine große Neuigkeit von Euch hören; Gott segne Euch!"
Eine Stunde später zeigten ihr nur noch die weißen Gipfel, wo die Stätte
war.
Zwölftes Kapitel
Eines Abends, kurz vor Weihnachten, war das Theater der Hauptstadt
ausverkauft; eine neue Schauspielerin sollte auftreten, von der alles
mögliche erzählt wurde. Aus dem Volke stammend—ihre Mutter sei eine
arme Fischerfrau—sei sie mit Unterstützung anderer, denen ihre
Fähigkeiten aufgefallen seien, jetzt soweit gediehen und solle zu den
größten Hoffnungen berechtigen. Das Publikum tuschelte sich, bis der
Vorhang aufging, mancherlei in die Ohren. Sie solle eine schreckliche
Range und, seit sie erwachsen war, mit sechs Leuten auf einmal verlobt
gewesen sein, und das ein halbes Jahr lang durchgeführt haben. Sie habe
beieinander säßen, auf die sie sich verlassen könnte. Schon mit
Bestimmtheit zu wissen, daß sie beständig für sie beteten,—das allein
würde schon helfen, werde sie sehen!—Nach den Abschiedsworten an Petra
bot er Ödegaard einen Willkommengruß. "In Liebe zu einem Menschen
vereint zu sein, sei die schönste Einleitung, einander zu lieben." Der Propst
dachte bei diesem Trinkspruch ganz gewiß nicht an das, was bei diesen
Worten erst Signe und dann Petra erröten ließ; ob auch Ödegaard errötete,
wußten sie nicht, denn keine wagte ihn anzusehen.
Aber als die Pferde vor der Tür standen und die drei Freunde das junge
Mädchen und alle Mägde und Knechte den Wagen umringten, da flüsterte
Petra, als sie Signe zum letztenmal umarmte: "Ich weiß, ich werde bald
eine große Neuigkeit von Euch hören; Gott segne Euch!"
Eine Stunde später zeigten ihr nur noch die weißen Gipfel, wo die Stätte
war.
Zwölftes Kapitel
Eines Abends, kurz vor Weihnachten, war das Theater der Hauptstadt
ausverkauft; eine neue Schauspielerin sollte auftreten, von der alles
mögliche erzählt wurde. Aus dem Volke stammend—ihre Mutter sei eine
arme Fischerfrau—sei sie mit Unterstützung anderer, denen ihre
Fähigkeiten aufgefallen seien, jetzt soweit gediehen und solle zu den
größten Hoffnungen berechtigen. Das Publikum tuschelte sich, bis der
Vorhang aufging, mancherlei in die Ohren. Sie solle eine schreckliche
Range und, seit sie erwachsen war, mit sechs Leuten auf einmal verlobt
gewesen sein, und das ein halbes Jahr lang durchgeführt haben. Sie habe
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unter polizeilichem Schutz aus ihrem Heimatsort geleitet werden müssen,
weil um ihretwillen die Stadt in hellen Aufruhr geraten sei; es sei
merkwürdig, daß die Direktion eine solche Person auftreten lasse. Andere
behaupteten, es sei kein Körnchen Wahrheit daran; sie sei von ihrem
zehnten Jahre an bei einer stillen Pfarrerfamilie im Stifte Bergen erzogen
worden; sie sei ein gebildetes, liebenswürdiges Mädchen, sie kennten sie
genau, sie müsse ein unvergleichliches Talent haben; sie sei doch so hübsch.
Es gab aber Leute, die mehr wußten. Zunächst der über das ganze Land
bekannte Fischgrossist—Yngve Vold. Er war ganz zufällig auf einer
Geschäftsreise hier; man sagte freilich, die glutvolle Spanierin, mit der er
verheiratet war, mache ihm zu Hause die Hölle so heiß, daß er nur reise, um
sich abzukühlen. Heut hatte er sich die größte Loge des Theaters genommen
und seine zufälligen Tischgenossen aus dem Hotel eingeladen, sich mal
"was ganz Höllisches" anzusehen. Er war in glänzender Stimmung, bis er—
war er das denn wirklich?—in einer Loge des zweiten Ranges, inmitten
einer ganzen Schiffsmannschaft,—nein! doch!—ja natürlich, das war
Gunnar Ask! Gunnar Ask, der mit dem Gelde seiner Mutter Eigentümer und
Kapitän der "Norwegischen Verfassung" geworden war, hatte bei der
Ausfahrt aus dem Fjord neben einem Schiff hergesegelt, das den Namen
"Dänische Verfassung" führte; da kam es Gunnar vor, als wolle dies Schiff
ihn überholen, und das konnte doch nicht gut angehen; er hißte alle Segel,
die er hatte, es krachte in der alten Verfassung, und die Folge war, daß er,
um so lange wie möglich den Wind auszunützen, das Fahrzeug an einer
ganz ungeeigneten Stelle auf Grund rannte. Jetzt lag er unfreiwillig in der
Stadt, während "Die norwegische Verfassung" geflickt wurde. Er hatte in
der Stadt eines Tages Petra getroffen, die hinter ihm herkam und diesmal
und später auch so lieb und nett zu ihm war, daß er nicht nur seinen Groll
vergaß, sondern sich selbst das größte Hornvieh nannte, das aus ihrer
gemeinsamen Vaterstadt je hervorgegangen sei, weil er sich habe einbilden
können, er habe ein Mädchen wie die Petra verdient. Er hatte heute für
weil um ihretwillen die Stadt in hellen Aufruhr geraten sei; es sei
merkwürdig, daß die Direktion eine solche Person auftreten lasse. Andere
behaupteten, es sei kein Körnchen Wahrheit daran; sie sei von ihrem
zehnten Jahre an bei einer stillen Pfarrerfamilie im Stifte Bergen erzogen
worden; sie sei ein gebildetes, liebenswürdiges Mädchen, sie kennten sie
genau, sie müsse ein unvergleichliches Talent haben; sie sei doch so hübsch.
Es gab aber Leute, die mehr wußten. Zunächst der über das ganze Land
bekannte Fischgrossist—Yngve Vold. Er war ganz zufällig auf einer
Geschäftsreise hier; man sagte freilich, die glutvolle Spanierin, mit der er
verheiratet war, mache ihm zu Hause die Hölle so heiß, daß er nur reise, um
sich abzukühlen. Heut hatte er sich die größte Loge des Theaters genommen
und seine zufälligen Tischgenossen aus dem Hotel eingeladen, sich mal
"was ganz Höllisches" anzusehen. Er war in glänzender Stimmung, bis er—
war er das denn wirklich?—in einer Loge des zweiten Ranges, inmitten
einer ganzen Schiffsmannschaft,—nein! doch!—ja natürlich, das war
Gunnar Ask! Gunnar Ask, der mit dem Gelde seiner Mutter Eigentümer und
Kapitän der "Norwegischen Verfassung" geworden war, hatte bei der
Ausfahrt aus dem Fjord neben einem Schiff hergesegelt, das den Namen
"Dänische Verfassung" führte; da kam es Gunnar vor, als wolle dies Schiff
ihn überholen, und das konnte doch nicht gut angehen; er hißte alle Segel,
die er hatte, es krachte in der alten Verfassung, und die Folge war, daß er,
um so lange wie möglich den Wind auszunützen, das Fahrzeug an einer
ganz ungeeigneten Stelle auf Grund rannte. Jetzt lag er unfreiwillig in der
Stadt, während "Die norwegische Verfassung" geflickt wurde. Er hatte in
der Stadt eines Tages Petra getroffen, die hinter ihm herkam und diesmal
und später auch so lieb und nett zu ihm war, daß er nicht nur seinen Groll
vergaß, sondern sich selbst das größte Hornvieh nannte, das aus ihrer
gemeinsamen Vaterstadt je hervorgegangen sei, weil er sich habe einbilden
können, er habe ein Mädchen wie die Petra verdient. Er hatte heute für
Page 700
seine ganze Schiffsmannschaft Billets zu erhöhten Preisen gekauft und saß
nun da mit dem stillen Vorsatz, sie zwischen jedem Akt zu traktieren, und
die Matrosen, die alle aus Petras Heimatstadt und in der Wirtschaft ihrer
Mutter, diesem Paradies auf Erden, wohlgelitten waren, empfanden Petras
Ehre als ihre eigene und nahmen sich gegenseitig das Versprechen ab, so zu
klatschen, wie kein Mensch es je gehört habe.
Unten im Parkett aber sah man das harte, dichte Haar des Propstes. Er
saß in aller Gemütsruhe da; er hatte ihre Sache einem Höheren anvertraut.
Neben ihm saß Signe, jetzt Signe Ödegaard. Ihr Mann, sie und Petra waren
gerade von einer dreimonatlichen Auslandsreise zurückgekommen; sie sah
sehr glücklich aus und saß und lächelte zu Ödegaard hinüber; denn
zwischen ihnen saß eine alte Frau mit schlohweißem Haar, das wie eine
Krone über dem braunen Gesicht lag. Sie überragte alle Umsitzenden, sie
konnte vom ganzen Hause gesehen werden, und bald waren auch alle
Gläser auf sie gerichtet; denn man sagte, dies sei die Mutter der jungen
Schauspielerin. Sie, die einen männlichen Namen führte, machte auch jetzt
einen so gewaltigen Eindruck, daß sie ein Licht des Friedens auf die
Tochter warf. Junge Menschen sind voller Erwartung; sie haben den
Glauben an die Urkräfte ihrer Natur, und der Anblick dieser Mutter weckte
den Glauben.
Sie selbst sah nichts und niemand; was das alles für Geschichten waren,
kümmerte sie wenig; sie wollte bloß gern mit dabei sein, um zu wissen, ob
die Leute gut gegen ihre Tochter seien oder nicht.
Jetzt mußte es gleich beginnen; das Geplauder erstarb in einer Spannung,
die nach und nach alle erfaßte und sie gütig stimmte.
Mit einem starken Paukenschlag, mit Trommeln und Hörnern zugleich
setzte die Ouvertüre ein. Adam Oehlenschlägers "Axel und Valborg" wurde
gegeben, und Petra hatte selbst um diese Ouvertüre gebeten. Sie saß hinter
nun da mit dem stillen Vorsatz, sie zwischen jedem Akt zu traktieren, und
die Matrosen, die alle aus Petras Heimatstadt und in der Wirtschaft ihrer
Mutter, diesem Paradies auf Erden, wohlgelitten waren, empfanden Petras
Ehre als ihre eigene und nahmen sich gegenseitig das Versprechen ab, so zu
klatschen, wie kein Mensch es je gehört habe.
Unten im Parkett aber sah man das harte, dichte Haar des Propstes. Er
saß in aller Gemütsruhe da; er hatte ihre Sache einem Höheren anvertraut.
Neben ihm saß Signe, jetzt Signe Ödegaard. Ihr Mann, sie und Petra waren
gerade von einer dreimonatlichen Auslandsreise zurückgekommen; sie sah
sehr glücklich aus und saß und lächelte zu Ödegaard hinüber; denn
zwischen ihnen saß eine alte Frau mit schlohweißem Haar, das wie eine
Krone über dem braunen Gesicht lag. Sie überragte alle Umsitzenden, sie
konnte vom ganzen Hause gesehen werden, und bald waren auch alle
Gläser auf sie gerichtet; denn man sagte, dies sei die Mutter der jungen
Schauspielerin. Sie, die einen männlichen Namen führte, machte auch jetzt
einen so gewaltigen Eindruck, daß sie ein Licht des Friedens auf die
Tochter warf. Junge Menschen sind voller Erwartung; sie haben den
Glauben an die Urkräfte ihrer Natur, und der Anblick dieser Mutter weckte
den Glauben.
Sie selbst sah nichts und niemand; was das alles für Geschichten waren,
kümmerte sie wenig; sie wollte bloß gern mit dabei sein, um zu wissen, ob
die Leute gut gegen ihre Tochter seien oder nicht.
Jetzt mußte es gleich beginnen; das Geplauder erstarb in einer Spannung,
die nach und nach alle erfaßte und sie gütig stimmte.
Mit einem starken Paukenschlag, mit Trommeln und Hörnern zugleich
setzte die Ouvertüre ein. Adam Oehlenschlägers "Axel und Valborg" wurde
gegeben, und Petra hatte selbst um diese Ouvertüre gebeten. Sie saß hinter
Page 701
einer Kulisse und hörte zu. Vor dem Vorhang aber saß der kleine Teil ihrer
Landsleute, den das Haus fassen konnte, voll Sorge um sie, wie immer vor
einem Anfang, der uns erwartungsvoll macht, weil er einen köstlichen
Besitz offenbaren soll. Es war, als müsse jeder von ihnen selbst vor die
Rampe; in solchen Augenblicken steigen viele Gebete empor, auch aus
Herzen, die sonst selten beten.
Die Ouvertüre ebbte ab; Friede breitete sich über die Harmonien,
allmählich verschmolzen sie wie im Sonnenschein. Die Ouvertüre war zu
Ende, eine bange Stille trat ein.
Und der Vorhang ging auf.
Landsleute, den das Haus fassen konnte, voll Sorge um sie, wie immer vor
einem Anfang, der uns erwartungsvoll macht, weil er einen köstlichen
Besitz offenbaren soll. Es war, als müsse jeder von ihnen selbst vor die
Rampe; in solchen Augenblicken steigen viele Gebete empor, auch aus
Herzen, die sonst selten beten.
Die Ouvertüre ebbte ab; Friede breitete sich über die Harmonien,
allmählich verschmolzen sie wie im Sonnenschein. Die Ouvertüre war zu
Ende, eine bange Stille trat ein.
Und der Vorhang ging auf.
Page 702
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread works
not protected by U.S. copyright law in creating the Project Gutenberg™
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but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription
errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or
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for the “Right of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the
Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE
THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT
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THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY
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TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE
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written explanation to the person you received the work from. If you
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1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or
the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
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to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum
disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg™ electronic works,
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arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause
to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg work, (b)
alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg
work, and (c) any Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
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generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
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in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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